/ Language: Deutsch / Genre:thriller

Die Täuschung

Charlotte Link


Die Täuschung

Charlotte Link

blanvalet, 2002

Inhaltsverzeichnis

1 Teil 1

 1.1 Prolog

 1.2 Samstag, 6. Oktober 2001

  1.2.1

  1.2.2

 1.3 Sonntag, 7. Oktober

  1.3.1

  1.3.2

  1.3.3

  1.3.4

  1.3.5

  1.3.6

  1.3.7

  1.3.8

 1.4 Montag, 8. Oktober

  1.4.1

  1.4.2

  1.4.3

  1.4.4

  1.4.5

  1.4.6

 1.5 Dienstag, 9. Oktober

  1.5.1

  1.5.2

  1.5.3

  1.5.4

  1.5.5

  1.5.6

  1.5.7

  1.5.8

 1.6 Mittwoch, 10. Oktober

  1.6.1

  1.6.2

  1.6.3

  1.6.4

 1.7 Donnerstag, 11. Oktober

  1.7.1

  1.7.2

 1.8 Freitag, 12. Oktober

  1.8.1

  1.8.2

  1.8.3

  1.8.4

 1.9 Samstag, 13. Oktober

  1.9.1

  1.9.2

  1.9.3

  1.9.4

  1.9.5

  1.9.6

  1.9.7

 1.10 Sonntag, 14. Oktober

  1.10.1

  1.10.2

  1.10.3

  1.10.4

  1.10.5

  1.10.6

2 Teil 2

 2.1 Prolog

 2.2 Montag, 15. Oktober

  2.2.1

  2.2.2

  2.2.3

  2.2.4

  2.2.5

  2.2.6

  2.2.7

  2.2.8

  2.2.9

 2.3 Dienstag, 16. Oktober

  2.3.1

  2.3.2

  2.3.3

  2.3.4

  2.3.5

  2.3.6

  2.3.7

  2.3.8

  2.3.9

  2.3.10

  2.3.11

  2.3.12

 2.4 Mittwoch, 17. Oktober

  2.4.1

  2.4.2

  2.4.3

  2.4.4

  2.4.5

  2.4.6

  2.4.7

  2.4.8

  2.4.9

  2.4.10

  2.4.11

  2.4.12

  2.4.13

  2.4.14

  2.4.15

  2.4.16

  2.4.17

  2.4.18

 2.5 Donnerstag, 18. Oktober

  2.5.1

  2.5.2

  2.5.3

Bericht aus der Berliner Morgenpost” vom 15. September 1999

Grausige Entdeckung in einer Mietwohnung in Berlin-Zehlendorf

Ein furtbarer Anblick bot sich gestern einer Rentnerin, die den Hausmeister einer Wohnanlage in Berlin-Zehlendorf überredet hatte, ihr mit seinem Zweitschlüssel die Wohnung ihrer langjährigen Freundin Hilde R. zu öffnen. Die vierundsechzigjährige alleinstehende Dame hatte sich seit Wochen nicht mehr bei Freunden und Bekannten gemeldet und auch auf Anrufe nicht reagiert. Nun wurde sie in ihrem Wohnzimmer entdeckt. Sie war mit einem Seil erwürgt worden; der Täter hatte ihre Kleidung mit einem Messer zerschlitzt. Sexuelle Motive liegen offenbar nicht vor, auch war nach Angaben der Polizei kein Diebstahl nachzuweisen. Nichts läßt auf einen Einbruch schließen, so daß davon ausgegangen wird, daß die alte Dame selbst ihrem Mörder die Tür geöffnet hat.

Ersten Autopsieberichten zufolge könnte die Leiche bereits seit Ende Ausgust in der Wohnung befinde. Vom Täter fehlt jede Spur.

Kapitel 1

Teil 1

1.1 Prolog

Sie wußte nicht, was sie geweckt hatte. War es ein Geräusch gewesen, ein böser Traum, oder spukten noch immer die Gedanken vom Vorabend in ihrem Kopf? Sie neigte dazu, Grübeln, Schmerz und Hoffnungslosigkeit mit in den Schlaf zu nehmen, und manchmal wurde sie davon wach, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen.

Aber diesmal nicht. Ihre Augen waren trocken.

Sie war gegen elf Uhr ins Bett gegangen und sehr schwer eingegeschlafen. Zu vieles war ihr im Kopf herumgegangen, sie hatte sich bereits bedrückt gefühlt und war in die alte Angst vor der Zukunft verfallen, die sie nur für kurze Zeit überwunden geabt hatte. Das Gefühl, eingeengt und bedroht zu werden, hatten sich in ihr ausgebreitet. Für gewöhnlich hatte ihr das Haus am Meer stets Freiheit vermittelt, hatte sie leichter atmen lassen. Noch nie, wenn sie hiergewesen war, hatte sie sich nach der eleganten, aber immer etwas düsteren Pariser Stadtwohnung zurückgesehnt. Zum erstenmal freute sie sich jetzt, daß der Sommer vorüber war.

Es war Freitag, der 28. September. Am nächsten Tag würden sie und Bernadette aufbrechen und heim nach Paris fahren.

Der Gedanke an ihre kleine Tochter ließ sie im Bett hochschrecken. Vielleicht hatte Bernadette gerufen oder im Schlaf laut geredet. Bernadette träumte intensiv, wurde häufig wach und schrie nach ihrer Mutter. Oft fragte sie sich, ob das normal war bei einem vierjährigen Kind, oder ob sie die Kleine zu sehr belastete mit ihren dauernden Depressionen.

Natürlich plagten sie Schuldgefühle deswegen, aber sie mochte es nicht wirklich zu ändern. Es blieb bei geleglichen Anläufen, sich selber aus dem Sumpf des Grübelns und der Verlorenheit zu ziehen, doch nie konnte sie einen anhaltenden Erfolg für sich verbuchen.

Außer im letzten Jahr im letzten Sommer…

Sie sah auf den elektronischen Wecker, der neben ihrem Bett stand und dessen Zahlen intensiv grün in der Dunkelheit leuchteten. Es war kurz vor Mitternacht, sie konnte nur ganz kurz geschlafen haben. Wieder lauschte sie. Es war nichts zu hören. Wenn Bernadette nach ihr rief, dann tat sie das normalerweise ununterbrochen. Trotzdem würde sie aufstehen und nach ihrem Kind sehen.

Sie schwang die Beine auf den steinernen Boden und erhob sich.

Wie immer seit Jacques’ Tod trug sie nachts nur eine ausgeleierte Baumwollunterhose und ein verwaschenes T-Shirt. Früher hatte sie, gerade in der Wärme der provenzalischen Nächte, gern tief ausgeschnittene, hauchzarte Seidennégligés angelegt, elfenbeinfarbene zumeist, weil ihre stets gebräunte Haut und die pechschwarzen Haare damit schön zur Geltung kamen. Sie hatte damit aufgehört, als er ins Krankenhaus kam und sein Sterben in Etappen begann. Sie hatten ihn als geheilt entlassen, er war zu ihr zurückgekehrt, sie hatten Bernadette gezeugt, und dann war der Rückfall eingetreten, innerhalb kürzester Zeit, und diesmal hatte er das Krankenhaus nicht mehr verlassen. Er war im Mai gestorben. Im Juni war Bernadette zur Welt gekommen.

Es war warm im Zimmer. Beide Fensterflügel standen weit offen, nur die hölzernen Läden hatte sie geschlossen. Durch die Ritzen sah sie das hellere Schwarz der sternklaren Nacht, roch die Dekadenz, die der glühend heiße Sommer dem Land vermacht hatte.

Der September war atemberaubend schön gewesen, und ohnehin liebte sie den Herbst hier besonders. Manchmal fragte sie sich, weshalb sie so beharrlich jedes jahr Anfang Oktober nach Paris abreiste, obwohl es keinerlei Verpflichtungen dort für sie gab. Vielleicht brauchte sie das Korsett eines strukturierten Jahresablaufs, um sich nicht im Gefühl der Realitätslosigkeit zu verlieren. Im Oktober spätestens kehrten alle in die Städte zurück. Vielleicht wollte sie zugehörig sein, auch wenn sie sich in ihren schwarzenStunden oft bittrer für diesen vorgegaukelten Sinn in ihrem Leben anklagte.

Sie trat auf den Gang hinaus, verzichtete jedoch darauf, das Licht anzuschalten. Falls Bernadette schlief, sollte sie nicht geweckt werden. Die Tür zum Kinderzimmer war nur angelehnt, vorsichtig lauschte sie in den Raum hinein. Das Kind atmete tief und gleichmäßig.

Sie hat mich jedenfalls nicht geweckt, dachte sie.

Unschlüssig stand sie auf dem Flur. Sie begriff nicht, was sie unterbewußt so beunruhigte. Sie wachte so oft nachts auf, sie konnte eher jene Nächte als Besonderheit werten, in denen sie durchschlief. Meist wußte sie nicht, was sie hatte aufschrecken lassen. Weshalb war sie in dieser Nacht nur so nervös?

Tief in ihr lauerte Angst. Eine Angst, die ihr Gänsehaut verursachte und ihre Sinne auf eigentümliche Art schärfte. Es war, als könne sie irgendeine in der Dunkelheit wartende Gefahr wittern, riechen, fühlen. Als sei sie ein Tier, das das Herannahen eines anderen Tiers spürt, das ihm gefährlich werden kann.

Jetzt werde nicht hysterisch, rief sie sich zur Ordnung.

Es war nichts zu hören.

Und doch wußte sie, daß jemand anwesend war, jemand außer ihr und ihrem Kind, und dieser jemand war ihr schlimmster Feind. Die Einsamkeit des Hauses kam ihr in den Sinn, sie war sich bewußt, wie allein sie beide hier waren, daß niemand sie hören könnte, falls sie schrien, daß niemand es bemerken würde, wenn etwas UngeWöhnliches vor sich ginge.

Es kann keiner in das Haus hinein, sagte sie sich, überall sind die Läden verschlossen. Die Stahlhaken zu zersägen würde einen Höllenlärm veranstalten. Die Türschlösser sind stabil. Auch sie zu öffnen kann nicht lautlos funktionieren. Vielleicht ist draußen jemand.

Es gab nur einen, von dem sie sich vorstellen konnte, daß er nachts um ihr Haus herumschlich, und bei diese Gedanken wurde ihr fast übel.

Das würde er nicht tun. Er ist lästig, aber nicht krank.

Doch in diesem Moment wurde ihr klar, daß er genau das war. Krank. Daß sein Kranksein es gewesen war, was sie von ihm fortgetrieben hatte. Daß sein Kranksein sie an ihm gestört hatte. Daß es jene sich langsam verstärkende, instinktive Abneigung ausgelöst hatte, die sie sich die ganze Zeit über nicht wirklich hatte erklären können. Er war so nett. Er war aufmerksam. Es gab nichts an ihm auszusetzen. Sie war bescheuert, ihn nicht zu wollen.

Es war Überlebensinstinkt gewesen, ihn nicht zu wollen.

Okay, sagte sie sich und versuchte tief durchzuatmen, wie es ihr ein Atemtherapeut in der ersten furchtbaren Zeit nach Jacques’ Tod beigebracht hatte, okay, vielleicht ist er da draußen. Aber er kann jedenfalls nicht hier herein. Ich kann mich ruhig ins Bett legen und schlafen. Sollte sich morgen irgendwie herausstellen, daß er da war, jage ich ihm die Polizei auf den Hals. Ich erwirke eine einstweilige Verfügung, daß er mein Grundstück nicht betreten darf. Ich fahre nach Paris. Falls ich Weihnachten hier verbringe, kann schon alles ganz anders aussehen.

Entschlossen kehrte sie in ihr Zimmer zurück.

Doch als sie wieder im Bett lag, wollte die Nervosität, die ihren Körper vibrieren ließ, nicht aufhören. Noch immer waren alle Härchen auf ihrer Haut hoch aufgerichtet. Sie fror jetzt, obwohl es sicher an die zwanzig Grad warm war im Zimmer. Sie zog die Decke bis zum Kinn, und eine Hitzewallung machte ihr das Atmen schwer. Sie stand dicht vor einer Panikattacke, die sich bei ihr immer mit einem fliegenden Wechsel zwischen Hitze und Kälte ankündigte. In der Zeit, in der Jacques starb und auch danach hatte sie oft solche Anfälle erleiden müssen. Seit ungefähr einem Jahr war sie frei davon. Zum erstenmal wurde sie nun wieder von den immer noch vertrauten Symptomen heimgesucht.

Sie fuhr mit den Atemübungen fort, die sie vorher draußen im Gang begonnen hatte, und oberflächlich wurde sie ruhiger, aber in ihrem Inneren glühte ein rotes Warnlämpchen und ließ sie in Hochspannung verharren. Sie wurde das Gefühl nicht los, daß sie keineswegs Opfer einer Hysterie war, sondern daß ihr Unterbewußtsein auf eine greifbare Gefahr reagierte und ihr ununterbrochen zurief, sie solle aufpassen. Zugleich weigerte sich ihr Verstand, derartige Gedanken zuzulassen. Jacques hatte immer gesagt, es sei Unsinn, an Dinge wie Vorahnungen, Stimme des Bauchs oder dergleichen zu glauben.

“Ich glaube nur, was ich sehe”, hatte er oft gesagt, “und ich nehme nur an, was sich als Tatsache beweisen läßt.”

Und ich bin im Moment einfach dabei, durchzudrehen, sagte sie sich.

Im gleichen Augenblick hörte sie ein Geräusch, und es war vollkommen klar, daß sie es sich nicht eingebildet hatte. Es war ein Geräusch, das sie gut kannte: Es war das leise Klirren, das die Glastür, die Wohn und Schlafbereich in diesem Haus voneinander trennte, verursachte, wenn sie geöffnet wurde. Sie vernahm es an jedem Tag, den sie hier war, an die hundert Mal, entweder weil sie selbst hindurchging, oder weil Bernadette hin- und herlief.

Es bedeutete, daß jemand hier war und daß er keineswegs um das Haus herumschlich.

Er war im Haus.

Sie war mit einem Satz aus dem Bett.

Verdammt, Jacques, dachte sie, ohne die Ungewöhnlichkeit dieses Moments zu beachten, denn es war das erst Mal, daß sie einen kritischen Gedanken ihrem toten Mann gegenüber zuließ, und das auch noch in Gestalt eines Fluchs. Ich wußte vorhin, daß jemand im Haus ist, hätte ich mich darauf doch bloß verlassen!

Sie konnte ihr Zimmer von innen verriegeln und hätte sich damit vor dem Eindringling in Sicherheit bringen können, aber Bernadette schlief im Nebenzimmer und wie hätte sie sich hier einschließen sollen ohne ihr Kind? Sie stöhnte bei der Erkenntnis, daß ein Instinkt, fein wie der eines Wachhunds, sie geweckt und nach nebenan geführt hatte; sie hatte die Chance gehabt, sich Bernadette zu schnappen und mit ihr Zuflucht in diesem Zimmer zu suchen. Sie hatte die Chance vertan. Wenn er bereits diesseits der Glastür war, trennten ihn nur noch wenige Schritte von ihr.

Wie hypnotisiert starrte sie ihre Zimmertür an. Jetzt konnte sie, in ihrer eigenen atemlosen Stille, das leise Tappen von Schritten auf dem Flur hören.

Die Klinke bewegte sich ganz langsam nach unten.

Sie konnte ihre Angst riechen. Sie hatte nie vorher gewußt, daß Angst so durchdringend roch.

Ihr war jetzt sehr kalt, und sie hatte den Eindruck, nicht mehr zu atmen.

Als die Tür aufging und der Schatten des großen Mannes in ihrem Rahmen stand, wußte sie, daß sie sterben würde. Sie wußte es mit derselben Sicherheit, mit der sie kurz zuvor gespürt hatte, daß sie nicht allein im Haus war.

Einen Moment lang standen sie einander reglos gegenüber. War er überrascht, sie mitten im Zimmer stehend anzutrefften, nicht schlafend im Bett?

Sie war verloren. Sie stürzte zum Fenster. Ihre Finger zerrten an den Haken der hölzernen Läden. Ihre Nägel splitterten, sie schrammte sich die Hand auf, sie bemerkte es nicht. Sie erbrach sich vor Angst über die Fensterbank, als er dicht hinter ihr war und sie hart an den Haaren packte. Er bog ihren Kopf so weit zurück, daß sie in seine Augen blicken mußte. Sie sah vollkommene Kälte. Ihre Kehle lag frei. Der Strick, den er ihr um den Hals schlang, schürfte ihre Haut auf.

Sie betete für ihr Kind, als sie starb.

1.2 Samstag, 6. Oktober 2001

1.2.1

Kurz vor Notre Dame de Beauregard sah er plötzlich einen Hund auf der Autobahn. Einen kleinen, braunweiß gefleckten Hund mit rundem Kopf und lustig fliegenden Schlappohren. Er hatte ihn zuvor nicht bemerkt, hätte nicht sagen können, ob er vielleicht schon ein Stück weit am Fahrbanrand entlang getrabt war, ehe er das selbstmörderische Unternehmen begann, auf die andere Seite der Rennstrecke zu wechseln.

O Gott, dachte er, gleich ist er tot.

Die Autos schossen hier dreispurig mit Tempo 130 dahin. Es gab kaum eine Chance, unversehrt zwischen ihnen hindurch zu gelangen.

Ich will nicht sehen, wie sie ihn gleich zu Matsch fahren, dachte er, und die jähe Angst, die in ihm emporschoß, löste eine Gänsehaut auf seinem Kopf aus.

Ringsum bremsten die Autos. Niemand konnte stehen bleiben, dafür fuhr jeder mit zu hoher Geschwindigkeit, aber sie reduzierten ihr Tempo, versuchten, auf andere Spuren auszuweichen. Einige hupten.

Der Hund lief weiter, mit hoch erhobenem Kopf. Es grenzte an ein Wunder, oder vielleicht war es sogar ein Wunder, daß er den Mittelstreifen unbeschadet erreichte.

Gott sei Dank. Er hat es geschafft. Wenigstens so weit.

Der Mann merkte, daß ihm der Schweiß ausgebrochen war, daß das T-Shirt, das er unter seinem Wollpullover trug, nun an seinem Körper klebte. Er fühlte sich plötzlich ganz schwach. Er fuhr an den rechten Eahrbahnrand, brachte den Wagen auf dem Seitenstreifen zum Stehen. Vor ihm erhob sich — sehr düster heute, wie ihm schien — der Felsen, auf dem Notre Dame de Beauregard ihren schmalen, spitzen Kirchturm in den grauen Himmel hohrte. Warum wurde der Himmel heute nicht blau? Gerade hatte er die Ausfahrt St. Remy passiert, es war nicht mehr weit bis zur Mittelmeerküste. Allmählich könnte der verhangene Oktobertag südlichere Farben annehmen.

Der kleine Hund fiel ihm wieder ein; der Mann verließ das Auto und blickte prüfend zurück. Er konnte ihn nirgends entdecken, nicht auf dem Mittelstreifen, aber auch nicht zu Brei gefahren auf einer der Fahrspuren. Ob es ihm geglückt war, die die Autobahn auch noch in der Gegenrichtung zu überqueren?

Entweder, dachte er, man hat einen Schutzengel, oder man hat keinen. Wenn man einen hat, dann ist ein Wunder kein Wunder, sondern eine logische Konsequenz. Wahrscheinlich trabt der kleine Hund jetzt fröhlich durch die Felder. Die Erkenntnis, daß er eigentlich tot sein müßte, wird sich seiner nie bemächtigen.

Die Autos jagten an ihm vorbei. Er wußte, daß es nicht ungefährlich war, hier herumzustehen. Er setzte sich wieder in den Wagen, zündete eine Zigarette an, nahm sein Handy und überlegte einen Moment. Sollte er Laura jetzt schon anrufen? Sie hatten vereinbart, daß er sich von “ihrem” Rastplatz melden würde, von jenem Ort, an dem man zum erstenmal das Mittelmeer sehen konnte.

Er tippte stattdessen die Nummer seiner Mutter ein, wartete geduldig. Es dauerte immer eine ganze Weile, bis die alte Dame ihr Telefon erreichte. Dann meldete sie sich mit rauher Stimme: “Ja?”

“Ich bin es, Mutter. Ich wollte mich einfach mal melden.”

“Schön. Ich habe lange nichts mehr von dir gehört.” Das klang vorwurfsvoll. Wo steckst du?”

Ich bin an einer Tankstelle in Südfrankreich. Es hätte sie beunruhigt zu hören, daß er auf dem Seitenstreifen einer Autobahn stand und weiche Knie hatte wegen eines kleinen Hundes, der gerade vor seinen Augen dem Tod von der Schippe gesprungen war.

“Ist Laura bei dir?”

“Nein. Ich bin alleine. Ich treffe Christopher zum Segeln. In einer Woche fahre ich wieder nach Hause.”

“Ist das um diese Jahreszeit nicht gefährlich? Das Segeln, meine ich.”

“Überhaupt nicht. Wir machen das doch jedes Jahr. Ist schließlich nie schiefgegangen. Er sagte dies in eine bemüht leichten Ton, von dem er fand, daß er völlig unecht klang. Laura hätte jetzt nachgehakt und gefragt: “Ist irgend etwas? Stimmt was nicht? Du klingst merkwürdig.”

Aber seine Mutter würde es nicht einmal registrieren, wenn er im Sterben läge. Es war typisch für sie, besorgte Fragen zu stellen, wie die, ob das Segeln zu dieser Jahreszeit vielleicht gefährlich war. Möglich, daß sie sich tatsächlich Gedanken darum machte. Aber manchmal argwöhnte er, daß sie Fragen dieser Art routinemäßig abschoß und sich für deren Beantwortung schon nicht mehr interessierte.

“Britta hat angerufen”, sagte sie.

Er seufzte. Es bedeutete nie etwas Gutes, wenn sich seine Ex-Frau mit seiner Mutter in Verbindung setzte.

“Was wollte sie denn?”

“Jammern. Du hast wieder irgendeine Zahlung an sie nicht überwiesen, und angeblich reicht ihr Geld vorne und hinten nicht.”

“Das soll sie mir selber sagen. Sie braucht sich nicht hinter dich zu klemmen.”

“Du würdest dich regelmäßig verleugnen lassen, wenn sie dich im Büro anruft, behauptet sie. Und daheim…Sie sagt, sie hätte wenig Lust, immer an Laura zu geraten.”

Er bereute es, seine Mutter angerufen zu haben. Irgendwie gab es stets Ärger, wenn er das tat.

“Ich muß Schluß machen, Mutter”, sagte er hastig, “mein Handy hat kaum noch Saft. Ich umarme dich.”

Warum habe ich das gesagt? überlegte er. Warum dieses alberne Ich umarme dich. So reden wir normalerweise gar nicht miteinander.

Es gelang ihm mit einiger Anstrengung, sich von der Standspur wieder in den Verkehr einzufädeln. Er hatte es nicht allzu eilig, pendelte sich auf einer Geschwindigkeit von hundertzwanzig Stundenkilometern ein. Ob seine Mutter nun über diesen letzten Satz nachdachte, der für sie eigenartig geklungen haben mußte?

Nein, entschied er, tat sie nicht. Der letzte Satz war an ihr vermutlich ebenso vorbeigerauscht, wie auch sonst alles, was mit anderen Menschen zu tun hatte, von ihr herausgefiltert wurde.

Er fand einen Radiosender, stellte die Musik auf dröhnende Lautstärke. Mit Musik konnte er sich betäuben, so sicher wie andere mit Alkohol. Es kam nicht darauf an, was er hörte. Es mußte nur laut genug sein.

Gegen achtzehn Uhr erreichte er den Rastplatz, von dem aus er Laura anrufen wollte. Wenn sie zusammen nach Südfrankreich fuhren, hielten sie stets an dieser Stelle an, stiegen aus und genossen den Blick auf die Bucht von Cassis mit ihren halbmondförmig umfassenden, sanft ansteigenden Weinbergen und auf die oberhalb der Bucht steil aufragenden Felsen. Fuhr er allein — zu dem alljährlichen Segeltörn mit Christopher —, dann rief er Laura von diesem Platz aus an. Dies gehörte zu den stillschweigenden Übereinkünften zwischen ihnen, von denen es viele gab. Laura liebte Rituale, liebte unverrückbar wiederkehrende Momente zwischen ihnen. Er selber hing nicht so daran, hatte aber auch nicht den Eindruck, daß ihre Vorliebe dafür ihn wirklich störte.

Er fuhr die langgezogene, ansteigende Kurve zum Parkplatz hinauf. Der Ort hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den sonst üblichen Autobahnraststätten. Eher handelte es sich um einen Ausflugsplatz, um eine Art große Picknickterrasse mit steinernen Sitzgruppen, kiesbestreuten Wegen, schattenspendenden Bäumen. Der Blick war atemberaubend. Für gewöhnlich überwältigten ihn das Blau des Himmels und Blau des Meeres. Heute jedoch würden sich die Wolken nicht mehr lichten. Grau und diesig hing der Himmel über dem Meer. Die Stille war schwül und bleiern. Die Luft roch nach Regen.

Ein trostloser Tag, dachte er, als er das Auto parkte und den Motor abschaltete.

Unweit von ihm saß ein anderer einsamer Mann in einem weißen Renault und starrte vor sich hin. Ein älteres Ehepaar hatte an einem der sechseckigen Tische Platz genommen und eine Thermosflasche vor sich hingestellt, aus der sie nun beide abwechselnd tranken. Aus einem Kleinbus quoll eine Familie, Eltern, dazu offensichtlich die Großeltern und eine unüberschaubare Schar von Kindern jeder Altersgruppe. Die Größeren trugen Pizzakartons, die Erwachsenen schleppten Körbe mit Wein- und Saftflaschen.

Wie idyllisch, dachte er, ein warmer Oktoberabend, und sie machen ein Picknick an einem wunderbaren Aussichtsort. Zwei Stunden können sie hier noch sitzen, dann wird es dunkel und kalt. Sie werden wieder alle in diesem Bus verschwinden und nach Hause fahren und satt und glücklich in ihre Betten fallen.

Er selber hatte eigentlich nie Kinder gewollt — sowohl ein Sohn aus erster Ehe als auch die zweijährige Tochter, die er mit Laura hatte, waren aus Unachtsamkeit entstandenden —, aber manchmal überlegte er, wie es sich anfühlen mußte, Teil einer großen Familie zu sein. Er sah das keineswegs verklärt: Es bedeutete, ewig vor dem Badezimmer anstehen zu müssen und wichtige Dinge nicht zu finden, weil ein anderer sie ungefragt ausgeliehen hatte, es bedeutete jede Menge Lärm, Unordnung, Dreck und Chaos. Aber es mochte auch Wärme entstehen, ein Gefühl der Geborgenheit und Stärke. Es gab wenig Platz für Einsamkeit und die Angst vor der Sinnlosigkeit.

Zum zweitenmal tippte er eine Nummer in sein Handy. Er mußte nicht lange warten, sie meldete sich sofort. Offensichtlich hatte sie um diese Zeit mit seinem Anruf gerechnet und sich in der Nähe des Telefons aufgehalten.

“Hallo!” Sie klang fröhlich. “Du bist auf dem Pas d’Ouiliers!”

“Richtig!” Er bemühte sich, ihren heiteren, unbeschwerten Ton zu übernehmen. Zu meinen Füßen liegt das Mittelmeer.”

“Glitzernd im Abendsonnenschein?”

“Eher nicht. Es ist sehr wolkig. Ich denke, es wird noch regnen heute abend.”

“Oh — das kann sich aber schnell ändern.”

“Natürlich. Da mache ich mir keine Sorgen. Sonne und Wind wären für Christopher und mich jedenfalls am schönsten.”

Sie war wesentlich feinfühliger als seine Mutter. Sie merkte, wie angestrengt er war.

“Was ist los? Du klingst merkwürdig.”

“Ich bin müde. Neun Stunden Autofahrt sind keine Kleinigkeit.”

“Du mußt dich jetzt unbedingt ausruhen. Triffst du Christopher noch heute abend?”

“Nein. Ich will früh ins Bett.”

“Grüße unser Häuschen!”

“Klar. Es wird sehr leer sein ohne dich.”

“Das wirst du vor lauter Müdigkeit kaum bemerken.” Sie lachte. Er mochte ihr Lachen. Es war frisch und echt und schien immer aus ihrem tiefsten Inneren zu kommen. Wie auch ihr Schmerz, wenn sie Kummer hatte. Bei Laura waren Gefühle niemals aufgesetzt oder halbherzig. Sie war der aufrichtigste Mensch, den er kannte.

“Kann sein. Ich werde schlafen wie ein Bär.” Er schaute auf das schiefergraue Wasser. Die Verzweiflung kroch bereits wieder langsam und bedrohlich in ihm hoch.

Ich muß, dachte er, von diesem Ort weg. Von den Erinnerungen. Und von dieser glücklichen Großfamilie mit den Pizzkartons und dem Gelächter und der Unbeschwertheit.

“Ich werde noch irgendwo etwas essen”, sagte er.

“Irgendwo? Du gehst doch sicher zu Nadine und Henri?”

“Das ist eine gute Idee. Eine leckere Pizza von Henri wäre jetzt genau das Richtige.”

“Rufst du später noch mal an?”

“Wenn ich im Haus bin”, sagte er. “Ich melde mich, bevor ich ins Bett gehe. In Ordnung?”

“In Ordnung. Ich freue mich darauf.” Durch das Telefon hindurch und über eintausend Kilometer hinweg konnte er ihr Lächeln spüren.

“Ich liebe dich”, sagte sie leise.

“Ich liebe dich auch”, erwiderte er.

Er beendete das Gespräch, legte das Handy neben sich auf den Beifahrersitz. Die Pizza-Familie verbreitete jede Menge Lärm, selbst durch die geschlossenen Wagenfenster drangen die Fetzen von Gesprächen und Gelächter. Er ließ den Motor wieder an und rollte langsam vom Parkplatz.

Die Dämmerung kam nun schnell, aber es lohnte sich nicht zu warten; es würde keinen Sonnenuntergang über dem Meer geben.

1.2.2

Als Peter um Viertel nach zehn noch nicht angerufen hatte, wählte Laura nach einigem Zögern seine Handy-Nummer. Er konnte sehr gereizt reagieren, wenn sie sich nicht an Vereinbarungen hielt — und in diesem Fall hatte die Vereinbarung gelautet, daß er sich wieder melden würde. Aber sie war ein wenig unruhig, konnte sich nicht vorstellen, daß er sich so lange beim Essen aufhielt. Er hatte so müde geklungen vier Stunden zuvor, so erschöpft, wie sie ihn ganz selten bisher erlebt hatte.

Er meldete sich nicht, nach sechsmaligem Klingeln schaltete sich seine Mailbox ein. “Bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht, ich rufe später zurück…”

Es drängte sie, ihm irgend etwas zu sagen, ihm etwas mitzuteilen von ihrer Sorge, ihrer Liebe, ihrer Sehnsucht, aber sie unterließ es, damit er sich nicht bedrängt fühlte. Vielleicht hatte er sich bei Nadine und Henri festgeredet, hörte das Handy nicht, hatte keine Lust, seine Unterhaltung zu unterbrechen, oder hatte das Gerät überhaupt im Auto vergessen.

Wenn ich jetzt bei Henri anrufe, fühlt sich Peter kontrolliert, dachte sie, und wenn ich in unserem Haus anrufe und er schläft vielleicht schon, wecke ich ihn auf.

“Manchmal”, sagte Peter oft zu ihr, “könntest du Dinge doch einfach auf sich beruhen lassen. Auf die eine oder andere Weise lösen sie sich, auch ohne daß du vorher deine ganze Umgebung verrückt gemacht hast.”

Trotzdem blieb sie noch einen Moment vor dem Telefonapparat stehen und überlegte, ob sie Christopher anrufen solle. Peter hatte gesagt, er wolle an diesem Abend nicht mehr zu ihm, aber vielleicht hatte er es sich anders überlegt.

Es ist mein gutes Recht, anzurufen, dachte sie trotzig.

Christopher würde ihre Sorge verstehen. Er würde gar nichts dabei finden. Und dennoch würde Peter später behaupten, sie habe ihn vor seinem Freund blamiert.

“Christopher muß ja denken, ich bin ein Hund, der an der kurzen Leine gehalten wird. Du wirst nie das Wesen einer solchen Männerfreundschaft verstehen, Laura. Dazu gehört auch ein Stück Freiheit.”

“Ich glaube nicht, daß Christopher das als Problem sieht.”

“Er würde sich dazu nicht äußern. Weil er sich nicht einmischt und überhaupt ein gutmütiger Kerl ist. Aber er macht sich seine Gedanken, glaube mir.”

Und du schreibst deinem Freund Gedanken und Empfindunge zu, die in Wahrheit nur deine eigenen sind, dachte sie.

Sie ging die Treppe hinauf und schaute in Sophies Zimmer. Die Kleine schlief, atmete ruhig und gleichmäßig.

Vielleicht, überlegte Laura, hätte ich doch mitfahren sollen. Zusammen mit Sophie ein paar sonnige Oktobertage im Haus verbringen, während Peter segelt. Ich hätte mich nicht so einsam gefühlt.

Aber sie war noch nie mitgekommen, wenn Peter zu seinem herbstlichen Segeltreff in den Süden fuhr. Natürlich, vor vier Jahren hatten sie auch das Haus in La Cadiére noch nicht gehabt, sie hätte in ein Hotel gehen müssen, und sie hielt sich nicht gerne allein im Hotel auf. Einmal — das mochte fünf Jahre her sein — hatte sie überlegt, bei Nadine und Henri zu wohnen, in einem der beiden gemütlichen und heimlig unkomfortablen Gästezimmerunter dem Dach, die die beiden hin und wieder vermieteten.

“Ich hätte dann Anschluß, während du mit Christopher unterwegs bist”, hatte sie gesagt. Wieder einmal hatte sie geglaubt, die einwöchige Trennung von Peter nicht zu ertragen.

Doch Peter war dagegen gewesen.

“Ich halte es für ungeschickt, dieses eine Mal bei Nadine und Henri zu wohnen. Sonst tun wir es ja auch nicht, und sie denken dann vielleicht, sie sind normalerweise nicht gut genug für uns, aber im Notfall greifen wir auf sie zurück.”

