Auf dem Elbenturm

 

Daron schrie auf, und seine Augen füllten sich vollkommen mit Schwärze. Er hob die Hände, so als müsste er sich vor einer unsichtbaren Kraft schützen. Gleichzeitig drang ihm eine magische Formel über die Lippen und wurde zu einem Teil seines Schreis.

„Was ist denn los?“, fragte Waffenmeister Thamandor. „Hast du denn noch nie einen Spiegel gesehen? Daran ist nichts Ungewöhnliches, die Menschen verwenden sie ständig. Aber das wundert mich nicht. Wenn ich ein so kurzes Leben hätte, würde ich auch täglich in den Spiegel sehen, um mich zu vergewissern, dass ich noch existiere.“

Daron schluckte.

Die große Halle in der Werkstatt auf dem Elbenturm war angefüllt mit den seltsamsten Maschinen und Mechanismen. Bei manchen dieser Gegenstände konnte man sich auch nach längerer Betrachtung kaum vorstellen, zu welchem Zweck sie eigentlich konstruiert worden waren. Manchmal schien ihr Erfinder das selbst nicht so genau zu wissen. An etlichen davon hatte er offenbar auch das Interesse verloren, denn sie standen zum Teil schon seit mehr als hundert Jahren hier, ohne dass Thamandor oder einer seiner Helfer daran weitergearbeitet hätte.

Der Spiegel, vor dem Daron und Thamandor standen, war von einem verschnörkelten Rahmen aus einem messingfarbenen Metall umgeben, in dem zahlreiche kleine Hebel eingearbeitet waren.

Er hing an zwei Ketten, die von der Decke herabreichten und leicht hin und her schwangen.

„Daron!“, vernahm der Elbenjunge einen Gedanken seiner Zwillingsschwester Sarwen. „Was hat dich so erschreckt? Es war nur dein eigenes Spiegelbild, das du gesehen hast!“

„Genau das war es ja“, sandte Daron einen Gedanken zurück.

Die Benutzung von Spiegeln war unter Elben unüblich. Schließlich konnte man sich sein Aussehen ja einprägen. Wozu man sich selbst immer wieder betrachten musste, wie es die Menschen taten, war den meisten Elben unverständlich. Aus diesem Grund gab es auch in der Burg von König Keandir nirgends Spiegel.

Die Tür zur Werkstatt wurde geöffnet, und Sarwen trat ein. Sie war noch draußen im Hof gewesen, wo die beiden Elbenkinder auf ihrem Riesenfledertier Rarax gelandet waren. Während ihr Bruder den Waffenmeister in der Werkstatt aufgesucht hatte, war sie bei Rarax geblieben. Sie hatte gespürt, dass das drachengroße Flugungeheuer aus irgendeinem Grund nervös war, und einen einfachen Beruhigungszauber angewendet, wie ihn die Heiler manchmal benutzten.

„Ich bin gewachsen!“, stellte Daron fest. Er schien darüber ziemlich erschüttert.

Sarwen sah ihn stirnrunzelnd von oben bis unten an. „Ja, ich weiß“, sagte sie. „Eigentlich ist das normal“, fügte sie in Gedanken hinzu. „Nur dass du in der Vergangenheit nicht wachsen wolltest, damit dich unser Großvater nicht so schnell zu seinem Nachfolger machen kann.“

Sie unterhielt sich lautlos mit ihrem Zwillingsbruder, denn dieser alte Streit zwischen den beiden Elbenkindern ging dem Erfinder und Waffenmeister nichts an.

„Du bist bislang auch nicht gewachsen“, sandte Daron seiner Schwester einen trotzigen Gedanken.

„Ja, aber nur, weil du nicht gewachsen bist und ich nicht wollte, dass wir verschieden schnell erwachsen werden!“

„Jedes Elbenkind kann selbst entscheiden, wie schnell es wächst!“

„Das hast du doch, was jammerst du? Ich hingegen hätte Grund, mich zu beklagen, weil ich mich nach dir richten muss und du überhaupt keine Rücksicht auf mich nimmst.“

„Es hat dich niemand gezwungen, dich nach mir zu richten!“, verteidigte sich Daron.

