/ Language: Deutsch / Genre:prose_contemporary

Wenn die Liebe nicht endet

Charlotte Link


Wenn die Liebe nicht endet

Charlotte Link

Neuausgabe 2006

Ein historisches Liebesabenteuer — und zugleich der prächtige Bilderbogen einer schicksalhaften Epoche.

Bayern im Dreißigjährigen Krieg: Unberührt von Hunger, Elend und Chaos wächst die schöne Margaretha in eimem Kloster auf. Doch dann flieht sie heimlich, um dem Abenteurer Richard von Tscharninin in seine böhmische Heimat zu folgen. Als die Furie des Krieges ihr Glück zerstört, heiratet Margaretha einen anderen. Aber nach Jahren macht sie sich wieder auf die Suche nach ihrer Jugendliebe.

Inhaltsverzeichnis

I  Erstes Buch

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II  Zweites Buch

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Für meine Schwester Franziska

Wie endet Liebe?

Die war’s nicht, der’s geschah.

Jean Paul

Teil I

Erstes Buch

1

Glühende Hitze lastete über dem Land. Keine Wolke schob sich vor die Sonne, kein Seufzen des Windes war zu vernehmen, und auch kein leises Rascheln der Blätter. Hoch über weitflächigen Kornfeldern kreisten Raubvögel, in blühenden Wiesen zirpten Myriaden Grillen ihren endlosen Gesang. In den Bächen floß das Wasser nur mehr flach und langsam über die hellen Kieselsteine, und die Zweige der Weidenbäume, die sonst in die Fluten tauchten, hingen reglos und trocken herab. Auf heißen, schmalen Feldwegen wirbelte der Staub in kleinen Luftspiralen, welke Löwenzahnblätter lagen flach am Boden. Im Schatten der ermatteten Laubbäume ruhten vereinzelt Kühe, schlafend oder wiederkäuend, geduldig und ergeben.

Ein Augusttag im Jahre 1619 — über Bayern wölbte sich seit Wochen ein hoher Himmel. Sein helles Blau gab dem Münchner Land mit seinen sanftgewellten, reichen Wiesen und glitzernden Seen, seiner üppigen Blumenpracht und den winzigen Dörfern eine friedvolle Schönheit. Alles war schön. Nur selten brauten sich des Abends grauschwarze Wolken am Horizont zusammen, warfen Blitze aus ihrer Mitte zur Erde herab, entluden sich in einem prasselnden Regen. Doch am nächsten Morgen stand die Sonne wieder strahlend am Himmel, ragten die Alpen wieder weithin sichtbar in die klare Luft Die fernsten Gipfel schneebedeckt, als wollte die Natur ihren ganzen Reichtum gleichzeitig vorführen, Sommer und Winter.

Auf einer der Wiesen lagen an diesem Augusttag im Schatten eines Apfelbaumes drei Mädchen im Gras neben einem Vorrat roter Äpfel, den sie zuvor gepflückt und neben sich aufgeschichtet hatten. Die Hitze hatte sie schläfrig gemacht, ein Gespräch wollte sich nicht entwickeln. Sie aßen Äpfel; das wohlige Geräusch dieser Beschäftigung umfing sie, dann und wann ein behagliches Seufzen, dazwischen auch ärgerliche Laute, wenn Bienen und Wespen sich zu nahe heranwagten. Alle drei Mädchen waren etwa fünfzehn Jahre alt, und sie sahen auffallend gesund aus, was zu jener Zeit im Deutschen Reich keine Selbstverständlichkeit war. Aber sie hatten das Glück, im Herzogtum Bayern zu leben, einem Land, dem es wirtschaftlich gutging, das von Herzog Maximilian, dem einflußreichen Wittelsbacher, umsichtig und geschickt verwaltet wurde. Überdies stammten sie aus reichen adeligen Familien. Obwohl sie in dunklen, mörderischen Zeiten heranwuchsen, hatten sie Not und Leid noch nicht am eigenen Leib erfahren. Ihre Kleidung wies sie als Klosterschülerinnen aus. Sie kamen dort mit einem gerade noch als förderlich erachteten Maß an Bildung in Berührung und äußerst reichlich mit der christlichen Religion. Sie lernten, einen Haushalt zu führen, übten sich in Selbstbeherrschung und Geduld und galten am Ende der Klosterzeit als wohlvorbereitet für die Ehe und den standesgemäßen Mann, den ihre Eltern in der Zwischenzeit für sie ausgesucht hatten. In diesem sorgfältig geplanten Leben bedeutete der erzwungene Aufenthalt im Kloster für viele der Mädchen die einzige wirkliche Jugendzeit, die Zeit der Freundschaften, des Vergnügens und der kleinen Freiheiten.

Die Mädchen auf der hochsommerlichen Wiese lebten in dem Kloster St. Benedicta, einem einsamen alten Gemäuer, eine Tagreise südlich von München gelegen. Sie trugen lange, hochgeschlossene Kleider aus graublauem Leinen, schwarze Schuhe und um den Hals das goldene Kreuz. Die Haare mußten zurückgekämmt und zu einem Zopf geflochten werden, doch alle drei hatten es verstanden, durch ein paar herausgezupfte Locken die Strenge der frommen Frisur aufzulockern. So versuchten sie, die unvorteilhafte Kleidüng auszugleichen, in der sie sich wie Vogelscheuchen fühlten.

Eines der Mädchen hatte soeben den letzten Apfel gegessen und richtete sich auf. Sie war so groß wie ihre Gefährtinnen, doch schmaler und zarter. Trotz der schläfrigen Stimmung, die über dem Land brütete, war ihr Blick wach und klar, als sie sich umsah. Ihr schmales Gesicht mit den großen blauen Augen wirkte lieblich, wenn auch kindlich, aber die dichten Wimpern, die gerade, feine Nase und die Weichheit ihres Mundes wiesen reizvoll auf die Schönheit einer jungen Frau. Im Augenblick schien es ihr zu warm zu sein. Mit der einen Hand fächelte sie ihrem Gesicht ein wenig Luft zu, mit der anderen griff sie nach ihrem hellblonden Zopf und zog ihn nach vorn; unter dem schweren Haar war ihr Hals naß geworden.

»Wirklich«, sagte sie, »es ist entsetzlich heiß!«

Sofort setzte sich ihre Nachbarin auf und stöhnte leise.

»Weiß Gott«, meinte sie, »man kann kaum atmen!«

Sie war ein etwas plumpes Mädchen, zu dick, um wahrhaft hübsch zu sein, aber anziehend mit ihren tiefschwarzen Haaren und dunklen Augen, mit dem runden, sanften, wenngleich etwas einfältigen Gesicht. Zu ihr sagte das dritte Mädchen, das noch im Gras lag:

»Natürlich hängt das mit deinem Gewicht zusammen, Clara. Wenn ich so dick wärewie du, könnte ich auch nicht atmen!«

Das war übertrieben. Claras Wangen röteten sich. Sie kannte derlei Kränkungen, und immer wieder schmerzten sie aufs neue.

»Wie hartherzig du bist, Angela«, stieß sie hervor, »und wie grausam. Du bist …«

»Das stimmt, das war eine sehr unfreundliche Bemerkung«, mischte sich das blonde Mädchen ein, »du solltest dich entschuldigen, Angela!«

»Margaretha, unser Friedensengel«, spottete Angela, »aber gut. Clara, es tut mir leid. Verzeihst du mir?«

Diese Worte waren so leicht und spöttisch dahingesagt, daß sie kaum wie eine Entschuldigung klangen, aber es blieb Clara nichts anderes übrig, als sie anzunehmen. Schniefend unterdrückte sie ihre Tränen.

»Ja«, sagte sie schließlich, »ich verzeihe dir. Aber nur, wenn du niemals wieder …«

»Angela wird sich zusammennehmen«, unterbrach Margaretha. Sie wußte, daß Clara nie aufhören konnte zu quengeln, wenn ihr Unrecht geschehen war, und sie kannte auch Angelas Ungeduld. Es war besser, den Streit gleich im Keim zu ersticken.

»Im übrigen«, fuhr sie fort, »kann ich auch kaum Luft holen. In diesen entsetzliehen Kleidern ist das unmöglich.«

»Da hörst du es«, rief Clara, »auch Margaretha sagt, daß …«

»Wir können die Kleider ja ausziehen«, schlug Angela gelassen vor. Die anderen starrten sie an.

»Wie meinst du das?« fragte Margaretha.

»Nun, wie soll ich es meinen? Wenn wir die Kleider ausziehen, haben wir immer noch genug an. Und es sieht uns doch niemand.«

»Aber das ist unmöglich«, sagte Clara, »wir können nicht am hellichten Tag auf einer Wiese unsere Kleider ausziehen!« Allein der Gedanke ließ sie erschauern. Nur Angela konnte so etwas vorschlagen.

Doch auch Margaretha schien von der Idee überzeugt.

»Es müßte herrlich kühl sein«, meinte sie sehnsüchtig, »und … wie hübsch würden wir aussehen!« Auch wenn niemand sie bewundern konnte, fühlte sich Margaretha entzückt, wenn sie an das bezaubernde Bild dachte, das sie abgeben mußten. Wenn Angela es tut, versprach sie sich im stillen, tu ich es auch! Natürlich tat Angela es. Sie besaß ein ungeheuer vorlautes Mundwerk, aber sie konnte sich das leisten, denn unweigerlich folgten ihren Worten auch die Taten. Mit einem Satz sprang sie auf und begann sich auszuziehen.

Margaretha und Clara beobachteten sie bewundernd. Angela erregte bei Freunden, Fremden und selbst bei Feinden Bewunderung, denn sie war so außergewöhnlich schön, daß sie jeden Blick an sich fesselte. Sie war nicht älter als ihre Freundinnen, doch ungleich reifer und überlegener, und so strahlte sie eine überwältigende Selbstsicherheit aus. Sie wirkte weder unbeholfen wie Clara noch kindlich wie Margaretha, sondern besaß ein ausdrucksstarkes Gesicht mit spöttischen Zügen. Ihre Augen waren hellbraun, und ihr gerader Blick vermittelte dem, der ihm standhielt, den Eindruck außergewöhnlicher Willenskraft.

Das Schönste aber waren Angelas Haare. Sie glänzten in sanftem Rotblond, und selbst der fest geflochtene Zopf vermochte ihre Locken nicht zu bändigen.

Es dauerte nicht lange, und Angela hatte sich des graublauen Gewands sowie der Schuhe entledigt und stand wie ein Engel vor ihnen. Sie trug nur noch zwei bauschige weiße Unterröcke, die über den Knöcheln endeten. Das dazu gehörende Oberteil bestand aus weißen Spitzen, es ließ die Hälfte der Arme, den Hals und den obersten Teil der Brust frei. Seine Unschicklichkeit wurde durch das goldene Kreuz am Hals in keiner Weise gemildert, sondern eher noch verstärkt.

Margaretha und Clara hatten ihre Freundin schon oft in diesem reizenden Aufzug erlebt, nämlich jeden Morgen und Abend im Schlafsaal, doch was inmitten der hohen Klostermauern ganz natürlich wirkte, schien hier auf der Wiese unglaublich sündhaft.

Dennoch folgte Margaretha sofort ihrem Beispiel und schließlich, ein wenig zögernd, auch Clara. Die Kleider falteten sie sorgfältig zusammen und legten sie auf einen Stapel unter den Apfelbaum. Nach den ersten unbehaglichen Minuten begann Margaretha, sich herrlich zu fühlen. Wie schön, wie unglaublich schön war die Wärme der Sonne auf ihren bloßen Armen, wie weich das Gras unter ihren nackten Füßen, wie leicht war es auf einmal zu atmen, ja zu leben. Mit einem tiefen Seufzer streckte sie ihren Körper. Sie nahm ihren Zopf zwischen die Finger und dann, mit einer entschlossenen Bewegung, löste sie die Schleife und schüttelte ihren Kopf, bis die Haare in einer dichten Mähne bis zur Taille fielen. Das war ein wunderbares, beinahe herausforderndes Gefühl, und Margaretha genoß es zutiefst. Sie lächelte die anderen an.

»Ist es nicht schön?« fragte sie, und in der Frage verbarg sich nicht Eitelkeit, sondern Glück.

Angela und Clara waren beeindruckt und befreiten ihrerseits ihre Haare. Selbst Clara fiel das nun nach dem ersten entscheidenden Schritt nicht mehr schwer. Sie machte einige tänzelnde Bewegungen.

»Ich gehe ans Wasser«, verkündete sie, »kommt ihr mit?«

Die anderen nickten, und nebeneinander liefen sie in großen Sprüngen über die Wiese. Am Fuß eines Abharigs floß der Bach, ein klares Gewässer, dessen Spiegel sich zwar in den vergangenen Wochen gesenkt hatte, das aber immer noch kühl und unbeirrt dahineilte. Am Ufer wuchs das Gras dick und saftig, gesprenkelt von Gänseblümchen und Kleeblüten. An einigen Stellen wurde der Bach so schmal, daß man leicht darüber hinwegspringen konnte, doch die Mädchen suchten sich ein breiteres Stück, kletterten den Hang hinab und wateten ins Wasser.