Seitdem sie Besitzer eines eigenen Hauses waren, hätte sich das Problem nicht mehr gestellt, aber Peter hatte auf Lauras Andeutung, sie könne doch vielleicht mitkommen, nicht reagiert, und einen zweiten Anlauf hatte sie nicht nehmen wollen. Diese eine Oktoberwoche gehörte Christopher, und offenbar hätte es Peter schon gestört, Frau und Tochter auch nur in der Nähe zu wissen.

Sie ging ins Schlafzimmer, zog sich aus, hängte ihre Kleider ordentlich in den Schrank, zog das ausgeleierte T-Shirt an, das sie nachts immer trug. Peter hatte es ihr während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs in Südfrankreich vor acht Jahren geschenkt. Damals war es noch bunt und fröhlich gewesen, aber inzwischen hatte es so viele Wäschen hinter sich gebracht, daB Laura sich darin nicht mehr sehen lassen wollte. Doch Peter hatte nicht zugelassen, daß sie es aussortierte.

“Zieh es wenigstens nachts an”, hat er, “ich hänge irgendwie daran. Es erinnert mich an eine ganz besondere Zeit in unserem Leben.”

Sie waren frisch verliebt gewesen damals. Laura war siebenundzwanzig gewesen, Peter zweiunddreißig. Er frisch geschieden, sie frisch getrennt. Beide angeschlagen, mißtrauisch, ängstlich, sich auf etwas Neues einzulassen. Peters Ex-Frau war unmittelbar nach vollzogener Scheidung mit dem gemeinsamen Sohn ans andere Ende Deutschlands gezogen, was Peters Besuchsrecht zur Farce machte und ihn in tiefste Einsamkeit gestürzt hatte. Er hatte länger gebraucht als Laura, sich für die gemeinsame Zukunft zu öffnen.

In dem alten T-Shirt ging sie ins Bad hinüber, putzte die Zähne und kämmte die Haare. Im Spiegel konnte sie sehen, daß sie blaß war und einen sorgenvollen Zug um den Mund hatte. Sie dachte an Photos, die sie in demselben T-Shirt acht Jahre zuvor in den Straßen von Cannes zeigten: braungebrannt, strahlend, mit leuchtenden Augen. Von der Liebe in mitreißender Heftigkeit getroffen. Überwältigt und wunschlos glücklich.

“Das bin ich heute auch noch ”, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, “wunschlos” glücklich. Aber ich bin eben älter. Fünfunddreißig ist nicht dasselbe wie siebenundzwanzig.”

An der Ruckartigkeit, mit der sie den Kamm durch die Haare zog, erkannte sie, wie gespannt ihre Nerven waren.

Mein Mann ruft einmal nicht an, dachte sie, wie kann mich das derart aus dem Gleichgewicht werfen?

Von Freundinnen wußte sie, daß andere Männer in dieser Hinsicht viel lockerer waren. Sie vergaßen in der Hälfte aller Fälle, pünktlich oder überhaupt anzurufen, Verinbarungen einzuhalten oder sich wichtige Termine der Partnerin zu merken. Lauras Mutter Elisabeth sagte immer, Laura habe mit Peter ein Prachtexemplar erwischt.

“Er ist sehr zuverlässig und auf dich konzentriert. Halte ihn nur gut fest. So etwas findest du so leicht nicht noch einmal.”

Sie wußte das. Und sie wollte auch nicht kleinlich sein. Aber gerade weil Peter immer so zuverlässig war, wurde sie ein Gefühl der Beunruhigung nicht los.

Natürlich war sie zudem viel zu fixiert auf ihn — ihre Freundin Anne sagte das auch immer —, aber schließlich…

Das Telefon klingelte und unterbrach ihre quälenden Gedanken.

“Endlich”, rief sie und lief ins Schlafzimmer, wo ein Apparat neben ihrem Bett stand.

“Ich dachte schon, du bist einfach eingeschlafen und hast mich vergessen”, sagte sie anstelle einer Begrüßung.

Am anderen Ende der Leitung konsterniertes Schweigen.

“Ich kann mir eigentlich nicht denken, daß Sie mich meinen,” sagte schließlich Britta, Peters Ex-Frau.

Laura war ihr Versehen sehr peinlich.

“Entschuldigen Sie bitte. Ich dachte, es sei Peter.”

Brittas Stimme hatte wie immer einen anklagenden Unterton. “Demnach ist Peter wohl nicht daheim? Ich müßte ihn sehr dringend sprechen.”

Samstag abend um halb elf, dachte Laura verärgert, nicht gerade die übliche Zeit, nicht einmal für geschiedene Gattinnen.

“Peter ist nach La Cadière gefahren. Er wird erst nächsten Samstag zurückkommen.”

Britta seufzte. “Von Christopher und diesem verdammten Segeln im Herbst kommt er wohl nie mehr los. Das geht doch jetzt schon seit bald fünfzehn Jahren so.”

Britta demonstrierte immer wieder gern, daß sie über Peters Vorlieben und Besonderheiten bestens informiert war und daß sie ihn überhaupt schon viel länger kannte als Laura.

“Gott sei Dank”, fügte sie nun hinzu, “habe ich ja mit all dem nichts mehr zu tun.”

“Soll ich Peter bitten, Sie anzurufen, wenn er sich bei mir meldet?” fragte Laura, ohne auf die letzte Bemerkung Brittas einzugeben.

“Ja, unbedingt. Die Unterhaltszahlung für Oliver ist noch immer nicht auf meinem Konto eingegangen, und wir haben heute schon den sechsten Oktober!”

“Nun, ich finde…”

“Ich meine natürlich die Zahlung für September. Die ich am ersten September hätte bekommen sollen. Ich denke nicht, daß ich mich deswegen zu früh melde. Die Zahlung ür Oktober ist übrigens auch noch nicht da.”

“Soviel ich weiß, hat Peter dafür einen Dauerauftrag eingerichtet”, sagte Laura, “vielleicht ist der Bank irgendein Fehler unterlaufen.”

“Den Dauerauftrag gibt es schon seit einem Jahr nicht mehr”, erklärte Britta und konnte ihren Triumph über diesen Wissensvorsprung gegenüber der aktuellen Ehefrau kaum verbergen. “Peter überweist selbst und leider fast immer mit einiger Verspätung. Es ist schon manchmal ärgerlich, wie lange ich auf mein Geld warten muß. Es ist auch für Oliver nicht gut. Es erschüttert das Vertrauen, das er trotz allem noch immer in seinen Vater hat, wenn ich ihm erkläre, daß ich ihm irgend etwas nicht kaufen kann, wieder einmal mit dem Unterhalt in Verzug ist!”

Laura mußte sich beherrschen, um ihr nicht eine patzige Antwort zu geben. Sie wußte, daß Britta als Leiterin einer Bankfiliale recht gut verdiente und kaum je in die Verlegenheit kommen dürfte, ihrem Sohn einen Wunsch abschlagen zu müssen, nur weil Peter sein Geld ein paar Tage zu spät überwies. Wenn sie es dennoch tat, so konnte dies nur dem Zweck dienen, das Bild, das Oliver von seinem Vater hatte, negativ zu beeinflussen.

“Ich werde mit Peter sprechen, sowie er sich meldet,” sagte Laura, “er wird Sie dann anrufen. Ich bin sicher, es gibt irgendeine ganz harmlose Erklärung.”

“Vielleicht ruft er ja doch noch heute abend an”, meinte Britta spitz. Aus der Art, wie sich Laura gemeldet hatte, hatte sie natürlich geschlossen, daß Laura dringend auf einen Anruf wartete und schon ein wenig entnervt war. “Ich wünsche es Ihnen jedenfalls. Er kann mich dann morgen zu Hause erreichen. Gute Nacht.” Sie legte auf, noch ehe Laura sich ebenfalls verabschieden konnte.

“Schlange!” sagte Laura inbrünstig und hängte ein.

Peter hätte mir sagen können, daß er den Dauerauftrag gekündigt hat, dachte sie, dann hätte ich jetzt nicht so dumm dagestanden.

Aber hatte sie überhaupt dumm dagestanden? Und war die Kündigung eines Dauerauftrages wichtig genug, daß Peter sich hätte veranlaßt sehen müssen, dies zu erwähnen? Es mochte ihre übliche Empfindlichkeit sein, die wieder einmal das Gefühl aufkommen ließ, schlecht behandelt worden zu sein. Niemand außer ihr hätte so empfunden. Jede andere Frau hätte die Angelegenheit als das gesehen, was sie war: eine Schlamperei mit der Zahlung. Eine Ex-Frau, die Gift spritzte, weil sie sich nicht damit abfinden konnte, daß ihr geschiedener Mann in einer zweiten Ehe glücklich geworden war, während sie selbst wohl für immer allein bleiben würde.

Ich muß aufhören, sagte sich Laura, dieser Frau gegenüber Minderwertigkeitsgefühle zu haben. Sie ist viel älter als ich, sie ist frustriert und wahrscheinlich ziemlich unglücklich. Sie hat sich ihr Leben ganz anders vorgestellt, als es nun verlaufen ist.

Sie schaute noch einmal in Sophies Zimmer, doch dort war alles wie zuvor; die Kleine schlief und hatte heiße, rote Bäckchen, die sie immer bekam, wenn sie sich tief im Traum befand.

Laura ging ins Schlafzimmer. Kurz betrachtete sie das gerahmte Photo von Peter, das auf ihrem Nachttisch stand. Es zeigte ihn an Bord der Vivace, dem Schiff, das ihm und Chritopher gemeinsam gehörte. Eigentlich war auch Christopher auf dem Bild gewesen, aber sie hatte ihn weggeschnitten, und man sah am Rand nur noch ein Stück von seinem Arm und seine Hand. Peter trug ein blaues Hemd und hatte eine weißen, grobgestrickten Pullover lässig um die Schultern geknotet. Er lachte. Seine Haut war gebräunt, er sah gesund und zufrieden aus. Im Einklang mit sich selbst, ungekünstelt und unverstellt. Er hatte sein Vivace-Gesicht. So sah er immer aus, wenn er sich an Bord des Schiffs befand. Manchmal war es, als werde er dann ein neuer Mensch.

“Schiffsplanken unter den Füßen”, pflegte er zu sagen, “ein im Wind flatterndes Segel und die Schreie der Möwen. Mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein.”

Jedesmal tat es ihr weh, daß sie in dieser Aufzählung nicht vorkam. Einmal hatte sie gesagt: “Und mich? Mich brauchst du nicht, um glücklich zu sein?”

Er hatte sie groß angeschaut. “Das ist doch eine ganz andere Ebene. Das weißt du doch.”

Sie legte sich ins Bett und zog die Decke bis zum Kinn. Draußen konnte sie den Regen rauschen hören. Es war kalt im Zimmer, sie hatte den ganzen Tag das Fenster offen gelassen, und die Heizung war noch nicht wieder eingaltet. Aber sicher würde sie gut schlafen können in der frischen Luft.

Sie seufzte, blickte auf das Leuchtzifferblatt des Weckers neben ihrem Bett. Es war zehn Minuten vor elf.

1.3 Sonntag, 7. Oktober

1.3.1

Sie schlief fast gar nicht in dieser Nacht. Zeitweise hatte sie den Eindruck, als betrachte sie das Umspringen der Zahlen auf dem Wecker. Vermutlich war es auch so. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie die Uhr an. Es wurde halb eins. Es wurde eins. Zehn nach eins. Zwanzig nach eins. Halb zwei.

Um Viertel vor zwei stand sie auf und ging in die Küche hinuner, um ein Glas Wasser zu trinken. Sie fror in dem leichten T-Shirt, fand aber ihren Bademantel nicht. Die Fliesen der Küche waren sehr kalt unter ihren nackten Füßen. Sie trank das Wasser in kleinen Schlucken und starrte den Rolladen vor dem Fenster an. Sie wußte, daß ihr Verhalten neurotisch war. Was war schon passiert? Ihr Mann war nicht daheim und hatte vergessen, sie vor dem Einschlafen noch einmal anzurufen. Morgen früh würde er sich melden. Er würde ihr erklären, daß er sich ins Bett gelegt und noch ein wenig gelesen hatte, und daß er darüber plötzlich eingeschlafen sei. Er war zu müde gewesen. Sie erinnerte sich, noch darüber nachgedacht zu haben. Über seine ungewöhnliche Müdigkeit. Er hatte erschöpfter geklungen, als sie ihn je erlebt hatte. Kein Wunder, daß ihm an solch einem Tag ein derartiges Versäumnis unterlief. Daß er anzurufen vergaß. Daß er…

Die Vernunft, mit der sie ihre Unruhe unter Kontrolle hatte bringen wollen, löste sich bereits wieder auf. Die Angst — ein Gefühl hoffnungslosen Alleinseins — schoß wie eine Stichflamme in ihr hoch. Sie kannte dies, es war nicht neu für sie. Die Furcht vor dem Alleinsein hatte sie zeitlebens bebegleitet, und sie hatte nie gelernt, ihrer Herr zu werden. Sie überfiel sie aus heiterem Himmel, und es standen Laura keinerlei Waffen zur Verfügung, sich zu wehren. Auch jetzt brachen ihr Stolz und ihre Vorsicht, die sie den ganzen Abend über noch bewahrt hatte, zusammen. Sie ließ ihr Wasserglas stehen, lief ins Wohnzimmer, griff nach dem Telefonhörer und wählte Peters Handy-Nummer. Wiederum meldete sich am anderen Ende schließlich nur die Mailbox. Diesmal hinterließ sie eine Nachricht.

“Hallo, Peter, ich bin es, Laura. Es ist fast zwei Uhr nachts, und ich mache mir Sorgen, weil du nicht angerufen hast. Und warum gehst du nicht an dein Telefon? Ich weiß, es ist albern, aber…”, sie merkte, daß ihre Stimme weinerlich wie die eines kleinen Kindes klang, “ich fühle mich so allein. Das Bett ist groß und leer ohne dich. Bitte, melde dich doch!”

Sie legte auf. Das Sprechen hatte sie ein wenig erleichtert. Zudem hatte sie seine Stimme in der Ansage gehört, und auch dies hatte etwas von einer Kontaktaufnahme — wenn sie auch höchst einseitig war.

Sie trank sehr selten Alkohol, aber nun schenkte sie sich etwas von dem Schnaps ein, der für Gäste auf einem silbernen Servierwagen stand. Das Zimmer wurde nur beleuchtet von der Lampe, die draußen im Flur brannte, und wie immer, wenn sie hier drinnen stand, erfreute sich Laura an seiner besonderen Schönheit. Das Wohnzimmer war ihr besonders gut gelungen, und das erfüllte sie mit Stolz. Um die Einrichtung des Hauses hatte sie sich praktisch allein gekümmert, damals vor vier Jahren, als sie es gekauft hatten und in den feinen Frankfurter Vorort gezogen waren. Peter hatte zu dieser Zeit besonders viel zu tun gehabt, hatte ihr alles allein überlassen.

“Geld spielt keine Rolle”, hatte er gesagt und ihr seine Kreditkarte in die Hand gedrückt, “kauf, was dir gefällt. Du hast einen wunderbaren Geschmack. Wie immer du es machst, ich werde es lieben.”

Sie war glücklich gewesen, eine Aufgabe zu haben. Für gewöhnlich wurden ihr die Tage oft ein wenig lang; zwar half sie Peters Sekretärin hin und wieder bei der Buchhaltung, aber diese Tätigkeit füllte sie nicht aus und befriedigte sie nicht. Sie war Künstlerin. Es machte ihr keinen Spaß, Papiere zu ordnen, Belege zu sortieren und Zahlenkolonnen zu addieren. Sie tat es, um Peter zu entlasten. Aber ständig wünschte sie, sie könnte…

Nein. Wie üblich brach sie beim Gedanken an ihre eigenen Wünsche sogleich ab. Es war nicht gut, unrealistischen Träumen nachzuhängen. Ihr Leben war wunderbar, ihr Leben war besser als das vieler anderer Menschen. Sie hatte dieses zauberhafte Haus eingerichtet, sie dekorierte es fast täglich um, liebte es, in kleinen Antikgeschäften oder Kunstgewerbeläden zu stöbern, schöne Dinge zu entdecken und nach Hause zu tragen und an dem Nest zu bauen, das sie sich zusammen mit Peter geschaffen hatte.

Wie schön es ist, dachte sie nun wieder, und wie friedlich. Die neuen Vorhänge sehen wunderschön aus.

Sie hatte am Vortag von Peters Abreise geholt, aus einem italienischen Geschäft. Sie waren sündteuer gewesen, aber sie fand, daß sie ihr Geld wert waren. Mit großer Mühe hatte sie sie aufgehängt und abends darauf gewartet, was Peter sage würde, aber er hatte sie zunächst überhaupt nicht bemerkt. Er war sehr in Gedanken gewesen, als er gegen acht Uhr aus dem Büro kam. Irgend etwas schien ihn heftig zu beschäftigen; Laura nahm an, daß es die bevorstehende Reise war. Jetzt, da sie so im Wohnzimmer stand und ihren Schnaps trank, langsam und widerwillig, weil sie Schnaps eigentlich nicht mochte, sah sie es wieder genau vor sich: Sie standen hier gemeinsam, fast an der gleichen Stelle, an der sie nun allein stand.

“Fällt dir nichts auf?” fragte sie.

Peter sah sich um. Sein Gesicht war müde, er schien geistesabwesend. “Nein. Sollte mir etwas auffallen?”

Sie war natürlich etwas enttäuscht, aber sie sagte sich, daß er in Gedanken längst auf dem Segelboot war, und daß ihm die Vorfreude auf seinen Urlaub auch zustand.

“Wir hatten doch immer gesagt, daß die blauen Vorhänge nicht so schön zum Teppich passen”, half sie ihm auf die Sprünge.

Endlich glitt sein Blick zu den Fenstern.

“Oh”, sagte er, “neue Vorhänge.”

“Gefallen sie dir?”

“Sie sind sehr schön. Wie gemacht für dieses Zimmer.” Irgendwie klang es unecht. Als täusche er nur vor, erfreut zu sein. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein.

“Ich habe sie aus diesem italienischen Einrichtungsgeschäft. Weißt du? Ich hatte dir davon erzählt.”

“Ja, richtig. Sehr apart, wirklich.”

“Ich habe dir die Rechnung auf den Schreibtisch gelegt,” sagte sie.

“Okay.” Er nickte zerstreut. “Ich werde jetzt meine Sachen für die Reise packen. Ich will nicht zu spät ins Bett.”

“Könntest du die Überweisung noch fertig machen? Sonst wird es vielleicht ein bißchen spät, bis du wieder zu Hause bist.”

“Alles klar. Ich denke daran.” Er verließ langsam das Zimmer.

Die Überweisung fiel ihr nun auf einmal wieder ein. Paradoxerweise hatte ihr der Alkohol einen klaren Kopf verschafft. Die kurze panische Anwandlung wegen ihres Alleinseins war verschwunden. Sie konnte wieder nüchtern denken, und obwohl die Frage nach der Rechnung nicht wirkclich bedeutsam war, ging sie hinüber ins Arbeitszimmer, um nachzusehen, ob sie erledigt war.

Das Arbeitszimmer war ein kleiner Raum zwischen Küche und Wohnzimmer, zum Garten bin ganz verglast und ursprünglich als eine Art Wintergarten gedacht. Laura hatte einen schönen alten Sekretär, den sie vor Jahren in Südfrankreich entdeckt hatte, hineingestellt, dazu ein hölzernes Regal und einen kuscheligen Sessel. Sie teilte sich dieses Zimmer mit Peter: Hier machte sie die Buchhaltung, hier arbeitete Peter an den Wochenenden oder am Abend.

Sie knipste das Licht an und sah sofort, daß die Rechnung noch auf dem Tisch lag. Genau da, wo sie sie hingelegt hatte. Vermutlich hatte Peter sie nicht einmal angesehen, geschweige denn bezahlt.

Es war ein ungünstiger Tag, dachte sie, so kurz vor der Abreise. Da hatte er einfach andere Dinge im Kopf.

Langsam stieg sie wieder die Treppe hinauf. Vielleicht würde der Schnaps ihr helfen, endlich einzuschlafen.”

Es blieb bei dem Wunsch. Sie lag wach bis zum Morgengrauen. Um sechs Uhr stand sie auf, vergewisserte sich, daß Sophie noch schlief, und ging ’zum Joggen. Es regnete noch immer, und der Wind schien kälter geworden zu sein seit dem vergangenen Tag.

1.3.2

Es regnete an diesem Sonntagmorgen auch an der Côte de Provence. Nach der langen trockenen, sommerlichen Periode brachte diese zweite Oktoberwoche nun den Wetterwechsel. Die Natur brauchte den Regen zweifellos.

Die Wolken ballten sich an den Bergen des Hinterlandes, hingen schwer über den Hängen. Die Weinberge mit ihrem bunten Laub leuchteten nicht wie sonst in der Herbstsonne, sondern blickten trübe unter nassen Schleiern hervor. Auf Straßen und Feldwegen standen Pfützen. Der Wind kam von Osten, was bedeutete, daß sich das schlechte Watter zunächst festsetzen würde.

Cathérine Michaud war früh aufgestanden, wie es ihre Gewohnheit war. Blieb sie zu lange wach im Bett liegen, konnte sie allzu leicht ins Grübeln geraten, und das war gefährlich. Am Schluß fing sie an zu weinen oder steigerte sich in das ohnehin stets latent vorhandene Gefühl von Haß und Verbitterung hinein und wußte dann kaum noch wohin mit ihren aufgewühlten Emotionen.

Sie hatte sich einen Kaffee gemacht und war, die Finger an der Tasse wärmend, in ihrer Wohnung auf und ab gegangen, von der Küche ins Wohnzimmer, dann ins Schlafzimmer, dann wieder in die Küche. Das Bad hatte sie gemieden. Cathérine haßte das Bad in dieser Wohnung. Es erinnerte sie an eine Art hohe, enge Schlucht, in die von irgendwoher ganz weit oben ein Streifen fahles Licht einsickerte. Der Boden bestand aus kalten, grauen Steinfliesen, in die der Schmutz ganzer Generationen von Bewohnern eingedrungen war und sich nicht mehr entfernen ließ. Die blaßgelben Kacheln, die einen knappen Meter hoch die Wände ringsum bedeckten, hatten abgeschlagene Ecken, und in eine Kachel, gleich neben dem Waschbecken, hatte irgendeiner von Gathérines Vorgängern ein aggressives Fuck you eingeritzt. Cathérine hatte versucht, direkt darüber einen Handtuchhalter anzubringen, um die Obszönität mit ihrem Badetuch zu verdecken, aber der Haken war nach zwei Tagen herausgebrochen, und das nun in der Wand gähnende Loch machte die Sache nicht besser.

Das Fenster befand sich so weit oben, daß man auf die Toilette steigen mußte, um es zu öffnen. Stand man am Waschbecken vor dem Spiegel, dann fiel das Licht von dort in einem höchst ungünstigen Winkel auf das Gesicht. Man sah immer hoffnungslos grau und elend aus und Jahre älter, als man tatsächlich war.

Der Spiegel war es auch, der Cathérine an diesem Morgen das Bad meiden ließ. Mehr noch als die atemberaubende Häss lichkeit des Raums machte ihr heute ein Blick auf das eigene Gesicht zu schaffen — wie an vielen anderen Tagen allerdings auch. In der vergangenen Woche hatte sie sich noch ein wenig besser gefühlt, aber in der letzten Nacht war sie aufgewacht von einem Brennen im Gesicht, ein Gefühl, als sei nicht ihr Körper, aber ihre Haut von einem Fieber befallen. Sie hatte leise ins Kissen gestöhnt, hatte sich mühsam beherrscht, nicht die Fingernägel ihrer beider Hände in ihre Wangen zu schlagen und sich in ihrer Verzweiflung die Haut von den Knochen zu fetzen. Es war wieder losgegangen. Warum eigentlich hoffte sie immer wieder in den Phasen der Ruhe, die Krankheit habe sie dieses Mal endgültig verlassen, sei zum Erliegen gekommen, habe beschlossen, sich mit dem zu begnügen, was sie bereits angerichtet hatte? Gott — oder wer auch immer dahintersteckte — könnte den Spaß verlieren, könnte endlich zufrieden sein mit seinem Werk der Zerstörung und sich einem neuen Opfer zuwenden. Die Hoffnung hatte sich noch jedes Mal als trügerisch erwiesen. Im Abstand von wenigen Wochen — im Höchstfall mochten es zwei oder drei Monate sein — brach die Akne über Nacht aus; heimtückisch verschonte sie Rücken, Bauch und Beine und konzentrierte sich ganz auf Gesicht und Hals, tobte sich dort aus, wo es für Gathérine keine Möglichkeit gab, die häßlichen eitrigen Pusteln zu verstecken. Sie blühte einige Tage lang und ebbte dann langsam ab, hinterließ Narben, Krater, Erhebungen, Rötungen und undefinierbare Flecken. Cathérine litt seit ihrem dreizehnten Lebensjahr unter der Krankheit, und heute, mit zweiunddreißig Jahren, sah ihr Gesicht aus, als sei sie Opfer eines grausamen Anschlags geworden. Sie war entstellt, auch in den Phasen, in denen die Akne ruhte. Mit dicken Schichten von Make-up und Puder konnte sie die dann jedoch wenigstens notdürftig tarnen. lm Akutzustand hatte das keinen Sinn und verschlimmerte alles nur noch.

Das Jucken in ihrem Gesicht und die engen Wände ihrer düsteren, alten Wohnung machten sie bald so nervös, daß sie beschloß, trotz allem hinauszugehen und in einem Café an der Hafenpromenade zu frühstücken. Ihre Wohnung – in einer der engen, dunklen Gassen der Altstadt von La Ciotat gelegen — war von so bedrückender Atmosphäre, daß sie es manchmal kaum mehr ertragen konnte. Im Sommer, wenn das Land in der Hitze stöhnte, mochten jedoch Schatten und Kühle dort noch angenehm sein. Im Herbst und und Winter herrschte eine Stimmung tiefster Depression.

Sie zog einen leichten Mantel an und schlang einen Schal um den Hals, zog ihn dann hinauf und versuchte, Kinn und Mund notdürftig damit abzudecken. Die Gasse, die sie empfing, war feucht und lichtarm. Die Häuser standen sich dicht gegenüber und schienen sich einander zuzuneigen. Der Regen fiel fein und stetig. Mit raschen Schritten und gesenktem Kopf hastete Cathérine durch die Straßen, auf denen sich an diesem frühen Morgen und bei dem schlechten Wetter glücklicherweise kaum Menschen aufhielten. Ein älterer Mann kam ihr entgegen und glotzte sie an. Sie merkte, daß ihr Schal verrutscht war. Sie wußte, wie abstoßend ihre Haut aussah. Fast konnte sie es den Leuten nicht verdenken, daß sie zurückzuckten.

Sie atmete leichter, als sie aus der letzten Häuserreihe heraustrat und das Meer vor sich sah. Träge schwappte es gegen die Kaimauern, grau wie der Himmel, ohne das Leuchten, das ihm sonst entstieg. Die gewaltigen Kräne im Hafen ragten vor der Kulisse des Adlerfelsens empor; Relikt aus dem Krieg, von den Nazis errichtet und so gründlich verankert, daß es ein Vermögen kosten würde, sie zu entfernen; sie blieben also und sorgten in ihrer stählernen Häßlichkeit dafür, daß La Ciotat niemals ein attraktiver Touristenort am Mittelmeer werden konnte, daß ihm für immer der Eindruck einer grauen Arbeiterstadt anhaften würde.

Eine häßliche Stadt, dachte Cathérine, wie geschaffen für eine häß liche Frau.

Sie ging ins Bellevue schräg gegenüber vom Hafen, das einzige Café, das am Sonntag zu dieser frühen Stunde schon geöffnet hatte. Der Wirt kannte sie seit Jahren, sie konnte sich also mit ihrem entstellten Gesicht zeigen. Sie setzte sich n eine der hinteren Ecken und zog den Schal vom Hals.

“Einen café crème”, sagte sie, und ein Croissant.”

Philpe, der Wirt, musterte sie mitleidig. “Wieder mal schlimm heute, nicht?”

Sie nickte, bemühte sich um einen leichten Ton. “Kann man nichts machen. Die Geschichte behält ihren Rhythmus. Ich war eben wieder fällig.”

“Ich bringe Ihnen jetzt einen richtig schönen Kaffee”, sagte Philipe eifrig, “und mein größtes Croissant.”

Er meinte es gut, aber sein offensichtliches Mitleid tat ihr weh. Es gab nur diese zwei Möglichkeiten, wie Menschen mit ihr umgingen: voller Mitleid oder mit Abscheu.

Manchmal wußte sie nicht, was schwerer zu ertragen war.

Das Bellevue hatte eine überdachte Terrasse zur Straße hin, die in der kalten Jahreszeit mit einer durchsichtigen Kunststoffwand nach vorn geschützt war. Cathérine konnte die Straße beobachten, die sich allmählich etwas stärker bevölkerte. Zwei Joggerinnen, begleitet von einem kleinen, wieselflinken Hund, trabten vorüber; ab und zu kam ein Auto vorbei; ein Mann mit einem riesigen Baguette unter dem Arm schlug den Weg in Richtung Altstadt ein. Cathérine stellte sich vor, wie sehnsüchtig er daheim erwartet wurde, von seiner Frau und seinen Kindern. Ob er eine große Familie hatte? Oder vielleicht war er nur mit einer Freundin zusammen, einer hübschen, jungen Frau, die noch im Bett lag und schlief und die er mit einem Frühstück überraschen wollte. Sie hatten einander geliebt in der Nacht, der Morgen danach war friedlich, und den Regen bemerkten sie kaum. Die junge Frau hatte wahrscheinlich rosige Wangen, und er sah sie ebenso verliebt wie bewundernd an.

Sie haßte solche Frauen!

“Ihr Kaffee”, sagte Philipe, “und Ihr Croissant!”

Schwungvoll stellte er beides vor sie hin, schaute dann sorgenvoll hinaus. “Heute regnet es nur einmal”, prophezeite er.

Sie rührte ein einsames Stück Zucker in ihre einsame Tasse, spürte, daß Philipe noch etwas sagen wollte, und hoffte, er werde es nicht tun, weil es nur wieder zu neuen Schmerzen führen konnte.

“Mit Ihrem Gesicht”, sagte er verlegen und konnte sie dabei nicht ansehen, “ich meine, was sagen die Ärzte denn da? Sie gehen doch sicher zu Ärzten?”

Ihr lag eine patzige Antwort auf den Lippen, aber sie schluckte sie hinunter. Philipe konnte nichts für ihr Elend, und zudem mochte sie sich mit ihm nicht überwerfen. Wenn sie in seine Kneipe nicht mehr gehen konnte, hatte sie keinen Anlaufort mehr außerhalb ihrer Wohnung.

“Natürlich”, sagte sie, “ich war bei unzähligen Ärzten. Ich glaube, es gibt kaum etwas, was nicht probiert wurde. Aber…” Sie zuckte mit den Schultern. “Man kann mir nicht helfen.”

“Das gibt es doch gar nicht”, ereiferte sich Philipe. “Daß eine Frau so herumlaufen muß…Ich meine, die können zum Mond fliegen und Herzen transplantieren…aber mit so einer Geschichte werden sie nicht fertig!”

“Es ist aber so”, sagte Cathérine und fragte sich, was sie seiner Ansicht nach auf seine Bemerkungen hin erwidern sollte. “Ich kann nur hoffen, daß irgendwann ein Arzt einen Weg findet, mir zu helfen.”

“Woher kommt das denn?” Philipe hatte nun eine Hemmschwelle überschritten, starrte sie unverhohlen an und verbiß sich in das Thema. “Dazu muß es doch eine Theorie geben?”

“Da gibt es viele Theorien, Philipe. Sehr viele.” Sie sah, daß eine Frau mit zwei Kindern den Raum betrat, und hoffte inständig, Philipe werde sich nun diesen neu hinzugekommenen Gästen zuwenden. “Es wird schon alles werde,” meinte sie in abschließendem Ton und hätte am liebsten zu heulen begonnen. Ihr Gesicht brannte wie Feuer.

“Nur den Kopf nicht hängen lassen”, sagte Philipe und ließ sie endlich in Ruhe. Sie atmete tief. Für den Moment tendierte sie wieder einmal dazu, Mitleid schlimmer zu finden als Abscheu.

Die beiden Kinder starrten zu ihr herüber. Sie mochten acht und neun Jahre alt sein, zwei hübsche Mädchen mit dunklen Locken und etwas mißmutigen Gesichtern.

“Was ist mit der Frau?” fragte die Jüngere und zupfte am Ärmel ihrer Mutter. “Mama, was ist denn mit ihrem Gesicht?”

Der Mutter war die laute Frage der Tochter sichtlich peinlich. Sie zischte ihr zu, sie solle den Mund halten. ”Jetzt sieh doch nicht dauernd hin. Das tut man nicht. Das ist eine ganz arme Frau, da darf man nicht so taktlos sein!”

Ihr Gesicht brannte heftiger. Sie wagte nicht mehr, von ihrer Kaffeetasse aufzublicken. Der Appetit auf das Groissant war ihr vergangen. Aber auch das Bedürfnis zu heulen. Jetzt spürte sie wieder den Haß, der so häufig neben der Traurigkeit ihr Begleiter war. Den Haß auf alle, die gesund waren, die schön waren, die geliebt wurden, die begehrt wurden, die ihr Leben genießen konnten.

Warum, murmelte sie unhörbar, warum denn nur?

“Darf ich mich zu dir setzen?” fragte eine Männerstimme, und sie schaute hoch. Es war Henri, und obwohl er sie länger kannte als irgendein Mensch sonst, vermochte er für eine Sekunde nicht sein Erschrecken über ihr Gesicht zu verbergen.

“Ach, Cathérine”, sagte er hilflos.

“Setz dich!” Sie wies auf den Stuhl gegenüber. Sie konnte es mehr spüren als sehen, daß die Mutter der zwei neugierigen Mädchen jetzt ebenso gebannt wie überrascht herüberschaute. Henri war ein sehr gutaussehender Mann. Nicht die Art Mann, die man ihr zugetraut hätte. Und daß er Cousin war, stand ihm nicht auf die Stirn geschrieben.

“Ich habe erst an deiner Wohnung geklingelt”, berichtete Henri, “als du dort nicht warst, beschloß ich, hier nachzusehen.”

“Andere Möglichkeiten gibt es ja auch kaum.” Siie schob ihm ihr Croissant hin. “Hier. Iß es. Ich habe keinen Hunger.”