„Du weißt genau, was sonst passiert wäre!“

Genau genommen wusste das niemand. Aber Daron und Sarwen nahmen an, dass die besonders enge Verbindung zwischen ihnen sich abschwächte oder sogar ganz abriss, wenn sie unterschiedlich schnell wuchsen und erwachsen wurden.

Ob das wirklich so war, konnten nicht einmal die Schamanen, Magier und Heiler der Elben mit Sicherheit sagen. Aber Sarwen war das Risiko zu groß gewesen.

„Also, es ist wirklich nicht besonders höflich, wenn ihr euch in meiner Anwesenheit so ausführlich mittels eurer Gedanken verständigt“, beschwerte sich Thamandor.

„Es war etwas Persönliches“, erklärte Daron laut.

„So sehe ich das nicht. Wenn eine meiner Erfindungen dir Angst macht, wüsste ich gern den Grund dafür“, erklärte Thamandor. „Es ist schließlich nicht meine Absicht, dir oder irgendjemand anderem zu schaden.“

„Nun, ich denke, es war ja genauso wenig Eure Absicht, die Stadt Elbenhaven mit Euren Experimenten in Schutt und Asche zu legen“, mischte sich Sarwen ein. „Und doch wäre es beinahe geschehen.“

„Die Betonung sollte auf dem Wort ›beinahe‹ liegen“, entgegnete der Waffenmeister, stemmte die Hände in die Hüften und seufzte. „Diese alte Geschichte wird mich wohl ewig verfolgen. Doch seit meine Werkstatt aus der Stadt hierher, auf diesen Felsen namens Elbenturm verlegt wurde, kann niemand mehr ernsthaft behaupten, durch meine Arbeit könnte irgendeine Gefahr für Elbenhaven bestehen.“

„Es ist eigentlich nicht weiter der Rede wert“, führte Daron das Gespräch zum Thema zurück. „Es war nur so, dass dieses Spiegelbild für mich sehr überraschend war. Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt …“

„Das ist doch Quatsch, Daron!“, vernahm er einen sehr intensiven Gedanken von Sarwen.

„Nun, wenn ihr zwei vorher euer Eintreffen angekündigt hättet, wäre es mir möglich gewesen, den Spiegel wegzuräumen, sodass du nicht unvorbereitet hineingesehen hättest“, erklärte Thamandor, der daraufhin selbst einen Blick in den Spiegel wagte. Er strich sich das schulterlange Haar aus der Stirn und fasste sich ans Kinn mit dem Stoppelbart. Normalerweise kam es nur sehr selten vor, dass sich Elben einen Bart stehen ließen. Allerdings rasierten sie sich auch nicht, sondern wirkten dem Bartwuchs mit Magie entgegen, und so ein Rasierzauber musste regelmäßig erneuert werden. Da Thamandor jedoch magisch unbegabt war, klappten solche Zauber bei ihm oft nicht, sodass er gezwungen war, die Dienste eines Mitglieds der Magiergilde in Anspruch zu nehmen. Einem seiner Werkstattgehilfen darum zu bitten, wäre unter seiner Würde gewesen.

„Hm … Scheint, als müsste ich mal wieder zum Magier“, meinte er. „Du hast recht, Daron, man schaut am besten in so ein Ding gar nicht erst hinein, dann fallen einem diese Kleinigkeiten auch nicht auf.“ Er zuckte mit den Schultern.

Dass Thamandor nicht allzu genau auf sein Äußeres achtete, wenn er an einer neuen Erfindung arbeitete, war bekannt. Da konnte er froh sein, dass an seinen Kleidern aus Elbenseide kein Schmutz haften blieb, sodass er sie weder zu wechseln noch zu waschen brauchte.

Aber die Stoppeln und das leicht verfilzte Haar belegten, dass er in letzter Zeit sehr intensiv an einer seiner Erfindungen gearbeitet hatte.