Margaretha lachte leise. Sie legte den Kopf in den Nacken, das Gesicht der Sonne zugewandt, und unter halbgesenkten Wimpern blinzelte sie in den blauen Himmel. Ein eindringliches Gefühl von Lebensfreude durchströmte sie, und sie wünschte sich, ihr Leben möge immer so sein wie jetzt. Keine Angst und kein Leid, dachte sie, nur Sommertage voll Licht und Wärme zusammen mit den Freundinnen. Ich möchte immer hier stehen und die Sonne auf mein Gesicht scheinen lassen und Angela und Clara zuhören, wie sie reden und lachen. Wenn ich doch nie heiraten und fortgehen und ernst und würdig sein müßte! Wenn mein Leben doch mir ganz allein gehören dürfte.

Da wurde sie jäh von einem schrillen Schrei aus ihren Gedanken gerissen, sie drehte sich um und erblickte Clara, die ausgerutscht und mitten im Bach saß. Hinter ihr stand Angela, sie lachte laut und hemmungslos. Es war ihr ungezügeltes Lachen, das die Schwestern im Kloster zur Verzweiflung trieb. Die Hände in die Hüften gestemmt, stieß sie hervor:

»Oh, mein Gott, Clara!«

Auch Margaretha konnte sich nicht beherrschen und prustete los. Clara saß regungslos im Wasser, die kurzen Beine weit von sich gestreckt, die Arme in einer hilflosen Geste vom Körper gespreizt, Verständnislosigkeit im Blick: Ein nasser Tölpel.

»Ihr seid so grausam«, schluchzte sie, »ich bin naß und ihr lacht!« Sie weinte, und mitleidig sagte Margaretha:

»Komm, gib mir deine Hand, ich helfe dir beim Aufstehen. Du Ärmste, wie konnte das nur geschehen?«

»Ich fürchte, es war meine Schuld«, bekannte Angela, aber sie sah keineswegs zerknirscht aus, »ich wollte sie nur ein wenig anstoßen, aber ich dachte nicht daran«, ihre Augen blitzten auf, »daß Leute wie Clara es so schwer haben, das Gleichgewicht zu wahren!«

»Hör jetzt auf damit!« fuhr Margaretha sie an. »Du bist gehässig!« Sie reichte ihrer Freundin die Hand und zog sie hoch.

»Hör auf zu weinen, es ist doch alles in Ordnung.« Clara wischte sich die Tränen ab. Unterhalb der Taille war sie völlig naß.

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Angela, »aber du legst dich einfach in die Sonne, und im Nu ist alles wieder trocken!«

»Ja, siehst du, es ist doch wirklich nicht so schlimm«, redete auch Margaretha ihr zu. Clara nickte, durch die allgemeine Anteilnahme nun doch etwas getröstet. Sie wollte soeben aus dem Wasser und den Uferhang hinaufklettern, als sie plötzlich innehielt.

»Was ist das?« fragte sie erschrocken.

»Was?« erwiderten die anderen und hörten es im selben Moment auch. Deutlich waren Hufgetrappel und einzelne Stimmen zu vernehmen, Margaretha erbleichte.

»Lieber Himmel«, flüsterte sie, »Fremde!«

»Männer«, murmelte Clara atemlos.

Selbst Angela wurde unruhig.

»Wir müssen zu unseren Kleidern«, sagte sie.

»Zu spät«, meinte Margaretha, »sie würden uns sehen. Wir können uns nur ruhig verhalten und hoffen, daß sie weiterreiten.«

»Unsere Kleider liegen unter dem Apfelbaum«, entgegnete Angela, »jeder kann sie sehen.«

»Was werden sie tun?« fragte Clara, vor Schreck nahe daran, abermals ins Wasser zu fallen. Hilfesuchend griff sie nach Margarethas Hand.

»Sie werden gar nichts tun«, antwortete sie, »vermutlich reiten sie einfach weiter.«

Doch das Hufgetrappel kam näher, die Stimmen wurden lauter.

»He!« rief jemand. »Seht mal, was dort liegt!«

»O Teufel, welch ungewöhnliche Beute!«

»Drei Kleider — und das mitten in der Wildnis!«

»Häßliche Kleider sind es!«

Angela ließ einen Laut der Empörung vernehmen.

»Unglaublich«, zischte sie, »diese eingebildeten Kerle. Am liebsten würde ich …«

»Sei doch ruhig«, flüsterte Margaretha, »willst du sie unbedingt auf uns aufmerksam machen?«

Lautes Lachen klang über die Wiese.

»Vielleicht ist der entflogene Inhalt der Kleider weniger häßlich«, sagte eine etwas leichtsinnig klingende Stimme. Zustimmende Rufe antworteten.

»Die Damen müssen doch irgendwo in der Nähe sein!«

»Na, da werden wir wohl mal suchen müssen.«

Die Stimmen näherten sich. Die Mädchen duckten sich tiefer. Jede einzelne von ihnen durchlebte in diesen Momenten Gefühle der heftigsten Angst. Es herrschte Krieg in Europa. Flugblätter erzählten von Räubern und Mördern, die durch alle Wälder streiften und unschuldige Menschen überfielen, ausraubten oder grausam töteten. Margaretha kamen all die grausigen Geschichten in den Sinn, die die Nonnen darüber erzählt hatten, und sie fing an zu zittern.

»Es müssen mindestens fünf Männer sein«, murmelte sie mit blassem Gesicht, »und einer von ihnen spricht mit fremdem Akzent.«

Clara begann leise zu weinen. Angela stieß sie ungeduldig an.

»Wir dürfen keine Angst zeigen«, mahnte sie, »und im Notfall werden wir uns bis zum Äußersten verteidigen.«

Margaretha schloß die Hände um ihr goldenes Kreuz.

»Es müssen keine Verbrecher sein«, meinte sie.

Die Schritte kamen näher, genau auf die Mädchen zu. Dann fielen lange Schatten über sie.

»Oh, Gott im Himmel«, schrie jemand, »was haben wir denn da?«

Die Mädchen richteten sieh auf und blickten hoch. Über ihnen am Ufer standen fünf Männer. Sie waren gut gekleidet und trugen Stiefel aus weichem Leder, doch darüber lag eine Schicht von Dreck und Staub, und ein starker Geruch nach Pferden ging von ihnen aus. Die Gesichter wirkten trotz ihrer Heiterkeit abgespannt, sie sahen müde unter ungekämmten Haaren hervor. Keiner der Männer war wohl über dreißig Jahre alt, und sie wirkten, fand Margaretha, trotz ihrer Waffen — Degen und Dolche — gar nicht sehr bedrohlich.

»Drei badende Engel«, sagte einer, »wie kommt ihr denn in eine so einsame Gegend?«

»Das könnte ich Sie auch fragen«, entgegnete Angela zornig, »weit und breit ist keine Straße und kein Weg, und Sie reiten hier einfach entlang!«

Die Männer starrten sie verblüfft an. Margaretha war beinahe stolz auf ihre Freundin. Angela sah so mutig aus, wie sie dort im Wasserstand, den Kopf hocherhoben, die Locken zurückgeworfen. Wenn sie Angst hatte, so ließ sie sich nichts davon anmerken.

»Nun, meine Dame«, lenkte einer der Männer ein, »Sie müssen uns nicht wie Banditen behandeln. Wir sind ohne böse Absichten hier.«

Offensichtlich war er der Anführer. Margaretha betrachtete ihn. Er war recht groß, seine Haltung, auf sehr berechnete Weise nachlässig und elegant, wies ihn als einen Mann aus, der sich nicht nur zu Pferde, sondern ebenso häufig an fürstlichen Höfen bewegte. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Hut, von dem zwei lange weiße Federn wehten, darunter fielen seine schwarzen Haare in dichten Locken bis auf die Schultern hinab. Er trug ein hüftlanges dunkelbraunes Gewand aus Samt, um dessen Mitte eine breite rote Schärpe mit schwarzen Fransen an den Enden geschlungen war. An der Schärpe war sein Degen befestigt, ein langes, blitzendes Eisen mit vergoldetem Griff, in welchen ein prunkvolles Familienwappen, Tiere und Blumen eingeätzt waren. Um Hals und Schultern lag ein weiter, ehemals weißer, inzwischen verschmutzter Spitzenkragen, halb bedeckt von einem schwarzen, schwingenden Mantel, der über Obergewand und Hose bis zu den kniehohen Lederstiefeln reichte.

Viel zu warm! dachte Margaretha und wunderte sich über sich selbst — sie war beeindruckt von diesem Fremden, und das in einem Moment unbestimmter Gefahr für sich selbst und ihre Freundinnen.

Ohne Zweifel, dachte sie, stammt er aus einer vornehmen Familie.

»Nachdem Sie uns nun betrachtet haben«, sagte Angela, »können Sie ja weiterreiten!«

»Vielleicht haben wir Sie noch nicht lange genug betrachtet«, meinte der Anführer, »wir sehen so etwas auch nicht alle Tage!«

Sein Blick glitt von Angela zu den beiden anderen hinüber. Margaretha war darauf gefaßt, daß er sie mit oberflächlichem Interesse wahrnehmen und dann zu Angela zurückkehren würde. Doch seine Augen blieben an Margaretha hängen, er starrte sie an, als habe sie ihn gefesselt. Sie fühlte sich zutiefst verwirrt und wollte die Augen niederschlagen, doch sie konnte es nicht. Zum erstenmal in ihrem Leben wurde sie so angesehen, und sie fand es herrlich. Wenn es ihr doch nur gelänge, ein wenig selbstbewußter vor diesem Mann zu stehen! Doch sie war unsicher und verlegen, und sicher fand er, sie sähe aus wie ein dummes Schaf.

Endlich wandte er sich ab. Seine Stimme klang mit einemmal nicht länger keck, sondern streng.

»Ich bitte Sie höflichst, dieses Gewässer zu verlassen«, sagte er, »denn wir möchten jetzt gern ein Bad nehmen.«

Seine Männer lachten hämisch, und die Mädchen fürchteten sich wieder. Eilig kletterten sie die Uferböschung hinauf. Die Männer streckten ihnen die Hände entgegen, um ihnen zu helfen. Margaretha ergriff die Hand des Anführers, und er zog sie zu sich hinauf. Ohne es recht zu wollen, hob sie ihren Blick und sah abermals in seine dunkelbraunen Augen. Er lächelte.

»Ich hoffe, wir haben Sie nicht zu sehr erschreckt«, sagte er.

»Oh … aber nein … überhaupt nicht«, log Margaretha. Der Mann ließ ihre Hand los.

»Leben Sie hier in der Nähe?« fragte er.

»Ja, in einem Kloster, dort hinter den Hügeln. Aber … wir sind natürlich keine Schwestern von dort«, setzte sie hinzu und erschrak gleich darauf.

»Wie schön«, erwiderte der Fremde, »Sie gehören auch weit eher in das weltliche als in das geistliche Leben!«

»Wir sollten jetzt nach Hause gehen«, sagte Clara, die sich in ihren nassen Kleidern äußerst unwohl fühlte. Diese ganze Situation war so unschicklich, daß sie ihr rasch entfliehen wollte.

»Ja, wir werden gehen«, sagte auch Angela. »Adieu!«

»Einen Augenblick noch«, hat der Anführer, »können Sie mir sagen, ob hier irgendwo in der Nähe der Sandlinger Hof liegt?«

»Ja«, antwortete Margaretha, »dort hinten. Mit dem Pferd sind Sie ganz schnell dort.«

»Vielen Dank«, der Mann verneigte sich leicht. Ein anderer sagte etwas in einer fremden Sprache zu ihm, woraufhin der Anführer ihm in ähnlich sonderbar klingenden Lauten antwortete. Sie hatten die Mädchen wohl schon vergessen, und diese liefen nun eilig zu dem Apfelbaum, unter dem ihre Kleider lagen. So sahen sie auch die Pferde der Fremden.

»Die Pferde wirken abgekämpft«, stellte Margaretha fest.

»Ja, aber schau nur ihr Zaumzeug an!« sagte Angela.

Die Pferde trugen schmale Halfter aus weichem Leder, die hinter den Ohren als Stoffgurte entlangliefen und mit leuchtenden Seidenfäden bestickt waren. Bei einigen führten von dort aus zwei scharlachrote Seidenquasten rechts und links vom Hals entlang bis zum Sattel, wo sie in großen goldenen Ringen endeten. Die Sättel lagen auf hellen, zotteligen Felldecken, befestigt durch einen Ledergurt und geflochtene Seidenschnüre, die über den Rücken der Pferde liefen und sich um die Schwanzwurzel schlangen. Nach vorn führten außerdem Lederbänder, die sich über der Brust trafen und dort mit schweren goldenen Schnallen gehalten wurden.

»Diese Männer müssen sehr reich sein«, meinte Margaretha.

»Offensichtlich. Aber noch etwas ist mir aufgefallen. Habt ihr gehört, in welcher Sprache sie sich unterhielten?« fragte Angela, während sie in ihr Kleid schlüpfte.

