/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Das Haus der Schestern

Charlotte Link


Das Haus der Schwestern

Charlotte Link

1997

Eigentlich war die Weihnachtsreise ins Hochmoor von Yorkshire als Geburtstagsgeschenk gedacht — und als letzter Versuch zur Rettung einer zerrütteten Ehe. Doch für das deutsche Ehepaar Barbara und Ralph Amberg läuft von Anfang an alles schief. Bereits in der ersten Nacht schneidet ein Schneechaos das von ihnen gemietete Westhill House von der Außenwelt ab. Ruhelos und getrieben, durchstöbert Barbara die Räume des alten Farmhauses und sieht sich plötzlich mit der Lebensgeschichte jener Frau konfrontiert, der Westhill House einmal gehört hat: Frances Gray. Eine Frau, die so entschlossen, unabhängig und widersprüchlich war, daß sie ihrer Zeit stets einen Schritt voraus schien. Die sich immer nahm, was sie wollte, und die tat, was sie allein für richtig hielt — gegen alle Konventionen und manchmal sogar gegen die eigenen Gefühle. Eine Frau, die für die Menschen, die sie liebte, alles riskierte, die aber zur Ehe mit dem einzigen Mann in ihrem Leben nicht den Mut fand. Eine Frau, die weder Tod noch Teufel fürchtete — nur den Verlust der Heimat. Bis sie sich eines Tages mit einem dramatischen Handstreich aller Bedrohungen entledigte. Und Schuld für den Rest ihres Lebens auf sich lud.

Wie in Trance taucht Barbara beim Lesen in ein beklemmendes Geflecht aus Liebe und Haß, Verachtung, Abhängigkeit und unbändigem Freiheitswillen. Mehr und mehr identifiziert sie sich mit Frances, entdeckt Parallelen, blickt in die Abgründe ihrer eigenen Seele. Und schließlich ist eine Entscheidung unausweichlich, die nicht nur Barbaras Leben radikal verändern wird, sondern auch das Schicksal von Frances Gray vollendet …

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Sonntag, 22. Dezember 1996

Montag, 23. Dezember 1996

Dienstag, 24. Dezember 1996

Mittwoch, 25. Dezember 1996

Donnerstag, 26. Dezember 1996

Juni 1907

Mai 1910

Juni bis September 1910

Donnerstag, 26. Dezember 1996

November/Dezember 1910

Januar bis Juni 1911

Donnerstag, 26. Dezember/Freitag, 27. Dezember 1996

Mai bis September 1916

Oktober/November 1916

Dezember 1916

Juli 1919

Freitag, 27. Dezember 1996

2. Teil

September 1939

Juni bis Oktober 1940

November 1940 bis Juli 1941

Samstag, 28. Dezember 1996

Januar bis April 1942

August 1942

Samstag, 28. Dezember 1996

September 1942 bis April 1943

Samstag, 28. Dezember 1996

Sonntag, 29. Dezember 1996

Mittwoch, 1. Januar 1997

PROLOG

Yorkshire, im Dezember 1980

Von meinem Schreibtisch, der am Fenster steht, sehe ich hinaus auf die weiten, kahlen Felder des Hochmoors, über das der eisige Dezemberwind weht. Der Himmel ist voll grauer, wütend zusammengeballter Wolken. Man sagt, wir bekommen Schnee über Weihnachten, aber wer weiß, ob das stimmt. Hier oben in Yorkshire weiß man nie, was kommt. Man lebt von der Hoffnung, daß alles besser wird, und manchmal wird diese Hoffnung auf eine harte Probe gestellt — besonders im Frühjahr, wenn der Winter sich nicht verabschieden will wie ein lästiger Besucher, der noch im Hausflur verharrt, statt endlich vor die Tür zu treten. Die hungrigen Schreie der Vögel gellen durch die Luft, und kalter Regen sprüht dem Wanderer ins Gesicht, wenn er, warm verpackt, über die schlammigen Wege geht und seine Erinnerung an Sonne und Wärme wie einen kostbaren Schatz in sich trägt.

Jetzt, im Dezember, haben wir wenigstens noch Weihnachten vor uns. Nicht, daß mir Weihnachten allzuviel bedeuten würde, aber es stellt doch einen kleinen Glanzpunkt in einer dunklen Zeit dar. Früher habe ich das Fest geliebt. Aber da war das Haus auch noch voller Menschen, voller Stimmen und Gelächter und Streitereien. Alles wurde geschmückt, wochenlang wurde gebacken und gekocht, und es fanden Partys statt und festliche Diners. Niemand konnte ein Fest so gut organisieren wie meine Mutter. Ich glaube, es war ihr Tod, mit dem meine Freude an Weihnachten dahinschwand.

Laura, die gute, alte Laura, meine letzte Gefährtin, bemüht sich, mir alles so schön wie möglich zu gestalten. Vorhin hörte ich, wie sie die Kisten mit dem Weihnachtsschmuck vom Dachboden holte. Nun tönen unten die passenden Lieder vom Plattenspieler, und sie müht sich mit den Tannengirlanden über den Kaminen ab. Wenigstens ist sie beschäftigt.

Sie hängt rührend an mir und an dem Haus, aber oft geht sie mir auf die Nerven, wenn sie wie ein kleiner Hund hinter mir hertrabt und mich aus diesen ängstlichen Kinderaugen anstarrt. Laura ist vierundfünfzig Jahre alt, aber sie trägt immer noch den Ausdruck eines verschreckten Mädchens im Gesicht. Und das wird sich auch nicht mehr ändern. Sie war noch jung während des Krieges, als sie zuviel Schlimmes hat mitmachen müssen, und von der psychologischen Behandlung von Traumata wußte man damals kaum etwas. Man hoffte, daß sich die Dinge von selber regelten, aber manchmal taten sie das eben nicht.

Das war auch das Verhängnis meines Bruders George. Genau wie Laura schaffte er es nicht, die Schrecken aus eigener Kraft zu überwinden. Es gibt solche Menschen. Sie können die Verheerungen nicht aufarbeiten, die das Schicksal in ihren Seelen anrichtet.

Draußen wird es langsam dunkel. Ein paar Schneeflocken wirbeln plötzlich herum. Ich freue mich auf den Abend. Ich werde vor dem Kamin sitzen und einen alten Whisky trinken, und Laura wird neben mir sitzen und stricken und hoffentlich im wesentlichen den Mund halten. Sie ist nett, aber nicht besonders geistreich oder scharfsinnig. Ich könnte jedesmal aus der Haut fahren, wenn sie über Politik redet oder über einen Film, den sie im Fernsehen gesehen hat. Es ist immer alles so durchschnittlich bei ihr, und sie kann nur nachplappern, was andere ein dutzendmal vorgekaut haben. Aber sie tut eben auch nichts, um ihren Verstand zu schulen. Sie liest nie ein richtiges Buch, immer nur diese Miles & Boone-Liebesromane. Dann seufzt sie vor Wonne und identifiziert sich ganz und gar mit der rosagewandeten, bildschönen Heldin auf dem Titelbild, die in den Armen eines starken, dunkelgelockten Mannes liegt und ihm ihre schwellenden Lippen zum Kuß darbietet. Laura ist dann stets so hingerissen, daß sich für kurze Zeit sogar der Ausdruck von Angst und Schrecken in ihren Zügen verliert.

Vielleicht werde ich später sogar noch einen zweiten Whisky nehmen, auch wenn sie mich dann wieder mißbilligend anblickt und sagt, daß zuviel Alkohol ungesund sei. Lieber Himmel, ich bin eine alte Frau! Was macht es denn noch aus, ob ich trinke und wieviel?

Außerdem habe ich einen Grund zum Feiern, aber davon werde ich Laura nichts erzählen, sonst fängt sie an zu lamentieren. Ich habe vorhin das Wort ENDE unter meinen Roman gesetzt, und nun fühle ich mich wie von einer schweren Bürde befreit. Ich weiß nicht, wieviel Zeit mir noch bleibt, und es war mir ein unerträglicher Gedanke, ich könnte nicht fertig werden. Aber nun ist es geschafft, und ich kann mich in aller Ruhe zurücklehnen und abwarten.

Ich habe die Geschichte meines Lebens geschrieben. Vierhundert Seiten, sauber getippt. Mein Leben auf Papier. Na ja — fast mein Leben. Die letzten dreißig Jahre habe ich unerwähnt gelassen, da ist nicht mehr viel passiert, und wer interessiert sich schon für all die Malaisen, die das tägliche Leben einer alten Frau bestimmen? Nicht, daß ich überhaupt irgend jemandem die Geschichte aushändigen werde! Aber mein Alter zu beschreiben hätte mir auch selber keinen Spaß gemacht. Ehrlicherweise hätte ich das Rheuma erwäh nen müssen, die nachlassende Sehkraft, die Gicht, die meine Finger allmählich zu Klauen krümmt, und dazu hatte ich keine Lust. Man soll nichts übertreiben, auch nicht die Aufrichtigkeit.

Ich bin ohnehin ehrlich genug verfahren. An keiner Stelle habe ich behauptet, besonders schön, besonders edel, besonders tapfer gewesen zu sein. Natürlich war ich einige Male sehr in Versuchung. Es wäre so leicht gewesen. Ein paar kleine Korrekturen hier und da, ein paar liebenswürdige Verschleierungen. Ich hätte so etwas wie einen verbalen Weichzeichner anlegen können, und all das, was ich klar und hart ausgesprochen habe, wäre im Verschwommenen geblieben. Hätte ich manches nicht gesagt und manches anders, schon wäre ein geschöntes Bild entstanden. Und zwangsläufig eine andere Geschichte. Natürlich kann man sich in die Tasche lügen und die eigene Geschichte umschreiben, aber dann stellt sich die Frage, warum man sie überhaupt schreibt.

Und man kann bei der Wahrheit bleiben. Die ist hart und tut manchmal weh, aber wenigstens ist es die Wahrheit. Damit bekommt die ganze Sache einen Sinn. Daran habe ich mich gehalten, auf jeder einzelnen Seite. Zwar frage ich mich, ob die Tatsache, daß ich über mich, Frances Gray, nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person geschrieben habe, damit zusammenhängt, daß ich unbewußt hoffte, auf diese Weise doch ein bißchen schummeln zu können. Ein ≫Ich≪ nötigt zu weit aufrichtigeren Analysen als ein ≫Sie≪. Aber wenn dies tatsächlich mein verstecktes, unehrenhaftes Motiv war, so kann ich sagen, ich habe mich nicht verlocken lassen, das Häßliche zu schönen. Ich bin mit der fiktiven Frances in der dritten Person gewiß gnadenlos verfahren. Das vermittelt mir ein angenehmes Gefühl von Mut und Stärke.

Ich werde meine Aufzeichnungen gut verstecken. Sosehr Laura mich liebt, würde sie doch alles sofort nach meinem Tod vernichten, solche Angst hat sie, daß jemand gewisse Dinge erfahren könnte. Sie kann nicht aus ihrer Haut heraus, aber wer kann das schon? Am sinnvollsten wäre es sicher, alles zu verbrennen, denn ob die vielen beschriebenen Seiten nun in einem Versteck vor sich hin modern oder gar nicht mehr existieren, bleibt sich am Ende gleich. Für mich hat das Schreiben seinen Zweck ohnehin erfüllt: Schreiben zwingt zur Präzision. Schemenhafte Erinnerungen nehmen klare Umrisse, deutliche Farben an. Ich war gezwungen, mich wirklich zu erinnern. Und darüber habe ich mich ausgesöhnt. Mit mir, mit meinem Leben, mit dem Schicksal. Ich habe den Menschen vergeben, und ich habe vor allem mir selbst vergeben. Das war mir ein wichtiges Anliegen, und es ist geglückt. Und dennoch …

Ich kann das alles nicht einfach den Flammen übergeben. Zuviel Arbeit, zuviel Zeit stecken darin. Ich bring’s nicht fertig. Ich ahne, daß das ein Fehler ist, aber ich habe so viele Fehler gemacht in meinem Leben, da kommt es auf einen mehr nicht an.

Inzwischen ist es völlig dunkel geworden; längst brennt meine Schreibtischlampe. Laura spielt unten zum hundertsten Mal dieselben Weihnachtslieder, während sie das Abendessen vorbereitet. Sie wird sich freuen, wenn ich seit langem wieder einmal mit gutem Appetit esse. Sie denkt ja immer sofort, sie habe schlecht gekocht, wenn jemand nicht richtig zugreift. Aber während der Monate des Schreibens war ich zu angespannt, um richtigen Hunger zu haben. Das kann sich ein Mensch wie Laura, dessen Phantasie sich in ziemlich engen Grenzen bewegt, nicht vorstellen. Irgendwann habe ich deshalb aufgehört, es ihr zu erklären. Nachher wird sie strahlen und denken, sie habe endlich wieder meinen Geschmack getroffen. Und das wird sie unendlich glücklich machen.

Laura ist fast krankhaft abhängig von der Meinung anderer Leute, und am meisten von meiner. Ich frage mich oft, wen sie mit ihrem Bitte-hab-mich-lieb-Blick verfolgen wird, wenn ich nicht mehr bin. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Laura dann plötzlich in Freiheit und Unabhängigkeit leben wird. Sie braucht jemanden, um dessen Gunst sie buhlen, dem sie alles recht machen kann. In gewisser Weise braucht sie sogar jemanden, der Druck auf sie ausübt, sonst fühlt sie sich qualvoll verloren in dieser Welt.

Es wird sich etwas finden für sie. Es wird sich jemand finden. Irgend etwas, irgend jemand. Die Dinge werden sich entwickeln. Ich sagte es ja schon: Hier in Yorkshire weiß man nie, was kommt …

Frances Gray

Sonntag, 22. Dezember 1996

Die Reise stand von Anfang an unter einem schlechten Stern.

Ralph war den ganzen Morgen über schon einsilbig und in sich gekehrt gewesen, aber seine Stimmung verdüsterte sich noch, als sie auf dem Flughafen an einem Zeitungskiosk vorübereilten, wo ihnen von einem der davor plazierten Drehständer Barbaras Bild von der Titelseite eines Boulevardblattes entgegensprang. Ralph blieb stehen, starrte die Zeitung an und kramte gleich darauf seine Geldbörse hervor.

≫Laß doch!≪ rief Barbara nervös. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. ≫Unser Flug geht jeden Moment!≪

≫Soviel Zeit haben wir noch≪, sagte Ralph. Er nahm eine Zeitung und schob dem Verkäufer über die Theke hinweg ein Geldstück zu. ≫Es scheint ein sehr gutes Foto von dir zu sein. Wir sollten es nicht ignorieren.≪

Es war ein gutes Foto von Barbara. Sie trug ein schwarzes Kostüm, in dem sie sowohl sexy als auch seriös aussah, hielt den Kopf hoch erhoben und hatte den Mund leicht geöffnet. Die blonden Haare wehten hinter ihr her. Darüber in dicken roten Lettern die Worte: Die Siegerin.

≫Die Zeitung ist von gestern≪, erklärte Barbara nach einem Blick auf das Datum. ≫Das Foto ist am Freitag im Gericht entstanden, nach dem Kornblum-Prozeß. Ich weiß auch nicht, warum der so viel Staub aufgewirbelt hat!≪

Es hörte sich wie eine Rechtfertigung an, und das ärgerte sie. Warum sollte sie sich bei Ralph dafür entschuldigen, daß sie einen Prozeß gewonnen und daß die Presse daran regen Anteil genommen hatte? Weil Ralph es peinlich fand, wenn seine Frau Gegenstand reißerischer Artikel in der Yellow-Press war, weil spektakuläre Fälle sowieso unter seinem Niveau waren, weil er Strafverteidiger als Juristen zweiter Klasse ansah? Ralph unterschied sehr genau zwischen Rechtsanwälten und Strafverteidigern. Er war Rechtsanwalt, selbstverständlich. Er gehörte einer renommierten Frankfurter Kanzlei an und beschäftigte sich hauptsächlich mit großen Versicherungsprozessen, für die sich außer den Beteiligten kaum ein Mensch interessierte. Barbara verteidigte Schwerverbrecher und hatte dabei so viel Erfolg, daß sie immer wieder Fälle angetragen bekam, die die Öffentlichkeit monatelang in Atem hielten. Ralph verdiente mehr Geld, Barbara war das Lieblingskind der Journalisten. Jedem von ihnen war das, was den anderen auszeichnete, ein Dorn im Auge.

Als sie endlich im Flugzeug saßen — sie hatten ihr Gate in letzter Sekunde erreicht — und die Stewardessen Getränke auszuschenken begannen, fragte sich Barbara, wie so oft in den letzten Monaten, wann sich dieser ständig gereizte Ton, diese permanente Aggression in ihre Ehe eingeschlichen hatten. Es mußte schleichend passiert sein, denn sie konnte sich nicht an einen bestimmten Zeitpunkt erinnern. Sie selbst hatte sicher erste Warnzeichen übersehen. Ralph, so erinnerte sie sich, hatte schon länger von Problemen gesprochen.

Ihr Blick fiel wieder auf die Zeitung, die auf Ralphs Schoß lag. Die Siegerin! Diese Art von Presse trug immer zu dick auf, aber Tatsache war: Sie hatte gesiegt. Sie hatte Peter Kornblum aus einem wirklich schlimmen Schlamassel herausgepaukt.

Kornblum war Bürgermeister einer Kleinstadt, kein hohes Tier zwar, aber zweifellos recht profilierungssüchtig, weshalb er sich bemühte, zumindest in der Lokalpresse eine beständige Rolle zu spielen. Als er plötzlich in Verdacht geriet, seine neunzehnjährige Geliebte mit einer Axt erschlagen und in Stücke gehackt zu haben, wurde er schlagartig einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Bei der Gelegenheit erfuhr auch Frau Kornblum zum ersten Mal davon, daß ihr Mann intime Beziehungen zu einem Mädchen aus dem Rotlichtmilieu unterhalten hatte, was ihre bis dahin heile Welt erheblich ins Wanken brachte. Peter Kornblum verwandelte sich in ein armes Würstchen, das um Gnade und Verständnis flehte und im übrigen inbrünstig seine Unschuld beteuerte. Wie er Barbara später erzählte, hatte er sich mit seinen engsten Parteifreunden über die Frage beraten, welchen Verteidiger er wählen sollte. Einstimmig sei ihm Barbara Amberg genannt worden. ≫Die holt jeden raus!≪

Das stimmte so natürlich nicht. Aber sie konnte eine Reihe von Erfolgen verbuchen.

≫Glaubst du, er war es?≪ fragte Ralph. Er tippte mit dem Finger auf das kleine Bild von Peter Kornblum am Fuß der Seite.

Barbara schüttelte den Kopf. ≫Nie im Leben. Er ist überhaupt nicht der Typ. Aber trotzdem ist er nun politisch ruiniert. Seine Frau hat die Scheidung eingereicht. Er ist fertig.≪ Sie nahm die Zeitung und schob sie in das Haltenetz am Vordersitz. ≫Vergiß es jetzt≪, sagte sie, ≫wir verreisen. Und in zwei Tagen ist Weihnachten.≪

Er lächelte gequält. Zum ersten Mal begann Barbara ernsthaft daran zu zweifeln, ob es ein guter Einfall gewesen war, ihren Mann in die Einsamkeit zu entführen, um ihre Ehe zu retten.

Seit sechzehn Jahren immer das gleiche: Jedesmal wenn Laura Selley Westhill House für mehrere Tage oder Wochen verließ, um es Mietern zu überlassen, die dafür bezahlten, sich hier breitmachen und wie Hausherren aufführen zu dürfen, ging sie auf jene stets ergebnislose, mühselige, deprimierende Suche nach etwas, wovon sie letzten Endes nicht einmal sicher wußte, ob es überhaupt existierte. Jagte sie einem Phantom hinterher? Hatte sie nicht längst jeden einzelnen Winkel dieses alten Farmhauses durchstöbert? Suchte sie nicht immer und immer wieder an denselben Stellen, wohl wissend, daß es kaum in der Zwischenzeit dort aufgetaucht sein konnte?

Keuchend schob sie sich aus dem Wandschrank heraus, in den sie trotz ihrer schmerzenden Knochen hineingekrochen war, um in seinem Inneren zum hundertsten Mal das Unterste zuoberst zu kehren. Mit ihren siebzig Jahren war sie nicht mehr die Jüngste, zudem plagten sie seit Jahren heftige rheumatische Beschwerden, die besonders im Winter oft unerträglich wurden. Die kalten, rauhen Winde, die in die Täler Yorkshires brausten, machten die Krankheit nicht besser. Es würde ihr guttun, die Weihnachtstage und den Jahreswechsel bei ihrer Schwester im milden Südosten Englands zu verbringen. Wenn nur nicht in der Zwischenzeit fremde Menschen …

Sie stand vor dem Schrank, richtete sich langsam auf und preßte dabei leise stöhnend die Hand ins Kreuz. Ihr Blick ging zum Fenster hinaus über die hügeligen Wiesen Wensleydales, die im Sommer so grün und leuchtend waren, jetzt aber kahl und grau schienen. Nackte Baumäste bogen sich im Wind. Tiefhängende, geballte Wolken jagten über den Himmel. Ein paar Schneeflocken wirbelten in der Luft. Der Radiosprecher hatte heute früh gesagt, daß sie über Weihnachten hier in Nordengland mit Schnee rechnen mußten.

Man wird sehen, dachte Laura, man wird sehen. Wird ein langer Winter werden, so oder so. Es ist immer ein langer Winter hier oben. Ich sollte das Haus verkaufen und in ein warmes Land ziehen.

Dann und wann hegte sie diesen Gedanken, wußte aber gleichzeitig genau, daß sie es nie tun würde. Westhill House war die einzige Heimat, die sie je gekannt hatte, ihre Zuflucht, ihre Insel in der Welt. Sie war gefesselt an dieses Haus, an dieses Land, auch wenn sie die Einsamkeit haßte, die Kälte, die Erinnerungen, mit denen sie hier zusammengesperrt war. Es gab keinen anderen Ort, an dem sie hätte leben können.

≫Wo könnte ich noch suchen?≪ überlegte sie laut. Im Haus wimmelte es von Wandschränken, kleinen Kammern, verwinkelten Ecken. Laura kannte sie alle, hatte in ihnen allen herumgekramt. Nie hatte sie etwas von Bedeutung gefunden. Vermutlich gab es nichts zu finden. Vermutlich machte sie sich nur verrückt.

Sie verließ das Zimmer und stieg die steile Treppe ins Erdgeschoß hinab, ging in die Küche. Hier brannte ein warmes Feuer im Herd, und es roch nach den Weihnachtsplätzchen, die Laura am Vormittag gebacken hatte, um sie ihrer Schwester mitzubringen. Obwohl es seit fast vierzig Jahren einen Elektroherd in der Küche gab, benutzte Laura mit Vorliebe das eiserne Ungetüm aus der Zeit der Jahrhundertwende, auf dem früher für die ganze große Familie gekocht worden war. Sie hielt an alten Dingen verbissen fest, so ängstlich, als könne sie einen Teil von sich verlieren, wenn sie sich von etwas trennte, das einst zu ihrem Leben gehört hatte. Alles Neue empfand sie als feindselig. Sie fand die Entwicklung, welche die Welt nahm, höchst bedrohlich und bemühte sich, jeden Gedanken daran rasch zu verdrängen.

Sie setzte Wasser auf, denn sie hatte das starke Bedürfnis nach einer Tasse heißen Tee. Dann mußte sie packen und die Betten für die Gäste beziehen. Morgen im Laufe des Tages würden sie eintreffen. Ein Ehepaar aus Deutschland. Sie hatte noch nie deutsche Gäste hier gehabt. Für sie waren die Deutschen noch immer Feinde aus zwei Weltkriegen, aber andererseits war auch Peter Deutscher gewesen. Doch an ihn mochte sie auch nicht denken, und es wäre ihr wirklich lieber gewesen, Franzosen oder Skandinavier hier aufzunehmen. Aber sie brauchte dringend Geld, und es hatte sich sonst niemand gefunden, der Westhill House über Weihnachten mieten wollte.

Laura inserierte regelmäßig in einem Katalog, der Ferienhäuser anbot. Mit ihrer bescheidenen Rente hätte sie die vielen anfallenden Reparaturen nicht bezahlen können, hätte das alte Haus dem schleichenden Verfall preisgeben müssen. Das Vermieten stellte die einzige Möglichkeit dar, hin und wieder etwas dazuzuverdienen, auch wenn sie es einfach haßte, Fremde hier einzulassen. Jetzt zum Beispiel mußte dringend das Dach neu gedeckt werden, spätestens vor dem nächsten Winter. Aber es war schwer, Gäste zu finden. Wer in den Norden reiste, fuhr in den Lake District oder gleich nach Schottland hinauf. Yorkshire, das Land der Berge und Moore, der kalten Winde, der wuchtigen, aus Kalkstein gebauten Häuser, lockte nicht viele Touristen. Wer an Yorkshire dachte, hatte Blei- und Kohleminen vor Augen, rußige Schornsteine, düstere Arbeitersiedlungen in nebligen Tälern.

Wer wußte schon etwas von den lieblichen, heiteren Frühlingstagen, die das Land mit leuchtendgelben Narzissen überschwemmten? Wer kannte die hellen, graublauen Schleier über dem Horizont in heißen Sommerwochen? Wer hatte je den würzigen Duft gerochen, den der Wind im Herbst in die Täler wehte? Wie immer, wenn Laura an all dies dachte, stieg die Liebe zu diesem Land wie ein plötzlicher Schmerz in ihr auf, ließ ihren Atem stocken. Dann wußte sie wieder, daß sie nie fortgehen würde. Daß sie die langen Winter ertragen würde. Die Einsamkeit. Die Erinnerungen. Wen man wirklich liebt, den verläßt man nicht, das war Lauras feste Überzeugung, auch wenn man sich immer wieder über ihn ärgert. Man geht vielleicht mit ihm zusammen eines Tages zugrunde, aber man geht nicht fort.

Der Wasserkessel pfiff. Laura goß das heiße Wasser über die Teeblätter. Allein der würzige Geruch legte sich besänftigend über ihre Nerven; nach dem ersten Schluck, das wußte sie aus Erfahrung, würde sie ein neuer Mensch sein.

≫Laura und ihre Tasse Tee≪, hatte Frances immer gespottet, ≫damit kuriert sie Bauchschmerzen, Wadenkrämpfe, Alpträume und Depressionen. Was sie betrifft, so müßte es auf der ganzen Welt keine andere Medizin geben.≪

Frances hatte auch gern Tee getrunken, aber nie Probleme mit seiner Hilfe lindern können. Sie hatte sich an härtere Sachen gehalten.

≫Ein guter Scotch auf Eis≪, hatte sie gesagt, ≫und die Welt ist in Ordnung!≪

Sie hatte jeden Mann unter den Tisch trinken können. Für ihre Leber schien es keine Schmerzgrenze gegeben zu haben.

Laura zog die dicken, geblümten Vorhänge vor das Fenster, sperrte die einfallende Dunkelheit und den heulenden Wind aus. Der Gedanke an Frances hatte sie wieder nervös werden lassen. Jetzt bedrängte sie erneut die Vorstellung, die fremden Gäste könnten zwei Wochen lang Tag für Tag im Haus herumstöbern. Die Menschen waren neugierig. Sie fanden gern Dinge über andere heraus. Laura wußte das, weil sie auch manchmal in fremde Schubladen blickte. Einmal war ein Brief, der an die Leighs drüben vom Herrenhaus gerichtet war, versehentlich bei ihr abgegeben worden. Einen halben Tag lang war sie um ihn herumgeschlichen, dann hatte sie es nicht mehr ausgehalten und ihn über Wasserdampf geöffnet. Zu ihrer bitteren Enttäuschung enthielt er nichts als eine Einladung einer Familie aus Hawes zum Frühlingsfest.

Mit ihrer Teetasse in der Hand ging Laura hinüber ins Eßzimmer, überprüfte, ob sich das gute Porzellan und die Weingläser ordentlich aufgeräumt in den Schränken befanden. Die weißen Leinentischdecken lagen glattgebügelt und Kante auf Kante gefaltet im entsprechenden Fach unter der Anrichte. Das silberne Besteck war nach Löffeln, Messern, Gabeln und unterschiedlicher Größe in samtausgeschlagene Kästchen geordnet. Laura nickte zufrieden. Die Deutschen sollten nicht die feinen Nasen rümpfen können.

Sie zog auch hier die Vorhänge zu und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Die ganze Zeit über hatte sie ihren Blick gesenkt gehalten, hatte darauf geachtet, ihn keinen Moment lang umherschweifen zu lassen. Aber im Hinausgehen blieb er dennoch an der Ecke des Kaminsimses hängen, und sie sah den goldenen Rahmen der großen Photographie, die dort oben stand. Sie konnte nicht umhin, näher zu treten. Das Photo, eine Schwarzweißaufnahme, zeigte Frances Gray im Alter von siebzehn Jahren. Sie trug ein Matrosenkleid, das sehr sittsam wirkte, hatte die schwarzen Haare glatt aus dem Gesicht gestrichen. Sie war ein durch und durch keltischer Typ gewesen, mit ihrer blassen Haut und den leuchtendblauen Augen. Auf dem Bild trug sie das etwas hochmütige Lächeln zur Schau, das stets dazu angetan gewesen war, Menschen einzuschüchtern, und von dem sie sich auch in ihren schwersten Zeiten nicht getrennt hatte, als die Leute sagten, es gebe wahrhaftig nichts mehr, worauf sie sich etwas einbilden könne. In Wahrheit hatte sie nur nie eine Schwäche gezeigt. Ihre Tapferkeit hatten nur wenige ihrer Mitmenschen honoriert. Die meisten hatten gefunden, sie könne ruhig ein wenig bescheidener auftreten und sich schön im Hintergrund halten.

Frances und bescheiden! Beinahe hätte Laura aufgelacht. Sie sah das junge Mädchen auf dem Bild an und sagte laut: ≫Du hättest es mir sagen müssen! Du hättest mir einfach sagen müssen, wo du es versteckt hast!≪

Frances lächelte und blieb stumm.

Das Flugzeug landete gegen siebzehn Uhr in London. Barbara und Ralph hatten geplant, eine Nacht hier im Hotel zu verbringen und am nächsten Morgen mit einem Mietwagen nach Yorkshire aufzubrechen. Barbara hatte überlegt, daß es nett sein könnte, am Abend durch die weihnachtlich geschmückte Stadt zu schlendern und später irgendwo gemütlich zu essen. Aber als sie aus dem Flugzeug stiegen, regnete es in Strömen, und im Laufe des Abends wurde es immer schlimmer. Nicht einmal die Regent Street mit ihren Lichtern und dem großen Tannenbaum lud unter diesen Umständen zum Verweilen ein.

Völlig durchnäßt, retteten sich Barbara und Ralph schließlich in ein Taxi, ließen sich nach Covent Garden fahren und ergatterten bei Maxwell’s den letzten freien Tisch. Es war laut und voll, aber wenigstens auch warm und trocken. Ralph strich sich die nassen Haare aus der Stirn und überflog stirnrunzelnd die Speisekarte.

≫Such dir etwas richtig Gutes aus≪, sagte Barbara, ≫die nächsten zwei Wochen bist du auf meine Küche angewiesen, und du weißt ja, was das bedeutet.≪

Ralph lachte, aber er wirkte nicht fröhlich. ≫Auch in Yorkshire wird es Restaurants geben≪, meinte er.

≫So wie ich die Beschreibung des Hauses verstanden habe, befinden wir uns so ziemlich in der Mitte von Nirgendwo≪, erklärte Barbara. ≫Es ist schon ein Dorf in der Nähe, aber …≪ Sie vollendete den Satz nicht, zuckte nur mit den Schultern.

Einen Moment lang schwiegen sie beide, dann fragte Ralph leise: ≫Hältst du das alles wirklich für sinnvoll?≪

≫Du hast immer von England geschwärmt! Du hast immer gesagt, du willst einmal nach Yorkshire! Du hast …≪

≫Darum geht es doch gar nicht≪, unterbrach Ralph, ≫sondern um uns. Wie die Dinge liegen … müssen wir uns da unbedingt zwei Wochen lang miteinander vergraben? Aufeinander hocken, konfrontiert mit allem, was …≪

≫Ja! Die Misere ist doch, daß wir nie Zeit füreinander haben. Daß wir uns außer ‘Guten Morgen’ und ‘Guten Abend’ kaum mehr etwas sagen. Daß wir jeder nur noch für unsere Berufe leben und gar nicht mehr wissen, was im anderen vorgeht!≪

≫Das wollte ich anders haben, das weißt du.≪

≫Ja≪, sagte Barbara bitter, ≫das weiß ich. Auf meine Kosten.≪

Wieder schwiegen sie beide, dann sagte Ralph: ≫Wir hätten aber auch daheim miteinander reden können. Jetzt über Weihnachten.≪

≫Wann denn? Du weißt doch, wie verplant wir schon wieder waren!≪

Er wußte es. Heiligabend bei Barbaras Eltern. Erster Feiertag bei seiner Mutter. Zweiter Feiertag bei Barbaras Bruder. Am 27. Dezember dann sein, Ralphs, vierzigster Geburtstag. Wieder Familie. Die Reise übrigens war Barbaras Geschenk zu diesem Geburtstag. Darum hatte er ja auch nicht ablehnen können. Sie hatte alles bereits geplant, organisiert, bezahlt. Mit den diversen Familienangehörigen geredet, deren Ärger besänftigt, die Lage erläutert. Nicht die Wahrheit gesagt, natürlich nicht! ≫Wißt ihr, Ralph und ich, wir stehen kurz vor einem Desaster, was unsere Ehe betrifft, und deshalb …≪ Nein, Ralph konnte sich vorstellen, wie sie alles auf seine Wünsche geschoben hatte und auf ihr Verlangen, ihm diese Wünsche zu erfüllen. ≫Ralph hat von so etwas immer geschwärmt. Ein einsames Cottage in Nordengland. In Yorkshire, im Land der Brontës. Sein vierzigster Geburtstag ist doch ein würdiger Anlaß, findet ihr nicht? Ihr müßt das verstehen. Nächstes Jahr feiern wir wieder alle zusammen!≪

Wenn es für uns beide ein nächstes Jahr noch gibt, dachte Ralph.

