/ Language: Deutsch / Genre:prose_classic

Große Erwartungen

Charles Dickens


Große Erwartungen

Boz (Dickens)

Aus dem Englischen von Marie Scott

J. J. Weber, 1862

Inhaltsverzeichnis

I  

1 Eine Jugendbekanntschaft

2 Eine Familienscene

3 Das Zusammentreffen auf der Batterie

4 Die Wache kommt

5 Die Sträflingsjagd

6 Eine böse Nacht

7 Vertrauliche Abendunterhaltungen

8 Ein Schritt vorwärts im Leben

9 Reuige Bekenntnisse

10 Der seltsame Fremde

II  

11 Der Zweikampf

12 Pips Besorgnisse und Hoffnungen

13 Pip kommt in die Lehre

14 Pips Lehrjahre

15 Gegenseitiger Unterricht

16 Der Mordanfall

17 Ein Sonntagsspaziergang

18 Der Anfang von Pips Erwartungen

19 Der Abschied von Hause

III  

20 Mr. Jaggers in seinem Glanze

21 Ein alter Bekanter

22 Miß Havishams Geschichte

23 Erziehungsresultate

24 Mr. Jaggers Sehenswürdigkeiten

25 Pips neue Umgebung

26 Mr. Jaggers in seiner Häuslichkeit

27 Ein Besuch aus der Heimath

28 Neue Räthsel

29 Pip in Liebespein

IV  

30 Doppelte Beichte

31 Ein Bühnenkünstler

32 Ein Besuch in Wemmicks Gewächshaus

33 Pip als Reisecavalier

34 Pip ordnet seine Angelegenheiten

35 Ein Grab

36 Pip wird mündig

37 Ein Besuch in Wemmicks Schloß

38 Herzensverhältnisse

39 Die Entdeckung

V  

40 Ein Sträfling als Gastfreund

41 Dunkle Zukunft

42 Des Sträflings Lebensgeschichte

43 Qualen der Eifersucht

44 Das Bekenntniß

45 Wemmick giebt guten Rath

46 Ein Besuch bei Herbert’s Braut

47 Ein Spion

48 Neue Räthsel

49 Der Abschied

VI  

50 Die Entdeckung

51 Mr. Jaggers in einem neuen Licht

52 Der geheimnisvolle Brief

53 In Todesgefahr

54 Flucht und Entdeckung

55 Eine unvermuthete Trauung

56 Die Verurtheilung

57 Das Krankenlager

58 Die Heimkehr

59 Das Wiedersehen

Teil I

Kapitel 1

Eine Jugendbekanntschaft

Meines Vater Familienname war Pirrip und mein eigener Taufname Philipp, eine Zusammenstellung, aus der meine Kinderzunge nichts Längeres oder Deutlicheres als Pip zu machen im Stande war. Ich nannte mich also Pip und wurde von aller Welt Pip genannt.

Ich nenne Pirrip als den Familiennamen meines Vaters auf die Verantwortung seines Grabsteines und meiner Schwester, der Frau Joe Gargery, welche einen Schmied geheirathet hatte. Da ich meinen Vater und meine Mutter nie gesehen hatte und keine Portraits von ihnen besaß (denn sie lebten lange vor der Periode der Photographie), so bildete ich mir meine ersten Ideen über sie, sehr unverständigerweise, nach ihren Grabsteinen. Die Form der Buchstaben auf dem Leichensteine meines Vaters ließ mich auf den den seltsamen Gedanken kommen, daß er ein stämmiger, starker, brünetter Mann mit krausem, schwarzem Haare gewesen. Aus der Beschaffenheit der Inschrift: “Und Georgiana, Ehefrau des Obengenannten”, zog ich den kindischen Schluß, daß meine Mutter sommersprossig und kränklich gewesen. Fünf kleine Steinplatten, jede etwa anderthalb Fuß lang, lagen alle in einer zierlichen Reihe neben dem Grabe der Mutter und waren dem Andenken fünf kleiner Brüder von mir gewidmet, welche sich ungemein früh von dem allgemeinen Kampfe um die Existenz zurückgezogen. Diesen kleinen Steinen danke ich den Glauben, die Brüderchen wären alle auf dem Rücken liegend und mit den Händen in ihren Hosentaschen geboren worden, aus denen sie dieselben während ihrer irdischen Wallfahrt niemals herausgenommen.

Wir wohnten in der Marschgegend am Flusse, mit den Biegungen des Stromes etwa zwanzig englische Meilen von der See entfernt. Den ersten lebhaften und umfassendsten Eindruck von der Wirklichkeit der Dinge glaube ich an einem denkwürdigen kalten Nachmittage empfangen zu haben. Damals—es war ziemlich gegen Abend—entdeckte ich mit Gewißheit, daß dieser öde, mit Nesseln überwachsene Platz der Kirchhof sei; daß Philipp Pirrip, weiland Mitglied dieses Sprengels, und Georgiana, Ehefrau des Obengenannten, todt und begraben waren; daß Alexander, Bartholomäus, Abraham, Tobias und Roger, Kinder des Obengenannten, dasselbe Schicksal erlitten hatten; daß die unwirkliche, flachen Ebene jenseits des Kirchhofs, welche—von Gräben, Dämmen und Schleusen durchschnitten—zerstreuten Viehheerden zur Weide diente, die Marschen seien; daß die niedrige, bleifarbene Linie der Fluß; daß die ferne, wilde Wüste, aus welcher der Wind herüberbrauste, das Meer, und daß das kleine schaudernde Ding, das sich vor allem Diesen zu fürchten und deshalb zu weinen anfing, Pip war.

“Laß Dein Heulen!” rief eine schreckliche Stimme, und ein Mann sprang zwischen den Gräbern neben dem Vorhäuschen der Kirche empor. “Sei still, Du kleiner Satan, oder ich schneide Dir den Hals ab!”

Ein fürchterlicher Mann, ganz in einen groben, grauen Stoff gekleidet und mit einem großen Eisen am Beine. Ein Mann ohne Hut, mit zerrissenen Schuhen an den Füßen und einem alten Lumpen um den Kopf. Ein Mann, der von Wasser durchnäßt, mit Schlamm bedeckt, von Steinen gelähmt und geritzt, von Nesseln gebrannt und von Dornen zerstochen war, welcher hinkte und zitterte und stierte und brummte, und dem die Zähne im Munde klapperten, als er mich beim Kragen faßte.

“O! schneiden Sie mir nicht den Hals ab, Sir,” flehte ich voll Schrecken; “bitte thun Sie es nicht, Sir.”

“Wie heißt Du?” sagte der Mann. “Schnell!”

“Pip, Sir.”

“Noch ein Mal,” sagte der Mann, mich anstierend. “Heraus damit!”

“Pip, Pip, Sir.”

“Zeig uns, wo Du wohnst,” sagte der Mann. “Zeig uns den Ort!”

Ich deutete nach unserm Dorfe hin, das landeinwärts in der Ebene zwischen den Erlenbäumen und Weiden wohl etwas über eine Viertelstunde von der Kirche lag.

Der Mann kehrte mich nachdem er mich einen Augenblick betrachtet, unterst zu oberst und visitirte meine Taschen. Es fand sich in denselben nichts, als ein Stück Brot. Als die Kirche wieder feststand—denn der Mann war so flink und so stark, daß er sie vor mir einen Purzelbaum schießen ließ, wobei ich den Turm zwischen meinen Beinen erblickte—als, wie gesagt, die Kirche wieder feststand, saß ich zitternd auf einem hohen Grabsteine, während der Fremde gierig das Brod verzehrte.

“Du junger Hund Du,” sagter der Mann, mit den Lippen schmatzend, “was Du für dicke Backen hast.”

Ich glaube, ich hatte dicke Backen, obgleich ich damals nur klein für meine Jahre und nicht sehr kräftig war.

“Ich will gehängt sein, wenn ich sie nicht essen könnte,” sagte der Mann, indem er drohend den Kopf schüttelte, “und ob ich nicht fast Lust dazu habe.”

Ich sprach die ernstliche Hoffnung aus, daß er es nicht thun werde, und klammerte mich fester an den Grabstein, theils um mich darauf zu erhalten, theils um das Weinen zu unterdrücken.

“Jetzt hör mich an!” sagte der Mann. “Wo ist Deine Mutter?”

“Da, Sir!” sagte ich.

Er sprang auf, rannte eine kurze Strecke fort, stand still und blickte über seine Schulter zurück.

“Da, Sir!” erklärte ich furchtsam. “Und Georgiana”—, lesen Sie. Das ist meine Mutter.”

“O!” sagte er zurückkommend. “Und ist das Dein Vater, da neben Deiner Mutter?”

“Ja, Sir,” sagte ich; “das ist er; weiland aus diesem Sprengel.”

“Ha!” murmelte er nachdenklich vor sich hin. “Bei wem lebst Du—gesetzt, ich bin so gut, Dich leben zu lassen, was noch gar nicht ausgemacht ist!”

“Bei meiner Schwester, Sir, Missis Joe Gargery,—Frau von Joe Gargery, dem Schmied, Sir.” “Schmied, wie?” sagte er und blickte auf seine Beine herab.

Nachdem er mehrere Male finster und bald mich und bald sein Bein angeblickt, trat er näher an meinen Grabstein heran, faßte mich bei beiden Armen und kippte mich so weit wie möglich hintenüber, so daß seine Augen auf das gewaltigste in die meinigen und meine Augen auf das hülfloseste in die seinigen schauten.

“Jetzt hör mich an,” sagte er, “es handelt sich drum, ob Du am Leben bleiben sollst, oder nicht. Weißt Du, was ’ne Feile ist?”

“Ja, Sir.”

“Und was Lebensmittel sind?’

“Ja, Sir.”

Nach jeder Frage kippte er mich tiefer hintenüber, um mir ein tieferes Gefühl der Hülflosigkeit und Gefahr zu geben.

“Du wirst mir eine Feile bringen;” hier kippte er mich hintenüber. “Und Du wirst mir Lebensmittel bringen.” Er kippte mich wieder. “Du wirst beides zu mir bringen.” Er kippte mich abermals. “Oder ich will Dir Herz und Leber ausreißen.” Er kippte mich zum vierten Male.

Mir wurde entsetzlich bange und so schwindelig, daß ich mich mit beiden Händen an ihn anklammerte und sagte:

“Wenn Sie wohl so gut sein wollten, Sir, und mich aufrecht sitzen lassen, da würde mir vielleicht nicht übel werden und da könnte ich vielleicht besser aufpassen.”

Er kippte mich noch einmal ganz furchtbar hintenüber, so daß die Kirche eine Satz über ihren eigenen Wetterhahn machte. Dann stellte er mich aufrecht auf den kleinen Stein, hielt mich bei beiden Armen fest und fuhr auf folgende entsetzliche Weise fort:

“Du wirst mir morgen in aller Frühe die Feile und die Lebensmittel bringen. Du wirst mir beides nach der alten Batterie hintragen. Dies wirst Du thun und Dich niemals unterstehn, ein Wort davon zu sagen, oder nur durch ein Zeichen zu verrathen, daß Du Jemand wie mich, oder überhaupt Jemand gesehen hast, und dann sollst Du am Leben bleiben. Falls Du es nicht thust, oder auch nur in dem kleinsten Stücke, wie gering es auch sein mag, von meinen Worten abweichst, so wird man Dir Herz und Leber ausreißen, sie braten und aufessen. Ich bin nicht allein, wie Du dir vielleicht denkst. Es hält sich hier ein junger Mann mit mir versteckt, mit dem verglichen ich ein wahrer Engel bin. Dieser junge Mann hört, was ich sage. Dieser junge Mann versteh es, auf eine heimliche Art und Weise kleinen Jungen und ihren Herzen und Lebern beizukommen. Ein kleiner Junge würde ganz vergebens versuchen, sich vor diesem jungen Manne zu verstecken. Der kleine Junge mag seine Thür verschließen, mag warm im Bette liegen, mag sich noch so fest in seine Bettdecke wickeln, mag sie sogar über den Kopf ziehen, mag glauben, daß er in Gemüthlichkeit und Sicherheit ist—der junge Mann wird sich sachte, sachte zu ihm schleichen und ihm den Bauch aufreißen. Ich halte den jungen Mann in diesem Augenblicke nur mit der größten Mühe davon ab, Dir ein Leid zu thun. Es wird mir sehr schwer, den jungen Mann zu bewegen, Deine Eingeweide in Ruhe zu lassen. Nun, was sagst Du?”

Ich sagte, ich wolle ihm die Feile besorgen, und was ich an Lebensmitteln aufbringen könne, und ihm Beides morgen ganz früh nach der Batterie bringen.

“Sag: Gott straf mich, wenn ichs nicht thue!” sagte der Mann.

Ich sagte es, und dann erst setzte er mich auf die Erde.

“Jetzt,” fuhr er fort, “denk an Das, wozu Du Dich verpflichtet hast, und denk an den jungen Mann, und mach, daß Du nach Hause kommst!”

“Gute Nacht, Sir,” sagte ich zitternd und rannte fort.

“Schöne Aussichten!” sagte er, indem er über die kalte, nasse Ebene hinschaute. “Ich wollt, ich wär ’n Frosch, oder ’n Aal!”

Dabei verschlang er seine Arme, wie wenn er seinen zitternden, schaudernden Körper zusantmenhalten wollte, und hinkte der niedrigen Kirchenmauer zu. Als ich ihn dahingehen und seinen Weg suchen sah zwischen den Nesseln und Disteln, welche die kleinen Hügel umgaben, kam es meinen jungen Augen vor, als bemühe er sich, den Händen der Todten auszuweichen, welche diese vorsichtig aus ihren Gräbern herausstreckten, um ihn beim Knöchel zu packen und zu sich herabzuziehen.

Als er an die niedrige Kirchenmauer kam, stieg er wie ein Mann, dessen Beine steif und gelähmt sind, über dieselbe und schaute Sich dann nach mir um. Als ich dies sah, wandte ich mich schnell dem heimatlichen Dorfe zu und machte den besten Gebrauch vou meinen Beinen. Nach einer kleinen Weile aber blickte ich nochmals über meine Schulter rückwärts und sah ihn wieder mit festverschlungenren Armen dem Flusse zuschreiten, wobei er mit seinen wunden Füßen sich den Weg zwischen den großen Steinen aussuchte, welche man hier und dort auf den Marschen hingeworfen, damit sie in schwerem Regenwetter oder zur Flutzeit als Schrittsteine dienten.

Die Marschen waren, als ich stillstand und ihm nachsah, nichts als eine lange, schwarze, horizontale Linie; der Fluß eine eben solche horizontale Linie, nur lange nicht so breit oder so schwarz, und der Himmel eine Reihe langer, zornig rother und rabenschwarzer Streifen. Am Rande des Flusses vermochte ich noch eben die einzigen beiden dunkeln Gegenstände zu unterscheiden, die in dieser ganzen Aussicht aufrecht zu stehen schienen; der eine derselben war die Feuerbake, nach welcher die Seeleute steuerten —sie sah aus wie eine defecte, auf eine Stange gespießte Tonne—ein häßliches Ding in der Nähe gesehen; der andere ein Galgen, an dem noch die Ketten hingen, in welchen einst ein Pirat gebaumelt hatte. Der Mann humpelte dem Galgen zu, wie wenn er der Pirat gewesen, der wieder aufgelebt, heruntergekommn und jetzt zurückginge, um sich selbst wieder aufzuhängen. Dieser Gedanke verursachte mir ein furchtbares Entsetzen, und als ich sah, wie das Vieh die Köpfe aufrichtete, um dem Fremden nachzublicken, erging ich mich in Muthmaßungen, ob es wohl denselben Gedanken habe. Ich schaute mich rings nach dem schrecklichen jungen Manne um, konnte aber nirgend eine Spur von ihm erblicken. Jetzt aber fing mirs wieder an zu grauen, und ich rannte, ohne mich ferner aufzuhalten, nach Hause.

Kapitel 2

Eine Familienscene

Meine Schwester, Frau Joe Gargery, war über zwanzig Jahre älter als ich und stand bei sich selbst und bei den Nachbarn in dem hohen Rufe, mich “durch die Hand” aufgefüttert zu haben. Da ich zu jener Zeit für eine Erklärung dieses Ausdrucks auf mich selbst angewiesen war, und da ich wußte, daß sie eine harte und schwere Hand besaß, die sie gewohnt war, ihren Mann sowohl als mich ziemlich oft fühlen zu lassen, kam ich zu dem Schlusse, daß Joe Gargery und ich, Beide durch ihre Hand aufgezogen waren.

Meine Schwester war keine hübsche Frau, und ich hatte eine unbestimmte Idee, daß sie Joe Gargery “durch die Hand” vermocht haben mußte, sie zu heirathen. Joe war ein blonder Mann mit flachsfarbenen Locken zu beiden Seiten seines glatten Gesichts und mit Augen von einem so hellen Blau, daß Sie mit ihrem eigenen Weiß zusammenzulaufen schienen. Er war ein sanfter, gutmüthiger, freundlicher, gemüthlicher, närrischer, lieber Kerl—ein Art Hercules an Kraft, und auch an Schwäche.

Meine Schwester, Frau Joe, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen, hatte eine so vorherrschend rothe Haut, daß ich oft die Vermuthung hegte, sie wasche sich, anstatt sich der Seife zu bedienen, mit einer Feile. Sie war eine große, knochige Gestalt und trug fast immer eine grobe Schürze, welche hinten durch zwei Schleifen zusammengehalten wurde und vorn einen viereckigen, unnahbaren Latz hatte, der beständig voller Näh- und Stecknadeln stak. Sie machte es sich selbst zu einem gewaltigen Verdienst und Joe zu einem großen Vorwurfe, daß sie immer diese Schürze trug; —obgleich ich eigentlich gar keinen Grund sehe, weshalb sie dieselbe überhaupt hätte tragen sollen; oder warum sie die Schürze, wenn sie sie wirklich trug, nicht jeden Tag hätte ablegen können. Joe’s Schmiede grenzte an unser Haus, welches von Holz war, wie zu jener Zeit viele Häuser in unserer Gegend, fast alle. Als ich vom Kirchhofe nach Hause gerannt kam, war die Schmiede zugeschlossen und Joe saß allein in der Küche. Da Joe und ich Leidensgefährten waren und als solche einander gegenseitiges Vertrauen schenkten, so machte er mir, sowie ich die Thür öffnete und nach der Stelle hinschaute, an der er saß—am Kamine nämlich, der Thür gegenüber—eine vertraute Mittheilung.

“Missis Joe ist wohl ein Dutzend Mal draußen gewesen, um Dich zu suchen, Pip. Und jetzt ist sie wieder ’naus, ums Bäckerdutzend voll zu machen.”

“Wahrhaftig?”

“Ja, Pip,” sagte Joe, “und was noch schlimmer ist, sie hat den “faulen Peter” mitgenommen.”

Bei dieser betrübenden Nachricht began ich den einzigen Knopf an meiner Weste um und um zu drehen und mit großer Bekümerniß ins Feuer zu blicken. Der faule Peter war ein Rohrstock, der durch die häufige Berührung mit meinem armen Körper bereits blank und glatt geworden.

“Sie setzt sich,” sagte Joe, “und sie steht wieder auf, und packt Petern und dann klabastert sie ’naus. Das that sie”, sagte Joe, indem er langsam zwischen den beiden untersten Eisernstäben das Feuer lichtete und es aufmerksam betrachtete; “sie klabasterte ‘naus, Pip.”

“Ist sie schon lange fort, Joe?” Ich behandelte ihn stets wie eine größere Art von Kind und wie nicht mehr als Meinesgleichen.

“Je nun,” sagte Joe, nach der Wanduhr hinaufblickend, “sie ist dies letzte Mal wohl schon seit fünf Minuten ‘naus klabastert, Pip. Sie kommt! Hinter die Thür, alter Junge, und halt Dir das Handtuch vor!

Ich befolgte seinen Rath. Meine Schwester, Frau Joe, welche die Thür weit öffnete und ein Hinderniß dahinter fühlte, errieth augenblicklich, worin dasselbe bestand, und benutzte Petern zur näheren Untersuchung desselben. Sie endete damit, daß sie mich Joe zuwarf—ich diente ihr häufig als eheliches Wurfstück— welcher, froh, unter irgend welchen Bedingungen meiner habhaft zu werden, mich in den Kamin schob und mit seinem großen Beine eine Schutzmauer vor mir machte.

“Wo bist Du gewesen, Du Fratz Du?” sagte Frau Joe mit dem Fuße stampfend. “Sag mir augenblicklich, was Du gemacht hast, um mich wieder einmal zu Tode zu ängstigen und zu ärgern, oder ich will Dich schon aus dem Kamin herauskriegen, und wenn fünfzig Pipse und fünfhundert Gargerys mich hindern wollten.

“Ich bin bloß auf dem Kirchhofe gewesen,” sagte ich von meinem Winkel aus, indem ich weinend meinen geschlagenen Körper rieb.

“Aufm Kirchhof!” rief meine Schwester aus. “Ja, wäre ich nicht gewesen, so wärst Du längst aufm Kirchhof und bliebst auch dort. Wer hat Dich mit der Hand aufgefüttert?”

“Du,” sagte ich.

Und warum hab ich es gethan, das möcht ich wissen! fuhr meine Schwester fort.

“Das weiß ich nicht,” winselte ich.

“Und ich ganz und gar nicht!” sagte meine Schwester. “Ich würd’s nicht zum zweiten Male thun. Das weiß ich. Ich kann mit Wahrheit sagen, daß ich, seit Du geboren bist, diese Schürze nicht mehr abgelegt habe. Es ist schon schlimm genug, eine Schmiedsfrau zu sein (und noch dazu eines Gargery), ohne auch noch Deine Mutter sein zu müssen.”

Meine Gedanken wanderten von dieser Frage ab, als ich kummervoll ins Feuer blickte. Denn in der wechselnden Glut der Kohlen erhob sich vor den Augen meines Geistes der Flüchtling in den Marschen mit dem Eisen am Beine, der geheimnißvolle junge Mann, die Feile, die Lebensmittel und das furchtbare Gelübde, dem ich mich unterzogen: in diesen schützenden Mauern einen Diebstahl zu begehen.

“Ja!” sagte Frau joe, indem sie Petern seinem Nagel zurückgab. “Aufm Kirchhof! Ihr habt ganz recht, Ihr Beide, wenn Ihr vom Kirchhofe sprecht! (Einer von uns hatte, beiläufig gesagt, desselben gar nicht erwähnt.) Ihr werdet mich noch früh genug dahin bringen, Ihr Beide, und o, ein net–t–tes Paar werdet Ihr abgeben, ohne mich!”

Da sie mit dem Ordnen des Theegeschirres beschäftigt war, sah Joe über sein Bein auf mich herab, wie wenn er sich im Stillen eine Berechnung mache, welch eine Art von Paar wir Beide unter den soeben geweissagten schmerzlichen Umständen wohl in Wirklichkeit abgeben würden. Darauf saß er da und spielte mit seinem Barte und seiner rechten Flachslocke und folgte Frau Joes Bewegungen mit seinen blauen Augen, wie es bei stürmischem Wetter seine Gewohnheit war.

Meine Schwester hatte eine Entschiedenheit in ihrer Art, Butterbrod für uns zu schneiden, die sich immer gleich blieb. Sie drückte das Brod zuerst mit der Linken eng und fest an ihren Latz—aus dem sich zuweilen eine Stecknadel, zuweilen eine Nähnadel in dasselbe einschlich, die wir hernach in den Mund bekamen. Dann nahm sie mit dem Messer etwas Butter (nicht zu viel) und strich dieselbe über das Brod hin, fast auf Apothekermanier, wie wenn sie ein Pflaster striche—wobei sie sich mit einer schlagenden Gewandheit beider Flächen des Messers bediente und rund um die Rinde her die Buter abputzte. Dann strich sie das Messer zu guter Letzt noch ein Mal scharf auf einer Ecke des Pflasters ab und sägte die Scheibe endlich sehr dick rund um das Brod herum; ehe sie dieselbe jedoch von dem Brode trennte, hackte sie sie in zwei Hälften, von denen Joe die eine erhielt und ich die andere.

Bei dieser Gelegenheit indessen wagte ich ungeachtet meines großen Hungers nicht, mein Stück zu essen. Ich fühlte, daß ich für meinen furchtbaren Bekannten und den noch fürchterlichern jungen Mann, seinen Verbündeten, etwas in Reserve halten müsse. Ich wußte, daß Frau Joe ihren Haushalt mit der strengsten Genauigkeit führte, und daß ich in meinen diebischen Nachsuchungen möglicherweise nichts Brauchbares in der Speisekammer finden würde. Deshalb beschloß ich, mein Stück Butterbrod in mein Hosenbein hinabgleiten zu lassen.

Ich fand die Willensanstrengung, deren es zur Ausführung dieses Vorhabens bedurfte, wahrhaft überwältigend. Mir war, als habe ich mich zu entschließen, von dem Dache eines sehr hohen Hauses zu springen, oder als solle ich mich in ein sehr tiefes Wasser stürzen. Und unbewußterweise erschwerte mir Joe noch mein Vorhaben. In unserer bereits erwähnten Freimaurerei als Leidensgefährten und in seiner Gutmüthigkeit gegen mich, war es Abends unsere Gewohnheit, die Art und Weise zu vergleichen, in der wir durch unsere Butterschnitte bissen, indem mir dieselben hin und wieder schweigend zu gegenseitiger Beiwunderung emporhielten— was uns zu neuen Anstrengungen anstachelte. Heute Abend forderte Joe mich zu wiederholten Malen durch Hindeutung auf seine schnell abnehmende Butterschnitte zu unserm gewöhnlichen, freundschaftlichen kleinen Wettstreite auf; aber er sah mich jedes Mal nur mit meinem gelben Theebecher auf dem einen und meiner unberührten Butterschnitte auf dem andern Knie dasitzen. Endlich kam ich verzweiflungsvoll zu der Überzeugung, daß es geschehen müsse, und zwar lieber auf die unter den Umständen am wenigsten unwahrscheinliche Art und Weise. Ich benutzte einen Augenblick, wo Joe mich eben angeschaut hatte, und ließ meine Butterschnitte in mein Hosenbein hinabgleiten.

Joe war augenscheinlich besorgt über Das, was er für einen Appetitverlust hielt, und that einen nachdenklichen Biß in seine Schnitte, der ihm jedoch gar nicht recht zu munden schien. Er drehte den Bissen länger als gewöhnlich im Munde hin und her, dachte lange darüber hin und her und verschluckte ihn endlich wie eine Pille. Er war im Begriffe, einen neuen Biß zu thun, und hatte, um dies desto wirksamer auszuführen, den Kopf bereits auf eine Seite geneigt, als seine Blicke auf mich fielen und er sah, daß meine Butterschnitte verschwunden war.

Die Verwunderung und Bestürzung, in der Joe vor seinem folgenden Einbeißen innehielt und mich anstierte, waren zu augenfällig, um der Beobachtung meiner Schwester zu entgehen.

“Was giebts?” sagte sie scharf, indem sie ihre Tasse niedersetzte.

“Du, weißt Du!” murmelte Joe mit ernstlicher Vorstellung den Kopf gegen mich schüttelnd. Pip, alter Junge! Du wirst Dir Schaden thun. Es wird irgendwo feststecken. Du kannst es unmöglich gekaut haben, Pip.”

“Was ist wieder los?” frug meine Schwester nochmals und zwar noch schärfer als zuvor.

“Wenn Du Etwas davon wieder aufhusten könntest, Pip, so würd ich Dir rathen, es zu thun,” sagte Joe mit verblüfftem Gesichte. “Jeder auf seine Weise, aber Deine Gesundheit geht vor.”

Meine Schwester war jetzt außer sich gerathen; sie stürzte auf Joe zu, und indem sie ihn mit beiden Händen beim Backenbarte faßte, klopfte sie eine Weile mit seinem Kopfe an die Wand hinter ihm, während ich stumm im Winkel saß und mit schuldbewußtem Gemüthe zuschaute.

“Jetzt wirst Du vielleicht so gut sein, zu sagen, was es giebt,” sagte meine Schwester außer Athem, “siehst aus wie ein großes, stierendes, gestochenes Schwein.”

Joe blickte sie hülflos an, that einen hülflosen Biß und blickte dann wieder mich an.

“Du weißt, Pip,” sagte Joe feierlich, mit dem letzten Bissen im Munde, und in einem vertaulichen Tone, wie wenn wie beide ganz allein gewesen wären; “Du und ich wir sind immer Freunde und ich wollte der Letzte sein, der Dich verklatschte. Aber solch ein”—er rückte seinen Stuhl und sah zwischen uns auf den Boden und dann wieder auf mich—“aber solch ein Stück auf einmal zu verschlingen!”

“Schlingt wieder sein Essen hinter, was?” rief meine Schwester.

“Du weißt, alter Junge,” sagte Joe, indem er mit dem Bissen im Munde noch immer mich anstierte, anstatt Frau Joe anzusehen; ich hab auch das Schlingen gekonnt, als ich in Deinem Alter war, und hab manchen gekannt, der’s konnte—aber so wie bei Dir ist mir’s noch nicht vorgekommen, und es ist eine Gnade von Gott, daß Du Dich nicht todt geschluckt hast, Pip.”

Meine Schwester bückte sich nach mir, und langte mich bei den Haaren herauf, wobei sie nichts weiter sagte, als die fürchterlichen Worte: “Jetzt kommst Du mit und nimmst Medicin.”

Es hatte zu jener Zeit irgend ein medicinisches Ungeheuer wieder das Theerwasser als eine ausgezeichnete Medicin in die Mode gebracht, und Frau Joe hielt sich von demselben stets einen Vorrath im Schranke, indem sie ihm Tugenden zuschrieb, die mit seiner Abscheulichkeit correspondirten. Es wurde mir von diesem Elixir schon für gewöhnlich so viel als ausgesuchtes Stärkungsmittel eingeflößt, daß ich mit dem Geruche eines neugetheerten Stakets umherzugehen pflegte. An diesem Abende aber erforderte die besondere Dringlichkeit des Falles ein ganzes Röfel von dieser Mischung, welche mir zur größern Bequemlichkeit in den Hals gegossen wurde, wobei Missis Joe meinen Kopf unter ihrem Arme hielt, wie ein Stiefelknecht einen Stiefel hält. Joe kam mit einem halben Röfel davon, das er (zu seiner großen Verwirrung, während er langsam kauend und grübelnd vor dem Feuer saß) verschlucken mußte, “weil er einen Anfall gehabt”. Nach mir selbst zu urtheilen, mußte er jedenfalls nachher einen Anfall haben, falls er vorher noch keinen gehabt.

Es ist etwas Furchtbares um das Gewissen, wenn es einen Mann oder einen Knaben anklagt; wenn aber—im Falle des Knaben—die heimliche Last desselben noch mit einer andern heimlichen Last in seinem Hofenbeine zusammenwirkt, so ist es (wie ich bezeugen kann) eine schwere Strafe. Das schuldvolle Bewußtsein, daß ich im Begriffe sei, Mrs. Joe zu bemausen—es fiel mir nicht einen Augenblick ein, daß ich Joe selbst bestehlen würde, da mir die Haushaltgegenstände nie wie sein Eigenthum erschienen waren—vereint mit der Nothwendigkeit, fortwährend eine meiner Hände auf der Butterschnitte zu halten, während ich saß oder Befehle meiner Schwester in der Küche auszuführen hatte, trieb mich fast zum Wahnsinn.

Dann schien es mir, als die Marschwinde das Feuer leuchten und flackern machten, als ob ich draußen die Stimme des Mannes mit dem Eisen am Beine hörte, der mich Verschwiegenheit hatte schwören lassen, welche Stimme erklärte, er könne und wolle nicht mehr bis morgen hungern, sondern müsse sofort gefüttert werden. Dann wieder dachte ich; wenn nun der junge Mann, den man mit so großer Mühe abgehalten, seine Hände mit meinem Blute zu beflecken, seiner angeborenen Ungeduld nachgäbe oder ein Versehen in der Zeit machte und sich, anstatt morgen, schon heute Nacht zu meinem Herzen und meiner Leber berechtigt fühlte! Wenn jemals eines Menschen Haar vor Entsetzen zu Berge gestanden, so muß das mit dem meinigen bei diesem Gedanken der Fall gewesen sein. Aber vielleicht ist dies noch niemals vorgekommen?

Es war der heilige Weihnachtsabend, und ich hatte von sieben bis acht—nach der Wanduhr—mit einem Kupferlöffel den Pudding für den nächsten Tag zu rühren. Ich versuchte dies mit der Last an meinem Beine (und das erinnerte mich wieder an den Mann mit der Last an seinem Beine), und fand es unbeschreiblich schwer, die Butterschnitte bei der Bewegung nicht am Knöchel herausgleiten zu lassen. Glücklicher Weise gelang es mir, einen Augenblick fortzuschlüpfen, und diesen Theil meiner Gewissenslast in meine Bodenkammer niederzulegen.

“Horch!” sagte ich, als ich mit dem Rühren fertig war und mich zum Schluß, ehe man mich zu Bette schickte, noch einmal in der Kaminecke durchwärmte; “war das ‘ne Kanone, Joe?”

“Ja!” sagte Joe. “Wieder ein Sträfling ausgekratzt.”

“Was heißt das, Joe?” sagte ich.

Frau Joe, die stets jede Erklärung übernahm, sagte ziemlich bissig: “Entwischt, entwischt;” indem sie uns die Definition ungefähr wie das Theerwasser zukommen ließ.

Während Mrs. Joe sich über ihre Handarbeit beugte, bildete ich mit meinen Lippen für Joe die Worte: “Was ist ein Sträfling?” Joe bildete mit seinen Lippen eine so künstliche Antwort, daß ich nichts als das Wort “Pip” daraus entnehmen konnte.

“Es ist gestenn Abend nach dem Sonnenuntergangsschusse ein Sträfling entwischt,” sagte Joe laut, “und sie gaben den Signalschuß für ihn. Und jetzt geben sie das Signal für einen andern Entwischten.”