“Du solltest aber…”

“Ich möchte nicht. Also iß es oder laß es stehen.”

Er machte sich über das Gebäck her wie ein Verhungernder. “Was treibt dich so früh auf die Beine?” fragte sie.

“Das wirst du dir denken können. Ich habe keine Sekunde geschlafen in der letzten Nacht.”

“Henri, ich…”

“Nicht.” Er machte eine Handbewegung, die ihr sagte, sie solle still sein. “Ich möchte nicht reden.”

“Wo ist Nadine?”

“Sie hat gestern am frühen Abend das Haus verlassen, ist aber heute früh neben mir aufgewacht. Dann ist sie gleich zu ihrer Mutter gefahren.”

“Hast du mit ihr…”

Sein bleiches, müdes Gesicht war wie versteinerrt. “Ich möchte nicht darüber reden!”

“Okay. Okay.” Sie wußte, daß es jetzt keinen Sinn hatte. Irgendwann würde er reden wollen, und dann würde er zu ihr kommen. “Du siehst so elend aus”, sagte sie nur leise.

“Ich brauche deine Hilfe. Könntest du mir heute in der Küche helfen? Nadine ist, wie gesagt, bei ihrer Mutter, und ich fürchte, bei dem schlechten Wetter wird der Laden brummen. Ich kann das allein nicht schaffen. Ich weiß, du hast mir erst am Freitag ausgeholfen, aber…”

“Kein Problem. Ich hätte dir auch gestern abend geholfen. Wenn Nadine nicht da war, hattest du sicher Schwierigkeiten. Warum hast du mich nicht angerufen?” “Du hättest mit mir darüber sprechen wollen. Und ich wollte das nicht.”

“Wann soll ich heute dasein?”

“Könntest du ab elf Uhr?”

Sie lächelte bitter. “Hast du einmal erlebt, daß ich nicht kann? Ich warte doch nur darauf, gebraucht zu werden.”

Er seufzte. Sein Gesicht verriet aufrichtigen Kummer. “Ich habe dich enttäuscht, das weiß ich. Ich war zu schwach. Du ahnst nicht, wie oft ich wünsche und gewünscht habe…’

“Was? Alles anders gemacht Zu haben?”

“Nein. Als der Mensch, der ich bin, hätte ich es nicht anders machen können. Schwäche ist ein Teil meines Lebens, meines Charakters, meiner Wesensstruktur. Mein Wünschen geht daher viel weiter. Ich wünschte, ich wäre ein anderer Mensch. Nicht Henri Joly aus La Ciotat. Sondern ich…ich weiß nicht…Jean Dupont aus Paris!”

“Wer ist Jean Dupont aus Paris?”

“Ich habe ihn eben erfunden. Jean Dupont ist Manager in einer großen Firma. Er ist ehrgeizig und ziemlich skrupellos, ein knallharter Verhandler, eher gefürchtet als geliebt, aber jeder versucht sich bei ihm einzuschmeicheln. Er sitzt im Vorstand, und allgemein werden ihm gute Chancen eingeräumt, irgendwann den Vorstandsvorsitz zu übernehmen. Wie findest du Jean?”

Cathérine lächelte, und diesmal war ihr Lächeln weich, verlieh ihrem Gesicht einen Ausdruck, der etwas davon verriet, wie sie hätte aussehen können ohne die Krankheit und ohne die tiefe Bitternis in ihren Zügen: Sie hätte eine aparte Frau sein können, und vielleicht wären den Menschen ihre schönen Augen aufgefallen.

“Ich mag Jean nicht”, sagte sie, “im Gegenteil, ich glaube, er ist mir sogar zutiefst unsympathisch. Das mag daran liegen, daß mir Henri so sehr ans Herz gewachsen ist, und daß ich ihn um nichts anders haben möchte, als er ist.”

Henris Kaffee wurde unaufgefordert gebracht. Wie immer trank er ihn schwarz, ohne Milch und Zucker. Cathérine wußte seit Jahren, wie er seinen Kaffee mochte: sehr stark und sehr bitter. Manchmal träumte sie davon, wie es währe, ihm seinen Kaffee morgens zu kochen, mit ihm am Frühstückstisch zu sitzen, ihm seine Tasse einzuschenken. Sie hätte ihm sein Baguette aufgeschnitten, Butter und Honig darauf gestrichen. Er liebte Honig-Baguette. Auch diese Vorliebe kannte sie.

Er griff den Satz auf, den sie zuletzt gesagt hatte. “Dieser Henri, den du nicht anders haben möchtest…er hat dich tief enttäuscht…”

Sie wehrte sofort ab, benutzte unwillkürlich seine zuvor geäußerten Worte. “Ich möchte nicht darüber rededen. Bitte nicht!”

“In Ordnung.” Er trank mit wenigen Schlucken seinen Kaffee, schob dann die Tasse zurück, legte ein paar Francs auf den Tisch und stand auf. “Wir sehen uns nachhher? Ich danke dir, Cathérine.” Flüchtig strich er ihr über die Haare, ehe er die Kneipe verließ. Die Mutter in der anderen Ecke starrte hinter ihm her. So, wie alle Frauen immer hinter ihm hergestarrt hatten.

Und ich, dachte Cathérine voller Trostlosigkeit, habe wirklich einmal geglaubt, er würde mich heiraten.

1.3.3

Nadine bereute es bereits zehn Minuten nach ihrer Ankunft, daß sie ihrer Mutter gefahren war. Wie üblich fühlte sie sch nicht besser, sondern schlechter, und sie fragte sich, weshalb sie einen Fehler, den sie kannte, mit solcher Beharrlichkeit wiederholte.

Allerdings war sie an diesem Tag vielleicht auch nicht wirhlich zurechnungsfähig. Es war klar, daß sie etwas Unüberlegtes hatte tun müssen. Womöglich hätte ihr sogar Schlimmeres passieren können, als im trostlosen Haus ihrer Mutter zu landen.

Wie oft hatte sie schon auf sie eingeredet, aus dem abseits gelegenen kleinen Haus in Le Beausset auszuziehen. Was hielt sie nur in dem verfallenen Schuppen, der allmählich völlig zugewuchert wurde von der Wildnis des riesigen Gartens. Das Haus lag in einer Art Schlucht, von seinen Fenstern aus hatte man keinen anderen Blick als den auf die hohen, steilen Felsen, die in den Himmel ragten und jede weitere Sicht verhinderten. Die Schlucht war zudem dicht bewaldet und selbst an klaren Hochsommertagen von einer beklemmenden Düsternis. An einem verregneten Herbsttag wie diesem erreichte die Trostlosigkeit den Höhepunkt.

In der Küche war es kalt, und es roch nach irgendeiner verdorbenen Speise. Nadine behielt ihre warme Jacke an, grub sich immer tiefer in sie hinein und konnte doch nicht aufhören zu frieren. Die uralten steinernen Mauern schirmten im Sommer so erfolgreich die Sonnenhitze ab, daß es immer feucht und dunkel im Inneren des Hauses blieb. Im Herbst und im Winter hätte der große steinerne Kamin in der Küche stets beheizt sein müssen, damit sich die Bewohner einigermaßen wohl hätten fühlen können. Aber schon in Nadines Kinderzeit war dies selten der Fall gewesen. Ihr Vater war wegen seiner zahllosen außerehelichen Affären fast nie dagewesen, und ihre Mutter hatte lamentiert und gehadert und war meist zu überfordert gewesen, um sich auch noch um eine Nebensächlichkeit wie ein Feuer im Ofen zu kümmern. Nadine hatte bereits mit zwölf Jahren beschlossen, daß sie ihre Familie so schnell wie möglich verlassen wollte.

Auch heute sah sie sich wieder um und dachte voller Bitterkeit: So dürfte man ein Kind nicht aufwachsen lassen.

Marie Isnard trat mit der Kaffeekanne an den Tisch. “Hier, Kind. Das wird dir guttun.” Sie musterte ihre Tochter besorgt. “Du siehst sehr blaß aus. Hast du überhaupt geschlafen in der letzten Nacht?”

“Nicht so gut. Vielleicht liegt es am Wetter. Ich habe immer Probleme, wenn der Sommer in den Winter übergeht. Ist nicht meine beste Zeit.”

“Heute ist es besonders häßlich”, meinte Marie. Sie war im Bademantel, Nadine hatte sie noch im Bett angetroffen. “Mit Henri ist doch aber alles in Ordnung?”

“Es ist langweilig wie immer.”

“Na ja, nach fünfzehn Jahren da ist keine Beziehung mehr aufregend.”

Marie setzte sich ebenfalls an den Tisch, schenkte sich und ihrer Tochter Kaffee ein. Sie hatte sich weder gewaschen noch gekämmt und sah nicht aus wie fünfzig, sondern wie Mitte sechzig. Um die Augen herum war sie stark verquollen, doch Nadine wußte, daß ihre Mutter nie Alkohol anrührte und daß die hängenden Lider und die dicken Tränensäcke nicht von derlei Ausschweifungen herrühren konnten. Marie mußte wieder einmal stundenlang geweint haben. Sie würde sich eines Tages noch einmal die Augen aus dem Kopf weinen.

“Mutter”, sagte Nadine, “warum gehst du nicht endlich fort aus diesem Haus?”

“Darüber haben wir schon so oft gesprochen. Ich lebe jetzt seit über dreißig Jahren hier. Warum sollte ich mich noch verändern?”

“Weil du mit fünfzig Jahren keine alte Frau bist, die sich in einer Einöde verkriechen sollte. Du könntest noch so viel aus deinem Leben machen.”

Marie fuhr sich mit den gespreizten Fingern ihrer linken Hand durch die Haare. Ihre kurz geschnittenen, fast schwarzen Locken standen wie ein Staubwedel in die Höhe. “Schau mich doch an! Was sollte ich denn noch aus meinem Leben machen?”

Tatsich war sie noch immer eine recht attraktive Frau, dies verbargen nicht einmal ihre schlampige Aufmachung und die verschwollenen Augen. Nadine wußte, daß ihre Mutter, Weinbauerntochter aus Cassis, einst als eines der schönsten Mädchen der Gegend gegolten hatte, und dies, wie Photos bewiesen, zu Recht. Sinnlich, lebensfroh, tatkräftig und ungeheuer strahlend. Kein Wunder, daß sich der ebenso sinnenfrobe und begehrte Michel Isnard in sie verliebte und sie schwängerte, als sie kaum siebzehn war. Auf das heftige Betreiben von Maries Vater heirateten die beiden und mußten sodann für sich und Baby Nadine eine Bleibe suchen.

Naddine verzieh es ihrem Vater später nie, daß er sich zu dieser Zeit plötzlich ein romantisches, altes Gemäuer in der Einsamkeit in den Kopf gesetzt hatte. Marie erzählte immer, er habe auf einmal nur noch von einem großen Stück Land geschwärmt, von Ziegen und Hühnern und einem Haus, das den Charme lang vergangener Zeiten atme…

So waren sie an die Bruchbude in Le Beausset gekommen, und Michel hatte verkündet, er werde den Innenausbau in Eigenarbeit übernehmen und ihnen ein gemütliches, schönes Zuhause schaffen. Es blieb im wesentlichen bei der Absichtserklärung. Michel hatte sich noch nie für körperliche Arbeit begeistern können. Intensiver denn je kümmerte er sich um sein kleines Antiquitätengeschäft in Toulon, war den ganzen Tag fort und schließlich auch die halben Nächte, und Nadine begriff erst nach Jahren, daß er sich in den späten Stunden vorwiegend attraktiven, jungen Touristinnen widmete, durch Kneipen, Diskotheken und Betten zog. Zu jener Zeit fing Marie an, nachts ihre Kissen naß zu weinen, und in gewisser Weise hörte sie damit nie wieder auf. Sie kümmerte sich um den unüberschaubar großen Garten, um die Hühner und Ziegen, die sich Michel so dringend gewünscht hatte, und um das kleine Mädchen, dessentwegen sie mit Anfang zwanzig bereits in einer unglücklichen Ehe festhing und anfing, verhärmt auszusehen.

Sie hatten kein fließendes Wasser im Haus, keinen Strom und nur ungenügend schließende Fenster. Michel hatte begonnen, ein Badezimmer anzulegen, war der Arbeit jedoch auf halbem Wege überdrüssig geworden. Ein paar Kacheln klebten an den Wänden, der Lehmfußboden wurde zur Hälfte von Fliesen bedeckt. Einmal — Nadine war sechs gewesen — brachte er stolz einen Spiegel mit nach Hause, eine schön gerahmte Antiquität.

“Für dich”, sagte er zu Marie, die zwei Nächte lang nicht gewußt hatte, wo er war, und verschwollene Augen hatte, “für dein Badezimmer.”

Es war das erste und einzige Mal gewesen, daß Nadine ihre Mutter als Furie erlebt hatte. Marie hatte ihren Mann angestarrt, als könne sie nicht fassen, was er da gerade sagte, oder als könne sie nicht begreifen, wie er sie derart arglos anlächeln konnte. Dann nahm sie den Spiegel in ihre beiden Hände und schmetterte ihn mit aller Kraft auf den steinernen Küchenfußboden. Glas und Rahmen sprangen in tausend Stücke.

“Mach das nie wieder!” brüllte sie. Die Adern auf ihrer Stirn traten hervor, und ihre Stimme überschlug sich. “Wage es nicht, mich noch einmal so zu beleidigen! Behalte deinen Mist für dich! Ich will keine Geschenke, ich will nichts! Nicht von dir! Ich kann auf dein dummes Grinsen verzichten, und auf dein Gesäusele und auf all das, was ohnehin nichts wert ist!”

Nadine war in ihr Zimmer geflüchtet und hatte sich die Ohren zugehalten. Irgendwann, als es schon lange ganz still war im Haus, hatte sie sich wieder hervorgewagt und war in die Küche geschlichen. Marie saß am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, und weinte. Um sie herum lag der Scherbenhaufen des zerbrochenen Spiegels. Von Michel war nichts zu sehen.

“Mama”, sagte sie leise, “was ist denn los? Warum hast du dich nicht über Papas Geschenk gefreut?”

Marie blickte auf. Nadine fragte sich zum erstenmal, wie ihre Mutter wohl aussah, wenn sie keine verweinten Augen hatte.

“Das verstehst du nicht”, sagte sie, “du bist noch zu klein. Eines Tages wirst du es begreifen.”

Und irgendwann hatte Nadine es begriffen. Sie hatte begriffen, daß es im Leben ihres Vaters ständig andere Frauen gab, daß er ein Leichtfuß war, daß er seinen Launen nachgab, wie es ihm paßte, daß er sorglos in den Tag hineinlebte und sich kaum je Gedanken um andere Menschen machte. Er hatt das schönste Mädchen zwischen Toulon und Marseille geheiratet, aber sie vergraulte ihn mit ihrem dauernden Gejammere, ihren Vorwürfen, ihrem Nörgeln.

Als Nadine vierzehn war und nichts stärker ersehnte, als das Leben, das sie führte, endlich verlassen zu können, verliebte sich Michel in eine Boutiquebesitzerin aus Nizza und zog vom einem Tag zum anderen bei ihr ein. Er verpachtete sein Antiquitätengeschäft und erzählte jedem, ob er es hören wollte oder nicht, er habe die Frau seines Lebens gefunden. Anfangs tauchte er noch einige Male vor Nadines Schule auf, fing seine Tochter ab, ging mit ihr in ein Café oder zum Essen und berichtete ihr in schwärmerischen Worten, wie wunderbar sich sein Dasein gefügt habe. Aber diese Besuche wurden immer seltener, und schließlich erschien er gar nicht mehr.

Nadine hatte Marie damals immer wieder bestürmt, sich scheiden zu lassen und endlich in eine gemütliche Wohnung am Meer zu ziehen.

“Hier ist es doch furchtbar! Hier versauern wir! Es ist nichts los, und dieses Haus ist einfach schrecklich. Und wieso willst du noch an einen Mann gebunden bleiben, der dich nur enttäuscht und betrogen hat?”

Aber die vielen Jahre der Frustration und des unaufhörlichen Weinens hatten Marie alle Kraft gekostet. Sie brachte die Energie nicht mehr auf, eine Veränderung in ihrem Leben herbeizuführen. Sie fand sich mit dem Haus ab, mit der Einsamkeit, mit all den nicht eingehaltenen Versprechungen, von denen es wimmelte in ihrem Leben. Was keineswegs hieß, daß sie aufhörte zu weinen. Sie hatte sich auch mit den Tränen abgefunden, sie waren fester Bestandteil ihres Alltags. Nadine hatte manchmal den Eindruck, ihre Mutter weinte, wie andere rauchten, tranken oder sich sonst irgendeinem Laster hingaben. Wenn sie ihre Arbeit getan hatte, oder wenn sie auch nur ihre Arbeit unterbrach und sich einen Moment ausruhte, setzte sie sich an den Küchentisch und weinte. Nach einer Weile stand sie auf und machte weiter.

Mit achtzehn beendete Nadine die Schule und hatte alles gründlich satt. Das häßliche, bröckelnde Haus, das nur aus Provisorien bestand. Den ewigen Geldmangel, der von der Tatsache ausging, daß Marie nichts verdiente und sie auf die unregelmäßig eintreffenden Zahlungen Michels angewiesen waren und auf das, was Maries Vater zuschoß, wofür jedoch langwieriges Bitten und Betteln notwendig waren. Sie hatte die Tränen ihrer Mutter satt und die trostlose Eintönigkeit eines jden Tages.

Heute sie oft, sie hätte Henri nie geheiratet, wäre es ihr nicht als die einzige Möglichkeit erschienen, den heimatlischen Staub von den Füßen zu schütteln.

“Weißt du, Kind”, sagte Marie nun, “du rätst mir immer, was ich tun soll, um glücklicher zu werden. Aber die Wahrheit ich doch die, daß ich mein Leben gelebt habe. Du hingegen hast deines noch vor dir!”

“Ich bin dreiunddreißig!”

“Da steht dir wirklich noch alles offen. Wenn du es klüger anstellst als ich. Mit dreiunddreißig hatte ich eine fast erwachsene Tochter und war von meinem Mann sitzen gelassen worden, nachdem er mir jahrelang das Leben zur Hölle gemacht hatte. Aber…”

“Ganz richtig”, unterbrach Nadine, “deine Tochter war fast erwachsen. Du warst frei. Aber du hast dich nicht bewegt.”

Marie stellte ihren Becher mit Kaffee, den sie gerade hatte zum Mund führen wollen, mit einem Klirren auf den Tisch.

“Dein Vater”, sagte sie heftig, “hat mir Tatkraft, Energie, Lebensfreude langsam aus allen Gliedern gesaugt. Er hat mich zerstört. Mit dreiunddreißig war ich verbittert und ohne Mut. wenige Jahre später eine alte Frau. Doch bei dir ist das anders. Du bist glücklich mit Henri. Er ist ein wunderbarer Mann. Von Anfang an hat er dich auf Händen getragen. Es gibt keinen Grund, warum du…”

“Ja? Was wolltest du sagen?”

“Du siehst miserabel aus, um ganz ehrlich zu sein. Das fiel mir schon bei deinem letzten Besuch auf, und der liegt fast acht Wochen zurück. Da war das Wetter wunderschön, und vom Übergang in den Herbst konnte noch keine Rede sein. Trotzdem hattest du eine Leichenbittermiene…Was ist los? Da sind Furchen um deinen Mund, die bekommen zehn Jahre später.”

“Ach Gott, Mama!” Nadine stand auf. Sie hatte stark abgenommen in den letzten Wochen und wußte, daß sie ungeheuer zerbrechlich aussah. Die vergangene Nacht hatte sie ihre letzten Kräfte gekostet. Sie war verzweifelt und völlig hoffnungslos. “Mama, dring doch nicht plötzlich so in mich. Du hast früher nie gefragt, warum dann jetzt auf einmal?”

“Ich habe früher nie gefragt? Ich habe immer wissen wollen, wie es dir geht. Ich habe mich immer erkundigt. Ich glaube nicht, daß du mir vorwerfen kannst ...”

Nadine bemerkte, daß sie Kopfweh bekam. Ihre Mutter war weder eine unintelligente noch eine verständnislose Frau, aber ihr persönliches Versagen im Leben ihrer Tochter würde sie nicht begreifen.

“Mutter, ich will dir gar nichts vorwerfen. Aber deine Fragen nach meinem Befinden beschränkten sich auf das übliche ’Na, wie geht’s?’. Worauf ich das übliche ’Gut’ oder ’Es geht’ antwortete. Besonders nachgehakt hast du nie.”

Marie wirkte einigermaßen perplex. “Aber du schienst immer glücklich!”

Nadine lächelte bitter. “Glücklich! Du weißt, daß ich, solange ich lebe, nichts so sehr wollte, wie Le Beausset zu verlassen. Dieses Loch hier, in das du dich hast sperren lassen und das auch zu meinem Gefängnis wurde. Und wie weit habe ich es geschafft? Bis nach Le Liouquet in La Ciotat! Verdammt-weit, nicht wahr? Bis in eine idiotische Küche mit einem noch idiotischeren Pizzaofen. Meinst du, davon habe ich geträumt während all der Jahre in der Schlucht hier?”

“Aber Henri…”, begann Marie erneut mit schwacher Stimme.

Nadine sank auf ihren Stuhl zurück. “Laß mich mit Henri zufrieden”,sagte sie, “laß mich um Gottes willen mit Henri zufrieden!”

Dann tat sie das, was für gewöhnlich ihre Mutter zu tun pflege. Sie stützte den Kopf in die Hände und fing an zu weinen. Das kam bei Nadine sonst praktisch nie vor.

Diesmal jedoch schluchzte sie so bitterlich, als sei ein Schmerz in ihr,der sie auffraß,der nichts mehr von ihr übrigließ als ein unendliches Meer von Tränen.

1.3.4

Laura war kurz nach sieben Uhr vom Joggen zurückgekehrt, hatte sich Tee gemacht und die Tasse mit ins Bad genommen, wo sie ausgiebig duschte, ihre Haare fönte, sich sorgfältig schminkte und schließlich sogar noch ihre Fußnägel lackierte. Sie wußte nicht, weshalb sie sich an diesem Sonntagmorgen so gründlich pflegte; für gewöhnlich ließ sie sonntags eher fünf gerade sein und blieb manchmal bis abends in Jogginghose und Sweatshirt. Diesmal hatte sie jedoch das Empfinden einer besonderen Situation. Sie fühlte sich ungewöhnlich schwach, suchte nach etwas, woran sie sich festhalten konnte. Sie wollte ordentlich aussehen, damit überhaupt noch etwas ordentlich war. Ihre Welt wankte: Zum erstenmal war sie am vergangenen Abend ins Bett gegangen ohne zuvor mit Peter gesprochen zu haben.

Und hatte während der ganzen Nacht nicht einen Moment geschlafen.

Ihr war klar geworden, wie abhängig sie von bestimmten Ritualen war, wie abhängig von ihm, wie abhängig von dieser Ehe. Ihre gesamte Gemütsverfassung stand und fiel mit den Anzeichen dafür, ob zwischen ihr und Peter alles in Ordnung war oder nicht. Es gelang ihr nicht, auszuweichen, andere Prioritäten ins Spiel zu bringen und damit eine Ausgewogenheit herzustellen. Es gab nur Peter. Er allein entschied darüber, ob sie mit sich im Einklang war oder nicht.

Geduscht, gefönt, geschminkt und zumindest mit ihrem Äußeren einigermaßen zufrieden, hatte sie sich in der Küche ein Spiegelei gebraten und es anschließend in den Müll gekippt, weil ihr allein bei dem Gedanken an Essen übel wurde. Um halb zehn hatte Peter immer noch nicht angerufen.

“Das ist nicht normal”, sagte sie leise zu sich.

Oben begann Sophie in ihrem Zimmer zu krähen. Sie stand in ihrem Gitterbett, als Laura hinaufkam, und streckte ihrer Mutter beide Arme entgegen. Sophie sah ihrem Vater geradezu lächerlich ähnlich. Sie hatte seine weit ausanderstehenden, graugrünen Augen geerbt, seine gerade Nase und sein breites, strahlendes Lächeln. Laura erkannte nichts von sich selbst in ihrem Kind.

“Wenn ich nicht so sicher wüßte, daß ich die Muter bin…”, sagte sie manchmal scherzhaft. Es hatte ihr nie etwas ausgemacht, ein Ebenbild Peters zur Welt gebracht zu haben. An diesem Tag jedoch verspürte sie zum erstenmal einen leisen Stich deswegen. Sie konnte ihn sich jedoch nicht erklären.

Sie nahm Sophie mit hinunter und fütterte sie. Die Kleine war bester Laune, lachte viel und versuchte alles anzufassen, was in ihre Reichweite geriet.

Es war fünf vor zehn, und Laura war noch beim Füttern, als das Telefon klingelte.

Ihre Erleichterung war unbeschreiblich und erschütterte sie beinahe. Sie hatte sich so sehr nach diesem Klingeln gesehnt, daß sie nun, als es endlich ertönte, fast in Tränen ausgebrochen wäre. Mit Sophie auf dem Arm trat sieh hastig an den Apparat.

“Mein Gott, Peter, was war denn los?”, fragte sie.

Zum zweitenmal innerhalb von zwölf Stunden traf sie auf konsterniertes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Zum Glück war es diesmal aber nicht Britta. Es war Lauras Freundin Anne.

“Ich verstehe nicht ganz, was so tragisch daran ist, daß Peter einmal nicht anruft”, meinte Anne sachlich, nachdem Laura alles erzählt hatte, aber wenn es für dich so schlimm ist, dann würde ich ihm die Hölle heiß machen. Er kennt dich lange genug, um zu wissen, daß dich sein Verhalten quält. Also nimm keine Rücksicht auf ihn. Wähle jede Minute seine Nummer. Irgendwann wird er reagieren.”

“Ich habe es doch schon versucht. Ich kann mir nur vorstellen, daß er es aus irgendeinem Grund nicht hört. Und das macht mir Sorgen.”

“Oder er hört es und will nicht”, sagte Anne, und als sie es aussprach, begriff Laura, daß sie diese Möglichkeit schon die ganze Zeit über in Erwägung zog und genau deshalb so tief beunruhigt war.

“Das würde er nicht tun”, sagte sie, “warum sollte er auch?”

“Du weißt, ich kann manches an ihm nicht verstehen”, sagte Anne. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, daß sie Peter nicht nicht besonders mochte.

“Vielleicht”, meinte sie, “sieht er diesen Segelausflug wirklich als seine Woche. Nur er und sein Freund und das Schiff. Er will diese Zeit ganz für sich haben. Sich wieder einmal ganz unbelastet fühlen.”

“Und mit mir fühlt er sich belastet?” fragte Laura pikiert.

Anne seufzte. “Ich denke, du weißt, wie ich das meine. Machmal will man doch einfach ohne den Partner etwas machen. Mit einer Freundin oder einem Freund zusammen.”

“Nu, ich…”

“Bei dir ist das anders, ich weiß.” Kein Vorwurf klang in Annes Stimme, was Laura ihr hoch anrechnete. Früher, als sie zusammen zur Photoschule gingen, und auch später noch, als sie erste Aufträge bekamen und davon träumten, irgendwann einmal zusammen zu arbeiten, hatten sie ständig irgend etwas gemeinsam unternommen. Mit Peters Eintritt in Lauras Leben hatte das schlagartig aufgehört. Laura dachte oft, daß Anne jeden Grund gehabt hätte, ihr die Freundschaft zu kündigen. Sie war ihr dankbar für die Treue, mit der sie noch immer zu ihr hielt.

“Du bist fixiert auf Peter, und daneben gibt es nichts”, fuhr Anne fort, “aber woher willst du wissen, daß es bei ihm genauso ist? Vielleicht empfindet er anders, und deine…deine Umklammerung wird ihm manchmal zuviel.”

“Ich umklammere ihn doch nicht! Er kann doch alles machen, wie er möchte. Er lebt für seinen Beruf, und da habe ich ihm noch nie hineingepfuscht!”

“Du wartest zu sehr auf ihn. Du fieberst ihm jeden Tag entgegen, wenn er heimkommt. Du rufst ihn im Büro viel zu oft an. Spätestens am Dienstag willst du wissen, wie und wo ihr beide das kommende Wochenende zusammen verbringt. Er muß dir jede Sekunde seiner Zeit versprechen. Hast du dir mal überlegt, daß er das vielleicht manchmal als Druck empfindet?”

Laura schwieg. Die Worte ihrer Freundin klangen in ihren Ohren nach. Schließlich sagte sie leise: “Die Zeit wird mir manchmal so lang…”

“Du hättest nie aufhören sollen, zu arbeiten”, sagte Anne.

“Peter wollte es unbedingt.”

“Trotzdem war es falsch. Du hättest kämpfen müssen. Es wäre so wichtig gewesen, etwas für dich zu behalten. Einen Bereich, der dir gehört und der neben Peter auch eine Bedeutung in deinem Leben hat. Glaub mir, du würdest viel gelassener mit eurer Ehe umgehen. Was dieser außerordentlich zugute käme.”

“Was soll ich denn jetzt machen?”

Anne stutzte, dann begriff sie, daß Laura nicht einen beruflichen Neuanfang meinte, sondern bereits wieder zum Anfang ihres Gesprächs zurückgekehrt war.

“Bombardiere ihn. Er hatte versprochen, sich zu melden, und es ist höchst unfair, was er jetzt tut. Ruf ihn an, ruf seinen Freund an. Ruf diese Bekannten von euch an, bei denen er essen wollte. Kreise ihn ein. Erkläre ihm dann, was du von seinem Benehmen hältst. Schmettere den Hörer auf die Gabel und sei für den Rest der Woche nicht mehr zu erreichen.” Anne atmete tief. “Soweit mein Rat, was Peter betrifft. Und was dich angeht, so kann ich nur sagen: Fang endlich wieder an zu arbeiten. Es ist fünf vor zwölf. Peter wird lamentieren, aber schließlich einlenken. Ich kenne die Männer, am Ende beugen sie sich dem Unausweichlichen. Und mein Angebot steht. Ich kann eine gute Mitarbeiterin brauchen.”

“Anne, ich…”

“Wir waren immer ein gutes Team. Denk noch manchmal daran, was wir alles vorhatten. Es ist nicht zu spät dafür.”

“Ich rufe dich wieder an”, sagte Laura und legte den Hörer auf.

1.3.5

Christopher Heymann erwachte um halb elf an diesem Sonntag aus seinem komaähnlichen Tiefschlaf, und der Kopfschmerz fiel über ihn her wie ein böser Feind, der seit Stunden neben seinem Bett gelauert hatte. Neben seinem Bett? Nur ganz langsam registrierte Christopher, daß er gar nicht in seinem Bett lag. Seine Finger berührten Holz. Er fror, und als er nach der Decke tastete, konnte er sie nicht finden. Der mörderische Kopfschmerz hatte zunächst alles andere überlagert, aber allmählich setzten sich auch andere Empfindungen durch, und er merkte, daß jeder Knochen in seinem Körper wehtat.

“Scheiße”, flüsterte er heiser.

Nach und nach kristallisierten sich Bilder vor seinen Augen heraus. Er konnte Treppenstufen erkennen, die nach oben führten. Die Füße eines antiken Tischchens. Einen Schirmständer aus Messing, in dem ein blauer Schirm steckte. Den Beginn eines weiß lackierten Treppengeländers…

Der Flur seines eigenen Hauses. Der Eingangsbereich. Er lag bäuchlings direkt hinter der Tür auf dem Fußboden, hatte einen Preßlufthammer im Kopf, spürte Knochen, von deren Existenz er bislang nichts gewußt hatte, und merkte, daß er sich jeden Moment würde übergeben müssen.

Das Telefon klingelte. Er vermutete, daB es das schon seit einiger Zeit tat und er davon aufgewacht war. Es stand in dem kleinen Kaminzimmer gleich neben dem Flur, aber er hatte keine Idee, wie er dort hingelangen sollte. Die Schmerzen tobten in seinem Körper.

Mühsam versuchte er, den vergangenen Abend zu rekonstruieren. Er hatte gesoffen. Er hatte gesoffen bis zum Umfallen. In irgendeiner verdammten Hafenkneipe von Les Lecques. In welcher? Das krampfhafte Erinnern verschärfte den Kopfschmerz. Dies und das unaufhörliche Klingeln von nebenan. Wer immer ihn anrief, er mußte von atemberaubender Penetranz sein.

Schemenhaft kehrten Bilder zurück. Der Hafen. Die Kneipe. Das Meer. Es hatte am gestrigen Abend schon geregnet, es war ziemlich kühl gewesen. Er hatte Whisky getrunknken. Er trank immer Whisky, wenn er das Leben zu vergessen suchte. Irgendwann hatte irgend jemand, der Ober vielleicht, ihn zum Aufhören bewegen wollen. Er konnte sich noch erinner, ziemlich aggressiv geworden zu sein. Er hatte nicht aufgehört. Er hatte auf seinem Recht beharrt, bedient zu werden.

Und dann der Filmriß. Von einem bestimmten Punkt an verschwand im Dunkeln. Er hatte keine Ahnung mehr, was passiert war. Aber da er in seinem Hausflur lag, mußte er auf irgendeine Weise heimgekommen sein. Ihm schwindelte bei dem Gedanken, daß er womöglich Auto gefahren war. Zu Fuß konnte er bis La Cadière re nicht kommen. Wenn er sich tatsächlich noch hinter das Steuer gesetzt hatte, war es ein Wunder, daß er noch lebte.

Das Telefon hatte einen Moment geschwiegen, nun setzte das Klingeln wieder ein. Christopher beschloß, zum Apparat zu rollen und das Kabel aus der Wand zu reißen, denn andernfalls würde ihn das Läuten zum Wahnsinn treiben. Er richtete sich auf, stützte sich auf seine Arme, und in diesem Moment wurde ihm sterbensübel. Er kotzte quer über den Flur, und dann kroch er durch sein Erbrochenes hindurch in das kleine, düstere Zimmer. Kurz bevor er das Telefon erreichte, wurde ihm erneut schlecht, und er übergab sich noch einmal. Undeutlich erinnerte er sich an einen anderen Moment in seinem Leben, als ihm so schlecht gewesen war, daß er ins Zimmer gekotzt hatte. Er war noch klein gewesen, ein Kind, und seine Mutter hatte der Familie gerade eröffnet, sie werde fortgehen. Für immer. Er hatte begonnen zu schreien und sich zu erbrechen, aber sie war nicht zu erweichen gewesen. Sie hatte mit schnellen Schritten das Haus verlassen und sich nicht mehr umgedreht.

