/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Sturmzeit

Charlotte Link


Sturmzeit

Charlotte Link

1994

Die faszinierende Geschichte einer ungewöhnlichen Frau in einer bewegten Zeit, ein Portrait der brüchigen Gesellschaft in den ersten dreißig Jahren dieses Jahrhunderts, ein großer Familienroman.

Charlotte Link gelingt es, die Weltgeschehnisse mit dem Schicksal ihrer Romanfiguren so zu verweben, daß Allgemeines am ganz Privaten sichtbar gemacht wird. Die höhere Tochter Felicia liebt den Sozialisten Maksim. Dem Geschichtenkenner wird der persönliche und politische Konflikt schon in dieser Konstellation klar. Kapitalismus, Sozialismus, Oktoberrevolution, der Erste Weltkrieg, all das wird erlebbar, unterhaltsam und spannend — am Schicksal Felicias, die auch am Ende nicht der heilen Welt entgegengeht; denn am Horizont stehen bereits die Schatten des dritten Reiches.

Inhaltsverzeichnis

I  I

1

2

3

4

5

6

7

8

II  II

1

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5

6

7

8

9

10

11

III  III

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IV  IV

1

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4

5

Teil I

I

1

Der Junitag verdämmerte in rotgoldenem Abendlicht. Über den blaßblauen Himmel zogen ein paar zerrupfte Wolken, in den Wiesen zirpten Grillen, und die Blätter der Bäume rauschten leise. Die Tannenwälder am Horizont wurden dunkler, die Schatten über den Wiesen länger. Die Stämme der Kiefern leuchteten kastanienfarben.

»Morgen«, sagte Maksim, »fahre ich nach Berlin zurück.«

Unvermittelt hatte der strahlende Abend seinen Glanz verloren. Felicia Degnelly, die neben Maksim am Ufer eines Baches saß, blickte erschrocken auf. »Morgen? Aber warum denn? Der Sommer hat doch gerade erst angefangen!«

Maksims Antwort war ausweichend. »Ich treffe Freunde. Wichtige Freunde.«

»Genossen!« sagte Felicia spöttisch, aber ihr Spott sollte nur verbergen, wie verletzt sie war. Die Genossen kamen vor ihr, vor dem gemeinsamen Sommer auf dem Lande, vor Abenden wie diesem.

Sie sah Maksim von der Seite an und dachte voller Erbitterung: Du weißt ja nicht, was du willst!

Im Innersten aber war ihr klar, daß er es genau wußte. Seine Gedanken waren gefesselt von einer Idee, nicht von ihr. Er sagte nie, was andere Männer sagten, wenn sie mit ihr zusammen waren, etwa: »Du bist sehr hübsch!« oder »Ich glaube, ich könnte mich in dich verlieben!« Nein, von ihm kamen seltsame Worte wie Umsturz, Weltrevolution, Umverteilung des Eigentums, Enteignung der besitzenden Klasse. Daß es eine Welt für ihn gab, zu der sie keinen Zutritt fand und zu der er ihr auch keinen Zutritt erlauben würde, hatte sie schon vor fast zwei Jahren begriffen, am Kaisergeburtstag in Berlin, als sie durch die Straßen gingen und die jubelnden Menschen betrachteten, als in Maksims Gesicht Wut und Zynismus rangen. Plötzlich hatte er etwas vor sich hingemurmelt (später erfuhr sie, daß es ein Zitat von Marx war): »Dieser Mensch ist nur König, weil sich andere Menschen wie Untertanen zu ihm verhalten.«

Sie hatte ihn angeschaut. »Was sagst du?«

Auf einmal hatte ein verachtungsvoller, beinahe brutaler Zug um seinen Mund gelegen. »Egal«, erwiderte er und musterte geringschätzig ihr schönes Kleid und ihren neuen Hut (beides trug sie seinetwegen), »egal, du wirst es doch nie verstehen. Nie!«

Er hatte recht. Sie verstand ihn nicht. Sie verstand nicht, daßer sich für eine Idee begeistern konnte, während sie sich für das Leben begeisterte. Er wollte die Welt verändern zum Besten der Menschheit, und sie — ja, sie wollte eigentlich nur das Beste für sich selbst. Und sie wollte Maksim Marakow.

Er war der Sohn eines Russen und einer Deutschen, hatte seine Jugend abwechselnd in Petrograd und Berlin verbracht, und alle Sommer auf dem Landsitz von Verwandten bei Insterburg in Ostpreußen, unweit von Lulinn, dem Gut, das Felicias Großeltern gehörte. Er war vier Jahre älter als Felicia, und von Anfang an waren sie wie magisch angezogen aufeinander zugegangen. Beide dunkelhaarig, mit hellen Augen und gleichmäßigen Gesichtszügen, hielten die meisten Leute sie für Geschwister. Kamen sie zusammen, so tauchten sie in eine fremde Welt, und über ihrer Kindheit lag der Zauber geheimer Spiele, die niemand störte. Die Obstgärten von Lulinn, die Wälder und Seen ringsum, die Wiesen waren Szenenbilder ihrer ungeschriebenen Zwei-Mann-Stücke. Irgendwann aber, in irgendeinem Sommer, betraten sie wieder ihre Bühne und erkannten einander kaum mehr. Felicia kam in eleganten Kleidern, trug die Haare aufgesteckt und hatte sich ein etwas gekünsteltes Lachen angewöhnt. Maksim erschien in abgetragenen Anzügen, sah blaß und übernächtig aus. Beide waren sie erwachsen geworden, aber ihre ersten Schritte auf diesem Weg hatten sie in entgegengesetzte Richtungen getan. Ihre letzte Gemeinsamkeit bezogen sie aus Erinnerungen, aber es sah nicht so aus, als werde es Gemeinsamkeiten in der Zukunft geben. Und auf einmal erkannte Felicia: Ich liebe ihn. Ich werde ihn immer lieben.

Sie liebte diese dunkle, fremde Welt, die sie nicht verstand. Sie liebte seine abweisenden Augen und seine verächtlichen Worte, die er für das etablierte Bürgertum hatte. Sie liebte seine zynischen Bemerkungen über den Kaiser, und sie liebte die lebendige Freude seines Gesichtes, wenn er von der Revolution sprach. Sie liebte das alles — aber sie begriff nicht den Ernst, die Leidenschaft, die dahinterstand. Sie begriff nicht, daß ihre beiden Welten einander ausschlossen.

Sie war achtzehn Jahre alt, hatte ein gesundes Selbstvertrauen, und es wäre ihr nicht im Traum eingefallen, das Kapital zu lesen, nur um über etwas reden zu können, was sie doch nicht berührte.

Sie setzte auf ihre Augen, ihren Mund, ihr glänzendes Haar, auf tiefausgeschnittene Kleider und geheimnisvolle Parfüms. Sie saßen schweigend, bis die Sonne unterging, und in ihrem Schweigen lag der Abschied von einer Zeit, die fast unmerklich vorbeigegangen war. Schließlich stand Maksim auf, griff Felicias Hand und zog sie neben sich hoch. »Es wird kalt«, sagte er, »wir sollten nach Hause gehen.«

Sie standen einander dicht gegenüber, Felicia mit einem breitrandigen Hut aus blaulackiertem Stroh auf dem Kopf.

Sie hob ihr Gesicht, öffnete leicht die Lippen, erwartungsvoll, weil es ihr unsinnig schien, einen Moment wie diesen zu vertun. Sekundenlang konnte sie in Maksims Augen etwas von der alten Zärtlichkeit entdecken, dann erlosch sie schon wieder, und mit einem etwas mühsamen Lachen erklärte er: »Nein. Ich mach’ dich nicht unglücklich, und mich schon gar nicht.«

Was redete er da? Von welchem Unglück sprach er?

»Na, dann nicht«, sagte sie schnippisch, »wenn du von nun an wie ein Mönch leben willst, dann tu’s doch!«

»Ich will meinen Weg gehen, Felicia. Und du wirst deinen gehen, und ich glaube nicht, daß sich diese Wege jemals kreuzen werden.«

»Heißt das, wir sehen einander nie wieder?«

»Wir sehen uns nicht so wieder, wie du dir das vorstellst.«

»Warum nicht?«

Mit einer zornigen Bewegung riß Maksim einen Zweig von einem Baum und zerbrach ihn in kleine Stücke. »Wirst du das denn nie verstehen, Felicia?«

»Danke, ich habe längst verstanden. Du mußt ja das internationale Finanzmonopol stürzen, und da bleibt dir natürlich für nichts sonst Zeit. Lieber nächtelang Marx anhimmeln, als einmal ein Mädchen küssen! Ein aufregendes Leben, wirklich. Ich wünsche dir viel Spaß dabei!« Sie drehte sich um und rannte davon. Sie kannte den Weg im Schlaf, und irgendwie gelangte sie über Wurzeln und Äste hinweg, ohne zu stürzen. Natürlich hatte sie erwartet, er werde ihr nachkommen, aber nach einer Weile stellte sie fest, daß er offenbar gar nicht daran dachte. Vor Wut und Verletztheit kamen ihr die Tränen. Erst an der Auffahrt von Lulinn riß sie sich zusammen, putzte die Nase und trocknete das Gesicht.

Das Herrenhaus von Lulinn war zweihundert Jahre zuvor erbaut worden, obwohl die Familie Domberg seit dreihundert Jahren auf diesem Grund und Boden saß. Das erste Haus war eines Nachts in Flammen aufgegangen — eine wahnsinnige Vorfahrin, so hieß es, habe das Feuer aus Eifersucht gelegt —, und das neue war an seiner Stelle aus der Not des Augenblickes heraus recht schmucklos und einfach entstanden: ein großes Gebäude aus grauem Stein, mit vielen Fenstern, Efeu umkletterte es, zu seinen Füßen lag ein blühender Rosengarten, und auf sein Portal führte eine eichengesäumte Allee, an die sich rechts und links weite Koppeln anschlossen, auf denen Trakehner, der Stolz des alten Domberg, grasten. Jetzt lag alles im Dunkeln, in den Eichen ging der Wind, die Pferde bewegten sich als dunkle Schatten wie Elfen über die Wiesen. Felicia blieb stehen und sah sich hoffnungsvoll um. Manchmal kam ein Wagen vorbei, dann brauchte man die lange Allee nicht zu Fußzu gehen.

Aber diesmal blieb alles still. Mit einem Seufzer wollte sie sich auf den Weg machen, da vernahm sie ein Rascheln im nahen Erlengebüsch. Eine dunkle Gestalt huschte hervor.

»Nicht erschrecken, Fräulein, nicht erschrecken. Ich bin es, Jadzia!«

»Ach Gott, Jadzia, hast du mich erschreckt! Was treibst du dich denn da im Gebüsch herum?«

Jadzia war Dienstmädchen auf Lulinn, eine alte Polin, von der Großvater Domberg immer sagte, man wisse bei ihr nicht, ob sie sich für ihre Herrschaft vierteilen ließe oder sie alle eines Nachts in ihren Betten ermorden würde. Sie ging eigene, geheimnisvolle Wege, manchmal war sie verschwunden, dann tauchte sie unversehens wieder auf. Entweder, so hieß es, war sie Schmugglerin oder Sozialistin — oder beides.

»Ich weiß etwas«, sagte sie.

»Was denn?« Es konnte ja immerhin etwas Interessantes sein. Jadzia trat näher. »Den österreichischen Thronfolger haben sie erschossen. Heute, in Sarajewo. Täter soll gewesen sein Serbe!«

Wenn es weiter nichts war! »Ach«, sagte Felicia gleichgültig.

»Wird gäbn Krieg«, fuhr Jadzia fort, »großer Krieg!«

»Sicher nicht, Jadzia. Warum sollte daraus ein Krieg entstehen?«

Jadzia murmelte etwas auf polnisch. Felicia ging weiter. Sarajewo — wo lag das überhaupt? Sie hatte nie von diesem Ort gehört. Im übrigen war es ihr auch gleichgültig. Sie dachte über Maksim nach und darüber, weshalb sie ihn anderen vorzog. Es war so, daß sie all die netten jungen Männer, die sie sonst kannte, zum Sterben langweilig fand. Sie waren so schrecklich aufmerksam und gut erzogen; sie verstand sie — und verachtete sie. Sie hatten nichts Rätselhaftes an sich und waren damit keine Herausforderung. Gerade danach aber suchte sie. Sie wollte Abenteuer, und in Maksim schien ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu liegen.

___________

Felicias Bruder Johannes wurde an diesem 28. Juni 1914 fünfundzwanzig Jahre alt.

Außerdem wurde er an diesem Tag zum Oberleutnant ernannt. Und sein Urlaub begann.

Am frühen Morgen hatte er gemeinsam mit seinem Freund Phillip Rath das langweilige Garnisonsnest am Rhein, wo seine Kompanie stationiert war, verlassen, um zu dem alljährlichen Familiensommer auf Lulinn zu reisen. Sie machten in Berlin Station; zum einen, um sich auszuruhen, zum anderen, damit Phillip seine Familie, die ebenfalls in Berlin lebte, kurz sehen konnte. Am Abend trafen sie sich bei Johannes, in der augenblicklich leeren Wohnung seiner Eltern in der Schloßstraße. Phillip brachte seine Schwester Linda mit, eine achtzehnjährige puppenhafte Schönheit, die mit Felicia zur Schule gegangen und seit einem halben Jahr mit Johannes verlobt war. Außerdem waren sie in Begleitung eines Mannes, den Johannes nicht kannte: Alex Lombard aus München.

»Unsere Väter waren Geschäftspartner«, erklärte Phillip, »daher kennen wir uns etwas. Ich traf Alex vorhin zufällig, und da er nichts vorhatte, habe ich ihn mitgenommen.«

Johannes und Alex schüttelten einander die Hände.

Unvermittelt dachte Johannes: Ein interessanter Mann. Sicher mindestens zehn Jahre älter als ich. »Lombard«, sagte er stirnrunzelnd, »sind Sie…«

»Die Textilfabrik aus München, ja.« Alex grinste. »Die gehört allerdings meinem Vater. Ich bin hin und wieder so wie jetzt sein Handlungsreisender, wenn ich mich nicht gerade in der Rolle des mißratenen Sohnes wohler fühle.«

Die vier jungen Leute verbrachten einen vergnügten Abend. Johannes hatte Sekt gekauft, das Grammophon spielte, und durch die geöffnete Balkontür floß warme Nachtluft. Alex machte den Alleinunterhalter. Er konnte urkomische Geschichten erzählen, Menschen, die er in seinem Leben getroffen hatte, treffend parodieren, sich selbst, andere und die Welt als solche so dreist ins Lächerliche ziehen, daß man sich hätte biegen können vor Lachen — wären nicht seine Ironie eine Spur zu beißend, sein Spott ein wenig zu giftig gewesen. Seine Zuhörer schwankten stets zwischen Belustigung und Betroffenheit. Irgend jemand hat dich mal irgendwann sehr verletzt, dachte Johannes, und ich habe auch das Gefühl, du trinkst etwas zuviel.

Seine schicksalhafte Wende nahm der Abend gegen Mitternacht, als die Gäste gerade beschlossen hatten zu gehen und Alex Lombard draußen auf dem Flur plötzlich wie angewurzelt stehenblieb.

»Ach«, sagte er, »das habe ich vorhin gar nicht gesehen!«

Es war ein Bild, das seine Aufmerksamkeit fesselte, ein Ölgemälde, das ein junges Mädchen zeigte. Das Mädchen saß auf der Seitenlehne eines Sofas, sehr lässig und wie zufällig. Es trug ein blaßlilafarbenes Kleid, hielt einen weißen Strohhut in den Händen, und am Ausschnitt des Kleides war eine weiße Rose befestigt. Die lockigen, dunkelbraunen Haare fielen bis zur Taille hinab. Das Mädchen entsprach keineswegs dem Schönheitsideal seiner Zeit, das zartere und lieblichere Frauen verlangte, blaß und fein wie zerbrechliches Porzellan. Diese hier jedoch erschien weder lieblich noch zerbrechlich. Sie hatte ein schmales Gesicht mit einer geraden Nase und einem schöngeformten Mund, der sehr zuversichtlich lächelte. Die hohe, weiße Stirn gab dem Gesicht etwas unerwartet Vornehmes.

»Wer ist das?« fragte Alex fasziniert.

»Meine Schwester Felicia«, erwiderte Johannes, »mein Onkel Leo hat sie gemalt, und ich glaube, er hat sie sehr gut getroffen.«

»Felicia«, sagte Alex, und er sprach den Namen, als ließe er ihn auf der Zunge zergehen. Er vertiefte sich wieder in das Bild, unbekümmert um die lächelnden Blicke, die sich Johannes und Phillip zuwarfen. Er konnte sich Felicias Stimme vorstellen, ihre Bewegungen und wie es klingen mußte, wenn sie lachte. In allem, was sie tat, mußten ein Schuß Ironie und eine unbändige Lust am Provozieren mitschwingen, überhaupt kam sie ihm vor wie eine einzige Provokation. Sie war ebenso höhere Tochter wie Femme fatale, und beide Rollen vermochte sie wahrscheinlich recht überzeugend zu spielen. Sie war die Aristokratin mit Hut und Handschuhen und teurem Schmuck, sie war aber auch die Bäuerin, die barfuß am Rande eines staubigen Feldweges kauerte und sich mit einem großen Ahornblatt kühle Abendluft zufächelte.

Doch das eigentliche Rätsel lag in ihren Augen.

Sie waren von einem reinen, hellen Grau, ohne den geringsten Anflug eines mildernden Blaus oder Grüns darin. Kühle Augen, die in vollkommenem Widerspruch zu dem Lächeln des Mundes standen. Eigenartig entrückte Augen, abweisend und herrschsüchtig. Geheimnisvolle Augen, die nichts preisgaben und so aussahen, als ließen sie es nicht zu, daß ihre Besitzerin jemals ganz erforscht und erkannt würde.

Dieses Mädchen gibt sich niemandem ganz, dachte Alex. Er hatte plötzlich das eigenartige Gefühl, in einen Spiegel zuschauen, und scheuchte seine Gedanken hastig fort: So ein Unsinn! Romantisches Gewäsch. Ein ganz normales Mädchen, und der Maler hat sie wohl nicht besonders gemocht und ihr deshalb so kalte Augen gegeben.

»Hübsch«, sagte er daher nur beiläufig, »eine hübsche Schwester haben Sie, Herr Oberleutnant!«

»Sie verdreht jedem Mann den Kopf, der ihr über den Weg läuft«, entgegnete Johannes, »aber anstatt endlich zur Ruhe zu kommen und zu heiraten, hängt sie ihr Herz an einen fanatischen Sozialisten, der für sie nur Verachtung übrig hat.«

»Paßt«, sagte Alex, »Frauen wie sie ertragen es nicht, angebetet zu werden.«

Sie hatten unterdessen die Wohnung verlassen und standen im Treppenhaus mit seinen breiten Stufen und roten Läufern. Linda und Johannes hielten einander bei den Händen und konnten sich nicht trennen, während sich Alex und Phillip in ein Gespräch über deutschen und französischen Wein vertieften. In der Wohnung im Erdgeschoß ging die Tür auf, und der alte Amtsgerichtsrat, der dort wohnte, streckte den Kopf hinaus. Er war sehr einsam und lag ständig auf der Lauer, um jemanden der Familie Degnelly zu erwischen und in ein Gespräch zu verwickeln. Jetzt, zu dieser mitternächtlichen Stunde, glühten seine Augen begeistert.

»Haben Sie schon gehört, was passiert ist?« fragte er.

Johannes, der ein schlechtes Gewissen wegen der lauten Grammophonmusik hatte, lächelte verbindlicher als sonst. »Nein. Was ist denn geschehen?« Wahrscheinlich hatte die Nachbarskatze Junge bekommen oder etwas ähnlich Welterschütterndes war geschehen.

»Auf das österreichische Thronfolgerpaar wurde ein Attentat verübt. In Sarajewo. Sie sind beide tot. Der Täter kam wohl aus dem serbischen Untergrund.«

Johannes ließ Lindas Hand los. Phillip und Alex verstummten.

»Was?« fragte Johannes schließlich.

»Jaja. Alle Extrablätter verkünden es. Erzherzog Franz Ferdinand ist tot!«

»Aber das ist ja…« Für einen Moment standen sie alle wie versteinert. Dann murmelte Phillip: »Der nächste Krieg wird von irgendeiner ganz lächerlichen Angelegenheit auf dem Balkan ausgelöst werden.«

»Was?«

»Bismarck. Bismarck hat das mal gesagt.«

Alex grinste. »Die lächerliche Angelegenheit auf dem Balkan. Ja, Freunde, ich schätze, das ist sie. Dann gute Nacht.«

Er setzte seinen Hut auf und ging pfeifend die Treppe hinunter, während hinter ihm lebhaftes Stimmengewirr einsetzte.

»Bei den Serben und Kroaten hat es schon zu lange gebrodelt. Österreich wird sich diese Provokation nicht gefallen lassen.«

»Dann hängen wir mit drin. Deutschland hat ein Bündnis mit Österreich. Andererseits weiß kein Mensch, ob die serbische Regierung beteiligt war, und wegen eines Attentäters…«

»Mein Vater sagt immer, wenn ein Krieg ausbricht, dann an der französischen Grenze, weil die Franzosen Elsaß-Lothringen in Wahrheit noch nicht aufgegeben haben.«

»Da hat er sicher recht, Linda.«

»Was meint ihr, werden die Österreicher…«

»Könntest du dir vorstellen zu sterben?« fragte Christian unvermittelt. Sein Freund Jorias, der vor sich hingedöst hatte, schrak auf. »Was meinst du?«

»Na ja, ich habe gerade darüber nachgedacht. Wenn es Krieg gibt und wenn er lange genug dauert, dann werden wir bestimmt auch noch eingezogen. Nächstes Jahr machen wir unser Fähnrichexamen, und dann wären wir schon so weit. Es ist auf einmal… so eine verrückte Vorstellung!«

Jorias nickte langsam. Die Lokomotive stieß einen schrillen Pfiff aus, dumpf rumpelten die Räder über die Geleise. Die beiden Jungen sahen zum Fenster hinaus, aber es war schon tief in der Sommernacht, und sie konnten nur das Spiegelbild ihres schwach erleuchteten Abteils sehen.

»Jetzt dauert es nicht mehr lange bis Insterburg«, sagte Christian, und in seiner Stimme klang aufgeregte Freude. Er war Felicia Degnellys jüngerer Bruder, gerade sechzehn geworden, und er gehörte zu denen, auf die das Reich mit Stolz blickte: Er war ein Kadett. Er durchlief jenen Weg, auf dem Kinder bereits zu Soldaten gemacht und im Sinne bester preußischer Traditionen erzogen wurden, gedrillt bis zum Umfallen, gebildet wie kleine Professoren, infiziert aber vor allem mit einer heiligen Liebe zum Kaiser, zum Vaterland — und zum Tod.

Christian und sein Freund Jorias, der keine Eltern mehr hatte und daher in das Familienleben der Degnelly-Familie miteinbezogen war, hatten erst vor kurzem das Vorkorps in Köslin verlassen und bereiteten sich in der Hauptkadettenanstalt Lichterfelde auf ihr Fähnrichexamen vor. Sie trugen graue Uniformen mit engen, steifen Kragen, blütenweiße Handschuhe und voller Stolz die weißen Schulterklappen der HKA.

Sie sahen sehr erwachsen aus, aber Offizierslaufbahn hin oder her — sie waren sechzehn! Und es war Sommer, die Ferien begannen. Lulinn wartete. Für gewöhnlich, wenn sie in diesem Zug saßen, drehten sich die Gespräche nur um die kommenden fünf Wochen, diesmal jedoch verhielten sich beide recht schweigsam. Obwohl der Zug sie Kilometer für Kilometer von Berlin fortführte, obwohl die Freiheit winkte und sie den Rest dieser Nacht schon in ihrer heißgeliebten Dachkammer auf Lulinn schlafen würden, spukten in ihrer Erinnerung noch allzu deutlich die Worte ihres Hauptmannes, mit denen er mittags vor die Kompanie getreten war. »Der österreichische Thronfolgerund seine Gemahlin sind in Sarajewo ermordet worden, wahrscheinlich von einem serbischen Attentäter. Es ist nicht ausgeschlossen, daß noch während Ihres Urlaubs Seine Majestät der Kaiser den Zustand drohender Kriegsgefahr ausrufen wird. In diesem Fall finden Sie sich bitte unverzüglich und ohne auf weiteren Befehl zu warten hier im Kadettenkorps ein!«

Drohende Kriegsgefahr, drohende Kriegsgefahr… die Räder schienen diese Worte immer wieder zu singen.

Ich habe eigentlich keine Angst, dachte Christian, nein, es ist nur so unwirklich. Ich kann mir den Krieg nicht vorstellen.

»Noch jemand in Königsberg zugestiegen?« Der Schaffner war plötzlich aufgetaucht und sah sich suchend um. Er musterte die beiden Jungen wohlwollend. »Ah — das ist die Jugend, auf die Deutschland stolz sein kann! Die Hüter und Bewahrer Brandenburg-preußischer Tradition! Sind Sie denn auch bereit, für Kaiser und Vaterland auf dem Feld der Ehre zu sterben?«

Er redet so, als wären wir schon im Krieg, dachte Jorias unbehaglich. Aber man war nicht umsonst seit Jahren auf Fragen wie diese eingeschworen.

»Jawohl!« sagten die beiden Kadetten wie aus einem Mund, dann sahen sie einander an, und es war, als riefen sie einander zu: Aber nicht jetzt. Nicht jetzt. Der Sommer beginnt doch gerade erst…

2

Der alte Ferdinand Domberg pflegte zu sagen, es gebe mancherlei Schlimmes, was einem Mann in seinem Leben widerfahren könne, aber das Schlimmste sei zweifellos, Vater von Töchtern zu werden.

Söhne konnten einen Mann zur Weißglut treiben, sicher (er hatte zwei solche Exemplare; Victor, der Älteste, konnte vor Selbstgerechtigkeit kaum aus den Augen schauen, und Leo, der Jüngste, vertat sein Leben als mittelloser Maler), aber hin und wieder konnte man sie anschreien und böse Worte zu ihnen sagen und sich das Herz erleichtern, indem man ihnen alle Strafen des Himmels auf den Hals wünschte.

Töchter hingegen… sie ließen sich viel schwerer beschimpfen, und man wußte nie, was sie dachten, und sie handelten sowieso immer anders, als sie sprachen. Selbst wenn sie zu seinen Vorhaltungen mit bekümmerter Miene schwiegen, wußte er, daßsie ihm in Wahrheit nicht einmal zuhörten. Was seine beiden Töchter anging, so hatten sie ihn vor Jahren schwer gekränkt, indem sie beide Männer heirateten, mit denen er nicht einverstanden gewesen war. Elsa, immerhin die Mutter seiner Lieblingsenkelin Felicia, hatte ihm ihren Auserwählten, einen Berliner Arzt, nicht einmal vorgestellt, sondern ihn erst nach der Hochzeit gewissermaßen als unabänderliche Tatsache präsentiert. Und Belle, die jüngere, die vor nichts und niemandem Respekt hatte, war mit einem Baltendeutschen dahergekommen. Schlimmer noch, mit einem hohen Offizier der russischen Armee. Ferdinand zeigte in all den Jahren keine Bereitschaft, diese Geschmacklosigkeit zu verzeihen, und jedes Jahr kam es während einer der gemeinsamen Mahlzeiten zu dem peinlichen Moment, da er seine Töchter vor versammelter Mannschaft durchdringend ansah und laut sagte: »Es ist wohl so, daß man als Frau nehmen muß, was man eben kriegen kann, nicht?«

Es war ein heißer Juliabend, und der alte Herr blickte sehr mißmutig drein. Er saß im Eßzimmer von Lulinn, unter Hirschgeweihen und Ahnenbildern, schluckte seine Herztropfen und betrachtete zornig den gedeckten Abendbrottisch. Zehn Minuten über die festgesetzte Zeit; die vielen eigenwilligen Mitglieder seiner Familie hielten es offenbar nicht für nötig, pünktlich zu kommen. Nur seine Frau Laetitia saß in einem Lehnstuhl am Fenster, und seine Tochter Elsa lehnte daneben an der Wand. Beide blickten hinaus in den leuchtenden Sommerabend, und Elsa hatte ganz offenbar wieder ihre Melancholie. Sie war eine zarte, blasse Frau, von der kein Mensch wußte, wie sie, eine so empfindsame Person, einer so rauhbeinigen Familie hatte entspringen können. In diesen Tagen litt sie um ihren Sohn Johannes. Wegen Sarajewo war er nicht nach Lulinn gekommen, sondern »hielt sich in Berlin bereit«, wie er schrieb. Bereit wofür? fragte sich Elsa bekümmert.

Der alte Domberg knurrte wütend. »Früher war es üblich, daß solche, die zu spät kommen, eben nichts mehr kriegen«, sagte er zornig, »aber heutzutage wird gewartet, bis auch der letzte einzutreffen geruht. Eine Schande ist das!« Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Geschirr schepperte. Laetitia wandte sich ihm zu. In ihrer Jugend hatte sie zu den schönsten Mädchen der östlichen Provinzen gehört, und noch im Alter erkannte man die grandiose Beauté, die sie einst gewesen war. Sie hatte die schmalen, eisgrauen Augen, die den meisten Frauen ihrer Familie zu eigen waren, eine gerade Nase und schmale Lippen. Sie sprach mit tiefer, rauchiger Stimme und galt als unumschränkte Herrscherin auf Lulinn. »Reg dich nicht auf, Ferdinand«, sagte sie, »du hast ein schwaches Herz, vergißdas nicht. Victor und Gertrud sind übrigens gerade ins Haus gekommen. Sie müssen gleich hier sein.«

Ferdinands Gesicht verfinsterte sich noch mehr, wie immer, wenn der Name seiner Schwiegertochter fiel. Mit Victor, seinem Ältesten, hatte Ferdinand ehrgeizige Pläne gehabt. Er sollte die vornehmste Frau aus der besten Familie heiraten; statt dessen kam er eines Tages mit Gertrud an, einem unansehnlichen dicklichen Mädchen, das kaum den Mund aufbrachte. Die ganze Familie rätselte, was ein gutaussehender Mann wie Victor an dieser verkniffenen Frau aus kleinbürgerlichen Verhältnissen fand.

Ferdinand hatte sich bis zu diesem Tag nicht mit ihr abgefunden. »Seit unseren Zeiten, Laetitia, ist es mit der Familie bergab gegangen«, sagte er gehässig. Laetitia teilte seine Ansicht über Gertrud durchaus, scheute jedoch aus einer gewissen Loyalität heraus davor zurück, dies so unverblümt zu zeigen. Gertrud gehörte zur Familie, und eine Familie, davon war Laetitia überzeugt, konnte nur stark sein, wenn sie zusammenhielt.

So erwiderte sie nichts, sondern wandte ihr Gesicht wieder dem Fenster zu. »Dort kommt Belle«, sagte sie lebhaft, »mit Nicola! Wie süß die Kleine aussieht!«

Belle, eigentlich auf den Namen Johanna Isabelle getauft und zeitlebens von der Familie nur »Belle« gerufen, war eine große und schwere Frau, fast ein wenig zu füllig, aber so schön, daß jedes Pfund an ihr kostbar schien. Sie trug ein helles Musselinkleid, ihr goldbraunes Haar leuchtete im Abendsonnenlicht. An der Hand führte sie ihre sechsjährige Tochter Nicola.

Belle lebte seit ihrer dramatischen Hochzeit mit Oberst Julius von Bergstrom in Petersburg. Sie führte ein aufwendiges gesellschaftliches Leben, ging am Zarenhof ein und aus, und Ferdinand verfärbte sich jedesmal vor Wut, wenn er daran dachte, daß seine Enkelin Nicola zwischen lauter Russen aufwachsen mußte, Slawen, von denen er immer sagte, daß sie noch mal Unglück über Deutschland bringen würden.

»Möchte wissen, was Belle tut, wenn es Krieg gibt«, brummte er, »sie muß sich doch wie eine Verräterin fühlen mit ihrem Russen, den sie da geheiratet hat!«

»Er ist kein Russe«, widersprach Laetitia, »er ist Deutscher.«

»Baltendeutscher. Die Balten werden auf russischer Seite kämpfen.«

»Es gibt aber gar keinen Krieg.«

»Ach, es gibt keinen, wie? Und wie soll Österreich auf den Mord von Sarajewo reagieren?«

»Wie auch immer, Rußland wird sich nicht einmischen. Man wird sich dort nicht auf die Seite der Königsmörder schlagen.«

»Wenn einem das den Grund liefert, in Ostpreußen einzufallen, dann schon«, entgegnete Ferdinand, der die geheime Überzeugung hegte, es sei dieses herrliche, grüne Land zwischen Ostsee und Memel, um das jeder Kampf geführt werde. Was konnte es Schöneres geben auf der Erde als diese sanften Hügel, die fruchtbaren Wiesen, die tiefen Wälder und weiten Seen unter einem Himmel, der blauer war als irgendwo sonst in Europa. Worum kämpfen, wenn nicht um die endlosen Kornfelder, die sich leise im Wind wiegten, um die hundertjährigen Eichen, die zehn Männer nicht gemeinsam umfassen konnten? In jedem Frühjahr, in dem er den Schrei der heimkehrenden Wildgänse vernahm, begriff Ferdinand Domberg in einer seinem Wesen sonst völlig fremden Demut, daß es eine Gnade war, hier leben zu dürfen.

Doch jetzt war es Sommer, die Wiesen sahen aus wie schaumige Wogen von Blumen, und Ferdinand dachte nicht an Gnade, sondern an Recht. Sie sollten nur kommen, die slawischen Horden, wagen sollten sie es, einen einzigen Fuß auf den Boden von Lulinn zu setzen. Zum zweitenmal an diesem Abend schlug er mit der Faust auf den Tisch. »Wo, zum Teufel, ist Felicia?« fragte er. Elsa, die bislang ihren Blick nicht von dem rauschenden Laub eines Apfelbaumes gewandt hatte, sah ihn an. »Sie wollte ausreiten«, erklärte sie, »mit irgendwelchen Jungen aus der Nachbarschaft. Sie ist bestimmt bald zurück.«

»Was für Jungen?«

»Von den umliegenden Gütern. Sie kennt sie von Jagdgesellschaften und Bällen. Alle aus guter Familie.«

»Maksim Marakow ist nicht dabei?« Ferdinands Blick wurde lauernd.

Elsa schüttelte arglos den Kopf. »Der ist in Berlin, soviel ich weiß…«

»Na ja… Zwischen Marakow und Felicia ist nicht alles so harmlos. Gertrud hat sie einmal belauscht, und es soll recht vertraulich zugegangen sein.«

»Gertrud ist ein Scheusal«, entgegnete Elsa kurz. In minutenlanger Einmütigkeit schwiegen alle, dann bohrte Ferdinand weiter. »Ich würde ja nichts sagen, mir ist es gleich, mit wem sie sich amüsiert. Aber über Marakow gibt es Gerüchte. Er soll ein Sozialist sein!«

»Und wenn schon!« Elsa hatte keine Lust, über Maksim zu reden. »Zwischen den beiden ist nichts.«

Laetitia lächelte. Elsa kannte ihre Tochter schlecht. Sie selber hatte eine besondere Beziehung zu Felicia, sie war ihre Lieblingsenkelin, weil sie sich selbst in ihr wiederfand. Sie war ebenso unabhängig gewesen, so berechnend liebenswürdig, so heftig in das Leben verliebt. Felicia konnte ihr nichts vormachen. Sie wußte, daß die Sache mit Maksim Marakow nicht ausgestanden war. Es gab seit einiger Zeit einen neuen Zug im Gesicht der Enkelin, in den Augen ein Wissen, das nichts mit der Schulweisheit einer frischgebackenen Abiturientin zu tun hatte.

Ferdinand, dem die Hitze des Tages zu schaffen gemacht hatte und den die Unpünktlichkeit seiner Kinder vor allem deshalb fast rasend machte, weil sie ihm bewies, daß er seine beste Zeit als gefürchteter Diktator auf Lulinn überschritten hatte, suchte weiterhin Streit. Bislang hatte er nur gequengelt, nun ging er zum Angriff über. »Du solltest vielleicht ein bißchen mehr darauf achten, mit wem deine Tochter ihre Zeit verbringt, Elsa«, sagte er anzüglich, »oder willst du, daß mit ihr dasselbe geschieht wie mit dir?«

Elsa fuhr herum, totenblaß im Gesicht. Auf ihrer Nase bildeten sich in Sekundenschnelle feine Schweißperlen. »Daß du es noch wagst, davon zu sprechen, Vater!« sagte sie tonlos. Zum drittenmal an diesem Abend fiel Ferdinands Faust krachend auf den Tisch. »Glaubst du im Ernst, ich ließe mir von dir vorschreiben, worüber ich sprechen darf und worüber nicht?« schrie er. Laetitia erhob sich. Ihr Mund war nur noch ein dünner Strich. »Wir waren übereingekommen, diese Sache niemals wieder zu erwähnen«, sagte sie hart.

Ferdinand, den sie heute noch ebenso leicht einschüchtern konnte wie zu Beginn ihrer Ehe, brummte etwas Unverständliches. Laetitia wandte ihren gefürchteten stahlharten Blick Elsa zu, doch in der hatte sie schon immer einen widerspenstigen Gegner gehabt. Elsa wurde noch um eine Schattierung blasser, aber sie wich nicht aus. »Übereinkunft«, sagte sie, »hieß nach deinem Verständnis immer, daß du etwas bestimmst und die übrigen Menschen sich fügen.«

Laetitia gab um nichts nach. »Ach, so siehst du das! Dabei hätte ich fast gedacht, es sei auch in deinem Interesse, wenn wir dieses… Mißgeschick von damals möglichst stillschweigend übergehen.«

»Mißgeschick? Du nennst es Mißgeschick, wenn… oh, Gott…« Elsa mußte sich setzen. Sie hatte nicht weinen wollen, aber plötzlich konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten. Zusammengekrümmt saß sie am Fenster und schüttelte sich vor Schluchzen, während ihre Mutter vergeblich versuchte, ihr ein Taschentuch zwischen die zitternden Finger zu schieben. Ihr strenges, ebenmäßiges Gesicht versteinerte wie stets, wenn sie an den Tag vor beinahe dreißig Jahren erinnert wurde, an dem die damals sechzehnjährige Elsa ein Telegramm von ihrer großen Jugendliebe, dem charmanten Manuel Stein erhielt, in dem er ihr mitteilte, er habe sich mit einem jungen Mädchen aus Kiel verlobt, sei überglücklich und werde so bald wie möglich heiraten. Elsa, die von dem Tag an, da er zur Marine gegangen war, die dumpfe Ahnung eines endgültigen Abschieds gehegt hatte, brach zusammen. Laetitia versuchte sie zu trösten, indem sie ihr immer wieder versicherte, Manuel sei ein Luftikus und er habe ihr keinen größeren Gefallen tun können, als sie zu verlassen. Ferdinand tobte, weil er Elsas Schmach als persönliche Niederlage empfand, und die ganze Familie war nur froh, daß Manuel weit weg war, da Ferdinand sich sonst unweigerlich mit ihm duelliert hätte und am Ende noch vor einem Gericht gelandet wäre.

»Du wirst noch viele Männer kennenlernen, Elsa«, hatte Laetitia gesagt, »oh, es gibt so viele! Du brauchst es deinem Vater nicht zu erzählen, aber bevor ich ihn traf, war ich mit einem bezaubernden Jungen zusammen, den ich zu gern geheiratet hätte. Unsere Väter waren dagegen, und die Sache zerschlug sich. Und du siehst«, sie hatte auf ihre unverwüstliche Art gelächelt, »es hat mir nicht das Herz brechen können!«

Elsa hatte ihre Mutter verzweifelt angesehen. »Aber ich bekomme ein Kind von ihm, Mutter«, hatte sie leise gesagt.

Das war eingeschlagen wie eine Bombe. Selbst Laetitia brauchte einige Tage, um sich von dieser Nachricht zu erholen. Ferdinand bekam einen Tobsuchtsanfall, zerschmiß eine Bodenvase aus dem sechzehnten Jahrhundert und entließ von einem Moment zum anderen drei alte, treue Knechte, die schon unter seinem Vater auf Lulinn gearbeitet hatten. »Das hast du also getrieben, wenn du angeblich mit dem jungen Stein ausgeritten bist!« schrie er. »Wie weit seid ihr gekommen? Bis zur nächsten Scheune? O Gott, in meinem Heu!«

Laetitia sah ein, daß alles Geschrei nichts nutzte. Sie verurteilte Elsas Verhalten nicht; die beiden waren jung, da geschah so etwas, und sie selber hatte früher keineswegs bis in das baldachingeschmückte, handgeschnitzte, gewaltige Ehebett der Dombergs hinein Enthaltsamkeit geübt. So etwas kam in den besten Familien vor, mußte aber natürlich sorgfältig vertuscht werden. »Das Kind darf nicht zur Welt kommen«, sagte sie bestimmt, »das siehst du ein, Liebling, nicht wahr?«

»Nein. Nein, das sehe ich überhaupt nicht ein. Es ist Manuels Kind, und ihm wird nichts geschehen.«

Laetitia rang die Hände, Ferdinand fluchte, aber nichts half. Da packte Laetitia eines Tages ihre Koffer und die von Elsa, nahm die Tochter an die Hand und erklärte: »Wir fahren nach Wien!«

»Nach Wien? Warum das?«

Laetitia hüllte sich während des ganzen Weges in geheimnisvolles Schweigen. Auf Elsas drängende Fragen antwortete sie schließlich nur: »Es ist besser, wenn du das Kind weit fort von daheim bekommst. Wir entgehen den Blicken und Fragen unserer Nachbarn.«

»Aber ich werde mit dem Kind zurückkehren. Was sagen wir dann?«

»Wir werden sehen«, entgegnete Laetitia ausweichend.

