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9.

Ali al-Hussein stand auf der Plattform seines Turms und betrachtete die Sterne durch sein Fernrohr. Es herrschten ideale Bedingungen in dieser Nacht. Die Stadt war still und friedlich. Die feierlichen Umzüge zum Ende des Ramadan mit den lärmenden, trommelschlagenden Menschenmassen und den von hunderten von Fackeln und Laternen taghell erleuchteten Straßen waren endlich vorüber. Wegen des Festes hatte Ali drei Nächte lang die Sterne nicht beobachten können. An diesem Abend jedoch waren die Fackeln in den Straßen schon recht früh niedergebrannt, und der schwache Lichtschein der Wachfeuer von der nahe gelegenen Palastmauer störte ihn nicht. Endlich hatte er wieder eine freie, ungetrübte Sicht auf den sternklaren Himmel. Und trotzdem fand er es nicht, jenes rätselhafte Sternbild mit der Form eines Auges. Dieses große strahlende Auge hatte direkt über seinem Turm gestanden - an jenem Abend, als Saddin Michelle zu ihm ins Haus gebracht hatte. Seit jenem Abend stieg er Nacht für Nacht seinen Turm hinauf und suchte den Himmel danach ab. Er sah durch die schmale Mündung des Fernrohrs, bis seine Augen vor Anstrengung und Müdigkeit brannten - vergeblich.

Er kam nicht mehr zur Ruhe, konnte kaum noch schlafen. Dabei war er sich mittlerweile nicht einmal mehr sicher, ob es dieses Sternbild überhaupt gab, ob er es wirklich gesehen hatte. Sein Verstand sagte ihm, dass es wahrscheinlich nichts als ein Trugbild gewesen sei. Eine Erscheinung ähnlich denen, die Reisende manchmal in der flirrenden Hitze der Wüste überfielen, hervorgerufen durch seine von den Ereignissen jenes Abends aufgewühlten Gedanken und Gefühle. Und dennoch - ein Teil von ihm glaubte fest an die Existenz dieses Sternbilds und wollte es finden, um jeden Preis. Der Anblick des großen strahlenden Auges war so außerordentlich tröstend gewesen. So als hätte es ihm ein Versprechen gemacht. Das Versprechen, ihm endlich jenen Frieden zu geben, nach dem er sich so sehnte.

Mittlerweile begannen am Horizont die ersten Sterne zu verblassen. Bald würde die Sonne aufgehen. Es hatte keinen Zweck, den Himmel heute noch länger abzusuchen. Wahrscheinlich war es sogar klüger, die Suche ganz abzubrechen. Das Sternbild war fort. Weggewischt, als wäre es nicht viel mehr als ein paar Kreidestriche gewesen, die ein Riese an das tiefschwarze Firmament gemalt hätte. Falls es überhaupt jemals da oben gewesen war.

Ali begann sein Fernrohr abzubauen. Und noch während er die Linsen aus dem blank polierten Messingrohr nahm, wusste er bereits, dass er seinen Vorsatz nicht durchhalten würde. In der kommenden Nacht würde er wieder hier oben stehen und den Himmel absuchen, voller Hoffnung, dass er diesmal Erfolg haben würde. Sorgsam putzte er die kostbaren Linsen mit einem weichen Baumwolltuch, wickelte sie in feinen indischen Samt und legte sie neben das Messingrohr in den Holzkasten zurück. Wenn es nur jemanden gegeben hätte, den er nach dem Sternbild hätte fragen können. Aber es gab niemanden. In Qazwin arbeiteten keine Astronomen. Der Emir lehnte diese Wissenschaft vermutlich aus religiösen Gründen ab und hatte alle Gelehrten aus der Stadt vertrieben, die sich mit den Sternen beschäftigten. Und die wenigen Sternenkarten, die er selbst besaß, konnten Ali auch nicht weiterhelfen. Er hatte zwar den Buchhändlern den Auftrag gegeben, für ihn nach weiteren Sternenkarten zu suchen, doch bislang ohne Erfolg. Außerdem war dies eine überaus heikle Sache. Wenn er nicht vorsichtig war, würden bald die ersten Gerüchte über ihn im Zusammenhang mit Hexerei und dunkle Künste laut werden, und dann würde es nicht mehr lange dauern, dann würde er auch Qazwin als Flüchtling verlassen müssen.

