6

Olav strich sich den Bart und sah Zarabeth an. Er hatte sich und die Situation wieder unter Kontrolle. Es gab ihm ein gutes Gefühl, Herr der Lage zu sein. Wieder galt allein sein Wort, und er bestimmte, was getan wurde. Der barbarische Wikinger war auf sein Boot zurückgekehrt, hatte sich vor Olavs Zorn in Sicherheit gebracht. Und seine liederliche Stieftochter war hier allein mit ihm, seiner Gnade und Barmherzigkeit ausgeliefert, und sie hatte zu gehorchen. Sie würde ihr betrügerisches Treiben büßen, dafür wollte er sorgen. Er beobachtete sie im flackernden Schein der Bärenfettlampe. Es war spät, und sie wußte nun, daß ihre kleine Schwester nicht hier war. Die Angst und Verwirrung in ihrem Gesicht erfreuten ihn. Ja, er genoß sie richtig.

»Du wirst genau das tun, was ich von dir verlange, Zarabeth«, sagte er endlich. Sie stand vor ihm und starrte ihn an.

»Wo ist Lotti?« fragte Zarabeth nun zum dritten Mal mit bebender Stimme, ihre Verzweiflung kaum mehr beherrschend.

Was hast du ihr angetan? Du hast gesagt, sie hatte Angst, weil ich nicht hier war. Du hast mich belogen! Wo ist sie, Olav? Was hast du mit ihr gemacht?«

»Das werde ich dir nicht verraten. Nicht ehe du mir dein Versprechen gegeben hast, nicht ehe du geschworen hast, daß du uns diesen Wikinger-Bastard vom Hals schaffst.«

Zarabeth schüttelte den Kopf. »Du hast versprochen, ich kann selbst entscheiden. Wo ist Lotti?«

Olav machte eine wegwerfende Handbewegung. »Jammere nicht, Zarabeth. Deine schwachsinnige Schwester ist in Sicherheit, wenigstens im Augenblick. Du wirst sie erst Wiedersehen, wenn du genau das tust, was ich dir sage.«

»Ich will Magnus Haraldsson heiraten. Ich gehe mit ihm nach Norwegen, und ich nehme Lotti mit mir.«

»Nein, das wirst du nicht tun. Du wirst bei mir bleiben, hier in York. Vielleicht werde ich dich sogar heiraten, denn wir sind nicht blutsverwandt. Niemand wird Einwände erheben, nicht einmal König Guthrum. Er selbst hat drei Konkubinen, und eine davon soll seine leibhaftige Nichte sein. Nein, er wird keine Einwände erheben.«

Er bemerkte den Abscheu in ihrem Gesicht und verlor die Beherrschung. Er sprang auf und schlug sie so hart ins Gesicht, daß ihr Kopf nach hinten schnellte, und sie auf den strohbedeckten Fußboden stürzte. Er stand über ihr, die Hände in die Hüften gestemmt. »Du wirst nie wieder ungestüm handeln, Zarabeth. Du wirst mich nie wieder wie einen zahnlosen Greis behandeln, wie einen alten nutzlosen Mann, der nur geduldet ist! Nie wieder, hast du verstanden? Antworte, sonst stirbt deine schwachsinnige Schwester noch heute nacht!«

»Ich habe verstanden.«

»Gut. Ich wollte abwarten. Ja, das hatte ich vor. Ich hatte gehofft, daß du zur Besinnung kommst und nicht mit diesem Wilden gehen willst, diesem verlausten, nordischen Raufbold. Aber du hast mein Haus verlassen! Bist alleine und schutzlos zum Hafen gelaufen, zu ihm! Deine Dummheit erschreckt mich. Hast du ihm deine Jungfernschaft gegeben? Hast du die Beine für ihn breit gemacht?« Seine Stimme zitterte, und er holte tief Luft. »Nun, es macht nichts. Du wirst ihn nicht bekommen, Zarabeth. Nie im Leben. Damit ist jetzt Schluß.«

Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, doch in ihrem Kopf war nur die grauenhafte Angst um Lotti und der pochende Schmerz von seinem Schlag, der immer schlimmer wurde.