“Wer schießt?” sagte ich.

“Zum Henker mit dem Jungen!” sagte meine Schwester, indem sie über ihre Arbeit hinweg die Stirne gegen mich runzelte. “Was Der fragen kann! Thu Du keine Fragen, und man wird Dir keine Lügen sagen.”

Mir schien, daß sie nicht sehr höflich gegen sich war, indem sie andeutete, daß, falls ich ihr Fragen vorlegen, sie mir Lügen sagen würde. Aber sie war nie sehr höflich, außer wenn Besuch da war.

Hier vemehrte Joe meine Neugierde noch um ein Bedeutendes dadurch, daß er sich unbeschreibliche Mühe gab, um seinen Mund sehr weit zu öffnen und mit seinen Lippen ein Wort zu bilden, das mir wie “Hund” aussah. Ich deutete daher natürlich auf Frau Joe und bildete mit meinen Lippen das Wort “sie?” Aber Joe wollte davon gar nicht hören, sondern öffnete nochmals den Mund und brachte die Form eines sehr nachdrücklichen Wortes heraus. Aber ich verstand es nicht im gelingsten.

“Mrs. Joe,” sagte ich, zu meinem letzten Hülfsmittel greifend, “ich möchte gern wissen—wenn Sie so gut sein wollen—wo das Schießen herkommt?”

“Gott erbarme sich des Jungen!” rief meine Schwester aus, als ob sie das eigentlich nicht meine, sondern vielmehr das Gegentheil. “Von den Hulks.”

“O, o!” sagte ich, Joe anblickend: “Hulks!”

Joe hustete vorwurftvoll, wie wenn er sagen wollte: “Na, ich hab’s Dir ja gesagt.”

“Und bitte, was sind die Hulks?” sagte ich.

“So geht es mit diesem Jungen!” rief meine Schwester aus, indem sie mit ihrer Nähnadel auf mich wies und ihr Haupt gegen mich schüttelte. “Man beantworte ihm nur eine Frage, und er ist gleich mit einem Dutzend bei der Hand. Hulks sind Gefangenenschiffe, drüben über den Marschen.”

“Ich möchte wohl wissen, wer in die Gefangenenschiffe kommt, und warum man dahin kommt?” sagte ich, wie beiläufig, mit ruhiger Todesverachtung.

Dies war zu viel für Frau Joe, welche sich augenblicklich erhob. “Ich will Dir was sagen, Junge,” sagte sie; “ich hab Dich nicht mit der Hand aufgezogen, damit Du die Leute zu Tode ärgerst. Es wäre sonst eine Schande für mich, anstatt eines Ruhmes. Man bringt die Leute in die Hulks, weil sie gemordet, gestohlen, gefälscht und allerlei Schlechtigkeiten begangen haben; und sie haben immer damit angefangen, daß sie Fragen gethan haben. Jetzt zu Bett mit Dir!”

Man gestattete mir niemals ein Licht, um zu Bette zu gehen, und als ich im Finstern die Treppe hinanstieg, wobei mir die Ohren sausten—da Frau Joe ihre letzten Worte damit begleitet hatte, daß sie mit ihrem Fingerhute das Tambourin auf meinem Kopfe spielte—hatte ich ein fürchterliches Bewußtsein von der großen Bequemlichkeit, daß die Hulks so nahe für mich lagen. Es war klar, daß ich mich auf dem Wege zu ihnen befand. Ich hatte mit Fragen den Anfang gemacht, und war auf dem Punkte, Frau Joe zu bestehlen.

Seit jener Zeit, die jetzt sehr fern liegt, habe ich oft daran gedacht, wie wenige Menschen wissen, wie verschlossen Kinder durch Furcht werden. Es ist einerlei, wie unverständig diese Furcht, so lange es Furcht ist. Ich war in einer tödtlichen Furcht vor dem jungen Manne, der mein Herz und meine Leber begehrte; ich war in tödtlicher Furcht vor meinem Bekannten mit dem gefesselten Beine; ich war in tödtlicher Furcht vor mir selber, dem man ein fürchterliches Versprechen abgenommen hatte; ich durfte von meiner sonst allmächtigen Schwester, die mich bei jedem Worte fast zurückstieß, keine Hülfe hoffen; ich wage nicht, daran zu denken, was ich im Nothfalle in der Verschwiegenheit meiner Furcht zu thun im Stande gewesen wäre.

Falls ich in dieser Nacht überhaupt schlief, so war dies nur um zu träumen, daß ich mit einer starken Springflut den Hulks zuschwamm, während ein gespenstischer Pirat, als ich an der Galgenstation vorüberkam, mir durch ein Sprachrohr zurief, ich möge nur ans Land kommen und mich gleich dort hängen lassen, und es nicht erst hinausschieben. Ich fürchtete mich, einzuschlafen, selbst wenn ich dazu geneigt gewesen wäre, denn ich wußte, daß ich beim ersten Grauen des Morgens die Speisekammer zu bestehlen hatte. Es war mir dies in der Nacht nicht möglich, denn es gab damals noch keine Zündhölzchen, die man durch leichte Reibung entzündete. Ich hätte, um ein Licht anzumachen, dasselbe mit einem Stahl und Feuerstein auschlagen und einen Lärm machen müssen, wie der Pirat ihn mit seinem Kettenrasseln nicht schlimmer machte.

Sobald sich die große, schwarzsammetne Leichendecke draußen vor meinem Fenster mit Grau zu vermischen begann, stand ich auf und ging hinunter. Jede Stufe, und jedes Knarren jeder Stufe, rief mir nach: “Haltet den Dieb!” und: “Stehen Sie auf, Frau Joe!” In der Speisekammet, welche wegen der Festzeit weit besser versehen war, als gewöhnlich, erschrack ich heftig über einen Hasen, der bei den Beinen aufgehangen war, und der, wie es mir vorkam, mit einem Auge blinzelte, als ich ihm halb den Rücken gewandt hatte. Ich hatte keine Zeit, um mich von der Richtigkeit meiner Vermuthung zu überzeugen, keine Zeit, um eine Wahl zu treffen, keine Zeit zu irgend Etwas, denn ich hatte keine Zeit zu verlieren. Ich stahl etwas Brod, etwas Käserinde, einen zur Hälfte gefüllten Krug mit gehacktem Fleische (den ich mit meiner Butterschnitte von gestern Abend in mein Taschentuch einknotete), etwas Rum aus einem Steinkruge (den ich in ein Fläschchen goß, in welchem ich mir heimlich auf meiner Kammer jenes begeisternde Getränk, genannt Lakritzensaft, bereitete, worauf ich den Inhalt des Steinkruges aus einem Topfe im Küchenschranke verdünnte, einen Knochen mit sehr wenigem Fleisch daran, und eine schöne, compacte runde Fleischpastete. Ich wäre beinahe ohne die Pastete fortgegangen, hätte ich mich nicht veranlaßt gefühlt, auf eines der Breter zu steigen, um mich zu überzeugen, was es sei, das man so sorgfältig in einer verdeckten irdenen Schale in eine Ecke geschoben; und da ich fand, daß es die Pastete war, so nahm ich dieselbe, in der Hoffnung, daß sie nicht zum baldigen Verspeisen bestimmt sein und daher fürs Erste nicht vermißt werden würde.

In der Küche befand sich eine Thür, durch welche man in die Schmiede gelangte; ich schloß die Thür auf, schob den Riegel zurück und nahm unter Joes Werkzeugen eine Feile heraus. Dann schloß ich Alles wieder, wie ich es gefunden hatte, öffnete die Thür, durch welche ich gestern Abend, als ich nach Hause gelaufen kam, eingetreten war, schloß sie wieder und rannte den nebeligen Marschen zu.

Kapitel 3

Das Zusammentreffen auf der Batterie

Es war ein nebeliger, naßkalter Morgen. Ich hatte die Nässe an der Außenseite meines kleinen Fensters gesehen, wie wenn irgend ein Kobold dort die ganze Nacht geweint und das Fenster als Taschentuch benutzt hätte. Ich gewahrte sie jetzt in den kahlen Hecken und auf dem spärlichen Grase, wo sie sich wie eine grobe Art von Spinngewebe von Zweig zu Zweig, von einem Halme zum andern spannte. Schlüpfrige Feuchtigkeit lag auf jedem Staket, auf jedem Pförtchen, und der Marschnebel war so dicht, daß die hölzerne Hand des Wegweisers, welcher den Leuten den Weg in unser Dorf wies—eine Weisung, der sie niemals folgten, denn sie kamen nie—mir unsichtbar blieb, bis ich unter dieser Hand stand. Als ich zu ihr hinaufblickte und sie mich betröpfelte, erschien sie meinem bedrängten Gewissen als ein Gespenst, das mich den Hulks weihte.

Der Nebel wurde noch dichter, als ich in die Marschen hinauskam, so daß Alles auf mich loszulaufen schien, austatt daß ich auf Alles loslief. Dies war sehr unangenehm für ein schuldbeladenes Gemüth. Die Gräben, Schleusen und Dämme kamen durch den Nebel hindurch auf mich zugestürzt, als ob sie mit der größten Deutlichkeit ausriefen: Ein Junge mit einer gestohlenen Schweinfleischpastete! Haltet ihn!

Die Rinder standen mit derselben Plötzlichkeit vor mir, und in ihren stierenden Augen und dampfenden Nüstern lag ein unverkennbares: Hollah, Du junger Dieb! Ein schwarzer Ochse mit einer weißen Cravatte—der für mein erwachendes Gewissen sogar etwas Geistliches hatte—fixirte mich so hartnäckig mit den Augen und drehte seinen dicken Kopf auf so anklagende Weise nach mir um, als ich mich umschaute, daß ich ihm zuschluchzte: “Ich konnte nichts dafür, Sir! ich hab’s nicht für mich selbst genommen!” —worauf er den Kopf neigte, eine Dampfwolke aus den Nüstern blies und mit den Hinterbeinen ausschlagend und mit dem Schweife den Nebel peitschend verschwand.

Unterdessen näherte ich mich dem Flusse. Aber, wie schnell ich auch trabte, ich vermochte nicht, meine Füße zu erwärmen; die nasse Kälte schien an sie angenietet zu sein, wie das Eisen an das Bein des Mannes, zu dem ich hineilte. Ich war mit dem Wege nach der Batterie ziemlich bekannt, denn ich war einmal Sonntags mit Joe dort gewesen, und Joe hatte mir—auf einer alten Kanone sitzend—gesagt, sobald ich erst regelmäßig bei ihm in der Lehre sein würde, wollten wir rechten Jux dort haben!

Von dem Nebel aber völlig verwirrt, war ich, wie ich bemerkte, etwas zu weit nach rechts gegangen, und mußte deshalb am Flußufer entlang auf den wackelnden Steinen, die sich über den Schlamm erhoben, und neben den Pfählen, welche die Wassergrenze zur Flutzeit bezeichneten, zurückgehen. Indem ich in großer Eile meinen Weg verfolgte und eben über einen Graben gesprungen war, von welchein ich wußte, daß er ganz nahe bei der Batterie sei, und jetzt den kleinen Hügel jenseits des Grabens hinankletterte, sah ich plötzlich den Mann vor mir sitzen. Sein Rücken war mir zugewandt und er saß mit verschlungenen Armen und im schweren Schlafe vorwärts nickend da.

Ich dachte mir, er würde sich noch mehr über sein Frühstück freuen, wenn ich auf unerwartete Weise mit demselben vor ihn hinträte, und ging deshalb leise näher und berührte seine Schulter. Er sprang angenblicklich in die Höhe, und da war es nicht der bekannte, sondern ein ganz anderer Mann!

Und doch war dieser Mann ebenfalls in einen groben grauen Stoff gekleidet, und hatte ebenfalls ein Eisen an seinem Beine, und war lahm und heiser und halb erfroren, kurz ganz wie der andere Mann, ausgenommen, daß er nicht dasselbe Gesicht hatte und daß er einen niedrigen breitrandigen Filzhut trug. Alles dies sah ich in einem Augenblicke, denn er war mir überhaupt nur ein Augenblick vergönnt, um es zu sehen. Er stieß einen Fluch gegen mich aus, schlug nach mir—doch es war ein weit ausgeholter aber kraftloser Schlag an mir vorbei in die Luft, so daß er davon fast gefallen wäre, denn er stolperte schon—und lief dann in den Nebel hinein, wobei er noch zwei Mal stolperte,—und dann sah ich ihn nicht mehr.

“Es ist der junge Mann!” dachte ich, und der Gedanke ging mir wie ein Schuß durchs Herz; ich hätte wahrscheinlich auch in der Leber einen Schmerz gefühlt, wenn ich gewußt hätte, wo diese sitzt.

Ich langte darauf bald in der Batterie an, und hier fand ich den rechten Mann, der auf mich wartete, indem er mit verschlungene Armen auf und ab hinkte, und aussah, als ob er dieses Geschäft die ganze Nacht fortgesetzt habe. Es fror ihn wirklich ganz entsetzlich. Ich erwartete fast, ihn vor mir niederstürzen und vor Kälte sterben zu sehen. Auch stierten seine Augen so furchtbar hungrig, daß mir der Gedanke kam, als ich ihm die Feile reichte, er würde sie zu essen versucht haben, falls er nicht mein Bündel geseben. Er drehte mich dies Mal nicht kopfüber, um sich Das zu verschaffen, was ich bei mir hatte, sondern ließ mich aufrecht stehen, während ich mein Bündel öffnete und meine Taschen leerte.

“Was hast Du in der Flasche, Junge?” sagte er.

“Rum,” sagte ich.

Er war bereits beschäftigt, auf die merkwürdigste Weise von dem gehackten Fleische in seinen Hals hinunter zu werfen—mehr wie Jemand, der in größter Eile Etwas bei Seite thut, als wie Jemand der ißt—aber er unterbrach sich, um der Flasche zuzusprechen. Er zitterte hierbei so heftig, daß es mir ein Wunder schien, wie er den Hals der Flasche zwischen den Zähnen hielt, ohne ihn abzubeißen.

“Ich glaube, Sie haben das kalte Fieber,” sagte ich.

“Darin bin ich ziemlich Deiner Ansicht, Junge,” sagte er.

“Es ist sehr schlimm in dieser Gegend,” fuhr ich fort; “Sie haben hier draußen in den Marschen gelegen und die sind schrecklich kaltfieberig und rheumatisch.”

“Ich will wenigstens frühstücken, ehe sie mich umbringen,” sagte er. “Ich will mein Frühstück essen, und wenn ich gleich hinterher da drüben an dem Galgen baumeln müßte. Ich will wenigstens so weit Herr über dies Zittern sein, das versprech ich Dir.”

Dabei aß er fortwährend von dem gehackten Fleische, dem Braten, dem Brode, Käse und der Schweinsfleichpastete—und von Allem zu gleicher Zeit, wobei er jedoch mißtrauisch in den Nebel stierte, der uns umgab, und oft innehielt—im Kauen sogar— um zu horchen. Irgend ein wirklicher oder eingebildeter Schall, etwa ein Klirren auf dem Flusse oder das Schnauben eines der Ochsen auf den Marschen, machte ihn jetzt zusammenfahren, und er sagte plötzlich:

“Du bist doch kein hinterlistiger kleiner Teufel? Du hast doch wohl Niemand mitgebracht?”

“Nein, Sir! Nein!”

“Oder hast Du irgend Jemand aufgetragen, Dir nachzugehen?”

“Nein!”

“Nun”, sagte er, “ich glaube Dir. Du wärest wahrhaftig ein boshafter junger Hund, wenn Du in Deinen Jahren schon im Stande wärest, ein elendes Geschöpf jagen zu helfen, das dem Tode und Düngerhaufen so nahe gehetzt ist, wie ich elendes Geschöpf es bin.”

Es klang Etwas bei ihm, als wenn er ein Uhrwerk im Halse hatte, das im Begriffe war zu schlagen, und er fuhr mit seinem zerlumpten, groben Aermel über seine Augen.

Da er mir in seiner Verlassenheit leid that und ich sah, wie er sich allmälig durch die Pastete beruhigte, faßte ich Muth, zu sprechen:

“Es freut mich, daß es Ihnen schmeckt.”

“Sagtest Du was?”

“Ja, ich sagte, es freute mich, daß es Ihnen schmeckt.”

“Danke, mein Junge; ja, es schmeckt mir.”

Ich hatte oft einen großen Hund, den wir hielten, beim Fressen beobachtet, und bemerkte jetzt eine entschiedene Aehnlichkeit zwischen der Art und Weise des Hundes und des Mannes bei dieser Beschäftigung. Der Mann machte starke, scharfe, plötzliche Bisse, gerade wie der Hund. Er verschluckte, oder vielmehr schnappte jeden Bissen eben so schnell und hastig auf, und blickte, während er aß, seitwärts hierhin und dorthin, als ob er in jeder Richtung Gefahr ahne, daß Jemand kommen und ihm seine Pastete fortnehmen werde. Mir schien überhaupt, daß sein Gemüth zu unruhig war, um ihn sein Mahl gehörig genießen zu lassen. Er würde, falls Jemand mit ihm gespeist hätte, dachte ich mir, nach seinem Gaste gebissen haben. In allen diesen Einzelnheiten hatte er wirklich viel Aehnlichkeit mit dem Hunde.

“Ich fürchte, Sie werden nichts für ihn übrig lassen,” sagte ich furchtsam und zögernd nach einem Schweigen, während dessen ich überlegt hatte, ob die Bemerkung auch nicht unhöflich erscheinen würde. “Es ist nichts mehr zu holen, wo Das herkommt.” Es war die Gewißheit über dieses Factum, die mich trieb, ihm diesen Wink zu geben.

“Nichts für ihn übrig lassen? Für wen?” sagte mein Freund, indem er im Kauen seiner Pastetenrinde innehielt.

“Der junge Maun, von dem Sie sprachen, und der sich mit Ihnen versteckt hält.”

“Ah, so!” erwiederte er mit einer Art rauhen Lachens. “Für ihn! Ja wohl! Aber der braucht nichts zu essen.”

“Er sah mir aber doch aus, als ob er es wohl nöthig hatte,” sagte ich.

Der Mann hielt im Essen inne und betrachtete mich mit forschendem, höchst erstauntem Blicke.

“Sah so aus? Wann?”

“Jetzt eben.”

“Wo?”

“Da drüben,” sagte ich, mit bezeichnendem Winke hindeutend, “wo ich ihn schlafend dasitzen fand, und meinte, daß Sie es wären.”

Er faßte mich beim Kragen und stierte mich so entsetzlich an, daß ich zu fürchten begann, es sei ihm sein erster Gedanke in Bezug auf das Halsabschneiden wieder eingefallen.

“Gerade so angezogen, wie Sie, wissen Sie, nur daß er einen Hut aufhatte,” erklärte ich bebend; “und—und,” es lag mir sehr daran, mich hier zart auszudrücken—“und—mit demselben Grunde, um eine Feile zu borgen. Haben Sie gestern Abend nicht die Kanone gehört?”

“Es wurde also doch geschossen!” sprach er zu sich selbst.

“Es wundert mich, daß Sie das nicht gewiß wissen,” entgegnete ich, “denn wir hörten es zu Hause, und das ist viel weiter davon, und außerdem waren wir in der Stube.”

“Ja, sieh!” sagte er. “Wenn ein Mensch auf diesen Marschen hier so ganz allein ist, mit ’nem brummenden Kopf und leerem Magen, und dazu vor Kälte und Hunger beinahe umkommt, so hört er die ganze Nacht nichts Anderes, als das Schießen von Kanonen und das Rufen von Stimmen. Hört, sag ich? Er sieht die Soldaten mit ihren rothen Jacken in dem hellen Schein ihrer Fackeln immer näher kommen, Hört seine Nummer, hört sich selbst aufrufen, hört das Rasseln der Gewehre, hört das Comando: Ladet! Fertig! Legt an! nehmt ihn gehörig aufs Korn! Vorwärts, Marsch! Er wird gepackt, und dann ists ein Traum. Ich habe diese Nacht nicht eine, sondern hundert Patrouillen gesehen, die mit ihrem verdammten Trapp-Trapp in Reih und Glied heranrückten. Und was das Schießen anbelangt, so habe ich den Nebel bei hellem Tage von dem Kanonenschusse zittern sehen. Aber dieser Mann”—er hatte alles Uebrige gesprochen, als ob er ganz vergessen, daß ich zugegen war—“hast Du irgend Etwas an ihm bemerkt?”

“Er hatte ein bös zerkratztes Gesicht,” sagte ich, kaum sicher, daß ich es wußte.

“Hier etwa?” rief der Mann aus, indem er erbarmungslos mit der flachen Hand auf seine linke Wange schlug.

“Ja! Gerade da!”

“Wo ist er?” Er packte das Wenige, was von den Lebensmitteln noch übrig blieb, in die Tasche seiner grauen Jacke. “Zeig mir, nach welcher Richtung er hinging. Ich will ihn zu Boden reißen, wie ein Schweißhund. Dies verfluchte Eisen an meinem wunden Beine! Gieb mir die Feile her, Junge.”

Ich zeigte ihm die Richtung, in welcher der andere Mann in dem Nebel verschwunden war, und er blickte einen Augenblick dorthin. Gleich darauf aber kniete er auf dem nassen Grase und seilte wie ein Wahnsinniger an dem Eisen, wobei er weder auf mich, noch auf sein Bein Rücksicht nahm, welches letztere eine alte Wunde zeigte und blutig war, das er aber auf eine so rauhe Weise behandelte, als ob es nicht mehr Gefühl besessen, wie die Feile selbst. Ich fürchtete mich jetzt, da er sich in diese wüthende Hast hineingearbeitet hatte, wieder sehr vor ihm, und mir wurde auch bange, zu lange von Hause fortzubleiben. Ich sagte ihm, ich müsse gehen, doch nahm er keine Notiz von mir, und so hielt ich es fürs Beste, sachte fortzuschlüpfen. Das Letzte, was ich von ihm sah, war, wie er, den Kopf über das Knie gebeugt, heftig an seiner Fessel arbeitete, wobei er ungeduldige Verwünschungen gegen dieselbe und gegen sein Bein murmelte. Das Letzte, was ich von ihm hörte, als ich zu horchen stillstand, war das fortwährende Kreischen der Feile.

Kapitel 4

Die Wache kommt

Ich war vollkommen darauf vorbereitet, einen Constabel in der Küche vorzufinden, der gekommen sei, um mich zu verhaften. Doch war nicht allein kein Constabel angelangt, sondern auch der Diebstahl noch nicht einmal entdeckt.

Frau Joe war unbeschreiblich beschäftigt, das Haus für die Festlichkeiten des Tages herzurichten, und Joe war auf die Küchenschwelle gestellt worden, damit er nicht vor die Kehrichtschaufel geriethe —ein Gegenstand, mit welchem ihn sein Schicksal unfehlbar in Collision brachte, wenn meine Schwester die Stuben gründlich zu kehren im Begriff war.

“Und wo in aller Welt bist Du gewesen?” war Frau Joes Weihnachesgruß, als ich und mein Gewissen und sehen ließen.

Ich sagte, ich sei bei der Weihnachtsmusik gewesen.

“Ah! Nun,” sagte Frau Joe, “Du hättest Schlimmeres thun können.”

“Das unterliegt keinem Zweifel”, dachte ich.

“Wenn ich nicht eine Schmiedsfrau und (was ganz dasselbe ist) eine Sklavin wäre, die ihre Schürze nie ablegt, hätte ich auch vielleicht hingehen können, um die Weihnachtsmusik zu hören,” sagte Frau Joe. “Ich höre sie sehr gern, die Weihnachtsmusik, und das ist natürlich der Grund, weshalb ich sie nie zu hören kriege.”

Joe, der sich mir nach in die Küche gewagt hatte, als die Kehrichtschaufel sich vor und zurückzog, strich sich, wenn Frau Joe ihn ansah, mit begütigender Miene mit der Hand über die Nase, und als sie wegsah, legte er heimlich seine beiden Zeigefinger übereinander, um mir dadurch anzudeuten, daß sie wieder einmal ein Kreuz für ihn sei. Dies war so sehr ihr Normalzustand, daß Joe und ich oft wochenlang mit Bezug auf unsere Finger für wahre Kreuzfahrer gelten konnten.

Wir sollten ein prachtvolles Essen haben, bestehend aus gesalzenem Schweinfleisch mit Grünkohl und einem Paar gebratener Kapaunen. Eine schöne Pastete von gehacktem Fleische war bereits am Tage vorher angefertigt (was wohl den Umstand erklärte, daß das übriggebliebene Fleisch noch nicht vermißt wurde), und der Pudding war eben jetzt im Kochen. Diesen großartigen Arrangements hatten wir es zu verdanken, daß wie ohne alle Ceremonie in Bezug auf Frühstück abgefertigt wurden; “denn,” sagte Frau Joe: “es fällt mir gar nicht ein, bei Allem, was ich noch zu thun habe, noch ein feierliches Frühstücken und Vollstopfen und Aufwaschen für Euch anzustiften, das versichere ich Euch!”

Demnach wurden uns unsere Butterbrodstücke ausgetheilt, als wenn wir zweitausend Mann Truppen auf einem Geschwindmarsche gewesen wären, anstatt nur ein Mann und ein Knabe zu sein; wozu wir mit abbittenden Gesichtern aus einem Kruge auf dem Anrichtetische Milch und Wasser tranken. Inzwischen hängte Frau Joe frische weiße Fenstervorhänge auf, nagelte eine neue geblümte Garnirung anstatt der alten über den breiten Kamin hin, und öffnete das kleine Staatszimmer jenseit des schmalen Vorsaales, das zu keiner andern Zeit des Jahres benutzt wurde, sondern den Rest desselben in einem kühlen Schleier von Seidenpapier zubrachte, der sich sogar auf die vier kleinen weißen Porzellanpudel auf dem Kaminsimse erstreckte, von welchen jeder eine schwarze Schnauze hatte, einen Blumenkorb im Maule trug und genau das Ebenbild des andern war. Frau Joe war eine sehr reinliche Haushälterin, besaß aber die ausgezeichnete Kunst, ihre Reinlichkeit ungemüthlicher und abstoßender zu machen, als die Unsauberkeit selbst. Reinlichkeit kommt nach der Gottseligkeit, aber es giebt Leute, die auch die Gottseligkeit unausstehlich machen.

Da meine Schwester so viel zu thun hatte, ging sie durch Stellvertreter in die Kirche, das heißt Joe und ich gingen hin. In seinen Arbeitskleidern war Joe ein wohlgebauter, charakteristisch aussehender Schmied; in seinen Sonntagskleidern aber sah er eher wie eine Vogelscheuche in guten Vermögensverhältnissen, als wie sonst irgend Etwas aus. Nichts, das er an diesen Tagen trug, schien ihm zu passen oder ihm zu gehören; seine Kleider spannten Joe förmlich in den Bock. Bei gegenwärtiger Gelegenheit trat er in einem vollen Staate von Sonntagsbußkleidern aus seiner Stube und sah aus, wie ein Bild des Jammers. Was mich betrifft, so muß meine Schwester eine allgemeine Idee gehabt haben, daß ich als ein junger Missethäter geboren, von einem Constabel (an meinem Geburtstage) in Empfang genommen, arretirt und ihr übermacht worden, damit sie die beleidigte Majestät des Gesetzes an mir räche. Ich wurde stets behandelt, als ob ich gegen alle Vorschriften der Vernunft, der Religion, der Moralität und gegen das Abreden meiner besten Freunde darauf bestanden habe, geboren zu werden. Selbst wenn ich zum Schneider geführt wurde, damit er mir einen neuen Anzug mache, erhielt der Künstler Befehl, mir die Kleider wie eine Art Besserungsmittel anzufertigen und mir unter keiner Bedingung den freien Gebrauch meiner Glieder zu gestatten.

Joe und ich mußten daher, wenn wir zur Kirche gingen, für mitleidige Seelen einen rührenden Anblick abgeben. Und doch waren meine äußeren Leiden gar nichts im Vergleiche mit dem, was ich im Innern dulden mußte. Die Angst, welche mich befiel so oft Frau Joe in die Nähe der Speisekammer, oder auch nur aus der Stube gegangen war, kam nur den Gewissensbissen gleich, die ich bei dem Gedanken an Das fühlte, was meine Hände gethan. Unter der Last meines gottlosen Geheimnisses überlegte ich, ob wohl die Kirche mächtig genug sein würde, mich gegen die Rache des furchtbaren jungen Mannes zu schützen, falls ich mich ihr offenbarte? Es kam mir der Gedanke, daß der Augenblick, wo man das Aufgebot lesen und der Geistliche: So erklärt es denn jetzt! sagen würde, der geeignete Moment für mich sein dürfte, um mich zu erheben und um eine Privatconferenz in der Sacristei zu bitten. Ich bin weit entfernt, mit Bestimmtheit zu versichern, daß ich nicht unsere kleine Gemeinde durch diese äußerste Maßregel in Erstaunen gesetzt haben würde, falls es nicht gerade statt eines gewöhnlichen Sonntags Weihnachtstag gewesen wäre.

Mr. Wopsle, der Küster, sollte bei uns zu Mittag speisen; sowie Mr. Hubble, der Stellmacher, und Gemahlin; und Onkel Pumblechook (Joes Onkel, aber Frau Joe eignete ihn sich zu), der ein wohlhabender Krämer im nächsten Städtchen war und in seinem eigenen Wagen fuhr. Die Stunde des Essens war halb zwei Uhr. Als Joe und ich zu Hause anlangten, fanden wir, daß der Tisch gedeckt, Frau Joe festlich gekleidet, das Mittagsmahl in seiner Zubereitung weit vorgeschritten, die vordere Hausthür, durch welche die Gesellschaft ihren Einzug halten sollte (was zu keiner andern Zeit vorfiel), geöffnet, kurz daß Alles im höchsten Grade glänzend war. Und noch immer kein Wort von dem Diebstahle!

Die Zeit kam, ohne meinen Gefühlen Erleichterung zu bringen, und mit ihr kamen die Gäste. Mr. Wopsle, im Besitz einer römischen Nase und einer großen, blanken, kahlen Stirne, hatte eine sehr tiefe Stimme, auf welche er ungemein stolz war. Man sagte sogar unter seinen Bekannten, daß er den Geisstlichen, falls man ihm den Willen ließe, “zum Sack hinein und heraus” lesen würde. Er selbst bekannte, daß, falls die Kirche “offen” wäre, womit er meinte: für Concurrenz offen, so würde er nicht daran verzweifeln, sich noch in derselben bemerkbar zu machen. Da die Kirche aber nicht “offen” war, so blieb er, wie schon erwähnt, unser Küster. Aber er strafte die “Ammens” fürchterlich; und wenn er das Lied angab—wobei er stets den ganzen Vers vortrug—blickte er rund in der Gemeinde umher, wie wenn er sagen wollte; “Ihr habe meinen Freund, den Pfarrer, da über mir gehört; jetzt möchte ich wissen, was Ihr zu diesem Style sagt!”

Ich ließ die Gesellschaft ein—indem wir thaten, als ob die Thür für gewöhnlich geöffnet werde—und zwar zuerst Mr. Wopsle, dann Mr. und Frau Hubble und zuletzt Onkel Pumblechook. NB. Mir war unter Androhung der schwersten Strafen verboten, ihn Onkel zu nennen.

“Frau Joe,” sagte Onkel Pumblechook, ein großer, schwer athmender, langsamer Mann in mittleren Jahren, mit einem Munde wie ein Fisch, matt stierenden Augen und sandfarbenem Haare, das auf seinem Haupte gerade in die Höhe stand, so daß er aussah, als ob er soeben im Begriffe gewesen, zu ersticken, und sich in dieser Minute erst wieder erholt habe; “ich habe Ihnen, dem Feste zu Ehren—habe ich Ihnen, Madam, eine Flasche Cherrywein gebracht—und ich habe Ihnen, Madam, eine Flasche Portwein gebracht.”

An jedem Christtage erschien er, als wie mit etwas ganz Neuem, mit genau denselben Worten und indem er die beiden Flaschen wie ein Paar Keulen trug. Und an jedem Christtage entgegnete Frau Joe, wie sie es jetzt that: “O, Onkel Pum-ble-chook! Dies ist zu freundlich!” Und jeden Christtag erwiederte er, wie jetzt: “Es ist nicht mehr, als was Ihnen zukommt. Und nun, wie gehts Euch Allen und was macht der kleine Taugenichts?” womit er mich meinte.

Wir speisten bei diesen Gelegenheiten in der Küche und zogen uns dann zu dem aus Aepfeln, Nüssen und Apfelsinen bestehenden Dessert in das Staatsstübchen zurück, was eine Abwechselung war, die ungefähr dem Wechsel von Joes Arbeitskleidern zu seinen Sonntagskleidern entsprach. Meine Schwester war diesmal außerordentlich lebhaft, wie sie überhaupt gewöhnlich in Frau Hubbles Gesellschaft weit liebenswürdiger war, als in irgendeiner sonstigen. Ich entsinne mich Frau Hubbles als einer lockigen, spitzigen kleinen Person, in Himmelblau gekleidet, die traditionell eine jugendliche Stellung einnahm, weil sie—ich weiß nicht zu welcher entlegenen Zeit—Mr. Hubble geheirathet hatte, als sie viel jünger gewesen als er. Ich entsinne mich des Mr. Hubble als eines zähen, hochschulterigen, gebeugt gehenden alten Mannes mit einem sägespänigen Dufte und sehr weit gespreizten Beinen: so daß ich in meinen jüngeren Tagen immer einige Meilen offenen Landes zwischen ihnen liegen sah, wenn ich ihm draußen begegnete.