Natürlich hatte Ali daran gedacht, Saddins Rat zu befolgen und sich an den jüdischen Ölhändler zu wenden. Doch nachdem er sich endlich dazu durchgerungen und einen Boten zu dem Geschäft des Juden geschickt hatte, um einen Zeitpunkt für ein Treffen vorzuschlagen, war der Bote mit der Nachricht zurückgekehrt, dass Moshe Ben Levi nicht zu sprechen sei. Weitere Nachrichten, die Ali dem Ölhändler geschickt hatte, waren entweder unbeantwortet geblieben oder kamen mit der lapidaren Mitteilung zurück, dass Ali, sofern er Öl kaufen wolle, sich doch bitte an die üblichen Geschäftszeiten halten möge.

Ali hatte keine Hoffnungen mehr, dass man seinen Wunsch nach einem Gespräch mit dem Ölhändler jemals beherzigen würde. Seiner Erfahrung nach hatten diese Juden gar nicht die Absicht, mit anderen außer den Angehörigen ihres eigenen Volkes zu verkehren. Wie Saddin es geschafft hatte, an Moshe Ben Levi heranzukommen, mochte allein Allah wissen. Allerdings waren auch in Buchara Fäden aus allen Teilen der Stadt - angefangen von den Diebesbanden bis hin zu den höchsten Ämtern im Palast des Emirs - in den Händen des Nomaden zusammengelaufen.

Ali ließ das Schloss des Kastens zuschnappen und hob ihn hoch. Sein Blick fiel auf die Tür. Dort, direkt neben dem Eingang, war Saddin gestorben. Am folgenden Morgen hatten Männer aus seiner Sippe die Toten abgeholt, um Saddin und die Fidawi ihren Traditionen gemäß zu bestatten, und noch am selben Tag hatten die Diener alle Spuren des Kampfes beseitigt. Trotzdem hatte Ali jedes Mal den Eindruck, er könne im Sternenlicht immer noch die Blutlache neben der Tür sehen. Manchmal kam er sogar im Laufe des Tages hier herauf, nur um im Licht der Sonne sicherzugehen, dass das Blut des Nomaden nicht doch unauslöschbare Flecken auf dem steinernen Boden hinterlassen hatte.

»Herr.« Die Tür öffnete sich, und Mahmud streckte seinen Kopf hindurch. »Das Kind ist eben aufgewacht. Es verlangt Euch zu sehen.«

»Ich bin hier ohnehin fertig, Mahmud. Ich gehe gleich zu ihr«, erwiderte Ali und wunderte sich wieder einmal über seinen Diener. Michelle war bereits seit mehreren Wochen bei ihm, und trotzdem brachte Mahmud immer noch nicht ihren Namen über seine Lippen. Er sah ihr noch nicht einmal ins Gesicht, so als würde er sich vor dem kleinen Mädchen fürchten.

»Soll ich Euch den schweren Kasten abnehmen, Herr?«, fragte Mahmud und streckte seine Hände aus.

»Ja«, antwortete Ali und dachte gleichzeitig voller Wehmut an seinen alten Diener Selim. Selbst wenn man ihm mit dem Tod gedroht hätte, hätte er den Kasten nicht einmal mit den Fingerspitzen berührt. Zeit seines Lebens hatte der alte Mann Alis Fernrohr für Teufelswerk gehalten. Und der Klang von Selims Gebeten für die Rettung der Seele seines Herrn hatte Ali jede Nacht begleitet, solange er die Sterne beobachtet hatte. »Bringe das Fernrohr in mein Arbeitszimmer, und schließe es dort in die Truhe.«

»Jawohl, Herr«, sagte Mahmud, verneigte sich und ging davon. Dabei trug er den Kasten so vorsichtig, wie man es von einem Untergebenen angesichts eines wertvollen Gegenstandes erwarten konnte.

Mahmud ist wahrlich ein ausgezeichneter Diener, dachte Ali. Er ist loyal und gehorsam, und nie höre ich ein Wort der Klage oder des Widerspruchs. Aber trotz allem, alter Selim, ich vermisse dich.