„Es tut mir leid“, sagte Daron. „Meine heftige Reaktion war eines Elbenprinzen unwürdig.“

Thamandor runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, was genau dich bedrückt. Aber falls du das Bedürfnis hast, mit jemandem zu reden, der älter und erfahrener ist als du, dann stehe ich dir jederzeit zur Verfügung.“

„Ich danke Euch, werter Thamandor.“

„Nur bei allem, was Magie betrifft, bin ich dir vermutlich kein guter Ratgeber.“

„Ihr seid ein wahrer Freund, Thamandor.“

Der Waffenmeister sah Daron einen Moment lang nachdenklich an. Dann lächelte er verhalten. „Das ist wohl die diplomatische Art und Weise, mir zu sagen, dass du mit mir nicht über diese Dinge zu reden wünschst“, stellte er fest. „Aber das soll deine Entscheidung sein.“

„Ihr täuscht Euch, es bedrückt mich nichts.“

„Und du täuschst dich selbst, Daron. Aber wie auch immer, dieser Spiegel ist keines der gewöhnlichen Exemplare, wie sie in den Menschenhäusern Mode geworden sind. Vielmehr habe ich ihn mit einem Mechanismus versehen, der es erlaubt, mit seiner Hilfe an ferne Orte zu blicken und Nachrichten zu übertragen, sofern der Empfänger der Botschaft ebenfalls über einen solchen Spiegel verfügt.“

„Das ist in der Tat eine Erfindung, die meinen Großvater sehr interessieren wird“, war Daron überzeugt.

„Na, da bist du aber froh, dass jetzt nicht mehr über dich geredet wird“, meldete sich Sarwen bei ihm mit einem Gedanken.

„Sei still, Dazwischen-Denkerin!“

„Ich werde darauf noch mal zurückkommen, Nicht-Denken-Woller!“

„Besser nicht!“

„Besser doch!“

Thamandor rückte sich seinen Gürtel zurecht. Normalerweise trug er einen, an dem seine Einhand-Armbrüste befestigt waren, und über dem Rücken sein Schwert mit dem Namen „Leichter Tod“. Aber wenn er in seiner Werkstatt arbeitete, hatte er stattdessen einen Werkzeuggürtel um die Hüften geschlungen und auf dem Rücken einen Köcher, in dem keine Pfeile steckten, sondern Drahtstücke von unterschiedlicher Länge und aus unterschiedlichem Metall. Eine große Zange, mit der man diese Drahtstücke zerteilen konnte, trug er an der Seite in einem Futteral.

Niemand wusste genau, wozu er all diese Dinge ständig bei sich trug. Das galt sogar für die Werkstattgehilfen, wie Daron erfahren hatte. Der Elbenprinz hatte sich nämlich bei einigen von ihnen erkundigt, und man hatte ihm verraten, dass Thamandor die entscheidenden Schritte bei seinen Erfindungen fast immer völlig allein durchführte. Offenbar fürchtete er, dass irgendjemand die Geheimnisse seiner Erfindungen verraten könnte.

„Wir hätten nichts dagegen, wenn Ihr uns diesen Spiegel mal vorführen würdet“, meinte Sarwen an den Waffenmeister gewandt.

„Nun, um ehrlich zu sein, ich stecke seit einiger Zeit bei dieser Sache etwas fest und bin damit nicht mehr vorangekommen. Es sind da noch ein paar Dinge zu verbessern. Und abgesehen davon fehlt mir für eine Vorführung der zweite Spiegel.“

„Derjenige, der die Botschaft empfängt, die man mit diesem hier sendet?“, vergewisserte sich Sarwen.

Thamandor nickte. „Genau. Als Herzog Asagorn von Meerland das letzte Mal mit seinem Schiff in Elbenhaven anlegte, um König Keandir einen Besuch abzustatten, gab ich ihm den zweiten Spiegel mit, um zu prüfen, ob sich auf diese Weise eine ständige Verbindung nach Meerland herstellen lässt. Immerhin ist es das am weitesten von Elbenhaven entfernte Herzogtum des Elbenreichs.“

„Und?“, fragte Sarwen. „Ist diese Verbindung zustande gekommen?“

„Bisher leider nicht. Und nun rätsele ich seit zehn Jahren, was wohl der Grund dafür ist.“

„Habt Ihr denn die Spiegel gar nicht vorher ausprobiert, Meister Thamandor?“, wunderte sich Sarwen.