In Wien quartierten sie sich bei einer Freundin von Laetitia ein, die verschwiegen und absolut vertrauenswürdig sein sollte. Elsa blieben die Wochen in der dunklen, allzu üppig und beengend eingerichteten Wohnung ein Leben lang als Alptraum im Gedächtnis haften. Es war Mai, die Kirschbäume blühten, die Sonne strahlte, aber Elsa durfte kaum einen Fuß auf die Straße setzen, weil Laetitias Freundin zwar verschwiegen, aber auch überaus prüde war und nicht wollte, daß die Nachbarschaft etwas von dem heimlichen Besuch erfuhr. Elsa lief wie eine gefangene Katze in ihrem Zimmer hin und her, dachte an Manuel und hoffte zu sterben.

Sie brachte ihr Kind, einen Sohn, beinahe vier Wochen vor dem errechneten Termin zur Welt, in einem Krankenhaus, das den prosaischen Namen Landesgebäranstalt trug und adeligen, ledigen jungen Damen die Gelegenheit gab, »unter der Maske« zu entbinden, was bedeutete, ihr Kind zu gebären, ohne dem Arzt oder einer der Schwestern Namen, Alter oder irgend etwas über die eigene Herkunft sagen zu müssen. Es schockierte Elsa, als sie bei ihrer Entlassung ein Papier unterschrieb, auf dem sie lediglich als »Nummer 33 des Jahres 1885« aufgeführt war. Sie ging ohne ihren Sohn zu Laetitias Freundin zurück, weil der Arzt ihr gesagt hatte, das Kind sei kränklich und müsse noch einige Wochen in seiner Obhut bleiben. Laetitia sagte, sie könnten die großzügige Gastfreundschaft nicht länger in Anspruch nehmen und müßten nach Insterburg zurückfahren.

»Aber ich kann nicht ohne mein Kind gehen«, widersprach Elsa.

Laetitia überlegte. »Der Kleine muß noch wochenlang hierbleiben. Ich weiß etwas, Liebes. Wir beide fahren heim, und wir laden unsere liebe Gastgeberin ein, in etwa fünf oder sechs Wochen nachzukommen. Wir können uns für ihre Güte revanchieren, und sie kann bei dieser Gelegenheit gleich deinen Sohn mitbringen. Bis dahin kann er sich erholen.«

Elsa, vom Kummer um Manuel und durch die lange Gefangenschaft zermürbt, willigte ein. Sie reiste mit ihrer Mutter zurück nach Ostpreußen, brach beim Anblick von Lulinn wegen zahlloser Erinnerungen an einen vergangenen Sommer in Tränen aus, zog sich in die Einsamkeit ihres kleinen, freundlichen Zimmers zurück und wartete auf ihr Kind. Die Wochen vergingen, sie hörte weder etwas von der Freundin noch von dem Kind.

Schließlich konnte Laetitia Elsa nicht mehr vertrösten. Von der Tochter in die Enge getrieben, gab sie zu, was der eigentliche Sinn der Landesgebäranstalt für ledige Mütter war: Nicht nur, daß die Damen dort unerkannt und im geheimen entbinden konnten, die Last um das unerwünschte Neugeborene wurde ihnen gleich ganz und gar abgenommen, indem die Stadt Wien die Säuglinge für ein reichliches Geld, das die Familie der Mutter zu zahlen hatte, übernahm.

Elsa begriff nicht sofort: »Was?« fragte sie ungläubig.

Laetitia nickte begütigend. »Die Stadt sorgt für das Kind. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.«

»Die Stadt? Was heißt das, die Stadt?«

»Es gibt dort Pflegestellen, die…«

»Pflegestellen? Du meinst Waisenhäuser? Mutter, wie konntest du…«

»Deinem Kind geht es gut, Elsa, da kannst du beruhigt sein. Dein Vater hat viel Geld bezahlt, damit es…«

Elsa sah ihre Mutter fassungslos an. »Du hast mein Kind verkauft… an eine Stadt! Du hast…«

Laetitia vernahm den schrillen Ton in Elsas Stimme. Gleich würde sie anfangen zu schreien. Sie stand auf und schloß das Fenster. »Nicht verkauft, Elsa. Wir haben es in Pflege gegeben und viel Geld bezahlt, damit es in gesicherten Verhältnissen aufwächst. Viele junge Frauen in deiner Lage tun das.«

Vor Elsas Augen flimmerte es. »Das kann nicht wahr sein«, flüsterte sie, »das tust du nicht. So etwas kannst du nicht tun!«

»Ich habe es für dich getan. Damit du frei bist. Lieber Himmel, Elsa, ich habe die Moralisten nicht erfunden, aber es gibt sie, und wir müssen uns mit ihnen arrangieren. Du bist zu jung, um für einen unbedachten Schritt ein Leben lang bezahlen zu müssen. Jetzt steht dir wieder alles offen. Du kannst heiraten, und du wirst wieder Kinder haben.«

Elsa, die mit glasigen Augen, ohne etwas zu verstehen, gelauscht hatte, öffnete den Mund zum Schrei. Laetitia kam ihr zuvor.

»Die Angelegenheit ist vorüber«, sagte sie scharf, »vergiß Manuel und vergiß das Kind. Es kommt eine Zeit, da bist du mir dankbar!«

Elsa dachte nicht daran, dankbar zu sein. Sie weigerte sich, ihr Zimmer zu verlassen, hörte auf zu essen und blieb schließlich nur noch im Bett. Ferdinand ließ die schönsten Delikatessen aus Königsberg kommen, aber selbst die verschmähte sie. Ihre Geschwister, denen niemand die Wahrheit gesagt hatte, die aber ahnten, worum es ging, versuchten alles, um sie aufzumuntern, doch Elsa blieb teilnahmslos.

»Was sollen wir denn tun?« fragte Laetitia verzweifelt. Elsa schlug die Augen auf, die übergroß waren in dem mageren Gesicht und in tiefen Höhlen lagen. »Ich will mein Kind«, sagte sie.

Laetitia begriff, daß ihre Tochter entschlossen war zu sterben, wenn ihr Wunsch nicht erfüllt würde. Sie packte zum zweitenmal ihre Koffer und reiste nach Wien, um Nachforschungen über ihren Enkel anzustellen. Was sie herausbekam, war niederschmetternd: Elsas Sohn war in einem Waisenhaus während einer Keuchhustenepidemie gestorben.

Elsa weinte nicht, als sie es erfuhr. Sie stand mühsam auf, trank ein paar Schlucke Milch und aß etwas Brot. Vier Tage lang sprach sie kein Wort, aber sie aß und aß, solange bis sie etwas von ihren alten Kräften wiedergefunden hatte. Dann verließ sie Lulinn, mit zwei Reisetaschen und der festen Absicht, nie wieder dorthin zurückzukehren. Zwei Jahre lang hörte die Familie nichts von ihr. Dann stand sie eines Tages vor der Tür; mit ihrem Mann, dem jungen Berliner Arzt Dr. Rudolf Degnelly, und ihrem kleinen Sohn Johannes auf dem Arm. Sie war viel älter geworden, ihr Gesicht trug den melancholischen Ausdruck, den es nie wieder verlieren sollte, wenigstens aber schien sie nicht mehr so todessehnsüchtig wie einst.

»Weiß dein Mann, was geschehen ist?« fragte Laetitia.

Elsa nickte. »Er weiß alles. Aber sonst soll es nie jemand erfahren. Auch nicht meine Kinder.«

Elsa kam von da an jedes Jahr nach Ostpreußen, in den Sommermonaten, in denen sich auch ihre Geschwister dort trafen. Sie schien diese Aufenthalte nicht zu genießen, hielt aber eisern an ihnen fest.

»Ihre Wurzeln sind hier«, sagte Ferdinand, »das kann sie nicht vergessen.«

Er hatte damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Laetitia, die beobachtete, wie sich Elsa mit einer trotzigen Sehnsucht ihrer Schwermut hingab, begriff, daß auch böse Erinnerungen einen Menschen an einen Ort fesseln können.

Heute, an diesem Abend, war es das erste Mal seither, daß Elsa weinte. Ihr krampfhaftes Schluchzen dauerte jedoch nur einige Minuten. Dann richtete sie sich kerzengerade auf, ergriff Laetitias Taschentuch und trocknete sich energisch die Augen.

»Entschuldige bitte«, sagte sie, »es wird nicht wieder vorkommen.«

Ferdinand sah sie erleichtert an. Mit weinenden Frauen wußte er nichts anzufangen. Ihm war klar, daß er einen Fehler gemacht hatte, aber solange er lebte, hatte er sich für nichts entschuldigt, und er tat es auch jetzt nicht. Eine ungemütliche Stille senkte sich über den Raum, doch dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und von einem Augenblick zum anderen hallten die Wände wider von einem Dutzend lebhaft durcheinander schwirrender Stimmen. Victor stolzierte wie ein Gockel herein, gefolgt von seiner sauertöpfischen vierzehnjährigen Tochter Modeste und der grämlich dreinblickenden Gertrud, die sich unpassenderweise in weiße Spitze gehüllt hatte und wie eine überalterte Braut aussah. Belle sang ein zweideutiges Liebeslied vor sich hin, was allseits ein leichtes Stirnrunzeln hervorrief, und ihre Tochter Nicola hielt einen großen leuchtend bunten Wiesenblumenstrauß in den Händen, den sie mit einer anmutigen Bewegung Laetitia in die Arme warf, ehe sie ihrem Großvater auf den Schoß kletterte und ihn auf die Nase küßte. Leo, im maßgeschneiderten Anzug mit elfenbeinfarbenem Seidenhemd (beides bestimmt noch nicht bezahlt, dachte Elsa) schwenkte einen Umschlag. »Ein Telegramm aus Berlin!« rief er. »Für die holde Elsa!«

»Von Rudolf?«

Leo schüttelte den Kopf. »Nein. Von einem anderen Mann. Elsa, wie viele Eisen hast du eigentlich im Feuer?«

Laetitia und Belle lachten, Gertrud wurde rot. »Es ist geschmacklos und unverschämt«, zischte sie Victor zu. Elsa ergriff das Telegramm. »Von Johannes. Was kann er wollen?«

Jadzia trat ein, in jeder Hand einen großen Krug mit eiskalter Buttermilch. Sie zündete die Kerzen auf dem Tisch an, brachte frisches Brot und eine Schüssel mit Quark. Alle setzten sich. Eine friedvolle Stimmung breitete sich aus, während draußen die Sonne hinter den Hügeln versank: Der einzige, der hin und wieder poltern mußte, war Ferdinand. »Christian und Jorias fehlen. Und Felicia auch. Sie kriegen nichts mehr, wenn sie so unpünktlich kommen.«

Niemand nahm ihn ernst. Zumindest Felicia, das wußten alle, könnte mitten in der Nacht erscheinen, sie würde von Ferdinand noch immer mit offenen Armen empfangen. Sie glich Laetitia in ihrer Jugend so völlig, daß Ferdinand noch einmal die gleichen feurigen Gefühle empfand wie ein halbes Jahrhundert zuvor.

»Was schreibt denn Johannes?« erkundigte sich Laetitia. Elsa legte das Telegramm nachdenklich neben ihren Teller. »Er will seine Linda noch in diesem Monat heiraten.«

»Linda?« fragte Ferdinand stirnrunzelnd. »Wer ist denn das? Welche Familie? Wo kommt sie her?«

»Du kennst sie, Vater. Sie war ein- oder zweimal in den Ferien hier. Sie ist die Schwester von Phillip Rath, dem besten Freund von Johannes. Ein wirklich entzückendes Mädchen, nur…«

Alle hörten auf zu essen und sahen Elsa an.

»Was denn?« fragte Belle.

Elsa lächelte hilflos. »Es geht so schnell. Ich verstehe nicht, warum er es so überstürzt…«

»Ach was, ich verstehe das sehr gut«, brummte Ferdinand, »er ist ein junger Mann und sehr verliebt, und er möchte dieses Mädchen haben, ehe sein Urlaub zu Ende ist und er in seine Kaserne am Ende der Welt zurück muß!«

»So ist es«, sagte Laetitia dankbar. Ferdinand hatte seine Taktlosigkeit gegenüber Elsa von vorhin wieder gutgemacht, indem er eine harmlose Erklärung fand für etwas, das sie plötzlich alle mit einer dumpfen Bedrückung umfing. Jeder verstand, weshalb Johannes so überstürzt heiraten wollte, vielen jungen Leuten ging das jetzt so. Die Soldaten fürchteten nicht das Ende ihres Urlaubs, sie fürchteten den Beginn eines Krieges.

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Am Anfang der Eichenallee von Lulinn zügelte Felicia ihr Pferd und sah sich nach den beiden jungen Männern um, die ihr, ebenfalls zu Pferd, gefolgt waren. Die Sonne ging gerade unter, und abendliche Schatten breiteten sich über die Wiesen. Felicia, die ein Reitkostüm aus blauem Tuch trug, warf den Kopf zurück. Ihre Haare hatten sich bei dem schnellen Ritt gelöst und fielen ihr wirr und lockig über die Schultern. Sie atmete schnell und strich ihrem Pferd über den nassen Hals.

»Weiß Gott, ich hab’ es schon wieder nicht geschafft«, sagte sie, »sie sitzen alle längst beim Abendessen, und Großvater wird fluchen und toben, weil ich kein einziges Mal pünktlich sein kann. Am liebsten würde ich euch beide bitten, mitzukommen und mich zu beschützen!«

Die beiden Männer lachten. Jeder in der Gegend wußte, daß Felicia den alten Domberg spielend leicht um den Finger wickeln konnte.

»Wir werden hier warten. Und wenn wir dich um Hilfe schreien hören, springen wir durchs Fenster«, sagte einer der beiden Begleiter. Sie waren Brüder, Benjamin und Albrecht Lavergne vom Nachbargut Skollna. Albrecht leistete gerade seinen Militärdienst ab, Benjamin war Student in Heidelberg. Die Sommermonate verbrachten sie daheim, und seit Maksim abgereist war, waren sie beinahe jeden Tag mit Felicia zusammen. Als Kinder hatten sie oft zusammen gespielt; später waren sie gemeinsam zu den Jagdgesellschaften in der Rominter Heide geritten, wenn sich dort im Herbst Kaiser und Adel trafen. Heute hatten sie einen Ausflug zum See gemacht und fühlten sich nun ebenso hungrig wie müde und glücklich.

Nachdem die jungen Leute sich verabschiedet und eine Verabredung für den nächsten Tag getroffen hatten, setzte Felicia ihren Weg allein fort. Wie immer, wenn sie die Allee heraufkam, fühlte sie sich von einem Glücksgefühl ergriffen, in dem sich Unruhe und Ärger auflösten. Schon als Kind war es so gewesen. Welchen Kummer sie auch mit sich herumtrug, er zerrann, wenn sie zwischen den Eichen entlangritt.

Sie zügelte ihr Pferd noch einmal, als sie neben sich aus der dunklen Wiese zwei Gestalten auftauchen sah. Es waren ihr jüngerer Bruder Christian und sein Freund Jorias, beide in grasbefleckten weißen Hemden und knöchellangen Hosen, unter denen nackte, schmutzige Füße hervorsahen. Die Haare über den sonnenverbrannten Gesichtern sträubten sich in alle Richtungen, die bloßen Arme trugen Spuren von Brombeerranken und Disteln.

»Hallo, Felicia!« rief Christian. »Daß du hier entlang reitest, ist wohl ein sicheres Zeichen, daß wir zu spät sind.«

»Das stimmt. Und wo kommt ihr her? Ihr seht recht abenteuerlich aus.«

Die beiden blickten an sich hinunter. »Ach, wir waren überall«, erklärte Jorias, »zuletzt an einem Teich, den wir dieses Jahr das erste Mal entdeckt haben.« Er schwenkte das Fischernetz, das er über der Schulter trug. Felicia warf einen Blick in den leeren Eimer, den Christian gerade abstellte. »Nun, das war ja von grandiosem Erfolg gekrönt«, meinte sie anzüglich. Sie wußte, daß sowohl Christian als auch Jorias gefangene Fische ins Wasser zurückwarfen, weil sie es nicht fertigbrachten, sie zu töten. Natürlich liebten sie es nicht, darüber zu sprechen. Sie murmelten irgend etwas Verlegenes und spielten mit den Zehen im Gras, das feucht wurde vom Abendtau.

Felicia betrachtete die beiden zärtlich. Sie sahen so jung aus, ohne ihre Kadettenuniformen. Fast noch wie die zwei kleinen Jungen, die früher auf Lulinn herumgestromert waren. Daß sie nicht mehr Indianer spielen, ist auch alles, dachte Felicia liebevoll, gar nicht vorzustellen, daß sie einmal richtig erwachsene Männer sein werden, die heiraten und Kinder haben. Für mich werden sie immer so bleiben, wie sie heute sind!

Langsam kamen sie auf das Herrenhaus zu. Felicia ließ ihr Pferd im Schritt trotten, damit die Jungen nebenhergehen konnten. Aus den Fenstern des Eßzimmers fiel Kerzenschein in die Dunkelheit. Ein Knecht eilte herbei, um Felicias Pferd in den Stall zu bringen. Felicia strich sich über ihr Reitkostüm.

»Wir müssen uns wohl noch umziehen«, meinte sie, »Tante Gertrud fängt ja an zu schreien, wenn sie uns so sieht!«

»Auf ein paar Minuten kommt es jetzt nicht mehr an«, sagte Jorias, »Ärger kriegen wir sowieso.« Einträchtig betraten sie das Haus. Jadzia kam ihnen wie ein geheimnisvoller, kleiner Schatten entgegen. In der Hand hielt sie einen Strauß roter Rosen.

»Schöne Blumen«, flüsterte sie, »sind von Boten gebracht worden für Fräulein Felicia!«

»Was, für mich?«

»Aus Insterburg. Von fremdes Herr!« Jadzia hatte diebeiliegende Karte offenbar schon eingehend studiert. Felicia griff aufgeregt danach. »Oh… sicher von Maksim!« entfuhr es ihr.

Christian lachte. »Der ist doch in Berlin.«

»Bote hat erzählt Nachricht«, fuhr Jadzia fort. Sie sah sich vorsichtig um. »Österreich hat gestellt Ultimatum an Serbien. Will Serbien unter Kontrolle. Oh… wird geben Krieg! Wird Deutschland gehen auf Seite von Österreich, wird Rußland gehen auf Seite von Serbien. Großer Krieg!«

»Ach, Unsinn, Jadzia«, sagte Felicia ärgerlich. Sie hatte gerade entdeckt, daß die Blumen nicht von Maksim kamen, sondern von einem Mann, den sie überhaupt nicht kannte. Alex Lombard. »Ich war kürzlich in Berlin Gast Ihres Bruders, Oberleutnant Degnelly«, schrieb er, »ich sah Ihr Bild in der Wohnung. Da ich geschäftlich in Insterburg war, wollte ich mich auf diese Weise bei Ihnen vorstellen.«

»Wie merkwürdig«, murmelte Felicia, »er kennt mich doch gar nicht!«

Jorias und Christian begannen eifrig über das österreichische Ultimatum zu diskutieren. »Serbien begibt sich nicht freiwillig unter österreichische Kontrolle«, rief Jorias, »nie!«

»Aber sie riskieren auch keinen Krieg.«

»Wenn sie tatsächlich mit russischer Hilfe rechnen können…«

Felicia hörte nicht zu. Sie stieg langsam die Treppe hinauf. Ihre Finger spielten mit den Rosen, deren tiefrote Blüten im Dämmerlicht fast schwarz aussahen. Rote Rosen… was hatte dieser fremde Mann in ihrem Bild gesehen, daß er ihr rote Rosen schickte?

Gut zu wissen, daß es andere Männer gibt als Maksim Marakow, dachte sie, und ihre Phantasie begann sich mit dem geheimnisvollen Alex Lombard intensiv zu beschäftigen. Ob ich ihn jemals kennenlernen werde?

___________

Unter den Linden vor der Universität fand eine Demonstration statt. Unwillkürlich verhielt Maksim seinen Schritt. Es waren zehn Frauen, die dort Plakate trugen und Flugblätter verteilten, Studentinnen, wache, intelligente Gesichter. Es hatten sich mindestens fünfzig Passanten eingefunden, die das Geschehen beobachteten. In einiger Entfernung standen zwei Polizisten, die unschlüssig schienen, ob sie eingreifen sollten. Als sich Maksim durch die Menge drängte, konnte er von allen Seiten leise gemurmelte oder ungeniert laute Kommentare hören. »Suffragetten! So was gehört eingesperrt!« — »Was diese Weiber brauchen, sind Männer, die ihnen beibringen, daß sie Frauen sind!« — »Heiraten sollten sie und Kinder kriegen. Das würde ihnen die Flausen austreiben!« — »So was wie die nimmt doch kein Mann!«

Maksim stand jetzt in der vordersten Reihe. Eine Frau mit großen dunklen Augen trat auf ihn zu und reichte ihm ein Flugblatt. Unter dem mißbilligenden Murren der Menge ergriff Maksim das Papier und überflog den Text. Die Verfasserin prangerte in scharfen Worten die Diskriminierungen an, denen Frauen noch immer an der Universität ausgesetzt waren. Offiziell wurden sie zwar zum Studium zugelassen, aber es gab Professoren, die sich weigerten, Frauen an ihren Seminaren teilnehmen zu lassen, oder die während ihrer Vorlesungen die Zuhörerinnen so bissig und anzüglich traktierten, bis diese freiwillig den Hörsaal verließen.

»Wir fordern gleiches Recht für Männer und Frauen an deutschen Hochschulen!«

»Richtig«, sagte Maksim, »es ist unbedingt richtig, sich dafür einzusetzen.«

»Ach nein«, entgegnete die dunkeläugige Frau ironisch, »wie großzügig von Ihnen!«

Maksim kam sich plötzlich idiotisch vor. »Verzeihen Sie. Was ich sagen wollte, war eigentlich nur…«

»… daß Sie ein Mann von liberaler Weltanschauung sind, ich verstehe.«

Maksims Augen tauchten wie hypnotisiert in ihre. Er senkte seine Stimme, schloß damit alle Menschen ringsum aus und machte sie beide inmitten der lauten Menge zu Komplizen.

»Ein Mann von sozialistischer Weltanschauung!«

»Oh…«, sie lächelte. Maksim begriff, was ihn an ihren Augen so faszinierte. Sie waren fiebernd, hungrig, fanatisch. Das waren die Augen, nach denen er, ohne es zu wissen, immer gesucht hatte. »Ich heiße Maksim Marakow«, sagte er unvermittelt und dachte gleich darauf: Sie empfindet mich wahrscheinlich als ziemlich plump und aufdringlich.

»Ich bin Maria Iwanowna Laskin«, entgegnete sie gelassen, »Mascha. Meine Freunde nennen mich Mascha.«

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um, ließ Maksim stehen und reihte sich wieder in die Kette der Demonstrantinnen ein.

3

Felicia fing an, das Leben auf Lulinn äußerst ungemütlich zu finden. Jeder sprach nur noch über den Krieg. Ob sie morgens ins Eßzimmer kam, wo Laetitia und Belle bei einer letzten Tasse Tee saßen, ob sie hinunter in die Küche ging, wo Jadzia zwischen Schüsseln und Pfannen hin und her eilte, ob sie sich ein Pferd aus dem Stall holte und die Knechte aufscheuchte, die Zigaretten rauchend auf einem Heuballen saßen, überall war man gerade dabei, über den Krieg zu reden. Serbien hatte sich in seiner Antwort an Österreich bereit erklärt, gegen die Feinde Österreichs im eigenen Land mit scharfen Maßnahmen vorzugehen, aber es beharrte auf seiner Souveränität. Österreich brach daraufhin die diplomatischen Beziehungen ab und ordnete eine Teilmobilmachung an. Was sollte Deutschland tun? Wie würden die Russen reagieren? Und was war mit England, mit Frankreich? Die Meinungen gingen hin und her. Ferdinand humpelte am Arm seines Sohnes Victor über den Hof und schimpfte ohne Unterlaß. Seine Wut gründete sich auf die unausweichliche Erkenntnis, daß jeder künftige deutsche Krieg ohne ihn würde stattfinden müssen, womit ein Sieg zweifellos von vornherein ausgeschlossen war. Mit seinem Spazierstock zeichnete er gigantische Schlachtpläne in den Sand vor dem Hauptportal, ließ imaginäre Divisionen zu Dutzenden aufmarschieren, die eine russische Invasion in Ostpreußen zurückschlagen sollten. Es kam zu einer regelrechten Familienkrise, als der tolpatschigen Modeste eines Tages das Pferd durchging und mitten durch Großvaters mühevoll ausgearbeitete deutsche Rettung galoppierte. Sekundenschnell war alles zerstört. Ferdinand belegte Modeste mit Schimpfworten, die zu vulgär waren, als daß irgend jemand aus der Familie sie später hätte wiederholen können. Gertrud stellte sich vor ihre Tochter und verlangte eine Entschuldigung. Daraufhin brach Ferdinands jahrelang aufgestauter Zorn gegen sie los. Lautstark erklärte er ihr, wer sie war und was sie war, so erbarmungslos und so treffend, daß sich Gertrud nie wieder ganz davon erholte und die übrige Familie beinahe Mitleid mit ihr bekam.

»Bevor der Krieg anfängt, schlagen wir uns hier noch die Köpfe ein«, sagte Laetitia schließlich, »Schluß jetzt! Ich will kein böses Wort mehr hören!«

Jadzia heizte die Stimmung noch mehr an, als sie gerade in diesem Augenblick das Zimmer betrat und Tante Belle ein Telegramm übergab. Es kam von Belles Mann aus Petersburg. »Er möchte, daß Nicola und ich sofort nach Hause kommen«, sagte sie, nachdem sie es gelesen hatte, »er meint, man wisse nicht, wie lange noch Personenzüge fahren.« Sie sah sorgenvoll und bekümmert aus, was alle betroffen machte, denn Belle war sonst fast immer strahlender Laune. Ferdinand geriet wieder außer sich. »Ja, geh nur, geh!« rief er. »Geh nur nach Petersburg, wo du dich offensichtlich zu Hause fühlst! Geh zu deinem Mann und freu dich darauf, daß er demnächst auf deutsche Soldaten schießen wird!«

Belle ging zur Tür. »Ich denke auch daran, daß reichsdeutsche Soldaten auf ihn schießen werden«, sagte sie, »und beides finde ich äußerst unerfreulich.«

»Ich werde ebenfalls abreisen«, verkündete Elsa, »ich muß natürlich in Berlin sein, wenn Johannes heiratet. Und ich…« Sie brach ab, doch jeder wußte, was sie hatte sagen wollen. Es hätte ihr das Herz gebrochen, ihn nicht mehr zu sehen, ehe der Krieg ausbrach. Christian und Jorias beschlossen nach kurzem Überlegen, sich anzuschließen. Sie hatten die Worte ihres Hauptmannes noch im Gedächtnis, und es schien ihnen, als herrsche jetzt die akute Kriegsgefahr, von der er gesprochen hatte.

Elsa bestritt natürlich, daß irgend etwas akut sei. »Ihr bleibt hier und genießt eure Ferien«, sagte sie, »in einem Krieg haben Kinder sowieso nichts zu suchen!«

Die beiden sahen sie empört an. »Mutter, das ist nicht dein Ernst!« rief Christian. »Wir müssen…«

»Jeder hat an seine Pflicht zu denken«, knurrte Ferdinand, »die Soldaten gehören in ihre Kasernen, ganz gleich, wie alt sie sind. So, da gibt es nichts mehr zu reden!«

»Und wer denkt an mich?« fragte Felicia. »Wer denkt an mich, wenn ihr alle abreist?«

»Du kommst natürlich mit.«

»Nein. Ich will nicht mit. Ich will bis zum Herbst hierbleiben. Berlin im Sommer ist heiß und stickig!«

»Du weißt ja nicht, was du redest«, mischte sich Leo ein, der heute wieder seinen lila Hut schräg auf dem Kopf trug und überhaupt nicht hierher zu passen schien, »du kennst die Sommernächte von Berlin nicht! Geh nur erst in tiefer, warmer Nacht Arm in Arm mit einem Mann unter den Linden entlang, atme den süßen Duft des Lebens und der Liebe, und…«

»Leo, ich lege nicht den geringsten Wert darauf, daß Felicia nachts mit einem Mann durch Berlin strolcht«, unterbrach ihn Elsa, »dann soll sie lieber hierbleiben. Aber merk dir eines, Felicia: Sowie sich die Lage zuspitzt, kommst du auf der Stelle nach Hause. Ich habe keine Lust, jedes meiner Kinder an einem anderen Ort zu wissen, wenn hier plötzlich die Hölle los ist!«

___________

So war es auf Lulinn plötzlich still geworden; nur wenige Spuren noch zeugten von der Fröhlichkeit der letzten Wochen. Christians und Jorias’ Fischernetz lehnte einsam in einer Ecke, ein paar grellrote Schuhe von Tante Belle lagen im oberen Flur herum und brachten Jadzia zum Stolpern. Felicia fand eine Seidenfliege, die Leo gehörte, lilagrün gestreift und allzu auffallend. Leo, der sich auf dem Land immer langweilte, war ebenfalls abgereist; Felicia hatte ihn zum Bahnhof nach Insterburg gebracht und ihm nachgewinkt. Er hatte sich zum Fenster seines Abteils hinausgelehnt, sein Taschentuch geschwenkt und die rote Rose gelöst, die an seinem Revers befestigt war. In hohem Bogen warf er sie Felicia zu Füßen. »Auf Wiedersehen!« rief er. »Auf Wiedersehen, liebste Felicia, vergiß deinen alten Onkel nicht!« Die Lokomotive pfiff schrill. Felicia hob die Rose aus dem Staub auf und verließ langsam den Bahnhof.

Von den jungen Leuten war nur Modeste auf Lulinn zurückgeblieben. Sie war so dickfellig und stumpf wie ihre Mutter Gertrud, hatte ewig fettige Haare und einen schlechten Teint. Sie kicherte viel und bildete sich ein, jeder Knecht auf Lulinn habe es auf sie abgesehen. »Wie sie mich mit ihren Blicken verfolgen«, flüsterte sie Felicia zu, »richtig peinlich, nicht? Soll ich dir ein Geheimnis anvertrauen?«

Felicia blickte sie mürrisch an. »Nein«, sagte sie, was Modeste nicht im mindesten abschreckte. »Einer von den Stallburschen hat mich neulich abends geküßt!« Sie kicherte. »Aufregend, nicht? Hat dich schon mal ein Mann geküßt?« Die Frage kam etwas ängstlich, denn Modeste hoffte, hier einen Vorsprung zu haben. Sie fürchtete immer, neben ihrer Berliner Cousine als Landpomeranze zu wirken. Felicia dachte an den Juniabend im Wald, an Maksims leise Stimme. »Ich mach dich nicht unglücklich. Und mich schon gar nicht!«

Sie stand abrupt auf, würdigte Modeste keines Blickes mehr und ging davon.

Als einziger war ihr Benjamin Lavergne von Skollna geblieben. Dessen Bruder war vorzeitig in seine Kaserne zurückgekehrt, und Benjamin rang mit sich, ob er sich überhaupt noch für das nächste Semester einschreiben sollte. »Wenn es Krieg gibt, kann ich doch nicht in Heidelberg im Hörsaal sitzen!« sagte er zornig. »Nicht wenn alle anderen kämpfen!« Er warf sich auf den Rücken und starrte in den blauen Sommerhimmel. Er und Felicia hatten einen Ausflug zum See gemacht und dort Federball gespielt. Nun lagen sie müde im Gras. Felicia hatte Schuhe und Strümpfe ausgezogen, ihren Hut an einen Ast gehängt. Gelangweilt zerrieb sie eine Kamillenblüte zwischen den Fingern. »Jetzt fang nicht schon wieder damit an«, sagte sie, »es ist ja noch gar nicht raus, ob es Krieg gibt. Ihr Männer könnt es wohl gar nicht erwarten, in die Gewehre der anderen hineinzulaufen!«

»Das verstehst du nicht, Felicia. Wenn die anderen an der Front sind, kann ich nicht hinter meinen Lehrbüchern sitzen!«

»Doch, kannst du. Und jetzt hör auf mit dem Gerede, oder ich werf dich ins Wasser, damit du wieder einen klaren Kopf bekommst. Was meinst du denn«, sie sah zu ihm hin und lächelte, »was meinst du denn, was aus uns Mädchen werden soll wenn ihr Männer euch alle auf und davon macht? Das Leben wird ja sterbenslangweilig!«

Benjamin richtete sich auf. Sein Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an. »Meinst du das wirklich so?« fragte er. Felicia pflückte eine leuchtendrote Mohnblume und reichte sie ihm. »Natürlich«, sagte sie, »ich wäre untröstlich, wenn du mich auch noch im Stich ließest. Dann könnte ich wirklich gleich nach Berlin zurückfahren.«

»Felicia…« Er griff nach ihrer Hand.

Sie lachte verlegen. »Was ist? Warum denn so feierlich auf einmal?«

»Ich weiß nicht…« Er sah sie nicht an. »…kann sein, ich habe mich in dich verliebt, vor langer Zeit schon.«

»Oh…« Felicia wußte nicht gleich, was sie darauf erwidern sollte. Sie blickte auf den glitzernden See, das Erlengestrüpp am Ufer.

Auf den rotbraunen Stämmen der Kiefern lag warm die Sonne, und irgendwo sang eine Amsel.

Er ist so ein netter Junge, dachte sie. Sie wollte ihn nicht kränken; außerdem gefiel ihr die Situation. Ihr Herz schlug ruhig, ihre Hände blieben kühl, aber sie bemerkte, daß Benjamin der Schweiß auf die Stirn trat. Ungeduldig dachte sie: O Gott, das geht ihm aber etwas zu nah!

»Ich hoffe, du bist nicht verärgert?« fragte Benjamin schließlich.

Felicia unterdrückte ein Lächeln. »Nein. Das kommt nur alles ein bißchen überraschend.«

»Dann hast du nie etwas gemerkt?«

»Nein… ich glaube, eigentlich nicht…«

»Ich habe mich nie getraut, es dir zu sagen, Felicia. Wahrscheinlich hätte ich mich jetzt auch nicht getraut, wenn es nicht vielleicht Krieg gäbe…« Benjamin betrachtete das zarte Gesicht, das ihm seit frühester Kindheit vertraut war, die schönen blaßgrauen Augen, deren Unergründlichkeit ihn heute zum ersten Mal nicht verunsicherte. Sie sah sehr sanft aus, und er kannte sie nicht genug, um zu wissen, daß sie immer sanft aussah, wenn sie ihre wirklichen Gedanken und Gefühle verbergen wollte. Sie neigte sich etwas vor, so daß er ihren Geruch von sonnenwarmer Haut und Parfüm wahrnehmen konnte. Er griff nach einer ihrer langen Haarsträhnen und ließ sie sacht durch seine Finger gleiten. Er verstand nicht, wie es geschehen war, daß sie einander plötzlich so nah waren. Niemals hatte ihn ihr Atem so dicht gestreift, nie waren ihm ihre Lippen so erwartungsvoll erschienen. Staunend beobachtete er, wie sich ihr Gesichtsausdruck veränderte, ehe er sie küßte, wie er fremd und abwesend wurde.

Sie ist gar nicht da, dachte er flüchtig, aber diese Erkenntnis drang nicht bis in sein Bewußtsein durch.

Seine Hand umfaßte ihren Arm, mit der anderen fühlte er ihren Herzschlag unter dem dünnen Stoff ihres Kleides. Irgendwo schrien schrill zwei Finken, eine Flugente hob sichaus dem Schilf am Seeufer. Ihre Flügel zerteilten laut schlagend die Luft. Felicia wich zurück. »Ich hatte eben für einen Augenblick alles vergessen«, sagte sie leise. Die Worte schienen ihr passend, weil sie nichts preisgaben, Benjamin aber die Freiheit ließen herauszuhören, was immer er hören mochte. Er wirkte sehr verletzlich, wie er da vor ihr kauerte. Als er bemerkte, wo seine Hand lag, zog er sie errötend zurück. »Würdest du mich heiraten, Felicia?« fragte er. Wie viele schüchterne Menschen neigte er in mutigen Momenten zu Sprüngen ins kalte Wasser. Felicia, die das die ganze Zeit befürchtet hatte, strich sich die Haare zurück. »Ich mag dich sehr gern, Benjamin, wirklich. Aber ich glaube, ich kenne dich schon zu lange, und deshalb…«

Benjamin, aufgewühlt bis ins Innerste, sah sie verletzt an. »Nicht länger als Maksim Marakow, oder?« fragte er scharf.

Felicia fuhr auf. Die Maske lieblicher Unschuld glitt blitzschnell von ihrem Gesicht, sie bekam einen harten Zug um den Mund. »Wie kommst du jetzt auf Maksim Marakow?« gab sie zurück, so angriffslustig, daß Benjamin die Erwähnung dieses Namens schon leid tat. »Ach, nur so«, murmelte er aber Felicia ließ sich nicht abspeisen. »Warum gerade Maksim?«

»Ich…« Er starrte an ihr vorbei zum See. »Modeste sagte «

»Was?«

»Na ja, daß du und Maksim…« Er schwieg.

Felicia stand auf, zupfte ihr zerdrücktes Kleid zurecht. »Gott schütze dieses Ungeheuer«, murmelte sie, »heute abend findet Modeste mindestens zehn dicke, schwarze Spinnen in ihrem Bett vor, darauf kann sie sich verlassen.« Mit wütendem Schwung setzte sie ihren Hut auf den Kopf. »Ich gehe jetzt nach Hause. Es ist ohnehin schon spät.«

Benjamin sprang auf die Füße und streckte die Hand nach ihr aus, aber sie trat zurück. Resigniert wandte er sich ab.

»Komm, wir gehen«, sagte er, »es ist schon spät.«

Auf dem ganzen Weg sprach er kein Wort. Erst als Lulinn vor ihnen auftauchte, blieb er stehen. In seinen Augen lag eine Zärtlichkeit, die Felicia als erdrückend empfand.

»Was auch geschieht«, sagte er, »du kannst immer zu mir kommen, wenn du Hilfe brauchst. Auch wenn du meine Gefühle nie erwiderst, ich würde alles für dich tun.«

Felicia merkte, daß eine leise Gereiztheit sie befiel. Sie war nie selbstlos, ihre Taten nie zweckfrei. Allzuviel menschliche Größe fand sie ärgerlich. »Danke«, entgegnete sie ein wenig von oben herab, »es ist gut, das zu wissen. Auf Wiedersehen, Benjamin. Und wenn du doch noch zu den Soldaten gehst, dann sag es mir. Ich komme zum Bahnhof und winke dir nach!« Sie lachte, die kurze Beklommenheit war verflogen. Eilig lief sie die Allee entlang. Der gute Benjamin! Sie hatte ihn wirklich gern, aber mehr konnte sie beim besten Willen nicht für ihn empfinden. Sie summte eine leise Melodie vor sich hin und dachte an Maksim, bis eine schrille Stimme sie aufschreckte. Modeste stand plötzlich vor ihr. »Na? Wo kommst du her? War es nett mit Benjamin?«

»Ach, du bist es!« Schnell packte Felicia einen von Modestes fahlgelben Zöpfen und riß daran. Modeste schrie auf. »Au! Was machst du denn?«

»Du weißt schon, wofür. Und wenn du es nicht weißt, verdienst du es trotzdem. Du hinterhältiges, dummes Stück!«

Modeste fing an, laut zu weinen. »Mutter, Mutter, komm schnell! Felicia reißt mir alle Haare aus!«

Gertrud eilte keuchend herbei. Sie hatte rote Flecken im Gesicht, und ihr Kleid klebte feucht an ihrem Körper. »Laß Modeste in Ruhe!« schrie sie. »Was fällt dir denn ein? Dein Großvater ist sehr krank, und du…«

»Was? Großvater ist krank?«

»Schwer krank«, wiederholte Gertrud genüßlich, denn sie haßte keinen Menschen so wie Ferdinand Domberg, »der Arzt ist jetzt bei ihm. Er ist vorhin beim Teetrinken zusammengebrochen, Herzanfall!«

___________

Zum ersten Mal fand Felicia, daß das Gesicht ihrer Großmutter alt aussah. Für Augenblicke hatte sie ihre überwältigende Vitalität verloren. Sie stand vor der Schlafzimmertür, starrte dem Arzt nach, der Ferdinand absolute Bettruhe verordnet hatte, und wirkte ein wenig fassungslos. »Ach, Felicia«, sagte sie und ließ sich in einen der Sessel fallen, die auf dem Gang standen. »Felicia, das war wirklich scheußlich eben. Wir saßen auf der Terrasse beim Tee, plötzlich läßt Großvater seine Tasse fallen, greift sich ans Herz und schnappt nach Luft. Ich dachte erst, er spielt Theater, aber dann… ah, ich brauche jetzt eine Zigarette!« Laetitia fischte eine Zigarette aus ihrer Rocktasche und steckte sie an. Felicia wußte, daß ihre Großmutter hin und wieder rauchte, aber heute hielt sie ihr zum ersten Mal ebenfalls eine Zigarette hin. »Hier, willst du auch eine? Manchmal hilft das. Ich wüßte gar nicht, wie ich ohne Schnaps und Zigaretten mein Leben überstanden hätte.«

Felicia tat ein paar vorsichtige Züge. Sie verschluckte sich, Tränen traten ihr in die Augen, und sie mußte husten, aber durch den Qualm lächelte sie Laetitia zu, und die erwiderte das Lächeln.

Ihre Ruhe wurde jäh gestört, als laute Schritte die Treppe hinauftrampelten und ein keuchender Victor mit zerwühlten Haaren auftauchte. Er blickte pikiert auf die beiden rauchenden Frauen. »Mutter, ich habe dir hundertmal gesagt…« fing er an, aber Laetitia unterbrach ihn scharf: »Hör auf mit deiner Pedanterie. Deinem Vater geht es nicht gut.«

»Gertrud hat es erzählt. Ist es sehr schlimm? Soll ich mal nach ihm sehen?«

»Er übersteht’s, meint der Arzt. Und geh nicht zu ihm. Er soll schlafen.«

»Gut. Es… es tut mir leid, daß ich gerade jetzt damit komme… aber…« Victor war so aufgeregt, daß er keine Worte fand. Schließlich platzte er heraus: »Ich melde mich bei den Reservisten in Königsberg. Ich reise schon morgen früh.«

Gertrud, die gerade mit Modeste die Treppe hinaufkam, schrie auf. »Das darfst du nicht«, rief sie, und ihrem Gesicht war anzusehen, daß sie bereits überlegte, wie ihr die Rolle der angstvoll daheim wartenden Soldatenfrau stehen würde, »ich sterbe vor Angst, wenn du das tust!«

»Ja, Vater, du mußt bleiben!« bat auch Modeste und hängte sich an seinen Arm.