Schwerfällig stieg er die schmalen Stufen in sein Haus hinunter. Es hatte den Anschein, als ob er dazu verdammt wäre, immer von den Menschen, die ihm etwas bedeuteten, verlassen zu werden. Erst war es Beatrice, dann Selim und nun auch noch Saddin. Für einen kurzen Augenblick blitzte in seinem Gehirn ein Gedanke auf. Noch vor wenigen Wochen hätte er den Nomaden gewiss nicht zu seinen Freunden gezählt, im Gegenteil.

Manchmal belehren die Ereignisse einen Mann eines Besseren, dachte Ali voller Schwermut. Und manchmal ist es dann zu spät. Man kann nichts mehr ändern, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Das Schicksal lässt es nicht zu, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

»Ali?«

Eine liebliche Mädchenstimme riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Und kurz darauf hörte er in dem Zimmer am Ende der Treppe das Tappen von kleinen nackten Füßen auf dem Marmorboden. Es war Michelle.

»Ali, bist du hier?«

»Ja, meine Kleine«, antwortete Ali und trat in das Zimmer ein. Der Anblick des kleinen Mädchens, der Klang seiner Stimme spülte jeden Schmerz und Kummer aus ihm heraus wie reinigendes Wasser den Eiter aus einer verschmutzten Wunde. Michelle stand vor ihm, barfuss, die langen blonden Haare hingen offen über ihren Schultern. Im Arm trug sie ein Bündel Tücher, das sie eigenhändig zu etwas verknotet hatte, das sie »Rehkitz« nannte. Der Saum ihres Nachthemds schleifte fast auf dem Boden, so klein war sie. Dieses Kind war ein Geschenk. Mehr noch, ohne es zu wissen, war es seine Rettung. Ali ging in die Knie und breitete seine Arme aus. »Konntest du nicht mehr schlafen?«

Die Kleine kam auf ihn zugelaufen und schlang ihre Arme um seinen Hals.

»Nein.«

»Hast du Hunger? Wollen wir frühstücken?«

»Ja«, sagte sie und nickte eifrig. »Gibt es Honig?«

»Natürlich, meine Kleine. Honig und Pfannkuchen. Auch Sirup, wenn du magst.« Er erhob sich und reichte ihr die Hand. »Komm, wir gehen gemeinsam hinunter.«

Auf dem Weg zum Speisezimmer hüpfte sie neben ihm fröhlich auf und ab. Gerührt sah Ali ihr zu. Michelle hatte die Welt, wie sie sie kannte, hinter sich gelassen. Eine Weile war Saddin ihr ständiger Begleiter gewesen, und jetzt hatte er die Aufgabe übernommen, sie zu beschützen. Das kleine Mädchen war von grausamen Männern verfolgt worden, und seine Mutter war mehr als meilenweit von ihr entfernt. Sie waren durch Äonen voneinander getrennt, und doch nahm die Kleine diese Situation mit einem Gleichmut und mit einer Anpassungsfähigkeit hin, die ihn immer wieder in Erstaunen versetzte. Viele erwachsene Männer und Frauen hätten in einer ähnlichen Lage ihren Verstand verloren. Und sie vergoss nicht einmal Tränen. Obwohl sie so klein und zerbrechlich wirkte, war sie unglaublich stark. Und manchmal, wenn er in Michelles klare blaue Augen sah, hatte er den Eindruck, dass sie mehr wusste, viel mehr, als einem etwa vierjährigen Mädchen zustand.

Nach dem Frühstück begann Ali wie an jedem Morgen mit seiner Arbeit. Vor den Toren seines Hauses warteten bereits Scharen von Patienten. Einige waren sogar mehrere Tage gewandert, nur um sich von dem berühmten Arzt behandeln zu lassen. Mahmud brachte einen nach dem anderen zu ihm ins Arbeitszimmer, wo Ali tränende Augen untersuchte, eiternde Wunden aufschnitt, Verbände anlegte, Salben und Kräuterelixiere verordnete. Die meisten seiner Patienten sahen ihn mit den großen, hoffnungsvollen Augen von Kindern an. Sie folgten jeder seiner Anweisungen ohne Widerspruch und küssten manchmal sogar beim Gehen den Saum seines Gewands. Doch es gab auch andere, unangenehme Zeitgenossen, die jedes einzelne seiner Worte dreimal umdrehten, bis sie ihm endlich glaubten - oder auch nicht. Bei diesen Patienten stellte er sich regelmäßig die Frage, weshalb sie überhaupt zu ihm gekommen waren.