In dieser ehrenwerthen Gesellschaft würde ich mich, selbst wenn ich die Speisekammet nicht geplündert gehabt, in einer falschen Stellung gefühlt haben. Nicht weil ich an einer scharfen Ecke des Tisches eingeklemmt saß, die sich mir in die Brust bohrte, während der Pumblechookische Ellbogen mein Auge traf; nicht weil ich nicht sprechen durfte (mich verlangte gar nicht danach, zu sprechen), noch weil man mich mit den sehnigen Stücken der Keulen von den Kapaunen tractirte, und mit jenen obscuren Fetzen des Schweinefleisches, auf welche das Schwein, da es noch lebte, am wenigsten Ursache hatte, stolz zu sein. Nein; das Alles hätte mich nicht bekümmert, wenn man mich nur hätte in Ruhe lassen wollen. Aber dies war der Gesellschaft unmöglich. Sie schienen die Gelegenheit für eine verlorene anzusehen, falls sie die Unterhaltung nicht auf mich richteten und mich alle Augenblicke die Schärfe desselben fühlen ließen. Ich hätte eben so gut ein unglückseliger kleiner Stier in einer spanischen Arena sein können, so erbarmungslos wurde ich von diesen moralischen Picadores gestachelt.

Es fing an, so wie wir uns nur zu Tische gesetzt hatten. Mr. Wopsle sprach den Segen mit theatralischer Declamation—wie es mir jetzt vorkommt, wie ein religiöses Mittelding zwischen dem Gespenst im Hamlet und Richard dem Dritten—und schloß mit der sehr angenehmen Hoffnung, daß wir “aufrichtig dankbar” sein möchten. Worauf meine Schwester mich mahnend fixirte und mit leiser, vorwurfsvoller Stimme sagte: “Hörst Du’s? Dankbar sollst Du sein.”

“Und besonders, “sagte Onkel Pumblechook, “sei dankbar, Junge, Denjenigen, die Dich mit der Hand aufgefüttert haben.”

Frau Hubble schüttelte den Kopf und frug, indem sie mich mit einem kummervollen Vorgefühle betrachtete, daß nichts Gutes aus mir werden könne; “Wie geht es nur zu, daß die Jugend niemals dankbar ist?”

Dieses moralische Geheimniß schien zu tief für die Gesellschaft, bis Mr. Hubble es ganz kurz mit den Worten löste: “Von Natur sündhaft.”

Alle murmelten: “Sehr wahr!” und blickten mich auf besonders unangenehme persönliche Weise an.

Joes Ansehen und Einfluß waren (wo möglich), wenn Gesellschaft da war, noch geringer als gewöhnlich. Aber er tröstete mich stets und stand mir bei, wo er nur konnte, und zwar auf seine eigene Weise, welche bei Tische darin bestand, daß er mir Brühe gab, wenn welche vorhanden war. Da heute reichlich Brühe da war, löffelte Joe hier ungefähr ein halbes Nösel davon auf meinen Teller.

Als das Essen etwas vorgeschritten war, nahm Mr. Wopsle mit einiger Strenge die Predigt durch und deutete, für den wie gewöhnlich vorausgesetzten Fall, wo die Kirche “offen” wäre, darauf hin, welch eine Art von Predigt er gehalten haben würde. Nachdem er die Gesellschaft mit einigen Hauptpunkten aus jener Rede beehrt, bemerkte er, daß er den Gegenstand der heutigen Homilie für schlecht gewählt halte; was um so weniger zu entschuldigen, fügte er hinzu, da es doch in den Welt so viele Gegenstände gebe.

“Wieder wahr,” sagte Onkel Pumblechook. “Sie habens getroffen, Sir! Gegenstände genug giebts in der Welt für Die, welche sie anzugreifen verstehen. Daran liegts bloß. Man braucht gar nicht weit zu gehen, um einen Gegenstand zu finden, wenn man ihn nur anzufassen weiß.” Dann fügte Mr. Pumblechook nach kurzem Nachdenken hinzu; “Nehmt nur einmal Schweinefleisch. Ist das kein Gegenstand? Wenn Ihr einen Gegenstand braucht, da nehmt nur einmal Schweinefleisch!”

“Sehr wahr, Sir. Man könnte aus einem solchen Text manche Lehre für die Jugend ziehen,” sagte Mr. Wopsle; und ich wußte, ehe er es noch aussprach, daß er mich in die Sache hineinziehen würde.

(“Höre wohl zu!” sagte meine Schwester in strenger Parenthese zu mir.)

Joe gab mir noch etwas Brühe.

“Schwein,” fuhr Mr. Wopsle mit seiner tiefsten Stimme fort und indem er mit seiner Gabel auf meine errötheten Wangen deutete, wie wenn er meinen Taufnamen ausgesprochen hätte, “Schwein und Sau begleiteten den verlornen Sohn. Man führt uns die Gefräßigkeit der Schweine als ein abschreckendes Beispiel für die Jugend an.” (Mir schien dies vollständig treffend für Wopsle, der eben erst das Schweinfleisch als fett und saftig gelobt hatte.) “Was in einem Schweine zu verabscheuen ist, ist noch viel mehr bei einem Knaben zu verabscheuen.’‘

“Oder Mädchen,” meinte Mr. Hubble.

“Natürlich, bei einem Mädchen auch, Mr. Hubble, “sagte Mr. Wopsle etwas gereizt, “aber hier ist ja kein Mädchen anwesend.”

“Und überdies,” sagte Mr. Pumbleckook sich scharf zu mir wendend, “bedenke, wofür Du dankbar zu sein hast. Wenn Du als Quiekferkel in die Welt gekommen wärest—”

“Das war er, wenn es je eines gegeben hat,” sagte meine Schwester nachdrucksvoll.

Joe gab mir noch etwas Brühe.

“Nun ja, aber ich meine als vierfüßiges Ferkel,” sagte Mr. Pumblechook. “Wenn Du als ein solches geboren worden, wärest Du da jetzt wohl hier? Fällt Dir gar nicht ein—”

“Ausgenommen in jener Gestalt”, sagte Mr. Wopsle, der Schüssel zunickend.

“Aber von der Gestalt spreche ich nicht, Sir,” erwiederte Mr. Pumblechook, dem es unangenehm war, unterbrochen zu werden. “Ich meine, indem er sich mit ältern und besseren Leuten unterhielte und dadurch bildete, und indem er im Schooße des Wohlstandes schwelgte. Hätte er das thun können? Nein, gewiß nicht. Und was wäre wohl Deine Bestimmung gewesen?” fragte er abermals zu mir gewandt. “Man hätte Dich für so und so viel Schillinge, je nach dem Marktpreise des Artikels verkauft, und Dunstable der Fleischer wäre an Dein Strohlager getreten, hätte Dich unter seinen linken Arm gesteckt, und mit dem rechten seinen Rockschooß in die Höhe gehoben, um sein scharfes Messer herauszunehmem, und hätte Dein Blut vergossen und Dir Dein Leben genommen. Da hätte es kein Auffüttern durch die Hand für Dich gegeben. Nicht die Spur!”

Joe hot mir noch etwas Brühe an, die ich mich jedoch anzunehmen fürchtete.

“Er war Ihnen eine ungeheure Mühe, Madam,” sagte Frau Hubble, meine Schwester bemitleidend.

“Mühe? Mühe?” wiederholte meine Schwester. Und dann begann sie einen furchtbaren Katalog von all den Krankheiten, die ich mir hatte zu Schulden kommen lassen, von all den Schlaflosigkeiten die ich begangen, von all den hohen Plätzen, von denen ich herabgefallen, und all den niedrigen, in die ich hineingeplumpst, von all den Verletzungen, die ich mir zugefügt, und von den vielen Malen, wo sie gewünscht hatte, daß ich in meinem Grabe wäre, und ich mich auf das widerspänstigste geweigert, mich dorthin zu verfügen.

Ich denke mir, die Römer müssen einander sehr durch ihre Nasen geärgert haben. Vielleicht wurden sie in Folge derselben die unruhigen Leute, die sie waren. Jedenfalls ärgerte Mr. Wopsles römische Nase mich in dem Grade während der Aufzählung meiner Vergehen, daß ich mich sie zu zwicken sehnte, bis er heulen würde. Aber Alles, was ich bisher erduldet, war wie gar nichts im Vergleiche mit den fürchterlichen Gefühlen, welche mich in der Pause nach meinen Schwester Erzählung ergriffen, in welcher Pause Alle (wie ich mir schmerzlich bewußt war) mich mit Entrüstung und Abscheu angeblickt hatten.

“Indeß,” sagte Mr. Pumblechook, indem er die Gesellschaft geschickt zu dem Thema zurückführte von welchem sie abgeschweift war, “ist Schweinfleisch, wenn gekocht, zu fett, nicht wahr?”

“Nehmem Sie einen kleinen Rum, Onkel,” sagte meine Schwvester.

O Himmel, endlich war es gekommen! Er mußte ihn schwach finden, würde dies sagen, und ich war verloren! Ich klammerte mich mit beiden Händen fest unter dem Tischtuche an das Tischbein und erwartete mein Schicksal.

Meine Schwester ging um den Steinkrug zu holen, brachte denselben mit zurück und schenkte ihm sein Glas daraus voll. Es wollte sonst Niemand Rum trinken. Der Unglückliche spielte mit seinem Glase, nahmes auf, hielt es gegen das Licht, setzte es wieder nieder und verlängerte meine Qual. Inzwischen waren Frau Joe und Joe eifrig beschäftigt, auf dem Tische für Pudding und Pastete Platz zu machen.

Ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden. Indem ich mich fortwährend mit Händen und Füßen fest an das Tischbein klammerte, sah ich den Unglücklichen endlich wieder mit dem Glase zu tändeln anfangen, dann es erheben, lächeln, den Kopf zurücklegen und den Rum hinuntergießen. Augenblicklich hinterher aber ergriff die Gesellschaft eine unaussprechliche Bestürzung, als er aufsprang, sich mehre Male in einer Art von krampfhaftem Keuchhustentanze rundum drehte und dann aus dem Zimmer stürzte; darauf erblickte man ihn durchs Fenster, wie er heftig umherstampfte, gräßliche Gesichter schnitt und dem Anscheine nach den Verstand verlor.

Ich hielt mich noch immer am Tische fest, während Frau Joe und Joe zu ihm hinauseilten. Ich wußte nicht, wie ich es gemacht, aber ich hegte keinen Zweifel, daß ich ihn auf irgend eine Weise ermordet hatte. In dieser meiner fürchterlichen Lage war es mir eine große Erleichterung, als er zurückgebracht wurde und, indem er sich rund in der Gesellschaft umschaute, als ob sie es sei, die ihm nicht gut bekommen, auf seinen Stuhl sank und mit einem kurzen Schnappen das inhaltschwere Wort “Theer” aussprach. Ich hatte die Rumflasche aus dem Theerwasserkruge wieder gefüllt. Ich wußte, daß sich Pumblechook bald noch schlechter befinden werde. Der Tisch bewegte sich, als ob ich ein Medium unserer Zeit gewesen wäre, durch die krampfhafte Gewalt meines Griffes.

“Theer!” rief meine Schwester, starr vor Erstaunen; “wie in aller Welt konnte Theer da hinein kommen?”

Onkel Pumblechook jedoch, welcher in diesem Hause eine Allmacht war, wollte das Wort, wollte von dem Gegenstande nichts mehr hören; er winkte gebieterisch mit der Hand, daß man ihn fallen lasse, und bat sich Wachholderbranntwein und heißes Wasser aus. Meine Schwester, die bereits auf eine beunruhigende Weise nachdenklich geworden, hatte sich jetzt mit dem Herbeiholen des Wachholderbranntweins, des heißen Wassers, des Zuckers, der Zitronenschale, und dann mit der Mischung des Ganzen zu beschäftigen. Für dieses Mal wenigstend war ich gerettet. Ich hielt noch immer das Tischbein fest, aber jetzt war es mit der Inbrunst der Dankbarkeit.

Allmälig wurde ich ruhig genug, um das Tischbein loszulassen und mich an dem Pudding zu betheiligen. Mr. Pumblechook aß Pudding— Alle aßen Pudding. Der Gang war zu Ende, und Mr. Pumblechook begann unter dem belebenden Einflusse seines Getränkes zu strahlen. Ich fing an zu hoffen, daß ich für diesen Tag glücklich durchkommen werde, als meine Schwester zu Joe sagte:

“Reine Teller,—kalte.”

Ich erfaßte augenblicklich wieder das Tischbein und drückte es an meine Brust, als ob es der Gefährte meiner Jugend und der Freund meines Herzens gewesen wäre. Ich sah voraus, was kommen würde, und fühlte, daß ich dieses Mal in der That verloren sei.

“Sie müssen”, sagte meine Schwester anmuthsvoll zu den Gästen, “Sie müssen zum Schlusse noch von einem herrlichen, köstlichen Geschenke Onkel Pumblechooks kosten.”

So? Laß sie nicht sich der Hoffnung hingeben, es zu kosten!

“Sie müssen wissen”, sagte meine Schwester sich erhebend, “daß es eine Pastete ist; eine gewürzige Schweinfleischpastete.”

Die Gesellschaft murmelte ihren Beifall, und Onkel Pumblechook, der sich bewußt war, sich um seine Mitmenschen verdient gemacht zu haben, sagte, förmlich munter—den Umständen nach:

“Nun, Frau Joe, wir wollen unser Bestes thun; lassen Sie und einen Schnitt in diese besagte Pastete thun.”

Meine Schwester ging hinaus, um die Pastete zu holen. Ich hörte ihre Schritte sich der Speisekammer nähern. Ich sah Mr. Pumblechook sein Messer balanciren. Ich sah in Mr. Wopsles römischen Nüstern wiedererwachenden Appetit. Ich hörte Mr. Hubble die Bemerkung machen: daß ein Stückchen Pastete ohne Schaden auf jedes mögliche Gericht gepackt werden könne, und ich hörte Joe sagen: “Du sollst auch ein Stück haben, Pip.” Ich bin nie vollkommen sicher gewesen, ob ich nur im Geiste einen lauten Schrei der Angst ausstieß, oder ob derselbe von der ganzen Gesellschaft gehört wurde. Ich fühlte, daß ich es nicht länger ertragen könne und davonlaufen müsse. Ich ließ das Tischbein fahren und rannte fort aus allen Kräften.

Aber ich lief nicht weiter als bis zur Hausthür, denn hier stürzte ich kopfüber in eine Patrouille mit ihren Gewehren: einer der Soldaten hielt mir ein Paar Handschellen entgegen und sagte:

“Hier sind wir ja, aufgepaßt, komm!”

Kapitel 5

Die Sträflingsjagd

Die Erscheinung einer Patrouille Soldaten, welche die Kolben ihrer geladenen Gewehre vor unserer Thür klirrend niedersetzten, bewirkte, daß sich die Gesellschaft in großer Bestürzung vom Tische erhob, und daß Frau Joe, welche gerade mit leeren Händen in die Küche trat, plötzlich in ihrer verwunderten Klage: “Herr, Du meine Güte—was kann nur—aus der Pastete!” innehielt.

Der Sergeant und ich waren in der Küche, als Frau Joe stieren Blickes stehen blieb, und bei dieser Krisis wurde ich ziemlich meiner Sinne wieder mächtig. Es war der Sergeant gewesen, welcher zu mir gesprochen, und er schaute sich jetzt in der Runde in der Gesellschaft um, indem er mit der rechten Hand derselben auf einladende Weise die Handschellen entgegenhielt und die linke auf meine Schulter legte.

“Entschuldigen Sie mich, meine Herren und Damen,” sagte der Sergeant, “aber, wie ich schon an der Thür zu diesem muntern jungen Knirps bemerkt habe (was ihm gar nicht eingefallen war), ich bin im Namen des Königs auf Verfolgung aus, und bedarf der Dienste des Schmieds.”

“Und was, wenn ich fragen darf, wollen Sie von ihm?” fragte meine Schwester spitz, und schnell bereit, es zu ahnden, daß man seiner überhaupt bedürfe.

“Missis,” erwiederte der galante Sergeant, “wenn ich nur für mich persönlich zu antworten hätte, so würde ich sagen; die Ehre und das Vergnügen, die Bekanntschaft seiner schönen Frau zu machen; für den König aber antworte ich, daß eine kleine Arbeit zu thun ist.”

Dies wurde von der Gesellschaft als sehr artig von dem Sergeanten aufgenommen, so daß Onkel Pumblechook ausrief: “Nicht übel.”

“Sehen Sie, Meister,” sagte der Sergeant, dessen Auge inzwischen Joe herausgeforscht hatte, “uns sind diese Schellen in Unordnung gerathen; das Schloß an der einen ist verdreht und sie gehen nicht ordentlich zusammen. Da sie zu augenblicklichem Gebrauch bestimmt sind, sind Sie wohl so gut, sie gleich ’mal nachzusehen?”

Joe gehorchte und erklärte, daß die Arbeit das Anzünden seines Schmiedefeuers nothwendig mache und eher zwei Stunden als eine währen würde.

“So? Nun, dann machen Sie sich lieber gleich dran, Meister,” sagte der unerschütterliche Sergeant, “da es im Dienste Sr. Majestät geschehen muß. Und falls meine Leute Ihnen irgendwie Hand reichen können, werden sie sich gern nützlich machen.”

Mit diesen Worten rief er seine Leute, welche–Einer nach dem Andern—in die Küche traten und ihre Gewehre in einen Winkel stellten. Darauf standen sie umher, wie die Soldaten es zu thun pflegen: bald mit lose vor sich gefaltenen Händen, bald es sich mit einem Knie oder einer Schulter bequem machend, bald am Gürtel oder an der Patrontasche rückend, bald indem sie die Thür öffneten, um mit steifem Nacken über ihre hohen Halsbinden hiuauf in den Hof zu spucken.

Alles Dies sah ich, ohne damals zu wissen, daß ich es sähe, denn ich war in einer wahren Todesangst. Da ich jedoch zu errathen anfing, daß die Handschellen nicht für mich bestimmt seien, und außerdem bemerkte, daß die Soldaten insoweit die Pastete überwunden hatten, daß letztere jetzt in den Hintergrund getreten war, gelang es mir, meine zerstreuten Geisteskräfte wieder etwas zu sammeln.

“Wollten Sie wohl so gut sein, mir zu sagen, welche Zeit es ist?”sagte der Sergeant, sich an Mr. Pumblechook wendend, wie an einen Mann, dessen gescheites Aussehen den Schluß rechtfertigte, daß er ein Mann der Zeit sei.

“Es ist eben halb drei Uhr.”

“Nun, das geht schon, “ sagte der Sergeant nachdenkend; “selbst wenn ich hier beinahe zwei Stunden zu warten habe, wird sichs noch gut machen lassen Wie weit rechnen Sie ungefähr von hier bis nach den Marschen? Nicht über eine englische Meile, wie?”

“Gerade eine Meile,” sagte Frau Joe.

“So wirds gehen. Wir werden gerade gegen Dunkelwerden ihnen zu Leibe rücken. Kurz vor Dunkelwerden—war meine Ordre. So wird sichs machen.”

“Sträflinge, Sergeant?” fragte Mr. Wopsle, wie wenn es Etwas sei, das sich von selbst verstehe.

“Ja!” entgegnete der Sergeant. “Zwei. Man weiß ziemlich gewiß, daß sie sich in den Marschen aufhalten, und sie werden vor Dunkelwerden sich nicht aus ihnen herauswagen. Hat irgend Jemand hier etwas von solchem Wild gesehen?”

Alle, ich ausgenommen, sagten Nein. An mich dachte Niemand.

“Nun,” sagte der Sergeant, “sie werden sich früher, als sie vermuthen, umzingelt sehen, denk ich mir. Jetzt, Meister! wenn Sie bereit sind, Se. Majestät der König ists.”

Joe hatte Rock, Weste und Halstuch abgelegt, sein Schurzfell vorgebunden und trat jetzt in die Schmiede. Einer von den Soldaten öffnete die hölzernen Läden, ein zweiter zündete das Feuer an, noch ein anderer machte sich an den Blasebalg und die Uebrigen umringten die Glut, welche bald hellauf prasselte. Dann begann Joe mit seinem “Pinkpank, Pinkpank”, und wir Alle schauten zu.

Das Interesse an der bevorstehenden Verfolgung nahm nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit für sich in Anspruch, sondern machte sogar meine Schwester freigebig. Sie zapfte einen Krug voll Bier für die Soldaten vom Faß und lud den Sergeanten zu einem Glase Rum ein.

Aber Mr. Pumblechook sagte streng:

“Geben Sie ihm Wein, Madam. Ich will dafür stehen, daß da wenigstens kein Theer drin ist;” worauf der Sergeant ihm dankte und sagte: Da er sein Getränk ohne Theer vorziehe, wolle er Wein nehmen, falls es genehm. Als man ihm Wein gab, trank er auf das Wohl Sr. Majestät, wünschte dann Glück zu dem Feste—Alles in einem Zuge, und schmatzte mit den Lippen.

“Guter Stoff, wie, Sergeant?” sagte Mr. Pumblechook.

“Ich will Ihnen was sagen,” entgegnete der Sergeant, “ich denke mir, der Stoff da kommt von Ihnen.”

Mr. Pumblechook erwiederte mit einem fetten Lachen:

“Ja, ja! Warum?”

“Weil”, sagte der Sergeant, ihm auf die Schulter klopfend, “Sie der Mann sind, der weiß, wo Barthel den Most holt.”

“Glauben Sie das?” sagte Mr. Pumblechook mit seinem vorigen Lachen. “Nehmen Sie noch ein Glas.”

“Mit Ihnen, mit Vergnügen,” entgegnete der Sergeant. “Der Rand von meinem Glase an den Fuß des Ihren—der Rand des Ihrigen an den Fuß des meinigen—angestoßen—ein Mal— zwei Mal—dies ist die schönste Melodie mit den musikalischen Gläsern! Ihr Wohlsein, und auf daß Sie tausend Jahre leben und niemals die rechte Sorte schlechter beurtheilen, als zu Ihrer gegenwärtigen Lebenszeit!”

Der Sergeant goß sein Glas abermals hinunter und schien vollkommen für ein drittes gerüstet. Es fiel mir ein, daß Mr. Pumblechook in seiner Gastfreundschaft zu vergessen schien, daß er den Wein verschenkt hatte, denn er nahm ihn Frau Joe ab und hatte die ganze Ehre, ihn in einem Ergusse gastfreier Gemüthlichkeit auszutheilen. Selbst ich erhielt welchen. Und er war so ungeheuer freigebig mit dem Weine, daß er sogar die zweite Flasche noch forderte und sie mit derselben Gastfreiheit die Runde machen ließ, wie er es mit der ersten gethan hatte.

Als ich sie betrachtete, wie sie Alle um die Esse herumstanden und sich so schön unterhielten, dachte ich, welch herrliche Würze zu einem Festmahle mein Freund, der Flüchtling, in den Marschen sei. Sie hatten sich nicht halb so schön amusirt, ehe das Mahl durch die Aufregung erheitert wurde, welche er ihnen bot. Und jetzt, als sie Alle in lebhafter Erwartung dem Augenblicke entgegensahaen, wo die “beiden Spitzbuben” gefangen würden, als den Blasebalg nach den Flüchtlingen zu stöhnen, das Feuer nach ihnen zu lecken, der Rauch auf ihre Verfolgung hinauszueilen, Joe nach ihnen zu hämmern und zu pinken und die dunklen Schatten an der Waud im Steigen und Sinken der Glut und im Sprühen und Sterben der Funken ihnen zu drohen schienen, da war es meinen mitleidsvollen Kinderaugen, als ob der trübe Nachmittag draußen um der armen Kerle willen noch trüber und fahler werde.

Endlich war Joes Arbeit beendet und des Hämmerns und Blasens ein Ende. Als Joe seinen Rock wieder angezogen, brachte er so viel Muth zusammen, um vorzuschlagen, daß Einige von uns die Soldaten begleiteten und sähen, was aus der Jagd würde. Mr. Pumblechook und Mr. Hubble schlugen dies unter dem Vorwande der Damengesellschaft und einer Pfeife aus; Mr. Wopsle aber sagte, er wolle mitgehen, falls Joe ginge.

Joe sagte, er sei bereit und wolle mich mitnehmen, falls Frau Joe nichts dawider habe.

Wir hätten nimmermehr Erlaubniß erhalten, mitzugehen, wäre nicht Frau Joe selbst außerordentlich neugierig gewesen, den genauen Hergang der Sache, sowie das Ende derselben zu erfahren. So aber stipulirte sie bloß:

“Wenn Ihr mir den Jungen mit einem Kopfe zurückbringt, der von einem Gewehre in Stücke zersplittert ist, so verlangt nicht, daß ich ihn wieder zusammenflicke.”

Der Sergeant verabschiedete sich höflich von den Damen und schied von Mr. Pumblechook wie von einem Kameraden, obgleich ich bezweifle, daß er dieses Herrn Verdienste in einem Zustande der Trockenheit so wohl anerkannt haben würde, als in den Augenblicken, wo das Naß die Runde machte. Seine Leute nahmen ihre Gewehre wieder auf und traten in Reihe und Glied.

Mr. Wopsle, Joe und ich erhielten strengen Befehl, uns im Nachzuge zu halten und, sobald wir in den Marschen angelangt seien, kein Wort zu sprechen. Als wir Alle draußen in der rauhen Luft waren und gemessenen Schrittes dahingingen, flüsterte ich Joe verrätherischer Weise zu:

“Ich hoffe, wir werden sie nicht finden, Joe.”

Und Joe erwiederte ebenfalls flüsternd:

“Ich gäbe einen Schilling drum, wenn sie ausgekratzt und weg wären, Pip.”

Es gesellten sich keine Nachzügler aus dem Dorfe zu uns, denn das Wetter war kalt und drohend, der Weg langweilig und schlecht zu gehen und die Dunkelheit brach herein; wogegen die Leute zu Hause ihr warmes Kaminfeuer hatten und obendren das Fest feierten. Ein paar Gesichter eilten an die erhellten Fenster und schauten uns nach, aber Niemand kam heraus. Wir gingen an dem Wegweiser vorbei und richteten unsere Schritte gerade auf den Kirchhof zu. Hier hielten wir auf ein Zeichen von der Hand des Sergeanten still, und ein paar von seinen Leuten zerstreuten sich unter den Gräbern und untersuchten das Vorhäuschen der Kirche. Sie kamen zurück, ohne Etwas gefunden zu haben, traten wieder in Reih und Glied, worauf wir durch das Pförtchen auf der einen Seite des Kirchhofs in die offenen Marschen hinausgingen. Eisiger Schnee und Regen kam uns hier mit dem Ostwinde entgegen, und Joe nahm mich auf seinen Rücken.

Jetzt da wir draußen in der schauerlichen Oede waren, von der sich gewiß Niemand träumen ließ, daß ich vor acht oder neun Stundeu hier war und beide flüchtigen Männer gesehen hatte, hedachte ich zum ersten Male mit großer Angst: ob wohl mein specieller Sträfling, wenn wir ihn aufjagten, denken wüede, daß ich die Soldaten auf die Spur gebracht? Er hatte mich gefragt, ob ich ein falscher kleiner Satan sei, und gesagt, ich müsse in der That ein boshafter junger Hund sein, wenn ich mich der Hetzjagd auf ihn anschließen könnte. Würde er jetzt denken, ich sei in allem verrätherischen Ernste sowohl Hund, als Satan?

Doch es nützte nichts, daß ich mir jetzt diese Frage vorlegte. Da saß ich auf Joes Rücken und da war Joe unter mir, und setzte über die Gräben, wie ein Jagdpferd, und ermunterte Mr. Wopsle, damit er nicht auf seine römische Nase fiele und hinter uns zurückbliebe. Die Soldaten waren vor uns, zu einer ziemlich weitläufigen Linie ausgedehnt, indem von Mann zu Mann große Zwischenräume waren. Wir nahmen die Richtung, die ich zu Anfang genommen, von der ich aber im Nebel abgeschweift war. Entweder was der Nebel noch nicht wieder aufgestiegen oder der Wind hatte ihn zerstreut. Von der tiefen, rothen Glut des Sonnenuntergangs hob sich die Feuerbake, der Galgen, der Hügel der Barterie und das jenseitige Ufer des Flusses deutlich sichtbar ab, obgleich diese Gegenstände alle von einer wässerigen Bleifarbe waren.

Mit einem Herzen, das wie ein Schmiedehammer pochte , an Joes Schulter ruhend, schaute ich mich rings nach irgend einem Zeichen von den Sträflingen um. Doch konnte ich weder etwas sehen noch hören. Mr. Wopsle hatte mich mehr als ein Mal durch sein Schnaufen und Keuchen in Schrecken gesetzt; aber ich hatte mich jetzt an diese Töne gewöhnt und konnte sie von dem Gegenstande der Verfolgung trennen. Ich fuhr furchtbar zusammen, als es mit ein Mal vorkam, als ob ich die Feile immer noch kreischen hörte—doch war es nur ein Schafglöckchen. Die Schafe hielten im Weiden inne und blickten uns furchtsam nach, und die Ochsen und Kühe, die ihre Köpfe vom Winde, Schnee und Regen abgewendet hatten, stierten und zornig an, wie wenn sie und für diese Unannehmlichkeiten verantwortlich hielten; doch diese Dinge und das Zittern des sterbenden Tages in jedem Grashalme ausgenommen, wurde die unheimliche Stille der Marschen durch nichts unterbrochen.

Die Soldaten schritten in der Richtung nach der alten Batterie vorwärts, und wir folgten ihnen in geringer Entfernung, als wir plötzlich Alle mit einem Male still standen. Denn auf den Flügeln des Windes und des Regens war ein langet Ruf zu und gedrungen. Derselbe wurde wiederholt. Er kam aus einiger Entfernung von Osten her, doch war er lang hallend und laut. Ja, es schien mehr wie das Rufen mehrer Stimmen zusammen—falls man nach der Verwirrung in dem Schalle urtheilen konnte.

Der Sergeant und die ihm zunächst marschirenden Soldaten unterhielten sich mit flüsternden Stimmen, als Joe und ich sie erreichten. Nach einem augenblicklichen Horchen stimmten Joe (der die Sache zu beurtheilen verstand) und Mr. Wopsle (der keinen Begriff von derselben hatte) mit ihnen überein. Der Sergeant, ein entschlossener Mann, befahl, daß man den Ruf nicht beantworte, dagegen eine andere Richtung einschlüge, und daß seine Leute ihre Schritte verdoppelten. Demnach bogen wir nach rechts hin ab (was zugleich nach Osten war), und Joe trabte mit so wunderbarer Geschwindigkeit dahin, daß ich mich festhalten mußte, um nicht zu fallen.

Es war jetzt ein förmliches Rennen, und wie Joe es in den einzigen Worten nannte, die er sprach, ein Rennen mit Hindernissen. Bergauf, bergab, über Schleusen, durch die Gräben, durch die Heckein: es kümmerte sich Niemand, wohin er ging.

Als wir dem Rufen näher kamen, wurde es uns immer deutlicher, daß es vou mehr Stimmen als einer ausging. Zunwilen schien es ganz aufzuhören, und dann standen die Soidaten still. Wenn es wieder ausbrach, eilten die Soldaten eifriger denn je ihm entgegen und wir ihnen nach. Bald waren wir so nahe herangekommen, daß wir eine Stimme “Mörder!” und eine zweite: “Sträflinge! Ausreißer! Wache! Hierher nach den entwischten Sträflingen!” ausrufen hörten. Dann schienen beide Stimmen wie im Kampfe zu ersticken und brachen gleich darauf wieder los. Und wie es soweit gekommen, fingen die Soldaten wie die Hirsche zu laufen an, und Joe folgte ihnen.

Als wir unmittelbar an der Stelle anlangten, von der das Rufen und Schreien erscholl, stürzte der Sergeant zuerst auf dieselbe los und zwei von seinen Lenten dicht hinter ihn drein. Da wir ihnen folgten, sahen wir, wie sie ihre Gewehre gespannt und angelegt hatten.

“Hier sind sie alle Beide!” keuchte der Sergeant, in der Tiefe eines Grabens umherstampfend. “Ergebt Euch! Ihr seid ja ein Paar verdammt wilde Bestien! Auseinander!”

Wasser spritzte, Schlamm flog herum, Flüche erschallten und Schläge fielen, als noch einige von den Leuten in den Graben hinabstiegen, um dem Sergeanten zu helfen, und dann Einen nach dem Andern, beide Sträflinge, meinen und den andern, heraufzogen. Beide bluteten und keuchten, und fluchten und kämpften, aber ich erkannte Beide dennoch sofort.

“Bemerkt mir dies wohl! “sagte mein Sträfling, indem er mit seinem zerfetzten Aermel Blut vou seinem Gesichte wischte und ausgerissene Haare von seinen Fingern schüttelte. “Ich fing ihn! Ich übergebe ihn Euch! Vergeßt das nicht!”

“Es ist nicht der Mühe werth, darauf Nachdruck zu legen,” sagte der Sergeant; “es wird Euch wenig zum Vortheil gereichen, mein Freund, da Ihr in derselben Klemme steckt. Die Handschellen her!”

“Ich erwarte nicht, daß es mir Vortheil bringen wird, und ich verlange nicht, daß es mir noch mehr gut thut, als jetzt, ”sagte mein Sträfling mit einem grimmigen Lachen. “Ich fing ihn. Er weiß es, und daran hab ich genug.”

Der andere Sträfling war von einer kahlen Blässe, und außer der alten zerkratzten Stelle auf der linken Seite seines Gesichtes schien dasselbe jetzt über und über zerschunden und zerrissen zu sein. Er konnte nicht einmal hinlänglich zu Athem kommen, um zu sprechen, bis Beiden einzeln die Handschellen angelegt waren, sondern stützte sich, um nicht umzufallen, auf einen der Soldaten.

“Seid Zeugen, Wache—er versuchte, mich zu ermorden,” waren die ersten Worte, welche er sprach.

“Ich hätte versucht, ihn zu ermorden!” sagte mein Sträfling verachtend. “Hätte versucht, und nicht gethan? Ich fing ihn und überlieferte ihn, das hab ich gethan. Ich verhinderte ihn nicht allein, aus den Marschen zu entkommen, sondern schleppte ihn zurück—schleppte ihn bis hierher wieder zurück. Er ist ein Gentleman, bitt ich Euch zu bemerken, dieser Schurke. Jetzt haben die Hulks ihren Gentleman wieder, und zwar durch mich. Ihn ermorden! Das fehlte mir noch, daß ich ihn ermordete, wenn ich ihm noch viel Schlimmeres thun konnte, indem ich ihn wieder zurückschleppte!”

