/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Die Sünde der Engel

Charlotte Link


Die Sünde der Engel

Charlotte Link

1995

Janet Beerbaum würde alles für ihre Söhne tun. Die Zwillinge Maximilian und Mario, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen, standen schon immer im Mittelpunkt ihres Lebens. Für sie hat Janet sogar vor Jahren auf ihre große Liebe verzichtet, um den Jungen die Familie und den Vater zu erhalten. Doch eine Tragödie erschütterte damals jäh das Leben aller Familienmitglieder.

Maximilian, der die vergangenen sechs Jahre in einer psychiatrischen Klinik verbracht hat, steht kurz vor der Entlassung. Aber sein Vater Philipp weigert sich, den jungen Mann wieder in die Familie aufzunehmen. Verzweifelt fährt Janet nach London und flüchtet sich in die Arme ihres einstigen Liebhabers. Doch dann erreicht sie ein besorgter Anruf aus Deutschland: Mario ist mit seiner Freundin in die Provence gereist, um dort einen Urlaub zu zweit zu verbringen. Und Janet bricht Hals über Kopf nach Frankreich auf. Warum nur gerät sie so sehr in Panik? Werden die Schatten der Vergangenheit sie ewig verfolgen? Welches furchtbare Geheimnis teilt sie mit ihren über alles geliebten Söhnen?

Inhaltsverzeichnis

I  DONNERSTAG, 25. MAI 1995

II  FREITAG, 26. MAI 1995

III  SAMSTAG, 27. MAI 1995

IV  SONNTAG, 28. MAI 1995

V  SONNTAG, 4. JUNI 1995

VI  MONTAG, 5. JUNI 1995

VII  DIENSTAG, 6. JUNI 1995

VIII  MITTWOCH, 7. JUNI 1995

IX  DONNERSTAG, 8. JUNI 1995

X  FREITAG, 9. JUNI 1995

XI  SAMSTAG, 10. JUNI 1995

XII  MITTWOCH, 14. JUNI 1995

Denn es ist hier kein Unterschied:

Sie sind allzumal Sünder

(RÖM. 3,23)

Teil I

DONNERSTAG, 25. MAI 1995

Das Ringlestone Inn war, wie der Wirt stolz erklärte, im Jahre 1533 erbaut worden und diente seit dem 17. Jahrhundert als Pub — und seither hatte sich kaum etwas darin verändert. Die niedrige Decke wurde von schweren, rußgeschwärzten Eichenholzbalken getragen, bleigefaßte Butzenglasscheiben setzten sich zu winzigen, in die dicken, weiß gekalkten Mauern eingelassenen Fenstern zusammen. Ein gewaltiger gemauerter Kamin empfing die Gäste gleich am Eingang mit einem prasselnden Feuer. Um von einem Raum in den nächsten zu gelangen, mußte man den Kopf einziehen und darauf achten, nicht über unvermutet auftauchende Stufen oder Bodenleisten zu stolpern. Bänke, Stühle und Tische standen dicht gedrängt, uralte Lampen schaukelten von der Decke. Niemand hätte sich ernsthaft gewundert, wäre plötzlich Oliver Cromwell hereingestapft, in Stulpenstiefeln und mit Federhut, im wehenden, schwarzen Mantel, mit wachsamem Blick, mißtrauisch, ob sich Royalisten in einem Winkel des Hauses versteckt hielten.

Auf dem Platz neben dem Haus sollten Pferde stehen, nicht Autos parken, dachte Janet, sie würden weit besser hierher passen.

Schon die ganzen letzten Stunden war sie sich vorgekommen wie in ein weit zurückliegendes Jahrhundert versetzt. Sie war von London hergefahren, hatte die Straße Richtung Dover jedoch kurz vor Rochester verlassen und war nach Süden abgebogen. Der Weg führte sie durch idyllische, vom Fortschreiten der Zeit scheinbar vergessene Dörfer, vorbei an stillen, verträumten Häusern aus elisabethanischer Zeit, die umgeben waren von moosbewachsenen, bröckeligen Mauern, entlang zugewucherter Gärten, deren Bäume über die holprige Straße hinweg Dächer aus Blättern und Zweigen bildeten. Irgendwann zeigten ihr die Schilder an, daß sie bald an der Küste landen würde, und gleichzeitig wurde ihr bewußt, daß sie seit dem knapp bemessenen Imbiß im Flugzeug am Morgen nichts mehr gegessen hatte. Sie beschloß, abseits von der Hauptstraße ein wenig kreuz und quer herumzufahren und die Augen nach einem Gasthaus offenzuhalten. Der Maiabend war hell; der Himmel war, nach einem Tag voller Regen, plötzlich leergefegt von allen Wolken und sandte eine Flut von Sonne über das feuchte, dampfende Land. Janet hatte Kent immer gemocht, sich aber selten so verzaubert gefühlt wie an diesem Abend. Ihre Sorgen hatten sich mit den Wolken aufgelöst. Für einige Stunden war sie eine Frau ohne Vergangenheit oder Zukunft, ohne Verpflichtungen, ohne Bindungen. Niemand wußte, wo sie war, niemand konnte etwas von ihr erwarten oder verlangen.

Als sie vor dem Ringlestone Inn hielt und aus dem Wagen stieg, fröstelte sie in der frischen Abendluft und hatte sich dennoch in ihrem Innern lange nicht mehr so warm gefühlt.

»Sie möchten sicher nach Folkstone?« fragte der Wirt. Janet schüttelte den Kopf. »Nein. Ich fahre wahrscheinlich heute noch nach London zurück.« Sie strich sich mit beiden Händen über die nackten Arme und wies mit einer Kopfbewegung auf den leeren Tisch vor dem Kamin. »Darf ich mich da hinsetzen?«

»Selbstverständlich.« Eifrig rückte ihr der Wirt einen Stuhl zurecht. Janet nahm Platz. Es herrschte eine brütende Hitze am Feuer, sie würde es kaum länger als eine halbe Stunde dort aushalten, aber sie konnte ihre Knochen aufwärmen, und vielleicht trockneten ihre noch immer regenfeuchten Schuhe. Sie ließ den Blick umherschweifen und stellte fest, daß sich wohl vorwiegend Leute aus den umliegenden Dörfern hier aufhielten; ältere Männer, die Bier tranken, politisierten, über die nächste Ernte fachsimpelten. Niemand beachtete Janet. Das wohlige Gefühl der Entspanntheit verstärkte sich. Sie bestellte Huhn mit Reis und ein Glas Ginger Ale und machte sich darüber her wie eine Verhungernde. Sie ließ keinen Krümel auf dem Teller zurück, und als sie fertig war, verzehrte sie zum Nachtisch noch ein Stück Kuchen. Seit Jahren litt sie an Eßstörungen, mußte häufig erbrechen, aber sie spürte, daß sie dies heute nicht zu fürchten brauchte. Sie würde alles bei sich behalten.

Als sie ihren Kaffee trank und dazu eine Zigarette rauchte, gesellte sich der Wirt zu ihr. Er war erpicht auf eine Unterhaltung und leitete sie originellerweise mit einer Bemerkung über das Wetter ein. »War wohl besseres Wetter da, wo Sie herkommen?« fragte er. Janet runzelte die Stirn.

»Weil Sie so sommerlich angezogen sind«, erklärte er.

Janet sah an sich hinunter. Kurzärmeliger Baumwollpullover, ein leichter Rock, feuchtfleckige Wildlederschuhe. Sie lachte. »Ich bin heute früh von Hamburg nach London geflogen. In Hamburg war es richtig warm.«

»Hamburg? Da war mein Vater mal nach dem Krieg!«

»Wirklich?« sagte Janet. Der Wirt sah sie strahlend an, als hätten sie gerade einen gemeinsamen Urahn ausfindig gemacht. Sie fühlte sich bemüßigt, erklärend hinzuzufügen: »Ich bin aber gebürtige Engländerin.«

»Wie lange leben Sie schon in Deutschland?«

»Seit fünfundzwanzig Jahren. Ich habe einen Deutschen geheiratet.«

Sie erschrak fast bei dieser Auskunft. Ein Vierteljahrhundert! Mit achtzehn war sie fortgegangen. Zu jung, um zu wissen, was sie tat.

»Und jetzt statten Sie der Heimat einen Besuch ab«, stellte der Wirt fest. »Es ist schön, nach Hause zu kommen, nicht? Sie stammen aus dieser Gegend?«

»Nein. Ich bin in Cambridge geboren und aufgewachsen. Und heute wollte ich eigentlich nach Edinburgh.«

»Oh…« Der Wirt zeigte sich überrascht. Es schien ihm eigentümlich, daß jemand nach Edinburgh wollte und statt dessen im Ringlestone Inn zwischen Maidstone und Canterbury im Südosten Englands landete.

Janet warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »In zehn Minuten startet mein Flugzeug von Heathrow nach Edinburgh«, sagte sie zufrieden.

»Na, den Flieger erwischen Sie nicht mehr«, meinte der Wirt und lachte etwas verlegen. Ihm ging allmählich auf, daß mit der Frau irgend etwas nicht stimmte. Er hätte nicht sagen können, was ihm dieses Gefühl gab, aber es war etwas an ihr… Sie schien entspannt, aber Angst und Unruhe lagen spürbar auf der Lauer.

»Na ja«, meinte er unsicher, »es gehen jeden Tag Flüge nach Edinburgh, nicht? Dann fliegen Sie eben morgen.«

»Ich glaube«, sagte Janet, »daß ich überhaupt nicht fliegen werde.«

___________

Im Grunde hatte sie das schon am Vormittag beschlossen, als sie gegen zehn Uhr in London aus dem Flugzeug stieg. Sie hatte die Flüge absichtlich so gebucht, daß ihr elf Stunden Aufenthalt dazwischen blieben; dann könne sie, hatte sie Phillip, ihrem Mann, erklärt, ein ausgedehntes sightseeing in London einlegen.

»Als ob du London nicht kennen würdest wie deine Westentasche!« hatte Phillip bemerkt. »Was willst du denn noch anschauen?«

»Ich war lange nicht mehr da. Ich will einfach London atmen, riechen, fühlen.«

In Wahrheit wollte sie in den elf Stunden irgendeinen Weg finden, Edinburgh zu vermeiden.

Aus dem sightseeing wurde nichts, der Regen floß in Strömen und wurde eher heftiger, als daß er nachließ. Janet flüchtete schließlich zu Harrod’s und ließ sich durch die Stockwerke treiben. Sie kaufte Tee, Orangenmarmelade und Cookies für Phillip, eine Swatch-Uhr für Mario. Sie bezahlte ein Pfund, um Zugang zu den luxuriösen Gold- und Marmortoiletten im ersten Stock zu bekommen, und versuchte dort, sich ein wenig frisch zu machen. Der Spiegel über dem Waschbecken zeigte ihr, daß sie ziemlich zerrupft aussah. Ihre regennassen Haare kräuselten sich zu eigenwilligen Locken, ihr blasses Gesicht hatte jeden Anflug von Farbe verloren. Mit Lippenstift und Rouge polierte sie es etwas auf, aber der verhärmte, sorgenvolle Ausdruck blieb. Um ihrem Kreislauf etwas auf die Beine zu helfen, trank sie in einem Stehimbiß im Keller zwei Gläser Sekt. Danach fühlte sie sich so weit wiederhergestellt, daß sie in der Lage war, zum Flughafen zurückzufahren, ein Auto zu mieten und sich, soweit sie konnte, von der Hauptstadt zu entfernen. Der Linksverkehr bereitete ihr zunächst einige Probleme, aber als sie sich auf der Autobahn befand, wurde es besser, und später, auf den kleinen Landstraßen in Kent, fühlte sie sich schon sehr sicher. Immer wieder murmelte sie vor sich hin: »Ich muß nicht fliegen, wenn ich nicht will. Ich muß überhaupt nichts tun, was ich nicht will!«

Aber sie wünschte, sie hätte die Souveränität besessen, einfach hinzugehen und den Flug nach Edinburgh zu stornieren, anstatt sich selbst auszutricksen und etwas zu tun, das sie daran hinderte, pünktlich wieder in Heathrow zu sein. »Immer noch das kleine Mädchen, das keine Verantwortung für sein Tun und Lassen übernehmen will«, murmelte sie unzufrieden vor sich hin.

Immerhin, ihre Flucht vor der Verantwortung hatte ihr einen schönen Tag beschert. Sie war in England herumgekurvt und hatte ein bezauberndes Pub entdeckt. Dies erinnerte sie an die Zeit mit Andrew. Mit ihm war sie oft ins Blaue losgefahren und dann irgendwo eingekehrt, am liebsten in Orten, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten.

Der Wirt hatte sich für einige Augenblicke entfernt und kehrte nun mit zwei Schnapsgläsern zurück. »Einladung des Hauses«, erklärte er. Er hob sein Glas. »Auf Ihr Wohl!«

Janet prostete ihm zu, beide leerten sie in einem Zug ihre Gläser.

»Und wann kehren Sie nach Deutschland zurück?« fragte der Wirt.

Janet zuckte mit den Schultern. »Eigentlich morgen. Aber wer weiß…« Sie vollendete den Satz nicht, und um das Thema zu wechseln, fragte sie ihrerseits zurück: »Gehört Ihnen das Ringlestone Inn?«

»Nein, nein. Ich arbeite hier nur. Ich wohne in Harrietsham.«

»Aha.«

»Ich habe eine Frau und fünf Kinder«, sagte er stolz, »das sechste ist unterwegs!«

Janet schauderte ein wenig, verbarg ihr Entsetzen jedoch.

»Ich wollte immer viele Kinder«, erklärte der Wirt. »Haben Sie Kinder?«

»Ja. Zwei.«

»Jungen oder Mädchen?«

»Zwei Jungen. Zwillinge.«

»Zwillinge!« Der Wirt war entzückt. »Das haben wir noch nicht geschafft! Wie alt sind die beiden?«

»Vierundzwanzig.«

»Was? Dafür sehen Sie viel zu jung aus!«

Janet lächelte. »Danke. Ich war neunzehn, als sie geboren wurden.«

»Und sie sehen einander wirklich gleich?«

»Völlig. Ich meine, ich kann sie natürlich auseinanderhalten. Der Ausdruck ihrer Augen, das Lachen… Ich würde sie nie verwechseln. Aber andere Leute sind unfähig, sie zu unterscheiden. Sogar ihren Vater haben sie immer wieder hinters Licht führen können.«

Der Wirt war so fasziniert und bohrte so lange nach, bis sie ihm ein Photo zeigte. Sie hatte nur eines dabei; da waren die Jungen zehn und saßen am Eßtisch im Wohnzimmer. Beide trugen die gleichen roten Rollis und blauen Jeans. Aus sanften Augen blickten sie in die Kamera. Zu sanft, wie Janet wieder einmal dachte. Zwei kleine Engel.

Der Wirt konnte sich kaum beruhigen. »Das ist nicht zu fassen! Nicht der geringste Unterschied! Guter Gott, ich würde nie wissen, wer welcher ist!«

»In der Schule wußten es die Lehrer auch nie. Einige Male haben sie mich gebeten, die beiden wenigstens unterschiedlich anzuziehen, aber da war nichts zu machen. Sie wollten immer die gleichen Sachen tragen. Sie waren…« Janet stockte, aber dann fuhr sie doch fort: »Sie fühlten sich wie ein Mensch, verstehen Sie? Ständig tauschten sie die Namen, weil sie keine Bedeutung für sie hatten. Und sie sprangen immer füreinander ein.«

Der Wirt starrte wieder auf das Bild. »Wahnsinn!« murmelte er.

»Das hier ist Maximilian«, erklärte Janet. »Und das ist Mario. Er ist fünfeinhalb Minuten älter.«

»Liebe Gesichter haben sie, nicht? Da müßten Sie mal meine fünf sehen. Rotzfreche Gören, mit allen Wassern gewaschen!«

Natürlich hatte er stapelweise Bilder dabei, die er Janet nun präsentierte. Seine drei Söhne hatten allesamt Zahnlücken und Sommersprossen, seine zwei Töchter sahen ebenfalls aus wie Jungen und streckten auf den meisten Photos die Zunge heraus. Janet fand sie ziemlich gewöhnlich und plump, aber das mochte auch daran liegen, daß die Diskrepanz zwischen diesen Kindern und ihren eigenen zu groß war und ihr dies schmerzlich auffiel. Sie sagte höflich: »Wie nett!« und: »Wirklich reizend!«, dann griff sie entschlossen nach ihrer Brieftasche und bat um die Rechnung. Der Wirt schien enttäuscht und ein wenig verstimmt, aber er kam ihrem Wunsch umgehend nach. Janet belohnte seine Freundlichkeit mit einem fürstlichen Trinkgeld, dann stand sie auf und verließ das Haus. Draußen war es jetzt richtig kalt geworden, und natürlich herrschte inzwischen tiefe Finsternis. Immerhin war der Himmel klar, und Janet hoffte, daß ihr auch unterwegs nirgendwo mehr Regen begegnen würde. Sie sah ohnehin sehr schlecht bei Nacht, und Regen machte alles noch schlimmer. Im Auto stellte sie die Heizung auf die höchste Stufe, aber das würde sich erst nach einer Weile bemerkbar machen. Sie irrte ein wenig herum, ehe sie die M 20 nach London fand, verließ sie aber gleich wieder und nahm die Landstraße Richtung Maidstone. Vielleicht würde sie dort übernachten. Das alte Gefühl der Beklommenheit holte sie wieder ein. Sie mußte Phillip anrufen, heute noch, das war klar. Sie hatte ihm versprochen, sich spätestens von Edinburgh aus zu melden. Wenn sie es nicht tat, würde er glauben, ein Unglück sei geschehen.

In Maidstone hielt sie an der ersten Telefonzelle. Sie kramte all ihr Kleingeld zusammen und wählte. Phillip mußte neben dem Telefon gesessen haben, denn er nahm nach dem ersten Klingeln ab. »Janet! Ich dachte, du meldest dich mal zwischendurch! Bist du schon in Edinburgh?«

»Nein. Phillip, ich bin in Maidstone. In Kent.«

Schweigen. Dann fragte er verwirrt: »Was?«

»Ich habe mir einen Wagen gemietet und bin ein wenig in der Gegend herumgefahren. Dabei habe ich die Zeit vergessen.«

»Das gibt’s doch nicht! Wie willst du denn jetzt rechtzeitig nach Schottland kommen? Du hast morgen früh um neun diesen Termin bei Mr…. Mr….«

»Mr. Grant.«

»Ja, Mr. Grant. Du weißt doch, wie schwer es war, dies alles zu organisieren! Janet, dieser Mann ist weiß Gott nicht angewiesen auf uns, vielleicht empfängt er dich zu einem anderen Termin gar nicht mehr… Himmel, was machen wir denn jetzt?« Er schien völlig aufgelöst. Janet warf Geld nach. Sein Entsetzen tat ihr weh. Es zeigte wieder einmal, auf welch verschiedenen Positionen sie beide standen, wie unvereinbar das war, was jeder von ihnen wollte.

»Ich konnte es nicht, Phillip«, sagte sie leise.

Aus Hamburg kam ein tiefer Seufzer. »Du hast die Maschine absichtlich versäumt, ja?«

Sie schwieg. Phillip klang verzweifelt. »Was sollen wir jetzt tun? Wir hatten doch alles besprochen! Janet, es gibt keinen anderen Ausweg. Das hattest du doch zum Schluß eingesehen!«

»Nein, das hatte ich nicht. Ich habe nachgegeben, weil du mich immer mehr unter Druck gesetzt hast.«

»Janet, Maximilian kann nicht zu uns zurückkommen! Es geht einfach nicht. Wir können diese Verantwortung nicht übernehmen, und…«

Das Telefon hatte schon zweimal eindringlich gepiept, jetzt riß die Verbindung ab. Janet hätte Geld nachwerfen können, aber sie mochte nicht. Phillip würde daheim wie ein Tiger im Zimmer hin- und hergehen und verzweifelt hoffen, daß sie erneut anriefe, und sie spürte einen Moment lang das Aufkeimen eines schlechten Gewissens, weil sie ihn in dieser aufgewühlten Verfassung hängenließ. Aber dann dachte sie trotzig, daß er es nicht anders verdient hatte. Er hatte so lange lamentiert und gestritten, bis sie nachgab; das Risiko, daß sie es sich anders überlegen könnte, wäre sie ihm erst entkommen, hätte er einkalkulieren müssen. Dann wäre er jetzt nicht aus allen Wolken gefallen.

Janet machte eine rasche Bewegung mit den Schultern, als schüttle sie eine Last ab. Dann warf sie das restliche Geld ein und wählte die Nummer von Andrew.

___________

Phillip stand tatsächlich wie angewurzelt vor dem Telefon und wartete, daß Janet noch einmal anrufen würde. Als nach einer halben Stunde noch immer kein Klingeln ertönt war, gab er auf und ging in die Küche, nahm den Weißwein aus dem Kühlschrank und schenkte sich ein Glas ein. Entweder hatte sie kein Kleingeld mehr, oder — was wahrscheinlicher war — sie mochte sich nicht auseinandersetzen und entzog sich auf diese Weise einer Diskussion. Typisch Janet. So hatte sie es immer gemacht. Wenn die Probleme überhand nahmen, ergriff sie die Flucht, entweder ganz buchstäblich, indem sie verschwand und nicht auffindbar war, oder sie zog sich in irgendeine mysteriöse Krankheit zurück, bei der sie tatsächlich heftige Schmerzen und hohes Fieber produzierte.

»Du bist ein ewiges kleines Mädchen!« hatte Phillip sie einmal angebrüllt. »Du wartest, daß irgend jemand oder irgend etwas kommt und dich beschützt. Anstatt selber aufzustehen und die Dinge in die Hand zu nehmen!«

Er hätte wissen müssen, daß sie auch diesmal ausbrechen würde.

Müde und ausgelaugt blieb er am Küchentisch sitzen, leerte ein zweites Glas Wein und lauschte auf das zarte Rauschen, mit dem es draußen zu regnen begann. Erst als er hörte, wie leise die Haustür aufgeschlossen wurde, hob er den Kopf.

»Du mußt nicht schleichen!« rief er. »Ich bin wach!«

Mario, sein vierundzwanzigjähriger Sohn, kam in die Küche. Seine dunklen Haare waren naß vom Regen, er hielt einen tropfenden Strauß Flieder in der Hand und blickte etwas unsicher drein.

»Du wartest auf mich?« fragte er. »Ich habe Blumen gepflückt.«

Phillip sah ihn etwas verwundert an. Es war Nacht, und es regnete. »Du hast Blumen gepflückt?«

»Ich… war nicht allein.« Mario nahm eine Vase aus dem Küchenschrank, füllte sie mit Wasser und ordnete die Zweige. Er wirkte schuldbewußt, was Phillip nicht recht verstand. Er hatte also ein Mädchen kennengelerntund sich offenbar verliebt. Nur in verliebtem Zustand pflückte man nachts im Regen Blumen. Es wurde höchste Zeit, daß er sich für den weiblichen Teil der Menschheit zu interessieren begann, und trotz all seiner Sorgen verspürte Phillip Erleichterung. Er verspürte immer Erleichterung, wenn er in seiner Familie auf Anzeichen von Normalität stieß.

»Wie heißt sie?« fragte er.

»Tina. Ich… ich kenne sie schon eine Weile.«

Phillip hob die Arme. »Du mußt mir keine Erklärungen abgeben. Ich freue mich für dich, Mario!« Sein Sohn wirkte ein wenig in die Enge getrieben, und so wechselte Phillip taktvoll das Thema. »Wie spät ist es?«

»Kurz vor Mitternacht. Läßt du dich vollaufen?«

»Nein. Ich habe zwei Gläser getrunken, mehr nicht.«

»Hast du etwas von Janet gehört?« Schon mit sieben Jahren hatten Mario und Maximilian begonnen, ihre Mutter mit deren Vornamen anzureden. Janet war darüber unglücklich gewesen, aber die Zwillinge waren nicht mehr davon abgegangen. »Sie hat angerufen«, antwortete Phillip nun auf Marios Frage, »aus Maidstone. Das liegt in Kent.«

Mario starrte ihn an. »Wieso? Sie müßte doch längst in Schottland sein!«

»Sie hat es sich anders überlegt. Das heißt, vermutlich hatte sie nie wirklich vor, Mr. Grant aufzusuchen. Ich bin ein Idiot!« Phillip schlug sich mit der Faust an die Stirn. »Ich hätte auf jeden Fall selber fliegen müssen. Es war nur… du kennst ja mein miserables Englisch. Und dann noch ein wichtiger Termin im Büro… aber ich hätte es trotzdem tun müssen.«

»Und was geschieht jetzt?«

»Ich muß morgen früh Mr. Grant anrufen und ihn bitten, mir einen neuen Termin zu geben. Er hat es wirklich nicht nötig, das private Hin und Her einer deutschen Familie mitzumachen. Plätze auf der Blackstone Farm sind heiß begehrt.«

Mario ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Vielleicht hat Janet ja recht«, meinte er, »und das Ganze ist ohnehin nichts für Max.«

»Was ist denn dann das Richtige für ihn?« fragte Phillip heftig.

»Er will nach Hause. Er will wieder mit uns leben.«

»Das geht nicht.«

»Aber ich glaube, daß…«

»Mario, es ist ausgeschlossen. Niemand kann diese Verantwortung übernehmen. Jedenfalls niemand, der nicht dafür ausgebildet ist.«

»Er ist gesund, Vater. Professor Echinger sagt…«

»Darauf verlasse ich mich nicht. Das kann niemand garantieren.«

Sie starrten einander an, Phillip aufgebracht und zutiefst beunruhigt, Mario nachdenklich und etwas traurig.

»Du wüßtest ihn am liebsten für den Rest seines Lebens hinter Schloß und Riegel, Vater, das stimmt doch«, sagte er leise.

»Wundert dich das?« fragte Phillip schroff.

Marios Stimme klang sanft. »Ich kann nicht so fühlen wie du. Er ist mein Bruder. Mein Zwillingsbruder. Manchmal vermisse ich ihn so sehr. Nachts höre ich, wie er mit mir spricht. Es bedrückt mich, daß ich ihm nicht antworten kann.«

Phillip schwieg. Schließlich sagte er: »Ich rufe trotzdem morgen früh Mr. Grant an.«

Mario nickte und stand auf. »Ich gehe schlafen. Ich habe morgen um neun die erste Vorlesung.«

»Gute Nacht«, sagte Phillip. Draußen rauschte der Regen nun stärker, schwoll zu einem Prasseln auf dem Dach an. Mario wartete noch einen Moment, aber der Vater schien bereits wieder in seinen Grübeleien zu versinken. Leise verließ er die Küche.

Teil II

FREITAG, 26. MAI 1995

Tina Weiss hatte ihre Mutter kaum gekannt, und es hatte daher selten einmal einen schmerzlichen Augenblick gegeben, in dem sie wehmütig das Vorhandensein einer weiblichen Bezugsperson in ihrem Leben vermißt hätte. Ihr Vater hatte ihr Photos gezeigt, und Tina hatte die schöne, blonde Frau darauf ehrfürchtig betrachtet — ohne daß mehr als eine schattenhafte Erinnerung in ihr erwacht wäre. Sie war zweieinhalb gewesen, als Marietta Weiss an Krebs gestorben war, aber auch bis dahin war ihre Mutter selten um sie gewesen. Es gab vom Vater sorgfältig gesammelte Zeitungsausschnitte und längere Presseberichte, die sich mit der Theaterschauspielerin Marietta Weiss enthusiastisch beschäftigten.

»Sie war eine große Künstlerin«, hatte der Vater erzählt, »und deshalb war sie auch immer unterwegs. Sie hatte ein Engagement nach dem anderen. Ich habe sie angefleht, es nicht zu übertreiben, denn sie litt unter entsetzlichem Lampenfieber. Wenn sie vor den Vorhang mußte, war sie grün im Gesicht und zitterte am ganzen Körper.«

»Warum hörte sie dann nicht auf?« fragte Tina, voller Mitleid für die fremde Frau.

Michael Weiss schüttelte den Kopf. »Das konnte sie nicht. Die Leidenschaft fürs Theater hielt sie fest. Sie konnte nur dafür leben.« Leiser fuhr er fort: »Und sterben. Ihr Körper hielt die ständige Anspannung nicht aus. Schließlich hat er sich gerächt.«

Was Liebe, Fürsorge, Zuwendung anging, mußte Tina nichts entbehren. Ihr Vater überschüttete sie förmlich damit. Sie waren einander alles, und manchmal ertappte sich Tina bei dem Gedanken, daß sie sich die Anwesenheit eines dritten Menschen in dieser verschworenen Zweisamkeit gar nicht vorstellen konnte, ja sie kaum hätte ertragen können. Die Liebe des Vaters teilen? Undenkbar. Sie mochte es im Grunde schon nicht, daß eine gerahmte Photographie ihrer Mutter noch immer auf Michaels Nachttisch stand; allerdings hätte sie nicht gewagt, ihr Mißfallen zu äußern. Sie tröstete sich damit, daß keine andere Frau in sein Leben eindringen konnte, solange er sich von Marietta nicht verabschiedet hatte, und das wäre zweifellos die wahre Katastrophe gewesen. Tina zog das Bild einer Frau neben seinem Bett entschieden einer Frau aus Fleisch und Blut in seinem Bett vor.

Aber seit einiger Zeit hatte sich ihr Verhältnis getrübt. Tina kam das an diesem Freitagmorgen erneut zu Bewußtsein, als sie ihrem Vater am Frühstückstisch gegenübersaß und seine steile Unmutsfalte auf der Stirn betrachtete. Er hatte schlecht geschlafen, das war ihm anzusehen, und es hing mit seiner Tochter zusammen. Genaugenommen mit ihrer späten Heimkehr am Abend zuvor und mit der Tatsache, daß sie wieder einmal mit »diesem Mario« herumgezogen war.

»Du bist heute ziemlich schweigsam, Vater«, sagte Tina.

Michael nahm seinen Löffel und rührte etwas zu heftig in seiner Kaffeetasse herum. »Es war fast zwölf gestern, als du heimkamst«, erwiderte er.

Tina seufzte leise. »Wir haben Blumen gepflückt. Flieder. Hast du ihn im Wohnzimmer gesehen?«

»Nein.«

»Vater, Mitternacht ist nicht so spät!«

»Zu spät für ein junges Mädchen, das in drei Tagen seine mündliche Abiturprüfung hat!«

»Da mußt du dir doch keine Sorgen machen!«

Das stimmte. Ihre Noten waren immer hervorragend gewesen.

»Mir ist dieser Mario einfach suspekt, das ist es«, sagte Michael ehrlich, »du bist ohnehin zu jung für einen Freund!«

»Ich bin achtzehn. Und meine Freundinnen…« Tina stockte, entschied im letzten Moment, ihrem Vater gegenüber nicht preiszugeben, mit welch atemberaubenden Erlebnissen ihre Freundinnen prahlten. Selbst wenn die Hälfte davon erfunden war, blieb genug, um Michael tief zu schockieren und um ihr, Tina, das Gefühl zu geben, ein Gänschen zu sein, das dringend ein paar äußerst wichtige Erfahrungen schnellstens nachholen mußte.

Michael hatte den begonnenen Satz nicht registriert. Er betrachtete seine Tochter mit einem Gefühl echten Schmerzes, und für Sekunden begriff Tina, die seinem Blick standhielt, voll Mitleid, was in ihm vorging. Aber der Egoismus der Jugend brach sich umgehend wieder Bahn. Von ihrem Vater erwartete sie, daß er, reif und vernünftig, etwas tolerierte, was sie selber im umgekehrten Fall bei ihm nie abzeptiert hätte: das Ausbrechen aus ihrer beider jahrealten, zärtlichen Kameradschaft, die mit fliegenden Fahnen vollzogene Hinwendung zu einem neuen Objekt der Liebe.

Sie hatte Mario Anfang Februar kennengelernt, an einem frostig-kalten Abend, an dem eine ihrer Freundinnen sie zu der Geburtstagsparty ihres älteren Bruders eingeladen hatte. Es waren nur Studenten auf dem Fest gewesen, und Tina hatte sich sehr verloren gefühlt. Sie stand mitten im Gedränge, hielt sich an einem Glas mit Cola fest und überlegte, wie sie unauffällig verschwinden könnte, als ein junger Mann sie ansprach. Er hatte dunkle Haare und sehr dunkle Augen und war dabei auffallend blaß im Gesicht. Wie sich später herausstellte, war er vom Gastgeber, der seine Gäste offenbar aufmerksam beobachtete, leise gebeten worden, sich um die schüchterne Christina Weiss zu kümmern. Sie kamen schnell ins Gespräch, fanden bald heraus, daß sie sich beide nicht besonders gut auf dem Fest amüsierten, und beschlossen, irgendwo zusammen essen zu gehen. Als Tina schließlich nach Hause kam, war es ein Uhr. Ihr Vater stand in der Tür und war außer sich vor Zorn.

»Wir hatten halb zwölf vereinbart!« rief er, packte sie am Arm und zerrte sie herein. »Wo warst du?«

»Ich bin von einem sehr netten jungen Mann zum Essen eingeladen worden«, antwortete Tina und rieb sich ihr schmerzendes Handgelenk, »und dabei haben wir die Zeit vergessen.«

»Du wirst ihn nie wiedersehen!«

»Ich bin achtzehn, Vater«, sagte Tina und sah Michael trotzig in die Augen.

Am folgenden Abend unterzog Michael sie einem Kreuzverhör. »Wie alt ist er? Was tut er? Wie heißt er? Was machen seine Eltern?«

Tina beantwortete alle Fragen in der Hoffnung, auf diese Weise einen länger andauernden Streit mit ihrem Vater zu vermeiden. »Er heißt Mario Beerbaum. Er ist vierundzwanzig und studiert Jura.«

»Ach«, sagte Michael, der Staatsanwalt war, überrascht.

»Er ist vor sechs Jahren mit seinen Eltern von München nach Hamburg gezogen. Sie haben hier eine Steuerberatungskanzlei aufgebaut und sind recht wohlhabend.«

»Hm. Hat er Geschwister?«

»Nein.«

Nichts von alldem, das mußte Michael zugeben, klang in irgendeiner Weise argwohnerweckend. Trotzdem paßte ihm die Geschichte einfach nicht. Er weigerte sich, Mario kennenzulernen, und er litt Qualen, wenn Tina mit ihm herumzog.