So wie der etwa sechzigjährige Mann, den Mahmud kurz vor der Mittagszeit zu ihm führte. Dieser Mann gehörte eindeutig zu den besonders unangenehmen Patienten. Er war einer der Muezzins von der nahe gelegenen Moschee. Laut seinen Angaben litt er bereits seit einigen Wochen unter Heiserkeit und einem Schmerz im Mund und Hals, sodass er die Gebetszeiten nicht mehr ausrufen konnte und sich mittlerweile von einem seiner Schüler vertreten lassen musste. In der Tat ähnelte die Stimme des Mannes dem heiseren Krächzen einer Krähe. Für den Muezzin offenbar ein so unhaltbarer Zustand, dass er sogar bereit gewesen war, Ali al-Hus- sein, den unter den Geistlichen in Qazwin höchst verfänglichen Arzt mit dem skandalösen Lebenswandel, aufzusuchen.

Ali wusste, dass er sich bei diesem Patienten auf gar keinen Fall auch nur den geringsten Fehler leisten durfte, wenn er nicht Qazwin noch schneller als erwartet wieder verlassen wollte. Besonders sorgfältig tastete er den Hals ab. Das war kein leichtes Unterfangen bei dem stattlichen weißen Bart, der dem Muezzin bis auf die Brust hinabhing.

Trotzdem spürte Ali bei seiner Untersuchung unter den Fingerspitzen jene kleinen Knoten an der Unterseite des Kiefers, die Beatrice »Lymphknoten« genannt hatte. Sie hatte ihm erzählt, dass diese kleinen Knoten einen Hinweis darauf geben konnten, ob sich in einer Körperregion eine Entzündung abspielte oder nicht. Ali konnte sich zwar bis heute nicht genau vorstellen, wie das alles zusammenhing und was Beatrice genau damit gemeint hatte, doch hatte er in den vergangenen Jahren stets Recht gehabt, wenn er sich an diesen Hinweis gehalten hatte.

»Öffnet den Mund«, forderte Ali den Muezzin auf und holte aus einer Schublade eine kleine Öllampe und einen Messingspatel, an dessen Ende ein kleiner runder Spiegel befestigt war. Dieses Instrument hatte er nach Beatrices Anweisungen anfertigen lassen.

Beatrice. Jedes Mal spürte Ali einen schmerzhaften Stich, wenn er an die wunderschöne Zeit zurückdachte, in der er gemeinsam mit ihr seiner Arbeit nachgegangen war; als sie nächtelang über Medizin und Philosophie diskutiert hatten, wie er es nie zuvor hatte tun können, auch mit keinem Mann, den er kannte; als sie sich gegenseitig ihre Künste gelehrt hatten.

Der Muezzin sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

»Was tut Ihr da?«, fragte er, und seine heisere Stimme hatte einen so vorwurfsvollen Klang, als hätte Ali ein Symbol der Christen oder etwas noch Schlimmeres aus seiner Schublade hervorgeholt.

»Sofern Ihr es gestattet, werde ich Euch in den Mund schauen«, erklärte Ali, obwohl es ihm schwer fiel, weiterhin höflich zu bleiben. Nichts auf dieser Welt hasste er mehr als Intoleranz, gepaart mit Rückständigkeit. »Sollte eine Krankheit Euch dort befallen haben, kann ich es sehen. Der kundige Arzt kann die Zeichen lesen, die Allah in Seiner Güte und Weisheit hinterlassen hat«, fügte er noch hinzu, um seinen tiefreligiösen Patienten davon zu überzeugen, dass er weder vorhatte ihn zu ermorden noch seine unsterbliche Seele in die ewige Verdammnis zu schicken.

Allerdings schien der Muezzin keinesfalls überzeugt zu sein. Er bedachte den Spiegel mit einem finsteren Blick.

»Und was ist das da?«, krächzte er.