»Ich konnte es nicht verstehen.«

»Es war Tschechisch!«

»Tschechisch?«

»Ja. Ich bin sicher, die Männer kommen aus Böhmen. Das würde auch erklären, warum sie gleichzeitig Deutsch sprechen.«

»Aber was tun sie hier?« fragte Clara.

»Nun«, meinte Angela gedehnt, »die Sache ist jedenfalls verdächtig. Vielleicht gehören sie zu den protestantischen Aufständischen.«

»Protestanten?« fragte Margaretha entsetzt.

»Das ist doch ganz unwichtig. Wir müssen unbedingt nach Hause«, drängte Clara, »wir werden nicht mehr rechtzeitig zur Abendmesse kommen!«

»Dafür hatten wir einen unterhaltsamen Tag«, entgegnete Angela ungerührt, »wir werden natürlich von alldem nichts erzählen.«

»Wir sagen, wir seien unter einem Apfelbaum eingeschlafen und zu spät wieder aufgewacht«, schlug Margaretha vor. Die anderen waren einverstanden. Sie strichen die zerknitterten Kleider glatt und machten sich auf den Heimweg.

Der heiße Hochsommertag neigte sich kaum merklich seinem Ende zu. Ein ganz leichter Wind kam auf, spielte mit den hohen Grashalmen und in den dichtbelaubten Zweigen der Bäume.

Sanft rötete sich der Himmel im Westen, warf seinen Schimmer auf die weißen Gipfel der Alpen und auf das glitzernde Wasser des Bachs. Die reine, weiche Luft, die mattere Kraft der Sonne legten sich auch besänftigend auf die Gemüter der Mädchen, so daß selbst Angela nicht gegen Clara stichelte. Alle hingen ihren Gedanken flach. Margaretha dachte noch immer an den fremden Mann. Sein Blick, der sie zunächst verwirrt hatte, verlor in der Erinnerung an Schrecken und wurde immer schmeichelhafter. Wenn er sie wirklich schön gefunden hatte, dann war dies ein wundervolles Erlebnis gewesen. Jedoch, Angela mochte recht haben, es konnte sich bei ihm um einen böhmischen Protestanten handeln. Die Schwestern hatten stets vor den Angehörigen des anderen Glaubens gewarnt und gesagt, die Mädchen dürften nie mit Protestanten Freundschaft schließen. Aber obwohl Margaretha das wußte, fand sie die Vorstellung plötzlich traurig, den Fremden niemals wiederzusehen.

Sie waren schnell gelaufen und langten bald am Kloster an. Es lag in einer flachen Talmulde, nach drei Seiten von Wiesen umgeben, eine Seite dem Wald zugewandt. Das graue Gemäuer war beinahe zweihundert Jahre alt und wie eine Festung um einen weiten Innenhof gebaut; es wurde an seinen vier Ecken von kleinen, runden Türmen begrenzt, zwischen denen sich die geraden Häuser mit ihren vielen Fensterscheiben entlangzogen. Auf einer Seite schloß sich ein fast endloser Garten an, der dicht bepflanzt war mit Obstbäumen, Gemüse und Blumen. St. Benedicta war reich, die adeligen Mädchen, die hier lebten, stammten aus wohlhabenden Familien, die für die Erziehung ihrer Töchter gut zahlten. Zudem gehörte dem Kloster großer Landbesitz in der Umgebung, der von Pächtern verwaltet wurde, dessen Erträge aber fast vollständig den Schwestern zufielen.

Als die Mädchen herankamen, tauchte zwischen den Blumen des Klostergartens eine Gestalt auf, ein rundes, freundliches Gesicht unter einer schwarzen Haube. Schwester Josepha war wie immer mit ihren Pflanzen beschäftigt. Sie galt als die beliebteste Nonne in St. Benedicta; stets bewies sie großen Eifer, den Mädchen alles zu erklären, was mit ihrem geliebten Garten zusammenhing. Sie kannte die vielen geheimnisvollen Methoden, mit denen man Rosen, Rittersporn, Geißblatt und Glockenblumen, aber auch Kamille, Minze und tausend andere Kräuter aufzog. So säte und pflanzte sie nur bei zunehmendem Mond, sah niemals in den Wind, wenn sie erntete, und pflückte Blumen nur mit der linken Hand. Einmal, als Margaretha Zahnschmerzen quälten, war sie mit ihr bei Sonnenuntergang in den Garten gegangen, hatte leise vor sich hin murmelnd die Wurzel des Kreuzkrautes ausgegraben, gegen den bösen Zahn gehalten und dann murmelnd wieder eingegraben. Margaretha schien das alles etwas unheimlich, doch die Schmerzen hörten tatsächlich auf. Die Oberin des Klosters durfte von solchen Dingen natürlich nie etwas erfahren, doch Schwester Josepha konnte sich auf die Verschwiegenheit der Mädchen völlig verlassen.

»Aber Kinder!« rief sie jetzt aus. »Wo wart ihr denn? Ich habe euch bei der Messe vermißt!«

»Ach, Schwester Josepha, es tut uns so leid«, sagte Angela. Sie eignete sich am besten dafür, Ausreden hervorzubringen, ohne sich durch ein lügenhaftes Flattern in ihrem unschuldigen Blick zu verraten.

»Wir sind unter einem Apfelbaum eingeschlafen.«

Schwester Josepha sehnte sich heimlich nach den genüßlichen Seiten des Lebens und begriff sofort den Zauber eines Schlafes unter einem Apfelbaum.

»Nun, so habt ihr doch einen hübschen Nachmittag gehabt«, sagte sie mit beinahe denselben Worten wie vorhin Angela, »geht jetzt hinein. Es gibt Birnenkompott zum Abendessen.« Sie nickte den dreien noch einmal zu, bevor diese durch eine kleine Seitenpforte in den Innenhof liefen und durch das große Portal das Gebäude betraten. Die hohe Eingangshalle mit ihrem steinernen Fußboden, der gewölbten Decke und den bunten Glasfenstern, durch die das Licht gedämpft einfiel, empfing sie wohltuend kühl. Im Gegensatz zu vielen anderen Bauten in Europa, die der Witterung nur unzulänglich trotzten, ließ es sich in diesem Kloster komfortabel leben: Im Sommer schützten die dicken Mauern vor der Hitze, im Winter wurde aus dem Bestand der eigenen Wälder so ausgiebig geheizt, daß niemand frieren mußte.

In der Halle begegneten die Mädchen zu ihrem Unglück der Oberin des Klosters, Schwester Gertrud. Sie sah die drei streng an.

»Ihr seid zu spät.«

Angela, die wie die beiden anderen tief geknickst hatte, versuchte es abermals.

»Es tut uns so leid«, begann sie, »wir …«

Schwester Gertrud machte eine gebieterische Handbewegung, die sie sofort zum Schweigen brachte.

»Ich will nichts hören. Ihr geht jetzt in die Kapelle und betet. Und ich möchte nicht, daß so etwas noch einmal geschieht!«

»Nein, Ehrwürdige Schwester«, versicherten alle. Rasch liefen sie weiter.

Wie gut, daß sie uns nicht das Abendessen gestrichen hat, dachte Margaretha. Der Duft des Birnenkompotts zog durch das ganze Haus, roch süß, vertraut und heimatlich. In dem Frieden des Sommerabends empfand Sie das alte Kloster wie ein sicheres, beschützendes Zuhause.

Die Mädchen waren ein paar Schritte weit gekommen, als die Stimme der Oberin abermals erklang.

»Einen Moment«, sagte sie, »beinahe hätte ich etwas vergessen: Ich habe zwei sehr wichtige Neuigkeiten für euch. Zuerst — ich erhielt heute Nachricht von deinen Eltern, Margaretha. Sie wollen dich sehen, und wie ich dem Brief entnehmen konnte, werden sie schon in den nächsten Tagen hier eintreffen.«

»Oh«, erwiderte Margaretha nur. Sie freute sich nicht besonders. Sie war selten daheim gewesen und vermißte ihre Familie nicht. Sie wußte, daß eine Reise immer mit vielerlei Strapazen verbunden war, und Mißtrauen keimte in ihr auf: Warum kamen ihre Eltern? Mußte dies nicht eine schlechte Bedeutung haben?

»Die zweite Neuigkeit«, sagte derweil Schwester Gertrud, »ein Bote brachte Nachricht von der Kaiserwahl in Frankfurt. König Ferdinand von Böhmen ist zum Kaiser gewählt worden. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hat einen neuen Kaiser!«

Die Reihenfolge, in der Schwester Gertrud die beiden Neuigkeiten vorbrachte, war wohl etwas ungewöhnlich, für ihr Verständnis aber völlig richtig. Von allen denkbaren Ereignissen waren die wichtigsten die, die im direkten Zusammenhang mit St. Benedicta und seinen Bewohnern standen. Alles übrige, jeder Kaiser und König, jeder Krieg und alle Taten der Großen und Mächtigen, hatte an zweiter Stelle zu stehen.

Weder die Mädchen noch Schwester Gertrud ahnten, welche Folgen diese Krönung in den kommenden Jahren nach sich ziehen würde.

2

Margaretha von Ragnitz war fünfzehn Jahre alt, und sie besaß all das, was einem Mädchen ihrer Zeit den Eintritt in ein gutes und verhältnismäßig gesichertes Leben ermöglichen konnte. Sie sah sehr hübsch und gesund aus, und vor allem stammte sie aus einer reichen, angesehenen Familie. Ihr Vater, Wilhelm von Ragnitz, war Abkömmling eines seit Jahrhunderten in Bayern ansässigen Adelsgeschlechts, Herr über ein prachtvolles Schloß und großer Ländereien. Er genoß das ganze Vertrauen des Herzogs Maximilian — mehr noch, er durfte sich als dessen guter Freund bezeichnen und war ein ruhiger und ernster Mann voller Verantwortungsbewußtsein, der durch die stetige Erfüllung seiner Pflichten auffiel. Es gab in seinem Leben keine bemerkenswerten Höhen und Tiefen. Er liebte seine Frau Regina mit derselben Ernsthaftigkeit und Treue, mit der er alles, was er für wichtig hielt, bedachte. In seine Liebe mischten sich Verehrung und Bewunderung, denn er empfand Regina als eine unerschütterliche Quelle der Kraft und Überlegenheit. Alles, was für ihn schwierig und unlösbar schien, bewältigte sie mit einer Willensstärke, die ihm beinahe unheimlich war. Er wußte, daß er sie brauchte und war jeden Tag von neuem dankbar für ihre Gegenwart. Doch gab es einen Kummer, von dem beide nie sprachen, unter dem Regina beinahe noch mehr litt als ihr Mann: Der Name Ragnitz würde aussterben, die lange Linie verlöschen. Unter Lebensgefahr und Schmerzen hatte Regina drei Töchter geboren, und danach hatte der Arzt ihr verboten, jemals wieder Kinder zu bekommen. Es bestand daher keine Aussicht mehr auf einen Erben, und Wilhelm von Ragnitz blieb nur noch, die Mädchen so aristokratisch wie möglich zu verheiraten, um sich an edelblütigen Enkelkindern erfreuen zu können. Doch war ihm auch hier das Schicksal nicht allzu freundlich gesonnen. Die Älteste, die zwanzigjährige Adelheid, hatte ein Jahr zuvor geheiratet, doch ihr Mann, der Baron von Sarlach, hatte sich seines alten Namens und der langen Ahnenreihe unwürdig gezeigt. Er entpuppte sich als kümmerlicher, kleingeistiger Opportunist, der unentwegt damit beschäftigt war, seinen Vorteil zu suchen und ihn sich dann kriecherisch zu erschleichen. Außerdem spielte er und machte Schulden, die sein Schwiegervater schließlich bezahlen inußte. In seinem verwahrlosten Haus fanden wüste Trinkgelage statt, zur Verzweiflung von Adelheid. In dem einen]ahr ihrer Ehe war sie von einem ohnehin trübsinnigen Mädchen zu einer verbitterten Frau geworden. Ihrem Vater tat das Herz weh, wenn er ihr Unglück sah, und er wünschte inbrünstig, dieser Ehe nie zugestimmt zu haben. Kinder aus dieser Verbindung konnten nie würdige Nachfahren werden.

Aber auch für seine jüngste Tochter konnte er keine glanzvolle Zukunft erhoffen. Bernada war zehn Jahre alt, ein reizendes, lebhaftes Kind, ebenso schön wie ihre Mutter, aber sie war seit fünf Jahren ganz und gar auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Als kleines Mädchen war sie in der Eingangshalle des Schlosses von der oberen Galerie gestürzt, als sie dort auf dem Geländer herumkletterte. Niemand hatte geglaubt, sie werde überleben, denn beinahe jeder Knochen ihres Körpers war gebrochen. Doch schließlich konnte ihr Leben gerettet werden.

Von der Taille an bis zu den Füßen aber vermochte Bernada sich nicht mehr zu bewegen. In den langen, harten Wintern, da es überall feucht und kalt wurde, mußte sie ständig quälende Schmerzen ertragen. Trotz allem blieben ihre Schönheit und ihre Heiterkeit unzerstörbar.