Der Andere keuchte noch immer:

“Er versuchte—er versuchte—mich–zu ermorden. Ihr seid Zeugen!”

“Sehen Sie her!” sagte mein Sträfling zu dem Sergeanten, “Ich bin ganz allein aus dem Gefangenenschiffe entkommen; ich machte einen Satz, und weg war ich. Ich wäre auch aus dieser todtkalten Wildniß entkommen—sehen Sie mein Bein: Sie werden nicht viel Eisen mehr daran finden—wenn ich nicht die Entdeckung gemacht hätte, daß er hier sei. Ich hätte ihn frei lassen können? Ihn an der Rettung theilnehmen lassen können, die ich entdeckt? Ihn von Neuem ein Werkzeug aus mir machen lassen? Noch ein Mal? Nein, nein, nein, und hätte ich dort unten sterben müssen.” Hier machte er eine emphatische Bewegung mit seiner gefesselten Hand nach dem Graben zu. “Ich würde ihn mit einem solchen Griffe festgehalten haben, daß Sie ihn ganz sicher in meinen Fäusten gefunden haben würden.”

Der andere Flüchtling, welchen angenscheinlich das äußerste Entsetzen vor seinem Gefährten erfüllte, wiederholte:

“Er versuchte, mich zu ermorden. Ich wäre des Todes gewesen, wenn Sie nicht gekommen wären.”

“Er lügt!” sagte mein Sträfling mit zornigem Nachdruck. “Er ist ein geborener Lügner und wird als Lügner sterben. Seht ihm nur ins Gesicht,—steht nicht drin geschrieben? Laßt ihn mir ins Auge sehen—er wagt es nicht.”

Der Andere versuchte ein verachtendes Lächeln, das jedoch wegen des nervösen Zuckens seines Mundes zu keinem entschiedenen Ausdrucke kam, sah die Soldaten an, hinaus auf die Marschen und zu dem dunklen Himmel hinauf; aber allerdings Den, drl ihn dazu aufgefordert, faßte er nicht ins Auge.

“Seht Ihr ihn?” fuhr mein Sträfling fort. “Seht Ihr wohl, was et für ein Schurke ist? Seht Ihr wohl seine falschen, unstäten Augen? So sah er aus, als wir zusammen vor dem Richter standen. Er sah mich nicht ein einziges Mal an.”

Der Andere, welcher fortwährend mit seinen trokenen Lippen arbeitete und seine unruhigen Blicke mal nah und fern umherschweifen ließ, richtete diese endlich für einen Augenblick auf seinen Gefährten und sagte: “Ich finde nichts besonders Schönes an Dir” —mit einem höhnischen Seitenblieke auf des Andern gefesselte Hände. Hirüber gerieth mein Sträfling in eine so rasende Wuth, daß er sich auf ihn gestürzt haben würde, falls sich nicht die Soldaten ins Mittel gelegt hätten.

“Hab ich Euch nicht gesagt,” sprach darauf der andere Sträfling, “daß er mich morden würde, wenn er könnte?” Und man konnte deutlich sehen, daß er vor Angst zitterte, und daß seltsame weiße Flocken, wie dünner Schnee, auf seine Lippen traten.

“Genug von dem Geschwätz,” sagte der Sergeant. “Brennt die Fackeln an.”

Als einer der Soldaten, welcher anstatt eines Gewehrs einen Korb trug, niederkniete, um denselben zu öffnen, schaute mein Sträfling zum ersten Male um sich und erblickte mich. Ich war, als wir an den Graben kamen, von Joes Rücken herabgestiegen und hatte mich seitdem nicht gerührt. Ich sah den Mann, als sein Auge auf mich fiel, bewegte leicht meine Hand und schüttelte den Kopf. Ich hatte gewartet, bis er mich ansehen würde, um zu versuchen, ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. Es war mir gar nicht deutlich, daß er begriffen, was ich gemeint, denn er gab mir einen Blick, den ich nicht verstand, und daß Ganze währte kaum eine Secunde Aber hätte er mich auch eine ganze Stunde oder einen ganzen Tag lang angeblickt, ich hätte mich seines Gesichtes später nicht genauer, als nach diesem blitzschnellen Blicke, erinnern können.

Der Soldat mit dem Korbe hatte bald Licht angemacht und drei oder vier Fackeln angezündet, von denen er eine für sich behielt und die anderen unter die Soldaten vertheilte. Es war vorher fast schon finster gewesen, jetzt aber schien es ganz finster zu werden, und bald darauf sehr finster. Ehe wir die Stelle verließen, feuerten vier Soldaten, die sich im Kreife aufstellten, zwei Mal in die Luft. Gleich darauf sahen wir in einiger Entfernung hinter uns und auf den Marschen jenseit des Flusses ebenfalls Fackeln aufflackern.

“Alles richtig!” sagte der Sergeant, “vorwärts, Marsch!”

Wir waren nicht weit gegangen, als vor uns mit einem Knalle, der Etwas im Innern meines Ohres zu zerschmettern schien, drei Kanonen abgefeuert wurden.

“Ihr werdet an Bord erwartet, “sagte der Sergeant zu meinem Sträflinge. “Nicht zurückbleiben, mein Frennd. Kommt heran, hier.”

Die Sträflinge gingen getrennt, und Jeder mit einer Wache für sich. Ich hielt jetzt Joes Hand, und Joe trug eine von den Fackeln. Mr. Wopsle hatte dafür gestimmit, daß man jetzt zurückginge, aber Joe war entschlossen, das Ende von der Sache zu sehen, und so folgten wir denn dem kleinen Trupp. Der Weg war jetzt erträglich, meistens am Rande der Flusses hin, indem er hier und da, wo ein Damm mit einer Miniaturwindmühle und einer kleinen Schleuse kam, etwas zur Seite abwich. Als ich zurückschaute, konnte ich sehen, wie die anderen Fackeln uns folgten. Von den Fackeln, welche wir trugen, fielen große Feuerflocken anf den Weg, und dort sah ich sie qualmen und flackern. Sonst aber sah ich nichtd als dichte Finsterniß. Unsere Fackeln schienen um uns her mit ihrer harzigen Glut die Luft zu wärmen, und dies schien den beiden Gefangenen zu behagen, als sie von Gewehren umringt, dahinhinkten. Wir konnten wegen ihrer Lahmheit nicht schnell vorwärts gehen, und sie waren so ermattet, daß wir ein paar Mal Halt machen mußten, damit sie sich ausruhten.

Nachdem wir ungefähr eine Stunde auf diese Weise marschirt waren, kamen wir an eine rohe Hütte bei einem Laudungsplatze. Es war eine Wache in der Hütte, welche uns anrief, worauf der Sergeant antwortete. Dann traten wir in die Hütte, in der es nach Tabak und Kalk roch, wo ein helles Feuer und eine Lampe brannten, wo ein Gestell für Gewehre, eine Trommel und eine niedrige hölzerne Pritsche stand, welche letztere aussah wie eine übergroße Wäschrolle ohne die Maschinerie, und wie gemacht, um wenigstens ein Dutzend Soldaten mit einem Male zu beherbergen. Drei oder vier Soldaten, die in ihren Ueberröcken darauf lagen, nahmen kein besonderes Interesse an uns, sondern erhoben nur eben die Köpfe, stierten uns schläfrig an, und legten sich dann wieder nieder. Der Sergeant machte eine Art von Bericht und trug Etwas in ein Buch ein, worauf der Sträfling, welchen ich den “andern” Sträfling genannt habe, von seiner Wache fortgeführt wurde, um zuerst an Bord zu geben.

Mein Sträfling sah mich nicht ein einziges Mal an, außer dem einen Male. Während wir in der Hütte walen, stand er von dem Feuer und schaute gedankenvoll in dasselbe hinein, oder auf seine Füße, welche er abwechselnd auf dem Herde wämrte, und auf die er nachdenkliche Blicke warf, wie wenn er sie wegen ihrer jüngsten Ellebnisse bemitleide. Plötzlich wandte er sich zu dem Sergeanten und sagte:

“Ich habe Etwas über diese Flucht zu sagen, damit man nicht um meinetwillen vielleicht andere Leute im Verdacht habe.”

“Ihr könnt sagen, was Ihr wollt,” sagte der Sergeant, welcher mit übereinander geschlagenen Armen dastand und ihn ruhig anschaute; “aber Ihr habt nicht nöthig, hier Etwas zu sagen. Ihr werdet noch Gelegenheit genug haben, davon zu sprechen und zu hören, ehe diese Geschichte vorbei ist, wie Ihr wißt.”

“Ich weiß wohl, aber dies ist etwas Anderes—es hat damit nichts zu thun Der Mensch kann nicht verhungern; wenigstens ich nicht. Ich nahm da drüben in dem Dorfe einige Lebensmittel —da wo die Kirche beinah in den Marschen steht.”

“Ihr meint, Ihr stahlt sie,” sagte der Sergeant.

“Und ich will Euch sagen, wo. Bei einem Schmied.”

“Halloh!”sagte der Sergeant, Joe anstierend.

“Halloh, Pip!” sagte Joe, mich anstierend.

“Es was ein Bischen übrig gebliebenes Essen—war’s— und ein Schluck Rum, und ‘ne Pastete.”

“Haben Sie vielleicht so ein Ding wie eine Pastete vermißt, Meister?” fragte der Sergeant Joe vertaulich.

“Meine Frau hat sie vermißt—gerade in dem Augenblicke, wo Sie hereinkamen. Weißt Du wohl, Pip?”

“So?” sagte der Sträfling, indem er gedankenvoll seine Augen auf Joe richtete, ohne aber im Geringsten von mir Notiz zu nehmen; “also Sie sind der Schmied? Dann thut mirs leid, sagen zu müssen, daß ich Ihre Pastete verzehrt habe.”

“Gott weiß, ich gönne sie Euch herzlich—soviel mein daran war,” sagte Joe mit vorbehaltener Erinnerung an Frau Joe. “Wir wissen nicht, was Ihr gethan habt, aber wir möchten gewiß nicht, daß Ihr deshalb todt hungern müßtet; das könnt ich einem armen, elnden Nebenmenschen nicht wünschen. Wie, Pip?”

Das seltsame Klucken, das ich schon einmal bemerkt hatte, ließ sich hier abermals in des Mannes Halse hören, und er seldst wandte sich von und ab. Das Boot war zurückgekehrt und seine Wache bereit, und so folgten wir ihm auf die Bühne, welche den Einschiffungsplatz bildete und von rohen Bretjrn und Steinen gemacht war, und sahen ihn in das Boot hinabsteigen, das von einer Mannschaft von Sträflingen gleich ihm gerudert wurde. Niemand schien erstannt, oder frob, oder traurig ihn zu sehen, und Niemand sprach ein Wort, außer daß Jemand in dem Boote, wie wenn er es mit Hunden zu thun gehabt, “Angezogen, Ihr da!” herausknurrte, was das Signal zum Einsetzen der Ruder war. In dem Fackelscheine sahen wir den schwarzen Hulk in kurzer Entfernung von dem Schlamme des Ufers wie eine verwünschte Arche Noahs daliegen. Mit massiven rostigen Ketten befestigt, verankert und angeschlossen schien das Gefangenenschiff in meinen jungen Augen, wie seine Gefangen, in Eisen zu liegen. Wir sahen das Boot an der Schiffsseite beilegen, den Sträfling hinansteigen und verschwinden. Dann flogen die Enden der Fackeln zischend ins Wasser und verlöschten, wie wenn nun Alles mit ihm vorüber gewesen wäre.

Kapitel 6

Eine böse Nacht

Mein Gemüthszustand in Bezug auf die Veruntreuung, von der ich auf so unerwartete Weise freigesprochen worden, trieb mich nicht zu einem offenen Bekenntnisse an; ich hoffe indessen, daß dem auch einiges Gute zum Grunde lag.

Ich erinnere mich nicht, daß ich in Bezug auf Frau Joe irgend welche Gewissensbisse verspürte, als ich mich der Wucht von Angst, entdeckt zu werden, entledigt sah. Joe selbst aber liebte ich—in jenen frühen Zeiten vielleicht aus keinem bessern Grunde, as weil der liebe Kerl sich von mir lieben ließ—und ihm gegenüber war ich deshalb nicht so ruhig in meinem innersten Herzen. Es lastete schwer auf mir (namentlich, als ich ihn zuerst nach seiner Feile suchen sah), daß ich Joe eigentlich die ganze Wahrheit bekennen sollte. Und dennoch that ich es nicht, und zwar aus dem Grunde, weil ich fürchtete, er möchte mich für schlechter halten, als ich in Wirklichkeit war. Die Furcht, Joes Zutrauen zu verlieren und in Zukunft, wenn ich Abends im Kaminwinkel saß, trübselig meinen auf immer verlorenen Gefähtten anzustieren, fesselte meine Zunge. Ich machte mir krankhafte Gedanken, daß ich Joe, falls er es wüßte, niemals würde am Kaminfeuer sitzen und mit seinem blonden Backenbarte spielen sehen können, ohne zu denken, daß er über diese Geschichte grübele. Daß ich Joe, falls er es wüßte, in Zukunft niemals—wie zufällig dies auch geschehen möchte—einen Blick anf das Fleisch oder den Pudding vom Tage vorher werfen sehen könnte, wenn dieselben auf dem heutigen Tische erschienen, ohne zu denken, daß er sich stillen Muthmaßungen hingäbe, ob ich wohl in der Speisekammer gewesen. Daß, falls Joe es wüßte und je ein Mal in unserm häuslichen Zusammenleben die Bemerkung machte, daß sein Bier flau oder dick sei, die Ueberzeugung, daß er Theer darin vermuthe, mir das Blut ins Gesicht treiben würde. Mit einem Worte, ich war zu feig zu thun, as ich als Recht erkannte, wie ich zu feig gewesen das zu vermeiden, von dem ich wußte, das es Unrecht war.

Ich hatte damals mit der Welt noch keinen Verkehr gehabt, und ahmte Niemand von den unzähligen Leuten nach, welche auf diese Weise handeln; als vollkommen naturwüchsiges Genie machte ich die Entdecktung dieser Handlungdweise allein und ohne alle Hülfe.

Da ich schläfrig wurde, als wie noch weit von den Gefangenenschiffen entfernt waren, nahm Joe mich wieder auf den Rücken und trug mich nach Hause. Es muß eine sehr unaugenehme Reise für ihn gewesen sein, denn der erschöpfte Mr. Wopsle war so übler Laune, daß er, wäre die Kirche “offen” gewesen, wahrscheinlich die ganze Expedition excommunicirt und zwar mit Joe und mir den Anfang gemacht haben würde. Als einfacher Laie aber bestand er darauf, sich so wahnsinnig oft in das nasse Gras niederzusetzen, daß, als man ihm den Rock auszog, um denselben beim Küchenfeuer zu trocknen, der Incidenzbeweis anf seinen Beinkleidern, wäre seine That ein Kapitalverbrechen gewesen, ihn an den Galgen gebracht haben würde.

Zu dieser Zeit taumelte ich (da man mich eben erst auf die Füße stellte, nachdem ich fest geschlafen hatte und jetzt in den Hitze, der Helligieit und dem lauten Gespräche erwachte) wie ein kleiner Trunkenbold in der Küche umher. Als ich wieder zu mir kam (mit Hülfe eines heftigen Puffes und des belebenden Ausrufes von meiner Schwester: “Na, hat es je einen solchen Jungen gegeben!”), fand ich, daß Joe ihnen von dem Bekenntnisse des Sträflings erzählte, und Alle die verschiedenartigsten Muthmaßungen über die Art und Weise, in der er in die Speisekammer eingedrungen, aussprachen. Mr. Pumblechook war der Ansicht, er sei zuerst auf das Dach der Schmiede, von dort auf das Dach des Hauses gestiegen, um sich dann an einem aus seinem Bettzeug angefertigten Stricke durch den Schornstein in die Küche herabzulassen. Und da Mr. Pumblechook sehr positiv war und in seinem eigenen Wagen fuhr—über alle Leute hinweg—kam man überein, daß die Sache sich so verhalten müsse. Mr. Wopsle ließ allerdings mit der matten Bosheit eines ermüdeten Mannes ein wildes “Nein!” hören. Da er aber keineTheorie entwickelte und sich ohne Rock präsentirte, außerdem auch—mit dem Rücken dem Küchenfeuer zugekehrt stehend, um die Nässe aus seinen Kleidern zu ziehen—furchtbar dampfte, was durchaus nicht dazu beitrug, ihm Zutrauen zu erwecken—so wurde er einstimmig verworfen.

Dies war Alles, was ich an jenem Abende hörte, bis meine Schwester mich wie eine schläfrige Beleidigung für die Augen ihrer Gesellschaft packte, und mir mit einer so starken Hand zu Bette half, daß es mir schien, als habe ich zwanzig Stiefeln an und als klappere ich mit ihnen allen gegen die Treppenstufen. Mein Gemüthszustand, den ich beschrieben habe, begann, ehe ich am folgenden Morgen aufgestanden war, und währte fort, lange nachdem der Gegenstand vergessen, oder seiner doch nur bei ausnahmeweisen Gelegenheiten noch erwähnt wurde.

Kapitel 7

Vertrauliche Abendunterhaltungen

Zu jener Zeit, als ich auf dem Kirchhofe stand und die Familiengrabsteine las, hatte ich eben Gelehrsamkeit genug, um die Inschriften herausbuchstabiren zu können. Doch war mein Verständniß ihrer einfachen Bedeutung kein sehr richtiges, denn ich glaubte, die Worte: “Ehefrau des Obigen” seien mit schmeichelhafter Bezugnahme auf meines Vaters Erhebung zu einer besseren Welt geschrieben: und hätte man mit irgend einem meinen verstorbenen Verwandten das Wort “Unten“ in Verbindung gebracht, so würde ich ohne Zweifel von diesem Mitgliede meiner Familie die ungünstigste Meinung gefaßt habe., Auch waren meine Begriffe über die theologischen Maximen, welche mein Katechismus mir einprägte, durchaus ungenau, denn ich erinnere mich lebhaft einer Vermuthung daß meine Erklärung: “selbigen Weges zu wandeln alle Tage meines Lebens”, mich der Verpflichtung unterzöge, stets in einer bestimmten Richtung von unserem Hause durchs Dorf zu gehen, und diesen Weg nie dadurch zu wechseln, daß ich beim Stellmacher hinunterbog, oder bei der Muhle vorbei zurückkam.

Sobald ich alt genug sein würde, sollte ich zu Joe in die Lehre kommen, und bis ich mit dieser Würde bekleidet werden konnte, sollte ich nicht, wie Frau Joe sich ausdrückte, verhätschelt oder vezogen werden. Deshalb war ich nicht nur eine Art Handlanger in der Schmiede, sondenn wurde auch, wenn je einen den Nachbarn Jemanden als Vogelscheuche, oder zum Steinesammeln oder irgend einer derartigen Arbeit bedurfte, mit solchen Anstellungen begünstigt. Damit jedoch unsere vornehmene Stellung hierdurch nicht compromittirt werde, stand auf dem Kaminsimse in der Küche eine Sparbüchse, in welche, wie man öffentlich bekannt zu machen Sorge trug, mein Verdienst geworfen wurde. Ich habe eine unbestimmte Idee, daß derselbe schließlich zur Bezahlung der Nationalschuld beitragen sollte, jedenfalls weiß ich, daß ich keine Hoffnung hatte, jemals persönlich an dem Schatze betheiligt zu werden.

Mr. Wopsles Großtante hielt eine Abendschule im Dorfe; das heißt, sie wan eine lächerliche Frau mit wenigen Mitteln und vielen Gebrechen, welche jeden Abend von sechs bis sieben Uhr in der Gesellschaft der Jugend, welche für dieses belehrende Privilegium drei Groschen die Woche zahlte, des süßen Schlummers pflegte. Sie hatte ein Häuschen von drei Zimmern gemiethet, und Mr. Wopsle hatte die Stuhe im obern Geschosse inne, wo wir Schüler ihn sehn laut und auf sehr mürdevolle, furchtbare Weise lesen und hin und wieder auf die Decke stampfen hörten.

Es ging eine Sage, daß Mr. Wopsle die Schüler vierteljährlich einmal examinire. Was er bei diesen Gelegenheiten jedoch in Wirklichkeit that, war, daß er seine Aermel umkrämpte, sein Haar sträubte und uns die Rede des Marcus Antonius an Cäsars Leiche vordeclamirte. Dieser Rede folgte stets Collins Ode an die Leidenschaften, in welcher ich Mr. Wopsle besonders als die Rache verehrte, die “ihr blutig Schwert laut donnernd niederwarf”, und “mit wildem Blick griff nach den Kriegsdrommete.” Es was damals noch nicht wie im späteren Leben mit mir, als ich in die Gesellschaft der Leidenschaften gerieth, und diese mit Collins und Wopsle verglich, welcher Vergleich einigermaßen zum Nachtheile der beiden Herren ausfiel.

Mr. Wopsles Großtante hatte außer diesem Erziehungsinstitute —in demselben Zimmer—auch noch einen Allerleikram. Sie hatte keine Ahnung von den Waaren, welche sie besaß, oder von dem Preise irgend einer derselben. Aber in einer Schublade lag ein schmutziges kleines Memorandenbuch, welches als Preisverzeichniß diente, und nach diesem Orakel erledigte Biddy ihre Verkaufsangelegenheiten. Biddy war die Enkelin von Mr. Wopsles Großtante. Ich bekenne, daß ich mich der Lösung des Problems: welche Art von Verwandte sie demnach von Mr. Wopsle war, nicht gewachsen fühle. Sie war, wie ich, eine Waise, und, wie ich, durch die Hand aufgezogen. Sie war, wie es mich dünkte, am meisten durch ihre Extremitären bemerkbar; denn ihr Haar war stets ungekämmt, ihre Hände waren ungewaschen und ihre Schuhe zerrissen und an den Fersen niedergetreten. Diese Beschreibung muß jedoch als sich auf die Wochentage beschränkend aufgenommen werden. An Sonntagen ging sie festlich geschmückt in die Kirche.

Zum Theil durch eigene Anstrengungen, mehr aber noch durch Biddys Hülfe, als durch die von Mr. Wopsles Großtante, gelang es mir, mich wie durch einen Donnbusch durch das Alphabet hindurchzuarbeiten, wobei mir jedoch jeder einzelne Buchstabe bedeutendes Kratzen und Stöhnen verursachte. Darauf gerieth ich unter jene Diebe, die neun Zahlen, welche jeden Abend etwas Neues zu thun schienen, um sich zu verstellen und jedem Erkennen Hohn zu bieten. ‘Endlich aber fing ich auf eine blödsichtige tappende Weise ein ganz klein wenig zu lesen, zu schreiben und zu rechnen an.

Eines Abends saß ich mit meiner Schreibetafel im Kaminwinkel und machte große Anstrengungen, um einen Brief an Joe zu Stande zu bringen. Ich glaube, es muß ein ganzes Jahr nach unserer Jagd in den Marschen gewesen sein, denn es war eine lange Zeit nachher, und dazu Winter und harter Frost. Mit einem Alphabet auf dem Herde zu meinen Füßen—zur Bezugnahme— gelang es mir in ungefähr zwei Stunden folgende Epistel zurecht zu bringen:

“mEin LieBeR JO Ich hOffe dU bIst GAns wOhL Ich hOffe dUs icH dIR BalD unTErIcht GäBe Kan JO un Dan WOlln WIr uNS Ser FReun Und WEn Ich eRst dEin lEhrLinG BiN WOlln wIr sOlchEn jux HAbEn un ImMeR dEin PiP.”

Es war keine unumgängliche Nothwendigkeit für mich vorhanden, mich schviftlich mit Joe zu unterhalten, denn er saß neben mir, und wir waren allein. Dennoch aber übergab ich diese schriftliche Mittheilung (Tafel und Alles) mit eigenen Händen, und Joe nahm sie wie ein Wunder von Gelehrsamkeit auf.

“Ich sage, Pip, alter Kerl!” rief Joe aus, indem er seine blauen Augen weit öffnete; “was Du für ein Gelehrter bist! Wie?”

“Das möcht ich sein,” sagte ich, auf die Tafel blickend, wie er sie in der Hand hielt, wobei mich eine trübe Ahnung beschlich, daß die Schrift etwas hügelig sei.

“Hier ist wahrhaftig ein J,” sagte Joe, “und ein O, so gut wie’s nur sein kann! Hier ist ein I und ein O, Pip, und ein Jo, Joe.”

Ich hatte Joe noch niemals mehr, als dieses eine einsylbige Wort laut lesen hören, und hatte am letzten Sonntage, als ich in der Kirche unser gemeinsames Gebetbuch zufällig umgekehrt hielt, bemerkt, daß ihm dies genau so bequem war, als ob ich es richtig gehalten hätte. Da ich jedoch die gegemwärtige Gelegenheit zu benutzen wünschte, um zu entdecken, ob ich in meinem Unterrichte mit Joe ganz von vorne anzufangen haben werde, sagte ich: “Ja, aber jetzt lies auch das Uebrige, Joe.”

“Das Uebrige! Wie, Pip?” sagte Joe, das Geschriebene mit langsam suchendem Auge durchblickend, “Eins, zwei, drei. Hier sind wahrhaftig drei J—en und drei O—en, und drei J—O—en, Joe—en drin, Pip!”

Ich lehnte mich über Joes Schulter und las ihm mit Hülfe meines Zeigefingers den ganzen Brief vor.

“Erstaunlich!” sagte Joe, als ich damit zu Ende wrk. “Du bist wirklich ’n Gelehrter!”

“Wie buchstabirst Du Gargery, Joe?” fragte ich, ihn bescheiden protegirend.

“Ich buchstabire es gar nicht,” sagte Joe.

“Aber angenommen, Du buchstabirtest es?”

“Das kann nicht angenommen werden,” sagte Joe. “Aber ich lese darum doch außerordentlich gern.”

“Wirklich, Joe?”

“Ganz außerordentlich gern. ‘Man soll mir nur”, sagte Joe, “ein gutes Buch oder eine gute Zeitung geben und mich vor einem guten Feuer hinsetzen, und ich verlange nichts weiter. Du meine Güte!” fuhr er fort, indem er sich ein wenig die Knie rieb, “wenn man dann zuletzt an ein J und ein O kommt, und sagt: Hier ist endlich ein J—O, Joe, wie interessant sich das liest!”

Ich entnahm hieraus, daß Joes wissenschaftliche Bildung, wie die Dampfkraft, noch in ihrer Kindheit sei. Um das Gespräch fortzusetzen, frug ich:

“Bist Du nie in die Schule gegangen, Joe, als Du noch so klein warst, wie ich?”

“Nein, Pip.”

“Warum bist Du nicht in die Schule gegangen, Joe, als Du so klein warst, wie ich?”

“Je nun, Pip,” sagte Joe, indem er das Schüreisen aufnahm und, wie dies seine Gewohnheit, wenn er gedankenvoll war, sich damit zu beschäftigen anfing, daß er langsam zwischen den beiden untersten Eisenstäben das Feuer lichtete. “Das will ich Dir sagen. Mein Vater, Pip, war dem Trunke ergeben, und wenn er betrunken war, pflegte er ganz unbarmherzig auf meine Mutter loszuhämmern. Es war ziemlich das einzige Hämmern, was et that, außer wenn er auf mich loshämmerte. Und er hämmerte mit einer Kraft auf mir herum, die ihres Gleichen nur in der Kraft hatte, mit der er nicht auf seinen Amboß hämmerte. Hörst Du zu und verstehst Du mich, Pip?”

“Ja, Joe.”

“Die Folge davon war, daß meine Mutter und ich ihm mehre Male fortliefen; und dann ging meine Mutter auf Arbeit aus, und dann sagte sie: “Joe, sagte sie, jetzt sollst Du, wills Gott, was lernen”, und schickte mich in die Schule. Aber mein Vater war so gut von Herzen, daß er es nicht ohne uns aushalten konnte. Und so pflegte er denn mit einem furchtbaren Haufen von Menschen anzukommen und einen solchen erschrecklichen Lärm vor der Thür des Hauses zu machen, in dem wie wohnten, daß die Leute genöthigt waren, sich nicht mehr um uns zu bekümmern und uns auszuliefern. Und dann nahm er uns mit nach Hause und hämmerte uns. Und dies, siehst Du, Pip,” sagte Joe, indem er mit seinem nachdenklichen Feuerschüren innehielt und mich anblickte, “dies war nachtheilig für mein Lernen.”

“Gewiß, Du armer Joe!”

“Aber vergiß nicht, Pip,” sagte Joe, indem er ein paar richterliche Schläge mit seinem Schüreisen auf den obersten Eisenstab führte, “wir müssen Jedem zukommen lassen, was ihm gebührt, und Allen gleiche Gerechtigkeit widerfahren lassen; mein Vater war ungeheuer gut von Herzen, siehst Dus wohl?”

Ich sah es nicht; aber ich enthielt mich das zu sagen.

“Nun!” fuhr Joe fort, “Einer muß Feuer drunter machen, oder der Topf kann nicht ins Kochen kommen, wie, Pip?”

Ich sah dies ein und gab es zu.

“Die Folge war, daß mein Muter nichts dagegen einzuwenden hatte, daß ich auf Arbeit ginge; und so ging ich denn in meiner jetzigen Profession, die auch die seinige war, wenn er nur was gethan hätte, auf Arbeit, und ich kann Dir sagen, Pip, ich arbeitete tüchtig. Mit der Zeit war ich im Stande ihn zu ernähren, und ich ernährte ihn, bis er an Apfelflexie starb. Und es war meine Absicht, folgenden Vers auf seinen Grabstein setzen zu lassen:

Wenn er auch sonst der Tugend bar,

Er doch sehr gut von Herzen war.”

Joe sagte diesen Vers mit so augenscheinlichem Stolze und so sorgfältiger Deutlichkeit, daß ich ihn fragte, ob er ihn selbst gemacht.

“Ich hab ihn gemacht,” sagte Joe, “ganz allein, Pip. Ich hatte ihn in einer Minute fertig. Es war, als hätte ich mit einem einzigen Schlage ein Hufeisen herausgeschlagen. Ich war in meinem ganzen Leben nicht so erstaunt—konnte meinem eigenen Kopfe nicht glauben—um Dir die Wahrheit zu sagen, ich konnte nicht glauben, daß es mein eigener Kopf war. Wie gesagt, Pip, es war meine Absicht, ihm diese Inschrift setzen zu lassen; aber Verse kosten Geld, wie man sie auch einhauen lassen mag, ob groß, ob klein, und es unterblieb. Außer dem, was die Träger bekamen, brauchten wir alles Geld, das wir hatten, für meine Mutter. Sie war von schlechter Gesundheit und brach ganz zusammen. Es währte nicht lange, so folgte sie ihm, die arme Seele, und hatte endlich auch ihr Theil an Ruh und Frieden.”

Joes blaue Augen wurden ein wenig wässerig; er rieb erst das eine, dann das andere auf höchst unangemessene, ungemüthliche Weise mit dem runden Knopfe am obern Ende des Schüreisens.

“Es war darauf sehr einsam, hier so allein zu leben,” sagte Joe, “und ich wurde mit Deiner Schwester bekannt. Und, Pip,” hier blickte Joe mir fest ins Gesicht, als ob er wisse, ich werde nicht mit ihm übereinstimmen, “Deine Schwester ist eine gewaltig schöne Frau.”

Ich konnte nicht umhin, in einem unverkennbaren Zustande des Zweifels ins Feuer zu blicken.

“Was auch immer die Ansichten der Familie, oder die Ansichten der Welt über diesen Gegenstand sein mögen, Pip, Deine Schwester ist”—Joe schlug nach jedem dieser Worte ein Mal mit dem Schüreisen auf den obersten Eisenstab—“eine—gewaltig —schöne—Frau.”

Es fiel mir nichts Besseres zu sagen ein als: “Es freut mich, daß Du das findest, Joe.”

“Mich auch”, sagte Joe, “es freut mich auch sehr, daß ich das finde, Pip. Wenn die Haut auch ein wenig zu roth, oder hier und da ein wenig zu viel Knochen ist, was macht das mir aus?”

Ich bemerkte scharfsinnig, falls es ihm nichts ausmache, wen es da sonst etwas anginge?

“Versteht sich!” sagte Joe. “So ists. Du hast ganz recht, alter Junge! Als ich mit Deiner Schmester bekannt wurde, sprach alle Welt davon, wie sie Dich durch die Hand groß zog. Und das war sehr freundlich von ihr, wie alle Leute sagten, und ich sagte es mit. Was Dich betrifft,” sagte Joe mit einem Gesicht, als ob er etwas recht Häßliches erblicke. “hättest Du ahnen können, wie außerordentlich klein und welk und jämmerlich Du aussahest— Du meine Güte! Du würdest die verächtlichste Meinung von Dir selbst gefaßt haben!”

Da mir dies nicht besonders gefiel, sagte ich:

“Kümmere Dich nicht um mich, Joe.”

“Aber ich kümmerte mich doch um Dich, Pip,” entgegnete er mit liebevoller Einfachheit. “Als ich Deiner Schwester vorschlug, sich mit mir zu verloben und sich mit mir in der Kirche aufbieten zu lassen, sobald sie bereit und gewillt sei, in die Schmiede zu kommen, da sagt ich zu ihr: Und bring das arme kleine Kind mit. Gott erbarme sich des armen kleinen Dings, sagte ich zu Deiner Schwester, dafür wird noch Platz in der Schmiede sein!”

Ich brach in Thränen aus und bat um Verzeihung und herzte ihn, indem ich beide Arme um seinen Nacken schlang. Es ließ das Schüreisen fallen, um mich ebenfalls zu herzen, und sagte:

“Immer die besten Freunde, wie, Pip? Weine nicht, alter Junge!”

