31. Kapitel

»Armer Angelo.« Lydia kauerte schluchzend neben der Leiche des Hohen Bruders, die in der Kapelle des Allerheiligsten aufgebahrt lag. »Er war so gut zu uns, er und Akbar.«

»Sie sind ehrenvoll gestorben.« Morgan legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter. »Ich habe heute mit angesehen, wie diese Männer den Mächten der Finsternis ins Auge blickten und ihnen in ihre Fratzen spien. Es war eine Ehre, neben ihnen zu kämpfen.«

»Ehre?« Der junge Mann in der Robe der Inquisition spielte unablässig nervös mit seinem Schwert herum. Sein langes, farbloses Haar wehte hinter ihm her, als er rastlos durch die Kapelle marschierte und den Fremden gelegentlich einen Blick aus seinen blauen Augen zuwarf. »Die Ehre von allen hier Anwesenden, bis auf jene, die zu diesem Haus gehören, ist mehr als zweifelhaft. Es gibt sehr viel zu besprechen, einschließlich des Schicksals zweier Männer, die ich mein Leben lang kannte.«

»Sie sind von uns gegangen, Julius«, sagte Lydia leise.

»Das höre ich, ja, und zwar ständig. Was ich nicht höre ist, wie.« Julius trat näher an die Leiche heran. Mit seinem geschulten Auge suchte er nach einem Anzeichen der Magie, die Angelo, wie er wusste, in sich getragen hatte. Als er in dem Toten keine Spur davon fand, musterte er alle Anwesenden in dem Raum. Schließlich fiel sein Blick auf Fin, und Julius’ Augen weiteten sich, als er den winzigen Funken bemerkte, der in Fins Leib flackerte.

»Bruder Angelo und Akbar sind mit einem Team aufgebrochen, um den Nimrod zu sichern, und wurden von einem Rudel Nachtwandler in einen Hinterhalt gelockt.« Lydia wiederholte, was sie über die Mission wusste und was Fin ihr erzählt hatte.

»Stimmt das? Hat der Nimrod tatsächlich auf Ihren Enkel reagiert?« Julius wandte sich an Redfeather.

Der alte Mann nickte. »Ja. Der Nimrod hat sich an meinem Enkel gebunden und die Armeen der Hölle erweckt. Wir haben so gut wir konnten gegen die Dämonen gekämpft, wurden jedoch überwältigt. Wären diese beiden tapferen Männer nicht gewesen, wären wir Opfer des Fürsten der Finsternis geworden.« Er deutete auf Morgan und Jackson.

»Richtig, ihr beide.« Julius trat zu ihnen, und als er weitersprach, ruhte seine Hand auf dem Griff seines Schwertes. »Wie kommt es, dass ihr genau im richtigen Moment dazugekommen seid?«

»Wie wir bereits erklärt haben«, antwortete Morgan, »sind wir De Mona und Gabriel gefolgt, seit der Nimrod sich in Manhattan manifestiert hat. Bis die Dämonen sie angriffen, wussten wir nicht genau, auf welcher Seite sie kämpften.« Morgan schien Julius’ feindseliges Verhalten nicht zu beeindrucken, Jackson dagegen machte es sichtlich nervös.

Julius sah Bruder David an. »Und was hältst du von ihrer Geschichte, Priester?«

Bruder David blickte hoch. Seine Miene war immer noch besorgt. »Der Geist bestätigt, was sie uns erzählt haben, ebenso unsere Leute auf der Straße.« Er stützte den Kopf in die Hände. »Ich kann einfach nicht glauben, dass Angelo von uns gegangen ist.«

Julius packte Davids Kinn und hob seinen Kopf an, so dass sie sich in die Augen sahen. Die schwarze Iris von Julius’ Augen schien sich zu weiten, als er sagte: »Spar dir deine Tränen für den Moment, wenn wir die Hinrichtung von Angelos Mörder und seinen Komplizen feiern.« Sein Blick streifte kurz seine Gäste, dann sah er wieder David an. Der Priester kämpfte verzweifelt gegen seine aufkeimende Hysterie. Er wusste, dass er im Prinzip der Nächste in der Reihe war, der die Position des Hohen Bruders einnehmen musste. Er freute sich nicht gerade darauf, weil sie sich offenbar einer Zeit des Krieges näherten.