„Doch, natürlich. Als Herzog Asagorns Schiff den Hafen von Elbenhaven verließ, war ich auf dem Elbenturm in meiner Werkstatt und sah im Spiegel Asagorns Gesicht und hörte auch seine Stimme, und umgekehrt sah er mich und verstand meine Worte. Wir sprachen miteinander, als ob wir uns gegenüberstünden, obwohl doch ein paar Meilen und ein Gebirgszug zwischen meiner Werkstatt und der Hauptstadt liegen. Aber nachdem Asagorns Schiff den Hafen verlassen hatte, gelang es mir nie wieder, Verbindung mit ihm aufzunehmen.“ Thamandor zuckte mit den Schultern. „Durch Brieftauben-Nachrichten weiß ich, dass Asagorn wohlbehalten in Meerland angekommen ist. Also stieß ihm nichts zu, sodass er sich vielleicht deshalb nicht hätte melden können. Es muss irgendein Fehler in meiner Konstruktion sein. Ich weiß nur noch nicht welcher.“

Daron vermied es, noch einmal in den Spiegel zu blicken. Stattdessen entdeckte er auf einem der Tische etwas, das seine Aufmerksamkeit fesselte.

„Habt Ihr auch einen neuen Flammenspeer geschaffen?“, fragte er überrascht und besah sich den rohrähnlichen Gegenstand. Wie bei den Vorgängermodellen befand sich in der Mitte des Metallrohrs ein kleiner Kasten mit einer Reihe von Hebeln, mit denen diese furchtbarste aller elbischen Waffen bedient wurde. An der Spitze saß ein Metalltrichter, aus dem eine lodernde Feuersbrunst schießen konnte.

„Ja, dieses Exemplar ist mein ganzer Stolz“, bestätigte Thamandor. „Nachdem meine beiden Flammenlanzen, mit denen ich im Großen Krieg gegen den Dunklen Herrscher Xaror das Elbenreich verteidigt habe, leider bei einem unserer gemeinsamen Abenteuer zerstört wurden, musste ich für Ersatz sorgen. Und dies ist das Ergebnis.“

„Beeindruckend!“, fand Daron.

„Ich gebe euch gern eine kleine Vorführung. Schließlich befinden sich im weiten Umkreis um den Elbenturm ja keine bewohnten Orte, sodass ich niemanden schaden kann.“

„Gewiss“, nickte Daron.

„Das Beste ist übrigens, dass ich zur Erzeugung der Flammen nicht mehr auf das seltene Steingewürz von der Insel Naranduin angewiesen bin, sondern jetzt einen ganz anderen Stoff verwenden kann. Es ist ein spezielles schwarzes Salz von den Ufern des Sees von Dorin Diris. Seine Eigenschaften waren mir bisher unbekannt, aber durch Zufall lernte ich einen jungen Elbenmagier kennen, der herausfand, dass das Schwarze Salz von Dorin Diris ganz besondere Kräfte zu wecken vermag.“

Thamandor ging an den Tisch und nahm die Waffe in beide Hände. „Lasst uns ins Freie gehen, damit ich euch die neue Flammenlanze vorführen kann.“

„Gern“, antwortete Daron.

Sie gingen zur Tür, doch gerade, als sie ins Freie treten wollten, erklang vom Spiegel her eine Stimme. Zwei, drei undeutliche und krächzend klingende Worte waren zu hören, dann war es vorbei.

Sie wirbelten alle drei herum. Vor Schreck berührte Thamandor einen der Hebel seiner neuen Waffe, und ein Flammenstrahl schoss aus dem Trichter und fuhr gegen die Decke, wo sich ein riesiger schwarzer Rußfleck bildete.

 

 

„So gebt doch Acht!“, rief Sarwen, die als Erste beim Spiegel war. Die anderen folgten ihr.

Sie konnten gerade noch sehen, wie das ebenmäßige Gesicht eines Elbenkriegers mit schulterlangem Haar und schräg stehenden Augen im Spiegel verblasste.

„Herzog Asagorn!“, murmelte Sarwen.

Sie erkannte den Statthalter von Meerland sofort wieder. Schließlich war er recht häufig Gast am Hof von König Keandir gewesen.

Doch das Bild im Spiegel war im nächsten Moment verschwunden. Er schien nichts anderes mehr zu sein als ein gewöhnlicher Spiegel, der nichts zeigte als das eigene Gesicht, wenn man hineinsah.