Ihrer beider Rollen hatten sich auf eigenartige Weise vertauscht. Barbara hatte lange Zeit nicht bemerkt, daß etwas schieflief zwischen ihnen, und jeder seiner Versuche, das Problem anzuschneiden und auszusprechen, war von ihr boykottiert worden. Entweder hatte sie keine Zeit, keine Lust, war zu müde oder überzeugt, daß es überhaupt kein Problem gab. Daß sie beide einander praktisch nur noch im Vorbeirennen sahen, schien ihr nicht aufzufallen.

Irgendwann im Laufe des vergangenen Jahres war ihr aber offenbar gedämmert, daß es einige erhebliche Schwierigkeiten gab, und nun hatte sie sich entschlossen, diese aus der Welt zu schaffen. Gewohnt, die Dinge anzupacken und Widerstände zu überwinden, hatte sie die Reise in einen abgelegenen Winkel Yorkshires gebucht, wo sie zwei Wochen lang weder von Verwandten und Freunden noch von beruflichen Verpflichtungen gestört werden würden. Irgendwie hatte sie Ralph mit all dem völlig überrollt, was überaus typisch für sie war — und was ihn ärgerte. Es kam ihm vor, als habe sie gewissermaßen einen Startschuß abgegeben. Ziel: die Rettung unserer Ehe. Zeit: zwei Wochen.

Er fühlte sich wie der Kandidat in einer Fernsehshow. ≫Sie haben genau sechzig Sekunden!≪ In den letzten Jahren, in denen er nur noch frustriert gewesen war, den Eindruck gehabt hatte, allein gelassen zu werden, war ihm die Puste ausgegangen. Vielleicht war auch einfach der Glaube daran geschwunden, daß sich etwas ändern könnte. Jetzt wollte er nicht mehr reden. Er wollte nicht um etwas bitten, was sie ihm ohnehin nicht gewähren würde.

Barbara hatte sich in die Speisekarte vertieft. Ihr leises Murmeln verriet ihre Konzentration. Barbara tat immer alles mit äußerster Konzentration. Wenn sie arbeitete, hätte eine Bombe neben ihr detonieren können, ohne daß sie auch nur aufgeblickt hätte.

Wenn sie arbeitet, dachte Ralph bitter, könnte ich neben ihr sterben, ohne daß sie es bemerken würde.

Er wußte, daß er seit einiger Zeit zu sehr zum Selbstmitleid neigte, aber er versuchte nicht ernsthaft, etwas dagegen zu unternehmen. Ab und zu tat es ihm gut, seine Psyche zu streicheln und sich zu versichern, daß er es ziemlich schlecht hatte.

Barbara blickte auf. ≫Hast du schon etwas gefunden?≪ fragte sie schließlich.

Ralph zuckte zusammen. ≫Oh, entschuldige. Ich war gerade völlig abwesend.≪

≫Hier gibt es eine Vorspeise für zwei Personen. Ich dachte, die könnten wir teilen.≪

≫In Ordnung.≪

≫Wirklich? Du mußt nicht, wenn du nicht magst. Ich finde auch etwas anderes.≪

≫Barbara, ich wäre durchaus in der Lage, es zu sagen, wenn ich nicht wollte≪, konterte Ralph etwas heftig. ≫Es ist okay!≪

≫Deshalb brauchst du mich nicht gleich so anzufahren. Manchmal habe ich das Gefühl, du läßt mir absichtlich meinen Willen, damit du später behaupten kannst, ich hätte dich überfahren!≪

≫Das ist doch absurd!≪

Sie starrten sich an. Es war wie immer: Ihre viel zu häufig unterdrückten Aggressionen entluden sich an einer Lappalie, drohten, eine harmlose Situation im großen Streit eskalieren zu lassen.

≫Auf jeden Fall≪, sagte Barbara, ≫werde ich nicht diese Vorspeise für zwei Personen nehmen. Ich suche mir etwas anderes.≪

Sie wußte, sie benahm sich kindisch. Sie wollte sich kindisch benehmen.

≫Wahrscheinlich hast du recht≪, meinte Ralph, ≫warum sollten wir eine Vorspeise teilen, wenn wir sonst im Leben nichts teilen.≪

≫Welch eine tiefgründige Bemerkung! Und so geistreich!≪

≫Wie soll ich denn sonst auf deine eigenartigen Launen reagieren?≪

≫Du brauchst überhaupt nicht zu reagieren. Hör mir einfach nicht zu!≪

≫Ich denke, wir müssen für zwei Wochen verreisen, damit ich dir zuhöre≪, entgegnete Ralph kühl.

Barbara erwiderte nichts, vertiefte sich erneut in die Karte. Aber diesmal konzentrierte sie sich nicht, nahm wohl kaum etwas von dem wahr, was sie las. Ralph konnte es an ihren zornigen Augen erkennen. Ihm selber war der Appetit vergangen. Als die Bedienung mit gezücktem Bleistift neben ihnen auftauchte und sie erwartungsvoll ansah, seufzte er.

≫Wir konnten uns noch nicht entscheiden≪, sagte er.

Montag, 23. Dezember 1996

Sie war bereit zum Aufbruch. Zwei Koffer standen fertig gepackt gleich unten neben der Haustür. Daneben noch eine Reisetasche und eine Plastiktüte. In der Tüte befand sich der Proviant für die Reise. Laura hatte in den letzten Jahren lernen müssen, an allem zu sparen, und das Zugrestaurant war auf jeden Fall zu teuer. So hatte sie belegte Brote vorbereitet und zwei große Thermoskannen mit heißem Tee gefüllt. Schließlich hatte sie eine lange Nachtfahrt vor sich. Aber morgen würde sie bei ihrer Schwester in Kent sein, und dann bekäme sie ein richtiges, warmes Essen. Das hieß, falls Marjorie in der Stimmung war, zu kochen. Meist hatte sie zu schlechte Laune, um sich auch noch in die Küche zu stellen, und dann konnte man froh sein, wenn man wenigstens eine Konserve aufgewärmt bekam. Marjorie fand immer einen Grund, um sich einer düsteren Stimmung hingeben zu können: das Wetter, die steigenden Lebenshaltungskosten, die Skandale im Königshaus. Sie deprimierte ihre Umgebung durch üble Prophezeiungen, und ständig beteuerte sie, glücklich über ihr fortgeschrittenes Alter zu sein; denn dies würde ihr ersparen, all die Tragödien durchleiden zu müssen, die auf die Erde und die Menschheit warteten. In ihrem Pessimismus, mit dem sie allem, was mit Fortschritt und Entwicklung zu tun hatte, begegnete, ähnelte sie Laura, war aber in ihrem Verhalten nicht von Angst, sondern von Aggression bestimmt. Marjorie bemühte sich nicht im mindesten um andere Menschen, während Laura von früh bis spät nichts anderes tat.

Wird wieder trist werden bei Marjorie, dachte Laura. Hätte sie das Haus nicht hin und wieder räumen müssen, um es zu vermieten, sie wäre höchstens mal über ein Wochenende zu Marjorie gefahren. Aus Anstand, weil es sich um ihre einzige lebende Angehörige handelte. Vielleicht hätte sie ihr auch nur dann und wann einen Brief geschrieben.

Je näher der Moment der Abreise heranrückte, desto elender fühlte sich Laura. Um fünf Uhr würde Fernand Leigh von Daleview herüberkommen, um sie zum Bahnhof nach Northallerton zu bringen. Eigentlich hatte sie Lilian, seine Frau, darum gebeten; aber am Vorabend hatte er angerufen und gesagt, er werde das übernehmen. Vermutlich konnte Lilian wieder einmal das Haus nicht verlassen.

Bis er kam, würden die Gäste aus Deutschland hoffentlich eingetroffen sein. In ihrem Bestätigungsschreiben auf die Buchung hatte Laura ausdrücklich betont, wie wichtig eine Ankunft bis um spätestens halb fünf sei. Diese Barbara Sowieso (Laura konnte sich den deutschen Nachnamen beim besten Willen nicht merken) hatte zurückgeschrieben, das sei auf jeden Fall machbar.

Es gab nichts mehr zu tun. Laura wanderte durch die Zimmer, einen Becher Tee in der Hand. Draußen schneite es. Sie hatte die Heizung im Keller hochgestellt, und das Haus war mollig warm. Schön würden sie es hier haben, diese Fremden, die sie vertrieben, die …

Hör auf! befahl sie sich. Sei nicht ungerecht! Niemand vertreibt dich. Niemand wird das je tun können.

Mit den Augen streichelte sie jeden einzelnen Gegenstand und prägte ihn sich ein. Hin und wieder saugte sich ihr Blick an einer Schublade fest oder an einem lockeren Dielenbrett, dann trat sie rasch näher, untersuchte die Stelle, die ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, fand nichts und wandte sich wieder ab.

Hör auf zu suchen, ermahnte sie sich streng, du machst dich verrückt, wenn du immer nur daran denkst!

Sie schaute auf die Uhr. Halb drei. Der Dezembertag war nicht richtig hell geworden und würde sich nun schon bald wieder in Dunkelheit auflösen. Wenn sie nur nicht fort müßte!

Sie trat an eines der Fenster, die nach vorne zum Hof hinausgingen, und spähte den Weg entlang. Noch nichts zu sehen von den Gästen.

Der Regen ging in Schneeregen über, je weiter sie nach Norden kamen. Barbara und Ralph wechselten einander beim Fahren ab. Beide hatten sich rasch an das Linksfahren gewöhnt. Im dichten Verkehrsaufkommen um London herum hatte es noch einige Schwierigkeiten gegeben, aber die A1, The North, die sie nun vom Süden Englands in den Norden hinauffuhren, bereitete ihnen keine Probleme. Allerdings wurde das Schneetreiben dichter und unangenehmer. Die Scheibenwischer jagten hin und her, und Barbara, die gerade am Steuer saß, stellte fest, daß die Sicht immer schlechter wurde.

≫Hoffentlich sind wir bald da≪, sagte sie.

≫Soll ich dich wieder ablösen?≪ fragte Ralph. Er hatte die ganze Zeit über schweigend zum Fenster hinausgesehen.

≫Ich fahr’ noch ein Stück. Dann würde ich mich allerdings über Ablösung freuen. Es wird doch recht anstrengend jetzt.≪ Barbara löste den Blick für einen Moment von der Straße und sah zu Ralph hinüber. Seit dem frühen Morgen schon betrachtete sie ihn immer wieder verstohlen. Wie albern sie sich benahm! Sie kannte diesen Mann seit fünfzehn Jahren, war seit elf Jahren mit ihm verheiratet. Und nun warf sie ihm Blicke zu, wie sie es als Teenager bei gutaussehenden Jungs getan hatte, die für sie allesamt unerreichbar gewesen waren. Aber so wenig ihr Verhalten zu ihrem Alter und dazu noch Ralph gegenüber passend schien, so wenig vermochte sie es zu ändern. Er sah so anders aus an diesem Tag, und das war ein weiteres alarmierendes Anzeichen dafür, daß sie viel zu wenig Zeit miteinander verbrachten, daß sie sich viel zu weit voneinander entfernt hatten. Sie kannte ihn nur noch in Anzug und Krawatte, kannte nur noch den erfolgreichen Anwalt Ende Dreißig, der sich auf den Weg in seine Kanzlei machte, mit abwesendem Blick, da er gedanklich stets mit den Prozeßakten beschäftigt war, an denen er gerade arbeitete. Es haute sie einfach um, ihn plötzlich in Jeans und Pullover zu erleben, die dunklen Haare nur flüchtig gekämmt, den Blick ebenfalls abwesend, aber vertieft in die vorüberrauschende Landschaft, weich und entspannt.

≫Du siehst eigentlich ziemlich jung aus für einen Mann, der in ein paar Tagen vierzig wird≪, sagte sie.

Ralph runzelte die Stirn. ≫Ist das ein Kompliment?≪

≫Was denn sonst?≪

Er zuckte mit den Schultern. ≫Ich weiß nicht. Schau mal, da vorne an der Gaststätte kannst du rausfahren. Laß uns tauschen.≪

Sie tat, was er sagte, und fuhr auf den Parkplatz vor einem Happy Eater. Ralph stieg aus und lief um das Auto herum, während Barbara auf seinen Sitz hinüberrutschte. Als Ralph wieder einstieg, waren seine Haare weiß vom Schnee.

≫Das geht ganz schön los da draußen≪, meinte er. ≫Wir sollten sehen, daß wir vorankommen. Wenn es heftiger wird, bleiben wir noch irgendwo stecken.≪

≫Ich dachte immer, in England schneit es kaum!≪

≫Relativ selten im Süden. Aber in Nordengland und Schottland hat es schon richtige Schneekatastrophen gegeben.≪ Ralph lenkte den Wagen wieder auf die Straße. ≫Das wird aber diesmal sicher nicht der Fall sein≪, fügte er beruhigend hinzu.

Gegen halb vier erreichten sie Leyburn, wo sie einen Polizisten nach dem Weg nach Leigh’s Dale fragten.

≫Immer der A684 nach≪, erklärte er, ≫Wensley, Aysgarth, Worton. Bei Worton biegen Sie ab in Richtung Askrigg. Leigh’s Dale liegt noch ein Stück weiter nördlich, Richtung Whitaside-Moor.≪

Nachdem sie die Hauptstraße, die Wensleydale durchschnitt, verlassen hatten, befiel sie mehr und mehr das Gefühl, in eine weltabgeschiedene Einsamkeit vorzudringen. Endlos erstreckten sich die hügeligen, von kleinen Mauern durchzogenen Wiesen nach rechts und links, bereits von einer Schneeschicht bedeckt. Wie schwarze Gerippe ragten Bäume in den Himmel. Dann und wann duckte sich das braune Gemäuer eines Hauses in eine Senke, oder ein anderes trotzte auf einem Hügel dem kalten Wind. Am Horizont verschmolzen Erde und Himmel im Schneetreiben zu einem grauen Inferno. Schwarze Vögel schrien über der Weite. Als ein verwittertes Schild mit der Aufschrift ≫Leigh’s Dale, 1 Mile≪ auftauchte, stieß Barbara einen Laut der Erleichterung aus. ≫Endlich! Ich dachte schon, hier kommt nichts mehr!≪

Wie sich herausstellte, bestand Leigh’s Dale aus nicht mehr als einem Dutzend Häuser, die sich entlang der schmalen Dorfstraße aufreihten, dazu eine Kirche und ein Friedhof. Niemand hielt sich draußen auf, nur ein paar Autos parkten am Straßenrand. Immerhin brannten hinter einigen Fenstern bunte, elektrische Kerzen, und an zwei Türen hingen Weihnachtskränze mit großen roten Schleifen.

≫Da vorne scheint ein Laden zu sein≪, sagte Ralph, ≫dort können sie uns bestimmt erklären, wie wir zum Westhill House kommen. Außerdem sollten wir ein paar Vorräte kaufen. Unsere Vermieterin sorgt sicher nicht für ein Abendessen, und ich habe Hunger!≪

≫Das ist eine gute Idee≪, stimmte Barbara zu, ≫wir kaufen jetzt das Notwendigste, und morgen decken wir uns für Weihnachten richtig ein. Stell dich doch gleich hier hinter diese Nobelkarosse!≪

≫Das ist ein Bentley≪, sagte Ralph ehrfürchtig, ≫scheint ziemlich reiche Leute in der Gegend zu geben.≪

Die wenigen Schritte vom Auto bis zur Ladentür reichten aus, um sie beide wie Schneemänner aussehen zu lassen. Inzwischen zerbarst der anthrazitgraue Himmel in Millionen von dicken Schneeflocken.

Eine ältere Frau, die gleich neben der Tür stand und in das stürmische Wetter hinausblickte, nickte den Eintretenden freundlich zu und sagte: ≫Da kommt noch eine Menge runter! Ich hab’ es schon letzte Woche gesagt. Da hat mir keiner geglaubt. Wir kriegen eine Menge Schnee über Weihnachten, habe ich gesagt, aber meine Enkelkinder meinten, das könnte ich doch gar nicht wissen!≪ Sie schnaubte verächtlich. ≫Die jungen Leute haben von nichts eine Ahnung! Sie setzen sich vor den Fernseher und hören einem Wetteransager zu, und daran halten sie sich, egal, wie oft die danebentippen. Das Wetter hier oben habe ich im Blut, wissen Sie. Ich sehe es an der Farbe des Himmels. Ich atme den Geruch, der von der Erde aufsteigt. Und ich weiß, was kommt.≪ Sie nickte stolz. ≫Meine Mutter war auch so. Sie hat die Schneekatastrophe von 1947 vorausgesagt. Da lag der Schnee mehr als zwei Meter hoch. Manche Häuser sind darunter verschwunden. Und diesmal wird’s nicht viel besser.≪ Nach dieser pessimistischen Voraussage lächelte sie und fuhr fort: ≫Was kann ich für Sie tun? Sie sind nicht aus der Gegend, nicht wahr?≪

≫Nein. Ich bin Barbara Amberg. Mein Mann Ralph. Wir wollen zum Westhill House.≪

≫Oh — zum Haus der Schwestern! Ich bin Cynthia Moore. Mir gehört der Laden hier.≪

≫Schwestern?≪ fragte Barbara. ≫Ich dachte, Miss Selley lebt allein dort.≪

≫Ach, das ist nur ein alter Name. Hat sich eingebürgert in der Zeit, als von der ganzen Familie auf Westhill nur noch zwei Schwestern übriggeblieben waren und dort lebten. Beide gibt es nicht mehr, aber irgendwie nennen es immer noch alle das Haus der Schwestern.≪ Sie lächelte wieder und senkte gleich darauf die Stimme, als stelle sie eine unanständige Frage: ≫Obwohl Sie sehr gut Englisch sprechen, scheint es mir, als ob …≪

≫Wir kommen aus Deutschland≪, sagte Ralph.

≫Aus Deutschland? Und da verirren Sie sich hierher? Herzlich willkommen in Leigh’s Dale! Westhill Farm wird Ihnen gut gefallen, auch wenn von einer Farm kaum mehr die Rede sein kann. Laura konnte das mit den Schafen und Pferden natürlich nicht alleine weiterführen. Sie ist ein bißchen verrückt, aber ein lieber Kerl!≪

≫Verrückt?≪ fragte Barbara.

≫Na ja. Eine alte Jungfer. Ein bißchen verschroben, manchmal etwas hysterisch. Seit ihrem dreizehnten oder vierzehnten Lebensjahr kennt sie nur Westhill und Leigh’s Dale, wenn man von den gelegentlichen Reisen zu ihrer Schwester nach Kent absieht. Und da sitzen die beiden dann auch nur in der Wohnung, und Marjorie nörgelt vor sich hin. So ist Laura vielleicht ein wenig wunderlich geworden.≪

≫Es wäre sehr nett, wenn Sie uns den Weg nach Westhill beschreiben könnten≪, sagte Ralph, die kurze Atempause nutzend, die Cynthia einlegte. Ihm schien, daß sie drauf und dran war, Lauras gesamte Lebensgeschichte vor ihnen auszubreiten, und daran hatte er nicht das mindeste Interesse. ≫Außerdem würden wir gern ein paar Lebensmittel einkaufen.≪

≫Selbstverständlich≪, stimmte Cynthia eifrig zu, ≫suchen Sie nur aus, was Sie brauchen. Später erkläre ich Ihnen den Weg!≪

Der Laden erstreckte sich nach hinten hin weiter, als es von außen den Anschein hatte. Lange Regalreihen unterteilten ihn in mehrere Gänge. Als Barbara um die Ecke in den zweiten Gang einbog, wäre sie beinahe mit einem großen Mann zusammengestoßen, der, einen Stapel Konservendosen in den Händen balancierend, wie aus dem Nichts auftauchte. Er trug einen dunkelgrünen Barbour und hohe Stiefel.

Barbara blieb abrupt stehen, so daß Ralph, der direkt hinter ihr kam, gegen sie stieß. Einen Moment lang sahen sich alle drei überrascht an; jeder hatte geglaubt, es sei sonst niemand im Laden.

≫Entschuldigung≪, sagte der Fremde schließlich.

≫Nichts passiert≪, erwiderte Barbara.

Er starrte sie an. Er hatte dunkle Augen, einen eindringlichen Blick. Barbara erwiderte diesen Blick, aber ihr war unbehaglich zumute, und sie wußte, sie würde als erste wegschauen, wenn er sich jetzt nicht abwandte.

Zum Glück löste er sich plötzlich von ihr und drehte sich um. ≫Lil!≪ Der soeben noch höfliche Tonfall war völlig aus seiner Stimme verschwunden. Sie klang jetzt hart und schroff. ≫Kommst du endlich?≪ Dies schien weniger eine Frage als ein Befehl. Gleich darauf tauchte eine junge Frau auf, ein unscheinbares, verhuschtes Wesen, das den beiden Fremden ein zaghaftes Lächeln schenkte, dann jedoch wieder schüchtern zu Boden blickte. Der Mann löste eine Hand von seinem Konservenstapel, der gefährlich ins Wanken geriet, und umschloß mit festem Griff den Arm der Frau. Ihr entfuhr ein unterdrückter Schmerzenslaut.

≫Ich habe nicht ewig Zeit. Ich muß nachher Laura Selley noch zum Zug bringen.≪

≫Wir sind Miss Selleys Feriengäste≪, sagte Barbara.

≫Oh — wirklich?≪ Diesmal schenkte er ihr nicht den tiefen Blick von vorhin, diesmal sah er sie nur flüchtig, fast desinteressiert an. ≫Dann sind wir Nachbarn in der nächsten Zeit. Leigh. Fernand Leigh.≪

≫Barbara Amberg. Mein Mann.≪

Ralph nickte Fernand kühl zu. Der erinnerte sich wieder an die Frau, deren Handgelenk er noch immer so fest umklammert hielt, daß seine Fingerknöchel weiß hervortraten. ≫Meine Frau Lilian≪, stellte er vor.

Lilian hatte die ganze Zeit unverwandt zu Boden gestarrt, nun blickte sie kurz auf. Barbara erstarrte, und sie hörte, wie auch Ralph hinter ihr scharf einatmete. Im trüben Licht der altersschwachen Deckenleuchte sahen sie jetzt beide, was ihnen im Moment der ersten flüchtigen Begrüßung nicht aufgefallen war: Lilians linkes Auge verunzierten die gerade erst langsam abklingenden Reste eines häßlichen, blaugrünen Blutergusses. Ihre Unterlippe war geschwollen, in einem Mundwinkel klebte ein wenig verkrustetes Blut.

≫Hat mich gefreut≪, sagte Fernand Leigh. ≫Man sieht sich vielleicht noch!≪ Er nickte ihnen zu, dann strebte er, Lilian hinter sich herziehend, zur Kasse.

Barbara und Ralph sahen einander an. ≫Er würde vermutlich erklären, daß seine Frau die Treppe hinuntergefallen ist≪, sagte Ralph, ≫ich glaube aber eher …≪

Er ließ den Satz unvollendet, aber Barbara wußte, was er meinte, und nickte.

≫Ich habe viel zu viele solche Gesichter gesehen≪, sagte sie, ≫und ich meine damit nicht nur die Blutspuren und die blauen Flecken. Es ist der Ausdruck in den Augen. Die Art, wie sie lächeln. Wie sie den Kopf senken. Wie sie dich ansehen, als müßten sie um Entschuldigung bitten, daß es sie überhaupt gibt. Diese Frau ist ein Wrack, Ralph. Und vermutlich war sie es nicht, bevor sie ihn kennenlernte.≪

Ralph spähte aus dem Fenster. ≫Ihm gehört der Bentley. Sie steigen gerade ein.≪

Unbemerkt war Cynthia herangekommen. ≫Ihm gehört praktisch alles Land in der Gegend≪, sagte sie, ≫einschließlich sämtlicher Häuser dieses Ortes. Die Leighs waren richtige Feudalherren in früherer Zeit. Der einzig autonome Besitz war die Westhill Farm, die den Grays gehörte. Das hat sie ziemlich gekratzt. Inzwischen hat Fernand eine Menge Westhill-Land gekauft. Viele rätseln allerdings, wovon. Man sagt, er trinke zuviel und mache Schulden. Aber dann mußte es plötzlich dieses Auto sein! Irgendwo muß er noch Reserven besitzen.≪

≫Was ist mit seiner Frau los?≪ fragte Barbara. ≫Sie sah ja schrecklich aus!≪

Cynthia seufzte. ≫Ein großes Problem. Wissen Sie, im Grunde ist Fernand Leigh kein schlechter Kerl. Ich weiß nicht, was sich zwischen ihm und Lil abspielt, aber offenbar verliert er regelmäßig die Beherrschung. Sie ist oft noch schlimmer zugerichtet als heute.≪

≫Und niemand unternimmt etwas?≪ fragte Ralph ungläubig. ≫Der Kerl wäre doch leicht wegen Körperverletzung dranzukriegen!≪

≫Da müßte Lil mitmachen. Sonst reitet man sie mit all dem ja nur noch tiefer in den Schlamassel≪, meinte Cynthia. ≫Bisher deckt sie ihn beharrlich. Sie ist höchst erfinderisch, wenn es darum geht, Erklärungen für ihre zahlreichen Verletzungen zu finden.≪

≫So ist das häufig≪, sagte Barbara. ≫Männern wie diesem Leigh ist nicht beizukommen, solange ihre Frauen Angst haben, gegen sie auszusagen.≪

≫Er ist wirklich kein schlechter Mensch≪, beharrte Cynthia. ≫Er hatte es nicht leicht als Kind. Sein Vater trank auch, und seine Mutter — eine französische Emigrantin, daher auch sein französischer Vorname — wurde mit den Jahren immer schwermütiger, weil sie nie ihr Heimweh loswurde. Fernand wurde zerrieben zwischen den beiden.≪

≫Offen gestanden, dies ist eine Erklärung für gewalttätiges Verhalten, die mich schon seit Jahren nicht mehr sonderlich beeindruckt≪, sagte Ralph. ≫Der Mensch ist mit einem freien Willen geboren. Ganz gleich, was zuvor in seinem Leben geschehen ist, von irgendeinem Punkt an trägt er die Verantwortung für das, was er mit dem Rest macht.≪

Cynthia nickte. ≫Im Grunde gebe ich Ihnen recht, aber … Nun, also≪, sie war bemüht, das Thema zu wechseln, ≫haben Sie, was Sie brauchen?≪

≫Vorläufig ja≪, meinte Barbara, ≫wir kommen auf jeden Fall morgen noch einmal vorbei und kaufen für die Feiertage richtig ein.≪

Cynthia warf einen zweifelnden Blick hinaus, wo der Sturm heulend die Schneeflocken durcheinanderblies. ≫Hoffentlich kommen Sie morgen noch bis hierher durch. Wenn es schlimm wird, helfen zwar die von der Catterick Garnison und machen die Hauptstraßen mit ihren Panzern frei, aber um die Nebenstrecken kümmert sich niemand. Und Westhill liegt ein gutes Stück abseits!≪

≫Ach, es wird schon nicht so schlimm werden!≪ sagte Barbara leichthin. ≫Wir haben auch Schneeketten im Auto. Wir schaffen das schon. Wären Sie jetzt so nett, uns den Weg zu beschreiben …?≪

Als der dumpfe Klang des Türklopfers aus Messing durch das Haus dröhnte, zuckte Laura zusammen, obwohl sie jeden Moment mit der Ankunft der Gäste gerechnet hatte. Etwas von dem heißen Tee in ihrer Tasse schwappte auf ihre Hand, und sie stieß einen leisen Schrei aus. Was war nur los mit ihren Nerven? Sie schienen völlig zerrüttet, nur weil ihr die bevorstehende Reise im Magen lag, die Konfrontation mit der Welt, die jenseits der schützenden Mauern von Westhill lauerte. Sie stellte die Tasse ab, lief in den Flur, zupfte im Vorbeieilen vor einem Spiegel ihre Haare zurecht, reckte die Schultern und öffnete.

Der Sturm riß ihr beinahe die Tür aus der Hand, und ein Schwall von Schneeflocken wirbelte ihr ins Gesicht. Es war schon fast dunkel, Laura konnte von den beiden Gestalten, die vor ihr standen, kaum mehr als die Umrisse sehen.

≫Guten Tag, ich bin Laura Selley≪, sagte sie. Sie mußte laut sprechen, um den Wind zu übertönen. ≫Kommen Sie herein!≪

Barbara verstand, weshalb Cynthia diese Laura ≫wunderlich≪ genannt hatte. Die ältere Dame war zweifellos nett, aber recht zerstreut und nervös. Sie hatte die beiden Ankömmlinge zuerst in die Küche geführt und ihnen Tee angeboten, und kaum saßen sie mit ihren Tassen da, fiel ihr ein, sie müßte ihnen unbedingt als erstes das ganze Haus zeigen, da sie jeden Moment abgeholt würde. Sie stellten also ihre Tassen wieder ab und folgten Laura durch das Haus. Im Erdgeschoß befanden sich außer der geräumigen Küche noch das Wohnzimmer und das Eßzimmer. Dort blieb Barbaras Blick sofort an der Photographie auf dem Kamin hängen. ≫Wer ist das?≪

≫Frances Gray. Den Grays hat das hier ja alles gehört.≪

≫Und Sie haben es von ihnen gekauft?≪ fragte Ralph, während er überlegte, woher diese einfach wirkende Frau so viel Geld haben sollte.

≫Ich habe es geerbt≪, antwortete Laura stolz. ≫Von Frances. Sie war die letzte der Familie. Es gibt keine Nachkommen.≪

≫Ist es hier nicht oft recht einsam?≪ fragte Barbara. Sie fand die Vorstellung, hier jahraus, jahrein alleine leben zu müssen, recht beklemmend.

Laura schüttelte den Kopf. ≫Für mich nicht. Ich lebe seit über fünfzig Jahren hier, wissen Sie.≪ Sie schien das für eine ausreichend plausible Erklärung zu halten.

Über eine weißgestrichene Holztreppe gelangten sie in den ersten Stock. Hier gab es zwei große und drei kleine Schlafzimmer sowie ein altmodisches Bad, in dem die Wanne auf vier verschnörkelten Füßen stand.

≫Ich habe Ihnen hier in einem der großen Schlafzimmer das Bett bezogen≪, erklärte Laura, ≫ich dachte, dort haben Sie am meisten Platz.≪

Barbara und Ralph warfen einander einen kurzen Blick zu und beschlossen in stillschweigender Übereinkunft, keinesfalls vor Laura zu erwähnen, daß sie seit einigen Jahren nur noch in getrennten Zimmern schliefen.

Laura hatte das flüchtige Unbehagen der beiden jedoch gespürt und mit feiner Intuition richtig gedeutet. Verlegen fügte sie hinzu: ≫Selbstverständlich steht Ihnen auch jedes der drei kleinen Schlafzimmer zur Verfügung. Nur mein eigenes Zimmer sollte …≪

≫Natürlich≪, sagte Ralph rasch.

Als sie die Treppe hinunterstiegen, fragte Barbara neugierig: ≫Sie waren eine Freundin von Frances Gray?≪

Ralph schüttelte kaum merklich den Kopf; er kannte Barbaras Angewohnheit, fremde Leute recht unverblümt auszufragen, und hatte dafür keinerlei Verständnis. Laura gab jedoch bereitwillig Auskunft.

≫Man kann das schon so sagen, ja. Eigentlich war ich die Haushälterin. Aber ich kam schon als Kind hierher, und es war einfach meine Heimat. Frances und ich hatten nur einander.≪

≫Sie beide lebten ganz allein hier?≪

Ein Schatten flog über Lauras Gesicht. ≫Nachdem Adeline tot und Victoria Leigh fortgegangen war … ja!≪

≫Victoria Leigh?≪

≫Frances’ Schwester.≪

≫Hatte sie etwas mit den Leighs zu tun von … wie heißt es? … Daleview?≪

≫Barbara!≪ mahnte Ralph leise.

≫Sie war mit dem Vater von Fernand Leigh verheiratet. Die Ehe wurde aber geschieden.≪

≫Hat er sie mißhandelt?≪

≫Barbara!≪ sagte Ralph nun bereits schärfer. Barbara wußte, was er dachte: Du benimmst dich völlig unmöglich!

Laura schien etwas überrascht. ≫Nein. Wieso?≪

≫Wir haben Fernand Leigh und seine Frau in Leigh’s Dale getroffen≪, erklärte Barbara, ≫und Mrs. Leigh war ziemlich übel zugerichtet.≪

≫Nun≪, Lauras Gesicht nahm einen nachdenklichen und etwas wehmütigen Ausdruck an, ≫es gehören immer zwei zu so etwas, nicht? Ich frage mich manchmal, wird man zum Opfer durch das Schicksal, oder macht man sich selber dazu?≪

Während Barbara recht überrascht diese Antwort zu verdauen suchte — sie hatte nicht erwartet, daß Laura die Angelegenheit unter derart komplizierten psychologischen Aspekten zu durchleuchten sich bemühen würde —, ging Ralph hinaus, um das Gepäck aus dem Wagen zu holen. In der Tür stieß er beinahe mit Fernand Leigh zusammen, der als großer, dunkler Schatten aus dem Schneetreiben auftauchte. Die beiden Männer grüßten einander frostig. Fernand trat einen Schritt zurück, um Ralph hinauszulassen, dann kam er in einer Wolke von Schnee und Kälte herein. Er schien sofort den ganzen Flur auszufüllen. Obwohl er nur knapp größer war als Ralph, war sein Wesen und Auftreten von einer Dominanz, die alles um ihn herum scheinbar kleiner werden ließ.

≫Miss Selley≪, sagte er, ≫wir müssen los. Das Wetter wird jede Minute schlimmer. Sie erwischen vermutlich den letzten Zug, der in den nächsten Tagen überhaupt wird losfahren können.≪

≫Liebe Güte, ich hätte nicht gedacht, daß es so schlimm werden würde≪, murmelte Laura und fing an, auf der Suche nach Handschuhen, Schal und Mütze hektisch hin und her zu eilen.

≫Wir werden doch nicht völlig einschneien?≪ fragte Barbara.