Victor blickte äußerst heroisch drein. »Der Ernst der Stunde erfordert von jedem Mann die höchste Treue zu seinem Vaterland«, verkündete er, »und Tapferkeit von jeder Frau. Rußland hat Österreich den Krieg erklärt.«

Einen Moment schwiegen alle, dann fragte Modeste: »Aber was hat das mit uns zu tun?«

Felicia sah sie verächtlich an und blies ihr boshaft eine Rauchwolke ins Gesicht. »Deutschland hat ein Bündnis mit Österreich«, sagte sie, »und wenn Österreich mit Rußland Krieg führt, dann tun wir das auch.«

Victor, der das gern selber und in viel gewählteren Worten einem Auditorium aufgeregt lauschender Frauen erklärt hätte, bedachte seine Nichte mit bösen Blicken. »Ich möchte jedenfalls, daß ihr alle mit nach Königsberg kommt«, sagte er, »hier ist es nicht sicher genug für euch.«

»Und wer sorgt für das Gut?« erkundigte sich Laetitia.

»Der Verwalter. Die Knechte.«

Laetitia lachte. »Glaubst du, die bleiben einen Tag länger als wir? Wenn die nur das Wort Russe hören, laufen die davon. Außerdem ist Ferdinand nicht reisefähig. Und ohne ihn gehe ich nicht.«

»Damit will sie uns nur zwingen, auch zu bleiben«, schimpfte Gertrud, »aber ich packe sofort meine Koffer, darauf könnt ihr Gift nehmen!«

»Ich auch«, echote Modeste.

Laetitia sah Felicia an. »Felicia…«

Felicia dachte nach. Mit Victors Sippe nach Königsberg — eine gräßliche Vorstellung! Mit Gertrud und Modeste in einem Hotel, womöglich sogar in einem Zimmer… dann schon lieber heim nach Berlin!

Laetitia erhob sich und richtete sich zu ihrer zarten Größe von einem Meter sechzig auf. »Also gut«, sagte sie, »Victor verteidigt die Heimat, Gertrud und Modeste verbarrikadieren sich in Königsberg, Großvater und ich halten hier die Stellung. Und Felicia, du reist nach Berlin. Da gehörst du hin!«

Obwohl sie das gerade selber noch gedacht hatte, protestierte Felicia sofort. »O nein, Großmutter. Ich gehe nicht. Ich bleibe hier bei euch auf Lulinn.«

»Nein, Kind. Wir sind keine sechzig Kilometer von der russischen Grenze entfernt, und wenn es zum Krieg kommt, dann geht es hier als erstes los.«

»Ja. Und deshalb lasse ich euch nicht allein!«

»Mir alter Frau werden sie nichts tun. Aber für dich ist es nicht ganz ungefährlich. Bitte, fahr nach Berlin!«

Felicia dachte an die zahllosen Schreckensgeschichten, die man ihr von den Russen, den »slawischen Horden«, erzählt hatte. Aber neben der Furcht erwachte ein neues, bisher unbekanntes Gefühl in ihr, etwas ganz und gar Fremdes, das sie mit einem leisen Staunen, aber ohne Zögern hinnahm: Es war ein Treuegefühl gegenüber ihrer Familie und gegenüber Lulinn. Es verwirrte sie, weil sie in ihrem Leben nichts getan oder gedacht hatte, was nicht auf irgendeine, noch so unbewußte Weise selbstsüchtig gewesen wäre. Zum ersten Mal verspürte sie eine Verantwortung, die stärker war als alle eigennützigen Triebe. Die Abendsonne fiel durch das hintere Flurfenster, ließ Laetitias weißes Haar aufleuchten und machte die Ahnenbilder entlang den Wänden bunt und lebendig.

Felicia lächelte ihrer Großmutter zu. Ja, Lulinn und seine Geschichte waren es wert, jetzt nicht fahnenflüchtig zu werden.

4

Im Telegraphenamt in Berlin war die Hölle los. Tausende drängten sich vor den Schaltern, mit jeder Minute kamen mehr hinzu. Draußen auf den Straßen sausten Autos mit Offizieren darin herum, überall sah man Soldaten, von denen manche die deutsche Fahne schwenkten oder zusammenstanden und »Heil dir im Siegerkranz« sangen.

Männer, Frauen, Kinder, Bürger und Arbeiter, Reiche und Arme standen in bunten Gruppen beieinander, redeten, gestikulierten, überschrien sich gegenseitig. Die ganze Stadt war auf den Beinen, und über allem stand strahlend die Augustsonne und verwandelte die Straßen in einen glühendheißen Kessel, in dem trotz der fortgeschrittenen Nachmittagsstunde noch kein kühlerer Wind den Abend ankündigte.

Seit einer halben Stunde war Deutschland im Krieg.

Elsa hatte sich im Telegraphenamt bis zu einem Schalter vorgeboxt, mit einer Härte, die man ihr kaum zugetraut hätte. Ihre chronische Melancholie ließ sie stets sanft und überzart erscheinen, aber bei allem war sie doch Laetitias Tochter, und es gab Stunden, da schlug dieses Erbe durch.

So auch heute. Dieser Tag, der erste August 1914, forderte alle Kraft von ihr.

Rudolf, ihr Mann, konnte nicht aus seiner Praxis fort; er hatte sie nur bekümmert angesehen und gesagt: »Das Wartezimmer ist bis auf den letzten Platz besetzt. Ich kann die Patienten nicht einfach nach Hause schicken. Elsa, ich weiß, unserer geliebten Felicia wird nichts geschehen.«

Wenn ich das auch glauben könnte, dachte Elsa.

Glücklicherweise fand sich Linda bereit, sie zu begleiten. Linda war am Tag zuvor in einer kleinen, hastigen Zeremonie Johannes’ Frau geworden; ihre Flitterwochen hatten genau zwölf Stunden gedauert, dann kam sein Einberufungsbefehl, und Johannes mußte sich unverzüglich in seine Garnison im Westen begeben. Linda hatte ihn zum Zug begleitet, war dann in Tränen ausgebrochen und zu Elsa geeilt, der sie nun wie ein kleiner, bleicher Schatten auf Schritt und Tritt folgte.

Die dritte im Bunde war ein dunkelhaariges, dunkeläugiges Mädchen, Sara Winterthal, die mit Felicia und Linda zur Schule gegangen war. Sara galt unter ihren Freundinnen als graue Maus, weil sie blaß, schüchtern und unscheinbar war, aber sie besaß die Gabe einer fast zur Hellsichtigkeit entwickelten Intuition und eine große innere Kraft, was weniger egozentrische Personen als Felicia und Linda sicher bemerkt hätten. Sie behandelten sie immer ein wenig herablassend und hatten noch nicht begriffen, daß sie da war, wenn Hilfe gebraucht wurde — so wie jetzt.

Elsa klammerte sich am Schaltertisch fest und wehrte sich beharrlich gegen einen groben, dicken Mann, der sie fortzustoßen versuchte. An ihren Händen traten die Knöchel hervor, ihr Gesicht war bleich und die Augen dunkel umschattet. »Ich muß unverzüglich ein Telegramm aufgeben!«

Der Beamte, der aussah, als werde er vor Hitze und Nervosität gleich wahnsinnig, schüttelte bedauernd den Kopf. »Nichts zu machen. Für Zivilisten geht nichts mehr. Der Telegraphendienst steht ausschließlich dem Militär zur Verfügung.«

Elsas Augen wurden noch größer. »Aber das ist unmöglich. Ich muß nach Insterburg telegraphieren, sofort! Meine Tochter sitzt dort oben, fast ganz allein!«

Einige Leute blickten sie mitleidig an. Die arme Frau, jetzt, wo die Kosaken kamen! Es kursierten bereits die wildesten Gerüchte über Greueltaten an der Grenze, und jeder Deutsche blickte heute angstvoll nach Ostpreußen, wo der Krieg seinen Anfang nehmen mußte.

»Muß gar nicht so schlimm werden, gute Frau«, tröstete ein Mann, »ich sag immer, was ein richtiger, deutscher Soldat ist, der läßt überhaupt keinen Russen rein ins Land.«

»Ich glaube auch nicht, daß die Russen so schlimm sind, wie immer behauptet wird«, meinte ein anderer, aber für diese Bemerkung erntete er zornige Blicke. Man brauchte einen Feind, und man konnte die nicht leiden, die zu beschwichtigen versuchten.

»Man drückt uns das Schwert in die Hand«, hatte der Kaiser gestern vom Balkon des Schlosses aus gesagt, und die Menge hatte gejubelt. Ja, das Schwert ergreifen und losschlagen, das wollten sie alle, und zwar lieber heute als morgen. Elsa hatte den ganzen Tag über schon die wilde Kriegslust der Menschen gespürt, als sie mit tausend anderen vor dem Schloß gestanden und angstvoll die Zeiger der Uhr beobachtet hatte. Seit gestern gab es ein deutsches Ultimatum an Rußland mit der Aufforderung, die Truppen entlang der österreichischen Grenze unverzüglich abzuziehen. Um zwölf Uhr mittags lief das Ultimatum ab, ohne daß aus Petrograd eine Antwort gekommen wäre. Gerüchten zufolge waren russische Kavallerietrupps bereits da und dort über die deutsche Grenze vorgedrungen und hatten in kleinen Dörfern schaurig gewütet. Eine unverhohlene Gier lauerte in den Menschen. Die Spannung der letzten Wochen war zu groß gewesen, jetzt mußte das Gewitter losbrechen, weil kaum mehr Luft zum Atmen da war. Wer praktisch dachte, lief zu den Banken, denn es hieß, an der Börse sei der Teufel los und das Geld sei jetzt im Strickstrumpf unter dem Bett sicherer als im Tresor. Irgend jemand versuchte Elsa Kriegsanleihen zu verkaufen, aber sie hörte kaum hin. Sie hielt die Hände ineinander verkrampft, wischte sich nur hin und wieder den Schweiß von der Stirn und dachte im übrigen an ihre Kinder. Johannes war auf dem Weg nach Westen, wo die Franzosen saßen, von denen noch keiner wußte, ob sie im Ernstfall mit Rußland gehen würden. Und Felicia war im Osten auf Lulinn, und Gott mochte wissen, was jetzt dort geschah. Alle empfanden es als Erleichterung, als um fünf Uhr ein Offizier vor das Schloßportal trat und die Mobilmachung verkündete. Einige Sekunden lang standen die Menschen wie erstarrt, dann stimmte jemand einen Choral an, und alle fielen ein. »Nun danket alle Gott« klang es feierlich aus tausend Kehlen über den hellen Platz unter strahlend blauem Sommerhimmel. Viele Leute hatten Tränen in den Augen; auf allen Gesichtern, alten oder jungen, lag derselbe Ernst, dieselbe bedingungslose Bereitschaft. Nur Elsa weinte nicht, noch sang sie. Sie dachte an ihre Kinder und hätte schreien mögen. Wie die Lämmer zur Schlachtbank wollten diese Menschen in den Krieg trotten und jubelten dabei noch!

Elsa hatte Linda und Sara, die beide schluchzten, jede an eine andere Hand genommen und mit sich fortgezogen.

»Kommt, wir müssen sehen, was wir für Felicia tun können«, sagte sie. Sie rannte beinahe durch die Straßen, ohne darauf zu achten, daß sie in ihrem engen Korsett kaum atmen konnte. Linda keuchte hinterher, und Sara weinte, nunmehr nicht aus Kriegsenthusiasmus, sondern weil ihre Schuhe drückten. Ein schneidiger junger Offizier hielt im Auto neben ihnen und schrie: »Mobilmachung!« Eine ältere Frau brach unter hysterischem, patriotischem Geschrei zusammen. Eine andere wies urplötzlich auf einen Mann, der vor einem der angeschlagenen Extrablätter stand, und brüllte: »Der ist ein russischer Spion! Ich weiß es. Haltet ihn!« Und schon stürzten sich ein halbes Dutzend Bürger auf ihn und schlugen ihn zu Boden.

Wie die Wahnsinnigen benahmen sie sich.

Elsa schwindelte es.

Die Leute schienen zu allem bereit, zu kämpfen, zu töten und notfalls glanzvoll zu sterben. Im Taumel der Begeisterung verblaßte die Angst, wurde der Gedanke an den Tod zu einem heroischen Erlebnis.

Schreiend, singend und jubelnd fielen sie einander um den Hals und fühlten sich einig und stark.

Als sich Elsa aus dem Telegraphenamt hinaus wieder auf die Straße drängte, war sie den Tränen nahe. Sie schrak zusammen, als Linda plötzlich ausrief: »Oh, da ist ja Alex Lombard!«

Sie drehte sich um und erblickte einen gutaussehenden Mann, der seinen eleganten Seidentafthut zog und sich so formvollendet verbeugte, als seien sie bei einem Empfang und nicht auf einem menschenüberfüllten Platz mitten in Berlin. Linda übernahm die Vorstellung: »Alex Lombard, ein Freund meines Bruders. Frau Degnelly, Johannes’ Mutter. Und Sara, eine Freundin.«

Alex und Elsa gaben einander die Hand. Elsa betrachtete ihn und fühlte sich irgendwie an eine müde Katze erinnert, deren Trägheit einzig der Einschläferung ihrer Feinde und der Schonung ihrer Muskeln für den entscheidenden Schlag dient.

»Feiern Sie auch Deutschlands Erhebung gegen seine Feinde?« fragte er ironisch und warf dabei Linda ein Lächeln zu, das sie einen Schritt zurückweichen ließ.

»Ach, gar nichts feiern wir«, erwiderte Elsa verzagt, »meine Tochter Felicia ist noch in Ostpreußen, und ich muß, ich muß ihr einfach telegraphieren, daß sie sofort kommen soll.«

»Wieso ist sie denn immer noch da oben?«

»Weil sie das eigensinnigste Mädchen ist, das ich kenne. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt und nun… und sie lassen mich nicht telegraphieren, weil nur das Militär…«

»Keine Sorge. Da oben erfahren sie vom Kriegsausbruch ebenso schnell wie wir hier, und dann wird sie sich auf den Weg machen. Im übrigen«, Lombard lachte leise und dachte an das Bild, das ihn so gefesselt hatte, »im übrigen wird Felicia sicher auch mit den Russen fertig!«

Keine der drei Frauen bemerkte die Sorge in seinem Lächeln. Sie sahen nur den schönen Mund und die blitzenden Augen und dachten, daß er doch ein ziemlicher Leichtfuß sei.

»Aber«, fuhr er fort, »wenn es Sie beruhigt, werde ich ein Telegramm aufgeben. Verschlüsselt.«

Schon nach wenigen Minuten kehrte er zurück, ungerührt und ohne Hast. »Alles in Ordnung. Felicia wird in den Schoß der Familie zurückkehren.«

Er hakte sich bei Linda und Sara unter. »Meine Damen, darf ich Sie in ein Café einladen? Es ist ein schöner Sommertag, und wir sollten etwas Hübsches unternehmen.«

»Mir… ist nicht danach«, meinte Elsa unbehaglich. Alex Lombard gefiel ihr nicht besonders gut, aber immerhin hatte er ihr sehr geholfen. Sie sah sich voller Grauen um.

»Diese Menschen… ich kann ihre Begeisterung nicht verstehen. Sie sind ja wie irr!«

»Ja, sie haben auf diese Stunde gewartet«, entgegnete Alex nachdenklich, »nichts ist rauschhafter als das Gefühl der Einigkeit. Lieber gemeinsam sterben, als allein leben. Sie können die Streiks vergessen, die Sozialisten, den Hunger. Ihr Patriotismus eint sie, und wie die hilflosen Küken laufen sie vor allen Schwierigkeiten des Alltags davon unter die wärmenden Federn des bedrängten und doch so stolzen Vaterlandes!«

»Aber der Krieg dauert nicht lange, nicht wahr?«

Alex zog die Augenbrauen hoch. »O nein«, meinte er lustig, »das sagen sie doch alle. Keine acht Wochen. Und bis dahin wollen wir uns den Sommer nicht verderben lassen.«

Er wich einem alten Mann aus, der die Hand aufhielt und etwas von einer Spende für den Sieg murmelte.

»Waren Sie schon im Freibad draußen in Wannsee? Noch nicht? Oh, dann wird es höchste Zeit. Wollen wir morgen zusammen hingehen? Ich denke nicht, daß Ihre patriotische Gesinnung darunter leiden wird!«

___________

Felicia stapfte müde über die Wiesen von Lulinn und schlang sich im Gehen die Haare zu einem Knoten. Ihr Nacken war schweißnaß, und das Kleid klebte an ihrem Körper. Sie trug enge Lackschuhe, aber jetzt beugte sie sich mit einer entschlossenen Bewegung hinab, zog sie aus und behielt sie in der Hand. Es war einfach zu heiß. Sie war fast eine Stunde gelaufen, um zu dem kleinen, verborgenen Stall in den Wäldern zu gelangen, einer Jagdhütte, in der sie zwei Pferde versteckt hatte, denen sie nun täglich Wasser und Heu bringen mußte. Jedesmal, wenn das laute Wiehern sie begrüßte, lobte sie ihre eigene Schlauheit. Gerade rechtzeitig, ehe deutsche Truppen nach Lulinn kamen und alle Pferde beschlagnahmten, war es ihr gelungen, die beiden kräftigsten fortzuschaffen: Man mußte ja höflich zu den Truppen sein und behaupten, es als Ehre zu empfinden, Pferde für den Kampf zu geben, aber in Wahrheit war Felicia entrüstet über diese »Diebstähle«, wie sie es nannte. Was sollten sie tun, wenn sie plötzlich fliehen müßten? Die alten Klepper nehmen, die man ihnen gelassen hatte? Nein, sie hatte vorgesorgt. Es gab die Pferde im Wald und hinten in der Scheune einen, vorsichtshalber mit Stroh getarnten, Leiterwagen. Seither konnte Felicia besser schlafen, wenn sie auch die Vorstellung, plötzlich eine Abteilung Russen die Allee entlangkommen zu sehen, äußerst beunruhigend fand. Wie alle anderen hatte sie die Ereignisse der letzten Wochen voller Angst verfolgt und sich von aller Welt abgeschnitten gefühlt. Nachrichten bekamen sie oft nur von Flüchtenden aus weiter östlich gelegenen Gebieten, die mit Wagen und Pferden und Ziegenherden an Lulinn vorbeikamen und sich dort ausruhten. Die Deutschen hatten bei Stallupönen eine Schlacht gewonnen, bei Gumbinnen aber verloren, und offenbar gab es unter den deutschen Generälen heftige Streitereien.

»Prittwitz und François können sich nicht auf eineeinheitliche Order einigen«, hatte gestern ein verwundeter Soldat gesagt, »wenn der eine blau sagt, sagt der andere grün, und alles ist durcheinander.«

Heute früh waren wieder Soldaten zurückgekommen, hatten um einen Schluck Wasser gebeten und berichtet, daß General Prittwitz ausgetauscht werden sollte. »Sie holen Ludendorff von der Westfront. Und irgendeinen pensionierten General haben sie auch noch aufgetrieben. Ich glaube, er heißt Hindenburg oder so ähnlich.«

»Können Sie etwas über die Westfront sagen?« fragte Laetitia gespannt, aber der Soldat schüttelte den Kopf. »Kaum etwas. Die Franzosen leisten wohl mehr Widerstand als erwartet. An Ihrer Stelle würde ich übrigens das Gut verlassen. Wir sind so ziemlich die letzten Truppen.«

Laetitia blieb kühl. »Wir können nicht. Mein Mann ist sehr krank. Er würde eine Flucht nicht überstehen.«

»Sie sind sehr mutig.«

Was bleibt uns auch anderes übrig, dachte Felicia nervös. Ich frage mich wirklich, warum sie die Russen so tief ins Land lassen!

Ihr fiel das Schlagwort ein, das General François bei Kriegsbeginn geprägt hatte: »Kein Slawe wird deutschen Boden betreten!«

Großartig, und nun kamen sie in Scharen. Felicia mußte fast immerzu an die vielen scheußlichen Geschichten denken, die man ihr erzählt hatte. Auch heute, als sie Lulinn von fern erblickte und es so still und wie leblos in der Sonne lag, ging ihr Herz in jähem Schrecken schneller. Waren die Russen dagewesen, während sie fort war? Doch dann beruhigte sie sich wieder. Über den Hof liefen ein paar Hühner, irgendwo schnatterte eine Gans. Die würden sicher nicht mehr leben, wären die Feinde schon da.

Aber — weshalb war alles so ruhig? Trotz ihrer Erschöpfung lief Felicia das letzte Stück rascher. Keine Menschenseele ließ sich blicken. Sie stieß die Haustür auf.

»Jadzia!« rief sie, aber niemand kam. In plötzlicher Panik schrie sie: »Großmutter! Großmutter, wo bist du?«

Von oben erklangen Schritte. Laetitia erschien auf der Treppe. »Oh, Felicia, gut, daß du kommst. Ich fing an, mich ein wenig einsam zu fühlen.«

»Wo sind sie denn alle, Jadzia, die anderen Mädchen, die Knechte? Es ist so still…«

»Sie sind alle fort«, erwiderte Laetitia, »sie haben die Nerven verloren. Wir sind jetzt allein.«

Die Worte klangen seltsam eindringlich durch das hohe Treppenhaus. Felicia lauschte ihrem Klang nach und versuchte, ihre Bedeutung zu erfassen, und auf einmal spürte sie, wie sich ihr Gesicht bis in die Lippen hinein entfärbte.

Laetitia eilte die Treppe hinunter und nahm ihren Arm. »Kind, du wirst mir doch nicht umfallen? Du hättest doch diesem verschlüsselten Telegramm aus Berlin folgen sollen. Wenn du noch gehen willst, dann…«

»Nein.« Felicia kam wieder zu sich. »Natürlich bleibe ich. Mir war eben nicht gut… die Hitze draußen, weißt du…«

Laetitia lächelte, setzte sich auf die unterste Treppenstufe und erklärte wie so oft, Felicia sei wirklich ihre Enkelin, das könne sie in Situationen wie dieser sehen, denn die Abkömmlinge ihrer Familie seien immer loyal gewesen.

Felicia ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ach, Großmutter, wie lieb von dir, das zu sagen. Aber ich fürchte, ich bin nicht so edel, wie du meinst. Ich bin eine richtig selbstsüchtige Person, und ich…«

»Natürlich bist du das. Ich bin es auch, und deine Mutter ist es und deine Tante Belle… aber wir sind es auf eine andere Weise als die dicke, dumme Modeste. Modeste wird immer ein Blatt im Winde sein, umgetrieben von ihrer eigennützigen Gier, dabei eine Sklavin ihrer Bequemlichkeit. Sie ist eine kleine Tyrannin, aber wir — wir haben äußerst herrschsüchtige Triebe. Doch wir haben auch Verantwortungsgefühl und Mut. Wenn wir etwas lieben, dann stellen wir uns davor und verteidigen es bis zum letzten Blutstropfen, nicht aus Edelmut, sondern weil wir ganz genau wissen, daß wir am leichtesten die beherrschen, die wir beschützen. Das ist es doch auch, warum wir hiergeblieben sind, nicht?«

Sie brach ab und lauschte nach oben.

»Hat Großvater gerufen? Ich sehe mal nach ihm!« Rasch lief sie die Treppe hinauf. Felicia folgte ihr.

Ferdinand Domberg wirkte ganz verloren in dem großen Bett. Seine schmalen Hände, die durchsichtig waren wie feines Pergament, fingerten unruhig an der Decke herum. Sein Gesicht hatte eine gelbliche Farbe angenommen, und die Augen waren braun umrandet. Erst als sich Laetitia über ihn beugte, entspannten sich seine Züge, trat Klarheit in seinen Ausdruck. »Laetitia«, flüsterte er und versuchte vergeblich, die Hand zu heben. Sein Atem ging flach, doch wenn Laetitia vor seinen bläulichen Lippen erschrak, so zeigte sie es nicht. Sie lächelte sanft, und er hing an ihrem Lächeln, als wolle er sich daran festklammern.

Er ist vollkommen abhängig von ihr, dachte Felicia fasziniert, er ist es immer gewesen.

Zaghaft trat sie näher. Ihr todkranker Großvater schüchterte sie mehr ein, als es der kerngesunde, stets so leichtsinnig fluchende und tobende je getan hatte. Mit dem alten, polternden Tyrannen hatte sie umzugehen gewußt. Doch jetzt hatte er sich verändert, und Krankheit hatte sie immer erschreckt und verunsichert. Mit Schwäche wußte sie nichts anzufangen.

»Kann ich… kann ich irgend etwas für dich tun?« flüsterte sie.

Der Großvater wandte den Kopf und sah sie matt an. Felicia war nicht sicher, ob er sie überhaupt erkannte. »Fenster«, murmelte er, »öffne das Fenster!«

Sie trat ans Fenster und stieß weit die beiden Flügel auf. Sofort flutete drückend heiße Luft ins Zimmer, eine stickige Schwüle, in der die Rosen aufdringlich süß dufteten und einen schweren, einschläfernden Geruch verströmten. Die Bienen summten laut durch den stillen, heißen Nachmittag, kein Grashalm, kein Blatt rührte sich.

Felicia drehte sich um. »Es wird ein Gewitter geben«, sagte sie, »es ist so totenstill draußen, daß…« Sie stockte, lauschte in die Stille hinein. »Hörst du nicht?« fragte sie.

Laetitia hob den Kopf. »Nein, ich…« Dann sprach auch sie nicht weiter, ihre Augen wurden groß, mit jeder Faser ihres Körpers schien sie auf etwas zu lauschen, was dort draußen war. Ihre Augen begegneten denen Felicias, und Felicia las darin den stummen Befehl, daß, was immer nun geschähe, Großvater sich um keinen Preis aufregen durfte. Felicia schluckte trocken. Sie lehnte sich wieder hinaus, fühlte die Sonne auf ihrem Gesicht und gab sich für einen Moment der trügerischen Vorstellung hin, es sei nur einer von hundert anderen sonnigen Ferientagen und Benjamin käme die Allee entlang, um sie zum Schwimmen oder Tennisspielen abzuholen. Aber es war nicht Benjamin, es war kein Ferientag. Es war Krieg, und zwischen den Eichen im Schatten der Blätter und Zweige tauchten Reiter auf. Bajonette blinkten in der Sonne. Es waren keine deutschen Uniformen, die diese Männer trugen.

Mit zitternden Händen schloß Felicia das Fenster; die Scheiben klirrten leise. Ihr Mund fühlte sich trocken und pelzig an. Mit fremder, rauher Stimme sagte sie: »Soldaten kommen. Es sind…« In ihren Augen stand wilde Angst. Großmutters stahlharter Blick traf sie schneidend. Mühsam setzte sie fort: »Es sind recht viele.«

Ferdinand schlug die Augen auf. »Soldaten?«

»Deutsche Soldaten«, sagte Laetitia unbekümmert, »sie wollen sich hier ausruhen und einen Schluck Wasser trinken. Ich werde hinuntergehen und sie willkommen heißen.« Sie wollte aufstehen, doch Ferdinands klauenähnliche, lange Finger umklammerten ihre Hände mit rücksichtsloser Härte. »Nein«, befahl er mit einem Anflug seiner einstigen Rauheit, »du bleibst bei mir. Ich mache es nicht mehr lange, und der Teufel soll mich holen, wenn ich in den letzten Minuten meines Lebens allein bleiben muß.«

Laetitia lächelte beruhigend. »Ich bleibe. Felicia…«

Felicias Augen weiteten sich. »Ich? Aber…« Sie biß sich auf die Lippen. Sie dachte an alles, was Laetitia ihr vorhin gesagt hatte, und begriff nun, welchem Zweck diese Unterhaltung hatte dienen sollen. Laetitia hatte sie nicht ablenken, sie hatte ihr Kraft geben wollen.

»Wir sind mutig und verantwortungsbewußt, wir verteidigen, was wir lieben.«

Ihre Knie zitterten, ihr Gesicht war weiß, aber so ruhig wie möglich, damit Großvater nichts merkte, ging sie zur Tür. Sie hörte die Pferde über den Hof traben, vernahm helles Wiehern und eine scharfe Stimme, die einen unverständlichen Befehl brüllte. Jemand hämmerte gegen die Haustür, stieß sie entschlossen auf. Schwere Stiefel trampelten über die Steinplatten in die Halle.

Felicia fürchtete, ihr würde übel werden. Nie im Leben hatte sie sich so sehr gefürchtet. »Ich gehe schon«, sagte sie. Sie verließ das Zimmer, ging den Flur entlang. Als sie die Treppe erreichte, hob sie den Kopf. Ohne Hast kam sie die Stufen hinab.

Die russischen Soldaten waren vor allem daran interessiert, etwas Eßbares aufzutreiben. Von Beginn des Krieges an war der Nachschub ihr größtes Problem gewesen. Die Transportwege waren lang und umständlich, und die Russen konnten das deutsche Schienennetz nicht benutzen, da die Deutschen keine Züge zurückgelassen hatten und die russischen Züge auf einer anderen Spurbreite fuhren.

Von der Bevölkerung war der größte Teil in die westlich gelegenen Städte Ostpreußens geflohen und hatte leere Höfe zurückgelassen. Nun, da sich François’ Truppen zurückgezogen und nach Süden begeben hatten, wo der russische General Samsonow mit seinen Truppen an den masurischen Seen stand, ließ Rennenkampf, der die erste russische Armee befehligte und inzwischen Schwierigkeiten hatte, die Lage zu überblicken, seine Truppen westwärts ziehen und hatte täglich mit Versorgungsschwierigkeiten zu kämpfen.

Die Russen hatten bereits Jadzias Speisekammer bis auf den letzten Krümel ausgeräumt und machten im Hof Jagd auf die Hühner und Gänse. Eine Abteilung hatte Haus und Hof sogleich umzingelt und jeden Winkel nach versteckten deutschen Soldaten abgesucht. Einige andere warfen sich gerade erschöpft auf Sofas und Sessel und streckten die Beine weit von sich. Ein junger Offizier, das Gewehr in der Hand, ging zur Treppe und schickte sich an, die Stufen hinaufzusteigen.

Überrascht blieb er stehen, als er Felicia erblickte. Sie hielt sich mit einer Hand am Geländer fest, mit der anderen faßte sie sich eine Sekunde lang nervös an den Hals, ehe sie sie sinken ließ. Sie hatte nicht einen Schatten von Farbe im Gesicht, und ihre schwarzen Brauen hoben sich gespenstisch dunkel vom Weiß ihrer Haut ab.

Der Leutnant grinste. »Wen haben wir denn da?« fragte er in gutem Deutsch. »Schönes Kind, was tun Sie denn hier so allein?«

Die anderen wurden aufmerksam und kamen heran. Sie blieben unten stehen, eine Uniform an der anderen, und lachende, sonnenverbrannte Gesichter sahen zu Felicia hinauf. Sie sah sie an und wurde etwas ruhiger. Sie wußte nicht sicher, was sie erwartet hatte — irgendwie hatte sie stets die Vorstellung von einer Horde schlitzäugiger Mongolen gehabt und sich schaudernd der berüchtigten Grausamkeiten eines Dschinghis Khan entsonnen. Wie albern, dachte sie jetzt, so furchtbar sind sie gar nicht.

»Ich bin ganz und gar nicht allein«, sagte sie schnippisch, »und bitte, Sie können hier nicht herauf!«

Die Männer blickten sie überrascht an. Dann mußte der Leutnant lachen. »Habt ihr gehört?« wandte er sich an die anderen. »Wir dürfen nicht hinauf! Die junge Dame hat es uns soeben verboten!«

Einer erwiderte etwas in russisch, und alle lachten grölend. Der Leutnant wandte sich wieder Felicia zu; er hatte sein rechtes Bein eine Stufe höher gestellt und stützte sich lässig darauf. Seine dunklen Augen blitzten. »Schätzchen«, sagte er, »was, wenn wir doch hinaufwollen?«

Felicia meinte, einen ersten Funken von Erregung in seiner Stimme zu hören, und das ängstigte sie. Sie begriff, daß sie in ernste Bedrängnis geraten könnte, bemühte sich aber, kühl zu bleiben. »Mein Großvater liegt im Sterben«, sagte sie, »und er soll sich nicht beunruhigen.«

Ihre Ruhe beeindruckte die Männer. Der Leutnant schüttelte bedauernd den Kopf. »Tut mir leid. Meine Leute müssen das ganze Haus durchsuchen. Ich verspreche aber, daß sie sich vollkommen zivilisiert benehmen werden.« Er nickte einigen Männern zu, und schon liefen sie die Treppe hinauf. Felicia blieb unbeweglich stehen. Der Leutnant betrachtete sie interessiert, das schmale Gesicht, den spitz in die Stirn verlaufenden Haaransatz, die blaßgrauen Augen, in denen nicht die Spur eines Entgegenkommens, einer leisen Bitte um Milde stand.

Er verfolgte die weiche Linie ihres Mundes. Eine richtige Dame, dachte er, doch dann, während sein Blick abwärts glitt, mußte er lachen.

Felicia folgte seinen Augen irritiert und zuckte zusammen. Lieber Himmel, sie hatte völlig vergessen, ihre Schuhe wieder anzuziehen! Unter dem wadenlangen, geblümten Sommerkleid sahen ihre nackten Beine hervor, zerkratzt von Disteln und Dornen und voller Erde und Staub. Errötend hob sie den Kopf. Wie ärgerlich, mit nackten und restlos verdreckten Füßen vor den Soldaten zu erscheinen.

»Nun, wir werden nicht weiter stören«, versicherte der Leutnant, »wir ruhen uns nur etwas aus und füllen unseren Proviant auf. Ihr habt keine Pferde mehr hier?«

»Nein. Die wurden alle von unseren Truppen konfisziert.«

Der Leutnant zuckte mit den Schultern. »Das macht nichts. Ohnehin… es dauert keine zwei Wochen mehr, und wir ziehen durch das Brandenburger Tor!«

Durch das Brandenburger Tor! Felicia wußte nicht, welcher Teufel sie ritt, aber ehe sie richtig nachdenken konnte, hörte sie sich schon mit klarer Stimme sagen: »Reden Sie doch nicht solchen Unsinn!«

Gleich darauf erschrak sie heftig. Wie konnte sie denn so etwas sagen! Der Leutnant, der sich schon abgewandt hatte, drehte sich langsam zu ihr um. Aus seinen Augen war das Lächeln gewichen. Die übrigen Männer hielten den Atem an. Leise fragte er: »Sagen Sie, gibt es irgend etwas, wovor Sie sich fürchten?«

Felicia hatte weiche Knie und das Gefühl, die Treppe schwanke. Mit halbwegs fester Stimme erwiderte sie: »Nein, ich fürchte mich nie.«

Ein Anflug von Bewunderung glitt über das Gesicht des Mannes. »Sie lügen, Madame. Aber Sie sind in der Tat sehr tapfer.« Noch einmal umfaßte sein Blick ihre Gestalt. »Hätte ich Sie unter anderen Umständen getroffen, wäre ich mit Ihnen tanzen gegangen.« Er drehte sich zu den Männern um, nunwieder ganz militärisch streng. In befehlendem Ton sagte er etwas auf russisch, und gleich kam Bewegung in die Soldaten. Sie fuhren fort, Proviant aus der Küche zu holen und zu verpacken; ihre Pferde zu tränken und sich selber rasch ein paar Hände voll Wasser über die Gesichter zu schütten. Der Trupp, der das Haus durchsucht hatte, tauchte mit leeren Händen wieder in der Halle auf. Schon nach kurzer Zeit waren sie fertig, packten ihre Gewehre und verließen das Haus. Der Leutnant ging als letzter, blieb in der Tür stehen und hob grüßend die Hand. »Auf Wiedersehen, Madame. Schade, daß wir im Krieg sind, nicht?«

Felicia nickte ihm zu. Kaum war er draußen, sank sie auf die nächste Treppenstufe nieder, barg das Gesicht in den Händen und lauschte dem rasenden Schlag ihres Herzens. Das Rauschen in ihren Ohren mischte sich mit dem Hufgetrappel der davontrabenden Pferde.

Sie hob den Kopf.

Der Nachmittag war wieder still und heiß, er duftete nach Klee und Jasmin und war erfüllt vom Summen der Bienen.

Sie sind fort, dachte Felicia, sie sind tatsächlich fort! Sie fühlte sich so schwach, daß sie am liebsten sitzengeblieben wäre und in die wundervolle Ruhe gelauscht hätte, aber dann fiel ihr Laetitia ein, und eilig sprang sie auf. Sie mußte ihr gleich sagen, daß alles gutgegangen war und sie sich nicht länger zu fürchten brauchte. Ihre nackten Füße tappten über den Gang. »Großmutter!« rief sie. »Großmutter…« Laetitia kam ihr an der Tür zum Schlafzimmer entgegen, müde, mit blassem Gesicht. Sie streckte Felicia die Hand entgegen, und zu ihrem Schrecken bemerkte Felicia, daß diese Hand zitterte. Erschrocken fragte sie: »Was ist? Warum zitterst du? Alles ist vorbei!«

»Ja«, erwiderte Laetitia leise, »alles ist vorbei.«

Felicia blickte hinüber zu Großvaters Bett, das zerwühlt war wie ein Schlachtfeld. Sie stieß einen erschrockenen Seufzer aus, und ihre Großmutter nickte langsam. »Ja. Großvater ist gestorben.«

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Staubbedeckt, übermüdet und hungrig kamen sie in Königsberg an. Felicia hatte das Gefühl, daß es keinen Knochen mehr in ihrem Körper gab, der nicht schmerzte, so sehr hatte sie die Fahrt in dem ungefederten Leiterwagen über holprige Feldwege durchgeschüttelt. Am schlimmsten war es mit ihren Armen, die so wehtaten, daß sie hätte weinen mögen. Stunde um Stunde hatte sie die Zügel gehalten und die beiden müden Pferde vorangetrieben. Sie mußte dabei ständig daran denken, daß Großvater ihr als Kind das Kutschieren beigebracht hatte, und bei der Erinnerung daran stiegen ihr unaufhaltsam die Tränen in die Augen und liefen ihr über die Wangen. Sie schluckte krampfhaft, um es zu verbergen, aber Laetitia, die mit einem gewaltigen schwarzen Strohhut auf dem Kopf neben ihr auf dem schwankenden Kutschbock saß, wandte sich ihr zu und sagte: »Wein ruhig, Kind. Das erleichtert.«

Es hatte nur dieser Aufforderung bedurft, und Felicias Tränen strömten wieder. »Ach, Großmutter, es ist alles so schrecklich! Ich hatte ihn so lieb.«

»Ich weiß. Ich habe ihn schließlich auch geliebt.«

»Ja, du auch. Ihr habt so sehr zusammengehört. Er war alles für dich, und…«

»Oh, er war nicht die große Liebe meines Lebens«, unterbrach Laetitia.

Felicia starrte sie an. »Nein?«

»Nein, gewiß nicht. Es gab einen anderen, aber… nun, das ist sehr lange her. Aber ganz sicher bin ich…« Sie hielt inne, ihr Gesicht trug einen versonnenen Ausdruck, während sie um Jahre und Jahrzehnte zurückblickte in eine Zeit, die sehr fern war und in der sie so jung gewesen war wie Felicia heute, »ganz sicher bin ich glücklich gewesen mit ihm.«

Sie hatten einen Landarbeiter aufgetrieben, der ihnen einen Sarg aus Insterburg besorgt und ein Grab auf dem Familienfriedhof ausgehoben hatte, und einen Pfarrer, der sich vor den Russen in seinem Haus verbarrikadiert hatte, auf Laetitias inständige Bitten hin sich aber bereit erklärte, nach Lulinn zu kommen und die Totenmesse zu lesen. Felicia und ihre Großmutter standen im Schatten der Fichten, die um den Friedhof herum wuchsen, und waren die einzigen Trauergäste. Felicia dachte daran, welch eine pompöse Zeremonie das in Friedenszeiten gewesen wäre und wie sehr Großvater dieses schlichte, eilige Begräbnis gegrämt hätte. Sie warf ihm einen flammendbunten Strauß Rosen auf den Sarg; sie hatte sie wild durcheinander gepflückt, leuchtend gelbe, schneeweiße, zartrosafarbene und samtig rote. Die Rosen waren Ferdinand Dombergs Stolz gewesen, ebenso wie die Pferde, die Eichenallee und sein guter Name. Trotz allem war es tröstlich, daß Ferdinand hier auf Lulinn hatte sterben dürfen und nun unter seinen Kiefern ruhte.

Auf dem Weg zurück zum Haus hakte sich Großmutter bei Felicia unter und sagte: »Wir fahren nach Königsberg. So schnell wie möglich.«

»Es gehen keine Züge mehr.«

»Wir haben Pferd und Wagen.«

»Wir können doch Lulinn nicht im Stich lassen.«

Laetitia blieb stehen. »Doch, das können wir. Wir sind wegen Großvater geblieben, und der braucht uns jetzt nicht mehr. Außerdem haben wir überhaupt nichts mehr zu essen. Und vor allem wissen wir nicht, was hier noch geschieht, und ich habe mir geschworen, dich niemals wieder solchen Gefahren auszusetzen. Wenn ich daran denke, was alles hätte geschehen können…« Sie schauderte. »Nein, wir fahren!«

Es gelang ihnen, an den russischen Truppenvorbeizukommen, ohne auch nur einem Soldaten zu begegnen. Sie hatten keine Ahnung, wo die Armee stand, daher benutzten sie vorsichtshalber die verstecktesten Schleichwege, die natürlich am schwierigsten zu befahren waren. Sie kamen an kleinen plätschernden Nebenflüssen der Pregel vorbei, an stillen Wiesen und wogenden Kornfeldern, und an viele Orte hatte Felicia Erinnerungen, die ihr plötzlich weh taten. Hier, in diesem Bach, hatte sie sich einmal die Füße gekühlt bei einem Ausritt mit Christian und Jorias, sie hatten am Ufer gesessen und den Atem der Pferde in ihrem Nacken gefühlt. Dort hatte sich Linda während einer Wanderung den Fuß verstaucht, als sie einmal einen Sommer auf Lulinn verlebte. Auf einmal schien es Felicia, als sei das alles schon lange her. Irgendwann — sie wußte selber nicht genau, wann — hatte das Leben eine andere Richtung eingeschlagen. Die alte Zeit nahm schon den melancholischen Anstrich der Vergangenheit an, die nur noch im Gedächtnis existiert.