»Mein Instrument. Wenn Ihr jetzt bitte Euren Mund öffnen würdet. Bedenkt, je schneller ich die Ursache Eures Leidens finde, umso schneller werde ich Euch von dieser Krankheit befreien können. Und umso schneller könnt Ihr Euren heiligen Dienst für Allah und Seine Gläubigen wieder aufnehmen.«

Dieses Argument schien nun endlich zu greifen. Trotzdem fügte sich der Muezzin nur mit deutlichem Widerwillen Alis Anweisungen.

Vermutlich wird er den Rest des Tages mit rituellen Waschungen und Gebeten verbringen, um sich von diesem Erlebnis zu reinigen, dachte Ali, während er dem Muezzin in den Mund schaute.

Dank des Spiegels reichte das Licht der Lampe aus, um die ganze Mundhöhle optimal auszuleuchten. Und tatsächlich hatten auch diesmal die kleinen Knoten am Unterkiefer Recht behalten - der Übergang zum Schlund war hochrot und geschwollen. Ali zog sein Instrument wieder zurück und warf es zur Reinigung in eine Schüssel.

»Ihr habt tatsächlich das, was ich eine Halsentzündung nenne. Aber zum Glück habe ich eine sehr gut wirkende Arznei, die schon bald Eure Beschwerden lindern wird.«

Er stand auf und ging zu dem Schrank, in dem er die Arzneien aufbewahrte - hunderte von Säcken mit Kräutern aus aller Welt, große Töpfe mit Salben, Flaschen mit den unterschiedlichsten Tinkturen und Ölen. Und natürlich kleine Beutel, Tiegel und Phiolen, um die kostbaren Arzneien für seine Patienten abzufüllen. Unter dem immer noch feindseligen Blick des Muezzins holte er eine große Flasche hervor und goss etwas von der dunkelbraunen Flüssigkeit in eine Phiole. Dann verschloss er diese sorgfältig mit einem Korken.

»Gebt dreimal am Tag einen Tropfen dieser Tinktur in einen Becher mit Wasser und spült Euren Mund damit aus. Und in wenigen Tagen wird Euch Euer Leiden nicht mehr plagen.«

Der Muezzin nahm die Flasche und starrte sie so finster an, als würde er vermuten, dass sich darin Gift befand.

»Was ist das?«

»Ein Elixier, hergestellt aus Salbei, Myrrhe und Thymian«, antwortete Ali. Den Alkohol, den er stets bei der Zubereitung seiner Tinkturen verwendete, verschwieg er. Den Gläubigen war der Genuss von berauschenden Getränken verboten. So stand es im Koran. Und die wahren Gläubigen, zu denen ohne Zweifel auch der Mann ihm gegenüber gehörte, machten nie und unter gar keinen Umständen eine Ausnahme. Nicht einmal, wenn es sich um eine alkoholhaltige Arznei handelte und ein einziger Tropfen davon ausreichen würde, ihr Leben zu retten. »Diese Mischung wird sehr erfolgreich bei der Behandlung von Halsentzündungen verwendet.«

»So.« Der Muezzin hielt die kleine Phiole gegen das Sonnenlicht, das durch das offene Fenster hereinflutete, so als würde er erwarten, darin einen Geist zu entdecken. »Was sagtet Ihr? Myrrhe, Salbei und Thymian?«

»Ja. Drei vortreffliche Kräuter, die Allah den Gläubigen in Seiner unendlichen Güte und Weisheit geschenkt hat, um ihre Leiden zu lindern.«

Ali setzte ein freundliches Lächeln auf, doch in seinem Innern brodelte es. Der Wunsch, dem Alten einfach »Sauf oder stirb, aber lass mich in Ruhe« ins Gesicht zu schreien, wurde allmählich so mächtig, dass er nicht mehr wusste, wie lange er sich noch unter Kontrolle halten konnte.

Der Muezzin sah zu Ali auf und hob eine Augenbraue, so als hätte er in diesem Haus nicht mit so viel Frömmigkeit gerechnet. Dann stand er ebenfalls auf.