Als diese kleine Unterbrechung vorüber war, fuhr Joe fort:

“Na, und jetzt, Pip,—hier sind wir, wie Du siehst! Darauf kommts ungefähr hinaus: hier sind wir! Wenn Du mich aber jetzt im Lernen vornimmst, Pip (und ich sage Dir im Voraus, daß ich sehr langsam lerne, ganz erschrecklich langsam), so muß Frau Joe nicht zu viel von dem zu wissen kriegen, was wir vorhaben. Es muß vielmehr, wie ich wohl sagen darf, heimlich geschehen. Und warum heimlich? Das will ich Dir sagen, Pip.”

Er hatte das Schüreisen wieder aufgenommen, ohne welches er, wie ich fest glaube, seine Demonstration nicht würde zu Stande gebracht haben.

“Deine Schwester liebt die Regierung.”

“Liebt die Regierung, Joe?” Ich war sehr überrascht, denn es kam mir eine schattenhafte Idee (und, wie ich hinzufügen zu müssen fürchte, die Hoffnung), daß Joe sich zu Gunsten der Lords der Admiralität oder der Finanzen von ihn scheiden zu lassen gedenke.

“Liebt die Regierung” sagte Joe, “womit ich sagen wollte, sie mag gern Dich und mich regieren.”

“O!”

“Und sie sieht nicht gern Gelehrte im Hause um sich,” fuhr Joe fort, “und insbesondere würde sie nicht gern sehen, daß ich gelehrt würde, aus Furcht, daß ich mich einmal erheben könnte. Wie eine Art Rebeller, verstehst Du?”

Ich was im Begriff, eine Frage zu thun, und war bis “Warum—” gekommen, als Joe mich unterbrach.

“Wart einen Augenblick. Ich weiß, was Du sagen willst, Pip; wart’ einen Augenblick! Ich leugne nicht, daß Deine Schwester hin und wieder den Großmogul gegen uns spielt. Ich leugne nicht, daß sie uns Schlingen legt und und dann schlecht tractirt. Zu solchen Zeiten, wo Deine Schwester klabasterig wird, Pip,” Joe sprach dies flüsternd und mit einem Blicke auf die Thür, “zwingt mich die Aufrichtigkeit, zuzugeben, daß sie ein Drache ist.”

Joe sprach das vorletzte Wort aus, als ob es wenigstens mit einem Dutzend großer D beginne.

“Warum erhebe ich mich nicht? Das, glaub ich, war die Bemerkung, die Du machen wolltest, als ich Dich unterbrach, Pip?”

“Ja, Joe.”

“Nun,” sagte Joe, das Schüreisen in die linke Hand nehmend, um mit der rechten seinen Backenbart zu fassen (mir schwand alle Hoffnung auf ein entschiedenes Auftreten Joes, sobald er sich dieser friedfertigen Beschäftigung hingab), “Deine Schwester hat einen Meistergeist. Einen Meistergeist.”

“Was ist das?” fragte ich, in der Hoffnung, ihn zum Stehen zu bringen. Aber Joe war mit seiner Definition bereitwilliger da, als ich erwartet hatte, und brachte mich durch eine Cirkeldefinition, indem er mit einem festen Blicke: “Sie!” antwortete, vollkommen zum Schweigen.

“Und ich bin kein Meistergeist,” fuhr Joe fort, als er seinen Blick von mir wandte und sich wieder mit seinem Barte zu thun machte. “Und dann, Pip,—und dies wünsch ich Dir sehr ernstlich einzuprägen, alter Junge—ich habe bei meiner armen Mutter so viel davon gesehen, wie sich ein armes Frauenzimmer plackt und schindet und ihr ehrliches Herz bricht, und doch ihr Lebtag weder Ruhe noch Frieden kriegt, daß ich die größte Furcht habe, unrecht an einer Frau zu handeln, und ich will mich viel lieber ein Bischen nach der andern Seite hin irren, und selbst ein Bischen Unannehmlichkeit zu leiden haben. Ich wollte nur, daß es blos auf mich allein fiele, Pip; ich wollte es gäbe keinen “faulen Peter” für Dich, alter Kerl; ich wollte, ich könnte Alles auf mich nehmen; aber dies ist das Lange und Breite von der Geschichte, Pip, und ich hoffe, Du wirst mirs nachsehen, wo mirs nicht glückt.”

So jung ich damals auch war, so glaube ich doch, daß sich von jenem Abende eine neue Bewunderung für Joe in mir herschrieb. Wir standen nach wie vor auf dem Fuße der Gleichheit; aber wenn ich später zuweilen ruhig dasaß und Joe ansah und an ihn dachte, hatte ich ein neues Gefühl, wie wenn ich mit jetzt im Innersten meines Herzens bewußt war, zu ihm empor zu sehen.

“Uebrigens,” sagte Joe, indem er aufstand, um frische Kohlen auf das Feuer zu schütten, “macht unser Kukuk da oben schon Anstalten, Acht zu schlagen, und “sie” ist noch immer nicht zurück! Ich hoffe nur, Onkel Pumblechooks Klepper hat nicht etwa einen Vorderfuß auf ein Stück Eis gesetzt und ift kopfüber gepurzelt.”

Frau Joe fuhr gelegentlich an Markttagen mit Onkel Pumblechook aus, um ihm im Einkaufe derjenigen Haushaltgegenstände und Waaren behülflich zu sein, bei welchen das Urtheil einer Frau erforderlich war; denn Onkel Pumblechook war Junggesell, und setzte kein Zutraueu in seine häusliche Bedienung. Der heutige Tag war ein solcher Markttag und Frau Joe auf einer solchen Expedition begriffen.

Joe schürte das Feuer und kehrte den Herd ab, und dann gingen wir hinaus, um auf den Wagen zu horchen. Es war ein trockener, kalter Abend, der Wind blies scharf und der Reif war weiß und hart. Wenn in dieser Nacht ein Mann in den Marschen läge, so müßte er vor Kälte sterben, dachte ich; und dann schaute ich zu den Sternen hinauf und dachte, wie schrecklich es sein müsse, mit zu ihnen gewendetem Gesicht dazuliegen und zu erfrieren, und in ihrer ganzen funkelnden Menge weder Hülfe noch Erbarmen zu sehen.

“Hier kommt das Pferd,” sagte Joe, “und klingelt wie ’n ganzes Geläute!”

Der Schall seiner Hufeisen klang auf dem harten Wege förmlich wie Musik, als es in weit schnellerm Trabe als gewöhnlich daher kam. Wie brachten einen Stuhl heraus, um Frau Joe beim Absteigen behülflich zu sein, schürten das Feuer noch ein Mal, damit sie ein helles Fenster sähe, und überschauten die Küche dann noch ein Mal zum Schlusse, ob auch Alles an Ort und Srelle sei. Als wir hiermit fertig waren, fuhren sie vor, bis zu den Augen eingehüllt. Frau Joe was bald gelandet und Onkel Pumblechook bald abgestiegen und hatte eine Decke über den Klepper geworfen, und dann gingen wir Alle in die Küche, in die wir so viel kalte Luft mit hineinbrachten, daß dieselbe alle Hitze aus dem Feuer zu vertreiben schien.

“Nun,”‘ sagte Frau Joe, indem sie sich mit Hast und Aufregung enthüllte und ihren Hut zurückwarf, so daß derselbe an seinen Bändern über ihrem Rücken baumelte, “wenn dieser Junge heut Abend nicht dankbar ist, so wird er es im Leben nicht werden.”

Ich sah so dankbar aus, wie es einem Jungen nur möglich ist, der vollkommen in Unwissenheit ist, weshalb er sich dieses Aussehens zu befleißigen hat.

“Ich will hoffen,” sagte meine Schwester, “daß er nicht verhätschelt wird. Aber darüber habe ich meine Befürchtungen.’

“Sie ist nicht der Art, Madam,” sagte Mr. Pumblechook; “sie weiß besser Bescheid.”

Sie? Ich schaute Joe an und machte mit meinen Lippen und Augenbrauen eine Bewegnng, welche “Sie?” bedeutete. Joe schaute mich an und machte mit Lippen und Augenbrauen dieselbe Bewegung. Da meine Schwester ihn dabei ertappte, fuhr er sich mit begütigender Miene, wie er es bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegte, mit der Hand über die Nase und sah sie an.

“Was gieb’s?” sagte meine Schwester auf ihre bissige Manier, “brennts Haus etwa?”

“Es sagte nur Jemand”, bemerkte Joe höflich, “Etwas wie von—einer Sie.”

“Und wahrscheinlich ist sie ’ne Sie,”‘ sagte meine Schwester, “wenn Du nicht Miß Havisham einen Er nennst. Und ich bezweifle, ob selbst Du Dich unterstehen würdest, so weit zu gehen.”

“Miß Havisham oben in der Stadt?” sagte Joe.

“Giebt es vielleicht eine Miß Havisham unten in die Stadt?” entgegnete meine Schwester. “Sie will, daß dieser Junge da zu ihr kommt und spielt. Und natürlich wird er es thun. Und ich rathe ihm, zu spielen,” sagte meine Schwester, indem sie den Kopf gegen mich schüttelte, als Ermuthigung für mich, außerordentlich lebhaft und munter zu sein, “oder ich wills ihm eintränken.”

Ich hatte von Miß Havisham oben in der Stadt—meilenweit in der Runde hatte alle Welt von Miß Havisham oben in der Stadt gehört—wie von einer steinreichen, finstern alten Dame gehört, die in einem großen, finstern Hause, das gegen Räuber verbarricadirt war, wohnte, und in tiefer Zurückgezogenheit lebte.

“Na, wer hätte das gedacht!” sagte Joe verwunderungsvoll. “Wie kommt sie nur dazu, Pip zu kennen?

“Dummkopf!” rief meine Schwester aus; “wer hat gesagt, daß sie ihn kennt?” “

“Weil Jemand”, bemerkte Joe abrmals höflich, “soeben was davon erwähnte, sie wollte, daß er hinkäme und spielte.”

“Und konnte sie vielleicht nicht Onkel Pumblechook fragen, ob er einen Knaben kennte, der hinkommen und bei ihr spielen könnte? Ist es nicht eine Möglichteit, daß Onkel Pumblechook ein Miethmann von ihr ist und daß er zuweilen—wir wollen nicht von vierteljährlich oder halbjährlich sagen, denn das hieße zu viel von Dir verlangen—aber zuweilen hingeht, um seine Miethe zu bezahlen? Und konnte sie bei einer solchen Gelegenheit nicht Onkel Pumblechook fragen, ob er nicht einen Knaben kenne, der hinkommen und bei ihr spielen könne? Und konnte nicht Onkel Pumblechook, der immer so rücksichtvoll an uns denkt, obgleich Du dies nicht glauben willst, Joseph,”—in einem Tone des tiefsten Vorwurfes, als ob er der herzloseste aller Neffen sei—“diesen Jungen nennen, der so hochmüthig hier steht (was, wie ich hiemit feierlich erkläre, nicht der Fall war), und für den ich mich ewig abgeplackt und geschunden habe?”

“Sehr gut!” rief Onkel Pumblechook, “sehr gut gesagt! Sehr hübsch gegeben! Sehr gut! Jetzt, Joseph, jetzt weißt Du, wie die Sache sich verhält.”

“Nein, Joseph,” sagte meine Schwester noch immer in einem Tone des Vorwurfes, während Joe sich mit abbittender Miene mit dem Rücken der Hand über die Nase strich, “Du weißt noch nicht—obgleich Du Dirs vielleicht einbilden magst—wie die Sache sich verhält. Denn Du weißt noch nicht, daß Onkel Pumblechook, der sich bewußt ist, daß, soviel man weiß, dieser Junge sein Glück machen kann, wenn er zu Miß Havisham geht, sich erboten hat, ihn heute Abend in seinem eigenen Wagen mitzunehmen, und ihn diese Nacht bei sich zu behalten und morgen früh mit eigener Hand zu Miß Havisham zu bringen. Und Herr Du meine Güte!” rief meine Schwester in plötzlicher Desperation ihren Hut abwerfend aus, “hier stehe ich und schwatze mit diesen Mondkälbern und lasse Onkel Pumblechook warten, und den Klepper sich draußen erkälten, und dabei ist der Junge vom Kopf bis zur Sohle voller Ruß und Schmutz!”

Mit diesen Worren stürzte sie auf mich zu, wie ein Adler sich auf ein Lamm stürzt, und dann wurde mein Gesicht in eine hölzerne Schale im Gußsteine gezwängt, mein Haupt unter den Zapfen der Wassertonne gehalten und ich selbst geseift, geknetet, abgetrocknet, geklopft, geharkt und gestriegelt, bis ich wirklich ganz von Sinnen war. (Ich darf mir wohl hier die Bemerkung erlauben, daß ich mich für besser von der kratzenden Wirkung eines Trauringes, der auf unsympathetische Weise über das menschliche Antlitz hin und her fährt, unterrichtet halte, als sonst irgend eine lebende glaubwürdige Quelle.)

Als der Reinigungsprozeß zu Ende, wurde ich, wie ein junger Büßender in Sackleinwand, in reine Wäsche von der allersteifsten Sorte gesteckt, und dann in meinen engsten, fürchterlichsten Anzug gezwängt. Dann wurde ich Mr. Pumblechook übergeben, welcher mich förmlich entgegennahm, wie wenn er der Sherif gewesen wäre, und dann die Rede gegen mich losließ, die er sich, wie ich wußte, mir längst zu halten gesehnt hatte; “Sei stets dankbar, Junge, gegen alle Deine Freunde, aber am dankbarsten gegen Die, welche Dich durch die Hand groß gezogen haben!”

“Lebewohl, Joe!”

“Gott sei mit Dir, Pip, mein alter Junge!” Ich hatte mich noch niemals von Joe getrennt, und unter den vereinigten Wirkung meiner Gefühle und der vielen Seife in meinen Augen konnte ich zuerst, als ich im Wagen saß, keine Sterne sehen. Aber sie kamen einer nach dem andern funkelnd zum Vorschein, ohne jedoch irgend welches Licht auf die Fragen zu werfen, warum in aller Welt ich zu Miß Havisham spielen ging, und was in aller Welt man dort von mir zu spielen verlangen würde.

Kapitel 8

Ein Schritt vorwärts im Leben

Mr. Pumblechooks Geschäft in der Hauptstraße unseres Marktfleckens hatte ein pfefferkörniges und mehliges Aussehn, wie sich dies von dem Geschäft eines Korn- und Samenhändlers erwarten läßt. Es schien mir, daß er, im Besitze so vieler kleiner Schubladen in seinem Gewölbe, ein sehr glücklicher Mann sein mußte; und als ich in ein Paar von den unteren Schubladen blickte und darinnen die zusammengebundenen Packete in grauem Papier liegen sah, erging ich mich in Muthmaßungen, ob wohl an schönen Tagen die Blumensamen und Zwiebeln sich sehnten ihre Bande zu sprengen und aufzublühen.

Es war früh am Morgen nach meiner Ankunft, daß ich mich diesen Betrachtungen hingab. Man hatte mich am Abend vorher sofort ins Bette geschickt, und zwar auf eine Dachkammer mit abschüssigem Dache, so niedrig, daß nach meiner Berechnnng die Ziegel in der Ecke, wo das Bett stand, keinen Fuß breit von meinen Augenbrauen sein konnten. An eben diesem frühen Morgen entdeckte ich auch die merkwürdige Verwandtschaft zwischen Sämereien und Manchestersammethosen. Mr. Pumblechook trug Manchestersammethosen und sein Gehülfe desgleichen; und es war überhaupt in dem allgemeinen Aussehen und Dufte der Sammethosen soviel von den Eigenschaften der Sämereien und in dem allgemeinen Aussehen und Duften der verschiedenen Samenarten soviel von den Eigenschaften der Sammethosen, daß ich kaum das Eine vom Andern zu unterscheiden vermochte. Bei derselben Gelegenheit machte ich auch die Bemerkung, daß Mr. Pumblechooks Art und Weise, sein Geschäft zu führen, darin bestand, daß er nach der gegenüberliegenden Seite der Straße und nach dem Sattler blickte, welcher seinem Gewerbe dadurch vorzustehen schien, daß er kein Auge von dem Wagenbauer verwandte; daß dieser sich seinen Lebensunterhalt verdiente, indem ee die Hände in die Taschen steckte und den Bäcker betrachtete, welcher seinerseits mit verschlungenen Armen dastehend den Gewürzkrämer anstierte, der von seiner Thüre stand und den Apotheker angähnte.

Der Uhrmachet, der beständig mit einem Vergrößerungsglase vor dem Auge sich über sein kleines Pult beugte, und dem stets eine Gruppe von Männern in Arbeitskitteln durchs Fenster zuschaute, schaute, schien mit in der ganzen Hauptstraße fast dei Einzige, dessen Beschäftigung seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Mr. Pumblechook und ich frühstückten um acht Uhr in dem Wohnstübchen hinter dem Laden, während der Gehülfe seinen Becher Thee und seine dicke Butterschnitte auf einem Erbsensacke im Laden verzehrte. Ich fand in Mr. Pumblechook einen erbärmlichen Gesellschafter. Er theilte nämlich in Bezug auf meine Diät ganz die Ansicht meiner Schwester, welche behauptete—oder wenigstens nach diesem Grundsatze handelte—daß die Kost auf meine Kasteiung und Demüthigung berechnet sein müßte. Er gab mir in Verbindung mit möglichst vieler Krume vom Brode möglichst wenig Butter und that eine solche Menge warmen Wassers in meine Milch, daß es viel aufrichtiger von ihm gewesen wäre, wenn er die Milch ganz fortgelassen hätte. Diese Genüsse würzte er durch eine Unterhaltung über Arithmetik. Als ich ihm einen höflichen Guten Morgen bot, sagte er mit pomphafter Miene: “Siebenmal neun, Junge!” Und wie konnte ich wohl an einem fremden Orte und mit leerem Magen hierauf antworten? Ich war hungrig, doch ehe ich noch einen Bissen hatte verschlucken können, fing er ein laufendes Rechenexempel an, welches die ganze Mahlzeit übet dauerte.

“Sieben? Und vie? Und acht? Und sechs? Und zwei? Und zehn?” Und so weiter. Und wenn ich mit einem Exempel fertig war, gelang es mir nur mit größter Mühe, einen Bissen zu essen oder einen Trunk zu nehmen, so kam schon das nächste; während er gemüthlich dasaß und nichts rieth und statt dessen auf eine (wenn man mir den Ausdruck hingehen lassen will) stopfende, gefräßige Weise gebratenen Speck und heiße Semmeln aß!

Aus diesen Gründen war ich sehr froh, als es zehn Uhr war und wir und auf den Weg zu Miß Havisham machten, obgleich ich in Bezug auf mein zu beobachtendes Benehmen unter dem Dache dieser Dame nichts weniger als beruhigt war. In weniger als einer Viertelstunde langten wie vor Miß Havißhams Hause an, einem alten Ziegelsteingebäude vou sehr düsterem Außsehen, und außerdem verwahrt mit einer großen Anzahl von Eisenstäben. Einige vou den Fenstern waren zugemauert; von denen, welche frei geblieben, waren aber die unteren alle mit rostigen Eisengittern versehen. Vor dem Hause war ein Hof, den ebenfalls ein Eisengitter schützte; darum mußten wir, nachdem wir geschellt hatten, warten, bis Jemand kommen würde, um es für uns zu öffnen.

Während wir vor dem Thore warteten, lugte ich hinein (selbst in diesem Augenblicke noch, sagte Mr. Pumblechook: und vierzehn? aber ich that, als hörte ich ihn nicht) und erblickte auf der einen Seite des Hauses eine große Brauerei; doch wurde augenblicklich nicht darin gebraut und es schien, als ob sie schon seit lauger, langer Zeit unbenutzt gestanden hätte.

Es wurde ein Fenster geöffnet und eine helle Stimme fragte: Wer ist da? worauf mein Führer antwortete: Pumblechook. Die Stimme entgegnete: Ganz recht, worauf das Fenster wieder geschlossen wurde und eine junge Dame mit Schlüsseln in der Hand über den Hof gegangen kam.

“Dies”, sagte Mr. Pumblechook, “ist Pip.”

“So? Also dies ist Pip?” entgegnete die junge Dame, die sehr hübsch war, und sehr stolz zu sein schien; “komm herein, Pip.”

Mr. Pumblechook wollte ebenfalls mit hineingehen, aber sie hielt ihn mit dem Thore zurück.

“O!” sagte sie, “wünschten Sie vielleicht, mit Miß Havisham zu sprechen?”

“Falls Miß Havisham mich zu sprechen wünscht;” erwiederte er mit verblüffter Miene.

“Ach!” “ sagte das Mädchen, “aber sie wünscht Sie nicht zu sprechen, sehen Sie.”

Sie sagte dies auf so zurückweisende, alle fernere Erörterung ausschließende Art, daß Mr. Pumblechook, obgleich in seiner Würde verletzt, nichts dagegen einwenden konnte. Aber er blickte mich strenge an—als ob ich ihn beleidigt hätte—und ging dann, nachdem er in vorwurfsvollem Tone folgende Worte an mich gerichtet; “Junge! Daß Du durch Dein Betragen hier Denjenigen Ehre machst, die Dich mit der Hand groß gezogen haben!” Ich war nicht ganz von der Befürchtung frei, daß er zurückkommen und durch das Thor hindurch mir noch die Frage, “Und sechszehn?” vorlegen würde. Aber er unterließ es.

Meine junge Führerin schloß das Thor, und wir gingen über den Hof. Derselbe was rein und gepflastert, aber in jeder Spalte wuchs das Gras. Zwischen den Brauereigebäuden war ein kleiner Verbindungsweg, dessen Pförtchen offen standen; die ganze Brauerei dahinter stand ebenfalls offen bis an die hohe Schlußmauer, und Alles war leer und unbenutzt. Der kalte Wind schien hier kälter zu blasen, als außerhalb des Thores, und pfiff gellend an den offenen Seiten der Brauerei aus und ein, wie in dem Takelwerke eines Schiffes auf offener See.

Sie sah mich nach der Brauerei hinblicken und sagte: “Du könntest, ohne Dir zu schaden, all das starke Bier trinken, das dort jetzt gebraut wird, Junge.”

“Das will ich glauben, Miß,” sagte ich ziemlich verlegen.

“Lieber nicht versuchen, dort jetzt noch Bier zu brauen, es würde sehr bald sauer werden, wie—Junge?”

“Es sieht fast so aus, Miß.”

“Nicht, daß irgend Jemand den Versuch zu machen geneigt wäre, “ fuhr sie fort, “denn das ist jetzt Alles vorbei, und das ganze Gebäude wird unbenutzt dastehen bleiben, bis es zusammenfällt. Was aber das starke Bier betrifft, so ist davon genug unten in den Kellern, genug um drin das ganze Herrenhaus zu ersäufen.”

“Ist das der Name von diesem Hause, Miß?”

“Einer von seinen Namen, Junge.”

“Dann hat es mehr Namen als einen, Miß?”

“Ja, noch einen. Sein anderer Name war Satis; was Griechisch oder Lateinisch oder Hebräisch, oder alle Drei zusammen— oder mir alles Eins—für Genug ist.”

“Genughaus,” sagte ich, “das ist ein sonderbarer Name, Miß .”

“Ja,” sagte sie, “ader das hatte mehr zu bedeuten, als es ausdrückte. Es sollte heißen, als es vergeben wurde, daß Derjenige, der es besäße, Nichts weiter brauchen könne. Sie müssen zu jener Zeit sehr leicht zu befriedigen gewesen sein. Aber komm weiter, Junge.”

Obgleich Sie mich so oft “Junge” nannte, und zwar mit einer Gleichgültigkeit, die nichts weniger als schmeichelhaft war, so stand sie doch ziemlich mit mir in einem Alter, oder war doch nur um ein Weniges älter, als ich. Aber da sie ein Mädchen und sehr schön und unbefangen war, schien sie weit älter, als ich, und ihr Wesen gegen mich war so verachtend, als ob sie wenigstens einundzwanzig Jahre alt und eine Königin gewesen wäre.

Wir gingen durch eine Seitenthür ins Haus—über die große Vorderthür waren zwei Ketten hingezogen—und das Erste, was mir auffiel, war, daß die Gänge alle finster waren und das Mädchen ein brennendes Licht hier hatte stehen lassen. Sie nahm dasselbe auf und dann gingen wir durch noch mehr Gänge und eine Treppe hinauf, und noch immer war Alles finster und ihr Licht allein leuchtete uns.

Endlich kamen wir an eine Zimmerthür, und sie sagte:

“Geh hinein.”

Ich entgegnete mehr aus Furchtsamkeit ass aus Höflichkeit:

“Nach Ihnen, Miß.”

Hierauf erwiderte sie:

“Mache Dich nicht lächerlich, Junge; ich gehe nicht hinein;” und ging verachtend fort—und, was noch schlimmer war, nahm das Licht mit.

Dies war sehr ungemüthlich, und ich fing beinahe an, mich zu fürchten. Indessen, da man nichts weiter von mir verlangte, als daß ich an die Thür klopfe, so klopfte ich, und wurde von drinnen aufgefordert, hereinzukommen. Ich trat ein und sah mich in einem ziemlich großen Zimmer, das durch Wachskerzen hell erleuchtet war. Es war auch keine Spur von Tageslicht sichtbar. Das Zimmer war, wie ich nach der Ausstattung vermuthete, ein Toilettezimmer, obgleich viele von den Formen und Zwecken der verschiedenen Gegenstände mir damals völlig unbekannt waren. Vor Allen war jedoch ein großer, mit einer Draperie behangener Tisch ins Auge fallend, auf welchen ein vergoldeter Spiegel stand, ein Meuble, das ich auf den ersten Blick als den Toilettetisch einer vornehmen Dame erkannte.

Ob ich dies ebenso schnell entdeckt haben würde, falls keine vornehme Dame vor demselben gesessen, vermag ich nicht zu sagen. Dort, in einem Armstuhle, den einen Arm auf den Tisch stützend und auf die Hand desselben ihr Haupt lehnend, saß die seltsamste Dame, die ich je gesehen habe oder sehen werde.

Sie war in reiche Stoffe gekleidet—in Atlas, Spitzen und Seide—Alles weiß. Auch ihre Schuhe waren weiß. Ein langer weißer Schleier hing von ihrem Haare herab, und in dem Haare trug sie einen Brautkranz, aber ihr Haar war weiß. Auf dem Halse und an den Händen funkelten Juwelen und auf dem Tische lagen noch mehrere funkelnde Kleinode. Kleider, die jedoch nicht so kostbar waken, wie das Kleid, welches sie trug, lagen, und halb gepackte Reisekoffer standen um sie her. Sie was nicht ganz mit ihrem Anzuge fertig, denn sie hatte erst einen Schuh angezogen und der andere stand neben ihrer Hand auf dem Tische; ihr Schleier was nicht ganz befestigt und sie hatte ihre Uhr und Kette noch nicht angethan und eine Spitze für den Ausschnitt ihres Kleides lag mit ihrem Taschentuche, ihren Handschuhen, Blumen, ihrem Gebetbuche und jenen Juwelen—Alles in einem wirren Haufen—um den Spiegel herum.

Es war nicht gleich in der ersten Minute, daß ich alle diese Sachen sah, obgleich ich in der ersten Minute mehr sah, als man wohl denken mag. Aber ich sah, daß Alles vor mir, was weiß hätte sein sollen, dies vor langer, langer Zeit gewesen, jetzt aber seinen Glanz verloren hatte und gelb und verblichen war, und daß ihr von ihrem Schönheissglanze nichts übrig geblieben, als der Glanz ihrer tief gesunkenen Augen. Ich sah, daß das Kleid einen wohlgerundeten jungen Frauengestalt paßte, und daß es jetzt lose auf einer Gestalt hing, die zu lauter Haut und Knochen zusammengeschrumpft war. Man hatte mich einmal auf einem Jahrmarkte in eine Wachsfiguren-Bude geführt, um, ich weiß nicht welche unmögliche Persönlichkeit auf dem Paradebette liegen zu sehen. Dann war ich einmal in einer unserer alten Marschkirchen gewesen, um ein Skelet in den Ueberbleibseln reicher Gewänder zu sehen, welchen man aus einem Gewölbe unter dem Kirchenpflaster herausgegraben hatte. Und die Wachsfigur sowohl als daß Skelet schienen dunkle Augen zu haben, die sich bewegten und mich anblickten. Ich hätte fast laut aufgeschrieeen, wenn ich gekonnt hätte.

“Wer ist da?” sagte die Dame an dem Tische.

“Pip, Madame.”

“Pip?”

“Mr. Pumblechooks Junge, Madame. Der zum Spielen herkommen sollte.”

“Komm näher. Laß Dich ansehen. Komm ganz nahe heran.”

Als ich vor ihr stand und ihren Augen auswich, geschah es, daß ich im Einzelnen von den sie umgebenden Gegenständen Notiz nahm und zugleich bemerkte, daß ihre Uhr sowohl, als die Wanduhr im Zimmer zwanzig Minuten vor neun Uhr stehen geblieben waren.

“Sieh mich an,” sagte Miß Havisham. “Fürchtest Du Dich auch nicht vor einer Frau, welche, seit Du geboren wurdest, die Sonne nicht mehr gesehen hat?”

Ich bedaure zu sagen, daß ich mich nicht schämte, die ungeheure Lüge zu sagen, die in dem Worte “Nein!” enthalten war.

“WeißDu, was ich hier berühre?” sagte sie, indem sie ihre Hände, eine auf die andere, auf ihre linke Seite legte.

“Ja, Madame” (Dies erinnerte mich an den jungen Mann.)

“Was ist es?”

“Ihr Herz.”

“Gebrochen!”

Sie sprach dies Wort mit einem eifrigen Blicke, starkem Nachdrucke und einem gespenstischen Lächeln, in wichtig thuender Weise. Sie ließ die Hände dort eine kleine Weile ruhen und nahm sie dann langsam und als ob sie schwer geworden, wieder fort.

“Ich langweile mich,” sagte Miß Havisham, “ich bedarf der Zerstreuung, aber ich bin fertig mit Männen und Weibern. Spiele.”

Ich denke, der streitsüchtigste Leser wird mir zugeben, daß sie einem unglücklichen Knaben unter den Umständen in der ganzen Welt nichts Schwereres hätte zu thun aufgeben können.

“Ich habe zuweilen Krankenlaunen,” fuhr sie fort, und ich habe jetzt eine Krankenlaune, daß ich ein Kind spielen sehen möchte. Nun, mache!” sagte sie mit einer ungeduldigen Bewegung der Finger ihrer rechten Hand; “spiele, spiele, spiele!”

Für einen Augenblick kam mir, in der großen Angst vor meiner Schwester, der verzweifelte Einfall, in der Rolle von Mr. Pumblechooks zweiräderigem Wagen ums Zimmer zu laufen. Aber ich fühlte, daß ich nicht das Herz zu der Darstellung hatte; ich stand und sah Miß Havisham, wie es ihr geschieneu haben muß, trotzig an, denn sie sagte, nachdem wir einander eine ziemliche Weile angeschaut:

“Bist Du tückisch und halsstarrig?”

“Nein, Madame; aber es thut mir Ihretwegen leid, daß ich gerade jetzt nicht spielen kann. Falls Sie sich über mich beschwerten, so würde meine Schwester sehr böse auf mich werden, und deshalb wollte ich schon spielen, wenn ich nur könnte; aber es ist mir hier Alles so neu, und so fremd, und so vornehm, und so traurig.”—Ich schwieg, aus Furcht, zu viel zu sagen oder bereits zu viel gesagt zu hahen, und mir schauten einander abermals an.

Ehe sie wieder sprach, wandte sie ihre Blicke von mir ab und auf ihr Kleid, auf den Toilettetisch und endlich auf ihr Bild im Spiegel.

“So neu für ihn,” murmelte sie, “so alt für mich; für ihn so fremd, und mir so bekannt; so traurig für alle Beide! Rufe Estella!”

Da sie sich noch immer betrachtete, glaubte ich, sie rede noch zu sich selbst, und verhielt mich deshalb ruhig.”

“Rufe Estella!” wiederholte sie, mich mit ihren Augen anblitzend. “Das wirst Du doch wohl können. Rufe Estella. Von der Thür aus.”

So in einem dunkeln, geheimnißvollen Corridor in einem unbekannten Hause zu stehen und einer hochmüthigen jungen Dame, die sich weder sehen lassen, noch antworten wollte, “Estella” zuzuschreien, wobei es mir schien, als nähme ich mir eine große Freiheit heraus, indem ich auf diese Weise ihren Namen brüllte, war fast ebenso schlimm, als auf Commando zu spielen. Endlich aber antwortete Estella, und ihr Licht kam wie ein Stern den dunklen Gang entlang.

Miß Havisham machte ihr ein Zeichen, näher heran zu kommen, nahm eines der Kleinode vom Tische und versuchte, wie sich dasselbe auf ihrem schönen jungen Arme und in ihrem hübschen braunen Haare ausnehme.

“Es wird eines Tages Dir gehören, mein Kind, und Du wirst guten Gebrauch davon zu machen verstehen. Laß mich sehen, wie Du mit diesem Knaben Karten spielst.”

“Mit diesem Knaben? Aber er ist ja nur ein ganz gewöhnlicher Bauernjunge!”

“Mir schien, als ob ich Miß Havishami antworten hörte— nur war dies so sehr unwahrscheinlich—: Nun? Kannst Du nicht sein Herz brechen?

“Was kannst Du spielen, Junge?” frug mich Estella mit der größten Verachtung.

“Nichts als ums Leben, Miß.”

“Bring ihn ums Leben,” sagte Miß Havisham zu Estella. Und darauf setzten wir und zum Kartenspiel.