»Gestern abend, während du fort warst, hat übrigens deine Tante Paula angerufen«, berichtete er nun. »Sie wollte wissen, wie es mit deinem Abitur steht.«

»Gut, wie soll es sonst stehen?« sagte Tina mißmutig. Sie mochte Tante Paula nicht besonders. Es war Michaels ältere Schwester, eine humorlose, strenge Frau, die nie geheiratet hatte. Sie lebte in Berlin und verteidigte hartnäckig die Behauptung, dort vor vierzig Jahren einen Verehrer gehabt zu haben, der unglücklicherweise an einer Lungenentzündung gestorben war, ehe er sie hatte ehelichen können. Tina bezweifelte, daß das stimmte. Ihrer Ansicht nach wollte sich Paula damit nur vor dem Makel der Altjüngferlichkeit schützen, der ihr aufgrund der knochigen Gestalt, der schmalen Lippen und der völligen Abgekehrtheit von allen irdischen Freuden ohnehin anhaftete. Bruder und Nichte behandelte sie gleichermaßen von oben herab und nörglerisch, wobei Michael jedoch begriff, daß sie trotzdem an ihnen beiden aus tiefster Seele hing. Er sah die Tragik ihres einsamen, unfrohen Lebens, während Tina sich weigerte, Verständnis für eine Frau aufzubringen, die ständig an ihr herumerzog und sie ununterbrochen kritisierte.

»Paula möchte dich nach dem Abitur zu sich nach Berlin einladen«, sagte Michael, »sie will dir Stadt und Umgebung zeigen.«

»Gott, ich kenne Berlin«, sagte Tina, »wir waren hundertmal dort!«

»Aber immer nur kurz. Und von der Umgebung kennst du gar nichts, da durfte man ja früher nie hin.«

»Vater, nein! Ich will nicht hinter diesem staubtrockenen, wandelnden Geschichtsbuch hertrotten und mir dabei auch noch dauernd sagen lassen, ich solle meine Haare anständig kämmen und nicht so enge Jeans tragen!«

»Sie meint es doch gut. Sie will dir eine Freude machen, und…«

»Es geht sowieso nicht«, unterbrach Tina hastig. Sie sah ihren Vater nicht an. »Nach dem Abi werde ich mit Mario für einige Zeit verreisen.«

Schweigen. Dann kam von Michael ein leises: »Was?«

»Es muß sein. Ich werde es tun.«

»Warum muß es sein?«

»Das verstehst du nicht«, sagte Tina kurz. Ihr Vater war der letzte Mensch, mit dem sie hätte besprechen mögen, daß sie mit Mario ein großes Problem hatte.

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Das Haus war alt, vor über hundert Jahren gebaut, von außen ein behäbiges, steinernes Gebäude, innen verwinkelt, verwohnt, anheimelnd. Es stand inmitten weiter Wiesen und Weiden. Ein breiter, gepflasterter Hof lag vor dem Portal, eine Allee windgezauster Weidenbäume säumte den Weg bis hin zur Landstraße, die sich als graues Band durch die Rapsfelder schlängelte und selten einmal von einem Auto befahren wurde. Hier oben, im äußersten Norden Deutschlands, kaum zwei Kilometer von der dänischen Grenze entfernt, verliefen die Tage und Nächte ruhig. Ein paar vereinzelte Gehöfte aus roten Klinkersteinen, gescheckte Kühe auf saftig grünen Wiesen, kleine Ortschaften, in denen jeder jeden kannte. Touristen kamen eher auf der Durchfahrt hierher, wollten entweder weiter nach Skandinavien oder hinüber zu den nordfriesischen Inseln. Die verträumten kleinen Buchten entlang der Ostsee waren noch nicht wirklich entdeckt worden.

Das alte Haus war früher Mittelpunkt eines großen Gutes gewesen, aber Ställe und Scheunen hatte man inzwischen abgerissen. Die Familie, die hier residiert hatte, war zerstreut in alle Winde. Irgendwann hatte es sich für die junge Generation nicht mehr gelohnt, das feudale Herrenhaus weiterhin zu erhalten und unter ungeheurem Kostenaufwand praktisch das ganze Jahr über leerstehen zu lassen. Dann und wann war die eine oder andere Urenkelin des Erbauers hierher geflüchtet, um einen Liebeskummer zu überwinden oder sich auf ein Examen vorzubereiten; ab und zu hatte eine Familie den Sommerurlaub hier verbracht und sich gründlich gelangweilt; vereinzelt war auch der Versuch unternommen worden, Weihnachts- oder Silvesterfeiern für alle Mitglieder des Clans in den alten Räumen zu organisieren — was nie zu etwas anderem als zu handfesten Krächen und vorzeitigen Abreisen geführt hatte. Anfang der achtziger Jahre hatte man sich endlich geeinigt, das Anwesen zu verkaufen. Den Zuschlag hatte ein alleinstehender Herr, ein Professor der Psychotherapie aus Hamburg, erhalten. Der fünfzigjährige Friedrich Echinger, im richtigen Moment in den Besitz einer Erbschaft gelangt, hatte sich einen Lebenstraum erfüllt und in der nordischen Einsamkeit seine eigene Privatklinik für Nervenheilkunde und Psychotherapie gegründet. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten riß man sich inzwischen darum, hier einen Platz zu ergattern. Echinger hatte hervorragende Ärzte eingestellt, idealistische, engagierte Leute, die die Weltabgeschiedenheit dieses Ortes nicht schreckte. Die Betreuung galt als vorbildlich.

Maximilian Beerbaum stand an einem Fenster im ersten Stock und blickte hinaus in den verregneten Maitag. Gerade jetzt wurde der Regen, der die ganze Nacht vom Himmel gerauscht war, schwächer. Die Wolken rissen auf, Blau blitzte hervor. Die tropfend nassen Rapsfelder wiegten sich im leisen Wind. Die riesigen Farnblätter im Garten glänzten dunkelgrün und feucht. Mit schrillem Gesang begrüßten die Vögel die ersten tastenden Sonnenstrahlen. Ein Rotkehlchen hatte sich auf der Mauer, die den Garten umschloß, niedergelassen und pickte heftig in den Ritzen zwischen den Steinen. Die Mauer, stilvoll aus rechteckigen, feldgrauen Steinen zusammengesetzt, war drei Meter hoch und gehörte zu den wenigen Dingen, die daran erinnerten, daß man in diesem Haus nicht ohne weiteres kommen und gehen durfte.

»Es hört auf zu regnen«, sagte Maximilian und wandte sich vom Fenster ab. Professor Echinger saß in seinem schwarzen Ledersessel an der Stirnseite des Raumes, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände auf dem Schoß gefaltet. Er betrachtete Maximilian über den schmalen Goldrand seiner Lesebrille hinweg.

»Vermutlich werden Sie dann nachher wieder zu einer Ihrer langen Wanderungen aufbrechen«, bemerkte er.

Maximilian zuckte mit den Schultern. »Ich weiß noch nicht. Als ich vor einem Jahr zum erstenmal allein und unbewacht durch die Pforte da unten gehen durfte, war es wie ein Wunder für mich. Ich konnte nicht genug davon bekommen. Durch die Wiesen streifen, an einem Teich liegen und Frösche beobachten…«

»Sie haben Ihre Freiheit sehr vermißt in all den Jahren, nicht wahr?« fragte Echinger behutsam.

Maximilian nickte. Er ging zu seinem Sessel zurück, der dem des Professors gegenüber stand, und setzte sich wieder. Er lehnte sich jedoch nicht entspannt zurück, sondern stützte beide Arme auf die Knie und den Kopf in die Hände.

»Am Anfang ging es mir sehr schlecht, das wissen Sie ja. Die ersten zwei Jahre waren… ach, vergessen wir’s lieber. Dann kam eine Phase, da war ich dankbar, hier zu sein und nicht im Gefängnis. Ich war bereit, das Gute an meiner Situation zu sehen. Aber Dankbarkeit ist kein besonders haltbares Gefühl, finden Sie nicht auch? Die Depressionen kamen nicht wieder, aber trotzdem fühlte ich mich… als sei dies hier ein Gefängnis.« Maximilian schwieg einen Moment, dann blickte er auf und sah den Professor an. »Ich hoffe, ich kränke Sie nicht mit meinen Worten?«

»Durchaus nicht«, erwiderte Echinger, »ich kann Ihre Gefühle sehr gut verstehen. Sagen Sie, was empfinden Sie, wenn Sie jetzt daran denken, nach Hause zurückzukehren?«

Maximilian lachte leise auf, erhob sich erneut und blieb hinter seinem Sessel stehen. »Nach Hause! Sie wissen doch, daß es das für mich nicht mehr gibt!«

»Die Dinge haben sich immer noch nicht geklärt?« »Mein Vater lehnt es strikt ab, mich wieder aufzunehmen. Meine Mutter ist anderer Meinung, aber sie wird sich nicht durchsetzen können. Der Platz auf dieser entsetzlichen Farm in Schottland ist mir so gut wie sicher.«

»Sie haben keinerlei Ambitionen, dorthin zu gehen?«

In Maximilians Augen trat ein zynischer Ausdruck. Professor Echinger wurde sich einmal mehr bewußt, wie intelligent und wie — um das banale Wort zu gebrauchen — schön dieser junge Mann aussah. Seine Augen waren von einem so tiefen Braun, daß sie schwarz wie Kohle wirkten. Er besaß ein Lächeln, mit dem er jeden zu umarmen schien, dem er es schenkte. Zeitlebens würde er fremde Menschen in Sekundenschnelle für sich gewinnen können. Unglücklicherweise würde ihm diese Fähigkeit das Leben jedoch keineswegs leichter machen.

»Sie wissen doch, was für Leute auf dieser Farm sind? Drogenabhängige. Kriminelle. Alkoholiker. Das einfache Leben auf dem Land in einer kleinen Gemeinschaft, die Verantwortung für Tiere, die harte Arbeit auf dem Feld soll ihnen den Weg zurück ins bürgerliche Leben ermöglichen. Es mag sein, daß das manchem hilft, aber…«

»Projekte dieser Art haben sich bereits sehr bewährt.«

»Ja. Aber ich bin doch ohnehin gesund. Wozu muß ich einen Acker pflügen und auf einer Holzpritsche schlafen?«

»Die anderen jungen Leute, die dorthin kommen, sind auch nicht mehr krank«, sagte Echinger. »Es sind ehemalige Drogenabhängige. Ehemalige Alkoholiker. Ehemalige Kriminelle. Sie müssen nun lernen…«

»Ehemalige Kriminelle«, unterbrach Maximilian. »Wie ich.«

»Sie sind vierundzwanzig Jahre alt. Erwachsen. Und frei. Aufgrund mehrerer voneinander unabhängiger Gutachten hat das Landgericht die Aussetzung Ihrer Unterbringung hier bestimmt. Niemand kann Sie zwingen, irgendwohin zu gehen, wohin Sie nicht wollen. Sie unterliegen einer gewissen Kontrolle durch Ihre Führungsaufsicht, und die hat dem Schottland-Plan zwar zugestimmt, wird ihn aber nie gegen Ihren Willen durchsetzen wollen. Sie können nein sagen.«

Maximilian lächelte. »Theoretisch vielleicht. Aber wie sehen denn meine Lebensumstände aus, wenn ich diese Mauern hier verlasse? Ich habe keinen Schulabschluß, geschweige denn eine Ausbildung. Ich habe kein Geld. Dafür habe ich Papiere, die einen sechsjährigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik belegen. Ganz abgesehen von…« Er biß sich auf die Lippen.

»Ja?« sagte Echinger.

»Das, weswegen ich überhaupt hierhergekommen bin«, sagte Maximilian leise.

Echinger schaute auf die kleine Uhr, die vor ihm auf einem Tisch stand und es ihm ermöglichte, die Zeit zu kontrollieren, ohne den Patienten nervös zu machen — wie er es mit einem Blick auf eine Armbanduhr getan hätte. »Unsere Zeit ist leider vorbei. Ich werde mit Sicherheit noch einmal mit Ihrem Vater sprechen.«

»Das wird nichts nützen. Er will mich so weit weg haben, wie es nur geht. Schottland! Eine abgelegene Farm irgendwo in der Einsamkeit. Glauben Sie, die hat er zufällig gewählt? Eigentlich ein Wunder, daß er mich nicht gleich nach Amerika schickt!« Maximilian ging zur Tür. Der Professor erhob sich, nahm die Brille ab. Es war ein Privileg, das wußte Maximilian, hier in der Klinik von Echinger selbst therapiert zu werden. Der Mann hatte hohe Qualitäten. Das Problem war, daß sein Einfluß spätestens am Ende der Auffahrtsallee seines Herrenhauses endete. Er konnte einen Patienten auf die Füße stellen, mußte ihn dann jedoch alleine laufen lassen. Maximilian hatte plötzlich das Gefühl, als lauere jenseits dieser wilden, regennassen Einsamkeit um ihn herum eine Welt, die außer Gefahr und Feindseligkeit nichts bereit hielt — und mit der er nach den Jahren der Geborgenheit nicht würde zurechtkommen können. Für Sekunden überschwemmte ihn die Panik, die er hier erst kennengelernt, gegen die er während des letzten Jahres bis zur völligen Erschöpfung gekämpft hatte. Er spürte, wie er bleich wurde. Auch dem Professor war der kritische Moment nicht entgangen.

»Ihr Bruder«, sagte er, »Ihr Zwillingsbruder… er will Sie doch zu Hause haben, oder?«

Maximilian, die Hand schon auf der Türklinke, drehte sich um. »Mario… ich weiß nicht. Er ist verändert seit einiger Zeit. Irgend etwas… er spricht nicht darüber. Ich habe das Gefühl, er entfernt sich von mir.« Er verließ den Raum, die Tür fiel hinter ihm zu.

Nachdenklich trat der Professor an seinen Schreibtisch, nahm ein großes, ledergebundenes Notizbuch aus der Schublade und begann, ein paar Informationen aus der vergangenen Stunde schriftlich festzuhalten. Er fragte sich, warum er sich auf einmal so müde fühlte. So mutlos und alt.

Er legte den Stift weg, stand auf, trat ans Fenster und öffnete es. Tief atmete er die frische, feuchte Luft.

Es hatte ihn immer deprimiert, einen Patienten hergeben zu müssen. Kritisch, wie er sich selbst gegenüber zu sein pflegte, sagte er sich oft, daß er damit in ein Fehlverhalten fiel, das einem Therapeuten nicht angemessen war. Sosehr er es zu vermeiden suchte, schlüpfte er doch in eine Vaterrolle gegenüber dem jeweiligen Menschen, der ihm auf dem Stuhl gegenüber saß und ihm Einblick in seine Psyche gewährte, der Rat, Trost, Hilfe bei ihm suchte, der ihn für einige Zeit zur obersten Instanz in Fragen der Lebensbewältigung erhob. Wenn er sie dann hinausschicken mußte aus den beschützenden Mauern seines Hauses, wenn er sie wieder der Welt und dem Leben und allen damit verbundenen Unwägbarkeiten überantworten mußte, war es ihm, als risse er sich seine Kinder vom Herzen und werfe sie in einen Fluß — letzten Endes immer unsicher, ob sie schwimmen konnten. Wenn er in der Verfassung war, besonders hart mit sich ins Gericht zu gehen, dann warf er sich vor, sich mit der angeblichen Angst um das weitere Schicksal seiner Schützlinge etwas in die eigene Tasche zu lügen — denn wenn es auch nicht hätte sein dürfen, daß er seine Patienten als Kinder empfand, so trug dieses Gefühl doch den schönen Mantel der Sorge, des Mitgefühls, der Verantwortung. Weit schlimmer und unverzeihlicher wäre es, wenn er es in Wahrheit nicht ertrüge, seinen Einfluß zu verlieren, nicht länger der Anker zu sein, an den sie sich klammerten. Wie größenwahnsinnig wurde man hier in der Abgeschiedenheit der Klinik, hinter den hohen Mauern, in denen man Vater, Mutter, Gott für die Patienten war?

Warum bedrückte ihn gerade das Schicksal des Maximilian Beerbaum? Weil er die schweren Probleme kannte, die auf den jungen Mann zukamen, wenn sich sein Vater tatsächlich fortdauernd gegen ihn sperrte? Oder weil er einen Patienten gehen lassen mußte, der sich nie wirklich an ihn geklammert hatte, nicht in den ersten beiden Jahren seiner schlimmen Depressionen (da hatte er nach Mutter und Bruder verlangt), und nicht später, als er gesundete. Im Gegenteil, manchmal hatte er mit seiner zynischen Intelligenz eine Mauer zwischen ihnen errichtet, hatte häufig eine spöttische Distanz zu seinem Therapeuten herausgekehrt. Kratzte Maximilian Beerbaum — so stolz er auf seine glänzende Entwicklung als »Fall« sein konnte — als Mensch an seinem, Echingers, Selbstwertgefühl?

Der Gedanke war zutiefst beunruhigend. Und bei aller harten Ehrlichkeit sich selbst gegenüber würde er diese Frage nicht befriedigend lösen können. Wann aber gab die menschliche Seele je auf irgend etwas eine befriedigende — und er hätte befriedigend in diesem Fall als eindeutig definiert — Antwort?

Vielleicht lag dies seiner Müdigkeit zugrunde: die lebenslange Beschäftigung mit einer Wissenschaft, die im strengen Sinne keine Wissenschaft war. In der zwei und zwei nicht vier, sondern fünf oder acht ergaben. In der das Nachdenken über die Psyche, die eigene oder fremde, leicht in neurotisches und nie endenwollendes Zerfleischen führen konnte.

Es macht müde, dachte er, es macht müde, nie eine Antwort zu finden.

Er schloß die Augen.

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Andrew Davies wohnte noch immer in der kleinen Stadtwohnung in Chelsea, deren Adresse er Jahre zuvor Janet als sein letztes Lebenszeichen nach Deutschland geschrieben hatte.

Als Janet am Abend zuvor von Maidstone aus bei ihm angerufen hatte, war sie fast überzeugt gewesen, daß sich irgendein Fremder melden und sie erfahren würde, daß Andrew schon vor langer Zeit fortgezogen war. Als sie seine Stimme — unverkennbar — »Hello?« sagen hörte, blieb ihr vor Überraschung die Sprache weg. Erst als von Andrew ein ärgerliches »Wer ist denn da?« kam, faßte sie sich wieder.

»Ich bin es. Janet.«

Nun schwieg Andrew. Nach einer Weile fragte er ungläubig: »Janet? Das gibt es doch nicht!«

»Doch. Ich bin zufällig gerade in England, und da dachte ich, ich rufe dich an.«

»Bist du hier in London?«

»Nein, in Maidstone. Ich komme aber morgen früh nach London.« Sie würde zwar noch heute nacht in London eintreffen und sich ein Hotel suchen, aber er sollte nicht den Eindruck haben, überfallen zu werden.

»Morgen früh?« Er überlegte. »Du meinst, wir könnten uns treffen?«

»Ja. Wenn du Zeit hast.«

»Morgen den ganzen Tag über leider nicht. Aber ich wäre so ab halb sechs abends frei. Bist du da schon wieder weg?«

Janet überlegte, ob er sie im Grunde vielleicht gar nicht sehen wollte und nur in der Hoffnung, sie wäre dann schon nicht mehr da, den nächsten Abend anvisiert hatte. Sie beschloß, das Risiko einzugehen.

»Ich bleibe länger in England«, sagte sie, »ich hätte also Zeit.«

Andrew wirkte aufrichtig erfreut. »Dann paßt es doch gut. Wo wollen wir uns treffen?«

»Ich könnte dich einfach abholen. Um sechs Uhr.«

»Okay. Janet — ich freue mich!«

Dann hatten sie das Gespräch beendet, und Janet war noch bis London gefahren, hatte den Wagen zurückgegeben und sich ein Hotelzimmer genommen. Am nächsten Morgen stellte sie fest, daß sie, wenn sie wirklich länger bleiben wollte, dringend ein paar Kleidungsstücke und vor allem Wäsche zum Wechseln kaufen mußte. Ihre Kreditkarte lief auf ihr und Phillips gemeinsames Konto, und sie konnte sich vorstellen, daß er nicht begeistert sein würde, wenn sämtliche Ausgaben ihres ungeplanten England-Trips abgebucht würden, aber sie verdrängte den Gedanken daran. Sie ging wieder zu Harrod’s, kaufte Wäsche, Strümpfe, ein paar feste Schuhe, Jeans, zwei Pullover und ein Kleid. Wann immer sie drohte, in Grübeleien über Phillip und Mario zu versinken, befahl sie sich sofort, sich mit etwas völlig anderem zu beschäftigen — zum Beispiel, mit einem indiskutablen Kleid in einer Umkleidekabine zu verschwinden und sich hineinzuquälen, nur um über das viel zu aufreizende Dekollete zu lachen und sich einen Moment lang zu fragen, ob es wirklich Frauen gab, die sich damit in die Öffentlichkeit wagten. Auf diese Weise schaffte sie es, sich bis zum Nachmittag von all den ungelösten Problemen daheim abzulenken, und dann war sie so nervös wegen der bevorstehenden Begegnung mit Andrew, daß sie ohnehin an nichts anderes mehr denken konnte.

Sie fand auf einmal, daß sie völlig unattraktiv aussah. Das Kleid, das sie sich gekauft hatte, stand ihr nicht, es wirkte altbacken und bieder. Ihre Haare schienen stumpf und strähnig. Ihre Augen sahen müde aus. Ängstlich faßte sie sich an den Hals, tastete mit den Händen, suchte mit dem Blick gnadenlos nach jeder Falte. Sie hatte nie zu den Frauen gehört, die sich in Angst vor dem Älterwerden verzehren, aber jetzt kam ihr zu Bewußtsein, daß sie fünfundzwanzig gewesen war, als Andrew sie zuletzt gesehen hatte — fünfundzwanzig, sehr sexy, sehr aufreizend und dann und wann ziemlich schamlos.

»Und heute bist du dreiundvierzig«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. »Warum gehst du überhaupt zu diesem Mann?«

Das schien ihr eine gute Frage. Sie hatte sich sowieso unmöglich benommen. Andrew hatte überlegt, wo sie sich treffen könnten, und sie hatte sofort gesagt, sie werde zu ihm in die Wohnung kommen. Gehörte sich das — selbst wenn man mit dem betreffenden Mann die wahnsinnigsten Nächte seines Lebens verbracht hatte?

»Ich werde einfach nicht hingehen«, sagte sie sich, »er weiß nicht, in welchem Hotel ich bin, also kann er auch nicht anrufen und fragen, wo ich bleibe. Er wird genauso kaltgestellt wie Phillip.«

Aber Andrew war eben nicht Phillip, und Janet hatte ihn schon immer anders behandelt. Andrew wurde nicht einfach ohne Absage sitzengelassen, sowenig, wie sie ihn je mit ihren Launen traktiert, mit Gebrüll entnervt, mit zähem Schweigen zerrüttet hatte. Phillip hatte Türenschlagen, Tränenströme, zerworfenes Geschirr und wochenlange sexuelle Verweigerung für ein einziges falsches Wort abbekommen; Andrew war von ihr noch mit Samthandschuhen angefaßt worden, als er sie schon fortlaufend betrogen und erniedrigt hatte.

Und so machte sich Janet auch jetzt auf den Weg, nachdem sie sich mit einem Piccolo aus der Minibar noch etwas Mut angetrunken hatte. Sie ließ sich mit dem Taxi bis zum Chelsea Embankment bringen und ging dann zu Fuß am Fluß entlang, bis zum Cheyne Walk. Der warme Maiabend bewirkte, daß sie sich sofort besser fühlte. Es hatte den ganzen Tag nicht mehr geregnet, und es war seit gestern deutlich wärmer geworden. Die Bäume standen in voller Blüte, und ihre Zweige spielten im Wind, es roch nach Fluß und Algen, und auf der Themse schaukelten weiße Boote. Das goldfarbene Abendlicht lockte viele Menschen zu einem Spaziergang: Herren in grauen Anzügen, die auf dem Heimweg von ihren Büros waren; Liebespaare, die engumschlungen unter den Bäumen wandelten; ältere Leute, die auf den Bänken dösten; Kinder, die spielten oder mit ihren Skateboards fuhren. Janet bog in die Old Church Street ab. Als sie die King’s Road erreichte, war sie blendender Laune, fing an, sich schön zu finden, sich mit dem Kleid, das sie trug, auszusöhnen. Empfindungen erwachten in ihr, die so lange verschüttet gewesen waren, daß Janet sie schon längst vergessen geglaubt hatte: Freiheit, Leichtigkeit, ein sorgloses, neugieriges Abwarten dessen, was kommen mochte.

Andrew wohnte am Chelsea Square. Als Janet bei »Davies« klingelte, spürte sie, daß sich ihre Wangen gerötet hatten, wußte sie, daß ihre Augen den müden Ausdruck verloren hatten. Der Summer erklang, sie trat ein. Andrew beugte sich über das obere Treppengeländer und fragte: »Janet?«

Nach der Helligkeit draußen hatten ihre Augen Schwierigkeiten mit dem Dämmerlicht. Sie blinzelte.

»Ja, ich bin es.« Sie ging die Treppe hinauf.

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Als Mario am Abend nach Hause kam, war er erstaunt, seinen Vater im Garten anzutreffen. Phillip machte sich in seiner langsamen, umständlichen Art am Rosenbeet zu schaffen. Er hatte überhaupt keine Beziehung zu Pflanzen und besaß nicht die mindeste Geschicklichkeit im Umgang mit ihnen; daher vermied er jegliche gärtnerische Tätigkeit nach Kräften. Er mußte sich in einer akuten Krise befinden, wenn er das Haus verließ und in der Erde zu wühlen begann.

»Ich dachte, du wolltest nach Schottland«, sagte Mario.

Phillip hielt eine Gartenschere wie ein Bajonett in den Händen und schnitt die Rosensträucher zu winzigen Krüppeln zusammen.

»Ich habe bei Grant angerufen«, erklärte er wütend, »dieser Mann ist der arroganteste Mensch, der mir je begegnet ist. Nachdem es Janet nicht für nötig befunden hat, zum vereinbarten Termin pünktlich zu erscheinen, so sagte er, habe er den Platz bereits anderweitig vergeben.«

Phillip spitzte den Mund und imitierte Mr. Grant mit affektierter Fistelstimme. »Was glauben Sie, wie lang die Liste unserer Anfragen ist? Ich kann es mir nicht leisten, andere Hilfebedürftige warten zu lassen, nur weil Ihre Frau sich nicht entscheiden kann!«

Ein zorniges Schnappen der Schere folgte, und ein dicker Zweig mit einer dunkelroten Knospe daran flog durch die Luft. Mario hielt Phillips Hand fest. »Was machst du denn mit den armen Rosen?«

»Die muß man doch ab und zu zusammenschneiden, oder?« meinte Phillip etwas unsicher.

»Im Herbst eher. Jedenfalls bestimmt nicht jetzt«, sagte Mario. Er nahm seine Sonnenbrille ab, mit der er wie ein charmanter, leichtsinniger italienischer Schauspieler aussah. »Wann kommt Janet?«

Phillip gab es auf, die Rosen zu traktieren, und legte die Schere weg. Langsam zog er die Gartenhandschuhe aus. »Ich weiß nicht«, antwortete er »ich habe seit gestern abend nichts mehr von ihr gehört.«

Mario starrte ihn überrascht an. »Sie hat sich nicht mehr gemeldet?«

»Nein.«

»Ja, aber… das sagst du so einfach? Vielleicht ist ja etwas passiert!«

»Was soll ich denn deiner Ansicht nach tun?«

»Ich weiß nicht… aber wir können doch auch nicht einfach nichts tun!«

»Vielleicht besucht sie Freunde von früher. Ich habe ihre Tante Liz in Ely angerufen. Falls Janet bei einem von ihnen auftaucht, wird Liz das erfahren und mich verständigen.«

»Ich finde das nicht richtig von Janet«, sagte Mario verärgert, »sie gondelt irgendwo in England herum und läßt uns völlig im Ungewissen!«

»Ich denke, im Augenblick läuft sie vor der Last der Probleme davon. Sie weiß genausowenig wie ich, was mit Maximilian werden soll, und da taucht sie einfach unter.«

»Wirklich, Vater, ich verstehe das alles nicht. Warum kann er nicht einfach wieder bei uns leben?«

»Niemand hier weiß, daß es ihn überhaupt gibt. Wie sollen wir denn sein Auftauchen erklären?«

»Geht es dir nur um die Leute?«

»Wir haben uns hier etwas aufgebaut, Mario. Ich bin Steuerberater. Ich bin darauf angewiesen, daß die Leute zu mir kommen und mir vertrauen. Ich weiß, daß das gerade in deiner Generation als spießig gilt, aber für mich ist es existentiell wichtig, einen guten Ruf zu haben. Wenn sich herumspricht, daß mein Sohn…« Er sprach nicht weiter. Achtlos warf er seine Handschuhe ins Gras. »Komm. Wir gehen hinein und sehen nach, was wir uns zum Abendessen machen könnten.«

Als sie beide in der Küche standen, Tomaten schnitten und Gurken raspelten, sagte Mario beiläufig: »Tina macht am Montag ihre mündliche Abiturprüfung.« Phillip stutzte, dann fiel es ihm wieder ein. Tina, das Mädchen, von dem Mario am Abend zuvor berichtet hatte.

»Wie lange kennst du sie schon?« fragte er.

»Seit Anfang Februar.«

»Du hast nie etwas gesagt.«

Mario zuckte mit den Schultern. »Ich wollte es eben erst mal für mich behalten.«

»Verstehe. Und nun macht sie Abitur?«

»Ja. Und eine Woche später, am Pfingstmontag, würden wir gerne zusammen wegfahren. Für länger, meine ich.«

Phillip kippte die Tomaten in eine Salatschüssel. »Klar. Sie wird Erholung nötig haben, nicht? Wohin wollt ihr denn?«

»Darüber wollte ich eben mit dir sprechen. Ich dachte an die Provence.«

»An Duverelle etwa?«

»Seit Ewigkeiten war keiner von uns mehr im Häuschen. Es wäre auch eine gute Gelegenheit, nach dem Rechten zu sehen.«

»Ich trage mich schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken, das Haus zu verkaufen«, sagte Phillip, »es kostet nur noch Unterhalt und wird nicht mehr genutzt.«

»Aber es verbinden sich so viele Erinnerungen damit. Alle unsere Ferien früher…«

»Ja«, sagte Phillip, »früher…« Einen Augenblick lang hing er ein paar schönen, verschwommenen Bildern nach, dann bemerkte er, daß sein Sohn ihn abwartend ansah.

»Von mir aus könnt ihr dort gerne Urlaub machen. Jederzeit. Ich fürchte nur, deine Tina wird sich dort langweilen. Sie würde doch sicher lieber in ein schickes Hotel an der Côte d’Azur fahren?«

»Es wird ihr schon gefallen«, meinte Mario, »ich treffe sie nachher, da werde ich ihr gleich die gute Nachricht überbringen.«

Etwas in seinem Tonfall irritierte Phillip. Er betrachtete seinen Sohn nachdenklich. Mario hatte weder glücklich geklungen, noch sah er glücklich aus. Er schien keineswegs erpicht darauf, mit Tina zu verreisen.

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»Irgend etwas mußt du falsch machen«, sagte Dana. Sie saß auf dem Fensterbrett in Tinas Zimmer, die Füße auf die Rückenlehne eines Sessels gestützt, ein aufgeschlagenes Physikbuch auf dem Schoß. »Wahrscheinlich ermutigst du ihn nicht genug.«

Tina lag mitten im Zimmer auf dem Bauch, ebenfalls ein Physikbuch vor sich und offenbar genausowenig mit seinem Inhalt beschäftigt wie ihre Freundin. Sie und Dana kannten sich seit dem ersten Schuljahr. Sie vertrauten einander ohne jeden Vorbehalt; es gab nichts, was sie nicht geteilt hätten. Äußerlich waren sie sehr verschieden: Die zierliche, blonde Tina reichte der kräftigen, dunkelhaarigen Dana gerade bis zur Nase. Dana hatte bereits mit zwölf Jahren den Körper einer Frau gehabt, während Tina selbst jetzt mit achtzehn noch wie ein mageres Kind aussah. Es deprimierte Tina manchmal, miterleben zu müssen, welch eine heftige Wirkung Dana auf Männer hatte; sie zog sie geradezu magisch an, wo immer sie ging und stand. Selbstverständlich hatte sie bereits die wesentlichen Dinge des Lebens in ihrer ganzen Bandbreite ausprobiert: Sex, Hasch rauchen und mit windigen Typen durchbrennen. Sie war mit einer Motorradgang nach Spanien zu einem Rockfestival gebraust und auf eigene Faust durch Kanada getrampt. Mit einem ältlichen Liebhaber hatte sie sich ein Jahr lang — sie war fünfzehn gewesen — einmal pro Woche in einer Suite im »Atlantic« getroffen, sich mit Kaviar füttern lassen und eine ganze Kollektion Modellkleider abgestaubt. Gleichzeitig war sie mit einem langhaarigen Herumtreiber liiert gewesen, mit dem sie sich auf dem Rücksitz seines altersschwachen, buntbemalten Käfers amüsiert hatte. Dana hatte weder Dünkel noch Prinzipien. Sie nahm mit, was ihr Spaß machte, und da ihre Mutter, eine alleinerziehende, liberale Journalistin, schlechthin alles erlaubte, stieß sie nie an eine Grenze. Trotz allem hing sie mit einer rührenden Liebe an der altmodischen Tina, die ihr, zusammen mit dem konservativen Michael, den Halt gab, nach dem sie, ohne es zu wissen, ständig suchte.

»Vielleicht hat ihn eingeschüchtert, was ich ihm von meinem Vater erzählt habe«, meinte Tina nun, Danas Bemerkung aufgreifend. »Er denkt sicher, wenn er mir nur einen Schritt zu nahe kommt, wird Vater ihn erschie ßen.«

»Ganz unbegründet wäre diese Sorge natürlich nicht«, sagte Dana. Sie trug Jeans, dazu ein Oberteil, das ihren Nabel freiließ und so über ihren vollen Brüsten spannte, daß Michael, der ihr unten im Flur begegnet war, verlegen zur Seite geblickt hatte. »Trotzdem, dieser Mario ist ein junger Typ von vierundzwanzig Jahren. Er sollte Manns genug sein…«

»Was?« fragte Tina.

Dana grinste. »Mein Gott, Tina, ihr seid oft genug allein! Ich meine, dein Vater sieht’s dir hinterher schon nicht an.«

Tina wurde rot, Dana übersah dies taktvoll. »Nur gut, daß du darauf bestanden hast, daß er mit dir verreist«, sagte sie.

»Er fragt heute seinen Vater, ob er das Haus bei Nizza haben kann«, erklärte Tina.

»Also, ich würde sagen, das ist seine letzte Chance. Wenn er da auch nicht mit dir schläft, stimmt etwas nicht mit ihm!«

»Dana, du redest, als ginge es um irgendeine Prüfung! Seine letzte Chance! Ich liebe Mario. Es spricht doch für ihn, daß er es nicht so eilig hat. Wir sind ja auch erst seit vier Monaten zusammen.«

»Schlimm genug«, sagte Dana. Sie kramte eine Zigarette hervor und zündete sie an. »lrgendwie… ich weiß nicht…«, sagte sie sehr unbestimmt und blickte dem Rauch nach.