»Ja, wahrlich, Ali al-Hussein, Ihr habt wahr gesprochen. Allah ist groß, Allah ist mächtig, Allah ist gütig. Er sorgt für die Gläubigen«, krächzte er. »Wir haben Euch bei den Feierlichkeiten zum Ende des Ramadans in der Moschee vermisst. Allah möge es verhüten, aber Ihr wart doch hoffentlich nicht selbst das Opfer einer heimtückischen Erkrankung?«

Ali biss die Zähne aufeinander und ballte hinter seinem Rücken die Fäuste. Nicht mehr lange und die angestaute Wut würde einfach aus ihm herausplatzen. Hatte man denn in dieser Stadt gar keine Ruhe? Musste jeder einzelne Schritt beobachtet und registriert werden? War er nicht ein freier Mann? Hatte er es wirklich nötig, über jede seiner Handlungen Rechenschaft abzulegen? Es gab Tage, da sehnte er sich weit fort. Irgendwo auf dieser Welt musste es doch einen Ort geben, an dem ein freier Mann wirklich frei leben konnte - ohne dass er von seinen lieben Mitmenschen ständig beobachtet wurde.

»Ich musste im Hause bleiben«, antwortete er und war selbst überrascht, wie kühl und beherrscht seine Stimme immer noch klang. »Das Kind fühlte sich nicht wohl, und ich konnte es nicht mit gutem Gewissen allein den Dienern überlassen. Deshalb haben wir den Abschluss des Ramadans mit einem kleinen, bescheidenen Fest in meinem Hause gefeiert.«

Der Muezzin nickte langsam. »Ach ja, das Kind, das bei Euch lebt. Ich hörte davon. Es ist ein Mädchen, nicht wahr?«

»Ja.« Und diesmal fiel Alis Antwort deutlich schärfer aus.

»Es ist mir unangenehm, Euch darauf aufmerksam zu machen«, fuhr der Muezzin fort. »Wirklich. Doch so mancher der Gläubigen in dieser Stadt nimmt Anstoß daran, dass Ihr als einflussreicher und gebildeter Mann ein Kind - noch dazu ein Mädchen - in Eurem Haus beherbergt. Sie fürchten, dass Euer Beispiel bei den Menschen niederer Herkunft und schlichten Verstandes Schule machen könnte. Die Sitten und der Glaube in Qazwin seien in Gefahr, so sagen sie. Erst gestern kamen zwei Mitglieder der Gemeinde zu mir, beides unbescholtene, ehrliche Männer, und baten mich um meinen Beistand in dieser Angelegenheit.« Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Ich will aufrichtig zu Euch sein, Ali al-Hussein. Ich kann die Sorge dieser Menschen verstehen, obwohl ich natürlich ihre Bedenken nicht teile. Ich weiß, dass Ihr ein rechtschaffener, gottesfürchtiger Mann seid. Aber immerhin seid Ihr nicht verheiratet.« Er hob bedauernd die Schultern. »Ihr kennt das einfache Volk, Ali al- Hussein. Sie denken nicht nach. Sie sehen nur, was ihnen offen vor Augen liegt. Ihr umgebt Euch mit seltsamen Dingen, beschäftigt Euch mit Wissenschaften, die sie nicht verstehen, und sucht nur äußerst selten die Moschee auf. Wie soll ich Euch verteidigen? Allah hat mir in Seiner unendlichen Güte das Wohl Seiner Gläubigen anvertraut. Als Muezzin der Stadt Qazwin habe ich die Pflicht, diese Kleinen vor dem Verderben zu schützen, ihre Seelen rein zu halten und sie zu Allah zu führen, damit sie eines Tages mit lauteren Herzen in das Paradies gelangen können. Sollte ich das Seelenheil der mir Anvertrauten gefährdet sehen, muss ich mich an den Emir wenden mit der Bitte, sich des Problems anzunehmen und gemeinsam mit Euch nach der besten Lösung zu suchen. Die Stadt würde mit Euch den besten Arzt verlieren, den sie je hatte, obwohl es natürlich niemals mein eigener Wunsch wäre.«