Fernand wandte sich ihr zu. Im Dämmerlicht des schmalen Flurs spürte sie seinen Blick mehr, als daß sie ihn sah. ≫Darauf würde ich mich nicht verlassen≪, antwortete er, ≫kann sein, Sie sitzen hier ab morgen schon völlig fest.≪

≫Das wäre ziemlich unangenehm!≪

Er zuckte mit den Schultern. ≫Ich glaube nicht, daß sich das Wetter danach richten wird, was Ihnen angenehm ist und was nicht.≪

≫Das hatte ich auch nicht angenommen≪, erwiderte Barbara steif.

Er lachte und meinte unerwartet friedfertig: ≫Natürlich nicht. Entschuldigen Sie die dumme Bemerkung.≪

Und schon hatte er sich wieder abgewandt und griff nach Lauras beiden Koffern und der Reisetasche, die neben der Tür warteten. ≫Fertig, Miss Selley?≪

≫Fertig≪, sagte Laura. Sie stülpte sich eine Mütze — ganz offensichtlich selbst gestrickt und etwas zu klein — auf den Kopf, nahm die Plastiktüte mit den Vorräten und ihre Handtasche, die wie eine braune, runde Praline aussah. Sie atmete tief durch. Im letzten Moment erst dachte sie daran, sich von Barbara zu verabschieden.

Dann verließ sie ihr Haus mit dem Gesichtsausdruck eines ängstlichen Soldaten, der in eine gefährliche Schlacht ziehen muß und kaum Hoffnung hat, siegreich aus ihr hervorzugehen.

Der junge Mann, der Laura auf dem anderen Fensterplatz gegenübersaß, schnarchte leise. Sein Kopf lehnte seitlich an der Kopfstütze, sein Mund stand ein wenig offen. Er sah wie ein Baby aus, weich und rosig. Er schien einen friedlichen Traum zu träumen, denn seine Gesichtszüge wirkten entspannt und ruhig.

Auch die Studentin an der Abteiltür war eingeschlafen. Genaugenommen vermutete Laura nur, daß es sich bei der jungen Frau um eine Studentin handelte. Sie sah einfach danach aus: Jeans und Sweatshirt, intelligentes Gesicht, Nickelbrille, kurzgeschnittenes, etwas verstrubbeltes Haar. Bevor sie einschlief, hatte sie die ganze Zeit über in einem Buch gelesen, das sich, soweit Laura das feststellen konnte, mit Mathematik beschäftigte.

Der Zug donnerte durch die Nacht, und sie fand keinen Schlaf. Im Abteil brannte jetzt nur noch ein schwaches Licht; sie konnte die Schneeflocken jenseits der Fensterscheibe erkennen. Fernand hatte sie mit seinem Jeep zum Bahnhof gebracht; mit keinem anderen Auto wäre er mehr durchgekommen. In York hatte sie umsteigen und dabei lange warten müssen, weil sämtliche Fahrzeiten bereits durcheinandergerieten. Von allen Seiten hatte sie Alarmierendes über das Wetter aufgeschnappt. Man schien damit zu rechnen, daß eine echte Schneekatastrophe über den Norden Englands und über Schottland hereinbrach.

Die beiden werden einschneien, und sie werden jede Menge Zeit haben, im Haus herumzuschnüffeln, dachte Laura düster. Sie wünschte, sie wäre nie abgereist; sie wünschte, sie könnte an der nächsten Station aussteigen und mit dem Gegenzug umgehend zurückfahren. Aber abgesehen davon, daß sie mit ihrem Wiederauftauchen daheim gegen jede Vereinbarung verstoßen und einigen Ärger verursachen würde, schien es auch äußerst fraglich, ob es ihr überhaupt gelingen könnte, Westhill zu erreichen.

≫Von jetzt an geht nichts mehr≪, hatte Fernand am Bahnhof von Northallerton gesagt und, mit einem Blick hinaus in das Chaos, hinzugefügt: ≫Drücken Sie mir die Daumen, daß ich noch bis nach Hause komme!≪

Sie dachte über Barbara nach. Die fremde Frau war ihr suspekt. Keineswegs unsympathisch, aber nicht ungefährlich. Zielgerichtet und sehr direkt in ihrer Art, Fragen zu stellen. Eigenartigerweise hatte Laura sie durchaus nicht als neugierig empfunden; Neugierde hatte für sie einen unangenehmen Beigeschmack, und unangenehm war nichts an Barbara gewesen. Neugierde wurde begleitet von einem lüsternen Verlangen nach Sensation, und davon war nichts spürbar gewesen bei Barbara. Sie wirkte wie ein Mensch, der besessen ist von einem echten, brennenden Interesse an allem, was um ihn herum geschieht, an jedem, der seinen Weg kreuzt. Von einem Interesse, das auch die Hintergründe, die Vorgeschichte einer Begebenheit kennen will, auch auf die Gefahr hin, daß die Sensation damit erklärbar wird und an Dramatik verliert. Barbara spähte nicht durchs Schlüsselloch, sie marschierte direkt ins Zimmer und fragte, was sie zu wissen begehrte.

Wie Frances, dachte Laura, und im nächsten Moment begriff sie, daß es genau das war, was ihr Barbara sympathisch machte und zugleich Angst und Mißtrauen auslöste:

Barbara war wie Frances Gray.

Dienstag, 24. Dezember 1996

Barbara wußte nicht, was sie geweckt hatte, der heulende Sturm oder das Entsetzen über sich selbst, das bis in die Tiefen ihres Traumes vorgedrungen sein mußte, denn ihr Gesicht glühte vor Scham, als sie sich nun im Bett aufsetzte. Draußen tobte das Unwetter. Der Sturm schien die ganze Welt aus den Angeln heben zu wollen, jagte um das Haus wie ein wütender Feind, rüttelte an den Fensterscheiben, erfüllte die hohen, alten Kamine mit schaurigen Geräuschen. Was sich da draußen abspielte, hatte etwas von einem Inferno, aber in diesem Moment erschien es Barbara nicht halb so bedrohlich wie das, was in ihrem Inneren vor sich ging. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt einen erotischen Traum gehabt hatte.

≫Das ist ja absolut lächerlich≪, sagte sie laut in die Dunkelheit hinein, dann warf sie sich auf den Bauch, preßte ihr Gesicht tief in die Kissen und wartete ab, daß sich das sanfte, auf eigentümliche Weise fast schmerzhafte Pochen in ihrem Körper beruhigte.

Sie hatte sich von Fernand Leigh auf dem Rucksitz eines Autos gerade die Strumpfhosen abstreifen lassen, als sie glücklicherweise erwacht war, und sie erinnerte sich, daß sie vor Begierde halb wahnsinnig gewesen war. Falls sie im Schlaf gestöhnt oder womöglich sogar obszöne Worte gesagt hatte, würde das Gott sei Dank ihr Geheimnis bleiben, denn sie befand sich allein im Zimmer. Ralph hatte ihr den großen Raum, den Laura ursprünglich für sie beide hergerichtet hatte, überlassen und war mit seiner Decke und seinem Kissen in eines der kleinen Zimmer umgezogen. Sie hatten nicht viele Worte darüber verloren.

≫Es ist dir vermutlich lieber so≪, hatte er nur gesagt, und sie hatte erwidert: ≫Es ist einfach so, wie wir es gewöhnt sind.≪

Sie setzte sich erneut auf, und während sie nach dem Schalter der Nachttischlampe suchte, fragte sie sich, ob das der Traum einer Frau gewesen war, die schon zu lange ohne Sexualität lebte. Ein Jahr? Oder sogar länger? Sie hatte nie den Eindruck gehabt, etwas zu vermissen. Im ständigen Berufsstreß war ihr das Bett ohnehin nur noch als ein Ort erschienen, in dem sie die wenigen Stunden Schlaf, die ihr zur Verfügung standen, bis zur letzten Sekunde nutzte. Sie wäre nicht auf die Idee gekommen, auch nur einen dieser kostbaren Momente für etwas anderes zu vergeuden. Fast jeden Abend hatte sie noch berufliche Verabredungen oder gesellschaftliche Verpflichtungen, so daß sie meist erst nach Hause kam, wenn Ralph schon schlief. Dafür stand er morgens früher auf, verließ bereits das Haus, wenn sie verschlafen ins Bad tappte. Schließlich hatten sie sich auf getrennte Zimmer geeinigt, weil sich das mit ihren unterschiedlichen Schlafgewohnheiten besser vereinbaren ließ.

Sie hatte den Schalter gefunden, aber das Licht ging nicht an. Hoffentlich lag das an der Lampe und hing nicht etwa mit einem Stromausfall im ganzen Haus zusammen.

Barbara stieg aus dem Bett und tastete sich — in dem fremden Zimmer nur langsam und stolpernd — zur Tür, wo sich ein weiterer Schalter befand. Auch hier tat sich nichts. Und genauso war es draußen im Flur.

≫Oh, verdammt≪, murmelte sie. Sie erreichte Ralphs Zimmertür und klopfte leise an. ≫Ralph!≪ flüsterte sie.

≫Komm herein.≪ Seine Stimme klang wach und klar. ≫Ich kann ohnehin nicht schlafen. Der Sturm ist zu laut.≪

Barbara trat ein. Sie vernahm ein Klicken, dann sagte Ralph erstaunt: ≫Das Licht geht nicht!≪

≫Das wollte ich dir ja sagen!≪ Barbara wechselte frierend von einem Fuß auf den anderen, der Fußboden war eiskalt. ≫Es geht nirgendwo!≪

≫Auch unten im Haus nicht?≪

≫Da hab’ ich es nicht probiert. Was glaubst du, ist das?≪

≫Vielleicht ist nur eine Sicherung rausgesprungen. Ich kümmere mich morgen früh darum.≪

≫Vielleicht hat der Sturm auch eine Stromleitung beschädigt. Dann könnten wir gar nichts machen.≪

≫So etwas wird dann sicher schnell in Ordnung gebracht.≪ Allmählich gewöhnten sich ihrer beider Augen an die Finsternis, schwach konnten sie einander erkennen. Ralph sah, daß Barbara zitterte.

≫Geh schnell wieder ins Bett≪, sagte er, ≫du erkältest dich sonst. Oder …≪, er hielt kurz inne, ≫oder komm zu mir. Aber bleib da nicht stehen!≪

Angesichts ihres Traumes hatte Barbara das Gefühl, Ralphs Nähe jetzt keinesfalls suchen zu sollen.

≫Ich verschwinde schon wieder≪, sagte sie, ≫hoffentlich läßt dieser verdammte Sturm bis morgen nach. Er macht mich ganz verrückt!≪

Sie ertastete sich den Weg zu ihrem Zimmer und in ihr Bett zurück, aber sie fand keinen Schlaf mehr und wälzte sich unruhig hin und her. Erst in den frühen Morgenstunden dämmerte sie noch einmal ein.

Sie erwachte davon, daß jemand sie an den Schultern rüttelte. Es war Ralph. Er war bereits fertig angezogen, aber noch unrasiert, und wirkte ziemlich verstört. ≫Barbara, steh auf! Das mußt du gesehen haben!≪

≫Was denn?≪

≫Geh mal ans Fenster!≪

Sie rappelte sich auf und tat, worum er sie gebeten hatte. Dann stieß sie einen leisen Schrei aus. ≫Um Gottes willen! Das gibt es doch nicht!≪

Die Welt draußen versank im Schnee. So weit das Auge reichte, Schnee, nichts als Schnee. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen Wiesen, Wegen, der Auffahrt zum Haus, dem Garten. Alles verschwand, lag tief begraben. Die Bäume entlang der Auffahrt wirkten seltsam winzig, weil kaum mehr die Hälfte ihrer Stämme aus dem Schnee herausragte, und ihre Äste schienen niederbrechen zu wollen. Zwei Bäume hatte der Sturm umgerissen, ihre riesigen Wurzeln ragten nach oben und zeugten von der Gewalt des Unwetters, das in der Nacht über das Land hinweggegangen war. Der Wind hatte aufgehört, aber es schneite unaufhörlich, und eine tiefe, geheimnisvolle Stille lag über der Einsamkeit.

≫Ich glaub’s einfach nicht!≪ rief Barbara fassungslos. ≫So etwas habe ich noch nie gesehen!≪

≫Wir haben im ganzen Haus keinen Strom≪, sagte Ralph, ≫auch unten nicht. Die Sicherungen sind in Ordnung. Also hat der Sturm vermutlich die Leitungen beschädigt.≪

≫Aber das wird man doch schnell reparieren, oder? Ich meine, das ist hier eine etwas verlassene Gegend, aber doch nicht ganz abgeschnitten von der Zivilisation!≪

≫Die Frage ist, ob es jemandem gelingt, durch den Schnee überhaupt so weit vorzustoßen, daß man etwas reparieren kann. Ich fürchte, selbst mit Schneeketten geht nichts mehr.≪

≫Apropos Schneeketten≪, sagte Barbara. Suchend spähte sie hinaus. ≫Wo ist denn das Auto? Es stand doch vor der Haustür!≪

≫Da steht es immer noch≪, entgegnete Ralph. In seiner Stimme mischten sich Belustigung und ein Anflug von Panik. ≫Unter dem Schnee!≪

≫Dann können wir ja gar nicht nach Leigh’s Dale fahren!≪

≫Nein. Keine Chance. Der Schnee liegt meiner Ansicht nach bereits über einen Meter hoch, und es kommt ja immer mehr dazu. Das schaffen wir nicht.≪

Fröstelnd schlang Barbara beide Arme um den Körper. Sie war nur in Slip und T-Shirt und registrierte erst jetzt, daß es ziemlich kalt war im Zimmer.

≫Bin ich heute früh so verfroren≪, fragte sie, ≫oder war es gestern abend tatsächlich wärmer?≪

≫Es war gestern abend tatsächlich wärmer≪, sagte Ralph bedrückt, ≫denn da funktionierte die Heizung noch.≪

Sie starrte ihn an. ≫Was?≪

Er nickte. ≫Ich war im Keller. Die Pumpe läuft ohne Strom nicht. Und ein Notstromaggregat gibt es nicht.≪

≫Dann haben wir ja auch kein heißes Wasser! Wir können den Herd nicht in Gang setzen. Kein …≪

≫Übrigens auch kein Telefon. Die Leitung ist tot.≪

Barbara ging langsam zu ihrem Bett zurück, ließ sich darauf fallen und stützte den Kopf in die Hände. ≫Verdammter Mist!≪ sagte sie inbrünstig.

Ralph versuchte ein aufmunterndes Lächeln. ≫Das ist nicht das Ende der Welt, Barbara. Ich meine, wir sitzen ja nicht irgendwo da draußen in der Schneewüste, ohne ein Dach über dem Kopf, oder in einem Auto, das langsam unter den Schneemassen verschwindet. Wir haben ein festes, trockenes Haus mit mehreren Kaminen, in denen wir Feuer machen können. Wir werden ein paar Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten sein, aber es schneit nicht ewig weiter, und die Lage wird sich normalisieren. Schau≪, setzte er hinzu, weil er irgendwie das Gefühl hatte, das könnte ein Trost sein, ≫wir sind ja nicht die einzigen, denen es so geht. Ringsum haben alle das gleiche Problem, und sie werden es auch meistern.≪

Entschlossen stand Barbara auf, griff nach ihrem Morgenmantel. ≫Ich brauche jetzt erst einmal einen starken Kaffee≪, sagte sie, ≫vorher kann ich nicht nachdenken. Kommst du mit in die Küche?≪

Er hielt sie am Arm fest. ≫Wie willst du …?≪

≫Dieser eiserne alte Ofen. Irgendwie kriege ich ihn in Gang. Und selbst wenn ich mitten im Wohnzimmer ein Lagerfeuer machen muß — ich werde jetzt einen Kaffee trinken!≪

Neben dem Kamin im Wohnzimmer lagen noch drei Holzscheite ordentlich gestapelt in einem Korb aus Messing. Es schien sich um das einzige Holz zu handeln, das sich im Haus befand, aber Ralph sagte, er sei überzeugt, daß es hier irgendwo einen größeren Vorrat gebe. ≫Hinter dem Haus befindet sich ein Schuppen, das habe ich gestern abend noch gesehen≪, erklärte er, ≫ganz sicher hat Miss Selley dort ihren Holzvorrat. Irgendwie muß ich dort hingelangen. Ob es hier eine Schneeschaufel gibt?≪

Während er in den Keller ging, um nachzusehen, setzte Barbara den alten eisernen Ofen in Gang. Sie stellte rasch fest, daß das Holz alleine nicht brennen wollte. Im Eßzimmer lag eine Fernsehzeitschrift, die aber angesichts des Stromausfalls ohnehin überflüssig war. Barbara riß ein paar Seiten heraus und knäulte sie zwischen das Holz. Bald brannte ein Feuer, und sie konnte das Wasser für den Kaffee aufsetzen. Sie kam sich vor wie eine Pionierin in einem unzivilisierten Land. In einem Schrank fand sie eine Kaffeekanne und Filterpapier. Sie setzte eine Pfanne auf den Herd und briet zwei Spiegeleier, nahm zwei Brotscheiben aus dem Päckchen mit geschnittenem Brot. Es wurde etwas wärmer in der Küche, und es roch belebend nach frischem Kaffee.

≫Frühstück ist fertig≪, sagte Barbara, als Ralph zurückkam.

Er hatte einen Schmutzfleck auf der Wange und Spinnweben im Haar. Er nieste. ≫Dieser Keller ist total staubig und verdreckt. Aber es gibt mehrere Schneeschaufeln da unten, also kann ich mich zu dem Schuppen durchwühlen.≪ Er trat an den Herd, öffnete die Ofenklappe und hielt seine klammen Hände vor die Flammen. ≫Da unten ist es eisig wie in einem Grab. Übrigens riecht es hier gut!≪

≫Kaffee und Spiegeleier. Auf warmes Essen müssen wir wenigs tens nicht verzichten.≪

Während er sich an den Tisch setzte, sagte Ralph vorsichtig: ≫Wir sollten sparsam sein mit unseren Vorräten. Möglicherweise müssen sie für einige Zeit reichen.≪

≫Meinst du nicht, wir könnten zu Fuß nach Leigh’s Dale gelangen und einkaufen?≪

≫Ausgeschlossen. Der Schnee reicht mir bis zur Hüfte, und ich bin ziemlich groß. Wir würden viel zu lange brauchen, weil wir uns nach jedem Schritt praktisch wieder freigraben müßten. Außerdem würden wir wahrscheinlich die Richtung verlieren. Es ist ja keine Straße zu sehen, der wir folgen können, und wir kennen uns in der Gegend überhaupt nicht aus.≪

≫Dann wird das ja ein üppiges Weihnachtsfest≪, sagte Barbara niedergeschlagen, ≫paß auf, nach dem Frühstück machen wir eine Bestandsaufnahme, was wir alles haben, okay?≪

Die Bestandsaufnahme fiel deprimierend aus. Sie besaßen noch vier Eier und sechs Scheiben Brot. Ein angebrochenes Viertelpfund Butter, ein knapp faustgroßes Stück Wensleydale-Käse. Dazu ein kleines Glas Orangenmarmelade, ein Paket gemahlenen Kaffee, eine Dose Kondensmilch, ein Päckchen mit Salz und eines mit Zucker. Am Abend zuvor hatte es Spaghetti gegeben, davon war noch die Hälfte übrig, ebenso ein Rest Soße. Beides konnten sie aufwärmen, aber sie würden davon kaum satt werden.

≫Hätten wir nur auf Cynthia Moore gehört!≪ sagte Barbara. ≫Sie hat uns ja gleich geraten, mehr Vorräte mitzunehmen.≪

≫Jetzt sehen wir noch in der Speisekammer nach≪, meinte Ralph. ≫Laura Selley hat vielleicht ein paar Konservendosen gelagert. Wir können sie ihr ja später ersetzen.≪

Laura Selley schien jedoch von Vorratswirtschaft nichts zu halten, und besonders Konserven, so vermutete Barbara, waren in ihren Augen sicherlich eine neumodische Erfindung, der sie mit Mißtrauen begegnete. In der Speisekammer, die gleich an die Küche anschloß, fand sich jedenfalls außer vier kleinen Kartoffeln und ein paar wurmstichigen Äpfeln nichts Eßbares. Das einzige, was es in rauhen Mengen gab, war Tee. In Gläsern, Dosen, Beuteln. Schwarzer Tee, Grüner Tee, Früchtetee, Gesundheitstee. Jede exotische Sorte, die man sich denken konnte. Eine ziemliche Summe Geld mußte in dieser unglaublichen Auswahl stecken. Wahrscheinlich war Tee der einzige Luxus, den sich Laura Selley erlaubte.

≫Verdursten müssen wir jedenfalls nicht≪, sagte Ralph, ≫wir können Tee trinken bis zum Umfallen. Ansonsten sieht es allerdings düster aus.≪

≫Sogar in ihrem Kühlschrank herrscht gähnende Leere!≪ rief Barbara aufgebracht. ≫Weißt du, ich glaube, sie gehört zu diesen geizigen alten Leuten, die in den letzten Tagen oder Wochen vor einer Reise nur noch uralte Reste essen, um nichts Neues kaufen zu müssen, wovon dann am Ende etwas zurückbleiben würde! Und wenn dann wirklich noch etwas da ist, packen sie es ein und essen es im Zug, weil sie sich dort nicht mal ein kleines Stück Kuchen im Restaurant gönnen!≪ Sie hatte den Nagel ziemlich genau auf den Kopf getroffen, mutmaßte Ralph; allerdings schien ihm Laura Selley tatsächlich wenig Geld zu haben und mit der Instandhaltung von Westhill etwas überfordert zu sein.

≫Schau mal, was sich als einziges in ihrem langsam abtauenden Kühlschrank befindet≪, fuhr Barbara wütend fort. Sie zog eine gläserne Ein-Liter-Flasche heraus, die zu einem Viertel mit Milch gefüllt war. ≫Ist das nicht toll? So haben wir außer unserem bißchen Kondensmilch für unseren Kaffee und für ihren ganzen gottverdammten Tee wenigstens noch etwas frische Milch!≪

≫Barbara!≪ mahnte Ralph. Er sah plötzlich sehr abgespannt aus. ≫Die Dummen sind wir, nicht sie. Wir hätten gestern ordentlich einkaufen müssen. Außerdem hat es keinen Sinn, jetzt herumzuschimpfen.≪

≫Wie lange wird das reichen, was wir haben?≪

Ralph zuckte mit den Schultern. ≫Das wird sich zeigen. Ich muß jetzt erst einmal Holz beschaffen. Du ziehst dich an, und dann suchst du alle Kerzen zusammen, die du im Haus findest. Denk daran, ab halb fünf ist es dunkel.≪

Kerzen, das stellte Barbara rasch fest, gab es im Haus mehr als genug. Sie steckten in zahllosen Leuchtern, die über alle Räume verteilt standen. Barbara trug einige von ihnen ins Eßzimmer und plazierte sie auf dem Tisch und dem Kaminsims. Das Eßzimmer war kleiner als das Wohnzimmer und würde schneller warm werden; daher erschien es ihr ratsam, es für die nächsten Tage neben der Küche zu ihrem Aufenthaltsraum zu machen. Durch die Glastür zum Garten konnte sie Ralph sehen, der eine Art Korridor zum Schuppen hin schaufelte. Sie warf einen kurzen Blick auf sein Gesicht, dieses schmale, immer etwas zu blasse Intellektuellengesicht, und bemerkte, daß es verzerrt war vor Anstrengung. Er mühte sich entsetzlich ab und war dabei körperliche Arbeit überhaupt nicht gewöhnt. Barbara beschloß, nach draußen zu gehen und ihm zu helfen; er würde sich sonst noch einen Infarkt holen.

Am Mittag erreichten sie den Schuppen. Beide waren völlig ausgepumpt und am Ende ihrer Kräfte. Barbara spürte, daß ihr der Schweiß in Strömen über den Rücken lief. Da es ständig weiterschneite, waren ihre Haare tropfnaß, zudem war der Schnee in schönster Gleichmütigkeit dabei, ihre mühevolle Arbeit nach und nach wieder zunichte zu machen.

≫Siehst du jetzt ein≪, fragte Ralph schwer atmend, ≫daß wir es unmöglich zu Fuß nach Leigh’s Dale schaffen könnten?≪

Barbara stützte sich keuchend auf ihre Schaufel. ≫Hab’ ich etwa noch irgend etwas in der Richtung gesagt?≪ Sie taumelte gegen die Schuppentür und stieß sie auf. Dankbar nahm sie zur Kenntnis, daß sie nicht verschlossen war. Keinesfalls hätte sie mehr über die Kraft verfügt, auf eine langwierige Suche nach dem Schlüssel zu gehen.

≫Komm≪, sagte sie, ≫wir bringen jetzt das Holz rüber. Und dann rühre ich für den Rest des Tages keinen Finger mehr!≪

Im Innern des Schuppens erwartete sie jedoch eine böse Überraschung. Zwar gab es dort Holz — aber offensichtlich hatte sich noch niemand gefunden, der die halben Baumstämme, die dort lagerten, in kamingerechte Scheite gehackt hätte. Mit einem leisen Stöhnen betrachtete Ralph den bereitstehenden Hackklotz, in dem eine riesige Axt steckte. ≫Das habe ich noch nie gemacht. Ich weiß wirklich nicht, wie …≪

≫Du wirst das nicht tun≪, sagte Barbara rasch, ≫du hast keine Ahnung, wie das geht, und wenn du dich dabei verletzt, können wir nicht einmal einen Arzt holen. Ich habe mal von einem Mann gehört, der hatte nachher die Axt im Bein stecken.≪

Gereizt sah er sie an. ≫Kannst du mir verraten, wie es dann gehen soll? Willst du das Holz hacken?≪

≫Nein. Ich kann das genausowenig. Aber ich will auch nicht, daß du es tust. Das Haus war wochenlang geheizt. Besonders die Räume im Erdgeschoß sind zwar kühl, aber noch nicht eiskalt. Wenn wir uns warm anziehen und in Decken wickeln, werden wir keineswegs erfrieren.≪

≫Barbara, das alles hier kann durchaus eine Woche dauern, und das wird dann schnell sehr ungemütlich. Abgesehen davon können wir ohne Feuer nicht mal Kaffee oder Tee kochen, und etwas anderes haben wir nicht zum Trinken. Wir können nicht mal die Eier verwerten oder die Kartoffeln. Mir bleibt gar nichts übrig, als es zu versuchen.≪

Er zog den kleinsten der Holzstämme heran, zerrte die Axt aus dem Hackklotz, legte den Stamm darüber. Barbara trat ein paar Schritte zurück. Sie konnte kaum hinsehen. Ralph war ein hervorragender Jurist, aber ein ausgesprochen unpraktischer Mensch; er brachte es kaum fertig, einen Nagel in die Wand zu schlagen. Ihn hier in diesem düsteren Schuppen stehen zu sehen, mit einem Beil in der Hand und einem krampfhaft entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht, war ein so absurder Anblick, daß man nur die Augen schließen konnte.

Er holte aus — zu zaghaft, dachte Barbara, zu schwach —, und sie hielt den Atem an. Es folgte ein lautes Krachen, und als sie wieder hinsah, war der Holzstamm durch den ganzen Schuppen gerutscht und lag unversehrt in einer Ecke, während das Beil wieder im Hackklotz steckte. Mit verbissener Miene versuchte Ralph gerade, es wieder herauszuziehen.

≫Schau, wir sollten vielleicht …≪, begann Barbara, aber Ralph fuhr herum, und in seinen Augen blitzte ein Zorn, der sie verstummen ließ.

≫Wärst du so freundlich, mich allein zu lassen? Glaubst du, ich brauche einen Zuschauer bei dieser erbärmlichen Vorstellung, die ich hier gebe? Ich muß sehr lächerlich auf dich wirken, nicht wahr? Du hättest dir vielleicht besser einen Mann ausgesucht zum Heiraten, nicht einen Schreibtischtrottel!≪

≫Weißt du, das einzige, was ich im Augenblick an dir lächerlich finde, sind die Reden, die du schwingst! Glaubst du im Ernst, ein Mann wird für mich dadurch männlich, daß er sich hinstellen und ein blödes Stück Holz kleinhacken kann?≪

Sein Gesicht, vorhin noch von der Kälte draußen gerötet, war jetzt leichenblaß. ≫Bei Gelegenheit≪, sagte er mit leiser, scharfer Stimme, ≫könntest du mir vielleicht verraten, was du bei einem Mann männlich findest. Unter Umständen hätte ich dann die Chance, daß du irgendwann …≪ Er brach ab.

≫Was?≪ fragte Barbara.

≫Daß du irgendwann wieder den Weg in mein Bett findest. Und jetzt verschwinde, laß mich allein!≪

Sie hatte einmal gelesen, daß Männer in jeder Lebenslage an Sex dächten, aber sie konnte es nicht fassen. ≫Findest du wirklich, daß dies der richtige Zeitpunkt ist, um …≪

≫Es ist der richtige Zeitpunkt für dich, mich in Ruhe zu lassen und dir irgendeine Beschäftigung zu suchen≪, fuhr er sie an.

Ohne ein weiteres Wort drehte sich Barbara um und stürmte aus dem Schuppen, schlug die Tür so heftig hinter sich zu, daß eine Wolke von Schnee vom Dach rutschte. Sollte er doch machen, was er wollte! Sollte er sich ein Bein abhacken, den Arm auskugeln oder einem Herzschlag erliegen! Die ganze Schneekatastrophe war nicht ihre Schuld, und sie würde seine schlechte Laune darüber nicht einfach wegstecken. Es war eben kein Frieden zwischen ihnen möglich — außer, sie gingen sich aus dem Weg. Vermutlich war es das letzte, was ihnen hätte passieren dürfen, daß sie zusammen einschneiten und auf Gedeih und Verderb miteinander in einem Haus aushalten mußten — und das auch noch frierend und mit zunehmend hungrigen Mägen.

Sie blieb einen Moment stehen, mitten im Schneegestöber auf dem kleinen Trampelpfad, den sie mit vereinten Kräften geschaffen hatten. Ihr war noch warm — von der Arbeit und von der Wut. Sie blickte am Haus hinauf. Dunkler, unregelmäßig geformter Kalkstein bildete die massiven Wände. Mit weißem Holz eingefaßte Sprossenfenster vermittelten einen freundlichen, anheimelnden Eindruck. Zwischen zwei Fenstern im ersten Stock entdeckte Barbara die Reste eines hölzernen Gitters, eines Spaliers für wilden Wein offenbar. In der Vergangenheit war das Haus, oder zumindest seine Rückseite, wohl bis unter das Dach zugewachsen gewesen. Hier hinten lag auch der weitläufige Garten. Barbara erinnerte sich, am gestrigen Tag im letzten Dämmerlicht die steinerne Mauer gesehen zu haben, die nun völlig verschwunden war unter dem Schnee.

Urplötzlich hatte Barbara eine Vision: Da war das Bild eines warmen Sommerabends, von Kindern, die im Garten zwischen den Obstbäumen spielten, einer jungen Frau, die auf der Mauer saß, die Finger in das Moos grub, das zwischen den Steinen wuchs, die Augen geschlossen hielt und den warmen Wind in ihrem Gesicht spürte. Das Haus war voller Stimmen und Leben, nicht länger nur erfüllt vom Schweigen und der Einsamkeit einer alten Frau, die zu geizig war, Vorräte zurückzulassen, wenn sie verreiste, und auf die niemand wartete, wenn sie wiederkam. Das Haus hatte seine Geschichte, und Barbara war sicher, daß sie zu vielen Zeiten freundlicher ausgesehen hatte als heute.

≫Oder vielleicht auch manchmal schlimmer≪, murmelte sie.

Das Bild des Sommerabends verschwand. Es schneite wieder, und schwere, dunkle Wolken hingen tief über den endlosen Feldern von Schnee. Der 24. Dezember. Und sie steckten hier fest, hatten kaum etwas zu essen, und Ralph geriet in eine Krise, weil er kein Holz hacken konnte und sich offenbar als Mann disqualifiziert fühlte. Er hatte so gequält ausgesehen.

Sie schüttelte den Kopf, als könne sie sein Bild dadurch loswerden.

Fröhliche Weihnachten, dachte sie.

Mittwoch, 25. Dezember 1996

≫… sind zahlreiche Ortschaften und einzelne Gehöfte völlig von der Außenwelt abgeschnitten≪, schloß der Nachrichtensprecher mit gleichmütig klingender Stimme. Laura, die am Frühstückstisch vor einem noch völlig unberührten Teller mit Rühreiern saß, stand auf und schaltete das Radio aus, gerade als die ersten Töne von ≫Silent Night, Holy Night≪ erklangen. Sie war nicht in der Stimmung für Weihnachten. Sie machte sich zu viele Sorgen.

Ausnahmsweise war sie einmal fast dankbar für die so überaus nüchterne Art ihrer Schwester Marjorie. Kaum etwas in der kleinen Wohnung deutete darauf hin, daß heute der 25. Dezember war. Auf dem Fensterbrett stand eine halb heruntergebrannte grüne Kerze in Form eines Tannenbaums, daneben lagen auf einem Pappteller die Plätzchen, die Laura gebacken und mitgebracht hatte. Ansonsten gab es keinerlei festliche Dekoration.

≫Kostet nur Geld≪, pflegte Marjorie zu sagen, ≫und wozu soll ich mir die Mühe machen, Kugeln und Zweige und so einen Kram hier aufzubauen? Doch nur, um das alles ein paar Wochen später wieder wegräumen zu müssen. Und die Welt wird davon auch nicht besser!≪

In den Jahren zuvor hatte sich Laura wegen dieser Einstellung ihrer Schwester immer gegrämt, ohne je ein durchschlagendes Gegenargument zu finden. Sachlich gesehen, hatte Marjorie recht: Weihnachtsdekorationen waren teuer, machten Mühe und änderten nichts am deprimierenden Gesamtzustand der Welt. Aber sie gaben vorübergehend etwas Glanz und Wärme, und das, so dachte Laura, brauchte man einfach hin und wieder, um Kraft zu finden für den Alltag.