Hier war es, wo ich bemerkte, daß Alles im Zimmer, wie die beiden Uhren, vor langer Zeit stehen geblieben war. Ich sah, daß Miß Havisham das Kleinod genau wieder an dieselbeStelle legte, von der sie es aufgenommen. Während Estella die Karten mischte und gab, warf ich wieder einen Blick auf den Toilettetisch und bemerkte, daß der Schuh, welcher einst weiß und jetzt gelb war, niemals getragen worden sei. Ohne diese Stockung, dieses Stillstehen all der verblichenen, und verfallenen Gegenstände hätten selbst das vergilbte Brautkleid auf der verschrumpften Gestalt und der lange Schleier nicht so sehr wie Leichentücher aussehen können.

Und so saß sie leichenhaft da, während wir Karten spielten. Die Spitzen und Garnirungen an ihrem Brautkleide sahen aus, wie wenn sie von einem erdigen Papier gemacht wären und als müßten sie unter der leichtesten Berührung zusammenbröckeln. Ich wußte damals noch nichts von den Entdeckungen, welche man gelegentlich an Körpern macht, die in alten Zeiten begraben worden und in Staub zerfallen, sowie man ihrer zum ersten Male deutlich ausichtig wird; aber ich habe seitdem oft gedacht, daß sie ausgesehen haben muß, als ob der erste Strahl des natürlichen Tageslichtes, den man auf sie fallen ließe, sie in Staub und Asche verwandeln würde.

“Er nennt die Buben “Unter”, dieser Junge!” sagte Estella verachtend, ehe wir noch unser erstes Spiel zu Ende gespielt. “Und was für grobe Hände er hat. Und was für dicke Stiefeln!”

Ich hatte noch nie vorher daran gedacht, mich meiner Hände zu schämen, fing aber jetzt an, sie wirklich sehr mittelmäßig zu finden. Ihre Verachtung war so gewaltig, daß sie ansteckend wurde und sich auch auf mich übertrug.

Sie gewann das Spiel und darauf gab ich die Karten. Ich vergab mich, was ganz natürlich war, da ich wußte, daß sie auflauerte, bis ich etwas verkehrt machen würde, und dann nannte sie mich einen dummen, ungeschickten Bauerjungen.

“Du sagst nichts von ihr!” bemerkte Miß Havisham, zu mir gewendet. “Sie sagt viel Bitteres von Dir, aber Du sagst gar nichts von ihr. Was denkst Du von ihr?”

“Ich mag es nicht sagen,” stotterte ich.

“Sag mirs ins Ohr,” sagte Miß Havisham sich zu mir herab neigend.

“Ich denke, daß sie sehr stolz ist,” sagte ich flüsternd.

“Was sonst noch?”

“Daß sie sehr hübsch ist.”

“Was sonst noch?”

“Daß sie sehr beleidigend ist.” (Sie betrachtete mich in diesem Augenblicke gerade mit einem Ausdrucke tiefsten Abscheus.)

“Sonst noch etwa?”

“Daß ich heim gehen möchte.”

“Und sie niemals wiedersehen, obgleich sie so hübsch ist?”

“Ich weiß nicht, ob ich sie nicht doch noch wiederseben möchte, aber ich möchte jetzt gern heim gehen.”

“Das sollst Du bald,” sagte Miß Havisham laut. “Spielt das Spiel zu Ende.”

Hätte ich nicht das eine gespenstische Lächeln zu Anfange auf Miß Havishams Gesicht gesehen, so hätte ich glauben müssen, daß es überhaupt nicht zu lächeln im Stande wäre. Dasselbe war in einen argwöhnisch grübelnden Ausdruck verfallen—wahrscheinlich zu derselben Zeit, wo Alles um sie her erstarrt war—und es sah aus, als ob nichts in der Welt es je wieder würde erheben können. Ihre Brust war eingefallen, so daß sie gebeugt saß; ihre Stimme war gesunken, so daß sie leise und wie im Grabestone sprach; und Alles mit einander genommen sah sie aus, als ob sie an Leib und Seele, innerlich und äußerlich, unter der Wucht eines gewaltigen Schlages zusammengesunken sei.

Ich spielte das Spiel mit Estella zu Ende und sie gewann abermals. Sie warf die Karten, als sie dieselben alle gewonnen hatte mit einer Miene auf den Tisch, als ob sie sie dafür, das sie mir abgennommen waren, verachtete.

“Wann werde ich Dich wieder herkommen lassen?” sagte Miß Havisham. “Laß mich überlegen.”

Ich begann sie zu erinnern, daß es heute Mietwoch sei, als sie mich mit der ungeduldigen Bewegung der Finger ihrer rechten Hand unterbrach.

“Da! stille! Ich weiß nichts von den Tagen der Woche, nichts von den Wochen im Jahre. Komm in drei Tagen wieder, hörst Du?”

“Ja, Madame.”

“Estella, führe ihn hinunter. Gieb ihm zu essen und laß ihn, während er ißt, umher wandern und sich umsehen. “Geh, Pip.”

Ich folgte dem Lichte hinunter, wie ich ihm hinauf gefolgt war, und sie stellte es wieder an die Stelle, wo wir es gefunden hatten. Bis jetzt, wo sie den Seiteneingang öffnete, war mirs, ohne daß ich daran gedacht hatte, gewesen, als müsse es Nacht sein. Darum war ich von der Helle des Tageslichtes ganz überwältigt, und es schien mir, als ob ich viele Stunden lang drinnen in dem Kerzenlichte zugebracht hätte.

“Du sollst hier warten, Du Junge,” sagte Estella, und verschwand, indem sie die Thür schloß.

Ich benutzte die Gelegenheit, wo ich mich allein im Hofe sah, um meine groben Hände und meine dicken Stiefeln zu betrachten. Meine Meinung von diesen Zugaben was keine günstige. Sie hatten mich früher nie beunruhigt, jetzt aber thaten sie dies als ein Paar entschieden ordinäre Anhängsel. Ich beschloß, Joe zu fragen, wie er dazu gekommen, mich jene Karten, welche Buben hießen, “Unter” nennen zu lehren? Ich wünschte, Joe wäre etwas feiner eezogen gewesen, modurch ich es ebenfalls geworden sein würde.

Estella kehrte mit etwas Brod und Fleisch und einem Töpfchen mit Bier zurück. Sie setzte das Töpfchen auf das Steinpflaster des Hofes nieder und gab mir Brod und Fleisch, ohne mich dabei anzusehen, so verachtend, als wenn ich ein Hund gewesen wäre. Ich fühlte mich so gedemüthigt, verletzt, getreten, beleidigt, aufgebracht, traurig—ich kann nicht den rechten Ausdruck für den Schmerz finden—Gott weiß, wie derselbe sein mochte—daß mir die Thränen in die Augen kamen. Sowie das Mädchen sie erblickte, zeichnete sich in ihrem Gesichte eine Freude darüber, daß sie die Ursache davon gewesen. Dies gab mir Kraft, die Thränen zurückzudrängen und das Mädchen anzusehen; worauf sie verachtend den Kopf zurückwarf—aber, wie es mir schien, mit einem Bewußtsein, daß sie sich zu früh gefreut, mich so gekränkt zu haben —und verließ mich.

Aber als sie fort war, sah ich mich nach einer Stelle um, in der ich mein Gesicht verbergen könne, und ging hinten eines der Pförtchen, welche nach der Brauerei führten, wo ich meinen Arm gegen die Mauer und auf ihn meinen Kopf lehnte und weinte. Während ich weinte, stieß ich die Mauer mit meinen Füßen und riß mich heftig im Haare; so bitter waren meine Gefühle und so schneidend der Schmerz ohne Namen, daß er eines Gegenreizes bedurfte.

Die Erziehung, welche meine Schwester mir hatte angedeihen lassen, hatte mich empfindlich gemacht. In der kleinen Welt, in welcher Kinder leben—von wem sie immer erzogen werden mögen —giebt es, wie ich überzeugt bin, Nichts, das so fein von ihnen empfunden wird, als Ungerechtigkeit. Es mögen nur kleine Ungerechkigkeiten sein; aber das Kind selbst ist klein, und seine Welt ist klein und es ist ihm sein Wiegenpferd vergleichsweise ein ebenso großes Thier, als uns ein großes, knochiges irländisches Jagdpferd. Ich hatte seit meinen frühesten Kindheit in meinem Innern einen unausgesetzten Kampf mit der Ungerechtigken geführt. Ich hatte, von der Zeit an, wo ich zu sprechen angefangen, gewußt, daß meine Schwester in ihren launenhaften, heftigen Züchtigungen ungerecht gegen mich war. Ich hatte eine feste Ueberzeugung gehegt, daß der Umstand, daß sie mich mit der Hand aufgezogen, ihr nicht das Recht gebe, mich auch durch Püffe anfzuziehen. Jedes Mal, wo es Strafe, Ungnade oder andere Bußkämpfe für mich gab, hatte ich diese Ueberzeugung aufs Neue in mir bestärkt, und dem Umstande, daß ich auf eine einsame, schutzlose Weise so viel hierüber grübelte, schreibe ich größtentheils meine moralische Furchtsamkeit und Empfindsamkeit zu.

Ich überwand meine verletzten Gefühle dies Mal dadurch, daß ich sie an den Brauereimauer und an meinen Haaren ausließ, und dann wischte ich mir mit meinem Aermel das Gesicht ab und kam wieder hinter dem Pförtchen hervor.

Es was in der That ein wüster Ort. Sogar das Taubenhäuschen im Brauereihofe sah aus, als ob irgend ein starker Wind es einst auf seinem Pfahle schief geblasen und als ob die Tauben darin sich durch das Hinundherschwanken auf der See gewähnt haben müßten, falls sich Tauben darin aufgehalten hätten. Aber in dem Taubenschlage waren keine Tauben, in den Ställen keine Pferde, in den Schweinekoben keine Schweine, im Vorrathshause kein Malz, in den Kupferkesseln und dem Kühlfaß kein Geruch von Malz oder Bier. Jede Spur und jede Art von Duft aus der Brauerei mochte mit ihrem letzten Rauche verdampft sein. In einem Nebenhofe war eine Wildniß von leeren Tonnen, denen eine saure Erinnerung an bessere Tage anhaftete; doch war sie zu sauer, um für eine Probe des dahingegangenen Bieres gelten zu können–und in diesem Punkt scheinen mir jene Einsiedler-Tonnen vier Aehnlichkeit mit anderen Einsiedlern zu haben.

Hinten am äußersten Ende der Brauerei befand sich ein wüfter Garten mit einer alten Mauer; doch war letztere nicht so hoch, um mich zu verhindern, hinaufzuklettern und mich lange genug festzuhalten, um zu sehen, daß der wüste Garten zum Hause gehörte, daß er mit Unkraut überwachfen, daß aber auf den gelbgrünen Pfaden eine Spur war, als ob dort zuweilen Jemand wandle und daß Estella eben in diesem Augenblicke dort abgewandt von mit umherging. Doch sie schien überall zu sein. Denn als ich der Versuchung wich, welche die Tonnen mir boten, und darauf umherzuspazieren begann, sah ich sie ebenfalls am Ende des Tonnenhofes auf ihnen umhergehen. Sie hatte den Rücken mir zugewandt und hielt ihr hübsches braunes Haar mit beiden Händen ausgebreitet von sich ab; sie schaute sich nicht um und war augenblicklich wieder verschwunden. Ebenso in der Brauerei selbst—womit ich das große, innen gepflasterte, hohe Gebäude meine, wo ehedem das Bier gebraut und noch jetzt die Brauereigeräthschaften aufbewahrt wurden. Als ich dassellbe zuerst betrat und, von seiner Düsterheit etwas beängstigt, an der Thür stehen blieb, sah ich sie zwischen den erkalteten Herden hindurch, dann eine leichte eiserne Treppe hinan und oben auf einer eisernen Galerie hinausgehen, als ob sie in den Himmel hinaufginge.

Es war an dieser Stelle und in diesem Augenblicke, daß etwas sehr Seltsames in meiner Phantasie vorging. Ich fand es damals seltsam, aber später ist es mir noch weit seltsamer erschienen. Ich wandte meine Blicke, die durch das Aufblicken in die frostige Luft ein wenig verschleiert waren, einem großen hölzernen Balken in einem niedrigen Winkel des Gebäudes rechts neben mir zu, und erblickte dort eine Gestalt, die am Halse aufgehangen war. Eine Gestalt ganz in vergilbten weißen Kleidern, und die nur einen Schuh anhatte; und diese Gestalt hing so, daß ich sehen konnte, daß die verblichenen Spitzen des Kleides wie erdiges Papier aussahen, und daß das Gesicht Miß Havishams Gesicht war, über welches eine Bewegung zuckte, wie wenn sie mich zu rufen versuchte. In dem Entsetzen, diese Gestalt dort zu sehen, und dem der gewissen Ueberzeugung, daß dieselbe einen Augenblick vorher nicht dort gewesen, rannte ich zuerst von ihr fort, dann aber auf sie zu. Aber mein Entsetzen war größer denn je, als ich gar keine Gestalt mehr dort fand.

Nichts Geringeres als das frostige Licht des heitern Himmels, als der Anblick der Leute, welche außerhalb des Gitterthores vorübergingen, und als die belebende Wirkung der Ueberreste von Brod, Fleisch und Bier, hätten mit meine Fassung wieder geben können. Selbst diesen kräftigen Hülfstruppen wäre es vielleicht nicht so schnell gelungen, mich wieder herzustellen, hätte ich nicht Estella mit den Schlüsseln kommen sehen, um mich hinaus zu lassen. Sie würde guten Grund haben, verachtend auf mich herabzusehen, dachte ich, falls sie sähe, daß ich mich fürchtete; und sie sollte keinen Grund dazu haben.

Sie blickte mich triumphirend an, als sie an mir vorbeiging, als freue sie sich, daß meine Hände so grob und meine Stiefeln so dick seien, und dann öffnete sie das Thor und hielt es offen für mich. Ich war im Begriffe hinauszugehen, ohne sie anzusehen, als sie mich höhnisch mit der Hand berührte.

“Warum weinst Du nicht?” sagte sie.

“Weil mir nicht so zu Muthe ist,” sagte ich.

“Es ist Dir doch danach zu Muthe,” sagte sie; “Du hast schon geweint und bist nahe daran, noch ein Mal anzufangen.”

Sie lachte hochmüthig, schob mich hinaus und verschloß das Thor wieder hinter mir. Ich ging geradewegs nach Mr. Pumblechooks Hause, und fand ihn zu meiner unaussprechlichen Erleichterung nicht daheim. Demzufolge gab ich dem Gehülfen den Auftrag, ihm zu sagen, an welchem Tage ich wieder bei Miß Havisham erwartet werde, und machte mich dann auf den vier Meilen langen Weg nach der Schmiede. Und während des ganzen Weges dachte ich an Alles, was ich gesehen, und überlegte tief, welch ein gemeiner Bauerjunge ich sei, welche groben Hände und dicken Stiefeln ich hatte, und wie ich in die gemeine Gewohnheit verfallen, Buben “Unter” zu nennen, wie ich viel unwissender sei, als mir dies am Abende vorher geschienen, und wie ich überhaupt mich in einem schlimmen, sehr ordinären Zustande befinde.

Kapitel 9

Reuige Bekenntnisse

Als ich zu Hause anlangte, war meine Schwester außerordentlich neugierig, Alles auf daß genaueste über Miß Havisham zu erfahren, und sie legte mir deshalb eine große Menge Fragen vor.

Da ich dieselben aber nicht mit genügender Ausführlichkeit beantwortete, erhielt ich viele heftige Püffe an den Hinterkopf und zwischen die Schultern und mein Gesicht wurde auf schmachvolle Weise an der Küchenwand gerieben.

Falls die Furcht, nicht verstanden zu werden, in demselben Grade in den Herzen anderer Kinder lebt, wie dies in dem meinigen der Fall war—was ich für wahrscheinlich halte, da ich durchaus keinen Grund für die Vermuthung sehe, daß ich ein ganz außergewöhnliches Kind gewesen wäre—so ist dies der Schlüssel zu vielen Verheimlichungen. Ich war überzeugt, daß man mich nicht verstehen würde, falls ich das, was ich bei Miß Havisham gesehen und erlebt, beschrieb, wie ich es gesehen und aufgefaßt hatte. Und nicht allein dies, sondern ich fühlte, daß man auch Miß Havisham nicht verstehen würde; und obgleich sie mir selbst vollkommen unverständlich war, so hatte ich doch ein Gefühl, als ob etwas Niedrieges und Verrätherisches darin liege, falls ich sie (Fräulein Estellas gar nicht zu erwähnen) den Betrachtungen der Frau Joe preisgäbe. Folglich sagte ich so wenig, wie ich konnte, und wurde demzufolge mit dem Gesichte gegen die Küchenwand gestoßen.

Das Schlimmste aber war, daß der alte Renommist, Onkel Pumblechook, den die Neugieede verzehrte, Alles zu erfahren, was ich gesehen und gehört hatte, zur Theezeit herübergefahren kam, um sich über die Einzelheiten Aufschluß geben zu lassen; denn der bloße Anblick dieses Quälgeistes mit seinen fischigen Augen, seinem offenen Munde und dem sandgelben Haare, das neugierig zu Berge stand, und seiner von einfältiger Arithmetik schwellenden Weste, machte mich auf förmlich boshafte Weise zurückhaltend.

“Nun, Junge,” begann Onkel Pumblechook, sobald er in dem Ehrensitze neben dem Feuer Platz genommen. “Wie ist Dir’s da oben in der Stadt ergangen?”

Ich antwortete; “Ziemlich gut, Sir”, und meine Schwester drohte mir mit der Faust.

“Ziemlich gut?” wiederholte Mr. Pumblechook. “Ziemlich gut ist gar keine Antwort. Erzähl uns, was Du mit Ziemlich gut sagen willst, Junge?”

Vielleicht verhärtet Kalk, auf die Stirn gerieben, das Gehirn bis zur Halsstarrigkeit. Jedenfalls war meine Halsstarrigkeit jetzt, da ich Kalk von der Küchenwand auf der Stirne hatte, unerschütterlich. Ich überlegte eine Weile und antwortete dann:

“Ich meine, ziemlich gut, Sir.”

Meine Schwester war, indem sie einen Aufruf der Ungeduld ausstieß, im Begriffe auf mich loszustürzen—ich hatte auch nicht einen Schatten von Beistand, denn Joe war in der Schmiede beschäftigt—als Mr. Pumblechook sich mit den Worten dazwischenlegte: “Nein! Verlieren Sie nicht die Geduld. Ueberlassen Sie ihn nur mir.”

Darauf drehte Mr. Pumblechook mich zu sich herum, wie wenn er beabsichtigte, mir das Haar zu schneiden oder einen Zahn auszureißen, oder irgend eine derartige Operation an mir zu vollziehen, und sagte:

“Erstens (um Deine Gedanken zu ordnen): wieviel machen vierunddreißig Pence?”

Ich berechnete die Folgen, falls ich “Vierhundert Pfund” antwortete, und da ich fand, daß dieselben zu meinem Nachtheile ausfallen würden, ging ich der richtigen Antiwort so nahe, wie ich konnte und das war ungefähr um acht Pence falsch. Mr. Pumblechoo ließ mich dann die ganze Tabelle von “zwölf Pence machen einen Schilling” bis zu “Vierzig Pence machen drei Schillinge und vier Pence” hersagen und fragte dann mit triumphirender Miene, ald ob er mich jetzt gefangen habe: “Jetzt also! Wieviel machen vierundreißig Pence?” Worauf ich nach einen langen Pause des Nachdenkens antwortete: “Ich weiß nicht.” Und ich ärgerte mich in dem Grade, daß ich wirklich fast bezweifle, ob ich es wußte.

Mr. Pumblechook arbeitete mit dem Kopfe, wie mit einem Bohrer, wie wenn er es aus mir herausbohren wollte, und sagte: “Machen vierunddreißig Pence, zum Beispiel, sieben Schillinge sechs Pence und drei Farthing?”

“Ja!” sagte ich. Und obgleich meine Schwester mich augenblicklich ohrfeigte, so war es mir doch eine große Freude, zu sehen, daß meine Antwort ihm seinen Spaß verdorben und ihn völlig zum Schweigen brachte.

Als er sich wieder erholt hatte, fragte er, mit fest über der Brust verschlungenen Armen und indem er wieder fest auf mich hineinbohrte:

“Junge! Wie sieht Miß Havisham aus?”

“Sie ist sehr groß und hat schwarzes Haar,” sagte ich ihm.

“Ist das wahr, Onkel?” fragte meine Schwester.

Mr. Pumblechook nickte bejahend; woraus ich sofort schloß, daß er Miß Havisham nie gesehen hatte, denn sie war weder groß, noch hatte sie schwarzes Haar.

“Gut!” sagte Mr. Pumblechook mit eingebildeter Miene. “Jetzt wollen wir ihn schon kriegen! Wir fangen an, uns geltend zu machen, wie, Madame?’‘

“Wirklich, Onkel,” entgegnete Frau Joe, “ich wollte, Sie hätten ihn immer bei sich, Sie verstehen so gut, ihn mürbe zu machen.”

“Nun, Junge! und was machte sie, als Du heute hineinkamst?” fragte Mr. Pumblechook weiter.

“Sie saß,” entgegnete ich, “in einer schwarzen Sammetkutsche.”

Mr. Pumbleckchook und Frau Joe stierten einander an— wozu sie allerdings Ursache hatten—und wiederholten Beide:

“In einer schwarzen Sammetkutsche?”

“Ja”, sagte ich, “und Miß Estella—das ist ihre Nichte, glaube ich,—reichte ihr auf einem goldenen Teller Kuchen und Wein durchs Kutschenfenster. Und wir hatten alle Kuchen und Wein auf goldenen Tellern. Und ich stieg hinten auf, um meinen Theil zu verzehren, weil man mirs befahl.”

“War sonst noch Jemand da?” fragte Mr. Pumblechook.

“Vier Hunde”, sagte ich.

“Große oder kleine?”

“Furchtbar große”, sagte ich, “Und sie bissen sich um Kalbscotelettes, die sie aus einem silbernen Korbe fraßen.”

Mr. Pumblechook und Frau Joe stierten einander abermals im unbegrenztesten Erstaunen an. Ich war förmlich wahnsinnig —ein Zeuge, der unter Folterqualen auch das Unmögliche bekennt —und im Stande, ihnen die unerhörtesten Dinge zu erzählen.

“Aber wo, in aller Welt, war diese Kutsche?” frug meine Schwester.

“In Miß Havishams Zimmer.” Sie glotzten einander wiederum an. “Aber es waren keine Pferde davor,” fügte ich als beschränkende Clausel hinzu, nachdem ich einen Augenblick mit der abenteuerlichen Idee umgegangen, vier reichgeschirrte Rosse daran zu spannen, welche ich jedoch schnell wieder verwarf.

“Kann dies möglich sein, Onkei?” fragte Frau Joe. “Was kann der Junge meinen?”

“Das will ich Ihnen sagen, Madam,” sagte Mr. Pumblechook “Meiner Ansicht nach ist es eine Portchaise gewesen. Sie ist überspannt, wie Sie wissen—sehr überspannt—überspannt genug, um ihr Leben in einer Portechaise hinzubringen.”

“Haben Sie sie je darin gesehen, Onkel?” frug Frau Joe.

“Wie konnt ich das?” entgegnete er, gezwungen, dies einzuräumen, “wenn ich sie im ganzen Leben nie mit einem Auge erblickt habe?”

“Du meine Güte, Onkel! Und doch haben Sie mit ihr gesprochen?”

“Nun, wissen Sie denn nicht,” sagte Mr. Pumblechook verdrießlich, “daß man mich, wenn ich da war, bis draußen an ihre Thür führte; und dann stand die Thür halb offen, und sie sprach zu mir durch die Thür hindurch. Sagen Sie mir nicht, daß Sie das nicht wissen, Madam. Indessen, der Junge ging hin, um dort zu spielen. Was hast Du gespielt, Junge?”

“Wie spielten mit Fahnen,” sagte ich. (Ich bitte, hier bemerken zu dürfen, daß ich meiner mit Staunen gedenke, wenn ich mich der Lügen erinnere, deren ich mich bei dieser Gelegenheit schuldig machte.)

“Fahnen!” wiederholte meine Schwester.

“Ja,” sagte ich. “Estella schwenkte eine blaue Fahne und ich eine rothe, und Miß Havisham schwenkte eine, die ganz mit kleinen goldenen Sternen besäet war, aus dem Kutschenfester. Und dann schwangen wir Alle unsere Schwerter und riefen Hurrah!”

“Schwerter!” wiederholte meine Schwester. “Wo nahmt Ihr die Schwerter her?”

“Aus einem Schranke,” sagte ich, “und ich sah auch Pistolen darin, und Marmelade und Pillen. Und es was kein Tageslicht im Zimmer, sondern es brannten—bloß Kerzen.”

“Das ist wahr, Madam,” sagte Mr. Pumblechook, ernst mit dem Kopfe nickend. “So verhält sich die Sache, denn soviel habe ich selbst gesehen.” Worauf Beide mich anstierten, und ich sie, indem ich meinem Gesicht einen auffallenden Ausdruck der Wahrheit und Aufrichtigkeit verlieh und mit meiner rechten Hand mein rechtes Hosenbein fältete.

Hätten sie mir noch mehr Fragen vorgelegt, so würde ich mich ohne Zweifel verrathen haben, denn ich war gerade schon im Begriff, ihnen zu erzählen, daß ein Luftballon im Hofe gewesen, und würde es gewagt haben, wäre ich nicht im Geiste noch zwischen diesem Phänomen und einem Bären in der Brauerei unentschieden gewesen. Doch waren sie so sehr mit den Wundern beschäftigt, die ich ihrer Phantasie bereits vorgeführt hatte, daß ich glücklich entkam. Der Gegenstand beschäftigte sie noch immer, als Joe von seiner Arbeit hereinkam, um eine Tasse Thee zu trinken, und meine Schwester erzählte ihm, mehr zu ihrer eigenen Erleichterung, als um ihn damit zu unterhalten, meine angeblichen Ellebnisse.

Als ich aber Joe seine blauen Augen öffnen und zu hülflosem Erstaunen rund damit um die Küche schweifen sah, da erfaßte mich die Reue; doch nur in Bezug auf ihn—wegen der anderen Beiden nicht im Gernigsten. Vor Joe, und und vor ihm allein, und darüber debattirten, welche Erfolge mir aus Miß Havishams Gunst und Bekanntschaft erwachsen würden. Sie bezweifelten durchaus nicht, daß Miß Havisham “Etwas für mich thun” würde; ihre Zweifel betrafen nur die Form, die dieses “Etwas” annehmen würde. Meine Schwester bestand auf “Vermögen” Mr. Pumblechook dagegen neigte sich mehr der Annahme zu, daß sie ein hübsches Lehrgeld für mich zahlen würde, um mir in irgend einem noblen Geschäfte eine Stelle zu verschaffen—wie zum Beispiel im Korn- und Samenhandel. Joe fiel bei Beiden in die tiefste Ungnade, indem er die schlaue Vermuthung aussprach, daß man mich mit einem der Hunde, die sich um die Kalbscotelettes gebissen, beschenken würde. “Wenn ein Narr keine besseren Ansichten, als solche, außzusprechen hat, “sagte meine Schwester, “und wenn Du noch Arbeit vor hast, so kannst Du lieber hingehen und sie verrichten.” Worauf Joe ging.

Als Mr. Pumblechook fortgefahren und meine Schwester beim Aufwaschen war, schlich ich mich in die Schmiede zu Joe und blieb bei ihm, bis er für den Abend fertig war. Dann sagte ich:

“Ehe das Feuer ganz ausgeht, Joe, möchte ich Dir noch etwas sagen.”

“So Pip?” sagte Joe, indem er sich den hölzernen Bock, den er beim Beschlagen der Pferde benutzte, ans Schmiedefeuer zog; “dann rede. Was ists, Pip?”

“Joe”, sagte ich, indem ich seinen zurückgekrämpten Hemdeärmel faßte und zwischen meinem Daumen und Zeigefingee hin und herrollte, “Du weißt doch, was ich Euch von Miß Havisham erzählt habe?”

“Ob ichs weiß!” sagte Joe. “Das wollt ich meinen. Wunderbar!”

“Es ist etwas Schreckliches, Joe; es ist nicht wahr.”

“Wovon sprichst Du, Pip” sagte Joe, indem er sich voll Staunen zurückwarf. Du willst doch nicht gesagt haben, daß es—lauter—”

“Ja; lauter Lügen, Joe.”

“Aber doch nicht Alles, Pip? Du willst doch nicht sagen, daß keine schwarze Sammetku—wie?” Denn ich stand vor ihm und schüttelte den Kopf. “Aber es waren doch wenigstens Hunde da, Pip? Komm, Pip,” sagte Joe mit überredender Stimme, “wenn auch keine Kalbscotelettes, so waren doch wenigstena Hunde da?”

“Nein, Joe.”

“Doch ein Hund?” sagte Joe. “Ein ganz kleiner? Komm, Pip.”

“Nein, Joe, es was auch nicht ein einziger da.”

Während ich hoffnungslos die Blicke auf Joe heftete, betrachtete er mich mit der äußersten Bestürzung.

“Pip, alter Kerl! Das kann nimmer angehen, alter Junge! Was denkst Du Dir nur, wohin Dich das führen wird?”

“’S ist ganz schrecklich, nicht wahr, Joe?”

“Schrecklich?” rief Joe aus; “es ist fürchterlich. Was ist Dir nur eingefallen?”

“Ich weiß nicht, was mir eingefallen ist, Joe,” entgegnete ich, indem ich seinen Hemdeärmel fahren ließ und mich mit gesenktem Haupte zu seinen Füßen in die Asche setzte; aber ich wollte, Du hättest mich nicht gelehrt, die Buben im Kartenspiel “Unter” zu nennen; und ich wollte, meine Stiefel wären nicht so dick und meine Hände nicht so grob.”

Und dann erzählte ich Joe, daß ich mich sehr unglücklich fühle, und daß ich nicht im Stande gewesen sei, mich Frau Joe und dem alten Pumblechook verständlich zu machen, da sie so hart gegen mich seien; und daß eine wunderschöne junge Dame bei Miß Havisham gewesen, die furchtbar stolz sei und gesagt habe, ich sei ordinär; und daß ich wisse, ich sei gemein, und daß ich sehr wünsche nicht gemein zu sein, und daß mir die Lügen in den Mund gekommen, ich wisse selbst nicht wie.

Dies war ein psychologischer Fall, der für Joe wenigstens ebenso schwer zu ergründen war, wie für mich. Doch nahm Joe ihn sofort ganz aus der Region der Psychologie heraus und wurde dadurch seiner Herr.

“Eines ist wenigstens ganz sicher, Pip,” sagte Joe nach einigem Grübeln, “nämlich, daß Lügen immer Lügen bieiben. Wie sie auch kommen mögen, sie sollten gar nicht kommen, und sie kommen vom Vater aller Lügen, und führen zu ihm hin. Sag Du keine Lügen mehr, Pip. Das ist gewiß nicht die rechte Art, um vom Gemeinen sich loszumachen, alter Kerl! Und was das “Gemeinsein” betrifft, so versteh ich das gar nicht. Du bist sogar in mancher Beziehung ungemein. Du bist ganz ungemein klein. Und dann bist Du ungemein gelehrt.”

“Nein, ich bin sehr weit zurück und sehr unwissend, Joe.”

“Aber sieh doch nur, was Du gestern Abend für einen Brief geschrieben hast. Und noch dazu mit gedruckter Schrift! Ich habe Briefe gesehen—ja, und von vornehmen Leuten! und ich wollte drauf schwören, daß sie nicht mit gedruckter Schrift geschrieben waren,” sagte Joe.

“Ich habe beinah nichts gelernt, Joe. Du hast bloß eine so große Meinung von mir, und das ist Alles.”

“Nun, Pip,” sagte Joe, “ob dem so ist oder ob dem nicht so ist, Du mußt ein gewöhnlicher Gelehrter sein, ehe Du ein ungewöhnlicher werden kannst, sollte ich meinen. Der König auf seinem Throne mit der Krone auf dem Kopfe kann nicht sitzen und mit gedruckter Schrift seine Parlamentsacten schreiben, wenn er nicht als unbeförderter Prinz erst sein Alphabet gelernt hat—ach!” fügte Joe mit bedeutungsvollem Kopfschütteln hinzu, “und zwar hat er mit A anzufangen und sich dann bis Z hindurch zu arbeiten. Und ich weiß, was das heißt, obgleich ich nicht sagen kann, daß ichs gethan habe.”

Es lag hierin einige Hoffnung für mich, und ich fühlte mich einigermaßen ermuthigt.

“Ob nun gewöhnliche Leute, ich meine in Bezug auf Profession und Verdienst gewöhnlich,” fuhr Joe nachdenklich fort, “nicht besser daran thäten, sich zu den Gewöhnlichen zu halten, anstatt auszugehen, um mit Ungewöhnlichen zu spielen—und das erinnert mich, daß ich hoffe, es war wenigstens eine Fahne da.”

“Nein, Joe.”

“Es thut mir leid, daß keine Fahne da war, Pip. Aber wie dem nun sein mag, die Sache kann jetzt nicht vorgenommen werden, ohne Deine Schwester klabasterig zu machen, und daran ist gar nicht zu denken, wenigstens, daß wir es absichtlich thäten. Sieh her, Pip, und höre, was Dir ein wahrer Freund sagt. Und dies sagt Dir Dein wahrer Freund. Wenn Du das Ungewöhnliche nicht erreichen kannst, indem Du gerade darauf zugehst, so wirst Du’s nimmer durch krumme Wege erreichen. Also keine Lügen mehr, Pip, und lebe brav und strebe glücklich.”

“Du bist doch nicht böse mit mir, Joe?”

“Nein, mein alter Junge. Aber da ich finde, daß die Lügen ganz erschrecklich waren, womit ich die meine, die sich auf die Kalbscotelettes und das Hundebeißen bezogen, so möchte ich Dir als Dein aufrichtiger Freund wohl rathen, Pip, daß, wenn Du heut Abend hinauf und zu Bette gehst, Du ihrer in Deinem Gebet erwähntest. Das ist Alles, alter Kerl, und thus niemals wieder.”