Wilhelm von Ragnitz wußte, daß sich kaum jemand finden würde, der sie heiraten wollte. Also blieb nur Margaretha, und er schwer sich, bei ihr nicht denselben Fehler zu begehen wie bei Adelheid.

Margaretha war von allen drei Kindern die Unabhängigste. Adelheid, die nicht gerade hübsch aussah und sich oft unsicher fühlte, hatte sich bis zu ihrer Heirat nicht aus der Geborgenheit ihrer Familie herausgewagt, und Bernada war durch ihre Krankheit immer an die Mutter gefesselt. Doch Margaretha ging von Anfang an ihren eigenen Weg, in einer fortwährenden, zähen Rebellion gegen Regina, die nach ihrem Empfinden wie ein Feldberr ihre Familie beherrschte. Erleichtert reagierte Margaretha, als sie zur Vervollkommnung ihrer Erziehung ins Kloster sollte, da sie sich davon ungeahnte Freiheiten versprach. Zu Hause war es so öde und langweilig, sie fühlte sich oft eingesperrt. Den Vater in seiner ernsten Art verstand sie nicht; sie fand ihn manchmal sogar unheimlich, von ihrer Mutter fühlte sie sich bedrängt. Das Leben im Kloster erschien ihr dagegen fröhlich und einfach. Manche der Schwestern waren streng, und unter vielen Regelungen und Pflichten stöhnten die Mädchen, aber untereinander hatten sie Spaß, und nichts konnte ihre Lebenslust stören.

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Der September 1619 begann ebenso heiß und trocken wie der August geendet hatte. Im Kloster regten sich alle Hände, um das Obst, unter dessen Last sich die Bäume fast zur Erde bogen, zu ernten und für den Winter einzumachen. Alle fünfzehn Mädchen des Klosters halfen voller Eifer, da die Tätigkeit draußen in der Sonne ihnen Spaß machte. Oftmals wurden sie so albern, daß die Oberin selbst herbeieilte, und sie zur Ruhe mahnte, was ein beinahe aussichtsloses Unterfangen war.

Auch Margaretha genoß diese Tage, ein wenig getrübt durch die bevorstehende Ankunft ihrer Eltern. Sie war fest davon überzeugt, daß sie eine unangenehme Nachricht brachten, und sie glaubte auch zu ahnen, was es sein könnte. Sicher hatten sie einen Mann für sie ausgewählt und kamen nun, um sie auf einen baldigen Abschied vom Kloster Vorzubereiten oder gar, um sie gleich mitzunehmen. Doch alles in ihr sträubte sich dagegen. Sie hatte gesehen, was aus Adelheid, geworden war und wie kummervoll ihre ältere Schwester lebte, und so malte sie sich aus, wie die Ehe ihr eigenes Dasein verändern würde. Ein düsteres Schloß, eine Horde widerspenstiger Dienstboten, ein rücksichtsloser Gatte. Sie aber wollte leben wie bisher, höchstens noch aufregender.

Seit der schöne Mann auf der Wiese Margaretha angesehen hatte, glaubte sie, daß in seinen Augen das lag, wonach sie sich schon seit einiger Zeit auf unbestimmte Weise gesehnt hatte. In ihrer Unerfahrenheit war sie von seinem Blick völlig überwältigt worden, zugleich ließ ihre Angst vor den möglichen Plänen ihrer Eltern sie immer heftiger an den Fremden denken. Sie hätte ihn so gern wiedergesehen. Endlich, vier Tage nach jenem Nachmittag am Bach, ergab sich dazu eine Gelegenheit. Sie kam gegen Abend aus dem Schlafsaal hinunter und traf in der Halle die nervöse kleine Schwester Antonie, die aufgeregt hin und her lief. Als sie Margaretha entdeckte, eilte sie auf sie zu.

»Ach, Margaretha, mein liebes Kind«, rief sie, »wie gut, daß ich dich sehe. Kannst du mir helfen?«

»Was ist denn geschehen?«

Schwester Antonie seufzte.

»Die Medizin«, jammerte sie, »was soll ich nur tun?«

Margaretha versuchte, die Nonne zu beruhigen und Klarheit in ihre wirren Reden zu bringen. Schließlich erfuhr sie, daß Schwester Antonie für die Bäuerin vorn Sandlinger Hof eine Arznei gegen Husten gebraut hatte und nun nicht wagte, den Weg zu ihr allein zu machen, um ihr das Getränk zu bringen.

»Es ist ja schon fast dunkel«, klagte sie.

Margaretha fand, daß es noch recht hell sei, doch sie wußte, daß Schwester Antonie hinter jedem Baum eine Gefahr vermutete. Die Erwähnung des Sandlinger Hofs hatte sie unruhig gemacht.

»Nun, Schwester Antonie«, sagte sie, »natürlich werde ich das für Sie tun. Ein Abendspaziergang macht mir Spaß!«

»Ich weiß nicht, ob es der Oberin recht wäre …«

»Wir müssen es ihr nicht sagen, dann regt sie sich auch nicht auf. Lassen Sie mich ruhig gehen.«

Schwester Antonie war viel zu dankbar, nicht selbst aufbrechen zu müssen, als daß sie noch lange Einwände gemacht hätte. Sie holte einen Korb, in den sie die Flasche, mit der Medizin legte, überredete Margaretha, noch ein Tuch mitzunehmen, da es kühl werden würde, und schickte sie dann endlich auf den Weg.

Margaretha schritt rasch voran. Sie glaubte kaum daran, den jungen Fremden auf dem Hof zu treffen, denn er war bestimmt längst fort, aber sie genoß den Spaziergang als ein kleines Abenteuer. Der Abend war klar, und in der Luft lag bereits der Herbst. Einige Blätter hatten schon zartgelbe Spitzen, und die Berge schienen so nah wie sonst im Sommer.

Der Weg führte zunächst am Klostergarten entlang, dann über einen Steg hinweg auf die andere Seite des Bachs, durch einen dichten Wald hindurch und schließlich über eine hügelige Wiese, auf welcher der Hof stand. Dieser gehörte zum Besitz eines Grafen, war jedoch an die Sandlingers verpachtet. Man munkelte, die Familie hätte viele Jahre zuvor zum protestantischen Glauben übertreten wollen, sei aber vom Grafen zur Beibehaltung der katholischen Konfession gezwungen worden, und seitdem herrschte Unfrieden.

Margaretha, der durch den Kopf ging, was man sich im Kloster und im nahe gelegenen Dorferzählte, dachte daran, was Angela gesagt hatte. Wenn die Fremden aus Böhmen kamen, gehörten sie vielleicht wirklich zu den protestantischen Aufständischen, und das würde erklären, warum sie seinerzeit nach dem Sandlinger Hof fragten. Nur — was suchten die Männer denn in Bayern, wo doch fast alle Menschen katholisch und kaisertreu waren?

Als Margaretha sich dem Hof näherte, sah sie bereits hinter einem der Fenster das mißtrauische Gesicht der Bäuerin. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Frau die Tür öffnete und langsam hinaustrat. Sie war von magerer, etwas furchteinflößender Gestalt.

»Wer kommt denn da?« rief sie. Margaretha trat heran. Die Züge der Bäuerin wurden etwas freundlicher.

»Ah, eine der jungen Damen aus dem Kloster«, sagte sie, »welche Ehre.« Es lag leiser Spott in ihrer Stimme. Margaretha vernahm ihn wohl.

»Schwester Antonie schickt Ihnen Medizin«, sagte sie und reichte der Frau die Flasche. Dabei spähte sie an ihr vorbei ins Haus, doch sie konnte keinen Menschen entdecken.

»Wie freundlich von Ihnen, nur deswegen hierherzukommen«, sagte die Frau nun schon etwas herzlicher, »alle meine Kinder haben Husten. Wenn Sie trotzdem eintreten möchten …«

Margaretha wußte, daß die Bäuerin eine Ablehnung erwartete. Ein adeliges Mädchen betrat nicht ohne Not ein Bauernhaus und schon gar nicht allein, aber es war vielleicht eine Gelegenheit, jenen Mann wiederzusehen.

»Vielen Dank«, sagte sie daher, »ich bin recht durstig und wäre dankbar für einen Schluck Wasser.«

Frau Sandlinger ließ Margaretha eintreten und brachte auch gleich einen großen Krug mit Wasser. Sie begann eifrig zu reden von ihrem Hof, den Tieren, den Kindern und dem schlechten Leben, das sie immer ungerecht behandelt hatte. Margaretha sah sich währenddessen um. Sie war nicht zum erstenmal in einem Bauernhaus, denn an den Kirchenfesttagen besuchten die Mädchen mit den Nonnen gemeinsam die Armen und Kranken der Umgebung in ihren armseligen Hütten. Dieses Haus war aus grauen Feldsteinen gebaut, es duckte sich unter ein zerfranstes Strohdach und besaß nicht einmal Glas vor den winzigen Fenstern, sondern nur verstaubte Stoffreste. In dem flachen Raum, in den Margaretha gebeten worden war, konnte man nur geduckt stehen, und überdies herrschte ein abscheulicher Gestank nach Schweiß und Fäulnis. Das Leben der vielköpfigen Familie beschränkte sich auf dieses Zimmer, und die Ausdunstungen der Menschen mischten sich mit denen der Küken, die in engen Kästen unter der Ofenbank gehalten wurden, und mit dem Geruch des alten Heus, das an Stelle eines Teppichs den Fußboden bedeckte. Im schwachen Schein des Talglichts sah Margaretha die blassen Gesichter einiger Kinder, die aus einem strohgefüllten Verschlag in der Wand hervorsahen, der ihnen als Bett diente. Sie husteten, und eines jammerte, denn offenbar wurde es von seinen stärkeren Geschwistern fast zerquetscht. Die Bäuerin achtete kaum darauf. Sie klagte über ihre Arbeit, über ihre schlechten Augen, mit denen sie beinahe nichts mehr sehen konnte, wenn sie Flachs oder Wolle spann, über den ewigen Kohl mit Rüben zu allen Mahlzeiten. Doch Margaretha hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Sie fand das alles äußerst langweilig, zumal sie vergeblich gehofft hatte und niemand sich blicken ließ. Endlich stand sie auf.

»Ich glaube, ich muß nun gehen«, meinte sie, »man macht sich sonst Sorgen um mich.«

»Danke, daß Sie vorbeigekommen sind«, sagte die Bäuerin. Sie öffnete die Haustür. Margaretha erschrak, als sie aus der niedrigen Stube hinaustrat. Sie hatte überhaupt nicht bemerkt, wie dunkel es geworden war. Soeben versank die Sonne, und feuchte Dämmerung lag über den Wiesen. Daheim mußte längst die Abendmesse begonnen haben.

»Auf Wiedersehen«, sagte sie hastig, »ich muß mich sehr beeilen!«

Frau Sandlinger verneigte sich mehrmals. Margaretha lief, so rasch sie konnte, über den Hof, aber sie mußte vorsichtig sein, um nicht über einen der vielen Maulwurfshügel oder über Steine und Äste zu stolpern. Arme Schwester Antonie, wie sie sich ängstigen würde. Wie konnte sie aber auch so die Zeit vergessen! Nur um zu warten, ob dieser Fremde wiederkam. Sie begann sich zu schämen, weil sie wie ein dummes Ding dagesessen und sich die Augen nach einem Mann ausgeschaut hatte. Sie schwer sich, so etwas nie wieder zu tun. Sie hatte gerade den Wald erreicht, und ihr schauderte ein wenig vor seiner schweigenden Dunkelheit, als neben ihr ein Schatten auftauchte. Urplötzlich war da eine hoehgewachsenemännliche Gestalt, deren Gesicht sie nicht sofort erkennen konnte. Margaretha war vor Angst wie gelähmt. Eine tiefe Stimme sagte:

»Guten Abend, Mademoiselle!«

Die französische Anrede deutete auf einen jungen, gebildeten Adeligen hin, aber Margaretha war zu erschrocken, um das zu bemerken. Sie glaubte sich einem Landstreicher gegenüber und schrie entsetzt auf. Sie wollte weglaufen, aber ihre Beine bewegten sich nicht.

»Oh, bitte, schreien Sie doch nicht«, hat der Fremde, »ich versichere Ihnen noch einmal, daß ich kein Bandit bin. Offenbar habe ich nur die unglückselige Angewohnheit, Sie immer wieder zu erschrecken.«

Margaretha starrte ihn an. Endlich begriff sie.

»Ach, Sie sind es«, ihre Stimme zitterte vor Erleichterung, »ich habe Sie überhaupt nicht erkannt!«

»Ich hoffe, das liegt nur an der Dunkelheit und nicht daran, daß Sie mich bereits vergessen haben.«

»Aber nein, ich habe Sie nicht vergessen«, antwortete Margaretha und bereute ihre Freimütigkeit im selben Moment.

»Gott sei Dank. Darf ich mich Ihnen vorstellen? Richard von Tscharnini.«

»Margaretha von Ragnitz.«

»Ich freue mich, Sie nun richtig kennenzulernen«, sagte Richard, »wissen Sie, Sie haben mich neulich sehr beeindruckt, als Sie in diesem Bach standen, mit riesigen, erschreckenen Augen und in diesem bezaubernden weißen … Kleid.«

Margaretha wurde verlegen bei der Erinnerung an diesen Moment.