Sie wußte, daß Marjorie schon in frühester Jugend diese spröde, herbe Art gehabt hatte, und später war noch das dauernde Nörgeln hinzugekommen. Sie war die jüngere der Schwestern, hatte aber immer älter gewirkt als die großäugige, schüchterne Laura. Nachdem sie ihren Vater bis zu seinem Tod gepflegt und sich dabei völlig aufgerieben hatte — und das mußte man ihr wirklich hoch anrechnen, dachte Laura oft —, hatte sie jeden Mann verjagt, der sich in ihre Nähe wagte, und das taten ohnehin nicht viele. Dann war sie in diesen entsetzlichen Wohnblock bei Chatham gezogen, in dem sie seit nunmehr dreißig Jahren lebte und dessen Tristesse auch den fröhlichsten Menschen langsam in den Trübsinn getrieben hätte. Die Entscheidung für diesen furchtbaren grauen Betonklotz hatte Laura nie verstanden. Es gab in Kent so viele hübsche Dörfer, in denen sich Marjorie ein kleines Cottage hätte mieten und es sich ein wenig behaglich hätte machen können. Da in all ihren Überlegungen jedoch stets nur praktische Gesichtspunkte eine Rolle spielten, hatte sie den Wohnsilo, der wie ein häßliches Geschwür die Landschaft ringsum verunstaltete, vor allem deshalb ausgesucht, weil er nur wenige Minuten von der Firma entfernt lag, in der sie bis vor wenigen Jahren gearbeitet hatte; einer kleinen Fabrik, die Pappteller und -becher und Papierservietten herstellte.

Die Wohnung hatte drei Zimmer, Küche und Bad, und es gab einen kleinen Balkon, der aber nach Norden ging und nie Sonne abbekam. Laura fand es nicht verwunderlich, daß Marjorie immer mehr verbiesterte. Die meisten Leute, denen man hier im Treppenhaus begegnete, machten griesgrämige Gesichter.

Jetzt war Laura jedoch viel zu sehr mit ihren eigenen Sorgen und Problemen beschäftigt, als daß sie sich allzu viele Gedanken wegen Marjorie gemacht hätte. Seit dem gestrigen Tag verfolgte sie gebannt alle Nachrichtensendungen im Fernsehen und im Radio. Die Schneekatastrophe in Nordengland war überall Hauptthema. Das Fernsehen zeigte Bilder, die von Hubschraubern aus aufgenommen worden waren: Man hatte den Eindruck, irgendwo am Nordpol gelandet zu sein. Endlose Schneeweiten mit einsamen schwarzen Punkten darin — Häusern oder Dörfern.

Laura, die dies gebannt und mit klopfendem Herzen verfolgte, fragte sich, woher dieses Gefühl einer Bedrohung rührte, das ständig in ihr wuchs. Sie kam sich vor wie jemand, der sein Liebstes in Stunden der Gefahr im Stich gelassen hatte. Westhill. Was sollte dem Haus passieren? Es stand unverrückbar seit über hundert Jahren und hatte alles überdauert, was an großen und kleinen Katastrophen hereingebrochen war. Aber vielleicht sah sie gar keine Gefahr für das Haus. Vielleicht sah sie eine Gefahr in den Menschen, die jetzt dort waren. Diese junge Frau mit den kühlen, forschenden Augen …

Laura seufzte tief. Sie versuchte, sich an den letzten schlimmen Wintereinbruch dort oben im Norden zu erinnern. Es hatte einige gegeben. Den schlimmsten hatten sie kurz nach dem Krieg erlebt, 1947. Damals war Adeline, die alte Haushälterin, schon schwer krank gewesen und hatte ständig schmerzlindernde Medikamente gebraucht. Frances hatte Angst gehabt, der Vorrat an morphiumhaltigen Präparaten könnte ausgehen, ehe der Schnee taute und wieder ein Arzt zu ihnen gelangen konnte. Aber es hatte rechtzeitig zu schneien aufgehört, und schließlich waren Räumfahrzeuge bis zur Farm vorgedrungen. Es war das erste und einzige Mal gewesen, daß Laura Frances als Nervenbündel erlebt hatte.

≫Meiner Ansicht nach werden Kinder heute viel zu sehr verwöhnt≪, sagte Marjorie mißmutig. Unbemerkt war sie in die Küche gekommen. Sie trug einen alten, zerschlissenen blauen Morgenrock, der ihrer Mutter gehört hatte, und abgewetzte Fellpantoffeln an den Füßen. Ihre Haare waren noch ungekämmt. Sie sah älter aus als siebenundsechzig. Besonders um die Mundpartie war ihre Gesichtshaut schlaff und welk.

Laura, in ihre Erinnerungen versunken, zuckte zusammen. ≫Was meinst du?≪

≫Der Junge aus der Wohnung über mir hat offenbar ein Fahrrad zu Weihnachten geschenkt bekommen≪, erklärte Marjorie. ≫Er fährt unten vor dem Haus damit herum. Ein Fahrrad mit allen Schikanen. Muß ja alles vom Besten sein für die jungen Leute! Dabei ist der Vater arbeitslos, und die Familie lebt von der Fürsorge!≪ Sie trat ans Fenster und spähte hinunter, um die Ungeheuerlichkeit ein zweites Mal zu betrachten. Mißgünstig stellte sie fest, daß der magere, sonst immer sehr ernst dreinschauende Junge wirklich glücklich wirkte.

≫Es muß ziemlich schlimm sein mit dem Schnee oben in Yorkshire≪, sagte Laura bedrückt.

≫Hier schneit es selten≪, entgegnete Marjorie. Sie schaute noch immer hinaus. ≫Es wird bald regnen.≪

≫Vielleicht sollten wir vorher einen Spaziergang machen? Um ein bißchen hinauszukommen.≪

≫Du kannst gehen, wenn du willst. Ich habe keine Lust.≪ Marjorie wandte sich vom Fenster ab, kam zum Tisch und setzte sich schwerfällig an ihren Platz. Dann fuhr sie übergangslos fort: ≫Na, die werden dir schön das Haus auf den Kopf stellen, deine Mieter. Hoffentlich hast du deine Liebesbriefe gut verschlossen!≪ Sie lachte boshaft, wissend, daß Laura nie im Leben einen Liebesbrief erhalten hatte.

Laura war blaß geworden. ≫Du meinst, sie schnüffeln wirklich herum?≪

Marjorie griff nach der Teekanne, schenkte sich Tee ein und verzog das Gesicht, als sie merkte, daß er kalt war. ≫Keine Ahnung. Aber was sollten sie sonst tun?≪

≫Das ist schon eigenartig≪, sagte Barbara. Sie saß an dem kleinen Sekretär im Wohnzimmer, einen Stapel Papiere auf dem Schoß, die sie gerade einer Schublade entnommen hatte. Mit gekrauster Stirn studierte sie die verschiedenen Schreiben. ≫Seit 1986 hat Laura Selley nach und nach ziemlich viel Land, das zur Westhill Farm gehörte, an diesen unsympathischen Fernand Leigh verkauft. Und zwar — und das wundert mich so — für geradezu lächerlich wenig Geld!≪

Ralph war gerade ins Zimmer gekommen, mit kältegeröteten Wangen und verschmutzter Kleidung. Er sah erschöpft und abgekämpft aus. ≫Findest du es gut, daß du in Dokumenten herumschnüffelst, die dich überhaupt nichts angehen?≪ fragte er. ≫Ich finde, du …≪

≫Wir brauchen Papier≪, unterbrach Barbara, ≫weil wir sonst kein Feuer in Gang kriegen. Ich habe überall gesucht, Ralph. Eine einzige alte Zeitung habe ich noch gefunden. Von der Fernsehzeitung ist nichts mehr übrig, und Bücher können wir natürlich nicht nehmen. Ich dachte, ich finde vielleicht in dem Sekretär etwas, das wir verbrennen können. Aber selbstverständlich nicht diese Kaufverträge!≪

Sie schob die Papiere alle wieder in die Schublade und stand auf. Es war eiskalt in diesem Raum. Barbara trug zwei dicke Pullover übereinander und Schafswollsocken an den Füßen, aber sie fror trotzdem. Außerdem verspürte sie ein nagendes Hungergefühl. Am gestrigen Heiligabend hatten sie die restlichen Spaghetti gegessen, ein Klacks für jeden und nur geeignet, den allergrößten Hunger kurzfristig zu stillen. Das einzig Erfreuliche an dem Abend war eine halbvolle Flasche Brandy gewesen, die in der hintersten Ecke eines Schranks im Eßzimmer stand und den spärlichen Spirituosenvorrat der offensichtlich erklärten Antialkoholikerin Laura Selley darzustellen schien. Der Brandy hatte ihnen etwas Wärme in die Glieder gejagt und dem Abend wenigstens den Hauch eines festlichen Anstrichs verliehen.

Heute früh hatte jeder eine Scheibe Brot bekommen, sie hatten sich ein hartgekochtes Ei geteilt und etwas von dem Käse gegessen. Sie hatten beschlossen, den Tag ohne Essen durchzustehen, am Abend die vier Kartoffeln zu kochen und sich dazu noch einmal Käse zu genehmigen. Aber schon jetzt fühlte sich Barbara ganz schwach vor Hunger.

Ralph streifte seine Handschuhe ab. ≫Ich habe noch ein bißchen Holz gehackt≪, erklärte er. ≫So langsam komme ich in Übung. Übrigens schneit es wieder!≪

Barbara sah zum Fenster hinaus, hinter dem die Schneeflocken wirbelten. ≫O nein! Ich habe es gar nicht bemerkt!≪

Als sie morgens um neun Uhr aufgestanden waren — keinen von ihnen hatte es gedrängt, das Bett zu verlassen und ein karges Frühstück einzunehmen —, hatte sich ihnen draußen ein Bild von überwältigender Schönheit geboten. Am Himmel war keine einzige Wolke gewesen, er zeigte sich in einem kalten, arktischen Blau, hoch gewölbt und weit wie eine gewaltige Kugel aus gefärbtem Glas. Die Morgensonne warf ihr Licht über die endlos scheinende Fläche von Schnee, ließ sie glitzern und funkeln und einen rosigen Schein versprühen. Minutenlang hatten Ralph und Barbara ihre knurrenden Mägen vergessen. Stumm hatten sie hinausgeblickt, ergriffen und für einen Augenblick entschädigt für alle Strapazen.

≫Ich gehe noch mal auf den Dachboden≪, sagte Ralph, ≫vielleicht finde ich ein bißchen Holzwolle. Die könnte uns sehr nützen.≪

≫Sie scheint eine unheimlich penible Hausfrau zu sein≪, sagte Barbara, ≫eine, die offenbar regelmäßig ausmistet. Auf dem Dachboden waren nur vier Pappkartons und eben eine Zeitung. Ich wünschte, mein Arbeitszimmer wäre einmal so ordentlich wie hier die Abstellkammern!≪

≫Wir haben schon eine Menge Pech≪, murmelte Ralph. ≫Mein Gott, wie ich mich nach einer funktionierenden Heizung sehne!≪

≫Du solltest dich jetzt ein bißchen ausruhen≪, meinte Barbara. ≫Warum suchst du dir nicht ein Buch und legst dich damit ins Bett? Sehr viel mehr können wir im Moment ohnehin nicht tun.≪

Ralph nickte und wandte sich zur Tür. ≫Versprich mir, nicht in zu vielen Schubladen zu wühlen. Das gehört sich einfach nicht.≪

≫Es gibt hier sowieso nichts, was besonders interessant wäre≪, sagte Barbara und schloß die Klappe des Sekretärs. Ihrer Ansicht nach schleppte Ralph zu viele Skrupel mit sich herum, aber sie hatte keine Lust, das zum Gegenstand einer Grundsatzdebatte zu machen. Sie hatte generell keine Lust mehr, über ihre Probleme mit ihm zu reden; dabei hätte dies doch der Sinn der Reise sein sollen.

Es war schon dunkel, als sich Barbara auf den Weg zum Schuppen machte. Sie brauchte neue Holzscheite für den Küchenherd, um die vier lächerlichen Kartoffeln für das Abendessen kochen zu können. Von dem Holz, das Ralph mittags herübergebracht hatte, war nichts mehr übrig. Barbara hatte es den Nachmittag über im Kamin des Eßzimmers verheizt. Sie hatte sich dicht an die Flammen gekauert, etwas gelesen und sich einen kleinen Brandy genehmigt. Der Raum war recht warm geworden, und zusammen mit dem Bild der fallenden Flocken jenseits des Fensters und der langsam anbrechenden Dämmerung empfand Barbara tatsächlich ein Gefühl von Behaglichkeit. Irgendwann war sie nach oben gelaufen, um nach Ralph zu sehen. Sie fand ihn tief schlafend in seinem Bett. Im Schein der Kerze betrachtete sie einen Moment lang sein vertrautes Gesicht. Er atmete tief und gleichmäßig, hatte etwas Rührendes an sich, wie ein gefällter Baum, und wirkte seltsam verletzbar. Barbara widerstand der Versuchung, sich zu ihm zu beugen und ihm über die Haare zu streichen. Vielleicht hätte ihn das geweckt; es reichte, wenn er später zum Essen aufstand.

Leise verließ sie das Zimmer, schlüpfte unten in Stiefel und Mantel, um sich für den Weg zum Schuppen zu rüsten. Das Haus ächzte und stöhnte, denn mit Einbruch der Dunkelheit hatte der Sturm wieder zugenommen und jagte heulend gegen Fenster und Mauern. Barbara hatte im Keller ein Windlicht gefunden, gebaut wie eine altmodische Öllampe. Sie hatte eine Kerze darin befestigt und hoffte nun, der Sturm würde sie nicht zum Erlöschen bringen. Vorsichtshalber ließ sie noch ein Päckchen Streichhölzer in ihre Manteltasche gleiten.

Der Sturm riß ihr zuerst die Tür, dann fast die Lampe aus der Hand. Der Schnee wirbelte ihr in dicken, pudrigen Flocken ins Gesicht. Es gab den Pfad noch, den sie und Ralph in so mühevoller Arbeit geschaufelt hatten, aber selbst hier sank Barbara bis fast zu den Knien ein. Mit gesenktem Kopf kämpfte sie sich vorwärts. Die Lampe schaukelte wild hin und her, die Kerze flackerte und verlosch; aber Barbara bemerkte es nicht, da sie ohnehin ihre Augen geschlossen hielt und sich blind vorantastete. Sie erreichte die Schuppentür, stieß sie auf und atmete tief durch, als sie endlich im Schutz der Mauern stand. Ihr Mantel war voller Schnee, ihre Haare vermutlich ebenfalls. Sie kramte die Streichhölzer hervor und zündete die Lampe wieder an. Geisterhafte Schatten tanzten über die steinernen Wände, eine Maus huschte erschrocken über den Fußboden und verschwand hinter einem Stapel von Gartengeräten. Barbaras Blick fiel auf einen großen Weidenkorb, der in einer Ecke stand. Es schien ihr eine gute Idee, ihn für den Transport des Holzes zu verwenden; so konnte sie viel größere Mengen an Scheiten hinübertragen. Sie stellte die Lampe ab und schichtete das Holz in den Korb. Die Stücke fielen sehr unterschiedlich in der Größe aus und waren voller Splitter, aber Ralph mußte wirklich geschuftet haben, denn es hatte sich ein beachtlicher Vorrat angesammelt. Barbara verstaute in dem Korb, was nur hineinpaßte, dann sah sie sich suchend um. Sie brauchte eine Decke oder Plane, um den Korb abzudecken, andernfalls würde das Holz im Nu naß werden und noch schlechter brennen. Sie entdeckte eine alte Wolldecke, die zusammengefaltet auf einem Regal lag, im hintersten Winkel des Raumes.

Vorsichtig turnte Barbara über halbe Baumstämme, Gerümpel und Gartengerätschaften hinweg. Der Schuppen war der einzige Ort, auf den sich Lauras Ordnungsliebe nicht erstreckt hatte. Vermutlich betrat sie ihn kaum je. Die zierliche, alte Frau hackte ganz sicher nicht selbst das Holz für ihre Kamine und war wahrscheinlich auch überfordert, den großen Garten in Ordnung zu halten. Vielleicht erledigte dies ein Junge aus Leigh’s Dale für sie, gegen ein kleines Taschengeld.

Ihr Bein streifte einen Nagel, der aus der Wand ragte, und sie konnte hören, wie der Stoff ihrer Jeans riß. Sie fluchte leise, machte einen Schritt zur Seite — und brach mit dem linken Fuß im Boden ein. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel nach vorn, wobei sie mit dem Kinn hart auf eine Tischkante aufschlug und sich an den Messingstäben eines auf diesem Tisch stehenden ausrangierten Hamsterkäfigs die Wange aufschürfte. Vor Schmerz und Schreck schrie sie auf. Sie wartete einen Moment, dann hob sie die Hand und betastete vorsichtig ihren Kiefer. Offenbar hatte sie keinen Zahn verloren, und gebrochen war auch nichts, aber sie würde einen unübersehbaren Bluterguß davontragen.

≫Mist!≪ schimpfte sie, ehe sie sich aufrappelte, umwandte und das Loch im Boden in Augenschein nahm, das sie zu Fall gebracht hatte.

Wie sie feststellte, war eines der langen Dielenbretter mittendurch gebrochen. Das Holz war recht morsch, aber zudem entdeckte sie, daß an dieser Stelle zwei Bretter nicht wie der übrige Fußboden auf hartem Lehm auflagen, sondern eine etwa zehn Zentimeter tiefe Aushöhlung überdeckten. Daher hatten sie Barbaras Gewicht nicht tragen können. Daß dort nicht früher schon jemand eingebrochen war, mußte daran liegen, daß das Holz noch nicht lange so feucht und angefault war wie jetzt und daß sehr selten überhaupt ein Mensch den Schuppen betrat, noch seltener zudem einer in diesem hinteren Bereich herumstöberte.

≫Natürlich muß ich wieder der arme Trottel sein, dem es als erster passiert≪, murmelte Barbara.

Sie fragte sich, ob diese Ausbuchtung im Lehmboden versehentlich entstanden oder absichtlich angelegt worden war, und tastete mit der Hand in das Loch hinein. Da sie ihre Lampe im vorderen Teil des Schuppens hatte stehen lassen, konnte sie hier hinten nur sehr schlecht etwas erkennen. Zu ihrer Überraschung stießen ihre Finger an einen Gegenstand. Etwas Hartes, Kaltes … Sie zog es heraus und hielt eine Stahlkassette in der Hand. Als sie sie öffnete, sah sie einen dicken Packen Papier, weißes Schreibmaschinenpapier, eng mit Druckbuchstaben beschrieben.

Es mußten an die vierhundert Seiten sein.

Sie saß am Küchentisch und las, als Ralph herunterkam. Sie hatte ihn nicht gehört und schrak zusammen, als er plötzlich auftauchte. ≫Da bist du ja≪, sagte sie. Sie stand auf, ging zum Herd und hob den Deckel des Topfes hoch, der darauf stand. ≫Die Kartoffeln sind fast fertig. Noch fünf Minuten.≪

Er sah sie an und runzelte die Stirn. ≫Was hast du denn mit deinem Gesicht gemacht?≪

Sie faßte sich ans Kinn, aber Ralph schüttelte den Kopf. ≫Weiter oben. An deiner rechten Wange!≪

Sie hatte sich stärker verletzt, als sie geglaubt hatte. Ihre Finger griffen in krustiges Blut. ≫Oh≪, sagte sie.

Ralph fuhr sich mit der Hand durch die wirren Haare. Der graue Bartschatten hatte sich vertieft. Der Schlaf schien ihn nicht erfrischt zu haben. Er wirkte müde und hatte offenbar schlechte Laune.

≫Ich habe Holz geholt und bin im Schuppen gestürzt≪, erklärte Barbara, ≫mein Kinn dürfte spätestens morgen in allen Regenbogenfarben schillern. Ich werde aussehen wie die arme Mrs. Leigh!≪

Ralph setzte sich an den Tisch und betrachtete verwirrt den Papierstapel. ≫Was ist das?≪

≫Das ist genau das, worüber ich buchstäblich gestolpert bin, Ralph, es ist absolut faszinierend. Hochinteressant. Das ist ein Manuskript. Es war im Schuppen unter zwei Bodendielen in einer Kassette versteckt. Ein autobiographischer Roman von Frances Gray. Von der Frau, der dieses Haus …≪

≫Ich weiß. Was heißt autobiographischer Roman? Ein Tagebuch also?≪

≫Nein. Es ist wirklich in Form eines Romans geschrieben. Aber es ist Frances Grays Lebensgeschichte, oder zumindest ein Teil davon. Sie schreibt über sich in der dritten Person.≪

≫Du hast darin gelesen?≪

≫Ja. Kreuz und quer. Aber nun will ich es richtig lesen, von Anfang bis Ende.≪

≫Das kannst du nicht tun! Dieses … Manuskript, oder wie man es nennen will … es gehört dir doch nicht!≪

≫Ralph, die Frau, die es geschrieben hat, ist tot. Und sie hat es nicht vor ihrem Tod vernichtet. Das ist doch …≪

≫Sie hat es offenbar sehr gründlich versteckt. Ich finde wirklich, du hast kein Recht, es zu lesen.≪

Barbara setzte sich ebenfalls an den Tisch, schob die verstreut liegenden Seiten ordentlich zusammen. ≫Ich werde es lesen≪, sagte sie, ≫ob du mich dafür verurteilst oder nicht. Ich werde es lesen, weil ich es gefunden habe und weil es mich brennend interessiert.

Ich habe nicht erwartet, daß du das verstehen würdest. Du nimmst keinen Anteil an den Menschen um dich herum, und deshalb drängt es dich auch nicht, etwas über die Geschichten dieses alten Hauses zu erfahren.≪

Er ließ ein kurzes, ironisches Lachen hören. ≫Oh — da haben wir ja wieder die brillante Strafverteidigerin in ihrer Bestform vor uns! Aus einer Unrechtsposition immer zum Gegenangriff übergehen, das ist doch deine Devise. Dein stumpfsinniger, knochentrockener Mann nimmt natürlich keinen Anteil an den Menschen um ihn herum. Ganz im Unterschied zu seiner aufgeschlossenen, engagierten Frau. Weißt du, wie man dein Verhalten auch nennen könnte, Barbara? Neugierig und indiskret. Das sind Attribute, die dir zwar sicher nicht gefallen werden, aber sie bezeichnen genau das, was du bist!≪

Seine Stimme klang scharf. Was er sagte, war zu hart, das wußte er, aber er wollte Barbara verletzen und gab diesem Wunsch zum ersten Mal, seit sie einander kannten, nach, ohne wie sonst seine stets höfliche, verbindliche Art zu wahren und seinen Worten damit die Spitze zu nehmen. Nachdem der Hunger und der Kampf gegen die widrigen Umstände ihn während der vergangenen zwei Tage sanft und müde hatten werden lassen, machte sich nun der Ärger über den ganzen Schlamassel, in den sie geraten waren, in ihm breit, und er verspürte eine heftige Aggression gegen Barbara. Sie konnte so wenig für die Situation wie er, aber er brauchte ein Ventil, für diese zwei Tage wie — und zwar hauptsächlich — für die vergangenen Jahre, in denen zu vieles unausgesprochen geblieben war, in denen er, wie es ihm nun schien, zu viele eigene Wünsche und Bedürfnisse hintangestellt hatte. Die Geschichte mit den gefundenen Aufzeichnungen machte ihn wütend, ärgerte ihn deshalb so, weil sie eminent typisch war für Barbara. In diesem unbezähmbaren Interesse an allem und jedem lag ihr Desinteresse an ihm und seinen Belangen begründet. Wie war die Welt doch so bunt, spannend und voller Schicksale und Geschichten — warum sollte sie da noch den Mann neben sich sehen?

Sie war zusammengezuckt bei seinen Worten, faßte sich aber rasch wieder. ≫Ich verstehe nicht ganz, warum du so Scharfschießen mußt. Wenn du dich als stumpfsinnig und knochentrocken bezeichnest, dann ist das dein Problem. Ich habe dich nie so empfunden.≪

≫Wahrscheinlich empfindest du mich seit Jahren überhaupt nicht mehr. Wenn du ehrlich bist, dann mußt du zugeben, daß ich den am wenigsten interessanten Teil deines Lebens darstelle. Wahrscheinlich störe ich dich auch nicht besonders. Ich bin dir einfach relativ egal.≪

≫Bevor du im Selbstmitleid ertrinkst, solltest du vielleicht bedenken, daß immerhin ich es war, die diese Reise organisiert hat. Damit wir endlich einmal Zeit haben, um miteinander zu reden. Sieht so Desinteresse aus?≪

Er machte eine Kopfbewegung zu dem Papierstapel hin. ≫Ich denke, du willst lesen und nicht reden≪, sagte er bockig.

≫Ach, verdammt!≪ Ihre Augen blitzten zornig. ≫Hör auf, dich wie ein Kind zu benehmen, Ralph! Wenn du reden möchtest, dann reden wir. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun!≪

≫Es hat etwas miteinander zu tun. Alles hat immer etwas miteinander zu tun≪, sagte er, plötzlich erschöpft trotz der vielen Stunden Schlaf. ≫Barbara, ob du dieses Tagebuch …≪

≫Es ist kein Tagebuch!≪

≫Ob du es liest oder nicht, ist letztlich gleichgültig. Ich halte es nicht für richtig, aber du bist dein eigener Herr, und du mußt wissen, was du tust. Was mich an der Geschichte aufregt, ist wohl nur, daß es wieder diese Wesensart von dir deutlich macht, dieses ‘Hallo, hier ist Barbara, wo gibt es etwas Neues, Aufregendes, Faszinierendes zu entdecken und erleben?’ Die Prominentenanwältin mit dem todsicheren Gespür für spektakuläre Fälle. Die Partylöwin in ihren superschicken Klamotten, die von einer Filmpremiere zur nächsten Preisverleihung, zur Vernissage und von dort ins nächste In-Restaurant flattert. Die Frau, die mit den Top-Journalisten der Republik befreundet ist und ständig nach Informationen aus erster Hand fiebert. Und die manchmal völlig vergißt, daß es Wichtigeres im Leben gibt.≪

≫Ralph, ich …≪

≫Weißt du, daß du mir so, wie du heute abend hier sitzt, hundertmal besser gefällst, als wenn du in großer Aufmachung zu irgendeinem Ereignis davonrauschst? Deine Haare sind zerzaust vom Sturm draußen, und außer dem blutigen Kratzer auf der Wange hast du auch noch einen Rußfleck auf der Nase, und … nein!≪ Er griff nach ihrer Hand, mit der sie sich unwillkürlich über die Nase hatte wischen wollen, hielt sie fest. ≫Laß es, wie es ist. Mir wird der Anblick nicht mehr allzuoft gegönnt sein, fürchte ich.≪

≫Ich werde auch nicht für den Rest meines Lebens in Holzöfen herumstochern müssen, um aus praktisch nicht vorhandenen Lebensmitteln ein halbwegs genießbares Essen zu zaubern … oh, verdammt! Die Kartoffeln!≪ Sie sprang auf, zog den Topf von der Herdplatte, hob den Deckel und spähte hinein.

≫Die dürften ziemlich matschig sein≪, meinte sie. Sie fühlte seinen Blick auf sich ruhen und sah rasch zu ihm hin. Aller Zorn war aus seinen Augen gewichen.

≫Ach, Ralph!≪ sagte sie. ≫Du hast es dir alles ganz anders gewünscht, nicht wahr?≪

≫Du warst eine andere, als wir uns kennenlernten.≪

≫Ich war …≪

≫… nicht halb so schön wie heute. Nicht halb so schlank. Aber du hattest eine Wärme, die dir inzwischen irgendwo verloren gegangen ist.≪

≫Ich will über damals nicht reden≪, sagte Barbara kurz. Wenn er damit anfing, bekam sie Kopfweh.

≫Ich will auch nicht über damals reden≪, sagte Ralph, ≫es ist nur … manchmal fühle ich mich allein gelassen mit meinen Wünschen. Manchmal träume ich von einer Frau, die da ist, wenn ich nach Hause komme. Die wissen will, wie der Tag für mich war, und die zuhört, wenn ich über den Streß jammere, oder die mir ab und zu sagt, daß sie mich toll findet, wenn ich ihr einen besonders komplizierten Fall schildere, für dessen Aufschlüsselung mir eine blendende Idee gekommen ist.≪ Er hielt einen Moment lang inne. ≫Das gleiche möchte ich dir ja auch geben≪, fuhr er dann fort, ≫ich hoffe jedenfalls, daß es das wirklich ist, was ich will. Daß hinter meiner Frustration nicht in Wahrheit steckt, daß ich mit deinem Erfolg und deiner Popularität nicht zurechtkomme.≪

Es war sein stetes Bemühen um Ehrlichkeit gegen sich selbst, das Barbara immer am meisten an ihm geschätzt hatte. Er versuchte nie, sich vor der Wahrheit zu verstecken.

≫Du bist kein bißchen weniger erfolgreich als ich≪, sagte sie, ≫es sind nur andere Dinge, mit denen du dich beschäftigst. Du weißt, wie angesehen du bist!≪

≫Und du bist beliebt und bekannt.≪

Barbara setzte sich wieder an den Tisch, ließ die verkochten Kartoffeln im Wasser auf dem Herd stehen. ≫Ralph, das war meine Wahl nach dem Studium. Du hättest dich dafür ganz genauso entscheiden können, deshalb bin ich nicht besser als du. Wir haben uns jeder nach seinen Neigungen orientiert. Und du hast mich für meine Wahl wesentlich häufiger angegriffen als ich dich für deine. Genaugenommen habe ich dich überhaupt nie deswegen angegriffen.≪

≫Ich fand immer, du bist als Juristin zu gut, um in den Schlagzeilen billiger Boulevardblätter verbraten zu werden.≪

≫Das ist doch nur ein Aspekt, und nicht der Entscheidende. Wichtig ist, daß mir meine Arbeit soviel Spaß macht. Ich liebe Menschen. Ich liebe es, mit ihnen zu sprechen. In ihre Abgründe zu schauen. Ich brauche das. Zum Beispiel der Fall Kornblum, den ich letzte Woche gewonnen habe. Natürlich habe ich den Ehrgeiz, Prozesse zu gewinnen, das ist bei jedem Anwalt so, auch bei dir. Aber was mich während der ganzen Geschichte vor allem antreibt, ist, herauszufinden, mit welcher Art Mensch ich es zu tun habe. Wie sieht und wie sah sein Leben aus? Was hat dazu geführt, daß er in die Lage gekommen ist, mich, einen Anwalt, zu brauchen? Kornblum ist nie über die Grenzen der Kleinstadt hinausgekommen, in der er Bürgermeister war. Er war dort der gute Junge, der es zu etwas gebracht hat. Man war sehr stolz auf ihn. Aber er selber hatte riesengroße Probleme. Er wollte weiter hinauf, höher — und wußte, daß er das Format dazu nicht hatte. Er würde immer eine Lokalgröße bleiben, seine Abende bei Zusammenkünften des Schützenvereins, der Kaninchenzüchter, der Faschingsgarde verbringen. Deren Stimmen brauchte er, aber er hat sie alle gehaßt. Daß er sich mit einer Prostituierten aus dem Frankfurter Rotlichtmilieu einließ, hat meiner Ansicht nach am wenigsten etwas mit irgendwelchen sexuellen Wünschen zu tun. Dieses Mädchen war sein Ventil. Sie gab seinem Leben, das er als erbärmlich empfand, einen seinem Leben, das er als erbärmlich empfand, einen aufregenden Anstrich. Sie gab ihm die Kraft, sich Tag für Tag aufs neue bei den guten Bürgern daheim einzuschleimen. Sie gab ihm die Gewißheit, daß er ein anderer war, daß er nur ein Spiel spielte.≪ Barbara hielt inne. Ihre blassen Wangen hatten Farbe bekommen. ≫Verstehst du?≪

Auf die eine Weise verstand er, auf die andere nicht. Was immer dieses Hineintauchen in fremde Schicksale ihr bedeutete, er sah nicht ein, weshalb das einen Widerspruch bilden sollte zu allem, was er sich ersehnte.

≫Ich finde, du interpretierst zuviel in diese Geschichte hinein≪, sagte er, ≫bei Kornblum hast du doch lediglich einen Kleinbürger vor dir, der vermutlich mit ein paar perversen Vorlieben herumläuft, die ihm seine Ehefrau nicht erfüllen will oder kann. Also rennt er zu einer Hure und hat das Pech, daß diese eines Nachts von einem Freier in Stücke gehackt wird und er zuerst in Verdacht, später in die Schlagzeilen gerät. Seine politische Karriere und seine Ehe sind ruiniert. Das ist alles.≪

≫Es steht eine ganze Lebensgeschichte dahinter.≪

Er starrte sie an. Unvermittelt sagte er: ≫Ich möchte Kinder haben, ehe es zu spät ist.≪

In einer Geste der Hilflosigkeit und Resignation strich sie sich mit beiden Händen über das Gesicht. ≫Ich weiß≪, sagte sie seufzend.

Donnerstag, 26. Dezember 1996

Laura wachte um sechs Uhr morgens auf und wußte sofort, daß sie nicht wieder würde einschlafen können. Der Regen pladderte laut gegen die Scheiben ihres Zimmerfensters. Laura überlegte einen Moment, ob sie aufstehen und sich einen Tee machen sollte, denn das hätte ihr ein wenig von ihrem Seelenfrieden zurückgegeben, aber dann dachte sie, daß Marjorie davon womöglich wach werden würde. Sie hatte keine Lust, schon jetzt das mißmutige Gesicht ihrer Schwester zu sehen und das dauernde Genörgele über sich ergehen zu lassen. Also würde sie liegenbleiben. Seufzend drehte sie sich auf die andere Seite.