Tina sah ihre Freundin eindringlich an.

»Dana, sei bitte ganz ehrlich, wie gefällt dir Mario?«

»Oh, ich kenne ihn ja kaum«, wich Dana sofort aus. Tatsächlich waren sie und Mario einander erst zweimal begegnet. Ganz flüchtig bei jener ersten Party, auf der auch Tina ihn kennengelernt hatte, und dann auf Danas Geburtstag im April. Es waren immer zu viele Menschen dabei gewesen, als daß sich Dana länger und genauer mit Mario hätte befassen können, aber Tina wußte, daß sie sich trotzdem ein Bild gemacht hatte. Dana bildete sich immer sofort ein Urteil — und lag dabei meist richtig.

»Du hast doch irgendeine Meinung zu ihm«, bohrte Tina nach.

Dana gab sich einen Ruck. »Okay. Wenn du es unbedingt wissen willst — ich mag ihn nicht besonders.«

»Aber als ich dich das erste Mal gefragt habe, hast du gesagt, du findest ihn ganz nett«, sagte Tina etwas verletzt.

»Ja, das hab’ ich gesagt.« Dana war verlegen, weil sie geschwindelt hatte, was Tina gegenüber noch nie vorgekommen war. »Ich wollte dir nicht weh tun. Außerdem fand ich es so gut, daß du dir endlich mal einen Kerl an Land gezogen hast, da mochte ich nicht riskieren, ihn dir auszureden.«

»Und warum magst du ihn nicht?«

»Nur ein Gefühl. Ich kann’s nicht erklären. Es ist etwas an ihm… liebe Güte, ich kann es wirklich nicht in Worte fassen. Wahrscheinlich bilde ich mir was ein.«

»Wahrscheinlich«, stimmte Tina erleichtert zu. Ihrer Ansicht nach würde Dana gegenüber jedem Mann mißtrauisch werden, der nicht sofort über eine Frau herfiel. Insgeheim hielt sie Mario vermutlich für schwul.

»Dein Vater läßt dich so ohne weiteres wegfahren?« fragte Dana nun, bestrebt, das Thema zu wechseln.

Tina schüttelte den Kopf. »Nein. Keineswegs ohne weiteres. Er wollte es mir am liebsten verbieten. Ich habe zum ersten Mal darauf gepocht, daß ich volljährig bin. Seitdem ist es zwischen uns nicht mehr, wie es war. Er weiß, daß er die Reise nicht verhindern kann, und ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen.«

»Großer Gott, du wirst es dir doch hoffentlich nicht anders überlegen? Wenn du nicht mit ihm verreist, wird das nie etwas!«

»Ich tue es ja«, sagte Tina kurz. Plötzlich dachte sie, es wäre besser gewesen, sie hätte niemals jemandem von Mario erzählt. Dann hätte Dana nicht sagen können, daß sie ihn nicht mochte, und ihr Vater hätte nicht darauf beharren können, ihn vor der Reise nun doch noch kennenzulernen. Ein gemeinsames Abendessen war für den kommenden Sonntag geplant. Tina hatte auf einmal Angst. Wenn ihr Vater ihn nun nicht leiden konnte? Wenn irgend etwas schieflief, ein Fiasko passierte, Michael wie ein Inquisitor auftrat, Mario in seiner Nervosität etwas Falsches sagte…?

Am liebsten wäre sie mit ihm bei Nacht und Nebel heimlich nach Südfrankreich geflüchtet, ohne sich vorher noch die Ansichten der vielen wohlmeinenden Menschen in ihrer Umgebung anzuhören.

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Das erste, was Janet und Andrew nach den vielen Jahren wie aus einem Mund sagten, war: »Du hast dich überhaupt nicht verändert!« Janet war fünfundzwanzig gewesen bei ihrer letzten Begegnung, Andrew sechsunddreißig; heute war sie dreiundvierzig und er vierundfünfzig. Natürlich hatten sie sich verändert. Dennoch hatte keiner dem anderen nur plump schmeicheln wollen. Die Vertrautheit zwischen ihnen bestand in so ungebrochener Weise, daß es kaum einen Tag her zu sein schien, daß sie voneinander Abschied genommen hatten. Andrews graue Haare und die feinen Fältchen um Janets Augen kamen dagegen nicht an, auch nicht die Spuren von Lachen und Weinen, von Einsamkeit und Euphorie in ihren Gesichtern. Dies sollte sich erst in den folgenden Tagen deutlicher bemerkbar machen, als sie Gelegenheit bekamen, einander eindringlich und sorgsam zu mustern.

Andrew hatte Janet einfach in den Arm genommen und sie auf beide Wangen geküßt. »Janet! Es ist so schön, dich wiederzusehen!« Er nahm ihre Hände, zog sie in die Wohnung. »Komm, gib mir deinen Mantel! Möchtest du etwas trinken? Immer noch am liebsten Gin Tonic?«

»Immer noch.« Sie sah sich im Wohnzimmer um, während er sich in der Küche zu schaffen machte. Genauso hatte sie sich eine von ihm eingerichtete Wohnung immer vorgestellt: hell, sachlich, viele Bücher. Auf dem Fensterbrett stand eine gerahmte Photographie. Janet trat näher. Ein Junge und ein Mädchen, beide zwischen zehn und zwölf Jahre alt.

»Meine Kinder«, erklärte Andrew hinter ihr. Er war unbemerkt ins Zimmer gekommen, zwei Gläser in den Händen. »Pamela und Nicolas. Sie leben mit ihrer Mutter in New York.«

»Du bist…«

»Ich war verheiratet. Wir haben uns vor drei Jahren scheiden lassen.«

»Oh…« Sie betrachtete ihn forschend.

»Clare ist Amerikanerin«, sagte Andrew, »sie wollte nach unserer Trennung in ihre Heimat zurück. Sie hat das Sorgerecht, und so nahm sie die Kinder mit.«

»Dann hast du kaum noch etwas von ihnen.«

»Nein.« Einen Moment lang glitt ein Ausdruck von Traurigkeit über sein Gesicht, dann hatte er sich wieder völlig im Griff. Er reichte ihr ein Glas.

»Hier. Laß uns auf unser Wiedersehen anstoßen.«

Sie plauderten eine Weile, wobei Janet allerdings sorgfältig den ursprünglichen Anlaß für ihre Englandreise unterschlug. Sie habe einfach Sehnsucht nach zu Hause gehabt, erklärte sie, und daher beschlossen, für ein paar Tage auf die Insel zu reisen.

»Dann willst du sicher auch nach Cambridge?« fragte Andrew.

»Ich weiß nicht. Vielleicht. Es muß nicht sein.«

Später gingen sie zum Essen in ein chinesisches Restaurant, und Andrew erzählte von seiner Arbeit. Er hatte als junger Mann vorgehabt, Rechtsanwalt zu werden, hatte jedoch nach seinem Studium und einigen Jahren praktischer Arbeit umgesattelt und war zu Scotland Yard gegangen. Er hatte Janet damals brieflich darüber unterrichtet, und sie hatte sich verwirrt gefragt, was der Grund für diesen Sinneswandel gewesen sein mochte. Sie hatte es nie verstanden, wollte aber auch jetzt nicht gleich danach fragen. Er arbeitete als Inspektor, aber Janet hörte aus der Art, wie er davon erzählte, heraus, daß ihm dies keineswegs genügte. Er war nicht zufrieden — weder mit seinem Dienstgrad noch mit seiner Arbeit.

»Immer wieder habe ich es mit wirklich scheußlichen Verbrechen zu tun. Mit Menschen, die widerliche Dinge tun, die aber teilweise selbst eine Vorgeschichte haben, bei der man den Eindruck gewinnt, sie konnten kaum anders, als auf die schiefe Bahn geraten. Und im Grunde steht man unendlich hilflos daneben.«

»Bereust du es, dich nicht doch für die Justiz entschieden zu haben?« fragte Janet. »Würdest du heute wieder diesen Weg einschlagen?«

Andrew überlegte kurz, nickte dann. »Ja. Ich jammere viel, aber letzten Endes würde ich dasselbe wieder tun.« Über den Tisch griff er nach Janets Hand. »Erzähle von dir. Wie geht es deinen Jungen?«

»Gut. Alles in Ordnung«, sagte Janet nervös.

Andrew musterte sie. »Stimmt etwas nicht?«

»Nein. Es ist wirklich alles okay.«

»Und… wie geht es Phillip?«

Janet sah Andrew nicht an. »Er weiß nicht, wo ich bin.«

»Er weiß nicht, daß du in England bist? Du bist durchgebrannt?«

»Er weiß, daß ich in England bin. Aber ich habe mich von hier dann nicht mehr gemeldet. Vermutlich telefoniert er bei meinen Verwandten herum, um herauszufinden, wo genau ich mich herumtreibe.«

»Willst du…?«

Sie erriet, was er fragen wollte, und unterbrach ihn. »Nein. Ich will nicht darüber sprechen. Nicht jetzt. Ich weiß nicht, wie lange ich in England bleibe, vielleicht ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen. Und in der Zeit möchte ich einfach nicht über daheim nachdenken.«

»In Ordnung. Können wir uns ein paarmal sehen, solange du hier bist?«

»Natürlich. Wenn du Zeit hast.«

Andrew lachte. »Ich habe so viele durchgearbeitete Abende hinter mir, ich habe mir ein paar Stunden mit dir wirklich verdient.«

Teil III

SAMSTAG, 27. MAI 1995

Am Samstag nahm Andrew sie mit zu der Geburtstagsparty eines befreundeten Kollegen. Niemand behelligte sie dort mit Fragen, jeder hielt sie einfach für Andrews neue Freundin und begrüßte sie mit großer Herzlichkeit.

Natürlich, dachte Janet, sieht man mir nicht an, daß ich verheiratet bin und meinen Mann, meine Söhne im Stich gelassen habe. Ob sie mich, wenn sie das wüßten, auch noch so reizvoll finden würden?

Während der Party hatte Janet einige Male Gelegenheit, Andrew aus der Distanz zu beobachten, während er mit anderen Leuten sprach. Er gehörte zu den größten Männern im Raum, zugleich zu den schlanksten. Er war früher fast mager gewesen, und das hatte sich kaum geändert. Es hing mit seiner chronischen Nervosität zusammen, nahm Janet an. Fast immer, wenn er redete, zuckte es um eines seiner Augen; der überwache Ausdruck seines Gesichtes verriet eine extrem angespannte Wahrnehmungsbereitschaft gegenüber allem, was um ihn herum vorging. Früher, das wußte Janet nur zu gut, hatte vor allem sein brennender Ehrgeiz dafür gesorgt, daß er keine Sekunde abschalten konnte, und heute war das vermutlich noch immer so. Als sie einander zum erstenmal trafen, war Janet sechzehn gewesen, Andrew siebenundzwanzig. Er hatte in Cambridge studiert und strebte bei Janets Vater eine Promotion an. Manchmal hatte Janet geargwöhnt, er habe sich deshalb mit ihr angefreundet, aber sehr schnell stellte sich heraus, daß er sich damit in jedem Fall verrechnet hätte, denn Professor Hamilton, Janets Vater, geriet außer sich, als er hinter die Liaison kam. Andrew blieb trotzdem bei Janet und promovierte schließlich bei einem anderen Professor. Er tat alles für seinen Erfolg, aber er ließ sich nicht erpressen. Bei all seinem Ehrgeiz zog er doch eine eindeutige Grenze dort, wo er sich selbst hätte verraten müssen.

Nach der Party, als Andrew Janet vor ihrem Hotel absetzte, sagte er: »Es war schön, daß du dabei warst, Janet. In den letzten drei Jahren bin ich überall allein hingegangen. Ich wußte gar nicht mehr, wieviel Spaß es zu zweit macht.«

Unvermittelt fragte Janet: »Warum hast du dich von deiner Frau getrennt?«

Andrew schwieg einen Moment überrascht, dann erwiderte er: »Anderthalb Jahre vor unserer Scheidung hatte ich eine Affäre. Ich habe sie wirklich relativ schnell beendet, aber Clare kam nicht darüber hinweg. Zum Schluß drehte sie durch, wenn ich nur zehn Minuten später daheim war, als ich angekündigt hatte. Irgendwann hatte es einfach keinen Sinn mehr.«

Janet lächelte etwas bitter. »Immer noch der alte«, sagte sie. Sie öffnete die Wagentür, stieg aus.

»Bleib sitzen«, sagte sie, als sie bemerkte, daß Andrew ebenfalls aussteigen wollte, um sie zu verabschieden. »Heute möchte ich keinen Gutenachtkuß.« Sie schlug die Tür zu und lief zum Hoteleingang. Andrew stieg trotzdem aus, blieb aber neben seinem Wagen stehen. »Morgen ist Sonntag«, rief er hinter Janet her, »wir könnten aufs Land fahren!«

Sie wandte sich nicht um. »Hol mich um zehn Uhr ab«, erwiderte sie und verschwand durch die Drehtür.

Teil IV

SONNTAG, 28. MAI 1995

Tina hatte gewußt, daß der Abend mit Mario und ihrem Vater in einem Fiasko enden würde, und tatsächlich schien von Anfang an alles schiefzugehen. Schon das Essen mißglückte. Tina war eine recht gute Köchin, aber an diesem Sonntag wollte ihr nichts gelingen. Das Fleisch blieb zäh, das Gemüse schmeckte zuerst fad, später, als sie es nachgewürzt hatte, war es zu salzig. Die Vorspeise, eine Suppe, war einigermaßen in Ordnung, dafür brannte der Boden der Erdbeertörtchen, die es zum Nachtisch geben sollte, leicht an. Nur mit Mühe schaffte es Tina, nicht in Tränen auszubrechen; es hätte dem Abend die Krone aufgesetzt, wenn sie mit verheulten Augen herumgelaufen wäre. Michael deckte im Eßzimmer den Tisch und benutzte dafür das beste Porzellan, die schönsten Gläser, das alte Silber aus Mariettas Familienerbe. Tina wußte, daß er das keineswegs tat, um Mario besonders zu ehren, sondern um ihn von vorneherein einzuschüchtern. Ihm lag nicht das geringste daran, diese erste Begegnung mit dem Freund seiner Tochter zwanglos über die Bühne gehen zu lassen. Im Gegenteil. Später verschwand er in seinem Zimmer, und als er wiederkam, trug er einen dunklen Anzug, hatte die grauen Haare sorgfältig gebürstet und sah aus wie ein englischer Lord.

Unnahbarer könnte nicht einmal die Queen auftreten, dachte Tina schaudernd.

Mario erschien pünktlich um sieben Uhr. Er hatte vor dem Haus im Auto gewartet, um mit dem Glockenschlag die Türklingel zu betätigen. Er überreichte Tina einen Blumenstrauß, ihrem Vater eine Flasche Wein. Auf den ersten Blick stand fest, daß Michael ihn nicht mochte.

Die Unterhaltung kam beim Essen nur schleppend in Gang. Ganz gleich, welches Thema Mario und Tina auch anschnitten, Michael antwortete so einsilbig, daß kein Gespräch entstehen konnte. Mario wurde darüber so nervös, daß ihm zweimal klirrend die Gabel auf den Teller fiel und er sich beim Trinken heftig verschluckte, minutenlang mit einem Hustenreiz zu kämpfen hatte, ehe er wieder sprechen konnte. Tina merkte, wie die blanke Wut in ihr aufstieg. Bornierter, alter Dickkopf, der ihr Vater war! Es hätte ihn nichts gekostet, Mario ein wenig entgegenzukommen.

Erst nach dem versalzenen Hauptgang stellte Michael eine Frage an Mario. »Sie studieren Jura?«

Marios Erleichterung war rührend. »Ja. Im vierten Semester.«

»So. Welche Scheine?«

»Äh… Strafrecht, beide. Den kleinen BGB hab’ ich gemacht, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihn bestanden habe.«

Michael zog die Augenbrauen hoch. »Das ist nicht viel. Öffentliches Recht ist wohl nicht gerade Ihre große Liebe?«

»Nein«, sagte Mario tapfer.

»Das ist doch völlig unwichtig«, mischte sich Tina ein. »Vater, Mario ist nicht gekommen, um sich examinieren zu lassen.«

»Ich finde das Studium des jungen Mannes keineswegs unwichtig«, entgegnete Michael kühl. Abrupt wandte er sich wieder an Mario. »Waren Sie bei der Bundeswehr?«

O Gott, dachte Tina.

»Ich… nein…« antwortete Mario unsicher.

Michaels Gesicht glich einer Maske aus Stein. »Verweigerer?«

»Ich… ich habe in einem Altenheim meinen Ersatzdienst gemacht…«

»Und das finde ich eine großartige Leistung«, sagte Tina schnell. »Alte Leute waschen und füttern und im Bett umdrehen… es wäre das letzte, was ich tun wollte!« Sie stand auf. »Ich hole den Nachtisch. Ich hoffe, ihr habt noch etwas Appetit!«

Als sie draußen war, sagte Michael: »Sie wollen also mit meiner Tochter verreisen? Nach Südfrankreich?«

»Ja. Meine Eltern besitzen ein Ferienhaus dort.«

»Aha. Ihre Eltern sind mit dem Plan einverstanden?«

»Ja.« Mario verschwieg, daß seine Mutter überhaupt nichts davon wußte. Es hätte sich nicht besonders gut gemacht, wenn er berichtet hätte, daß Janet im Augenblick in England untergetaucht war und ihre Familie völlig über ihren Aufenthaltsort im unklaren ließ. »Meine Eltern sind ganz froh, daß mal wieder einer von uns runterfährt. Wir waren seit sechs Jahren nicht mehr dort. Ein Mann aus dem Dorf kümmert sich um alles, aber es schadet sicher nicht, ihm hin und wieder auf die Finger zu schauen.«

Michael stand auf, nahm eine flache Zigarrenkiste von einem Ecktisch. »Haben Sie Geschwister?«

»Nein«, sagte Mario und errötete. Glücklicherweise sah ihn Michael nicht an.

»Zigarre?« Er hielt ihm die Schachtel hin.

»Danke.« Mario schüttelte den Kopf. »Ich rauche nicht.«

Kommentarlos zündete sich Michael seine Zigarre an, ließ offen, ob er Mario das Nichtrauchen als Pluspunkt anrechnete.

Vermutlich nicht, dachte Mario. Er war deprimiert und fühlte sich ungerecht behandelt. Er hatte sich weiß Gott nicht darum gerissen, mit Tina in die Ferien zu fahren, er hatte ihrem wochenlangen Drängen nachgegeben, und nun tat dieser Mann so, als wollte er seine Tochter entführen, verschleppen und was auch immer mit ihr anstellen. Warum mußte Tina diesen schwierigen, unleidlichen Vater haben?

Aber dann dachte er, daß Tina so war, wie sie war, weil sie diesen Vater hatte. Er war verantwortlich für diese fühlbare Ausstrahlung von Unschuld, die Mario vom ersten Moment an zu ihr hingezogen hatte. In Tina hatte er sich verlieben können, weil sie anders war als alle anderen. In Marios Augen war sie vollkommen, aber die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß nichts im Leben ohne Haken zu haben war. In Tinas Fall bestand der Haken aus dem Zigarre rauchenden Kotzbrocken, der am Kopfende des Tisches thronte.

Als Mario schließlich gegangen war, hatte Tina Kopfschmerzen und einen schlechten Geschmack im Mund. Laut scheppernd stellte sie die Teller zusammen, trug sie in die Küche, wo sich schon das übrige Geschirr stapelte, und fing an, mit wütenden Bewegungen die Spülmaschine einzuräumen. Als Michael in der Tür erschien, ging gerade ein Glas zu Bruch.

»Hoppla!« Er zuckte zusammen. »Warum wirfst du die Sachen alle in die Maschine?«

»Weil ich sauer bin, deshalb!« Tina angelte mit den Fingern zwischen den Spülkörben hindurch, um die Scherben zusammenzuklauben. »Du warst unmöglich, Vater. Du hast ihn entweder ignoriert oder ihn wie ein Stück Dreck behandelt. Du hast es darauf angelegt, ihn völlig zu verunsichern. Und es war geradezu peinlich, wie du ihn wegen seines Studiums ausgefragt hast!«

»Ich habe ja wohl das Recht, alles über den Mann zu erfahren, der mit meiner gerade eben volljährigen Tochter in den Urlaub fahren will!«

»Du sagst es. Volljährig. Ich bin erwachsen. Kannst du mir nicht vertrauen? Vater, du hast dich aufgeführt, als hättest du einen Zeugen vor dir, den du befragen und einschüchtern mußt. Mario ist kein Verbrecher. Und du bist nicht rund um die Uhr Staatsanwalt!«

Michael schwieg einen Moment. »Ich mag ihn nicht«, sagte er dann.

»Das hatte ich nicht anders erwartet«, erwiderte Tina ironisch. Gleich darauf schrie sie auf. »Au!«

Blut quoll aus dem Zeigefinger der rechten Hand. Tina hatte direkt in die scharfen Zacken einer Scherbe gegriffen. Michael war mit zwei Schritten neben ihr, zog ein Taschentuch hervor und schlang es um die Wunde. Er hat immer, immer ein sauberes Taschentuch zur Hand, dachte Tina, und unvermittelt brach sie in Tränen aus. Sie schluchzte heftig und in einer zu Herzen gehenden Verzweiflung, weinte noch, als Michael sie in seine Arme nahm und an sich drückte, sie zitterte und zuckte wie eine Kerze unter einem Luftstrom und durchweichte das blütenweiße Hemd ihres Vaters mit Bächen von schwarzer Wimperntusche.

___________

Trotz der leichten Mißstimmung vom Vorabend hatten Janet und Andrew einen schönen Sonntag verbracht. Sie waren zuerst nach Windsor gefahren und zwei Stunden lang in den Schloßanlagen herumgebummelt, dann hatten sie die zauberhaften Häuser am Themseufer in Henley angeschaut und einen langen Spaziergang entlang des Flusses gemacht. Irgendwann am Nachmittag aßen sie Sandwiches in einem Pub, und zum Abendessen kehrten sie in einen Landgasthof bei Newbury ein. Draußen neigte sich ein sonniger Maitag seinem Ende zu, ein kühler Wind kam auf. Andrew saß Janet gegenüber am Tisch und betrachtete sie mit einem Ausdruck zärtlicher Nachdenklichkeit in den Augen.

»Du siehst besonders jung aus heute«, sagte er, »windzerzauste Haare und rote Wangen stehen dir sehr gut.«

»Und du bist ein bißchen braun geworden. Das macht sich sehr schick zu deinen grauen Haaren.«

Er lachte, aber das Lachen verbannte nicht die Angespanntheit aus seinem Gesicht. Sacht berührte Janet seinen Arm. »Irgend etwas beschäftigt dich den ganzen Tag schon. Worüber denkst du nach?«

»Das gehört nicht hierher.« Andrew nickte der Kellnerin zu, zum Zeichen, daß er die Rechnung haben wollte. »Ein berufliches Problem.«

»Es würde mich interessieren.«

»Ein Fall, der mir an die Nieren geht… ein Psychopath, den ich für den Rest seines Lebens hinter Gittern sehen möchte. Sein Anwalt wird auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren, aber ich hoffe, die Gegenseite setzt das höchste Strafmaß für ihn durch.« Andrew strich sich mit der Hand über die Augen, er wirkte plötzlich sehr müde. »Ich habe immer noch nicht gelernt, mich innerlich rauszuhalten aus diesen Geschichten.«

»Was hat er getan?« fragte Janet.

»Willst du das genau wissen?«

»Ja…«

»Er hat vier Morde begangen — oder vielmehr, vier Morde hat er gestanden. Möglicherweise sind es mehr. Er mordet nur Frauen, solche, die jung sind und attraktiv.«

Janet schluckte. »Wie hat er sie ermordet?«

»Er hat sie in einsamen Gegenden überfallen und in einem kleinen Kombi verschleppt. Es gab ein halb verfallenes Landhaus in der Nähe von Basildon, dorthin hat er sie gebracht. Er selber lebte in London.«

»Wem gehört das Haus?«

»Es war völlig verwahrlost. Der Besitzer war fortgezogen. Das Haus sollte schon längst abgerissen werden, aber aus irgendeinem Grund wurde die Sache verschleppt, und es blieb stehen und bröckelte vor sich hin.«

»Du hast in diesem Fall ermittelt?«

Andrew nickte. »Es verschwanden immer wieder Frauen aus der Londoner Gegend. Spurlos. Sie hatten, was Lebensumstände und dergleichen anging, nichts gemeinsam, aber sie waren, wie gesagt, alle recht jung und auffallend attraktiv. Wir gingen monatelang jeder winzigen Spur, jedem kleinsten Hinweis nach. Ohne Erfolg. Und dann konnte ihm ein Opfer entkommen.«

»Aus diesem Haus?«

»Ja. Er hatte Pech gehabt: Sie war eine hervorragend trainierte Langstreckenläuferin. Sie konnte sich losreißen und davonrennen, und er schaffte es nicht, sie einzuholen. Sie verständigte uns und führte uns zu dem Haus.«

Janet schluckte. »Und dort habt ihr…?«

»… die Leichen von vier Frauen gefunden, ja. Dazu jede Menge pornographisches Material, bergeweise einschlägige Magazine, aber auch Utensilien aus Sexshops, vorwiegend zum sado-masochistischen Gebrauch.«

»Wie entsetzlich«, flüsterte Janet, »die armen Frauen!«

»Ihre Rechnung, Sir«, sagte die Kellnerin. Sie legte einen Zettel auf den Tisch. »War ein schon fast sommerlicher Tag heute, nicht?«

»Hoffentlich hält der Sommer, was dieser Frühling verspricht«, erwiderte Andrew und kramte sein Geld hervor. Janet, die ihn eindringlich musterte, stellte zum ersten Mal an diesem Tag fest, daß der dunkelblaue Pullover, den er trug, handgestrickt war: Er enthielt einige, irgendwie liebenswert anzusehende Unregelmäßigkeiten. Janet fragte sich, wer ihn gestrickt haben mochte. Andrews Frau?

Sie verließen den Gasthof und gingen zum Auto zurück. Die Dunkelheit nahte jetzt rasch. Als sie im Wagen saßen, fragte Janet: »Er hat die Frauen also in diesem Haus getötet?«

Andrew startete das Auto, sah konzentriert auf die Straße, so, als versuche er sich von dem, was er sagte, nicht zu stark gefangennehmen zu lassen. »Er hat sie zu Tode gequält. Ich habe die Leichen gesehen; erspare mir bitte die Einzelheiten. Er hat sie dann in einem ehemaligen Schuppen neben dem Haus notdürftig verscharrt…«

»Habt ihr ihn in dem Haus aufgegriffen? Da auf ihn gewartet?«

Andrew schüttelte den Kopf. »Dafür war er zu schlau. Er ist nie wieder dort aufgetaucht. Nein, nach den Angaben des entflohenen Opfers wurde ein Phantombild gezeichnet, das in Presse und Fernsehen erschien. Wir erhielten einen anonymen Anruf, vermutlich aus der Nachbarschaft von Fred Corvey — so heißt der Mann. Als wir dort auftauchten, fanden wir Corvey in hoffnungslos betrunkenem Zustand vor. Er gestand sofort alles.«

»Er hat gestanden?«

»Dieses erste Geständnis hätte niemals irgendeine Beweiskraft, denn er war, wie gesagt, betrunken. Als er wieder nüchtern war, haben wir ihn vernommen. Er wurde natürlich auf seine Rechte hingewiesen, darauf, daß er die Aussage verweigern kann, daß aber alles, was er dennoch sagt, gegen ihn verwandt werden kann. Er erklärte, das habe er begriffen, und bekannte sich abermals aller gegen ihn erhobenen Vorwürfe für schuldig. Darüber hinaus sagte er nichts.«

»Hast du ihn noch öfter vernommen?«

Andrew hob bedauernd die Schultern. »Darf ich nicht. Vernehmungen finden ganz zu Anfang statt. Nach der Verhaftung ist nichts mehr möglich.«

»Aber du hast ein Geständnis!«

»Ja. Und ich habe Anklage erhoben. Ich hoffe, das war kein Fehler. Denn über das Geständnis hinaus habe ich nichts in der Hand.«

»Gibt es trotzdem eine Verhandlung?«

»Es fand eine Vorprüfung statt, und der Richter hat entschieden, daß es auch zur Hauptverhandlung kommt. Ein Geständnis ist natürlich ein schwerwiegendes Beweismittel. Und in der englischen Justiz ist es anders als in der deutschen: Zu Beginn der Hauptverhandlung wird der Angeklagte gefragt, ob er schuldig oder nicht schuldig ist. Bekennt er sich schuldig, kann praktisch sofort das Urteil gefällt werden, ohne jede weitere Beweisaufnahme. Das heißt, wenn Corvey dabei bleibt, kann nichts schiefgehen.«

»Und du meinst, er bleibt vielleicht nicht dabei?«

»Ich hab’ so ein dummes Gefühl…«

»Aber«, beharrte Janet, »er hat ein Geständnis abgelegt. Er ist auch unterrichtet worden, daß dies als Beweis gegen ihn verwandt wird. Du hast gerade gesagt, es ist ein schwerwiegendes Beweismittel. Er wird nicht einfach sagen können, haha, ich hab’ nur Spaß gemacht!«

»So einfach ist es natürlich nicht. Aber es sind schon Sachen passiert… vielleicht sehe ich auch nur unnötig schwarz.«

»Es gibt doch noch die Frau, die ihm entkommen konnte?«

»Ich vermute, sie hat Angst vor dem Tag, an dem er entlassen wird. Jedenfalls hat sie bei der Gegenüberstellung einen Rückzieher gemacht. Sie konnte ihn nicht zweifelsfrei identifizieren.«

»In dem Haus muß es Fingerabdrücke geben!«

»Nein. Corvey ist verdammt clever. Er trug immer Handschuhe. Außer von den Opfern ist da kein Fingerabdruck. Es gibt Fußspuren im Staub, deren Größe mit Corveys Schuhgröße übereinstimmt, aber wir haben nirgendwo bei ihm Schuhe mit dem entsprechenden Profil gefunden. Natürlich hatte er auch jede Menge Zeit, sie verschwinden zu lassen. Sogar sein Kombi ist fort.«

»Er hatte einen Kombi?«

»Einen uralten. Den hat er am Tag vor seiner Festnahme verschrotten lassen.«

»Das ist doch mehr als verdächtig!«

»Natürlich. Ich weiß ja auch, daß er es war. Aber sein Verteidiger wird alle diese Punkte der Anklage aus der Hand schlagen. Es ist nicht verboten, ein Auto verschrotten zu lassen.«

»Die müssen aber sehr schnell gearbeitet haben auf diesem Schrottplatz.«

»Ich nehme an, er hat irgend jemandem Geld gegeben. Und das trauen die sich nicht zuzugeben. Nach ihrer Aussage war es Zufall, daß Corveys Auto so schnell drankam.«

»Das gibt es doch alles nicht!«

»Er hat eine Tante in Basildon, war oft dort. Kein Wunder, daß er auf einem seiner Streifzüge das alte Haus entdeckt hat. Aber eine Tante in Basildon reicht auch nicht als Beweis.«

»Es gibt schließlich das Phantombild«, beharrte Janet, »das ist doch auch etwas wert.«

»Kaum. Es sieht ihm nicht einmal so ausgesprochen ähnlich. Ich bin sicher, der anonyme Anrufer hatte seine eigenen Gründe, Corvey für den Täter zu halten, deshalb meine ich auch, daß er aus der Nachbarschaft stammt. Sicher hat er etwas Verdächtiges beobachtet. Wir versuchen noch immer, ihn zu finden. Aber wir stoßen gegen eine Mauer. Sie haben alle Angst, und das wundert mich nicht. Wenn Corvey getan hat, dessen er angeklagt ist, dann ist er kein Mensch, sondern ein Monster.«

»Gibt es Spuren von Sperma?«

»Nein. Die Frauen wurden nicht vergewaltigt. Wir nehmen allerdings an, daß sich der Täter sexuell befriedigte, während er sie quälte, aber er hat perfekt aufgepaßt. Weder auf dem Fußboden noch an den Wänden, noch überhaupt irgendwo ist Sperma zu finden.«

Eine Weile schwiegen sie beide, dann sagte Janet unvermittelt und heftig: »Warum tun Männer Frauen so etwas an?«

Überrascht von der Schärfe in ihrer Stimme wandte sich Andrew ihr zu. Inzwischen war es völlig dunkel geworden, aber er konnte erkennen, wie bleich und angespannt ihr Gesicht war. »Was genau meinst du?«

»Warum finden sie Gefallen daran, Frauen zu quälen? Zu erniedrigen? Und im äußersten Fall zu töten?«

»Ich weiß es nicht.« Er sah wieder auf die Straße hinaus. »Ich kann es nicht nachvollziehen. Ich habe das Bedürfnis nicht.«

»Mit verschwindend geringen Ausnahmen kommt das bei Frauen nicht vor. Natürlich, Frauen töten auch Männer, aber das Opfer ist dann ein bestimmter Mann, und es gibt ein konkretes Motiv: Eifersucht, Habgier, Angst, die Kinder an ihn zu verlieren… irgend etwas in der Art. Aber wie oft hattest du den Fall, daß eine Frau zu ihrer sexuellen Befriedigung hingeht, wahllos Männer verschleppt und in irgendeinem Versteck regelrecht abschlachtet?«

»Den Fall gab es bei mir noch nicht. Allerdings hatte ich es durchaus mit Mörderinnen zu tun, die keineswegs zimperlich mit ihren Opfern umgegangen sind. Du hast allerdings recht: Die Motive, wie verwerflich sie gewesen sein mochten, hatten immer eine konkrete und irgendwo nachvollziehbare Basis.«

»Dieser… dieser Fred Corvey… er muß Frauen abgrundtief hassen…«

»Sein Haß auf Frauen ist wohl erst die zweite Stufe. Ein Psychologe spricht in einem solchen Fall vor allem von der tiefen Angst, die der Täter vor Frauen hat. Angst ist meist die Ursache dafür, daß ein Mann nur dann sexuell erregt werden kann, wenn eine Frau sich in einer unterlegenen Situation befindet und er völlig willkürlich mit ihr verfahren kann.«

Janet starrte angestrengt durch die Scheiben hinaus in die Dunkelheit, sah die schwarzen Schatten von Büschen und Bäumen vorüberjagen. Sie fröstelte. »Könntest du die Heizung anstellen?« fragte sie.