Lotti. Er mußte sie zu Keith gebracht haben. Das Blut gerann ihr in den Adern. Lotti befand sich in den Händen von Keith und seiner Frau Toki, daran zweifelte sie nicht. Die beiden verabscheuten das Kind.

Sie mußte irgendwie zu Magnus zurück. Er würde Lotti befreien. Er würde wissen, was zu tun war. »Magnus«, flüsterte sie leise.

»Schlag ihn dir aus dem Kopf, Mädchen. Lotti wird in dem Augenblick sterben, in dem du zu diesem Wikinger Bastard zurückgehst. Und ich sage dir noch etwas, Zarabeth. Lotti ist nicht meine Tochter, wußtest du das? Nein, deine Mutter, die Hure, meine liebe Gattin Mara, ging mit einem anderen Mann ins Bett, dem Tölpel, mit dem sie fortgelaufen ist, aber sie hat dich zurückgelassen und die kleine Mißgeburt mitgenommen. Doch die Hure ist gestorben und das Kind ist schwachsinnig —«

»Das ist sie nicht! Lotti war völlig gesund und normal, bevor du sie geschlagen hast, in jener Nacht, als du sie zurückgebracht hast! Nur weil sie nach ihrer Mutter weinte, hast du sie geschlagen, so furchtbar verprügelt, daß sie zwei Tage ohne Bewußtsein war! Du bist die Mißgeburt, verrottet bis in deine schwarze Seele. Du verdienst es nicht, daß . . .«

». . . Und sie wird sterben, wenn du nicht genau tust, was ich dir sage.«

Zarabeth blickte Olav haßerfüllt ins Gesicht. »Wenn ich einen Dolch hätte, würde ich dich töten.«

»Dann wäre Lotti morgen früh tot.«

Zarabeth strich mit der Handfläche über ihre schmerzende Wange. Dumpf und bebend fragte sie: »Du willst mich heiraten?«

»Vielleicht später. Jetzt möchte ich nur, daß du in meinem Haus bleibst. Wenn du dich wieder beruhigt hast, nehme ich dich in mein Bett. Und dann wirst du meine Frau, wenn mir danach ist.«

Sie schüttelte erbittert den Kopf, und das Pochen in ihren Schläfen wurde schmerzhafter.

Er kauerte sich neben sie und sagte mit sanfter Stimme: »Hör zu. Ich will dir nicht wehtun. Zwing mich nicht dazu. Ich möchte dich willig und lächelnd sehen. Ich möchte dich so wie du warst, bevor der Wikinger hier aufgetaucht ist.« Er runzelte die Stirn. Nein, das war nicht sein Wunsch. Sie hatte ihm bislang kaum Beachtung geschenkt, seine Anwesenheit eigentlich nur ertragen.

Sie lag auf dem Fußboden, auf den Ellbogen gestützt, wich vor ihm zurück. Sie roch den süßen Duft der Veilchen, die sie ins Stroh gestreut hatte, das den festgetretenen Lehmfußboden bedeckte. Sie blickte in die sterbende Glut im Herd, über dem ordentlich Töpfe und Pfannen an den Haken hingen; daneben standen auf Brettern an der Wand Krüge und Becher. Alles sah so normal aus. Doch sie war gelähmt vor Angst. Die rohen Gewaltausschreitungen in Dublin, das Morden und Brennen zwischen den Wikingern und den entmachteten irischen Anführern, all das waren nur vage Erinnerungen. Auch die blutigen Schlachten zwischen König Alfred und König Guthrum hatten keine Bedeutung mehr für sie, obwohl jede Familie, die sie kannte, unter den kriegerischen Auseinandersetzungen zu leiden hatte. Nein, diese Gewalt war weit entfernt, ging sie nichts an. Hier herrschte die wahre Gewalt, in diesem Haus. Das war die Wirklichkeit. Sie starrte Olav schweigend an, wußte nicht, was sie sagen, was sie tun sollte.