Er änderte seine Meinung und riß nun doch nicht den Stecker aus der Wand. Stattdessen zog er sich am Tisch hoch, nahm den Hörer ab und ließ sich an der Wand entlang wieder langsam zu Boden gleiten.

“Ja?” sagte er. Er war nicht sicher gewesen, ob er einen Ton herausbringen würde, aber zu seiner Verwunderung hörte sich seine Stimme zwar etwas krächzend, aber ansonsten durchaus kräftig an. Es klang eher, als habe er eine Erkältung als einen schweren Kater.

Nach so vielen Jahren in Frankreich überraschte es ihn jedesmal im ersten Moment, wenn er am Telefon auf Deutsch angesprochen wurde. Nach ein paar Sekunden erkannte er Lauras Stimme. Peters Frau. Und sofort begriff er, daß er gewußt hatte, sie würde anrufen, und daß sein Besäufnis vom Vorabend auch damit etwas zu tun gehabt hatte.

“Christopher? Ich bin es. Laura Simon.” Sie nannnte ihren vollen Namen, was sie ihm gegenüber sonst nie tat und was auf Nervosität schließen ließ. Gott sei Dank, daßdu da bist! Ich versuche es schon seit einer halben Stunde!”

“Laura. Wie geht es dir?”

“Bist du erkältet? ” fragte sie, statt einer Antwort, zurück. “Du klingst so merkwürdig!”

Er räusperte sich. “Ein bißchen. Das Wetter hier ist scheußlich.”

“Deshalb seid ihr auch nicht unterwegs, oder? Peter sagte, ihr wolltet früh aufbrechen.”

“Es regnet in Strömen.”

“Ist Peter bei dir? Ich versuche seit Stunden, ihn zu erreichen. Im Haus erwische ich ihn nicht, über sein Handy nicht…”

Das Erbrechen hatte seinen Kopf ein wenig klarer gemacht. Er konnte ihren Worten folgen.

Scheiße, Scheiße, dachte er, was antworte ich ihr?

“Hier ist er nicht”, sagte er mürrisch, “keine Ahnung, wo er stecken könnte.”

Vom anderen Ende der Leitung kam entgeistertes Schweigen. Dann sagte Laura mit rauher Stimme — in der er die Verzweiflung erkannte, in der sie seit Stunden lebte —: “Das kann doch nicht sein. Was heißt, du weißt nicht, wo er steckt?”

“Es heißt, was es heißt. Was soll ich sonst dazu sagen?”

“Christopher, ihr wart doch verabredet! Ihr wolltet euch entweder gestern abend noch oder spätestens heute früh treffen und dann lossegeln. Wie kannst du dann so gelassen erklären, du hättest keine Ahnung, wo er sich aufhält?”

“Er ist nicht aufgetaucht ”, sagte Christopher, “gestern abend nicht und heute früh auch nicht.”

Sie schnappte nach Luft. Gleich würde sie schrill werden, Frauen wurden immer schrill, wenn sie sich aufregten.

“Und du tust nichts?” fragte sie fassungslos. “Dein bester Freund erscheint nicht zum vereinbarten Zeitpunkt, und das interesiert dich überhaupt nicht?”

Wenn sie wüßte, wie weh sein Kopf tat! Hätte er bloß den Hörer nicht abgenommen. Er fühlte sich mit der Situation hoffnungslos überfordert.

“Was soll ich schon machen?” brummte er. “Offenbar hat Peter keine Lust zum Segeln. Er hat es sich anders überlegt. Na und? Er ist ein freier Mann, er kann tun und lassen, was er möchte.

Er wußte, daß sie ihn für übergeschnappt hielt.

“Christopher, er ist doch wegen des Segelns überhaupt an die Côte gefahren! Gestern um achtzehn Uhr hat er sich noch einmal bei mir gemeldet. Er wollte bei Nadine und Henri etwas essen und dann gleich schlafen. Um heute fit zu sein. Kein Wort davon, daß er es sich anders überlegthaben könnte.”

“Vielleicht braucht er Abstand. Von allem. Von dir.”

“Christopher, bitte tu mir einen Gefallen. Ich habe wirklich Angst, daß etwas passiert sein könnte. Bitte fahr in unser Haus hinüber, den Schlüssel hast du ja. Sieh nach, ob er dort ist. Vielleicht ist ihm schlecht geworden, oder er ist unglücklicih gestürzt…” Sie weinte jetzt fast. “Bitte, Christopher, hilf mir. Hilf ihm!”

“Ich kann nicht rüberfahren. Ich hab einen Promillewert im Blut, and dem würden andere sterben. Ich sitze hier und kotze. Sorry, Laura, aber es geht nicht. Ich schaffe es nicht eimal bis in mein Bett!”

Mit einem Krachen brach die Verbindung ab. Überrascht starrte er auf seinen Telefonhörer. Die Maus hatte aufgelegt. Genauer gesagt, sie mußte den Hörer mit einer Heftigkeit auf die Gabel geschmettert haben, daß sie den Apparat damit hätte zerschlagen können. Er war verwundendert; Temperamentsausbrüche kannte er von ihr nicht. Normalerweise bemühte sie sich viel zu sehr darum, nett zu sein und von jedermann gemocht zu werden.

Armes Ding, dachte er, verdammt armes Ding…

Er rutschte tiefer zu Boden, bis er wieder zum Liegen kam. Das Erbrochene an seinen Kleidern stankt zum Gotterbarmen. Trotzdem würde es dauern, bis er versuchen konnte, die Dusche zu erreichen. Zuvor brauchte er noch ein klein wenig Schlaf.

1.3.6

Es herrschte Hochbetrieb im Chez Nadine an diesem Sonntag. Zwar hielten sich zu dieser Jahreszeit nicht mehr allzuviele Touristen an der Côte auf, aber die, die da waren, wurden von dem schlechten Wetter in Restaurants und Cafés getrieben und verbrachten dort mehr Zeit, als es für gewöhnlich der Fall war.

Cathérine und Henri arbeiteten ganz allein, denn Nadine war tatsächlich nicht mehr aufgetaucht, und die Hilfe, die Henri manchmal beschäftigte, kam ab dem 1. Oktober nicht mehr, da sie dann für gewöhnlich nicht gebraucht wurde.

Heute wären zwei weitere Hände dringend nötig gewesen. Jeder Tisch war besetzt, und die Leute aßen gegen ihren Frust an, den ihnen der Regen bereitete. Obwohl Henri es nicht ausgesprochen hatte, wußte Cathérine, worin das eigentliche Problem bestand: Henri hätte eine Person zum Servieren benötigt. Und sie war zum Servieren nicht einsetzbar.

Mit ihrem Gesicht konnte sie den Leuten nicht bringen. wenn die Krankheit blühte, hätte niemand eine Mahlzeit eingenommen, die sie zuvor berührt hatte, und wenn sie ehrlich war, konnte sie es den Menschen auch kaum verdenken. Es sah eklig aus und hätte schließlich auch ansteckend sein können. Sie konnte nicht jedem erklären, daß der Ausschlage ihr persönliches Schicksal war, daß sie ihn auf niemanden sonst übertragen würde.

Henri mußte nun den Service allein bewältigen, aber er mußte gleichzeitig den Pizzaofen und die Speisen auf dem Herd im Auge behalten. Normalerweise war sein Platz in der Küche, und Nadine bediente. Heute zerriß er sich fast zwischen beiden Aufgaben. Cathérine konnte ihn wenigstens so weit unterstützen, daß sie Geschirr spülte und immer neue Berge von Tomaten, Zwiebeln und Käse für den Pizzabelag kleinschnitt, außerdem noch auf Henris Anweisung hin und wieder die Töpfe auf dem Herd umrührte und darauf achtete, daßnichts anbrannte. Dennoch sagte sie, als Henri wieder einmal völlig abgehetzt in der Küche erschien und so erschöpft aussah, daß es ihr fast das Herz brach: “Henri, es tut mir so leid. Ich bin keine Hilfe für dich. Im wesentlichen mußt du alles allein machen, und…”

Er war mit einem Schritt neben ihr und legte ihr den Finger auf den Mund. “Psst! Kein Wort mehr. Mach dich nicht immer so schlecht. Ich danke Gott, daß du heute hier bist. Ich würde sonst zusammenbrechen. Du siehst ja…”

Damit wandte er sich schon wieder dem Herd zu, zog mit einem Fluch einen Topf zur Seite, griff hektisch ins Gewürzregal, schüttete irgendwelche Dinge zusammen und verrührte sie. Cathérine wußte, daß er ein Naturtalent beim Kochen und Backen und daher auch in extremen Streßsituationen sehr belastbar war. Für seine Pizza kamen die Menschen von weit her.

Seine kurze Berührung hatte weiche Knie bei ihr verursacht. Mit zitternden Fingern schnitt sie die Zwiebeln. Noch immer. Nach all den Jahren traf er sie noch immer in der Tiefe ihrer Seele, wenn er sie anfaßte. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie zog die Nase hoch, und Henri sah für einen Moment zu ihr herüber. “Ist was?”

“Nein.” Sie würgte die Tränen hinunter. “Es sinnd nur die Zwiebeln.”

Henri verließ die Küche mit einem Tablett voller Gläser. Die zweiflügelige Tür schwang hinter ihm auf und und zu. Cathérine dachte, wie unmöglich es von Nadine doch war, ihn derart im Stich zu lassen—und es passierte an diesem Tag weiß Gott nicht zum erstenmal.

Flittchen, dachte sie inbrünstig, billiges, kleines Flittchen!

Im selben Moment klingelte das Telefon.

Ein Apparat stand in der Küche, der andere vorn auf der Theke, aber Cathérine nahm an, daß Henri keine Gelegenheit hatte, den Anruf entgegenzunehmen. Sie selbst zögerte, es konnte Nadine sein, die sich melden wollte, und sie wußte, daß Henri es vor ihr am liebsten geheimhielt, wenn er seine Cousine in der Küche beschäftigte. Nadine wurde ärgerlich, wenn sie davon erfuhr, manchmal sogar richtig wütend.

Als das Telefon anhaltend klingelte, nahm Cathérine entschlossen den Hörer ab. Weshalb sollte sie sich immer verstecken? Schließlich sprang sie dort ein, wo eigentlich Nadine hätte tätig sein müssen.

Um die erwartete Attacke sogleich abzuwehren, meldete sie sich mit schroffer Stimme: “Hier ist Cathérine Michaud.” Dann erst ging ihr auf, wie albern das war, und sie fügte hinzu: “Restaurant Chez Nadine.

Zu ihrer Erleichterung war es nicht Nadine. Sondern Laura Simon aus Deutschland. Sie hörte sich schrecklich an. Irgend etwas schien sie tief zu beunruhigen.

Als sie das Gespräch beendet hatte, setzte sich Cathérine einen Moment auf einen Küchenstuhl und zündete sich eine Zigarette an. Henri mochte es nicht, wenn sie in der Küche rauchte, und überdies hatten die Ärzte ihr geraten, die Finger vom Nikotin zu lassen, da dies ihr Krankheitsbild verschlimmern könnte. Aber manchmal brauchte sie ein wenig Entspannung, und ihre Krankheit wurde so oder so nicht besser.

Laura Simon. Sie hatte Laura und ihren Mann ein paarmal im Chez Nadine erlebt, wenn Nadine nicht dagewesen war und sie wieder einmal hatte einspringen dürfen. Außerdem war sie den beiden einmal in der Altstadt von La Ciotat begegnet, und sie hatten sie aufgefordert, einen Kaffee mit ihnen zu trinken. Cathérine hatte beide gemocht, sich aber—wie üblich—nicht gegen ein Gefühl von heftigem Neid auf Laura wehren können, weil diese in einer glücklichen Ehe lebte, ein hübsches Gesicht und glatte Haut hatte.

Henri kam in die Küche, runzelte einen Moment lang die Stiren wegen der Zigarette, sagte aber nichts. Cathérine stand auf, drückte den Glimmstengel im Spülbecken aus. Henri wischte sich den Schweiß von der Stirn.

“Wer hat angerufen? Nadine?”

Wieviel Angst er hat, dachte Cathérine mitleidig.

“Laura”, sagte sie, “Laura Simon aus Deutschland.”

Sie beobachtete ihn genau. Da war ein Zucken in seinem Gesicht, und er sah plötzlich noch eine Spur fahler aus.

“Laura? Was wollte sie?”

“Sie vermißt ihren Mann. Sie kann ihn nirgendwo erreichen, und das letzte, was sie von ihm gehört hatte, war, daß er hierher zum Essen kommen wollte. Gestern abend.”

“Er war da”, sagte Henri. Wer ihn kannte, konnte merken, daß er ein wenig zu gleichgültig klang. “Er hat hier eine Kleinigkeit gegessen und ist dann gegangen. Ziemlich früh.”

“Du solltest sie zurückrufen und ihr das sagen. Sie macht sich schreckliche Sorgen.”

“Meine Auskunft wird ihr kaum weiterhelfen.” Henri plazierte zwei riesige Pizzen auf großen Keramiktellern. “Gott, wie die Leute heute fressen! Man kommt nicht nach. Ich rufe sie an, Cathérine. Aber später. Im Moment schaffe ich es einfach nicht.”

1.3.7

Als Laura den Büroschlüssel fand, war es schon früher Nachmittag, und es hatte endlich aufgehört zu regnen. Sie hatte auf eine mechanische Art gesucht, wie etwa ein Roboter, dem ein Befehl eingegeben worden ist und den er nun ausführt, ohne ihn zu hinterfragen. Der Anruf bei Christopher hatte sie zutiefst verunsichert. Der Anruf im Chez Nadine hatte sie keinen Schritt weitergehracht. Sie hatte danach weiche Knie gehabt und zitternde Hände, und schließlich hatte sie sich hingesetzt und sich selbst mit strenger Stimme befohlen, jetzt nicht die Nerven zu verlieren.

“Ich muß überlegen, was ich als nächstes tue”, sagte sie laut.

Am liebsten wäre sie sofort ins Auto gestiegen und nach Süden gefahren, aber es war zu spät, um noch bei Tageslicht in La Cadiére ankommen zu können. Zudem erschien es ihr besser, Sophie nicht mitzunehmen, und sie mußte jemanden finden, der sich um sie kümmerte.

“Also kann ich erst morgen los”, sagte sie, wiederum laut, zu sich, “und was mache ich mit dem Rest dieses furchtbaren Tages?”

Sie wußte, daß sie irgend etwas tun mußte, das sie Peter näherbrachte, irgend etwas, das mit ihm zu tun hatte. Etwas, das auch nur im entferntesten Aufschluß zu geben versprach über sein plötzliches Untertauchen—sie nannte es “Untertauchen, denn “Verschwinden” hätte zu bedrohlich geklungen, hätte zu viele bösartige Möglichkeiten in sich geborgen.

Sie schaute in seine Schränke und Kommodenfächer, ohne auf etwas zu stoßen, das anders aussah als sonst. Sie stöberte in dem Sekretär im Arbeitszimmer herum, aber diesen hatte er kaum je benutzt, und sie fand nur Dinge, die an ihre Zeit als Buchhalterin des Büros erinnerten—alte Notizzettel, Ringbücher, Hefte. Überdies fielen ihr Zeugnisse und Prüfungsbescheinigungen aus der Photoschule in die Hände, aber sie legte sie sehr rasch in die Schubfächer zurück.

Irgendwann war ihr dann die Idee gekommen, in Peters Büro zu fahren. Dort hielt er sich schließlich jeden Tag über viele Stunden hinweg auf, und wenn überhaupt, würde sie dort fündig werden.

Den großen Schlüsselbund mit all seinen Schlüsseln führte Peter natürlich mit sich, und so hatte sie fieberhaft nach dem Zweitschlüssel gesucht, ihn schließlich in einem leeren Einwegglas im Küchenschrank gefunden. Sie zog Sophie an, nahm ihren Mantel und ihre Handtasche und verließ das Haus.

Die ganze Straße in dem feinen Frankfurter Vorort atmete vornehme Gediegenheit und sehr viel Geld. Alle Häuser lagen in parkähnlichen Anwesen, waren oftmals von den hohen, schmiedeeisernen Gartentoren aus gar nicht zu sehen. Teure Limousinen parkten in großzügigen Auffahrten. Industrielle und Bankiers siedelten hier vor allem. Anne rümpfte jedesmal die Nase, wenn sie Laura besuchte.

“Nimm es mir nicht übel”, hatte sie ganz zu Anfang zu Laura gesagt, “aber ich könnte hier nicht atmen. Dieser ganze zur Schau gestellte Reichtum…”

“Hier protzt niemand”, hatte Laura widersprochen, “ich finde, die Gegend ist sehr geschmackvoll.”

“Aber hier bewegt sich nichts! Jedes Haus gleicht einer Festung! Die hohen Mauern, die Tore, die Alarmanlagen und Überwachungskameras…” Anne hatte sich geschüttelt. “Da wird natürlich Wichtigkeit demonstriert! Und es ist überhaupt nichts los! Keine Kinder auf der Straße. Nur leise Autos. Kein Laut aus den Grundstücken. Hast du nicht manchmal das Gefühl, lebendig begraben zu sein?”

“Ich könnte einen Mann wie Peter nicht ins Westend setzen!”

Anne hatte sie eindringlich angesehen. “Und was ist mit dir? Sitzt du eigentlich da, wo du sitzen möchtest?”

Sie versuchte sich zu erinnern, was sie darauf geaantwortet hatte. Sie meinte, zusammengezuckt zu sein, ein klein wenig, vielleicht mehr innerlich. Annes Frage hatte etwas in ihr berührt, worüber sie eigentlich nicht nachdenken mochte. Sie wußte, daß ihrer beider Leben im großen und ganzen nach Peters Vorstellung verlief und nicht nach ihrer, aber meistens gelang es ihr, sich einzureden, daß dies sowieso keinen Unterschied machte. Im wesentlichen hatten Peter und sie sowieso dieselben Vorstellungen, daher mußte sie über diesen Punkt nicht nachdenken. Tatsache war, daß er für den Umzug in diesen Vorort plädiert hatte und daß sie damals keineswegs allzu begeistert gewesen war. Sie hatte die Idee von einem Haus mit Garten gemocht, hätte aber eine belebtere, weniger teure Gegend vorgezogen. Damals war Sophie noch nicht dagewesen. Heute wies Peter stets darauf hin, wie klug sein Vorhaben gewesen sei.

“Eine herrliche Ecke, um ein Kind aufwachsen zu lassen”, sagte er gern, “frische Luft, weitläufige Gärten und kaum Verkehr auf den Straßen. Ich denke, wir haben damals richtig entschieden.”

Auch in der Frankfurter Innenstadt war natürlich an diesem Sonntag nicht allzuviel los. Wenig Autos, wenig Spaziergänger, denn der Himmel versprach jede Menge neuen Regen, und viele blieben wohl lieber in ihren Häusern. Das Büro lag im achten Stock eines Hochhauses direkt an der Zeil. Laura fuhr den Wagen in die Tiefgarage, stellte ihn auf Peters Parkplatz. Sophie reckte hinten auf ihrem Kindersitz den Kopf.

“Papa!” rief sie freudig.

“Nein, Papa ist nicht da”, erklärte Laura, “wir gehen nur in sein Büro, weil ich dort in seinen Sachen etwas nachsehen muß”

Sie fuhren mit dem Lift nach oben. Normalerweise herrschte hier überall reges Leben und Treiben, aber heute war es wie ausgestorben. Still und öde lagen die langen Flure da. Es roch nach Putzmitteln und nach dem Teppichboden, der erst vor wenigen Wochen verlegt worden war. Laura fand, daß er sich überhaupt nicht von seinem Vorgänger unterschied. Ein helles, phantasieloses Grau.

Peter teilte sich den achten Stock mit einer Anwaltskanzlei. Sie benutzten denselben Eingang gleich gegenüber dem Fahrstuhl, aber im Innenflur gab es dann eine weitere Tür, die zu den Räumen der Juristen führte.

Peter hatte mit seiner Firma den kleineren Teil der Etage besetzt, aber außer ihm gab es auch nur noch zwei Mitarbeiterinnen und seine Sekretärin. Eine Presseagentur, “klein, aber fein,” wie er immer sagte. Laura wußte—aber das hätte sie nie ausgesprochen—, daß die Agentur klein, jedoch keineswegs fein war.

Von seinem Zimmer aus hatte Peter einen wunderschönen über Frankfurt bis hin zu den verschwommenen, graublauen Linien des Taunus, die sich an diesem Tag allerdings hinter Regenschleiern verbargen. Laura hatte jedoch ohnehin keinen Sinn dafür, hinauszuschauen. Sie setzte Sophie auf den Fußboden, packte ein paar mitgebrachte Bauklötzchen und Plastikfiguren aus und hoffte, diese würden die Kleine eine Weile beschäftigen. Dann setzte sie sich selbst an den Schreibtisch und starrte, einen Moment lang mutlos geworden, auf die Papierberge, die sich vor ihr türmten. Ganz klein lugte dahinter der Rand des Silberrahmens hervor, den sie Peter zum letzten Weihnachtsfest mit einem Photo von sich und Sophie darin geschenkt hatte. Er wurde fast völlig verdeckt von Aktenordnern und sich türmender Korrespondenz. Peter hätte ihn nur ein wenig anders plazieren müssen, dann hätte er ihn immer ansehen können. Aber offensichtlich war ihm dieser Einfall nicht gekommen. Oder er hatte das Bedürfnis nicht verspürt.

Nach einer Stunde intensiven Suchens in allen Schubladden, zwischen Papierbergen und Ordnern, war Laura der Antwor auf die Frage, wo Peter sich aufhalten und was geschehen sein könnte, noch nicht näher gekommen. Eines nur war ihr merkwürdig erschienen: Sie hatte erstaunlich viele Mahnungen gefunden, die sich offenbar auf eine ganze Reihe unbezahlter Rechnungen bezogen. Es gab etliche sanfte “erste Mahnungen”, drängendere “zweite Mahnungen” und eine Reihe bedrohlich klingender Ankündigungen, man werde nunmehr gerichtliche Schritte einleiten. Peter schien es stets zum Äußersten kommen zu lassen, und dabei handelte es sich häufig um nicht allzugroße Beträge, deren Bezahlung keinerlei Schwierigkeiten darstellen dürfte.

Seitdem ich die Buchhaltung nicht mehr mache, dachte Laura mit einer gewissen Befriedigung, klappt es eben nicht mehr richtig.

Peter war immer schlampig gewesen, wenn es ums Bezahlen ging, ob es Handwerkerarbeiten waren, bestellte Weinkisten oder die Umsatzsteuer. Oder die Unterhaltszahlungen für seinen Sohn. Sein Problem bestand weniger darin, den geforderten Betrag herauszugeben, als vielmehr in seiner Abneigung, irgendeine Art von Formular ausfüllen zu müssen. Banküberweisungen waren ihm ein Greuel. Er schob sie so lange vor sich her, bis er sie tatsächlich vergaß. Erst die erbosten Schreiben seiner Gläubiger erinnerten ihn schließlich wieder daran.

Laura hatte alle Mahnungen in einer Ecke des Schreibtisches sortier, denn irgend jemand würde sich ihrer annehmen müssen—einige duldeten keinen Aufschub bis nach Peters Rückkehr. Sie schaute sich im Büro um, so als hoffte sie, an den Wänden Spuren und Hinweise zu finden. Aber da war nichts. Ein Kunstkalender hing zwischen den Fenstern, aber ansostne konnte sie nichts sehen, was Aufschluß über Peters Absichten hätte geben können.

Sie hatte ihm irgendwann im vergangenen Jahr ein Bild geschenkt, das Tittelblatt einer großen, deutschen Illustrierten im silbernen Rahmen. Peters Agentur hatte Photos und Story geliefert—ein großer Erfolg, einer seiner größten in der letzten Zeit. Sie hatte ganz selbstverständlich geglaubt, er werde es aufhängen. Stattdessen hatte sie es nun in einer der Schreibtischschubladen gefunden, ziemlich tief vergraben unter andern Papieren. Warum hatte er es förmlich versteckt? Sie fühlte sich enttäuscht und ein wenig verletzt.

Peter hatte die Agentur vor etwa sechs Jahren gegründet. Er war damals bei einer regionalen Zeitung angestellt gewesen und hatte sich mit dem Chefredakteur in einer Art überworfen, die nicht darauf hoffen ließ, dort jemals auf einen grünen Zweig zu kommen. Auf einmal hatte er den dringenden Wunsch verspürt, sich selbständig zu machen.

“Ich will endlich tun, was ich möchte und was ich für richtig halte”, hatte er erklärt, “ich bin, weiß Gott, alt genug, endlich mein eigener Herr zu sein.”

Seine Agentur lieferte Photos und Texte an Zeitungen und Zeitschriften; manches im Auftrag, vieles auf eigenes Risiko produziert und dann angeboten. Hauptsächlich arbeitete Peter inzwischen mit der Boulevardpresse zusammen, lieferte Porträts von Schauspielern und Schlagersängern. Laura wußte, daß er grösseren Einschränkungen unterworfen war, als er es sich je vorgestellt hatte: Die Redakteure der Regenbogenblätter veränderten seine Texte stark.

“Sie verdummen die Leute”, sagte Peter oft, “Himmel, sind die Leser wirklich so schwachsinnig, oder halten die sie bloß dafür?”

Das alles kann nicht so einfach für ihn sein, dachte Laura nun, eigentlich ist das alles recht weit weg von dem Journalismus, den er einmal hat machen wollen.

Sie sah, daß es draußen wieder zu regnen begonnen hatte. Ein trüber, häßlicher Tag, der sich nicht mehr aufhellen würde. Es war halb fünf. Da alles darauf hindeutete, daß sie am nächsten Tag in die Provence würde aufbrechen müssen, sollte sie nun ernsthaft zusehen, daß sie eine Unterkunft für Sophie fand.

Sie sammelte das weit verstreut herumliegende Spielzeug der Kleinen ein, als sie ein Geräusch von der Tür her hörte. Jemand steckte einen Schlüssel ins Schloß und drehte ihn um. Einen Moment lang schoß ihr die unsinnige Hoffnung durch den Kopf, es könnte Peter sein, der zurückgekehrt war, um irgendeine wichtige Arbeit zu erledigen, aber schon gleich darauf wußte sie, daß dies ein absurder Gedanke war.

Sie stand auf.

“Hallo?” rief sie fragend.

Der unerwartete Besucher war Melanie Deggenbrok, Peters Sekretärin. Sie erschrak so, daß sie ganz weiß wurde im Gesicht. “Lieber Himmel! Laura!”

“Entschuldigen Sie.” Laura kam sich albern vor, wie sie da im Büro ihres Mannes stand, Bauklötzchen in jeder Hand und irgendwie wie ein ertappter Einbrecher anzusehen. Kaum hatte sie sich entschuldigt, ärgerte sie sich schon heftig über sich selbst. Wofür entschuldigte sie sich eigentlich? Sie war die Ehefrau des Chefs. Sie hatte mindestens das gleiche Recht, hier zu sein, wie Melanie.

“Ich habe nach Unterlagen gesucht”, erklärte sie, während sie rasch überlegte, ob es ratsam war, sich Melanie anzuvertrauen. Zugeben zu müssen, daß der eigene Mann spurlos verschwunden war, entbehrte nicht einer gewissen Peinlichkeit, und sie mochte nicht Objekt von belustigtem Büroklatsch sein. Andererseits arbeitete Melanie Tag für Tag eng mit Peter zusammen. Sie wußte—ein erschreckender Gedanke–, vielleicht mehr über ihn als seine Frau.

“Kann ich Ihnen helfen?” fragte Melanie. “Oder haben Sie gefunden, was Sie gesucht haben?”

Laura gab sich einen Ruck. “Ich weiß eigentlich gar nicht genau, wonach ich suche”, erklärte sie, “es geht um eine Information…” Rasch berichtete sie, was geschehen war.

“Vielleicht sehe ich Gespenster, aber mir scheint, daß da etwas nicht stimmt. Ich dachte, ich stoße hier vielleicht auf etwas, das mir weiterhilft, aber…”, sie zuckte die Schultern, “ich bin nicht fündig geworden.”

Melanie sah mit einem eigentümlich leeren Blick an ihr vorbei “Ihre Tochter ist aber groß geworden”, sagte sie, und es klang nicht so, als ob sie sich wirklich für Sophie interessierte. Eher schien es, als habe sie versucht, etwas zu erwidern, ohne auf Laura eingehen zu müssen. “Als ich sie zuletzt sah, war sie gerade geboren.”

So lange bin ich schon nicht mehr hier gewesen, dachte Laura.

“Sie Ärmste”, sagte sie, “Sie müssen also sogar am Sonntag arbeiten?”

“Bei dem Wetter ist es vielleicht das Vernünftigste”, meinte Melanie.

Laura wußte, daß ihr Mann sie vor knapp drei Jahren wegen einer anderen Frau verlassen hatte, daß sie darüber nicht hinwegkam und sehr einsam war. Wie mochte solch ein verregneter Sonntag für sie aussehen?

“Na ja”, sagte Laura schließlich und nahm Sophie auf den Arm. “Wir beide sehen dann mal zu, daß wir nach Hause kommen.” Offenbar konnte Melanie ihr sowieso nicht helfen. “Die Kleine muß unbedingt ins Bett.” Ihr fiel noch ein, und sie machte eine Kopfbewegung zum Schreibtisch hin. “Ich habe einen ganzen Berg unbezahlter Rechnungen gefunden. Könnten Sie sich darum kümmern? Sonst steht, fürchte ich, in ein paar Tagen der Gerichtsvollzieher hier.”

Sie wußte nicht genau, was sie erwartet hatte. Irgendeine zustimmende Bemerkung, was Peters Schwäche anging, und darauf die Zusage, sich um die Erledigung der Angelegenheit zu kümmern.

Stattdessen schärfte sich von einem Moment zum anderen Melanies leerer Blick. Sie starrte Laura an, und ihre Augen waren plötzlich dunkel vor Wut.

“Wovon soll ich das bezahlen?” stieß sie hervor. “Können Sie mir verraten, wovon?”

Laura schwieg. Melanie schwieg. Sophie hatte aufgehört zu brabbeln. Es war nichts zu hören als das Rauschen des Regens jenseits der Fenster.

“Was?” fragte Laura endlich mit heiserer Stimme, und ein Teil von ihr begriff, was die andere gerade gesagt hatte, während ein anderer sich weigerte, zu verstehen.

“Was?” wiederholte sie.

Melanies Gesicht verschloß sich erneut, sie sah aus, als nähme sie gern zurück, was sie soeben gesagt hatte. Doch dann schien sie einzusehen, daß es dafür zu spät war. Sie ließ die Arme hängen und stand da wie jemand, der aufgiebt.

“Ach, was soll’s”, sagte sie, “es ist ja nun gleich. Früher oder später erfahren Sie es sowieso. Ich bin heute nicht hergekommen, um zu arbeiten. Ich wollte meine persönlichen Sachen holen. Ich werde mir eine andere Arbeit suchen müssen, aber ich wollte meinen Abgang so unauffällig wie möglich gestalten, weil die beiden anderen Mitarbeiterinnen noch nichts wissen. Ich wollte nicht diejenige sein, die es ihnen sagt. Das ist Sache des Chefs.”

“Die ihnen was sagt?” fragte Laura mit belegter Stimme. “Wir sind pleite”, antwortete Melanie. Sie klang teilnahmslos, aber ihre Augen verrieten, wie tief getroffen sie war. “Die Firma ist absolut am Ende. Die Mahnungen, die Sie gefunden haben, sind nicht Zeichen von Schlamperei, sie sind schlicht ein Zeichen von Zahlungsunfähigkeit. Ich habe schon seit zwei Monaten kein Gehalt mehr bekommen, und ich weiß, daß die beiden anderen für diesen Monat auch nichts mehr kriegen. Ich wollte Peter die Treue halten, aber…ich muß ja auch leben. Ich bin mit der Wohnungsmiete im Rückstand. Mir bleibt keine Wahl mehr.”

“Guter Gott”, flüsterte Laura. Sie ließ Sophie wieder auf den Boden sinken, lehnte sich selbst gegen die Schreibtischkante. “Wie schlimm steht es denn?”

“Schlimmer, als Sie es sich vermutlich vorstellen können. Er hat alles belastet. Sein gesamtes Eigentum. Die Banken hetzen ihn seit Wochen.”

“Sein gesamtes Eigentum? Heißt das auch unser Haus?” “Die beiden Häuser—auch das in Frankreich—hätte er sich gar nicht leisten dürfen. Er kann die Bankkredite nicht tilgen, mußte für die Zinszahlungen neue Kredite aufnehmen…Ich glaube, es gibt keinen Dachziegel und keine Fensterscheibe bei Ihnen, die nicht verpfändet sind. Und dazu kam dann noch…”

Sophie gluckste fröhlich. Laura mußte sich mit beiden Händen am Schreibtisch festhalten.

“Was kam noch dazu?” fragte sie.

“Aktienkäufe, mit denen er sich meist verspekuliert hat. Immobilien im Osten, die sich dann nicht vermieten ließen, die kein Mensch ihm abkaufen wollte, die jetzt leer stehen und noch nicht abbezahlt sind. Er hat sich von jedem Idioten sogenannte ‘erstklassige Investitionen’ einreden lassen, hielt sich immer für einen besonders cleveren Geschäftsmann. Aber…na ja…”

“Wissen Sie, was Sie da sagen?” fragte Laura.

Melanie nickte langsam. “Es tut mir leid. So hätten Sie das nicht erfahren sollen. Von mir schon gar nicht. Ich war ja die einzige, die Bescheid wußte, natürlich, vor mir als seiner Sekretärin konnte er das nicht verheimlichen. Ich mußte ihm schwören, niemandem auch nur ein Wort zu verraten. Vor allem Ihnen nicht. Das Versprechen habe ich nun gebrochen, aber ich denke, unter den gegebenen Umständen ist das völlig gleichgültig.”

Laura runzelte die Stirn. Melanie wollte aufhören, für Peter zu arbeiten, und deshalb mochte es ihr gleichgültig sein, ein Versprechen zu brechen Dennoch witterte sie einen Hintersinn. “Unter den gegebenen Umständen…”

Melanie starrte sie an. “Nun, denken Sie denn, wir sehen ihn jemals wieder? Sie oder ich? Sie haben mir doch gerade selbst erzählt, daß Sie ihn nicht mehr erreichen. Er ist untergetaucht, das ist doch klar. Ich nehme nicht an, daß er sich überhaupt noch in Europa befindet. Er wird sich nicht wieder melden.”