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Königsberg quoll über von Menschen. Viele Flüchtlinge kampierten in Hotels und Pensionen und versammelten sich auf Straßen und Plätzen, warteten auf die neuen Extrablätter, diskutierten, fragten, fluchten und überschrien einander.

War Prittwitz zu Recht gegen Ludendorff ausgetauscht worden? Was sollte man vom alten Hindenburg halten? Gott möge geben, daß es endlich irgend jemandem gelänge, die verdammten Russen von deutschem Boden zu verjagen! Ein dicker Polizist mit wichtiger Miene schlug eine neue Bekanntmachung an einen Baum, und sofort war er umlagert von Menschen. Die belgische Stadt Löwen von deutschen Soldaten besetzt, verkündete das Blatt, und als Überschrift prangten die Worte des Generals v. Kluck: Wir werden die Belgier lehren, Deutschland zu respektieren!

»Nicht nur die Belgier!« schrie ein Mann und erntete damit allseits begeisterte Zustimmung. »Die ganze Welt wird es begreifen, daß sie mit uns nicht schlittenfahren kann!« Alle jubelten. Laetitia drückte ihren Hut tiefer ins Gesicht. »Ich begreife nicht, weshalb der deutsche Patriotismus so derb sein muß. Man sieht immer unwillkürlich die alten Hunnen vor sich!« Sie brachten ihr Gefährt vor dem Hotel Berliner Hof zum Stehen, denn hier hatten Tante Gertrud und Modeste absteigen wollen. Felicia hatte nicht die geringste Neigung, den beiden boshaften Weibern zu begegnen; sie wußte, sie würde ihnen alle zehn Fingernägel in die drallen Gesichter schlagen, wenn in ihren kleinen, wimpernlosen Augen die heimliche Freude über Großvaters Tod aufleuchten würde. Nein, jetzt drängte es sie so schnell wie möglich nach Hause. Hier wurde ihr die Welt zu finster, sie brauchte jetzt ihre Mutter, die sie tröstete, ihren Vater, der ihr versicherte, daß sie ein tapferes Mädchen sei. Sie wollte alles Vertraute wiedersehen, denn hier war das Vertraute jäh zerstört worden.

Sie sprang vom Wagen und übergab die Zügel einem herbeieilenden Hoteldiener. »Großmutter, ich gehe zum Bahnhof«, sagte sie entschlossen, »ich will sehen, ob nicht noch ein Zug nach Berlin geht. Willst du mitkommen?«

»Nein, das wäre nicht gut«, meinte Laetitia, »wenn sich die Lage hier soweit beruhigt hat, daß wir nach Lulinn zurück können, sollen nicht Victor, Gertrud und Modeste allein dort ihren glanzvollen Einzug halten. Irgend jemand von der alten Garde muß ihnen auf die Finger sehen.«

»Soll ich…«

»Nein. Das schaffe ich allein.« Laetitia reichte ihrer Enkelin die Reisetasche. »Hier, nimm die gleich mit. Aber wenn kein Zug geht, dann kommst du zurück. Verstanden? Und laß dich nicht mit fremden Männern ein. Es sind mir ein bißchen viele Soldaten in der Stadt.«

»Ich gebe schon acht!« Felicia küßte die welke Haut der alten Frau, roch den vertrauten Duft nach Veilchen und Seife und spürte den festen Druck ihrer Hände. »Vielleicht sollte ich doch…« meinte sie zweifelnd, doch Laetitia schüttelte den Kopf. »Geh nur. Der Sommer ist vorüber«, sagte sie, und etwas in ihrer Stimme ließ Felicia schaudern. Mit ihrer Tasche in der Hand drängte sie sich durch die Menge. Weshalb nur war dieser August so heiß? Zu spät bemerkte sie, daß sie ihren Sonnenhut im Wagen vergessen hatte.

Auf dem Bahnhof wimmelte es von Soldaten, Mitglieder der Königsberger Garnisonstruppen und der Landwehrbrigaden. Viele waren verwundet; Felicia sah verbundene Arme, geschiente Beine und schwarze Klappen über den Augen. Manche stützten sich beim Gehen auf Krankenschwestern, in denen Felicia hier und da die Töchter von befreundeten Gutsbesitzersfamilien erkannte. An diesem Tag inszenierten einige einen großen Auftritt. Felicia erspähte Ernestine, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, das im Kleid einer Rot-Kreuz-Schwester neben einem humpelnden Soldaten einherging und ihn fürsorglich stützte. Sie kicherte und strahlte ohne Unterlaß, und der junge Mann, fiebrig wie er war und wegen seiner Behinderung unfähig zu entkommen, lauschte ergeben. Ernestine kam sich ungeheuer wichtig vor. »Hallo, Felicia!« rief sie, »was tust du denn noch hier? Ich dachte, du seist längst in Berlin?«

»Ich mochte Ostpreußen in der Stunde größter Not nicht verlassen«, gab Felicia zurück, »und ich sehe, auch du erfüllst deine vaterländische Pflicht mit ganzer Hingabe.«

Ernestine sah sie entrüstet an. Sie opferte sich auf im Dienst der guten Sache, und Felicia kam daherspaziert und machte sich darüber lustig. Nun lächelte sie dem verwundeten Soldaten auch noch schamlos zu, daß er Ernestine vergaß und wie verzaubert das Mädchen mit den blaßgrauen Augen betrachtete.

»Los, kommen Sie«, befahl Ernestine grob und zerrte ihn so heftig weiter, daß er fast über sein verletztes Bein gestolpert wäre und nur im letzten Moment von einem herbeistürzenden Kameraden aufgefangen werden konnte.

»Aber Schwester, was machen Sie denn?« hörte Felicia ihn sagen und mußte über Ernestines wütendes Gesicht lachen. Sie hätte sich gerne noch länger amüsiert, doch sie mußte weiter. Als sie über den Bahnhof hastete, sah sie plötzlich Onkel Victor, der in einem Schalterhäuschen saß und emsig auf einem Papier herumkritzelte. Rasch trat sie heran. »Onkel Victor!« Er fuhr auf und starrte sie finster an. »Was, um alles in der Welt, tust du denn hier?« fragte er giftig. Felicia zog die Augenbrauen hoch. »Und was tust du hier, Onkel Victor? Ich dachte, du bist an der Front und schießt jede Minute wenigstens einen Feind tot!«

Es gefiel Victor ganz und gar nicht, so ertappt zu werden. In seinem Kopf hatte er sich bereits Erzählungen der kühnsten und schönsten Heldentaten zurechtgelegt, mit denen er später prahlen wollte, und nun kam seine Nichte daher, erwischte ihn hinter dem Schreibtisch und schleuderte ihm Frechheiten ins Gesicht. »Du kannst dir deine schnippischen Bemerkungen sparen, mein Fräulein«, sagte er zornig, »was ich hier tue, ist sehr wichtig. Ich überwache das Verladen der Verwundeten.«

Es lagen Felicia noch ein paar hübsche Bosheiten auf der Zunge; die verschluckte sie, als ihr in den Sinn kam, was sie ihm eigentlich mitteilen mußte. »Großvater ist gestorben«, sagte sie. Victor blickte sie fassungslos an. »Gestorben? Haben ihn die Russen…?«

»Nein. Du… du mußt dich nicht genötigt sehen, auf der Stelle loszustürzen und ihn zu rächen. Es war sein Herz.«

Victors Gesicht nahm eine graue Farbe an, sein Kinn zitterte. Er war völlig erschüttert, denn es gelang ihm nicht, sich seinen vitalen, aufbrausenden Vater, vor dessen scharfer Zunge er sich ein Leben lang insgeheim gefürchtet hatte, tot vorzustellen. Er sah aus, als sei seine ganze Welt ins Wanken geraten, und einen Augenblick lang tat er Felicia fast leid. Um zu vermeiden, daßsie plötzlich beide in Tränen ausbrachen, sagte sie schnell: »Großmutter ist im Berliner Hof. Und ich möchte nach Hause. Wann geht der nächste Zug?«

Nun war Victor wieder die Wichtigkeit in Person. »Du bist ja nicht gescheit! Ein Zug! Hier gehen heute und morgen nur Verwundetentransporte ab, und was übermorgen wird, weißnoch niemand.«

»Ja, aber ich möchte doch nach Berlin zurück!«

»Glaubst du, im Krieg nimmt noch irgend jemand Rücksicht auf deine Wünsche? Nein, es wird Zeit für dich zu lernen, daß du nicht der Mittelpunkt der Erde bist!« Es tat Victor gut, das endlich einmal sagen zu können. Solange er sie kannte, hatte er sich über Felicia geärgert. »Geh zurück ins Hotel. Vielleicht ist Gertrud so freundlich und stellt für dich ein Notbett in ihrem Zimmer auf«, setzte er gönnerhaft hinzu.

Nur das nicht! Felicia hätte lieber auf offener Straße kampiert.

»Danke«, entgegnete sie von oben herab, »ich sehe mich lieber noch etwas um.«

Victor zuckte mit den Schultern. Felicia nahm ihre Tasche auf und trat wieder hinaus in die sengende Hitze.

In Scharen hasteten die Menschen die Bahnsteige entlang. Felicia wurde immer wieder angerempelt, zur Seite gestoßen oder von Krankenpflegern angeschnauzt, die ihr mit ihren Bahren entgegengeeilt kamen.

»Machen Sie doch Platz!« schrie einer. »Herrgott, warum steht ihr feinen Damen einem bloß immer im Weg herum?«

Felicia wich empört aus. In diesem Ton hatte selten jemand mit ihr gesprochen. Sie hob sich auf die Zehenspitzen und spähte umher. Wenn doch nur irgendein bekanntes Gesicht auftauchte, jemand, der ihr weiterhelfen konnte! Und gerade da entdeckte sie Maksim Marakow.

Er stand, in grauer Uniform, neben einem anderen Soldaten am Rande der Gleise, rauchte eine Zigarette und hörte mit gerunzelter Stirn den Ausführungen des anderen zu. Er war sehrschmal geworden und sah, selbst auf die Entfernung, müde aus. Was Felicia am meisten erschreckte, war der dicke, weiße Verband, der sich um seinen rechten Arm schlang. Nun erst bemerkte sie, daß seine Uniformjacke nur lose um seine Schultern hing und der Arm mit einer Schlinge gestützt wurde. Maksim war verwundet.

So rasch sie konnte, eilte sie auf ihn zu. »Maksim! Was ist denn geschehen?«

Maksim sah sie überrascht an. »Felicia, was tust du denn hier?«

»Ich war in Lulinn. Aber die Russen sind gekommen, und wir mußten fort. Ach, Maksim, und Großvater ist gestorben…«

Es tat Felicia gut, von ihrem Kummer, von der Angst der letzten Tage berichten zu können.

Maksim würde Mitleid mit ihr haben, ihr sagen, daß sie tapfer gewesen war, vielleicht würde er sie kurz an sich ziehen…

Sie blickte zu ihm auf wie ein Kind und gewahrte einen Anflug zärtlicher Sorge in seinen Augen. »Du Armes«, sagte er weich. »Du hast eine harte Zeit hinter dir.«

»Ja, das schon, aber… du doch auch!« Sachte berührte sie seinen Arm.

Maksim lächelte. »Die Schlacht bei Gumbinnen forderte ihre Opfer«, meinte er leichthin, »hübsch, nicht? Der Arm wird wahrscheinlich steif bleiben. Leider kann ich mich auf diese Weise nicht wieder so schnell Deutschlands Feinden entgegenwerfen!«

Der andere Soldat sah betreten zur Seite. Die Ironie in Maksims Worten war ihm nicht entgangen, und er wußte nichts damit anzufangen. Ein verlegenes Schweigen breitete sich aus, das Maksim schließlich brach. »Willst du etwa verreisen, Felicia?« Er wies auf ihre Tasche.

»Ja. Ich will zurück nach Berlin. Ich muß einen Zug finden!«

»Da wirst du kaum Glück haben. Es gibt keine Personenzüge. Schon gar keine Erste-Klasse-Coupés!«

»Das ist mir egal. Und wenn ich auf einem Viehwagen fahre! Ich will endlich nach Hause!«

»Dabei ist es in Königsberg gerade so interessant!«

Eilig blickte sie auf. Sie versuchte zu ergründen, ob in seiner Stimme ein Klang gewesen war, der sein Interesse daran verriet, daß sie blieb. Die Erkenntnis, daß er in Königsberg war, und die Frage, was sie denn eigentlich in Berlin sollte, durchzuckten sie gleichzeitig. Aber schon sagte er: »Naja, ich drehe dieser Stadt sicher auch bald den Rücken zu. Berlin ist immer noch besser.«

»Gibt es denn keine Möglichkeit, daß ich von hier fortkomme?«

Maksim schüttelte erst den Kopf, dann betrachtete er sie nachdenklich, und plötzlich umspielte ein boshaftes Lächeln seine Lippen. »Vielleicht gibt es eine«, meinte er, »bleib hier stehen. Ich will sehen, was ich tun kann!« Er verschwand im Gewühl. Felicia preßte ihre Tasche fest an sich. Wie gut, daß Maksim ihr half! Sie hatte ihn zu ihrer großen Liebe erkoren, und so nüchtern und berechnend sie den Männern sonst gegenüberstand, an diesem romantischen Traum hielt sie unerbittlich fest. Maksim allein vermochte einen Wesenszug in ihr zu berühren, der tiefer und noch fast versteckt in ihrem Inneren lag, den zu erwecken sie keinem sonst, nicht einmal sich selbst erlaubt hätte.

Sie seufzte erleichtert, als sie ihn aus der Menge auftauchen sah. Er sah sehr zufrieden aus, aber etwas an dem heiteren Blinken in seinen Augen stimmte Felicia mißtrauisch.

»Ich habe etwas für dich«, sagte er, »einen Zug nach Berlin. Komm schnell, er fährt in fünf Minuten ab!« Er nahm ihre Tasche und drängte sich vor ihr her den Bahnsteig entlang. Felicia folgte erleichtert. Onkel Victor würde sich wundern, wenn sie, anstatt kleinlaut um eine Unterkunft im Hotel zubitten, ein Grußtelegramm aus Berlin schickte. Albern von ihm, ihr einreden zu wollen, es gingen keine Züge mehr.

Maksim blieb stehen. »Hier«, sagte er, »wir sind da.«

Felicia erblickte mehrere große Güterzugwaggons. Die Schiebetüren standen weit offen. Krankenpfleger schleppten Bahren mit Verwundeten heran, reichten sie vorsichtig hinauf, wo sie von anderen Männern in Empfang genommen wurden. Bleiche Gesichter auf harten Kissen, fiebrige Augen zwischen dicken Verbänden. Heisere Stimmen baten um einen Schluck Wasser, flehten um Morphium oder gleich um die ewige Erlösung. Wuchernde Barte umrankten bleiche Lippen, und überall war Blut, fließendes, hellrotes oder verkrustetes, dunkles Blut. Alles schien getaucht in Blut, alles schien erfüllt von Stöhnen und Jammern. Felicia griff sich an den Hals. »O… das ist…« sagte sie schwerfällig, »das ist ja furchtbar…«

Ein Verwundeter, der soeben an ihr vorübergetragen wurde, streckte die Hand nach ihr aus. »Helfen Sie mir«, flüsterte er, »halten Sie mich doch…«

Felicia trat zurück, so daß seine Hand ins Leere griff. Sie sah nicht, daß Maksims Lippen schmal wurden und daß Zorn und Verachtung in seinen Augen standen. »Ja, so fein stirbt es sich für den Kaiser«, sagte er bitter, »hübsch, nicht? So glanzvoll und heroisch!«

»Ach hör auf. Ich weiß ja, daß du den Kaiser nicht magst. Bring mich lieber zu meinem Abteil!« Sie wollte schnell weiter, aber er hielt sie zurück.

»Es gibt kein Abteil, Felicia. Ich habe dir gesagt, daß es mit Personenzügen aussichtslos ist. Aber dieser Verwundetentransport geht nach Berlin, und sie brauchen jede Hand. Ich habe mit einem der Ärzte vereinbart, daß du als Krankenschwester mitfahren kannst.«

Sie fuhr herum. Natürlich scherzte er, aber, weiß Gott, manchmal fand sie ihn nicht im allergeringsten komisch. »Maksim, rede keinen Unsinn. Ich möchte jetzt…«

»Sind Sie die Dame, die uns helfen will?« Ein kleiner, grauhaariger Mann im weißen Arztkittel tauchte vor Felicia auf und nahm ihre Hand. »Schnell, dort im dritten Waggon werden Sie gebraucht. Ein Schwerstverwundeter!«

Felicia riß sich los und wurde blaß. »Das ist ein Irrtum. Ich… ich habe so was noch nie gemacht. Ich bin keine Krankenschwester. Ich kann nicht mal Blut sehen, und ich…« ihr Gesicht verzog sich vor Widerwillen, »ich will auch kein Blut sehen!« Der Arzt starrte sie an. In seinen Augen konnte sie deutlich lesen, was er von ihr dachte, aber das kümmerte sie nicht. Sollte er doch denken, was er wollte. Sie wandte sich zu Maksim. »Maksim, versteh doch…«

Die Worte erstarben auf ihren Lippen. Diesmal konnte sie es nicht übersehen. Der Zug um Maksims Mund wirkte beinahe brutal in seiner Verächtlichkeit. »Ich verstehe durchaus«, entgegnete er kalt, »der Anblick dieser halbtoten Kerle gefällt dir nicht. Männer sollen elegant und schön sein, nicht in ihrem eigenen Blut und Eiter verrecken. Du willst ihnen winken, wenn sie in ihren sauberen, grauen Uniformen singend aus der Stadt ziehen, um sich irgendwo weit weg für Deutschlands Ehre zu schlagen, aber du willst nicht bereit sein, sie aufzunehmen, wenn sie mit zerfetzten Gliedern zurückkehren. Du willst das ganze Leben nur im Glanz von Kronleuchtern und Spiegelsälen sehen, und was mich freut, ist nur, daß dieser Krieg, der noch Jahre dauern wird, Leuten wie dir zeigt, wie die Welt wirklich ist. Die Zeit des Kaiserreiches ist vorüber. Ihr werdet schmelzen wie Wachs über einer Flamme!«

Felicia hörte ihm fassungslos zu. Sie kannte solche Reden von ihm, aber nie hatte sie ihn so wütend erlebt. Nie hatte er sie so schonungslos gekränkt. Ein böser, flammender Zorn erwachte in ihr, und er meinte weniger Maksim als die Tatsache, daß er der einzige Mensch auf Erden war, der sie so tief im Inneren treffen konnte.

»Du kannst vollkommen sicher sein«, fuhr sie ihn an, »ich zerschmelze nicht wie Wachs über einer Flamme. Ich niemals! Ganz gleich, wie lang dieser Krieg dauert und was immer er bringt: Wenn einer von uns beiden vor die Hunde geht, dann bist du es! Und wenn du die vornehmen Damen lieber siehst, die gern Krankenschwestern spielen, weil sie sich damit wichtig und patriotisch vorkommen bitte sehr! Vielleicht siehst du ihre Verlogenheit nicht. Ich jedenfalls bin wenigstens ehrlich. Ich hasse den Krieg, und ich will nichts damit zu tun haben!«

»Du haßt nicht den Krieg, sondern die Unannehmlichkeiten, die er dir bringt«, sagte Maksim, aber Felicia hörte ihm nicht zu. Ihre Wut fiel so schnell in sich zusammen, wie sie gekommen war; zurück blieben Schmerz und die Entschlossenheit, den Abgang so würdevoll wie möglich zu gestalten. Sie reichte dem Arzt ihre Hand. »Helfen Sie mir bitte auf den Wagen«, sagte sie, »ich komme mit nach Berlin.« Sie preßte die Lippen zusammen, als sie hinaufgeklettert war und in das Halbdunkel des stickigen Waggons tauchte. Der Gestank war so schlimm, daß sie glaubte, sie würde ersticken. Überall schwirrten Fliegen herum; schwarze, dicke Käfer krochen zu Felicias Entsetzen in die offenen Wunden der Verwundeten hinein. Ein Mann neben ihr richtete sich auf und erbrach sich, im letzten Moment konnte sie ihren Fuß wegziehen. Die Lokomotive stieß einen kreischenden Laut aus, und Felicia hätte sich am liebsten umgedreht und wäre aus dem langsam anrollenden Zug gesprungen. Doch dort draußen stand Maksim, und den Triumph, sie mit klappernden Zähnen die Flucht ergreifen zu sehen, wollte sie ihm nicht bieten.

Für den Arzt und die Patienten jedoch bedeutete sie zunächst keine Hilfe. Sie kauerte sich in eine Ecke auf eine Holzkiste, stützte den Kopf in die Hände und fing an, wie ein kleines Mädchen zu weinen.

5

Die Uhrzeiger näherten sich bereits mitternächtlicher Stunde, als sich Felicia zu fragen begann, weshalb sie sich darauf eingelassen hatte, einen Abend mit dem Fremden aus München zu verbringen. Nicht, daß er nicht amüsant gewesen wäre, im Gegenteil, selten hatte sie sich in Gesellschaft eines Mannes so gut unterhalten. Er wohnte im Hotel Esplanade in der Bellevuestraße am Tiergarten, und dort aßen sie auch zu Abend. Sie schlürften Austern, verschlangen Blinis mit Kaviar und stillten ihren Durst am Champagner, der in den hohen Gläsern schäumte. Der Fremde — im stillen nannte sie ihn noch »den Fremden«, obwohl sie wußte, daß er Alex Lombard hieß — protzte ein bißchen mit seinem Geld, aber das wirkte seltsamerweise weder affig noch lächerlich, wie manchmal bei sehr jungen Männern, die auf Kosten ihrer Väter hohe Zechen machten.

Alex Lombard schien sich über sich selber lustig zu machen, während er den erstaunten Kellner mit einem Trinkgeld beglückte, das fast der Endsumme auf der Rechnung gleichkam. Er lachte; über sich, das Geld und das Leben, aber sein Mund wirkte ein wenig angespannt dabei. Seine Gebärden, mit denen er Champagner nachschenkte und die Blumenverkäuferin heranwinkte, um Felicia eine Rose zu schenken, schienen beinahe verachtungsvoll. Er hatte nichts mit den Männern gemein, die Felicia kannte, und es war kein Zufall, daß sie für ihn nur das Wort »fremd« fand.

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Kurz nach ihrer Rückkehr aus dem Sommer war er in der Schloßstraße aufgekreuzt, gerade an dem Tag, als Felicias Vater nach Osten reiste, um sich als Arzt den deutschen Truppen anzuschließen, und Elsa Stunde um Stunde wie betäubt im Berliner Zimmer saß und auf den Hof hinunterstarrte. Der Fremde nannte seinen Namen, erklärte, er habe damals bei Kriegsausbruch ein Telegramm an Felicia abgesandt und er sei nur vorbeigekommen, um zu erfahren, ob die junge Dame sicher in Berlin angekommen sei.

Elsa schreckte aus ihrer Melancholie auf. »Ja, ja das ist sie. Felicia, komm doch mal her.«

Der Anblick von Männern rief in Felicia immer eine instinktive Beutegier wach, und der von Alex Lombard besonders. Er sah gut aus, fand sie, und er war offensichtlich anders als ihre üblichen Freunde. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Maksim; Größe und Figur stimmten überein, die dunklen Haare, die hochmütig blickenden Augen, der Anflug von Zynismus in den Gesichtszügen. Keine Spur jedenfalls von der schmachtenden Kuhäugigkeit eines Benjamin Lavergne, der sich und alles, was mit ihm zusammenhing, stets überaus wichtig nahm. Der Fremde schien es auch abzulehnen, Zuflucht zu jenen verschnörkelten Umwegen zu nehmen, die für gewöhnlich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen bestimmten. Zu Elsas Entsetzen (Er hätte das nicht tun dürfen, dachte sie, er nutzt es aus, daß ich ihm Dankbarkeit schulde.) fragte er ohne Umschweife: »Hätten Sie Lust, morgen abend mit mir essen zu gehen, Felicia?«

Sie sagte zu, aus vier Gründen: Sie ging sehr gern aus. Er ähnelte Maksim Marakow. Sie bekam die Chance, Elsas patriotischem Strickkränzchen zu entfliehen. Und… sie war süchtig nach jeder Gelegenheit, die sie die furchtbare Fahrt von Königsberg nach Berlin vergessen ließ.

Es war die Hölle gewesen. Sie hatte Verbände wechseln und Wunden auswaschen, Fliegen verjagen und Blut und Erbrochenes wegwischen müssen. Ihr Kreuz hatte geschmerzt, ihre Füße hatte sie kaum gespürt. Der Arzt fuhr sie mehrmals heftig an, ein irr gewordener Verwundeter ging ihr an die Kehle, und sekundenlang fürchtete sie um ihr Leben. Ein anderer Soldat starb ihr unter den Händen, was sie erst an den starren, weitaufgerissenen Augen merkte, die sie plötzlich blicklos anglotzten. Sie sprang auf und schrie, so lange, bis ihr aufging, daß sich kein Mensch darum kümmerte. Die anderen waren alle viel zu sehr mit ihrer eigenen Arbeit beschäftigt. Wie hielten sie das nur durch?

Wahrscheinlich fühlten sie sich von einer heißen, patriotischen Flamme durchglüht, und das machte sie stark. Felicia hatte Frauen gesehen, die Heil dir im Siegerkranz sangen und dabei aussahen, als würden sie von einer Woge der Opferbereitschaft, der Hingabe an die Sache emporgeschleudert, denen die Tränen in die Augen schossen, deren Gesichter von einem strahlenden Leuchten verklärt wurden. Sie konnten den Krieg ertragen, indem sie ihn zu einem heiligen Kampf erhoben. Die Fahne war heilig, die Gewehre, das Blut, Tod, Gefahr, Angst, Flucht, Abschied waren heilig. Auch der Schmerz war heilig. Felicia hatte manchmal den Eindruck, sie sei der einzige Mensch weit und breit, dem die Geschehnisse der letzten Wochen Grauen und Alptraum bedeuteten.

Sie war dem Fremden dankbar, daß er während des ganzen Abends weder Tannenberg noch den Namen Hindenburg erwähnt hatte. Sie kannte keinen Mann — außer Maksim — der darauf verzichtet hätte, ihr eine langwierige Analyse der Schlacht aus der letzten Augustwoche anzutun. Jeder sonst sprach davon.

Tannenberg hatte das Feuer der Begeisterung neu und heftiger entfacht. Der Krieg war schon so gut wie gewonnen. Hindenburg hatte im Osten aufgeräumt. Und im Westen sah es auch nicht schlecht aus: Deutsche Siege bei Neufchâteau, Longwy, Montmedy, und jetzt standen die Deutschen an der Marne, die französische Regierung war nach Bordeaux geflohen. Ehe das Herbstlaub fiel, hieß es in diesen Tagen, ist der Krieg aus. Und jubelnd fiel die Bevölkerung in diesen optimistischen Chor ein.

Alex Lombard redete nicht vom Krieg. Er erzählte von den Reisen, die er gemacht hatte, von interessanten Menschen, von lustigen Begebenheiten. Ein leises Unbehagen bei Felicia rührte daher, daß sie seinen Zynismus nicht gewöhnt war und daß ihr seine Art, Menschen und Dinge, von denen er sprach oder die er ansah — also auch sie selber — auf eine merkwürdig grausame Weise bis ins Innerste zu sezieren, fremd war. Er liebte es, Schwächen bloßzulegen, Personen und Geschehnisse auf ihre Unvollkommenheit zu reduzieren. Seine Freude daran war von diabolischer Erbarmungslosigkeit, aber ganz unerwartet konnte er plötzlich mit einem warmen Lächeln seinen Worten die Schärfe nehmen. Er schien es als Spiel zu genießen — und Felicia haßte es, wenn mit ihr gespielt wurde.

Ich glaube nicht, daß ich ihn je wiedersehen werde, dachte sie, als das Essen schließlich vorüber war und sie das Restaurant verließen.

Draußen sagte Alex: »Diesen Abschnitt des Abends hätte Ihre Mutter gebilligt, Felicia. Die Frage ist — möchten Sie nach Hause, oder möchten Sie, daß wir nun an einen Ort gehen, von dem Ihre Mutter vielleicht besser nichts erfährt?«

Felicia bekam große Augen. Alex mußte lachen. »Kind, sehen Sie mich nicht so an, ich will Sie ja nicht fressen. Ich will nur wissen, ob Sie mich in einen Nachtclub begleiten?«

»O…« Felicia war nie in einem Nachtclub gewesen, aber insgeheim hatte sie es sich immer gewünscht. Nun stand sie hier in der Dunkelheit, irgendwoher klang leise Musik, und Lombard sah sie sehr intensiv an. Ihr Erlebnishunger siegte über ihr Unbehagen. Herausfordernd sah sie Alex an. »Natürlich«, sagte sie, »komme ich mit.«

»Natürlich«, erwiderte Alex und winkte einem Taxi.

Monas Etablissement lag in der Friedrichstraße, in der man am Tag einkaufen konnte, die bei Nacht aber ganz dem Amüsement gehörte. Musik dröhnte aus den Lokalen, gemischt mit Lachen, Schreien, Singen und Grölen. Überall brannten Lichter, und es herrschte ebenso viel Leben wie am Tag — nur, daß es von anderen Gesetzen bestimmt war.

Felicia schaute sich fasziniert um, nachdem sie aus dem Auto gestiegen waren. »Warum gerade hier?« fragte sie. Alex hob die Augenbrauen. »Ich liebe es. Monas Etablissement ist viel zu viel Plüsch und viel zu viel Kristall. Ein einziger fetter Zynismus.«

»Warum lieben Sie Zynismus?«

»Nun, er ist der Versuch, die Verlogenheit zu entlarven, nicht?«

»Ich finde Plüsch und Glas sind selber verlogen. Sie imitieren etwas, wovon sie weit entfernt sind.«

»Sie haben ja recht, Felicia. Bloß — wenn etwas so offensichtlich lügt wie Monas Etablissement, dann sagt es schon wieder die Wahrheit. Kommen Sie, nehmen Sie meine Hand und bleiben Sie dicht bei mir. Sie sind zu hübsch, als daß ich Sie hier allein herumlaufen lassen könnte.«

Ein unbeschreibliches Geschrei, Gequalme und Getöse empfing sie.

In dem engen Raum saßen an die hundert Menschen, auf Stühlen, Bänken und teilweise auch auf den Tischen. Sie rauchten, tranken und unterhielten sich lautstark. Hin und wieder lachte jemand schrill, oder eine Frau schrie kreischend auf. Felicia erblickte ärmliche Gestalten und solche, die aus besseren Verhältnissen stammen mußten. Hier und da blitzte teurer Schmuck auf, saßen Herren in reinseidenen Westen zwischen spärlich bekleideten Mädchen.

Ein Soldat, dessen ganze rechte Gesichtshälfte unter einem Verband verschwand, hämmerte auf dem Klavier herum und brüllte ein gefühlvolles Lied dazu.

»Dem haben sie in Frankreich die Ohren zerschossen«, erklärte eine aufgetakelte Blondine gerade einem Gast, »unglücklicherweise war er vorher Komponist. Für den ist das Leben gelaufen.«

»Der Krieg dauert jetzt nicht mehr lange!«

»Ehe das Herbstlaub fällt, ist er aus, das sagen alle.«

»Ob das Laub so lange wartet?«

»Komm, wir haben Hindenburg! Wir sind unschlagbar!«

»Noch ein Wort vom Krieg, und ich laß den Scheißladen hier in die Luft gehen.« Alle lachten. Der Mann am Klavier spielte einen schrillen mißtönenden Akkord. Eine üppige Brünette trat an Alex und Felicia heran. »Alex, warum hast du mir die bisher unterschlagen?« rief sie und hängte sich an seinen Arm.

»Wo hast du das bezaubernde Püppchen her? Eine Haut wie weißes Porzellan, Wangen rosig wie der Morgenhimmel. Aber meinst du nicht, daß sie zu unschuldig ist, um sie hierher zu bringen?«

»Sie ist sicherlich unschuldiger als du, Mona,« entgegnete Alex und küßte die Fremde auf beide Wangen, »aber darum bin ich ja auch bei ihr und paß auf sie auf.«

Mona schüttete sich aus vor Lachen. »Du paßt auf sie auf? Das ist ungefähr so, wie wenn man den Wolf das Schaf hüten läßt. Kindchen, ich fürchte, ich werde Sie in meine starken Arme nehmen müssen. Alex hat eine Vorliebe für so junge Geschöpfe. Sagen Sie, weiß Ihre Mutter, daß Sie mit ihm ausgehen?«

Auf Alex’ Gesicht trat ein verärgerter Ausdruck. »Ihre Mutter kennt mich selbstverständlich«, entgegnete er kurz, »und nun — hast du einen Tisch für uns?«

Mona lächelte anzüglich. »Sag nur nicht, es ist ernst diesmal! Natürlich habe ich einen Tisch für dich — und für die Kleine!« Sie ging voran zu einem kleinen Tisch, der ein wenig abseits in einer Nische stand. Hier war es düster; eine einzige Kerze flackerte, und von den rotverhangenen Lampen des übrigen Raumes strahlte kaum Licht herüber. Alex rückte Felicias Stuhl zurecht, dann nahm er ihr gegenüber Platz. »Was möchten Sie trinken, Felicia? Einen Whisky auf Eis?«

Felicia mochte nicht zugeben, daß sie in ihrem ganzen Leben noch keinen Whisky getrunken hatte und nickte gleichgültig.

»Ja, das ist gut. Einen Whisky.«

Gleichzeitig dachte sie, daß Alex Lombard sich tatsächlich sehr von allen Männern unterschied, die sie bislang gekannt hatte. Keiner von ihnen hätte sie in ein solches Lokal geführt und ihr ohne mit der Wimper zu zucken ein Glas Whisky bestellt. Sie dachte an Benjamin, wie er ihr den Antrag gemacht hatte, und an seine Augen, in denen sein Innerstes bloßgelegen hatte. Lombards Augen gaben kein Geheimnis preis. Um ihrer Verwirrung Herr zu werden, fragte Felicia herausfordernd: »Warum sind Sie eigentlich nicht bei den Soldaten, Herr Lombard?«

Alex schwenkte den Whisky in seinem Glas. »Ich bin Hauptmann der Reserve«, erwiderte er, »aber Sie wissen, wir haben eine Textilfabrik in München, und natürlich produzieren wir jetzt auf Hochtouren — Uniformen vor allem. Ich wollte an die Front, aber sie wiesen mich ab mit der Begründung, daß die deutsche Industrie jetzt nicht an allen Ecken und Enden zusammenbrechen dürfe.«

»Sie wollten in den Krieg? Sind Sie ein Patriot?«

Alex verzog das Gesicht. »Nein. Ein Patriot bin ich nicht. Aber ich wäre lieber in den Krieg gezogen, als nach Hause zurückzugehen.«

»Weshalb?«

»Sie wollen alles ganz genau wissen, wie? Trinken Sie lieber noch einen Schluck und lassen Sie uns von etwas anderem reden.«

Felicia nahm einen tiefen Schluck, um gleich darauf das Gefühl zu haben, ein Feuerstrahl rinne ihr die Kehle hinauf und hinunter. »Ich mag keinen Whisky«, sagte sie angewidert, »und ich werde nie wieder welchen trinken!«

»Braves Mädchen! Dann habe ich Sie also nicht vom rechten Weg abgebracht?« Er selber trank in großen Zügen sein Glas leer.

»O hören Sie? Dieser Veteran am Klavier hat aufgehört, und Mona läßt das Grammophon spielen.« Er erhob sich. »Möchten Sie mit mir tanzen?« Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern nahm ihre Hand und zog sie mit zu der kleinen Tanzfläche vor der Theke. Sie waren die einzigen, die tanzten, und alle Blicke folgten ihnen. Einige Männer pfiffen anerkennend. Felicia stellte fest, daß Alex sehr gut tanzte und daß ihr sein Geruch nach Whisky, Tabak und Rasierwasser gefiel.

Sie tanzte mit entrückter Miene — was ein bißchen auch am Champagner vom Abendessen lag —, und als die letzten Töne verklangen, fragte sie unvermittelt: »Wie alt sind Sie eigentlich?«

Alex lachte. »Uralt. Über dreißig«.

»Ja?«

»Ja… ein gefährlich erfahrener Mann, wissen Sie.« Er betrachtete ihr Gesicht. »Vielleicht bringe ich Sie nun besser nach Hause!«

»Warum denn schon?«

»Nun… Schafe sollten gehen, wenn Wölfe anfangen hungrig zu werden.«

Das war ein Ton, den sie verstand. Der Fremde wurde ihr vertraut. Auf einmal war er nur noch ein Mann, der sich für sie interessierte. »Ich kann schon auf mich selber aufpassen«, sagte sie, drehte sich um und wollte zu ihrem Tisch zurückgehen.

Sie blieb so abrupt stehen, daß Alex, der hinter ihr kam, beinahe über sie gestolpert wäre. Maksim Marakow hatte soebenin Begleitung einer fremden Frau Monas Etablissement betreten, und seine und Felicias Augen kreuzten sich in jähem Schrecken.

___________

Alle vier standen sie einander gegenüber, und niemand wußte etwas zu sagen, nachdem die förmliche Vorstellung über die Bühne gegangen war.

»Alex Lombard aus München. Ein Freund von Phillip und Johannes.«

»Maria Iwanowna.«

Maria Iwanowna — weiter nichts? Wer ist sie, wo kommt sie her, seit wann kennst du sie, weshalb ziehst du mit ihr um diese Zeit durch die Stadt? Felicia schoß eine unausgesprochene Frage nach der anderen durch den Kopf, während sie die Rivalin aus schmalen Augen musterte. Eine hübsche Frau (aber ich bin hübscher!), etwas zu blaß, übernächtig, abgearbeitet. Sie hatte dunkles Haar und dunkle Augen, einen feinen, sehr energischen Mund, auffallend sensible Hände. Voll Wut registrierte Felicia, daß zwischen ihr und Maksim eine unübersehbare Vertrautheit herrschte.

Hilfesuchend sah sie sich nach Lombard um, aber der beantwortete ihren Blick nur mit einem anzüglichen Grinsen. Verdammter Kerl, er sah aus, als wisse er alles und fände es auch noch komisch. Mit brüchiger Stimme fragte sie: »Maksim, warum bist du wieder in Berlin? Als ich dich das letzte Mal sah…«

»…war ich noch ein treuer Kämpfer Seiner Majestät des Kaisers, ich weiß. Mein Arm macht Schwierigkeiten.« Er hob den Arm, und Felicia sah, daß er ihn noch immer bandagiert trug. »Eignet sich nicht mehr besonders zum Töten. Bis Weihnachten hab’ ich erst mal Urlaub. Aber nach allem, was man hört, ist der Krieg bis dahin sowieso vorbei.«

Mascha verzog spöttisch das Gesicht. Felicia, mit der feinen Intuition einer Frau in ihrer Lage, erkannte: Sie ist genau wie er. Das ist die Vertrautheit. Wahrscheinlich ist sie Sozialistin. Wahrscheinlich Frauenrechtlerin. Wahrscheinlich… Nicht weiter nachdenken! Es tat zu weh. Mit gespielter Lustigkeit wandte sie sich an Alex. »Wir wollen doch nicht wirklich schon gehen? Ich möchte erst noch einen Whisky trinken. Und noch mal tanzen!« Sie umklammerte seinen Arm.

»Bestellen Sie mir noch einen Whisky, bitte!«

»Kind, Sie sollten…«

»Wenn Sie’s nicht tun, tu ich’s selber.« Sie winkte Mona: »Einen doppelten Whisky für mich!«

Die Blicke der anderen ignorierend, kippte sie den Whisky hinunter wie Wasser. Ihr wurde himmlisch leicht und höllisch schlecht. Schwankend schleppte sie Alex zur Tanzfläche.

»Ich möchte jetzt tanzen!« Der Whisky ließ sie alles ganz weit weg sehen, alles von fern hören. Die Welt verschwamm in einem nebligen Licht, oben war unten und unten oben. Sie benahm sich völlig unmöglich, sie wußte es, aber es erleichterte sie.

Die Leute tuschelten über sie, hier und da fielen obszöne Bemerkungen, aber dafür entschädigten sie Maksims Augen, in denen sie zumindest einen Anflug von Betroffenheit las. Oder gelesen hatte, bevor sie sich in alkoholgetränkte Abgründe stürzte und zum ersten Mal in ihrem Leben die Flucht ergriff. Sie versteckte sich vor der Erkenntnis, daß sich Maksim ihr entzogen hatte, daß ihre Macht an eine Grenze gestoßen war. Die Demütigung, die sie empfand, setzte sie in exaltierte Fröhlichkeit um.

Wenn ihr nur nicht immer elender würde! Am Anfang hatten Ekstase und Übelkeit im Gleichgewicht gelegen, jetzt blieb nur noch die Übelkeit. Sie hing wie ein Sack in Alex Lombards Armen, ihre Knie knickten ein, sie machte ein oder zwei unsichere Schritte. Sie meinte, seine Stimme über sich zu hören — »Du armes Kind«, sagte die Stimme, oder etwas ähnliches, dann wurde ihr schwarz vor Augen, und ein dunkles Loch tat sich vor ihr auf.