Lotti. Das Kind hatte niemand, nur sie, niemand verstand die Kleine, niemand kümmerte sich um sie. Sie hatte nur ihre große Schwester Zarabeth.

Sie spürte brennende Tränen aufsteigen und schluckte schwer. Tränen halfen ihr nicht. Tränen waren für die Hilflosen. Und sie wollte nicht hilflos sein.

Jetzt redete Olav wieder, mit einschmeichelnder Stimme. »Nun komm, Zarabeth, sag diesem Wikinger Lebewohl. Sag ihm, daß du dich gegen eine Heirat mit ihm entschieden hast. Er wird in See stechen, und alles wird wieder so sein, wie es einmal war. Es ist so einfach, Zarabeth. Versprich mir, daß du mit ihm reden wirst. Du triffst ihn morgen auf dem Marktplatz und sagst ihm, daß du ihn nicht zum Mann haben willst.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Olav. Das werde ich ihm nicht sagen. Ich will ihn haben, und ich werde ihn lieben. Ich lüge ihn nicht an, nur weil du es wünschst.«

Er erhob sich mit Entschiedenheit und klopfte sich den Staub von den Hosen. Mit kalter Stimme sagte er: »Dann stirbt Lotti vor dem Morgengrauen.« Sie starrte ihn an. Die Lederriemen, die seine Hosen hielten, hatten sich gelöst und waren ihm bis zu den Knöcheln gerutscht; das feine Wolltuch war zerknittert und an den Knien ausgebeult. Er sah zerzaust und alt aus. Ja, er war ein alter Mann, ein müder Greis, der seinen Willen nicht durchsetzen konnte und ein Opfer brauchte, an dem er sich schadlos halten konnte.

»Ich werde ihm nicht sagen, daß ich ihn nicht haben möchte. Wenn du Lotti etwas antust, wird er dich töten.«

Olav hob teilnahmslos die Schultern. »Nun, was macht es schon? Das Idiotenkind wird sterben, ich werde sterben, und du kannst deinen Wikinger haben. Du segelst mit ihm nach Norwegen, allein und mittellos, nur mit den Kleidern, die du auf dem Leib trägst. Und mit dem Wissen, daß du mit deiner Selbstsucht den Tod zweier Menschen verschuldet hast, die dich lieben.«

»Lieben! Du gemeiner Lügner! Du drohst mir damit, meine kleine Schwester zu töten und behauptest, daß du mich liebst? Bei allen Göttern, ich wünschte, ich könnte dich auf der Stelle umbringen!«

Sie kam auf die Knie. Ihr Gesicht war zornesrot und verzerrt. Olav trat rasch einen Schritt zurück. Dann lächelte er kühl und hob die Schultern. »Glaub, was du willst. Du bist nur eine Frau, und deinen Gedanken fehlt die Logik männlichen Denkens. Doch laß dir eines gesagt sein, Zarabeth: Das Kind ist morgen mittag tot, wenn du dich meinem Willen widersetzt. Es liegt bei dir, Mädchen. Ich biete dir das Leben des Kindes gegen die Lust des elenden Wikingers.« Er blickte sie forschend an. »Hast du dich heute abend von ihm besteigen lassen? Hat er dir deine Jungfernschaft geraubt?«

»Schweig, du Schmutzfink! Du bist schlimmer als dein Sohn!«

»Deine Lust gegen das Leben deiner Schwester. Du bist wie deine Mutter, die Hure. Du liebst deine kleine Schwester gar nicht. Du bist nichts als eine Heuchlerin.«

»Hör auf, Olav. Du wirst Lotti nicht töten, weil du nicht sterben willst. Ich kenne dich. Alle Händler hier in York tuscheln hinter deinem Rücken und nennen dich Olav den Eitlen. Du stolzierst herum wie ein Gockel und prahlst mit deinem Verhandlungsgeschick, dabei betrügst und hintergehst du alle Menschen. Und du schmückst deinen welken Leib mit Gold und Edelsteinen. Sieh dich an, herausgeputzt wie König Guthrum selbst! Doch selbst er, ein alter Mann wie du, stolziert nicht herum wie ein eitler aufgeblasener Hahn!«

»Halt den Mund, Zarabeth!« brüllte er bebend vor Zorn.