»Ja, natürlich nicht«, erwiderte Ali und biss die Zähne zusammen, dass ihm beinahe die Tränen in die Augen traten. Eigentlich sollte man meinen, dass er im Laufe seines Lebens genügend Erfahrungen mit der Verbohrtheit der Menschen gesammelt hatte, um sich davon nicht mehr erschüttern zu lassen. Trotzdem ärgerte es ihn immer wieder - und jedes Mal regte er sich ein bisschen mehr darüber auf. Am liebsten hätte er dem Muezzin das falsche Lächeln vom Mund gewischt und ihm seine Faust so lange ins Gesicht geschlagen, bis er seinen eigenen und die neunundneunzig Namen Allahs dazu vergessen hatte. »Aber Ihr könnt den Gläubigen sagen, dass sie beruhigt sein können. Dieses Mädchen, von dem Ihr gesprochen habt, ist nämlich meine Tochter. Meine Frau starb kurz nach der Geburt des Kindes. Und da ich als Mann mit der Pflege von Säuglingen nicht vertraut bin, haben sich die Verwandten meiner verstorbenen Frau bereit erklärt, das Kind in ihrem Hause großzuziehen. Jetzt sahen sie jedoch den Zeitpunkt gekommen, das Mädchen bei seinem Vater aufwachsen zu lassen. Und ich habe mit Freuden diese heilige Pflicht angenommen, die Allah mir in Seiner Güte übertragen hat.«

Der Muezzin schürzte die Lippen. Er schien Ali immer noch nicht wirklich zu glauben, konnte allerdings nichts dagegen einwenden.

»Gut«, sagte er schließlich. Doch Ali vermutete, dass er bereits darüber nachdachte, auf welche Weise sich seine Geschichte überprüfen ließ. »Ich werde diese Botschaft an die Gläubigen weitergeben, wenn sie mich aufsuchen, um erneut meinen Rat zu erbitten.« Er verneigte sich knapp vor Ali. »Der Friede Allahs sei mit Euch.«

»Mit Euch ebenso«, erwiderte Ali und verneigte sich ebenfalls. »Und vergesst nicht, Eure Arznei regelmäßig einzunehmen.«

Als sich die Tür hinter dem Muezzin endlich wieder schloss, sank Ali erleichtert auf ein Sitzpolster in einer Ecke des Raums. Er fühlte sich, als hätte er mehrere Tage und Nächte durchgearbeitet. Wenn es einen Gott gab, dann brauchte er keine ewige Verdammnis, um die Sünder zu bestrafen. Die Hölle hatten sich die Menschen bereits auf Erden selbst bereitet. Müde rieb er sich die Stirn.

»Ali?« Die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete sich einen Spalt, und Michelle streckte ihren blonden Schopf herein. Sie stand auf den Zehenspitzen, um den Türgriff festhalten zu können. »Darf ich hereinkommen?«

Ali lächelte. »Natürlich, meine Kleine. Komm nur. Den letzten Patienten habe ich gerade eben fortgeschickt.«

Das Mädchen hüpfte zu ihm und sprang ihm auf den Schoß.

»Den Mann mit dem langen Bart?«, fragte sie. »War das der Weihnachtsmann?«

Ali hatte keine Ahnung, was »Weihnachtsmann« bedeutete. Vermutlich war das ein Begriff aus Michelles Welt, der Welt einer ihm gänzlich unbekannten Zukunft.

»Ich weiß es nicht«, sagte er deshalb wahrheitsgemäß. »Ist der Weihnachtsmann denn lieb, oder ist er böse?«

»Er ist lieb«, antwortete Michelle. Ein strahlendes Lächeln huschte über ihr hübsches kleines Gesicht und ließ ihre Augen leuchten. »Er hat einen langen Bart und einen Schlitten. Und Rentiere. Er bringt Geschenke.«

»Dann war der Mann eben gewiss nicht der Weihnachtsmann«, erklärte Ali voller Überzeugung und vergrub sein Gesicht in ihrem weichen, nach Rosenöl duftenden Haar. Michelle trug ein Kleid aus roter Seide mit gelber Stickerei am Saum. So wie dieses Kind stellten sich vermutlich die Gläubigen einen Engel vor. Und für einen kurzen Augenblick dachte Ali daran, wie es wohl wäre, wenn er den Muezzin nicht angelogen hätte. Wenn dieses atmende, warme, lebendige Menschenkind mit den strahlend blauen Augen und dem reizendsten Lächeln der Welt tatsächlich sein Kind wäre. Seine eigene kleine Tochter.