»Und die Essenz?«, fragte Julius. Er kannte die Antwort auf die Frage bereits, wollte sich aber nicht damit abfinden.

»Er hat sie dem Halbling gegeben.« Bruder David deutete auf Fin, der aufgehört hatte zu schluchzen, als er hörte, dass sie über ihn sprachen.

Julius ließ Davids Gesicht los und ging auf Fin zu. Sein Schwert klatschte gegen sein Bein, als er die Kapelle durchquerte. Dann kniete er sich vor dem Geist hin. »Stimmt das, Finnious?« Seine Stimme klang kälter als ein arktischer Winter. »Hat Angelo dir die Essenz anvertraut?«

Fin riss die Augen auf und kauerte sich tiefer in den gepolsterten Armsessel. »Ich weiß nicht, was dort passiert ist; ich weiß nur, dass ich nicht darum gebeten habe.«

»Aber wie kann das sein? Ein Wesen ohne Seele kann die Lebenskraft unseres Ordens nicht in sich tragen.« Davids Stimme klang jetzt etwas selbstbewusster.

Julius warf seinem Mitbruder einen verächtlichen Blick zu, bevor er sich wieder zu dem nervösen kleinen Geist umdrehte. Als er sprach, waren seine Worte an David gerichtet, sein Blick jedoch durchbohrte Finnious förmlich. »Bist du von deinem Ehrgeiz, der Hohe Bruder zu werden, so erfüllt, dass du die Geschichte eines unserer engsten Freunde aus unserer Kindheit vergessen hast, Bruder David?« Er berührte Fins Wange, und seine Finger fühlten sich wie Eis auf seiner Haut an. In seiner Stimme schwang Zuneigung mit, aber aus seinen Augen sprach Verachtung. »Fin ist die Abnormität unter den Abnormitäten, hab ich recht?« Der Geist sprang hastig auf und stellte sich neben Lydia.

»Selbst als Erwachsener trägst du noch die Grausamkeit eines Kindes in dir, Julius.« Lydia zog Fin an sich. »Fin«, sie drehte sich zu der Stelle um, wo, wie sie wusste, ihre Gäste standen, »ist keine Abnormität oder Missgeburt, ganz gleich welche Gefühle seine Merkwürdigkeit auch erzeugt haben mag. Er ist ein Segen für den Orden und die Welt, ein Wunder von Leben und Tod.«

»Passender ausgedrückt, Finnious ist eine Mutation. Das Kind einer lebenspendenden Waldnymphe und der Geißel der Länder der Toten«, sagte Julius.

»Morbius?«, stieß Redfeather hervor. »Unmöglich! Ein Geist kann sich nicht mit einem lebenden Wesen fortpflanzen; schon genetisch ist das unmöglich.«

»Finnious ist der Beweis dafür, dass dies sehr wohl geht«, erklärte Julius. »Obwohl seine Mutter niemals verraten hat, was ihr widerfahren ist, sind die Eigenschaften in diesem Kleinen hier offenkundig, und nur Morbius ist mächtig genug, um sowohl das Fleisch als auch den Geist zu beherrschen.«

»Lügen!«, fauchte Finnious Julius an. Seine ungeklärte Herkunft war dem Orden bekannt, aber seine Mutter hatte die Identität seines Vaters niemals preisgegeben. Sie hatte lediglich gesagt, dass er einer der Geister wäre. Einige spekulierten, dass nur Morbius mächtig genug wäre, um so etwas bewerkstelligen zu können; bewiesen jedoch wurde es niemals.

»Ganz gleich wer deine Eltern waren, kleiner Bruder, es ändert nichts daran, was du bist«, erklärte Julius. »Die Frage, vor der wir stehen, ist, wie wir dir die Essenz wieder entnehmen können.«

»Die einzige Möglichkeit, die Essenz und ihren Wirt voneinander zu trennen ist der Tod.« Der Unterton in Bruder Davids Stimme gefiel den anderen ganz und gar nicht.