So also fühlte es sich an, wenn die Welt unter einem zusammenbrach. Es geschah eigenartig lautlos, keineswegs mit Donnergetöse, und dabei hätte sie sich einen Weltuntergang immer sehr laut vorgestellt. Wie ein Erdbeben, bei dem alles mit ungeheurem Krachen in sich zusammenstürzte.

Es war eher wie ein stilles Beben. Die Erde schwankte, und überall brachen Risse auf, klafften immer weiter auseinander, wurden zu mörderischen Abgründen. So stumm, so völlig ohne jedes Geräusch, als säße sie vor dem Fernseher und schaute sich einen Katastrophenfilm an. Mit abgedrehtem Ton, um die Bilder erträglicher zu machen. Es wäre sonst zu laut. Zu laut, um es auch nur einen Moment lang aushalten zu können.

“Sie sollten sich vielleicht hinsetzen”, sagte Melanie wie aus weiter Ferne. “Sie sehen aus, als würden Sie jeden Moment umkippen.”

Auch ihre eigene Stimme konnte sie nur gedämpft hören. “Das würde er nicht tun. Das würde er mir nicht antun. Und schon gar nicht seiner Tochter. Wir haben ein zweijähriges Kind! Selbst wenn er mich im Stich ließe, dann doch niemals Sophie. Niemals!”

“Vielleicht war er nicht der, den Sie in ihm gesehen haben,” sagte Melanie. Und plötzlich dachte Laura: Sie genießt es. Sie genießt es, mir die Wahrheit zu präsentieren. Frustierte, alternde Ziege!

Ihr Entsetzen suchte sich ein Ventil. “Es muß nicht jeder Frau so ergehen wie Ihnen, Melanie”, sagte sie haßerfüllt, “daß sich der Mann bei Nacht und Nebel aus dem Staub macht. Manche sind da weitaus beständiger. Wahrscheinlich bemüht Peter sich, die Dinge in Ordnung zu bringen, und kehrt dann zurück. Wir haben immer eine gute Ehe geführt, müssen Sie wissen.”

Melanie lächelte mitleidig. “Deshalb waren Sie auch so gut informiert über diese Katastrophe in seinem Leben, nicht wahr? Es kann sein, daß man Sie morgen auf die Straße setzt und daß Sie da stehen mit Ihrem Kind und nicht wissen, wohin. Ich bin nicht sicher, ob ich von einer guten Ehe sprechen würde, wenn ein Mann mir so etwas antut.”

“Ihr Mann…”

“Mein Mann hat mich betrogen und verlassen. Er war ein Scheißkerl. Da habe ich nie etwas beschönigt.”

Wut ballte sich in Laura zu einem Klumpen. Wut—nicht länger auf diese blasse Frau vor ihr, die keine Schuld traf an den Geschehnissen. Sondern Wut auf Peter, der den Untergang seiner beider Existenz vor ihr geheimgehalten hatte. Der sie in die gebracht hatte, hier in seinem Büro an einem verregenten Oktobersonntag zu stehen und zu erfahren, daß sie seit langem schon mit einer Lüge lebte und daß eine Rettung vielleicht nicht mehr möglich war. Dafür also hatten sie geheiratet. Um die guten Zeiten zu teilen und in den schlechten auseinanderzubrechen.

Sie würde nicht ohnmächtig werden, auch wenn Melanie dies geglaubt hatte. Energie flutete in sie zurück.

“Und wenn ich bis morgen früh in diesem Büro bleibe,” sagte sie, “ich gehe jeden Papierschnipsel hier noch einmal durch. Ich will alles wissen. Ich will ganz genau die Ausmaße des Infernos kennen, das jetzt offenbar über mich hereinbricht. Würden Sie mir helfen? Das Büro ist Ihr System. Sie kennen sich aus.”

Melanie zögerte kurz, nickte dann aber. “In Ordnung. Auf mich wartet ja niemand. Es spielt keine Rolle, wie und womit ich den Sonntag verbringe.”

“Gut. Danke. Ich muß telefonieren. Entweder meine Mutter oder meine Freundin muß Sophie übernehmen. Ich werde sie dann dort abliefern und wieder hierherkommen. Warten Sie auf mich?”

“Natürlich”, sagte Melanie, setzte sich auf den Stuhl hinter Peters Schreibtisch und fing an zu weinen.

Sophie sagte fragend: “Papa?”

Laura dachte: Und dies ist wohl erst der Beginn des Alptraums.

1.3.8

Nadine und Cathérine begegneten einander an der Hintertür des Chez Nadine, Nadine kam nach Hause, Cathérine wollte gerade gehen.

Beide blieben sofort stehen und starrten einander an.

Cathérine hatte viele Stunden hart gearbeitet, und sie wußte, daß sie noch unattraktiver aussah als am Morgen— wenn das überhaupt möglich war. Ihre Haare waren über dem Dampf des Spülwassers kraus geworden und ähnelten einem Wischmop. Ihr pickliges Gesicht hatte sich unschön gerötet. Ihre Kleidung zeigte Schweißflecken und roch zudem auch verschwitzt. Es war, wie sie erbittert dachte, genau der richtige Moment, der schönen Nadine zu begegnen, die, obwohl sie an diesem Tag sehr elend und blaß schien—und offensichtlich geweint hatte—, trotzdem eine ungeheuer attraktive Person war.

Immer, wenn sie Henris Frau sah, fragte sich Cathérine voll Wut und Verzweiflung, weshalb das Leben so ungerecht und so scheußlich war. Warum manche alles bekamen und andere nichs. Warum nicht ein gnädiger Gott—als der er sich ja gerne preisen ließ—für etwas mehr Ausgleich gesorgt hatte.

Hätte sie einen Wunsch frei gehabt, Cathérine hätte sich nichts andres gewünscht, als bis auf die letzte Winzigkeit genauso auszusehen wie Nadine. Abgesehen davon, daß es natürlich ihr höchster Wunsch war im Leben, Henris Frau zu sein, aber die Erfüllung hätte sich aus dem Umstand, wie Nadine auszusehen, von selbst ergeben. Wie konnte ein Mensch so perfekt von der Natur gestaltet sein? Groß und dabei sehr grazil, Beine, Arme, Hände schlank und feingliedrig. Der olivfarbene Teint zeigte keinerlei Unreinheit. Die dunklen Augen standen weit auseinander, hatten die Farbe von tiebraunem Samt, in dem irgendwo verhalten ein paar goldene Lichter glühten. Ihre Haare waren von demselben Farbton wie ihre Augen; schwer, dick und glänzend lagen sie um ihre Schultern. Kein Wunder, daß sich Henri in sie verliebt hatte. Und als er merkte, daß sie sich zu ihm ebenfalls hingezogen fühlte, hatte er alles daran gesetzt, sie zu erobern. Er war besessen gewesen von dem Wunsch, sie zu heiraten.

“Oh, Cathérine”, sagte Nadine und brach damit als erste das überraschte Schweigen zwischen ihnen beiden, “hast du hier gearbeitet?”

“Es war die Hölle los”, sagte Cathérine, “Henri konnte es allein nicht schaffen.”

“Das schlechte Wetter”, meinte Nadine, “das treibt dei Leute in die Restaurants.”

Ach nein, dachte Cathérine, welch eine Erkenntnis!

“Nun ja”, sagte Nadine, “es war jedenfalls nett von dir, auszuhelfen, Cathérine. Ich mußte wieder einmal meine Mutter besuchen. Du weißt ja, sie ist ziemlich einsam.”

Mit einem Ausdruck unverhohlenen Ekels betrachte sie Cathérines Gesicht, vermied es aber, einen Kommentar abzugeben.

“Komm gut nach Hause”, sagte sie noch, und Cathérine war ganz sicher, daß sie dies so nicht meinte. Es war ihr vollkommen gleichgültig, wie Henris Cousine nach Hause kam, und am liebsten wäre es ihr gewesen, sie wäre in der Versenkung verschwunden.

Cathérine ging langsam zu ihrem Auto, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Chez Nadine parkte.

Wie wird Henri sie empfangen, wenn sie jetzt zur Tür hereinkommt? fragte sie sich. Ich an seiner Stelle würde sie einfach windelweich schlagen!

Für alles, was sie sich in den letzten Jahren geleistet hat, für die ganze Art, wie sie mit ihm umgeht. Aber das bringt er ja nicht fertig. Verdammt, wann kapiert er, daß das die einzige Sprache ist, die Frauen wie sie verstehen?

Henri stand in der Küche und schnitt das Gemüse für den Abend. Er hatte eine Verschnaufpause; der Mittagsansturm war verebbt, die Abendstoßzeit hatte noch nicht begonnen. lm Gastraum saß nur ein einziges Ehepaar; sie stritten miteinander und hatten darüber offenbar die Zeit vergessen, aber sie hielten sich seit zwei Stunden an ihrem Glas Wein fest und verlangten keine Aufmerksamkeit.

Henri sah auf. “Da bist du ja. Es war fürchterlich heute. Ich hätte dich dringend gebraucht.”

“Du hattest ja Cathérine.”

“Mir blieb nichts übrig, als sie um Hilfe zu bitten. Allein hätte ich es nicht geschafft.”

Nadine knallte ihren Autoschlüssel auf den Tisch. “Ausgerechnet sie! Hast du bemerkt, wie sie heute wieder aussieht? Sie vergrault uns die Gäste. Man denkt ja, sie hat eine ansteckende Krankheit.”

“Sie war nur hier in der Küche. Natürlich hätte ich sie nicht servieren lassen. Aber es wäre schön gewesen, wenn du….”

Seine sanften Vorwürfe gingen ihr entsetzlich auf die Nerven.

“Ich habe zufällig noch eine Mutter. Um die ich mich gelegentlich kümmern muß.”

“Wir haben montags Ruhetag. Du hättest morgen zu ihr gehen können.”

“Hin und wieder muß ich auch meine eigenen Entscheidungen treffen können.”

“Deine eigenen Entscheidungen sind meistens von einer ungewöhlichen Rücksichtslosigkeit bestimmt.”

“Sie griff nach ihrem Autoschlüssel. “Ich kann auch wieder gehen, wenn du sowieso nur streiten willst.”

Er legte das Messer hin, sah plötzlich sehr müde aus. “Bleib hier”, bat er, “ich kann Küche und Servieren heute abend nicht alleine bewältigen.”

“Ich möchte nicht ständig deine Vorwürfe hören.”

“Okay.” Wie immer gab er nach. “Wir brauchen nicht mehr darüber zu reden.”

“Ich wasche nur schnell meine Hände und ziehe mich um.”

Sie wollte die Küche verlassen, aber er hielt sie mit seiner Stimme zurück. “Nadine!”

“Ja?”

Er schaute sie an. In seinen Augen konnte sie lesen, wie sehr er sie liebte und wie weh sie ihm getan hatte, als sie ihm ihre Liebe für immer entzog.

“Nichts”, sagte er, “entschuldige, es war nichts.”

Das Telefon klingelte. Nadine sah Henri an, aber er hob bedauernd seine Hände, an denen Erde und Gemüse klebten, und so nahm sie den Hörer auf. Es war Laura. Sie fragte nach ihrem Mann.

Nadine entdeckte Peter Simons Auto knappe hundert Meter vom Chez Nadine entfernt auf einem kleinen, eher provisorischen Parkplatz neben einem Trafohäuschen. Es war schon fast dunkel, aber es hatte aufgehört zu regnen, der Himmel riß ein wenig auf und rotes Licht lag über dem Meer und auf den Baumwipfeln. Sie erkannte den Wagen sofort und dachte: Wieso habe ich ihn heute morgen nicht gesehen?

Die Straße, in der das Chez Nadine lag, war nur in eine Richtung befahrbar, und so wußte Nadine, daß sie beim morgendlichen Aufbruch zu ihrer Mutter an dieser Stelle vorbeigekommen sein mußte. Allerdings war sie verstört gewesen und völlig in Gedanken versunken.

Es waren wieder viele Gäste heute abend da, und dennoch hatte sie sich für einen Moment entfernt, um einmal die Straße entlangzulaufen. Henri stand in der Küche, er hatte nichts mitbekommen.

Sie selbst hatte Lauras Frage nach Peters Verbleib nicht beantworten können, sie sei den ganzen gestrigen Abend über nicht dagewesen, hatte sie nur erklärt und dann den Hörer so rasch wie möglich an Henri weitergegeben. Er hatte sich als erstes dafür entschuldigt, den Rückruf vergessen zu haben. Aber der Laden sei voll gewesen, und Nadine sei leider nicht dagewesen, um ihm zu helfen…

Sie stand hinter ihm, betrachtete das Messer, mit dem er das Gemüse geschnitten hatte, und dachte, daß sie einen krank machenden Abscheu gegen ihn empfand—gegen sein Gejammere, seine Weichheit, sein ewiges Selbstmitleid.

Dann hatte sie zum erstenmal gehört, daß Peter am Vorbend gekommen war. Henri hatte es Laura erzählt.

“Er kam so gegen halb sieben etwa. Hier war noch nicht allzuviel los. Wir begrüßten einander, aber ich hatte kaum Zeit, Nadine war nicht da, und ich mußte die Speisen vorbereiten, so weit ich nur konnte, denn ich wußte ja, daß ich nachher wieder mit dem Servieren ungeheuer viel Streß haben würde…Ich sagte, ich fürchtete, daß wir eine verregnete Woche vor uns hätten, aber das schien ihn nicht wirklich zu bekümmern. Er setzte sich an einen Tisch am Fenster bestellte ein Viertel Weißwein und eine kleine Pizza. Wie? Nun er wirkte auf mich vielleicht ein bißchen in sich gekehrt, recht still. Oder einfach nur müde, was nach einer so langen Fahrt natürlich nicht verwunderlich ist. Aber ich konnte mir auch nicht wirklich Gedanken um ihn machen, denn ich war, wie gesagt, mit meiner Arbeit völlig überfordert.”

Dann hatte Laura offenbar wieder eine Frage gestellt, und Henri hatte einen Moment lang überlegt. “Ich meine, daß er irgendwann zwischen halb acht und acht wieder ging. Ich kann es aber nicht genau sagen. Wir sprachen gar nicht mehr miteinander, ich fand das Geld abgezählt neben seinem Teller. Ach, ich weiß noch, daß er selbst die kleine Pizza nur zur Hälfte gegessen hatte, das heißt nicht mal ganz die Hälfte.”

Wieder lauschte er, dann sagte er erstaunt: “Sein Auto? Nein, das parkt nicht vor unserem Haus, das hätte ich gesehen. Nein, ich glaube auch nicht, daß es ein Stück weiter weg steht, ich heute früh die Straße entlang gefahren, da wäre es mir aufgefallen. Warum sollte es dort auch noch stehen? Er wird gestern abend kaum zu Fuß von hier fortgegangen sein.”

Er seufzte. “Im Moment kann ich nichts machen, Laura, tut mir leid. Morgen vielleicht, morgen ist mein freier Tag. Natürlich halte ich dich auf dem laufenden. Auf Wiedersehen, Laura.” Er legte den Hörer auf, drehte sich zu Nadine um. “Wir sollten nachsehen, ob sein Auto hier noch irgendwo steht. Sie dreht ein bißchen durch. Aber vielleicht ist das gar kein Wunder.”

“Wieso ist das kein Wunder?”

“Er starrte sie einen Moment lang an. “Ach, egal”, meinte er dann, “das alles ist ja im Grunde nicht unsere Sache.”

Sie hatte sich umgezogen, die Hände gewaschen, und dann waren schon die ersten Gäste hereingeströmt, und sie hatte keine Ruhe mehr gehabt. In ihrem Kopf hatten sich die Gedanken überschlagen, und noch nie vorher hatte sie sich so heftig danach gesehnt, allein zu sein, Ordnung in den Wirbel hinter ihrer Stirn zu bringen.

Und nun stand sie vor Peter Simons Auto und vermochte nicht zu begreifen, was geschehen war.

Sie spähte in das Wageninnere. Auf dem Rücksitz lagen Gepäckstücke und eine Regenjacke, auf dem Beifahrersitz ein Aktenordner. Das Auto vermittelte den Eindruck, als habe es sein Besitzer nur für einen Moment abgestellt und werde sehr bald wiederkommen. Aber wo war er?

Das war die grundlegende Frage, und sie wurde durch das überraschend aufgetauchte Auto in keiner Weise beantwortet.

Nadine setzte sich auf einen Baumstumpf an der Uferböschung und blickte zwischen den Bäumen hindurch auf das Meer. Es war fast ganz dunkel inzwischen.

In ihr war völlige Ratlosigkeit.

1.4 Montag, 8. Oktober

1.4.1

Sie hatte in die Abgründe geblickt, und ihr war schwindelig geworden. Dabei war sie vermutlich nicht einmal in die letzten Tiefen vorgedrungen. Aber um kurz vor zwei Uhr in der Nacht hatte Melanie gesagt: “Ich kann nicht mehr. Tut mir leid Laura, ich bin völlig erschöpft.”

Da erst hatte sie bemerkt, wie müde sie selber war, und auch, daß sie seit endlosen Stunden nichts mehr gegessen hatte.

“Ich denke”, sagte sie, das Wesentliche wissen wir. Ich habe jetzt einen ungefähren Überblick. Mir gehört praktisch nichts mehr als die Sachen, die ich auf dem Leib trage.”

Melanie sah sie an. “Ich wünschte, ich könnte irgend etwas für Sie tun. Es ist eine scheußliche Situation für Sie, und…”

“Eine scheußliche Situation?” Sie lachte. “Ich würde sagen, es ist ein Desaster. Ein Desaster von solchem Ausmaß, daß ich mich einfach frage, wie ich solange absolut nichts dvaon habe mitbekommen können!”

“Seine Geschäfte liefen ja alle über das Büro hier, und von dem hat er Sie völlig ferngehalten. Er hat Sie auf Haus und Kind reduziert und Sie an nichts mehr teilhaben lassen. Wie hätten Sie da Lunte riechen sollen?”

“Und ich”, sagte Laura bitter, “habe mich bereitwillig reduzieren lasse.”

Ein Gespräch kam ihr in den Sinn, das jetzt mehr als zwei Jahre zurücklage. An einem heißen Abend Anfang Juni war es gewesen, ganz kurz vor Sophies Geburt. Sie hatten im Garten gesessen, und Peter hatte plötzlich gesagt: “Wenn jetzt das Kind da ist, brauchst du dich um die Buchhaltung in der Firma nicht mehr zu kümmern. Das kann Melanie übernehmen. Ich stocke ihr Gehalt etwas auf, und dann wird es schon gehen.”

Sie war überrascht gewesen. Aber wieso denn? Die Buchhaltung mache ich doch immer von daheim aus, und nicht mal täglich. Das kann ich mit einem Kind problemlos fortführen.”

“Ich finde das nicht gut. Du solltest dich wirklich ganz auf das Kleine konzentrieren. Warum willst du dir zusätzlichen Streß aufbürden?”

“Ich finde nicht, daßldots ”

Er hatte sie unterbrochen. “Vergiß nicht, ich habe bereits ein Kind. Im Unterschied zu dir weiß ich also, was auf dich zukommt. Das wird kein Zuckerschlecken. Durchwachte Nächte, Geschrei, Stillen…du wirst kaum noch Zeit für dich haben, geschweige denn für die Buchhaltung der Firm.”

Sie hatte das Gefühl, als werde sie von etwas abgeschnitten —von irgend etwas Lebenswichtigem, oder etwas, das sie mit dem Leben noch verband. Es war, als krieche eine eigentümliche Kälte langsam in ihr hoch und hinterließe eine Spur der Lähmung.

Sie hatte noch einen Vorstoß gemacht. “Ich brauche eine sinnvolle Beschäftigung. Ich brauche ein bißchen eigenes Geld. Ich gehe ja nicht arbeiten. Aber…”

Er hatte noch ein letztes Argument aus der Tasche gezogen, und dieses hatte er nun ausgespielt, wissend, daß sie dagegen nichts würde sagen können. Ich kann es mir nicht leisten, daß Fehler gemacht werden. Und du wirst dermaßen übermüdet und abgelenkt sein, daß du Fehler machen wirst. Verstehst du? Du bist mir dann keine Hilfe mehr, sondern eine Last.”

Sie hatte nichts mehr gesagt.

Nun dachte sie: Wie gelegen ihm Sophie kam! Es brannte an allen Ecken und Enden, und lange hätte er das nicht mehr vor mir geheimhalten können. Das Baby war seine Rettung. Aber in jedem Fall hätte er einen Weg gefunden, mich aufs Abstellgleis zu schieben.

“Wissen Sie”, sagte Melanie, die ihr Mienenspiel beobachtet hatte, “Sie sollten vielleicht nicht zu böse auf ihn sein. Er wollte Sie nicht hintergehen. Er wollte Sie schonen. Die ganze Zeit hoffte er, alles wieder in den Griff zu bekommen. Er mochte auch nicht als Verlierer vor Ihnen stehen. Es fällt Männern ungeheuer schwer, Niederlagen einzuräumen.”

“Lieber tauchte er unter?”

“Männer sind feige”, sagte Melanie erbarmungslos.

“Immerhin”, sagte Laura, “hat er es geschafft. Er hat es wirklich geschafft, diesen ganzen Schlamassel hier”, sie wies auf den Schreibtisch, zwei Jahre oder länger vor mir geheimzuhalten. In welcher Welt habe ich gelebt?”

“In der Welt, die er für Sie gebaut hat”, sagte Melanie.

“Die ich mir habe bauen lassen. Es gehören zwei zu solch einem Spiel, Melanie. Was hat er in mir gesehen, daß er glaubte, dies mit mir machen zu können?”

“Ich weiß es nicht”, sagte Melanie unbehaglich.

Sei weiß es genau, dachte Laura,vermutlich wurde hier im Büro sogar über mich gesprochen. Das Püppchen, die Kleine, die Weltfremde, die großäugige Unschuld. Sie konnte sich denken, wie man sie tituliert hatte. Sie wußte ja, was Anne von der Art gehalten hatte, wie sie mit Peter lebte.

Ihre Finger schlossen sich um ein Papier. Eine Rechnung, die sie in einer der Schreibtischschubladen gefunden hatte— eine erstaunlicherweise bezahlte Rechnung. Von einem Hotel in Pérouges, wo immer der Ort auch liegen mochte. Die Daten waren ihr aufgefallen, und obwohl sie im Augenblick Wichtigers zu tun hatte, hatte sie das Papier an sich genommen, um der Angelegenheit vielleicht irgendwann nachzugehen. Die halbe Woche vom 23. bis 27. Mai dieses Jahres würde sie nämlich so rasch nicht vergessen. Sie war Anlaß zu einer Auseinandersetzung zwischen ihr und Peter gewesen. Sie hatten vorher vielleicht schon manchmal heftiger und gereizter gestritten. Aber noch nie war von Peteter eine solche Kälte ausgegangen, noch nie hatte er sich so weit von ihr entfernt.

Der 24. Mai war ein Donnerstag gewesen, auf den ein Feiertag fiel—Christi Himmelfahrt. Dies bot die Möglichkeit für ein langes Wochenende; viele Leute nahmen am Freitag Urlaub und hatten damit vier freie Tage hintereinander.

Peter hatte am Montag verkündet, am Freitag einen Termin in Genf zu haben. Es ging um einen in der Schweiz ansässigen deutschen Schlagersänger, der im August seinen fünfzigsten Geburtstag feiern würde und zu diesem Anlaß eine Photoserie und einen Text vorproduzieren lassen wollte. Peter erklärte, es sei geradezu phantastisch, daß seine Firma den Auftrag erhalten habe.

“Das ist ein wirklich fetter Brocken. Wir werden an praktisch alle deutschen Zeitschriften verkaufen können, was eine Menge Geld bedeutet. Deshalb will ich auch keines von den beiden Mädels losschicken. Ich schreibe selbst, und außerdem will ich den Photographen anleiten. Ich habe sehr spezielle Vorstellungen.”

Laura hatte sich für ihn gefreut. Er hatte in der letzten Zeit wenig von seiner Arbeit erzählt und manchmal ein wenig in in sich gekehrt und grüblerisch gewirkt.

“Du fliegst schon Donnerstag abend”, vermutete sie, “um Freitag früh gleich anfangen zu können?”

“Ich fliege Mittwoch nachmittag. Um 17 Uhr. Und komme Sonntagabend zurück.”

“Was willst du denn dort so lange?”

“Ich brauche den Donnerstag, um die Locations ausfindig zu machen. Es geht um Landschaftskulissen, Lichtverhältnisse…du kennst das ja. Damit können wir am Freitag keine Zeit verlieren. Den Samstag will ich offen halten für den Fall, daß wir nicht fertig werden und uns womöglich ein zweiter Tag bewilligt wird. Und am Sonntag würde ich mich ganz gern—wenn du erlaubst—irgendwo an den Genfer See setzen und mich ein wenig ausruhen.”

Es schwang eine Gereiztheit in seiner Stimme mit, die sie überraschte. Sie hatte ihn mit ihrer Frage nicht kritisieren wollen.

Dann war ihr plötzlich etwas eingefallen. “Kann ich mitkommen?”

“Jemand muß bei Sophie bleiben.”

“Wir können sie mitnehmen. Oder meine Mutter nimmt sie. Das ist doch kein Problem.”

“Hör mal, das ist keine Ferienreise. Das ist harte Arbeit. Wir hätten überhaupt keine Zeit füreinander.”

Auf einmal war ihr ein Gedanke gekommen, und hastig und unvorsichtig platzte sie damit heraus. “Wir könnten doch zusammen arbeiten. Ich könnte die Photos machen!”

“Lieber Gott, Laura! Du kannst doch nicht glauben, daßldots”

Die Idee hatte sie mit Begeisterung erfüllt. “Ich habe das gelernt. Ich habe als eine der Besten in der Schule abgeschlossen. Ich habe eine sehr teure Ausrüstung. Ich könnte…”

Vor lauter Freude hatte sie nicht bemerkt, wie finster Peters Miene wurde. Erst als er sie mit scharfer Stimme unterbrach, begriff sie, wie ärgerlich er war.

“Vergiß es, Laura! Es tut mir leid, dir das so hart sagen zu müssen, aber du leidest unter einem krassen Mangel an kritischer Selbsteinschätzung. Weißt du, wie lange du nicht mehr im Job bist? Fast so lange, wie wir zusammen sind, also bald acht Jahre! Weißt du, wie sehr sich die Dinge geändert haben? Weißt du, wie echte Profis heute arbeiten?”

“Nun, ich…”

“Jetzt komm mir nicht mit deiner Freundin Anne, die dich auf dem laufenden hält! Auch wenn es dich kränkt: Kein Mensch kennt sie. Sie ist drittklassig. Ich würde nie mit ihr arbeiten!”

Damit hatte er sie tatsächlich verletzt. Sie hing mehr an Anne, als er ahnte.

“Du konntest sie noch nie leiden. Deshalb arbeitest du nicht mit ihr!”

Dieser Satz brachte ihn nun erst recht auf die Palme. “Für wie kindisch hältst du mich eigentlich? Wenn ich die Menschen, mit denen ich arbeite, danach aussuchen würde, ob ich sie mag oder nicht, könnte ich meinen Job an den Nagel hängen. Wäre Anne gut und würde sich auch nur ein klein wenig an dem orientieren, was der Markt erwartet, anstatt die exaltierte Künstlerin herauszukehren, die sich um nichts schert, würde ich sie sicher dann und wann engagieren. Aber so fällt mir das nicht im Traum ein!”

In seinen Worten steckte ein Funken Wahrheit, das wußte sie. Annes Eigenwilligkeit machte es anderen schwer, mit ihr zu arbeiten. Zu häufig ignorierte sie Absprachen und die Vorstellungen der anderen. Für einen Job, wie Peter ihn machte, war sie völlig ungeeignet. Im übrigen hätte sie ihrerseits nie mit ihm gearbeitet. Die Zeitschriften, die er bediente, faßte sie nicht einmal an.

“Ich bin nicht Anne”, sagte Laura. “Du weißt, daß ich mich durchaus auf das Gewünschte einstellen kann.”

“Es hat keinen Zweck. Finde dich damit ab. Man muß auch wissen, wo die eigenen Grenzen liegen. Diese Geschichte ist wirklich wichtig. Ich brauche dafür den besten Photographen, den ich bekommen kann. Und der bist du nicht.”

Er tat ihr ungeheuer weh mit seinen Worten, obwohl sie—und das war das Eigenartige daran—durchaus wußte, daß er recht hatte. Sie war natürlich zu lange aus dem Geschäft. Sie hatte keinerlei Routine mehr, kannte den Markt nicht. Peter konnte nicht riskieren, daß bei einem so lukrativen Auftrag etwas schiefging.

Was sie so heftig schmerzte—und das war ihr erst später klargeworden—, war die Art gewesen, wie er es gesagt hatte. Er war verägert gewesen, aber das rechtfertigte nicht die Kälte, die er an den Tag legte, und nicht die Verächtlichkeit. Verächtlich hatte er sie vorher noch nie behandelt, und sie wußte nicht, wodurch dies ausgelöst worden war. Es hatte keinen Vorfall gegeben, kein Ereignis, das hätte verantwortlich gewesen sein können. Es war, als sei unerwartet etwas Eisiges zwischen sie getreten—so wie in einem See, durch dessen warme Wasse man schwamm, um plötzlich in eine unangenehm kühle Strömung zu geraten, die aus dem Nichts zu kommen, im Nichts zu verschwinden schien.

Laure hatte sich in sich verkrochen, fröstelnd und traurig, und sie hatte nicht mehr gefragt, ob sie einfach so mitkommmen, sich ein paar schöne Tage machen könnte. Auch er hatte nichts mehr gesagt.

Der Abend war in Schweigen und großer Distanz verdämmert.

Nun hielt sie die Rechnung des Hotels in Pérouges in den Händen, datiert vom 23 bis 27. Mai, und dachte: Pérouges? Wo liegt das? Vermutlich direkt bei Genf.

Sie witterte eine leise Ungereimtheit, und da sie nach jedem Strohhalem greifen mußte, beschloß sie, die Sache zu überprüfen.

1.4.2

Christopher hatte immer noch Kopfschmerzen, als er seinen Wagen auf dem Parkplatz von Les Lecques abstellte und hinüber zu Jacques’ Kneipe ging. Inzwischen war ihm eingefallen, daß er dort den gestrigen Abend verbracht hatte. Jacques, der Besitzer, mochte ihn, wußte, wann er reden wollte, und war feinfühlig genug, zu schweigen, wenn ihn seine Depressionen wieder einmal gepackt hatten.

Es regnete nicht, aber schwere Wolken hingen tief über dem Meer und bewegten sich nicht in der windstillen Luft.

Ein kräftiger Westwind, dachte Christopher, und wir hätten strahlendes Spätsommerwetter.

Aber er glaubte nicht, daß es dazu kommen würde. Das Wetter würde grau und öde bleiben.

Ein paar Männer saßen um einen runden Tisch und spielten Karten, tranken Kaffee und trotz der frühen Stunde den obligatorischen Pastis. Sie schauten nur kurz auf, als Christopher hereinkam, murmelten einen Gruß und vertieften sich wieder in ihr Spiel.

Christopher setzte sich auf seinen Stammplatz, einen Tisch am Fenster, von dem aus er einen schönen Blick über die Schiffe im Hafen und direkt auf die école de voile hatte, auf das flache Gebäude, in dem die Segelschule untergebracht war. Jacques, der Betreiber der Kneipe, der mit seinem kleinen Schnurrbart und den ewig fettigen Haaren wie das Klischee eines südfranzösischen Ganoven aus einem Gangsterfilm aussah, steuerte sofort auf ihn zu.

“Gott sei Dank, du bist in Ordnung! Ich sah dich schon um einen Baum gewickelt oder im Meer ertrunken. Du hättest Samstag nacht auf keinen Fall mehr Auto fahren dürfen.”

“Warum hast du mich nicht gehindert?”

Jacques fuchtelte aufgeregt mit beiden Armen. Er redete immer gern mit Händen und Füßen, was ihn leicht unehrlich wirken ließ.

“Du hättest dich erleben müssen! Wir haben alle hier auf dich eingeredet! Du bist richtig aggressiv geworden, hast herumgeschrien, es sei deine Sache, ob du Auto fährst oder nicht, ob du einen Unfall baust oder nicht. Ich wollte dir den Schlüssel abnehmen, da hast du mich geohrfeigt!” Jacques wies anklagend auf seine linke Wange. “Was sollte ich da noch machen? Auch die anderen Gäste meinten, dann müßte man dich eben gewähren lassen.”

Christopher begann sich ganz dunkel zu erinnern.

“Gott”, sagte er, “ich habe dich geohrfeigt? Das tut mir leid, ehrlich.”

“Schon gut”, meinte Jacques großmütig, “einem alten Freund verzeiht man manches.”

“Es ist ein Wunder, daß ich bis nach Hause gekommen bin.”

“Das ist es in der Tat. Du solltest deinem Schutzengel danken.”

“Wirklich? Ich bin nicht sicher. Du weißt, ich hänge nicht besonders am Leben.”

“Jeder hängt am Leben”, sagte Jacques, “das ist automatisch so. Man weiß es nur nicht immer. Du würdest kämpfen wie ein Löwe, wenn dir plötzlich jemand ans Leben wollte.”

“Nein. Ich würde ihm sagen, er soll es kurz und schmerzlos mach, aber er soll nicht abspringen.”

Jacques seufzte leise. Er kannte diese düsteren Stimmungen bei Christopher, er erlag ihnen regelmäßig. Dann redete er davon, sterben zu wollen, die Sinnlosigkeit seines Daseins nicht mehr ertragen zu können. Oft war er davongegangen mit der Ankündigung, nun seinem Leben ein Ende setzen zu wollen. Niemand nahm ihn mehr wirklich ernst, doch manchmal dachte Jacques: Eines Tages tut er es. Gerade weil niemand mehr daran glaubt. Er tut es einfach, um es allen zu zeigen.

Christophers Depression hatte an einem Septembertag vor sechs Jahren begonnen, als er von einem Sonntagsausflug mit seinem Segelboot abends zurückgekommen war und oben in La Cadiére ein leeres Haus vorgefunden hatte. Auf dem Küchentisch einen Zettel, auf dem ihm seine Frau mitteilte, sie kehre mit den Kindern für immer nach Deutschland zurück und werde überdies die Scheidung einreichen. Christopher hatte gewußt, wieviel Unzufriedenheit und Agression in seiner Ehe seit langem schwelten, hatte jetdoch nicht damit gerechnet, daß seine Frau die Drohung, alles zu beenden, wirklich wahr machen könnte.