»Nein, ich bin noch nicht fertig. Erst werde ich dir die Wahrheit sagen, du schmieriger, alter Mann! Ich bleibe nicht hier und lasse geschehen, daß du zu mir ins Bett kriechst und mich belästigst. Ich werde nicht die liebevolle Stieftochter spielen, da ich weiß, was wirklich in deinem Kopf herumspukt. Ich ertrage deinen Haß gegen Lotti nicht länger, deine Verachtung, deine Vernachlässigung. Ich höre mir deine Lügen über meine Mutter nicht länger an. Du hast sie nicht verdient! Und jetzt sag mir, wo du Lotti versteckt hast, und ich werde sie holen und mit ihr fortgehen. Ich will dein häßliches Gesicht nie wieder sehen.«

Olav schwieg lange. Dann hob er die Hand, wie zum Schwur. Seine Stimme war ruhig und eiskalt:

»Das Idiotenkind wird ganz langsam sterben, und ich werde mein Vergnügen daran haben. Das schwöre ich bei Odin, unserem Allvater, der an den Weltenbaum gefesselt wurde, und ich schwöre es auch bei dem christlichen Gott.«

Sie spürte, wie der Boden unter ihren Füßen wich. Sie glaubte ihm. Das war keine Prahlerei. Er sprach sehr ruhig — wie ein Wahnsinniger in einer ausweglosen Lage.

Ja, sie glaubte ihm. Sie kannte ihn. Er würde Lotti töten lassen oder sie eigenhändig umbringen. Sie sah, wie Keith das Kind mit einer Hand erwürgte, den zappelnden, kleinen Körper hochhob und das Leben aus ihm herauspreßte mit einer seiner großen Hände. Sie sah, wie er das Kind in eine Grube warf, als sei es Abfall. Sie sah, wie er sich pfeifend die Hände am Hemd abwischte. Nein, nicht Keith, dachte sie, nicht der sanfte, schwache Keith. Toki, seine Frau, sie würde Lotti umbringen.

Zarabeth war nicht sehr gläubig. Deshalb betete sie jetzt zu Odin, zu Thor und schließlich zum Gott der Christen. Was konnte sie tun?

»Geh jetzt zu Bett, Zarabeth. Du hast viel nachzudenken. Ich erwarte deine Antwort morgen früh. Versuche nicht, mich in der Nacht umzubringen, denn dann wird das Kind kurz nach mir sterben, und du hast nichts gewonnen. Du hast dir nur deinen eigenen Tod damit eingehandelt, denn jeder wird wissen, daß du mich getötet hast.«

Sie zog sich langsam hinter das Bärenfell zurück, das ihre und Lottis Schlafkammer vom übrigen Raum abgrenzte. Sie blickte auf das Kastenbett, öffnete den breiten Ledergürtel und zog das Wollgewand aus. In ihrem Leinenunterhemd kroch sie zwischen zwei Wolldecken. Dort lag sie mit großen, brennenden Augen und starrte in die Finsternis.

Gegen Morgengrauen wußte sie, daß sie Lottis Leben nicht für ihr eigens Glück opfern durfte, selbst wenn sie Olav töten würde. Und dann strömten ihr die Tränen haltlos übers Gesicht. Einige Stunden später, als die Sonne über dem Hafen aufgegangen war, keimte erneut Hoffnung in ihr.