Das wäre wundervoll, dachte er und seufzte.

»Was ist?«, fragte Michelle und sah ihn ernst an. Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich dabei eine kleine Falte, die ihn an Beatrice erinnerte. Sie hatte ihn oft genauso angesehen.

»Nichts«, antwortete Ali und strich dem Mädchen lächelnd über den Kopf. »Ich habe nur an etwas besonders Schönes gedacht.«

Michelle schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein und lehnte sich wieder an ihn. Dann plötzlich, als wäre ihr gerade etwas Wichtiges eingefallen, erhob sie sich wieder und suchte nach etwas. Schließlich reichte sie ihm voller Stolz ein zusammengerolltes Stück Pergament.

»Das habe ich für dich gemalt.«

»Vielen Dank«, sagte Ali und sah gerührt auf den Bogen hinunter, auf dem sich eine große Anzahl undefinierbare Kleckse, Striche und Kreise befand. Offensichtlich hatte Michelle irgendwo Tinte und Feder gefunden und damit herumexperimentiert. »Was soll das denn sein?«

Voller Eifer setzte sich Michelle auf.

»Das bist du. Und das bin ich«, sagte sie und deutete mit ihrem winzigen tintenbeschmierten Zeigefinger auf ein paar Kreise, die man mit einer großen Portion Einbildungskraft tatsächlich als Köpfe identifizieren konnte. Seltsame lange Fäden sprossen zu allen Seiten aus ihnen heraus. Ali vermutete, dass diese Fäden die Haare sein sollten. »Und das ist Saddin. Er passt auf uns auf.«

Ali versetzte es einen Stich. Das klang, als würde Michelle den Nomaden wie einen Engel betrachten. Dabei hatten sie nie über seinen Tod gesprochen. Ob sie etwas ahnte? Jemand hatte ihm mal berichtet, dass Kinder in manchen Dingen ein sehr feines Gespür hatten und vieles wussten, ohne dass man es ihnen jemals erzählt hatte. Aber vielleicht hatte sie auch gehört, wie die Diener sich über den Tod des Nomaden unterhalten hatten.

»Und was ist das hier?«, fragte Ali und deutete auf den vierten Kreis, der sich am linken oberen Bildrand befand und größer war als die anderen. »Ist das die Sonne?«

Michelle zuckte mit den Schultern. »Nee, weiß ich nicht«, sagte sie. »Das ist bloß Krickelkrakel.«

Doch Ali schluckte. Er fand, dass dieses »Krickelkrakel« die Form eines Auges hatte. Und je länger er das Bild betrachtete, umso deutlicher sah er es.

Michelle schmiegte sich wieder an ihn und drehte mit ihren Händen den Saum ihres Kleides bis zum Bauch hoch.

»Wann kommt meine Mama?«

Ali seufzte. Von allen Fragen, die dieses Kind ihm stellen konnte, war das diejenige, vor der er sich am meisten fürchtete. Was sollte er sagen? Sollte er ihr einfach irgendeinen beliebigen Zeitraum nennen und darauf hoffen, dass Michelle ihn nicht der Lüge überführen würde, da sie ja ohnehin noch kein Zeitgefühl hatte? Doch nein, das konnte er nicht. Er konnte dieses Kind nicht anlügen. Nicht um alles in der Welt.

»Ich weiß es nicht«, sagte er deshalb leise. »Und glaube mir, ich wünschte, ich könnte es dir sagen.«

Er streichelte ihr sanft über den Kopf und sah dabei gedankenverloren das Bild an, das Michelle für ihn gemalt hatte. Das Auge war nun so deutlich, dass er sich fragte, weshalb er die Zeichnung nicht sofort erkannt hatte. Und plötzlich fiel ihm etwas ein, es war fast wie eine Eingebung. Wenn er schon nicht sagen konnte, ob und wann Beatrice kommen würde, konnte ihm vielleicht ein anderer helfen. Er würde den Mann noch an diesem Abend aufsuchen. Persönlich. Und heute würde er sich nicht so einfach abweisen lassen. Er würde so lange vor der Tür stehen bleiben, bis er endlich zu dem Juden vorgelassen wurde. Zur Not bis zum nächsten Morgen. Das schwor er sich.