___________

Als sie erwachte, lag sie auf einem Bett, neben ihr brannte eine Lampe, und der furchtbare Schwindel war verflogen. Ihre Augen tränten etwas, ihr Kopf schmerzte, aber wenigstens drehte sich die Welt nicht mehr so atemberaubend schnell. Sie dachte: Wie komisch, ich habe ja noch meine Kleider an, und ich gehe doch nie mit Kleidern ins Bett!

Dann wurde ihr klar, daß sie nicht in ihrem Bett lag, sondern in einem fremden, und daß sie das Zimmer ringsum nie gesehen hatte. Sie wollte sich aufsetzen, doch ein stechender Schmerz durchzuckte ihren Kopf, und mit einem Seufzer fiel sie in das Kissen zurück.

»Bleiben Sie um Gottes willen liegen!« Alex Lombard trat an das Bett heran und musterte sie mit einer Mischung aus Besorgnis und Spott. »Es ist ein Wunder, daß Sie keine Alkoholvergiftung davongetragen haben. Was Sie da heute abend getan haben, hätte den stärksten Kerl umhauen können!«

»Wo bin ich denn hier?«

»Im Esplanade. In meinem Zimmer.«

»O Gott!«

»Es ging nicht anders. Hätte ich Sie in diesem Zustand zu Ihrer Mutter zurückgebracht, hätten Sie wahrscheinlich eine Menge Ärger bekommen.«

»Sie hätten auch Ärger bekommen!«

»Aber Felicia!« Er lachte. »Ich wasche meine Hände in Unschuld. Diese Verwicklung dramatischer Umstände konnte ich wirklich nicht voraussehen.«

»Es gab keine dramatischen Umstände!«

»Nein? Dann muß ich manches mißverstanden haben. Ich hatte das Gefühl, daß Sie sich in hochexplosiven Zündstoff verwandelten, als sie diesen Mann — wie hieß er noch? — diesen Maksim Marakow sahen. Und ich meinte, es hätte an seiner aparten Begleiterin gelegen, daß Sie so plötzlich Ihre Rolle als höhere Tochter aufgaben und den Whisky in sich hineinschütteten, als hätten Sie Ihr Leben lang nichts anderes getrunken. Sie haben diesen neuen Part überaus gut gespielt!« Er lachte schon wieder und ließ sich in einen Sessel neben dem Bett fallen.

»Selten hat mich etwas so amüsiert!«

Mit unverhohlener Feindseligkeit sah ihn Felicia an. Besäße er auch nur eine Spur von Taktgefühl, er hätte weder Maksim noch Maria, noch den unseligen Whisky jemals wieder erwähnt. Und er hätte schon gar nicht die Situation ausgenutzt und sie auf sein Zimmer geschleppt. Das Gefühl des Ausgeliefertseins — sie lag hier auf seinem Bett, betrunken, unfähig sich zu rühren, ohne vor Schmerz zu stöhnen — verdoppelte ihre Wut.

»Wie spät ist es überhaupt?« fauchte sie.

»Etwa fünf Uhr morgens.«

»Was?« Fast hätte sie sich wieder aufgerichtete, aber geistesgegenwärtig neigte sich Alex vor, legte sanft die Hand auf ihre Stirn. »Bleiben Sie liegen!«

»Meine Mutter hat wahrscheinlich schon die Polizei alarmiert. Sie wird verrückt sein vor Sorge!«

»Keine Angst. Ich habe sie angerufen.«

»Sie haben sie angerufen? Und ihr gesagt, daß ich… daß wir…«

Alex grinste. »Ich weiß, wie man mit Müttern umgeht. Ich habe alles ein bißchen beschönigt. Zum einen habe ich Ihren volltrunkenen Zustand verschwiegen. Ich habe auch nicht erzählt, daß wir Ihrer großen Liebe begegnet und Sie durch schreckliche Gefühlswirren gegangen sind!« Er machte eine kurze Pause.

Er ist ein Scheusal, dachte sie, ein richtiges Scheusal!

»Ich habe behauptet, Ihnen sei auf einmal sehr übel geworden«, fuhr Alex fort, »Sie hätten beim Abendessen zu sehr geschlungen, und…«

Er ist der gräßlichste Mann, der mir je begegnet ist!

»… und da es nicht so aussähe, als würden Sie eine Autofahrt ohne peinliche Zwischenfälle überstehen, hätte ich Sie bis morgen früh in die Obhut meiner Schwester Kassandra gegeben, die mit mir in Berlin sei und im selben Hotel wohne.«

»Wie raffiniert!«

»Ja, nicht wahr? Der Vollkommenheit wegen habe ich Ihre Mutter sogar mit Kassandra sprechen lassen.«

»Haben Sie Ihre Stimme verstellt?«

»Nein. Aber ein weiblicher Hotelgast, der mir sehr zugetan ist, war so freundlich, Kassandras Rolle zu übernehmen. Der Dame schien eine solch pikante Angelegenheit viel Spaß zu machen.« Seine Stimme wurde leiser. »Und Ihnen macht sie auch Spaß, Felicia. Sie hassen Langeweile und Gleichmaß, und lieber fallen Sie besinnungslos in die Arme eines fremden Mannes, als daß Sie alles seinen gewohnten Trott gehen lassen. Oder wären Sie jetzt wirklich lieber daheim bei Ihrer Mutter?«

Sie antwortete nicht, sondern starrte nur zur Decke. Sie spürte einen bitteren Geschmack im Mund, der sie argwöhnen ließ, sie habe sich in den Stunden der Besinnungslosigkeit womöglich tatsächlich übergeben; eine beschämende Vorstellung, und sie schwor sich, den Fremden nie danach zu fragen. Es gab manches, was sie lieber nicht wissen wollte — auch nicht, was sie geredet hatte, als sie in Monas Etablissement wie eine komische Jahrmarktsfigur über die Tanzfläche getaumelt war. Maksim war Zeuge der Schande gewesen, und dieses Biest auch, die schwarzäugige Mascha… Wie um einen Rest von Würde zuwahren, verkündete Felicia unvermittelt: »Ich habe mir im Grunde nie etwas aus Maksim Marakow gemacht!«

»Ach nein?« Für einen Moment löste gespannte Aufmerksamkeit den amüsierten Ausdruck in Lombards Augen ab. Gleich darauf aber war er wieder der Mann, der nie etwas ernst zu nehmen schien. »Dann heiratest du mich?«

»Wie?« Jetzt setzte sich Felicia wirklich auf und ignorierte die tausend Nadelstiche in ihren Schläfen. »Haben Sie auch zuviel getrunken?«

»Ich trinke nie mehr als ich vertrage. Und deshalb weiß ich, was ich sage. Ich würde dich gern heiraten.«

»Warum?«

Alex lächelte. »Das ist wenigstens eine sachliche Gegenfrage. Du bist sehr hübsch, ganz einfach, und du hast etwas, das mich anzieht. Vielleicht sind es deine Augen. Ein Mann kann sie nicht vergessen, wenn er sie einmal gesehen hat.«

»Sie kennen mich überhaupt nicht.«

»Du mich auch nicht. Es wäre von Anfang an ein faires Spiel.«

»Das ist der romantischste Heiratsantrag, der mir je gemacht wurde«, sagte Felicia, die sich sicherer zu fühlen begann, weil sie jetzt überzeugt war, daß er scherzte oder vielleicht doch betrunken war.

»Ich glaube nicht, daß du ein romantisches Mädchen bist«, erwiderte Alex. Er entdeckte Nachdenklichkeit auf ihrem Gesicht, einen weichen Schimmer in den alkoholgetrübten Augen, und es entfachte zu seinem Erstaunen einen hilflosen Zorn in ihm, plötzlich mit der Erkenntnis konfrontiert zu sein, daß es romantische Regungen in ihr gab, er sie aber nicht wachzurufen vermochte. Er stieß an eine uneinnehmbare Mauer, an ihre beharrliche Entschlossenheit, alles, was sanft undzärtlich in ihr war, für einen anderen aufzusparen.

Er neigte sich zu ihr hin und küßte ihre Lippen, seine Hände glitten an ihren Armen entlang und schlossen sich fest um ihre Finger. »Jetzt sag endlich ja oder nein«, verlangte er, ehe er sie ein zweites Mal küßte.

Felicia wurde schon wieder schwindelig, der Schweiß brach in ihren Handflächen aus. Sie drängte sich enger an ihn, aber als wisse er, daß er erreicht hatte, was er wollte, ließ er sie los und wich zurück. »Heirate mich, Felicia, komm mit nach München. Es ist schön dort.«

Nun, da er ihre Hände nicht mehr hielt und die Erinnerung an seine Küsse verblaßte, konnte sie wieder kühl überlegen. Das beste an seinem Vorschlag war, daß sie nach München gehen würden, weit weg von Berlin und von Maksim. Sicher irritierte es ihn zu erfahren, daß sie einen anderen Mann geheiratet hatte — am Ende machte es ihn sogar eifersüchtig.

Und dann, Alex Lombard hatte Geld. Sie sah sich in dem Hotelzimmer um, kein Zimmer sondern eine Suite, und sie dachte an die Trinkgelder vom Abendessen. Eine Textilfabrik…

Außerdem war er ein gutaussehender Mann — und erfahren. Felicia wußte, sie würde keinen Mann heiraten können, von dem sie nicht berührt werden wollte, aber das konnte sie von Lombard weiß Gott nicht sagen — und irgend jemanden mußte sie schließlich heiraten. Es könnte nett werden mit ihm; über mehr dachte sie nicht nach.

Sie hob den Kopf, und ihre Augen, noch immer mit einem leichten Schleier überzogen, funkelten herausfordernd.

»In Ordnung«, sagte sie, »ich werde Sie heiraten.«

Sie erwartete einen Freudenausbruch bei ihm, aber seine nächsten Worte überraschten sie. »Ich täusche mich nicht über deine Motive, Felicia, Aber es war mir schon immer gleichgültig, warum ich etwas bekomme. Hauptsache, ich habe es zum Schluß.« Er stand auf, wobei er kaum merklich schwankte, und Felicia wußte: Er hatte mehr getrunken, als er vorgab.

»Schlaf jetzt, Felicia. Ich bin nebenan — wenn irgend etwas ist.«

Felicia lächelte kühl. Sie hatte bereits vergessen, daß er ein guter Spieler war und die Unruhe, die seine Nähe in ihr erweckte, möglicherweise kalkuliert hatte.

Sie war überzeugt, im Vorteil zu sein, weil er sie liebte und sie ihn nicht.

6

Sie war verheiratet, ehe sie es sich versah. Das Ereignis kam für jedermann überraschend, besonders für Elsa, die sich verzweifelt zwei Fragen stellte: Wie, um alles in der Welt, sollte sie so schnell ein standesgemäßes Hochzeitskleid herzaubern, und weshalb hatte es sich ihre Tochter in den Kopf gesetzt, einen Mann zu heiraten, den sie einmal in ihrem Leben gesehen hatte und von dem niemand etwas wußte? (Bis auf die Tatsache, daß er Felicia in eine unmögliche Situation gebracht hatte, als er sie mit in sein Hotel nahm, Schwester hin oder her, und die überstürzte Hochzeit erhöhte die Peinlichkeit nur noch.)

»Du bist zu unreif«, sagte sie, »du weißt überhaupt nicht, worauf du dich da einläßt.«

»Ich weiß es sehr wohl«, entgegnete Felicia kurz. Sie legte in der letzten Zeit eine Sachlichkeit an den Tag, die alle verwunderte. Auf Saras und Lindas entsprechende Vorhaltungen hin, entgegnete sie nur: »Ihr lest zuviel in der Gartenlaube, und ich kann euch sagen, es ist alles Unsinn, was die Marlitt schreibt. Die Liebe ist keine romantische Sache. Sie ist… etwas Notwendiges und Unumgängliches, mehr nicht!«

Sie betrachtete ihr schönes, blasses Gesicht im Spiegel mit einiger Zufriedenheit. Dahinter sah sie Saras und Lindas verstörte Mienen. Es tat ihr gut, auf den romantischen Träumen der Freundinnen herumzuhacken; es half ihr, mit den eigenen Träumen fertig zu werden, die unerfüllt in ihr schlummerten und plötzlich eine fremde, rücksichtslose Roheit erfuhren.

___________

Felicia weinte nicht während der Trauung, das besorgten ohnehin Linda und Sara ausgiebig für sie. Beim Jawort versagte ihr die Stimme, aber das lag nur an einer leichten Erkältung, die sie sich zugezogen hatte, als sie am Abend vorher über ihren Grübeleien am offenen Fenster eingeschlafen war. Ihr Vater und Johannes konnten nicht kommen, aber Christian bekam einen Tag von der Kadettenanstalt frei und saß mit ernstem, etwas verwundertem Gesicht in der Kirche. Die wenigen Gäste unterhielten sich in der Hauptsache über die Schlacht an der Marne und schienen die Frage, ob General Bülows Rückzug seiner zweiten Armee tatsächlich notwendig gewesen war, wichtiger zu finden als das Schicksal der Braut. Es ärgerte Felicia, daß sich niemand richtig um sie kümmerte. Falkenhayn, Bülow, Kluck… die Namen der Generäle langweilten sie zu Tode.

»Die Deutschen siegen, die Deutschen siegen!« schrie ein patriotisch begeisterter alter Herr. »Die Marne war keine Niederlage für uns!«

Alex Lombards kühle Stimme klang dazwischen. »Sie war auch kein Sieg. Die Front ist erstarrt. Unsere Soldaten sitzen dort in Frankreich in den Schützengräben, und es wird verdammt ungemütlich, wenn der Winter kommt und der Schlamm zu Eis wird.«

Winter! Die Gäste lächelten milde.

Bis dahin war der Krieg längst gewonnen. Ehe das Herbstlaub fällt, hieß es. Und hatten junge deutsche Rekruten in Flandern nicht gerade wieder deutschen Kampfgeist, deutsches Heldentum bewiesen? Sicher, viele waren gefallen, und ihr Ziel, Dünkirchen und Boulogne den Engländern zu entreißen, hatten sie nicht erreicht. Aber bald, bald kam der große, entscheidende Sieg, ein Sieg wie der von Tannenberg, und die Soldaten kehrten heim ins Reich, das mit offenen Armen auf sie wartete.

»Bist du glücklich?« flüsterte Sara. Felicia fuhr zusammen.

»Ja doch, natürlich«, erwiderte sie unwirsch. Sie mußte niesen und zog eilig ein Taschentuch hervor. Ihr Blick fiel auf das verschnörkelte Monogramm, mit dem Elsa in höchster Eile die Wäsche ihrer Tochter bestickt hatte. F. L. Lombard hieß sie, nicht Marakow. Und plötzlich, zu Saras großem Schrecken, brach sie in Tränen aus.

Felicia hatte wenig Ahnung von der Liebe, jedenfalls nicht von jenem Aspekt, den sowohl die Gartenlaube als auch die in ihrem Elternhaus vorhandene Literatur gewissenhaft aussparten. Zwar konnte sie sich manchen Reim auf das machen, was sie den anzüglichen Bemerkungen und geflüsterten Witzen von Tante Belle und Onkel Leo früher auf Lulinn hatte entnehmen können, aber ihre Vorstellungen waren bis hin zum Tag ihrer Hochzeit verschwommen geblieben.

Elsas hastige Andeutungen am Abend zuvor hatten sie eher verwirrt als erleuchtet. »Manches wird dir vielleicht sehr ernüchternd vorkommen, Kind, aber denk daran, daß alles schön und wunderbar sein kann, wenn du einen Mann wirklich liebst.«

Was ist »alles«, hätte sie am liebsten gefragt und hatte gleich darauf gedacht: Aber ich liebe Alex ja nicht. Ich liebe doch Maksim!

Dafür, daß sie Alex nicht liebte, verschaffte ihr die erste Nacht mit ihm — die erste, die sie überhaupt in den Armen eines Mannes verbrachte — ungeahnten Genuß. Sie hatte vorgehabt, was immer passieren würde, kühl und distanziert zu bleiben, und sie hatte nicht damit gerechnet, daß ihr Körper so sehnsüchtig und erwartungsvoll auf die Hände und Lippen, auf die zärtliche Stimme des fremden Mannes reagieren würde. Sie drängte sich an ihn, hoffte, daß diese Nacht nie vorübergehen würde, und empfand alles, was sich jenseits dieses Zimmers, dieser Fenster abspielen mochte, als unwirklich.

Als sie früh am nächsten Morgen erwachte und erstes Tageslicht hinter den Vorhängen sah, wünschte sie nichts mehr, als daß Alex ebenfalls erwachen und sie wieder in die Arme nehmen würde. Die heftigen, beinahe gierigen Empfindungen, mit denen sie den Schlafenden betrachtete, verunsicherten sie tief. Entweder hatte sie Elsa falsch verstanden, oder die wußte nicht alles von der Liebe, oder… mit ihr selber stimmte irgendetwas nicht. Sie ließ sich in ihr Kissen zurückfallen und versuchte die Gedanken zu ordnen, die ihr durch den Kopf gingen. Sie liebte doch nur Maksim, wieso konnte sie dann solchen Gefallen am Körper eines anderen Mannes finden?

Ihr fielen seine Küsse ein, damals, im Esplanade.

Irgend etwas hat er, dachte sie ratlos, irgend etwas.

Er war erwacht und neigte sich über sie. »Guten Morgen, Felicia«, sagte er, und seine Stimme war warm und lockend. Felicia schlang beide Arme um seinen Hals, küßte seinen Mund.

Ich gehöre Maksim für immer, dachte sie, du bekommst nur meinen Körper — nichts sonst!

___________

Sie hatten drei Tage im Adlon in Berlin verbracht, ehe sie nach München gefahren waren. Felicia war nie in Süddeutschland gewesen. Sie betrachtete entzückt den tiefdunkelblauen Himmel, die flammend bunten Herbstwälder, die barocken Zwiebelturmkirchen zwischen sanft gewellten Wiesen und die mächtigen Bauernhäuser mit ihren tief gezogenen Dächern, den blumengeschmückten Balkonen und den bunten Astern in den Vorgärten. Irgendwo glitzerte ein See in der Sonne, aber bei seinem Anblick mußte sie plötzlich an den Wannsee denken, an märkischen Sand und schlanke Kiefern, an die melancholischeren Farben des Nordens, und dies war der Moment, als sie das Heimweh nach Berlin spürte, das sie, solange sie lebte, an keinem Ort der Welt je wieder verlassen würde.

Doch natürlich, München gefiel ihr. Die grünen Türme der Frauenkirche, das dunkel schillernde Wasser der Isar, das Rathaus auf dem Marienplatz, der bezaubernde Park von Schloß Nymphenburg. Alex ließ das Taxi kreuz und quer durch die Stadt fahren, um ihr alles zu zeigen, dann erst bogen sie in die Prinzregentenstraße ein. »So, wir sind da«, sagte er.

Felicia hatte nie ein größeres Haus gesehen. Es war drei Stockwerke hoch, abgesehen von den Räumen unter dem Dach, es war breit und wuchtig, die Eingangstür gewaltig wie ein Portal. Die Mauern hatten eine blaßgelbe Farbe, ausgebleicht und fahl wie viele Wände unter einer südlichen Sonne. Die Dachziegel flammten hellrot auf unter dem müden Licht des späten Septembernachmittags. Eine breite Sandsteintreppe führte von der Straße zum Eingang hinauf. Drinnen empfing sie ein adrettes Hausmädchen, das ehrerbietig knickste. »Gnädiger Herr, wir freuen uns über Ihre Rückkehr. Seien Sie herzlich willkommen.«

Ihr Blick ruhte neugierig auf Felicia.

»Meine Frau«, stellte Alex gleichmütig vor, »ich habe in Berlin geheiratet. Ist mein Vater daheim?«

»Ja… sicher…« Das Mädchen schien fassungslos. Felicia hatte den Eindruck, es wußte nichts vom Gang der Ereignisse. Sie folgte Alex, der mit großen Schritten eine Treppe hinaufstieg. »Alex, hör mal, du hast aber doch… ich meine, dein Vater weiß doch…«

»Nein.«

»Was nein?«

»Du meinst doch unsere Heirat, oder? Mein Vater weiß nichts davon.«

»Du wolltest ihm telegraphieren!«

»Das habe ich mir dann anders überlegt.«

»Heißt das… heißt das, er hat überhaupt keine Ahnung davon, daß ich… als deine Frau mit hierher komme?«

»Es wird für ihn die größte Überraschung des Jahres«, erklärte Alex mit zufriedenem Ingrimm. Er pochte kräftig an eine Tür. Auf das Herein öffnete er, nahm Felicia an der Hand und zog sie hinter sich her in das Zimmer. »Vater, darf ich dir meine Frau vorstellen?« fragte er. »Felicia Lombard. Wir haben Ende letzter Woche in Berlin geheiratet.«

Der Mann, der hinter dem Schreibtisch gesessen hatte und sich nun erhob, hatte den gleichen großen, kräftigen Körperbau wie Alex, doch er ging gebeugt, und seine Haare waren grau. Auch die Gesichtszüge der beiden Männer ähnelten einander, die dunklen Augen, die schmalen Lippen, das zynische Lächeln. Heute allerdings flackerte das Lächeln nur für den Bruchteil einer Sekunde auf, solange, wie er glaubte, Alex mache einen albernen Scherz. Dann fiel sein Blick auf die blinkenden Ringe an den Fingern seines Sohnes und der fremden Frau, und sein Gesicht erstarrte. »Was heißt das?« fragte er kurz.

Alex machte eine hochmütige Miene. »Ist das alles, was du zur Begrüßung deiner Schwiegertochter hervorzubringen hast?«

»Rede keinen Unsinn. Du hast in Wahrheit nicht geheiratet.«

»Doch. Willst du die Urkunde sehen?«

Sein Vater zögerte. »Sie müssen verzeihen«, wandte er sich dann an Felicia, »die Scherze meines Sohnes gehen manchmal etwas weit, Fräulein…?«

»Frau Lombard«, sagte Felicia mit klarer Stimme. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, dann sagte er mit grollender Stimme: »Ich bin Severin Lombard. Und jetzt sagen Sie mir noch einmal ins Gesicht, daß Sie meinen Sohn geheiratet haben!«

Felicia lächelte. Sie hatte keine Angst. Dieser Mann war wie ihr Großvater, und vor dem hatte sie sich auch nie gefürchtet. »Ja«, sagte sie, »es ist so. Alex und ich haben geheiratet.«

Severin stutzte. Er hatte nie eine Frau gekannt, die nicht vor ihm gekuscht hätte. In seinem Mienenspiel rangen Ungläubigkeit, Ärger — und Bewunderung. Die Bewunderung siegte, als ihm aufging, daß Ärger und Ungläubigkeit nichts nutzen würden. Er traf selten auf Menschen, die ihm ebenbürtig waren, und wie viele Tyrannen war er stets auf der Suche nach jemandem, der es wagen würde, ihm Einhalt zu gebieten. Egozentrisch, herrschsüchtig und raffgierig wie er war, witterte er in dem fremden jungen Mädchen eine verwandte Seele. Siehatte nichts mit anderen Frauen gemein. Und sie — er ließ seinen Blick zwischen ihr und Alex hin und her schweifen — sie war nicht in seinen Sohn verliebt. Nicht im mindesten. Er kicherte boshaft. »Willkommen, Felicia«, sagte er, »Sie haben sehr schöne Augen!«

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Als Felicia am nächsten Morgen ins Frühstückszimmer kam, war Alex nicht da. Sie traf nur seine Schwester Kassandra, ein sechzehnjähriges Mädchen mit langen, schwarzen Haaren und dunklen Augen, das sie schon am Abend zuvor beim Essen kennengelernt hatte. Kat präsentierte sich ganz als das Kind, das sie war, verspielt, launisch, lebhaft, kokett und zärtlich, und Felicia, die selten Frauen als Freunde gehabt hatte — außer der schafsköpfigen Linda und der hellsichtigen Sara — bemerkte verwundert, daß Kat Lombard ihr ihre Freundschaft anbot. Ihr Blick war erwartungsvoll.

»Guten Morgen, haben Sie gut geschlafen?« fragte sie. »Oder darf ich du sagen?«

Felicia rückte ihren Stuhl zurecht. »Du sollst du sagen. Wo ist denn der Kaffee? Ach hier«, sorgfältig schenkte sie ein. Kat seufzte. »Du hast es gut. Ich muß saure Sahne zum Frühstück trinken. Wegen meiner Nerven.« Sie verzog das Gesicht. »Ich war schon mehrmals zur Kur. Damit ich dicker werde. Aber es hilft nichts. Bei mir bleibt nichts hängen.«

Felicia musterte den zerbrechlichen, schmalen Körper, der in dem langen, grauen Kleid fast versank. Kat war viel zu blaß und hatte bläuliche Schatten um die Augen, ihr Gesicht sah knochig und spitz unter den dicken, dunklen Haaren hervor, und sein größter Reiz lag in seinem schnell wechselnden Ausdruck.

»Alex ist mit Vater in die Fabrik gefahren«, berichtete sie, »dort muß der Teufel los sein. Die ganze Textilindustrie hat auf Uniformen umgestellt, und täglich werden Flugblätter an die Arbeiter ausgegeben, die sie zu Höchstleistungen antreiben. Das Vaterland braucht jetzt alle Kraft!« Sie kicherte. »Ich müßte eigentlich in der Schule sein. Aber ich hatte keine Lust. Ich wollte lieber mit dir reden. Warum hast du meinen Bruder geheiratet?«

Felicia, die gerade in eine knusprige Marmeladensemmel beißen wollte, hielt überrascht inne. »Weil ich… naja, weil…«

Kat lachte hell. »Kennst du ihn überhaupt richtig?«

»Nein. Eher gar nicht.«

Kat runzelte nachdenklich die Stirn. »Ich kenne ihn auch nicht. Er ist sehr schwer zu verstehen. Manchmal denke ich, er hat den Tod unserer Mutter nie verwunden. Danach begann für ihn eine sehr harte Zeit.«

»Mit seinem Vater versteht er sich nicht besonders, wie?«

»Versteht sich nicht besonders? O Gott, ich sage dir, in ganz München gibt es keine zwei Menschen, die sich so sehr hassen wie diese beiden!«

»O…«

»Vater droht immer, Alex zu enterben, und Alex tut nur, wovon er weiß, daß Vater es nicht will. Vater ist ein schrecklicher Tyrann, und…« Sie wurde unterbrochen von dem Hausmädchen, das ins Zimmer trat. Es reichte auf einem silbernen Tablett eine Visitenkarte. Kat las sie und schrie leise auf.

»Tom Wolff? O nein, Fanny, ich will ihn nicht sehen! Sag, daß ich Migräne habe, oder wieder eine Nervenkrise, oder…«

»Meine Liebe, wie schön, Sie so gesund und froh zu sehen«, sagte eine Stimme. Kat und Felicia fuhren herum. Der Besucher, ein großer, etwas zu schwerer Mann im grauen Straßenanzug, stand bereits in der Tür. »Verzeihen Sie, wenn ich hier einfach eindringe, aber nachdem ich nun dreimal vergeblich gekommen bin und Mademoiselle Fanny mir immer wieder von Ihrem desolaten Zustand berichtete, wollte ich mich nun doch persönlich davon überzeugen, daß Sie wenigstens noch unter den Lebenden weilen. Ein bißchen blaß sind Sie ja um die Nase, aber sonst… bezaubernd, einfach bezaubernd!«

Kat machte ein unnahbares Gesicht.

Der Mann wandte nun seinen Blick zu Felicia hin. Felicia merkte, daß er sehr helle, fast blasse Augen hatte und eine Art, Menschen so intensiv anzustarren, daß sie sich eines Gefühles von Ekel nicht erwehren konnten.

»Tom Wolff«, stellte Kat mit kühler Stimme vor, »die Konkurrenz. Er besitzt ebenfalls eine Textilfabrik. Und das ist Felicia, meine Schwägerin.«

»Ah… ich wußte gar nicht, daß Alex einen so guten Geschmack hat!«

Niemand erwiderte etwas darauf. Wolff räusperte sich.

»Ich bin gekommen, um Kassandra zum Ball am Wochenende einzuladen. Das Komitee der Kriegshilfe der Münchener Industrie veranstaltet ein Tanzfest. Der Erlös geht an unsere Soldaten.«

Kat hob gelangweilt die Augenbrauen. »Ich weiß. Aber ich gehe bereits mit jemand anderem dahin. Sie sehen, Herr Wolff, Sie haben sich umsonst bemüht.«

Tom Wolff wurde blaß. Felicia beobachtete mit Vergnügen, wie unbeherrscht sich seine Finger zusammenkrampften und wieder öffneten. Sie fing ein amüsiertes Lächeln von Kat auf.

Sie spielt gern mit den Männern, dachte sie, und da sie diesen Zug an sich selber kannte, fühlte sie Sympathie für das junge Mädchen. Dann fiel ihr ein, daß für sie die Zeit des Flirtens vorüber war, und ihre Lippen preßten sich zusammen. Sie würde mit keinem Mann mehr spielen. Und kein Mann würde sie reizvoll finden, denn sie konnte nichts mehr versprechen. In plötzlich unerwartet heftigem Neid wünschte sie sich an Kats Stelle.

Eine ungemütliche Stille hatte sich in dem Zimmer ausgebreitet. Wolff hielt den Kopf beinahe demütig gesenkt, aber Wut und Ärger lauerten in seinem Gesicht. »Könnte ich beim nächsten Ball um Ihre Begleitung bitten?« fragte er leise.

Kat schien einen Moment zu überlegen. »Nein«, erwiderte sie, »nein, das glaube ich nicht.«

Die Tür ging auf, und Alex trat ein. Er wirkte überrascht.

»Wolff, sieh an«, sagte er, »was führt Sie zu uns?«

»Das hat sich schon geklärt«, entgegnete Tom Wolff gepreßt. Alex winkte dem Hausmädchen. »Fanny, begleiten Sie unseren Besucher hinaus. Leben Sie wohl, Wolff!«

Dies, das wußte Felicia, war der Gipfel der Unhöflichkeit. Lästige Handelsvertreter höchstens setzte man so unverfroren vor die Tür.

»Ihr könnt ihn nicht ausstehen, oder?« fragte sie, kaum daß er verschwunden war.

»Er ist ein Neureicher«, erklärte Kat, »und er findet keinen Platz hier in der Gesellschaft. Deshalb möchte er mich unbedingt heiraten, aber natürlich denke ich gar nicht daran. Er hat keine Manieren, und er wird nie richtig dazugehören.«

»Sag das nicht zu laut«, meinte Alex. Er schenkte sich einen Whisky ein, warf sich in einen Sessel und schlug die Beine lässig übereinander. »Wir haben Krieg. In Kriegszeiten kippt die Welt um, was unten war ist plötzlich oben, und wer oben war…« Er lachte. »Nun, wir werden sehen!«

Dann lächelte er sanfter. »Felicia, wie geht es dir?« fragte er. Seine Stimme klang warm, und unwillkürlich erwiderte Felicia sein Lächeln. »Es geht mir gut. Kat und ich verstehen uns hervorragend.«

Alex nahm einen tiefen Schluck Whisky. »Wie schön, daß du meine Familie so liebst!« Das klang etwas bitter. Felicia wußte, daß ihm dabei sein Vater durch den Sinn ging, und bei sich dachte sie: Oho! An diesem Punkt bist du also zu treffen! Alex unterdessen wechselte, wie er es gern tat, unvermittelt das Thema. »Die Türkei ist übrigens in den Krieg eingetreten!«

»Nein! Auf Seiten der Entente?!«

»Auf unserer Seite.«

»Wie gut!« rief Kat. »Vielleicht ist der Krieg doch bald aus!«

Alex kippte mit wütendem Schwung den restlichen Whisky hinunter. Seine Augen glühten vor Verachtung. »Ehe das Herbstlaub fällt!« Mit boshaftem Vergnügen beobachtete er, wie ein Regenschauer und ein heftiger Windstoß ein Bündel bunter Blätter von draußen gegen die Fensterscheibe schleuderte. Er stand auf, nahm das Glas und die Flasche und ging zur Tür.

»Ich gehe in die Bibliothek. Ich glaube, ich werde heute früh zuviel trinken, und das möchte ich euch nicht zumuten. Bleibt nur hier und träumt in aller Ruhe vom Ende des Krieges. Und, Kat, bitte, morgen gehst du ausnahmsweise wieder einmal in die Schule, ja?«

Die Tür fiel hinter ihm zu. Felicia starrte ihm nach. »Macht er das oft. Solche… solche«, sie suchte absichtlich nach einem brutalen Wort, »solche Besäufnisse?«

»Ja, weißt du es denn nicht? Er trinkt zuviel. Schon lange. Er ist so lebensverachtend oft, und manchmal denke ich, seine eigene Lästerlichkeit kommt auf ihn zurück und verfolgt ihn. Ich habe mir immer so sehr gewünscht, daß er glücklicher wird. Ich glaube, jetzt mit dir wird er es!« Kat strahlte. Schuldbewußt senkte Felicia die Augen.

Welch eine seltsame Familie, dachte sie, ein tyrannischer Vater, eine Tochter mit überspannten Nerven, ein Sohn, der zuviel trinkt und der…

Sie stutzte, weil ihr ein Gedanke durch den Kopf ging, der sie verwunderte. Gab es am Ende eine Gemeinsamkeit zwischen Maksim und Alex? Litt Alex am Leben geradeso wie Maksim? Vielleicht bestand der ganze Unterschied zwischen ihnen darin, daß Maksim die Welt verbessern wollte, Alex hingegen… trieb es ihn, gemeinsam mit ihr unterzugehen?

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»Vier Monate bis zum Fähnrichexamen«, sagte Christian, »was meinst du, Jorias, dauert der Krieg noch so lange?«

Jorias blickte auf. Sie saßen in einem kleinen Café in Lichterfelde, kauten mühsam an einem mit wenig Fett gebackenen Kuchen und starrten mißmutig hinaus in den verhangenen Dezemberhimmel. Es war Sonntag, aber zum erstenmal hatte Christian keine Lust gehabt, nach Hause zu fahren. Er wollte sich nicht von Elsa bemuttern lassen, während Johannes in Frankreich im Schützengraben lag und sein Vater in einem Lazarett im Osten Dienst tat. Elsas Angst um ihren ältesten Sohn ließ sie sich mit übertriebener Besorgnis um ihren jüngsten kümmern. Christian sträubte sich dagegen. Er verschlang die täglichen Frontberichte in der Zeitung, wünschte sich nichts sehnlicher, als dabei zu sein, und reagierte zunehmend gereizt, wenn er wie ein Kind behandelt wurde. »Was wird deine Familie sagen?« fragte Jorias. »Ich meine, wenn du dann an die Front gehst?«

»Meine Mutter wird sich sträuben. Aber sie wird nachgeben müssen.« In Christians grauen Augen glühten Eifer und Bereitschaft, und das entzündete das Feuer auch in Jorias.

Verrückt konnte man werden daheim, zwischen Schulbank, Exerzierplatz und Sonntagmorgenkaffee. Während der Arbeitsstunden schrieben sie Aufsätze »Warum ich meinen Kaiser liebe«, aber das Papier erschien ihnen allzu trocken unter ihren heißen Händen. Nicht schreiben wollten sie — sondern kämpfen! Was nützte es, dem Kaiser in dürren Silben Treue zu schwören, wenn es in diesen Zeiten nur einen Beweis gab, den auf dem Schlachtfeld! Sie waren jung, sie waren stark und gesund, und die Jahre in der Kadettenschule hatten Patriotismus und Hingabe in ihnen gesät; eine Saat, die nun schneller und heftiger aufging, als das jemand vorausgesehen hatte. Lieber sterben, als noch länger Sonntag für Sonntag in den stillen, bürgerlichen Straßen von Lichterfelde herumzutrotten.

»Mein Vormund schreibt, er kann es gar nicht erwarten, mich unter den Helden von Frankreich zu sehen«, sagte Jorias, »wir dürfen uns nur vor nichts fürchten. Meinst du, das gelingt uns?«

Ein alter Mann, der gerade vorbeischlurfte und diese Worte gehört hatte, blieb stehen. Seine Augen unter den buschigen Brauen funkelten zornig. »Diese verdammte Liebe zum Tod«, sagte er, »o Gott, diese verdammte Liebe zum Tod, mit der sie euch verseucht haben!«

Er wurde überschrien von einem Herrn am Nebentisch, der seiner Begleiterin soeben lautstark erklärte: »Die englische Seeblockade kann uns völlig kaltlassen, meine Liebe. Die wollen Deutschland von den Rohstoffmärkten abschneiden, aber sie unterschätzen unsere Industrie. Kein chilenischer Salpeter mehr zur Herstellung von Munition? Wozu Chile? Unsere Chemiker entwickeln ihn eben selber! Erst heute früh las ich, daß ein entsprechendes Verfahren kurz vor dem Abschluß stehen soll!«

Sein Blick fiel auf Christian und Jorias. Wohlwollend betrachtete er ihre Kadettenuniformen. »Das ist Deutschlands Zukunft! Na, Jungs, wann geht’s raus nach Frankreich?«

»So bald wie möglich.«

»So ist es recht. Haltet euch nur an das leuchtende Beispiel unseres großen Helden, des Siegers von Tannenberg, unseres hochverehrten Herrn Generalfeldmarschalls von Hindenburg!« Der Mann war sehr laut geworden, seine Stimme erzitterte vor Rührung. Einige Umsitzende applaudierten, als der Name Hindenburg fiel.

Christian und Jorias sahen einander an. »Weißt du was?« fragte Jorias leise. »Ich habe plötzlich das Gefühl, daß wir vielälter geworden sind. Seitdem der Krieg ausgebrochen ist, ist auch mit uns etwas geschehen. Ich denke manchmal an den letzten Sommer in Lulinn. Ich glaube, das war das letzte Mal, daß ich mich jung gefühlt habe.«

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Die Schneeflocken fielen langsam und sacht vom Himmel und breiteten sich als samtiger, weißer Teppich über die Straßen und Plätze Berlins. Alle Geräusche klangen gedämpft, der Himmel hing in schweren, grauen Wolken tief über der Stadt.

Fröstelnd zog Linda die Bettdecke bis unter das Kinn. Ihre Augen folgten Johannes, der aufgestanden war und sich anzuziehen begann. Erst als er in seiner Uniform dastand und den Pistolengurt umschnallte, richtete sie sich auf. »Mußt du wirklich nach Frankreich zurück?«

Er sah sie an. »Weihnachten ist vorüber. Andere haben überhaupt keinen Urlaub bekommen.«

»Aber es war so kurz.«

»Ich weiß. Ich gehe ja auch nicht gern.« Johannes setzte sich auf den Bettrand und strich mit einem Finger sacht über Lindas Augenbrauen. Linda betrachtete ihn verwundert. Er schien so ernst… »Hast du Angst?« fragte sie.

Johannes mußte lächeln. Er dachte an das, was man ihm seit seinem elften Lebensjahr beigebracht hatte: Der deutsche Soldat kennt keine Angst!

»Angst«, wiederholte er bedächtig, »ich weiß nicht. Die Angst wurde mir allzu gründlich ausgetrieben. Aber ich kann keine Begeisterung empfinden, ich konnte das nie. Die Kadettenschule ist eine Sache, der Krieg eine andere. Von Anfang an ist mir klargewesen, daß ich auf Menschen würde schießen müssen. Aber manches konnte ich mir nicht vorstellen. Als wir durch Belgien marschierten… Linda, ich habe gesehen, wie Zivilisten erschossen wurden. Alte Menschen, Frauen, Kinder, auf Marktplätzen zusammengetrieben und erschossen. Ein paar deutsche Soldaten waren aus dem Hinterhalt getötet worden, und, weiß Gott«, ein bitterer Zug verhärtete seinen Mund, »wir haben uns gründlich revanchiert. Als Löwen in Flammen aufging und die Schreie der Menschen durch die Nacht hallten, da… da wäre ich am liebsten davongelaufen. Mit jedem Tag wachsen meine Zweifel, Linda, und ein Soldat, der einmal angefangen hat zu zweifeln, ist ein schlechter Kämpfer!« Seine Stimme verlor sich, schweigend hing er Bildern und Erinnerungen nach. Scheu hob Linda die Hand, strich ihm über den Arm. Er zuckte zusammen und betrachtete das zarte, hübsche Gesicht seiner Frau, die kleine Nase, den weichen Mund, die großen, kindlichen Augen. Seine Worte hatten sie erschreckt, das begriff er, aber wirklich nachempfinden konnte sie sie nicht. Linda war nicht geschaffen, über Krieg und Frieden nachzudenken, nach Sinn und Wert zu suchen. Sie war eine Puppe, sanft, freundlich und kindlich, erzogen in einer Ordnung, die von Frauen erwartete, daß sie anmutig und schön sind und nichts weiter vom Leben verlangen, als für ihren Mann und ihre Kinder da zu sein. Die Männer stellten sich den Härten des Daseins, die Frauen warteten daheim, sie in ihre Arme zu nehmen, wenn sie müde und erfüllt zurückkehrten. Manchmal zweifelte Johannes, ob wohl diese sorgsam behütete Welt den Krieg überleben würde. Tief im Innern hegte er die Furcht, daß Glanz, Schönheit und Sorglosigkeit des Kaiserreiches bereits in ihren Grundfesten schwankten.