Zarabeth zwang sich zu einem Lächeln. Ihr Herz schlug so laut, daß sie fürchtete, er könne es hören. Sie mußte überzeugend wirken, durfte keinen Zweifel bei ihm offen lassen. Sie mußte Lotti retten. Sie betete zu Odin, daß Magnus ihr später einmal ihre Lügen vergeben würde. Sie betete zu ihrem eigenen Christengott, daß Magnus ihr vergeben möge, wenn er herausfand, wozu sie gezwungen worden war.

Magnus sah ihr Lächeln, dieses geisterhafte Lächeln und sagte ohne Einleitung: »Was bedrückt dich, Zarabeth? Ist dir kalt? Es liegt Regen in der Luft.«

Ob ihr kalt war? Es war zum Lachen. Sie stand mit dem Rücken zum Brunnen, wohl wissend, daß Olav sie von der nahegelegenen Werkstatt des Gerbers beobachtete. Er konnte sie und Magnus deutlich sehen, konnte jedes Wort verstehen, das die beiden sprachen. Sie mußte sehr vorsichtig sein, denn Lottis Leben und ihre Zukunft hingen davon ab.

»Mir ist nicht kalt. Ich bin froh, daß du gekommen bist, Magnus Haraldsson. Ich muß mit dir sprechen und möchte ganz offen zu dir sein. Ich bin gekommen, um dir zu sagen, daß ich dich nicht heiraten möchte. Ich hatte mich in meinen Gefühlen getäuscht. Jetzt ist mir klar geworden, daß ich dich nicht haben will. Und ich möchte dich nicht Wiedersehen.«

Magnus sah ihr bleiches Gesicht, hörte die Spannung in ihrer Stimme. Er nahm ihre Worte nicht ernst. Er verstand sie nicht, und er war nicht bereit, ihr Spiel geduldig mitzumachen. Er warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Was treibst du für Scherze, Liebes? Das gefällt mir nicht. Wir können über vieles lachen, aber nicht darüber.

Es geht um unser Leben, darüber darfst du dich nicht lustig machen.«

»Dein Dünkel ist prall wie die Regenwolken am Himmel, Wikinger. Ich spreche die Wahrheit. Und ich mache keine Scherze. Ich will dich nicht haben und sage dir Lebwohl.« Sie drehte sich auf dem Absatz um, doch er packte sie am Arm und riß sie zurück. Sie spürte seinen Zorn. Er würde ihr glauben, ja, er würde ihr glauben.

Er wirbelte sie zu sich herum. Sehr lange sagte er nichts, sah sie nur an, erforschte ihr Gesicht, ihr Mienenspiel. Sie wünschte, sie könnte ihm die Wahrheit zuflüstern, doch sie schwieg. In ihre Augen stieg Verachtung, und sie hoffte, sie spielte ihre Rolle überzeugend. Sie durfte Lottis Leben nicht aufs Spiel setzen. Sie würde ihm später alles erklären, alles wiedergutmachen. Es mußte ein Später geben. Darum hatte sie den ganzen Vormittag gebetet.

»Da finde ich endlich ein Mädchen«, sagte er mit traurigem Ernst in der Stimme, »das ich zur Frau haben will, und sie sagt mir, sie will mich nicht haben. Mir erscheint diese plötzliche Veränderung in dir sehr seltsam, Zarabeth. Ich wette, du wärst letzte Nacht zu mir auf mein Schiff gekommen, hätte ich darauf bestanden. Leugnest du das etwa?«

Sie wäre vermutlich auf sein Schiff gegangen, dachte sie dumpf, und ein stechender Schmerz sprengte ihr fast die Brust. Sie musterte ihn von oben bis unten und lächelte, das gleiche geisterhafte Lächeln, und sie bemühte sich um einen verächtlichen Tonfall. »Ich bewundere deine Männlichkeit, Wikinger, und hätte vielleicht ausprobiert, was du zu bieten hast. Aber deine Frau werden, York verlassen, um in ein unwirtliches Land zu fahren, in dem es nur wilde Barbaren gibt, die mich wie ein fremdländisches Tier anglotzen? Nein, Wikinger, danach steht mir nicht der Sinn. Ich habe kurz den Verstand verloren, mehr nicht. Es war nichts als eine weibliche Laune.«

Sie zuckte die Achseln, und diese kleine Geste brachte ihn wirklich in Wut, und sie wußte, daß Olav das bemerkte. Es reichte. Sie hatte Lottis Leben gerettet.

