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Scatterheart lag in der sandigen Ödnis und dachte sehnsüchtig an den Eisgarten und den weißen Bären. Sie schlug die Augen auf und befand sich zu ihrer Überraschung in einem üppigen grünen Tal. Sie schaute sich um und sah vor sich ein Schloss. Scatterheart schrie vor Freude auf – es war das Schloss des weißen Bären!

Hannah schleppte sich nach unten und fiel auf ihr Bett. Das Herz wollte ihr vor Traurigkeit zerspringen, heiße Tränen stiegen ihr in die Augen. Alles hatte sich als falsch erwiesen.

Ihr war, als schwimme sie in einer heißen Brühe. Die Luft war von Wasserdampf und Schweiß erfüllt. Sie lag auf dem Rücken und starrte ins Leere. Ihr Kleid klebte an ihrer Haut und jeder Zentimeter ihres Körpers war erhitzt. Sie wollte sich mit der Hand ein wenig Wind zufächeln, aber die Luft war so drückend, dass auch das keine Erfrischung brachte. Sie sehnte den Schlaf herbei und schloss die Augen, doch dann tauchten Gesichter vor ihr auf.

Das Gesicht ihres Vaters, das vor Angst rot angelaufen war.

Das Gesicht von Thomas, als sie ihm die Tür vor der Nase zugeworfen hatte.

Das schreckensstarre Auge von Molly, als der Arzt sich über sie beugte.

Das Gesicht von Long Meg, weiß, kalt und leer wie ein Stein.

Das betrunkene Gesicht von James, der lachend in Long Megs Kleid tanzte, während diese tot im Behandlungszimmer lag.

Ach, hätte sie doch nur den Kopf wenden und Long Meg in ihrem Bett sehen können. Meg hätte sich die Flohstiche auf ihrem Stoppelkopf gekratzt und gesagt: »Die Leichtmatrosen sind im Anmarsch.« Und Hannah hätte geseufzt, worauf Long Meg gefragt hätte: »Was haben Sie denn, Prinzessin Tausendschön?«

Hannahs Augen schmerzten, aber sie hatte keine Tränen mehr übrig.

»Ich vermisse dich«, flüsterte sie.

Meg verdrehte die Augen.

»Und ich heiße Rumpelstilzchen.«

Hannah kam mit einem Ruck zu sich. Hatte sie geschlafen? Irgendetwas war anders. Sie fühlte sich hellwach wie schon seit Tagen nicht mehr. Träumte sie? Sie streckte die Hand aus und spürte das vertraute raue Holz des Schiffsrumpfs.

Da bewegte sich etwas.

Einen winzigen Moment lang spürte Hannah, wie sich die Luft um sie herum regte. Sie hielt den Atem an. Ein leiser, kühler Lufthauch strich über ihre Braue. Sie kletterte aus ihrem Bett und stützte sich an der Wand ab. Dann tastete sie sich im Dunkeln über die rauen Planken und setzte zaghaft einen Fuß vor den anderen. Als sie zur Treppe kam, spürte sie es wieder. Ein sanfter Luftzug kitzelte sie an der Wange. Sie packte das Tau und zog sich empor.

Auf dem unteren Deck war alles still. Keiner der Matrosen rührte sich.

Hannah fragte sich, ob die anderen tot waren. Sie stieg zum Oberdeck hinauf und erstarrte.

Das ganze Schiff war von einer Eisschicht bedeckt.

Das Deck glitzerte im Mondlicht. Die Sterne funkelten hell. Das Meer lag still und glatt da und verlor sich in der Dunkelheit wie ein großer schwarzer Granit.

Niemand war zu sehen. Kein Wachmann, kein Matrose, kein Offizier. Hannah bekam eine Gänsehaut auf ihren nackten Armen. Es war das Herrlichste, was sie seit Langem gefühlt hatte. Sie atmete tief ein. Die süße kalte Luft füllte ihre Nase, ihren Mund, ihren Hals, ihre Brust.

Auf dem Achterdeck ließ sie ihre Hand über die glitzernde Reling gleiten. Silberne Eiskristalle lösten sich und fielen leise klirrend zu Boden. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Dann hörte sie ein leises Plätschern und öffnete sie wieder. Sie spähte auf das schwarze Wasser hinaus, etwas Weißes blitzte dort auf.

Der Mond, dachte sie. Der Mond spiegelt sich im Wasser. Der weiße Fleck wurde größer. Sie stieg die Treppe zum Poop hinauf, dem höchsten Deck des Schiffs. Dort war sie noch nie zuvor gewesen. Ihre Haut kribbelte vor Aufregung und ihre Haare sträubten sich. Sie schaute und wartete.

Es war ein Bär.

Ein großer weißer Bär.

Er schritt über das Wasser wie über eine feste Eisschicht und trottete geradewegs auf das Schiff zu. Hannah klammerte sich an das Geländer und wieder lösten sich Eiskristalle und fielen klirrend vor ihre Füße.

Der Bär kam näher.

Er war riesengroß, fast ein Drittel so groß wie die Derby Ram. Er hatte einen geschmeidigen, kräftigen Körper, einen lang gestreckten Hals und einen kantigen, nach unten geneigten Kopf. Seine kleinen, spitzen Ohren waren aufgerichtet und die schwarzen Augen funkelten im Mondlicht. Sein dichtes weißes Fell hing lappig an ihm herab. Er hatte nichts mit dem geschundenen, verdreckten Eisbären gemeinsam, der beim Frostmarkt mit den Hunden gekämpft hatte.

Als er das Heck der Derby Ram erreicht hatte, stellte er sich auf die Hinterbeine. Hannah sah ihn voller Furcht an. Seine Beine standen fest auf dem vereisten Meer und sein Kopf befand sich auf ihrer Höhe.

Hannah hielt den Atem an.

Der Bär setzte die Pranken auf das Heck und schaute ihr ins Gesicht. Seine schwarzen Augen funkelten. Sein Atem war eiskalt und roch nach Winter. Der Bär öffnete das Maul und brüllte.

Ein eisiger Wind fuhr durch Hannahs Haare. Beim Anblick der riesigen gelben Zähne und der feuchten schwarzen Schnauze schreckte sie zurück. Der Bär spannte die Muskeln an und sein Fell erbebte in Wellen. Die Augen nicht von ihr lassend, begann er zu schieben.

Das Schiff rührte sich träge. Der Bär drückte noch stärker. Die Spanten ächzten unter der ungewohnten Bewegung. Der Bär drückte und drückte.

Hannah machte einen Schritt nach vorn und streckte zitternd die Hand aus. Das Schiff ruckte ein winziges Stück vorwärts.

Sie berührte den Bären an seiner riesigen Pranke. Sie spürte seine harten Klauen, sein raues, dickes Fell, die angespannten Muskeln.

Und dann bewegte sich die Derby Ram wieder ein Stückchen vorwärts, wie ein aus tiefem Schlaf erwachtes Tier, und glitt langsam durch das stille Wasser.

Der Bär ließ das Heck los.

Hannah spürte, wie Fell und Klauen sacht ihren Fingern entglitten. Das mächtige Tier ließ sich auf alle viere fallen. Kleine Wellen pflanzten sich vom Schiff aus fort und umringten den Bären.

Er sah ihr nach, während das Schiff langsam aus der Flaute glitt. Schließlich war er wieder ein kleiner weißer Fleck wie am Anfang und flimmerte aus ihrem Blickfeld. Hannah drehte sich um, ging zu ihrer Koje zurück und schlief augenblicklich ein.