Sie erinnerte sich, von Frances geträumt zu haben, wenngleich sie nicht mehr hätte sagen können, worum es in dem Traum gegangen war. Zurückgeblieben war — wie immer, wenn es um Frances ging in diffuses Gefühl von Traurigkeit und Ärger. Laura konnte an Frances nicht denken, ohne daß diese Gedanken von Gereiztheit begleitet wurden. Von Gereiztheit und Sehnsucht. Nie würde sie aufhören, sich die Jahre zurückzuwünschen, die sie gemeinsam verbracht hatten, und nie würde sie jenen tief in ihrem Innern glimmenden Zorn loswerden, mit dem sie ihrer hoffnungslosen Bemühungen um Frances und deren kühler Reaktion darauf gedachte. Sie hatte um Anerkennung, Zuneigung, Liebe gebuhlt, und von allem etwas bekommen, jedoch stets um jene feine Nuance zu wenig, die den Schmerz verursachte. Frances war auf sie zugegangen, um dann an irgendeinem Punkt jäh stehenzubleiben und sich nicht weiter voranzubewegen. Eine echte Freundschaft hatte sie nicht zugelassen. Schon gar nicht hatte sie die Mutterrolle übernehmen wollen, die sich Laura so sehnlich von ihr gewünscht hatte. Letztendlich war sie die Arbeitgeberin gewesen, Laura die Angestellte.

Irgendwann hatte Laura begriffen, daß sie daran nichts würde ändern können, und um so mehr hatte sie darum gekämpft, sich unentbehrlich zu machen. Frances sollte nie einen Grund finden, sie fortzuschicken. Das hatte sie dann auch nicht getan, aber auch nie war ein ≫Niemand kann das besser als du, Laura≪ über ihre Lippen gekommen. Laura konnte anstellen, was sie wollte. Sie bekam nicht, was sie so heftig ersehnte.

Ihr fiel plötzlich eine Begebenheit ein, aus den späten siebziger Jahren. Ein stiller, kalter, nebliger Novembertag. Sie hatte sich im Garten von Westhill zu schaffen gemacht, hatte Rosenstöcke ausgeputzt, die Pflanzen mit Tannenzweigen gegen die bevorstehenden Frostnächte abgedeckt. Sie konnte ihren Atem sehen, aber ihr war warm vom Arbeiten, und ihre Wangen glühten. Sie liebte den Garten, hegte und pflegte ihn unermüdlich und wußte, daß sie auf das Ergebnis stolz sein konnte.

An jenem Tag war sie so in ihre Arbeit versunken gewesen, daß sie Frances gar nicht hatte herankommen hören. Sie schrak zusammen, als sie hinter sich ihre Stimme vernahm.

≫Selbst im November noch ein schöner Garten≪, sagte Frances und ließ ihren Blick, diesen scharfen Adlerblick aus hellblauen Augen, umherschweifen. ≫Sehr gepflegt!≪

Laura richtete sich auf, unterdrückte ein Stöhnen wegen des ziehenden Schmerzes in ihrem Rücken. ≫Nun ja≪, sagte sie bescheiden, während ihr vor Stolz und Glück das Blut in die Wangen schoß.

≫Aber er wird nie wieder so sein wie in der Zeit, als Mutter noch lebte≪, fuhr Frances fort. ≫Sie hatte eine unwahrscheinliche Beziehung zu Pflanzen. Sie sprach sogar mit ihnen — in ihrem furchtbaren Dubliner Dialekt, den keiner von uns verstehen konnte. Manchmal schien es, als müsse sie einer Blume nur gut zureden, und schon begann diese zu blühen. Ihr Garten war überall in der Gegend berühmt.≪

Die Freude erlosch. Sie zerbrach, als habe sie jemand mit Fußtritten traktiert. Zurück blieb eine tiefe Verletztheit.

Warum kannst du nie wirklich nett sein? hätte Laura am liebsten geschrien. Warum kann ich es dir nie recht machen? Warum merkst du es nicht mal, wenn du mir weh tust?

Sie hatte etwas gemurmelt und sich rasch abgewandt, damit Frances die Tränen in ihren Augen nicht sehen konnte. Es war nicht schwer, Kummer vor Frances zu verbergen. Sie bekam selten mit, wenn es jemandem schlechtging.

Daß die Wunde bis heute so brannte! Laura erhob sich, angelte nach ihrem Bademantel und trat ans Fenster. Unten brannten die Straßenlaternen. In ihrem Lichtschein konnte sie den Regen rauschen sehen. Der Fußboden war kalt, sie krümmte die Zehen.

Am selben Tag, erinnerte sie sich plötzlich, war damals Lilian Leigh von Daleview herübergekommen. Sie war einfach in die Küche geplatzt, wo Frances und Laura beim Abendessen saßen. Frances verschloß nie die Haustür, was Laura leichtsinnig fand. Lilian war weiß gewesen wie die Wand. Sie hielt ein blutgetränktes Taschentuch gegen den Mund gepreßt und weinte hysterisch. Ihre Lippe war aufgeplatzt, und sie hatte einen Zahn verloren. Wie sich herausstellte, ging das auf Fernands Konto, dem sie in irgendeiner unbedeutenden Angelegenheit widersprochen hatte.

≫Jedesmal geht es so≪, schluchzte sie, ≫jedesmal. Wenn nicht alles passiert, wie er es will. Er verliert völlig die Beherrschung!≪

≫Warum, um Himmels willen, lassen Sie sich das gefallen?≪ fragte Frances perplex, während Laura mit einer sauberen, nassen Serviette Lilians Verletzung auswusch.

≫Wie soll ich mich denn wehren≪, heulte Lilian, ≫er ist zehnmal stärker!≪

≫Also, zur Not bliebe ja zumindest die Lösung, daß Sie sich scheiden lassen und von ihm weggehen≪, sagte Frances, ≫und Sie nehmen ihn natürlich richtig aus dabei.≪

≫Ich kann nicht von ihm weg≪, flüsterte Lilian.

≫Warum nicht?≪

≫Ich liebe ihn.≪

Frances hatte es die Sprache verschlagen, während Laura dachte, daß sie es verstehen konnte. Für Frances waren diese Dinge klar und einfach. Sie würde nie hinter das komplizierte Seelengeflecht einer Abhängigkeit blicken. Und sie würde dafür immer nur Verachtung aufbringen.

Laura hatte es erschüttert, von Fernand so schreckliche Dinge zu hören. Sie hatte ihn aufwachsen sehen, hatte ihm sein Lieblingsessen gekocht, wenn er zu Besuch kam, hatte ihm Kuchen eingepackt, wenn er nach den Ferien ins Internat zurückmußte. Sie hatte ihn gemocht, er war Teil ihrer kleinen Welt, die friedlich zu erhalten sie sich stets so sehr bemühte. Als erwachsener Mann sah Fernand so attraktiv aus, daß Laura manchmal Regungen in sich verspürte, die sie sich sofort verbot. Sie war sechzehn Jahre älter, eine unscheinbare, graue Maus. Für Fernand war sie nichts als die nette, etwas betuliche Laura, die ihm immer noch sein Lieblingsessen kochte. Mehr würde sie nie für ihn sein. Und er sollte für sie nichts anderes sein als der freundliche Junge, der freundliche Mann aus der Nachbarschaft.

An jenem Tag hatte er ein anderes Gesicht gezeigt, von dem Laura keine Ahnung gehabt hatte. Es war, als werde ein giftiger Stachel in die Idylle getrieben — oder in das Bild einer Idylle, an dem Laura so beharrlich festhielt.

Bis heute, dachte sie nun, bis heute …

Sie merkte, wie eisige Kälte in ihr hochkroch, während sie so am Fenster stand und in den Regen hinaussah. Sie würde sich jetzt doch einen Tee machen, ob Marjorie nun aufwachte oder nicht. Einen schönen, heißen Tee. Die einzige Waffe gegen das Frösteln, das aus der Erinnerung kam.

Es war halb sieben am Morgen, und Barbara war vom Hunger erwacht. Das hohle, nagende Gefühl im Bauch hatte sie sogar bis in den Schlaf verfolgt; sie hatte geträumt, sie habe sich in einer ausgestorbenen Großstadt verirrt, sei zwischen endlos langen Häuserzeilen herumgelaufen, habe nirgends ein Licht hinter schwarzen, toten Fensterscheiben entdeckt, keinen Menschen gesehen, keine Stimme gehört. Hoch über sich, als schmalen Streifen zwischen den Dächern der Wolkenkratzer, erspähte sie ein Stück Himmel, grau, unbeweglich, abweisend. Eine schmerzhafte Empfindung von Einsamkeit quälte sie, aber schwerer wog der Hunger. Das Alleinsein hatte etwas Unwirkliches, der Hunger war greifbar und real. Ihr Magen krampfte sich immer wieder jäh zusammen, und dazwischen stieg Panik in ihr auf, weil sie fürchtete, nie wieder etwas zu essen zu bekommen.

Als sie wach wurde, meinte sie eine Sekunde lang voller Erleichterung, sie habe nur geträumt, aber dann spürte sie bereits wieder den Schmerz im Magen und wußte, daß zumindest Teile des Traums durchaus mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Statt in einer verlassenen Stadt saß sie in einer Schneewüste fest, aber wenigstens hatte sie Ralph bei sich und war nicht ganz allein. Doch trotz der Sparsamkeit gingen ihre Vorräte drastisch zur Neige, und wenn sich nicht bald etwas an der Situation änderte, würden sie in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Sie dachte an das Frühstück, das sie erwartete — Kaffee, eine Scheibe Brot für jeden, ein hartgekochtes Ei für beide zusammen —, und seufzte. Draußen heulte der Sturm, und sie konnte sehen, wie es schneite. Ihre Nasenspitze fühlte sich eiskalt an; in allen Räumen, bis auf Küche und Eßzimmer, waren die Temperaturen inzwischen deutlich gesunken. Die Mauern hatten die in den vergangenen Wochen gespeicherte Wärme längst abgegeben. Bald würde sie fünf Decken übereinander brauchen, um schlafen zu können.

Sie dachte an das, was sie an diesem zweiten Weihnachtsfeiertag erwartete: ein kärgliches Frühstück, kaum geeignet, den knurrenden Magen zu besänftigen, Feuer im Kamin machen und am Brennen halten, Schneeschippen, immer wieder Schneeschippen, damit die Gasse zum Schuppen nicht wieder zuschneite. Holz vom Schuppen zum Haus tragen. Ein Abendessen kochen, das dann nicht einmal für den sprichwörtlichen hohlen Zahn reichte. Mit kaltem Wasser waschen, dabei in einem noch kälteren Bad stehen …

Sie beschloß, so lange wie möglich im Bett zu bleiben.

Sie tastete nach den Streichhölzern, die auf dem Nachttisch lagen, und zündete alle acht Kerzen in dem großen, kupfernen Leuchter an, den sie mit hinaufgenommen hatte. Neben dem Leuchter lag der Papierstapel aus dem Schuppen. Sie war nicht mehr dazu gekommen, mit dem Lesen anzufangen; sie und Ralph hatten die halbe Nacht lang geredet und waren schließlich beide völlig erschöpft gewesen. Aus dem Spiegel hatte Barbara dann ein spitzes, blasses Gesicht mit riesigen, vor Müdigkeit geröteten Augen angeblickt. Sie war ins Bett gefallen und von einer Sekunde zur anderen eingeschlafen.

Sie wurde nicht von den gleichen Skrupeln geplagt wie Ralph, aber einen Moment lang überkam sie doch ein eigenartiges Gefühl, als sie den obersten Stoß Blätter ergriff. Etwas sehr Persönliches hielt sie da in den Händen. Frances Gray war vielleicht stellenweise sehr offen in ihren Schilderungen. Auf der anderen Seite war sie, Barbara, in diesem Fall eine völlig neutrale Person. Wäre Frances ihre Mutter oder Großmutter gewesen, hätte sie davor zurückgescheut, womöglich Dinge zu erfahren, die man über nahestehende Menschen nicht wissen wollte. Aber so kam es ihr vor, als befasse sie sich mit dem Lebensbericht einer Mandantin, als studiere sie Prozeßakten.

Sie fing an, den Prolog zu lesen, den Frances Gray im Dezember 1980 ihren Aufzeichnungen vorangestellt hatte.

≫Von meinem Schreibtisch, der am Fenster steht, sehe ich hinaus auf die weiten, kahlen Felder des Hochmoores, über das der eisige Dezemberwind weht. Der Himmel ist voll grauer, wütend zusammengeballter Wolken. Man sagt, wir bekommen Schnee über Weihnachten, aber wer weiß, ob das stimmt. Hier oben in Yorkshire weiß man nie, was kommt. Man lebt von der Hoffnung …≪

Als sie den Prolog zu Ende gelesen hatte, machte sie einen Sprung in das Jahr 1907, zu der vierzehnjährigen Frances Gray, eine verzweifelten, wütenden jungen Mädchen.

Juni 1907

Sie saß am Ufer des River Swale und spielte mit den Kieselsteinen, die den Strand bedeckten. Eine angenehme Kühle stieg von dem klaren Wasser auf, und die hohen Bäume ringsum spendeten Schatten. Eine alte Frau ging langsam über die Brücke, schaute kurz zu dem Mädchen hin, kümmerte sich aber nicht weiter und machte sich an den beschwerlichen Aufstieg zur Stadt.

Richmond erhob sich hoch über dem Fluß, steile, gewundene Gassen führten hinauf. Ganz oben thronte die Burg, düster und schwer unter dem blauen Junihimmel. In den Straßen ging es immer laut zu, hörte man das Hufgetrappel der Pferde auf dem Kopfsteinpflaster und das Rollen der Kutschenräder. Aber bis zum Fluß hinunter drang kein Laut. Hier war nur das Rauschen von den Swale Falls, den unweit gelegenen Wasserfällen, zu hören, und der Gesang der Vögel.

Sie betrachtete die Zweige der Weidenbäume, die tief ins Wasser hingen und in der Strömung tanzten. Sie liebte den River Swale, liebte es, an seinem Ufer zu sitzen. Es war hier wie daheim, am Ufer des River Ure. Wenn sie hier saß, konnte sie vergessen, daß sie in Richmond war. Sie konnte sich einbilden, sie sei daheim in Wensleydale, und wenn sie aufstand, würde sie über die Wiesen nach Hause laufen.

An diesem Tag gelang es ihr nicht, sich aus der Wirklichkeit zu träumen. Immer wieder sah sie zur Burg hinauf. Und immer wieder kamen ihr die Tränen. Tränen der Wut, der Enttäuschung und der Traurigkeit.

Die alte Frau war längst verschwunden, da entdeckte sie abermals einen Schatten auf der Brücke: Es war John. Sie stand auf, strich ihren Rock glatt und fuhr sich mit dem Ärmel der steifen, weißen Leinenbluse, die zur Schuluniform gehörte, über Augen und Nase. Sie wünschte, sie hätte sich eher zusammengerissen, dann müßte sie John Leigh jetzt nicht so verheult entgegentreten.

Er hatte sie nun ebenfalls gesehen und kam auf sie zu. Sie hatte ihn längere Zeit nicht getroffen und daher den Eindruck, er sei schon wieder größer und älter geworden. Früher hatte der Altersunterschied von sechs Jahren keine Rolle gespielt. Nun wurde die Diskrepanz sichtbar: John war zwanzig und ein junger Mann; sie war vierzehn und so, wie sie heute aussah, ein kleines Mädchen.

Sie lief zu ihm hin, und sie umarmten einander. So an ihn gepreßt, fing sie schon wieder zu weinen an, sie konnte es nicht verhindern.

≫Aber, Frances≪, hörte sie ihn sagen, ≫so schlimm ist es doch nicht! Kein Grund, so verzweifelt zu sein!≪

Er schob sie ein Stück von sich weg, musterte sie besorgt, strich ihr die wirren, schwarzen Haare aus der Stirn. Sie versuchte, mit dem Weinen aufzuhören, schluckte und würgte.

≫Jetzt bin ich ja da≪, sagte John, ≫jetzt ist alles in Ordnung!≪

Frances versuchte, sein Lächeln zu erwidern, spürte aber, daß das mißglückte.

≫Wie lange kannst du bleiben?≪ fragte sie.

≫Leider nur bis morgen≪, sagte er bedauernd, ≫ich muß Sonntag abend wieder in Daleview sein. Aber für dich beginnt dann ja auch die neue Woche.≪

Sie hob den Arm, um sich erneut die Tränen abzuwischen, besann sich aber noch rechtzeitig und kramte ein Taschentuch hervor. ≫Ich wußte, du würdest kommen≪, sagte sie.

≫Wenn ich ein Notruftelegramm von dir erhalte, komme ich immer≪, entgegnete John. ≫Was hast du denn angestellt?≪

≫Ach, ich habe einer Mitschülerin den Tennisschläger auf den Kopf gehauen. Den Griff des Tennisschlägers. Sie mußte genäht werden!≪

≫Guter Gott! Und warum hast du das getan?≪

Frances zuckte mit den Schultern.

≫Es muß doch einen Grund gegeben haben≪, hakte John nach.

Frances sah an ihm vorbei auf den Fluß. ≫Sie hat dummes Zeug geredet …≪

Er seufzte. ≫Wegen deiner Mutter wieder?≪

≫Ja. Ihre genauen Worte waren: ‘Deine Mutter ist eine irische Schlampe.’ Sollte ich das einfach hinnehmen?≪

≫Natürlich nicht. Aber zuschlagen ist auch keine Lösung. Du siehst ja, letztlich hast du dann die Scherereien.≪

≫Fünf Wochen! Fünf Wochen lang darf ich nicht ein Wochenende nach Hause fahren! Das ist länger als ein Monat!≪

John nahm ihre Hand. ≫Komm. Wir gehen ein bißchen am Ufer entlang. Du mußt dich jetzt erst einmal beruhigen. Ein Monat ist gar keine so lange Zeit.≪

≫Für dich vielleicht nicht. In der Emily-Parker-Schule ist das eine Ewigkeit!≪

≫Du mußt aufhören, diese Schule so schrecklich zu hassen≪, sagte John und schob die Zweige eines Baumes zur Seite, damit sie vorbeigehen konnten, ≫versuche doch, auch etwas Gutes daran zu sehen. Du lernst eine Menge, und …≪

≫Was lerne ich denn schon? Einen Haushalt führen, kochen, stricken … lauter verdammtes Zeug! Mich weiblich benehmen! Das ist alles so …≪

≫Das stimmt nicht. Ihr habt auch anderen Unterricht: Mathematik und Literatur … und du lernst Tennis spielen. Das macht dir doch Spaß!≪ Er grinste.

≫Auch wenn du deinen Tennisschläger dann und wann für andere Zwecke mißbrauchst!≪

≫Ich würde viel lieber reiten als Tennis spielen. Aber das kann ich hier ja auch nicht!≪

≫Das kannst du an den Wochenenden zu Hause tun. Ja, ich weiß≪, sagte er rasch, als sie ihren Mund zum Protest öffnete, ≫jetzt darfst du erst mal nicht heim. Aber das ist nicht für ewig.≪

Frances blieb stehen. In einem wilden Jasminstrauch neben ihr summten die Bienen. Es roch süß und verführerisch nach Sommer.

≫Vicky ist nach Hause gefahren≪, sagte sie.

≫Klar. Sie ist eine Musterschülerin. Mach dir doch deswegen keine Gedanken.≪

≫Sie ist zwei Jahre jünger als ich. Aber sie wird mir ständig vorgehalten. ‘Nimm dir ein Beispiel an deiner kleinen Schwester, Frances!’ Ich weiß nicht, wie das geht≪, sagte Frances und schaute an sich hinunter, an dem knöchellangen dunkelblauen Rock, der weißen Bluse, in der man kaum den Kopf bewegen konnte, so hoch und steif umschloß der Kragen den Hals, ≫aber Vicky sieht selbst in dieser gräßlichen Uniform noch niedlich aus!≪

≫Du siehst auch sehr niedlich aus≪, tröstete John.

Frances wußte, daß das nicht stimmte. So süß und hübsch wie die kleine Victoria war sie ohnehin nie gewesen, aber inzwischen konnte sie sich schon überhaupt nicht mehr mit ihr messen. Sie war ziemlich in die Höhe geschossen während des letzten halben Jahres, aber dabei war sie dürr wie ein Zaunpfahl, und es schien nichts mehr an ihrem Körper zu geben, was in den Proportionen auch nur noch annähernd zueinander paßte. Ihre Haare, um die sie sich früher kaum hatte kümmern müssen, hingen strähnig herab, so daß sie sie neuerdings aufsteckte — wobei sie fand, daß ihr Kopf dann wie ein Ei aussah. Sie mochte auch ihre stahlblauen, hellen Augen nicht. Vickys Augen hatten die Farbe von dunklem Bernstein. Frances hätte ein Vermögen für diese Augen gegeben.

≫Hast du dir ein Zimmer genommen hier in Richmond?≪ fragte sie, um sich von den Gedanken um ihr Aussehen abzulenken. Sich damit zu beschäftigen, deprimierte sie stets zutiefst.

≫Ja. Denkst du, ich schlafe im Auto?≪ Die Leighs gehörten zu den ganz wenigen Menschen, die Frances kannte, die reich genug waren, bereits ein Auto zu besitzen.

≫Kann ich nicht mit zu dir kommen heute nacht?≪ fragte sie. ≫Ich habe überhaupt keine Lust, in die Schule zurückzugehen!≪

≫Also, das geht wirklich nicht≪, sagte John rasch, ≫du machst doch deine Situation nur noch schlimmer. Was meinst du, wieviel Ärger du dann erst kriegst! Ganz abgesehen≪, fügte er hinzu, ≫von den Schwierigkeiten, in die ich gerate, auch wenn ich wirklich nur die ganze Nacht im Sessel sitzend verbringe.≪

≫Ich würde ja nicht sagen, daß ich bei dir war!≪

≫Was würdest du denn dann sagen?≪ Er trat vor sie, nahm ihre beiden Hände und sah sie ernst an. ≫Frances, jetzt hör mal zu. Ich weiß, du findest es furchtbar hier. Du fühlst dich eingesperrt und unterdrückt, und du bist ein Mensch, der das ganz schlecht aushält. Aber du mußt da jetzt durch. Es sind nur noch drei Jahre. Du beißt die Zähne zusammen und schaffst das!≪

Sie atmete tief. Die drei Jahre lagen vor ihr wie eine Ewigkeit.

≫Für mich wird jetzt die Universität beginnen≪, erklärte John, ≫das ist auch kein Zuckerschlecken. Aber es muß eben sein.≪

≫Universität!≪ sagte sie bitter. ≫Da siehst du doch den Unterschied!≪

≫Welchen Unterschied?≪

≫Den zwischen dir und mir. Den zwischen Männern und Frauen. Bei dir macht das alles einen Sinn. Deine Schulzeit war auch nicht schön, aber du wußtest, wofür du das alles tust. Um später auf eine Universität zu gehen. Um das Beste aus deinem Leben zu machen. Um deine Fähigkeiten zu erkennen und zu lernen, sie richtig einzusetzen.≪

≫Das ist bei dir auch so.≪

≫Nein!≪ rief sie wütend. ≫Nein, ist es nicht! Ich muß das alles hier durchmachen für nichts! Ich werde nicht auf eine Universität gehen können. Es gibt ja kaum welche, die Frauen zulassen. Mein Vater würde die Wände hochgehen, wenn ich mit so einer Idee daherkäme.≪

≫Aber vielleicht würdest du doch einen Weg finden≪, meinte John.

Er sah erstaunt aus. Frances hatte den Eindruck, er hatte keine Ahnung gehabt, mit welchen Problemen sie sich herumschlug. Sie wußte, daß sie ein paarmal Andeutungen gemacht hatte, aber er hatte sie wohl nicht begriffen.

Oder nicht ernst genommen, dachte sie bitter.

≫Ja, vielleicht würde ich einen Weg finden≪, sagte sie, ≫aber dann gehen die Schwierigkeiten weiter. Dann werden mir Steine in den Weg gelegt bei der Berufswahl. Letzten Endes erwartet jeder von mir, daß ich einfach heirate und eine Menge Kinder bekomme!≪

≫Und das kannst du dir überhaupt nicht vorstellen?≪

Sie wandte sich ab und ging weiter. ≫Ich weiß nicht≪, sagte sie, ≫ich weiß gar nicht, was ich mir vorstelle.≪

Er lief hinter ihr her, hielt sie am Arm fest und drehte sie zu sich herum.

≫Ich freue mich, wenn du in drei Jahren von der Schule zurück nach Leigh’s Dale kommst≪, sagte er. Sein Blick umfaßte sie liebevoll. ≫Ich freue mich wirklich. Denk daran bitte auch.≪

Es war ein Versprechen von Zukunft, das konnte sie in seinen Augen lesen. Sie fragte sich, warum sie sich deshalb kein bißchen besser fühlte.

Mai 1910

Niemand konnte sich erinnern, daß je ein Mai so warm gewesen war wie der des Jahres 1910. Im Süden Englands, so schrieben die Zeitungen, mußte die Hitze fast unerträglich sein, und besonders die Londoner stöhnten und klagten. In den Straßen wurden Fässer mit Wasser aufgestellt, damit sich die Leute im Vorübergehen erfrischen konnten. Noch hatte die Feriensaison nicht begonnen, aber die reichen Leute flüchteten bereits auf ihre Landsitze.

In Yorkshire blieb es immer kühler als in den südlichen Grafschaften, aber dieser Mai war auch dort oben ungewöhnlich warm und trocken. Tag für Tag schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Die Bauern unkten bereits, ihnen stünde eine längere Dürreperiode bevor, die Ernte würde schlecht sein. Aber noch schienen die Sorgen unbegründet. Der April hatte reichlich Regen gebracht, die Wiesen leuchteten in einem frischen, kräftigen Grün. Die Schafe fraßen, als könnten sie nicht genug bekommen, und wenn man ihnen zusah, konnte man bereits den herrlich würzigen Käse schmecken, der aus ihrer Milch zubereitet werden würde. Noch berühmter als der Schafskäse allerdings war der Käse aus Kuhmilch, der ≫Wensleydale Cheese≪, der überall in England gern gegessen wurde.

Frances Gray war in diesem Frühsommer unruhig und unstet wie nie vorher. Im März war sie siebzehn Jahre alt geworden, sie empfand sich als erwachsen und hatte doch das Gefühl, als ließe das große Ereignis, das den Auftakt zum Eintritt ins Erwachsenenalter bilden sollte, unverhältnismäßig lange auf sich warten. Dabei wußte sie nicht einmal, wie dieses Ereignis aussehen sollte. Sie hatte nur den Eindruck, daß in ihrem Leben bisher nichts geschehen war und daß die Dinge so eintönig nicht weitergehen durften.

Anfang April hatte sie endlich der verhaßten Emily-Parker-Schule in Richmond den Rücken gekehrt, und sie hatte in den ersten Wochen der Freiheit gedacht, daß ihr nie mehr im Leben etwas Schlimmes zustoßen konnte. Das wirklich Schlimme hatte sie hinter sich gebracht. Bis zum Schluß hatte sie die Schule gehaßt. Sie war auf der Westhill Farm im grünen, hügeligen Wensleydale aufgewachsen, ohne Zwänge, war barfuß gelaufen im Sommer, war ohne Sattel und Zaumzeug auf den Pferden herumgaloppiert, hatte im Schneidersitz auf dem Küchentisch gesessen und ihrer Großmutter beim Geschichtenerzählen zugehört. Es war ihr unerträglich gewesen, in einem düsteren Haus in der Stadt eingekerkert zu sein, in einem Schlafsaal mit neun anderen Mädchen zu liegen, schweigend, denn Sprechen war verboten. Bei Ausflügen mußten sie paarweise hintereinander hergehen, sie durften nicht rennen — außer im Sportunterricht —, durften nicht laut lachen und keine anzüglichen Witze, wie Frances sie von den Farmarbeitern her kannte, erzählen. Einmal hatte Miss Parker, die Schulleiterin, Frances im Schneidersitz auf dem Bett überrascht. Sie war völlig außer sich geraten, hatte Frances liederlich und verdorben genannt und ihr ein schlimmes Ende prophezeit, denn eine Dame, die ihre Beine nicht immer geschlossen hielt, forderte Männer zu unaussprechlichen Gedanken heraus, denen im schlimmsten Fall sogar Taten folgen mochten. Miss Parker hatte sich fast noch mehr aufgeregt als über jenen denkwürdigen Zwischenfall mit dem Tennisschläger; dabei gab es in der ganzen Schule nicht ein einziges männliches Wesen und somit niemanden, der irgendwelche gefährlichen Gedanken hegen konnte. Es interessierte Frances auch nicht sonderlich, welche Meinung die alte Parker von ihr hatte, aber da auf schlechtes Benehmen unweigerlich das Verbot folgte, am Wochenende nach Hause zu fahren, bemühte sie sich schließlich doch um ein einigermaßen angemessenes Betragen. Sie bekam schließlich ein überraschend gutes Abschlußzeugnis. Alles, was sie dachte, war: Aus! Es ist vorbei! Jetzt werde ich endlich leben!

Nach all den Jahren qualvollen Heimwehs hätte Westhill nun das Paradies für sie sein müssen. Aber irgend etwas hatte sich verändert — und es dauerte einige Wochen, ehe Frances begriff, daß sie nicht mehr dieselbe war. Unmerklich hatte sich während der vergangenen Jahre die Kindheit von ihr verabschiedet; unmerklich deshalb, weil sie sie in ihrer Sehnsucht und Traurigkeit wie einen Schatz gehütet und ihr Ende nie in Erwägung gezogen hatte. Nun fand sie das barfüßige Mädchen nicht mehr, das den Geschichten seiner Großmutter lauschte und auf den Pferden herumgaloppierte. Verwirrt stand sie vor der Erkenntnis, daß sie es versäumt hatte, sich auf den Lebensabschnitt vorzubereiten, der nun vor ihr lag.

Der Mai mit seiner ungewöhnlichen Wärme schien eine einzige große Verheißung zu sein, und Frances’ Unruhe nahm noch zu.

≫Ich frage mich, wie es weitergeht mit mir≪, sagte sie eines Morgens zu ihrer Mutter. Es war Freitag, der sechste Mai, ein Datum, dessen sie sich später aus vielerlei Gründen erinnern sollte. ≫Ich kann ja nicht für alle Zeiten daheim sitzen und nichts tun!≪

Ihre Mutter, Maureen Gray, war gerade damit beschäftigt, in ihrem Schlafzimmer nach den Klaviernoten zu kramen; jeden Moment müßte ihre Klavierlehrerin eintreffen, und sie wollte die Stücke vorher noch einmal spielen. ≫Schatz, das wird sich alles finden≪, sagte sie etwas zerstreut, ≫warum genießt du nicht einfach erst einmal den Sommer?≪

≫Wie denn? Es ist hier nichts los! Jeder Tag vergeht wie der andere!≪

≫Aber als du noch in Richmond zur Schule gingst, hast du immer gesagt, wie sehr dir Westhill und das Leben hier fehlen. An den Wochenenden hast du gejammert, weil du lernen mußtest und nicht tun konntest, was du wolltest. Nun kannst du es. Du wolltest endlich wieder in einer blühenden Wiese liegen und in den Himmel sehen, du …≪

≫Mutter, das kann ich aber nicht den ganzen Tag über machen≪, unterbrach Frances mit gereizter Stimme. ≫Es ist einfach … ich kann nicht da weitermachen, wo ich aufgehört habe. Ich bin nicht mehr zwölf! Ich bin siebzehn!≪

Maureen tauchte aus dem Schrank auf und strich sich über die Haare. Sie stand kurz vor ihrem 37. Geburtstag, hatte bereits vier Kinder geboren, von denen eines die ersten Wochen nicht überlebt hatte, und sah aus wie ein junges Mädchen. Frances, im Aussehen keltisch wie ihr Vater, beneidete ihre Mutter um deren honigblondes Haar und die bernsteinbraunen Augen. Maureens Farben trugen alle einen Goldton in sich, waren warm, sanft und harmonisch.

Frances’ Farben hingegen waren kühl und herb. Nicht der Anflug eines rosigen Schimmers milderte das Weiß ihrer Haut, nicht eine einzige helle Strähne zog sich durch das tiefe Schwarz ihrer Haare. In Miss Parkers Schule hatten die Mädchen gesagt, sie sähe ≫interessant≪ aus. Das Wort ≫hübsch≪ war nie gefallen.

≫Übernächste Woche findet doch das Frühlingsfest bei den Leighs statt≪, sagte Maureen nun. ≫Freust du dich nicht darauf?≪

≫Doch. Aber ich kann doch nicht von einem Fest zum anderen tanzen. Das ist kein Lebensinhalt!≪

≫Frances, es wird nicht lange dauern, und einer der jungen Männer aus der Umgebung hält um deine Hand an. Du wirst heiraten, du wirst Kinder haben, du wirst einen Haushalt führen. Du wirst dich ärgern, daß du dir diesen schönen Sommer mit Grübeleien verdorben hast, anstatt ihn richtig zu genießen. Wenn du nämlich deine eigene Familie hast, wird es nicht mehr viel Freizeit geben!≪

≫Ich fühle mich viel zu jung, um zu heiraten und Kinder zu kriegen.≪

≫Ich war auch siebzehn, als ich mein erstes Kind bekam!≪

≫Das war zu deiner Zeit anders. Du warst anders. Ich kann mir im Moment einfach nicht vorstellen, mich für einen Menschen zu entscheiden, mit dem ich dann mein ganzes Leben verbringe!≪

Maureen seufzte. Frances wußte, daß nach Ansicht ihrer Mutter derartige Gespräche zu nichts führten. Sie war überzeugt, daß sich Frances plötzlich verlieben, ihre Meinung über Kinder und Ehe von einem Tag zum anderen umstoßen und gar nicht mehr verstehen würde, warum sie so lange Zeit unzufrieden gewesen war.

≫Wie steht es denn eigentlich mit dir und John Leigh?≪ bohrte sie vorsichtig nach. ≫Ihr seid doch praktisch seit Kindertagen verlobt!≪ Sie lächelte, und dieses Lächeln machte Frances ärgerlich.