»Weißt du, ich wünschte, ich müßte nicht hier allein in Berlin bleiben«, sagte Linda, »es ist so einsam ohne dich. Und ohne Phillip. Immerzu muß ich an dich denken, und niemand lenkt mich ab.«

»Willst du nicht ganz zu meiner Mutter ziehen?«

»Nein… deine Mutter weint den ganzen Tag, gerade jetzt, wo auch Christian bald an die Front geht. Sie macht mich noch trübsinniger.«

»Und wenn du nach München gingest? Zu Felicia?«

»O…« Lindas Miene erhellte sich, »meinst du, das ginge?«

»Schick ihr doch ein Telegramm und frag sie. Ich bin ganz sicher, sie wird dich einladen.«

»Ja, ich werde es so machen. Wenn ich dich zum Bahnhof bringe, schicke ich das Telegramm ab.«

Am Bahnhof trafen sie Sara und Onkel Leo. Leo hatte eine schwarze Melone auf dem Kopf und trug einen Mantel mit Pelzkragen. Vom Revers wippte eine gewaltige rosarote Papierblume. »Mon dieu!« rief er, was bei einigen Umstehenden ein Stirnrunzeln auslöste, denn französische Worte galten als unpatriotisch. »Was sehe ich? Meinen werten Neffen Jo und seine entzückende junge Frau!« Wohlwollend betrachtete er Linda, die einen eleganten knöchellangen Mantel und eine kleine, kecke Pelzmütze trug. »So rosige Wangen, und das mitten im Winter! Ihr habt euren Urlaub wohl bis zum letzten Augenblick genossen, wie?«

Linda blickte rasch zur Seite, während Johannes verlegen murmelte: »Aber Onkel Leo!«

»Keine falsche Bescheidenheit bitte! Ich weiß die guten Seiten des Lebens zu schätzen. In deinem Alter… ach Gott, die tollsten Sachen haben wir da getrieben!«

»Wo willst du hinfahren, Onkel Leo?«

»Ich? Nun, jedenfalls nicht an die Front. Ich fahre nach Hamburg. Kenne ein paar nette Leute dort, die ich mal wieder besuchen sollte!« Er zwinkerte mit den Augen. »Die reizende Sara war so nett, mich hierher zu begleiten.«

Sara lächelte verhalten. Als Gast bei Felicia hatte sie Onkel Leo vor vielen Jahren kennengelernt, und Felicia hatte Leo damals beauftragt, das »graue Mäuschen« ein wenig aufzumuntern. Was dieser dann auch versucht und sich damit Saras schüchterne Zuneigung gesichert hatte — die er allerdings kaum zu würdigen wußte. Sara gehörte nicht zu den Frauen, die Leopold Domberg länger beachtete.

»Wahrscheinlich wittert Sara eine Tragödie in ihm«, hatte Felicia oft gespottet, denn Saras seherische Fähigkeiten schienen immer und überall das Drama zu erblicken. Tatsächlich wirkte sie heute verstört, als sie auf dem kalten Bahnsteig stand, die Hände tief in einem schwarzen Pelzmuff vergraben, einen langen schwarzen Kaschmirschal um den Hals geschlungen. Linda hatte plötzlich eine Idee.

»Möchtest du mich vielleicht nach München begleiten? Ich besuche Felicia für ein paar Wochen. Wir könnten beide ein bißchen Ablenkung gebrauchen.«

Sara hatte sich nie so weit von daheim fortgewagt und brachte hundert Bedenken vor, aber Linda fegte sie alle vom Tisch.

»Was ist schon dabei? Wir fahren zusammen, und in München haben wir Felicia!« Sie schleppte Sara, die sich der Form halber ein wenig sträubte, zum Telegraphenamt und gab hochzufrieden die vielversprechende Ankündigung auf: »Eintreffen Neujahrstag in München — hast du Lust auf längeren Besuch? Sara und Linda.«

7

Der Besuch dauerte tatsächlich länger. Im Mai waren Sara und Linda immer noch in München.

Nur gut, daß ich meine Freundinnen habe, dachte Felicia jeden Tag erleichtert, allein wäre es ja nicht auszuhalten!

Sie hatte beiden früher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, immer gefunden, daß es soviel interessantere Menschen gab.

Vor allem Männer. Felicia vermißte die Männer sehr. An der Front schossen sie einander tot, und sie saß hier und — war dem Vaterländischen Frauenverein in die Hände gefallen.

Es gab ein paar äußerst energische Damen in München, die sich mit ganzem Einsatz der Heimatfront widmeten, und es gab Leute, die scherzhaft behaupteten, ohne das unermüdliche Wirken dieser weiblichen Generäle läge Deutschland bei weitem nicht so gut im Rennen. Im Februar hatte die masurische Winterschlacht die Russen endgültig von deutschem Boden vertrieben — ein Gedanke, der Felicia ein wenig von ihrem Seelenfrieden zurückgab, dachte sie doch gerade im Frühjahr besonders heftig und sehnsüchtig an Lulinn: Die Kirschbäume im Obstgarten blühen, die Wiesen sind hellgrün und gesprenkelt mit kleinen weißen Blüten. Die Sonne steigt schon, ein kühler Wind weht, der nicht lau ist und keine Kopfschmerzen macht wie der in München, er ist über die Seen und Wälder von Masuren gestrichen oder über die salzigen Wellen der Ostsee, er ist frisch und klar.

Und gerade war dem deutschen General Falkenhayn ein erfolgreicher Angriff gegen die Russen bei Tarnow-Gorlice geglückt. Sicher, es dauerte nun schon etwas länger als gedacht, die Maisonne schien bereits, und bald jährte sich der Tag von Sarajewo, aber dann konnte es wirklich nur noch eine Frage von Wochen sein. Nur die Engpässe der Kriegswirtschaft machten das Leben ein bißchen schwierig. Die Blockade der Engländer zeigte ihre Wirkung. Die deutsche Landwirtschaft konnte den Bedarf an Lebensmitteln nicht länger decken, zumal auch viele Bauern an der Front waren und es auf den Feldern an Arbeitskräften fehlte. Um so wichtiger war es, den Markt zu organisieren und den Patriotismus am Brennen zu halten. Und in niemandes Händen war diese Aufgabe besser aufgehoben als in denen des Frauenvereins.

Der Name Lombard hatte einen guten Klang in München — vor allem wegen der Vorstellung von Geld, die sich mit ihm verband — so daß, als bekannt wurde, der junge Lombard habe geheiratet, sogleich eine Abordnung von Frauen in der Prinzregentenstraße erschien, entschlossen, die junge Berlinerin für die Sache zu werben. Es handelte sich um Damen aus befreundeten Familien, Frauen von Geschäftspartnern der Fabrik Lombard, und gegen ihre Überredungskunst hatte die überraschte Felicia keine Chance. Ehe sie es sich versah, gehörte sie dazu, und jammernd und stöhnend mußte sie bald erkennen, was das bedeutete: Ihre gesamte Zeit wurde verplant, unnachsichtig wurde darüber gewacht, daß sie ihr Soll an Einsatz erfüllte. Und das war nicht wenig.

»Wie ich das Strümpfestricken hasse«, sagte sie wütend zu Alex, »und diese endlosen Nachmittage, an denen nichts und gar nichts geschieht und wir über Kochrezepte reden, bei denen man kein Fett braucht und kein Mehl, und über die Verwertung von Küchenabfällen, und jedesmal räumen sie mir den halben Kleiderschrank aus für das Rote Kreuz… ach, ich hab es so satt!«

Alex lächelte. »Wo sind deine patriotischen Gefühle?«

»Die hatte ich nie, das weißt du doch!«

»Ich weiß, ja. Das war immer dein Problem, nicht? Du kannst dich nicht für eine Sache engagieren, sondern nur für dich selbst. Hat es nicht schon Menschen gegeben, die für diesen Zug deines Wesens nicht das allergeringste Verständnis aufbrachten?«

Es gab nichts was sie so haßte, wie derlei Anspielungen.

»Wenn du es doch aufgeben könntest, über Dinge zu reden, von denen du nichts verstehst!« fauchte sie leise und verließ das Zimmer.

Es gab Tage, an denen sie sich verzweifelt fragte, warum sie diesen Mann geheiratet hatte. Er war ihr fremd, oft schien es ihr, als werde er ihr mit jedem Tag noch fremder. Hier in diesem düsteren alten Stadthaus, in dem er seine Jugend unter der Fuchtel eines verknöcherten Tyrannen und in engster Verbundenheit mit einem hochsensiblen, übernervösen Mädchen verbracht hatte, hätte sie versuchen können, den Mann, den sie aus einer Laune heraus geheiratet hatte, zu verstehen, seine Vorliebe für harten Alkohol, seine Menschenverachtung und seine rasch wechselnden Stimmungen zu begreifen, aber es lag ihr nichts daran, diesen Versuch zu machen.

Sie sah von Alex nicht mehr als das, was er nach außen hin zeigte, und dieses Bild gefiel ihr nicht. Sie war überzeugt, nie im Leben unglücklicher gewesen zu sein als in dieser Münchener Zeit, und mehr als alles andere haßte sie den Krieg, der sie zwang, ihr Dasein mit Beschäftigungen zuzubringen, zu denen sie nicht die allergeringste Lust verspürte.

Zweimal in der Woche traf sich das Strickkränzchen in der Prinzregentenstraße. Es grämte Felicia, daß sie den Damen dann jedesmal etwas zu essen anbieten mußte. Zucker und Mehl waren rationiert und nur noch auf Marken erhältlich, und Felicia, für die Kuchen und Plätzchen früher das Selbstverständlichste auf der Welt gewesen waren, sah nun mit schlecht verhohlenem Ärger zu, wie sich die dicke Klara Carvelli ungeniert ein Stück Kuchen nach dem anderen in den Mund schob und die offenherzige Auguste Breitenmeister den teuren Kaffee hinunterschüttete, als handele es sich um Quellwasser. Dabei strickten sie Reihe um Reihe oder wickelten Verbandmull auf und wirkten so selbstgerecht, daß es einem die Sprache verschlagen konnte.

Lydia Stadelgruber, die dritte im Bunde, erschien stets in Begleitung ihrer Tochter Clarisse, die einen Verlobten an der Ostfront hatte und viel Aufhebens darum machte. Ihren Erzählungen nach ging Tarnow-Gorlice ganz allein auf das Konto des jungen Mannes. Clarisse liebte es, tiefsinnige Betrachtungen über Verzicht und Opferbereitschaft der deutschen Frau anzustellen. Sie errang sich damit die Zuneigung Clara Carvellis, die einen Sohn in Frankreich hatte, und die von Linda, der von allen Seiten ein Höchstmaß an Zuwendung entgegengebracht wurde, denn sie erwartete ein Kind, und sie war sehr stolz darauf. Die Frage, ob dieses Kind wohl je seinen Vater kennenlernen würde, war ein beliebtes Thema im Kränzchen. Lindas Angst um Jo war nie gespielt gewesen, aber während sie in Berlin ihrer Furcht allein ausgeliefert gewesen war und sehr darunter gelitten hatte, begann sie sie hier in diesem Kreis mitfühlender Frauen beinahe wohlig zu genießen. All das Gerede von Opfer und Mut beeindruckte sie tief und erfüllte sie mit der Bereitschaft zu tragen, was immer das Schicksal ihr auferlegen würde.

Dieser unselige Krieg wäre viel schneller zu Ende, wenn die Frauen nicht so viel faseln würden von Ehre und Entsagung, dachte Felicia oft verärgert. Warum nur erklärt eine Frau wie Linda ihrem Mann nicht klipp und klar: Wir haben geheiratet, ich bekomme ein Kind, nun bleib gefälligst bei mir und setz nicht dein Leben aufs Spiel, damit ich das Kind nicht womöglich allein großziehen muß! Das wäre ihr gutes Recht. Aber nein… nachts weint sie sich still und leise die Augen aus, und tagsüber erzählt sie jedem, ob er es hören will oder nicht, daß sie stolz und glücklich ist darüber, daß der Vater des Kindesin Frankreich steht und bereit ist, für Deutschland und den Kaiser zu sterben! Kein Wunder, daß es die Männer dann berauschend finden, ins Feld zu ziehen.

An einem warmen Maitag saßen sie wieder einmal alle im Wohnzimmer des Hauses am Prinzregentenplatz und strickten eifrig. Die Sonne schien durch die Fenster, und von draußen klang das Lachen einiger Soldaten, die mit einem Mädchen flirteten. Felicia hob immer wieder den Blick, sah hinaus und seufzte schwer. Sie trug ein neues, sehr schönes Kleid aus violettem Musselin, mit einem breiten Einsatz aus tiefrosafarbenem Samt in der schmalen Taille, aber ihre Freude daran trübte die Erkenntnis, wie sinnlos es war, sich hübsch anzuziehen, wenn einen doch niemand ansah als ein Vierteldutzend alter Hennen, denen die Mißbilligung über so viel unverhohlene Eitelkeit deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Hätte sie wenigstens im Englischen Garten spazieren gehen können…

»Dieser Tag ist fast zu schön, um ihn im Zimmer zu verbringen«, sagte sie hoffnungsvoll. Niemand reagierte, bis auf Kat, der das Stillsitzen ebenfalls schwerfiel. »Ja, das wäre ein Tag, um sich in die Sonne zu setzen«, meinte sie sehnsüchtig. Ihre dunklen Augen irrten ruhelos durch das Zimmer. Auguste blickte sie mißbilligend an. »Wirklich, Kassandra, so solltest du nicht reden. Der Krieg ist nicht dazu da, sich zu amüsieren. Unsere tapferen Helden an der Front können auch keinen Spaziergang machen!«

»Aber sie langweilen sich bestimmt nicht halb so sehr wie wir«, murmelte Felicia halblaut, glücklicherweise ohne daß es jemand hörte. Eine Weile klapperten wieder nur die Stricknadeln, dann unterbrach Auguste die Stille. »Ich habe eine Idee, die ich hier gerne vortragen würde. Vielleicht geht ihr ja darauf ein…«

»Bitte, Auguste, wir hören zu«, entgegnete Clara. Augustes dezente Ankündigung war eine reine Farce, das wußten alle, denn sie setzte immer durch, was sie wollte, und »Idee« war bei ihr gleichbedeutend mit »Befehl«, doch eisern hielten sie und die anderen Frauen am täglichen Ritual eines demokratischen Schauspiels fest.

»Es gäbe eine Möglichkeit, ein bißchen Geld zu sammeln das wir dann dem Roten Kreuz zugute kommen lassen — außerdem macht es Spaß. Und es verbessert unsere Sprache. Viele Leute spielen dieses Spiel schon.«

»Und was ist es?«

»Ist euch einmal aufgefallen, wie viele ausländische Worte wir in unserem Sprachschatz haben? Besonders französische. Gedankenlos sagen wir Pompadour, wenn wir ein Täschchen meinen, oder Portemonnaie, wenn wir auch Geldbörse sagen könnten. In diesen Zeiten erscheint mir das äußerst unpatriotisch.«

»Da hast du eigentlich recht«, meinte Lydia nachdenklich. Auguste runzelte die Stirn. Sie setzte voraus, daß sie recht hatte. »Die Menschen, die diese Sprache sprechen«, fuhr sie fort, »schießen auf unsere Männer, Brüder und Söhne. Als wahre Deutsche sollten wir uns dem verderblichen Einfluß ihrer Sprache entziehen. Ich schlage daher vor, wer immer in diesem Kreis in Zukunft ein französisches oder englisches Wort benutzt, muß zehn Pfennig bezahlen. Und wenn genug Geld beisammen ist, machen wir eine nützliche Anschaffung für das Rote Kreuz.«

Der Vorschlag wurde begeistert begrüßt. Auguste konnte sich wieder einmal im allgemeinen Lob sonnen. Kat brachte eine große Tonschüssel, die in die Mitte des Tisches gestellt wurde und für das Bußgeld bestimmt war. Glücklich über den neuen Spaß und bestrebt, rasch ein paar klingende Münzen zusammenzubekommen, ließ sich in der nächsten Stunde jeder so viele französische Wörter einfallen wie nie zuvor. »Pardon«, sagte Clarisse, als ihr eine Stricknadel auf den Boden fiel, und gleich darauf schrie sie mit gespieltem Schreck: »O nein! Wiedumm von mir! Entschuldigung, wollte ich natürlich sagen!«

Linda, mit ihrer Schwangerschaftsübelkeit kämpfend, verlangte piepsend, zur Chaiselongue in die Ecke geführt zu werden, was einen entzückten Trubel auslöste. »Sofa, Kind, Sofa!« rief Clara Carvelli, »zehn Pfennig bitte!«

Und Lydia stürzte die Runde in Ratlosigkeit, indem sie sich erkundigte, ob es erlaubt sei, etwas als »burgunderfarben« zu bezeichnen, da doch Burgund nicht eigentlich ein französisches Wort sei, jedoch…

Felicia stützte den Kopf in die Hände und blickte zum Fenster hinaus. Heimweh und Langeweile überfielen sie mit solcher Heftigkeit, daß sie am liebsten geweint hätte, aber sie verbiß es sich, weil sie sich den Fragen der anderen nicht aussetzen wollte. Sie konnte die Begeisterung ihrer Freundinnen nicht teilen, sie würde es nie können. Ihr Herz erbebte nicht, wenn sie an Deutschland dachte, daher konnte es auch nicht im Zorn erzittern, wenn ein französisches Wort fiel. Es schmerzte höchstens, weil sie an Onkel Leo denken mußte, der Frankreich und die Franzosen liebte und sie immer »ma petite« oder »mon amour« gerufen hatte.

»Nun zur Altmaterialsammlung«, sagte Auguste, »ich habe mit der Vorsitzenden der hiesigen Zweigstelle des Roten Kreuzes einen jour fix vereinbart, an dem wir… oh!«

Lautes Stimmengewirr hob an. »Aber Auguste! Nicht jour fix: ein regelmäßiges Treffen höchstens.«

»Zehn Pfennig, meine Dame!«

Sara schwenkte die Schüssel, in der es schon verheißungsvoll klirrte. »Wir haben schon einiges beisammen. Bis jetzt hat nur Felicia nichts gespendet!«

»Ich habe mich eben nicht verplappert.«

»Ja, weil du fast gar nichts gesagt hast«, meinte Linda, »komm, du mußt auch etwas geben! Sag ein französisches Wort.«

»Ich weiß keines…«

»Irgendeines. Was dir gerade einfällt.«

Felicia betrachtete den grauen Strickstrumpf in ihrem Schoß, stahl sich mit den Augen einen flimmernden Sonnenstrahl von draußen, kehrte in das dunkle Zimmer zurück.

»Tristesse«, sagte sie und zückte ihren Geldbeutel.

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»Christian hat sein Fähnrichexamen mit Auszeichnung bestanden«, schrieb Elsa. Ihre sonst klare, flüssige Schrift erschien zittrig und verschwommen. »Ich wünschte, er hätte nie eine Kadettenschule von innen gesehen! Noch ein paar Übungen und er geht an die Front. Nach Frankreich…«

Hier verwischte sich die schwarze Tinte zu einem großen Fleck. Johannes faltete das zerknitterte, schmutzige Papier zusammen und schob es in eine Tasche seiner Uniform. Wie jeden Brief aus der Heimat hatte er auch diesen, seitdem er angekommen war, wenigstens ein dutzendmal gelesen und dabei Bilder und Erinnerungen an daheim heraufbeschworen: Er konnte den Sekretär sehen, an dem Elsa ihre Briefe schrieb, die topasfarbenen Vorhänge vor den Fenstern, mit denen sie das allzu helle Tageslicht aussperrte. Gedämpft fiel die Sonne ins Zimmer, schwach klangen die Straßengeräusche herauf.

Er konnte den Duft von Elsas Parfüm riechen.

Arme Mama, dachte er. Ihr Bild verschwamm. Er war wieder in Frankreich, irgendwo an der Aisne, in einem kleinen, von Granaten zerbombten Dorf, und spürte ein beißendes Hungergefühl im Magen. Der Hunger war beinahe schlimmer als die Müdigkeit. In der vergangenen Nacht hatte es ein kurzes Gefecht mit den Franzosen gegeben, aber sonst war alles ruhig geblieben, und die wachehaltenden Soldaten hatten erbittert mit dem Schlaf ringen müssen. Die eigentlichen Feinde der Deutschen in diesem Sommer 1915, als sich die Front um keinen Schritt bewegte, schienen Johannes der Hunger, die Läuse und die Ruhr zu sein. Die Versorgungsprobleme der Armee wurden jeden Tag offensichtlicher, und es gab kaum einen Soldaten, der seine Eingeweide nicht zum Teufel gewünscht hätte.

Irgendwo mußten gerade eine Menge Schweinenotgeschlachtet worden sein, weil die Bauern sie offenbar nicht mehr füttern konnten; vor acht Tagen jedenfalls hatte es für jeden Schweinefleisch gegeben, soviel er nur wollte. Johannes hatte den Hunger wohlweislich vorgezogen, aber die anderen verschlangen, was sie nur erwischen konnten. Die ungewohnte Fettzufuhr brachte sie fast um. Die Kompanie kotzte eine Nacht lang; mit grauen Gesichtern, schweißnassen Nasen und zitternden Lippen gaben es die Männer auf, sich einen Rest von Würde bewahren zu wollen.

Johannes, der Stunde um Stunde einen Kameraden in den Armen gehalten hatte, der bis zur vollkommenen Erschöpfung erbrechen mußte und ohne fremde Hilfe nicht stehen konnte, fragte sich, ob Christian wußte, was ihn an der Front erwartete. Konnte er sich vorstellen, wie zermürbt die »Helden« nach einem Jahr Krieg waren, wie müde und ausgebrannt und leer. Sie hatten einen eisigkalten Winter lang in den Schützengräben ausgehalten, und sie hatten gesehen, wie ganze Reihen von Menschen im Kugelhagel zusammenbrachen.

Johannes konnte sich nicht erinnern, jemals Begeisterung für den Krieg empfunden zu haben.

Er hatte stets einen leisen Schauder gespürt, wenn andere um ihn herum mit Begeisterung vom Kämpfen sprachen. Alles in ihm lehnte sich dagegen auf. Besonders, wenn er sich an seine Kindheitssommer auf Lulinn erinnerte (mitten im wildesten Gefecht sah er die Eichenallee vor sich oder hörte das Wiehern der Pferde am frühen Morgen) oder wenn er an seine Mutter dachte und an Linda. Und an das Kind.

Linda hatte ihm die Neuigkeit von ihrer Schwangerschaft derart kompliziert und verschlüsselt mitgeteilt, daß er Stunden gebraucht hatte, um zu enträtseln, was sie eigentlich meinte. Seitdem er es wußte, hatten sich sein Zorn auf den Krieg und seine Entschlossenheit, ihn zu überleben, noch um ein Hundertfaches verstärkt. Aber das Leben würde nicht dort weitergehen, wo es im August 1914 stehengeblieben und dann in diesen irrsinnigen, atemberaubenden, tödlichen Strudel geraten war, nichts würde sein, wie es gewesen war. Auch nicht für Christian, dachte Johannes ahnungsvoll, keinen Fisch kann er töten, aber nach Westen wird er fahren wie in das größte Abenteuer seines Lebens, angefüllt mit den Worten seiner Lehrer von Pflicht und Schuldigkeit und Ehre und preußischer Tradition… aber von den Lazaretten weiß er nichts und von den Schreien der Verwundeten, von der Ruhr und dem Hunger, von dem kalten Schlamm der Schützengräben…

»Nun, Degnelly, wie geht’s?« Ein Freund von Johannes aus der Kadettenschule, dessen linkes Auge seit einem halben Jahr ununterbrochen nervös zuckte, trat heran, zog ein Taschentuch hervor und wischte sich über das erhitzte Gesicht. »Guter Gott, ist das warm heute! Ich war gerade im Lazarett. Da drinnen hältst du es nicht aus. Da wird man ja nur noch kränker.«

»Haben Sie Phillip gesehen?« erkundigte sich Johannes. Phillip litt seit beinahe drei Wochen an einem unerklärlichen Fieber, und Johannes hatte sich große Sorgen um ihn gemacht.

»Es geht ihm besser. Aber er sieht natürlich zum Gotterbarmen aus. Trotzdem hat er verdammt viel Glück: Sie schicken ihn für vierzehn Tage auf Urlaub.«

»Er fährt nach Berlin?«

»Nach München. Zu seiner Schwester. Sind Sie nicht mit ihr verheiratet?«

»Doch«, sagte Johannes. Er kramte einen Stift und ein Stück Papier hervor. »Ich werde ihm einen Brief für sie mitgeben.« Während er sich ein paar heitere, zuversichtliche Sätze abrang, verspürte er plötzlich den heftigen Wunsch, Linda aufrichtig sagen zu können, wie verflucht dreckig es ihm ging und wie alt und verbraucht er sich zu fühlen begann.

Doch er wußte, Linda hätte das beunruhigend underschreckend gefunden — und nicht verstanden.

___________

Kaum sahen sie einander das erstemal, verliebten sich Kat und Phillip ineinander, und die Familie, die geglaubt hatte, dies sei wieder nur eine von Kats vorübergehenden Euphorien, mußte einsehen, daß es diesmal ernst war. In den zwei Wochen von Phillips Urlaub trennten sie sich kaum eine Minute; nur nachts, worauf Jolanta, die Haushälterin, mit der Unnachgiebigkeit und Strenge einer preußischen Gouvernante achtete. Insgeheim hegte sie den düsteren Verdacht, die beiden Verliebten würden versuchen, sich über Anstand und Moral hinwegzusetzen, weshalb sie nachts stundenlang wachlag und auf jedes Geräusch im Haus lauschte. Hörte sie es irgendwo knacken oder rascheln, schoß sie mit einer Lampe in der Hand und einem wollenen Tuch um die Schultern aus ihrem Zimmer, um die Sittenlosen auf frischer Tat zu ertappen, wobei sie einmal die arme Sara, die sich noch ein Glas Wasser holen wollte, fast zu Tode erschreckte und ein anderes Mal einen betrunkenen Severin erwischte, der aus dem Hofbräuhaus kam und torkelnd die Treppe hinaufzuschleichen versuchte. Außerdem kam sie Linda auf die Schliche, die es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, wenn alle schliefen in der Küche noch einmal Jagd auf etwas Eßbares zu machen.

»Kaum zu glauben, was in diesem Haus weit nach Mitternacht noch alles los ist«, sagte sie entrüstet zu Fanny, dem Hausmädchen, »aber wenigstens ist der fremde Offizier nicht bei unserer Kassandra gewesen, dafür kann ich meine Hände ins Feuer legen.«

Kat entging die beständige Überwachung natürlich nicht, aber auf ihren Protest hin erklärte Jolanta nur, sie halte es für ihre Pflicht, das naive, unerfahrene Kind zu beschützen, »solange du nichts bist als ein kleines Schulmädchen und keine Ahnung von den Männern hast!«

Felicia war zunächst etwas gekränkt gewesen, denn Phillip hatte sich einmal sehr für sie interessiert, und sie hätte nicht gedacht, daß er sich so schnell würde trösten können. »Ich bin gespannt, wie lange das anhält«, sagte sie zu Alex, »Kat hat sich nie lange für etwas begeistern können!«

»Sie braucht jemanden, der ihr Halt gibt«, erwiderte Alex, »und ich glaube, Phillip kann ihr den geben. Er ist der Mensch, auf den sie gewartet hat.« In seiner Stimme klang etwas, das Felicia stutzen ließ. »Du sagst das so… so…«

»Wie denn?«

»Na ja, als würdest du glauben, daß jeder Mensch auf einen anderen bestimmten Menschen wartet…«

»Glaubst du das nicht?«

Sie wollte ihm eine patzige Antwort geben — sie hatte manchmal das Gefühl, anders als patzig gar nicht mit ihm reden zu können —, aber seltsamerweise erstarb ihr die Bosheit diesmal auf der Zunge. Es war selten, daß er in ihrem Innern etwas anzurühren vermochte, aber diesmal war es ihm geglückt, und sie konnte nichts sagen, was hart oder böse gewesen wäre. Ihr Gesicht nahm einen sanften Ausdruck an.

Alex lächelte verachtungsvoll. »Du glaubst es schon«, sagte er und stand auf. Er nahm die Whiskyflasche aus dem Schrank, schenkte sich ein Glas voll und leerte es in einem Zug. »Vielleicht«, er bedachte Felicia mit einem scharfen, mitleidslosen Blick, der sie ganz durchdrang und scharf analysierte und weder Zorn noch Liebe für das, was er sah, ausdrückte, »vielleicht müßte irgend etwas geschehen, damit du erwachsen wirst. Und — es wird auch geschehen. Weißt du, ihr alle, du und deinesgleichen, ihr seid eine feine, lustige Gesellschaft, die auf einem schillernden, bunten Regenbogen tanzt und überhaupt nicht merkt, daß sie sich bereits der abschüssigen Stelle nähert. Ein Bogen, Liebste, hat es an sich, daß er hoch und wieder hinunter geht. Aber ist ja auch egal…«

Die Tür ging auf, und Severin trat ein. »Habt ihr gehört, was Kat vorhat?« fragte er. »Einen Ball will sie veranstalten in unserem Haus. Für alle Freunde und Bekannten und die Soldaten aus dem Lazarett. Ahhh… was das wieder kosten wird!« Ächzend — denn sein Rheuma plagte ihn — fiel er in einen Sessel. »Jetzt, wo alles rationiert ist. Ich wette, ein neues Kleid braucht sie auch. Hat es ihr ja schwer angetan, der junge Offizier aus Berlin!« Zu Felicia gewandt, doch mit einem Seitenblick auf seinen Sohn, fügte er hinzu: »Der zählte wohl früher zu deinen Verehrern, wie? Da ist etwas zwischen euch…«

Felicia wußte, daß der Alte sie provozieren wollte, und lächelte. Doch Alex stellte klirrend sein leeres Glas ab und ging zur Tür.

»Deine Anzüglichkeiten waren schon weniger plump, Vater, und wesentlich raffinierter«, sagte er und verließ das Zimmer.

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»Also, wir gehen jetzt hinein«, bestimmte Felicia. Sie stand mit Sara und Linda hinter der Flügeltür, die zum großen Saal führte, und spähte durch einen Spalt in das Getümmel. Wie immer, wenn Kat etwas wollte, hatte sie auch diesmal durchgesetzt, daß alle ihre Wünsche erfüllt wurden. Es gab eine eigene Kapelle, die auf einem kleinen Podest am Ende des Saals postiert war, und eine Gärtnerei hatte Blumen geliefert. Rosen blühten vor den Fenstern; Margeriten, Levkojen, blutroter Mohn und duftender Jasmin ragten aus allen Vasen. Wo es nur Platz gab, standen Kerzenleuchter, große, einarmige goldene Halter, zwölfarmige aus altem Silber, dazwischen solche aus weißem Porzellan, von porzellanen Blütenranken umschlungen. Es gab rote und honigfarbene Kerzen und dazwischen, mit Wachs unauffällig in kleinen Vasen oder Tassen befestigt, die deutsche Fahne in allen Größen — als kleiner Papierwimpel ebenso wie als gewaltiger, von Auguste selber gehäkelter Wandbehang, der zwischen die beiden hohen Bogenfenster an der Längsseite des Raumes gespannt worden war. Am Kopfende hing ein Porträt des Kaisers im silbernen Rahmen, getreu den Nationalfarben mit roten, weißen und schwarzen Seidenblüten geschmückt.

Darunter saßen des Kaisers Streiter. Es war eine etwas klägliche Schar, wie zerrupfte Krähen anzusehen, hohläugig und blaß, in viel zu weite Uniformen gekleidet, die wie alte Säcke um die mageren Körper herumschlabberten. Sie hatten sich aus dem Lazarett hierhergeschleppt, um endlich wieder einmal etwas Abwechslung zu finden, sich zu amüsieren und hübsche Mädchen zu sehen.

Viele bewegten sich nur an Krückstöcken oder mußten von einer Schwester im Rollstuhl geschoben werden, andere trugen einen Arm in der Schlinge oder hatten einen breiten Verband um die Stirn. Hier und da blitzten abenteuerliche schwarze Piratenklappen über verletzten Augen auf, aber die bleichen Gesichter darunter zeigten keinen Ausdruck der Verwegenheit.

Die Frauen hatten sich so schön wie möglich zurechtgemacht, um die Männer die Erinnerung an vergangene und die Angst vor kommenden Schrecken vergessen zu lassen. Natürlich litt auch die Textilindustrie bereits unter Engpässen, aber man konnte ja alte Kleider auftrennen und neue daraus arbeiten. Die Mode war seit Kriegsausbruch wieder sehr weiblich geworden: tief ausgeschnittene Kleider, schmale Taillen und weite schwingende Röcke, die mit Spitzen und Rüschen besetzt waren und beim Tanzen wie bunte Flügel um die Trägerinnen herumflogen. Diese »Kriegs-Krinoline«, wie mancher sie spöttisch nannte, war Ausdruck eines radikalen Bewußtseinswandels, der seit dem August 1914 eingesetzt hatte. Frauenbewegung und Reformfragen traten in den Hintergrund, viele Frauen nahmen begeistert die alte Rolle wieder an: Mütter, Frauen, Schwestern und Bräute der Soldaten wollten sie sein und ihnen jeden Tag neu beweisen, mit welch unerschütterlichem Glauben sie ihnen, ihrem Mut, ihrer Überlegenheit vertrauten.

Was Felicia betraf, so gefiel ihr die neue Mode, weil sie ihre schlanke Taille und ihre schönen Schultern zur Geltung brachte. Sie hatte natürlich auch auf einem neuen Kleid bestanden — fliederfarbener Georgette mit einer Reihe echter Brüsseler Spitze am Saum —, und zum erstenmal seit langer Zeit hatte sie wieder das Gefühl, sich wirklich zu amüsieren. Es gab noch genügend Soldaten, die unverletzt waren und tanzen konnten, und mit ihnen zu flirten, fiel heute abend unter die patriotische Pflicht. Die Matronen saßen in einer Ecke, fächelten sich Luft zu, da der Juliabend von drückender Schwüle war, und spielten unverdrossen und mit unverminderter Begeisterung das Spiel: Wie vermeide ich französische Wörter und ersetze sie durch deutsche?

Pflichtschuldig hatte Felicia geglaubt, sie müsse wenigstens den ersten Tanz mit Alex tanzen, aber der lehnte mit gekreuzten Beinen und verschränkten Armen an der Wand und betrachtete, zwar amüsiert, doch distanziert, das Leben und Treiben um ihn herum. »Nein, nein, heute abend mußt du dich ganz unseren tapferen Kriegern widmen«, sagte er, »sieh nur diesen hübschen, blassen Jungen da drüben, der dich so sehnsüchtig anblickt! Na komm, lächle ihm zu!«

Brüsk wandte sie sich ab und lächelte den Fremden an. Sogleich war er bei ihr und bat sie um den nächsten Tanz.

Warte nur, dachte Felicia grimmig, ich kann jeden Mann im Saal haben, und dich lass’ ich schmoren!

Sie flirtete so heftig und aggressiv mit jedem Mann, der ihren Weg kreuzte, daß da und dort bereits Geraune laut wurde. Auguste lehnte sich zu Lydia hinüber. »Sie treibt es ein bißchenweit, Lydia, findest du nicht?«

Die sanfte Lydia dachte nie etwas Schlechtes von anderen Menschen. »Sie wird sich sagen, daß alle diese Männer bald wieder in ein Ungewisses Schicksal gehen. Und daß sie die Erinnerung an das Lächeln einer schönen Frau bitter nötig haben werden.«

Auguste, weit weniger gutgläubig, schnaubte verächtlich.

»Lächerlich, von Felicia Lombard etwas Gutes zu denken. Das Mädchen ist kalt bis ins Herz und wird es immer bleiben. Ich sage dir, Lydia, Felicia kennt niemanden als sich selbst. Und sie…« Augustes Stimme klang wie ein Grollen, »sie hat etwas Verdorbenes an sich!«

»Aber schau nur, wie glücklich Kat aussieht«, sagte Lydia, die nicht gern lästerte, rasch, »sie hat bereits den ganzen Abend nur mit ihrem Offizier getanzt!«

»Ich frage mich, warum erst Alex und nun auch noch sie sich ihre Auserwählten in Berlin suchen müssen. Als ob wir nicht genug passende Partien in München hätten!« Auguste betrachtete alles, was sich jenseits der Donau abspielte, mit größtem Mißtrauen. »Kat sollte Tom Wolff heiraten. Er will sie doch unter allen Umständen!«

»Aber Auguste!« Lydia war entsetzt. »Der ist nicht standesgemäß!«

»Standesgemäß! Standesgemäß! Er hat eine glänzende Zukunft vor sich. Dieser Tom Wolff wird eines Tages steinreich sein. Die Frauen werden sich schon bald alle Finger nach ihm lecken!«

»Kat hat es nicht nötig, auf Geld zu sehen.«

»Vielleicht doch einmal. Ihr Vater lebt nicht ewig, und Alex…« Sie schwieg, aber es war allzu deutlich, was sie über Alex dachte. Sie hielt den Alkohol für das größte Laster der Menschheit, und da jeder Alex’ bedauernswerte Neigung zu harten Getränken kannte, gab sie keinen Pfifferling mehr auf ihn. »Ach«, sagte sie und kniff die Augen zusammen, »ist dort nicht überhaupt Wolff? Es ist schon befremdlich, mit welcher Gelassenheit er sich in unseren Kreisen bewegt!«

Gelassenheit war in Wirklichkeit das letzte, was Wolff in diesen Minuten empfand. Er fühlte sich unbehaglich, bemerkte sehr wohl, daß er hochgezogene Brauen und Stirnrunzeln hervorrief, und versuchte, seine Unsicherheit hinter einer hochmütigen Miene zu verbergen, was ihm an diesem Abend weniger denn je gelang.

Pack, dachte er zornig, eines Tages sollen sie bluten dafür!

Seit dem Tag, da er, der bettelarme Bauernsohn aus dem Bayerischen Wald, dem verarmten Anwesen seines versoffenen Vaters und seiner schwindsüchtigen Mutter den Rücken gekehrt und den festen Entschluß gefaßt hatte, reich zu werden, hatte ihn die Münchener Geldaristokratie mit Gleichgültigkeit, Spott oder verletzender Herablassung behandelt. Es kümmerte sie wenig, daß er härter arbeitete als einer von ihnen und daß er sein Geld mit einer Verbissenheit hortete, die dem größten Geizhals der Welt noch Ehre gemacht hätte, im Gegenteil, sie lachten noch darüber. Wolff schwieg, aber er notierte sich jedes hochmütige Lächeln, jede Zurückweisung, jeden Fußtritt, den er einstecken mußte. Irgendwann, das war der einzige und unerschütterliche Glaube seines Lebens, irgendwann würde seine Zeit kommen. Er war cleverer als sie, durch seine Adern floß frisches Blut, Körper und Geist hatten sich nicht über Jahrhunderte hinweg in genußreichem Wohlleben, in weichen Sesseln verschlissen. Er war wach. Er konnte warten. Sich erinnern. Sich rächen. Er entdeckte Felicia, die sich zwischen zwei Tänzen ausruhte und einen der von Jolanta für das Fest gebackenen Pfannkuchen verzehrte. Jolanta hatte geflucht und gestöhnt, weil sie nicht wußte, wie sie mit ihren Lebensmittelmarken auskommen sollte, und nur unter Aufbietung aller kochkünstlerischen Raffinessen war es ihr geglückt, aus nichtvorhandenen Vorräten eine Art Teig herzustellen, den sie so lange streckte, daß eine stattliche Anzahl Pfannkuchen dabei herauskam. Da sie praktisch kein Fett verwandte, bröselte das Gebäck schon, wenn man es nur ansah, und nachdem jeder Gast einmal die Peinlichkeit durchlebt hatte, nach dem Essen eines Pfannkuchens plötzlich in einem Meer von Krümeln zu stehen, auf das die anderen Gäste mit indignierten Mienen starrten, rührte keiner mehr etwas an, sondern beteuerte mit hungrigen Augen, völlig satt zu sein. Felicia hatte wenig Skrupel; zu diesem Schluß war Wolff gekommen, als er sie das erstemal in diesem Haus getroffen hatte, und die Erkenntnis kam ihm heute wieder. Er fand sie keineswegs sympathisch, denn er witterte in ihr dieselbe Willenskraft und den unverbrauchten Eigensinn, über die er selbst verfügte, und wie jeder sehr ehrgeizige Mensch liebte er es nicht, seine Stärken in anderen Menschen zu entdecken. Aber obwohl sie aus jener Gesellschaftsklasse stammte, die er so haßte, und obwohl sie zweifellos noch ein sehr törichtes junges Ding war, empfand er für sie nicht die Verachtung, die der Rest der lustigen Gesellschaft an diesem Abend in ihm hervorrief. Sie alle kamen ihm vor wie eine Schar aufgedrehter, degenerierter, eingebildeter Snobs, die in einem bereits reichlich angeschlagenen Schiff über ein stürmisches Meer fuhren und die, sollte dieses Schiff kentern, mit staunenden Augen und zu einem Oh geöffneten Mündern untergehen würden.

Zieh ihnen die Planken unter den Füßen weg, und sie gehen alle zum Teufel, sagte er sich immer wieder.

Aber Felicia — die würde sich einen Rettungsring zu greifen wissen. Ein Orkan konnte ihr im Innersten nichts anhaben — das begriff er mit demselben Instinkt, mit dem er taugliche junge Pferde und Rinder von solchen unterschied, die husten und lahmen würden, ehe sie zwei Jahre alt waren.

Er schlenderte heran und grüßte grinsend. »Guten Abend, Frau Lombard. Wie geht’s?«

Sie sah auf, aus tiefen Gedanken erwachend, wie ihm schien. »Ach, Sie sind es«, sagte sie zerstreut, »hat Kat Sie eingeladen?«

Die Frage traf ihn wie eine Ohrfeige, aber er konnte seinem Gesicht blitzschnell jenen maskenhaften Ausdruck geben, den er sich angewöhnt hatte, um zu verschleiern, was er wirklich dachte. Seine Zeit war noch nicht gekommen. »Einladungen waren auf dem schwarzen Markt erhältlich«, erwiderte er. Tatsächlich hatte er verdammt viel Geld hingeblättert, um eine zu bekommen, und Marian Carvelli, Clara Carvellis Schwägerin, hatte ihm ihre auch nur gegeben, weil er ihr zusätzlich Buttermarken abtrat, die sie für ihre tuberkulosekranke Tochter brauchte. »Kat ist mir jedes Opfer wert«, fügte er hinzu. Felicia lächelte ironisch, ein Lächeln, das ihre Augen unberührt ließ. Guter Gott, sie war wahrhaftig nicht sein Typ, aber sie hatte Augen, die einen Mann bis in die Träume verfolgen konnten.