Andrew drehte am Schalter. »Ich glaube, ich habe dich aufgeregt«, sagte er, »ich hätte dir nichts erzählen sollen.«

»Es interessiert mich. Warum wird ein Mann so? So wie dieser Corvey? Was meinst du?«

Andrew zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Ich bin kein Psychologe. Die Weichen werden wohl in frühester Kindheit gestellt.«

»Es sind die Mütter«, sagte Janet. Ihre Stimme klang plötzlich schrill. »So heißt es doch immer. Bei diesen total fehlgeleiteten und perversen Männern haben immer die Mütter etwas eklatant falsch gemacht!«

Wieder sah Andrew rasch zu ihr hinüber; es war der Klang ihrer Stimme, der ihn irritierte. »Himmel, Janet, warum regst du dich so auf? Außerdem stellst du es jetzt zu einfach hin. Warum sollen es immer die Mütter sein? Vielleicht sind es auch die Väter oder die Lehrer — oder etwas ganz anderes! Pauschal kannst du das nie beurteilen.«

»Du hast recht«, sagte Janet leise. Sie lehnte die Stirn gegen das kalte Glas der Fensterscheibe. Sie sprachen beide nicht mehr, bis sie London erreichten. Andrew fuhr nicht auf direktem Weg zum Hotel, sondern parkte vor seinem Haus. Er stellte Motor und Scheinwerfer ab.

»Ich möchte jetzt nicht allein sein«, sagte er vorsichtig. »Hättest du Lust, oben noch etwas mit mir zu trinken?«

Janet zögerte. »Andrew…« Sie wußte, was unweigerlich geschehen würde, wenn sie mit ihm hinaufging, wußte es deshalb so genau, weil es im Augenblick fast nichts gab, was sie so sehr gewollt hätte. Ein winziger Rest an Loyalität gegenüber Phillip hielt sie zurück.

Andrew nahm ihre Hand. »Janet, ich brauche dir ja wahrscheinlich nichts vorzumachen, ich würde sehr gern mit dir schlafen. Aber das entscheidest du. Es ändert sich nichts zwischen uns, wenn du wirklich nur etwas mit mir trinkst und ich dich dann ins Hotel bringe. Okay?«

»Okay«, sagte Janet und öffnete die Wagentür. Eine Sekunde des Zögerns schien ihr zur Wahrung des Anstands gegenüber ihrem Ehemann ausreichend zu sein; für den Rest der Nacht würde sie ihn vergessen.

Teil V

SONNTAG, 4. JUNI 1995

»Ich habe einfach kein gutes Gefühl dabei, Tina so allein in die Welt hinausmarschieren zu lassen«, sagte Dana. Sie saß am Küchentisch in der Wohnung ihrer Mutter und lackierte ihre Fingernägel. Karen Graph, ihre Mutter, hatte sich in der Ecke auf einem Schafwollteppich ausgestreckt; sie lag auf dem Rücken, hielt beide Arme in die Seiten gestützt und ein Bein steil in die Höhe gerichtet. Neben ihr, an die Wand gepinnt, hing ein Zettel mit aufgezeichneten Übungen zur Straffung des Gewebes und Stärkung der Muskulatur. Karen hatte stets irgendeine Phase, in der sie ein Projekt mit fanatischer Konsequenz verfolgte. Derzeit widmete sie sich mit Hingabe ihrem Körpertrainingsprogramm. Dana hatte die Phase davor besser gefallen: Einige Wochen lang hatte es sich Karen in den Kopf gesetzt, eine raffinierte Köchin zu werden, hatte sich mit Kochbüchern eingedeckt und Berge von Lebensmitteln herangeschleppt. Einiges war ziemlich danebengegangen, aber sie hatte auch einige sehr gelungene Gerichte auf den Tisch gebracht. Wie gewöhnlich hatte sie von einem Tag zum anderen damit aufgehört und sich auf den nächsten Trip begeben. Jetzt gab es vorwiegend Müsli und Rohkost, aber Dana unterstützte ihre Mutter dennoch auch in dieser Sache. Hauptsache, Karen richtete ihre Energie auf irgend etwas. Denn in den Zeiten dazwischen litt sie unter Depressionen und trank zuviel, und das war das allerschlimmste.

»Du solltest froh sein, daß sie endlich einmal etwas Selbständiges unternimmt«, sagte Karen nun auf Danas Bemerkung hin. Sie hörte sich etwas gepreßt an, denn sie hielt ihr Bein nun schon eine ganze Weile in die Luft. »Sie kann doch nicht immer nur daheim bei ihrem Vater sitzen und sich von ihm beschützen lassen!«

»Nein. Deshalb habe ich ihr zuerst ja auch dringend zu dieser Reise geraten. Genaugenommen war es überhaupt meine Idee.« Dana spreizte ihre Finger und wedelte sie durch die Luft, um den Nagellack trocknen zu lassen. »Und jetzt fühle ich mich gar nicht mehr wohl dabei.«

»Wann fahren die beiden denn?«

»Morgen früh brechen sie auf.«

»Ich würde auch gern in die Provence reisen«, sagte Karen seufzend.

»Versuche doch, bei einer Zeitung einen Auftrag für einen Reisebericht zu ergattern«, schlug Dana vor. »Über die Côte d’Azur. Wir könnten sowieso dringend etwas Geld gebrauchen.«

»Ich weiß.« Mit einem erleichterten Aufatmen ließ Karen ihr Bein auf den Teppich sinken und verharrte einen Moment, ehe sie das andere anhob und in die Luft streckte. »Aber im Augenblick herrscht absolute Flaute. Niemand hat Arbeit für mich.«

»Vielleicht solltest du versuchen, etwas seriöser aufzutreten«, meinte Dana vorsichtig. Karen lief ihrer Ansicht nach viel zu schrill herum. Jeder Chefredakteur mußte erst einmal zurückzucken, sobald er ihrer ansichtig wurde. Dana fand es idiotisch, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen, aber sie wußte, daß es auf irgendeine Weise praktisch jeder tat, und man mußte mit den Wölfen heulen, wollte man Erfolg haben. Karen mit ihren stoppelkurz geschorenen, karottenrot gefärbten Haaren, mit ihrer Vorliebe für Leggins in Schockfarben und für übergroße Ohrringe, würde nie die Aufträge bekommen, die sie haben wollte und für die sie durchaus befähigt gewesen wäre. Ihr jedoch dies zu sagen, erforderte äußerstes diplomatisches Geschick, und Dana wollte einen geeigneten Moment abwarten.

»Ach, irgendwann kommt schon mal wieder etwas«, sagte Karen fröhlich. Sie ließ das Bein sinken, setzte sich auf und sah ihre Tochter an. »Mach nicht so ein Gesicht! Ist es wegen Tina? Du bist ja eine schlimmere Glucke als ihr Vater!«

»Ich mag diesen Mario nicht«, meinte Dana nachdenklich, »irgend etwas an ihm gefällt mir einfach nicht!«

Karen erhob sich, nahm einen Apfel aus einem Korb am Fenster und setzte sich ebenfalls an den Küchentisch. Vor Anstrengung hatte sie einen feinen Schweißfilm auf der Stirn. »Du bist eifersüchtig, mein Schatz«, stellte sie fest. »Egal, wie sehr du Tina immer gedrängt hast, auf eigenen Füßen zu stehen und sich einen Mann an Land zu ziehen — in Wahrheit hattest du dich sehr daran gewöhnt, immer der einzige Mensch für sie zu sein und sie ganz für dich allein zu haben.«

»Unsinn. Wie du sagst, ich habe sie immer ermuntert, endlich allein…«

»Natürlich«, unterbrach Karen, »aber du hast eben nicht gewußt, wie sehr es dir an die Nieren gehen würde, wenn sie es wirklich tut. Jetzt rede ihr die Sache keinesfalls aus. Tina sollte endlich einmal nicht mehr eingeschränkt werden, weder von ihrem Vater noch von dir!«

»Vielleicht hast du recht«, murmelte Dana und überlegte, ob es tatsächlich möglich war, daß Eifersucht ihre Objektivität gegenüber Mario trübte. Es schien ihr etwas Wahres an dem zu sein, was ihre Mutter gesagt hatte. Und dennoch — das ungute Gefühl ließ sich nicht vertreiben. Ob gerechtfertigt oder nicht, es bedrängte sie, machte sie unruhig und nervös. Sie würde in den folgenden Wochen viel Energie aufbringen müssen, um ihren Gedanken eine andere Richtung zu geben.

___________

»Und ihr habt überhaupt kein Lebenszeichen von Janet?« fragte Maximilian ungläubig. Er saß im feinen, weißen Sand in der Sonne, ließ die nackten Füße von den noch kalten Wellen der Ostsee umspülen. Nichts störte die nachmittägliche Stille in der kleinen Bucht, bis auf die Schreie einiger Möwen, die am ungetrübt blauen Himmel dahinschossen. In weiter Ferne brummte ein Flugzeug. Bienen summten. Mario saß auf einem Stein. Er trug Jeans und T-Shirt wie sein Bruder, hatte aber im Unterschied zu ihm Schuhe und Strümpfe anbehalten. Er sah blaß und nervös aus.

»Nein, kein Lebenszeichen«, sagte er nun, »sie ist wie vom Erdboden verschluckt.«

»Will Vater denn nicht die Polizei verständigen? Schließlich kann ihr etwas zugestoßen sein.«

Mario blickte über das Wasser. Wie immer, wenn er am Meer war, überkam ihn ein Gefühl von Ruhe und Gelassenheit. Der Aufruhr in seinem Innern, der ihn so oft zu überwältigen drohte, wurde vom Wellenrauschen und dem Geruch nach Salz und Algen besänftigt.

»Vater glaubt nicht, daß ihr etwas passiert ist«, sagte er.

Überrascht sah ihn Maximilian an. »Ist er so sicher?«

»Wir haben nicht darüber gesprochen. Er scheint sicher zu sein. Und ich weiß, was er denkt.«

»Woher weißt du…« Maximilian unterbrach sich, atmete tief. »Er denkt… Andrew Davies?«

»Ich denke es auch.«

»Nach all den Jahren… hältst du das wirklich für möglich?«

»Das zwischen den beiden hat nie wirklich aufgehört. Nicht in ihren Gedanken. Janet hat sich immer nach ihm verzehrt.«

»Dann hätte sie bei ihm bleiben sollen«, sagte Maximilian heftig. Er nahm eine Handvoll Sand auf, warf ihn mit einer wütenden Bewegung ins Wasser. »Das wäre hart, aber fair gegenüber Vater gewesen.«

»Vielleicht hat sie es wegen uns nicht getan. Oder um sich zu schützen.«

»Sich zu schützen? Wovor denn?«

»Vor Davies. Sie hat vielleicht gewußt, daß er ihr sehr weh tun würde, wenn sie bei ihm bliebe.«

»Hatte sie dafür einen Anhaltspunkt?«

»Er hatte so etwas an sich… etwas Unstetes, Unberechenbares…«

Maximilian musterte seinen Bruder nachdenklich. »Du kannst dich aber noch sehr genau erinnern an ihn. Wir waren doch erst sechs, als die beiden auseinandergingen.«

»Ich habe später noch Photos von ihm gesehen«, sagte Mario, »in Janets Schreibtisch.«

Maximilian lachte. »Du hast hinter ihr hergeschnüffelt?«

»Ja.«

»Verstehe. Hast du sonst noch etwas gefunden? Briefe?«

»Nichts. Nur die paar Bilder.«

Maximilian nickte langsam. Dann fragte er unvermittelt: »Du fährst morgen früh nach Duverelle?«

»Ich will gegen sieben Uhr aufbrechen.«

»Ich möchte wissen«, sagte Maximilian, »was du da so allein tun willst. Es könnte sehr einsam sein.«

Mario erhob sich, setzte seine Sonnenbrille auf, strich sich über die dunklen Haare. »Vielleicht suche ich gerade das«, sagte er.

Wie schön er ist, dachte Maximilian. Wie so oft, wenn er sich der körperlichen Attraktivität seines Bruders so blitzartig bewußt wurde wie in diesem Moment, vergaß er für Sekunden, daß sie Zwillinge waren. Er konnte ihn mit den bewundernden Augen eines Fremden beobachten, sich in die Ebenmäßigkeit seiner Gesichtszüge, in die schlanken, kräftigen Linien seiner Gestalt vertiefen. Es waren seltene, eigentümliche Empfindungen von Zweigeteiltsein. Meist waren sie zu sehr verschmolzen miteinander, als daß dieses Heraustreten aus der einen Seele und die Verwandlung in den Beobachter möglich gewesen wäre. Sie hatten oft miteinander über ihr Zwillingsdasein gesprochen, über ihre schicksalhafte, lebenslange Gemeinsamkeit. Beide empfanden sie gleich: Sie waren eins. Mario und Maximilian, Maximilian und Mario. Ihre Namen waren Zufall und hätten genausogut anders verteilt sein können. Ihre zwei Körper waren Zufall; der Körper des einen hätte ebensogut zum Namen des anderen gehören können. Daß sie mit zwei Identitäten herumliefen, erschien ihnen als eine eigenwillige Laune der Natur, die sich einen Spaß daraus gemacht hatte, eine Seele mit zwei Körpern auszustatten, und als Zeichen hilflosen Unverständnisses ihrer Eltern, die ihnen zwei Namen gegeben hatten.

Und auch jetzt, da Maximilian für Augenblicke seinen Bruder aus der ungewöhnlichen Perspektive des Außenstehenden betrachten konnte, wußte er, daß sich dieses Gefühl sofort wieder auflösen würde; und noch während er dies dachte, schoben er und Mario sich schon wieder übereinander, und es war sein Spiegelbild, in das er blickte, seine Schönheit, die er bewunderte.

Er stand ebenfalls auf, nahm seine Schuhe und Strümpfe in die Hand. Der Sand klebte an seinen nassen Füßen.

»Wir sollten in die Klinik zurückfahren«, sagte er. »Du hast noch einen weiten Weg bis Hamburg. Und morgen mußt du früh aufstehen.«

»Du hast recht«, stimmte Mario zu. Einträchtig stapften sie nebeneinander zu Marios Auto zurück. Die Sonne neigte sich bereits dem schwarzen Streifen am Horizont, einem Kiefernwald, zu.

Maximilian blieb plötzlich stehen. Als ob er einer Eingebung folgte, sagte er: »Du verheimlichst mir etwas, oder? Es ist… ich kann es irgendwie fühlen…«

Auch Mario war stehengeblieben. Er entgegnete nichts. Die dunkle Brille verbarg seine Augen, und Maximilian vermochte darin keine Reaktion auf seine Bemerkung zu erkennen.

___________

»Davies«, sagte Phillip, »ja, Andrew Davies. In London. Wie?«

Er lauschte ins Telefon.

»Nein, die Straße weiß ich nicht. Aber es ist Chelsea. Falls er da noch wohnt.«

Einen Brief von Davies an Janet hatte er in all den Jahren gefunden, in ihrem Schreibtisch, in dem er schäbigerweise herumgeschnüffelt hatte. Ein einziger Brief, kurz und sachlich. Davies teilte ihr darin mit, daß er bereits seit Jahren für Scotland Yard arbeite und daß er nach London umgezogen sei. Keine Liebesschwüre, keine Sehnsuchtsbeteuerungen. Phillip hatte nun erneut nach dem Brief gesucht, um die Adresse zu erfahren, hatte ihn aber nicht gefunden. Das konnte bedeuten, daß Janet ihn bei sich hatte, und wozu, wenn nicht sie selbst die Adresse brauchte? Ihm war heiß geworden, und er hatte versucht, sich zu erinnern, wie die Straße hieß. Es fiel ihm nicht mehr ein, aber er meinte, Chelsea gelesen zu haben.

»Ja… ja, danke, ich notiere…« Er klemmte den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter, hielt mit der einen Hand den kleinen Notizblock fest, kritzelte mit der anderen die Nummer, die ihm von der Auslandsauskunft genannt wurde. Dann legte er auf, starrte auf das Papier und überlegte, ob er es wirklich wissen wollte…

Er nahm den Telefonhörer erneut ab, wählte die Vorwahl von England, von London, dann die Nummer von Andrew Davies. Während er auf das Klingelzeichen lauschte, merkte er, daß seine Hände zitterten, daß ihm der Schweiß auf die Stirn trat.

»Es ist alles in Ordnung«, flüsterte er sich beruhigend zu.

In London wurde abgehoben. »Hallo?« fragte eine weibliche Stimme.

Es war Janet.

Phillip ließ den Hörer auf die Gabel fallen, als habe er sich an ihm die Finger verbrannt. Er starrte den Apparat an. Er hatte es geahnt, natürlich, im Grunde war er nicht im geringsten überrascht. Aber es hatte ihn wie einen elektrischen Schlag getroffen, Janet zu hören. Diese vertrauliche Stimme, die sich mit größter Selbstverständlichkeit am Telefon eines anderen Mannes meldete. Lebte sie in seiner Wohnung?

Phillip ging mit langsamen, schweren Schritten ins Wohnzimmer, nahm ein Glas aus dem Schrank und schenkte sich einen Cognac ein. Er hatte sich seine Eifersucht mit so viel Willenskraft abgewöhnt, hatte sie so weit in versteckte Tiefen seines Inneren abgedrängt, daß ihn die Heftigkeit, mit der sie ihn nun überfiel, zutiefst verstörte. Warum tat es noch so weh nach all den Jahren? Er hatte sich längst damit abgefunden — das hatte er jedenfalls geglaubt —, daß Janets Gefühle für ihn rein freundschaftlicher Natur waren. Sie hatte ihn gern, sah in ihm einen zuverlässigen Lebensgefährten, mit dem gemeinsam sich die kleinen Hürden des Alltags besser nehmen ließen als allein. Phillip, der Vater ihrer Kinder, hin und wieder eine Schulter zum Anlehnen. Eine beschissene Rolle im Grunde, die sie ihm zugedacht hatte.

Aber, dachte Phillip nun, während er in kleinen Schlucken seinen Cognac trank und dabei in den sommerlichen Abend hinaussah, was habe ich auch je getan, um meine Situation zu ändern? Nichts. Absolut nichts. Ich hab’ mich verdammt gut arrangiert mit den Dingen, wie sie eben waren.

Janet war achtzehn gewesen, als er sie kennengelernt hatte. Sie war als Au-pair-Mädchen von England nach München gekommen. Um die Sprache zu lernen, wie sie sagte. Wie sich später herausstellte, hatte sie in Wahrheit den verzweifelten Versuch unternommen, Andrew Davies zu vergessen.

Phillip eignete sich als Helfer. Er war noch Student und führte ein geselliges Leben, er sah gut aus und hatte viele Freunde. Er nahm Janet mit, wohin er auch ging, sorgte dafür, daß sie nicht allein herumsaß und zu grübeln begann. Sie gingen auf Parties, ins Kino und Theater, sie wanderten in den Bergen und verbrachten einen wunderbaren Sommer bei Bekannten in Südfrankreich. Ein Dreivierteljahr lang blieb ihre Beziehung rein platonisch, obwohl sich Phillip längst heftig in Janet verliebt hatte. Als sie endlich seine Geliebte wurde, spürte er, daß viel Resignation dahinter steckte und wenig Leidenschaft. Er hatte das hingenommen, dabei auf die Wirkung der Zeit gehofft, auf etwas gewartet, das schließlich nie eintrat. Im Grunde hoffte er sogar jetzt noch, da er gerade ihr »Hallo« aus Davies’ Telefonapparat vernommen hatte. Er würde bis ins Grab warten, hoffen. Und sich lächerlich machen.

Ich bin ein echter Verlierer, sagte er sich, verlieren kann jeder, aber ein echter Verlierer ist einer, der gegen seine Niederlage nicht einmal kämpft. Der sie hinnimmt, als gehöre sie unlösbar zu ihm.

Und wahrscheinlich tat sie das auch. Die Niederlage war eine Bestimmung, die dem Verlierer von Anfang an zugedacht war, und er wußte es. Deshalb nahm er sie hin und arrangierte sich in seiner Rolle.

Er stand lange Zeit so am Fenster und merkte nicht, daß es draußen Nacht wurde, eine warme, klare Juninacht, in der Glühwürmchen über den Wiesen tanzten. Erst als er die Haustür klappern hörte, zuckte er zusammen und erwachte aus seiner Versunkenheit. Mario kam ins Zimmer.

»Du bist noch wach?« fragte er verwundert. »Und warum stehst du da im Dunkeln?«

Phillip wandte sich um. »Ich habe nachgedacht. Kommst du von Maximilian?«

»Ja, aber ich bin auch noch in der Gegend herumgefahren. Es ist eine sehr schöne Nacht.«

»Ich habe das gar nicht so genau gemerkt«, gestand Phillip. Unschlüssig drehte er das leere Glas zwischen den Händen. »Hast du schon gepackt? Ihr wollt doch ziemlich früh los morgen.«

»Nein. Ich muß das jetzt noch machen.«

Er will nicht fahren, dachte Phillip.

Er wußte, daß er sich darüber hätte Gedanken machen müssen, aber er hatte zu viele eigene Sorgen, war zu müde von all den Problemen, die ihn bedrängten.

»Ich gehe schlafen«, sagte er, »weck mich dann bitte, egal, wie früh du aufbrichst.«

Er wollte das Zimmer verlassen, doch Mario hielt ihn am Arm fest.

»Hast du irgend etwas von Janet gehört?«

»Nein«, sagte Phillip nur und ging hinaus.

___________

»Kann ich Sie einen Moment sprechen, Herr Professor?« fragte Maximilian. Er hatte Echinger auf dem Gang vor dessen Arbeitszimmer abgefangen. In der ganzen Klinik herrschte Stille, fast alle schliefen schon oder hielten sich wenigstens in ihren Zimmern auf. Echinger hatte einen seiner langen, späten Abendspaziergänge unternommen und würde noch ein oder zwei Stunden am Schreibtisch sitzen. Er kam mit unglaublich geringen Mengen Schlaf aus und verursachte bei jedem seiner Mitarbeiter Schuldgefühle, weil man sich in seiner Gegenwart unweigerlich wie ein hoffnungsloser Faulpelz vorkam.

»Herr Beerbaum!« sagte der Professor überrascht. »Sie schlafen noch nicht? Ich habe Sie übrigens auch beim Abendessen vermißt. Sonst hätte ich Ihnen da bereits eine gute Nachricht übermittelt.« Er öffnete seine Zimmertür. »Kommen Sie herein.«

Maximilian trat ein. Echinger nahm hinter seinem Schreibtisch Platz, wühlte in einem Stapel Papiere herum. »Hier!« Er zog einen Bogen heraus. »Das ist die offizielle Bestätigung des Landgerichts Flensburg. Mit dem ersten August dieses Jahres ist Ihre Unterbringung hier in der Klinik ausgesetzt.«

»Oh«, sagte Maximilian. Er wußte nicht, wohin mit seinen Händen, schob sie in die Hosentaschen und zog sie gleich wieder heraus, weil er sich nun wie ein Schuljunge vorkam.

»Setzen Sie sich doch«, sagte Echinger. Maximilian setzte sich auf den Stuhl, der gegenüber dem Schreibtisch stand. Eine eigenartige, ganz andere Perspektive des Raumes, fand er, eine, die ihn sich auch sofort dem Professor gegenüber anders fühlen ließ. Während der Therapiestunden saßen sie einander in zwei Sesseln an der anderen Seite des Zimmers gegenüber. Der wuchtige, respekteinflößende Schreibtisch, der jetzt zwischen ihnen stand, ließ Maximilian sich kleiner fühlen. Und unterlegen.

»Freuen Sie sich?« fragte Echinger. »Ich meine, wir wußten es ja, aber nun ist sozusagen nicht mehr daran zu rütteln.«

»Natürlich. Ich freue mich.«

»Sie fürchten sich auch, nicht? Hat sich mit Ihrem Vater etwas Neues ergeben?«

»Schottland ist gestorben. Meine Mutter ist dort nicht aufgetaucht, und eine zweite Chance geben sie einem da nicht. Mein Vater hat sich natürlich den Mund fusselig geredet, aber es war nichts zu machen. Der Platz wurde anderweitig vergeben.«

»Aha. Erleichtert Sie das?«

Maximilian zuckte mit den Schultern. »In gewisser Weise schon. Aber was ich nun tun soll, steht für mich noch immer in den Sternen. Mit meiner Vergangenheit habe ich nur schlechte Karten.«

Echinger neigte sich vor und sah Maximilian eindringlich an. »Wir haben so oft darüber gesprochen. Sie neigen dazu, alles in schwarzer Farbe zu malen, alles zu Ihren Ungunsten zu interpretieren. Das ist durchaus normal in Ihrer Lage. Sie haben sechs Jahre hinter den dicken Mauern einer Klinik gelebt; natürlich haben Sie Angst vor Ihrer Rückkehr ins Leben. Aber seien Sie nicht ganz blind für die Dinge, die durchaus Hoffnung geben können.«

»Herr Professor…«, setzte Maximilian an, doch Echinger unterbrach ihn.

»Ich habe Ihnen das so direkt noch nie gesagt, Herr Beerbaum, aber Sie sind der intelligenteste Patient, den ich je hatte. Ich gebe zu, mit allem, was hinter Ihnen liegt, haben Sie durchaus eine gewichtige Hypothek mit sich herumzuschleppen. Aber das ist nicht alles. Ihr Kapital ist Ihre Intelligenz, und die kann Ihnen niemand nehmen.«

»Aber es kann sein, daß niemand sie registriert.«

»Ich denke, was stark ist, setzt sich durch«, sagte Echinger, »aber diesen Prozeß sollten Sie sich nicht zu schwer machen, indem Sie als Ihr härtester Gegner in den Ring gehen. Machen Sie sich nicht zum Komplizen derer, die gegen Sie sind.«

Er hat eine überzeugende Art, dachte Maximilian, ein kraftvoller Appell, der Mut zuspricht.

Unvermittelt sagte er: »Meine Mutter ist verschwunden.«

Echinger runzelte die Stirn. »Verschwunden?«

»Sie ist aus England nicht zurückgekehrt. Und hat sich auch nicht gemeldet.«

»Kann es sein, daß ihr etwas zugestoßen ist? Hat Ihr Vater entsprechende Nachforschungen eingeleitet?«

»Nein. Mein Vater ist überzeugt, daß ihr nichts passiert ist. Er und mein Bruder glauben, daß sie bei Andrew Davies ist.«

Nach sechs Jahren Therapie war Professor Echinger mit jedem Detail aus dem Leben der Familie Beerbaum vertraut. Er wußte sofort, um wen es ging.

»Andrew Davies. Das ist der Mann, der…«

»Ja. Das ist er. Manches spricht dafür, daß sie bei ihm ist. Sie war immer sehr… gierig nach ihm. Die alten Gefühle dürften sie überfallen haben, als sie englischen Boden betrat.«

Echinger überlegte und stellte dann seine Standardfrage: »Was genau empfinden Sie bei der Vorstellung, daß Ihre Mutter jetzt mit Andrew Davies zusammen ist?«

Maximilian schüttelte den Kopf. »Nein, Herr Professor, das ist hier keine Therapiestunde. Auf diese Frage will ich diesmal nicht antworten.«

»Das müssen Sie selbstverständlich auch nicht«, sagte Echinger sanft, »ich dachte nur, da Sie es mir nun einmal mitgeteilt haben…«

Maximilian erhob sich. »Ich wollte es Ihnen einfach sagen. Nicht mit Ihnen darüber reden.«

»Sie haben zu dieser späten Stunde lange vor meinem Zimmer gewartet. Daraus schloß ich, daß Sie reden wollen.«

»Ich habe es mir anders überlegt«, sagte Maximilian. Er ging zur Tür, blieb dort jedoch, die Hand auf der Klinke, stehen. »Ich glaube, ich will nicht wissen, was ich beim Gedanken an meine Mutter und Andrew Davies empfinde. Verstehen Sie?«

»Durchaus«, sagte Echinger. Er stand ebenfalls auf, sah Maximilian abwartend an. Der öffnete die Tür, wollte hinausgehen, wandte sich jedoch noch einmal um.

»Was gibt Ihnen die Sicherheit, daß ich gesund bin, Herr Professor?«

»Wie?«

»Daß ich hier herauskomme, liegt in erster Linie an Ihrem Gutachten.«

»Nein. Es liegt in mindestens ebenso starkem Maße an den Gutachten der unabhängigen Sachverständigen, die vom Gericht bestimmt wurden.«

»Okay. Aber Ihr Urteil wiegt schwer nach sechs Jahren. Was gibt Ihnen die Sicherheit?«

»Sie geben sie mir. Ganz einfach.«

»Aber Sie laden auch einige Verantwortung auf sich, nicht? Was, wenn Sie sich irren?« Er wartete die Antwort nicht ab, sondern trat hinaus auf den Flur, schloß leise die Tür hinter sich.

Echinger schüttelte den Kopf und setzte sich wieder. Spiele dieser Art, von Patienten ausgehend, kannte er. Ein Therapeut lud ein zum Provozieren, das ergab sich fast zwangsläufig aus der Situation. Nichts, weswegen er sich aufregen oder gar ärgern müßte.

Maximilian Beerbaum zählte zu den erfolgreichsten Fällen seiner Laufbahn. In den ersten zwei Jahren hatten es seine Depressionen fast unmöglich gemacht, überhaupt an ihn heranzukommen, und er war in hohem Maße suizidgefährdet gewesen, hatte ständig bewacht werden müssen. Aber dann wurde es besser, er begann sich zu öffnen; langsam, in kleinen Schritten gewann Echinger sein Vertrauen und seine Bereitschaft, mit ihm zu arbeiten. Heute würde er seine Hand dafür ins Feuer legen, daß Maximilian gesund war. Würde er das?

Mit einem Seufzer nahm er ein Buch zur Hand, schlug es auf.

Er konnte sich nicht konzentrieren.

Teil VI

MONTAG, 5. JUNI 1995

Nach zehn Stunden Fahrt begehrte sie auf.

»Lieber Gott, Mario, ich habe Hunger! Und ich bin wahnsinnig müde. Sollten wir nicht langsam überlegen, wo wir essen und übernachten?«

Sie hatten bei Mühlhausen die Grenze nach Frankreich überquert und stießen nun durch Burgund zur Rhône vor. Es war sieben Uhr, der Sommerabend warm und hell. In Hamburg hatte es geregnet am Morgen, aber nach Süden hin war der Himmel immer mehr aufgerissen. Nun segelten nur noch ein paar rosa gefärbte kleine Wolken am Horizont entlang.

»Willst du in irgendeiner Stadt essen?« fragte Mario in einem Ton, der besagte, daß er das ganz und gar nicht wollte. »Da ist es doch jetzt überall furchtbar voll.«

»Die Autobahnen sind auch voll.« Tatsächlich bewegten sie sich gerade wieder recht zäh vorwärts. »Und ich hatte gedacht, wir könnten uns ein bißchen was anschauen.«

»Davon hast du nichts gesagt.«

»Ich fand es selbstverständlich, daß wir irgendwo anhalten und uns umsehen. Ich wußte nur nicht wo, weil man ja nicht sagen konnte, wie weit wir heute kommen würden.«

Mario seufzte. Tina wandte sich ihm zu, betrachtete sein schönes, ebenmäßiges Profil. Selbst von der Seite konnte sie erkennen, wie müde er aussah. Seine Lippen jedoch lagen in einer angespannten Entschlossenheit aufeinander, und plötzlich beschlich Tina ein dumpfer Verdacht.

»Du willst doch nicht heute noch bis ans Mittelmeer durchfahren?«

»Warum nicht?«

»Das sind mindestens noch fünfhundert Kilometer! Da brauchen wir ja die ganze Nacht!«

»Dafür gewinnen wir einen Tag, den wir dann dort verbringen können.«

»Ach, ein Tag! Dafür müssen wir uns doch nicht so abkämpfen!«

»Du wolltest doch unbedingt in die Provence«, sagte Mario gekränkt, »und jetzt würdest du glatt einen Tag verschenken!«

»Ich finde nur, wir müssen nicht wie die Verrückten durchbrettern. Du brauchst ja alleine eine Woche, um dich von dieser Fahrt zu erholen!«

»Ich steck’ das leicht weg«, behauptete Mario. Dann setzte er hinzu: »Aber wenn du unbedingt willst…«

Es klang so mißmutig, daß Tina sofort den Rückzug antrat. »Nein, wir müssen ja nicht. Es war nur ein Vorschlag.«

Mario sah sie an. Er lächelte, sein Gesichtsausdruck wurde warm und entspannt. »Wir essen irgendwo. Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir uns einen Gasthof suchen, der nicht zu weit entfernt liegt von der Autobahn? Ich hasse es, in fremden Städten herumzukurven…«

Sie landeten dann schließlich an einer Raststätte, aber Tina hatte inzwischen solchen Hunger, daß ihr das völlig egal war. Seit dem Frühstück hatten sie nur einmal gerastet — auf der Höhe von Frankfurt, ebenfalls an einer Tankstelle —, und jeder hatte zwei trockene Sandwiches mit einem nach Plastik schmeckenden Käse darauf verzehrt. Dieser Rasthof nun sah zumindest recht einladend aus. Es hielten sich erstaunlich wenig Menschen dort auf.

Tina und Mario setzten sich an einen Ecktisch und bestellten jeder das gleiche Nudelgericht. Tina wollte dazu ein Glas Weißwein trinken, Mario als Autofahrer nur Mineralwasser. Es duftete durchaus verlockend aus der Küche, und draußen verschwammen die Konturen des Tages in den sanften, graublauen Schleiern der Dämmerung. Eine friedliche, etwas schläfrige Stimmung senkte sich über Tina. Sie betrachtete Mario und dachte, wie schön es doch war, daß sie ihn kennengelernt hatte und daß sie nun zusammen verreisen konnten. Über den Tisch hinweg griff sie nach seiner Hand. »Ich freue mich auf diese Ferien, Mario«, sagte sie leise.

Er hielt ihre Finger fest. »Ich freue mich auch!« Auch er schien sich etwas zu entspannen. Seine Hände fühlten sich angenehm kühl an.

Eine Kellnerin brachte die Getränke. Für einen Moment löste Tina ihren Blick von Marios Gesicht. Dabei entdeckte sie einen Mann, der schräg hinter Mario saß. Er trug einen zu engen braunen Rollkragenpullover aus Kunstfaser und hatte fettige Haare. Er starrte Tina unverwandt an, aus dunklen Augen, die so schmal waren, daß sie asiatisch anmuteten.

Tina schaute zur Seite, aber sie spürte den Blick des Fremden auf sich gerichtet. Sie konnte nicht anders, als rasch noch einmal hinzusehen. Es hatte sich nichts geändert, er fixierte sie noch immer. Es wirkte, als lauerte er auf eine Beute.