»Rührt ihn nicht an!« Lydia stellte sich schützend vor Fin und deutete mit ihrem Stock in Richtung von Bruder David. »Du wirst mit Finnious keine Experimente durchführen, Essenz hin oder her.«

»Was hat es mit dieser Essenz überhaupt auf sich?«, erkundigte sich Jackson.

»Dieser Funke oder die Essenz und der Hohe Bruder, der sie in sich trägt, sind das Fundament dieses Hauses. Ohne den Funken würde die Magie verblassen, und dieses Kapitel des Ordens würde untergehen«, beantwortete Redfeather seine Frage.

»Ihr meint also, dieses Ding, das Angelo Fin eingepflanzt hat, ist das Einzige, was diesen Ort zusammenhält?« De Mona sah sich nervös um, als könnte das Haus jeden Moment über ihr zusammenbrechen.

»Nicht nur das Haus, Valkrin, sondern die Magie, die uns beschützt«, erklärte Julius. »Selbst in diesem Augenblick wird das Licht in unserer Großen Halle dunkler.« Er deutete auf die flackernden Kerzen, die das Haus erleuchteten.

Es klopfte leise an die Tür.

»Das sollte diese Hexenheilerin sein. Sie kann uns helfen, den Funken aus dem Gespenst zu lösen«, sagte Bruder David.

»Ihr werdet nichts dergleichen tun. Finnious wird sterben, wenn die Essenz sich schon zu eng an ihn gebunden hat«, erklärte Lydia.

Bruder David wirkte ernst. »Der Tod von einem gegen das Leben von Millionen ist mehr als ein würdiger Tausch.«

»Seid Ihr denn Tiere? Er ist ein lebendes Wesen.« Redfeather sah flehentlich von dem Priester zu dem Hauptmann.

»Er ist ein Mitglied dieses Großen Hauses und hat, wie der Rest von uns, den Eid geleistet, das Wohl des Ordens über alles zu stellen, selbst über sein eigenes Leben«, erwiderte Julius feierlich.

»Es ist entschieden; das Gespenst wird die Essenz freigeben«, erklärte Bruder David und ging zur Tür. Zwei Inquisitoren folgten ihm, während die Übrigen bei Julius und den Gästen blieben.

»Mann, dieser Mist ist wirklich mehr als schmierig.« Jackson stand auf. Einer der Inquisitoren richtete seine Waffe auf ihn. »Wenn ihr weiter eure Kanonen auf mich richtet, könnte ich das vielleicht irgendwann falsch verstehen.«

Julius winkte den Inquisitor zurück, was die Spannung im Raum zumindest ein wenig linderte. »Gute Leute, wir sind mehr als nur dankbar für alles, was ihr bis jetzt für uns getan habt, aber wenn ihr uns wirklich weiterhelfen wollt, schlage ich vor, dass ihr euch hier nicht einmischt. Diese Angelegenheit geht nur den Orden an.«

»Was für eine Art Orden ist das, der seine eigenen Leute abschlachtet?«, wollte Morgan wissen.

»Mann, diesen Mist mache ich nicht mit.« Jackson zog seine Messer. Die Inquisitoren umringten ihn, aber er ließ sich nicht einschüchtern. »Wir haben uns nicht durch eine ganze Armee von Schleimschädeln gehackt, um jetzt mit anzusehen, wie ihr diesen kleinen Kerl hier ausweidet. Ich jedenfalls werde nicht untätig daneben sitzen.«

»Sie haben keine Wahl.« Julius zog sein Schwert.

»Oh, ich glaube, er hat sehr wohl eine.« Morgan trat neben Jackson. Es lag eine solche Spannung in der Luft, dass man kaum atmen konnte. Die neuen Ritter bezogen Stellung gegen Mitglieder eines Ordens, der schon länger existierte, als sie alle zusammen am Leben waren. Magie knisterte, als ein Gewaltausbruch drohte, aber das alles verpuffte unvermittelt, als der erste Stock des Gebäudes in einem Meer aus Flammen explodierte.