»Ich weiß gar nicht, wie wir so dumm sein konnten«, sagte sie, »ein verrückter Einfall! Und dann mußten Sie und Ihre Leute kommen. Es war so peinlich!«

»Aber stellen Sie sich vor, wir wären nicht gekommen! Ich hätte Sie niemals getroffen!«

Margaretha lächelte. Sie fühlte sich unsicher und der Situation nicht ganz gewachsen. Sie war überzeugt, daß es keine der Schwestern gutheißen würde, daß sie hier im Wald stand und sich mit einem fremden Mann unterhielt. Außerdem schüchterte er sie ein. Um irgend etwas zu sagen, meinte sie: »Meine Freundin glaubte, Sie seien aus Böhmen.«

»Die junge Dame mit den rotblonden Haaren?«

Margaretha bejahte. Richard nickte anerkennend.

»Ein schlaues Mädchen. Ja, sie hat recht, ich komme aus Prag. Ich wäre Ihnen aber dankbar, wenn Sie meine Herkunft nirgends erwähnen würden.«

»Nein, natürlich nicht«, versicherte Margaretha. Sie war fest entschlossen, dieses Geheimnis für sich zu behalten, obwohl sie nicht recht wußte warum. Der Mann faszinierte sie ebenso wie an dem Tag, da sie ihn zum erstenmal gesehen hatte. Hier im Dunkeln vielleicht sogar noch mehr. Aber bestimmt war er von ihr enttäuscht, jetzt, wo sie das unmögliche Kleid trug und ihre Locken nicht mehr zu sehen waren. Obwohl sie die Begegnung mit ihm so herbeigewünscht hatte, wollte sie schnell fort.

»Ich muß weiter«, sagte sie daher, »ich habe mich schon sehr verspätet.«

»Sie erlauben, daß ich Sie begleite?« fragte Richard. »Sie sollten in der Nacht nicht allein durch den Wald gehen. Es gibt zu viele Räuber in unserer Zeit.« Sein Lächeln sah sie nicht.

Es war inzwischen so dunkel, daß sie sich allein gefürchtet hätte. Zwischen den Wipfeln der Bäume konnte sie keine Sterne hindurchschimmern sehen. Wind zog auf und rauschte in den Blättern. Margaretha erschien die ganze Situation unwirklich. Sie kam sich selber so fremd vor, daß sie nicht den Eindruck hatte, als sei sie selbst das Mädchen, das dort durch den Wald ging. Gleichzeitig war sie durch die Nähe des Fremden so beunruhigt, daß sie sich unwohl fühlte. Sie fürchtete, daß alles, was sie an diesem Abend getan hatte und was sie jetzt tat, eine Sünde sein müsse, und nahm sich vor, bei der nächsten Beichte Abbitte zu leisten.

»Wundern Sie sich nicht, wo ich plötzlich herkam?« fragte Richard.

»Nein — merkwürdig. Ich habe darüber nicht nachgedacht«, gab Margaretha zu.

»Ich hatte Sie auf dem Sandlinger Hof gesehen. Als Sie fortgingen, machte ich mich auch auf den Weg, aber mit einer Abkürzung, und wartete am Wald auf Sie.«

»Warum taten Sie das?«

»Ich wollte Sie wiedersehen. Ich habe in den letzten Tagen oft an Sie gedacht und Sie vor mir gesehen, so wie Sie neulich waren — so klein uhd verwirrt und ängstlich. Ich hatte Sie nicht sofort bemerkt, aber dann nahm ich nur noch Sie wahr.«

»Zuerst sahen Sie Angela!«

»Wenn Sie Ihre rothaarige Freundin meinen, ja, sie ist sehr auffällig.«

»Sie ist schön. Wir alle finden das. Und sie ist so viel erwachsener als wir anderen!«

»Sie schwärmen von ihr, um von sich abzulenken«, sagte Richard spöttisch, »ich finde Sie aber viel schöner!«

Margaretha antwortete nicht. Schweigend gingen sie weiter. Einmal lief ein Hase vor ihnen über den Weg, und sie mußten plötzlich beide lachen. Margaretha merkte, daß ihr kalt geworden war. Sie griff in den Korb und zog das Tuch hervor, das ihr Schwester Antonie gegeben hatte.

»Frieren Sie?« fragte Richard.

»Ein bißchen.«

Er nahm ihr das Tuch aus den Händen, schlang es um ihre Schultern und zog sie dabei zu sich heran. Sie blieb ganz willenlos und nachgiebig dabei, nur ihr Herz ging etwas schneller. Richard küßte ihre Stirn, ihre Wangen, strich mit den Fingern über ihre Augenlider. Nach einem kurzen Zögern beugte er sich noch einmal herab und küßte ihren Mund.

Als er sie losließ, trat sie einige Schritte zurück. Sie sah in sein Gesicht, fand es schön und klar und zärtlich. Von der Geübtheit seines Vorgehens hatte sie überhaupt nichts gemerkt und stand hingerissen vor der Einmaligkeit dieser Situation.

»Habe ich dich schon wieder erschreckt?« fragte Richard leise.

»Nein«, flüsterte Margaretha. Sie hatte laut sprechen wollen, aber ihre Stimme war heiser. Sie räusperte sich.

»Ich muß unbedingt nach Hause«, sagte sie, »wahrscheinlich suchen schon alle nach mir.«

»Ich möchte, daß wir uns wiedersehen!«

»Bleiben Sie denn noch hier in der Gegend?«

»Ja, noch einige Zeit. Geht es morgen abend?«

Margaretha wußte, daß es eigentlich nicht ging. Würde sie von einer der Schwestern entdeckt, müßte sie wahrscheinlich das Kloster verlassen. Aber der Zauber der vergangenen Minuten war stärker als jede Vorsicht.

»Können Sie morgen um diese Zeit am Kloster sein?« fragte sie. »Ich komme hinaus.«

»Ich werde da sein«, versprach er.

»Dann gehen Sie jetzt. Der Wald ist hier zu Ende, und ich möchte nicht, daß wir gesehen werden.«

»Gute Nacht.« Er lächelte ihr noch einmal zu, wandte sich um und verschwand in der Dunkelheit. Margaretha rannte mit pochendem Herzen über die Wiese. Noch war ihr so leicht zumute, daß der Gedanke an eine erzürnte Schwester Gertrud keinen Schrecken für sie hatte. In diesem Hochgefühl hätte sie jeder Gefahr leichthin die Stirn geboten.

Als sie den Klostergarten erreichte, löste sich von der Mauer ein heller Schatten — es war Angela in ihrem Spitzennachthemd, eine Decke um die Schultern gehängt. Ihr Gesicht war verzerrt vor Kälte und Zorn.

»Was, zum Teufel, denkst du dir?« fuhr sie die erschrockene Margaretha an. »Wo warst du denn bloß? Schwester Antonie ist ganz krank vor Sorge.«

»Angela! Was tust du hier?«

»Was ich hier tue? Ich warte auf dich, und zwar schon sehr lange. Ich bin fast erfroren!«

»Warum wartest du?«

»O Gott, was ist denn los mit dir? Du kommst mitten in der Nacht nach Hause und fragst mich ganz unschuldig, warum ich hier warte! Ich bin hier, um dich abzufangen, damit du nicht durch das Haupttor hineinspazierst, sondern mit mir durch die Seitenpforte kommst!«

»Aber«, stotterte Margaretha verwirrt, »wissen denn nicht schon alle, daß ich nicht da bin?«

»Nein, weil ich dich gedeckt habe. Als du zur Abendmesse nicht da warst, dachte ich, du seist im Garten und hättest die Zeit vergessen. Damit die Oberin nicht böse wird, habe ich behauptet, du hättest dich mit Kopfschmerzen ins Bett gelegt. Nach der Messe traf ich Schwester Antonie, die am Tor stand und Ausschau nach dir hielt. Sie erzählte mir alles. Es gelang mir gerade noch, sie davon abzuhalten, zur Oberin zu gehen. Wir mußten dann alle ins Bett, aber ich schlich mich hinaus, um auf dich zu warten.«

Margaretha war ihrer Rede atemlos gefolgt.

»Angela«, sagte sie, »du bist eine so treue Freundin. Dich hier in die Dunkelheit zu stellen.«

»Vor allem in die Kälte«, ergänzte Angela zähneklappernd.

»Du glaubst nicht, was ich erlebt habe!« Margaretha hatte das Gefühl, dieses Geheimnis doch nicht ganz für sich behalten zu können. Während sie durch den Garten eilten, sagte sie: »Ich habe mich tatsächlich die meiste Zeit mit der Bäuerin vom Sandlinger Hof unterhalten. Doch dann, auf dem Rückweg, Angela, habe ich ihn getroffen, weißt du, den schwarzhaarigen Mann …«

»Wen?«

»Den Anführer der Männer, die uns neulich überraschten!«

»Ach, ihn meinst du. Ist der denn noch hier?«

»Ja, und er hat auf mich gewartet. Ich glaube, er liebt mich. Er hat mich geküßt.«

Angela blieb stehen.

»Nein«, sagte sie.

»Doch«, beharrte Margaretha, »aber was starrst du denn so?«

»Das kann doch nicht sein«, sagte Angela. »Margaretha, du läßt dich von ihm auf irgendwelchen Wiesen in der Dunkelheit küssen?«

»Ach, du bist nur neidisch. Du wirst noch sehen, daß er viel besser zu mir paßt, als du glaubst. Außerdem ist er nicht irgendein Mann. Er stammt aus einer adeligen Familie!«

»Wie heißt er?«

»Richard von Tscharnini.«

»Ha, wenn das nicht ein böhmischer Name ist! Du hast da bestimmt einen Protestanten kennengelernt!«

Sie hatten die kleine Pforte erreicht, traten in den Innenhof und gelangten durch einen weiteren Nebeneingang in das Gebäude. Die Eingangshalle wurde nur von drei Kerzen schwach erleuchtet.

»Vielleicht ist es wirklich nicht schlimm«, meinte Angela, »ein so kurzes Erlebnis.«

»Es ist nicht so kurz«, entgegnete Margaretha zaghaft, »wir wollen uns morgen abend wieder treffen!«

Angela preßte die Lippen zusammen.

»Ich fürchte, du tust etwas Dummes«, sagte sie, »erzähle den anderen nichts, vor allem nicht Clara. Sie kann nie den Mund halten.«

»Nein, natürlich nicht.«

»Geh hinauf. Ich werde nur noch schnell Schwester Antonie mitteilen, daß du zurück bist!« Sie verschwand in einem Seitengang.

Margaretha lief eilig und leise die knarrende Holztreppe hinauf. Oben stand, in eine Wandnische gedrückt, Clara, die dunklen Augen weit aufgerissen.

»Endlich, Margaretha«, rief sie, »ich hatte solche Angst um dich! Wo warst du?«

»Leise, du weckst ja alle auf«, mahnte Margaretha, »ich habe mich nur verspätet, weil ich so lange mit der Bäuerin auf dem Sandlinger Hof gesprochen habe!«

»Wirklich?« fragte Clara ungläubig.

»Ja, was sollte ich denn sonst getan haben? Komm, wir gehen schlafen!«

Sie betraten den Schlafsaal. Wenn Margaretha gehofft hatte, einen dunklen Raum vorzufinden, in dem nur die gleichmäßigen Atemzüge friedlich schlafender Klosterschülerinnen zu hören waren, so hatte sie sich getäuscht. Alle Kerzen brannten, und in den Betten saßen aufrecht die Mädchen und sahen ihr entgegen.

»Margaretha, wo kommst du her?«

»Warum kommst du erst jetzt?«

»Was ist denn nur geschehen?«

So zischte es nicht gerade leise aus allen Ecken.

Margaretha seufzte.

»Mein Gott, regt euch nicht so auf. Ich habe der Sandlinger Bäuerin Medizin gebracht, mich mit ihr unterhalten und dabei die Zeit vergessen!«

»Das glaube ich nicht«, erklärte Ignatia, ein kleines, boshaftes Geschöpf. Margaretha funkelte sie an.

»Was glaubst du dann?« fragte sie. Ignatia zuckte mit den Schultern.

»Nun laßt sie in Ruhe«, mahnte die vernünftige Paula, »es ist spät, wir wollen schlafen!«

Die anderen stimmten ihr zu. Margaretha sprang rasch ins Bett und zog die Decke bis zum Hals. Sie wollte, daß es endlich dunkel und still wurde und sie sich beruhigen konnte.

Angela trat ein und nieste zweimal hintereinander. Margaretha sah sie schuldbewußt an. Nun wurde die arme Angela ihretwegen vielleicht noch krank!

Paula blies die letzten Kerzen aus. Kurze Zeit war noch leises Geflüster und Gekicher zu hören und ein Niesen von Angela. Dann wurden sie alle schließlich von der Müdigkeit überwältigt und sanken rasch und leicht in tiefen Schlaf.