»Mario«, flüsterte sie, »dreh dich nachher mal unauffällig um. Da sitzt einer, der glotzt mich an, als hätte er noch nie eine Frau gesehen!«

Natürlich drehte sich Mario weder nachher noch unauffällig um, sondern sofort und unübersehbar. Den Fremden irritierte das nicht. Er wandte keine Sekunde seinen Blick von Tina.

»Möchtest du, daß wir uns woanders hinsetzen?« fragte Mario.

Tina schüttelte den Kopf. »Unsinn. Aber er wirkt ein bißchen verrückt, oder?«

»Ich kann ihn ja verstehen.« Mario lächelte. »Du siehst sehr hübsch aus, Tina.«

Tina wurde einer Antwort enthoben, weil das Essen kam. Die Nudeln mit der fertigen, nur angerührten Käsesoße schmeckten nicht besonders aufregend, aber Tina aß, als wäre sie am Verhungern.

»Was meinst du«, fragte sie, als sie fertig war und sich erleichtert und gesättigt zurücklehnte, »wann werden wir morgen ankommen?«

»Im Laufe der Nacht«, antwortete Mario, »du wirst jetzt einfach schlafen im Auto, und wenn du aufwachst, sind wir schon da.«

»Okay.« Tina war einverstanden. Sie war nicht viel Alkohol gewöhnt, und das eine Glas Wein hatte bereits ausgereicht, sie sehr milde und sanft zu stimmen. Es machte ihr nichts mehr aus, daß Mario ohne Unterbrechung bis nach Nizza fahren wollte. Sie verstand gar nicht mehr, weshalb sie sich deswegen überhaupt geärgert hatte.

Der unheimliche Fremde hatte einen Salat gegessen und ein Bier getrunken. Er legte sein Geld abgezählt neben den Teller und stand auf. Er starrte Tina an… Sie blickte zur Seite.

Nachdem Mario bezahlt hatte, beschloß Tina, die Toiletten aufzusuchen. Mario wollte schon hinausgehen und das Auto auftanken. Tina mußte zwei Treppen hinunter und durch einen langen dunklen Gang gehen, in dem ihre Schritte widerhallten, ehe sie die Damentoilette erreichte. Diese lagen, vom Restaurant aus betrachtet, im Keller; durch die Hanglage des Gebäudes befanden sich die Fenster jedoch nach dieser anderen Seite des Hauses hin knapp über den Erdboden.

Es war niemand da. Tina trödelte ein wenig in dem großen Waschraum herum, kämmte sich ausgiebig die Haare und malte sich die Lippen dunkelrot an. Dana hatte sie zum Kauf des Lippenstiftes überredet.

»Bei diesem Mario mußt du deutliche Signale setzen«, hatte sie gesagt, »bei diesem blaßrosa Zeug, das du immer benutzt, wird das nie etwas!«

Die Wirkung war nicht schlecht, fand Tina. Sie sah mit dem tiefroten Mund deutlich älter und ein wenig aufreizend aus. Ihrem Vater hätte das nicht gefallen, aber sie war gespannt, wie Mario darauf reagieren würde.

Sie schaute in jede Toilettenkabine, bis sie die ausfindig gemacht hatte, die ihr am saubersten schien. Während sie sich noch nach einer Möglichkeit umsah, ihre Handtasche aufzuhängen, hörte sie die schleichenden Schritte.

Sie wußte nicht sofort, aus welcher Richtung sie kamen. Aber dann erkannte sie, daß jemand draußen vor den Fenstern war, suchend und spähend vor jedem einzelnen Fenster innehielt. Das Tappen kam näher. Tina starrte hinauf, mit weitaufgerissenen Augen und jäh ausgedörrtem Mund. Oben tauchte ein Schatten auf. Mehr konnte sie durch das Milchglas nicht erkennen, mehr vermochte der fremde Beobachter auch von ihr nicht zu sehen. Aber zweifellos hatte er gerade herausgefunden, wo sie sich aufhielt.

Er kauerte sich nieder. Durch den schmalen Spalt am oberen geöffneten Fensterrand konnte Tina sein unterdrücktes Atmen hören.

Auf einmal konnte sie sich wieder bewegen. Mit zitternden Fingern drehte sie an dem Türschloß herum. Es bewegte sich nicht, irgend etwas klemmte, oder sie machte etwas falsch in ihrer Fahrigkeit. Sie rüttelte an der Tür, auf einmal völlig aufgelöst in ihrer Panik.

»Mario!« Ihre Stimme klang schrill. »Wo bist du?«

Der Schatten vor dem Fenster entfernte sich eilig. Tina versuchte, langsam und tief durchzuatmen. Es hatte keinen Sinn, zu schreien und wie verrückt an der Tür herumzurütteln. Sie drehte noch einmal am Schloß. Die Tür öffnete sich ohne Probleme.

Tina stürzte durch den Waschraum und stieß beinahe mit einer anderen Frau zusammen, die gerade eingetreten war. Sie schaute verwundert auf das aufgelöste Mädchen, das wie ein Blitz an ihr vorüberjagte.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, rannte Tina die Treppe hinauf, bezähmte sich dann und lief etwas langsamer durch das Restaurant hinaus ins Freie. Sie entdeckte Mario ein kleines Stück weiter an der Tankstelle; er hatte gerade den Schlauch in die Tanköffnung gehängt und ließ Benzin einlaufen.

»Mario, Gott sei Dank, daß du da bist!« Sie griff aufgeregt nach seiner Hand.

Mario sah sie erstaunt an. »Wo soll ich denn sein?« Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Denkst du, ich fahre ohne dich weiter?«

»Da war ein Mann vor dem Fenster! Er hat versucht, reinzuschauen!«

»Vor welchem Fenster?«

»An der Toilette. Er hat ganz laut geatmet und versucht reinzuschauen!«

»Soll ich nachsehen? Vielleicht drückt er sich da noch herum.«

»Nein. Er ist bestimmt weg. Ich habe laut geschrien, das hat ihn erschreckt.«

Auf einmal kam sich Tina etwas albern vor. In dem Keller war es unheimlich gewesen, aber hier draußen liefen Leute herum, standen an den Tanksäulen an, Kinder spielten, zwei Hunde bellten einander zornig an. In den Wiesen zirpten Grillen. Was hatte sie so aufgeregt? Irgendein Spanner, der sich vermutlich ständig an den Toilettenfenstern von Autobahnraststätten aufhielt und Frauen erschreckte, dabei aber sicher harmlos war.

»Vielleicht war es der Kerl, der dich so angestarrt hat«, meinte Mario. Er sah sich suchend um. »Hier scheint er nirgends zu sein.«

»Ach, vergiß es. Es spielt ja keine Rolle, wer es war. Ich hab’ mich erschreckt, das ist alles. Laß uns weiterfahren.«

Mario bezahlte, dann stiegen sie ein und rollten wieder auf die Autobahn. Tina beschloß gerade, das unselige Vorkommnis endgültig zu vergessen, da sagte Mario plötzlich: »Ein wenig provozierst du derartige Situationen natürlich auch.«

Tina sah ihn an. »Wie bitte?«

Er wandte seinen Blick nicht von der Straße. »Ich habe dich noch nie in einem so kurzen Rock gesehen wie heute!«

Tina war fassungslos. »Entschuldige bitte, es ist Sommer! Wir verreisen! Was ist denn da einzuwenden gegen einen kurzen Jeansrock?«

Endlich schaute er sie an, lächelte. »Kleines, reg dich nicht gleich so auf! Ich habe doch nur gesagt…«

»Du hast gesagt, ich provoziere so etwas. Du hast versucht, mir die Schuld zuzuschieben.«

»Von Schuld war doch gar nicht die Rede. Es gibt Männer, für die ist ein kurzer Rock eben eine eindeutige Aufforderung. Das wollte ich dir nur erklären.«

»Du hast von Provokation gesprochen«, beharrte Tina, »und das bedeutet, daß du mir zumindest einen Teil der Schuld gibst.«

Mario verdrehte die Augen. »Das wollte ich nicht. Ich habe mich vielleicht ungeschickt ausgedrückt.«

»Allerdings«, sagte Tina verstimmt.

Mario schwieg. Schließlich fragte er leichthin: »Was hast du eigentlich mit deinem Mund gemacht?«

»Mit meinem Mund?« Sie hatte den Lippenstift ganz vergessen und wußte nicht sofort, was Mario meinte. Unsicher berührte sie ihre Lippen. »Ist was?«

Er lächelte sanft. »Bißchen viel Farbe.«

»Oh — gefällt dir das nicht?«

»Ich fand den Lippenstift schöner, den du sonst benutzt. Am schönsten ist es, wenn du dich gar nicht schminkst. Dein Gesicht braucht das überhaupt nicht.«

»Ich wollte ein bißchen älter aussehen«, sagte Tina zaghaft. Sie klappte die Sonnenblende mit dem Spiegel hinunter. Ihr Mund war wirklich zu grell. Typisch Dana, ihr eine solche Farbe aufzuschwatzen. Rasch kramte sie ein Taschentuch hervor und wischte den Mund ab.

»Besser?« fragte sie.

Mario hob die Hand, strich ihr kurz und sehr zärtlich über die Wange. »Du bist wunderschön, Tina. Du hast ein Gesicht wie ein Engel.«

Sie lächelte etwas gequält, sah hinaus in die vorübergleitende, sanft gewellte, waldige Landschaft Burgunds und in den herrlichen Sonnenuntergang, und sie fragte sich, warum dieses Kompliment sie nicht freute. Mario hatte nichts weiter gesagt, als daß sie ihm ungeschminkt besser gefiel, und er hatte sie mit einem Engel verglichen.

Warum fühlte sie sich plötzlich so elend? So, als habe sie einen groben Fehler gemacht oder sich völlig daneben benommen?

___________

Sie saßen beim Abendessen, friedlich und in stillem Selbstverständnis wie ein langjähriges Ehepaar. Es gab Lachs und Toastbrot und verschiedene Salate, dazu einen sehr kalten Wein. Leise Musik kam vom CD-Spieler in der Ecke. Gedämpft klangen die Geräusche des Londoner Straßenverkehrs herauf.

Andrew trug seinen alten, blauen Bademantel, ein zerschlissenes Stück, das noch aus seiner Studentenzeit stammte. Den neuen, flauschigen aus dunkelbraunem Frottee hatte er Janet überlassen. Sie mußte ihn an den Ärmeln mehrmals umschlagen und beim Gehen aufpassen, daß sie nicht über den Saum stolperte, aber sie fühlte sich sehr geborgen darin. Der Bademantel roch nach Andrew, nach seiner Seife, seinem Rasierwasser, seinem Körper. Andrew hatte ihn noch waschen wollen, ehe er ihn ihr gab, aber sie hatte das nicht gewollt. Sie mochte ihn so, wie er war.

Ein langjähriges Ehepaar, dachte sie nun, hätte sich wahrscheinlich nicht noch eine Viertelstunde vor dem Abendessen geliebt. Dazu wären beide schon zu frustriert. Sie von dem langen Tag allein zu Hause, er von den Ärgernissen im Beruf.

Allerdings hatte sich Janet kein bißchen gelangweilt. Sie hatte lange geschlafen, ausgiebig gefrühstückt, war dann in die Tate Gallery gegangen und hatte am Nachmittag erstaunt festgestellt, wie viele Stunden sie dort verbracht hatte. Sie hatte für das Abendessen eingekauft und war eine knappe halbe Stunde vor Andrew in die Wohnung zurückgekehrt. Als er kam, sah sie gleich, daß er Sorgen mit sich herumschleppte.

»Fred Corvey?« fragte sie.

Er küßte sie und nickte. »Morgen beginnt die Hauptverhandlung. Ich bin ein bißchen nervös.«

»Du solltest dir nicht so viele Gedanken machen!«

Mit einer resignierten Bewegung strich sich Andrew über die vor Erschöpfung leicht geröteten Augen. »Du hast recht. — Wie war dein Tag?«

Sie erzählte von ihrem Museumsbesuch, dann tranken sie jeder einen Sherry und gingen ins Bett. In der einen Woche, die Janet jetzt ganz in Andrews Wohnung lebte, hatten sie jeden Abend so begonnen. In den Jahren mit Phillip hatte Janet fast vergessen gehabt, wie wunderbar es für sie war, mit Andrew zu schlafen. Es mochte vor allem daran liegen, daß Andrew sie körperlich so stark anzog, weit mehr als Phillip. Zudem verfügte Andrew als Liebhaber über eine Mischung aus Zärtlichkeit und Dominanz, die Janets unausgesprochenen Wünsche mit einer schlafwandlerischen Sicherheit erfüllte. Er ging bis hart an die Grenzen dessen, was Janet mitzugehen bereit war, brachte dabei das Kunststück fertig, es niemals um einen Schritt zu weit zu treiben. So war es immer gewesen, ohne daß sie jemals eine dieser peinlichen, Janet unweigerlich die Röte in die Wangen treibenden Diskussionen um ihrer beider sexuellen Bedürfnisse geführt hatten, die Phillip — nach gewissenhaftem Studium zahlreicher Frauenzeitschriften — für die Grundlage der modernen, offenen, gleichberechtigten Partnerschaft hielt.

»Magst du es eigentlich, wenn ich…?« Es gehörte zu den Dingen, die Janet an Andrew am meisten schätzte, daß er ihr Fragen dieser Art nie stellte.

Später hatten sie zusammen den Tisch gedeckt, ohne ein Wort zu sprechen, in einer friedvollen, ruhigen Stimmung. Jetzt fragte Andrew plötzlich unvermittelt: »Was war eigentlich der genaue Grund, weshalb du nach England gekommen bist?«

Janet sah erschrocken auf, dann nahm sie rasch einen Schluck Wein, um Zeit zu gewinnen. Dann fragte sie zurück: »Wie kommst du jetzt gerade darauf?«

»Nicht erst jetzt. Ich denke schon länger darüber nach, aber ich habe gespürt, daß du nicht darüber sprechen wolltest. Nur inzwischen…« Er zögerte. Janet kam ihm nicht entgegen, sondern blickte ihn nur abwartend an.

Andrew seufzte. »Mein Gott, Janet, ich will dich nicht festnageln. Aber ich mache mir Gedanken, wie es weitergehen wird. Ich…« Er lächelte, ein entwaffnendes, jungenhaftes Lächeln. »Ich fange an, mich sehr an deine Gesellschaft zu gewöhnen. Jeden Tag, wenn ich nach Hause komme, freue ich mich auf dich. Und gleichzeitig habe ich Angst vor dem Moment, an dem es vorbei ist.«

»Wieso denkst du darüber überhaupt nach? Kannst du nicht einfach in der Gegenwart leben und…«

»Nein.« Er legte seine Serviette auf den Tisch, stand auf, trat ans Fenster. Die Hände in die Taschen seines Bademantels gestemmt, schaute er hinaus in den Abend. »Es tut mir leid, diese Zeiten sind vorüber. Ich brauche wenigstens ein bißchen Klarheit über die Zukunft. Ich bin nicht mehr jung genug, um in den Tag hineinzuleben und mir keinerlei Gedanken zu machen, was der nächste Morgen bringt.«

»Du solltest mich aber gut genug kennen, um zu wissen, daß ich mit Sicherheit nicht plötzlich aufstehe und verschwinde«, sagte Janet.

Andrew wandte sich um. »Hat sich dein Mann, haben sich deine Söhne auch in dieser Sicherheit gewiegt?«

Janet wurde blaß. »Das ist nicht fair, Andrew«, sagte sie leise.

»Ist es fair, mich völlig im unklaren zu lassen?« fragte er zurück.

Eine Weile sprachen sie beide nicht, dann stand Janet auf und begann, das Geschirr zusammenzustellen. »Der Abend war so schön bisher«, sagte sie.

Andrew trat zu ihr hin, nahm ihre Hände. »Versuch doch, mich zu verstehen. Ich würde so gern wissen, was dazu geführt hat, daß du so plötzlich in mein Leben geschneit bist.«

»Warum?«

»Weil mir das vielleicht etwas darüber sagen würde, ob du zurückkehren wirst oder nicht.«

»Ich kann darüber nicht reden.«

»Janet, daß du deinen Mann verläßt, kann ich mir noch vorstellen, ich meine, so etwas kommt ja öfter vor. Aber deine Kinder! Das paßt einfach nicht zu dir!«

»Das sind keine Kinder mehr. Das sind junge Männer von vierundzwanzig Jahren.«

»Trotzdem.« Andrew schüttelte den Kopf. »Es paßt einfach nicht. Gab es Ärger mit ihnen? Irgendein schlimmes Problem, mit dem du nicht fertig zu werden glaubst?«

»Nein!« Das kam sehr scharf.

Andrew sah sie an. »Janet? Sicher?«

Sie entwand ihm ihre Hände. »Ich stehe hier nicht als Beschuldigter vor Ihnen, Herr Inspektor«, sagte sie heftig. »Es gibt keinen Grund, mich einem Verhör zu unterziehen!«

»Das wollte ich doch nicht. Ich wollte nur…«

»Wenn du es nicht willst, warum tust du es dann?« Janet nahm das Tablett und verließ das Zimmer. Andrew konnte hören, wie sie in der Küche laut klirrend hantierte. Er überlegte kurz, ob er ihr nachgehen und noch einmal das Gespräch mit ihr suchen sollte, aber dann dachte er, es sollte ihm reichen, einmal so schroff abzublitzen. Er wurde nun ebenfalls wütend. Was immer sie veranlaßt hatte, Deutschland zu verlassen, es konnte nicht so geheimnisvoll sein, daß man sich nicht einmal in Andeutungen darüber ergehen konnte.

Er verließ den Raum, ging in sein Arbeitszimmer und schmetterte laut die Tür hinter sich zu. Wenn Janet Distanz wollte, so konnte sie das haben.

Für den Rest des Abends sprachen sie kein Wort mehr miteinander.

___________

Es war schon kurz nach zehn Uhr, als es bei Michael Weiss an der Haustür klingelte. Michael war gerade vor dem Fernseher eingeschlafen, schreckte auf und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Dann sah er auf die Uhr. Wer mochte das sein um diese Zeit? Er hatte das Gefühl, sein Herz setzte vor Angst ein paar Schläge aus, als ihm der Gedanke kam, es könnte etwas mit Tina geschehen sein. Ein Unfall, und jetzt kam die Polizei, um ihm mitzuteilen, daß…

Er stürzte zur Haustür, riß sie auf. Vor ihm stand Dana, eine Flasche Wein in der Hand.

»Stimmt etwas nicht?« fragte sie beunruhigt.

»Nein… wieso…?« Michael atmete tief durch und kam sich sehr lächerlich vor.

»Sie sind total blaß«, stellte Dana fest, »deshalb dachte ich, es ist vielleicht etwas…«

»Ich fürchte, ich bin vor dem Fernseher eingeschlafen«, gestand Michael. Peinlich genug, aber nicht so peinlich, wie die gluckenhafte Besorgnis um seine Tochter zuzugeben. »Vielleicht bin ich deshalb so blaß.«

»Wahrscheinlich ist das nicht die richtige Zeit, um Besuche zu machen«, meinte Dana, »aber ich dachte, am ersten Abend ohne Tina fühlen Sie sich vielleicht einsam. Deshalb wollte ich nach Ihnen sehen und einen Wein mit Ihnen trinken.«

Sie schwenkte die Flasche. Eine Billigsorte aus dem Supermarkt, erkannte Michael. Es rührte ihn, daß sich Dana Gedanken um ihn machte. Ein sympathischer Zug, das mußte er zugeben, auch wenn er Dana für gewöhnlich nicht besonders mochte. Es hing damit zusammen, daß er grundsätzlich wenig übrig hatte für unkonventionelle Menschen, und Dana war höchst unkonventionell. Auch jetzt wieder: Tauchte nach zehn Uhr abends unangemeldet mit einer Weinflasche bei ihm auf und sah aus wie… wie… Er versuchte, ihre silberfarbenen Stöckelschuhe zu ignorieren und ihre nackten Beine, ebenso den schwarzen Stretchrock, der mit knapper Not ihren Po bedeckte, sowie das rote Miederoberteil, das jeden Moment gesprengt zu werden drohte. Darüber aber ein junges, fröhliches, intelligentes Gesicht, lustige dunkle Locken, ein zutrauliches Lächeln. Es würde ihm nichts übrig bleiben, als sie hereinzubitten.

»Na, dann kommen Sie mal«, sagte er.

Sie trat ins Haus, und ehe Michael die Tür schloß, sah er noch, daß die Küchenvorhänge im gegenüberliegenden Haus sich bewegten. Gut, nun konnte die ganze Gegend über den eigenartigen Damenbesuch tratschen, den der Herr Staatsanwalt am späten Abend empfing.

Er folgte Dana ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ab und nahm zwei Weingläser aus dem Schrank. Dana entkorkte geschickt die Flasche.

»So«, sagte sie, »auf Ihr Wohl!«

Der Wein schmeckte wie Spülmittel, aber Dana schien ihn herrlich zu finden, denn sie machte ein geradezu verklärtes Gesicht. Sie thronte auf dem Sofa, ihr unmöglicher Rock war noch etwas höher gerutscht und gab den Blick auf den schwarzen Spitzenslip frei, den sie darunter trug. Michael räusperte sich und versuchte, ein neutrales Gesprächsthema zu finden.

»Wie liefen denn Ihre Prüfungen?« erkundigte er sich.

Dana nahm einen tiefen Schluck Wein. »Abi? Gut. Nicht so gut wie bei Tina. Sie ist einfach die Schlauere von uns beiden.«

»Ja, Tina…«, sagte Michael nachdenklich und bekümmert, »wie es ihr jetzt wohl geht?«

»Ich muß auch dauernd an sie denken«, gab Dana zu. Einen absurden Moment lang wirkten sie beide, der Staatsanwalt mit den grauen Haaren und das junge Mädchen in der aufreizenden Aufmachung, wie ein besorgtes Ehepaar, das sich die Nacht um die Ohren schlägt, weil es auf die Heimkehr der Tochter von deren Diskothekenbesuch wartet.

»Ich sollte mir nicht so viele Gedanken machen«, meinte Michael und trank zaghaft noch etwas von dem Wein. Er würde mörderische Kopfschmerzen bekommen von dem Zeug.

»Ich mache mir ja auch Gedanken«, sagte Dana, »dabei habe ich Tina immer ermutigt, sich endlich…« Sie biß sich auf die Lippen.

»Ja?« fragte Michael.

»Sich etwas mehr abzunabeln von Ihnen. Sie ist einfach zu… zu behütet, verstehen Sie?«

Und du eindeutig zu wenig, dachte Michael. Er sagte jedoch nichts.

»Aber«, fuhr Dana fort, »daß es nun ausgerechnet dieser Mario sein muß…«

Michael sah sie aufmerksam an. »Sie mögen ihn nicht?«

»Nicht besonders, nein.«

»Was wissen Sie von ihm?«

Dana zuckte die Schultern. »Er scheint aus einer guten Familie zu kommen — wie Sie das nennen würden.«

»In den sogenannten guten Familien können die Dinge manchmal ganz besonders schiefliegen«, sagte Michael. »Leider kenne ich weder seinen Vater noch seine Mutter.«

»Sie haben sich allerdings auch wirklich hartnäckig gesträubt, in irgendeine Art von Kontakt mit der Familie Beerbaum zu treten«, erinnerte Dana, »es war ja ein Wunder, daß Sie schließlich überhaupt bereit waren, den armen Mario zu empfangen, und der Abend muß ein ziemliches Desaster gewesen sein.«

»Sie sind ja bestens unterrichtet.«

»Es gibt nichts, worüber Tina und ich nicht sprechen.«

Michael nickte langsam. »Ja, verstehe. Sicher wissen Sie mehr von Tina als ich.«

O ja, dachte Dana, darauf kannst du wetten!

Laut sagte sie: »Wissen Sie, ich habe bei Mario einfach kein gutes Gefühl, Ich kann es nicht begründen, es ist einfach so. Meine Mutter meint, ich sei eifersüchtig. Das könnte bei Ihnen natürlich auch der Fall sein. Wir waren es beide immer gewohnt, Tina für uns zu haben.«

Michael strich sich mit einer müden Bewegung durch die Haare und tat sich noch einen Schluck von dem Fusel an, den Dana als Wein offeriert hatte. An dem, was das junge Mädchen sagte, war zweifellos einiges dran. Zumindest von sich selber wußte er, daß er Mario ganz sicher nicht unvoreingenommen und objektiv gegenübergetreten war. Was hatte der junge Mann eigentlich getan, was dieses Mißtrauen gerechtfertigt hätte?

»Ich habe schon überlegt«, sagte Dana, »ob ich den beiden nachreise…«

»Oh, ich weiß nicht, ob…«

»Nicht, daß ich in Erscheinung treten würde. Ich würde einfach nach Südfrankreich trampen und irgendwo ein Zimmer nehmen — und einfach in Tinas Nähe sein.«

»Um Gottes willen, hat Ihnen nie jemand gesagt, wie gefährlich es ist, zu trampen?« Michael wurde es himmelangst bei der Vorstellung, das Mädchen könnte sich mitsamt seinem Stretchrock und den Stöckelschuhen an den Straßenrand stellen und den Daumen in den Wind strecken.

»Das dürfen Sie nicht tun«, warnte er eindringlich. »Schauen Sie sich einmal die Verbrechensstatistiken an! Jedes Jahr verschwinden Mädchen spurlos bei diesem Abenteuer, werden vergewaltigt oder ermordet oder beides. Ich möchte wirklich nicht, daß Ihnen so etwas zustößt.«

Dana, die seit ihrem zwölften Lebensjahr ständig trampte und von ihrer Mutter nie auch nur eine einzige Warnung deswegen vernommen hatte, hielt Michaels Reaktion für reichlich übertrieben, fand es aber besser, keine Diskussion anzustrengen.

»Okay«, sagte sie begütigend, »ich tu es nicht. Es war nur so ein Einfall — und wahrscheinlich kein guter.«

Michael griff nach der Weinflasche, schenkte ihr und sich noch etwas nach. Er begann sich an das Zeug zu gewöhnen; zudem war es ihm inzwischen gleich, ob er Kopfweh bekam oder nicht. Er würde sich ohnehin nicht mehr wohl fühlen, ehe nicht Tina wohlbehalten zu ihm zurückgekehrt war.

Teil VII

DIENSTAG, 6. JUNI 1995

Tina erwachte, als das Auto anhielt. Sie hatte stundenlang geschlafen, wirr geträumt und nichts mehr von der Reise mitbekommen; nicht die Fahrt durch das liebliche Rhônetal, nicht den kurvigen Weg südlich des Luberon entlang, nicht das halsbrecherische Auf und Ab durch den französischen Grand Canyon entlang dem Verdon. Sie schreckte hoch und wußte nicht sofort, wo sie sich befand.

»Was ist los?« fragte sie verschlafen.

»Wir sind da«, sagte Mario, »wir haben es geschafft!« Seine Munterkeit klang forciert. Er war völlig kaputt und am Ende seiner Kräfte. Für einen Moment wußte er kaum, wie es ihm gelingen sollte, ausreichend Energie aufzubringen, um auszusteigen und das Gepäck ins Haus zu schaffen, anstatt auf der Stelle hier über dem Lenkrad einzuschlafen.

Tina richtete sich auf und stöhnte dabei leise. Ihr Körper fühlte sich steif an, ihre Muskeln waren verkrampft und schmerzten. Mit der Hand massierte sie ihren Nacken, bewegte die Schultern vorsichtig hin und her. Dann erwachten ihre Lebensgeister. Aufgeregt spähte sie hinaus. »Wir sind in Nizza?«

»In der Nähe. Unser Haus liegt nicht direkt in Nizza, das habe ich dir ja gesagt.«

Tina öffnete die Tür und stieg aus. Dunkle Nacht umfing sie. Erst als sie sich umdrehte, nahm sie zwei oder drei kleine Lichter in der Ferne wahr. Dafür roch sie den intensiven Duft des Lavendel, vermischt mit wildem Thymian, und den des Salbei, den der leichte Wind aus den Bergen herantrug. Tief atmete sie die warme Luft der provençalischen Nacht. Über ihr wölbte sich ein klarer, sternenübersäter Himmel.

»Wie schön es hier ist«, sagte sie.

Mario quälte sich ebenfalls aus dem Auto und öffnete den Kofferraum. »Komm, hilf mir, die Sachen hineinzubringen!«

Tinas Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit, sie konnte ein kleines Haus erkennen, gebaut aus dem hellgrauen, unebenen Stein der Gegend, inmitten eines verwilderten Gartens stehend.

»Ist es das?« fragte sie.

»Ja. Warte, ich gehe voran und mache Licht.« Über einen Plattenweg, der von Rosmarinhecken und Zypressen gesäumt wurde, gelangten sie zur Haustür. Mario schloß auf und knipste das Licht im Flur an. Im Schein der Lampe kam Tina zum erstenmal auf die Idee, auf ihre Uhr zu sehen: Es war beinahe drei.

Sie waren fast zwanzig Stunden unterwegs gewesen.

___________

Sie stand in dem kleinen Dachzimmer, das Mario ihr zum Schlafen zugewiesen hatte, packte ihren Koffer aus und fand, daß die Dinge irgendwie schiefliefen. Dana hätte sich die Haare gerauft. Sie hätte sich nicht abschieben lassen. Aber was sollte man tun in einer solchen Situation, wenn man nicht mit völliger Unbekümmertheit und einem großen, vorlauten Mundwerk gesegnet war?

Ich habe ja noch zwei Wochen, dachte Tina und stapelte ihre Wäsche in einer Kommodenschublade, vielleicht wird er irgendwann diese Reserviertheit aufgeben.

Das Haus, soweit sie es bisher gesehen hatte, gefiel ihr. Eine schlichte, ländliche Einrichtung, viel Holz, geblümte Vorhänge, Blumentöpfe in den kleinen Fenstern. Die Blumen darin wirkten ein wenig matt und vermißten ganz offensichtlich eine regelmäßige Pflege, aber der mit der Wartung des Hauses beauftragte Franzose hatte sich zumindest ausreichend um sie gekümmert, um sie am Leben zu halten. Mario hatte ihn vor der Abreise angerufen und ihr Kommen angekündigt. Im Haus war Staub gewischt und gut gelüftet worden.

Sie hatten das Gepäck hineingetragen und zunächst im Gang gestapelt, dann hatte Mario Tina Wohnzimmer und Küche im Erdgeschoß gezeigt, drei kleine Zimmer und das Bad im ersten Stock, und dann war sie hinter ihm her die steile Treppe zum Dachgeschoß hinaufgestiegen. Es befand sich nur noch ein Zimmer hier oben, ein Kämmerchen mit schrägen Wänden, zwei kleinen Dachfenstern, einem Bett, einer Kommode und in die Wände eingelassenen Schränken. Über der Kommode hing ein alter Spiegel, davor standen eine porzellanene Waschschüssel und ein Krug. Beide waren mit einem verblichenen Rosenmuster verziert und zeigten zahlreiche Sprünge.

»Ihr habt so hübsche Sachen hier im Haus«, sagte Tina bewundernd, »es paßt alles so gut hierher!«

»Dafür ist meine Mutter verantwortlich«, erwiderte Mario. »Sie hat das Haus eingerichtet. Sie stöbert viel auf Flohmärkten herum, und da hat sie Dinge wie dieses Waschgeschirr gefunden.«

»Wirklich schön«, wiederholte Tina, und dann standen sie beide etwas unschlüssig herum.

»Ja«, sagte Mario schließlich, »ich bringe dir deinen Koffer herauf.«

»Wo ist dein Zimmer?« fragte Tina so harmlos wie möglich.

»Genau unter deinem«, sagte Mario. Dann verschwand er, brachte den Koffer, fragte, ob Tina noch Hunger oder Durst habe. Als sie verneinte, hauchte er ihr einen Kuß auf die Stirn und wünschte ihr eine gute Nacht. Sie hörte seine Schritte auf der Treppe und dann eine Tür unten ins Schloß fallen.

Sie packte alles aus, dann zog sie ihr Nachthemd und einen Bademantel an, nahm ihre Zahnbürste und stieg leise die Treppe hinunter. Vor Marios Zimmer verharrte sie einen Moment. Sie konnte keinen Laut hören, keinen Lichtschein sehen. War er so schnell ins Bett gegangen? Vielleicht hatte er gar nicht mehr ausgepackt und sich, wie er war, hingelegt. Er mußte am Ende seiner Kräfte sein nach so vielen Stunden hinter dem Steuer.

Tina ging ins Bad, putzte ihre Zähne und bürstete ihre Haare. Sorgsam knipste sie alle Lichter aus, ehe sie wieder in ihrem Zimmer verschwand. Die Bettwäsche roch ganz zart nach Lavendel. Es war schön hier, es würde eine gute Zeit werden.

Sie fühlte sich sehr zuversichtlich, als sie in die tiefen Kissen sank, und das letzte, was sie dachte, war: Wie gut, daß ich es durchgesetzt habe, diese Reise zu machen!

Dann schlief sie von einem Moment zum anderen ein.

___________

Es lag Janet schwer im Magen, daß sie sich mit Andrew gestritten hatte. Vor allem, da ihr im Laufe der Nacht aufgegangen war, daß sie allein die Schuld an der Auseinandersetzung trug. Andrew hatte mit Recht nach ihren weiteren Plänen gefragt. Und es war auch kein Verbrechen von ihm gewesen, sich nach ihren Söhnen zu erkundigen, danach, ob es in dieser Richtung irgendein Problem gab. Es bewies nur sein gutes Gespür für Menschen, seine Instinktsicherheit, mit der er Schwachpunkte fand. Eine Fähigkeit, die Janet schon früher an ihm aufgefallen war, die er sicher aber in seinen Jahren bei Scotland Yard noch vervollkommnet hatte.

Janet hatte sich schlafend gestellt, als er sehr spät in der Nacht ins Bett gekommen war; ebenso tat sie es am Morgen, als er aufstand. Sie hörte, wie er ins Bad ging, dann ins Schlafzimmer zurückkam und sich, so leise er konnte, anzog. Janet war gerührt von der Mühe, die er sich gab, sie nicht zu wecken, und zweimal war sie dicht daran, sich aufzusetzen und ihm zu sagen, daß es ihr leid tat. Aber dann konnte sie sich doch nicht dazu entschließen und blieb liegen, bis er die Wohnung verlassen hatte und sie von der Straße her sein Auto anspringen hörte. Sie stand auf und dachte, daß sie ein Scheusal war, ihn ausgerechnet heute ohne ein einziges Abschiedswort gehen zu lassen. Die Hauptverhandlung gegen Fred Corvey stand bevor, und sie wußte schließlich, daß ihm der Gedanke daran zu schaffen machte.

Sie frühstückte und zog sich an, und dann beschloß sie, ins Gericht zu gehen und zu sehen, ob sie Andrew vielleicht zu einem gemeinsamen Mittagessen würde überreden können. Die Verhandlung würde sicher nicht ohne Unterbrechung ablaufen.