»Sie sollten Kat nicht mehr allzu viele Opfer bringen«, sagte sie kalt, »ich fürchte, es lohnt sich nicht.« Sie ließ die restlichen Brösel ungeniert auf den Boden fallen und ging davon. Er blickte ihr nach, aber der Zorn, der ihn überfiel, war diesmal nicht mit blindem, schmerzhaftem Haß gepaart, sondern mischte sich mit einer grimmigen, erwartungsvollen Freude. Irgendwann, dachte er, haben wir beide noch einmal unser ganz persönliches Duell. Und das wird mir mehr Spaß machen als das langweilige Abschlachten der anderen Salonratten!

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»Du wirst mich doch heiraten, Kat?« Die Frage klang hastig und beinahe ängstlich. Kat lächelte. »Natürlich.«

Phillip seufzte erleichtert. »Würdest du… ich meine, könntest du dir vorstellen, daß wir heiraten, bevor ich wieder an die Front muß? Also noch in dieser Woche?«

»Ob ich es mir vorstellen kann? Ich will es, Phillip! Ich würde dich jetzt in dieser Minute heiraten, wenn es möglich wäre!«

Sie sahen einander an. Sie hatten den Ballsaal verlassen, und es war ihnen gelungen, an den wachsamen Augen Jolantas vorbei hinunter in den Wintergarten zu gelangen, wo sie nun auf einem Sofa aus geflochtenem Bambusrohr saßen. Kat hatte sich die dunklen Haare heute ganz aus dem Gesicht gestrichen und trug sie in einem schweren, dicken Knoten. An den Ohren blitzten goldene Ringe, die ihrer verstorbenen Mutter gehört hatten. Mit der ungewohnt strengen Frisur sah sie älter aus als sonst, zugleich gab ihr das einfache weiße Kleid etwas Kindliches und Unschuldiges.

Sie ist ja erst sechzehn, rief sich Phillip ins Gedächtnis. Für gewöhnlich wäre eine solch überstürzte Heirat ganz undenkbar gewesen. Aber die Zeiten hatten sich seit Kriegsausbruch geändert.

Was als unumgänglich notwendig und wichtig gegolten hatte, verlor seinen Sinn. Wozu lange werben, wozu eine endlose Verlobungszeit, wenn der Bräutigam doch nur ständig im Schützengraben lag und an keinem Morgen wußte, ob es noch einen Abend für ihn geben würde, und die Braut sich mit keuschen Küssen und Feldpostkarten begnügen mußte, beständig damit rechnend, daß sie den Mann, den sie liebte, vielleicht niemals wiedersehen würde. Die Menschen, die an den alten Formen festhalten wollten, besorgte Väter, mißtrauische Mütter und alte Tanten, fochten tapfer, aber — vergeblich. Der Krieg hatte die Welt auf den Kopf gestellt, an jedem Tag starb ein Stück Vergangenheit, die Zukunft konnte kein Versprechen geben, was blieb, war die Gegenwart, das winzige, befristete Stückchen Zeit, das jedem von ihnen zugeteilt war und keine Sicherheit bot.

»Wir müssen deinen Vater um Erlaubnis bitten«, sagte Phillip, »du bist erst sechzehn. Er wird vielleicht nicht begeistert sein.«

»Er wird es erlauben. Sonst erinnere ich ihn daran, daß meine Mutter auch nicht älter war, als sie ihn heiratete.«

Phillip stand auf. »Ich gehe zu ihm und spreche mit ihm. Hör mal, Liebling, es wird dir bestimmt nie etwas ausmachen, daßich zehn Jahre älter bin als du?«

»Glaubst du, das wäre wichtig? Wie alt du bist und wie alt ich? So wie du bist, bist du der Mann, den ich liebe, und alles, was ein Teil von dir ist, ist ein Teil dessen, was ich liebe.« Sie sah ihm nach, als er davonging, dann lehnte sie sich behaglich zurück und nahm einen Schluck von ihrem Sekt.

Sie fand das Leben sehr aufregend, sehr unkompliziert — und sehr schön. Sie gab sich träumerischen, bunten Gedanken hin, tauchte erst aus ihnen auf, als eine scharfe Stimme von der Tür her fragte: »Herr Lombard? Sind Sie es?«

Jolanta, natürlich! Sie tauchte immer dann auf, wenn jemand ganz allein sein wollte. Kat drehte sich um. »Nein, ich bin es. Was gibt es denn?«

»Ein Telegramm für Ihren Vater. Möchte wissen, wo er steckt!« Jolanta blickte sich argwöhnisch um, konnte aber, entgegen ihrer Erwartung, nicht einen Schatten von Phillip entdecken. Düster betrachtete sie Kats verzückten Gesichtsausdruck. »Also, ich muß schon sagen, ich finde…« begann sie, unterbrach sich jedoch gleich wieder, weil von weit her ein leises Läuten zu hören war. »Schon wieder jemand an der Hintertür! Dabei ist es bald Mitternacht. Sind wir denn ein offenes Haus für jedermann? Ja, ja, ich geh schon. Fanny und die anderen Mädels sind verschollen. Drücken sich wahrscheinlich im Ballsaal herum und machen den Soldaten schöne Augen!« Schimpfend eilte sie davon. Ihr schwante nichts Gutes, ganz und gar nicht. Kat hatte ausgesehen, als sei ihr der heilige Geist begegnet, und sie wollte jede Wette eingehen, daßsie nicht die ganze Zeit allein dort unten gesessen hatte.

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Sara war den ganzen Abend an der Seite eines jungen Soldaten geblieben, der im Rollstuhl saß und dort auch zeitlebens sitzen würde, weil ihm eine französische Granate beide Beine zerfetzt hatte. Er sah müde und melancholisch aus und betrachtete das fröhliche Treiben ringsum mit einer Resignation, die Sara schlimmer schien als Bitterkeit und Zorn. Gegen Mitternacht schlief er erschöpft ein, und die Schwester, die ihn begleitet hatte, rollte ihn davon. Sara stand auf und ging zu Felicia, die soeben einen langweiligen Tänzer unter dem Vorwand, sie müsse sich die Nase putzen, abgeschüttelt und sich zu Linda gesellt hatte, die bei den Matronen in der Ecke saß.

»Felicia! Linda!« rief Sara. Eine fremde Begeisterung glühte in ihren Augen, und ihre sonst bleichen Wangen hatten sich gerötet. »Soll ich euch sagen, welcher Einfall mir gekommen ist?«

»Welcher denn?«

»Es gibt einen Platz, wo wir viel dringender gebraucht werden als hier beim… beim Strümpfestricken und Verbände aufwickeln«, ein scheuer Blick flog zu Auguste, »wir sollten an die Front gehen — als Schwestern!«

»Ach, guter Gott!« Felicia war entsetzt. Das kam nun davon. Den ganzen Abend über schon hatte sie den Eindruck gehabt, daß Saras Gesicht mehr und mehr den Ausdruck eines Engels annahm, während sie neben dem verletzten Soldaten kauerte.

»Ich kann nicht«, sagte Linda schnell, »du weißt, das Kind…«

»Aber Felicia könnte doch. Und Kat!«

»Das ist wirklich ein guter Einfall«, meinte Clara Carvelli, »Felicia, ich finde, Sie sollten zustimmen!«

»Aber…« Das hatte ihr noch gefehlt. Wieder kam ihr der Lazarettzug ins Gedächtnis, die endlose Fahrt von Königsberg nach Berlin, und voller Grauen dachte sie: Nein! Niemals wieder. Ich will mit dem Krieg und mit allem nichts zu tun haben. Ich wollte keinen Krieg, ich habe nie Begeisterung geheuchelt, und jetzt will ich es nicht ausbaden. Sollen sie ruhig alle über mich herziehen, ich gehe nicht!

»Nun?« fragte Auguste. Sie sah sehr kampfeslustig aus. Alle Augen richteten sich auf Felicia. Sie kam sich auf einmal wie gefangen vor und blickte sich hilfesuchend um. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre Fanny um den Hals gefallen, die herantrat und sie ansprach. »Es ist ein Herr für Sie unten in der Küche; gnädige Frau. Er möchte mit Ihnen sprechen.«

»In der Küche? Weshalb kommt er nicht her? Was ist das für ein Herr?« schoß Auguste sofort ihre Fragen ab. Aber Felicia, selig entwischen zu können, hatte sich bereits mit einer kurzen Entschuldigung abgewandt und verließ schnell den Saal.

»Er hat seinen Namen gar nicht genannt, sagt Jolanta«, plapperte Fanny draußen, »aber er ist wirklich ein Herr, das kann man nicht anders nennen, und wir hätten vielleicht etwas falsch gemacht, wenn wir ihn fortgejagt hätten, oder?«

»Es ist ja alles richtig so, Fanny.« Sie stiegen die Treppe in den Keller hinunter, wo sich die Küche befand.

Jolanta stand wie ein Drache neben der Tür und bebte vor Mißtrauen. Neben ihr stand ein Mann und betrachtete angelegentlich einen toten Karpfen, der mit geöffnetem Maul und großen, starren Augen mitten auf dem Küchentisch lag.

Es war Maksim.

Instinktiv hielt sich Felicia gerade noch zurück, seinen Namen zu rufen; der Klang ihrer Stimme hätte sie verraten. Ihr Gesicht aber hatte sie nicht in der Gewalt, und sie spürte, daß ihr alles Blut aus den Wangen lief und ihre Augen groß wurden. Glücklicherweise schaute Jolanta nur zu Maksim hin, und Fanny stand hinter ihr und konnte sie nicht sehen. Maksim trug keine Uniform, der eine Ärmel seines Anzuges hing noch immer schlaff herunter. Er sah erschöpft aus, aber sein Blick war eindringlich und konzentriert.

»Ich hab’ ja wirklich Glück, daß du noch wach bist, Felicia«, sagte er, »guten Abend!«

Jolanta zog die Augenbrauen hoch.

»Das ist… Maksim Marakow«, erklärte Felicia hastig, »ein Jugendfreund aus Insterburg. Wir kennen uns, seit wir Kinder waren.« Sie biß sich auf die Lippen. Ihre Erklärung war viel zu lang.

»Kann ich dich allein sprechen?« fragte Maksim ohne Umschweife. Sie bemerkte jetzt erst, wie nervös er war. Er folgte ihr die Treppe hinauf, durch die dunkle Halle in den kleinen Salon, in dem Besucher empfangen wurden. Aus dem Ballsaal klang schwach Musik. Felicia knipste das Licht an und lehnte sich von innen gegen die Tür, als wolle sie die ganze übrige Welt aussperren. »Maksim«, sagte sie, »ich…«

Er unterbrach sie hastig. »Mein Taxi steht noch draußen. Ich… äh, könntest du es wohl für mich bezahlen?«

Bei jedem anderen hätte sie eine spöttische Erwiderung auf der Zunge gehabt; jetzt aber fühlte sie sich nur etwas verwirrt. »Natürlich. Nur…« Sie sah sich um. Sie trug natürlich kein Geld bei sich, aber glücklicherweise erspähte sie die große tönerne Schale auf dem Tisch, in der das Strickkränzchen seine Bußgelder sammelte. Mit beiden Händen griff sie in die Münzen. »Hier. Es müßte reichen.«

Maksim machte ein verblüfftes Gesicht. »Kleiner hast du es nicht?« Aber er nahm es und ging damit zur Tür. »Ich komme gleich wieder. Warte auf mich.«

Als er zurückkam, schloß er die Tür sorgfältig. Wieder nahm er sich keine Zeit für einleitende Worte. »Das war leider nicht alles«, sagte er, »Felicia, ich brauche Geld.«

»Geld?« Wovon sprach er? Seit wann brauchte Maksim Geld?

»Ja, Geld«, erwiderte er ungeduldig, »einhundert Goldmark. Kannst du mir die leihen?«

»Ich verstehe nicht…«

»Ich kann im Augenblick nicht an meine Konten heran — aus bestimmten Gründen sind sie von der Regierung gesperrt. Das muß dir als Erklärung genügen. Also, kann ich es haben?«

Wenn er könnte, würde er es aus mir herausschütteln, dachte Felicia. Was er sagte, drang nur wie durch eine Wand von Watte zu ihr. Sie konnte sich beim besten Willen nicht auf seine Worte konzentrieren; sie konnte nichts darauf erwidern; sie konnte ihn nur betrachten und jede einzelne vertraute, geliebte Linie seines Gesichtes verfolgen, so eindringlich, als sei es das letzte Mal, daß sie ihn sah.

Er wird ein anderer werden, ging es ihr unbestimmt durch den Kopf, für mich wird er ein anderer werden, weil unsere Erinnerungen, das, was wir gemeinsam hatten und was uns verbindet, verblassen werden, und weil alles, was sich von nun an zwischen uns abspielt, von dieser Hast und Unruhe bestimmt sein wird, mit der er mir begegnet, von der Nervosität, mit der er mich braucht und wieder fallenläßt, braucht…

»Wozu willst du so viel Geld?« erkundigte sie sich. Ihre Stimme hatte endlich wieder einen halbwegs normalen Klang. Sie merkte, daß sie ihn seine letzten Nerven kostete mit ihrer Fragerei; kaum merklich verkrampften sich die Finger seiner rechten Hand, schwach zuckte ein Muskel an seiner Schläfe. Beherrscht antwortete er: »Ich verlasse Deutschland. Ich habe meinen Abschied von der Armee genommen. Mein Arm ist ja ohnehin hinüber.« Er hob seinen steifen, linken Arm ein wenig an. »Und nun mache ich mich also in der Stunde der Not auf und davon. Aber ich denke, Kaiser und Nation werden auch ohne mich zurechtkommen.«

»Wo willst du hin?«

»Nach Osten.«

»Rußland?«

Maksim strich sich erschöpft über die Haare. »Felicia, kann ich nun das Geld haben oder nicht? Glaub mir, ich würde nicht hier stehen und dich aufhalten, wenn es nicht sehr wichtig wäre.«

Nein, das würdest du nicht, dachte Felicia. Seine offensichtliche Müdigkeit und seine mühsam bezwungene Gereiztheit begannen auf sie abzufärben, sie fing an, sich elend und unwillig zu fühlen. Zugleich spürte sie den verzweifelten Wunsch, diese Minuten mit ihm festzuhalten, obwohl sie wußte, daß es nichts festzuhalten gab. In Wahrheit war Maksim überhaupt nicht bei ihr, seine Gedanken waren weit fort, und Felicia bedeutete für ihn nichts als einen ärgerlichen, unumgänglichen Aufenthalt. Jahre später, sie wußte es, wenn sie ihn an diesen Abend erinnern würde, dann würde er nicht sagen: »Aber ja, ich weiß, es war schon bald Mitternacht, und ich stand in der Küche neben diesem Drachen von einer Köchin. Du hattest ein bezaubernd schönes Ballkleid an, Liebling, und später, in diesem Salon, in dem schwachen Licht, warst du sehr blaß und sehr schön, und ich fragte mich, warum, zum Teufel, du diesen anderen Mann geheiratet hast.«

Nein, das würden nicht seine Worte sein. Statt dessen würde er stirnrunzelnd sagen: »Im Juli 1915? Ja richtig, du willst mich erinnern, daß ich dir noch einhundert Goldmark schulde. Du bekommst sie bestimmt. Es war wirklich nett von dir, mir damals zu helfen!« Das war es. Einhundert Goldmark. Das war genau der Wert, den sie in diesen Augenblicken für ihn hatte, nicht mehr und nicht weniger. »Ich habe nicht so viel Geld«, sagte sie, »eigentlich habe ich gar kein eigenes Geld.«

»Aber irgend jemand in diesem Haus wird doch…«

»Ich kann nicht Alex danach fragen!« Zum erstenmal erwähnte sie ihren Mann, doch das löste keine Regung in Maksim aus.

»Nein«, murmelte er bloß, »das kannst du wohl nicht…«

Unschlüssig blickte er sich um. »Na ja, dann…«

Felicia hatte einen Einfall. »Warte hier. Ich bin gleich zurück.« Zum erstenmal lächelte er. »Beeil dich. Ich wüßte wirklich nicht, was ich jemandem erklären sollte, der jetzt hier hereinkäme und mich fragte, was ich hier suche.«

»Nur nicht nervös werden!« Sie verließ den Raum. Sie wußte nun, wer ihr das Geld geben würde. Wenn sie es geschickt anfinge, dann täte er es sogar mit dem größten Vergnügen.

Sie kam vor Severins Zimmertür gleichzeitig mit Phillip an, der, sein brennendes Anliegen voller Nervosität mit sich tragend, einen etwas verstörten Eindruck machte. Er wäre liebend gern sofort ins Zimmer gestürzt und hätte den Antrag hinter sich gebracht, aber seine Höflichkeit zwang ihn, Felicia, die ihm bleich vorkam wie ein Geist, den Vortritt zu lassen. Er fragte sich, was sie wohl um diese Zeit von Severin Lombard wollte, und ging, die Arme auf dem Rücken verschränkt, mit langen Schritten auf dem Gang hin und her.

Es überraschte Felicia, daß sie Severin vor einem aufgeklappten Koffer antraf, in den er wahllos und eilig ein paar Hemden, Hosen und sein Waschzeug warf. Er sah nur flüchtig auf, als seine Schwiegertochter das Zimmer betrat. »Hallo, Felicia«, sagte er, »was ist? Warum bist du nicht bei dem Ball?«

Felicia wies auf den Koffer. »Willst du verreisen?«

»Ich muß sofort weg. Noch mit dem Nachtzug nach Frankfurt. Ich habe ein Telegramm bekommen, daß mein ältester Bruder im Sterben liegt, und wenn ich jetzt nicht aufpasse wie der Höllenhund selber, reißen sich meine beiden raffgierigen Schwestern seine gesamte Hinterlassenschaft unter den Nagel, und die ist nicht zu knapp!«

»Ach… dann tut es mir natürlich leid, gerade jetzt zu stören, aber…« Sie schwieg bescheiden. Severin grinste, während er seinen Schlafanzug in eine unausgefüllte Kofferecke knäulte.

»Komm, mein Herz, nicht heucheln! Es tut dir nicht im geringsten leid. Du willst etwas von mir, und sonst interessiert dich gar nichts, weder mein sterbender Bruder noch meine Erbschaft. Also, was ist?«

Sie war erleichtert, daß er ihr so entgegenkam und es ihr in seiner unverblümten Art ersparte, nach Einleitungen und verschlüsselten Umwegen zu suchen.

»Ich brauche einhundert Goldmark«, sagte sie, »ich meine, ich brauche sie jetzt sofort, und zwar bar.«

»Oh… würdest du es als aufdringlich empfinden, wenn ich dich frage, wozu du mitten in der Nacht einhundert Goldmark brauchst?«

Anstelle einer Antwort sagte Felicia: »Ich wußte niemanden, zu dem ich sonst hätte gehen können.«

Severin biß an. »Wenn du Geld brauchst, solltest du eigentlich deinen Mann fragen!«

»Ja, aber…« Sie schlug die Augen nieder und tat so, als suche sie verlegen nach einer Antwort. »In diesem Fall… ich brauche das Geld ja nicht für mich, sondern für einen — Bekannten…«

Severin runzelte die Stirn. »Was für einen Bekannten? Ist er hier? Einer der Gäste?«

»Nein. Ein alter Freund aus Insterburg. Er wartet unten. Ich kann dir jetzt nicht sagen weshalb, aber er braucht unbedingt Geld. Er zahlt es zurück, sobald er kann.«

»Warum mußt du deine alten Freunde vor Alex verschweigen?« fragte Severin. »Und wie heißt dieser Mann?«

»Maksim Marakow.« Es war keine Absicht, aber sie dankte Gott dafür, daß ihr bei der Erwähnung dieses Namens das Blut in die Wangen stieg. Severin bemerkte es natürlich, seine Augen verengten sich, und mehr denn je sah er aus wie ein listiger Schakal. »Verstehe«, lächelte er, »das also ist Alex’ Nebenbuhler. Ich wußte, daß es einen geben muß. Von Anfang an habe ich es dir angemerkt!«

Felicia schwieg und sah zu Boden, aber innerlich dachte sie triumphierend: Er gibt mir das Geld! Er ist ein alter Geizkragen, aber um Alex einen Stich zu versetzen, trennt er sich sogar von einhundert Goldmark.

»Du bist ein raffiniertes, kleines Ding«, sagte Severin und zog seine Brieftasche hervor, »du wußtest schon, wie du es anstellen mußt, nicht?« Kichernd reichte er ihr den Schein. »Hier, gib sie deinem Romeo. Aber jetzt muß ich schleunigst gehen, sonst verpasse ich den Zug.« Er machte den Koffer zu, hängte seinen Mantel über den Arm und setzte seinen Hut auf.

»Das Ganze bleibt doch unter uns?« vergewisserte sich Felicia.

Severin klopfte ihr beruhigend auf die Schulter, aber Felicia hatte das unbestimmte Gefühl, daß ein gewisser Reiz für ihn in der Hoffnung lag, Alex würde eines Tages von der Intrige erfahren.

Draußen trat ihnen Phillip in den Weg, doch Severin schnitt ihm sogleich das Wort ab. »Nicht jetzt, Herr Oberleutnant. Ich muß den Nachtzug nach Frankfurt noch erwischen. Ich bin ohnehin schon spät dran.«

»Wann kommen Sie zurück?«

»Ich weiß nicht. Kann länger dauern. Auf Wiedersehen, Herr Oberleutnant. Wiedersehen, Felicia, du falscher Engel!« Schon war er verschwunden.

»Verdammt«, sagte Phillip, »hör mal, Felicia, du hättest dir wirklich keinen ungünstigeren Moment…«

Aber sie hörte ihm nicht zu, sondern eilte, so schnell es ihr Kleid erlaubte, die Treppe hinab.

___________

Maksim war zutiefst erleichtert, als sie ihm das Geld gab. Er verstaute es sorgfältig in der Innentasche seines Anzugs und vergewisserte sich noch zweimal, ob es da wirklich sicher war. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr du mir geholfen hast, Felicia«, sagte er, »wenn ich mal irgend etwas für dich tun kann…«

»Wie solltest du?« Felicia lächelte mühsam. »Ich wüßte ja gar nicht, wo ich dich finden kann!«

»Ich weiß es selber noch nicht genau. Mascha wird…« Er brach ab.

Felicias Augen wurden groß und dunkel. »Sie geht mit dir?«

Er nickte, wobei er Felicia nicht ansah. »Ja…« antwortete er vage, und sie schwiegen beide. Nichts war zu hören als der gedämpfte Klang der Musik aus dem Ballsaal.

»Ich denke, ich muß jetzt gehen«, sagte Maksim schließlich, »hab keine Angst, ich brenne nicht mit dem Geld durch. Du bekommst es bestimmt zurück.«

»Das ist doch nicht so wichtig.«

»Also dann…« Er machte einen unschlüssigen Schritt zur Tür hin, »laß es dir gutgehen, Felicia.«

Er blieb stehen, als er den leisen, erschreckten Ausruf von ihr vernahm. Widerwillig drehte er sich um. Sie stand mitten in dem düsteren Zimmer, umbauscht von dem duftigen Kleid, aber trotz ihrer Eleganz sah sie auf einmal sehr jung und verletzbar aus, ganz anders, als er sie gekannt hatte, sie war nicht die strahlende, lebhafte Felicia, die auf dem zugefrorenen See im Berliner Tiergarten Schlittschuh lief und ganze Trauben von Männern um sich versammelte, nicht die wilde, lustige Felicia, die auf ihrem Pferd über die ostpreußischen Wiesen galoppierte, sich lachend die Haare aus dem Gesicht strich und dann die nackten Füße in das klare Wasser eines Baches tauchte. Felicia, das Kind mit seinen ungezählten Ansprüchen, seinen verwöhnten Launen, gab es nicht mehr. Für Augenblicke konnte Maksim eine Frau entdecken, von deren Vorhandensein er bislang nichts geahnt hatte. Er fühlte sich seltsam verwirrt und hatte den Eindruck, als regten sich Gedanken und Wünsche in ihm, von denen er um keinen Preis wollte, daß sie allzu wach wurden. Er hatte Felicias Schönheit stets gelassen Widerstand leisten können, weil seine Verachtung für all das, was sie repräsentierte, seine Empfänglichkeit für weibliche Reize überwog. Mit leisem Schrecken stellte er fest, daß es Felicia gelingen könnte, Risse in seine Mauer der Abwehr zu treiben. Doch Felicia, von diesen Gedanken nichts ahnend, trug bereits wieder ihr vielerprobtes kokettes Lächeln auf dem Gesicht, und auch Maksim mußte unwillkürlich lächeln. Im Grunde war sie doch ein Kind.

»Willst du mir nicht einmal einen Kuß zum Abschied geben?« fragte sie.

Maksim zögerte, aber er fühlte eine Verpflichtung, ihrer Bitte nachzukommen. Er trat auf sie zu, neigte sich zu ihr hin und küßte mit kühlen Lippen ihre Wangen. Sie hob die Arme, schlang sie um seinen Hals und zog ihn an sich. Ihre Lippen trafen auf seine, so verzweifelt, daß es ihn schauderte. Auf einmal, ohne daß er es gewollt hatte, ohne daß er etwas tun konnte, war er ein anderer, und die Welt verwandelte sich mit ihm. Es gab keinen Krieg, keine Toten, keine Lazarettzüge; es gab keine Armut, keine Unterdrückung und keine Ausbeutung. Er mußte nicht kämpfen, um die Welt zu ändern, denn sie war gut, wie sie war. Er brauchte nicht länger Idealen nachzulaufen, nicht zu streiten, zu reden und zu überzeugen. Er konnte sich Felicias Umarmung hingeben, der Umarmung einer Frau, die stark war und sicher und in der er seine Vergangenheit und seine Sehnsucht wiederfand — all das, was sie geteilt hatten und wovon Mascha nichts wußte, die Sommer von Lulinn, die stillen, langen, heißen Tage, in denen das wirkliche Leben fern schien und die Gegenwart ein Traum war, erfüllt von nichts anderem als dem Summen der Bienen, dem tiefen, dunklen Blau des Rittersporns am Wegrand, dem sanften Wind, der den Geruch von warmem Harz aus den Wäldern über die Wiesen trug.

»Alex hat mir nie etwas bedeutet«, sagte sie hastig, so schnell, als habe sie Angst, ihr bliebe keine Zeit, alles zu sagen, was sie sagen wollte, »es war nur…«

»Sei doch still. Bitte, Felicia!«

»Ich habe so sehr darunter gelitten, daß du immer so abweisend warst, so kalt und so… verächtlich. Ich wußte nicht, was ich falsch mache oder was…«

»Hör auf, Felicia!«

»Wenn du willst, verlasse ich Alex noch heute…« Sie sah, wie sich sein Gesicht veränderte, wie es einen erschrockenen, beinahe entsetzten Ausdruck annahm. »Ich habe Alex nur geheiratet, weil ich so eifersüchtig auf Mascha war, aber die ganze Zeit habe ich…«

»Sei still! Herrgott noch mal, sei still!« Seine Stimme zitterte vor Wut. Er packte sie grob an den Schultern und schüttelte sie.

»Halt den Mund, sag ich!«

Sie hatte in ihrer Besessenheit den Luftzug nicht gespürt, der ins Zimmer drang, aber jetzt, da sie erstarrt und plötzlich ernüchtert innehielt, gewahrte sie die kaum merkliche Veränderung, die mit dem Raum, in dem sie sich befanden, vor sich gegangen war. Er hatte seine Atmosphäre fern ab von aller Welt verloren. Langsam drehte sie sich um.

In der geöffneten Tür stand Alex, kalkweiß im Gesicht. Dahinter Phillip, der noch immer mit seinem wichtigen Anliegen herumlief und offenbar kaum begriff, was er eben gehört hatte.

Von einem Kirchturm schlug es Mitternacht. Im Ballsaal wurde es still, Stühle rückten, dann setzte die Kapelle feierlich mit der Kaiserhymne ein, und alle Gäste sangen dazu. Clara Carvellis unreiner Sopran übertönte die anderen, und in Felicias Erinnerung verband sich diese Nacht später für immer mit dem schrillen Mißklang, in dem Clara beim hohen C an ihre Grenzen stieß.

8

Noch Jahre später sah Felicia die nun folgenden Tage wie in ein dunstiges Licht getaucht. Wie Schattenfiguren bewegten sich die Menschen an ihr vorbei, und schmerzlich empfand sie eine Distanz zwischen sich und ihnen, die sie aus keinem Abschnitt ihres Lebens vorher kannte. Eine neue Empfindsamkeit machte sie scheu; jedes Licht schien ihr zu hell, Stimmen zu laut, die Dunkelheit bedrohlich und fremd. Alles beobachtete sie von fern: Alex, der sich noch in derselben Nacht fürchterlich betrank und von der entsetzten Fanny am nächsten Morgen unrasiert und in einer Wolke von Alkoholdunst quer über einem Sofa in der Bibliothek gefunden wurde.

Jolanta, die einen Entsetzensschrei nach dem anderen ausstieß, als sie die geplünderte Geldschale im Salon entdeckte.

Sara, die nicht aufhörte, den anderen mit ihrer Rot-Kreuz Schwester Idee auf die Nerven zu gehen. Linda, der auf einmal der Gedanke kam, ihr Kind müsse unbedingt in Berlin zur Welt kommen, die aber beim Anblick der hoffnungslos überfüllten Züge auf dem Münchener Hauptbahnhof einen solchen Schrecken bekam, daß sie schleunigst umkehrte und in Tränen aufgelöst erneut in der Prinzregentenstraße erschien.

Und wieder Alex, der am Tag nach dem Ball wortlos seine Koffer packte, ein Taxi kommen ließ und davonfuhr.

Felicia hatte keine Ahnung, wohin er verschwand, bis Jolanta ihr erklärte, daß es ein kleines Holzhaus am Starnberger See gebe, das der Familie gehöre und in das sich Alex schon immer zurückgezogen habe, wenn er allein sein wollte.

Phillip meldete ein Telefongespräch nach dem anderen nach Frankfurt an, ohne von Severin, dessen Bruder schließlichgeschlagene drei Wochen brauchte, um zu sterben, etwas anderes als die stereotype Antwort zu bekommen: »Ich kann das nicht hier am Telefon entscheiden, Herr Oberleutnant. Besuchen Sie uns in Ihrem nächsten Urlaub wieder, dann sprechen wir über Sie und meine Tochter!«

Kat schien auf einmal sehr angespannt und bestürmte Phillip jeden Tag, mit ihr nach Frankfurt zu reisen und Severin die Pistole auf die Brust zu setzen, ohne daß Phillip seine zögernden Vorbehalte — »Wir können ihn doch jetzt nicht so bedrängen, wo gerade sein Bruder stirbt…« — aufgegeben hätte. Die Extrablätter berichteten triumphierend von der deutschen Eroberung Litauens, Polens und des Kurlandes, und Jolanta schimpfte ununterbrochen über die sich täglich verschärfenden Rationierungsmaßnahmen.

Das klarste Bild bot wohl noch Kat, die am Ende der Woche mit steinernem Gesicht sagte: »Ich kann nicht gegen mein Gefühl an, daß das die erste und letzte und einzige Gelegenheit war, die Phillip und ich hatten.«

Und dann mußte Phillip zurück an die Front.

Linda wurde morgens beim Frühstück von ihren Wehen überrascht.

»Ich bekomme mein Kind«, sagte sie, und zum Beweis stöhnte sie theatralisch.

Ein großes Durcheinander setzte ein, denn Linda hatte in all den Monaten sämtliche Hausbewohner davon überzeugt, daß das große Ereignis der wichtigste Moment im ganzen Jahr sei und daher gebührende Beachtung verdiene.

»Hier, halt dich an meinem Arm fest«, bot Felicia an, »kannst du noch laufen?«

Linda nickte und biß sich auf die Lippen.

»Möchtest du vielleicht in mein Zimmer?« fragte Kat. »Es ist kühler und schattiger als deines.«

»Ich weiß nicht… ja… nein. Ich will in mein Zimmer. Oh, seid froh, daß ihr nicht wißt, wie das ist!«

Darauf konnten sie alle nur betreten schweigen. »Sara, sag doch Fanny Bescheid, daß sie den Arzt holen soll«, bestimmte Felicia und dankte angesichts von Lindas bleichen Lippen Gott heimlich dafür, daß er sie bislang mit dieser Tragödie verschont hatte. »Beeil dich! Du weißt, es wird eine sehr schwierige Geburt!«

Am späten Nachmittag war das Kind da, ohne Komplikationen und ohne daß Linda vor Schmerzen ohnmächtig geworden wäre, wie sie es in ihren schwarzen Stunden vorausgesehen hatte.

»Es ist ein Junge«, sagte der Arzt, als er auf den Gang hinaustrat, wo Felicia, Kat und Sara mit verstörten Gesichtern warteten, »es gab nicht die geringsten Probleme. Mutter und Kind sind kerngesund und kräftig.«

»Na, bitte«, sagte Felicia, »dann war es ja keineswegs ein solches Drama!« Wie meistens in den letzten Wochen sah sie blaß und müde aus. Der Arzt, ein alter Freund der Familie, faßte sie unter das Kinn und hob prüfend ihr Gesicht. »Sie gefallen mir gar nicht, Kind«, sagte er besorgt, »so blutleere Lippen und so schmale Wangen! Sie sahen besser aus vor einem Jahr, als Sie hierherkamen!«

Vor einem Jahr! War es tatsächlich schon ein Jahr her, seitdem sie Berlin verlassen hatte? So viele sinnlose, leere Monate…

»Mehr Vitamine essen«, brummte der Arzt, »und nicht so viel grübeln, hören Sie? Ein Baby wäre das richtige für Sie, das würde Sie auf andere Gedanken bringen.«

Gerade in diesem Augenblick tauchte Alex im Gang auf. Er trug einen hellen Anzug, der etwas zerknittert wirkte, und hatte seine Krawatte nur locker umgebunden. In der Hand hielt er seinen weißen Hut. Um Mund und Kinn lag der dunkle Schatteneines drei Tage alten Bartes, und er roch etwas zu aufdringlich nach einem teuren, äußerst provokanten Rasierwasser.

»Ach Doktor«, sagte er. Seine Worte kamen klar, offenbar hatte er an diesem Tag wenigstens nichts getrunken. »Was machen Sie denn hier? Jemand krank?« Er schaute von einem zum anderen.

»Weshalb steht ihr alle auf diesem Gang herum? Gibt es hier heute noch etwas zu sehen?«

»Linda hat ihr Baby bekommen«, erklärte Felicia, »es ist ein Junge.«

»Oh… welch freudiges Ereignis! Ein Junge? Ein neuer tapferer Krieger. Da können die Eltern aber stolz sein. Man sollte es dem glücklichen Vater gleich schreiben, damit er da draußen wenigstens weiß, wofür er Leib und Leben riskiert!« Er lachte und schien die allseits erschrockenen Gesichter zu genießen. »Na, was ist? Wollen wir nicht alle einen Schluck trinken auf den neuen Erdenbürger?«

»Ich habe noch einen wichtigen Termin«, sagte der Arzt rasch, »entschuldigen Sie mich, Alex.«

»Selbstverständlich. Selbstverständlich entschuldige ich Sie. Was ist mit euch anderen? Kat, du bist in den Schnaps doch beinahe ebenso verliebt wie in deinen Phillip, stimmt’s? Also zier dich jetzt nicht!«

»Ich muß mich um Linda kümmern«, entgegnete Kat, und Sara schloß sich sofort an. »Ich mich auch. Verzeihen Sie bitte.«

Alex machte eine übertriebene Verbeugung, bei der er mit seinem weißen Hut beinahe den Fußboden fegte. »Ich verzeihe alles. Es gibt kaum einen Menschen, der so viel verzeiht wie ich! Geht hin und haltet der jungen Mutter die Hand! Überbringt ihr meine besten Wünsche — ich selbst bin wohl in diesem Augenblick am heiligen Lager nicht erwünscht!«

Kat und Sara beeilten sich, dem Gespräch zu entkommen, und öffneten die Tür zu Lindas Zimmer. Felicia wandte sich wortlos ab, um ihnen zu folgen, doch Alex hob blitzschnell die Hand und packte ihren Arm, so hart und schmerzhaft, daß sie nur mühsam einen Schrei unterdrückte.

»Du bleibst«, bestimmte er, »mit dir will ich jetzt reden!«

»Laß mich! Linda braucht mich jetzt!«

»Linda hat mehr als genug Beistand. Und außerdem hat es dich, solange du lebst, nicht gekümmert, ob dich vielleicht jemand brauchen könnte. Also bitte, mein Herz, gewöhn dir keinen falschen Zungenschlag an!«

»Und du«, gab sie kalt und leise zurück, »wähle bitte einen anderen Ton, wenn du mit mir sprichst.«

»Oh, ich wüßte tatsächlich einen anderen Ton, und den würdest du zweifellos am besten verstehen. Ich nehme mich nur mit Rücksicht auf Sara und Kat, die uns so fasziniert zuhören, zusammen, Liebling!«

Sara und Kat, die seine Spitze nicht überhört hatten, verschwanden endgültig. Sie wußten nicht, was zwischen Felicia und Alex vorgefallen war, und es schien ihnen ratsam, keine Fragen zu stellen.

Alex ließ Felicias Arm nicht los, während er sie den Gang entlangzerrte und grob in ein Nebenzimmer zog. Die Tür fiel schmetternd hinter ihnen zu. Er gab Felicia so plötzlich frei, daßsie taumelte. Haltsuchend griff sie nach der Lehne eines Sessels.

Sie richtete sich auf und strich ihren Rock glatt. »Also, worüber willst du mit mir sprechen?« fragte sie kühl. Alex lächelte, aber in seinen Augen stand keine Wärme. Auf einmal fürchtete sie sich. Sie erkannte, daß er außer sich war vor Wut; zorniger und gereizter, als sie ihn je erlebt hatte. Der Alkohol nahm ihm stets die äußerste Spitze der Feindseligkeit und ließihn über sich und die Welt lachen.

Jetzt aber war sein Lachen grausam, durch nichts gemildert. Und er war ihr ebenbürtig.

Er war nicht betrunken, er war hellwach, angespannt — und gefährlich. Sie konnte spüren, daß er sich nur mühsam beherrschte. Sein Lächeln war nicht wie sonst Ausdruck des amüsierten Spotts, mit dem er sich über seine eigenen Empfindungen lustig machte, sein Lächeln war diesmal nur der Versuch, seine hemmungslose Wut unter Kontrolle zu halten. Offenbar hatten ihn die Wochen, in denen er verschwunden gewesen war, kein bißchen besänftigt.

»Wärest du nicht gleich weggelaufen damals«, sagte sie vorsichtig, »dann hätte ich dir schon viel eher erklären können, weshalb…«

»Weshalb du Marakow geküßt hast? Ja, das war eine eindrucksvolle Szene, nicht? Dieses düstere Zimmer, du und deine große Liebe Arm in Arm, deine hastig gestammelten Worte. Ah«, er warf seinen Hut durch das Zimmer, so daß er, gutgezielt, auf dem mittleren Arm eines silbernen Kerzenleuchters hängen blieb und leise wippte, »Marakows Gesicht, als er mich sah! Das war zu spaßig, eine wirkliche Komödie! Und du merktest natürlich nichts und stießest diese verhängnisvollen Worte hervor. Ich habe Alex nie geliebt! Dein guter Maksim hätte dir am liebsten die Zunge aus dem Hals gerissen, um dich endlich zum Schweigen zu bringen!«

»Alex, wenn du doch…«

»Wenn ich doch verstehen würde? Aber ja, ich verstehe. Ich weiß, was dir Marakow bedeutet. Ich habe zwar geglaubt, du hättest mehr Stolz, aber… nun ja! Denk nicht, ich hätte etwas dagegen, wenn du ein bißchen spielst! Du bist ja erst neunzehn, nicht?« Er zündete sich eine Zigarette an. Seine Hände zitterten kaum merklich.

»Ja, aber…« Felicia war verwirrt. Sie tappte völlig im dunkeln. Was wollte er denn? Natürlich war er eifersüchtig, jeder Mann in seiner Lage wäre eifersüchtig gewesen, das konnte sie begreifen —, aber seine Eifersucht schien ihr nicht der eigentliche Grund für seine Wut. Was aber dann? Während sie sich noch den Kopf zerbrach, sagte er leichthin und von ihr abgewandt, da er gerade einen Aschenbecher suchte: »Ich war draußen am See. Wir haben ein kleines Häuschen dort. Als Kind verbrachte ich dort einmal die ganzen Sommermonate, zusammen mit meiner Mutter. Sie war gern da, vor allem, um fort zu sein von meinem Vater. Sie liebte den See, und wir gingen stundenlang am Ufer spazieren. Ich lief barfuß, und ich weiß noch, wie ich irgendwann anfing zu weinen, weil mich die Kieselsteine so sehr in die Füße piekten.«

»Oh… ich… ich würde das Häuschen gern einmal kennenlernen. Vielleicht könnten wir mal zusammen da hinfahren.«

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Sag mal, hier stand doch irgendwo ein Aschenbecher. Ach, da ist er ja.« Mit konzentrierter Miene klopfte er die Asche ab. »Vorgestern besuchte mich mein Vater dort«, sagte er. Sein Tonfall hatte sich nicht verändert, aber Felicia spürte, daß in seiner Stimme ein fremder Klang schwang. Vorsichtig entgegnete sie: »Sein Bruder ist gestorben.«

»Ja, armer, alter Kerl! Und wie die Aasgeier haben sie sich versammelt, um ihm sein Geld möglichst zu entreißen, solange er noch warm war. Weißt du, mein Vater denkt nur an Geld. Es ist die einzige Maßeinheit, die er kennt.«

»Nun… das ist bei vielen so…«

»Ja, da hast du wohl recht. Aber«, er drehte sich um und sah sie an, seine Augen waren schmal und glitzernd wie die einer hungrigen, räuberischen Katze, »aber umso verwunderlicher, daß solch ein alter Geizkragen einhundert Goldmark ohne jede Absicherung an einen Wildfremden verleiht, nur weil ihn eine hübsche junge Frau darum bittet. Oder erstaunt dich das gar nicht?«

Sie wurde blaß vor Schreck. Severin hatte also geredet. Sie hatte immer gewußt, daß er es eines Tages tun würde, aber sie hatte sich eingebildet, es würde noch lange dauern.