Nur Margaretha blieb wach. Sie sah durch das winzige Bogenfenster hinaus in den schwarzen, sternenübersäten Himmel und dachte daran, daß sie heute etwas getan hatte, was ihre Eltern und die Nonnen als im höchsten Maße unschicklich bezeichnen würden. Sie war erstaunt, daß sie gerade bei diesem Gedanken ein so erhebendes Gefühl verspürte.

3

Am nächsten Morgen war Angela heftig erkältet, aber sie weigerte sich, im Bett zu bleiben; Ein Taschentuch vor die Nase gepreßt, lief sie durch die Gänge von St. Benedicta, gefolgt von Margaretha, die ihr schuldbewußt jeden Handgriff abzunehmen versuchte. Es tat ihr entsetzlich leid, daß Angela krank geworden war, doch sie wünschte sich keinen Augenblick des vergangenen Abends ungeschehen.

Clara war zutiefst beleidigt, denn sie war fest davon überzeugt, daß Margaretha ihr nicht die Wahrheit gesagt hatte und sich mit Angela gegen alle übrigen verschwor. Sie nahm sich vor, nie wieder ein Wort mit ihrer Freundin zu sprechen, doch zu ihrem Kummer bemerkte es Margaretha überhaupt nicht. Ihre Augen blickten gänzlich abwesend drein, als sei sie mit ihren Gedanken nicht auf dieser Erde.

Als der Abend kam, wurde sie noch unruhiger. Sie besprach sich mit Angela.

»Die anderen werden merken, daß ich nicht im Schlafsaal bin«, sagte sie, »ich weiß, ich verlange viel, aber könntest du ihnen erzählen, ich sei bei Schwester Antonie, um etwas mit ihr zu besprechen?«

»Ich finde wirklich nicht gut, was du tust«, erwiderte Angela mit ihrer verschnupften Stimme.

»Bitte, Angela!«

»Nun gut. Aber bleib bitte nicht zu lang.«

»Nein, natürlich nicht. Danke.«

Nach der Abendmesse, als alle der Oberin eine gute Nacht gewünscht hatten, gelang es Margaretha in einem unbeobachteten Moment, in den Garten hinauszuschlüpfen. Es war schon recht dunkel und sie empfand es als seltsam, über die vertrauten Wege zu gehen, auf denen sie noch vor wenigen Stunden mit ihren Freundinnen spaziert war. Sie lief durch den ganzen Garten, ohne jemanden zu treffen, und eine entsetzliche Angst stieg in ihr auf, er könne sie vergessen haben oder niemals ernsthaft an ihr interessiert gewesen sein. Aber dann war er da, so unerwartet wie am Abend zuvor. Er trat aus dem Schatten der Bäume auf sie zu und schloß sie in die Arme. Heute kam ihr das schon beinahe vertraut vor. Sie fühlte sich großartig, als sie Arm in Arm über die Wiesen schlenderten. Dies alles schien so aufregend, weil es dunkel war und sie heimlich hinauslaufen mußte, weil sie etwas tat, was die anderen nicht wagten.

In den wenigen Stunden ihres Zusammenseins erzählte ihr Richard viel von sich. Er stammte aus einer reichen böhmischen Adelsfamilie, deren Mitglieder seit der Reformation überzeugte Lutheraner waren. Sie hatten immer für die Unabhängigkeit Böhmens vom habsburgischen Herrscherhaus gekämpft, im Gegensatz zu den anderen vornehmen Familien, die sich trotz der Glaubenskonflikte an die Habsburger hielten, weil sie sich von ihnen Schutz vor den Calvinisten im eigenen Land versprachen. Böhmen war klein, zu viele Familien teilten sich zu wenig Land, und die Calvinisten fielen immer wieder durch höchst kämpferisch hervorgebrachte Gebietsansprüche auf. Immerhin, die Glaubensfreiheit war allen Böhmen durch ein Edikt des Kaisers Rudolf II., den Majestätsbrief, zuerkannt worden. Doch schon Rudolfs Nachfolger, Kaiser Matthias, zeigte Neigung, gegen Bestandteile des Majestätsbriefes zu verstoßen, wenn er es auch nie wirklich wagte. Als aber bekannt wurde, daß dem kinderlosen Kaiser Matthias der Erzherzog Ferdinand von Steiermark auf den Thron folgen würde, empörte sich der gesamte böhmische Adel. Ferdinand war Katholik mit despotischen Neigungen, und Toleranz trauten ihm die mißtrauischen Böhmen nicht zu.

»Wir hätten möglicherweise seine Wahl verhindern können«, berichtete Richard, »aber wir waren untereinander zu uneinig. Lutheraner, Calvinisten, fanatische Nationalisten — es gab keine einheitliche politische Linie. Und wir hatten den unfähigsten Führer, den man sich vorstellen kann. Graf Thurn, der nur mit dem Mund groß war!«

In ganz Böhmen brodelte es unter einer noch ruhigen Oberfläche. Die Königswahl stand unmittelbar bevor, ohne daß es einen Kandidaten gab, der gegen Ferdinand antrat. Die Protestanten konnten keinen herbeischaffen, und ihre Führer stimmten schließlich für Ferdinand in dem Glauben, man werde ihn später zu einer toleranteren Haltung zwingen können.

Doch bald wurde klar, daß es nicht in Ferdinands Absicht lag, die religiöse Freiheit der Reformierten anzuerkennen. Es kam zu Unruhen, als seine Soldaten protestantische Bürger am Bau einer Kirche hinderten und sie dann noch in ein Gefängnis warfen. Dies endlich reichte aus, die innere Spaltung des Landes zu überwinden. Alle waren sich einig in ihrem Zorn gegen einen willkürlichen Herrscher.

Richard berichtete von der Versammlung der Protestanten in Prag im Mai des Jahres 1618.

»Natürlich ging ich auch hin«, sagte er, »der erste Tag verlief recht ruhig, aber noch in der folgenden Nacht beschlossen Graf Thurn und einige seiner Anhänger die Hinrichtung der Stadthalter Martinitz und Slavata. Ihnen war ein angebliches Schreiben des Kaisers in die Hände gelangt, in dem die sofortige Auflösung der böhmischen Ständeversammlung befohlen wurde, aber sie vermuteten zu Recht, daß dieses Schreiben in Wahrheit von Martinitz und Slavata verfaßt worden war. Zudem wußten wir, daß beide seinerzeit Ferdinand heftig bedrängt hatten, dem Majestätsbrief seine Anerkennung zu versagen. Graf Thurn verlangte Tod durch Defenestration.«

»Durch was, bitte?« fragte Margaretha.

»Fenstersturz. Sehr beliebt für Volksverräter. Nun, wir zogen am nächsten Morgen auf den Hradschin, und es gelang uns schnell, zu den Verurteilten vorzudringen. Martinitz und Slavata zitterten wie Espenlaub und versuchten, uns von ihrer Unschuld zu überzeugen, aber es nützte ihnen nichts. Sie und einer ihrer Schreiber wurden gepackt und nacheinander aus dern Fenster in den Burggraben gestürzt.«

»Ja, die Leute haben hier davon erzählt«, sagte Margaretha. »Immerhin kamen sie mit dem Leben davon.«

»Sie sind in einen Misthaufen gefallen, alle drei. Martinitz konnte später entkommen, Slavata wurde Gnade gewährt. Du weißt, wie schließlich alles endete. Ferdinand wurde abgesetzt und Friedrich von der Pfalz zum König gewählt.«

»Und wie kamst du hierher?« fragte Margaretha.

»Ich zog mit Graf Thurn im Frühjahr gegen Wien, danach schloß ich mich General Mansfeld an. Und nun …«

»Und nun?«

»Ich wurde nach Bayern mit einem geheimen Auftrag gesandt. Es geht um Waffen, die wir hier über Verbündete bekommen sollen.«

Er sah Margaretha ernst an.

»Ich überschreite alle meine Befugnisse, indem ich dir das erzähle«, sagte er, »Mansfeld und Graf Thurn würden mir den Kopf abschlagen, wenn sie das wüßten. Einer überzeugten Katholikin und Untertanin des kaisertreuen bayerischen Herzogs unsere militärischen Geheimnisse mitzuteilen! Versprich mir, daß du es nie weitersagen wirst!«

»Aber glaubst du, ich würde dich verraten? Und wenn du gegen alles kämpftest, was mir wertvoll ist, ich würde immer zu dir stehen.«

Richard lächelte und strich sacht mit den Fingern über die Linien ihrer Wangen.

»Margaretha«, murmelte er, »du bist so jung und so sehr bereit, alles für deine Liebe zu tun. Ich wünschte, du könntest mit mir kommen.«

»Wann wirst du wieder aufbrechen müssen?«

»Ich fürchte bald. In wenigen Tagen.«

Margaretha lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. Ihr war elend zumute.

»Kann ich wirklich nicht mitkommen?« fragte sie.

Richard nahm ihre Hand.

»Aber, kleine Margaretha«, sagte er, »du kennst mich erst wenige Tage und willst einen so großen Schritt tun? Das Kloster verlassen, deine Freunde, deine Familie, dein Land? Ich glaube, du kannst nicht abschätzen, was das bedeutet! Und außerdem gibt es beim Heer keinen Platz für dich.«

»Es gibt Frauen, die ihre Männer begleiten!«

»Das sind andere Frauen, stärker und erfahrener, als du es bist, und die sterben noch wie die Fliegen. Kälte und Seuchen — du würdest es nicht durchhalten.«

»Aber werden wir uns denn nie wiedersehen?«

Margaretha sah ihn an, in ihren Augen standen Tränen. Richard legte beide Arme um sie.

»Was denkst du denn? Natürlich werden wir uns sehen. Ich komme zurück und hole dich.«

»Wann?«

»Im nächsten Frühjahr.«

Margaretha war getröstet. Sie hätte gewünscht, daß alles so bliebe wie bisher, die Sicherheit des Klosters und daneben die aufregenden geheimen Treffen. Aber wenn er gehen mußte, dann konnte sie sich doch an den Gedanken seiner Rückkehr klammern.

Sie trafen sich noch einige Male frühmorgens, weil Angela abends keine Ausreden mehr ersinnen konnte. Margaretha schlich sich fort, wenn alle noch schliefen. Mit Richard lief sie über die taufeuchten Wiesen, und ihr Atem hing in der kalten Morgenluft. Der Herbst drängte herbei, und wenn auch die Tage noch warm waren, so waren die Abende und Morgen voll Klarheit und Kälte.

Als Richard Margaretha dann eines Morgens sagte, dies sei das letzte Mal, daß sie einander sahen, weil er noch am Nachmittag fortgehen müsse, da erschrak sie zutiefst. Sie standen auf einem kleinen Hügel, blickten nicht wie sonst in eine leuchtend rote Sonne, die über dem Wald aufging, sondern beobachteten einen bleichen grauen Tag, der sich zwischen regenschweren Wolken herankämpfte. Margaretha war sehr blaß.

»Du wirst bestimmt wiederkommen?« fragte sie.

Richard drückte sie an sich.

»Ich komme wieder«, versprach er, »im nächsten Frühjahr bin ich hier. Und dann gehen wir zusammen fort!«

»Meine Eltern werden nie ihre Einwilligung zu einer Heirat geben.«

»Meine Familie wird das auch nicht tun. Aber wir heiraten dennoch. Warum sollen wir auf die Einwände anderer Rücksicht nehmen?«

Margaretha seufzte. Es wäre so viel schöner, wenn sie eine ehrenvolle Hochzeit feiern dürften und nicht durchbrennen müßten wie zwei Verbrecher. Das Herz tat ihr weh, wenn sie daran dachte, welchen Kummer sie ihrer Familie zufügen wollte. Warum nur war Richard Protestant? Und warum sollte dies ausreichen, sie beide zu trennen, wenn sie einander doch liebten.

»Ach, Richard«, murmelte sie, »so viele Monate soll ich warten. Weißt du, es ist gefährlich. Meine Eltern können jeden Tag hier eintreffen, und ich bin sicher, daß sie einen Ehemann für mich gefunden haben. Vielleicht werden sie mich zwingen, mit ihnen zu kommen …«

»Du mußt sie hinhalten«, beschwor sie Richard, »zeige dich nachgiebig, aber erbitte dir einen Aufschub. Und erzähle ihnen nichts von mir!«

»Nein. Aber es wird schwer sein. Ich werde jede Minute an dich denken.«

»Und ich an dich. Ich liebe dich, Margaretha, und wenn du wartest, werde ich kommen.«

Er neigte sich zu Margaretha herab, um sie zu küssen, doch heute, da er es zum Abschied tat, geschah es anders als sonst. Seine Augen funkelten, er küßte ihre Lippen und dann ihren Hals, und für einen Moment legte er seinen Kopf auf ihre Brust. Die Heftigkeit seiner Bewegungen beunruhigte sie, zugleich wurde sie sich selbst einer seltsamen Sehnsucht bewußt, und der Schmerz darüber, daß er sie verlassen würde, schien ihr die Kehle zuzuschnüren. Sie blickte ihm nach, wie er davonging, ebenso aufrecht und siegessicher wie an dem Tag, da sie ihn das erste Mal traf. Er war von einem Augenblick zum anderen in ihrem Leben erschienen, und ebenso schnell verschwand er wieder, aber er ließ sie zurück voll nie gekannter Empfindungen. Sie und die Mädchen um sie herum waren so abgeschlossen von der Welt groß geworden, daß sie das, was sie erlebt hatte, nicht leichtnehmen konnte. Es mußte ihr als das Wunderbarste ihres Lebens erscheinen. Den ganzen restlichen Tag über sah sie so traurig aus, daß selbst Clara ihren Ärger vergaß und sie hilflos fragte, was denn geschehen sei. Margaretha antwortete nicht, sondern brach in Tränen aus. Sie wußte nicht, wie sie die nächsten Monate überstehen sollte, doch schon bald mußte sie sich zusammennehmen und ihre Gefühle verbergen. Denn zwei Tage später trafen ihre Eltern ein.

