ProlOg

Vor sechs Monaten war ich tot. Mein Herz schlug nicht mehr. Kein Atem strömte über meine Lippen. Alles war vorbei, ich war tot.

Kein leichter Gedanke, nicht zu existieren – egal, wie sehr ich mich auch all die Jahre darum bemüht habe, niemandem im Gedächtnis zu bleiben. Deshalb habe ich irgendwann beschlossen, überhaupt nicht mehr daran zu denken.

Meine Therapeutin hat mir geraten, meine Gedanken und Gefühle in diesem Tagebuch aufzuschreiben. Nachdem ich der Aufgabe monatelang mehr oder weniger geschickt aus dem Weg gegangen bin, dachte ich, ich sollte es wenigstens einmal versuchen – vielleicht könnte ich dann endlich wieder schlafen. Zwar bezweifle ich das, aber inzwischen bin ich zu fast allem bereit.

Ich erinnere mich ehrlich nicht daran, was in jener Nacht passiert ist. In meinen Albträumen erhasche ich manchmal flüchtige Eindrücke und mich durchfährt panische Angst, aber die Einzelheiten entziehen sich mir. Eigentlich will ich die Lücken in meinem Gedächtnis auch lieber gar nicht füllen.

Als ich aufwachte, lag ich in einem Krankenhausbett. Ich konnte kaum sprechen und hatte tiefrote Blutergüsse am Hals. Meine Handgelenke waren verbunden, um die von den Fesseln wunde Haut zu schützen, eine Armschlinge stabilisierte meine ausgerenkte Schulter, mein Knöchel war operiert worden und steckte in einem Gips. Ich weiß nicht genau, warum ich so zugerichtet war. Alles, was zählt, ist, dass ich wieder atme.

Die Polizei hat mir jede Menge Fragen gestellt. Die Ärzte haben mir jede Menge Fragen gestellt. Die Anwälte haben mir jede Menge Fragen gestellt. Wann immer sie ins Detail gehen wollten, habe ich sie abgewimmelt oder einfach den Raum verlassen. Auch Evan und Sara haben versprochen, mich nicht mit Einzelheiten zu quälen. Sie waren in jener Nacht nicht dabei, aber sie haben den gesamten Prozess – so kurz er auch war – im Gerichtssaal mitverfolgt.

Carol …

Es fällt mir schwer, allein diesen Namen aufzuschreiben. Sie hat sich schuldig bekannt. Ich musste sie nicht sehen. Ich musste nicht gegen sie aussagen. Ich musste auch nicht zur Zeugenvernehmung. Sara und Evan wurden ebenfalls vorgeladen, aber nicht einmal ihre Aussage konnte ich mir anhören – obwohl meine Anwälte mich dazu aufgefordert hatten.

Und George … soweit ich mitbekommen habe, war er auch da in jener Nacht. Er hat den Krankenwagen gerufen. Meine Anwälte haben keine Anzeige gegen ihn erstattet. Ich habe sie angefleht, es nicht zu tun. Leyla und Jack brauchen doch wenigstens ihren Vater. Und jetzt … jetzt weiß ich nicht mal, wo sie sind. Ich hoffe, sie wissen, wie sehr Sorry. Ich kann das nicht. Es tut mir zu weh, an sie zu denken.

Sara und Evan sind seit jener Nacht kaum von meiner Seite gewichen. Ich habe ihnen immer wieder versichert, dass es mir gutgeht, aber sie brauchen sich nur die Ringe unter meinen Augen anzusehen, um zu wissen, dass das nicht stimmt. Ich will nicht allein sein.

Es gab ein paar Presseberichte, aber der Prozess fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, weil ich minderjährig bin. Deshalb hatten die Zeitungen nicht viel, worüber sie schreiben konnten (wobei ich glaube, Saras Vater hatte dabei seine Hände auch im Spiel).

Trotzdem verbreitete sich die Nachricht über den Mordversuch in unserer kleinen Stadt wie ein Lauffeuer. Man kann sich wahrscheinlich ungefähr vorstellen, wie es für mich war, in die Schule zurückzukehren oder überhaupt irgendwo in Weslyn gesehen zu werden. Es wurde getuschelt und mit dem Finger auf mich gezeigt; wo ich auch ging und stand, folgten mir neugierige Blicke. Auf morbide Art war ich ein Star – das Mädchen, das den Tod überlebt hatte.

Selbst die Lehrer behandeln mich anders, fast so, als warteten sie darauf, dass ich irgendwann zusammenbreche. Die kleine Gruppe, die mich an jenem Tag damals mit meiner Situation konfrontiert hat, ist besonders vorsichtig. Immerhin hat ihre Einmischung das Ganze ins Rollen gebracht. Noch vor dem Gespräch mit mir hatten sie bereits die zuständigen Behörden informiert, und als ich dann aus der Schule verschwunden bin, haben sie sofort George angerufen.

Wahrscheinlich hat Carol von diesem Anruf irgendwie Wind bekommen, vielleicht hat auch jemand sie direkt kontaktiert, um den Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Auf jeden Fall wollte sie mich loswerden – und zwar endgültig. Aber letztlich spielt es auch gar keine Rolle, was sie dazu getrieben hat. Jetzt kann sie mir nichts mehr anhaben.

Es tut noch weh. Das bestreite ich nicht, dieses Tagebuch wird sowieso niemand je zu Gesicht bekommen. Mein Knöchel wird wahrscheinlich nie wieder derselbe sein – er bleibt eine ständige Erinnerung an das, was ich erlebt habe. Ich habe gekämpft, um möglichst schnell auf die Beine zu kommen, und stand trotz aller Befürchtungen vier Monaten später wieder auf dem Fußballplatz. Am Anfang habe ich nach jedem Training unter der Dusche geheult, weil der Schmerz nahezu unerträglich war. Jetzt nehme ich ihn kaum noch wahr.

Nichts ist mehr so wie früher. Nichts fühlt sich an wie früher. Ich weiß nicht, wie ich das Sara und Evan erklären soll. Ich bin nicht sicher, ob sie es verstehen würden. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob ich es selbst ganz verstehe.

Sie wollte mich töten.

Ich sage mir immer wieder, dass sie mir nichts mehr anhaben kann. Sie ist im Gefängnis, wo sie, wenn es nach mir geht, bis in alle Ewigkeit bleiben kann. Aber ich fühle mich nicht sicher. Jede Nacht, wenn ich die Augen schließe, ist sie wieder da, als hätte sie nur auf mich gewartet.

Ich muss raus aus dieser Stadt. Weg von den neugierigen Blicken. Weg von den dunklen Schatten, die mich nach wie vor heimsuchen. Weg von dem Schmerz, der mich immer dann lähmt, wenn ich es am wenigsten erwarte. In sechs Monaten kann ich alles hinter mir lassen. Dann fange ich ganz neu an, zusammen mit den beiden Menschen, die ich auf der Welt am meisten liebe.

Andererseits ist mein Leben alles andere als vorhersehbar, und in sechs Monaten kann sich einiges ändern.