Sie wollte sich von ihm losmachen und gehen. Doch Magnus Zorn war furchterregend, und sie zauderte. Sein Griff um ihren Arm verengte sich schmerzhaft.

»Hör mir zu, Zarabeth. Ich glaube dir dieses Schauspiel nicht. Du wirst von Olav bedroht, stimmts? Sag mir die Wahrheit, und ich werde ihm zeigen, was es heißt, dich zu bedrohen.«

Sie schüttelte stumm den Kopf, fürchtete den Mund zu öffnen, da sie nicht wußte, was dabei herauskommen würde. Sie wandte das Gesicht ab. »Olav der Eitle soll mir drohen? Das glaubst du doch selbst nicht, Wikinger. Mir droht kein Mann auf der Welt.« Sie spuckte vor ihm aus. »Nicht einmal du. Und nenn mich keine Lügnerin, Wikinger! Du bist ein aufgeblasener Narr. Laß mich los, denn deine Gegenwart langweilt mich, und dein Griff ist aufdringlich.«

Er schleuderte ihren Arm von sich, und sie taumelte rückwärts. Er starrte sie an, sein Gesicht hart wie Stein. Sein Blick verriet ihr, daß er sie kaltblütig ermorden würde. Jetzt glaubte er ihr wirklich.

Als er endlich sprach, war seine Stimme hart und eisig wie sein Gesicht. »Vielleicht sollte ich dich auf mein Boot schleppen. Ich würde dich nicht enttäuschen, Zarabeth. Aber ich zweifle daran, daß ich Vergnügen an unserer Paarung hätte. Du hast ein hinterhältiges Spiel mit mir getrieben, hast mir die Unschuldige und Verliebte vorgegaukelt. Ja, ich war ein ausgemachter Narr. Doch wenigstens habe ich dich nicht geheiratet.« Er schüttelte den Kopf, und dann lachte er hohl.

»Ich habe mich für den glücklichsten Mann auf Erden gehalten, dich gefunden zu haben. Ich glaubte, das Schicksal meine es besonders gut mit mir, dir begegnet zu sein.« Er lachte noch einmal bitter auf, drehte sich um und ging. Nach wenigen Schritten blieb er stehen und sagte über die Schulter, ohne den Kopf zu wenden. »Du bist ein Miststück, Zarabeth, und ich hoffe sehr, daß du bekommst, was du verdienst.«

Dann war er weg, sein Umhang wallte hinter ihm her. Sie starrte ihm nach. Ihr Schmerz war so groß, daß sie am liebsten laut geschrien hätte. Sie klammerte sich am Brunnenrand fest. Ihr Plan war gelungen, und Lotti war gerettet. Sobald sie Lotti in die Arme geschlossen hatte, wollte sie zu Magnus gehen und ihm alles erklären. Alles würde wieder gut werden. Er würde sie verstehen.

Sie drehte sich nicht um, als sie Olavs leise Stimme hörte. »Das hast du gut gemacht, Zarabeth. Nun wollen wir nach Hause gehen, meine Liebe. Bald hast du deine Lotti wieder. Dann wird alles wieder so sein wie es war.«

Sie entfernte sich von ihm.