Regina und Wilhelm von Ragnitz waren ein gutaussehendes Paar. Daß sie aber, sobald sie einen Raum betraten, alle Blicke auf sich zogen, verdankten sie Regina. Wilhelm sah sehr würdevoll aus mit seinen silbrigen Haaren, dem schlohweißen Bart und seinem müden, nachdenklichen Gesicht, dessen helle Augen stets in weite Ferne gerichtet schienen. Meist trug er einen schwarzen Mantel und einen schwarzen, hohen Hut und wirkte so, als sei er gar nicht anwesend. Regina aber war voller Leben. In ihren Bewegungen, ihrer Stimme, ihrem Lachen lag so viel Energie, daß einfach niemand sie übersehen konnte. Ihr Mann genoß still nur den Ruhm, ihr Begleiter zu sein.

Margaretha, die Herzklopfen gehabt hatte vor dieser Begegnung, befiel beim Anblick ihrer Eltern nun doch ein Gefühl der Rührung und der Sehnsucht. Seit eineinhalb Jahren sah sie sie zum erstenmal wieder. Ihr wurde plötzlich bewußt, wie sehr sie sie liebte. Sie rannte die Treppe hinunter und warf sich in die Arme ihrer Mutter.

»Mutter, ich bin so glücklich, Sie zu sehen«, rief sie, »oh, und Vater …« Sie umarmte und küßte auch ihn überschwenglich.

Wilhelm von Ragnitz betrachtete seine Tochter voller Stolz. Er hatte sie nicht so hübsch in Erinnerung gehabt. Sie war bei ihrem letzten Abschied viel kindlicher gewesen, doch nun war sie größer und schlanker, ihr Gesicht hatte klare Züge bekommen.

Auch Regina freute sich. Früher hätte niemand sagen können, ob Margaretha einmal besonders attraktiv sein würde, und manchmal hatte sie Angst gehabt, das Mädchen könnte werden wie Adelheid. Sie verbot sich selbst immer schlechte Gedanken über ihre älteste Tochter, aber sie konnte nicht umhin festzustellen, daß Adelheids schlechte Ehe auch mit ihrem unansehnlichen Äußeren zusammenhing. Sie hatte einfach keine Auswahl gehabt. Mit Margaretha würde das einfacher sein.

»Ach, mein Liebling«, sagte sie daher erleichtert, »wie hübsch du bist und wie erwachsen. Du bist viel reifer geworden!«

Margaretha hatte plötzlich das Verlangen, sich abermals in die Arme ihrer Mutter zu stürzen und ihr alles zu erzählen. Sie wollte ihr sagen, daß sie Richard getroffen hatte und daß sie einander lichten, daß sie mit ihm fortgehen würde und daß sie es kaum ertrüge, ihre Familie damit zu kränken.

Aber sie sagte nichts. Regina war zu ehrgeizig und beherrscht, als daß sie Margarethas Gefühle nicht als kindisch abgetan hätte. Schließlich wußte ganz allein sie, wo das Glück ihrer Kinder lag.

Wilhelm von Ragnitz und seine Frau wurden von der Oberin selbst in ihr Zimmer geleitet, wo sie sich von der Reise erholen sollten.

Margaretha ging unterdessen unruhig im Garten umher. Es hatte geregnet, aber nun brachen ein paar Sonnenstrahlen zwischen den Wolken hervor und ließen die vielen Tropfen an Zweigen und Gräsern glitzern. Einige überreife Mirabellen hingen noch an den Bäumen, Margaretha pflückte sie gedankenverloren und schob sie in den Mund. Dann, als sie bemerkte, daß sie schon seit einiger Zeit am Ende des Gartens stand und zu den Bergen hinüberstarrte, ohne etwas zu sehen, beschloß sie, ins Haus zu gehen und Angela und Clara zu holen. Sie wollte sich gerade auf den Weg machen, da sah sie eine Gestalt auf sich zukommen. Es war ihre Mutter.

Sie hatte offenbar nach Margaretha Ausschau gehalten und entdeckte sie in diesem Moment, denn sie kam rascher heran, und ihr Gesicht drückte Erleichterung aus.

»Ach, Margaretha«, sagte sie, »Angela meinte, du könntest hier draußen sein. Ich dachte schon, ich finde dich nicht.« Sie stellte sich neben sie und blickte über die Wiesen.

»Welch ein herrliches Land. Sicher bist du glücklich hier?«

»O ja«, erwiderte Margaretha, »ich bin sehr glücklich. Auch weil ich mich mit all meinen Freundinnen so gut verstehe.«

»Das freut mich. Es ist schön, wenn man auf eine solche Zeit zurückblicken kann.«

»Zurückblicken?«

»Nun«, Regina strich sich ein paar Haare aus dem Gesicht, die der Wind herumflattern ließ, »die Kindheit ist nur kurz. Sie geht sehr schnell vorüber.«

»Ja, ich weiß«, sagte Margaretha leise.

»Und du bist schon kein Kind mehr. Du bist ein sehr schönes junges Mädchen. Dieses Kloster ist nicht länger der Ort, an dem du dich aufhalten solltest.«

»Was wollen Sie mir damit sagen, Mutter?«

Regina nahm den Arm ihrer Tochter, und sie gingen nebeneinander über die aufgeweichten Wege. Margaretha wußte genau, was Regina ihr sagen wollte, aber sie versuchte, unbefangen zu erscheinen. Sie mußte jetzt Richard vertrauen. Darauf, daß er sie holen würde und daß alles, was Regina auch immer mitzuteilen hatte, bedeutungslos war.

»Du ahnst es sicher«, sagte Regina, »dein Vater und ich … wir glauben, daß du erwachsen bist. Und wir haben jemanden gewählt, den du heiraten sollst!«

Sie hatte die letzten Worte hastig gesprochen und sah Margaretha nun unsicher an. Sie hoffte, sie würde nicht entsetzt sein und anfangen, sich gegen dieses Ansinnen zu wehren. Aber Margaretha blieb sehr ruhig.

»Wer ist es?« fragte sie.

»Du kennst ihn«, erwiderte Regina, »ihr habt euch früher schon manchmal gesehen. Es ist Albrecht von Malden.«

Margaretha dachte zurück an vergangene Tage im Schloß ihrer Eltern, als der Graf und die Gräfin von Malden öfter am Nachmittag oder Abend zu Gast waren. Und der Sohn, er war ganz hübsch, meinte sie sich zu erinnern.

»Du kennst ihn doch, nicht?« fragte Regina.

»Ja, natürlich. Wir haben viel zusammen gespielt. Wie alt ist er jetzt?«

»Er ist zweiundzwanzig. Er ist ein ziemlich begehrter Mann. Nicht wie …«

»Wie Adelheids Mann?«

»Oh, sprich nicht von ihm. Von Tag zu Tag wird er verabscheuungswürdiger! Und Adelheid ist ganz elend. Sie war nie strahlend wie du, aber nun scheint sie nur noch ein bleicher Schatten zu sein.«

Margaretha schämte sich beinahe ihres eigenen Kummers, als sie von Adelheids Schicksal hörte.

»Vielleicht ist sie vor allem deshalb so unglücklich, weil sie mit dieser Heirat etwas tun mußte, was sie nicht tun wollte!«

»Adelheid hat sich nicht gewehrt«, widersprach Regina.

»Das wäre wohl auch nutzlos gewesen.«

Regina sah ihre Töchter an.

»Mir gefällt dein Ton nicht«, sagte sie, »ich habe für Adelheid getan, was ich nur konnte!«

»Natürlich.«

»Außerdem ist eine Heirat auch Politik.«

»Politik«, wiederholte Margaretha, »ja, das ist es wohl. Aber doch gibt es immer wieder Menschen, die sich dagegen auflehnen.«

»Du sprichst doch jetzt nicht etwa von dir?« fragte Regina.

»Nein.«

»Das freut mich. Du willigst also ein in das, was Vater und ich beschlossen haben?«

Margaretha hätte gern gefragt, ob auch eine ehrliche Antwort akzeptiert würde, aber sie hatte bereits genug Verdacht erregt. So sagte sie nur: »ja, Mutter, ich werde Albrecht heiraten. Aber bitte nicht sofort! Lassen Sie mich noch den Winter und den Frühling über hierbleiben, und im nächsten Sommer werde ich dann tun, was Sie verlangeh.«

Sie sprach klar und ruhig und überzeugend, und in Regina keimte kein Mißtrauen, obwohl diese Fügsamkeit sie hätte stutzig machen müssen. Margaretha hatte von klein auf immer nur widersprochen. Doch Regina kannte ihre Kinder viel schlechter, als sie dachte. Sie zog Margaretha enger an sich.

»Gut, meine Kleine«, sagte sie, »und, nicht wahr, du weißt, daß ich immer dein Glück im Auge habe!«

Margaretha preßte ihr Gesicht in Reginas weiche Haare, damit die Mutter ihr Gesicht nicht sehen konnte. Manchmal, in Momenten wie diesem, überkam sie ein Gefühl heftigster Verachtung für diese Frau. Wie konnte sie sich so allwissend und erfahren dünken! Und wie konnte sie mit so viel Überzeugungskraft die fürsorgliche Mutter spielen, obwohl jeder ihren Machthunger durchschaute! Vielleicht aber glaubte sie selber an ihre Güte. Doch zugleich liebte Margaretha sie noch immer, und schon jetzt glaubte sie den Schmerz zu fühlen, den sie selbst durchleiden würde, wenn sie wegliefe und ihre Eltern einfach und ohne Abschied zurückließe.

Wilhelm von Ragnitz zeigte sich hocherfreut, als Regina ihm mitteilte, Margaretha werde keine Schwierigkeiten machen. Er haßte nichts so sehr wie hysterische Szenen.

»Ich danke dir, Regina, daß du diese Sache übernommen hast«, sagte er, »und daß du so wunderbar auf Margaretha eingewirkt hast.«

»Ach, es war einfach«, erwiderte Regina, »ich glaube, sie freut sich sogar. Nun, sie wird ja auch eine Gräfin. Wir werden sehr stolz sein können auf diese Tochter, Wilhelm. Man wird uns um sie beneiden! Wir müssen über hundert Gäste einladen …«

So reisten Margarethas Eltern nach einigen Tagen wieder ab, beruhigter und entspannter, als sie gekommen waren. Im nächsten Frühjahr würden sie Margaretha holen und eine glanzvolle Hochzeit feiern. Im Geist entwarf Regina bereits das Kleid, in dem die Braut wie ein Prinzessin aussehen sollte.

4

Nach dem heißen Sommer schien der Winter den Herbst zu überspringen, die Blätter fielen rasch von den Bäumen, der Wind wehte heftig und kalt. Schon im November schneite es, und im Dezember lag ganz Bayern wie vergraben unter einer dicken, endlosen Schneedecke.

Für die Mädchen in St. Benedicta begann eine entbehrungsreiche Zeit. Zwar lagen sie nachts unter Felldecken, aber meist zog es doch so sehr durch die Fensterritzen, daß sie froren. In aller Frühe hieß es aufstehen, und oft standen sie in Dunkelheit und klirrender Kälte im Hof und hackten zitternd die Eisdecke auf, die nachts über das Trogwasser am Brunnen gefroren war. Nasen und Ohren fühlten sich an wie Eisklumpen, und die Zähne taten weh von der frostigen Luft. Das Wasser schnitt in die Haut, aber kein Mädchen konnte der Morgenwäsche entkommen, denn eine Nonne beaufsichtigte sie mit größter Wachsamkeit.

Später erst loderten große Feuer in allen Kaminen und heizten auch den hohen Raum, in dem die Mädchen auf harten Holzbänken saßen, in ihren Bibeln lasen, französische Gedichte lernten oder Lieder sangen. Bei manchen Schwestern verliefen diese Stunden recht anstrengend, bei anderen, wie Schwester Josepha, brauchte nur Angela mit großen Augen und sanfter Stimme zu bitten:

»Ach, Schwester, lassen Sie uns doch einen Moment lang einfach plaudern!«, und schon wurde dieser Wunsch gewährt.