Gegen zehn Uhr verließ sie die Wohnung, fuhr mit der U-Bahn bis zur St. Paul’s Cathedral und ging von dort zu Fuß in die Newgate Street, in der sich das Old Bailey, der Central Criminal Court, befand. Der Tag war warm und sonnig, und Janet hatte sich — bedingt durch die bevorstehende Versöhnung mit Andrew — sehr beschwingt gefühlt. Aber ihre Schritte wurden zögernder, je näher sie dem Gerichtsgebäude kam. Auf einmal hatte sie Angst.

Sie würde Fred Corvey sehen. Einen Massenmörder. Einen Mann, der Frauen so haßte, daß er sie auf grausame Art tötete. Was war wann bei ihm schiefgelaufen? Wo, an welcher Stelle, lief in seinem Gehirn etwas falsch? Janet hatte das Bild unzähliger kleiner Zahnräder vor Augen, die sich gleichmäßig bewegten und präzise ineinandergriffen, damit einen großen Apparat betrieben und am Funktionieren hielten. Aber ein einziges der kleinen Zahnräder war aus dem Rhythmus gekommen, und damit brachte es alles durcheinander, Chaos breitete sich in der ganzen Maschine aus. Was hatte das Rad gestört? Ein falsches Wort, ein falscher Blick? Eine jahrelange schlimme Behandlung? Würde man es jemals herausfinden, oder würde es irgendwann eine Menge Gutachten über Fred Corvey geben, von denen jedes einzelne eine andere Theorie, den Fall betreffend, verfocht?

Janet war beinahe entschlossen, wieder umzukehren, aber da hatte sie schon das Gerichtsgebäude erreicht, einen eindrucksvollen Bau, gekrönt von einer hohen Kuppel, auf der Justitia stand und golden im Sonnenlicht leuchtete. Und plötzlich kam es ihr vor, als streckten sich Hände nach ihr aus und zogen sie vorwärts. Sie ging durch das Portal, und das erste, was sie sah, war eine Meute von Journalisten, die, mit Kameras und Mikrophonen bewaffnet, sich über Fred Corvey unterhielten.

»… wirklich ein dickes Ding…«, »… wird verdammt kritisch jetzt…«, »… werden Gutachter brauchen…«

Sie wandte sich an einen jungen Mann, der auf einer Treppenstufe saß und eine Banane verzehrte. Neben ihm lag ein Photoapparat.

»Entschuldigen Sie… die Verhandlung gegen Fred Corvey… wo findet die statt?«

Der Mann steckte den letzten Bissen seiner Banane in den Mund und antwortete kauend: »Treppe hoch, dritte Tür links. Aber die haben vor einer halben Stunde unterbrochen.«

»Wie ist denn der Stand der Dinge?«

»Corvey hat auf die Frage, ob er schuldig oder nicht schuldig sei, mit einem klaren ›Nicht schuldig‹ geantwortet. Damit hat er alle aus dem Konzept geschmissen.«

»Das gibt’s doch nicht! Damit kommt er doch nicht durch!«

Der junge Mann zuckte mit den Schultern. »Kommt drauf an. Die Anklagevertretung hat jetzt jedenfalls einige Probleme.«

»Aber er hat gestanden. Er war bei vollem Bewußtsein.«

»Lady, ich sag’ ja auch nicht, er steht glänzend da. Aber…« Er ließ den Satz unvollendet und verdeutlichte damit, wie die Dinge im Fall Corvey lagen: offen. Nicht abzusehen.

Janet setzte sich neben ihn auf die Treppe. Der junge Mann zog eine weitere Banane aus der Tasche. »Möchten Sie die Hälfte?«

»Danke. Ich hab’ gerade gefrühstückt.«

Andächtig schälte er das Obst. »Ich bin übrigens Paul Fellowes, vom Nottingham Daily. Ein Provinzblatt, aber vom Corvey-Fall will man überall alles wissen. Für wen schreiben Sie?«

»Gar nicht. Ich bin eine… Bekannte von Inspector Davies.« Janet beschloß, der Einfachheit halber ihren deutschen Namen unter den Tisch fallenzulassen. »Ich heiße Janet«, sagte sie nur.

Paul starrte sie mit neu erwachtem Interesse an. »Hey — eine Bekannte von Davies? Dem scharfen Davies?«

Janet runzelte die Stirn. »Was meinen Sie mit ›scharf‹?«

»Der ist nicht zimperlich mit den Leuten, die er unbedingt hinter Gitter bringen will. Soll einen extremen Jagdtrieb haben, deshalb hat er vor Jahren vom Juristen zum Polizisten umgesattelt. Er ist zerfressen vom Ehrgeiz. Wenn er jemanden laufen lassen muß, ist das eine persönliche Tragödie für ihn.« Paul schloß einen Moment lang genießerisch die Augen, während er in die zweite Banane biß. »Es heißt, Davies geht über Leichen. Aber das sagen vielleicht nur die, die neidisch auf seine Erfolge sind.«

»Sicher«, stimmte Janet etwas beklommen zu. Der scharfe Davies…

»Wenn Sie eine Bekannte von Davies sind, dann wissen Sie sicher bestens Bescheid über den Fall?« fragte Paul hoffnungsvoll. »Ich meine, auch ein paar unbekannte Details?« Der Journalist in ihm war erwacht und hoffte auf Beute.

Janet verzog bedauernd das Gesicht. »Ich fürchte, ich weiß weniger als Sie. Andrew hat mir kaum etwas erzählt.«

»Schade. Wäre schön gewesen, wenn der Nottingham Daily mal die Nase vorn gehabt hätte.«

»Es sind absolut keine weiteren Zeugen aufgetaucht?«

»Nein. Es gibt eben nur die eine, die…«

»… die nicht sicher ist, ich weiß. Corvey hat eine Menge Glück auf seiner Seite.«

»Und Davies einiges Pech. Er ist sicher, er hat den richtigen Mann gefaßt. Und jetzt gleitet ihm die Geschichte durch die Finger.«

»Corvey hat ein Geständnis abgelegt«, sagte Janet, »er hat es über Wochen aufrechterhalten. Warum wird er darauf nicht festgenagelt?«

»Wird er ja. Aber ich nehme an, er wird behaupten, daß er völlig durcheinander war. Eingeschüchtert, verwirrt, einen Blackout hatte… was weiß ich. Er wird alle Register ziehen, beziehungsweise, sein Anwalt wird das tun.«

In dem Augenblick kam eine blonde Frau in Jeans die Treppe heruntergelaufen und rief: »Corvey kommt! Die Verhandlung ist vertagt!«

Im Nu herrschte hektisches Treiben unter den versammelten Journalisten. Auch Paul sprang sofort auf die Füße, schob seine halb aufgegessene Banane achtlos in die Tasche und fummelte wie wild an seinem Photoapparat herum. Überall wurden Tonbänder eingeschaltet, Mikrophonproben gemacht, Filme gewechselt. Dann stürmten alle auf die Treppe zu und rangelten um die besten Plätze.

Janet stand schnell auf, um nicht noch einen Tritt abzubekommen, und preßte sich eng gegen das steinerne Geländer. Ihr Herz hämmerte auf einmal wie verrückt. Fred Corvey mußte unmittelbar an ihr vorbekommen — es sei denn, er wollte sich den vielen Journalisten nicht aussetzen und ließ sich gerade durch einen Seiteneingang ins Freie schleusen, worauf zu bestehen er zweifellos das Recht hatte. Aber etwas sagte ihr, daß er geradezu danach verlangen würde, einen Auftritt zu genießen, daß er sich eine Konfrontation mit den Medien und damit die Bestätigung seiner derzeitigen Popularität um nichts in der Welt entgehen lassen würde.

Ihr wurde so schwach zumute, daß sie weglaufen wollte, aber sie kam keinen Schritt weit, denn die Presseleute standen wie eine Mauer vor ihr, und keiner hätte es riskiert, seinen hart erkämpften Platz zu verlieren, indem er für einen Moment zur Seite trat. Und da tauchten am oberen Ende der Treppe auch schon Zuschauer und Polizisten auf, und so gab es auch in dieser Richtung keinen Fluchtweg mehr. Janet mußte bleiben, wo sie war.

Fred Corvey trug Handschellen und war mit einem Polizeibeamten zusammengekettet, der links von ihm ging. Auf der anderen Seite drängten sich seine beiden Anwälte, die sehr zufrieden schienen, für eine Sekunde jedoch zusammenzuckten, als sie der wartenden Menge ansichtig wurden. Corvey hingegen erschrak nicht im mindesten. Er straffte seine Schultern und reckte das Kinn so, als bemühe er sich, später auf allen Photos größer und stattlicher zu wirken, als er war. Er trug eine sandfarbene Hose, braune Schuhe, ein braunes Jacket und darunter ein weißes T-Shirt. Die dunkelblonden Haare sahen keineswegs nach einem auch nur mittelguten Friseur aus, aber Corvey hatte sie sorgfältig aus der Stirn gekämmt und mit Gel gebändigt. Er wirkte auf groteske Weise durchschnittlich; ein Mann, dessen Erscheinung weder auffiel, noch irgend jemandem im Gedächtnis blieb. Corveys Beine waren recht kurz, aber er hatte einen langen Oberkörper und war dadurch insgesamt ein immerhin mittelgroßer Mann. Ganz sicher trieb er keinen Sport; wenn er nicht daran dachte, ganz bewußt seine Schultern zurückzunehmen, sanken sie weit nach vorne; zudem war er viel zu mager und hatte eine bleiche, ungesunde Gesichtsfarbe.

Für einen Moment schoß in Janet der Gedanke hoch: Vielleicht hat er es wirklich nicht getan. Er sieht so harmlos aus. Dieser Mann soll vier Frauen gefoltert und ermordet haben?

Corvey, seinen Auftritt genießend, hatte oben an der Treppe einen Moment verharrt und seinen Blick wie ein Feldherr über die Menge schweifen lassen. Nun schritt er langsam die Stufen herunter. Grell flammten unzählige Blitzlichter auf. Paul reckte Corvey ein Mikrophon entgegen.

»Mr. Corvey«, rief er, »was geht in Ihnen vor? Rechnen Sie mit einem Freispruch?«

Corvey antwortete nicht, lächelte nur.

»Keine Fragen!« rief der Polizist neben ihm. »Und machen Sie Platz! Gehen Sie bitte aus dem Weg!«

Corvey war jetzt auf der Höhe von Janet angelangt. Abrupt blieb er stehen, wandte den Kopf und sah sie an.

Janet konnte den Blick nicht abwenden, sie starrte ihn an. Ihr Mund wurde trocken, sie konnte nicht schlucken, in ihren Ohren rauschte es. So harmlos und unscheinbar er ihr gerade noch erschienen war, so heftig entsetzten sie nun seine Augen. Dunkelbraune Augen, stumpf, ohne ein Schillern in der Tiefe. Augen von einer vollkommenen Ausdruckslosigkeit und Kälte. Nicht ein einziges Gefühl stand in ihnen zu lesen. Es waren die Augen eines Psychopathen.

Und Janet wußte in diesem Moment, daß er es getan hatte. Er war für jeden der ihm unterstellten Morde verantwortlich, und womöglich noch für ein Dutzend weitere. Es gab keinen Zweifel. Auf einmal verstand sie Andrews hilflose Wut, und zugleich fühlte sie ein tiefes, schmerzvolles Mitleid mit all den Opfern dieses Mannes: Was empfand eine Frau, die gewaltsam sterben und dabei in diese Augen blicken mußte?

Corvey grinste. Er hatte instinktiv begriffen, was in ihr vorging, und bemerkte, daß sie mit einer Aufwallung von Übelkeit kämpfte. Das gefiel ihm. Es machte die ganze Sache noch etwas pikanter.

Er ging weiter, während einer seiner Anwälte versuchte, die sich ihm entgegendrängenden Mikrophone beiseite zu schieben, und gleichzeitig hektisch erklärte, es sei im Augenblick von niemandem ein Kommentar zu dem Fall zu erwarten. Natürlich versuchten sie alle trotzdem, ihre Fragen loszuwerden und eine Antwort zu ergattern, und schließlich machte Corvey den Mund auf, aber nur um zu sagen, daß er nichts sagen werde.

Seine Stimme überraschte Janet. Sie hatte sie sich kranker, heller, ein wenig hysterisch vorgestellt. Aber sie war warm und tief und sehr klangvoll. Eine schöne, vertrauenerweckende Stimme. Doch dann dachte Janet, daß es im Grunde nicht verwunderlich war. Irgend etwas mußte dieser Mann an sich haben, daß ihm so viele Frauen so bereitwillig auf den Leim gegangen waren. Und das war es. Die Stimme stellte sein Kapital dar. Sie erweckte Zuneigung und zerstreute aufkeimenden Argwohn.

Die Pressemeute strömte nun hinter Corvey her ins Freie, wo ein Auto auf ihn wartete. Andrew tauchte plötzlich neben Janet auf und nahm ihren Arm.

»Was tust du denn hier?« Er sah blaß und sehr müde aus.

Janet gab ihm einen Kuß. »Ich wollte zu dir«, sagte sie einfach.

Er schien sich zu freuen, aber sein Gesicht verlor nicht den Ausdruck von Angespanntheit. »Hättest du Lust, irgendwo etwas zu essen?« fragte er.

»Ja. Andrew — er ist noch nicht freigesprochen!« Andrew nickte. Er wirkte müde und abgekämpft. »Ich weiß. Aber ich fürchte fast, daß es zu einem Freispruch kommen wird, und ich kann dir nur sagen, im Moment fühle ich mich deswegen ziemlich elend.«

Sie traten ins Freie. Die warme Luft des hellen Junitages tat gut nach der dumpfen Kühle in dem alten Gemäuer. Während sie die Straße überquerten, sagte Janet schaudernd: »Ich habe seine Augen gesehen. Ich weiß jetzt, daß er es getan hat.«

»Ja«, meinte Andrew, »aber der Ausdruck in den Augen eines Menschen hat leider keinerlei Beweiskraft vor Gericht.«

»Was glaubst du, wird er tun, wenn er freigesprochen ist?«

»Er wird zunächst sehr vorsichtig sein. Ich bin sicher, er weiß, daß ich mich noch nicht geschlagen gebe.«

»Du kannst ihn aber nicht Tag und Nacht beschatten lassen, oder?«

»Dafür wird man mir kaum die Leute bewilligen. Viel zu teuer.«

Sie hatten ein kleines, italienisches Lokal erreicht und traten ein. Andrew war offensichtlich bekannt und wurde freundlich begrüßt. Sie bekamen einen Ecktisch zugewiesen, von dem aus sie den ganzen Raum überblicken konnten. Während sie die Speisekarten studierten, betrat eine ältere Frau das Restaurant, gefolgt von einem jungen Mann, der außerordentlich gestreßt schien. Die Frau wirkte hilflos und unsicher, blieb verloren stehen und wünschte sich sichtlich an einen anderen Ort.

»Sieh mal an«, sagte Andrew leise, »da ist ja Mrs. Corvey. Fred Corveys Mutter!«

Janet, die der Fremden zunächst nur flüchtige Beachtung geschenkt hatte, blickte wie elektrisiert hoch. Jetzt nahm sie alles ganz genau wahr: die kleine, etwas dickliche Figur der Frau, das braune, ordentlich frisierte Haar, das geblümte Sommerkleid, das aus einem Kaufhaus zu stammen schien und dessen Rock stark zipfelte. Mrs. Corvey hatte Wasser in den Beinen und dicke Krampfadern, sie trug klobige Gesundheitssandalen und klammerte sich an einer riesigen Handtasche aus Plastik fest. Sie wirkte ausgesprochen redlich, sehr ehrlich, und schien sich in einer Art Schockzustand zu befinden. Während der vergangenen Wochen mußte ihre Welt zusammengebrochen sein.

»Sie sieht aus wie eine freundliche, arbeitsame Putzfrau, die ihr Geld hart verdienen muß«, stellte Janet fest.

»Sie putzt tatsächlich«, sagte Andrew, »damit hat sie ihren Sohn groß gezogen.«

»Gibt es keinen Vater?«

»Der ist seit einem Arbeitsunfall schwer behindert. Er sitzt seit zwanzig Jahren im Rollstuhl und bekommt eine minimale Rente.«

Der junge Mann, der Mrs. Corvey begleitete und der, wie Janet erkannte, einen gutgeschnittenen Anzug aus feinem Tuch trug, sprach jetzt mit einem der Kellner. Den Tisch, auf den dieser wies, lehnte er mit einem Kopfschütteln ab. Ganz offensichtlich wollte er mit Mrs. Corvey diskret und unauffällig plaziert werden.

»Kein Wunder«, murmelte Andrew, »nachdem es sicher nicht leicht war, die Presse abzuschütteln, will er es jetzt nicht riskieren, doch noch jemandem aufzufallen.«

»Wer ist der Mann?«

»Ein Mitarbeiter von einem der Anwälte Corveys. Offenbar damit betraut, sich um Mrs. Corvey zu kümmern.«

»Ist es nicht gewagt, so nahe am Gericht mit ihr zu essen?«

»Eher clever. Hier vermutet sie niemand.«

Janet fixierte die Frau, die sie nun im Profil vor sich hatte. Mrs. Corvey fühlte sich überhaupt nicht wohl, starrte hilflos und unglücklich in die Speisekarte. Und dann, als könne sie die Augen spüren, die sich so brennend auf sie richteten, wandte sie plötzlich den Kopf. Sie sah Janet an, und Janet hielt ihrem Blick stand. Es war wie ein kurzes, stummes Gespräch. Mrs. Corvey las in Janets Miene Verständnis und Anteilnahme, Janet in der Mrs. Corveys Schmerz und Verwirrung. Dann schaute auch der junge Mann zu ihnen herüber, erkannte Andrew, zuckte kaum merklich zurück, grüßte dann mit einem kühlen Kopfnicken. Flüsternd klärte er seine Begleiterin über Andrews Identität auf; Janet konnte von seinen Lippen die Worte »Scotland Yard« ablesen. Sofort versteinerte Mrs. Corvey. Scotland Yard, das waren die Leute, die ihr das alles angetan hatten. Die in ihr Leben eingebrochen waren und es in eine Hölle verwandelt hatten, indem sie ihren Sohn, ihren geliebten Freddy, entsetzlicher, unvorstellbarer Verbrechen beschuldigten.

Sie stand so hastig auf, daß beinahe ihr Stuhl umgefallen wäre, griff nach ihrer Handtasche. Der junge Mann versuchte sie zu beruhigen, redete auf sie ein. Ohne Erfolg. Mrs. Corvey verließ fluchtartig das Restaurant, und ihm blieb nichts übrig, als hinter ihr herzueilen. Der Kellner schaute den beiden perplex nach.

»Sie ist tief verletzt«, sagte Janet.

»Wenn ich ehrlich bin«, meinte Andrew, »habe ich nicht allzuviel Sympathie für diese Frau. Für die Tatzeit des letzten Verbrechens gibt sie ihrem Sohn ein Alibi, von dem ich überzeugt bin, daß es nicht stimmt. Ich wette, diese Frau hat in ihrem ganzen Leben noch kein unwahres Wort gesprochen, aber für ihren Sohn lügt sie. Sie würde für ihn töten.«

»Sie liebt ihn sehr, nicht?«

»Abgöttisch. Ihr Mann ebenso. Das Klischee vom Verbrecher mit der grausamen Kindheit trifft bei Fred Corvey nicht in mindesten zu. Sie waren sicher arm, aber er bekam alle nur denkbare Liebe und Fürsorge.«

Janet legte ihre Speisekarte zur Seite. Sie hatte keinen Hunger mehr. Trotz des milden Wetters fröstelte sie und wußte, daß es eine Kälte war, die tief aus ihrem Innern kam.

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Die gemeinsamen Ferien hatten einen unguten Anfang genommen, und der erste Tag schien die Dinge nicht einfacher zu machen. Tina dachte, daß sie es gleich hätte merken müssen. Es war nicht richtig von Mario gewesen, sie zu dieser Gewaltfahrt ohne Unterbrechung zu zwingen. Und nun hatte sie auch noch feststellen müssen, daß er nicht ehrlich zu ihr gewesen war.

Sie hatte tief und traumlos geschlafen und war erst gegen zehn Uhr am Vormittag erwacht. Sie hatte einen Moment gebraucht, um sich zu orientieren: die schrägen Wände, die Blümchentapete, die altmodische Kommode, das war nicht ihr Hamburger Zimmer. Grelles, weißes Sonnenlicht flutete durch die Fenster. Eine heiße, südliche Sonne.

Tina verließ sofort das Bett, lief zum Fenster, öffnete es und lehnte sich weit hinaus. Es war heiß draußen, viel heißer, als Tina vermutet hatte. Die Luft roch trocken und nach unbekannten Kräutern und Blumen. Tina jedoch vermochte das kaum zu würdigen, denn was sie sah, versetzte sie in Erstaunen: Nirgendwo auch nur ein winziger Fetzen des Mittelmeeres. Nirgendwo die Häuser und Straßen von Nizza. Nur eine wildromantische Einsamkeit, trockenes, braunes Gras, graues Felsgestein dazwischen, Lavendelfelder und blühende Wiesen, rotgesprenkelt von Mohnblumen. Den Horizont begrenzte ein dunkler Waldgürtel. Zikaden sangen. Ein Stück weiter entfernt schmiegten sich zwei Dutzend Häuser aus weiß-grauem Stein in die Hügel. Sie befand sich in einem winzigen Dorf irgendwo in der Provence. Keineswegs am Rande von Nizza, wie Mario behauptet hatte.

Mario hatte den Frühstückstisch auf der Terrasse im Schatten einiger Mandelbäume gedeckt; als er Tina entdeckte, sprang er auf, um in der Küche die Kaffeemaschine einzuschalten. Er sei schon in aller Frühe im Dorf gewesen, berichtete er, dort sei Markt, und er habe alles gekauft, was sie brauchten.

»Im Dorf, aha«, sagte Tina mürrisch und setzte sich. Sie wußte, es war nicht gut, gleich am ersten Morgen zu streiten, aber sie würde ersticken, wenn sie jetzt den Mund hielte.

»Wie nah ist es denn zum Meer?« fragte sie.

Mario schob ihr rasch ein Glas Orangensaft zu. Etwas schuldbewußt dachte Tina, daß er sich wirklich große Mühe gegeben hatte, alles für sie so schön und angenehm herzurichten wie nur möglich. Es schien ihr nicht fair, ihm jetzt Vorwürfe zu machen, aber im Augenblick war Fairneß einfach nicht das, was sie aufbringen konnte.

»Das Meer«, antwortete Mario nun vorsichtig, »ist nicht direkt in der Nähe…«

»Nein? Und wo ist es?«

»Wie — wo ist es?«

»Wie lange müssen wir laufen, um dort zu sein?«

»Zu Fuß ist das nicht möglich. Aber wir können sicher einmal mit dem Auto hinfahren.«

Tina schob demonstrativ Tasse, Teller, Glas von sich weg. »Einmal mit dem Auto hinfahren?« fragte sie. »Verflixt, Mario, soviel ich weiß, liegt Nizza direkt am Meer!«

»Wir sind hier nicht in Nizza.«

»Was du nicht sagst! Das klang aber ganz anders, bevor wir losgefahren sind!«

»Ich habe gesagt: in der Nähe von Nizza«, verteidigte sich Mario etwas kläglich.

»Am Rande, das waren deine genauen Worte. Aber hier sind wir in… in der Mitte von Nirgendwo!«

Mario legte seine Hand auf Tinas Arm. »Ist es so wichtig, wo wir sind?«

Tina zog ihren Arm weg. »Es ist wichtig, daß du mich angeschwindelt hast. Damit komme ich nicht zurecht. Du wußtest, daß ich irgendwohin wollte, wo etwas los ist. Aber du schleppst mich in die absolute Einsamkeit.«

»Ich dachte nicht, daß du zu den Mädchen gehörst, die jeden Abend in Diskotheken und Kneipen herumhängen und sich für andere Männer zur Schau stellen.«

»Wenn du das nicht dachtest, hättest du ja auch gleich die Wahrheit sagen können!« schnappte Tina.

Mario stand auf, um den Kaffee zu holen. Tina lehnte sich in dem weißlackierten Korbstuhl zurück. Die Sonne schien, und es war schön hier, wirklich schön. Es war nur anders, als sie erwartet hatte. Vielleicht hätte sie deshalb nicht gleich so gekränkt sein sollen. Aber es war manches zusammengekommen, was nicht so lief, wie sie es gern gehabt hätte: die lange Fahrt, dann die getrennten Schlafzimmer, nun die Entdeckung, daß Mario über ihren Aufenthaltsort nicht die Wahrheit gesagt hatte.

Zuviel auf einmal, dachte sie und schloß die Augen. Als sie das Telefon klingeln hörte, wußte sie, daß es ihr Vater war, aber sie fühlte sich zu müde und zu frustriert, um aufzustehen und an den Apparat zu gehen. Vater hätte an ihrer Stimme sofort gemerkt, daß etwas nicht stimmte, und er hätte wieder und wieder nachgehakt. Sie mochte jetzt nicht reden.

Als Mario zurückkam, nahm sie nur etwas Kaffee, ließ Baguette, Eier und Kirschenmarmelade unberührt. Bis zum Mittag saßen sie zusammen und schwiegen, lauschten den Vögeln und dem vereinzelten zarten Gemecker, das von einer in der Nähe grasenden Ziegenherde her überklang. Tief atmete sie den Geruch, den der Wind von den Feldern brachte.

___________

Michael saß in seinem Büro bei der Staatsanwaltschaft und wußte, es war albern, sich aufzuregen, nur weil dort in Duverelle niemand ans Telefon ging. Vermutlich waren Tina und Mario einfach noch nicht eingetroffen. Sie hatten irgendwo übernachtet, lange geschlafen, gut gefrühstückt, sich vielleicht noch ein paar Sehenswürdigkeiten angeschaut. Wahrscheinlich kamen sie erst gegen Abend im Ferienhaus an.

Er schaute auf die Uhr. Kurz vor drei. Woher kam diese fiebrige Nervosität in ihm? Er hatte zu viele andere Probleme, als daß er es sich hätte leisten können, ununterbrochen an seine Tochter zu denken. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich die Akten. Am Vormittag hatte er einen wichtigen Fall verloren, zumindest war das Gericht so weit unter dem von ihm geforderten Strafmaß geblieben, daß er das Urteil nur als Niederlage verbuchen konnte. In der Beratungspause hatte er zum ersten Mal in Südfrankreich angerufen, ohne Erfolg.

Lieber Himmel, es ist höchste Zeit, daß sich Tina von mir abnabelt, dachte er, allerhöchste Zeit. Meine Angst um sie ist nicht normal. Wahrscheinlich bin ich ein Nervenbündel, bis sie zurückkehrt.

Er schlug eine der Akten auf, versuchte sich zu konzentrieren, blickte dann wieder hoch, starrte das Telefon an. Er konnte es nicht aushalten, nahm den Hörer ab und wählte erneut die Nummer in der Provence.

Wieder reagierte niemand. Kurzentschlossen drückte Michael die Gabel nieder und rief bei Dana an.

Es dauerte lange, bis jemand an der anderen Seite abnahm. »Ja?« knurrte eine verschlafene, kratzige Stimme.

»Entschuldigung«, sagte Michael, »ich wollte Dana… äh…« Ihm fiel beim besten Willen nicht ein, wie Dana mit Nachnamen hieß. »Ich wollte Dana sprechen«, sagte er schließlich und kam sich wie ein Idiot vor.

»Ich bin Karen«, erwiderte die heisere Stimme, »Danas Mutter.« Sie gähnte unüberhörbar.

»Verzeihen Sie, ich habe Sie offenbar geweckt«, stotterte Michael. Es war drei Uhr! Warum, um Gottes willen, schlief die Frau um diese Zeit?

»Schon okay. Konnten Sie ja nicht wissen. Ich hab’ zur Zeit keine Arbeit, also bleibt mir nichts anderes übrig, als viel zu pennen.«

»Äh… das tut mir leid… ich meine, daß ich Sie geweckt habe…« Ich höre mich an wie ein stammelnder Schuljunge, dachte er zornig, es gibt wahrhaftig nicht den geringsten Grund, aus der Fassung zu geraten. Dann fiel ihm ein, daß er sich noch nicht einmal vorgestellt hatte. »Ich bin Michael Weiss«, sagte er, »der Vater von Tina.«

Wieder gähnte es auf der anderen Seite. »Der Herr Staatsanwalt«, sagte Karen etwas spitz, »das ist aber eine Ehre!«

Es ist einfach eine andere Welt, dachte er. Sie hat keine Arbeit, schläft bis in die Puppen und hält mich vermutlich für einen reaktionären Spießer. Ich bin Staatsanwalt, kenne zeitlebens nichts als Pflichterfüllung, und für mich ist sie eine linke Ziege. Wären unsere Töchter nicht befreundet, wir gingen einander tunlichst aus dem Weg.

»Ist Dana denn zu sprechen?« fragte er.

»Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wo sie ist«, erwiderte Karen. Sie hörte sich langsam etwas wacher an, wenn auch ihre Stimme noch immer klang, als habe sie Nächte voller Schnaps und Zigaretten hinter sich. »Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«

»Nein, es ist nur…« Michael kam sich immer lächerlicher vor. »Dana besuchte mich gestern abend«, sagte er schließlich, »wir sprachen über Mario Beerbaum. Wissen Sie, das ist der junge Mann, der…«

Von Karen kam ein leises Stöhnen. »Ich weiß, wer das ist, ja. Nur zu gut. Dana redet ständig von ihm. Hat sie Ihnen auch erzählt, sie habe ein ’komisches Gefühl‘ bei ihm?«

»Sie sagte so etwas, ja.«

»Lassen Sie sich bloß nicht verrückt machen. Dana hat sich da in was reingesteigert. Ich vermute, daß Eifersucht dahintersteckt. Tina gehört ihr nicht mehr allein.«

»Sie sagte mir, daß dies Ihre Theorie ist. Allerdings wäre es doch möglich, daß sie nicht von Eifersucht, sondern von einem durchaus ernst zu nehmenden, gesunden Instinkt geleitet wird.«

Etwas genervt erwiderte Karen: »Ich glaube, Herr Staatsanwalt, Sie haben einfach ein großes Problem mit der Tatsache, daß Ihre Tochter sich irgendwo in Südfrankreich mit einem Kerl amüsiert, und Dana hat dieses Problem auch. Ihr habt beide in dem Gefühl gelebt, daß Tina nie erwachsen wird, und jetzt seid ihr schockiert, daß sie auf einmal Anstalten macht, es doch zu werden. Und so schießt ihr euch auf den armen Mario ein, der sicher ein ganz normaler, verliebter Junge ist und keine Ahnung hat, welche Aufregung er heraufbeschwört.«

»Vielleicht haben Sie recht.«

»Bestimmt habe ich das. Ich sage Ihnen, bald halten Sie Ihre Tina wieder im Arm und verstehen gar nicht mehr, weshalb Sie so nervös waren. Soll Dana Sie noch einmal anrufen?«

»Danke, das ist nicht nötig. Ich wollte mit ihr noch einmal über Mario sprechen, aber das nützt ja auch nichts.«

»Vergessen Sie Ihre Tochter mal, legen Sie sich in die Sonne und machen Sie sich einen schönen, faulen Tag«, riet Karen.

Michael überlegte, wann er sich zuletzt einen »faulen Tag« gemacht hatte, aber es fiel ihm nicht ein. Für diese Frau, dachte er, ist es sicher ein vielerprobtes Heilmittel.

Laut sagte er: »Verzeihen Sie bitte die Störung. Und«, ihm fiel plötzlich noch etwas ein, »reden Sie Dana die Idee aus, per Autostopp hinter Tina herzufahren. Das hatte sie nämlich gestern abend vor.«

»O Gott, das wäre sicher das letzte, was sich Tina und Mario jetzt wünschen!«

»Ich dachte dabei auch an Dana. Was sie da plant, ist viel zu gefährlich. Jährlich werden…«

Karen ließ ihn nicht ausreden. »Dana ist alt genug, um zu wissen, was sie tut. Aber ich danke Ihnen für den Hinweis.« Ihr Ton gab deutlich zu erkennen, daß sie Michael für ziemlich spießig und obendrein für einen Einmischer hielt. Er begann ihr auf die Nerven zu gehen. Genau der Typ, der einem das Jugendamt auf den Hals hetzte, wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht oder etwas Ähnlichem. Wie gut, daß Dana achtzehn war! Da konnte einer wie dieser penetrante Staatsanwalt kein Theater mehr machen.

Nachdem sie beide — etwas frostig — das Gespräch beendet hatten, konnte sich Michael nicht zurückhalten, erneut die französische Nummer, die er nun schon auswendig kannte, zu wählen.

Auch diesmal meldete sich niemand.

___________

Seit Stunden ging er im Kreis herum, lief von einer Wand seines Zimmers zur anderen, trat ans Fenster und schaute hinaus, ging zur Tür, wollte sie öffnen und fortlaufen vor den Gedanken, die ihn zu ersticken drohten, zog seine Hand jedoch immer wieder zurück, weil er wußte, daß es kein Entkommen gab, nicht vor den Bildern in seinem Kopf.

Maximilian sah Janet in den Armen von Andrew Davies.

Seitdem sein Bruder die Vermutung ausgesprochen hatte, Janet habe Davies aufgesucht, wußte Maximilian, daß es stimmte. Er wußte es deshalb, weil er das, was die beiden so untrennbar aneinander fesselte, gespürt, mit all seinen Antennen aufgenommen hatte, noch ehe er etwas davon hatte wissen können. Er hatte als Kind keine Ahnung gehabt von Empfindungen wie Begehren, Leidenschaft, Hörigkeit, und doch hatte er um die obsessive Gier seiner Mutter nach Andrew Davies gewußt. Und nachdem die Bilder jahrelang tief in ihm vergraben geschlummert hatten, so friedlich, als könnten sie tatsächlich irgendwann in Vergessenheit geraten, standen sie nun hellwach wieder vor ihm, starrten ihn an, als sei nicht ein Tag seit damals vergangen.

Er sah das halbdunkle Zimmer wieder vor sich. Die Fenster waren geschlossen worden — diskretes Zugeständnis an die Schamhaftigkeit möglicher unfreiwilliger Zuhörer —, aber da sie den ganzen Tag offengestanden hatten, war der Raum noch erfüllt von frischer, kühler Regenluft. In seiner Erinnerung roch es stets nach Regen, dabei konnte es nicht immer geregnet haben, wenn es Janet und Andrew miteinander trieben. Aber die Vergangenheit hatte ihre eigenen Gesetze, nach denen sie Wurzeln im Gedächtnis schlug, und die waren nicht immer einer exakten Stimmigkeit verpflichtet.