„Er hat sich gemeldet!“, stieß Thamandor hervor, und es war ihm anzusehen, wie sehr ihn das bewegte. „So hat sich all die Mühe doch gelohnt! Ich wusste doch, dass es klappen wird Aber ihr seht, dass irgendetwas nicht richtig funktioniert, sonst wäre die Verbindung nicht gleich wieder abgebrochen.“

Er drückte Daron die Flammenlanze in die Hände, damit er die seinen frei hatte, um an den kleinen Hebeln im Rahmen herumzuschalten.

Ein paar Blitze zuckten daraufhin über die Spiegelfläche. Eine Verbindung kam jedoch nicht mehr zustande. Irgendetwas schien sie zu stören.

Doch gerade, als Thamandor seine Bemühungen schon aufgeben wollte, erschien wieder Asagorns Gesicht. Es war blass und durchscheinend, und immer wieder zogen sich graue Schlieren durch das Bild. Aber immerhin konnte man hören, was er sagte.

„Hier spricht Asagorn von Meerland. Ich befinde mich in meiner Burg in Meergond und spreche nun schon zum wiederholten Mal zu diesem angeblichen Wunderspiegel, ohne dass mir jemand antwortet.“

„Hört Ihr mich nicht?“, rief Thamandor dazwischen. „Seht Ihr nicht, wer Euch hier im Spiegel gegenübersteht?“

Aber Asagorn redete ohne Unterbrechung weiter, und so musste man wohl annehmen, dass er umgekehrt niemanden in seinem Spiegel zu sehen vermochte.

„Immer wieder habe ich es versucht“, beklagte sich der Herzog von Meerland. „Eine große Gefahr droht uns hier im Norden. Aus dem Eisland walzt eine gewaltige Front aus Eis alles nieder, was ihr im Weg ist. Die Eismenschen unternehmen immer weitere Vorstöße in unsere Ländereien. Prinz Sandrilas und Lirandil sind ins Eisland aufgebrochen, um den Grund dafür zu erfahren, aber wir haben seit geraumer Zeit nichts mehr von ihnen gehört und befürchten das Schlimmste. Wir brauchen dringend magische Unterstützung, um dem weißen Schrecken Herr zu werden. Außerdem …“

In diesem Augenblick war die Verbindung beendet. Das Gesicht Asagorns verblasste innerhalb von Sekunden.

„Vielleicht sollten wir mal einen kleinen Ausflug nach Meergond unternehmen“, schlug Daron vor.

Thamandor betätigte erneut ein paar der kleinen Hebel am Spiegelrahmen. Allerdings nur mit dem Erfolg, dass einer davon abbrach und klirrend zu Boden fiel.

„So ein verfluchter Zentaurenmist!“, schimpfte er und gab dem Spiegel vor lauter Unmut einen Stoß, sodass er an seinen Ketten hin und her schwang.

Für kurze Zeit flackerte noch einmal das Gesicht von Herzog Asagorn darin auf …

Dann platzte plötzlich das Glas!

Daron hob die Rechte. Mit seinen magischen Kräften stoppte er das Schwingen des Spiegels, so als hätten ihn unsichtbare Hände gepackt. Blitze zuckten laut knisternd über die Spiegelfläche, Risse zogen sich durch das Glas, das grau und blind geworden war und in dem gezackte Löcher dort klafften, wo Scherben herausgebrochen waren.

„Tja, das war’s dann wohl“, meinte Thamandor. „Zwanzig Jahre Arbeit umsonst. Aber was beschwere ich mich? Eine gute Erfindung braucht eben manchmal ein Jahrtausend, bis sie wirklich ausgereift ist.“

„Ich mache mir Sorgen um Asagorn“, sagte Sarwen.

„Wir werden Großvater davon berichten müssen“, meinte Daron. „Und zwar so schnell wie möglich.“

Thamandor deutete auf seinen neuen Flammenspeer. „Also, da es offenbar darum geht, sich ausbreitende Eismassen zu bekämpfen, ist dieses Ding dort genau das richtige Werkzeug, nehme ich an. Ein Feuerstrahl aus der Flammenlanze schmilzt selbst die dicksten Gletscher. Na ja, ich will nicht zuviel versprechen, schließlich habe ich die Wirkung des neuen Flammenspeers noch nicht gänzlich erprobt. Aber falls euer Großvater irgendetwas unternehmen möchte, um Herzog Asagorn zu helfen, wäre ich gern dabei.“

„Wir werden es ihm ausrichten“, versprach Daron.