Die Familie war alles für ihn gewesen: Mittelpunkt, Lebensinhalt, Sinn und Zukunft.

Er stürzte in einen tiefen Abgrund.

Niemand wartete mehr mit einem Essen auf ihn, wenn er nach Hause kam, niemand wärmte sein Bett am Abend. Im Sommer konnte er nicht mehr mit den Kindern zum Schwimmen an den Strand gehen, und im Herbst nicht mit ihnen auf der Uferpromenade Skateboard fahren. Keine Picknicks mehr an lauen Frühlingsabenden in den Bergen, keine gemeinsamen Besuche mehr bei McDonald’s, keine Ausflüge ins Hinterland zu Lavendelfeldern und waldigen Tälern. Kein lautes, ausgiebiges Frühstück mehr am Sonntagmorgen, kein fröhliches Lachen mehr in den Räumen.

Nur noch Stille, Leere und Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die für Christopher häufig den Gedanken an den Tod verlockend machte. In all den Jahren hatte er diesen Einschnitt in sein Leben nicht verwunden.

Jacques empfand aufrichtiges Mitleid für den Mann, den er im weitesten Sinn zu seinen Freunden zählte.

“Ich bring dir jetzt erst einmal einen Kaffee”, sagte er, “ich denke, den kannst du brauchen.”

“Und einen Pastis!”

“Keinen Alkohol heute früh”, sagte Jacques streng, “du bist am Samstag haarscharf an einer Alkoholvergiftung vorbeigeschrammt. Du solltest eine Weile etwas kürzer treten.”

“Ich bin hier der Gast, Jacques. Bring mir einen Pastis!”

Jacques seufzte. “Auf deine Verantwortung. Deine Leber wird aufschreiben, aber du mußt wissen, was du ihr antust.”

Er ging in die Küche, während Christopher die Wände anstarrte und in seinem Kopf die Fetzen von Bildern des vergangenen Samstagabends zusammenzusuchen sich abplagte. Es gelang ihm nicht, eine durchgängige Linie herzustellen. Von irgeneinem Moment an versank der Abend immer wieder in einem diffusen Nebel, der sich nicht lichten ließ.

Jacques kehrte mit Kaffee und Pastis zurück, und Christopher fragte: “Was war Samstag eigentlich los?”

“Du meinst, als…”

“Ja. Als ich hemmungslos zu saufen begann. Was war vorgefallen?”

“Nichts. Du hattest deine übliche Depression. Du kamst gegen zehn Uhr hier an und erklärtest, das Leben habe keinen Sinn mehr.”

“Und dann?”

Jacuqes zuckte mit den Schultern. “Dann hast du Schnaps bestellt. Einen nach dem anderen. Ab und zu einen Whisky dazwischen. Du hast von deinen Kindern geredet und von deiner Frau. Es war eigentlich so wie fast jeden Samstag abend. Die Wochenenden, du weißt, sie sind für dich immer…”

“Nicht nur die Wochenenden”, sagte Christopher, “weiß Gott, nicht nur die Wochenenden.” Er drehte sein Glas hin und her, starrte in die milchige Flüssigkeit.

“Das Leben”, meinte er, “ist einfach nur ein großer Haufen Scheiße.”

1.4.3

“Wir sollten vielleicht einmal miteinander reden”, sagte Henri sanft. Es war kurz nach acht Uhr morgens, und es war ungewöhnlich für ihn, an seinem freien Tag schon so früh auf den Beinen zu sein. Die Wochenenden waren hart, und den Montag nutzte er stets, um endlich einmal richtig auszuschlafen. An diesem Tag hatte er das Haus schon um sechs Uhr verlassen und war zu einem Spaziergang aufgebrochen. Nun war er zurückgekehrt, sah aber nicht erfrischt aus, sondern blaß und sorgenvoll.

Ein ältlicher Pizzabäcker, dachte Nadine feindselig.

Er würde früh altern, das zeichnete sich jetzt schon ab. Vielleicht lebte er zu angestrengt, arbeitete zu hart. Er war ein fröhlicher, unbekümmerter Mann gewesen, als Nadine ihn kennengelernt hatte, ein auffallend gutaussehender Mann, der hervorragend surfte und Wasserski lief, viel zu rasant Auto fuhr und sich in den Diskotheken entlang der Küste als unermüdlicher Tänzer erwies. Er schien Nadine wie geschaffen, sie aus dem tristen Leben mit ihrer Mutter zu befreien.

Sie waren beide jung, attraktiv und lebenslustig und wurden sehr schnell ein Paar. Eine Zeitlang taten sie nur, was ihnen Spaß machte: Sie mieteten Segelboote und verbrachten endlose Sommernachmittage in den kleinen idyllischen Buchten entlang der Küste. Mit Dutzenden von Freunden—ebenfalls alle schön und jung und unbeschwert—veranstalteten sie Grillabende am Strand oder in den Bergen. Sie unternahmen wilde Autofahrten, gingen abends Hand in Hand an der Uferpromenade von St. Cyr spazieren, aßen Eiscreme, und Henri, der in der Küche eines Hotels arbeitete, schwärmte von dem kleinen Pizzarestaurant, das er eines Tages haben würde. Er war der Sohn einer Italienerin und hatt eine Ausbildung zum Koch in Italien absolviert, und mit dem ihm eigenen Selbstbewußtsein sagte er von sich, er sei der best Pizzabäcker weit und breit.

“Du wirs ihn sehen, sie rennen uns das Haus ein. Sie werden von weit her kommen für meine Pizza. Wir werden den besten Ruf genießen, und die Leute werden froh sein, wenn sie eine Platz bei uns bekommen.”

Fü ihn stand bereits fest, daß sie ihr Leben gemeinsam führen würden, und Nadine hätte sich sowieso mit niemandem eingelassen, der nicht die Absicht gehabt hätte, sie zu heiraten und ihr ein Zuhause zu bieten. Sie mochte die Idee, Besitzerin eines kleinen, feinen Restaurants zu sein, interessante Gäste zu haben und weithin Bekanntheit und Anerkennung zu genießen. Sie schmiedeten Pläne und durchlebten einen heißen, verliebten wunderbaren Sommer, von dem Nadine später immer dachte, daß er die beste Zeit ihrer Beziehung gewesen war.

Am Ende des Sommers, als ein sehr warmer, goldener Herbst begonnen hatte, fragte Henri Nadine, ob sie ihn heiraten wolle. Die Frage wurde zwischen ihnen beiden nur als Formsache gesehen, derer sich Henri jedoch stilvoll mit roten Rosen und einem kleinen Brillantring entledigte. Nadine willigte ein, und dann sagte Henri zögernd: “Nadine, ich möchte, daß du Cathérine kennenlernst. Meine Cousine.”

Er hatte Cousine Cathérine schon einige Male erwähnt, aber Nadine hatte nie genau hingehört. Henri hatte eben eine Cousine, die im Hafenviertel von La Ciotat lebte und die er offenbar als eine Art Schwester empfand. Warum auch nicht?

“Klar lerne ich sie kennen”, sagte sie, sie wird ja wahrscheinlich auch zu unserer Hochzeit kommen?”

“Da bin ich nicht so sicher. Du mußt wissen…Cathérine wäre selbst gern meine Frau geworden. Ich fürchte, daran hat sich nie etwas geändert.”

“Aber ich denke, sie ist deine Cousine?”

“Das gibt es doch öfter. Wir wären nicht der erste Fall, wo Cousin und Cousine heiraten. Also, das ist schließlich erlaubt, und, wie gesagt, es ist ziemlich oft vorgekommen.”

Von diesem Augenblick an hatte Nadine eine Abneigung gegen Cathérine gehegt. Sie war nicht mehr einfach nur eine Verwandte, sie war jetzt eine Rivalin.

“Und”, fragte sie, “hast du ihre Gefühle erwidert? Hast du sie auch heiraten wollen?”

“Ich weiß gar nicht mehr so genau. Es kann sein, daß wir uns als Kinder einmal dazu entschlossen hatten. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Wir waren wie Geschwister.”

“Und du hast irgendwann aufgehört, sie als die künftige Frau an deiner Seite zu sehen?”

“Natürlich.” Henri hatte sie ganz erstaunt angesehen. “Ich habe das sowieso nie ernst genommen, und hinzu kam…na ja, du wirst sie ja sehen. Sie ist ein lieber Kerl, aber…nein, als Frau an meiner Seite hätte ich sie nie in Erwägung gezogen.”

Es hatte dann einen gräßlichen Abend bei Bérard in La Cadíere gegeben, der so teuer gewesen war, daß Henri noch wochenlang hinter seinem Geld hergejammert hatte. Das Ambiente und Henris Nervosität vermittelten Nadine das Gefühl, einen Antrittsbesuch bei den künftigen Schwiegereltern zu absolvieren, dabei lernte sie doch einfach nur irgendeine Cousine ihres zukünftigen Ehemannes kennen.

Immerhin begriff sie sofort, daß Gathéine als Frau keine ernstzunehmende Konkurrenz darstellte. Einen Meter achtundachtzig groß, breitschultrig und breithüftig, war sie der Inbegriff des plumpen Trampels. Nadine fand sie einfach häßlich, nicht nur langweilig, unscheinbar oder unattraktiv, sondern richtig häßlich. Dabei war Cathérine an jenem Abend sogar in einer Phase gewesen, in der ihre Hautkrankheit gerade abgeklungen war; mit Hilfe einer Menge von speziellem Makeup und im günstigen Licht der Kerzen gelang es ihr, die schlimmsten Spuren einigermaßen zu verbergen. Nadine fand zwar, der Trampel habe zu allem Überfluß auch noch eine schlechte Haut, aber das ganze Ausmaß der Zerstörung, das die Krankheit bereits angerichtet hatte, entging ihr.

Die Atmosphäre war von der ersten Minute an gespannt. Cathérine machte ein Gesicht, als sei sie die Hauptdarstellerin in einer griechischen Tragödie. Henri plauderte ohne Unterlaß und allszu bemüht, und das meiste, was er sagte, war ziemlicher Blödsinn. Zum erstenmal, seitdem sie zusammen waren, hatte Nadine den Eindruck, es bestehe ein intellektuelles Gefälle zwischen ihm und ihr, und dieser Gedanke frustrierte sie. Am nächsten Tag sagte sie sich dann, es sei die Aufregung gewesen, die Henri so hirnlos und oberflächlich hatte plappern lassen, und erst viel später erkannte sie, daß sie an jenem Abend bei Bérard eine durchaus richtige Eingebung gehabt hatte: Intellektuell war Henri ihr unterlegen, und darin hatte von Anfang an der entscheidende Schwachpunkt ihrer Beziehung gelegen.

Nadine wußte, daß Cathérine sie vom ersten Moment an haßte, und sie sah nicht ein, weshalb sie es nicht genauso machen sollte. Normalerweise hätte sie mit der glücklosen Frau, für die sich lebenslang kein Mann interessieren würde, nur Mitleid empfunden, aber da Cathérine ihr unverhohlene Verachtung entgegenbrachte, reagierte auch sie schließlich nur noch mit Abscheu. Hatte diese häßliche Person ernsthaft geglaubt, einen Mann wie Henri zum Ehemann zu bekommen? Sie mußte an krankhafter Selbstüberschätzung leiden.

Cathérine erschien nicht zur Hochzeit, so daß von Henris Familie überhaupt niemand anwesend war. Sein Vater lebte schon lange nicht mehr, und seine Mutter, die gebürtige Italienerin, war in ihre Heimat zurückgekehrt und traute sich eine Reise von Neapel bis an die Côte de Provence nicht mehr zu.

“Hast du auß er deiner Mutter und Cathérine wirklich überhaupt niemanden mehr auf der Welt?” fragte Nadine spät in der Nacht, als ein festliches Essen mit viel Champagner vorüber war und sie in Henris Appartement in St. Cyr zusammen im Bett lagen.

Henri gähnte. “Es gibt noch eine alte Tante. Eine Cousine zweiten Grades oder so ähnlich von meinem Vater. Sie lebt in der Normandie. Ich habe seit vielen Jahren keinen Kontakt. Cathérine besucht sie manchmal.”

Die alte Tante, von der Henri kaum noch wuß te, wie sie hieß , stellte sich als entscheidender Weichensteller in ihrer beider Leben heraus. Ein knappes Jahr nach der Hochzeit verstarb sie und hinterließ eine ansehnliche Summe Geld, die, wie sie verfügt hatte, zu gleichen Teilen zwischen ihren letzten lebenden Angehörigen Cathérine und Henri aufgeteilt werden sollte. Dies war natürlich in höchstem Maße ungerecht, da sich Cathérine regelmäßig um sie gekümmert hatte, während Henri nicht ein einziges Mal bei ihr aufgetaucht war. Doch es gab nichts zu rütteln oder anzufechten. Jeder erhielt seinen Anteil. Cathérine kündigte ihre Stelle bei einem Notar; das Getuschel der Kollegen, in deren Kreis sie nie aufgenommen worden war, hatte sie ohnehin schon lange schmerzlich berührt. Sie kaufte die scheußiche kleine Wohnung in La Ciotat und legte den Rest ihres Anteils recht geschickt an, so daß sie für einige Jahre auf sparsamste Art davon würde leben können Des weiteren hatte sie recht konkrete Vorstellungen davon, wie sie ihren Lebensunterhalt von nun an aufbessern würde.

Denn Henri benutzte sein Geld, um eine kleine, heruntergekommene Kneipe in Le Liouquet zu kaufen, einem Ortsteil von La Ciotat, jedoch völlig abseits der Stadt gelegen. Das Häuschen, nur durch eine schmale Straße vom Meer getrennt, verfügte im Erdgeschoß über eine geräumige, aber vollig unzulänglich eingerichtete Küche, einen großen Gästeraum mit Bar und eine winzige Toilette. Im ersten Stock befanden sich drei kleinere Zimmer und ein Bad, und eine Art Hühnerleiter führte in eine Mansarde hinauf, die man allerdings im Sommer auch bequem als Backofen hätte nutzen können.

Draußen gab es einen gepflasterten Garten mit schönen, alten Olivenbäumen. Henri war begeistert.

“Eine Goldgrube”, sagte er zu Nadine, “eine echte Goldgrube!”

Sie war sekptisch. “Und wieso ist es dann so verwahrlost? Nach Geld sieht das Ding wirklich nicht aus.”

“Der Besitzer war uralt. Der hat das seit Jahren alles nicht mehr richtig gepackt. Bei uns wird das anders, du wirst sehen!”

Das Geld reichte für den Kauf, aber sie muß ten einen ziemlich hohen Kredit aufnehmen, um das Anwesen in Ordnung zu bringen und eine Küche einbauen zu lassen, die Henries Vorstellungen und seinen Ansprüchen genügte. Noch jahrelange zahlten sie an der Tilgung und den Zinsen.

Die kleine Kneipe, die Henri Chez Nadine nannte, entsprach nicht im geringsten den Ideen, die Nadine von einem eigen Restaurant hatte. Sie hatte sich das Ambiente feudaler, schicker gedacht. Sie fand es gräßlich, in ein paar wenigen Zimmern über Küche und Schankraum zu hausen, über sich nur noch die furchtbare Mansarde, die auch zudem hin und wieder vermietet wurde. Eine separate Wohnung wäre jedoch zu teuer gewesen, und auch das Vermieten der Zimmer brachte eine paar Francs, die dringend gebraucht wurden. Henri, der natürlich wußte, daß Nadine dies alles nicht behagte, erklärte immer wieder, das Chez Nadine sei nur der Anfang.

“Man beginnt immer klein. Irgendwann kaufen wir das Luxusrestaurant in St. Tropez, das sage ich dir.”

Mit der Zeit begriff Nadine, daß dies nie der Fall sein würde. Das Chez Nadine wurde gut besucht, aber das reichte immer nur dafür, einigermaß en sorgenfrei zu leben — unter der Voraussetzung, daß die Ansprüche denkbar bescheiden blieben – und das Restaurant am Laufen zu halten. Nie gelang es ihnen, etwas beiseite zu legen. Das Gourmetrestaurant in St. Tropez rückte in immer weitere Ferne, und Nadine wußte irgendwann, daß sie, wenn es nach Henri ging, für den Rest ihres Daseins in Le Liouquet leben und Pizza und Pasta zwischen Küche und Gastraum hin- und herschleppen würde. Denn er liebte das Chez Nadine. Es war sein ein und alles. Freiwillig würde er nie von dort weggehen.

Und auch Cathérine hatte sich bereits ihr Plätzchen gesichert. Wie sich herausstellte, hatte sie mit Henri vereinbart, täglich im Chez Nadine auszuhelfen. Beim Spülen und Saubermachen und — je nach Stand ihrer Krankheit — beim Servieren. Dagegen nun wehrte sich Nadine mit aller Heftigkeit.

“Ich will sie nicht hier haben! Diese Frau haßt mich wie die Pest! Ich will nicht mit einer Person unter einem Dach sein, von der ich weiß , daß sie mich zum Teufel wünscht. Und daß sie dich haben will!”

“Ich habe es ihr aber versprochen”, sagte Henri unbehaglich, “sie hätte sonst ihre Stelle nicht gekündigt.”

“Das ist nicht mein Problem. Mir hatte niemand etwas gesagt. Ich hätte euch sonst gleich klargemacht, daß aus diesem Plan nichts wird.”

“Wir brauchen aber eine Aushilfskraft.”

“Die gibt es wie Sand am Meer. Da müssen wir nicht Cathérine nehmen.”

“Es geht für Cathérine doch nicht nur ums Geldverdienen. Sie ist einfach ein zutiefst einsamer Mensch. Es ist ziemlich ausgeschlossen, daß sie es je schafft, eine eigene Familie zu gründen. Sei großmütig und laß sie ein wenig an unserem Leben teilnehmen!”

Sie hat mich zuerst abgelehnt, nicht umgekehrt. Ich will sie einfcach nicht da haben, Henri. Bitte respektiere das!”

“Du hast so viel mehr als sie. Du könntest doch…”

“Was habe ich denn schon?” fragte Nadine bitter. “Eine verdammte Pizzabude am Bein. Das ist alles!”

Es pendelte sich schließlich so ein, daß Henri Cathérine dann und wann zu Hilfe holte, wenn Nadine nicht da war, und daß ansonsten verschiedene Mädchen aus den umliegenden Dörfern halfen. Für Cathérine war dies natürlich weit entfernt von dem, was sie einmal angestrebt hatte. Sie griff danach, weil es das einzige war, was sie bekommen konnte. Aber ihr Haß auf Nadine — und das wußte diese — vertiefte sich mit jedem Tag. Nadine ignorierte geflissentlich, daß sich die verhaß te Cousine häufiger im Chez Nagine aufhielt, ebenso wie sie den Umstand verdrängte, daß Henri in geschäftlichen Problemen und Fragen Cathérine weit mehr zu seiner Vertrauten gemacht hatte als die eigene Ehefrau.

Wahrscheinlich, dachte Nadine manchmal, ist er inzwischen längst zu der Überzeugung gelangt, daß es vernünftiger gewesen säre, Cathérine zu heiraten und nicht mich. Die beiden würden leben und sterben für das idiotische Lokal, das dann Chez Cathérine hieße und für das sich Cathérine bei lebendigem Leib vierteilen ließe.

“Worüber willst du mit mir sprechen?” fragte sie nun. Sie stand in der Küche, hatte sich gerade eine Tasse Tee gemacht. Sie schloß beide Hände fest um den heißen Becher, aber sie wußte nicht, ob das Frösteln, das sie erfüllte, von der kühlen Morgenluft herrührte, die durch die geöffnete Gartentür herinströmnte, oder ob es ein inneres Frieren war, das aus ihrer Seele kam.

“Ich dachte, das wüßtest du”, sagte Henri, “ich meine, worüber wir sprechen sollten.”

“Ich habe nicht das Bedürfnis, zu sprechen”, sagte Nadine und krampfte ihre Finger noch fester um den Becher. Ein feineres Porzellan wäre bereits zersprungen, die dicke Keramik hielt stand. “Wenn du reden willst, mußt du schon sagen, worüber!”

“Er starrte sie an. Er sah müde aus und alt. Oder vielleicht nicht wirklich alt mit seinen sechsunddreiß ig Jahren, aber verbraucht. Müde und verbraucht. Und sehr verletzlich.

“Nein”, sagte er erschöpft, “es müß te von dir ausgehen. Ich bringe es nicht fertig, von mir aus anzufangen. Es ist…zu schrecklich.”

Sie zuckte mit den Schultern. Innerlich war sie angespannt, sie fror und zitterte und wußte dabei, daß sie nach außen hin kalt wirken mußte. Immer schon waren ihre Züge um so maskenhafter geworden, je mehr eine Situation sie aufwühlte. In ihren Augen erlosch jedes Leuchten, ihre gleichmäß igen Züge waren unbeweglich und wie in Stein gemeißelt. Ihr Gegenüber muß te sich provoziert fühlen von soviel Starre.

Er kannte sie seit so vielen Jahren, und doch hatte er dieses Muster ihres Wesens nie begriffen. Er sah nur ihre abweisende Miene und dachte: Eines Tages werde ich erfrieren an dieser Frau.

Und wußte, daß er längst erfroren war.

Und daß sie nie von sich aus zu ihm kommen und sprechen würde.

An diesem kühlen Oktobermorgen so wenig wie zu irgendeinem späteren Zeitpunkt.

1.4.4

Um zehn Uhr an diesem Montagmorgen erschien Lauras Mutter bei ihrer Tochter, um die kleine Sophie wieder abzugeben und herauszufinden, was nun weiter geplant war. Laura hatte das Enkelkind am gestrigen Abend überraschend gebracht und sich vage über eine Notsituatiom geäußert; des weiteren hatte sie hinzugefügt, es könne sein, daß sie kurzfristig nach Südfrankreich müsse, und ob ihre Mutter dann die Kleine für eine weitere Woche übernehmen könne? Elisabeth Brandt begriff nicht, was geschehen sein konnte, ware aber entschlossen, dahinterzukommen.

Laura hatte den Telefonhörer am Ohr, als sie ihrer Mutter die Haustür öffnete. Sie hatte gerade die Nummer des Hotels in P’erouges gewählt, war an eine gelangweilte Frau geraten, die gesagt hatte, sie werde sie weiterverbinden. Kurz zuvor hatte sie Pérouges auf der Landkarte nahe bei Lyon entdeckt. Die Entfernung bis Genf schien ihr zu groß, als daß sie sich vorstellen konnte, Peter habe dort gewohnt und sei drei Tage lang immer wieder viele Kilometer gependelt, um seinen Job in der Schweiz zu erledigen. Ihr war plötzlich klar geworden, und eine Ahnung war in ihr erwacht, das Trümmerfeld ihres Lebens könnte noch größer sein, als sie nach dem gestrigen schrecklichen Tag vermutet hatte.

“Ich verstehe nicht, weshalb du plötzlich nach Frankreich mußt”, sagte Elisabeth anstelle einer Begrüß ung. Ich denke, Peter segelt mit seinem Freund. Was sollst du dabei?”

“Gleich, Mami. Es gibt Probleme mit dem Haus.” Sie bedeutete ihrer Mutter, mit Sophie ins Wohnzimmer zu gehen. Se selbst blieb im Flur zurück. Elisabeth sprach und verstand kein Französisch, sie würde dem Telefonat nicht folgen können.

Sie hörte, wie Elisabeth im Wohnzimmer mit Sophie plauderte. Die Kleine quiekte und lachte; sie hing sehr an ihrer Großmutter.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich nun die Cloncierge des Hotels. Laura schluckte; sie hätte das Gespräch am liebsten beendet, noch ehe es begonnen hatte, hätte sich gern alles erspart, was auf sie zukommen mochte. Vielleicht war es manchmal besser, nichts zu wissen. Aber ein Gefühl sagte ihr, daß sie sich nicht lange würde verstecken können vor der Wirklichkeit. Der Stein war längst ins Rollen geraten. Es lag nicht mehr in ihrer Macht, ihn aufzuhalten.

“Hier ist das Büro von Peter Simon in Frankfurt”, sagte sie. “Ich mache die Buchführung und kann eine Abbuchung nicht belegen. Monsieur Simon war im Mai Gast Ihres Hauses. Können Sie mir sagen, wie hoch seine Rechnung war?”

“Monsieur Simon. Warten Sie…” Die Concièrge schien in einem Buch zu blättern. “Im Mai, sagen Sie? Moment, hier…Madame und Monsieur Simon aus Deutschland…”

Schlagartig erfüllte ein lautes Dröhnen Lauras Ohren. Die Stimme der Frau aus Pérouges war weit weg. Sie nannte ihr irgendeine Zahl, die Laura wie durch eine Wattewand hörte und nicht begriff. Sie sank auf die unterste Treppenstufe und dachte, sie würde gleich anfangen, mit den Zähnen zu klappern.

“Madame? Sind Sie noch da? Konnte ich Ihnen weiterhelfen?”

“Die entfernte Stimme der Conciérge drang zu ihr durch. Sie mußte irgendwie reagieren.

“Ja, vielen Dank. Das wollte ich nur wissen. Auf Wiedersehen.”

Sie drückte auf die Taste, die das Gespräch beendete. Aus dem Wohnzimmer hörte sie Elisabeths Stimme. “Du hast mir übrigens Sophie gestern viel zu dünn angezogen abgeliefert. Das geht so im Oktober nicht mehr!”

Schon wieder jemand, der eine Antwort wollte.

“Ja, Mami.”

Sie wußte nicht, wie sie sich von der Treppe erheben sollte. Wenn sie es versuchte, würden wahrscheinlich ihre Beine einknicken. Sie hätte mit dem Anruf warten sollen, bis sie allein war. Nun hatte sie keine Ahnung, wie sie ihr grenzenloses Entsetzen verbergen sollte. Wahrscheinlich war sie kalkweiß im Gesicht.

Madame und Monsieur Simon.

Blieb die Frage, wer die Frau war, die er als Madame Simone ausgegeben hhatte.

Oder war das letztlich überhaupt nicht wichtig?

Irgendeine beschissene kleine Affäre, dachte Laura, billig und klischeehaft. Er hat eine bescheuerte Geliebte, die er in exklusiven Hotels vögelt und die er als seine Gattin eintragen läßt, weil er zu spießig ist, sich mit einer Frau anderen Namens in ein Zimmer zurückzuziehen.

Ihr wurde plötzlich schlecht, sie ließ das Telefon fallen, sprang auf, stürzte in die Küche und erbrach sich ins Spülbecken. Ihre Haut war von einem Moment zum nächsten mit einem Schweißfilm überzogen. Sie zitterte und würgte, und als sie nichts mehr im Magen hatte, kam nur noch gelblicher Schleim.

Sie hörte die Schritte ihrer Mutter näher kommen.

“Wo bleibst du denn? Telefonierst du immer noch?”

Elisbeth stand in der Küchentür, starrte ihre Tochter an. “Ist dir schlecht?”

Wonach sieht es denn wohl aus? dachte Laura aggressiv, während sie zugleich die Wut auf ihre Mutter zu beschwichtigen suchte: Für den katastrophalen Zusammenbruch des Lebens ihrer Tochter konnte Elisabeth absolut nichts.

Laura richtete sich auf, zog sich eine Küchenpapierrolle heraum und tupfte sich den Mund ab. Elisabeth spähte in das Becken. “Das solltest du nicht mit Wasser wegspülen. Ich fürchte, dabei verstopfen die Rohre. Setz dich an den Tisch, trink ein Glas Wasser. Ich beseitige den Schaden.”

Laura protestierte schwach. “Nein, Mami, das kann ich dir nicht zumuten. Ich mach das gleich selber. Ich…”

Elisabeth drückte sie auf einen Stuhl am Küchentisch. “Du machst gar nichts. Du müß test dich einmal sehen. Du siehst so jämmerlich drein, daß man den Eindruck hat, du fällst jeden Moment um.”

Sie holte Wasser aus dem Kühlschrank, schenkte ein Glas ein, stellte es vor Laura hin. “Trink das. Du weiß t ja: immer alles rausspülen.”

Geschäftig machte sie sich daran, mit Küchenpapier das Erbrochene ihrer Tochter zur Gästetoilette zu schaffen und zu beseitigen. Sie öffnete das Küchenfenster und versprühte Raumspray, um den beißenden Geruch zu vertreiben. Wie immer agierte, sie tüchtig und engagiert. Wie immer fühlte sich Laura dabei wie ein Kind, kam sich auf einmal sehr klein vor.

“Mami, Peter hat ein Verhältnis”, sagte sie.

Elisabeth hielt für einen Moment inne, dann fuhr sie in ihren Tätigkeiten fort, eine Spur aggressiver als vorher.

“Woher weißt du das?” fragte sie.

“Er hat im Mai in einem Hotel bei Lyon genächtigt. In Begleitung einer Frau, die er als seine Ehefrau ausgab. Ich denke, das ist eindeutig.” Während sie den Sachverhalt schilderte wurde ihr schon wieder übel. Diesmal war sie besser gewappnet und konnte den Brechreiz zurückdrängen.

Es ist so entsetzlich, dachte sie.

“Deshalb also möchtest du Hals über Kopf nach Südfrankreich. Nicht, weil irgend etwas mit dem Haus nicht in Ordnung wäre”, stellte Elisabeth sachlich fest. Sie wurde immer besonders sachlich, wenn etwas sie bewegte. “Du weißt, wo er ist? Ich meine, er ist ja dann wohl nicht beim Segeln mit seinem Freund?”

“Beim Segeln ist er nicht, das weiß ich. Aber wo er sich stattdessen herumtreibt — keine Ahnung. Ich weiß ja nicht einmal, wer die Frau ist, mit der er mich betrügt. Aber sein letztes Lebenszeichen stammt aus St. Cyr.”

“Sicher?”

“Ich habe mit dem Wirt einer Pizzeria dort gesprochen. Peter hat Samstag dort gegessen. Also war er da. Doch dann verliert sich seine Spur.”

“Du glaubst, er ist mit…dieser Frau zusammen?”

Laura wußte, dies alles war eine Tragödie für ihre Mutter, die inzwischen das Spülbecken mit einer Vehemenz schrubbte, als wolle sie es in seine Bestandteile zerlegen. Elisabeth würde kaum damit fertig werden, eine Tochter mit gescheiteter Ehe zu haben. Wenn sie sich von ihrem Schock erholt hatte, würde sie anfangen, unermüdlich nach einer Lösung für das Problem zu suchen.

“Er hat Schwierigkeiten”, sagte Laura, “finanzieller Art.” Das war eingermaßen untertrieben. Aber genauer wollte sie es ihrer Mutter nicht schildern. “Ich könnte mir denken, daß er…weißt du, eine Art Kurzschlußreaktion…vielleicht ist er irgendwo untergetaucht.”

Elisabeth hatt noch nie die Neigung gehabt, Dinge zu beschönigen.

“Du meinst, er hat sich womöglich zusammen mit dieser…Fremden irgendwohin ins Ausland abgesetzt und überläßt dich und euer Kind einer ungewissen Zukunft?”

Die Übelkeit meldete sich wieder. “Ich weiß es nicht, Mami.”

“Wie ernst sind denn seine finanziellen Probleme?”

“Auch da habe ich noch nicht den genauen Überblick. Ich bin erst seit gestern mit all dem konfrontiert. Seit heute weiß ich von…seinem Verhältnis. Für mich haben sich noch nicht alle Fäden entwirrt.”

“Also, wenn du meine Meinung hören willst”, sagte Elisabeth und hörte endlich auf, das Spülbecken zu malträtieren, dann würde ich jetzt nicht nach Frankreich fahren. Ordne hier erst einmal die Dinge. Deine finanzielle Zukunft steht vielleicht auf dem Spiel. Die solltest du in Ordnung bringen.”

“Für mich steht etwas ganz anderes auf dem Spiel”, sagte Laura. “Wenn die Dinge so liegen, wie ich jetzt vermute, dann ist Geld das letzte, was mich interessiert.”

Sie stand auf. Diesmal schaffte sie es zur Gästetoilette. Sie übergab sich erneut. Das Gesicht, das ihr danach aus dem Spiegel über dem Waschbecken entgegensah, erschien ihr fremd.

Als gehörte es einer anderen Frau.

1.4.5

Monique Lafond hatte seit einer Woche ein schlechtes Gewissen, und deshalb beschloß sie an diesem Montagvormittag, den bohrenden Schmerz hinter der Stirn zu ignorieren, ebenso wie den Umstand, daß sie noch immer erhöhte Temperatur hatte. Sie war eine pflichtbewußte Person, und für gewöhnlich ließ sie sich auch von Erkrankungen nicht von einer einmal übernommenen Aufgabe abhalten. Aber diese Grippe hatte sie mit einer nie zuvor gekannten Heftigkeit erwischt, und sie hatte sich rasch und anhaltend in einer äußerst schmerzhaften Stirn- und Nebenböhlenentzündung etabliert. Monique ging nie zum Arzt — und in den siebenunddreißig Jahren, die sie nun lebte, war dies auch nie notwendig gewesen —, aber diesmal war ihr schließlich nichts anderes übrig geblieben. Er hatte ihr ein paar Medikamente verschrieben und strikte Bettruhe verordnet.

Deshalb war sie nicht, wie vereinbart, am 29. September in das Haus von Madame Raymond gegangen, um dort sauberzumachen, sondern schleppte sich erst jetzt, über eine Woche später, dorthin. Und kam sich deswegen irgendwie schuldig vor.

Genaugenommen konnte es Madame Raymond gleich sein. Sie war am 29. September heim nach Paris abgereist und würde vermutlich erst an Weihnachten wieder nach St. Cyr kommmen. Die Absprache lautete dahingehend, daß Monique am Tag der Abreise oder einen Tag später gründlich saubermachen, den Herbst über alle zwei Wochen nach dem Haus sah und kurz vor Weihnachten alles schön herrichtete, ehe Madame wieder anreiste.