≫Ach, Mutter, das war doch damals … das ist lange her. Er hat mich nie mehr gefragt.≪

≫Wahrscheinlich machst du ständig ein so mißgelauntes Gesicht, daß er sich das gar nicht traut≪, meinte Maureen. Sie zuckte zusammen, als von draußen eine Hupe erklang. ≫O Gott, Mrs. Maynard ist schon da, und ich habe die Noten immer noch nicht gefunden! Lauf hinunter und sage ihr, sie soll schon ins Wohnzimmer gehen. Ich komme sofort!≪

Mrs. Maynard, die Klavierlehrerin, war bekannt für ihre taktlose Art. Frances wußte, daß sie heute mürrisch aussah, und wunderte sich nicht, daß Mrs. Maynard sofort eine Bemerkung darüber machte. ≫Was hat dir denn die Suppe versalzen?≪ fragte sie. ≫Liebeskummer?≪

≫Nein≪, erwiderte Frances verärgert. Sie fragte sich, weshalb die Leute bei einem jungen Mädchen nie auf die Idee kamen, es könnte andere Probleme haben als Liebeskummer.

≫Ich habe etwas, das deine Laune heben wird!≪ sagte Mrs. Maynard und kramte in ihrer Tasche. Sie förderte einen Briefumschlag zutage und wedelte damit vor Frances’ Nase herum. ≫Ich komme gerade von den Leighs. Die alte Mrs. Leigh bildet sich ja neuerdings ein, unbedingt Klavier spielen zu müssen. John Leigh bat mich, dir diesen Brief mitzubringen!≪ Sie drückte ihn Frances in die Hand.

≫Ist John denn daheim?≪ fragte Frances erstaunt. John studierte in Cambridge und kam selten nach Hause.

≫Seinem Vater geht es nicht gut≪, erklärte Mrs. Maynard, ≫ich weiß nichts Genaues, aber deswegen ist John jedenfalls hierhergekommen.≪

Es mußte ernst sein, mutmaßte Frances. John kam sicher nicht wegen einer Erkältung seines Vaters von Cambridge nach Leigh’s Dale.

≫Der Brief ist zugeklebt≪, sagte Mrs. Maynard augenzwinkernd. ≫Du kannst es nachprüfen. Natürlich hat es mich fast zerrissen zu erfahren, was drinsteht, aber Wasserdampf war unterwegs nicht zu haben!≪ Sie lachte laut auf und marschierte an Frances vorbei ins Haus, wo man sie gleich darauf rufen hören konnte: ≫Maureen! Hallo, Maureen! Ich bin es, Dorothy!≪

Frances verdrehte die Augen und überlegte, wohin sie sich verziehen könnte, um den Brief in aller Ruhe zu lesen. Seit ihrer Rückkehr aus Richmond hatte sie John nur einmal kurz gesehen, an Ostern, während des Gottesdienstes. Es waren viele Leute um sie herum gewesen, und sie hatten kaum ein Wort wechseln können.

Sie sah sich also um, und wie immer, wenn sie Westhill Farm und die Landschaft darum bewußt wahrnahm, stieg ein Gefühl von Frieden in ihr auf und von Dankbarkeit dafür, hier leben zu dürfen. So weit das Auge reichte, nur grüne, hügelige Wiesen, grasende Kühe und Schafe, kleine, dunkle Waldstücke dazwischen, hier und da ein Bach, der sich einen Berg hinabschlängelte. Die Weiden wurden kreuz und quer von niedrigen Steinmauern durchzogen, die uneben waren und schief, von Moos oder kleinen lilafarbenen Blumen bewachsen. Ein breiter Feldweg führte vom Haus den Abhang hinunter zu der gewundenen Landstraße, auf der man in der einen Richtung nach Leigh’s Dale und dann weiter nach Askrigg gelangte, in der anderen Richtung nach Daleview, dem Herrenhaus der Familie Leigh. Den Leighs gehörte seit Generationen alles Land in der Umgebung, mit Ausnahme des — vergleichsweise bescheidenen rundes der Westhill Farm. Seit mindestens zweihundert Jahren versuchten die Leighs in jeder Generation von neuem, an das Westhill-Land zu kommen. Es war ihnen nie geglückt, und auch Charles Gray, Frances’ Vater, lehnte jedes noch so verlockende Angebot des alten Arthur Leigh ohne das geringste Zögern ab.

Frances ging um das Haus herum und betrat durch eine kleine Pforte den Garten. Der Eindruck von blühender, duftender Wildnis, der sie empfing, täuschte insofern, als hier nichts zufällig wuchs und wucherte. Jede Blume, jeden Busch, jeden Baum hatte Maureen mit Bedacht und Sorgfalt gepflanzt. Man lief zwischen Heckenrosen und riesigen Rhododendronbüschen entlang, konnte im Schatten der Obstbäume oder unter den melancholisch herabhängenden Zweigen einer Trauerweide träumen. Nur noch wenige Wochen, und die Rosen würden blühen, und der Garten würde überwuchert sein von den rosafarbenen und violetten Blüten der Fuchsien.

Solange sie zurückdenken konnte, war es ein tief vertrauter Anblick für Frances, ihre Mutter irgendwo zwischen Büschen und Bäumen knien und in der Erde graben zu sehen. Sie hatte einmal gesagt, das sei ihre Art, mit den Problemen und Sorgen des Alltags fertig zu werden. ≫Wenn ich Erde zwischen den Fingern fühle, wenn ich sehe, daß eine neue Knospe sich entfaltet hat, wenn ich den Duft der Rosen rieche, dann lösen sich meine Sorgen so schnell in Luft auf, daß ich gar nicht mehr verstehe, warum ich einen Moment vorher noch so bedrückt war!≪

Frances vermochte Maureen in dieser Hinsicht nicht nachzueifern, denn sie haßte es, auf den Knien zu rutschen und mit schmerzendem Kreuz gegen das Unkraut zu Felde zu ziehen. Trotzdem begriff sie, was in Maureen vorging, denn auf eine andere Weise gab ihr das Land ebensoviel Kraft wie Maureen.

Sie setzte sich auf die weißgestrichene Bank unter einem der Kirschbäume und öffnete den Brief. Eine Karte fiel ihr in den Schoß, auf der John in seiner geschwungenen Schrift eine Nachricht für sie verfaßt hatte.

≫Liebe Frances≪, las sie, ≫ich möchte heute am späteren Nachmittag unbedingt mit Dir sprechen. Wollen wir zusammen ausreiten? Ich bin gegen fünf Uhr bei Dir.≪

≫Jetzt möchte ich wirklich wissen, was er will≪, murmelte Frances. Sie hob den Kopf und entdeckte ihre Schwester Victoria, die den Gartenweg entlang auf sie zukam. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, Johns Brief in ihrer Rocktasche verschwinden zu lassen.

≫Hallo, Frances! Ich habe dich schon gesucht! Warum sitzt du hier herum?≪ rief sie.

≫Und warum bist du überhaupt schon da?≪ fragte Frances. ≫Seit wann lassen sie euch bei Miss Parker so früh ins Wochenende? Zu meiner Zeit war das, weiß Gott, anders!≪

≫Es grassiert der Keuchhusten in der Schule≪, erklärte Victoria, ≫wir dürfen für mindestens zwei Wochen überhaupt nicht wiederkommen!≪

≫Warum hatte ich nur nie soviel Glück≪, sagte Frances mißgünstig. ≫Bei uns gab es nie Keuchhusten oder etwas Ähnliches. Hoffentlich hast du dich nicht schon angesteckt!≪

≫Ich glaube nicht. Ach, es ist wirklich schön, plötzlich Ferien zu haben!≪

≫Das glaube ich dir≪, meinte Frances, aber sie war ganz sicher, daß dieses unerwartete Geschenk für Victoria nicht das gleiche bedeutete, was es früher für sie, Frances, bedeutet hätte. Victoria ging keineswegs ungern in Miss Parkers Schule. Sie liebte es, mit den anderen Mädchen herumzugackern, sie steckte durchaus gerne in der steifleinenen Schuluniform, in der sich Frances immer wie ein Häftling vorgekommen war. Sie war keine besonders gute Schülerin, brillierte aber im Gesangsunterricht und beim Nähen. Miss Parker nannte sie ≫eine meiner liebsten Schülerinnen≪ und ließ ihr jede Menge Privilegien zukommen. Frances hatte die Gedanken der alten Lehrerin immer an deren Stirn ablesen können: Wie gibt es das nur, daß zwei Schwestern so verschieden sind!

Und wer die beiden jetzt gesehen hätte, wäre derselben Ansicht gewesen. Mit ihren fast fünfzehn Jahren sah Victoria wie eine entzückende Puppe aus. Nichts war zu bemerken von der Formlosigkeit, unter der Frances in diesem Alter gelitten hatte. Sie ähnelte stark ihrer Mutter, hatte deren goldene Farben, ihr hübsches Lachen, die gleiche samtene Stimme. Sie war immer süß, immer niedlich gewesen, jeder hatte sie verwöhnt und verhätschelt, ihr jeden Wunsch erfüllt. Als winziges, rosiges, pummeliges Baby hatte sie die Leute zu Begeistungsausbrüchen hingerissen. Jeder wollte sie halten, streicheln, an sich drücken. Frances, bei Victorias Geburt zwei Jahre alt, war wach und intelligent genug gewesen, dies durchaus zu registrieren und voll schmerzhafter Eifersucht zu beobachten. Maureen erzählte ihr später, sie selbst sei ein ganz anderes Baby gewesen, erschreckend mager, aber sehr zäh und von einer ungeheuren Entschlossenheit, alles schneller und früher zu können als andere Babys. Greifen, Krabbeln, Laufen — mit allem begann sie außergewöhnlich früh und übte so lange voller Verbissenheit, bis sie es konnte.

Maureen hatte es nie so deutlich ausgesprochen, aber auch so war es Frances klar, daß die Menschen von ihr nie so entzückt gewesen waren wie von Victoria. Ihr Vater hatte seiner jüngsten Tochter den Namen der von ihm verehrten Königin Victoria gegeben, und erst viel später war Frances der Gedanke gekommen, wie eigenartig es war, daß nicht sie als erstgeborene Tochter auf diesen Namen getauft worden war. Aber offenbar war ihm dieser Gedanke beim Anblick des mageren Babys mit den zu hellen blauen Augen, das Maureen in März des Jahres 1893 zur Welt gebracht hatte, nicht gekommen. Erst die hinreißende, pausbäckige Tochter, die man ihm zwei Jahre später in die Arme gelegt hatte, wurde von ihm für würdig befunden, den Namen der großen Regentin zu tragen.

An diesem Maitag hatte Victoria ein knöchellanges, dunkelblaues Matrosenkleid an, trug dunkelblaue Schnürstiefel und eine hellblaue Schleife in den langen, dunkelblonden Haaren, die wie Honig in der Sonne glänzten und sich leicht wellten.

Noch zwei oder drei Jahre, dachte Frances, und die Männer rennen uns hier ihretwegen die Tür ein!

≫George ist übrigens auch angekommen≪, sagte Victoria, ≫vor fünf Minuten. Mit einer Mietkutsche aus Wensley.≪

≫George? Was will der denn?≪ Ihr Bruder besuchte in Eton die Schule und kam nur in den Ferien nach Hause.

≫Er hat jemanden mitgebracht.≪

≫Einen Freund?≪

≫Eine Frau!≪ betonte Victoria. ≫Sie sieht ganz gut aus, ist aber irgendwie eigenartig.≪

Eine Frau. Das klang interessant. Von allen Menschen auf der Welt war es wohl George, ihr großer Bruder, den Frances am meisten liebte und bewunderte. Er war auch der einzige Mensch, dem sie praktisch kritiklos gegenüberstand.

George war gutaussehend, klug, feinfühlig, charmant … sie hätte ihn mit unendlich vielen schmeichelhaften Attributen schmücken mögen. George würde in diesem Jahr seinen Abschluß in Eton machen. Wenn er mitten in seinen Prüfungsvorbereitungen bis hinauf nach Yorkshire fuhr, vermutlich für nicht mehr als ein oder zwei Tage, und dann noch eine Frau dabeihatte, konnte Frances eins und eins zusammenzählen. Er wollte das Mädchen der Familie vorstellen. Das sah nach einer ernsten Geschichte aus.

≫Warum sagst du das nicht gleich?≪ fragte sie und stand auf. ≫Wo sind die beiden jetzt? Ich will George begrüßen!≪

Und diese Frau unter die Lupe nehmen, dachte sie.

George stand vor dem Haus und konnte sich kaum der zweijährigen Mischlingshündin Molly erwehren, die ihn stürmisch umkreiste und immer wieder laut bellend an ihm hochsprang, außer sich vor Begeisterung über seine Rückkehr. Es schien, als wisse sie genau, daß sie George ihr Leben verdankte. Als halbtotes Bündel Elend hatte er sie zwei Jahr zuvor an einem dunklen, kalten Herbstabend am Straßenrand gefunden. Er hatte Ferien gehabt, und während dieser zwei Wochen war er jede Nacht immer wieder aufgestanden, um das winzige Tier mit Milch und Eigelb zu füttern. Wann immer George fortmußte, kam es zu einem herzzerreißenden Abschied, und wenn er zurückkehrte, verlor Molly fast den Verstand vor Glück.

≫George!≪ rief Frances schon von weitem, dann rannte sie auf ihn zu und fiel ihm in die weit geöffneten Arme. Sie schloß die Augen. Er roch so gut! Er fühlte sich so gut an!

Sie hörte ihn lachen, zärtlich und leise. ≫Manchmal weiß ich nicht, wer sich mehr freut, mich zu sehen, du oder Molly? Auf jeden Fall fühle ich mich davon sehr geschmeichelt.≪

Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn an. ≫Bleibst du länger?≪

Er schüttelte bedauernd den Kopf. ≫Ich hätte eigentlich überhaupt nicht weggedurft. Ich müßte jede Minute büffeln. Aber …≪ Er sprach nicht weiter, sondern blickte zur Seite, und Frances, die seinem Blick folgte, sah eine junge Frau, die an Mrs. Maynards Automobil gelehnt dastand, nun aber auf die Geschwister zukam.

≫Alice, darf ich dir meine Schwester Frances vorstellen?≪ fragte George.

≫Frances, das ist Miss Alice Chapman.≪

≫Guten Tag, Frances≪, sagte Alice. Sie hatte eine tiefe, warme Stimme. ≫Ich habe viel von Ihnen gehört. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.≪

Frances reichte Alice zögernd die Hand. ≫Guten Tag≪, sagte sie.

Die beiden Frauen musterten einander abschätzend. Frances fand, Victoria habe recht gehabt; Alice sah in der Tat sehr gut aus. Sie hatte feine, ebenmäßige Gesichtszüge, dunkelgrüne Augen, eine schön gebogene Nase. Die kupferbraunen Haare trug sie streng zurückfrisiert. Sie war klein und zierlich und strahlte eine beinahe fühlbare Energie aus. Es ging etwas ungemein Tatkräftiges von ihr aus. Vielleicht war es das, was Victoria mit ≫eigenartig≪ gemeint hatte.

≫Weißt du, George≪, sagte Alice nun, ≫vielleicht solltest du erst einmal alleine hineingehen und deine Mutter auf meine Anwesenheit vorbereiten. Ich schaue mich hier draußen noch ein wenig um. Deine Schwester ist vielleicht so nett, mir Gesellschaft zu leisten?≪

≫Wir könnten in den Garten gehen≪, meinte Frances.

George nickte. ≫In Ordnung. Offenbar hat Mutter ohnehin gerade ihre Klavierstunde. Wir sehen uns dann später.≪ Er lächelte Alice zu. Frances erkannte Anbetung in seinen Augen. Sie hatte das bedrückende Gefühl, daß er der Verliebtere von beiden und der Unterlegene war. Alice Chapman hatte ihn fest im Griff.

Victoria hatte sich verzogen, jedenfalls war keine Spur mehr von ihr zu sehen. Alice setzte sich auf das Steinmäuerchen am Ende des Gartens. Westhill lag auf einem Hügel, und von hier oben hatte man einen herrlichen Blick über die sich auf der anderen Seite anschließenden Täler und auf die Stallungen und die Häuser der Farmarbeiter, die zu Westhill gehörten.

Alice sah sich um und atmete tief durch. ≫Es tut gut, draußen zu sein. Die Bahnfahrt war endlos. In Wensley, oder wie der Ort heißt, hat George dann eine Kutsche gemietet.≪ Sie lächelte. ≫Wie idyllisch es hier ist!≪

≫Manchmal ist es auch ein bißchen langweilig≪, meinte Frances. Sie setzte sich neben Alice. ≫Woher kennen Sie meinen Bruder?≪

≫Wir haben uns bei einer Demonstration kennengelernt. Na ja, das ist untertrieben. Es war schon eher eine richtige Schlacht.≪ Sie lachte. ≫Sie sehen ja ganz fassungslos aus, Frances! Ich glaube, Sie versuchen gerade, sich Ihren Bruder als Teilnehmer einer Demonstration vorzustellen. Aber seien Sie ganz beruhigt. Er hatte nichts damit zu tun. Wir sind in den Unterricht in Eton eingedrungen und haben unsere Plakate entrollt. Es gab ziemlichen Tumult.≪

≫Wer ist wir?≪

≫Die WSPU. Von der haben Sie doch sicher schon gehört?≪

Natürlich hatte sie von der WSPU gehört, der ≫Women’s Social and Political Union≪. Es war die Partei der militanten Frauenrechtlerinnen um Emmeline und Christabel Pankhurst, die für das Frauenwahlrecht stritten — mit zunehmend radikalen Mitteln. Es wurde viel von ihnen gesprochen, zumeist in abfälliger Weise. Die meisten Männer verhöhnten sie mit derben Worten — von ≫Mannweibern≪ war die Rede, von ≫unbefriedigten Schlampen≪, von ≫häßlichen Krähen≪ und ≫armen Irren≪.

Frances konnte nicht recht verstehen, weshalb manche Männer so taten, als müßte das Empire zusammenbrechen in dem Fall, daß die Frauen das Wahlrecht bekamen. ≫Nächstens soll noch mein Hund über das politische Schicksal Englands mitbestimmen!≪ hatte sich der alte Arthur Leigh kürzlich erst in gesellschaftlicher Runde entrüstet und dabei selber wie ein gereizter Hund geknurrt. Alle Anwesenden hatten gelacht und applaudiert, auch die Frauen. Frances wußte, daß selbst ihr Vater, Tory-Wähler zwar, aber seiner Einstellung nach im Grunde ein Liberaler, den Suffragetten — wie man sie nach ihrem Ziel, dem Wahlrecht ≫Suffrage≪, nannte — ablehnend gegenüberstand.

≫Politik ist nichts für Frauen≪, sagte er immer. Maureen hatte sich nie dazu geäußert, was Frances als stillschweigende Zustimmung gedeutet hatte. Sie nahm sich nun aber vor, ihre Mutter unter vier Augen noch einmal danach zu fragen.

≫Ich habe noch nie jemanden gekannt, der zur WSPU gehörte≪, sagte sie nun.

≫Ich nehme an, Ihre Eltern achten sehr darauf, mit wem Sie Umgang pflegen≪, meinte Alice spöttisch, ≫und Frauenrechtlerinnen dürften da kaum erwünscht sein.≪

≫Meine Eltern achten auch sehr darauf, mit wem George Umgang hat.≪

≫Ja≪, sagte Alice, ≫ich kann es mir denken. Sie werden alles andere als entzückt sein, wenn er mich ihnen vorstellt.≪

Das befürchtete Frances auch. Es wunderte sie darüber hinaus, weshalb George sich in dieses Mädchen verliebt hatte. Alice war attraktiv und sicher sehr klug, aber Frances konnte sich nicht vorstellen, daß George nicht größte Vorbehalte gegen ihre Überzeugung hegte.

≫George …≪, begann sie vorsichtig, und Alice lachte erneut.

≫Ich weiß. Er ist überhaupt nicht einverstanden mit dem, was ich tue. Wahrscheinlich hofft er, daß ich zur Vernunft komme, wenn ich älter werde, aber ich bin fast sicher, daß er da auf dem Holzweg ist. Vielleicht wird er ja vernünftig.≪

≫Möchte er Sie heiraten?≪ fragte Frances neugierig.

Alice zögerte. ≫Ja≪, sagte sie schließlich, ≫das möchte er. Ich weiß nur noch nicht, ob ich das auch will.≪

Während Frances noch über die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage nachdachte — eine Frau, die sich nicht glücklich schätzte, daß George Gray sie heiraten wollte! —, kramte Alice in ihrer Tasche und zog eine flache, braune Schachtel hervor, der sie eine Zigarre entnahm.

≫Möchten Sie auch?≪ fragte sie.

Frances hatte natürlich nie geraucht und zudem gelernt, daß eine Dame das ohnehin nicht tat. Aber da sie nicht wie ein kleines Mädchen dastehen wollte, murmelte sie gelassen: ≫Ja, gern.≪

Sie verschluckte sich gleich beim ersten Zug und mußte minutenlang gegen eine heftige Hustenattacke ankämpfen. Alice wartete geduldig, bis sie fertig war, dann stellte sie fest: ≫Das ist Ihre erste Zigarre, nicht?≪

Da es keinen Sinn hatte, dies abzustreiten, nickte Frances und wischte sich die Tränen aus den Augen. ≫Ja. Ich hab’ das noch nie gemacht.≪

Sie erwartete eine spöttische Bemerkung, aber Alice sah sie nur ruhig an. ≫Wie alt sind Sie?≪ fragte sie.

≫Siebzehn≪, antwortete Frances und nahm vorsichtig einen zweiten Zug. Es schmeckte scheußlich, aber diesmal mußte sie wenigstens nicht husten.

≫Siebzehn, aha. Ich bin zwanzig, also auch nicht viel älter, aber ich habe schon eine Menge erlebt. Ich könnte mir vorstellen, dazu hätten Sie auch Lust. Sie kommen mir vor wie ein ziemlich behütetes Mädchen, das ganz gerne das Leben kennenlernen würde. Oder möchten Sie einfach tun, was von Ihnen erwartet wird? Heiraten, Kinder bekommen, ein geselliges Haus führen und Damentees veranstalten?≪

≫Ich … weiß nicht …≪, sagte Frances. Sie hatte etwas zu hastig weitergeraucht, und nun hatte sie auf einmal die größten Schwierigkeiten, sich auf Alices Worte zu konzentrieren. Ihr wurde sterbensübel, ihr Magen revoltierte, und vor ihren Augen flimmerte es.

O nein, dachte sie entsetzt. Ich werde mich übergeben. Vor den Augen einer Fremden!

≫Sie sollten mich einmal in London besuchen≪, fuhr Alice fort, ≫ich könnte Sie mit einigen sehr interessanten Menschen bekannt machen.≪

Frances rutschte von der Mauer. Ihre zitternden Beine schienen sie kaum tragen zu wollen. Von weither vernahm sie Alices Stimme: ≫Frances? Was ist denn mit Ihnen? Sie sind ja leichenblaß!≪

Kräftige Arme packten sie um die Mitte, hielten sie fest. Ihr war so schlecht wie noch nie in ihrem Leben. Sie begann zu würgen.

≫Guter Gott, das ist meine Schuld≪, hörte sie Alice sagen, ≫ich hätte Ihnen keine Zigarre geben dürfen!≪

Frances beugte sich über ein dichtes Gebüsch von Farnen und erbrach ihr Frühstück.

John Leigh erschien nicht. Nicht um fünf Uhr, wie er in seinem Brief angekündigt hatte, nicht um sechs Uhr, und auch um halb sieben ließ er sich nicht blicken.

≫Es wird wirklich Zeit, daß wir uns ein Telefon anschaffen≪, sagte Frances wütend zu ihrer Mutter. ≫Dann könnte ich in so einem Fall John wenigstens anrufen. Ich hoffe, er hat eine gute Erklärung für sein Verhalten.≪

≫Sicher hat er die≪, meinte Maureen. Sie sah angespannt aus. Eine Stunde zuvor hatte George ihr und seinem Vater erklärt, daß er beabsichtige, Miss Chapman zu heiraten. Charles Gray hatte mehr über die junge Frau wissen wollen, und dabei war herausgekommen, daß sie Mitglied der WSPU war. Charles war so wütend geworden, daß selbst Maureen Mühe gehabt hatte, ihn zu beruhigen.

≫Aber warum hast du das erzählt?≪ fragte Frances später, als George ihr von der Unterredung berichtete und dabei sehr deprimiert wirkte.

Er hob resigniert die Schultern. ≫Sonst hätte sie es gesagt. Irgendwann heute oder morgen hätte Vater sie ja mal gefragt, was sie so macht.≪

≫Und da hätte sie wahrheitsgemäß geantwortet?≪

George lachte, aber es klang nicht fröhlich. ≫Darauf kannst du Gift nehmen! Vornehme Zurückhaltung ist leider gar nicht Alices Sache. Sie hätte ihm lang und breit ihre Ziele auseinandergesetzt und sich bemüht, ihn von der Notwendigkeit zu überzeugen, dafür zu kämpfen. Du kannst dir denken, wie die beiden aneinandergeraten wären!≪

So hatte nur er die Wut seines Vaters abbekommen. Charles hatte schließlich sogar kategorisch erklärt, er werde ≫diese Person≪ nicht in seinem Haus dulden. Es war nur Maureens Überredungskünsten zu verdanken, daß er schließlich einwilligte, Alice Chapman bis zur Abreise des Paares in Westhill zu beherbergen.

Maureen, die gerade den Tisch für das Abendessen im Eßzimmer deckte, tauchte für einen Moment aus ihren trüben Gedanken um die Zukunft ihres Sohnes und die unerwarteten Probleme auf. Sie musterte Frances eindringlich.

≫Bist du traurig, weil John nicht gekommen ist?≪ fragte sie. ≫Oder warum bist du so blaß? Du siehst richtig schlecht aus!≪

Frances hatte sich von den Auswirkungen der Zigarre noch nicht erholt. ≫Mir ist nicht besonders gut≪, sagte sie, ≫aber das hat nichts mit John zu tun. Er ist mir ziemlich egal, ehrlich gesagt. Aber ich glaube nicht, daß ich etwas essen kann.≪

≫Setz dich zu uns und versuche es. Der Abend wird schwierig genug, auch ohne daß du noch ausfällst. Himmel, konnte sich George nicht irgendein anderes Mädchen aussuchen?≪

Nach und nach trafen alle Familienmitglieder ein. Am Kopfende des Tisches saß Charles Gray, wie immer zum Abendessen im dunklen Anzug, hellgrauer Weste und Seidenkrawatte. Den Status, der ihm von Geburt her zugestanden hätte, hatte er verloren, aber um so mehr bemühte er sich, an gewissen Konventionen festzuhalten. Dazu gehörten elegante Kleidung, Kerzenlicht am Abend, das vollständige Erscheinen der — soweit anwesenden — Familie. Es grämte ihn sehr, daß er Maureen für alle im Haus anfallenden Arbeiten nur eine einzige Hilfe, die energische Haushälterin Adeline, zur Verfügung stellen konnte. Weitere Angestellte hätte er nicht bezahlen können, wenn er gleichzeitig seine Kinder auf gute Schulen schicken wollte.

Am anderen Ende des Tisches saß Maureens Mutter, Kate Lancey. Kate trug ein bodenlanges, schwarzes Kleid, ein schwarzes Häubchen auf den weißen Haaren und als einzigen Schmuck eine dünne Goldkette mit einem Kreuz um den Hals. Sie war eine kleine, spindeldürre Person, die wirkte, als würde sie beim leisesten Windhauch umfallen. In Wahrheit war sie zäher und gesünder als der Rest der Familie zusammen. Gestählt durch lange, harte Jahre in den Slums von Dublin, die sie an der Seite eines sich langsam zu Tode saufenden Ehemannes verbracht hatte, und durch den täglichen schweren Kampf darum, sich und ihr Kind vor dem Verhungern zu bewahren. Großmutter Kate hatte genug mitgemacht, um sich durch nahezu nichts mehr auf der Welt erschüttern zu lassen.

George und Alice kehrten von einem Spaziergang zurück, George mit bedrückter Miene, Alice in bester Laune. Sie hatte Blumen gepflückt, die sie Maureen überreichte. Victoria erschien, mit ihren roten Wangen, den blonden Haaren und den leuchtenden Augen schön wie ein Gemälde. Ihr Anblick entlockte dem in eisigem Schweigen verharrenden Charles ein kurzes Lächeln. Sie war sein erklärter Liebling. Sie sah aus wie Maureen, und sie hatte ihm noch nie Sorgen bereitet.

Die Stimmung blieb angespannt und verkrampft. Charles starrte vor sich hin und sagte kein Wort. Frances stocherte in ihrem Essen, konnte noch immer keinen Bissen herunterbringen und sprach eben falls nicht. George sah aus, als wolle er am liebsten das Zimmer verlassen. Selbst Victoria war verstummt; sie hatte bemerkt, daß etwas nicht stimmte, kannte jedoch nicht den Grund und wollte sich nicht mit einer ungeschickten Bemerkung in Ungnade bringen.

≫Das Essen schmeckt ganz ausgezeichnet≪, sagte Alice schließlich, ≫muß man die Haushälterin dafür loben oder Sie, Mrs. Gray?≪

≫Leider kann ich diesen Ruhm nicht beanspruchen≪, entgegnete Maureen bemüht heiter. ≫Er gebührt Kate. Sie hat heute gekocht.≪

≫Ich bewundere Sie, Mrs. Lancey≪, sagte Alice. ≫Ich selbst kann überhaupt nicht kochen, mir fehlt jedes Geschick dafür.≪

≫Man kann es lernen≪, sagte Kate, ≫es ist nur eine Frage der Übung.≪

Charles hob den Kopf. ≫Ich nehme an, Miss Chapman ist nicht im geringsten daran interessiert, kochen zu lernen, Kate. Das dürfte mit ihren Prinzipien kollidieren. Nach ihrer Ansicht gehören Frauen schließlich nicht in die Küche, sondern in die Wahllokale!≪

≫Charles!≪ sagte Maureen warnend.

≫Vater!≪ zischte George. Victoria machte große Augen.

Alice schenkte Charles ein liebenswürdiges Lächeln. ≫Ich denke nicht, daß Küche und Wahllokale einander ausschließen≪, meinte sie, ≫oder können Sie mir dafür einen überzeugenden Grund nennen, Mr. Gray?≪

≫Möchte noch jemand etwas Gemüse?≪ fragte Maureen hastig.

Niemand antwortete. Alle starrten Charles an.

≫Eine Frau, Miss Chapman≪, sagte er langsam, ≫denkt von ihrem ganzen Wesen, ihrer Veranlagung her, nicht politisch. Sie ist daher auch nicht in der Lage, Aufbau, Ziele und Vorstellungen einer Partei zu erfassen. Sie würde ihre Stimme aufgrund diffuser Emotionen und völlig irrationaler Ideen abgeben. Ich halte es für außerordentlich gefährlich, die politische Zukunft eines Landes etwa zur Hälfte in die Hände von Menschen zu geben, die nicht die mindeste Ahnung haben, worum es überhaupt geht!≪

Frances sah, daß George fast der Atem stockte. Charles’ Worte mußten eine unerträgliche Provokation für Alice darstellen. Sie hatte sich jedoch gut im Griff.

≫Wie viele politische Diskussionen haben Sie schon mit Frauen geführt, Mr. Gray?≪ fragte sie. ≫Es müssen viele gewesen sein, da Sie den Frauen mit solcher Sicherheit das Fehlen jeglichen politischen Bewußtseins absprechen!≪

≫Eine politische Diskussion habe ich noch mit keiner einzigen Frau geführt!≪ erwiderte Charles heftig. ≫Und deshalb weiß ich ja, daß …≪

≫Lag das an den Frauen oder an Ihnen? Ich meine, haben Sie nie eine Frau getroffen, die bereit oder interessiert gewesen wäre, mit Ihnen über Politik zu sprechen, oder waren Sie nie bereit?≪

In Charles’ Augen begann es gefährlich zu glimmen. Wer ihn kannte, wußte, daß er sich bemühen mußte, höflich zu bleiben.

≫Ich glaube nicht≪, sagte er betont ruhig, ≫daß uns diese Haarspaltereien weiterbringen.≪

≫Und ich glaube, daß genau hier der springende Punkt liegt≪, sagte Alice. ≫Frauen diskutieren mit Männern nicht über Politik, weil Männer ihnen keinen Moment lang zuhören würden. Frauen schweigen in diesen Fragen, weil es für sie keinen Sinn hat, eine Meinung zu äußern. Daraus auf ein Unvermögen der Frauen zu schließen, sich mit Politik zu befassen und womöglich sogar durchaus vernünftige Gedanken zu allgemeinen Problemen zu äußern, halte ich, gelinde gesagt, für infam.≪ Ihre Miene war unverändert freundlich geblieben, aber ihre Stimme hatte einen scharfen Ton angenommen.

Charles legte sein Besteck nieder. ≫Ich glaube, niemand hat etwas dagegen, wenn Sie dieses Haus verlassen, Miss Chapman≪, sagte er.

≫Fürchten Sie uns Frauenrechtlerinnen so sehr, daß Sie nicht einmal ein Gespräch über unsere Forderungen ertragen?≪ fragte Alice spöttisch und stand auf.

George warf seine Serviette auf den Teller. ≫Wenn sie geht, gehe ich auch, Vater≪, sagte er drohend.

Charles nickte. ≫Sicher. Jemand muß sie schließlich zum Bahnhof nach Wensley bringen.≪

George sprang auf. Er war kalkweiß geworden. ≫Wenn ich jetzt gehe, komme ich nicht zurück≪, sagte er.

≫George!≪ rief Frances entsetzt.

Charles sagte nichts. Er sah seinen Sohn unentwegt an. George wartete einen Moment. Dann sagte er mit vor Empörung und Erregung zitternder Stimme: ≫Von dir hätte ich das nicht erwartet, Vater. Ausgerechnet von dir! Du müßtest wissen, was ich fühle. Nachdem dein eigener Vater mit dir gebrochen hat, weil du und Mutter …≪

Nun sprang Charles auf. Einen Moment schien es, als wolle er George ins Gesicht schlagen. ≫Hinaus!≪ schrie er. ≫Hinaus! Und wage es nie wieder, deine Mutter zu vergleichen mit dieser … dieser unerträglichen Suffragette, die weder Mann noch Frau, sondern nur ein armes Geschöpf irgendwo dazwischen ist!≪

George ergriff Alices’ Hand. ≫Komm! Laß uns verschwinden, bevor ich nicht mehr weiß, was ich tue!≪ Er zog sie zur Tür. Dort stießen sie beinahe mit John Leigh zusammen, der gerade hereinkam und überrascht auf die Szenerie blickte, die sich ihm bot. Er trug Reitstiefel und war etwas außer Atem.