Als ich in mein Dachstübchen kam und mein Nachtgebet sprach, vergaß ich nicht, was Joe mir anempfohlen, und doch war mein junges Gemüth in einem so verstörten, undankbaren Zustande, daß ich, lange nachdem ich mich niedergelegt, darüber nachdachte, wie gewöhnlich und ordinär Estella Joe, der nichts als ein Schmied war, finden würde, wie dick seine Stiefeln und wie grob seine Hände. Ich dachte daran, wie Joe und meine Schwester jetzt in der Küche säßen, und wie ich selbst aus der Küche herauf ins Bett gekommen, und wie Miß Havisham und Estella nie in der Küche saßen, sondern über so gewöhnliche Sitten so hoch erhaben seien. Ich schlief mit der Erinnerung an das, wad ich bei Miß Havisham “zu thun pflegte”, ein; wie wenn ich, anstatt weniger Stunden, Wochen oder Monate dort zugebracht, und als ob es ein ganz alter, bekannter Gegenstand der Erinnerung gewesen, anstatt erst an diesem Tage entstanden zu sein.

Es war dies ein denkwürdiger Tag für mich, denn er bewirkte große Veränderungen in mir und meinen Schicksalen. Aber so geht es in jedes Menschen Leben. Man denke sich irgend einen gewissen Tag aus seinem Leben herausgestrichen, und wie verschieden wäre dann der ganze Lauf desselben gewesen. Haltet inne, Ihr, die Ihr dieses leset, und denkt einen Augenblick an die lange Kette von Eisen oder Gold, von Dornen oder Blumen, die Euch nie gefesselt haben würde, wäre nicht an jenem denkwürdigen Tage ihr erstes Glied gebildet worden.

Kapitel 10

Der seltsame Fremde

Am folgenden oder nächstfolgenden Morgen kam mir beim Erwachen der glückliche Einfall, daß, um ungewöhnlich zu werden, ich nichts Besseres würde thun können, als Biddy Alles abzulernen, was sie wußte, und genau aufzumerken, während Mr. Wopsle laut vorlas. Diesem leuchtenden Gedanken zufolge erwähnte ich, als ich Abends zu Mr. Wopsles Großtante ging, gegen Biddy, daß ich besondere Gründe habe, zu wünschen, im Leben vorwärts zu kommen, und daß ich sehr dankbar sein würde, falls sie mir gütigst alle ihre Gelehrsamkeit mittheilen wolle. Biddy, welche das gefälligste Kind von der Welt war, war augenblicklich dazu bereit, und begann wirklich schon nach fünf Minnten, ihr Versprechen zu erfüllen.

Das Erziehungssystem von Mr. Wopdles Großtante war synoptisch folgendes: die Schüler aßen Aepfel und steckten sich Zöpfe von Strohhalmen, bis Mr. Wopsles Großtante ihre Kräfte sammelte und mit der Ruthe angehumpelt kam. Nachdem sie den Angriff mit allen Zeichen des Hohnes ausgehalten, bildeten die Schüler eine Reihe und ließen murmelnd ein zerfetztes Buch von Hand zu Hand gehen. In dem Buche befanden sich ein Alphabet, einige Zahlen und Tabellen und einige Buchstabirübungen— das heißt, Alles dies hatte sich ehemals darin befunden. Sowie dieses Buch die Runde zu machen begann, verfiel Mr. Wopsles Großtante in einen Zustand der Schlafsucht, der entweder der Müdigkeit oder einem heftigen Anfalle von Rheumatismus zuzuschreiben war. Darauf begannen die Schüler eine wetteifernde Untersuchung der Stiefeln, in der Absicht, zu bestimmen, wer dem Andern am furchtbarsten auf die Füße treten könne. Diese geistige Beschäftigung währte, bis Biddy auf sie losstürzte und drei defecte Bibeln austheilte, die aussahen, als wären sie von ungeschickter Hand von irgend einem Klotze abgehauen worden, und die unleserlicher gedruckt waren, als irgend eine literarische Merkwürdigkeit, die mir seitdem vorgekommen; außerdem waren sie mit Schimmelflecken gesprenkelt und zwischen den Blättern waren verschiedene Arten von Insekten zerquetscht worden. Dieser Theil des Unterrichts wurde gewöhnlich durch mehre Zweikämpfe zwischen Biddy und den widerspenstigen Schülern erheitert. Wenn der Kampf vorüber war, sagte Biddy uns die Nummer einer Seite, worauf wir Alle im schrecklichen Chorus laut lasen, was wir konnten— oder was wir nicht konnten—wobei Biddy mit einer hohen, gellenden, eintönigen Stimme vorlas, während wir Alle nicht die Ahnung von dem hatten, was wir lasen. Wenn dieses entsetzliche Getöse eine Weile gewährt hatte, erwachte Mr. Woples Großtante mechanisch, stolperte auf einen Jungen zu und riß ihn ohne Weiteres an den Ohren. Dies kündigte uns den Schluß der Unterrichts für den Abend an, und wie eilten im Bewußtsein unserer geistigen Siege schreiend in die Luft hinaus. Es ist nicht mehr wie billig, hier zu rewähnen, daß es keinem Schüler verboten war, sich mit einer Tafel, oder selbst mit Feder und Tinte (falls welche vorhanden) zu beschäftigen, daß jedoch dieser Zweig des Studiums zur Winterszeit nicht leicht zu cultiviren war, da der kleine Verkaufladen, in welchem der Unterricht Statt fand—nnd der zugleich Wohnstube und Schlafgemach von Mr. Wopsles Großtante war—nur spärlich durch ein einziges dünnes Talglicht erleuchtet war, dem die Lichtputze fehlte.

Es schien mir, daß ich unter diesen Umständen langer Zeit bedürfen würde, um “ungewöhnlich” zu werden. Dennoch aber beschloß ich, es zu versuchen, und an demselben Abende noch kam Biddy ihrem Versprechen nach, indem sie mir unter der Rubrik: “Farinzucker” and ihrem Preiskataloge einigen Unterricht gab, und mir dann ein gothisches D, welches sie aus der Ueberschrift irgend einer Zeitung nachgeahmt, und das ich, bis sie mir erklärte, was es vorstellte, für ein Muster zu einer Schnalle hielt, lieh, um es zu Hause unzählige Male nachzumalen.

Natürlich gab es eine Schenke im Dorfe, und natürlich ging Joe gelegentlich gern ein Mal hin, um dort seine Pfeife zu rauchen. Ich hatte an diesem Abende strengen Befehl von meiner Schwester erhalten, ihn auf meinem Heimwege von der Schule aus den “Drei lustigen Schiffern” abzuholen und nach Hause zu bringen. Deshalb wandte ich meine Schritte dem Wirthshause zu.

In den lustigen Schiffern gab es eine Schenkstube und in derselben waren an der einen Seite der Thür erschreckend lange Schuldposten angekreidet, welche, wie es mir schien, niemald abbezahlt wurden. Dort hatten sie gestanden, so lange ich denken konnte, und waren größer gewachsen, als ich. Aber es gab viel Kreide in unserer Gegend und vielleicht hielten sich die Lente verpflichtet, keine Gelegenheit zu verlieren, sie zu benutzen.

Da es Sonnabend Abend war, sah ich den Wirth diese Schuldposten ziemlich grimmig mustern. Doch hatte ich nicht mit ihm, sondern mit Joe zu thun, weshalb ich ihm bloß einen guten Abend bot und dann weiter den Gang hinunter ins allgemeine Gastzimmer ging, wo ein helles Feuer brannte und wo ich Joe in Gesellschaft Mr. Wopsles und eines Fremden fand. Joe begrüßte mich, wie gewöhnlich, mit den Worten: “Holla, Pip, alter Junge!” und sowie er sie ausgesprochen, wandte der Fremde den Kopf um und sah mich an.

Er war ein geheimnißvoll aussehender Mann, den ich nie zuvor erblickt hatte. Sein Kopf war ganz auf eine Seite geneigt und das eine seiner Augen halb geschlossen, wie wenn er mit einer unsichtbaren Flinte auf irgend Etwas ziele. Er hatte eine Pfeife im Munde, welche er herausnahm—und nachdem er langsam den Rauch von sich geblasen, wobei er mich fortwährend ansah, nickte er mit dem Kopfe. Deshalb nickte ich ebenfalls, worauf er abermals nickte und auf der Bank neben sich Platz machte, damit ich mich zu ihm setzte.

Da ich mich jedoch, wenn ich diesen Versammlungdort besuchte, stets neben Joe setzte, sagte ich: “Nein, ich danke, Sir;” und ging an den Platz, den Joe auf der gegenüberstehenden Bank mir neben sich einräumte. Nachdem der Fremde Joe angesehen und bemerkt hatte, daß seine Aufmerksamkeit anderweit in Anspruch genommen wurde, nickte er mir, als ich Platz genommen, nochmals zu, und begann, wie es mir schien, auf eine sehr sonderbare Weise sein Bein zu reiben.

“Sie sagten eben,” sagte der Fremde zu Joe, “daß Sie ein Schmied wären.”

“Ja wohl, das sagte ich,” antwortete Joe.

“Was wollen Sie trinken, Master—? Beiläufig, Sie haben Ihrm Namen nicht erwähnt.”

Joe nannte ihn und der Fremde redete ihn darauf an.

“Was wollen Sie trinken, Mr. Gargery? Auf meine Kosten, zum Schlußtrunk?”

“Je nun,” sagte Joe, “um Ihnen die Wahrheit zu gestehen, so ist es eigentlich nicht meine Gewohnheit, auf irgend Jemandes Kosten, anßer auf meine eigenen, zu trinken.”

“Gewohnheit? Nein,” entgegnete der Fremde, “aber so einmal zwischen durch, und an einem Sonnabend Abend. Kommen Sie, Mr. Gargery, nennen Sie Ihr Getränk.”

“Ich möchte nicht für eigensinnig gelten,”‘ sagte Joe. “Rum also.”

“Rum,” wiederholte der Fremde, “und will nicht der andere Hrr ebenfalls sagen, was ihm gefällig ist?”

“Rum,” sagte Mr. Wopsle.

“Drei Gläser Rum!” rief der Fremde dem Wirthe zu. “Drei Gläser hierher.”

“Dieser andere Herr”, sagte Joe, Mr. Wopsle vorstellend, “ist ein Hrr, der Ihnen gefallen würde, wenn Sie ihn vorsingen hörten. Unser Küster.”

“Aha!” sagte der Fremde schnell, und indem er mir mit dem Auge zuwinkte. “Bei der einsamen Kirche, die draußen in den Marschen steht und von Gräbern umgeben ist.”

“Ganz recht,” sagte Joe.

Der Fremde brummte gemüthlich über seine Pfeife hinweg und legte seine Beine auf die Bank, die er ganz für sich hatte. Er trug einen großen breitrandigen Reisehut und darunter hatte er sich ein Tuch um den Kopf gebunden, so daß kein Haar zu sehen war. Während er ins Feuer blickte, schien es mir, als ob sich ein schlauer Ausdruck, von einem halben Lächeln gefolgt, in seinem Gesichte zeigte.

“Ich bin in dieser Gegend nicht bekannt, meine Herren, aber sie scheint nach dem Flusse zu sehr einsam.”

“Es ist meistens einsam in den Marschen,” sagte Joe.

“Gewiß, versteht sich. Sehen Sie auch zuweilen Zigeuner, oder Bettler, oder Vagabunden in diesen Marschgegenden?”

“Nein,” sagte Joe. “Nichts als hin und wieder einen ausgekniffenen Sträfling. Und auch die finden wie nicht so leicht. Wie, Mr. Wopsle?”

Mr. Wopsle bejahte dies mit einer majestätischen Erinnerung an das einst erlittene Ungemach; jedoch ohne Wärme.

“Es scheint, Sie sind einmal solchem Wilde nachgegangen?” sagte der Fremde.

“Ja, ein Mal,” antwortete Joe. “Nicht, daß wir ihn zu fangen gewünscht hätten, müssen Sie wissen; wir gingen als Zuschauer mit; ich und Mr. Wopsle und Pip. Nicht wahr, Pip?”

“Ja, Joe.”

Der Fremde sah mich abermals an—wobei er noch immer das Auge halb geschlossen hielt, wie wenn er mit seiner unsichtbaren Flinte ausdrücklich auf mich zielte—und sagte:

“Das ist ein ganz gerathener Junge. Wie nennen Sie ihn doch gleich?”

“Pip,” sagte Joe.

“Pip getauft?”

“Nein, nicht so getauft.”

“Vatersname Pip?”

“Nein,” sagte Joe, “es ist eine Art von Spitznamen, den er sich selbst als kleines Kind gab und bei dem er jetzt immer genannt wird.”

“Ihr Sohn?”

“Nun,” sagte Joe nachdenklich—natürlich nicht, daß dies irgendwie des Nachdenkens bedurft hätte, sondern, daß es in den “Lustigen Schiffern” gebräuchlich war, über Alles, was man beim Rauchen sprach, anscheinend tief nachzudenken,—“nun—nein. Nein, kein Sohn von mir.”

“Neffe?” sagte der Fremde.

“Nun,” sagte Joe mit demselben Anscheine tiefer Ueberlegung, “nein—um Ihnen nichts vorzulügen, nein, er ist nicht mein Neffe.”

“Was, beim blauen Wunder, ist er denn?” fragte der Fremde. Eine Frage, die mir als unnöthig nachdrücklich erschien.

Mr. Wopsle legte sich hier dazwischen, wie ein Mann, der genau über Verwandtschaften im Allgemeinen unterrichtet war, und in seinem Berufe Gelegenheit fand, sich zu merken, welche weibliche Anverwandte ein Mann heirathen dürfe und welche nicht; worauf er das Band erklärte, welches Joe und mich aneinander knüpfte. Da Mr. Wopsle einmal im Reden war, trug er gleich eine furchtbar schnarrende Stelle aus Richard dem Dritten vor und schien zu glauben, er habe sich hierüber ganz hinlänglich entschuldigt, indem er bemerkte:—Wie der Dichter sagt.

Und hier darf ich vielleicht erwähnen, daß, wenn Mr. Wopsle von mir sprach, er es jedes Mal für nothwendig hielt, mir mit der Hand im Haare herum zu fahren und mir dasselbe in die Augen zu reiben. Ich kann nicht begreifen, wie ein Mann seines Standes, der unser Haus besuchte, mich unter ähnlichen Umständen stets auf so brennende Weise vornehmen konnte. Und doch kaun ich mich nicht erinnern, je in meinen jüngeren Jahren in unserm geselligen Familienkreise der Gegenstand der Unterhaltung gewesen zu sein, ohne daß nicht zugleich irgend eine mit einer großen Hand begabte Person mich auf diese ophthalmische Weise protegirt hätte.

Unterdessen schaute der Fkemde unaugesetzt Niemand als mich an, und zwar auf eine Weise, als sei er entschlossen, zum Schlusse doch noch auf mich zu schießen und mich “herunter zu holen.” Doch sagte er nichts mehr nach seiner blau-wunderlichen Bemerkung, bis die drei Gläser mit Rum und Wasser gebracht wurden; da aber that er seinen Schuß, und es war ein höchst außerordentlicher.

Es was keine Bemerkung in Worten, sondern eine mimische Darstellung, welche nur an mich allein gerichtet war. Er rührte sein Getränk um und kostete es,—Alles mit einem vielsagenden Blicke auf mich. Und zwar rührte er es nicht mit dem Löffel um, den man ihm dazu gebracht, sondern mit einer Feile.

Er that dies so, daß Niemand außer mir die Feile sah; und als er damit fertig, trocknete er die Feile ab und steckte sie in seine Brusttasche. Ich erkannte sie sogleich als Joes Feile, und sowie ich das Instrument erblickte, wußte ich, daß es mein Sträfling war. Ich saß vor Erstaunen wie angewurzelt da und stierte ihn an. Doch lehnte er sich jetzt auf seiner Bank zurück, indem er mich ferner nicht viel mehr beachtete, und sprach hauptsächlich über Rüben.

Es war in unsern Dorfe an den Sonnabend Abenden ein angenehmes Gefühl des allgemeinen “Reinmachens” und des Pausirens, ehe man im Leben wieder weiter ging, welches Joe ermuthigte, an diesen Abenden eine halbe Siunde länger als gewöhnlich auszubleiben. Da jetzt diese halbe Stunde abgelaufen und der Rum ausgetrunken war, stand Joe auf und nahm mich bei der Hand.

“Warten Sie eine halbe Secunde, Mr. Gargery,” sagte der Fremde. “Ich glaube, ich habe irgendwo in meiner Tasche einen blanken neuen Schilling, und wenn ich ihn finden kann, soll der kleine Bursch ihn haben.”

Er suchte den Schilling unter einer Handvoll kleiner Münze heraus, wickelte ihn in etwas zerknittertes Papier und gab dies mir.

“Dein!” sagte er. “Hörst Du! Dein eigen.”

Ich dankte ihm, wobei ich ihn auf eine nichts weniger als wohlgesittete Weise anstierte und mich fest an Joe drückte. Dann wünschte er Joe gute Nacht, und Mr. Wopsle (der mit uns hinausging) ehenfalls, und gab mir einen Blick mit seinem zielenden Auge—nein, keinen Blick, denn er schloß es, aber man kann unbeschreiblich viel mit einem Auge sagen, indem man es verbirgt.

Auf dem Heimwege hätte die Unterhaltung, falls ich mich zur Unterhaltung aufgelegt gefühlt, ganz von mir geführt werden müssen, denn Mr. Wopsle verließ uns an der Thür der “Lustigen Schiffer”, und Joe hielt während des ganzen Weges den Mund weit offen, um sich durch möglichst viel Luft den Mund von dem Rumgeruche zu reinigen. Ich war aber durch dieses Wiederauftauchen meines alter Missethat und meines alten Bekannten gewissermaßen betäubt und konnte an nichts Anderes denken.

Meine Schwester war, als wir in die Küche traten, nicht in sehr böser Laune, und dieser ungewöhnliche Umstand ermuthigte Joe, ihr von dem blanken Schillinge zu erzählen.

“Ich wollte schwören, daß es ein falscher ist,” sagte meine Schwester triumphirend, “sonst würde er ihn gewiß nicht dem Jungen gegeben haben. Gebt ihn ’mal her.”

Ich nahm ihn aus dem Papiere heraus und es erwies sich, daß es ein echter war.

“Aber was ist dies?” sagte Frau Joe, den Schilling niederwerfend und das Papier aufnehmend. “Zwei Ein-Pfund-Noten?”

In der That, zwei fette, schmierige Ein-Pfund-Noten, die auf dem Fuße der wärmsten Vertraulichkeit mit all den Viehmärkten der Grafschaft gestanden haben mußten. Joe griff schnell wieder nach seinem Hute und lief mit den Noten nach den “Lustigen Schiffern” zurück, um sie dem Eigenthümer wiederzugeben. Während er fort war, saß ich auf meinem Schemel und betrachtete mit abwesenden Blicken meine Schwester, wobei ich ziemlich fest überzeugt war, daß Joe den Fremden nicht mehr dort finden würde.

Joe kehrte bald zurück und brachte die Nachricht, daß der Fremde bereits fort gewesen, daß er—Joe—aber in den “Drei lustigen Schiffern” wegen der Noten Bescheid gelassen habe. Worauf meine Schmester sie in ein Stück Papier einlegte und versiegelte, und dann unter vertrockneten Rosenblättern in einen Staatstheetopf oben auf einem Schranke im besten Zimmer that. Dort verblieben sie—als ein Alp für mich—viele, viele Tage und Nächte hindurch.

Ich hatte einen sehr unruhigen Schlaf, als ich zu Bette ging, indem ich an den starken Mann dachte, der mit seiner unsichtbaren Flinte auf mich zielte, und wie schmachvoll gemein es sei, mit einem Sträflinge auf dem Fuße geheimen Einverständnisses zu stehen—ein Zug in meiner Niedrigkeit, den ich bisher vergessen hatte. Auch wurde ich von einer Feile verfolgt. Es erfaßte mich eine Furcht, daß die Feile immer wieder auftauchen würde, wann ich es am wenigsten erwartete. Endlich gelang es mir aber, mich durch Vorspiegelungen über meinen Besuch bei Miß Havisbam am nächsten Mittwoch in den Schlaf zu wiegen; und im Schlafe sah ich die Feile durch eine Thür auf mich zukommen, ohne zu sehen, von wem sie gehalten wurde, worauf ich mich durch mein eigenes Aufschreien erweckte.

Teil II

Kapitel 11

Der Zweikampf

An dem bestimmten Tage machte ich mich wieder auf den Weg nach Miß Havishams Wohnung, und auf mein zaghaftes Schellen am Thore kam Estella heraus, um mir zu öffnen. Sie verschloß, wie das letzte Mal, das Thor, nachdem sie mich eingelassen, und führte mich dann wieder in den finstern Gang, wo ihr Licht stand. Sie nahm keine Notiz von mir, bis sie das Licht in der Hand hatte, wo sie hochmüthig über ihre Schulter blickte und indem sie sagte: “Du sollst heute hierher kommen,” mich nach einem ganz andern Theile des Hauses führte.

Es war ein langer Gang, der im Erdgeschosse sich um das ganze Viereck des Herrenhauses hinzuziehen schien. Doch gingen wir nur an einer Seite des Vierecks entlang, und am Ende derselben stand sie still, setzte ihr Licht hin und öffnete eine Thür. Hier herrschte wieder Tageshelle und ich sah mich in einem kleinen gepflasterten Hofe, dessen mir gegenüberliegende Seite von einem allein stehenden Wohnhause gebildet wurde, welches aussah, als ob es einst dem Geschäft- oder Buchführer in der ehemaligen Brauerei gehört habe. In der äußern Mauer dieses Hauses befand fand sich eine Uhr. Doch wie die Wanduhr in Miß Havishams Zimmer und wie ihre Taschenuhr, war sie zwanzig Minuten vor neun Uhr stehen geblieben.

Wir gingen durch die Hausthür, welche offen stand, und traten in ein düsteres Zimmer mit niedriger Decke, welches auf der Hinterseite des Hauses im Erdgeschosse lag. Es war Besuch im Zimmer, und Estella sagte zu mir, indem sie sich zu demselben geselltee:

“Geh, und stelle Dich da drüben hin, Junge, bis man Dich braucht.”

“Drüben” war am Fenster und so ging ich dorthin und stand “drüben”, und schaute in sehr ungemüthtlicher Stimmung zum Fenster hinaus.

Dasselbe ging bis auf den Fußboden hinunter und bot eine Aussicht auf einen traurigen Winkel des vernachlässigten Gartens, auf eine üppige Wildniß von Kohlstrünken und einen Buchsbaum, der vor langer Zeit einmal rund beschnitten worden und wie ein Pudding aussah; oben auf den Rundung war der Buchsbaum neu ausgeschlagen, doch in unregelmäßiger Form und verschiedener Farbe, was dem Pudding das Aussehen gab, als wäre dieser Theil in der Casserole kleben geblieben und sei angebrannt. Dies waren meine schlichten Gedanken, während ich den Buchsbaum betrachtete. Es war in der Nacht ein wenig Schnee gefallen, und derselbe lag meines Wissens nirgendwo mehr; doch war er in dem kalten Schatten dieses Gärtchens nicht geschmolzen, und der Wind trieb ihn in kleinen Wirbeln in die Höhe und gegen das Fenster, als ob er mich dafür, daß ich dort hingekommen, mit Schneeballen bewerfen wollte.

Ich errieth, daß mein Eintreten die Unterhaltung im Zimmer unterbrochen hatte, und daß die Anwesenden mich betrachteten. Ich konnte, außer dem Wiederscheine des Feuers im Fensterglase, nichts vom Zimmer sehen, aber das Bewußtsein, daß ich mich unter scharfer Beobachtung befand, machte alle meine Gelenke steif.

Es waren drei Damen und ein Herr im Zimmer. Doch hatte ich kaum fünf Minnten am Fenster gestanden, als sie mir schon, ich weiß nicht wodurch, den Eindruck machten, als ob sie Alle Schmeichler und Speichellecker seien, wobei doch Jeder that, als bemerke er dies nicht an dem Andern: denn hätte Er oder Sie dies zugelassen, so würde die Zulassung Ihn oder Sie ebenfalls zum Schmeichler und Speichellecker gestempelt haben.

Sie hatten Alle ein gleichgültiges, gelangweilies Aussehen, als ob sie auf Jemandes Befehle oder Erlaubniß warteten, und die gesprächigste von den Damen mußte ganz gezwungen sprechen, um ihr Gähnen zu unterdrücken. Diese Dame, deren Name Camilla war, erinnerte mich sehr an meine Schwester, nur mit dem Unterschiede, daß sie älter war und (wie ich später entdeckte, als ich sie zu Gesicht bekam) eine stumpfere Gesichtsbildung hatte. Ja, als ich sie näher kennen lernte, begann ich zu finden, daß es eine Gnade war, daß sie überhaupt noch Züge besaß; so außerordentlich leer war die Fläche ihres Gesichts.

“Die arme, liebe Seele!” sagte diese Dame mit einer Verbissenheit, wie sie so ganz meiner Schwester eigen war. “Er ist keines Menschen Feind, als sein eigener!”

“Es würde viel lobenswerther sein, falls er der Feind von Jemand Anderm wäre,” sagte der Herr; “viel natürlicher.”

“Vetter John,” bemerkte eine andere Dame, “wir sollen unseren Nächsten lieben.”

“Sarah Pocket,” entgegnete Vetter John, “wenn ein Mann sich nicht selbst der Nächste ist, wer ist ihm da näher?”

Miß Pocket lachte, und Camilla lachte und sagte (einen Gähnanfall unterdrückend):

“Welch eine Idee!”

Aber mir schien, sie fanden die Idee doch eigentlich gut. Die andere Dame, welche bisher noch nicht gesprochen, sagte mit Ernst und Nachdruck:

“Sehr wahr!”

“Das arme Geschöpf!” fuhr Camilla nach einer kleinen Weile fort (ich wußte, daß sie mich Alle inzwischen unausgesetzt betrachtet hatten); er ist so außerordentlich sonderbar! Sollte mans wohl glauben, daß er, als Toms Frau starb, nicht die Nothwendigkeit einsehen konnte, daß die Kinder den breitesten Kreppbesatz auf ihren Trauerkleidern trügen?”

“Mein Gott, Camilla,” sagte er, “was kann dies ausmachen, so lange die armen verwaisten kleinen Wesen in Schwarz sind? Das sieht dem Matthew so ähnlich! Solch eine Idee!”

“Er hat gute Seiten, sehr gute Seiten,” sagte Vetter John; “Gott verhüte, daß ich ihm seine guten Seiten abspräche; aber ee hat nie den geringsten Begriff von Schicklichkeit gehabt, und wird ihn nie bekommen.”

“Ich war natürlich gezwungen,” sagte Camilla, “fest zu bleiben.”

Ich sagte: Es geht durchaus nicht, um der Ehre der Familie willen. Ich sagte ihm, daß ohne den breiten Trauerbesatz die Familie entehrt sein würde. Ich weinte vom Frühstück bis Mittag drüber. Ich beeinträchtigte meine Gesundheit. Und endlich fuhr er auf seine heftige Weise anf und sagte, mit einem Fluche; “Dann thu, waß Du willst.” Ich danke Gott, daß ich immer das tröstende Bewußtsein haben werde, augenblicklich im fürchterlichsten Regengusse gegangen zu sein, um die Sachen zu kaufen.”

“Er bezahlte sie, nicht wahr?” sagte Estella.

“Es handelt sich nicht darum, wer sie bezahlte, mein liebes Kind,” entgegnete Camilla, “ich kaufte sie. Und es wird mir oft, wenn ich Nachts aufwache, zur Beruhigung gereichen.”

Der Schall einer fernen Handglocke, verbunden mit einem Rufen aus dem Gange her, den ich entlang gekommen, unterbrach hier die Unterhaltung, und Estella sagte zu mir: “Jetzt, Junge!” Als ich mich umwandte, sah ich, daß sie mich Alle mit der tiefsten Verachtung anblickten, und beim Hinausgehen hörte ich Sarah Pocket sagen:

“Na, wenn ich je so Etwas gesehen! Was wohl zunächst noch kommt!”

Und Camilla fügte entrüstet hinzu:

“Hat es je solche Einfälle gegeben! Welch eine Idee!”

Als wir mit unserem Lichte den finstern Gang entlang gingen, stand Estella plötzlich still, und indem sie sich umwandte, sagte sie, mit ihrem Gesichte dicht vor dem meinigen, in ihrer hochmüthigen Manier:

“Nun?”

“Nun, Miß?” entgegnete ich, indem ich beinah über sie stolperte und schnell zurückwich.

Sie stand und sah mich an, und natürlich stand ich und sah sie ebenfalls an. “Bin ich hübsch?”

“Ja; ich denke, Sie sind sehr hübsch.”

“Bin ich beleidigend?”

“Nicht so sehr, wie das letzte Mal,” sagte ich.

“Nicht so sehr?”

“Nein.”

Sie wurde feuerroth, als sie die letzte Frage that, und als ich sie beantwortete, schlug sie mich mit aller ihrer Kraft ins Gesicht.

“Und nun?” sagte sie. “Du grobes kleines Unthier, was denkst Du jetzt von mit?”

“Ich werde es Ihnen nicht sagen.”

“Weil Du es oben sagen willst; darum etwa nicht?”

“Nein, das ist nicht der Grund,” sagte ich.

“Warum weinst Du nicht wieder, Du kleinen Wicht?”

“Weil ich Ihretwegen nie wieder weinen will,” sagte ich. Was, wie ich glaube, die unwahrste Erklärung war, welche je gemacht worden; denn im Herzen weinte ich schon in demselben Augenblicke ihretwegen, und ich weiß, welche Schmerzen sie mir später noch verursacht hat.

Nach diesem kleinen Zwischenfalle setzten wir unsern Weg fort, und als wir die Treppe hinaufgingen, begegnete und ein Heirr, welcher dieselbe herunterkam.

“Wen haben wie hier?” frug der Herr, indem er still stand und mich ansah.

“Einen Knaben,” sagte Estella.

Er was ein rundlicher Mann von außerordentlich dunkler Gesichtsfarbe, mit einem außerordentlich großen Kopfe und einer entsprechend großen Hand. Es faßte mein Kinn mit seiner großen Hand und wandte mein Gesicht zu sich hinauf, um mich bei Lichte zu besehen. Er war vorzeitig kahl auf dem Kopfe und hatte buschige schwarze Augenbrauen, welche nicht glatt liegen wollten, sondern sich wie Borsten erhoben. Seine Augen lagen ihm sehr tief im Kopfe und hatten etwas unangenehm Scharfes und Argwöhnisches. Er trug eine sehr große Uhrkette, und an den Stellen, wo sein Kinn- und Backenbart gewesen wäre, falls er dieselben hätte wachsen lassen, hatten die rasirten Haare starke schwarze Tupfen zurückgelassen. Er war mir fremd und gleichgültig, und ich konnte damals noch keine Ahnung haben, daß er jemals in nähere Beziehung zu mir kommen würde, aber ich hatte zufälliger Weise diese Gelegenheit, um ihn genau in Augenschein zu nehmen.

“Ein Knabe aus der Nachbarschaft, wie?” sagte er.

“Ja, Sir,” sagte ich.

“Wie kommst Du hierher?”

“Miß Havisham hat mich kommen lassen,” erklärte ich ihm.

“Nun sei hübsch artig. Ich habe ziemliche Erfahrung in Knaben, und Ihr seid eine böse Art. Hörst Du!” sagte er, indem er an der Seite seines großen Zeigefingers nagte und die Stirn gegen mich runzelte; “betrage Dich ordentlich!”

Mit diesen Worten ließ er mich los,—was mir sehr angenehm war, denn seine Hand roch nach parfumirter Seife—und ging die Treppe hinunter. Ich erging mich in Muthmaßungen, ob er wohl der Arzt sei. Doch nein, dachte ich, der Arzt konnte er nicht sein, sonst hätte er ein ruhigeres, einnehmenderes Wesen gehabt. Es blieb mir übrigens nicht viel Zeit, den Gegenstand ferner zu überlegen, denn bald waren wir in Miß Havishamis Zimmer angelangt, wo sie selbst und Alles um sie her noch gerade ebenso war, wie ich es das letzte Mal gesehen. Estella ließ mich an der Thür stehen, wo ich blieb, bis Miß Havisham vom Toilettetische her die Blicke auf mich warf.

“So!” sagte sie, ohne erschrocken oder überrascht zu sein; “die Tage sind also vergangen, wie?”

“Ja, Madam, heute ist…”

“Schon gut! Schon gut!” sagte sie mit der ungeduldigen Bewegung ihrer Finger; “das will ich gar nicht wissen. Bist Du bereit zu spielen?”

Ich war genöthigt, in einiger Verlegenheit zu antworten:

“Ich glaube kaum, Madam.”

“Du magst nicht wieder Karten spielen?” frug sie mit einem prüfenden Blicke.

“O ja, Madam; das könnt ich schon, wenn man es von mir verlangte.”

“Da Dich dieses Haus alt und ernst macht,” sagte Miß Havisham ungeduldig, “und Du nicht gern spielen magst, willst Du da arbeiten?”

Ich konnte diese Frage mit besserem Muthe beantworten, als ich zu der vorigen Antwort gefunden hatte, und sagte, daß ich ganz dazu bereit sei. “

“Dann geh in das Zimmer da drüben,” sagte sie, indem sie mit ihrer welken Hand auf eine Thür im Gange hinter mir deutete, “und warte dort, bis ich komme.”