Sie hatte Madame Raymond an jenem letzten Samstag im September in aller Frühe anzurufen versucht, war aber nur auf den Anrufbeantworter gestoßen. Mit krächzender Stimme hatte sie erklärt, zu krank zu sein, um zu putzen, sich jedoch nach erfolgter Genesung sofort ans Werk zu machen. Madame Raymond hatte nicht zurückgerufen, was darauf schließen ließ, daß sie im ersten Morgengrauen aufgebrochen sein mußte. Monique hatte einen Tag später noch mal in Paris angerufen, jedoch auch dort nur den Anrufbeantworter erwischt. Da sie nichts weiter hörte, ging sie davon aus, daß Maddme mit allem einverstanden war. Insgeheim empfand sie ihre re Arbeitgeberin als ziemlich unfreundlich. Nach all den Jahren hätte sie ihr wenigstens eine gute Besserung wünschen können.

Es war schon fast Mittag - die Uhr zeigte wenige Minuten vor zwölf, als sie sich in der Lage fühlte, sich endlich auf den Weg zu machen. Sie hatte drei Aspirin genommen und den Schmerz damit ein wenig eingedämmt. Das leichte Fieber wollte nicht sinken, aber sie beschloß, diesen Umstand zu ignorieren.

Madame Raymonds Ferienhäuschen lag inmitten der Felder, die sich zwischen dem Stadtkern von St. Cyr und den Ausläufern der Berge erstreckten. Die Straßen waren schmal und holprig, oftmals von kleinen Mauern gesäumt, und wilde Blumen wuchsen an ihren Rändern. Kleine Gehöfte und verwunschene Häuser lagen zwischen den Weinfeldern, beschattet von alten Olivenbäumen. Im Sommer lastete hier schwere Hitze, und knochentrockener Staub wirbelte auf, wenn Autos in zu raschem Tempo über die kurvigen Sträßchen brausten. Heute jedoch, nach dem völlig verregneten Vortag, hob sich Feuchtigkeit aus den Wiesen. Der Himmel hing voller Wolken. Monique betrachtete ein paar dünne Rauchsäulen, die aus vereinzelten Schornsteinen stiegen. Ostwind. Es war keine wirkliche Wetterbesserung in Sicht.

Sie fuhr mit dem Fahrrad und merkte recht bald, daß es ein Fehler gewesen war, sich darauf einzulassen. Schon nach einem Kilometer ging es ihr viel schlechter, und als sie in den schmalen Feldweg einbog, der gewissermaßen die Auffahrt zu Madame Raymonds Haus darstellte, tobten die Schmerzen hinter ihrer Stirn, und sie hatte zudem den Eindruck, daß ihr Fieber noch einmal stieg. Wahrscheinlich war sie bis zum Abend erneut schwer krank und würde wieder nicht zur Arbeit gehen können. Monique arbeitete als Sekretärin bei einem Makler. Mit dem Putzen und Warten von Ferienhäusern verdiente sie sich etwas hinzu, denn die einzige Freude in ihrem recht einsamen Single-Dasein bestand in einer alljährlichen großen Ferienreise in ein weit entferntes Land. Das kostete eine Menge Geld, und dafür schuftete Monique selbst an den Wochenenden — oder an Tagen wie diesem, an denen sie eigentlich noch krank geschrieben war. In diesem Jahr war sie in Kanada gewesen. Im nächsten Jahr wollte sie nach Neuseeland.

Im Hof, der gepflastert war und voller Olivenbäume stand, sprang sie vom Rad. Hoffentlich ist niemand eingebrochen, dachte sie, das würde eine Menge Ärger bedeuten für mich.

Das Haus lag friedlich und still unter dem immer bleierner werdenden Himmel, und es sah nicht so aus, als sei ihm an irgeneiner Stelle Gewalt angetan worden.

Obwohl der Tag nicht kalt war, fror Monique plötzlich, und sie vermutete, daß das am Fieber lag.

Als sie die Haustür aufschloß, prallte sie zurück vor einem widerwärtigem Gestank, der ihr aufdringlich entgegengehlug und ihr fast den Atem nahm.

O Gott, dachte sie entsetzt, irgend etwas verwest hier.

Madame mußte — in der Annahme, Monique werde sich unverzüglich um alles kümmern — verderbliche Lebensmittel offen in der Küche liegengelassen haben. Die spätsommerliche Hitze der letzten Woche hatte dann ganze Arbeit geleistet. Monique sah vergammeltes Fleisch vor sich, auf dem es wimmelte vor Maden und Würmern, und sie fand, daß ihr Nebenjob machmal einfach nur hassenswert war.

Immerhin schien es ihr nun ziemlich klar zu sein, daß Madame Raymond aus irgendeinem Grund keine ihrer Nachrichten erhalten hatte, und es tröstete sie, daß es nicht mangelndes Interesse gewesen war, weshalb sich Madame nicht nach ihrem Befinden erkundigt hatte. Sondern eine schlichte Panne in der Nachrichtenübermittlung.

Monique ging den schmalen Flur entlang, wo der Gestank zunahm und ihr beinahe den Magen hob. Wahrscheinlich quoll der Mülleimer über. Etwas so Entsetzliches hatte sie noch nie grochen. Ihr brach kalter Schweiß aus, und diesmal war sie nicht sicher, ob es von der Grippe kam. Der Gestank hatte etwas zutiefst Beunruhigendes, es schwang etwas darin, was sie frieren ließ und ihr ein eigentümliches Kribbeln auf der Kopfhaut verursachte. Sie empfand eine Art von instinktivem Grauen.

Ich bin krank, das ist alles, sagte sie sich und konnte es nicht wirklich glauben.

In der Küche tickte eine Uhr, und eine Fliege summte zwischen den Wänden, aber es konnte keine Rede sein von wesenden Fleischbergen. Auf der Spüle stand sauberes Geschirr im Abtropfsieb, der Mülleimer war fest verschlossen. In einer Schale auf dem Fensterbrett faulte Obst, aber Monique mußte die blitzartige Hoffnung, hier sei die Quelle für den seltsam süßlichen Gestank zu finden, sofort wieder fallenlassen. Das Obst roch nur ganz leicht, und man mußte dicht herangehen. Der Gestank kam überhaupt nicht aus der Küche! Er kam aus dem hinteren Teil des Hauses, von dort, wo die Schlafzimmer lagen.

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Auf einmal begriff sie, welche instinktive Reaktion in ihr vorging. Es war wie das Schreien der Tiere, wenn sie den Schlachthof rochen.

Sie atmete den Tod.

Ihr Verstand arbeitete sofort dagegen. Es war absurd. Am hellichten Tag in einem idyllischen Ferienhaus der Provence roch man nicht den Tod — und wie roch der überhaupt? Es gab eine Erklärung für den mörderischen Gestank, eine simple Erklärung, und die würde sie jetzt herausfinden. Auf der Stelle.

Sie marschierte den Gang entlang, öffnete die Glastür, die den Wohn- vom Schlafbereich trennte, und trat in Madame Raymonds Schlafzimmer, wo diese unterhalb des Fensters lag, bekleidet mit den Fetzen ihres Nachthemds. Um ihren Hals lag ein kurzer Strick, die Augen quollen aus den Höhlen, und die Zunge stand schwarz und steif aus dem Mund. Über die Fensterbank verteilte sich etwas, das wie Erbrochenes aussah. Monique starrte ungläubig auf das Bild, das sich ihr bot, und bemühte auf eine absurde Weise noch immer ihren Verstand um eine vernünftige Erklärung.

Dann schoß es ihr durch den Kopf: Bernadette! Und sie stürzte ins Nebenzimmer, um nach Madame Raymonds vierjähriger Tochter zu sehen. Die Kleine lag in ihrem Kinderbettchen. Man war mit dem Kind in dergleichen Weise verfahren wie der Mutter, aber offenbar hatte es geschlafen, als der Mörder kam. Es war — hoffentlich — nicht aufgewacht, ehe man begonnen hatte, ihm den Hals abzuschnüren.

“Ich muß überlegen, was ich als nächstes tue”, sagte Monique laut. Der Schock bildete noch immer eine Barriere zwischen ihr und dem furchtbaren Anblick und verhinderte, daß sie schrie oder in Ohnmacht fiel.

Sie verließ das Zimmer, ging auf unsicheren Beinen in die Küche, setzte sich auf einen Stuhl. Die Uhr schien noch lauter zu ticken als zuvor, sie dröhnte förmlich, und auch das Brummen der Fliege hatte sich verstärkt, schwoll mit jeder Sekunde an. Monique starrte auf das faulende Obst, Äpfel und Bananen waren es, die bereits matschig wurden, und sie konnte bräunliches, zerlaufendes Fruchtfleisch sehen. Bräunliches, zerlaufendes Fleisch…

Das Ticken der Uhr und das Brummen der Fliege verdichteten sich gemeinsam zum ohrenbetäubenden Dröhnen. Die Lautstärke schmerzte in Moniques Ohren, wurde unerträglich, dran in ihren Kopf und drohte ihn zum Platzen zu bringen. Sie wunderte sich, daß die Fensterscheiben nicht zersprangen. Wunderte sich, daß die Wände nicht wankten. Daß die Welt nicht unterging, obwohl das Schlimmste geschehen war.

Sie begann zu schreien.

1.4.6

Sie hatte nicht ein einziges Mal Rast gemacht. Neben ihr auf dem Beifahrersitz hatte die ganze Zeit über eine Flasche Minneralwasser gelegen, aus der sie immer wieder einen Schluck nahm, bis sie leer war. Seltsamerweise mußte sie kein einziges Mal auf die Toilette, erst als sie auf dem Pas d’Ouilliers aus dem Wagen stieg, merkte sie, daß sie sich dringend erleichtern mußte. Sie kauerte sich hinter einen Busch, wobei sie auch registrierte, wie steif sie vom langen Sitzen geworden war; sie bewegte sich wie eine alte Frau.

Schließlich trat sie an einen der Picknicktische und schaute hinunter auf die tausend blitzenden Lichter der Bucht von Cassis.

Es war fast halb elf, die Nacht war kühl und bewölkt, und hier oben wehte ein Wind, der einen frösteln ließ. Sie hätte ihre Jacke anziehen sollen, aber sie wollte ohnehin nur einen Moment bleiben. Von diesem Ort aus hatte Peter sie zum letzten Mal angerufen. Hier riß der Faden. Hier hatte er vor zwei Tagen — waren es wirklich erst zwei Tage?– gestanden und auf dieselbe Bucht, dasselbe Meer geblickt wie sie jetzt. Wenn es stimmte. Wenn er überhaupt hier gewesen war. Seit dem Zusammenbruch ihrer Welt schien es kaum mehr etwas zu geben, was sie noch glauben konnte, aber nachdem Henri Joly bestätigt hatte, daß Peter im Chez Nadine gewesen war, sprach manches dafür, daß er zuvor den Pas aufgesucht hatte. Irgendwo mußte er gehalten haben, um zu telefonieren — Peter telefonierte nie beim Fahren — und warum dann nicht hier? Den Ort konnte er zumindest fast automatisch angefahren haben. Hier hatten sie jedesmal gestanden und den ersten Blick auf das Meer genossen. Ob es ihm das gleiche bedeutet hatte wie ihr — ein liebgewordenes Ritual, das nur sie beide miteinander teilten? Nach alledem, was geschehen war, erschien es ihr zweifelhaft.

Wenn er micht geliebt hätte, dachte sie und atmete tief die Luft, die soviel weicher war als daheim, hätte es für ihn kein Wochenende mit einer anderen Frau gegeben.

Und vermutlich waren es viele Wochenenden gewesen. Oder heimliche Mittagsstunden , falls sie in Frankfurt wohnte oder häufig dort war. Oder Geschäftsreisen. Wie lange ging das schon? Weshalb hatte sie nichts bemerkt? Aber schließlich waren auch seine abenteuerlichen Spekulationen und Investitionen völlig an ihr vorübergegangen.

Sie überlegte, wie es in der letzten Zeit mit Geld bei ihr ausgesehen hatte: Größere Rechnungen hatte sie sowieso immer an Peter weitergegeben, und vermutlich hatte er sie häufig nicht bezahlt. Für den eigenen Bedarf verfügte sie über ein kleines Konto, auf das Peter in unregelmäßigen Abständen Geld überrwies. Schon seit längerer Zeit war nichts mehr eingegangen, und ihr Guthaben war ziemlich geschrumpft, aber das hatte sie nicht gekümmert, weil sie immer davon ausgegangen war, ein einziges Wort zu ihm würde genügen und den Geldfluß wieder in Gang bringen. Ansonsten hatte sie eine Kreditkarte, die zu einem von Peters Konten gehörte, aber mit der hatte sie schon seit längerem nichtmehr eingekauft. Falls sie gesperrt war, hatte sie das nicht bemerkt.

Wie Dornröschen. Sie war ein echtes Dornröscben gewesen. Von Rosen umrankt, in einem hundertjährigen Schlaf gefangen.

Sie hatte bislang nicht geweint, und nicht einmal in diesem Moment verspürte sie das Bedürfnis; ungewöhnlich bei ihr, die dicht am Wasser gebaut hatte und bei weit geringeren Anlässen leicht und schnell in Tränen ausgebrochen war. Nun stand sie hier, an einem Ort, mit dem sich romantischste Erinnerungen verbanden, und ihre Augen blieben klar und trocken. Dicht neben ihr in einem Auto knutschten heftig zwei Männer, aber sie beachtete dies kaum. Sie befand sich wie in einem inneren Zwiegespräch mit dem Mann, den sie zu kennen geglaubt hatte und der doch ein anderer war.

Hier hast du gestanden. Hast mit mir telefoniert. Müde seist du, hast du gesagt. Kein Wunder, habe ich gedacht, nach der langen Fahrt. Heute weiß ich, daß du eigentlich nicht müde auf mich gewirkt hast, und vielleicht war es das, was das Gefühl von Unruhe und Belelemmung in mir auslöste. Du schienst eher angespannt, nervös. Mit Christopher auf Segeltour zu gehen war etwas, das dich normalerweise glücklich und ausgeglichen, freudig sein ließ. Aber du hast nicht die geringste Freude ausgestrahlt. Es ging dir nicht gut. Du hattest vor, deine Geliebte zu treffen und dich mit ihr aus dem Staub zu machen, deine Schulden ebenso wie deine ahnungslose Ehefrau einfach abzuschütteln. Du standest hier und kamst dir vor wie ein Scheusal und ein Versager — und genau das warst du auch und bist es noch.

Sie wünschte, sie könnte die kalte Verurteilung, die sie in Gedanken aussprach, empfinden. Aber davon war sie noch weit entfernt. Sie würde durch eine lange Zeit der Trauer gehen, dann durch eine des Hasses und der Verachtunng, und dann, irgendwann, würde sie hoffentlich mit Gelassenheit und ohne Emotionen an ihn denken.

Auf dem Weg zwischen dieser Zukunft und dem Jetzt lag die Hölle.

Eine halbe Stunde später schloß sie die Tür zum Häuschen auf. Ein kleines Haus im Quartier Colette, gebettet an einen sanft ansteigenden Hang, auf dem in Terrassen der Wein wuchs. Das Quartier gehörte zu La Cadiére, lag aber außerhalb; man konnte den Berg, auf dem sich das eigentliche Dorf befand, genau sehen, würde aber gut zwanzig Minuten dorthin laufen. Das Quartier lag ein wenig abgeschirmt, wurde nur von einer Privatstraße durchquert. Die Grundstücke waren groß und von hohen Zäunen umgeben; die meisten Bewoner hatten Hunde. Die zahl der Einbrüche an der Côte war zwar zurückgegangen, aber noch immer war man überall auf Sicherung des Eigentums sehr bedacht.

Ihrem innersten Gefühl folgend, wäre Laura am liebsten sofort zu Henri Nadine gefahren, denn das Chez Nadine war die nächste Station, von der sie wußte, daß Peter sich dort aufgehalten hatte. Aber dort war Ruhetag, wie ihr unterwegs wieder eingefallen war, und sie scheute davor zurück, um diese Uhrzeit privat dort vorbeizuschauen. Sie würde sich bis zum nächsten Morgen gedulden.

Gleich beim Eintritt in das Haus hatte sie den Eindruck, daß niemand hier gewesen war seit ihrem und Peters letztem Auftenthalt im Sommer. Stille, Staub und Unberührtheit hingen zwischen den Wänden. Dennoch ging sie von Raum zu Raum um sich noch einmal zu vergewissern, aber was sie sah, bestätigte ihre erste Empfindung. Kein Bett war bezogen, die säuberlich aufgeschichteten Decken und Kissen wiesen keine Knick, keine Delle auf. Unwahrscheinlich, daß jemand hier genächtigt haben sollte. In der Küche gab es keine schmutige Tasse, keinen benutzten Teller oder Löffel. Im Bad kein Handtuch, das aus dem Schrank genommen und gebraucht worden war. Staub auf Tischen, Stühlen, Regalen. Peter hatte das Haus nicht betreten.

Für diese Nacht lohnte es sich nicht mehr, die schweren Fensterläden zu öffnen, und so verharte sie in den berbarrikadierten Räumen, atmete die stickige, dumpfe Luft und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

Weshalb war er hierher gefahren? Hatte es etwas mit jener Frau zu tun? Woher wollte sie wissen, daß es sich um eine Französin handelte? Es konnte ein banales Frankfurter Verhältnis sein, das sich in einem Stundenhotel im Rhein-Main-Gebiet abgespielt hatte. Wenn er ihr nicht gerade ein Wochenende in Pérouges spendierte. Kam sie wegen Pérouges auf eine Französin? Aber diesen Ort hatte Peter vielleicht nur deshalb gewählt, weil er hoffnungslos frankophil war (mich hat er schließlich auch immer wieder in dieses Land geschleppt, dachte sie), oder deshalb, weil er tatsächlich in Genf zu tun gehabt hatte, nur nicht ganz so ausgiebig, sondern so, daß genügend Zeit für ein romantisches Wochenende geblieben war. Sie konnten zusammen von Frankfurt aufgebrochen sein.

Aber weshalb dann jetzt die Provence?

Das muß nichts mit ihr zu tun haben, dachte sie, vielleicht war sie auch nur ein flüchtiges Abenteuer. Vielleicht spielte sie keine Rolle mehr. Vielleicht war er nur hierher gefahren, um noch einmal das Land zu sehen, das er so liebte.

Vielleicht — plötzlich war sie wie elektrisiert — hatte er gar nicht vor, abzubauen. Vielleicht hatte er nur untertauchen wollen. Es war nie ihr Verdacht gewesen, daß er ins Ausland verschwinden wollte, Melanie hatte diese Vermutung geäüßert, und Laura hatte sie völlig unkritisch übernommen. Natürlich auch deshalb, weil es plausibel klang. Aber deshalb mußte es doch nicht so sein!

Ich habe diese Affäre viel zu sehr dramatisiert, dachte sie und merkte, wie über diesem Gedanken der Schmerz ein wenig Linderung erfuhr; in Wahrheit ist Peter einfach in Panik geraten wegen seiner Schulden. Er hat sich verkrochen, er sucht Ruhe und Abstand, er muß nachdenken. Er muß sich überlegen, wie er mir beibringt, daß wir finanziell am Ende sind. Daß wir unsere beiden Häuser verkaufen müssen. Daß wir ganz neu und ganz klein anfangen müssen.

Auf einmal fühlte sie völlig sicher, daß er in ihrer Nähe war. Natürlich hatte er sich nicht in dieses Haus zurückgezogen, wo er greifbar und erreichbar war. Wahrscheinlich saß er in einem Hotel oder in einem Appartement. Aber auch das mußte er einmal verlassen. Sie kannte seine Spazierwege, kannte die Flecken, die er am meisten liebte. Irgendwann in den nächsten Tagen wurden Sie einander begegnen. Dann würde sie mit ihm sprechen.

Ich könnte wieder arbeiten, dachte sie, und es war ein beinahe schon freudiges Herzklopfen, das sie spürte. Wie heißt es immer? In jeder Krise steckt die Möglichkeit einer positiven Entwicklung. Peter und ich werden hinterher nicht mehr diesselben sein.

Am nächten Tag würde sie beginnen, ihn zu suchen.

1.5 Dienstag, 9. Oktober

1.5.1

Nadine wollte gerade das Haus verlassen, als Henris Stimme sie zurückhielt. “Wo willst du hin?”

Das klang weniger scharf als ängstlich. Sie drehte sich um. Sie hatte ihn gerade noch im Bad gehört, wo er sich rasierte, und war überzeugt gewesen, daß er ihren Aufbruch nicht mitbekommen würde. Nun stand er in dem kleinen Flur neben der Küche, der zum Hinterausgang führte. Er hatte Rasierschaum im Gesicht und einen Pinsel aus Dachshaar in der Hand. Bekleidet war er mit einer Unterhose und einem T-Shirt, seine dunklen Haare standen noch verstrubbelt von der Nacht um seinen Kopf.

Was für ein schöner Mann, dachte sie, und diese Feststellung war so richtig wie die vom Vortag, als sie gedacht htte: Wie alt er ist! Was für ein schöner, schwacher Mann!

“Muß ich neuerdings Rechenschaft ablegen, wenn ich das Haus verlasse?” fragte sie zurück.

“Ich denke, es ist eine Frage der Höflichkeit, wenn man den anderen informiert, ehe man geht”, sagte er.

“Ich mache einen Spaziergang. Einfach einen Spaziergang. Ist das in Ordnung?”

Er taxierte sie von oben bis unten. Sie wußte, daß er von ihr ganz sicher nicht dachte, daß sie schön sei. Nicht an diesem Morgen. Sie hatte sich im Spiegel gesehen und sich unattraktiv wie nie zuvor gefunden. Selbst wenn sie krank gewesen war — ein seltenes Ereignis bei ihrer robusten Gesundheit —, hatte sie nicht so elend gewirkt.

Zerstört, hatte sie vorhin gedacht, ich sehe zerstört aus. Sie war in ihren Jogginganzug geschlüplt, hatte die strähnigen Haare lieblos zurückgebunden, auf Wimperntusche und Lippenstift verzichtet. Das war absolut ungewöhnlich bei ihr.

“Nadine schminkt sich immer, und wenn sie nur losgeht, das Klo zu putzen”, hatten Freunde früher gewitzelt. Der etwas mondäne Anstrich war Teil ihres Naturells gewesen. Jetzt kam ihr das alles nur noch überflüssig und sinnlos vor.

“Natürlich kannst du spazierengehen, wann immer du möchtest”, sagte Henri sanft.

“Danke”, erwiderte Nadine.

“Kann ich heute mittag mit dir rechnen? Hilfst du mir?”

“Warum fragst du nicht deine geliebte Cathérine?”

“Ich frage dich.”

“Ich bin spätestens um elf zurück. Reicht das?”

“Natürlich.” Diesmal setzte er hinzu: “Danke.”

Sie verließ ohne ein weiteres Wort das Haus.

1.5.2

Cathérine betrachtete sich kritisch im Spiegel. Der Höhepunkt der Akneattacke vom Samstag war vorüber, die Pusteln begannen zu verschorfen. Sie sah schlimm aus, jedoch nicht mehr so schlimm. Mit einer Menge Make-up und einer Menge Mühe könnte sie…

Der Gedanke rief eine unangenehme Erinnerung in ihr wach. Vor drei Jahren, als sie wieder einmal an einem seelichen Tiefpunkt angelangt gewesen war und gemeint hatte, die ständige Einsamkeit nicht mehr zu ertragen und noch weniger Aussicht auf ein lebenslanges Alleinsein, hatte sie auf eine Kontaktanzeige in der Zeitung geantwortet. Der Text hatte ihr gefallen; der Mann hatte geschrieben, er sei nicht besonders gutaussehend und suche auch keine Schönheit, sondern eine Frau mit Herz und Sinn für Romantik. Er habe einige Enttäuschungen erlebt und wisse es zu schätzen, wenn eine Frau in erster Linie aufrichtig und treu sei.

Cathérine schien es, daß sie alle Kriterien erfüllte: Sie war, weiß Gott, keine Schönheit, hatte dafür Herz und — wenn auch inzwischen ziemlich verschüttet hinter Verbitterung und Vergeblichkeit — einen Sinn für Romantik. Für ihre Treue und Aufrichtigkeit konnte sie garantieren — welchen Versuchungen sollte eine Frau wie sie auch ausgesetzt sein?

Sie schrieb ihm unter einer Chiffre-Nummer, legte dem Brief aber kein Photo bei, sie behauptete, im Augenblick keine aktuelle Aufnahme von sich zu haben und sich nicht mittels eines älteren Bildes jünger machen zu wollen, als sie war. Ein geschickter Schachzug, wie sie fand, denn er ließ sie sehr ehrlich erscheinen.

Zwei Abende später rief der Mann sie an.

Am selben Tag hatte sie nach einer erstaunlich langen — zu langen — Phase der Ruhe wieder einen Anfall erlitten. Die Akne überschwemmte sie mit besonderer Heftigkeit, auch über den Hals bis zum Bauch hinunter und über den Rücken. Sie sah aus wie ein Monster.

“Ich wohne in Toulon”, sagte der Mann, der sich als Stephane Matthieu vorgestellt hatte, “also nicht weit von Ihnen. Wir könnten uns morgen abend treffen.”

Das ging natürlich unter keinen Umständen. Sie mußte unbedingt ein paar Tage Zeit herausschinden.

“Ich muß morgen früh aufbrechen zu einer alten Tante in der Normandie”, log sie. “Sie ist krank geworden, und ich bin die einzige Verwandte, die sie noch hat.”

“Das tut mir leid”, sagte Stephane, “wie nett von Ihnen, sich so um sie zu sorgen.”

“Das ist für mich selbstverständlich”, erwiderte Cathérine. Ihr Gesicht brannte wie Feuer. Sie brauchte ihre ganze Willenskraft, sich nicht zu kratzen.

“Das ist ein schöner Zug”, sagte Stephane, “die meisten jungen Frauen haben nur ihr Vergnügen im Kopf. Diskos, teure Klamotten, schnelle Autos…Die Männer sollen attraktiv sein und viel Geld verdienen. Das ist alles, worauf es ihnen ankommt.”

“Wissen Sie”, meinte Catherine, all ihren Mut zusammennehmend, “ich bin nicht besonders hübsch. Aber ich weiß, worauf es ankommt im Leben. Ich meine, ich weiß, welche Werte Bestand haben und welche nicht.”

“Ich denke, wir werden uns sehr interessant unterhalten”, schloß Stephane, “Rufen Sie mich an, wenn Sie von Ihrer Tante zurück sind?”

Sie rief nach drei Tagen an; ihr Gesicht hatte sich erholt. Lieber hätte sie noch ein wenig gewartet, aber sie vermutete, daß er mehrere Zuschriften bekommen hatte, und befürchtete, er werde sich mit einer anderen Frau treffen und ihr vom Haken springen.

Sie hatte schon mittags begonnen, sich für das Treffen am Abend zurechtzumachen. Zum Glück war es November gewesen, und es wurde sehr früh dunkel. Sie hatte ein Fischrestaurant in Cassis ausgewählt, von dem sie wußte, daßss dort abends nur Kerzen brannten. Kerzenlicht war günstig für sie. Sie hatte spachteldic Make-up und Puder aufgetragen. Bei der entsprechenden Beleuchtung mochte ihre Haut einigermaßen passabel aussehen.

Stephane war nicht gerade begeistert von ihr, das merkte sie sofort. Natürlich war sie einfach zu dick, und das vermochte auch das fließende Gewand nicht zu verbergen, das sie ausgewählt hatte. Sie hatte es riskiert, trotz ihrer Größe dezente Absätze zu tragen, denn Stephane hatte seine Größe in der Anzeige mit einsneunzig angegeben, aber wie sich herausstellte, mußte er ein wenig geschwindelt haben: Er war kleiner als sie und würde es auch dann sein, wenn sie keine Schuhe trug. Er musterte sie aufmerksam während des Essens—Cathérine dankte Gott für den dunklen Novembernebel draußen und das dämmrige Licht drinnen —, und nur einmal meinte er: “Sie haben eine Allergie?”

Sie hätte sich fast verschluckt. “Ich war wieder leichtsinnig”, antwortete sie dann, betont fröhlich, “ich vertrage keine Nußschokolade, aber ich werde regelmäßig schwach.”

“Das bekommt auch der Figur nicht”, sagte Stephane.

Eigentlich mochte sie ihn kein bißchen. Er trug eine durch nichts gerechtfertigte Arroganz zur Schau, nörgelte am Essen herum und lehnte zweimal den Wein ab, ehe er ihn akzeptierte. Er ließ mehrfach durchblicken, daß er Cathérine zu dick fand (“Dagegen läßt sich ja etwas machen…”), und legte ihr auch nahe, auf den Nachtisch zu verzichten (“Die Preise sind ja gesalzen hier!”). Er selbst trug den Hosenbund unter dem Bauch und hatte für einen Mann einen ungewöhnlich wabbeligen Hintern. Er war knappe einsachtzig statt der angegebenen einsneunzig groß (“Ein Druckfehler der Zeitung”), und seine Krawatte war von erlesener Scheußlichkeit.

Mit dem Mann alt werden, dachte Cathérine, und Kälte kroch in ihr hoch, aber dann dachte sie an ihre düstere, leere Wohnung und an die unendliche Einsamkeit eines jeden Tages, und sie befand, daß Stephane nicht schlimmer war als das, im Lauf der Zeit vielleicht sogar besser.

Es gelang ihr, sich für den Rest der Woche nur abends mit ihm zu verabreden und den Vorteil des Dämmerlichtes für sich in Anspruch zu nehmen, aber am Wochenende, als er nicht arbeiten mußte — er war Angestellter einer Bank —, war es damit vorbei. Am Samstag behauptete sie noch, im Chez Nadine aushelfen zu müssen, aber für den Sonntag zeigte er sich hartnäckig; er wollte mit ihr am Vormittag zu einem Antiquitätenmarkt in Toulon gehen.

“Danach können wir irgendwo eine Kleinigkeit essen”, meint er, “und uns dann endlich einmal ganz konkret ein Sportprogramm für dich überlegen.”

Sie begann ihn zu hassen, und mehr noch haßte sie ihr Schicksal, das ihr keine Wahl ließ als diesen Mann, und selbst um ihn mußte sie noch bangen.

Es war ein gleißend heller Wintermorgen, das Licht scharf und kalt, und sie wußte, daß ihre Haut verheerend aussah.

“Himmel,” sagte er, als er ihr vor seiner Wohnungstür gegenüberstand, Übist du diesmal in die Nullschokolade hineingefallen, oder was?”

Dann schaute er genauer hin und runzelte die Stirn. “Das sind ja fürchterliche Narben überall! Das kann doch keine Allergie sein! Das sieht mir aus wie eine ganz schlimme Akne, und zwar eine, die noch aktiv ist!” Das klang anklagend. Cathérine akzpetierte den Schuldvorwurf, sie hatte wesentliche Fakten unterschlagen, was die Beschreibung ihrer Person betraf, und wahrscheinlich war er zu Recht verärgert.

“Ich habe ja gesagt, ich bin nicht attraktiv”, erwiderte sie leise, “aber ich…”

“Nicht attraktiv! Dazu zähle ich, daß du zu dick bist, strähnige Haare hast und dich unmöglich anziehst…”

Sie hatte das Gefühl, geschlagen zu werden.

“…aber das ist ja eine richtige Krankheit! Das hättest du nicht vertuschen dürfen. Allergie! Daß ich nicht lache!”

“Schau mal”, sagte Cathérine, verzweifelt und bereit, sich noch tiefer zu demütigen, “ich werde wirklich an mir arbeiten. Ich werde abnehmen. Ich werde mir eine Dauerwelle machen lassen. Ich werde…”

“Laß uns gehen”, unterbrach er genervt. “Großer Gott, hast du je daran gedacht, einen Arzt aufzusuchen?”

Sie trottete neben ihm her und versuchte ihm zu erklären, daß sie jahrelang von einem Arzt zum nächsten gelaufen war und daß sich zeitweise ihr ganzes Dasein nur in Warte- und Sprechzimmern abgespielt hatte, aber sie hatte nicht den Eindruck, daß er ihr zuhörte. Sie liefen über den Antiquitätenmarkt, immer noch unter dem hellen, grellen Licht, und Stephane blieb kaum einmal stehen, um sich etwas anzuschauen. Die ganze Zeit schwieg er, und sie sah nur , Wut erstarrtes Gesicht. Mittags gingen sie in ein kleines Restaurant unweit des Hafens, und noch immer sagte er nichts. Cathérine stocherte in ihrem Essen herum, entschuldigte sich irgendwann und floh auf die Toilette. Dort preßte sie ihr Gesicht gegen die kalten Kacheln an der Wand und sagte leise: “Ich hasse dich, lieber Gott. Ich hasse dich für deine Grausamkeit und für deine Willkür und dafür, daß du mich für den Mut, den ich aufbringen mußte, so hart bestrafst.”

Nach einer Weile kehrte sie in den Speiseraum zurück. Stephane war verschwunden, und im ersten Moment dachte sie, er sei auch auf der Toilette. Aber die Kellner räumten bereits den Tisch ab, und einer erklärte Cathérine, der Herr habe bezahlt und sei dann gegangen.

Sie glaubte, sie würde ihn nie wiedersehen, und sie wollte es auch nicht. In dem Restaurant vor den Kellnern zu stehen war der demütigendste Moment ihres Lebens gewesen, und alles, worauf sie hoffte, war, ihn irgendwann vergessen zu können. Natürlich gelang ihr das nicht. Immer wieder erstand die Situation vor ihren Augen, immer wieder durchlebte sie die brennende Scham. Eine Veränderunng ging danach mit ihr vor: Mit der Hoffnung auf ein Stück Lebensglück waren auch die letzte Weichheit, die letzte Versönungsbereitschaft mit dem Schicksal in ihr gestorben. Haß und Verbitterung bestimmten von da an ihr Wesen.

Und dann, ein halbes Jahr war es nun her, hatte sie Stephane wieder getroffen. In St. Cyr war es gewesen, auf der Bank, zu der sie für Henri einen Scheck brachte. Man hatte Stephane dorthin versetzt, und unvermittelt hatte er ihr auf der anderen Seite des Schalters gegenübergestanden.

Er war noch feister geworden und noch selbstzufriedener. Er erschrak, als er sie sah, faßte sich aber rasch.

“Cathérine! Wie nett, dich zu sehen! Wie geht es dir?”

“Gut. Sehr gut.” Sie hatte der Versuchung nicht widerstehen könne. “lch habe geheiratet inzwischen. Wir sind sehr glücklich.”

“Wie schön für dich!” Sein Gesichtsausdruck verriet, daß er sich fragte, wer wohl der arme Trottel sein könnte, dem dieser Mißgriff passiert war. “Stell dir vor, auch ich bin verheiratet! Wir leben in La Cadiére. So findet jeder Topf seinen Deckel, nicht wahr?”