»Dann hat er es dir erzählt«, sagte sie wenig geistreich. Alex drückte seine kaum angerauchte Zigarette aus, so fest, als wolle er sie zerquetschen. »Und ob er es mir erzählt hat. Und selten hat er etwas mit so viel Genuß getan. Felicia brauchte Geld für ihren… Bekannten. Sie kam zu mir, und ich gab es ihr! Ganz einfach. Kein Wort mehr. Aber sein Lächeln dazu. Sein Gesichtsausdruck, mit dem er mich verhöhnte und mir wortlos zurief: Ich habe gewonnen! Sie und ich — wenn es hart auf hart kommt, stehen wir zusammen. Du bedeutest ihr nichts, nicht einmal so viel, daß sie zu dir kommt, wenn sie etwas braucht!«

Alex lachte heiser. »Um mir das sagen zu können, hätte er Marakow wahrscheinlich sogar eine Million gegeben!«

»Alex, ich…«

Mit zwei Schritten war er neben ihr, und plötzlich war sein Gesicht so verzerrt, grausam und fremd, daß Felicia vor Angst aufschrie. Er schlug ihr so hart auf den Mund, daß ihr ein Schmerz durch den ganzen Kiefer fuhr und sie vor Entsetzen verstummte.

»Halt deinen Mund! Halt deinen Mund, oder ich vergesse meine guten Manieren, und das heraufzubeschwören, würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen!«

Aber die hast du ja schon vergessen, dachte sie empört, während ihr Tränen der Wut und Angst in die Augen stiegen.

»Jetzt hör mir gut zu«, fuhr er leise fort, »ich habe dir vor unserer Heirat gesagt, daß ich mich in dir nicht täusche, und so kann ich jetzt nicht gut gekränkt sein, wenn ich dich in Marakows Armen erwische, obwohl ich es anständiger fände, wenn ihr eure Rendezvous nicht ausgerechnet in meinem Haus abhalten würdet. Verzehr dich ruhig weiter nach ihm, aber«, seine Stimme wurde leiser, seine Aussprache noch akzentuierter, »aber gnade dir Gott, wenn du dich noch einmal, noch ein einziges Mal, hinter meinem Rücken mit meinem Vater zusammentust! Verbünde dich mit dem Satan, wenn du willst, schließe Freundschaft mit sämtlichen Ausgeburten der Hölle, aber noch eine solche Intrige mit meinem Vater, und du wirst es bitter bereuen, das kann ich dir versprechen!« Er trat einen Schritt zurück, sein Gesicht entspannte sich. Mit ruhigen Händen zündete er sich eine zweite Zigarette an. Wären nicht die Bartstoppeln gewesen und die Ringe unter seinen Augen, es hätte ihm niemand mehr etwas angemerkt.

Felicia konnte wieder gleichmäßig atmen.

Ihre Hände ließen die Sessellehne los, an der sie Halt gesucht hatten. »Spiel dich nicht so auf«, sagte sie, so klar und furchtlos und selbstverständlich, wie sie einst den russischen Soldaten auf Lulinn eine dreiste Erwiderung hingeschleudert hatte, »ich tu’ ja doch, was ich will!«

Alex sah sie überrascht an, Ungläubigkeit im Blick, dann warf er seine Zigarette auf den Tisch — langsam verglomm sie auf der gläsernen Platte — und zog Felicia in seine Arme; sie wehrte sich, aber diesmal kämpfte sie vergeblich, die Hände, die sie hielten, waren zu stark. Aus Alex’ Augen war der Zorn gewichen, was jetzt in ihnen stand war Begehren, ohne Zärtlichkeit und ohne Liebe, eine so unverfälschte, unverblümte Gier, daß sie erschrocken seufzte — sie mußte plötzlich an puren Whisky denken, der in der Kehle brennt, so schmerzhaft, daß man vor dem ersten Schluck Angst hat und ihn sich doch nicht versagen kann.

»Laß mich los«, sagte sie heftig, »bist du verrückt geworden? Laß mich sofort los!«

Er beugte sich über sie, sie versuchte, beide Arme gegen seine Brust zu stemmen, er sah sie an — und dann, plötzlich, hatte sie nicht mehr den Wunsch, sich zu wehren.

___________

Nur widerwillig fand Felicia in die Wirklichkeit zurück, begegnete den Sonnenstrahlen, die matt und rötlich durch das Fenster fielen und ihr zeigten, daß der Nachmittag langsam in den Abend überging. Von der Straße her erklangen gedämpft die Flüche eines Bierkutschers.

Sie richtete sich auf und zerrte den bis zur Taille hinauf verknäulten Rock wieder über ihre Beine hinunter, schlüpfte in ihre Schuhe und strich sich über die Haare. Sie erhob sich von dem kleinen Rokoko-Sofa und suchte zwischen den Kissen nach ihren Ohrringen. Alex saß mitten im Zimmer in einem Sessel, die Beine übereinandergeschlagen, und rauchte eine Zigarette. Auf einmal ergrimmte sie seine Gelassenheit. »Du bist wahnsinnig«, sagte sie, »wenn jemand gekommen wäre!«

Gleichmütig atmete er den Rauch aus. »Die Tür ist abgeschlossen.«

»Trotzdem… man hätte uns hören können. Herrgott, wo sind denn meine Ohrringe geblieben?«

Sie mußte schließlich unter das Sofa tauchen, um ihre Ohrringe zu finden, und die Situation, wie sie dort zwischen Wollmäusen auf den Knien liegend herumkroch, erweckte Widerwillen in ihr. Es kam ihr alles so billig vor, und am meisten erboste es sie, daß Alex mit ihr umsprang, wie es ihm gerade in den Sinn kam.

Mit vor Zorn ungeschickten Fingern befestigte sie endlich den Schmuck, und in ihrem Wunsch, Alex’ provozierenden Gleichmut zu erschüttern, sagte sie plötzlich scharf: »Ich gehe fort!«

Alex blieb unbewegt. »Wirklich? Wohin denn?«

»Nach… nach…«

»Zu deiner Mutter am besten. Junge Frauen kehren gern weinend in den Schoß der Mutter zurück, wenn sie sich in ihrer Ehe unglücklich fühlen.«

Genau das hatte Felicia vorgeschwebt, Berlin oder Lulinn, Elsa oder Großmutter, irgendein Winkel, in den sie sich zurückziehen und sich verhätscheln lassen konnte. Aber natürlich, Alex brachte es immer fertig, alles mit Schmutz zu bewerfen, und nun kam es ihr selber peinlich vor, nach Hause zu gehen und jeden wissen zu lassen, daß sie vor ihrem Mann davongelaufen war. »Nein«, sagte sie daher, »nicht zu meiner Mutter. Was sollte ich da? Ich werde…« Sie überlegte angestrengt; dann schoß ihr ein Gedanke wie ein Blitz durch den Kopf, und ehe sie gründlicher darüber hätte nachdenken können, verkündete sie bereits triumphierend: »Ich gehe als Schwester an die Front!«

Immerhin war es ihr tatsächlich geglückt, ihn zu erschüttern, wenn auch nicht ganz so, wie sie sich das erhofft hatte. Nach einigen Sekunden verblüfften Schweigens lachte Alex laut. Er lachte, als habe er soeben den besten Witz seines Lebens gehört. »Ach, du großer Gott«, sagte er, »Himmel, nein, das ist gut! Daßdu darauf verfällst, hätte ich dir wirklich nicht zugetraut!«

Er stand auf und ergriff seinen Hut, der noch immer über dem Kerzenleuchter hing. »Weiß der Teufel, Felicia, du bist das Umwerfendste, was ich kenne. An die Front! Nimm es mir nicht übel, aber«, das Lachen schüttelte ihn, »mit einem heiligeren Herzen hat wohl nie eine Frau der guten Sache gedient!« Er setzte den Hut auf. »An die Front… Felicia im Lazarett, bei Blut und Läusen und Ruhr… also, wenn ich’s nicht selber gehört hätte, ich würde es nicht glauben!«

Immer noch lachend verließ er das Zimmer.

Teil II

II

1

Es war Februar, und ein kalter Wind wehte durch die Straßen von Berlin. Wer vor die Tür mußte, zog seinen wärmsten Mantel an, schlang wollene Tücher um den Kopf und band einen Schal vor Mund und Nase. Die Leierkastenmänner, die durch die Hinterhöfe zogen, trugen dicke Handschuhe, die Kinder, die hinter ihnen herliefen, hatten rote Nasen und blaue Lippen. Die Kohle war knapp und Holz ebenfalls schwer zu bekommen. Die Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften wurden täglich länger, und da und dort wurden bereits wieder die Stimmen der Sozialisten laut und mit ihnen die Stimmen der Kriegsmüden. 1916 — und noch kein Ende des Krieges in Sicht.

Elsa saß in einem Lehnstuhl im Wohnzimmer. Im Ofen brannte ein Feuer, aber es war nur klein, weil das Dienstmädchen die Kohlen sparsam nachlegte. Die Fensterläden knarrten im Wind. Elsa hatte einen breiten Mohairschal um ihre Schultern geschlungen und sah klein und wie zusammengefallen aus.

Ihr Bruder Leo, der am Bücherregal stand und angelegentlich die Titel auf den Buchrücken studierte, drehte sich zu ihr um. Zum hundertsten Mal an diesem Tag hatte Elsa das Gefühl, sie werde sich nie an seinen veränderten Anblick gewöhnen. Zu Leo gehörten welliges, viel zu langes, schütteres Haar, eine silberfarbene zweireihige Weste, ein dandyhafter Anzug und die unvermeidliche Papierrose am Revers. Dieser Leo nun, in der grauen Soldatenuniform und mit kurzgeschnittenen Haaren, wirkte so unglücklich, daß es einem das Herz zerreißen konnte. Ein Schauspieler, dem eine falsche Rolle zugeteilt war und der sich einen Abend lang, zur Qual der Zuschauer und zu seiner eigenen, bemühte, seinen Part auf irgendeine Weise über die Bühne zu bekommen. Es konnte ihm nicht gelingen. Für Uniformen war er nicht gebaut.

»Ich an deiner Stelle würde zu Mutter nach Lulinn fahren«, sagte er, »du siehst so hungrig aus. Daheim kriegst du wenigstens genug zu essen.«

»Ach, Leo…«

»Ich weiß, Victor und Gertrud gehen dir auf die Nerven. Und die halslose Modeste. Aber Berlin… ohne deine Familie wirkst du so verloren in der großen Stadt!« Er kniff sie zärtlich in die Nase. »Hör einmal auf deinen kleinen Bruder!«

»Kleiner Bruder…« Ihr Blick glitt wehmütig über seine Uniform und blieb am Gürtel mit der Pistole hängen. »So klein auch wieder nicht!«

»Ja, nicht wahr, das Feldgrau verleiht mir Würde? Leopold Domberg, ergebener Diener Seiner Majestät des Kaisers!«

Er knallte die Hacken zusammen, hob grüßend die Hand an die Mütze. Sein stets etwas melancholischer, weicher Mund verzog sich zu einem gequälten Lächeln. Die schlaffen Wangen zuckten. Die tiefen Falten unter seinen runden Augen mit den hängenden Lidern traten an diesem Tag noch deutlicher hervor als sonst. Er schmiß sich in einen Sessel und legte die Beine auf den Tisch, eine Unart, die Elsa, wie er wußte, zutiefst mißbilligte, ihm aber stets mit einem zärtlichen, nachsichtigen Lächeln erlaubt hatte. »Daß die mich tatsächlich noch einziehen würden! Mich alten Mann! Ich hätte es im Leben nicht geglaubt!«

»Du bist nicht alt. Noch keine Vierzig!«

»Ja, aber sieh mich an. Mein Leben lang war es mein Unglück, daß mich jeder niedliche Backfisch für eine antiquierte Ausgabe seines Vaters hielt, und das einzige Mal, wo mir meine Falten etwas nützen könnten, rechnen die kühl auf mein Geburtsjahr zurück und erklären mir dreist: ›Sie sind jung, stark und gesund, Domberg!‹ Ha, gesund! Die sollten sich mal meine Leber anschauen. Die hab’ ich seit zwanzig Jahren keine Sekunde verschnaufen lassen! Na ja — ich verrecke sowieso mal am Alkohol«, setzte er düster hinzu.

»Nein. Wenn du zurückkommst, machst du eine Entziehungskur.«

»Gott, Elsa, sag so was nicht! Ich werfe mich ja noch freiwillig vor eine Kanonenkugel. Weißt du, was das schlimmste ist? Daß sie mich nach Frankreich schicken! Ich soll auf Franzosen schießen, ich, Leopold! Ich liebe die Franzosen. Ich habe tausend Freunde in Frankreich. Jacques und Pierre und ich, wir haben Paris unsicher gemacht, und das war meine tollste Zeit!« Sein schwermütiges Gesicht erhellte sich. »Die schönen Pariser Frauen! Ich sage dir, Elsa, keine war vor uns sicher. Da gab es dieses Etablissement am Montmartre von Madame Daphne. Daphne hatte blondes Haar und einen Körper, der…« Ein Blick auf das Gesicht seiner Schwester ließ ihn sich unterbrechen. »War jedenfalls eine verdammt schöne Frau«, vollendete er unbestimmt.

»Du wirst sie eines Tages wiedersehen, Leo.«

»Meinst du? Denkst du nicht auch, daß nach diesem Krieg nichts mehr so sein wird, wie es war? Ob ich wohl noch einmal abends durch den Bois schlendern und diese herrliche, einzigartige unverwechselbare Luft von Paris atmen kann? Ach, und die Kneipen, die Künstlerlokale, mon dieu, da haben wir vom Rotwein gelebt! Die Cafés auf den Champs-Élysees! Und«, er verzog genießerisch das Gesicht, »wenn Mutter mir wieder heimlich Geld geschickt hatte, dann gab es Champagner. Champagner soviel jeder wollte. In einer einzigen Nacht haben wir alles verpraßt, und am Morgen war ich wieder bettelarm, nicht reicher als die Spatzen, die von den Brotkrumen leben, aber das war das Leben, das war mein Leben, meine Leidenschaft! Paris, Champagner und die Liebe…« Er lauschte seinen Worten nach, dem verklingenden Echo einer fernen Zeit. »Verfluchte Scheiße«, sagte er müde. Elsa zuckte zusammen, wies ihn aber nicht zurecht. Er nahm die Füße vom Tisch, stand ruhelos auf. »Tu mir einen Gefallen, Elsa, geh nach Lulinn. Du hältst es nicht aus, hier allein zu warten, auf Nachricht von deinem Mann, von Jo, von Christian, von Felicia! Hast du je begriffen, weshalb sie plötzlich Krankenschwester werden mußte?«

»Nein.«

Er neigte sich über sie, seine Augen blickten sie freundlich und verständnisvoll an. »Geh nach Lulinn. Was immer zwischen dir und Mutter war, es ist lange vorbei. Sie mag eine herrschsüchtige Tyrannin sein, aber sie liebt dich. Sie liebt uns alle!«

Elsa wandte ihr Gesicht ab.

Nichts war vorbei, nie würde es vorbei sein.

Sie hatte ihre Ferien in Ostpreußen verbringen können, zum Teil der Kinder wegen, zum Teil wohl auch aus Sentimentalität. Lulinn, die Heimat. Sie stöhnte unhörbar. Sie konnte und wollte den Abgrund nicht überqueren, der zwischen ihr und Laetitia lag, und ginge sie jetzt heim, dann täte sie damit den entscheidenden Schritt. Sie und ihre Mutter, zwei Frauen, die beieinander saßen und auf das Ende des Krieges und auf Nachrichten von der Familie warteten. Sie mußten einander näherkommen, aus der gemeinsamen Angst würde vielleicht eine neue Innigkeit wachsen.

»Das ist unmöglich«, sagte sie. Leo sah sie erstaunt an. »Was? Daß Mutter uns liebt?«

»Nein. Ich meine, es ist unmöglich für mich, nach Lulinn zu gehen. Bitte, Leo, dräng mich nicht!«

Leo wechselte das Thema. »Schreibt Felicia hin und wieder?«

Elsa schien erleichtert. »Ja, ganz treu alle drei Wochen. Sie hat es tatsächlich erreicht, im Osten in demselben Lazarett Dienst tun zu können wie ihr Vater. Kat ist auch bei ihr, ihre Schwägerin, weißt du. Ich glaube nicht, daß Felicia ihren Aufgaben gern nachkommt, aber…«

»Es gibt weiß Gott Schöneres für ein junges Mädchen!«

»Aber sie tut wohl alles, was man ihr aufträgt. Wenn es nicht so gefährlich wäre und ich nicht solche Angst um sie hätte, würde ich sagen, daß es ihr bestimmt nichts schadet. Ach, sie hätte…«

Leo betrachtete sie aufmerksam. »Sie hätte bei ihrem Mann bleiben sollen, meinst du?«

Elsa zögerte. Doch vor ihrem jüngeren Bruder hatte sie beinahe nie Geheimnisse gehabt. »Linda hat brieflich ein paar Andeutungen gemacht. Es muß zwischen Alex und Felicia einen großen Streit gegeben haben, und dieser Streit war wohl auch der Grund, weshalb Felicia plötzlich auf den Einfall kam, Schwester zu werden. Sie wollte fort von Alex, war aber offenbar zu stolz, zu mir zu kommen.«

Leo mußte lachen. »Um ehrlich zu sein, ich konnte mir von Anfang an nicht recht vorstellen, daß Felicia plötzlich die Ideale einer Florence Nightingale in sich entdeckt haben sollte. Das ist es also! Sie will Lombard ein wenig schmoren lassen und tarnt es mit der guten Sache! Ein ausgekochtes kleines Luder, deine Tochter!«

»Leo!«

»Verzeihung. Ist eigentlich Linda noch in München?«

»Ja. Ich möchte wirklich wissen… ich meine, findest du es schicklich, daß sie dort mit Alex allein ist?«

»Ganz allein werden sie nicht sein.«

»Nein… aber Felicia ist jedenfalls nicht da, und Kat auch nicht. Und Sara ist in Frankreich.«

»Die gute Sara…« Leo griff nach seinem Mantel und hängte ihn sich um die Schultern. Über dem Pelzkragen sah sein Gesicht aus wie das eines alten, traurigen Teddybären. »Elsa, ich muß gehen. Mein Zug geht in einer Stunde. Ich sage dir, ich könnte Falkenhayn…«

»Pssst! Er ist der Chef des Generalstabs!«

»Eben. Wozu braucht man so etwas? Wozu braucht man den Krieg? Elsa, meine Liebste«, er umarmte sie heftig, fast grob, was über seine Rührung hinwegtäuschen sollte, »ich habe so viele Frauen geliebt, aber von allen Frauen auf der Welt liebe ich dich am meisten. Meine große Schwester!«

Elsa biß sich auf die Lippen. Ihr Gesicht war starr.

»Leo, wenn du Jo triffst, oder Christian…«

»Klar, ich grüße sie von dir! In welchem Schlamassel stecken die noch augenblicklich?«

Elsa bewegte vorsichtig ihre kalten Füße. Wie mußte es sein bei dieser Kälte in einem Schützengraben… Ihre Stimme zitterte.

»Verdun«, sagte sie.

Leo lächelte ermunternd. »Verdun? Keine Angst, Elsa. Wahrscheinlich… wahrscheinlich wird das keine besonders schlimme Sache!«

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Die Granate schlug direkt neben Christian ein, und ihr Krachen war so laut, daß er fest davon überzeugt war, er werde jetzt sterben.

Diesmal bin ich dran, schoß es ihm durch den Kopf. Einen Augenblick lang verwunderte ihn der Gedanke, daß er sich gar nicht fürchtete; es war, als sei die grenzenlose Angst vor dem Moment des Todes schlimmer gewesen als der Tod selber. In dem tobenden Inferno aus fliegenden Kugeln, krachenden Granaten, Feuer, Rauch, Schlamm und Blut schien es, als sei der Tod weniger ein Feind als ein Erlöser, und mehr als einmal in den vergangenen Tagen, da er im Schützengraben lag und mit zitternden Händen sein Gewehr nachlud, hatte er sich sekundenlang der Vorstellung hingegeben, das zähe, atemlose, angstgepeitschte Ringen um jeden Fußbreit Boden, jeden Herzschlag Leben aufzugeben, dem Tod das Feld zu überlassen. In seiner völligen Erschöpfung war es diese Vorstellung gewesen, die ihn Stunde um Stunde ausharren ließ. Ich kann jederzeit sterben. Wenn ich nicht mehr will, werde ich einfach sterben. Ich muß nicht aushalten. Ich werde jetzt aushalten, weil ich es möchte, aber ich habe es in der Hand zu sterben, und ich werde es tun, wenn es zu schlimm wird.

Er lebte noch immer. Die Granate hatte neben ihm ein Loch in die Erde gerissen. Den Kameraden, der vor drei Minuten zu ihm gesagt hatte, er wünsche sich eine hübsche, leichte Verletzung, »gerade genug für ein paar Wochen Urlaub daheim«, hatte es voll erwischt. Er lag ein Stück weggeschleudert im Schlamm, die Hände in den Boden gebohrt, und unter seinem Bauch quoll etwas hervor, Eingeweide und Blut.

»Da guck doch mal, der Ulli«, rief jemand, »ich muß…«

»Laß ihn, Mensch! Der lebt doch nicht mehr. Achtung!«

Wieder das Surren, mit dem die Granaten anflogen. Christian duckte sich. Jedesmal, wenn ein anderer hatte dran glauben müssen, kehrte in einem unkontrollierbaren Schweißausbruch seine verfluchte Angst zurück. Er konnte nicht an gegen sein Zittern, so beschämend es war, und so oft er sich auch sagte, daßer bereit sei zu sterben, so sehr hielt er doch am Leben fest.

»Wir sind einfach zu jung«, hatte Jorias vor einigen Wochen gesagt, nach der Erstürmung des Forts Douaumont, dessen Einnahme mit Tausenden von Toten bezahlt worden war. Zu jung… in Christians Ohren hämmerten die Worte der Lehrer von der Kadettenanstalt. »Es ist eure Pflicht und Schuldigkeit, für das Reich und den Kaiser…«

Pflicht und Schuldigkeit, Pflicht und Schuldigkeit…, die Granate schlug ein, ein ganzes Stück entfernt diesmal, jedoch nicht weit genug, daß die Schreie eines von Splittern Getroffenen nicht durch das ohrenbetäubende Krachen und den wabernden Rauch ringsum herübergeklungen wären. Er schrie, schrie schrill und verzweifelt, er schrie keine Worte, sondern stieß bloß die entsetzten, durchdringenden Laute eines schmerzgepeinigten Tieres aus.

Christian kauerte sich zusammen. Wieder schwappte die Angst wie eine Welle über ihn weg und spülte alles fort, was ihn sieben Jahre Kadettenschule gelehrt hatten. Wie immer in solchen Momenten, da er sich seiner Angst hilflos ausgeliefert fühlte, suchte Christian nach der Begeisterung mit der er nach Frankreich gefahren war, nach dem eigenartigen, wilden, warmen Schauer, der sein Blut hatte rascher pulsieren lassen, als sie zwischen Fähnrichexamen und Truppe noch durch eine rasche Feldausbildung auf dem Kasernenhof getrieben worden waren. »Leeeeegt an! Feuer!!« Wenn doch, verdammt noch mal, irgendwo etwas von dieser heißen Vorfreude wäre, vielleicht ließe ihn das die Angst vergessen.

»Ich muß immerzu an Lulinn denken«, hatte Jo zwei Abende zuvor gesagt, als sie sich ein Stück hinter der Front trafen und brüderlich eine Zigarette teilten, »ist es nicht verrückt? Mir fliegen die Kugeln um den Kopf, und es ist, als gehe die Welt unter, und ich sehe immer Lulinn vor mir, wie eine Vision, eine Verheißung. Dieses stille, friedliche Land, in das ich zurückkehren möchte!«

Ich wünschte, ich könnte an Lulinn denken, dachte Christian verzweifelt, ich wünschte, ich könnte an irgend etwas denken außer an meine Angst.

Der Kamerad fünfhundert Schritte entfernt schrie noch immer, ohne daß seine Schreie auch nur im mindesten schwächer wurden. Christian hatte plötzlich die furchtbare Vorstellung, es könne Johannes sein. Wenn es Jo war, der dort litt… wie so oft, seit er hier war, wünschte er, keine Brüder und Freunde hier draußen zu haben. Es machte alles noch schlimmer, gab der Angst eine weitere Dimension, der Phantasie einen größeren Spielraum. War es noch sinnvoll, daß er eine Gewehrsalve nach der anderen abgab? Er sah nichts, schoß blind in die Gegend. Schon wieder nachladen. Er kramte die Munition hervor. Neben ihm kniete Max, ein schwäbischer Pfarrerssohn. Er betete ununterbrochen, den ganzen Tag schon, und seine murmelnde Stimme zerrte an Christians Nerven. Manchmal schien es ihm, als habe Max bereits den Verstand verloren. Er konnte kein Gebet, keinen Psalm, kein Lied mehr zusammenbringen, sondern stammelte nur unzusammenhängende Textzeilen. »Befiehl du deine Wege…« »Dein ist das Reich…« »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal…« »In der Welt habt ihr Angst, doch…«

Christians Gedanken konnten sich dem monotonen Sprechen nicht entziehen, unwillkürlich vollendete sein Geist die Fetzen, die ihm hingeworfen wurden. In der Welt habt ihr Angst, doch sehet, ich habe die Welt überwunden. Nein! Er mußte sich dagegen wehren. Betete er das erst, dann war alles verloren. Gebete waren für die Toten.

Aber mit irgend etwas mußte man sich beschäftigen. Jorias hatte ihm erzählt, daß er die Worte der lateinischen Dichter hersagte, die sie in der Schule hatten lernen müssen. »Gallia est omnis divisa in partes tres…«

Die Franzosen schienen einen neuen Vorstoß zu versuchen, denn ein wahres Bombardement von Kugeln und Granaten setzte ein, und es gab keine Unterbrechung mehr dazwischen. Christian schnappte erschrocken nach Luft, rang um Atem, versuchte sich in der Dunkelheit zu orientieren. Er konnte nichts und niemanden mehr sehen, und einen grauenhaften Moment lang überfiel ihn die Vorstellung, alle seien tot und er als einziger übrig geblieben. Dann spürte er einen lebendigen Körper dicht an seinen gepreßt. Jorias’ keuchende Stimme sagte: »Christian, bist du es? Du, ich hab’ was abbekommen, einen Splitter oder so was. Ich kann nichts fühlen, aber ich habe es gemerkt.«

»Wo ist denn Max?« fragte Christian, dem aufging, daß die Gebete geendet hatten. »Er war neben mir.«

»Hier liegt einer. Ich glaube…« Jorias’ Stimme wurde übertönt vom ohrenbetäubenden Bellen heranrückender Gewehre. Christians Finger fühlten sich feucht an.

»Zurück!« brüllte jemand. Es war Hauptmann von Stahl, der Kompanieführer, dessen Stimme seit Tagen heiser war und nur noch mit äußerster Anstrengung die notwendigen Befehle hervorbrachte. »Zurück! Wir geben die vorderste Linie auf! Zurück!!«

Im Kugelregen und Granatenhagel krochen die Soldaten rückwärts. Es hatte zahllose Leben gekostet, die paar Meter zu gewinnen, es würde ebenso viele Leben kosten, sie wieder zu verlieren. Christian schob sich wie eine Schlange auf dem Bauch nach hinten, das Gewehr eng an sich gedrückt, mit den Füßen den Weg ertastend. Der Verwundete von vorhin hatte nach kurzem Schweigen wieder zu schreien begonnen. Er war also immer noch nicht tot, vielleicht hatte nur eine kurze Bewußtlosigkeit zu seinem Verstummen geführt. Ob es irgend jemandem gelang, ihn mitzunehmen? Vielleicht schrie er deshalb jetzt so mörderisch, weil sie an ihm herumzerrten und ihn zurückzuschleifen versuchten. Es würde ihnen nicht viel Zeit bleiben, ihn zu retten. Das Nachrücken der Franzosen glich nun einem Orkan.

Der schwarze Rauch, der sich über die Erde senkte, nahm jede Sicht. Christian mußte sich konzentrieren, um die Richtung beizubehalten. Vor seinen Augen drehte sich alles. Als dicht vor ihm eine Granate einschlug, fiel sein Gesicht in den Schlamm, seine Hände schlossen sich unwillkürlich über seinem Kopf, um ihn zu schützen. Er merkte, wie ihm die Tränen aus den Augen brachen. Mit letzter Kraft schob er sich zurück und glitt in den Schützengraben, der die zweite Linie der Front bildete. Er brauchte einige Minuten, um genügend Energie zu finden, sich umzusehen. »Jorias?« rief er leise, aber niemand antwortete. Der Qualm verzog sich, er konnte andere Soldaten neben sich erkennen, aber Jorias war nicht unter ihnen.

»Jorias!« Er wußte genau, daß sie eben noch dicht beieinander gewesen waren.

Wo, auf diesen wenigen Metern, waren sie getrennt worden?

Ihm fiel die Granate ein, die in allernächster Nähe eingeschlagen war. So schnell er konnte, eilte er auf allen vieren hinter seinen Kameraden durch den Schützengraben. »Jorias! Hat einer von euch Jorias gesehen?«

Rußgeschwärzte Gesichter wandten sich ihm zu. »Nein. Bleib auf deinem Platz! Bist du denn verrückt, hier so herumzutoben?«

»Ich glaube, den Jorias hat’s erwischt«, sagte ein blonder Junge, der aussah wie fünfzehn, »der ist liegengeblieben.« Gewehre krachten. Alle duckten sich. Beinahe verwundert betrachtete der blonde Junge seinen rechten Arm, aus dem plötzlich ein heller Blutstrahl schoß. Mit einem verwirrten Seufzer kauerte er sich nieder und wurde schneeweiß im Gesicht.

Christian kroch zu seinem alten Platz. Auf dieser Höhe mußte Jorias liegen.

In dem namenlosen Entsetzen, das ihn plötzlich ausfüllte, schien die Angst keinen Raum mehr zu finden. Er konnte nur an Jorias denken, jeder Herzschlag rief ihm den Namen des Freundes zu, jeder Atemzug gab ihm die schreckliche Gewißheit, daß die Zeit verstrich und daß es Jorias’ Leben sein konnte, womit jedes Zögern bezahlt werden mußte. Er kroch aus dem Schützengraben hinaus, in den er sich gerade noch geschleppt hatte wie in die letzte Höhle der Welt. Jemand rief entsetzt: »Bleib hier! Ist der denn verrückt geworden?«

»Jorias ist draußen«, erwiderte ein anderer.

»Aber der ist längst…« Das Pfeifen der Gewehrkugeln zerrißStimmen und Worte. Christian kroch weiter, hinein in eine brodelnde, schwarze, mörderische Hölle. Die Franzosen schossen ohne Unterlaß, die Deutschen standen ihnen um nichts nach. Jede Sekunde detonierte eine Granate, und kein Mensch wußte mehr, von welcher Seite sie kam. Gerade auf der Linie, wo sich die Bombardements beider Gegner trafen, lag Jorias. Christian sah ihn erst, als er schon beinahe gegen ihn stieß. Jorias lag langgestreckt auf der Erde, seine Arme standen in seltsamen Winkeln vom Körper ab. Die Granate — es mußte die gewesen sein, die Christian beinahe die Nerven hatte verlieren lassen — hatte ihm beide Beine abgerissen. Sie waren fort, einfach fort, als seien sie nie dagewesen. Jorias schwamm buchstäblich in seinem eigenen Blut, und er gab nicht die leiseste Regung mehr von sich. Christian spürte, wie sich Betäubung in ihm ausbreitete. Vollkommen ruhig griff er nach Jorias’ Händen, zog den Freund zu sich heran, schleppte ihn so zäh und unermüdlich und unnachgiebig durch den Feuersturm, wie eine Ameise eine zu groß geratene Beute zu ihrem Bau trägt. Er ist tot, er ist tot, hämmerte es in ihm, aber die Erkenntnis setzte sich nicht bis zu jener Stelle seines Gehirns fort, wo sie ihm eine Wunde gerissen und ihn in einen Strudel des Schmerzes und Entsetzens gestürzt hätte. Nachher würde das Begreifen über ihn herfallen und ihm für alle Zeiten den Frieden und die Zärtlichkeit rauben, die Merkmale seines Wesens und seiner Jugend gewesen waren und die er sich bis zu dieser Stunde bewahrt hatte. Doch das Nichtbegreifen ließ ihn den Schützengraben erreichen, und als er glaubte, daß ihn nun alle Kraft verließe, war er angekommen, und irgend jemand zog ihn hinunter in die Deckung, ein anderer nahm ihm Jorias ab. Christian vernahm, lauter als den Lärm des Kampfes, seinen eigenen keuchenden Atem. Er vermochte nichts zu sagen, betrachtete nur Jorias’ Gesicht. Jemand hatte ihn auf den Rückengelegt, so daß er ihn ansehen konnte.

Unter Ruß und Staub hatte dieses Gesicht keine Farbe mehr, es war weiß bis in die Lippen, grau um die Augen. Es wirkte entspannt, so ruhig, als sei der Tote ein Schläfer. Zugleich schien er sehr jung, nun, da die Anspannung der vergangenen Tage aus seinen Zügen gewichen war, und so verletzlich, wie es nur ein Schlafender sein kann.

Ein paar Haarsträhnen fielen in seine Stirn, genauso wie in all den Nächten, in denen er neben Christian geschlafen hatte, in ihrer Stube in der Kadettenschule und in der kleinen Dachkammer mit den schrägen Wänden und geblümten Tapeten auf Lulinn.

Es war eine kurze, rasche Abfolge von Bildern, die an Christian vorüberzog, jedes einzelne nur für Sekunden wie von einem Blitz erhellt, ehe es wieder in den Schatten tauchte, Bilder einer Kindheit und Jugend, die er mit Jorias geteilt hatte, gedankenlos, fröhlich, in der sicheren Gewißheit, daß das Leben immer so sein würde, und sie endeten jäh und immer wieder an der Stelle, die Christian nicht begreifen konnte und die später in den Chroniken der Familie Leonardi in den dürren Worten festgehalten sein würde:

Jorias Leonardi, gefallen am 24. Februar 1916 bei Verdun.

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Die Augen des Mannes waren groß und fiebrig. Sein Mund hatte sich vor Schmerz zu einer grotesken Form verzerrt. Er hielt Felicias Arm so fest umklammert, daß sie sich auf die Lippen beißen mußte, um nicht zu schreien. »Hier, bitte, nehmen Sie meinen anderen Arm«, murmelte sie gepreßt, als sie meinte, es nicht länger aushalten zu können, aber er schien sie gar nicht zu hören, sondern grub seine Finger nur noch tiefer in ihre Haut. Er stieß ein heiseres Gebrüll aus, als ihm das Messer des Arztes ins Bein schnitt. Die Kugel saß tief, und das Gewebe ringsum hatte sich schon entzündet und eiterte. Sie mußte heraus, daran hatte keiner der Ärzte einen Zweifel gelassen. Außer den Verwundeten selber schien es niemanden zu kümmern, daß dank der miserablen Versorgungslage Morphium und Chloroform ausgegangen waren und für heute jeder Patient jeden Eingriff ohne den Anflug einer Betäubung über sich ergehen lassen mußte.

»Morgen kriegen wir Nachschub«, hatte eine Schwester gesagt.

»Und warum, verdammt, könnt ihr mir dann die elende Kugel nicht morgen rausholen?«

»Das schaffen Sie nicht. Es muß jetzt sein.«

Er hatte sich Felicia erbeten, sie sollte seine Hand halten. Wie die meisten Soldaten in diesem gottverlassenen Lazarett irgendwo in der Gegend von Czernowitz war er in sie verliebt. Sie war die Hübscheste von allen, und sie schien unfähig, mit einem Mann zu sprechen, ohne mit ihm zu flirten. Sie war verheiratet, aber daran dachte sie in den seltensten Momenten, daher gab es für die Männer ebenfalls keine Veranlassung, daran zu denken. Man verzieh ihr gern, daß sie wenig krankenschwesterliche Qualitäten vorweisen konnte und sich vor Blut, Läusen, Dreck, zerfetzten Gliedmaßen und Geschrei unverhohlen grauste.

Der Soldat auf dem Operationstisch suchte durch den Schleier hindurch, der erster Vorbote einer Bewußtlosigkeit war, Felicias graue Augen, gewahrte Entsetzen, Mitleid darin, und — fast etwas wie Abscheu.

Er fiel in Ohnmacht, ehe er das Geheimnis von Felicias Augen ergründen konnte.

Felicia registrierte erleichtert, daß der eisenharte Druck um ihren Arm nachließ. Sie wandte sich zu ihrem Vater. »Ich glaube, er ist ohnmächtig geworden, Vater.«

Dr. Degnelly sah kurz auf. »Das ist das beste, was ihm passieren konnte. Bis er aufwacht, sind wir fertig.«

Armer Papa, er sieht so müde aus, dachte Felicia zärtlich. Ihr Vater hatte kaum eine Rolle gespielt in ihrem Leben, ein sanfter, stiller Mann, dessen Ehe der gescheiterte Versuch war, eine Frau, die ihn nicht liebte, von ihrer Melancholie zu heilen. Immer wenn Felicia seine müden Augen sah, kam es ihr schuldbewußt in den Sinn, wie sorgfältig sie selbst darauf achtete, soviel Bequemlichkeit wie möglich zu finden. Es fiel ihr so schwer, sich aufzuopfern, und lieber heute als morgen wäre sie abgereist — wenn nicht ihr Stolz sie zurückgehalten hätte. Vor niemandem mochte sie klein beigeben, nicht vor Alex, nicht vor ihrer Mutter, am wenigsten aber vor Papa, der mit gebeugtem Rücken und dunklen Schatten unter den Augen Tag und Nacht seinen Pflichten nachkam. Sie hoffte stets, er werde nicht merken, wie halbherzig sie der guten Sache diente. Wie viele sehr wissenschaftlich orientierte Menschen zeigte Dr. Degnelly in mancher Hinsicht eine erstaunliche Naivität. Es wunderte ihn nicht, daß Felicia Dienst an der Front tat, dabei hätte er sie gut genug kennen müssen, um zu wissen, daß eine solche Arbeit nicht im mindesten zu ihr paßte. Ihm kam gar nicht in den Sinn, daß in der Ehe seiner Tochter einiges nicht zum besten stehen mochte. Hin und wieder erkundigte er sich zerstreut nach Alex: »Wie geht es ihm? Was ist los in München?«

Felicia gab nicht zu, daß sie keine Briefe von Alex erhielt — sie schrieb ihm ebenfalls nicht —, und murmelte irgend etwas. Ihr Vater war ohnehin meistens zu erschöpft, um genau zuzuhören. Er lächelte, müde und abwesend, und sagte: »Ich bin froh, daß du da bist, Kleines. Es tut gut, einen vertrauten Menschen um sich zu haben.«

Sie nahm ihn dann in die Arme und zog ihn an sich, und er lehnte seinen Kopf an ihre Schulter, als finde er dort einen Platz zum Ausruhen. Und wenn sie seine grauen, dünnen Haare betrachtete, ging ihr auf, daß die Jahre an ihm gezehrt und seine Kraft verbraucht hatten.

Nie konnte sie ihn ansehen, ohne sich nicht zugleich der engen Frist bewußt zu sein, die das Leben ihnen allen setzte. Sie hätte ihr Gesicht gern an seiner Brust geborgen, während ihr der verzweifelte Gedanke durch den Kopf schoß: Es ist alles schiefgelaufen. Nichts geht so, wie ich es wollte. Dieser verdammte Krieg!

Sie hatten das Haus in der Prinzregentenstraße zusammen verlassen, Felicia, Kat und Sara. Sara war glücklich, weil die anderen ihren Bitten endlich nachgaben. Kat wunderte sich über Felicias Entschluß, aber sie ging mit, weil sie nicht allein zurückbleiben, zur Schule gehen und auf Phillip warten wollte.

»Wenn er in den Krieg zieht, kann ich es auch«, sagte sie, »wenn er keinen Weg findet, mit Vater wegen uns zu sprechen, kann er nicht erwarten, daß ich ewig zu Hause sitze und mir die Augen ausweine!« Hinter ihren Worten lagen Angst und Resignation. Sie hatte nicht aufgehört, Phillip zu lieben, aber jeder Tag, der verging, erschien ihr wie das Näherrücken eines unbestimmbaren Unheils. Darüber sprach sie nicht mit Felicia, ebensowenig wie die ihre Sorgen den anderen mitteilte. In beiden Mädchen war das Bedürfnis, zusammenzusitzen und über alles zu reden, erloschen. Ihren geheimsten Kummer hüteten sie verbissen.

Kat hatte es geschafft, ebenfalls ihren Dienst in Galizien tun zu dürfen, hauptsächlich deshalb, weil sie und Felicia schon während der kurzen Ausbildungszeit in München immer wieder versichert hatten, keine ginge irgendwohin ohne die andere. Vor ihrer Zähigkeit kapitulierte man. Übrig blieb Sara, die an die Westfront geschickt wurde. Felicia brachte sie an den Bahnhof, und das letzte, was sie von ihr sah, war ein trauriges Gesicht mit einem Rußfleck auf der Nase, was ihr ein melancholisches, etwas groteskes Aussehen gab.

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Felicia hatte die langgestreckte Baracke verlassen, in der die Verwundeten lagen und wo hinter einer spanischen Wand die Operationen durchgeführt wurden. Sie rieb ihr rotes, schmerzendes Handgelenk und atmete tief die reine Abendluft. Die Sonne stand schon weit im Westen, aber es war immer noch recht heiß. Ein trostloser Landstrich, dieses Galizien, fernab von aller Welt, ein Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen und wo jeder Soldat