»Halt Zarabeth! Wohin willst du?«

»Zu Keith und Toki. Ich hole Lotti.«

»Sie können sie dir nicht geben. Sie ist nicht bei ihnen. Sie ist versteckt. Morgen bekommst du Lotti. Du mußt dich erst einmal beruhigen.«

Zarabeth hatte keine andere Wahl, als sich seinem Willen zu fügen, und Olav war erfreut über ihre Ergebenheit. Als er mit einigen Männern im Laden beschäftigt war, die Pelze kaufen wollten, wollte sie sich aus dem Haus schleichen, doch Olav rief hinter ihr her: »Hiergeblieben, Zarabeth! Oder ihr werdet es bereuen, du und das Kind.«

Also blieb sie und wartete ungeduldig. Zum Nachtmahl setzte sie Olav einen Fleischeintopf mit Zwiebeln und Kohl vor und träufelte einen Schlaftrunk in seine Schale. Er sprach mit ihr, als sei sie seine Ehefrau, als sei alles zwischen ihnen normal. Ihre Nackenhaare sträubten sich bei seinem besitzergreifenden Ton. Sie schwieg und wartete. Keine zehn Minuten nach dem Essen sank ihm der Kopf auf die Tischplatte. Zarabeth erhob sich langsam und beugte sich über ihn. Er schlief tief und fest, schnarchte laut und würde erst nach Stunden wieder zu sich kommen.

Endlich.

Rasch verließ sie das Haus und eilte zum Skeldergate, wo Keith und Toki wohnten. Keith wäre vor einem Jahr beinahe von einem Wikinger Kaufmann umgebracht worden, dem er Pelze mit Mottenlöchern verkauft hatte. Olav schob seinem Sohn hin und wieder Gold oder eine Tierhaut zu. Sie hatte Angst, zu erfahren, was Keith wirklich von ihr dachte. Wenn er wüßte, was sein Vater von ihr wollte, würde er sie gewiß umbringen. Sie beschleunigte ihre Schritte. Sie und Lotti waren bald fort und dann war es ihr egal, welche Streitereien Keith und sein Vater austrugen. Es war dunkel geworden, und finstere Männergestalten lungerten in den Straßen herum. Endlich erreichte sie das kleine Holzhaus, dessen Fenster mit Tierhaut bespannt war. Zarabeth brachte ihr Ohr dicht an das matt durchscheinende Fenster, um zu hören, was drin gesprochen wurde.

»Begreifst du denn nicht, du Schwächling, daß sie ihn sich schnappen wird?« Es war Tokis Stimme, laut und schrill.

»Ich habe ihm versprochen, das Kind zu behalten«, lallte Keith betrunken. »Ich behalte es, bis er es abholt. Und er wird dankbar sein, daß ich ihm einen Gefallen erwiesen habe und wird sich erkenntlich zeigen.«

»Pah! Dieser elenden Schlampe wird er sich erkenntlich zeigen, nicht dir, seinem einzigen Sohn! Er will sie unbedingt hier in York behalten. Und sie hat den Wikinger zurückgewiesen, hat ihm gesagt, daß sie ihn nicht haben will. Das haben sich die Frauen auf dem Markt heute zugetuschelt. Voller Schadenfreude erzählten sie mir, daß sie ihm am Brunnen gesagt hat, daß sie nichts von ihm wissen will, daß er ein aufgeblasener Narr und ein Heide ist, daß sie ihn nur an der Nase herumgeführt hat. Ja, sie bleibt hier und schnappt sich Olav, und du Narr willst das nicht begreifen.«

Keith nuschelte etwas, das Zarabeth nicht verstand. Er war sehr betrunken, doch Toki keifte weiterhin bissig auf ihn ein. »Du dummer, besoffener Kerl! Du bist zu nichts nutze!«

Zarabeth wartete und wartete. Ihre Geduld war zum Zerreißen gespannt, bis sie endlich Keiths Schnarchen hörte. Dann klopfte sie.

Die Tür wurde einen Spalt geöffnet und Toki fauchte: »Was willst du denn hier?«

»Ja, ich bin es, Toki. Schnell, laß mich ein. Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Und es wird dir gefallen, was ich dir zu sagen habe.«

Im Schatten der Mitternachtssonne
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