Es hatte also geregnet, und es roch nach feuchtem Moos, Laub und nasser Rinde. Die Jalousien waren nicht hinuntergelassen, aber die Vorhänge zugezogen worden. Manchmal brannten ein paar Kerzen.

Andrew Davies war groß, größer als Phillip, und sicher schwerer, obwohl er sehr schlank war. Wie hielt es die zierliche Janet aus, daß er auf ihr lag? Zumal er nicht stillhielt dabei. Zuerst preßte er sich auf sie, vergrub sein Gesicht in ihren langen Haaren, die sich über das Kopfkissen verteilten, aber seine Hüften hoben und senkten sich, und Janet stöhnte leise. Er tat ihr weh, dieser Mann, warum wehrte sie sich nicht? Der kleine Junge fing an zu zittern, und noch heute, Jahre später, zitterte er in der Erinnerung. Sie flüsterte Worte, deren Bedeutung er damals nicht begriffen hatte, die er heute aber verstand und die ihm die Schamröte in die Wangen trieben. Worte, die Andrew Davies aufforderten, härter, schneller, rücksichtsloser auf ihr herumzureiten, als er es ohnehin schon tat. Davies stemmte sich mit seinen beiden Armen vom Kissen ab, und jetzt bewegte er sich mit solcher Heftigkeit auf ihr, daß ihrer beider Körper laut aufeinanderklatschten, und Janet krallte ihre Finger in seine Arme, rief abwechselnd Andrew selber oder den lieben Gott an oder stöhnte wie ein sterbendes Tier, und das genau war es, was der kleine Junge dachte: daß Andrew Janet jetzt umbrachte und daß er hätte hinlaufen und ihr helfen müssen, aber seine Beine waren wie gelähmt von Angst und Entsetzen, seine Handflächen naß vom Schweiß, sein Herzschlag schien seine Brust bersten zu lassen. Janet schrie laut auf, und Andrew hielt hoch aufgerichtet auf ihr inne — ein Raubvogel, der ein kleines Tier erlegt hat —, dann sank er über sie, und sie lagen dort ineinander verschlungen, und in den Ohren des kleinen Jungen dröhnte es so grell, daß er ihren heftigen Atem nicht hören konnte und überzeugt war, daß sie nun beide gestorben waren. Und jedesmal machte er in diesem Moment, während Janets letztem schrecklichen Schrei, in die Hose. Und zu allem anderen kam noch die brennende Scham über dieses Mißgeschick, dieses Abgleiten in das Babyalter, dem er doch längst entwachsen war. Anfangs hatte er die durchweichten Sachen versteckt, aber unweigerlich fing Janet irgendwann an, danach zu fahnden, und spürte sie entweder selbst auf oder setzte ihm so lange zu, bis er den geheimen Ort preisgab. Wie sie dann betonte, war sie nicht ärgerlich über das, was ihm passiert war, sondern darüber, daß er es zu verheimlichen versucht hatte. »Hast du denn überhaupt kein Vertrauen zu mir? Antworte doch! Was ist los?«

Aber es war die Zeit der Sprachlosigkeit. Er wußte nicht in Worte zu fassen, was in ihm vorging. Er vermochte seine Scham nicht zu artikulieren, und auch nicht seine Angst. Er konnte nicht von dem großen Mann sprechen, dem Janet wieder und wieder erlaubte, ihr Gewalt anzutun, und nicht von dem Entsetzen, das er empfand, wenn er meinte, sie beide unter schrecklichen Schmerzen sterben zu sehen.

»Sie konnten«, hatte Professor Echinger später einmal gefragt, »auch mit Ihrem Vater nicht darüber reden?«

Er hatte lange überlegt. Mit Phillip zu sprechen war ihm damals nie in den Sinn gekommen. »Nein. Ich konnte es nicht. Ich konnte — in einem beinahe physischen Sinne — nicht sprechen, wenn es darum ging.«

»Ihre Mutter traf im Grunde überhaupt keine Sicherheitsvorkehrungen. Sie hätte doch befürchten müssen, daß Sie und Ihr Bruder sie, wenn auch zufällig und arglos, verraten?«

Das war ein weiterer erschütternder Aspekt.

»Sie schien nichts dergleichen zu befürchten. Später habe ich mir überlegt, daß…«

»… daß Ihr Vater Bescheid wußte?«

»Ja«, sagte Maximilan dumpf, »er wußte Bescheid. Und er nahm es hin.«

Hatte Phillip in jedem Detail gewußt, was die beiden taten, während er fort war? Jede Variante körperlicher Liebe hatte sich vor den schreckgeweiteten Augen des kleinen Jungen abgespielt, wenn er in der angelehnten Tür kauerte und dem ekstatischen Treiben im Bett seiner Eltern zusah, den warmen Atem seines Bruders an seinem Hals spürte, sein angstvolles Keuchen an seinem Ohr hörte, die völlige Erstarrung des kleinen Körpers fühlte. Wieso, hatte er sich Jahre später gefragt, hatte Janet eigentlich nie die Tür richtig geschlossen? Ihm war nur eine mögliche Erklärung eingefallen: wegen ihrer Kinder. Sie hatte hören wollen, wenn sie nach ihr riefen. Und hatte dafür gesorgt, daß sie nie wieder nach ihr rufen würden.

Einmal hatte er Erleichterung verspürt; das war, als er die beiden zum erstenmal in der umgekehrten Stellung gesehen hatte. Endlich, endlich rächte sich Janet für all die Demütigungen, die ihr angetan worden waren. Wie ein Zuschauer bei einem Boxkampf, der dem scheinbaren Verlierer besonders laut zujubelt, wenn er unerwartet auf die Füße kommt und den Gegner in ernsthafte Bedrängnis bringt, hätte er Janet am liebsten mit triumphierenden Zurufen angefeuert. Aber irgendwann begriff er, daß auch dies nur in Schreien und Stöhnen und Zusammenbrüchen endete. Und schließlich begann er, diese Stellung fast am meisten zu fürchten, weil sie seine Mutter zu allem anderen auch noch würdelos machte. Bis dahin war sie nur Opfer gewesen, jetzt wurde sie selbst aktiv und damit abstoßend, widerlich. Sie sah häßlich aus mit dem schweißglänzenden, verzerrten Gesicht, den hin- und herschaukelnden Brüsten. Es war nicht seine Mama, wie er sie kannte. Mama trug schöne Kleider, und ihre blonden Haare waren sorgfältig frisiert und glänzten im Licht. Sie roch gut und hatte das süßeste Lächeln, und abends setzte sie sich zu ihren Kindern ans Bett und nahm sie in die Arme und gab ihnen das Gefühl, einzig ihnen zu gehören und sie zu schützen vor allem Bösen in der Welt; einzig durch ihr Dasein, durch ihr Unberührtsein von allem, was nicht makellos sauber war in dieser Welt. Sie hatte diese Illusion gründlich zerstört, und nicht lange nach der Affäre mit Andrew Davies fingen ihre Söhne an, »Janet« zu ihr zu sagen, und sie ließen trotz Tränen und Vorwürfen von ihrer Seite nicht mehr davon ab.

Er war wieder am Fenster angelangt, auf seinen konfusen Zickzackwegen durch das Zimmer, und sah hinaus. Es war zehn Uhr am Abend, aber es wollte noch immer nicht richtig dunkel werden. Diese hellen Mittsommernächte hier oben, dicht an der Grenze nach Skandinavien — er mochte sie nicht besonders. Sie beunruhigten ihn mit ihrem Licht, ihren Stimmen, ihrer Schlaflosigkeit. Er mochte die schweigenden, schwarzen Winternächte, in denen ein kalter Stern am Himmel stand, in denen sich Finsternis und Schnee beschützend über alle Verwundungen und Ängste breiteten. Wie war jetzt wohl die Nacht in Südfrankreich? Sicher dunkler als hier, von samtiger Schwärze.

Er fühlte sich seinem Bruder so nah. Das war immer so gewesen, die gemeinsame Kindheit hindurch, aber auch in den Jahren der Trennung. Vielleicht konnte einfach nichts sie wirklich trennen, seit jener lang vergangenen Zeit, da sie dicht aneinanergepreßt in Janets Leib zu leben begonnen hatten. Manchmal, in der Nacht, konnte Maximilian Marios Herzschlag spüren, konnte an Gleichmaß und Tempo erkennen, ob der Bruder ruhig schlief oder ob ihn böse Träume quälten, oder ob er sich wach hin- und herwälzte. Er hatte das nie überprüft, aber manchmal hatten sie einander am nächsten Tag gesehen oder miteinander telefoniert, und es hatte Maximilian nie überrascht, wenn sich seine Empfindungen dann bestätigten.

»Ich habe kein Auge zugetan letzte Nacht, vielleicht lag es am Vollmond, ich konnte keine Sekunde schlafen…«

»Ich weiß.«

Auch jetzt schlief Mario nicht. Es war vielleicht noch zu früh am Abend, aber er würde die ganze Nacht nicht zur Ruhe kommen, das spürte Maximilian. Mario sah, genau wie er, Janet in Andrews Armen, und das raubte ihm die Ruhe.

Und vielleicht gab es noch mehr, was ihn nicht zur Ruhe kommen ließ.

Maximilian war sicher, daß Mario nicht allein war. Von Anfang an hatte er gespürt, daß ihm sein Bruder etwas unterschlug, als er von seiner Reise in die Provence erzählt hatte. Er hatte es in seinen Augen erkennen, in seiner Stimme hören können. Um hauchfeine Nuancen nur waren Veränderungen aufgetreten, aber im wechselseitigen Wahrnehmen von Strömungen im anderen waren beide Brüder wie zwei hochempfindliche Seismographen. Es gab keinen letzten, endgültigen Beweis, aber Maximilian war sicher, daß Mario mit einem Mädchen zusammen war.

Er konnte sie sich vorstellen: zierlich, zart. Feine Gesichtszüge. Lange blonde Haare. Ein bißchen wie die junge Janet, Verletzbarkeit und Unschuld ausstrahlend. Doch dahinter, kaum auf den ersten Blick zu erkennen: ein unbändiger Hunger nach Leben, eine optimistische Bereitschaft, auch von verbotenen Früchten zu kosten. So waren sie alle. Er wußte es. Aber wußte es sein Bruder? Und wenn nicht, wann würde er es bemerken?

Er riß die Tür zum Gang auf, jetzt doch der Hoffnung erliegend, damit den Lauf seiner Phantasie zu stoppen. Vielleicht war er verrückt. Vielleicht konnte er seinen Empfindungen schon lange nicht mehr trauen. Er bekam Medikamente, Psychopharmaka, zur »Ruhigstellung«, wie es hieß. Er haßte diese Tabletten. Sie legten sich wie ein schwerer Schleier über sein Gemüt, benebelten ihn, ließen ihn alles ebenso spüren wie vorher, nur daß es sich hinter einem Vorhang abspielte, der verhinderte, daß er in Kontakt treten konnte mit seinen eigenen Gefühlen. Es war, als werde er von sich selbst getrennt, und manchmal war er darüber fast wahnsinnig geworden. Dann hatten sie ihm Spritzen gegeben, und es war noch schlimmer geworden. Aber ohne Medikamente begann er inzwischen schon nach kurzer Zeit unkontrolliert zu zittern. Er fragte sich, wie viele Leute gesünder in psychiatrische Kliniken hineingingen, als sie dann, dank der Tabletten, wieder herauskamen. Er hatte ganze Nächte im verzweifelten Bemühen verbracht, durch den Nebel zu seiner eigenen Unruhe vorzudringen, und was er dabei empfunden hatte, wünschte er seinem ärgsten Feind nicht.

Der Flur war dunkel, da es hier keine Fenster gab, nur ein bläuliches Notlicht brannte. Scheinbar schliefen inzwischen alle. Um neun Uhr wurden die Schlaftabletten verteilt an jeden, der sie brauchte oder wollte, und meist herrschte bald nach diesem Zeitpunkt Ruhe im Haus. Echinger arbeitete sicher noch, der eine oder andere diensthabende Arzt vielleicht auch. Wer in den nächsten Tagen keine Schicht hatte und nicht in der Klinik wohnte, war nach Hause gefahren.

Maximilian schaute auf seine Uhr. Halb elf. Seine Unruhe wuchs. Er konnte nicht weg aus dieser einsamen Gegend, nicht um diese Zeit. Es gab eine Bushaltestelle, etwa drei Kilometer entfernt, aber dort fuhr jetzt kein Bus mehr. Morgen früh um sieben ging der nächste. Über sämtliche Dörfer konnte man mit ihm bis Niebüll schaukeln und von dort den Zug nach Hamburg nehmen.

Er kehrte in sein Zimmer zurück, schloß die Tür hinter sich. Mit zitternden Händen zog er eine Schublade im Schrank auf, kramte unter einem Stapel Unterwäsche herum. Seitdem er Freigänger war, bekam er Geld ausgehändigt, sparsam rationiert allerdings, und er mußte Rechenschaft darüber ablegen, wofür er es ausgab. Dennoch war es ihm im Verlauf des vergangenen Jahres gelungen, zweihundert Mark zusammenzusparen. Häufig hattte er sich Geld geben lassen für einen Cafebesuch, war dann aber entweder von seinem Bruder eingeladen worden oder hatte überhaupt verzichtet. Für Klinikverhältnisse verfügte er damit über ein Vermögen. Und es gab noch etwas; etwas, das einen weit größeren Schatz darstellte als das Geld: einen Paß. Einen abgelaufenen Paß zwar, aber sein Gesicht blickte ihn von dem Photo entgegen. Der Ausweis lautete auf den Namen Mario Beerbaum. Sein Bruder hatte ihn ihm in die Klinik gebracht.

Wann in den letzte Stunden der Plan in ihm gereift war, nach Duverelle zu fahren, wußte er nicht. Im Grunde hatte es auch gar nichts mit einem Plan, mit einer Überlegung zu tun. Er folgte einem Drängen, folgte einer Stimme, die ihn rief. Die namenlose Unruhe, die den ganzen Tag auf ihm gelegen und ihn mit alten Bildern bedrängt hatte, war einem klaren Wissen darum gewichen, was er tun mußte. Ungeachtet der Folgen, und die Folgen würden schwerwiegend sein, das wußte er. Für Anfang August war seine Entlassung vorgesehen, aber von diesem Zeitpunkt trennten ihn noch fast acht Wochen. Wenn er jetzt davonlief, riskierte er alles. Echinger mußte sein Verschwinden sofort anzeigen, sonst drohten ihm ebenfalls Strafen, schlimmstenfalls konnte er sogar seine Zulassung verlieren. Er würde den Moment hinauszögern, aber es gab Mitwisser genug im Haus, und irgendwann käme er nicht mehr darum herum, Meldung zu erstatten. Von dem Moment an würde man ihn mit Haftbefehl suchen, und seine Entlassung im August konnte er wahrscheinlich vergessen. Er mußte es trotzdem tun, und er würde es tun.

Er setzte sich an das Fenster und wartete, daß der Morgen kam.

Teil VIII

MITTWOCH, 7. JUNI 1995

Als Tina erwachte, war es noch dunkel, und als sie das Licht anknipste und auf den Wecker sah, stellte sie fest, daß es drei Uhr morgens war. Sie fragte sich, was sie geweckt hatte. Dann hörte sie es: Irgendwo im Haus spielte Musik, leise zwar, aber sie mußte dennoch bis in ihren Schlaf vorgedrungen sein. Es war eine dramatische, aufwühlende, unter die Haut gehende Musik, selbst aus dieser Entfernung. In dieser provençalischen Nacht wirkte sie deplaziert und quälend.

Tina stand auf, zog ihren Bademantel an und verließ das Zimmer. Langsam ging sie die Treppe hinunter. Vor Marios Zimmertür blieb sie stehen. Zuerst hatte sie gemeint, die Musik käme von dort, aber nun stellte sie fest, daß der Klang unten im Wohnzimmer ertönte. Zögernd tappte sie die zweite Treppe hinunter.

Die Wohnzimmertür war nur angelehnt, ein Streifen Licht fiel heraus in den Flur. Die Musik klang nun lauter.

»Mario?« fragte Tina. Sie bekam keine Antwort. Sie stieß die Tür auf. Mario stand am Fenster, hatte ihr den Rücken zugewandt und starrte hinaus in die Nacht. Er war vollständig bekleidet, trug Jeans, T-Shirt, Schuhe und Strümpfe. Er hatte nur die Stehlampe eingeschaltet, die das Zimmer in ein Dämmerlicht tauchte. Aus dem CD-Spieler ertönte die eindringliche Musik. Tina schauderte plötzlich.

»Mario«, sagte sie erneut. Er hörte sie noch immer nicht.

Sie räusperte sich. »Mario!«

Er fuhr herum. Sie sah, daß sein Gesicht bleich war, die Augen darin schienen noch dunkler, die Brauen hoben sich hart von der fahlen Haut ab.

»Was tust du denn hier?« fragte er nach einem Moment des überraschten Schweigens.

»Das sollte ich dich fragen! Es ist drei Uhr nachts. Warst du überhaupt im Bett?«

Er schaute an sich hinunter, als müsse er versuchen, sich mit Hilfe seiner Kleidung zu erinnern. »Nein«, sagte er dann, »aber ich gehe oft spät ins Bett, weil ich nur schwer einschlafen kann.«

»Aber drei Uhr nachts finde ich ein bißchen zu spät.«

Mario wußte darauf nichts zu erwidern. Er trat zum CD-Spieler und schaltete ihn aus. Die Stille kam so unvermittelt, daß sie beklemmend wirkte.

Mario strich sich über die Haare. Er sah erschöpft aus, als habe er eine große Anstrengung hinter sich. »Ich leide seit Jahren darunter«, sagte er entschuldigend, »unter Schlafstörungen, meine ich. Und irgend etwas muß ich tun, also höre ich Musik. Es tut mir sehr leid, daß ich dich damit geweckt habe.«

»Du mußt dich nicht entschuldigen. Es ist nur… ich meine, hast du mal versucht herauszufinden, woran das liegt? In deinem Alter ist es doch nicht normal, daß man nicht schlafen kann.«

»Oh, ich… ich denke, ich bin einfach ein nervöser Typ.« Er wich aus, zeigte deutlich, daß ihm dieses Gespräch nicht im mindesten behagte. Tina hatte den Eindruck, daß sie ihm auf die Nerven ging. Er wirkte wie ein in die Enge getriebenes Tier. Sie beschloß, nicht weiter zu forschen.

»Na ja, ich werde jedenfalls jetzt weiterschlafen«, sagte sie leichthin und dachte bei sich: Gott, sieht er elend aus! So angespannt, so traurig. Schuldgefühle regten sich in ihr; sie hatte sich den ganzen Tag über reserviert gezeigt, war bis zum Abend nicht aufgetaut. Sie berührte vorsichtig seinen Arm.

»Es ist schön hier«, sagte sie, »ein bißchen einsam, aber schön. Ich war verärgert, weil ich mir alles anders vorgestellt hatte, aber jetzt ist es okay. Wirklich.«

Er lächelte. »Schön, daß du das sagst, Tina.«

Sie standen dicht beieinander, Mario blaß und verletzlich, Tina sehr jung und scheu. Dennoch war sie es, die die Hand hob und ihm über die Wange strich, ihre Finger in seinen dunklen Haaren vergrub.

»Mario«, sagte sie leise. Zum erstenmal in ihrem Leben begegnete sie dem Gefühl, einem Mann ganz nahe sein zu wollen, fing an zu begreifen, was es hieß, einen Mann zu begehren — mit der Seele, dem Körper, mit allen Gedanken und allen Sehnsüchten.

»Wenn du’s einmal gemacht hast«, hatte Dana immer prophezeit, »kannst du nie wieder damit aufhören.«

Am Ende hatte sie wohl recht. Es gab kein vergleichbares Gefühl von dieser Intensität. In Marios Augen sah sie etwas von der gleichen Flamme, die in ihr brannte, und wußte, daß er, was immer vorher gewesen war, was immer später kommen mochte, in diesem Moment so fühlte wie sie, und daß er sich nicht dagegen würde wehren können.

Sie küßten einander ohne jene distanzierte Keuschheit, die bislang wie eine Mauer zwischen ihnen gestanden hatte. Marios Hände glitten unter Tinas Bademantel. Sie trug nur Slip und T-Shirt; das Hemd war zu kurz und ließ den Bauch frei, der sich mit einer Gänsehaut überzog, als Marios Hände ihn streiften.

Irgendwie zog sie Mario das T-Shirt aus, das er trug. Seine Haut war warm und trocken und schmeckte ein wenig nach der Zedernseife, die oben im Bad lag. Sein Herz schlug wild und hämmernd. Er zog Tina mit sich hinunter auf den Boden, sie immer noch küssend und streichelnd, unverhohlen seine Gier nach ihr zeigend. Als sich sein Gewicht auf sie senkte und sie seinen Atem dicht an ihrem Gesicht spürte, dachte sie: Nie wieder wird etwas so großartig sein, nie wieder in meinem Leben wird…

Und in diesem Moment richtete sich Mario auf und starrte sie an, und in seinem Blick standen Erschrecken und — Abscheu. Und es war dies, wovon sie sofort wußte, daß es nie wieder so sein würde: Nie wieder würde jemand auf sie herabsehen mit einem solchen Ausdruck von Ekel in den Augen, mit so viel Verachtung, mit diesem angewiderten Zug um den Mund.

Er rollte von ihr weg und blieb schwer atmend neben ihr auf dem Rücken liegen.

Sie verstand nicht, was passiert war. Sie hatten kein Wort gesprochen, sie konnte nichts Falsches gesagt haben. Was war schiefgelaufen? Sie setzte sich auf, zog ihr T-Shirt hinunter, wickelte den Bademantel fester um sich, ordnete mit den Fingern ihre Haare. Sie blickte zu Mario hin, der mit weitaufgerissenen Augen zur Decke starrte und sich bemühte, wieder ruhiger zu atmen.

»Mario«, sie wagte nicht, ihn zu berühren. »Mario — was ist los?«

Er antwortete nicht. Eindringlicher wiederholte Tina: »Mario — was ist auf einmal los?«

Sein Blick wandte sich von jenem imaginären Punkt an der Decke ab, den er fixiert hatte, und richtete sich auf Tina. In den dunklen Augen stand keine Zärtlichkeit mehr, kein Begehren. Nur Zorn, eine gefährliche, böse Wut.

»Was plötzlich los ist? Das fragst du im Ernst? Weißt du, was hier eben fast passiert wäre?«

»Ja, das weiß ich.« Sie war ratlos. »Natürlich weiß ich das.«

»Aha. Und das stört dich kein bißchen, wie?« Er setzte sich jetzt auch auf. Sein nackter Oberkörper glänzte vor Schweiß. Seine Augen funkelten. »Du hättest das toll gefunden, ja?«

»Mario… ich liebe dich. Ich dachte immer…«

»Was? Was dachtest du?«

»Ich dachte immer, es gehört zur Liebe, daß man…« Sie war jetzt so erschrocken und verwirrt, daß sie krampfhaft nach einer diskreten Umschreibung dessen suchte, was, unverblümt gesagt, Marios Zorn womöglich nur noch stärker entfacht hätte. »…daß man einander… sehr nahe kommt…«

Mario sah sie lauernd an. »Wie nahe wolltest du mir denn kommen?«

Tina hatte das Gefühl, ein einziges falsches Wort könnte eine Explosion auslösen. »Mein Gott, ich wollte… ich wollte…«

»Du wolltest mich verführen! Und es wäre dir ja auch fast gelungen. Von wem hast du das so gut gelernt? Von deiner Freundin Dana, diesem…«, er spuckte das Wort förmlich aus, »diesem Flittchen?«

Tina reckte die Schultern. Allmählich wich ihre Verwirrung heftigem Ärger. Was bildete er sich ein? Und wie konnte er es wagen, Dana zu beleidigen?

»Ich möchte nicht, daß du so über sie sprichst«, sagte sie kalt.

»Sie hat’s mit jedem Kerl in Hamburg und Umgebung getrieben«, sagte Mario verächtlich, »das wissen doch alle!«

»Das ist allein ihre Sache.«

»Offensichtlich nicht. Offensichtlich hat es auf dich abgefärbt, und damit ist es auch meine Sache.«

Tina stand auf. Sie war jetzt blaß vor Wut. »Du bist ja nicht mehr normal!«

Auch Mario erhob sich. »Ich hätte es wissen müssen«, sagte er.

»Was?«

»Daß du nicht anders bist als alle anderen. Kein bißchen anders.«

»Würdest du mir verraten, was du damit meinst?«

»Du siehst aus wie ein Engel. Aber das täuscht. Von Anfang an hattest du es auf nichts anderes abgesehen, als auf ein kurzes Abenteuer mit mir. Deshalb wolltest du auch unbedingt verreisen. Du hast damit eine ganz bestimmte Absicht verfolgt.« Er klang verletzt, verbittert, enttäuscht.

Aber das ist so grotesk, dachte Tina. Sie kam sich vor wie in einem absurden Traum, wie in einem Zerrspiegel der Realität. Sie fühlte sich plötzlich müde und traurig — und hilflos.

»Mario, ich glaube, es bringt im Moment nichts, weiterzureden«, sagte sie, »wir sollten schlafen und morgen sehen, ob wir diesen Urlaub überhaupt fortsetzen wollen. Ich… ich bin im Augenblick sehr durcheinander.«

Er schwieg, sah sie nun an mit einem Gesichtsausdruck wie ein — ja, dachte sie, wie ein geschlagener Hund. Entsetzt und verstört.

Schließlich hob er die Hand, griff eine ihrer langen Haarsträhnen und ließ sie langsam durch seine Finger gleiten.

»Ich liebe dich wirklich sehr, Christina«, sagte er leise. Es war fremd und ungewohnt für Tina, daß er sie bei ihrem vollen Namen nannte. »Du bist das Bild, das ich in mir barg.«

Sie verstand nicht, was er meinte. »Was?«

»Die Musik«, sagte er, »das ist diese Musik.«

»Das ist ein Satz aus der Musik, die du gehört hast?« Sie war verwirrt und ratlos. »Du bist das Bild, das ich in mir barg. Was bedeutet das?«

Er erwiderte nichts, sondern drehte sich um und verließ das Zimmer. Sie hörte seine Schritte auf der Treppe, dann wurde oben sehr nachdrücklich seine Zimmertür geschlossen.

Tina brauchte fünf Minuten, ehe sie sich so weit gefaßt hatte, daß sie ebenfalls hinauf in ihr Zimmer und in ihr Bett gehen konnte.

Sie fand jedoch bis zum Morgen keinen Schlaf mehr.

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»Darf ich Sie einen Moment stören, Herr Professor?« Dr. Rosenberg, einer der Mitarbeiter Echingers, steckte den Kopf durch die Tür ins Büro seines Chefs.

Professor Echinger saß hinter dem Schreibtisch. Er blinzelte zerstreut über den Rand seiner Lesebrille hinweg. »Ja? Was ist?«

»Vielleicht hat es nichts zu bedeuten…« Rosenberg kam jetzt ganz ins Zimmer, schloß die Tür hinter sich. »Maximilian Beerbaum ist verschwunden. Ohne Abmeldung.«

Echinger, der zuerst nur darauf erpicht gewesen war, die unwillkommene Störung rasch zu beenden, war von einer Sekunde zur nächsten voll gespannter Aufmerksamkeit. »Seit wann?«

»Er war schon beim Frühstück nicht anwesend. Und auch bis jetzt hat ihn niemand bei irgendeiner Gelegenheit gesehen.«

Echinger hatte, wie meist, am gemeinsamen Frühstück nicht teilgenommen, sondern seit dem frühen Morgen gearbeitet. Er runzelte die Stirn. »Versäumt er sonst nie das Frühstück?«

»Doch. Aber heute fand gleich danach eine Gesprächsgruppe statt, an der er hätte teilnehmen sollen. Da hat er noch nie gefehlt. Nur heute.«

»Waren Sie in seinem Zimmer?«

Rosenberg nickte. »Natürlich. Da ist er nicht.«

Echinger sah auf seine Uhr. »Um elf hat er Stunde bei mir. Vielleicht wollte er bis dahin spazierengehen und hat die Meldung einfach vergessen. Dann müßte er bis elf zurück sein — denn das vergißt er bestimmt nicht.«

»Er hat auch noch nie vergessen, sich abzumelden«, gab Rosenberg zu bedenken, »schon weil er weiß, was davon abhängt.«

Die beiden Männer sahen einander an. »Wenn er zu meiner Stunde nicht erscheint«, sagte Echinger, »sehen wir seine Sachen durch. Ob etwas fehlt.«

»Wir müßten das dann heute noch melden«, sagte Rosenberg.

Echinger stand auf, warf seinen Kugelschreiber auf den Tisch. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß er abgehauen ist! Er wäre verrückt! Er kommt in knapp acht Wochen raus. Was sind denn acht Wochen? Die kann er doch, weiß Gott, abwarten!«

»Er wirkte sehr angespannt auf mich in den letzten Tagen. Irgend etwas belastet ihn.«

»Die Mutter«, murmelte Echinger, »sie hat sich nach England abgesetzt, vermutlich zu dem Liebhaber von einst. Und sein Bruder ist, angeblich allein, in die Provence gefahren«

Rosenberg kannte den Fall Beerbaum genau.

»Sehr kritische Faktoren«, meinte er.

»Wenn er weg ist…« Echinger überlegte. »Wenn er weg ist… wohin will er dann?«

»Zu seiner Mutter?«

»Irgendwie glaube ich das nicht.«

»Er könnte vorhaben, sie zu einer Rückkehr zum Vater zu bewegen.«

Echinger schüttelte den Kopf. »Ich habe mich jetzt sechs Jahre mit ihm beschäftigt. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn…«

»Was?«

»Ich glaube nicht, daß er sich in die Angelegenheiten seiner Eltern mischen wird. Seine Mutter hat nicht mehr die elementare Bedeutung für ihn, die sie einmal hatte. Er ist sicher nicht begeistert, daß sie sich erneut Andrew Davies zugewandt hat, aber er würde sich da nicht engagieren.«

»Hm.« Rosenberg war der Ansicht, daß man diese Dinge nie genau wissen konnte. »Sie sind sein Arzt«, sagte er. »Sie können das besser beurteilen als ich.«

Echinger kam hinter seinem Schreibtisch hervor, ging zum Fenster, das halb offen stand. Zu der frühen Stunde herrschte bereits eine ungewöhnlich drückende Schwüle draußen. Sicher würde es am Nachmittag ein Gewitter geben.

»Sein Bruder und er«, sagte er langsam, »haben eine ungewöhnlich starke Bindung.«

»Nicht zu ungewöhnlich — bei Zwillingen.«

»Ja, es ist ein Phänomen mit Zwillingen, nicht? Dieser geheimnisvolle, unsichtbare, nie abreißende Kontakt zwischen ihnen. Wir finden das sehr häufig, dennoch scheint es im Fall Beerbaum äußerst intensiv. Die beiden befinden sich in einem ständigen Zwiegespräch, über viele Kilometer und monatelange Trennungen hinweg. Sie wissen über Gefühle und Gedanken des anderen Bescheid. Sie kennen gegenseitig ihre Ängste, Träume, Hoffnungen. Manchmal ist es, als wären sie ein Mensch.«

»Es gibt einen entscheidenden Unterschied«, erinnerte Rosenberg. »Maximilian wurde krank. Mario ist gesund.«

»Ja«, sagte Echinger, »das ist der Unterschied.« Er wandte sich vom Fenster ab, sah Rosenberg an. »Wir machen es wie besprochen. Wir warten bis elf Uhr. Dann durchsuchen wir sein Zimmer.«

»Und die Polizei?«

»Später«, sagte Echinger gereizt, »wir müssen ja nicht gleich alle Pferde scheu machen. Wenn er heute abend nicht da ist…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. Rosenberg wußte: Wenn der Fall Beerbaum scheiterte, bedeutete das eine persönliche Niederlage für Professor Echinger. Den psychischen Zustand des jungen Mannes falsch eingeschätzt zu haben, würde sich der erfahrene Analytiker nie verzeihen.

___________

»Dana, bist du es?« Karens Stimme klang fremd, heiser und mühsam. Sie drang aus dem Wohnzimmer. Dana, die gerade geduscht hatte und nichts trug als ein großes, um den Körper geschlungenes Handtuch, blieb im Flur stehen. Um diese Zeit hätte sie ihre Mutter noch im Bett vermutet. Sie öffnete die Wohnzimmertür. »Mami? Bist du schon wach?«

Karen lag auf dem Sofa und war offensichtlich überhaupt nicht im Bett gewesen. Sie trug einen fleckigen, blauen Jogginganzug und feuerrote Wollsocken an den Füßen. Ihre bürstenkurzen Haare waren verstrubbelt, ihr bleiches Gesicht sah verquollen und alt aus. Neben ihr auf dem Fußboden standen mehrere Flaschen und Gläser, und im ganzen Zimmer stank es penetrant nach Alkohol.

»Ach, Mami, mußte das wieder sein!« sagte Dana resigniert.

Das Handtuch vor ihrer Brust zusammenhaltend, ging sie zum Fenster und öffnete es. Großstadtlärm brandete herauf. Abgasdurchsetzte Sommermorgenluft, schwül und schwer, waberte langsam herein.

Karen griff sich mit der Hand an die Stirn und stöhnte leise. »Ich hab’ schreckliche Kopfschmerzen… hast du ein Aspirin?«

»Du mußt unheimlich gesoffen haben gestern abend«, konstatierte Dana. Sie lief in ihr Zimmer und zog ihren Morgenmantel an, dann ging sie in die Küche und warf ein Aspirin in ein Glas Mineralwasser. Der wochenlange Gesundheitstrip mit Fitneßübungen, Mohrrüben und grünem Tee war ohne irgendeinen sanfteren Übergang in die Depressionsphase gewechselt. Karen hatte am vergangenen Nachmittag plötzlich ihre Bücher mit den Gymnastikanleitungen in die Ecke gefeuert, war zum nächsten Supermarkt geeilt und mit Bergen von Lebensmitteln sowie einem ansehnlichen Vorrat an Spirituosen wiedergekehrt. Sie hatte dann begonnen, sich ein üppiges Mahl zu kochen, und im Anschluß daran offenbar keine Grenze beim Trinken gefunden. Dana kannte das. Wenn sie der Weltschmerz überkam, konnte Karen saufen bis zur Besinnungslosigkeit.

Sie brachte ihrer Mutter das Glas und half ihr, sich auf mehrere Kissen gestützt aufzusetzen. Karen hatte graue Lippen. Sie sah zehn Jahre älter aus als vierzig.