≫Guten Abend≪, sagte er, ≫entschuldigen Sie, daß ich …≪

≫Wir wollten gerade gehen≪, sagte George und schob Alice aus dem Zimmer.

Charles stand noch immer vor seinem Platz, seine Hände zitterten. ≫Guten Abend, Mr. Leigh≪, sagte er, bemüht, seine Fassung wiederzufinden.

≫John Leigh!≪ rief Frances anzüglich. ≫Mit dir hätte ich wirklich nicht mehr gerechnet!≪

Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu. Sie bemerkte, daß sein Gesicht aschfahl war und er sehr erregt schien. ≫Was ist denn passiert?≪ fragte sie.

≫Wollen Sie sich zu uns setzen?≪ fragte Maureen. ≫Ich werde ein neues Gedeck für Sie …≪

Er wehrte ab. ≫Nein danke. Ich muß gleich wieder weiter. Ich wollte Ihnen nur … Sie wissen es noch nicht, oder?≪

≫Was?≪ fragte Charles.

≫Verwandte aus London haben angerufen≪, sagte John. ≫Seine Majestät der König ist heute nachmittag gestorben.≪

Alle sahen einander an, geschockt und entsetzt.

≫O nein≪, sagte Maureen leise.

≫Das ist eine schlimme Nachricht≪, murmelte Charles, ≫eine sehr schlimme Nachricht.≪ Er schien plötzlich in sich zusammenzufallen, sah auf einmal älter und grauer aus.

≫Ich muß wieder nach Hause≪, sagte John, ≫mein Vater ist sehr krank und regt sich entsetzlich auf. Frances … es tut mir wirklich leid wegen heute nachmittag!≪

≫Schon gut. Unter diesen Umständen …≪

Maureen erhob sich. ≫Ich begleite Sie zur Tür, Mr. Leigh≪, bot sie an. ≫Wir sind Ihnen sehr dankbar, daß Sie extra herübergekommen sind.≪

Frances wußte, daß ihre Mutter vor allem darauf hoffte, draußen noch auf George und Alice zu treffen und mit ihnen sprechen zu können. Sosehr es Maureen bedauern mochte, daß der König tot war — schwerer wog an diesem Abend für sie das Zerwürfnis zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn.

Es war sehr still im Zimmer, nachdem Maureen und John gegangen waren. Schließlich sagte Charles leise: ≫Der König ist tot … eine Ära ist zu Ende gegangen.≪

Er sah durch das Fenster in den warmen Abend hinaus. Eine Ahnung, daß sich die Zeiten dramatisch ändern würden, mochte ihm durch den Kopf gehen. König Edward hatte die letzte Verbindung zu jenem England dargestellt, in dem Charles Gray aufgewachsen war, das ihn geformt und sein Weltbild verkörpert hatte. In einer Zeit fortschreitender Liberalisierung, einer Zeit des Aufruhrs, der Klassenkämpfe, der lautstarken Kritik an vertrauten Traditionen war König Edward noch immer ein Teil der viktorianischen Epoche gewesen, hatte ihre Werte und Ideale verkörpert. Mit seinem Tod starb eine Ära. Was nun kommen würde, schien unsicher und bedrohlich.

Charles griff nach seinem Weinglas. Seine Hand zitterte noch immer.

≫Gott schütze England≪, sagte er.

Es hatte lange gedauert, ehe Frances wirklich begriff, daß ihre Familie anders war als andere Familien, und warum das so war. Als Kind war ihr die Welt, in der sie aufwuchs, so vertraut und angenehm, daß sie nichts daran jemals in Zweifel gezogen hätte. Sie besaßen beileibe nicht so viel Geld wie die Leighs oder die Leute, die auf Daleview aus und ein gingen; aber sie hatten immer genug zu essen, hübsche Kleider zum Anziehen, ein großes, altes Haus, in dem sich alle wohl und geborgen fühlten. Manchmal betrachtete Frances Mrs. Leigh mit einer gewissen Ehrfurcht, denn sie trug stets wunderschöne Kleider, die nach der neuesten Mode gearbeitet und über und über mit Rüschen, Spitzen und Bändern verziert waren. Ihr Haar ließ sie sich jeden Morgen von einem Dienstmädchen sehr sorgfältig frisieren. Sie sprach mit leiser Stimme, saß stets mit einer Teetasse in der Hand oder mit einer Stickerei im Salon ihres Hauses und dirigierte eine ganze Schar von Dienstboten mit einer Strenge und Härte, die niemand dieser zarten Person mit dem feinen Stimmchen zugetraut hatte. Mrs. Leigh hatte häufig Migräne oder fühlte sich anderweitig unwohl, und dann durfte niemand im Haus ein lautes Wort sprechen — man mußte auf Zehenspitzen schleichen und alle Türen lautlos öffnen und schließen.

Für Frances, die in einem Haus aufwuchs, in dem ständig drei Kinder die Treppe hinauf und hinunter und durch den Garten tobten, war das äußerst ungewohnt, und nachdem sie Mrs. Leigh mit all ihren Wehwehchen eine Zeitlang recht elegant gefunden hatte, begann sie doch ihre eigene Mutter wieder deutlich vorzuziehen.

Maureen war nie krank gewesen, soweit sich ihre Kinder erinnern konnten, und nie saß sie mit blassem Gesicht und einer Teetasse in der Hand im Wohnzimmer herum. Sie trug wesentlich schlichtere Kleider als Mrs. Leigh und steckte sich die Haare am Morgen selber auf. Wenn sie in ihrem geliebten Garten arbeitete, sang sie oft mit ihrer kräftigen, etwas rauchigen Stimme irische Volkslieder. Es gab wenig, was sie ihren Kindern verbot; darüber hinaus ließ sie in einem solchen Fall jegliche Konsequenz vermissen und hob ihre Verbote auf, sowie die Kinder sie bedrängten.

John Leigh, der einzige Sohn auf Daleview, hingegen führte ein sehr reglementiertes Leben, durfte dies nicht und das nicht, und jedes ≫Nein≪ seiner Mutter hatte die Bedeutung eines unumstößlichen Gesetzes. Zu irgendeinem Zeitpunkt hatte Frances nicht mehr die geringste Lust, mit ihm zu tauschen. Dennoch ging sie gern hinüber. Trotz der sechs Jahre, die zwischen ihnen lagen, gab es eine Zeit, in der sie viel miteinander spielten. Frances verehrte John, und wenn der es manchmal langweilig fand, seine Zeit mit einem kleinen Mädchen zu verbringen, so hatte er doch keine Wahl: Mit George Gray verstand er sich nicht besonders, und mit den Kindern aus Leigh’s Dale oder mit denen der Gutsarbeiter durfte er natürlich nicht spielen. Aber dann wurde Frances eines Tages Zeugin eines Gesprächs zwischen Mr. und Mrs. Leigh und erfuhr zum ersten Mal, daß man sie hier keineswegs als standesgemäß ansah.

Sie war damals acht Jahre alt gewesen. John besuchte bereits ein Internat, aber gerade waren die Ferien angebrochen. Sie wollte ihn sofort besuchen, aber er hatte keine Zeit und schickte sie nach ein paar ausgetauschten Höflichkeiten wieder fort. Gewohnheitsmäßig schlich sie die Treppe hinunter, denn man konnte nie wissen, ob Mrs. Leigh nicht gerade schlief oder wieder unter Kopfschmerzen litt. Als sie am Salon, dessen Tür einen Spaltbreit offenstand, vorbeikam, hörte sie ihren Namen. Neugierig blieb sie stehen.

≫Ich finde wirklich, die kleine Frances ist zu oft hier≪, sagte Mrs. Leigh. Wie immer klang ihre Stimme lieblich, hatte aber einen nörgelnden Unterton. ≫Wir müssen das wirklich einschränken, Arthur.≪

≫Es ist doch nur für die Ferien! Danach …≪

≫Die Ferien sind lang.≪

≫Wie soll ich das denn machen?≪ fragte Arthur. ≫Ich kann doch nicht die Enkelin von Lord Gray …≪

≫Du darfst sie nicht direkt als seine Enkelin sehen. Schließlich hat er sich von der Familie dieses Sohnes völlig distanziert.≪

≫Deshalb bleibt Frances doch seine Enkelin. Sie ist kein einfaches Bauernmädchen oder so etwas!≪

Eine Teetasse klirrte leise. Mrs. Leigh schien sie etwas heftiger abgestellt zu haben als gewöhnlich. ≫Sie ist ein halbes Bauernmädchen, Arthur, darüber müssen wir uns im klaren sein. Mein Gott, ich werde es einfach nie begreifen, wie Charles Gray sich soweit vergessen konnte, dieses kleine irische Ding zu heiraten! Ich frage mich einfach, was er an dieser Frau findet!≪

Arthur Leigh, den die ewigen Kopfschmerzen seiner Frau längst in die Arme und das Bett einer üppigen blonden Bürgersfrau aus Hawes getrieben hatten — die halbe Grafschaft wußte davon, und auch Frances erfuhr es später —, hatte wohl durchaus ein gewisses Verständnis für die Gründe, die Charles Gray an die sinnliche, lebensfrohe Maureen Lancey aus Dublin geschmiedet hatten, wenn er wohl auch nicht begriff, weshalb Charles nicht ein ähnliches Arrangement getroffen hatte wie er selbst — und wie es durchaus auch in allerhöchsten Kreisen üblich war: Daheim hatte man die vornehme Gattin aus guter Familie und mit untadeligem Ruf, aber für all die besonderen Bedürfnisse, die ein Mann dann und wann hatte und die seine Ehefrau nur schockiert hätten, unterhielt man eine kleine amouröse Geschichte nebenher. Man ging mit den Mädchen der unteren Klassen ins Bett, aber niemals heiratete man sie. Charles Gray mochte durchaus ehrenhaft gehandelt haben, in den Augen seinesgleichen war er jedoch einfach ein Trottel.

Arthur klang recht unbehaglich. ≫Das ist eine schwierige Situation. Ich kann nicht einfach zu Charles Gray gehen und ihm sagen, daß seine Kinder nicht mehr mit meinem Sohn verkehren dürfen!≪

≫So direkt können wir es natürlich nicht ausdrücken. Aber wir werden den Kontakt mehr und mehr einschränken, indem wir Ausreden benutzen, bis sie es begriffen haben. Und sie werden es begreifen.≪ Sie hatte die Unnachgiebigkeit in der Stimme, mit der sie schon viele Leute, die sie zunächst unterschätzten, überrascht hatte. Es wirkte fast ein wenig gehässig, als sie hinzufügte: ≫Wegen dieser Mesalliance wird Gray sein Leben lang unangenehme Konsequenzen tragen müssen. Wir und unsere Familie, Arthur, sind nicht dazu da, sie ihm zu erleichtern.≪

≫Sicher, Liebes≪, meinte Arthur bedrückt, und das nachfolgende Klirren von Eiswürfeln, die in ein Glas fielen, verriet, daß er nach diesem Gespräch einen Drink brauchte.

Frances lief die Treppe hinunter und rannte den ganzen Weg bis nach Hause. Einmal fiel sie hin und schlug sich das Knie blutig, aber sie rappelte sich sofort wieder auf und beachtete den Schmerz kaum. Daheim stürmte sie ins Haus und rief sofort nach ihrer Mutter.

Sie fand ihre Eltern im Wohnzimmer, wo sie Hand in Hand am Fenster standen und einander ansahen. Das Licht der Abendsonne fiel als breiter, glühendroter Streifen durch die Scheiben und beleuchtete Charles’ Gesicht. Frances, so klein und unerfahren sie war, begriff den Ausdruck in seinen Zügen. Voller Zärtlichkeit und Hingabe betrachtete er seine Frau.

≫Mutter!≪ Sie wußte nicht, daß das Blut von ihrem aufgeschlagenen Knie durch den Stoff ihres Kleides drang und daß Erdspuren auf ihren Wangen verliefen.

≫Mutter, werde ich nie mehr mit John spielen dürfen?≪

Maureen und Charles schraken zusammen und starrten ihre Tochter an. Maureen stieß einen Schreckenslaut aus. ≫Was hast du denn gemacht? Du bist ja ganz dreckig im Gesicht! Und was ist das da? Blut?≪

≫Ich bin hingefallen. Es ist nicht schlimm. Mutter, Mrs. Leigh hat gesagt, John darf nicht mehr mit mir spielen. Weil ich ein halbes Bauernmädchen bin. Und sie versteht nicht, warum Vater dich geheiratet hat!≪

≫Das hat sie zu dir gesagt?≪ fragte Charles ungläubig.

Frances senkte schuldbewußt den Kopf. Sie wußte, daß es sich nicht gehörte, zu lauschen. ≫Ich habe gehört, wie sie es zu Mr. Leigh gesagt hat.≪

≫Das ist unglaublich!≪ Charles’ Gesicht war rot geworden vor Zorn. Mit raschen Schritten ging er zur Tür. ≫Ich werde sofort Arthur aufsuchen und ihm erklären, was ich von ihm halte!≪

≫Nicht, Charles!≪ Maureen griff nach seinem Arm. ≫Du änderst damit nichts. Wir wissen, daß die Leute alle in dieser Art über uns reden. Wir sollten es überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen!≪

≫Ich will nicht, daß die Kinder darunter leiden!≪

≫Sie werden damit konfrontiert werden, das kannst du nicht verhindern.≪ Maureen strich Frances durch das Haar. ≫Das einzige, was wir tun können, ist, ihnen genügend Selbstvertrauen zu geben, damit sie immer auf sich und ihre Familie stolz sind.≪

Maureen war dreizehn Jahre alt gewesen, als ihre Mutter Dublin den Rücken gekehrt und mit ihr nach England ausgewandert war. Kate Lancey hatte längst die Rolle des Familienernährers übernommen, denn ihr Mann hatte seine Arbeit verloren; und wenn er hin und wieder doch eine Stelle fand, flog er nach spätestens zwei Tagen wegen ständiger Trunkenheit erneut hinaus. Kate ging von morgens bis abends zum Putzen in ein Krankenhaus, und an den Wochenenden half sie als Köchin bei wohlhabenden Familien aus, die für ihre großen Abendessen eine Aushilfe brauchten.

Dennoch hatte, solange Maureen zurückdenken konnte, das Geld nie gereicht. Die Lanceys lebten in einer kleinen, feuchten Wohnung in den Slums von Dublin, einer trostlosen Ecke, die aus Straßen voller Pfützen und Unrat und gleichförmigen, schmutziggrauen Häuserzeilen bestand. Die meisten Wohnungen hatten nur zwei Zimmer, manchmal eine winzige Küche, aber meist wurde im Wohnraum gekocht. In diesen engen Behausungen lebten oft sechsoder siebenköpfige Familien, und im Vergleich zu ihnen hatten es die Lanceys, die nur zu dritt waren, noch gut. Die Eltern besaßen ihr eigenes Schlafzimmer, eine kleine Kammer mit schiefem Fußboden, die nach Norden ging und nie richtig hell wurde. Maureen hatte nachts das Wohnzimmer für sich und bekam ihr Bett auf dem durchgesessenen Sofa eingerichtet. Manchmal fühlte sie sich recht allein und hätte gerne Geschwister gehabt, aber Kate wies jede diesbezügliche Bitte sofort weit von sich.

≫Der größte Fehler in meinem Leben war, daß ich deinen Vater geheiratet habe≪, sagte sie immer, ≫aber ich werde diesen Fehler bestimmt nicht noch schlimmer machen, indem ich nun auch noch ein Kind nach dem anderen bekomme. Kannst du mir verraten, wovon die alle satt werden sollen? Außerdem würden wir einander hier nur auf den Füßen herumstehen!≪

Kate sprach immer sehr verächtlich von den Leuten in der Nachbarschaft, die sich ≫wie die Kaninchen≪ vermehrten und ihrer Ansicht nach ihr Elend damit nur verschlimmerten. Sie selbst hielt sich ihren Mann energisch vom Leib, aber Dan Lancey kam ohnehin meist viel zu betrunken nach Hause. Bei den seltenen Gelegenheiten, da er sich nüchtern und stark genug fühlte, seine Frau sexuell beglücken zu wollen, wies sie ihn so scharf zurück, daß er sich verschüchtert in eine Ecke verzog. Er war ein schwacher und gutmütiger Mensch, seiner Trunksucht völlig ausgeliefert und nicht im mindesten in der Lage, für eine Familie zu sorgen — aber er wurde nie gewalttätig, weder gegen Kate noch gegen Maureen. Das war der Grund, weshalb Kate es so lange mit ihm aushielt. Sie bekam mit, wie es in den Nachbarsfamilien zuging, und ihr war klar, daß sie mit Dan nicht den schlechtesten Griff getan hatte.

Aber oft lag sie nachts wach, weil die Sorgen sie nicht schlafen ließen. Die Miete mußte bezahlt werden, das Essen, sie brauchten Holz für den Ofen. Maureen wuchs aus ihren Kleidern heraus, und ihre Schuhe hielten kaum noch; für den Winter würde sie neue haben müssen. Und neben ihr schlief Dan seinen Rausch aus …

Dan ging schon morgens zu früher Stunde ins Pub und kehrte erst abends zurück. Natürlich brauchte er Geld für die Unmengen an Schnaps, die er konsumierte. Von Kate bekam er nichts, und sie achtete auch darauf, daß nie Geld in der Wohnung lag, von dem er sich selbst hätte bedienen können. Aber er griff sich, was nicht nietund nagelfest war, und trug es zu den Händlern, wo er nicht die Hälfte von dem bekam, was die Gegenstände einstmals gekostet hatten. Aber für einen Tag im Pub reichte es immer.

An einem kalten Novembermorgen verschwand er mit den Winterstiefeln, die Kate für Maureen gekauft und sich buchstäblich vom Mund abgespart hatte; sie hatte Nachtschichten im Krankenhaus eingelegt, um das Geld zusammenzubekommen. Dan erhielt noch eine recht ansehnliche Summe für die Stiefel, was ihn veranlaßte, sich im Pub wie ein Krösus aufzuspielen und seinen Kumpanen eine Runde nach der anderen zu spendieren. Kate erfuhr am Abend von den Nachbarn davon. Sie sagte kein Wort, aber in den dunklen ersten Stunden des nächsten Tages erschien sie fertig angezogen und mit einer Tasche in der Hand vor Maureens Sofa.

≫Steh auf, zieh dich an≪, befahl sie, ≫wir gehen fort.≪

Schlaftrunken und vor Kälte zitternd suchte Maureen ihre Sachen zusammen und zog sich an. Im Nebenzimmer konnte sie ihren Vater schnarchen hören.

≫Wohin gehen wir? Was wird aus Dad?≪

≫Wir stellen uns jetzt auf eigene Füße≪, sagte Kate, ≫denn von ihm haben wir nur Ärger zu erwarten. Er muß sehen, wie er allein zurechtkommt.≪

Maureen weinte zwei Tage und zwei Nächte lang, weil sie, trotz allem, sehr an ihrem Vater hing und große Angst um ihn hatte. Aber sie wagte nichts mehr zu sagen, denn das Gesicht ihrer Mutter trug einen Ausdruck von so wilder Entschlossenheit, daß sie wußte, jede Debatte wäre völlig zwecklos.

Von ihrem letzten Geld bezahlte Kate die Überfahrt mit dem Schiff von Irland nach England. Am 22. November des Jahres 1886 kamen sie in Holyhead an. Von dort ging es weiter nach Sheffield und dann nach Hull, wo Kate eine Stellung in einer Tuchfabrik fand. Sie mußte nicht weniger hart arbeiten als zuvor in Dublin, aber wenigstens gab es nun niemanden mehr, der ständig versuchte, etwas von ihrem Geld oder ihren Erwerbungen für sich abzuzweigen. Sie konnte ein einigermaßen anständiges Zimmer für sich und Maureen mieten, und sie konnte Maureen sogar zur Schule schicken, einer kleinen Schule für Arbeiterkinder, wie es sie nur selten gab und wo nur das Notwendigste gelehrt wurde. Maureen erwies sich als eifrige, ehrgeizige Schülerin. Sie begann jedes Buch zu lesen, das ihr in die Hände fiel, und Kate, die den Wissensdurst ihrer Tochter unterstützte, wo sie nur konnte, verzichtete oft tagelang auf ihr Stück Brot am Mittag, um für Maureen ein neues Buch kaufen zu können. Maureen eignete sich auf diese Weise eine Bildung an, die weit über das hinausging, was einem Mädchen ihrer Herkunft für gewöhnlich überhaupt an Wissen zugestanden wurde.

Es war eine schöne Zeit, in der sich die intensive Beziehung zwischen Kate und Maureen täglich vertiefte. Für Maureen war ihre Mutter die stärkste Frau der Welt, pragmatisch, zielstrebig, hart und entschlossen im Durchsetzen dessen, was sie sich einmal vorgenommen hatte. Sie leistete sich kaum einmal den Luxus, zurückzublicken und vergangenen Tagen, Stunden, Geschehnissen nachzuhängen. Nur ganz selten ließ sie es zu, daß Erinnerungen in ihr auflebten; dann erzählte sie ihrer Tochter manchmal von ihrer Jugendzeit in einem kleinen Dorf in der Nähe von Limerick, ganz im Westen Irlands, dort, wo das Land grün war und feucht und oft wochenlang im Regen versank. Sie erzählte von der Kraft, mit der der Atlantik gegen die Küste brandete, und von den dunklen Wolkentürmen, die er mit sich brachte. ≫Stundenlang lief ich über die Klippen, blickte über das Meer, und wenn ich nach Hause ging, spiegelte sich der Himmel in den Pfützen auf den Feldwegen, und in dem schillernden Wasser meinte ich, eine wunderbare Zukunft zu sehen …≪

Maureen dachte an die elenden Jahre in Dublin und schaute sich dann in dem winzigen Zimmer um, das sie beide in Hull bewohnten; und insgeheim fand sie, daß sich nicht einer der Zukunftsträume verwirklicht hatte, die Kate geträumt haben mochte. Sie zog für sich selbst eine Erkenntnis daraus: keine schönen Bilder von der Zukunft, keine Phantasien über ein besseres Leben. Hart arbeiten und aus dem Augenblick das Beste machen. Das wurde Maureens persönliche Philosophie.

Und dann, sie war sechzehn, traf sie Charles Gray.

Charles Gray war der drittälteste Sohn von Lord Richard Gray, dem achten Earl Langfield. Die Grays waren reich und snobistisch, lebten das üppige, abwechslungsreiche Leben ihres Standes, das aus Politik, Jagdgesellschaften und Bällen bestand, aus Polospielen und Opernbesuchen. Lord Gray hatte einen Sitz im Oberhaus und hegte die feste Überzeugung, der Besitz von Landgütern und das Ausüben von Regierungsämtern gehöre untrennbar zusammen. Die Grays bewohnten in London ein säulengeschmücktes Haus am Belgravia Square, besaßen zudem ihr Familiengut in Sussex und ein weiteres Gut in Devon. Ebenso gehörte ihnen ein großes Stück Land in Wensleydale in Yorkshire: eine Schaffarm mit einem geräumigen Wohnhaus, das nur ≫die Jagdhütte≪ genannt wurde. Hierher, auf die Westhill Farm, kamen sie zur Moorhuhnjagd Ende August und zur Fuchsjagd im Oktober. Diese Jagden wurden als große gesellschaftliche Ereignisse zelebriert, und wochenlang fanden jeden Abend Festlichkeiten statt, die bis in den frühen Morgen dauerten.

Bei einem solchen Anlaß traf im Herbst des Jahres 1889 Charles Gray, der zwar nicht den Grafentitel, aber beachtliche Ländereien erben würde, die junge Maureen Lancey aus den Slums von Dublin.

Es ging Kate nicht gut zu dieser Zeit, und Maureen hatte eine Arbeit angenommen, um etwas Geld zu verdienen. Sie hatte eine Stelle als Küchenhilfe bei einer wohlhabenden Familie in Leeds gefunden und war von der Hausherrin für eine Woche an Lady Gray gewissermaßen verliehen worden, da diese anläßlich der Rotwildjagd im September Abend für Abend große Diners veranstaltete. So kam Maureen zum ersten Mal nach Westhill. Mit einem anderen Mädchen mußte sie sich einen kalten, fensterlosen Raum im Keller zum Schlafen teilen und ansonsten vom frühen Morgen bis tief in die Nacht in der Küche stehen, um für die Annehmlichkeiten zu sorgen, die zum ≫einfachen Landleben≪ der feinen Gesellschaft gehörten.

Die Liebe traf sie und Charles ohne Vorwarnung. Charles war zu diesem Zeitpunkt schon über dreißig Jahre alt, und in seiner Familie sorgte man sich bereits, weil er noch immer keine Wahl für eine Heirat getroffen hatte. Mit seinen dunklen Haaren und den hellen blauen Augen war er ein gutaussehender Mann, aber linkisch und schüchtern, viel zu gehemmt, als daß er eine Frau hätte angemessen umwerben können. Zeitlebens hatte er unter seinem jähzornigen, aufbrausenden Vater gelitten und nicht das geringste Selbstwertgefühl entwickelt. Die reichen, hübschen Mädchen, mit denen seine Mutter ihn eifrig zu verkuppeln suchte, verschreckten ihn mit ihrer koketten, schnippischen Art. Anstatt bei Geselligkeiten verbrachte er seine Zeit lieber mit langen Wanderungen durch die Natur. Je mehr Druck er von seinen Eltern wegen einer Heirat spürte, um so mehr zog er sich in sich selbst zurück.

Er sah Maureen bewußt zum ersten Mal, als er an einem Morgen während jener Jagdwoche ungewöhnlich früh aufwachte und lange bevor das offizielle Frühstück serviert wurde — in die Küche von Westhill schlich und um einen Kaffee bat. Maureen war dort gerade ganz allein beschäftigt. Sie sah müde aus, aber sie lächelte liebenswürdig und sagte: ≫Guten Morgen, Sir. Schon ausgeschlafen?≪

Vermutlich waren es ihre rauchige Stimme und der zarte Anklang des irischen Dialektes, die Charles elektrisierten, gefolgt von ihrem goldfarbenen Haar, den Katzenaugen und dem weichen Lächeln.

Die Geschichte ihrer Abreise aus Dublin, die Zeit in Hull, die erste Begegnung mit Charles in Westhill — davon erzählte Maureen ihren Kindern später immer bereitwillig und sehr ausführlich. Die Berichte über das, was dann kam, wurden knapper. Offensichtlich begann Charles rasch ein Verhältnis mit ihr, wobei sie, ungewöhnlicherweise, wohl seine erste sexuelle Erfahrung darstellte. Darüber verfiel er ihr vollkommen. Schon bald mußte in ihm das Gefühl erwacht sein, ohne dieses irische Mädchen nicht mehr leben zu können.

Eine Zeitlang glückte es ihnen, ihre Romanze geheimzuhalten. Maureen mußte nach Leeds zurück, und sie trafen sich in verschwiegenen Landgasthöfen zwischen Leeds und Leigh’s Dale. Schließlich konnte Charles seinen Aufenthalt in Westhill nicht länger ausdehnen und fuhr wieder nach London; aber dort wurde er halb krank vor Sehnsucht und reiste nun ständig zwischen London und Yorkshire hin und her. Dies fiel seiner Familie natürlich auf, und sein Vater ließ umgehend Nachforschungen anstellen.

Er fand schnell heraus, daß Charles ein Verhältnis mit einem Dienstmädchen hatte, aber das erschütterte ihn zunächst keineswegs. Im Gegenteil, es zerstreute eine Reihe von Sorgen, die er sich wegen Charles’ Zurückhaltung gegenüber Frauen insgeheim schon gemacht hatte. Endlich wurde ein Mann aus dem Jungen. Er sollte sich ruhig gründlich die Hörner abstoßen und dann ein Mädchen aus seiner Gesellschaftsschicht heiraten.

Im Mai des Jahres 1890 teilte Maureen Charles entsetzt mit, daß sie schwanger sei. Das Kind werde im Dezember zur Welt kommen.

≫Das macht überhaupt nichts≪, entgegnete Charles, ≫ich wollte dich sowieso fragen, ob du meine Frau werden möchtest.≪

Maureen, obwohl gerade erst siebzehn geworden, stand wesentlich fester mit beiden Beinen im Leben als der naive Charles und wußte, daß ein Drama auf sie beide zukam.

≫Überleg dir das gut≪, warnte sie, ≫deine Familie wird alles andere als erfreut darüber sein.≪

≫Sie werden sich daran gewöhnen müssen≪, erwiderte Charles.

Der Sturm, der nun losbrach, war so heftig, daß er ein weniger fest aneinandergeschmiedetes Paar, als es Maureen und Charles bereits waren, auseinandergerissen hätte. Der alte Richard Gray bekam einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen, während sich seine Frau nur noch schluchzend in ihrem Zimmer einschloß und niemanden mehr um sich haben wollte.

≫Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen!≪ brüllte Richard seinen Sohn an. ≫Es ist völlig unmöglich, was du da vorhast! Es ist ausgeschlossen!≪

≫Ich werde Maureen heiraten, Vater. Mein Entschluß steht fest, und du kannst nichts mehr daran ändern≪, entgegnete Charles mit einer Unnachgiebigkeit in der Stimme, die noch niemand je bei ihm erlebt hatte.

Richard hegte einen bestimmten Verdacht und fragte: ≫Ist sie … ich meine, ist sie …?≪

≫Ja. Sie erwartet ein Kind.≪

≫Nun, das ist doch keine Tragödie, Junge!≪ Richard bemühte sich, seine Fassung wiederzufinden und ruhig zu sprechen. ≫Ich weiß, was in dir vorgeht. Du willst wie ein Ehrenmann handeln. Das ist sehr anständig, aber du tust weder ihr noch dir einen Gefallen, wenn du deine Zukunft wegwirfst. Wir werden sie nicht im Stich lassen, das verspreche ich dir. Sie bekommt Geld. Genug Geld, damit sie das Kind in Ruhe aufziehen kann und dabei nicht im Elend leben muß. In Ordnung? Das ist weit mehr, als sie je hätte erwarten können.≪

Charles sah seinen Vater voller Widerwillen an. ≫Sie würde unser Geld gar nicht nehmen≪, sagte er verächtlich, ≫sie würde es dir vor die Füße werfen. Und außerdem heirate ich sie nicht aus Anstand. Sondern weil ich sie liebe!≪

Richard wurde dunkelrot im Gesicht. ≫Du heiratest sie nicht!≪ schrie er. ≫Sie ist ein Dienstmädchen! Und was noch schlimmer ist, sie ist Irin! Und was am allerschlimmsten ist, sie ist katholisch!≪

≫Das weiß ich alles.≪

≫Du setzt keinen Fuß mehr in die gute Gesellschaft, wenn du das tust!≪

≫Auf die gute Gesellschaft kann ich gerne verzichten.≪

≫Ich werde dich enterben. Du bekommst nichts! Nichts! Und du wirst nicht mehr mein Sohn sein!≪

Charles zuckte nur mit den Schultern. Später sagte Maureen manchmal, sie werde sich bis an ihr Lebensende dafür schämen, in dieser Zeit an Charles gezweifelt zu haben. Sie hatte geglaubt, er werde nicht durchhalten, werde letzten Endes nicht die Kraft haben, den Bruch mit seiner Familie zu ertragen.

In Wahrheit hätte Charles es nicht ertragen, von Maureen getrennt zu werden. Er blieb standhaft, auch als ihm sein Vater tatsächlich den Anspruch auf Ländereien und Vermögen aberkannte. Laut Gesetz stand Charles jedoch eine Abfindung zu, deren Höhe sich am geschätzten Wert des Gesamtvermögens orientieren mußte. Er bekam die Westhill Farm in Yorkshire sowie einen Geldbetrag, den er sofort anlegte, um einen monatlichen Ertrag daraus zu haben. Das Geld hatte er ursprünglich ablehnen wollen, aber Maureen mahnte, er solle nicht die Zukunft ihrer Kinder außer acht lassen. Nur mit Hilfe des Geldes war es ihnen dann auch tatsächlich später möglich, George auf eine exklusive Schule wie Eton zu schicken.

Der Kontakt zwischen Charles und seiner Familie riß völlig ab. Seine Eltern und seine beiden Brüder ließen nichts mehr von sich hören. Lediglich seine Schwester Margaret, die immer sehr an ihm gehangen hatte und unverheiratet in London lebte, schrieb regelmäßig und besuchte ihn auch einige Male. Sie verstand sich gut mit Maureen. Beide Frauen bemühten sich immer wieder, Charles zu einem Versöhnungsversuch mit seinem Vater zu bewegen, doch Charles weigerte sich beharrlich. Margaret berichtete, daß auch Richard, den sie ebenfalls mehrfach hatte überreden wollen, seinem Sohn die Hand zu reichen, jedes Entgegenkommen verweigerte.

≫Ich warte, bis er eines Tages angekrochen kommt≪, lautete sein einziger Kommentar, ≫und ich bin ganz sicher, er wird kriechen.≪

Frances bedauerte es nie, daß sie nicht in dem Luxus aufgewachsen war, der ihrem Vater zugestanden hätte. Sie wußte, daß ihre Kindheit und Jugend nie so frei und unbeschwert verlaufen wäre. Die Yorkshire Dales, die sie so liebte, wären dann nicht ihre Heimat, sondern nur ein gelegentliches Ferienziel gewesen. Sie hätte nie barfuß herumlaufen oder im Herrensitz reiten dürfen. Sie hätte keine Mutter gehabt, die im Garten kniete und in der Erde grub und dabei irische Lieder sang. Und nie hätte sie den angenehmen Schauder empfunden, mit dem sie Großmutter Kate beobachtete, wenn diese abends in der Küche saß und ihren Rosenkranz betete, die Perlen rasch durch die Finger gleiten ließ und geheimnisvolle, lateinische Worte dabei murmelte.