Ich ging über den Gang und trat in das Zimmer, welches sie mir bezeichnet hatte. Auch aus diesem Zimmer was das Tageslicht vollkommen ausgeschlossen, und es herrschte in demselben ein dumpfer, betäubender Geruch. In dem feuchten, altmodischen Feuerroste des Kamins war ein Feuer angemacht worden, welches jedoch mehr auszugehen als zu brennen geneigt war, und der widerstrebende Rauch, welcher in dem Zimmer schwebte, schien kälter als die klare Luft—gerade wie unser Marschnebel. Gewisse winterlich aussehende Lichtendchen oben auf dem hohen Kaminsimse erleuchteten matt das Zimmer, oder besser audgedrückt: unterbrachen auf matte Weise die Dunkelheit in demselben.

Das Gemach war geräumig und, wie ich nicht bezweifle, einst schön und stattlich gewesen; doch war jetzt jeder Gegenstand, den man darin unterscheiden konnte, mit Staub und Schimmel bedeckt und in einem zerbröckelnden Zustande. Der am meisten ins Auge fallende Gegenstand war ein langer Tisch, mit einem Tischtuch überdeckt, als ob man zu der Zeit, wo das Haus und alle Uhren darin stehen blieben, hier Vorbereitungen zu einem großen Festmahle getroffen gehabt. In der Mitte auf diesem Tischtuche stand eine Art von Tafelaufsatz; derselbe war so dicht mit Spinnegeweben behangen, daß seine Form ganz unkenntlich war, und als ich auf die gelbliche Fläche hinblickte, aus der er mir, wie ich mich erinnene, wie ein schwarzer Pilz herausgewachsen schien, sah ich Spinnen mit gesprenkelten Beinen und gedunsenem Körper darauf zu und daraus hervor eilen, als ob irgend ein Ereigniß von der größten öffentlichen Wichtigkeit sich soeben in der Spinnengemeinde zugetragen hätte.

Auch die Mäuse hörte ich hinter den Holzpaneelen rasseln, als ob dasselbe Ereigniß auch ihre Interessen anginge. Die schwarzen Käfer aber schienen von der Aufregung nicht berührt zu werden, und krochen auf eine gewichtige, ältliche Manier auf dem Herde umher, als ob sie kurzsichtig seien und schwer hörten, und mit einander auf keinem freundschaftlichen Fuße ständen.

Diese kriechenden Wesen hatten meine Aufmerksamkeit gefesselt, und ich beobachtete sie aus der Ferne, als Miß Havisham eine Hand auf meine Schulter legte. In der andern Hand hielt sie einen krückenartigen Stock, auf den sie sich stützte, und sie sah aus, wie die Hexe des Ortes.

“Hier”, sagte sie, mit dem Stabe auf den Tisch deutend, “wird man mich hinlegen, wenn ich todt bin. Und sie werden herkommen und mich beschauen.”

In der unbestimmten Befürchtung, sie werde sofort auf den Tisch steigen und gleich sterben—wie eine vollständige Verwirklichung der gespenstischen Wachsfigur auf dem Jahrmarkte— erbebte ich unter ihrer Berührung.

“Was ist dies—glaubst Du wohl?” frug sie mich, indem sie abermals mit ihrer Krücke zeigte. “Das da, wo die vielen Spinnengewebe sind?”

“Ich kann nicht errathen, was es ist, Madame.”

“Es ist ein großer Kuchen. Ein Hochzeitskuchen. Der meinige!”

Sie schaute mit wilden Blicken rund im Zimmer umher und sagte dann, auf mich gestützt wobei ihre Hand meine Schulter drückte; “Komm, komm, komm! Führe mich, führe mich!”

Ich entnahm hieraus, daß die Arbeit, welche man von mir verlangte, darin bestehe, daß ich Miß Havisham fortwährend jund ums Zimmer führte. Demnach brach ich sofort auf, und wir gingen mit einer Geschwindigkeit dahin, die eine—auf meine unter diesem Dache zuerst gehabte Idee begründete—Nachahmung von Mr. Pumblechooks zweirädrigem Wagen hätte sein können.

Sie war physisch nicht sehr kräftig, und nach einer kleinen Weile sagte sie: “Langsamer!” Doch gingen wir noch immer mit ungeduldiger, unregelmäßiger Eile dahin, wobei sie mit der Hand meine Schulter faßte und mit den Lippen arbeitete und sich einbildete, daß wir schnell gingen, weil ihre Gedanken flogen. Nach einer kleinen Weile sagte sie; “Rufe Estella!” Ich ging also den Gang hinaus und brüllte diesen Namen, wie ich es das vorige Mal gethan. Als ich ihr Licht erblickte, kehrte ich zu Miß Havisham zurück, und dann setzten wie unsern Spaziergang ums Zimmer wieder fort.

Es wäre mir schon hinreichend unangenehm gewesen, falls Estella allein gekommen wäre, um unser Verfahren zu beobachten; da sie aber die drei Damen und den Herrn, welche ich unten gesehen, mitbrachte, wußte ich wirklich nicht, was ich thun sollte. In meiner Höflichkelt wollte ich still stehen, aber Miß Havisham kniff meine Schulter, und wie marschirten vorwärts—und zwar meinerseits mit dem beschämenden Bewußtsein, daß die Zuschauer mir die Schuld hiervon geben würden.

“Meine liebe Miß Havisham,” sagte Miß Sarah Pocket, “wie wohl Sie ausssehen!”

“Das ist nicht wahr,” erwiederte Miß Havisham. “Ich bin nichts als gelbe Haut und Knochen.”

Camillas Gesicht erheiterte sich, als Miß Pocket diese Zurückweisung erhielt; und sie murmelte, indem sie Miß Havisham mit kläglicher Miene betrachtete:

“Die arme liebe Seele! Wie könnte man erwarten, daß sie wohl aussähe? Solch eine Idee!”

“Und wie gehts Ihnen?” sagte Miß Havisham zu Camilla. Da wir eben gerade vor Camilla angelangt wanen, wollte ich, wie etwas, das sich von selbst verstände, still stehen, aber Miß Havisham wollte nicht. Wir schritten weiter, und ich fühlte, daß ich Camilla ein Gräuel sei.

“Ich danke Ihnen, Miß Havisham,” sagte sie; “mir geht es so gut, wie sich dies erwarten läßt.”

“Wie? Was fehlt Ihnen?” fragte Miß Havisham mit außerordentlicher Schärfe.

“Nichts, das des Erwähnens werth wäre,” sagte Camilla. “Ich trage nicht gern meine Gefühle zur Schau, aber ich denke in der Nacht mehr an Sie, als sich mit meiner Gesundheit verträgt.”

“Dann denken Sie lieber nicht an mich,” gab Miß Havisham zurück.

“Das ist leicht gesagt!” bemerkte Camilla, indem sie auf liebenswürdige Weise ihr Schluchzen unterdrückte, wobei jedoch ihre Oberlippe zuckte und ihre Thränen überströmten. “Raymond ist mein Zeuge, welch eine Menge Ingwer und Sal volatile ich Nachts zu nehmen habe; er kann bezeugen, welches nervöse Zucken ich in den Beinen habe. Doch sind mir diese Gefühle des Erstickens und des nervösen Zuckens, wenn ich an Diejenigen denke, die ich liebe, gar nichts Neues. Könnte ich mein Herz weniger weich und liebreich machen, so würde ich mich einer bessern Verdauung und eines Nervensystems von Eisen zu erfreuen haben. Ich wollte wirklich, daß dem so wäre. Was aber Das betrifft, daß ich Nachts nicht an Sie denken soll—solch eine Idee!” Und hier folgte eine Thränenflut.

Der Raymond, auf den sie sich berief, war, wie ich vermuthete, der anwesende Herr, und in ihm sah ich zugleich den Gatten Camillas. Er kam ihr jetzt zu Hülfe und sagte mit tröstender, becomplimentirender Stimme:

“Meine liebe Camilla, jeder Mensch weiß, daß Deine Zärtlichkeit für Deine Angehörigen bereits in dem Grade Deine Gesundheit beeinträchtigt hat, daß eine Deiner Beine dadurch kürzer geworden ist, als das andere.”

“Ich wußte nicht,” sagte die ernste Dame, deren Stimme ich erst ein Mal vorher gehört, “daß es große Ansprüche an eine Person machen heißt, wenn wir an sie denken, meine Liebe.”

Miß Sarah Pocket, von der ich jetzt, da ich sie erblickte, wahrnahm, daß sie eine kleine, braune, verschrumpfte alte Dame war, deren kleines Gesicht Einen fast zu der Vermuthung berechtigte, es sei aus Wallnußschalen angefertigt, und die einen großen Mund —wie eine Katze, ohne die Barthaare—hatte, unterstützte die Bemerkung, indem sie sagte:

“In der That, nein, meine Liebe. Ahem!”

“Das Denken ist leicht genug”, sagte die ernste Dame.

“Was gäbe es wohl Leichtes, wie?” fuhr Miß Sarah Pocket fort.

“O ja, ja!” rief Camilla, deren gährende Gefühle von ihren Beinen in ihre Brust hinaufzusteigen schienen. “Das ist Alles sehr wahr! Es ist eine Schwäche von mir, so liebevoll zu sein, aber ich kaun mir nicht helfen. Gewiß würde ich einer weit bessern Gesundheit genießen, wenn es anders mit mir wäre, dennoch aber wollte ich mein Gemüth nicht verändern, selbst wenn ich es könnte. Es verursacht mit allerdings viele Leiden, aber es ist mir auch, wenn ich in den Nacht aufwache, ein großer Trost, zu fühlen, daß ich ein solches Gemüth besitze.” Und hier folgte eine abermalige Thränenflut.

Miß Havisham und ich standen unterdessen nicht ein einziges Mal still, sondern fuhren fort, im Zimmer herum und wieder herum zu gehen, wobei wir bald die Kleider der Besuchenden streiften, bald die ganze Länge des düstern Zimmers zwischen ihnen und uns ließen.

“Da ist zum Beispiel Matthew!” sagte Camilla; “der sich nie um meine Blutsverwandschaft kümmert, niemals herkommt, um sich nach Miß Havishams Befinden umzusehen. Ich habe stundenlang bewußtlos und mit zerschnittenem Schnürbande auf dem Sopha gelegen, mit dem Kopfe ganz auf der Seite und ganz aufgelöstem Haar, und meinen Füßen, ich weiß nicht wo—”

“Viel höher, als Dein Kopf, meine Liebe,” sagte Mr. Camilla.

“Ich bin wegen Matthews seltsamem, unbegreiflichem Betragen stundenlang in diesem Zustande gewesen, und es hat mir kein Mensch dafür gedankt.”

“Ich muß wirklich sagen, daß ich das wohl glauben will,” sagte die ernste Dame. “

“Ja, siehst Du, meine Liebe,” sagte Miß Sarah Pocket (eine freundlich boshafte Person), “die Frage, die Du Dir selbst vorlegen solltest, ist die: von wem Du Dank dafür erwarterest, meine Liebe?”

“Ohne Dank oder sonst irgend Etwas dafür zu erwarten,” sagte Camilla, “bin ich stundenlang in diesem Zustande geblieben, und Raymond ist mein Zeuge, welche Erstickungsanfälle ich gehabt habe, und wie vollkommen nutzlos sich Ingwer und Sal volatile erwiesen. Man hat mich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße beim Clavierstimmer hören können, wo die armen, unwissenden Kinder geglaubt haben, es seien Tauben, die in der Ferne girrten—und jetzt hören zu müssen—”’

Hier griff Camilla an ihren Hals, und fing, so zu sagen, eine chirurgische Untersuchung desselben an.

Als der Name Matthew erwähnt wurde, stand Miß Havisham still und sah die Sprechende an. Diese Veränderung hatte die Wirkung, daß sie Camillas chirurgischen Studien schnell ein Ende machte.

“Matthew wird am Ende doch zu mir kommen,” sagte Miß Havisham streng, “wenn man mich auf diesen Tisch da gelegt haben wird. Dort wird er stehen—da,” sagte sie, indem sie mit dem Stabe auf den Tisch schlug, “neben meinem Kopfe! Sie dort, Camilla, und dort Ihr Mann! Und hier Sarah Pocket und Georgiana dort! Und jetzt wißt Ihr Alle Eure Plätze, wenn Ihr kommen werdet, um Euch an meinem Anblicke zu weiden. Und jetzt geht!”

Bei Nennung jedes neuen Namens hatte sie an einer andern Stelle mit dem Stocke auf den Tisch geschlagen. Jetzt sagte sie: “Führe mich, führe mich!” und wir nahmen unsern Spaziergang wieder auf.

“Ich denke, es bleibt uns nichts weiter übrig, als zu gehorchen und zu gehen,” sagte Camilla. “Es ist immer schon Etwas, wenn auch nur auf so kurze Zeit, den Gegenstand unserer Liebe und Pflicht gesehen zu haben. Ich werde, wenn ich in der Nacht aufwache, mit trauriger Genugthuung daran denken. Ich wollte, Matthew könnte sich dieses Trostes erfreuen, aber er weist ihn von sich. Ich bin entschlossen, meine Gefühle nicht zur Schau zu tragen, aber es ist sehr hart, hören zu müssen, daß man kommt, um sich an dem Anblicke seiner Angehörigen zu weiden, und Befehl zu erhalten, zu gehen. Solch eine Idee!”

Da Mr. Camilla sich dazwischen legte, als Mrs. Camilla eine Hand auf ihre wogende Brust legte, so nahm diese Dame eine übernatürlich scheinende Festigkeit an, die mir die Absicht auszudrücken schien, sowie man sie nicht mehr sehen würde, hinzufallen und zu ersticken; worauf sie Miß Havisham ein Kußhändchen zuwarf und sich dann hinausgeleiten ließ. Sarah Pocket und Georgiana begannen einen heimlichen Streit, welche von ihnen die Letzte sein solle; doch war Sarah zu pfiffig, um sichs nehmen zu lassen, und tänzelte mit einer so künstlichen Geschwindigkeit um Georgiana herum, daß die Letztere voranzugehen gezwungen war. Darauf machte Sarah Pocket mit den Worten: “Gott sei mit Ihnen, meine liebe Miß Havisham! und einem mitleidsvollen Lächeln der Vergebung für die Schwächen der Uebrigen auf ihrem Wallnußschalen-Antlitz, ihren besonderen Abschiedseffect.

Während Estella ihnen hinunter leuchtete, fuhr Miß Havisham noch immer fort, mit der Hand auf meine Schultei gestützt ums Zimmer zu gehen, doch wurde ihr Schritt allmälig langsamer. Endlich stand sie vor dem Kaminfeuer still und sagte, nachdem sie ein paar Secunden lang hineingeschaut und für sich gemurmelt hatte:

“Dies ist mein Geburtstag, Pip.”

Ich war im Begriff, ihr meine Glückwünsche darzubringen, als sie ihren Stock erhob.

“Ich erlaube nicht, daß man seiner erwähnt. Weder Denen, die soeben hier waren, noch sonst irgend Jemand ist es erlaubt, zu mir davon zu sprechen. Sie kommen an dem Tage her, aber sie wagen nicht, davon zu sprechen.”

Natürlich machte ich keinen weitern Versuch, davon zu reden.

“An diesem Jahrestage, lange ehe Du geboren, wurde dieser verfallene Haufen”—bei welchen Worten sie mit ihrem Krückenstocke nach dem Haufen von Spinnegeweben auf dem Tische stieß, ohne ihn jedoch zu berühren—“hierher gebracht. Er und ich sind zusammen zerfallen. An ihm haben die Mäuse genagt, und an mir noch schärfere Zähne, als die der Mäuse.”

Sie drückte das obere Ende ihres Stocks, während sie stand und die Spinnegewebe anschaute, an ihr Herz; sie in ihrem einst weißen Kleide, so gelb und verblichen, und das einst weiße Tischtuch, so gelb und verblichen; und Alles ringd umher in einem Zustande, daß es unter der leichtesten Berührung zusammenbröckeln rnußte.

“Wenn der Verfall vollständig ist,” sagte sie mit einem gespenstischen Blicke, “und wenn sie mich in meinem Hochzeitskleide todt auf den Hochzeitstisch legen—was geschehen, und so den letzten Fluch auf ihn werfen soll—so ist es um so besser, wenn es an diesem Tage geschieht!”

Sie stand und schaute den Tisch an, wie wenn sie ihre eigene, dort liegende Gestalt betrachtet hätte. Ich verhielt mich ruhig. Estella kam zurück und auch sie blieb ruhig. Es schien mir eine lange Zeit, während welcher wir uns nicht rührten. In der schweren Luft des Zimmers und in der schweren Finsterniß, die in seinen äußersten Winkeln herrschte, kam mir sogar der beunruhigende Einfall, daß Estella und ich jetzt ebenfalls anfangen würden zu zerfallen.

Endlich sagte Miß Havisham, indem sie nicht allmälig, sondern ganz plötzlich aus ihrem abwesenden Zustande erwachte:

“Laßt mich sehen, wie Ihr Beide Karten spielt; warum habt Ihr noch nicht angefangen?”

Worauf wir in ihr Zimmer zurrückkehrten und unsere Plätze wie das vorige Mal nahmen. Ich verlor, wie das vorige Mal, und wie das vorige Mal beobachtete Miß Havisham uns fortwährend, lenkte meine Aufmerksamkeit auf Estellas Schönheit, und machte dieselbe, indem sie abermals die Wirkung der Kleinode auf Estellas Hals und Haar versuchte, noch mehr ins Auge fallend.

Estella behandelte mich ebenfalls wie das vorige Mal, nur mit dem Unterschiede, daß sie sich nicht zu sprechen herabließ. Als wir ungefähr ein halbes Dutzend Spiele gemacht, wurde ein Tag bestimmt, an welchem ich wiederkommen sollte, und dann wurde ich in den Hof geführt, um auf dieselbe hundeartige Weise, wie das letzte Mal, dort gefüttert zu werden. Und wie das letzte Mal ließ man mich hier nach Gefallen umherwandern.

Es ist unerbeblich, ob ein Pförtchen in jener Gartenmauer, an der ich das letzte Mal emporkletterte, um hinüber zu schauen, damals offen oder verschlossen war. Es genüge zu sagen, daß ich damals kein Pförtchen gesehen, jetzt aber eines erblickte. Da dasselbe offen stand und ich wußte, daß Estella die Fremden hinaus gelassen hatte—denn sie war mit den Schlüsseln in der Hand zurückgekehrt—trat ich in den Garten und schlenderte in demselben umher. Derselbe war eine wahre Wildniß und es befanden sich alte Melonen- und Gurkenbeete darin, die in ihrem Verfalle freiwillig einen matten Versuch in Hervorbringung alter Hüte und Stiefeln, und hier und dort eines unkrautähnlichen Ablegers einer zerbrochenen Casserole gemacht zu haben schienen.

Als ich den Garten und ein Gewächshaus durchstöbert hatte, in welchem letztern nichts zu sehen waa, als ein heirunter gesunkener Weinstock und einige Flaschen, sah ich, daß ich in dem öden Winkel war, auf den ich durchs Fenster hinausgeschaut hatte. Da ich keinen Augenblick daran zweifelte, daß das Haus jetzt leer sein würde, schaute ich durch ein anderes Fenster hinein und fand zu meinem großen Erstaunen, daß ein blasser junger Herr mit rothen Augenlidetrn und sehr hellem Haar, und ich, einander gerade ins Gesicht stierten.

Dieser blasse junge Herr verschwand plötzlich und stand im nächsten Augenblicke neben mir. Es war mit Büchern beschäftigt gewesen, als ich zu ihm hineingeschaut, und ich entdeckte jetzt, daß er dintenfleckig war.

“Holla!” sagte er; “junger Bursch!”

Da ich von “Holla” einsah, daß es eine Bemerkung ist, die sich am besten durch sich selbst beantwortet, so sagte auch ich; “Holla!” doch ließ ich höflicher Weise den “jungen Burschen” aus.

“Wer hat Dich hereingelassen?” sagte er.

“Miß Estella.”

“Wer hat Dir Erlaubniß gegeben, hier umherzustreifen?”

“Miß Estella.”

“Komm und boxe Dich mit mir,” sagte der blasse junge Herr.

Was konnte ich anders thun, als ihm folgen? Ich habe mir seitdem oft die Frage vorgelegt; aber was hätte ich Anderes thun können? Sein Wesen was so entschieden und ich so erstaunt, daß ich ihm folgte, wohin er mich führte, wie wenn ich unter einem Zauberbanne gewesen wäre.

“Aber warte einen Augenblick,” sagte er, sich, ehe wir noch viele Schritte gegangen waren, zu mir umwendend. “Ich muß Dir eine Ursache zum Boxen geben. Da hast Du sie.”

Mit diesen Worten schlug er auf höchst beleidigende Weise die Hände an einander, schlug geschickt mit einem Beine hinten aus, riß mich am Haar, schlug nochmals die Hände an einander, duckte den Kopf und stieß mir denselben in den Magen.

Dieses letztgenannte stierartige Verfahren war, außerdem, daß er sich unfraglich eine große Freiheit dadurch herausnahm, so gleich nach dem Genusse von Brod und Fleisch besonders unangenehm. Deshalb schlug ich auf ihn zu und wollte nochmals auf ihn zuschlagen, als er: “Aha, das willst Du?” sagte und auf eine Weise rück- und vorwärts zu tanzen anfing, wie sie mir in meiner beschränkten Erfahrung noch niemals vorgekommen.

“Die Gesetze der Kunst!” sagte er. Und hier hüpfte er von seinem linken Beine auf sein rechtes. “Ordentliche Regeln!” Hier hüpfte er wieder vom rechten Beine auf das linke. “Komm auf den Platz, und mache die Präliminarien durch!” Hier sprang er vorwärts und rückwärts und machte allerlei Sachen, während ich hülflos dastand und ihm zuschaute.

Da ich ihn so gewandt sah, war mir im Geheimen bange vor ihm; aber ich fühlte die moralische und physische Uebeizeugung, daß sein hellblonder Kopf nichts mit meinem Magen zu schaffen gehabt, und daß ich ein Recht hatte, es für ganz ordnungswidrig anzusehen, daß sich derselbe auf diese Weise meiner Aufmerksamkeit aufdrängte. Deshalb folgte ich ihm, ohne ein Wort zu sagen, nach einem entlegenen Winkel des Gartens, welcher durch das Zusammenstoßen zweier Mauern gebildet und durch einen Schutthaufen geschützt wurde. Nachdem er mich gefragt, ob ich mit der Stelle zufrieden und ich ihm Ja geantwortet, bat er mich um Erlaubniß, sich einen Augenblick entfernen zu dürfen, und kehrte dann in ganz kurzer Zeit mit einer Flasche Wasser und einem in Essig getauchten Schwamme zurück. “Für Beide verwendbar!” sagte er, die Gegenstände an der Mauer niedersetzend. Und dann begann er nicht allein seine Jacke und Weste, sondern auch sein Hemd abzulegen, und zwar auf eine Weise, die ebenso leichtherzig, als geschäftsmäßig und blutdürstig war.

Obgleich er nicht sehr gesund aussah—denn er hatte Blüthen im Gesichte und Ausschlag um den Mund—so flößten mre diese fürchterlichen Vorbereituugen doch einiges Bangen ein. Er schien mil ungefähr in meinem Alter zu sein, doch war er viel größer und hatte eine Art und Weise umher zu springen, die einen bedeutenden Anschein hatte und sehr eindrucksvoll war. Im Uebrigen war er ein junger Herr in einem grauen Anzuge (ass er noch nicht für den Zweikampf entkleidet war), dessen Ellnbogen, Knie, Handgelenke und Fersen in Bezug auf ihre Entwicklung seinem übrigen Körper bedeutend vorausgeeilt waren.

Mir sank das Herz, als ich sah, wie er mich mit jedem Anzeichen mechanischer Genauigkeit aufs Korn nahm und meine Anatomie beäugelte, als ober sich auf das sorgfältigste “seinen Knochen” aussuchte. Ich war in meinem ganzen Leben nicht so erstaunt, als ich, da ich ihm den ersten Schiag versetzt, ihn auf dem Rücken liegen und mit mit blutiger Nase und einem außerordentlich verkürzten Antlitz ins Gesicht blicken sah.

Doch war er schnell wieder auf den Beinen, und nachdem er sich mit anscheinend großer Gewandtheit das Gesicht mit dem Schwamme abgewaschen, kam er wieder auf mich los. Die zweite größte Ueberraschung meinen Lebens wurde mir, als ich ihn abermals auf dem Rücken liegend erblickte, und er mich mit einem blauen Auge anschaute.

Sein Muth flößte mir große Achtung ein. Er schien gar keine Kraft zu haben, und traf mich nicht ein einziges Mal recht hart, noch weniger warf er mich zu Boden; aber er war jedes Mal in einem Augenblicke wieder auf den Beinen, wo er sich dann das Gesicht mit dem Schwamme abwusch oder aus der Wasserflasche trank, mit der größten Befriedigung, sich so nach den Regeln des Kampfes selbst zu secundiren,—und dann rückte er wieder mit einer Miene und einer Manier auf mich los, als ob er mir diesmai nun wirklich den Garaus zu machen gedenke. Er wurde arg zerschlagen, denn ich bedaure, berichten zu müssen, daß ich ihn, je mehr ich ihn schlug, immer härter traf; doch stand er immer wieder auf, bis er endlich einen bösen Fall mit dem Hinterkopfe an die Mauer that. Selbst nach dieser Krisis in unserm Streite, stand er auf und drehte sich mehre Male verwirrt rund um, indem er nicht wußte, wo ich war; zuletzt aber sank er bei seinein Schwamme auf die Knie und warf denselben in die Höhe, wobei er herauskeuchte: “Das bedeutet, Du hast gewonnen.”

Er schien so tapfer und so unschuldig, daß ich, obgleich ich den Kampf nicht vorgeschlagen, nur geringe Freude an meinem Siege fand. Ich gehe in der That so weit, zu hoffen, daß ich, während ich mich ankleidete, mir ungefähr wie ein wüthender junger Wolf oder ein sonstiges wildes Thier vorkam. Indessen kleidete ich mich an, wobei ich mir von Zeit zu Zeit düster das Gesicht trocknete, und sagte zu ihm; “Kann ich Ihnen helfen?” worauf er: “Nein, danke,” sagte, und ich: “Guten Tag,” und er gleichfalls.

Als ich in den Hof kam, fand ich, daß Estella dort mit den Schlüsseln auf mich wartete. Doch fragte sie weder, wo ich gewesen, noch, warum ich sie habe warten lassen; und auf ihren Wangen lag eine helle Glut, als ob sich Etwas ereignet habe, das ihr Freude gemacht. Und anstatt gevade nach dem Thore zu gehen, trat sie in den Gang zurück und winkte mir:

“Komm her! Du magst mich küssen, wenn Du willst.”

Ich küßte ihre Wange, welche sie mir darbot. Ich glaube, ich hätte gern Vieles ertragen, um ihre Wange küssen zu dürfen. Aber ich fühlte, daß dieser Kuß dem groben, gewöhnlichen Jungen gegeben wurde, wie man ihm wohl ein Geldstück gegeben hätte, und daß er gar nichts werth sei.

Durch den Gedurtstagsbesuch und das Kartenspiel und den Zweikampf hatte sich mein Bleiben so verzögert, daß, als ich mich unserm Hause näherte, das Licht auf der Landzunge, die sich von den Marschen ins Meer hiuauszog, hell gegen den Nachthimmel emporleuchtete, und Joes Esse einen Feuerschein über den Weg warf.

Kapitel 12

Pips Besorgnisse und Hoffnungen

Ich beunruhigte mich im Geiste sehr wegen des blassen jungen Herrn. Je mehr ich des Kampfes gedachte und mich des blassen jungen Herrn erinnerte, wie er mit geschwollenem und blutbeflecktem Antlitze auf dem Rücken lag, um so fester wurde die Ueberzeugung in mir, daß mir irgend Etwas widerfahren müsse.

Ich fühlte, daß das Blui des blassen jungen Herrn über mein Haupt kommen, und daß das Gesetz ihn rächen werde. Ohne von den Strafen, denen ich mich ausgesetzt, irgend eine bestimmte Idee zu haben, war es mir doch klar, daß es keinem Dorfjungen gestattet sein könne, im Lande umherzustreifen, um die Wohnungen vornehmer Leute zu verwüsten und auf die studirende Jugend Englands loszuschlagen, ohne sich den strengsten Strafen auszusetzen.

Ich hielt mich sogar während einiger Tage ganz zu Hause, und lugte, wenn man mich auf irgend eine Besorgung ausschickte, in der größten Furcht und Vorsicht zur Küchenthür hinaus, ob auch nicht die Häscher des Grafschaftsgefängnisses mir auflauerten, um mich zu fangen. Die blutende Nase des blassen jungen Herrn hatte meine Beinkleider befleckt, und ich versuchte diesen Beweis meiner Schuld in der tiefsten Stille der Nacht zu vertilgen. Ich hatte mir an den Zähnen des blassen jungen Herrn die Knöchel zerschlagen, und ich verwirrte meine Einbildungskraft zu tausend Knoten, indem ich für den Moment, wo ich vor dem Richter stehen würde, nach unglaublichen Ursachen für diesen verdammenden Umstand suchte.

Als der Tag herankam, an welchem ich an die Stelle meiner Gewaltthat zurückkehren sollte, erreichte meine Angst ihren Gipfel. Würden wohl die Häscher des Gerichts, die ausdrücklich deshalb von London hergesandt waren, hinter dem Thore auf der Lauer liegen? Oder würde Miß Havisham, indem sie vorzog, persönlich die Schmach zu rächen, die ihrem Hause zugefügt war, sich in jenen Leichengewäudern, welche sie trug, erheben, eine Pistole hervorziehen und mich todtschießen? Oder würden gedungene Straßenjungen— eine zahlreiche Bande von Söldnern—in der Brauerei auf mich warten, um über mich herzustürzen und auf mich loszuschlagen, bin ich stürbe?

Es was ein hoher Beweis meines Vertrauens auf die Ehrenhaftigkeit des blassen jungen Herrn, daß ich mir ihn nie mit diesen Wiedervergeltungsacten in Verbindung dachte; dieselben erschienen mir immer als die Handlungen seiner unverständigen Angehörigen, welche durch den Zustand seines Antlitzes und durch eine entrüstete Sympathie für die Familiengesichtszüge angestachelt wurden.

Indessen mußte ich jedenfalls zu Miß Havisham zurückkehren, und so ging ich denn. Und siehe da! Es kam gar nichts nach dem stattgehabten Kampfe! Es wurde desselden auf keine Weise erwähnt und in dem ganzen Gebäude war nirgend ein blasser junger Herr zu sehen. Ich fand das Pförtchen offen und durchstreifte den Garten und schaute sogar durch die Fenster des allein stehenden Hauses; aber es begegnete hier meinen Blicken nichts, als die von innen geschlossenen Fensterläden, und rings umher mar Alles leblos und verlassen.

Nur in dem Winkel, wo der Zweikampf Statt gefunden, konnte ich noch ein Zeichen von dem Dasein des blassen jungen Herrn entdecken; denn hier fand ich Spuren seines von mir vergossenen Blutes, und ich verbarg dieselben vor den Augen der Menschen durch Gartenerde.

Auf dem breiten Gange zwischen Miß Havishams Zimmer und jenem, in weichem der lange gedeckte Tisch stand, sah ich einen Gartenstuhl stehen—ein leichter Stuhl auf Rädern, den man von hinten schob. Derselbe war seit meinem letzten Besuche dort hingestellt worden, und ich begann an diesem Tage meine regelmäßige Beschäftigung, Miß Havisham (wenn sie es müde war, mit der Hand auf meine Schulter gestützt spazieren zu gehen) in diesem Stuhle um ihr eigenes Zimmer, über den Gang und in dem andern Zimmer herumzuschieben.

Wir wiederholten diese Reisen zu unzähligen Malen, und zuweilen dauerten sie nicht weniger als drei Stunden. Ich erwähne unwillkürlich dieser Reisen als zahlreich, da es sofort ausgemacht wurde, daß ich jeden zweiten Tag um Mittag zu diesem Zwecke zurückkehren sollte, und weil ich jetzt im Begriff bin, einen Zeitraum von etwa acht bis zehn Monaten zusammenzufassen.

Als wir uns allmälig mehr an einander gewöhnt hatten, fing Miß Havisham an, sich mehr mit mir zu unterhalten und mir mancherlei Fragen vorzulegen, wie z. B.: was ich gelernt habe, und was ich zu werden beabsichtige? Ich sagte ihr, ich glaube, daß ich zu Joe in die Lehre solle und daß ich gar nichts gelernt habe und Alles zu lernen wünsche, in den Hoffnung, daß sie sich erbieten würde, mir in der Erreichung dieses wünschenswerthen Zieles behülflich zu sein. Aber nein; sie schien es im Gegentheil gern zu sehen, daß ich unwissend war. Auch gab sie mir niemals Geld, oder sonst irgend Etwas außer meinem täglichen Mittagessen, und versprach nie, mich für meine Dienste zu bezahlen.

Estella was stets da und ließ mich ein und aus, doch sagte sie mir nie wieder, daß ich sie küssen möge. Zuweilen behandelte sie mich mit kalter Duldung, zuweilen mit Herablassung, zuweilen mit vollkommener Vertraulichkeit, und dann wieder sagte sie mir, sie könne mich nicht ausstehen.

Miß Havisham pflegte oft, wenn wir allein waren, mich flüsternd zu fragen:

“Wird sie alle Tage hübscher, Pip?”

Und wenn ich danne Ja, antwortete (denn es war in der That der Fall), schien sie im Geheimen eine gierige Art von Freude darüber zu haben. Auch wenn wir Karten spielten, schaute Miß Havisham uns zu mit einer geizhalsartigen Freude an Estellas Launen, welcher Art dieselben auch sein mochten. Und manchmal, wenn ihre Launen so vielfältig und widersprechend waren, daß ich nicht wußte, was ich sagen oder thun solle, umarmte Miß Havisham sie mit großer Zärtlichkeit und murmelte ihr Etwas in die Ohren, das mir wie: Brich ihnen die Herzen, Du mein Stolz und meine