»Schöner Mist«, murmelte sie, »die eigene Mutter morgens so vorzufinden, wie?«

»Was war denn los gestern abend?« fragte Dana. »Du wolltest dir doch einen gemütlichen Abend machen!« Sie war erst spätnachts von einem Diskothekenbesuch zurückgekehrt und auf Zehenspitzen in ihr Zimmer geschlichen, in dem Glauben, es sei alles in Ordnung.

»Mir ging’s nicht gut«, sagte Karen. In kleinen Schlucken trank sie ihr Wasser. »Ich war so allein.«

»Tut mir leid. Ich wußte nicht, daß…«

»Ist doch nicht deine Schuld. Du bist nicht verpflichtet, bei deiner alten Mutter daheim zu sitzen.«

»Du bist nicht alt, Mami!«

»Ach, schau mich doch an«, jammerte Karen, und insgeheim dachte Dana, daß sie recht hatte. Zumindest wurde sie alt, mit Riesenschritten. Das lag nicht nur an dem handfesten Kater des heutigen Morgens. Den Falten und Kerben in ihrem Gesicht, der schlaffen Mundpartie lagen viele Jahre ständiger Frustrationen und zu viele einsame Stunden zugrunde. Sie hatte Schiffbruch im Beruf erlitten, hatte keinen Partner und im Grunde nicht mal Freunde. Aber irgendwie, dachte Dana plötzlich gerührt, wurschtelt sie sich doch ganz tapfer durch. Sie neigte sich vor und gab Karen einen raschen Kuß auf die Wange. »Du bist schon okay«, sagte sie, »wirklich!«

»Ich bin ein Versager«, entgegnete Karen unbarmherzig. »Ich hab’ keine Arbeit, keinen Kerl und bin mit der Miete im Rückstand.«

»Wie weit?«

»Zwei Monate. Gestern kam ein Einschreiben vom Vermieter. Er droht mit Kündigung.«

»Es muß doch für Juni wieder Geld von meinem Vater gekommen sein?«

»Damit hab’ ich ein paar Schulden bezahlt, und der Rest ist für Essen und Trinken draufgegangen.«

Dana hob die einzelnen Flaschen neben dem Sofa hoch und las die Etiketten. »Das ist ziemlich teures Zeug«, sagte sie, »an der Stelle könntest du wirklich sparen!«

»Ich will mich nicht dauernd einschränken. Man braucht ja auch ab und zu eine Freude im Leben.«

»Das hier ist aber keine Freude, jedenfalls nicht, wenn man danach so drauf ist wie du«, stellte Dana fest. Sie ließ sich in einen Sessel fallen und legte die Füße auf den Tisch. Ihre Zehennägel leuchteten in einem feurigen Orangerot. »Du mußt wieder arbeiten, Mami. Nicht nur wegen Geld. Auch weil es für dich wichtig ist.«

»Mich will keiner.«

»Weil du nicht bereit bist, auch nur die kleinsten Konzessionen zu machen. Das ist der Punkt! Wie du herumläufst! Du…«

»Ach! Du möchtest mich sehen mit Dauerwelle, Twinset und Perlenkette, oder wie?«

»Quatsch. Aber es müssen doch nicht immer Schockfarben sein, in die du dich hüllst. Und — nimm mir’s nicht übel, aber man sieht deinen Klamotten auf hundert Schritte Entfernung an, daß sie von den billigsten Wühltischen kommen. Ich kann mir absolut vorstellen, daß jeder Chefredakteur zurückzuckt, wenn du daherkommst!«

»Weil sie alle oberflächliche Scheißer in Nadelstreifen sind.«

»Du mußt dich irgendwie mit ihnen arrangieren, wenn du von ihnen bezahlt werden willst, Mami!«

»Da hab’ ich ja eine richtige kleine Anpasserin großgezogen«, sagte Karen aggressiv.

Dana zuckte mit den Schultern. »Vielleicht bin ich nur ein bißchen cleverer als du. Ich will nicht so wie du eines Tages nur von der Hand in den Mund leben und nie wissen, wie ich die nächste Miete bezahle. Und es kommt ja noch etwas hinzu. Deinen absurden Aufzug könntest du dir sicher eher leisten, wenn du auf der anderen Seite eine wirklich großartige Journalistin wärst, die…«

»Oh — meine diesbezüglichen Fähigkeiten werden mir jetzt auch noch abgesprochen?«

»Nicht, was dein Schreiben angeht. Aber deine Arbeitsweise stimmt einfach nicht. Du hast noch niemals einen Artikel pünktlich abgeliefert. Du hast dich noch nie an Absprachen und Vereinbarungen gehalten. Deine Arbeit bestand im wesentlichen darin, Flüge zu versäumen, Interviewpartner in Hotelfoyers stundenlang warten zu lassen und meditierend in deinen jeweiligen Unterkünften zu sitzen, während andere draußen für ihre Reportagen recherchierten und diese dann termingerecht in Satz gaben. Du bist für jede Zeitung untragbar, Mami!«

»Und du hast dich ja phantastisch im deutschen Establishment eingegliedert. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung! Ja, um dich muß man sich nicht sorgen. Du wirst eine aalglatte Karriere machen. Paß nur auf, daß du auf dem Weg nach oben nicht ständig auf deiner eigenen Schleimspur ausrutschst!«

Dana stand auf. »Du spuckst mal wieder richtig Gift und Galle heute«, sagte sie, »und du weißt ganz genau, daß du ungerecht bist. Du weißt, wie sehr gerade ich überall anecke und wie man über mich redet. Doch ich mache mir nichts daraus. Aber du, du bist ein richtiger Jammerlappen und eine Pseudounangepaßte. Du willst leben, wie es dir paßt, du willst dich an keinerlei Konventionen oder Regeln halten, und du findest das unheimlich toll von dir, aber du kriegst das ganz große Heulen, wenn du dann auch mit den unangenehmen Konsequenzen zurechtkommen mußt. Und damit ist deine Verweigerung einfach nicht überzeugend. So, wie du das machst, beeindruckt man niemanden.«

»Bist du fertig?« fragte Karen kalt. Diese Kälte war jedoch gespielt, das merkte Dana. Vielleicht war sie zu hart gewesen, hatte zu unverblümt gesagt, was sie dachte. Mami war nicht in der Verfassung für ein Grundsatzgespräch.

»Tut mir leid«, sagte sie, »ich wollte dir nicht weh tun.«

»Du bist schon ganz schön umgekrempelt von deinen Freunden«, meinte Karen. Ganz allmählich bekam ihr Gesicht einen Anflug von Farbe, aber sie sah noch immer hundeelend aus. »Die Lebensmaximen von dem feinen Herrn Staatsanwalt haben es dir wohl angetan.«

»Für dich gibt es nur Schwarz oder Weiß. Wenn man nicht so ist wie du, dann ist man total spießig und angepaßt. Dazwischen läßt du nichts zu!«

»Wie gut, daß du so differenziert bist!«

Dana seufzte. Mit Karen war heute nicht zu reden. Jedes Gespräch konnte nur in einer Verbalschlacht enden. Wenn Karen Streit wollte, war dem nicht auszuweichen.

»Ich werde für ein paar Tage fort sein«, sagte sie.

Karen sah sie ohne besonderes Interesse an. »Ja?«

»Ich fahre nach Südfrankreich.«

»Oh!« Jetzt grinste Karen und sah zum erstenmal an diesem Morgen etwas weniger alt und verlebt aus. »Du kannst es also nicht lassen. Die arme Tina bekommt ihr Kindermädchen, ob sie will oder nicht!«

»Unsinn. Ich fahre nicht als Kindermädchen zu ihr. Ich werde die beiden auch nicht weiter belästigen. Man kann sich ja ab und zu sehen und ein bißchen Spaß haben.«

»Der Herr Staatsanwalt hat mir schon gesagt, daß du das vorhast. Er war sehr besorgt. Ich soll dich auf keinen Fall trampen lassen. Dabei kann zuviel passieren, meint er.«

Dana zuckte mit den Schultern. »Er meint es sicher gut. Aber mir ist noch nie etwas passiert. Außerdem hab’ ich kein Geld für den Zug.«

Karen stellte das leergetrunkene Glas auf den Boden, legte sich wieder in die Kissen und schloß die Augen. »Ich hab’ das Gefühl, jeden Moment zerspringt mein Kopf«, murmelte sie. »Wann willst du los?«

»Im Lauf des Tages. Ich ziehe mich jetzt erst mal an.« Dana ging zur Tür, blieb aber dort noch einmal stehen. »Ich kann dich doch alleine lassen Mami?«

Karen lag jetzt da wie eine Tote, wachsweiß im Gesicht, die Augen fest geschlossen. Ihre Lippen bewegten sich nur langsam. »Natürlich. Ich komme zurecht. Fahr du nur.«

Dana zögerte noch einen Moment, dann verließ sie das Zimmer. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, aber jahrelange Erfahrung hatte sie gelehrt, daß sie ihrer Mutter nicht helfen konnte. Auf irgendeine Weise mußte Karen aus eigener Kraft auf die Füße kommen.

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Bildete er es sich ein, oder war sie wirklich schrecklich unordentlich? Sie waren erst eineinhalb Tage hier in Duverelle, aber sie hatte bereits ein ziemliches Chaos verbreitet. Zwei Paar Schuhe flogen im Flur herum und forderten förmlich dazu auf, über sie zu stolpern. Im Bad verbauten ihre Sachen — Kosmetikartikel aus dem Body-Shop — die gesamte Ablage unter dem Spiegel. Ihre gebrauchten Handtücher hängte sie grundsätzlich nicht an den Haken zurück, sondern knäulte sie in irgendeine Ecke. Wenn sie sich in der Küche ein Brot schmierte, ließ sie Messer und Teller einfach auf dem Tisch stehen; oft vergaß sie sogar, die Butter zurück in den Kühlschrank zu stellen. Eines ihrer T-Shirts lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, ein Wollpullover hatte die Nacht einsam draußen im Liegestuhl verbracht und war schwer gewesen von der Nässe des Taus am nächsten Morgen.

Und ich war überzeugt, sie sei sehr sorgsam, dachte Mario.

Er fragte sich, warum ihn die Entdeckung, daß sie schlampig war, so wütend machte. Er war nie besonders fanatisch gewesen, was Ordnung betraf, weshalb sollte sich das plötzlich geändert haben? Was ihm angst machte, war der Gedanke, daß er in Wahrheit nach einem Grund suchte, wütend auf sie sein zu dürfen. Er brauchte ein Ventil, brauchte eine Gelegenheit, zu explodieren, sich Luft zu schaffen. Er hatte heftige Aggressionen gegen sie, die er entweder loswerden mußte, oder an denen er ersticken würde.

Das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte, war in der vergangenen Nacht zerbrochen, nachdem es bereits von zahlreichen Rissen verunziert worden war. Was hatte er in ihr gesehen? Ein Märchengeschöpf, eine überirdische Fee, einen Engel? Er hatte sie auf ein Podest gestellt, auf dem sie überhaupt nicht stehen wollte. Das hatte sich schon auf der Reise bemerkbar gemacht: der Minirock, der feuerrote Lippenstift. Es hatte seine Übelkeit erregt, zu beobachten, wie die Kerle ihr nachstarrten. Und dann, in der vergangenen Nacht: Sie hätte sich ihm auf der Stelle hingegeben, wenn er gewollt hätte. Ohne Scham, ohne Scheu. Hatte sie von Anfang an darauf spekuliert? Hatte sie deshalb unbedingt mit ihm verreisen wollen?

Nein — er fuhr sich mit beiden Händen über die Stirn, als könne er so die quälenden Gedanken vertreiben —, er durfte nicht das Schlechteste von ihr denken. Sie war schwach geworden in der letzten Nacht, so wie auch er fast schwach geworden wäre. Die Schuld lag nicht allein bei ihr.

Er bemühte sich, an etwas anderes zu denken, räumte ihre verstreuten Sachen auf und stellte eine Liste der Dinge zusammen, die sie kaufen mußten. Er goß die Blumen und reinigte das Waschbecken im Bad von Tinas Haaren. Seine Wut verrauchte so unvermittelt, wie sie gekommen war, aber er wußte, daß sie sich keineswegs aufgelöst hatte. Sie konnte sich jeden Moment wieder zusammenballen und sich als unberechenbare Kraft in ihm aufbäumen.

Durch die Küche ging er hinaus auf die rückwärtige Terrasse. Hier war es kühler und schattiger als im vorderen Garten. Die Steinfliesen auf dem Küchenfußboden setzten sich draußen fort und vermittelten den Eindruck eines weiteren luftigen Zimmers. Terrakottakrüge, mit bunten Blumen bepflanzt, standen hier herum, und zwischen den Steinen wuchs das Moos. Doch trotz der zwei großen Kirschbäume, die die Sonnenstrahlen fernhielten, zeigte das Thermometer an der Hauswand achtundzwanzig Grad an.

Tina lag in einem Liegestuhl, in ein lächerliches Nichts von einem Bikini gekleidet. Mario bemühte sich, seinen Blick nicht unterhalb ihres Kinns festzumachen. Sie las, ihre Miene war angestrengt und konzentriert. Sie zuckte zusammen, als Mario plötzlich neben ihr stand. Er lächelte, und sie entspannte sich etwas.

»Was liest du?« fragte er.

Sie klappte das Buch zu und zeigte ihm den Titel.

»Sita«, las er, »von Kate Millet.« Er kannte das Buch nicht, aber er kannte die Autorin. Er fragte sich, was Tina an einer lesbischen Feministin interessierte.

Tina legte das Buch zur Seite. »Eine bedrückende Geschichte«, sagte sie, »über eine sehr komplizierte und schmerzvolle Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen.«

»Aha.« Er hatte das Gefühl, sie erwarte irgendeinen klugen Kommentar von ihm, aber ihm fiel keiner ein, und so rettete er sich in ein kurzes, bedeutungsvolles Schweigen. Dann schlug er vor: »Begleite mich doch ins Dorf zum Einkaufen. Wir brauchen schließlich ein Abendessen.«

»Okay. Ich zieh’ mir nur etwas an.« Sie stand auf.

Sie will mich nicht provozieren, dachte er, sie trägt dieses winzige geblümte Ding, weil alle Frauen so etwas tragen. Sie hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie das wirkt.

Als könnte sie hören, was hinter seiner Stirn vorging, verschränkte sie plötzlich die Arme vor der Brust. Eine verlegene Röte huschte über ihre Wangen. »Ich habe immer noch nicht meinen Vater angerufen. Bestimmt macht er sich große Sorgen.«

»Hast du ihm gesagt, du würdest anrufen?«

»Wir haben nicht darüber gesprochen. Wir sind wohl beide davon ausgegangen.« Sie schaute an der Hauswand hinauf zum Fenster des kleinen Arbeitszimmers im ersten Stock, wo das Telefon stand. »Komisch, daß auch er nicht anruft, nicht?«

»Niemand ruft an. Man will uns sicher nicht stören.«

»Ich wüßte nicht, was ich ihm sagen sollte. Wahrscheinlich würde er merken, daß ich deprimiert bin.«

Mario wußte, sie gab ihm ein Signal. Er hätte nachhaken müssen: »Warum bist du deprimiert, Tina?« Es wäre eine Chance gewesen, über die vergangene Nacht zu sprechen. Er hätte erklären können, was in ihm vorgegangen war; vielleicht hätte sie es verstanden. Aber ihm fehlten der Mut und die Energie für ein solches Gespräch. So sagte er nur: »Zieh dich an, Tina. Wir sollten jetzt los.«

Sie warf ihm einen Blick zu, in dem Verärgerung und Verletztheit gleichermaßen standen, aber sie erwiderte nichts. Sie drehte sich um und ging ins Haus.

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Wie lange sich die Stunden eines Tages hinzogen, wenn man nichts zu tun hatte! Essen und trinken nahmen nicht viel Zeit in Anspruch, ein paar Aufräumarbeiten in einem von einer zuverlässigen Putzfrau bestens gewarteten Haus auch nicht. Es regnete in Strömen, und so bot auch der Garten keine Ausweichmöglichkeit.

Ich hätte mich in mein Büro setzen sollen, dachte Phillip, zumal sich dort die Arbeit stapelt.

Er hatte kapituliert, hatte erkannt, daß er es allein unmöglich schaffen konnte, termingerecht mit allem fertig zu werden, was erledigt werden mußte. Seine Sekretärin war bereits vor Pfingsten für zwei Wochen auf die Kanaren abgereist, einer seiner beiden Mitarbeiter hatte sich am Morgen krank gemeldet. Janet, von der er jetzt erst merkte, wie sehr alle Fäden in der Kanzlei bei ihr zusammenliefen, saß noch immer in London, beziehungsweise lag in Andrew Davies’ Bett. Der Student, den sie beschäftigten, stand ohne Anleitung völlig hilflos herum, der zweite Mitarbeiter jammerte die ganze Zeit, daß sie alle völlig überlastet seien. Schließlich schickte Phillip die beiden nach Hause und sagte, er werde sich irgend etwas einfallen lassen. Ihm war klar, daß ihm nichts einfallen würde, und indem er alles stehen und liegen ließ, im Büro nur den Anrufbeantworter laufen ließ und in vollkommene Passivität verfiel, wurde die Sache natürlich nur schlimmer. Aber er fühlte sich nicht in der Lage, das Problem mit Tatkraft anzugehen. Eine lähmende Lethargie bemächtigte sich seiner, von Stunde zu Stunde mehr. Er konnte nur im Sessel sitzen, die Wand anstarren und in einer selbstquälerischen Unaufhörlichkeit seine Situation analysieren.

Er war allein. Er hatte Janet verloren. Selbst wenn sie zurückkehrte, würden sie nie mehr auf eine halbwegs normale Weise leben können, nicht nach dem zweiten Mal. Mario ging eigene Wege. Maximilian wäre vielleicht der letzte, der ihm bliebe, und gerade ihn wollte er nicht als Klotz am Bein haben.

In der Stille tickte eine Uhr sehr laut. Draußen strömte der Regen. Phillip erhob sich, ging in die Küche und setzte Kaffeewasser auf. Keine Frau, keine Kinder, die sich um seinen Tisch versammelten. Er fühlte sich jämmerlich einsam, und da er Einsamkeit immer voller Hochmut als die notwendige Folge eigener Fehler im Umgang mit anderen Menschen gesehen hatte, empfand er nun auch noch eine Menge ungeordneter, wirrer Schuldgefühle. Das Wort »Versager« hämmerte in seinem Kopf, während er in den grauen Tag hinausstarrte und darauf wartete, daß das Wasser kochte. Dazwischen flackerte ein kühner, wilder Gedanke in ihm auf: Er könnte sich in das nächste Flugzeug nach London setzen, zu Davies’ Wohnung fahren, klingeln und Janet einfach zurückholen. Vielleicht würde ihr ein starker Auftritt imponieren, sogar Gefühle in ihr wecken, die sie bis dahin für ihn nicht gehabt hatte. Offensichtlich stand sie auf Männer, die sich nahmen, was sie wollten, ohne lange zu fackeln.

»Ich bin gekommen, dich zu holen, Janet.« Oder, aggressiver: »Entscheide dich. Wenn du ihn willst, sind wir geschiedene Leute, und ich schwöre dir, diese Scheidung wird so schmutzig, daß du dich fragst, ob er das wirklich wert ist!«

Oder wie wäre es mit der Andrew-Davies-Methode? Janet am Arm packen, sie buchstäblich aus der Wohnung schleifen? »Du bist meine Frau, und ich rate dir, das nie wieder zu vergessen!«

Phillip seufzte resigniert, als ihm aufging, daß er nichts von alldem tun würde. Es war einfach nicht seine Art, es lag ihm nicht. Er würde lächerlich wirken, nicht im mindesten überzeugend. Im entscheidenden Moment käme ihm nicht einmal die Wut zu Hilfe und ließe ihn erstarken. Außer einem Gefühl entsetzlicher, schmachvoller Peinlichkeit würde er nichts empfinden — und das war die denkbar schlechteste Voraussetzung, um auf eine Frau wie Janet und einen Mann wie Andrew Davies Eindruck zu machen.

Das Wasser kochte, und gleichzeitig klingelte das Telefon. Einen Moment lang erwog Phillip, sich ungerührt seinen Kaffee zu machen und den Anrufer auflaufen zu lassen, aber auf einmal hatte er die Vision, es könnte Janet sein, die versuchte, mit ihm zu reden. Er stürzte ins Wohnzimmer und meldete sich mit atemloser Stimme. »Ja?«

»Weiss«, erklang es kühl und sehr förmlich.

Phillip wußte mit diesem Namen nichts anzufangen. »Ja?« fragte er noch mal.

»Ich bin der Vater von Christina Weiss.«

»Oh… Herr Weiss, guten Tag. Ich wußte nicht…«

»Herr Beerbaum, um es kurz zu machen, ich bin sehr besorgt«, sagte Michael, »ich habe keinerlei Lebenszeichen von meiner Tochter. Die beiden müßten doch längst angekommen sein. Ich versuche ständig sie zu erreichen, aber es meldet sich niemand.«

In seiner Stimme schwand ein Vorwurf, als mache er Phillip für die Lage der Dinge verantwortlich. »Vielleicht sind sie tatsächlich noch nicht angekommen«, meinte Phillip, »vielleicht haben sie irgendwo eine längere Reiseunterbrechung eingelegt. Um sich eine Stadt anzusehen oder eine Gegend.«

»Und warum ruft Christina mich dann nicht an?«

Woher soll ich das eigentlich wissen, dachte Phillip etwas verärgert. Laut sagte er jedoch in beruhigendem Ton: »Die beiden sind jung und verliebt, Herr Weiss. Im Moment sind ihre Eltern vermutlich das, woran sie am wenigsten denken.«

»Das wäre ganz neu bei meiner Tochter«, betonte Michael, und zwischen seinen Worten stand der unausgesprochene Vorwurf: Das könnte dann nur auf den Einfluß von Mario zurückzuführen sein!

Eingebildeter Affe, dachte Phillip. Er erwiderte nichts, sondern wartete.

Schließlich fuhr Michael fort: »Ich war ja von Anfang an gegen diese Reise. Aber mit Christina war nicht zu reden.«

»Sie wird wohlbehalten zu Ihnen zurückkehren, da bin ich sicher.«

»Nun, da sind Sie optimistischer als ich. Auf jeden Fall wäre ich dankbar, wenn Sie, sollten sich die beiden bei Ihnen melden, ausrichten würden, sie möchten bitte Kontakt mit mir aufnehmen.«

»Das werde ich gerne tun«, sagte Phillip, auf Michaels gestelzten und reservierten Ton eingehend. Die beiden Männer verabschiedeten sich höflich und kühl voneinander, und als er auflegte, dachte Phillip: Hoffentlich heiratet Mario dieses Mädchen nicht. Den Schwiegervater wünsche ich ihm wirlich nicht!

Kaum war er in die Küche zurückgekehrt, läutete das Telefon erneut. Den ganzen elenden, einsamen, traurigen Tag lang hatte es beharrlich geschwiegen, hatte mit keinem Laut die drückende Stille unterbrochen. Jetzt stand es nicht mehr still. Phillip dachte über die Unausgewogenheit des Lebens nach, während er abnahm und sich meldete. Diesmal war Professor Echinger am anderen Ende der Leitung. Er teilte ihm mit, daß Maximilian seit dem Frühstück vermißt werde und bis jetzt spurlos verschwunden sei. Es gebe nun keine andere Möglichkeit mehr, als die Polizei zu informieren.

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Andrew hatte das ganze Jahr über so viele Überstunden gemacht, daß sein Vorgesetzter, Superintendent Brown, erleichtert zustimmte, als er um einen Tag Urlaub bat.

»Das steht Ihnen weiß Gott zu, Davies. Sie haben sich unheimlich ins Zeug gelegt bei der Corvey-Geschichte.«

»Erfolglos.«

»O nein! Sie haben den richtigen Mann geschnappt. Jeder weiß das. Es ist nicht Ihre Schuld, daß ihm nichts nachzuweisen ist. Noch nicht.«

»Es ist mein Fall, Chief, und er ist nicht befriedigend gelöst. Übermorgen wird die Jury Fred Corvey möglicherweise mangels Beweisen nicht schuldig sprechen. Damit habe ich mein Ziel verfehlt, und dafür lasse ich keine Entschuldigung gelten.«

»Seien Sie doch nicht so gnadenlos mit sich. Glauben Sie, es ist noch keinem von uns passiert, daß er zähneknirschend mitansehen mußte, wie ein endlich zur Strecke gebrachter Verbrecher als freier Mann den Gerichtssaal verlassen durfte — nur weil ein paar verdammte Beweise fehlten? Himmel, Davies! Diese bittere Pille muß jeder ein paarmal schlucken.«

»Nach unseren Gesetzen kann er derselben Verbrechen nicht zweimal angeklagt werden. Für diese vier Morde kommt er davon. Was mich verrückt macht, ist, daß ich hätte wissen müssen, er zieht sein Geständnis zurück. Ich hätte es wissen müssen! Der Fall hätte nicht zur Anklage gebracht werden dürfen. Ich hätte Corvey überhaupt nicht verhaften dürfen. Ich hätte ihn observieren lassen müssen und…«

»Hätte, hätte, hätte! Hören Sie auf damit, Sie machen sich nur fertig!« Brown legte Andrew kurz die Hand auf den Arm, eine anteilnehmende, freundschaftliche Geste. »Sie werden Ihre Chance bekommen. Corvey ist ein Süchtiger. Ganz gleich, wie sehr er sich jetzt zunächst in acht nimmt, er wird weitermachen, weil er weitermachen muß. Und dabei wird ihm das Glück nicht ewig treu bleiben.«

»Im Moment sieht es so aus, als seien die Karten für ihn sehr gut gemischt worden.«

»Im Moment. Nicht für immer. Das Blatt wird sich wenden.« Brown musterte Andrew eindringlich. Davies war deprimiert und unzufrieden, das war normal in seiner Situation. Aber dennoch schien er zorniger und frustrierter als andere Männer, die das gleiche hatten erleben müssen. Der Stachel saß bei ihm übermäßig tief, schmerzte heftig. Weshalb? Mitleid mit den Opfern, gewesenen und zukünftigen? Die Wut, auf die Kehrseite der glänzenden Medaille eines fairen und unbestechlichen Rechtssystems zu stoßen? Oder brannte die Wunde schwer verletzten Ehrgeizes so sehr? Brown war ein Menschenkenner, und nach allem, was er von Andrew Davies wußte, gab er der letzten Möglichkeit insgeheim den Vorzug. Davies schaffte es nicht, Niederlagen wegzustecken, und darin bestand sein persönliches Handicap im Bemühen um einen glatten, schnellen Aufstieg bei Scotland Yard. Er wollte mindestens Chief Superintendent werden, ein Posten, der ihm höchstens Ansehen und unter Umständen sogar einen Adelstitel einbringen konnte. Jeder im Yard wußte, daß man einen hervorragenden Kriminalbeamten in ihm hatte, und doch gab es niemanden, der ihn aus tiefster Überzeugung und vollem Herzen protegiert hätte. Es hatte Zwischenfälle gegeben, bei denen klargeworden war, daß Davies die Beherrschung verlieren konnte, wenn er einen Mißerfolg hinzunehmen hatte. Es war nie zu einer Katastrophe gekommen, aber es gab niemanden, der nicht das düstere Gefühl hatte, daß Davies eines Tages in eine selbstinszenierte Tragödie geraten würde.

»Also, machen Sie etwas Schönes an Ihrem freien Tag«, sagte Brown nun. »Vergessen Sie Fred Corvey und tun Sie nur, was Ihnen Spaß macht.«

Andrew lächelte, aber der angespannte Zug um seinen Mund verriet, daß es ihm derzeit wohl völlig unmöglich war, nicht an Corvey zu denken.

Als er nach Hause kam, war die Wohnung leer. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, auf dem ihm Janet mitteilte, sie sei fort, um »ein paar Dinge zu erledigen«. Andrew behielt den Zettel in der Hand, als er ins Wohnzimmer ging und sich einen Whisky einschenkte. Er dachte an Janet, während er, am Fenster stehend, langsam trank und sich der spannungslösenden Wirkung des Alkohols überließ. Als junger Mann hatte er mit Janet Begriffe wie Frühling, grüne Wiesen, klares Wasser assoziiert. Sie war von einer überwältigenden Naivität und Unschuld gewesen, als er sie kennenlernte, von ihrem Vater behütet wie ein Goldschatz und mit nichts jemals in Berührung gekommen, was das Leben an Ernüchterndem oder sogar Bösem bereithielt. Sie vertraute ihm so bedingungslos, wie sie allem und jedem vertraute. Als es ihm endlich gelungen war, ihren Vater so weit auszutricksen, daß er wirklich mit ihr allein sein konnte, hatte er mit ihr geschlafen, und es war ihm vorgekommen, als begehe er ein Sakrileg, als vergreife er sich an etwas, das nicht für ihn, für niemanden bestimmt war. Aber zugleich hatten ihn ihre Hingabe, ihre Zärtlichkeit, ihre schließlich einsetzende völlige Fixierung auf ihn in der Sicherheit gewiegt, er werde dieses Mädchen, ganz gleich was geschah, nie verlieren. Auch als er merkte, wie sehr sie unter seinen zahlreichen Affären mit attraktiven Kommilitoninnen litt, hatte er noch nicht gefürchtet, sie könnte daraus die Konsequenz ziehen und ihn verlassen. Nicht mit ihren gerade sechzehn, dann siebzehn Jahren. Als sie dann mit knapp achtzehn plötzlich nach Deutschland verschwand, war er wie vor den Kopf geschlagen. Und geradezu fassungslos hatte er reagiert, als er ihr über ein Jahr später nachgereist war und sie als verheiratete Frau antraf, mit einem Goldring am Finger und Zwillingen in einem überdimensionalen Siebenmonatsbauch. Eine neue Entschlossenheit war an ihr spürbar gewesen, und ihre Naivität hatte sich in nichts aufgelöst, einer vorsichtigen, etwas mißtrauischen Zurückhaltung Platz gemacht. Aber obwohl ihr das Leben den ersten harten Schlag versetzt hatte, hatte sie sich ihre Natürlichkeit, ihre Wärme, ihre herzliche Zuneigung zu den Menschen bewahrt. Der feine Unterschied war: Sie glaubte noch an das Gute, aber sie war nicht mehr gutgläubig. Um genau diese hauchfeine Nuance hatte sich ihr Wesen verändert und sie noch reizvoller werden lassen.

Aber heute… Er drehte das Glas in seinen Händen, betrachtete nachdenklich die bernsteingelbe Flüssigkeit und die fast zerschmolzenen Eiswürfel. Heute überschattete immer wieder ein gequälter Ausdruck ihr Gesicht. Er hatte soviel mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun und war so vertraut mit den schlimmsten nur denkbaren Abgründen der sogenannten zivilisierten Gesellschaft, daß er das, was er bei Janet sah, jenseits der natürlichen Frustrationen einer unbefriedigenden Ehe einordnen mußte. Ganz gleich, wie deprimierend und perspektivenlos ihre Jahre mit Phillip verlaufen sein mochten — es hätte nicht ausgereicht, diesen besonderen Schmerz in ihre Augen zu legen. Irgendwo mußte es einen tiefen und schrecklichen Bruch in ihrem Leben gegeben haben. Allerdings hatte er schon gemerkt, daß es sinnlos war, in sie dringen zu wollen. Sie würde nichts preisgeben, ehe sie sich nicht selbst aus freien Stücken dazu entschlossen hatte.

Er hörte ihren Schlüssel an der Wohnungstür und ging ihr entgegen, nahm ihr die Einkaufstasche ab und küßte sie auf die Wange.

»Ich habe mich schon ganz einsam gefühlt«, sagte er, »ich bin es überhaupt nicht mehr gewöhnt, in eine leere Wohnung zu kommen.«

Janet lachte. »Mir fiel plötzlich ein, daß wir überhaupt kein Abendessen haben. Also bin ich schnell einkaufen gegangen.«

Andrew trug die Tüte in die Küche und spähte hinein. »Sind das Sachen, die man einfrieren kann?«

Janet kam ihm nach. »Kann man, glaube ich. Willst du mich irgendwohin zum Essen einladen?«

»Ich will, daß du eine Tasche packst mit Sachen, die du für eine Nacht und einen Tag brauchst. Und daß du dich dann in mein Auto setzt und alles Weitere mir überläßt.«

Sie war überrascht. »Aber…«

»Ich habe mich für morgen beurlauben lassen. Und ich würde gerne wegfahren. Es ist…« Er zögerte, dann fuhr er mit leiser Stimme fort: »Übermorgen sprechen sie Fred Corvey frei. Ich glaube, ich muß mich seelisch ein bißchen aufbauen.«

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Sie fuhren eine Stunde später los, hinein in einen hellen, warmen Abend. Der Londoner Berufsverkehr war bereits verebbt, sie kamen zügig vorwärts. Anhand der Richtungsschilder ahnte Janet natürlich bald, wohin es ging.

»East Anglia«, sagte sie, »du willst nach Cambridge?«

»Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr dort. Hast du auch Lust?«

»Aber keine Verwandtenbesuche!«

Andrew schüttelte den Kopf. »Wenn wir plötzlich einen Tag für uns haben, werde ich ihn bestimmt nicht mit einer Teetasse in der Hand auf den verstaubten Sofas irgendwelcher Tanten von dir verbringen. Nein, ich dachte, wir suchen einfach ein paar Stätten unserer Jugend auf.«

»Unserer längst vergangenen Jugend!«

Er warf ihr lächelnd einen Seitenblick zu. »Komisch, daß du das sagst. Gerade heute habe ich das Gefühl, als wäre es gar nicht so lange her. Als wäre es erst gestern gewesen, daß wir uns zu unseren heimlichen Rendezvous an verschwiegenen Plätzen auf dem Campus trafen und uns alles sehr aufregend und geheimnisvoll vorkam.«

Sie sah ihn nicht an. Sie schaute aus dem Fenster, betrachtete vorüberfliegende Häuser, Felder, Wiesen. Hohes, wehendes Junigras bog sich im Abendwind, glänzte rötlich im Schein der Sonne.

Es ist nicht nur er, dachte sie, es ist die Heimat. Ich bin zu Hause.

Ein warmes, leichtes, jugendliches Gefühl breitete sich in ihr aus. Es war kein Gedanke, der aus dem Augenblick geboren wurde, es war der Augenblick, der den lange schlummernden Gedanken aufweckte.

»Ich will hierbleiben«, sagte sie.

Für den Bruchteil einer Sekunde schlingerte der Wagen, dann hatte sich Andrew wieder gefaßt.

»Hierbleiben?« fragte er.

»In England auf jeden Fall. Bei dir, wenn du willst.« Immer noch sah sie ihn nicht an. »Ich werde Phillip um die Scheidung bitten.«

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