Es war der 20. Mai 1910, ein brütendheißer Tag. Bienen brummten satt und schwerfällig durch die Luft, und ein überwältigender Blütenduft strömte aus Wäldern und Gärten. Auf den Weiden hatten sich Kühe und Schafe schattige Plätze gesucht und warteten geduldig darauf, daß die Abendstunden Kühlung bringen würden.

Das Haus lag still in der Mittagssonne; zu still, fand Frances. Auch wenn das Herrenhaus von Daleview in seiner Ruhe und Düsternis oft wie eine Gruft wirkte, so hatte doch meist irgend etwas daran erinnert, daß dort Menschen aus und ein gingen. An diesem Tag aber war es, als rege sich nichts mehr hinter den hohen Fenstern, als hielten die alten Mauern den Atem an.

Es war der Tag, an dem der große Frühsommerball bei den Leighs hätte stattfinden sollen, aber im Hinblick auf den Tod des Königs war er abgesagt worden. Zumal gerade an diesem 20. Mai in London die Beisetzungsfeierlichkeiten abgehalten wurden, zwei Wochen, nachdem König Edward gestorben war. Schneller hätten jedoch die Monarchen Europas nicht anreisen können, um dem verstorbenen König die letzte Ehre zu erweisen. Tausende von Menschen hatten sich in London versammelt und säumten die Straßen, durch die sich der Trauerzug bewegte. Wegen der ungewöhnlichen Hitze brachen die Leute reihenweise ohnmächtig zusammen, viele erlitten einen Hitzschlag. Überall im Land herrschte große Trauer. Für kurze Zeit schien das Volk wieder einmal vereint zu sein, jenseits der vielen innenpolitischen Schwierigkeiten und aller Strömungen von Aufruhr und Klassenkampf, die überall immer wieder durchbrachen.

Frances und John hatten sich für einen Spaziergang verabredet, und Frances hoffte, daß John sie nicht schon wieder vergessen hatte. Die Grabesruhe über dem Haus erschreckte sie. Niemand eilte wie sonst herbei, um sich um ihr Pferd zu kümmern. Nicht einmal von den in einiger Entfernung befindlichen Unterkünften der Gutsarbeiter drang ein Laut herüber.

Frances sprang vom Pferd, strich sich ihren langen, braunen Rock glatt und führte das Tier dicht an die steinerne Eingangstreppe heran, wo es Schatten fand und sie es am Geländer festbinden konnte. Zögernd stieg sie die Stufen hinauf, betätigte den bronzenen Türklopfer in Form eines Löwenkopfes. Nichts geschah. Entschlossen drückte sie die Klinke hinunter, die Tür ging auf, und sie trat ein.

In der Eingangshalle war es angenehm kühl, aber wie stets empfand Frances das hier herrschende Dämmerlicht als bedrückend. Die Wände waren mit dunklem Holz getäfelt und wurden geschmückt von zahlreichen goldgerahmten Ahnenbildern. Eine breite, geschwungene Treppe mit kunstvoll geschnitztem Geländer führte hinauf zu den oberen Räumen. Ein gewaltiger Kronleuchter hing von der Decke, doch außer zu festlichen Abendveranstaltungen hatte Frances ihn nie brennend erlebt. Er trug echte Kerzen, die alle einzeln angezündet werden mußten, eine langwierige und mühevolle Arbeit, die mehrere Dienstboten für einige Zeit beschäftigte.

Ich weiß nicht, dachte Frances, ob ich in einem solchen Haus leben könnte.

Fröstelnd zog sie die Schultern zusammen. Dann vernahm sie ein Geräusch auf der Treppe und blickte hoch.

John kam langsam die Stufen herunter. Selbst in der düsteren Halle konnte Frances erkennen, daß er blaß und übernächtigt aussah. Er hatte sich nicht rasiert, der Schatten eines Bartes lag auf seinen Wangen. Er trug eine schwarze Hose und Reitstiefel, sein Hemd war zerknittert. Mit einer müden Bewegung strich er sich die Haare aus der Stirn.

≫Frances≪, sagte er, ≫ich wollte gerade sehen, ob du schon da bist. Diesmal habe ich es nicht vergessen.≪

Er blieb vor ihr stehen, und sie nahm seine Hände in ihre. Sie waren eiskalt.

≫Ist etwas passiert?≪ fragte sie. ≫Alles hier ist so still! Und du … du bist weiß wie eine Wand, John!≪

In seinen dunklen Augen stand eine Angst, die sie an ihm noch nie gesehen hatte. ≫Mein Vater≪, sagte er leise, ≫er stirbt.≪

Irgendwo im Haus schlug eine Uhr dreimal. Eine Tür wurde leise geöffnet und ebenso leise wieder geschlossen.

≫O nein≪, sagte Frances. Das Frösteln in ihrem Körper verstärkte sich. Fast übermächtig wurde der Wunsch, das kalte, dunkle Haus zu verlassen und hinauszulaufen in die heiße Sonne, fort von dem dumpfen Geruch, der zwischen den alten Mauern hing. Sie sehnte sich nach dem süßen Duft des Flieders, der an der Auffahrt zur Westhill Farm blühte.

Sie riß sich zusammen. Sie konnte nicht einfach davonstürzen. ≫John, das ist furchtbar. Es tut mir sehr leid. Ich wußte, daß er krank ist, aber nicht, daß es so schlimm steht.≪

≫Sein Herz machte ihm schon lange zu schaffen. Vor zwei Wochen holten sie mich deswegen ja sogar aus Cambridge hierher. Irgendwie wurde es schlimmer seit dem Tag, als der König starb.≪

Frances dachte an ihren Vater. Der Tod des Königs hatte ihn ebenfalls schwer getroffen. Die ganze Zeit über war er in sich gekehrt und schien eigenen, unerfreulichen Gedanken nachzuhängen.

≫Vater hat sich so aufgeregt≪, fuhr John fort, ≫alles, was in diesem Land passiert, beunruhigt ihn so sehr. Für ihn war der König eine letzte Bastion. Ich habe den Eindruck, er fürchtet, daß nun ein Schicksalsschlag nach dem anderen England heimsuchen wird. Dauernd redet er von einer Invasion der Deutschen, von Arbeiterrevolution und dem Sieg des Sozialismus. Und dazwischen schnappt er verzweifelt nach Luft, weil er kaum noch atmen kann. Heute früh dachten wir schon … ich glaube nicht, daß er noch länger als ein oder zwei Tage durchhält.≪

≫Wie geht es deiner Mutter?≪

≫Sie ist oben bei ihm. Sie will für einige Zeit mit ihm allein sein.≪

Frances hielt noch immer seine kalten Hände in ihren warmen. ≫Komm! Du mußt hier mal raus. Es ist schön draußen. Laß uns ein Stück laufen!≪

Er folgte ihr. Frances atmete tief, als sie hinaustraten und die warme Luft sie tröstlich umfing.

Sie gingen einen Feldweg entlang. Rechts und links erstreckten sich frische, grüne Weiden. Ein paar Kühe grasten hier, lagen schläfrig in der Wiese oder versuchten mit einem trägen, halbherzigen Schwanzschlag die Fliegen zu vertreiben.

≫Ich bin froh, daß du da bist, Frances≪, brach John das Schweigen, ≫mir geht heute so vieles durch den Kopf, Gedanken vor allem, die mit meiner Zukunft zu tun haben. Und mit dir.≪

≫Mit mir?≪

≫Erinnerst du dich an den Brief, den ich dir vor zwei Wochen schrieb? Ich wollte mich mit dir treffen.≪

≫Ich erinnere mich.≪

≫Ich schrieb, daß ich unbedingt mit dir sprechen müsse.≪

≫Ja.≪

John blieb stehen. In seinen dunkelbraunen Haaren ließ die Sonne ein paar helle Reflexe aufleuchten. Seine Gesichtszüge waren angespannt. Er schien in den vergangenen Stunden um Jahre älter geworden zu sein.

≫Ich wollte dich damals fragen, ob du mich heiraten möchtest. Und ich will dich heute dasselbe fragen.≪

In der Stille, die seinen Worten folgte, registrierte Frances, daß irgendwo in der Ferne zwei Vögel kreischend miteinander stritten. Das war der einzige Laut. Nicht einmal das Rascheln von Blättern störte die Ruhe dieses Nachmittages.

≫Entweder≪, sagte John nach einer Weile, ≫du erwiderst nichts, weil dich die Rührung überwältigt, oder weil du verzweifelt überlegst, wie du den Kopf aus der Schlinge ziehst, ohne mich zu verletzen.≪

≫Ich bin ziemlich überrascht, das ist alles.≪

≫Ich liebe dich, Frances. Das ist so, und daran wird sich nie etwas ändern. Also≪, fast zornig riß er ein paar Blätter von einem Strauch am Wegrand ab, ≫sag einfach ja oder nein. Aber steh nicht so schockiert herum!≪

≫Ich stehe nicht schockiert herum. Aber ich kann auch nicht einfach ja oder nein sagen. Du hattest Zeit, über alles nachzudenken. Ich nicht. Ich muß wenigstens ein bißchen überlegen dürfen!≪

Er verzog das Gesicht. ≫Ja. Entschuldige. Ich wollte dich nicht überfahren.≪

Sie betrachtete ihn von der Seite. Er sah sehr gut aus, und er sah auch aus wie ein Mann, der das wußte. In Wahrheit, das war ihr klar, verstand er keineswegs, weshalb sie überlegen wollte. Ein beträchtlicher Teil der snobistischen Haltung seiner Familie war auch ihm zu eigen, und er erwartete, daß ein Mädchen entzückt reagierte, wenn es einen Heiratsantrag von ihm erhielt. ≫Was wirst du als nächstes tun?≪ fragte sie.

≫Als nächstes wollte ich dich heiraten. Davon abgesehen …≪

≫Ja?≪

≫Ich kann nicht mehr nach Cambridge zurück, wenn mein Vater … wenn er nicht mehr lebt. Ich kann Mutter ja mit all dem hier nicht allein lassen. Ich muß versuchen, einen guten Verwalter zu finden. Und dann würde ich gern anfangen, meinen alten Traum zu verwirklichen.≪

Sie kannte ihn lange genug, um von seinen Träumen zu wissen. ≫Politik?≪

Er nickte. ≫Jetzt, wo der König gestorben ist, wird es Parlamentsneuwahlen geben. Ich möchte für die Tories hier in unserem Wahlkreis kandidieren.≪

≫Du wirst es schwer haben≪, meinte Frances, und sie dachte dabei nicht nur an seine Jugend. Die Konservativen hatten im Norden Englands, in dem große Armut herrschte und soziale Spannungen verschärft zutage traten, einen harten Stand. Für den Westen von Yorkshire saß sogar seit dem letzten Jahr ein fanatischer Sozialist als Vertreter im Unterhaus.

≫Natürlich werde ich es schwer haben≪, sagte John. Er blieb erneut stehen. Seine Miene spiegelte eine Mischung aus Müdigkeit und Entschlossenheit. ≫Ich bin erst dreiundzwanzig Jahre alt. Auf der anderen Seite sind die Leighs die reichste und einflußstärkste Familie in unserem Wahlkreis. Ich kann es schaffen. Irgendwann sitze ich im Unterhaus, du wirst es sehen. Ich meine … auch das solltest du bedenken. Vielleicht schreckt dich die Vorstellung, dein ganzes Leben auf Daleview zu verbringen, aber so wird es nicht sein. Wir würden viele Monate des Jahres in London leben. Wir können ins Theater gehen und in die Oper und zu großen Gesellschaften. Wir machen Reisen, wenn du möchtest. Paris, Rom, Venedig … wohin du willst. Wir werden Kinder haben, und …≪

≫John! Du mußt mich nicht davon überzeugen, daß ich an deiner Seite ein gutes Leben haben würde. Das weiß ich von allein.≪

≫Und warum zögerst du dann?≪

Sie wich seinem fragenden, ratlosen Blick aus, schaute in die Ferne. Heute ragten die Hügel nicht in die Wolken; sie hoben sich klar gegen den Himmel ab. Warum zögerte sie? Weder sich noch ihm hätte sie in diesem Moment eine eindeutige Antwort auf diese Frage geben können. In gewisser Weise war sie auch nicht aufrichtig gewesen, als sie gesagt hatte, sie sei überrascht von Johns Frage, daher brauche sie Zeit, um zu überlegen. Sie hatte seinen Antrag nicht in diesem Moment erwartet, aber sie hatte immer gewußt, daß er sie eines Tages bitten würde, ihn zu heiraten. Irgendwie war es klar gewesen, seit den Tagen ihrer Kindheit, als er ihr das Reiten beigebracht hatte und sie zusammen über die Wiesen galoppiert waren nd sie versucht hatte, seine von Grasflecken und Erde verdreckten Hosen in einem Bach zu waschen, nachdem er gestürzt war und einen Nervenzusammenbruch seiner pingeligen Mutter fürchtete. Sie hatten es gewußt, und alle hatten es gewußt, und vermutlich hatte Mrs. Leigh deshalb versucht, sie beide auseinanderzubringen, ohne daß es ihr geglückt wäre.

In den langen Jahren, die Frances in der verhaßten Schule in Richmond hatte verbringen müssen, war es John gewesen, der ihr Heimweh gelindert und sie davon abgehalten hatte, sich unmöglich zu benehmen, um einen Hinauswurf zu provozieren. So wie er an jenem Junitag ans Ufer des River Swale gekommen war, um sie zu trösten, so war er immer bereit gestanden, ihr zu helfen. Er hatte ihr Berge von Briefen geschrieben, zärtliche, heitere, ironische, witzige Briefe, die sie zum Lachen gebracht hatten. Neben den Mitgliedern ihrer Familie war er der vertrauteste Mensch der Welt für sie.

Was stand nun also plötzlich zwischen ihnen? Sie begriff es nicht, fühlte aber, daß es etwas zu tun haben mußte mit der dauernden, latenten Unzufriedenheit, in der sie seit der Rückkehr von der Schule lebte. Diese Unruhe, dieses Warten auf etwas, wovon sie nicht einmal wußte, was es war.

Unvermittelt fiel ihr ein, was Alice Chapman an jenem Tag gesagt hatte, als sie zusammen im Garten gesessen und geraucht hatten. ≫Wollen Sie einfach tun, was von Ihnen erwartet wird? Heiraten, Kinder bekommen, ein geselliges Haus führen und Damentees veranstalten?≪

≫Das kann ich jetzt nicht≪, sagte Frances laut.

John starrte sie an. ≫Was?≪

Das dunkle Haus, in dem sie zusammen leben würden, in dem man immer fror, in dem man nie laut sprechen durfte, weil Mrs. Leigh sonst Kopfschmerzen bekam …

≫Ich brauche Zeit≪, erklärte sie. ≫Ich kann nicht ohne jeden Übergang aus dem Haus meiner Eltern in dein Haus ziehen. Wann soll ich denn jemals auf eigenen Füßen stehen? Wie soll ich herausfinden, ob ich mich auch alleine behaupten kann?≪

≫Wieso mußt du das denn herausfinden? Wozu?≪

≫Du verstehst mich überhaupt nicht, oder?≪

Er nahm ihre Hand. Die letzten Wochen, dieser Tag hatten zuviel Schreckliches gebracht, als daß er im Augenblick die Kraft gehabt hätte, mit ihr zu kämpfen.

≫Nein≪, sagte er müde, ≫ich verstehe dich nicht. Ich will in Vaters Nähe sein.≪

Langsam gingen sie den Weg zurück. Die dunklen Mauern von Daleview tauchten wieder auf. Unvermittelt fragte Frances: ≫Wie denkst du über das Frauenwahlrecht?≪

≫Wie kommst du denn jetzt darauf?≪ fragte John überrascht.

≫Es ging mir gerade durch den Kopf.≪

≫Du beschäftigst dich ja mit eigenartigen Dingen!≪

≫Wie denkst du nun darüber?≪

Er seufzte. Das Thema schien ihn nicht im mindesten zu interessieren, nicht in diesem Moment. Sein Vater lag im Sterben. Die Frau, die er liebte, hatte ihn zurückgewiesen. Er fühlte sich einsam und elend. ≫Ich glaube einfach, die Zeit ist nicht reif dafür≪, sagte er.

≫Wenn es nach den Männern geht, wird sie das nie sein.≪

≫Ich bin kein Gegner des Frauenstimmrechts. Allerdings lehne ich die Mittel ab, mit denen militante Frauenrechtlerinnen ihre Ziele durchzusetzen versuchen. Mit ihren Gewaltaktionen machen sie sich unglaubwürdig und verlieren alle Sympathien.≪

≫Manchmal denke ich, es gibt Dinge, die lassen sich nur mit Gewalt durchsetzen≪, sagte Frances. ≫Solange Frauen ihre Forderungen höflich und freundlich vorbringen, hört man ihnen nicht zu. Erst wenn sie schreien und Fensterscheiben einschlagen, nimmt man sie überhaupt zur Kenntnis.≪

Sie waren beinahe am Haus angelangt. John hatte die ganze Zeit über Frances’ Hand gehalten. Nun ließ er sie los. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küßte sie auf die Stirn. Dann trat er einen Schritt zurück.

≫Das sind gefährliche Gedanken, die du da hegst≪, sagte er, ≫du solltest dich nicht in etwas hineinsteigern, Frances.≪

Sie antwortete nicht. Er betrachtete sie voller Beunruhigung. Jahre später erzählte er ihr, er habe in diesem Moment eine so starke Ahnung von drohendem Unheil gehabt, daß ihm eiskalt geworden wäre trotz des heißen Wetters. Ihm sei gewesen, als zerbreche etwas Kostbares, das ihnen beiden gehört hatte. Er wußte noch nichts von dem Krieg, der vier Jahre später ausbrechen, nichts von den Abgründen, in die er sie beide reißen würde — aber er ahnte, daß die Zeiten schlechter werden würden. Er sagte, er habe an jenem Nachmittag das Gefühl gehabt, daß sie mit ihrer Weigerung, ihn zu heiraten, das Paradies verspielte, das sie gemeinsam hätten haben können. Und er gab zu, es sei ihm nie wirklich gelungen, ihr zu verzeihen.

≫Aber warum willst du nach London?≪ fragte Maureen bereits zum dritten Mal.

Sie wirkte verstört und erschrocken. Sie war ganz in Schwarz gekleidet, denn die Familie war gerade von den Beisetzungsfeierlichkeiten für Arthur Leigh nach Westhill zurückgekehrt. Im Eßzimmer hatte Frances ihren Eltern mitgeteilt, sie habe beschlossen, für einige Zeit nach London zu gehen.

≫Was willst du denn da machen?≪ fragte Charles. ≫Du kannst doch nicht einfach irgendwohin gehen und keine Ahnung haben, was du dort eigentlich vorhast!≪

≫Ich dachte, ich könnte bei Tante Margaret wohnen. Und einfach London kennenlernen.≪

≫Ich finde, das ist zu gefährlich für ein junges Mädchen≪, sagte Maureen, ≫London ist eine andere Welt als Leigh’s Dale. Und auch als Richmond. Du bist so etwas nicht gewöhnt.≪

≫Deshalb will ich ja dorthin. Soll ich langsam versauern auf dem Land?≪

≫Du könntest viel Zeit in London verbringen, wenn du John Leigh heiraten würdest≪, sagte Maureen unvorsichtig, ≫aber dann wärst du wenigstens …≪

Frances sah ihre Mutter scharf an. ≫Woher weißt du denn das?≪

≫Eines der Dienstmädchen auf Daleview machte eine Andeutung. Offenbar hat es eine Auseinandersetzung zwischen John und seiner Mutter gegeben, in deren Verlauf er ihr sagte, er habe dich gefragt, und du habest abgelehnt.≪

≫Ist da irgend etwas völlig an mir vorbeigegangen?≪ fragte Charles erstaunt.

≫John hat Frances einen Heiratsantrag gemacht, und sie hat nein gesagt≪, wiederholte Maureen.

≫Ich habe gesagt, ich könne ihn jetzt nicht heiraten. Nicht sofort.≪

≫Sofort könntest du ihn schon wegen der Trauerzeit für Arthur Leigh nicht heiraten. Du hättest durchaus Gelegenheit, dich an den Gedanken zu gewöhnen.≪

≫Ich will nach London≪, beharrte Frances, ≫und ich will mich im Augenblick auf nichts anderes festlegen.≪

Maureen blickte sehr sorgenvoll drein. ≫Ein Mann wie John Leigh wartet nicht ewig auf dich. Wenn du zu lange zögerst, schnappt ihn dir eine andere weg.≪

≫Nun gibt es natürlich auch noch andere Männer auf der Welt als John Leigh≪, mischte sich Charles ein, ≫Frances wird noch viele Heiratsanträge bekommen.≪

≫Aber sie liebt John. Sie ziert sich jetzt, aber wenn es dann zu spät ist, werden wir ein Drama erleben≪, behauptete Maureen.

≫Mutter, ich weiß nicht, ob ich John liebe. Ich weiß nicht, ob ich ihn heiraten will. Ich fühle mich verwirrt und durcheinander und habe keine Ahnung, was ich aus meinem Leben machen möchte. Ich brauche Abstand. Ich muß einfach einmal etwas anderes sehen. Ich will nach London≪, wiederholte sie.

≫Du bist wirklich schwer zu verstehen≪, klagte Maureen, ≫die ganze Zeit hast du gejammert, weil du in Richmond sein mußtest und es vor Heimweh nach Westhill nicht aushalten konntest. Nun bist du hier, da willst du wieder weg!≪

≫Das ist etwas anderes.≪

≫Ich weiß auch nicht, ob Tante Margaret geeignet ist. Sie hatte nie Kinder und ist ziemlich weltfremd. Wer weiß, ob sie auf ein junges Mädchen aufpassen kann!≪

≫Margaret wird sicher nicht leichtfertig sein≪, meinte Charles.

Maureen trat ans Fenster und blickte hinaus. Der Tag hatte sonnig begonnen; nun, am Abend, zogen dunkle Wolken von Westen her auf, und aus der Ferne klang leises Donnergrollen. Die Vögel schrien aufgeregt. Die Luft roch bereits nach Regen und war erfüllt von einem schweren, süßen Blütenduft.

≫Endlich≪, sagte Charles, ≫die Trockenheit hat schon zu lange angedauert.≪

Maureen wandte sich zu ihnen um. In ihren Augen las Frances, daß sie keinen Widerstand mehr leisten würde. So war es immer gewesen. Letzten Endes hatte Maureen ihren Kindern nie etwas verbieten können.

≫Vater?≪ fragte Frances.

Charles hatte die stumme Einwilligung seiner Frau ebenfalls zur Kenntnis genommen. Seinen Kindern gegenüber konnte er standhaft sein, aber es fiel ihm schwer, eine andere Position einzunehmen als Maureen. Resigniert hob er die Schultern.

≫Wenn du gehen mußt, dann geh≪, sagte er.

Im Zimmer der Großmutter roch es stets nach Lavendelöl. Kate benutzte es, solange sie denken konnte. Sogar in den schlimmsten und hungrigsten Dubliner Zeiten hatte sie es geschafft, sich einmal im Jahr ein Fläschchen zu kaufen und täglich einen kleinen Tropfen des Öls hinter ihre Ohren zu tupfen. Niemand konnte sich eine Kate vorstellen, die nicht von einem zarten Lavendelgeruch umgeben war.

Als Frances an diesem Abend in das Zimmer mit den geblümten Tapeten und den im selben Muster gewählten Vorhängen trat, empfand sie den vertrauten Geruch als ungemein tröstlich. Sie hatte einen Entschluß gefaßt, und sie würde ihn umsetzen; aber seitdem ihre Eltern nachgegeben hatten, spürte sie einen Kloß im Hals. Solange die Einwilligung der Eltern ausstand, war alles so weit weg gewesen. Nun rückte der Abschied in greifbare Nähe. Während des Abendessens war sie schweigsam gewesen und hatte nur mit halbem Ohr auf das muntere Geplauder Victorias gehört, die von irgendeiner lustigen Begebenheit in der Schule berichtete.

Maureen hatte in ihrem Essen herumgestochert und plötzlich gesagt: ≫Nun haben wir seit über zwei Wochen nichts von George gehört. Und jetzt geht auch Frances fort. Bald werde ich überhaupt nicht mehr wissen, wo meine Kinder sind und was sie machen.≪

Charles’ Gesicht verdüsterte sich bei der Erwähnung von Georges Namen.

≫George wird Vernunft annehmen und sich bei uns melden≪, brummte er, ≫und wo Frances hingeht, weißt du ja. Bei Margaret ist sie gut aufgehoben.≪

≫Wenn wir nur ein Telefon hätten! Dann …≪

≫Ich werde dir ein Telefon kaufen≪, sagte Charles genervt, ≫denn sonst wirst du mich verrückt machen während der nächsten Wochen. Ich kaufe eines, und du kannst zehnmal am Tag bei Margaret anrufen und fragen, ob Frances noch am Leben ist.≪

Kate saß in ihrem Schaukelstuhl am Fenster, als Frances hereinkam. Draußen war es inzwischen dunkel, der Regen rauschte wie eine Wand herab.

≫Du wolltest mich sprechen, Großmutter?≪ sagte Frances.

Kate legte das Buch zur Seite, in dem sie gelesen hatte. Sie nickte. ≫Ich wollte dir sagen, daß ich deinen Entschluß für gut halte. Es ist richtig, was du vorhast. Laß dich nicht umstimmen, auch wenn deine Mutter in den nächsten Tagen noch ziemlich viel jammern wird.≪

Frances setzte sich auf das Bett ihrer Großmutter. Sie war nicht weniger verwirrt und zerrissen als vor ihrem Entschluß, nach London zu gehen. ≫Ich hoffe, ich tue das Richtige, Großmutter. John Leigh hat mich gefragt, ob ich ihn heirate. Ich habe gesagt, ich kann das jetzt nicht entscheiden.≪

≫Wahrscheinlich kannst du das auch nicht. Dann war es richtig, ihm das zu sagen.≪

≫Ich glaube, das hat gar nichts mit ihm zu tun. Nur mit mir. Mein Leben wäre so festgeschrieben, wenn ich jetzt heiratete. Ich habe das Gefühl, ich will vorher noch eine andere Seite des Lebens kennenlernen. Eine, von der ich jetzt nichts weiß, in der nichts vorhersehbar ist. Alles andere … scheint mich zu ersticken. Glaubst du, das ist normal?≪

≫Ob normal oder nicht≪, sagte Kate, ≫du mußt jedenfalls tun, was du willst. Was du wirklich willst. Nicht, was bestimmte gesellschaftliche Normen dir auferlegen. Verstehst du?≪ Sie lächelte. ≫Du bist ziemlich vorbelastet in dieser Hinsicht. Deine Eltern haben sich über alle guten Sitten hinweggesetzt, als sie heirateten. Du bist sehr frei aufgewachsen, wenn man von der Zeit absieht, in der sie dich auf diese gräßliche Schule geschickt haben, aber das hat dich Gott sei Dank nicht mehr verbiegen können. Wahrscheinlich wirst du nie eingeengt leben können, und das wird Probleme für dich mit sich bringen — aber das ist nun einmal so. Damit mußt du dich abfinden.≪

≫Wenn John eine andere heiratet …≪

Kate sah sie scharf an. ≫Liebst du ihn?≪

Frances machte eine hilflose Handbewegung. ≫Ja. ich glaube, ja. Aber …≪

≫Aber nicht genug, ihn jetzt heiraten zu wollen. Frances, es kann sein, du verlierst ihn. Aber diese Furcht darf deine Entscheidung nicht bestimmen. Vielleicht ist John der Preis, den du zahlen wirst. Irgendeinen zahlt man immer. Schau, ich …≪ Kate stockte. ≫Ich habe es deiner Mutter nie erzählt≪, fuhr sie fort, ≫denn ich fürchte, sie würde es nicht verkraften. Aber du bist härter als sie.≪

≫Was ist es denn?≪

≫Es geht um deinen Großvater Lancey. Um Dan, diesen irischen Lumpen, den ich vor einem halben Jahrhundert geheiratet habe.≪ Es klangen Zärtlichkeit und Resignation aus Kates Stimme. ≫Deine Mutter denkt, wir haben eben nie wieder etwas von ihm gehört. Ich glaube, sie klammert sich an die Vorstellung, daß er entweder noch lebt oder aber einen sanften Tod gestorben ist, irgendwann.≪

Frances sah ihre Großmutter aufmerksam an. ≫Aber du weißt es besser?≪

Kate nickte. ≫Fünf Jahre, nachdem ich mit Maureen Dublin verlassen hatte, habe ich mich mit Bekannten daheim in Verbindung gesetzt. Ich wollte wissen, was aus Dan geworden ist.≪ Ihre Augen verdunkelten sich. ≫Er war tot. Und er ist elend gestorben. Allein, auf der Straße, abgerissen und hungrig, zum Schluß sogar ohne Alkohol, weil ihm niemand mehr etwas gegeben hat. Man hatte ihn aus der Wohnung gewiesen, weil er die Miete nicht bezahlen konnte. Von da an war er obdachlos, irrte in den Straßen von Dublin umher, lebte von den Abfällen, die die Marktleute zermatscht und zertreten liegen ließen, wenn sie ihre Stände abbauten. Manchmal gelang es ihm wohl, ein bißchen Geld zusammenzubetteln, von dem er sich sofort wieder Alkohol kaufte. Im Winter nahmen ihn mitleidige Nachbarn aus unserer Siedlung manchmal auf, und das war wohl der Grund, weshalb er die vielen eisigen Monate überhaupt durchstand. Aber die Menschen leben dort so beengt, weißt du, so armselig, und sie haben so viele Probleme — irgendwann schickten sie ihn immer wieder hinaus in Kälte und Nässe. Du hast keine Ahnung, wie naß die Winter von Dublin sind.≪

≫Es ist schrecklich, Großmutter≪, sagte Frances leise.

≫Er muß gestarrt haben vor Dreck und Ungeziefer und zum Himmel gestunken≪, fuhr Kate fort, ≫und offensichtlich hat er sich den Leuten buchstäblich vor die Füße geworfen, wenn er sie um etwas Alkohol anbettelte. Das schlimmste war … das schlimmste war, daß er, wenn sie ihm vorhielten, er könne ja nicht bezahlen, immer antwortete: ‘Kate wird das in Ordnung bringen. Kate ist verreist, aber sie kommt wieder, und dann wird sie euch das Geld geben. Kate wird kommen!’ Aber Kate kam nicht. Nie mehr.≪

≫Großmutter …≪, begann Frances, aber Kate unterbrach sie sofort.

≫Nein. Du brauchst mich nicht zu trösten. Ich habe dir das nicht erzählt, um mir etwas von der Seele zu reden. Ich wollte dir etwas damit sagen: Als ich deinen Großvater verließ, um mir in England eine neue Existenz aufzubauen, wußte ich, daß es der einzige Weg war, den ich gehen konnte. Nicht, weil ich ansonsten untergegangen wäre. Ich hätte auch in Dublin weiterhin für Maureen und mich sorgen und Dan irgendwie mitschleppen können. Ich hätte eben noch mehr als zuvor auf mein Hab und Gut achten müssen, damit er es nicht dauernd in diesen verfluchten Fusel umsetzte, ohne den er nicht leben zu können glaubte. Aber auf eine Weise wäre ich eben doch untergegangen. Etwas in mir starb Stück für Stück, jeden Tag. Ich verlor meine Freude am Leben, meine Selbstachtung, meinen Optimismus. Ich verlor immer mehr von der Kate, die ich einmal gewesen war. Ich wußte, daß ich gehen mußte, und ich ging. Der Preis ist …≪, sie atmete tief, ≫der Preis ist, zu wissen, wie er gestorben ist, und damit leben zu müssen.≪

Frances stand auf. Sie ging zu Kate hin, kauerte neben ihrem Sessel nieder und nahm ihre Hand. ≫Ich bin stolz, daß ich deine Enkelin bin, Kate≪, sagte sie.

Juni bis September 1910

Der Sommer 1910 war heiß und trocken, und es gab kaum einen Tag, an dem es Frances nicht bedauert hatte, nach London gereist zu sein und hier nun aushalten zu müssen. Tag für Tag strahlte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel; aber während oben in Wensleydale selbst bei größter Hitze noch ein Windhauch von den Hügeln herabstrich, hing die stickige Luft hier in London wie eine bleierne Glocke über der Stadt und machte jede Bewegung mühsam. Es waren Tage, um schläfrig im Garten von Westhill zu liegen und vor sich hin zu träumen, um durch kalte Bäche zu waten oder um sich abends, wenn es kühl und dämmrig geworden war, ein Pferd zu satteln und die Feldwege entlangzutraben.

In dem schönen, eleganten Haus ihrer Tante Margaret am Berkeley Square, in dem es nichts zu tun gab und wo man von der Hitze erschlagen wurde, sobald man einen Schritt vor die Tür tat, fühlte sich Frances wie ein gefangener Vogel. Sie sehnte sich danach, mit ihrer Mutter in der Küche von Westhill zu sitzen, Buttermilch zu trinken und zu plaudern; aber immer, wenn sie dicht davor war, die Koffer zu packen und nach Hause zu fahren, biß sie die Zähne zusammen und sagte sich, daß sie vor ihrer Familie bis auf die Knochen blamiert wäre, wenn sie das Abenteuer, um das sie so gekämpft hatte, nun vorzeitig abbrach.

Das Schlimme war, daß das Abenteuer gar kein Abenteuer war. Tante Margaret führte für gewöhnlich, wie sie sagte, ein sehr geselliges Leben; aber wie in jedem Sommer hatten ihre Freunde und Bekannten, die natürlich ausnahmslos der ≫upper class≪ angehörten, der Hauptstadt den Rücken gekehrt und sich aufs Land verzogen. Wer nicht mußte, blieb nicht in London, und von den Reichen mußten es die wenigsten.

≫Warte ab, bis es Herbst wird≪, tröstete Margaret, ≫dann werden wir jeden Abend zu einer anderen Gesellschaft gehen.≪

Margaret hatte nie geheiratet; man munkelte in der Familie, in frühester Jugend habe ihr ein Verehrer das Herz gebrochen, indem er sich einem anderen Mädchen zuwandte, doch Margaret erzählte Frances, davon sei kein Wort