Sie stellte Nachforschungen an und fand heraus, daß er tatsächlich nicht gelogen hatte. Es gab eine Madame Mathieu in seinem Haus, eine fade, langweilige Person, die aber bei all ihrer Graumäusigkeit weitaus ansehnlicher war als Cathérine. Sie begann sie zu hassen, nicht so sehr, wie sie Nadine haßte, aber doch mit einer Heftigkeit, die sie selbst manchmal überraschte, da Stephane schließlich kein Traummann und die graue Maus eigentlich bemitleidenswert war. Darüber hinaus haßte sie alle glücklichen Paare, vor allem glückliche Frauen, und sie fand, daß sie allesamt eine tiefe Selbstgerechtigkeit ausstrahlten.

Heute, an diesem Oktobermorgen, fühlte sie sich jener ohnmächtigen Wut, die immer wieder neu in ihr geboren wurde, besonders heftig ausgeliefert. Sie starrte ihr Spiegelbild an, dachte an Stephane und Madame Matthieu und an Henri und Nadine.

“Warum hat Henri denn immer noch nicht genug von ihr?” fragte sie leise und verzweifelt. “Was muß Sie noch alles tun, damit er aufhört, sie zu lieben?”

1.5.3

Christopher ging am Strand von St. Cyr entlang. Ein windiger kühler Tag. Der Wind hatte auf Nordwest gedreht, das Meer war bewegt, auf den Wellen tanzten weiße Schaumkronen. Er trug eine warme Jacke, hatte aber inzwischen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und die Uferpromenade verlassen, er stapfte jetzt durch den schweren, feuchten Sand gleich am Wasser. Es waren nicht viele Leute unterwegs, ältere Menschen zumeist, die außerhalb der Feriensaison an die Côte kommen konnten. Einige waren tief gebräunt von den letzten hochsommerlich heißen Septemberwochen. Viele hatten Hunde dabei, große und kleine, die übermütig über den Strand tollten, in die Wellen sprangen und laut bellend wieder flüchteten. Er sah eine Familie, die es sich, dem Herbst trotzend, am Strand bequem machte; sie hatte im Windschutz des Mäuerchens unterhalb der Promenade eine Decke im Sand ausgebreitet und hatte sich dort hingesetzt. Die Mutter, die ein wenig erschöpft wirkte, hielt die Augen geschlossen und den Kopf an die Mauer gelehnt. Zwei kleine Kinder, zwischen einem und drei Jahren alt, spielten neben ihren Füßen mit Plastikautos. Der Vater war mit den beiden größeren Kindern ans Wasser gegangen; barfuß und mit hochgekrempelten Hosenbeinen standen sie dort im flachen Meeresschaum und schienen irgendwelche Dinge zu betrachten, die sich im nassen Sand abspielten. Der Vater erklärte etwas…

Christopher merkte, daß er stehengeblieben war und zu lächeln begonnen hatte. Der Anblick weckte warme Erinnerungen in ihm: Er und Carolin mit den beiden Kindern am selben Strand. Susanne, das Mädchen, voller Entdeckungsdrang und Abenteuerlust vorneweg, so weit manchmal, daß Carolin Angst bekam und hinter ihr hereilte. Tommi, der Sohn, verträumt und sensibel, ein ganzes Stück hinterher; auf ihn mußte man ständig warten, weil er Dinge entdeckte, die außer ihm niemand sah, oder plötzlich stehen blieb, die Wolken beobachtet und die Zeit dabei vergaß. Er hatte es geliebt, die Verschiedenartigkeit seiner beiden Kinder zu beobachten, er hatte die Ausflüge an den Strand gliebt, die gemeinsamen Mahlzeiten, die abendlichen Rituale des Badens und des Kuschelns vor dem Kaminfeuer im Winter.

Er hatte immer noch daran festgehalten, sich noch die Idylle vorgegaukelt, als diese schon längst nicht mehr bestand. Im Grunde hatte er nie ganz begriffen, weshalb sich Carolin weiter von ihm entfernt hatte. Natürlich, sie hatte nie nach Frankreich gewollt. Als er mit der Idee angekommen war, man könnte dort leben und arbeiten, hatte sie dies für einen hübschen Traum gehalten, der sich nie würde realisieren lassen. Gemeinsam mit Christopher hatte sie in Bildern geschwelgt und vom Leben in ewiger Sonne geschwärmt. Sie hatte nicht gesehen, daß es ihm bitterernst war, und er hatte nicht gesehen, daß sie nur ein wenig träumen wollte. Irgendwann war er so weit, daß er es riskieren konnte, seine Firmenberatungen, bei denen es um Verträge und Investitionen ging, auch vom Ausland aus zu betreiben. Auf einmal wurde das Phantasiegemälde Wirklichkeit. Und Carolin hatte das Gefühl, sich zu tief eingelassen zu haben, um noch einen Rückzieher machen zu könne.

Sie hatte lange Zeit schmerzlich unter Heimweh gelitten. Christopher hatte das unter anderem an den astronomisch hohen Telefonrechnungen gemerkt, die bei ihren Endlosgesprächen mit Familie und Freunden in Deutschland aufgelaufen waren. Irgendwann hatte sie nur noch lamentiert, und als er ihr — schließlich zermürbt — angeboten hatte, zusammen wieder nach Deutschland zu gehen,hatte sich herausgestellt, daß das Problem des Wohnorts schon lange nur vorgeschoben war.

“Ich kann so nicht leben”, hatte sie während einer ihrer unzähligen, ermüdenden Diskussionen gesagt, die sie meist im Flüsterton führten, damit die Kinder nichts mitbekamen.

“Wie kannst du nicht leben?” hatte er zurückgefragt. Das immer gleiche Frage-und-Antwort-Spiel. Wie üblich hatte sie Probleme gehabt, diese Frage nach dem Wie zu beantworten.

“Es ist so eng. Ich habe das Gefühl, nicht atmen zu könne. Deine Vorstellung von Familienleben erdrückt mich. Es gibt keinen Raum für Rückzüge. Es gibt keinen Raum für uns beide. Ohne Kinder. Nur wir!”

“Aber wir waren uns doch einig. Wir wollten dieses Leben. Unsere Familie sollte immer vor allem anderen kommen. Wir haben geträumt von gemeinsamen Unternehmungen. Von einem Zusammensein, so oft es nur möglich ist. Von…”

“Aber irgendwo sind wir doch auch noch Individuen!”

Das hörte sich nach den typischen Weisheiten einsschlägiger Selbstverwirklichungsbücher an, aber er wußte, daß sie so etwas ganz selten nur las. Dann begann sie kühne Theorien aufzustellen: Tommi fühle sich vom ungeheuren Aktionismus seines Vaters völlig erschlagen und flüchte deswegen zunehmend in Traumwelten. Susanne hingegen könne nicht zur Ruhe kommen in “dieser Art von Familienleben” und habe sich deswegen zu einem hyperaktiven Kind entwickelt. Sie selbst, Carolin, leide unter den verschiedensten Allergien, weil “mein Körper aufschreit”.

Mehr und mehr sah sich Christopher in die Role eines Sündenbocks gedrängt. Er versuchte sich zurückzunehmen, fuhr an den Wochenenden allein in die Berge oder segelte in eine einsame Bucht, um seiner Familie die Gelegenheit zur Selbstfindung zu geben.

Es war zu spät. Carolin hatte sich innerlich berits von ihm gelöst. Er hatte sie angefleht, es noch einmal zu versuchen, es in Deutschland zu versuchen, an jedem Ort, den sie wählen oder vorschlagen würde.

“Bitte, zerstöre nicht die Familie!” hatte er wieder und wieder gesagt, “Wenn nicht um meinetwillen, dann denk doch wenigstens an die Kinder!”

“Gerade an sie dekne ich. Kinder sollten nicht in einer zerrütteten Familie aufwachsen. Zwischen uns ist zuviel zerbrochen, Chrisopher.”

“Was denn?” Er verstand sie wirklich nicht. Was meinte sie? Es hatte Mißstimmungen zwischen ihnen gegeben, aber in welcher Partnerschaft gab es die nicht? Er hätte früher erkennen müssen, wie ungern sie in Frankreieh lebte, er hätte früher merken müssen, daß sie sehr unglücklich war. Obwohl längst klar war, daß die Gründe für das Scheitern ihrer Ehe auf iener ganz anderen Ebene lagen, hielt er sich beharrlich an dem Problem des Wohnortes fest; vermutlich deshalb, weil er genau wußte, daß hier Abhilfe zu schaffen war. Sich selbst und seine Neigung, grenzenlos aufzugehen in seiner Familie, vermochte er nicht zu ändern.

Dann war Carolin gegangen, und mit ihr die Kinder und Boxerhündin Baguette, und die Scheidung war schnell und glatt über die Bühne gegangen; er hatte die Kraft nicht mehr aufgebracht, sich dagegen zu wehren, und wohl auch begriffen, daß es sinnlos gewesen wäre.

Nun schaute er sich die Familie an, die sich dort vor ihm über den Strand verteilt hatte, und versuchte zu ergründen, ob sie bereits die verräterischen Anzeichen des Auseinanderbrechens zeigte. Es gab da bestimmte Signale, und er kannte sie, er kannte sie nur zu gut.

Aber diese Familie erschien intakt, Der Mann rief den Namen der Frau, sie öffnete die Augen und lächelte. Das Lächeln wirkte nicht aufgesetzt, es war warm und glücklich. Die Kinder haten sich darangemacht, eine Sandburg mit komplizierten Kanalsystemen am Ufer zu bauen, und darauf hatte er die Mutter aufmerksam machen wollen. Sie winkte den beiden zu und schloß dann wieder die Augen, suchte eine behaglichere Position an der Mauer zu finden.

Alles in Ordnung. Dies zu sehen gab Christopher ein warmes Gefühl. Neid kannte er nicht. Aber Sehnsucht. Eine sehr starke, sehr tiefe Sehnsucht, die fast so alt war wie er selbst. Die an dem Tag geboren worden war, als seine Mutter fortging.

Eilig setzte er seinen Weg fort.

1.5.4

Um zehn Uhr hielt Laura vor dem Chez Nadine an und stieg aus dem Wagen. Zum erstenmal seit dem vergangenen Samstag hatte sie in der letzten Nacht wieder Schlaf gefunden. Ihr waren viele Gedanken im Kopf herumgegangen, aber irgendwann war sie weggedämmert und erst um acht Uhr am Morgen wieder erwacht.

Da sie nichts im Haus hatte, fuhr sie nach St. Cyr hinein und setzte sich, tief in eine warme Jacke gekuschelt, vor das Café Paris, bestellte einen café crème und Baguette mit Marmelade. Im Café Paris zu frühstücken war ebenfalls eine alte Gewohnheit von ihr und Peter, sie hatten oft in den weichen, von der Sonne ausgeblichenen grünen Kissen der Korbstühle gesessen und den Hunden zugesehen, die über den Marktplatz trabten, die Menschen beobachtet, die nebenan beim Friseur ein und aus gingen, und in die Blätter der Bäume geblinzelt. Ein wenig hatte sie gehofft, ihn hier schon zu treffen, aber sie konnte ihn nirgends entdecken, und vielleicht wäre dies auch zu schnell gegangen.

Sie war zuversichtlich, daß sie Peter finden würde, und auch wenn dann manches Unangenehme zwischen ihren geklärt werden mußte, so bestand doch noch kein Grund zu glauben, daß auf einmal alles aus sein könnte. ,

Im Chez Nadine saß noch kein Gast. Sie hörte jemanden in der Küche und rief: “Nadine? Henri?”

Einen Moment später kam Henri in den Speiseraum. Sie erschrak ein wening, weil er so schlecht aussah. Er war braungebrannt und schön wie immer, aber es lagen Schatten unter seinen Augen, seine Bewegungen hatten etwas Fahriges, Nervöses, und es lag ein Ausdruck von Schmerz und tiefem Kummer über seinem Gesicht, Wie sie ihn an Henri, dem ewig lächelndne, sonnigen Beau, noch nie gesehen hatte. Er schien sher hoffnungslos.

“Laura!” sagte er erstaunt. Er trug eine große, bunte Schürze — das einzige, was an ihm fröhlich war — und wischte seine tomatenverschmierten Hände daran ah. “Wo kommst du denn her?”

Sie lächelte, leichtherziger, als ihr zumute war. “Da Peter nicht zu mir kommt, habe ich mich entschlossen, ihn aufzusuchen. Oder besser: ihn zu suchen. Hat er sich hier noch einmal blicken lassen?”

“Nein. Wir sind nur am Sonntag auf sein Auto gestoßen. Es parkt gut zweihundert Meter weiter am Trafohäuschen.”

Wie bitte?

“Na ja, offenbar ist er nicht von hier weggefahren.”

“Aber…wir sind hier ein ganzes Stück außerhalb von St. Cyr! Er käme nie auf die Idee, von hier aus zu Fuß loszugehen!”

Hneri zuckte die Schultern. “Sein Auto steht aber da.”

“Dann müste er auch hier irgendwo sein!”

Henri zuckte erneut mit den Schultern. “Hier ist er nicht.”

“Vielleicht in dem Hotel am Anfang der Straße?” Es gab gleich zu Beginn des Weges, an dem das Chez Nadine lag, ein Hotel, das vor einem weitläufigen Park lag. Doch Henri schüttelte den Kopf. “Die haben seit dem 1. Oktober geschlossen. Dort kann er nicht untergekommen sein.” Er wischte wieder hektisch an seiner Schürze herum. “Hör zu, Laura, es tut mir leid, aber ich muß wieder in die Küche. Es ist kurz nach zehn, und ab zwölf Uhr ist der Teufel los. Ich muß jede Menge vorbereiten. Ich bin ganz allein, und ich kann nur hoffen, daß Nadine um elf zurück ist.”

Laura hatte den Eindruck, daß ihn die Frage nach Peters Schicksal ziemlich kaltließ, und sie spürte, wie sehr sie das ärgerte. Sie und Peter waren langjährige Gäste und Freunde. Sie fand, daß Henri ein wenig mehr Engagement hätte zeigen können.

“Gibt es noch irgend etwas, woran du dich erinnern kannst?” fragte sie. “Etwas, das dir auffiel an Peter. Etwas Eigenartiges oder Besonderes?”

“Nein, eigentlich nicht.” Henri zögerte. “Höchstens…”

“Ja?”

“Er hatte eine Aktentasche bei sich. Das ist mir aufgefallen. Ich fand es merkwürdig, daß er eine Aktentasche mit ins Restaurant schleppte. Andererseits…vielleicht hatte das überhaupt nichts zu bedeuten. Oder es waren irgendwelche Papiere drin, die er nicht im Auto lassen mochte.”

“Eine Aktentasche…”

“Laura, ich muß wirklich…”

“Sie sah ihn kühl an. “Ich schaue mal nach dem Auto”, sagte sie kurz, drehte sich um und ließ ihn mitsamt seiner kreichend bunten Schürze und seinen nervösen Händen einfach stehen.

Der Wagen war abgeschlossen und vermittelte den Eindruck, sein Besitzer werde jeden Moment zurückkommen. Auf dem Beifahrersitz sah Laura einen Aktenordner liegen, im Fußraum darunter stand die rote Thermoskanne, die sie ihm am Morgen seiner Abfahrt noch mit Tee gefüllt hatte. Auf dem Rücksitz befanden sich seine Regenjacke und zwei Taschen, unterhalb davon seine Sportschuhe. Ausrüstung — besser: Teile der Ausrüsting — für den geplanten Segeltörn. Den durchzuführen er nie vorgehabt hatte. Der nur Teil des Versteckspiels gewesen war.

Ich muß noch einmal mit Christopher sprechen, dachte sie, er muß sich doch gewundert haben, daß Peter ihn nicht wie sonst anrief, um sich für den Herbst zu verabreden. Oder hat es doch irgendein Gespräch zwischen den beiden gegeben? Hat er Christopher erklärt, weshalb in diesem Jahr nichts aus ihrer traditionellen Verabredung wird?

Christopher war am Sonntagmorgen zu verkatert gewesen, um sich an irgend etwas zu erinnern oder eine klare Auskunft geben zu können. Sie würde es später noch einmal versuchen, vielleicht erwischte sie ihn in einem besseren Zustand. Sie wußte, das er manchmal ein wenig zuviel trank, seitdem ihm seine Familie davongelaufen war, aber er war kein Alkoholiker. Er suchte nur hin und wieder das Vergessen.

Das geparkte Auto, das vermutlich seit Samstagabend nicht mehr von der Stelle bewegt worden war, irritierte sie tief. Wenn sich Peter nicht mehr in unmittelbarer Nähe aufhielt — und alles deutete darauf hin —, dann mußte er auf irgendeine Weise von hier fortgekommen sein. Warum hätte er den Bus nehmen sollen? Fuhr hier überhaupt einer, und wenn ja, wann und wo? Wenn sie das nicht wußte, wußte Peter es auch nicht; öffentliche Verkehrsmittel benutzte er praktisch nie. Ein Taxi? Aber warum, warum, warum?

Es blieb eine Möglichkeit, und sich mit dieser auseinanderzusetzen machte ihr angst. Die Möglichkeit bedeutet, daß jemand mit einem Auto gekommen war und ihn mitgenommen hatte. Und dies wiederum hätte auf eine Frau hinweisen können — auf jene Person, mit der er das Wochenende in Pérouges und wahrscheinlich etliche andere irgendwo verbracht hatte.

Dann wäre das Chez Nadine ein Treffpunkt gewesen, auf der Straße davor hatte er sich abholen lassen…Henri und Nadine hatten nichts mitbekommen dürfen, deshalb war die Geliebte nicht ins Lokal gegangen…

Sie wollte nicht weiterdenken. Diese Vermutungen schmerzten zu sehr. Es mußte eine andere Erklärung geben.

Zunächst würde sie Henri bitten, daß er ihr half, das Auto aufzubrechen. Sie mußte im Kofferraum nachsehen, ob er Gepäck mitgenommen hatte. Vielleicht konnte sie daraus weitere Schlüsse ziehen.

1.5.5

Nadine hatte eine Weile bei den Deux Soers verbracht, einer Kneipe, die, anders als der Name besagte, von drei Schwestern geführt wurde, die allesamt aus dem Rotlichtmiliu kamen.

Sie hatten eine Köchin, die phantastische Crêpes zubereiten konnte, aber an diesem Morgen hatte sich Nadine die ganze Zeit über nur an einem Kaffee festgehalten. Ihr Magen war wie zugeschnürt.

Als sie endlich aufstand und den Kaffee bezahlte, war es fast halb elf, sie hatte eine Stunde dagesessen und nur vor sich hin gestarrt. Sie hatte Henri versprochen, um elf zurück zu sein, und eigentlich hätte sie allmählich an den Rückweg denken müssen, aber beim Gedanken an das Chez Nadine fühlte sie sich noch elender, und sie dachte, daß sie wahrscheinlich würde schreien müssen, wenn sie sich nun dort in die Küche stellte und Gemüse für den Pizzabelag schnippelte oder die Tische im Gastraum deckte.

“Unsere kleine Welt”, hatte Henri einmal zu dem Restaurant gesagt. Es hatte liebevoll und stolz geklungen, aber ihr war ganz schelcht geworden. Sie hatte immer die große Welt gewollt, die wirklich große Welt, in der es interessante Menschen bag und kein Tag wie der andere war. Wenn sich Henri mit einer kleinen Welt zufriedengab, sollte er das tun. Auf diesem Weg wollte sie ihm nicht folgen.

Aber wie den Weg verlassen? Sie hatte kein eigenes Geld, sie hatte nichts gelernt. Sie konnte nur immer auf Männer bauen, und Männer erwiesen sich meist als unzuverlässig.

Sie lief die Promenade entlang, der Wind wirbelte ihr immer wieder die Haare ins Gesicht, und ärgerlich strich sie sie zurück. Sie suchte in ihren Jackentaschen herum, doch sie hatte kein Band, keine Spange dabei. Egal. Denn nun schossen ihr schon wieder die Tränen in die Augen, und es war gut, wenn die Haare dies verdeckten. Sie hatte nicht einmal ein Taschentuch bei sich, also zog sie geräuschvoll die Nase hoch. Sie hätte gern richtig geheult, so heftig wie am Sonntagmorgen im Haus ihrer Mutter. Aber das war eine Ausnahme gewesen, so leicht würde sich das nicht wiederholen. Sie neigte im allgemeinen nicht dazu, ihren Schmerz auszuleben. Das äuserste waren meist tränende Augen, so wie jetzt, und das waren eher Tränen der Wut, des Zorns. Das, was wirklich weh tat, saß tief drinnen in ihr als großer, schwere Klumpen, unbeweglich und unzerstörbar. Sie kam nicht an ihn heran, er kam nicht heraus. Er saß nur dort wie eine fette, alte Kröte, wurde immer dicker und würde sie irgendwann ganz und gar ausfüllen. Dann wäre nichts mehr von ihr übrig.

Sie stieß mit einer entgegenkommenden Frau zusammen und murmelte gedankenverloren: “Entschuldigung.”

“Du erkennst deine eigene Mutter nicht,” sagte Marie kopfschüttelnd. “Ich winke dir schon eine ganze Weile, aber du reagierst nicht!” Sie musterte ihre Tochter. “Jedesmal, wenn ich dich treffe, siehst du schlechter aus. Was ist nur los mit dir?”

Nadine ignorierte diese Frage, stellte stattdessen selber eine. “Was tust du denn hier?”

Ihre Mutter verließ die Isolation ihres einsamen Haus. selten, daß es tatsächlich auf irgendein außergewöches Ereignis in ihrem Leben hindeutete, sie hier anzutreffen.

Marie wies auf ihre Handtasche und sagte mit geheimnisvoll gesenkter Stimme: “Da drin ist eine Sprühdose mit Tränengas. Habe ich mir eben gekauft. Zur Selbstverteidig.”

“Seit wann denkst du über Selbstverteidigung nach?”

Marie starrte ihre Tochter an. “Sag nur, du weißt es noch nicht? Selbst ich in meiner Abgeschiedenheit ...”

“Was denn, Mutter?”

“Drüben im Chemin de la Clare haben sie eine Frau gefunden. Ermordet. Ihr vierjähriges Kind ist ebenfalls tot. Der Täter hat offenbar beide im Schlaf überrascht. Die Frau muß wohl noch versucht haben, das Fenster ihres Zimmers zu erreichen, aber er war schneller.” Marie sprach nun noch leiser. “Er hat sie mit einem Strick erwürgt. Ihr Nachthemd war mit einem Messer in Fetzen geschnitten worden. Ob er sie mißbraucht hat, muß noch festgestellt werden.”

Nadine merkte, wie ihre eigenen Probleme für einen Moment in den Hintergrund traten. “O Gott! Das ist ja furchtbar! Im Chemin de la Clare sagst du?”

Der Weg befand sich außerhalb der Stadt, gehörte aber zu St. Cyr. Hier lagen die Häuser in großem Abstand voneinander, vereinzelt zwischen den Feldern, jedes über einen eigenen langen, holprigen Pfad zu erreichen. Eine zauberhafte Gegend, ein weites, lichtes Tal, in dem Nadine nie das Gefühl der Abgeschiedenheit gehabt hätte wie daheim in Le Beausset. Und nun war offenbar gerade in diese diese liebliche Idylle der schlimmste Schrecken gedrungen.

“Weiß man, wer es war?” fragte sie.

“Nein. Es gibt keine Spur von dem Verrückten. Die nächste Nachbarin hat mich angerufen, Isabelle, du weißt, die manchmal für mich einkauft.” Marie verfügte überein Netzwerk von Menschen, die all die Dinge für sie erledigten,zu denen sie sich nicht in der Lage fühlte. “Isabelle wußte ziemlich gut Bescheid.”

Das wunderte Nadine nicht. Isabelle war eine erstklassige Klatschtante. Auf geheimnisvolle Weise kam sie stets als erste an alle Neuigkeiten.

“Also im Haus hat angeblich nichts gefehlt. Die Handtasche des Opfers stand mitten im Wohnzimmer, mit Geld und Kreditkarten, aber niemand hatte sie wohl auch nur geöffnet. Genau so war es mit Schränken und Schubladen. Der oder die Täter kamen nur, um zu morden.” Sie schauderte vor ihrer eigenen Formulierung. “Nur um zu morden…”

“Wer war das Opfer?” fragte Nadine. “Jemand aus der Gegend?” Es standen eine Menge Ferienhäuser in der betreffenden Ecke, daher ergab die Frage einen Sinn.

“Nein. Sie lebte in Paris. Eine junge Witwe mit ihrer vierjährigen Tocher. Der Mann starb an Leukämie, während sie schwanger war.” Isabelle war es augenscheinlich gelungen, jedes Detail ans Tageslicht zu zerren. “Sie ist…war wohl sehr wohlhabend. Brauchte keinem Beruf nachzugehen. Eine menschenscheue, depressive Person, sagt Isabelle. Sie führte ein so zurückgezogenes Leben, daß offenbar in Paris kein Mensch bemerkte, daß Sie nicht, wie geplant, Ende September zurückkam. Sie hatte nämlich gerade abreisen wollen. Versteht Du? Sie lag zehn Tage lang erdrosselt in ihrem Ferienhaus, und niemand hat Sie vermißt!” Marie schüttelte sich und setzte dann mit düsterer Miene hinzu: Na ja, nicht, daß es bei mir anders wäre. Ich könnte lange tot sein, ehe es jemandem auffällt!

“Aber Mutter!” protestierte Nadine schuldbewußt, weil es stimmte, was Marie sagte. “Ich bin doch auch noch da!”

“Du rufst manchmal zwei Wochen lang nicht an. Und bei mir blicken läst du dich noch seltener. Nein, nein”, Marie hob abwehrend die Hände, als sie sah, daß Nadine den Mund öffnete, um sich zu verteidigen, “das sollte kein Vorwurf sein. Du hast natürlich dein eigenes Leben und kannst dich nicht mit deiner alten Mutter belasten.”

“Ich sollte mich mehr um dich kümmern”, sagte Nadine. “Ich werde mich bessern.”

Der Gedanke löste eine weitere düstere Erkenntms aus. Sich um Marie kümmern hieß: bleiben. Das Leben fortzuführen, wie es war. Den Pizzaofen als ihr Schicksal akzeptierenn. Die Stube mit den mittelmäßigen Feriengästen, Henri und seine kleine Welt.

Ihre Augen wurden schon wieder naß vor Wut, und sie ballte die Hände in den Taschen der Joggingjacke zu Fäusten.

Marie redete unterdessen weiter.

“Gefunden hat sie die Frau, die für sie putzt und auch sonst ein Auge auf das Haus hat, während es unbewohnt ist. Monique Lafond, kennst du sie? Lebt in La Madrague. Sie putzt auch bei Isabelle, daher weiß Isabelle über alles Bescheid. Monique hat einen Schock erlitten, ist für längere Zeit krank geschrieben. Isabelle sagt, Monique sieht den ganzen Tag über die schrecklichen Bilder vor sich, und nachts kann sie nicht schlafen. Kein Wunder! Es muß ein gräßlicher Anblick gewesen sein!”

“Und jetzt hast du auch Angst”, sagte Nadine, auf das Tränengas zurückkommend. “Aber, Mutter, er hatte es vielleicht nur ganz speziell auf diese Frau abgesehen. Wenn er nichts gestohlen hat, dann ist das kein normaler Einbrecher.”

“Die Polizei ermittelt in der Vorgeschichte der Toten. Natürlich kann es ein abgewiesener Liebhaber sein oder ein ehemaliger Geschäftspartner ihres Mannes, der sich für ein vermeintliches Unrecht rächen wollte. Aber es kann auch jemand sein, der es auf alleinstehende Frauen abgesehen hat, einer, für den das Töten eine eine Art Befriedigung darstellt. Immerhin wurde auch die kleine Tochter umgebracht, und mit dieser konnte wohl kaum jemand eine persönliche Rechnung zu begleichen haben.”

“Möchtest du für eine Weile bei uns wohnen?” bot Nadine an. Sie glaubte nicht, daß ihre Mutter in Gefahr war, aber es würde ihr lied tun, wenn Marie in den nächsten Wochen nun kein Auge zutat.

“Nein, nein”, sagte Marie, “du weißt ja, am besten schlafe ich im eigenen Bett. Ich stelle das Tränengas auf meinen Nachttisch. So felsenfest, wie ich meine Türen immer verriegle, höre ich es, wenn eine davon aufgebrochen wird. Dann habe ich Zeit, mich zu verteidigen.”

Das brachte Nadine auf eine letzte Frage.

“Wie ist er da eigentlich hineingekommen? Bei der Ermordeten, meine ich.”

“Das ist es, was alle verwundert”, sagte Marie, “es sind nämlich keinerlei Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens zu finden. Kein zerschlagenes Fenster, keine aufgebrochene Tür. Nichts.”

“Aber wie es aussieht, hat sie ihm wohl nicht selbst geöffnet.”

“Neine, denn sie wurde ja offensichtlich im Schlaf überrascht.”

“Wahrscheinlich hatte er einen Schlüssel, und das hieße, es ist doch ein alter Bekannter von ihr”, meinte Nadine. Sie gab ihrer Mutter einen Kuß. “Ich glaube wirklich nicht, daß irgend jemand etwas zu befürchten hat. Das war ein privates Drama zwischen zwei Menschen.”

“Was macht du hier eigentlich?” fragte Marie, plötzlich das Thema wechselnd. “Arbeitest du heute nicht in eurem Restaurant?” Sie rechnete in Gedanken nach.

“Heute ist nicht Montag”, stellte sie dann fest.

“Henri schafft es heute mal ohne mich. Ich muß ein paar Stunden alleine sein.”

“Laß ihn nicht zu oft im Stich, Kind. Henri ist ein guter Mann.”

“Ich ruf dich morgen an, Mutter. Mach’s gut!” Sie setzte ihren Weg fort, ohne noch auf ein weiteres Wort zu warten. Ihre Mutter hatte Henri immer phantastisch gefunden, und sie hatte im Moment nicht das geringste Bedürfnis, sich eine Predigt über seine Vorzüge anzuhören.

1.5.6

Sie stand auf dem provisorisch angelegten, sandigen Parkplatz neben dem aufgebrochenen Auto ihres Mannes, hatte soeben die letzte der drei Reisetaschen im Kofferraum durchwühlt und festgestellt, daß er, wohin auch immmer er entschwunden sein mochte, praktisch alles zurückgelassen hatte, was er zuvor für die Reise eingepackt hatte. Unterwäsche, Hemden, Strümpfe, Pullover, Zahnbürste. Kopfschmerztabletten, Schlafanzug, Regensachen, Bücher, Zeitschriften, Ohropax und sogar die Vitaminpillen, ohne die er kaum je das Haus verließ, weil er der Ansicht war, sich stets gegen herumfliegende Erkältungsviren schützen zu müssen.

Die Aktentasche, von der Henri erzählt hatte, hatte sie nicht gefunden.

Er ist mit fast nichts unterwegs, dachte sie und fröstelte plötzlich, obwohl ihr gerade noch heiß gewesen war, außer mit seiner Brieftasche vermutlich, der ominösen Aktentasche und seinem Handy. Und das Handy bleibt beharrlich ausgeschaltet. Was ist los mit ihm?

Henri hatte ihr die Fahrertür des Wagens aufgebrochen, damit sie an den Hebel gelangte, der den Kofferraum öffnete.

“Bist du sicher, daß wir das tun sollten?” hatte er zweifelnd gefragt, und sie hatte ungeduldig geantwortet: “Was soll ich sonst tun, Hergoot noch mal? Mein Mann ist spurlos verschunden. Vielleicht finde ich in diesem verdammten Auto ienen Himreis!”

Außerordentlich geübt und schnell hatte er den Wagen geöffnet, sich dann aber sofort mit seiner Arbeit entschuldigt und in sein Restaurant zurückgezogen. Zum zweitenmal an diesem Morgen ärgerte sie sich über ihn, empfand ihn als gefühllose. So war er sonst nie gewesen. Der nette, hilfsbereite Henri. Jetzt vermittelte er ihr das Gefühl, nur lästig zu sein.

Einer Eingebung folgend, kramte sie in den Taschen der Jacke, die auf dem Rücksitz lag, fand aber nur ein Päckchen Tempotaschentücher. Sie schaute in das Handschuhfach und in die Ablagefächer der Türen. Karten, Betriebsanleitungen, ein einzelner Winterhandschuh, ein Eiskratzer, ein leeres Brillenetui…Ein Briefumschlag schließlich weckte Lauras Interesse. Er war nicht zugeklebt und sah, weiß und leuchtend, wie er war, nicht so aus, als stecke er schon lange zwischen den verknitterten, vergammelten Gegenständen in der Ablage an der Fahrertür. Sie zog zwei Flugtickets heraus und starrte darauf, als hätte sie noch nie vorher etwas Ähnliches gesehen.

Die Tickets waren auf die Namen Peter und Laura Simon ausgestellt, der Flug wäre am vergangenen Sonntagmorgen von Nizza nach Buenos Aires gegangen. Da klar war, daß Peter nicht mit ihr hatte fliegen wollen, wußte sie sofort, daß nur ihre Name benutzt worden war. Für die Frau, mit der ihr Mann in Pérouges gewesen war. Für die Frau, mit der er ein Verhältnis hatte. Ein Verhältnis, das nie beendet worden war.

Aus irgendeinem Grund war der Flug nicht angetreten worden. Aber ihr konnte das gleichgültig sein.

Sie begann so zu frieren, daß sie zitterte. Sie konnte nicht länger stehen. Sie sank auf den Fahrersitz und betrachtete erstaunt ihre bebenden Beine. Sie schaute durch die Windschutzscheibe auf die hohen Bäume, die im Wind schwankten, zwischen ihren Zweigen hindurch konnte sie das Meer sehen, das von der gleichen verhangenen Farbe war wie der Himmel. Sie hielt die Trümmer ihrer Ehe in den Händlen und betrachtete sich selbst, wie sie inden letzten zwölf Stunden gewesen war, aus einer ungewohnt weiten Distanz: ein kleines Mädchen, das an Märchen glaubte, das unbeirrbar an unschuldigen Träumen festhielt, das sich die Wirklichkeit so lange zurechtbog, bis es mit ihr leben konnte, auch um den Preis, daß es zum Schluß nicht die geringste Wirklichkeit mehr gab. Wie