Mittags versammelten sie sich an den langen schwarzen Tischen im Speisesaal: Zwar gab es noch Fleisch, Eier und Milch, doch immer öfter nur Gemüse, Brot und Wasser. Der Krieg, der so entfernt tobte, sog das Land aus, und auch das wohlhabende Kloster spürte die Not immer mehr. An Fastentagen fiel es den Mädchen schwer, ruhig und aufrecht auf ihren Bänken zu sitzen, zu sticken, zu weben oder zu spinnen und sich von einer Nonne Geschichten vorlesen zu lassen.

Am liebsten mochte es Margaretha, wenn sie abends in den Keller des Klosters hinunterstiegen, dessen dunkle Gewölbe von flackernden Kerzen beleuchtet wurden und wo sie sich dann in der Küche drängten, in der riesige, kupferne Kessel über mehreren offenen Herdfeuern hingen und es überall nach Kräutern und Gewürzen roch. Schwester Josepha eilte mit glühenden Wangen hin und her, rührte eifrig in den Gefäßen, probierte hier und da, murmelte leise vor sich hin. Sie braute dort unten Arzneien gegen jedes nur denkbare Übel: gegen Husten und Fieber, für Pocken- und Scharlachkranke, gegen Rheuma und Magenschmerzen, und all ihr Wissen gab sie an die Mädchen weiter.

»Wie vornehm ihr auch heiratet«, sagte sie immer, »einmal werdet ihr euch an meine Rezepte erinnern, um euch selbst oder anderen zu helfen.«

Bisweilen mußten die Schülerinnen hinaus, um im Wald Holz zu sammeln, und trotz der eisigen Kälte drängte sich jede nach dieser Pflicht. Es war lustig, durch den Schnee zu stapfen. Nur Clara zog es vor, vor dem Kamin sitzen zu bleiben — was ihr dank einer erstaunlichen Auswahl an Ausreden stets gestattet wurde.

Nicht alle Menschen im Umkreis hatten so viel Feuerholz wie die Nonnen von St. Benedicta. Die meisten froren in ihren ungeschützten Häusern ganz erbärmlich. Eine schwere Grippe sprang in diesen kalten Wochen von Dorf zu Dorf und erfaßte beinahe jeden Einwohner. Viele standen nie wieder auf, und vor allem Kinder erlagen ihr schnell. Täglich läuteten die Sterbeglocken der Kirchen, die Menschen mieden einander.

Die Nonnen hatten viel zu tun in dieser Zeit. Sie besuchten die Kranken, brachten ihnen auch Nahrung, Medizin und warme Kleider, trösteten sie und beteten mit ihnen.

»Es ist unsere heilige Aufgabe, Not und Elend der katholischen Christen zu lindern«, sagte Schwester Gertrud jeden Morgen in der Messe, und die Mädchen wurden erfüllt von dem frommen Wunsch, ebenfalls zu helfen. So durften sie die Schwestern gelegentlich bei ihren Samariterdiensten begleiten.

Als einzige hegte Margaretha in diesem Winter eine fast panische Furcht vor Krankheit und Tod. In all den vergangenen Jahren hatte sie eine ebenso große Sorglosigkeit erfüllt wie die anderen Mädchen, nun mit einemmal begriff sie ihr Leben als etwas Kostbares, das sie um jeden Preis verteidigen wollte. Denn seit sie sich in Richard verliebt hatte und auf ihn wartete, mußte sie daran denken, daß ihr Leben plötzlich beendet sein könnte, bevor es wirklich begonnen hatte. Sie empfand, daß alles, was sie bisher getan hatte, unwichtig war und daß erst jetzt die Wirklichkeit für sie anbrach.

Mit ihrer Liebe zu Richard war in Margaretha eine bisher nicht gekannte Liebe zu sich selbst erwacht. Nicht selbstgefällig, sondern geradezu selig betrachtete sie sich. Wenn sie morgens aufstand, saß sie noch für einen Moment auf dem Bettrand und bewunderte ihre langen Beine. Sie strich sich über die weiche Haut, fühlte die Schwere ihres blonden Haares im Nacken, berührte mit den Fingern die sanftgeschwungenen Spitzen ihrer langen Augenwimpern. Sie mochte es, zu reden und dabei auf ihre Stimme zu lauschen, sie genoß es, ihr eigenes Lachen zu hören, weil sie fand, daß es zärtlicher klang als früher. Gern hätte sie auch ihr Gesicht betrachtet, aber es gab im ganzen Kloster keinen Spiegel. Nur morgens, wenn sie am Brunnen standen, gelang es Margaretha manchmal, ihr Bild auf der zitternden Oberfläche des Wassers zu erspähen, und sein lächelnder Ausdruck gefiel ihr.

Auch ihr Unternehmungsgeist wuchs, seit sie auf Richard wartete. War früher Angela die stillschweigend anerkannte Führerin bei jedem Abenteuer gewesen, so löste Margaretha sie nun ab. An einem sonnigen, kalten Februartag im neuen Jahr zog sie gemeinsam mit Angela und Clara zum nächsten Dorf. Sie hatten erfahren, daß dort Markttag sei. Schausteller, Zigeuner und fahrendes Volk wurden erwartet, und die Mädchen waren begierig, das zu sehen. Tatsächlich gab ihnen Schwester Gertrud die Erlaubnis.

Es hatte seit vielen Tagen nicht mehr geschneit, aber die alte Schneedecke war nicht getaut, sondern verharscht und eisig überfroren. Es war mühsam für die drei Mädchen, voranzukommen, denn bei jedem Schritt sanken sie ein, aber das vermochte ihre gute Laune nicht zu trüben. Selbst Clara quengelte weniger als sonst.

Sie mußten beinahe zwei Stunden laufen. Das Dorf lag hinter einem Wald, eine verschachtelte Ansammlung spitzgiebeliger Häuser, entlang schmalen, dumpfen Gassen, in denen Hunde und Katzen herumstreunten, zerlumpte Frauen mit Körben an den Ecken standen und tratschten, Kinder im braunen Schneematsch spielten. Sie alle starrten neugierig auf die Klosterschülerinnen, denn das Leben in den trüben Sträßchen verlief eintönig, und jeder Neuankömmling bot willkommene Abwechslung.

Rund um das Dorflagen noch einige Gehöfte, trist anzusehen zwischen den jetzt kahlen Bäumen. Ihre Armseligkeit wurde vom funkelnden Weiß kaum verdeckt. Auf dem Anger, der nun eine Schneefläche war, standen einige Planwagen, behängt mit vielerlei Gerät. Pfannen, Schüsseln und Teller, Schmuck aus Glas und Holz, bunte Stoffe, Felle, scharfe Messer, getrocknete Blumen, Flaschen mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten, Körbe und Kerzen. Die Marketender waren notdürftig bekleidete, müde dreinblickende Menschen; sie standen fast hoffnungslos neben ihrer Ware — es kamen nicht viele Leute, denen sie ihre kargen Schätze anbieten konnten. Die Zigeuner hielten sich schon zu lange an diesem Ort auf und weckten kein Interesse mehr, aber eine Weiterreise durch den verkrusteten Schnee scheuten sie. Die Frauen blickten verdrießlich, bis an die Ohren in Decken gehüllt, aus den Wagen hervor und schimpften hin und wieder mit ihren Kindern, die am gefrorenen Bach herumtobten. Eine rührte geistesäbwesend in einem großen Kessel, der über einem Feuer hing und aus dem ein köstlicher Geruch über den Platz zog. Eine andere hatte soeben, ganz unbewegt, als sei sie es gewohnt, ihr Baby begraben, das in der Kälte der vergangenen Nacht erfroren war.

Ein Schauspieler in Narrenkleidung führte Späße vor, beobachtet von einigen kichernden Dorfmädchen. Er jonglierte mit Kieselsteinen, ließ ein Ei verschwinden und wieder auftauchen und wackelte mit den Ohren. Ein dicker Wirt bot erwärmtes, schäumendes Bier an, das er aus einer Holzschale in Becher schöpft6, daneben arbeiteten ein Schuhmacher und ein Seifensieder. Ein Kupferschmied hämmerte auf einem Stück glänzenden Kupfers herum, und ein Leintuchkrämer breitete große saubere Leinwandbahnen auf Brettern aus und pries nicht vorhandenen Zuhörern die Vorzüge der Stoffe.

Die drei Mädchen schlenderten von einem Wagen zum anderen. Sie waren so lange nicht mehr aus dem Kloster herausgekommen, daß ihnen alles neu und aufregend schien. Fasziniert blickten sie auf die Frauen, die in den Wagen saßen, auf verhärmte Gesichter, in denen sie nicht die Entbehrungen und das Elend sahen, sondern nur den Zauber des Reisens und der Abenteuer.

Im ganzen Reich sind sie schon gewesen, dachte Margaretha, wie großartig muß es sein, so weit herumzukommen!

Und schließlich blieben sie lange vor einem Stand stehen, an dem Schmuck verkauft wurde. Es funkelte alles so bunt im kalten Winterlicht. Margaretha wünschte sich ein Paar Ohrringe mit Steinen aus grünem Glas, Clara konnte sich nicht sattsehen an einem breiten Armband, mit Glasstücken besetzt, und Angela strich über eine zweireihige Kette aus silbrigem Blech. Ein kleiner, dunkelhaariger Mann trat heran.

»Gefällt Ihnen die Kette?« fragte er. Seine Stimme hatte einen fremdländischen Klang.

»Sie ist wunderschön«, entgegnete Angela. Der Mann ergriff die Kette und hängte sie Angela um den Hals. Er trat einen Schritt zurück.

»Wie ein Engel«, sagte er ehrfürchtig.

Auch die anderen fanden das. Der Schmuck unterstrich auf wunderbare Weise Angelas edle Gesichtszüge.

»Darf ich Ihnen die Kette schenken?« fragte der Mann.

Angela seufzte.

»Wir dürfen so etwas leider nicht tragen«, meinte sie, »außerdem kann ich das nicht annehmen.«

»Aber Sie würden mir eine große Freude damit machen«, drängte der Händler. Er sah Angela bittend an. Er war ein Zigeuner, fromm und katholisch, und die Klosterschülerinnen trugen in seinen Augen beinahe Züge der heiligen Madonna selber, besonders natürlich die schöne Angela. Weil ihn der Gedanke, ihr etwas zu schenken, so zu beglüeken schien, gab Angela schließlich nach. Sie bedankte sich überschwenglich und zog mit den anderen weiter.

»Im Kloster darfst du sie aber nicht zeigen«, meinte Clara etwas neidisch, »Schwester Gertrud hätte das nie erlaubt!«

»Natürlich zeige ich sie dort nicht«, erwiderte Angela, »ich verstecke sie unter meinem Kopfkissen und betrachte sie jeden Abend.«

»Immer passiert Angela so etwas«, meinte Margaretha, »von ihr ist jeder Mann so entzückt, daß sie bekommt, was sie will!«

»Nun, was Männer betrifft, bist du auch nicht ganz erfolglos«, sagte Angela, aber sie sprach so leise, daß nur Margaretha sie verstand.

Sie gingen noch etwas weiter, doch die Stimmung über dem ganzen Platz und unter den Menschen war so trübsinnig, daß sie bald beschlossen, den Heimweg anzutreten. Sie wollten gerade den Markt verlassen, als laute Rufe und Geschrei ihre Aufmerksamkeit fesselten. Sie wandten sich um und erblickten einen Zug von Menschen, der sich in Richtung Marktplatz bewegte. Er bestand aus einem ungeordneten Haufen von Männern und Frauen, die Unverständliches johlten, dazwischen lachten und keiften. Margaretha konnte nicht erkennen, was los war, aber sie spürte die Bedrohlichkeit der entfesselten Horde.

»Kommt, ich möchte wissen, warum sie so schreien«, schlug Angela aufgeregt vor.

»O nein, nicht«, bat Clara sofort. Sie verspürte dieselbe Furcht, die Margaretha-befallen hatte. Doch Angelas Augen blitzten, sie wollte nicht nachgehen, und so folgten ihr die anderen schließlich zögernd.

Schon wurden sie überholt von sensationshungrigen Dörflern, die aus allen Häusern und Gassen zusammenströmten. Sie drängelten, stießen und schoben einander zur Seite. Es war nicht zu glauben, daß in einem so kleinen Dorf so viele Menschen lebten.

Auch die Mädchen kamen näher, konnten aber nichts erkennen. Angela sprach eine junge Frau an.

»Was haben die Leute?« fragte sie. Die Frau wandte sich um, sie grinste boshaft.

»Sie verbrennen Amanda«, antwortete sie, »eine Hexe und Diebin!«

Margaretha stieß einen leisen Laut des Schreckens aus. Natürlich wußte sie, daß immer und überall Hexen verbrannt wurden, daß Menschen gehenkt oder auf eine andere Weise hingerichtet wurden, aber nie hatte sie dies so nah erlebt. Sie schauderte und wollte Angela bitten fortzugehen, doch diese bahnte sich bereits einen Weg durch die Menge. Fast willenlos folgten ihr die Kameradinnen. Es gelang ihnen, bis zur Mitte hin vorzudringen, wo die Menge sich um ein Gefährt scharte, das sich langsam bewegte. Es handelte sich um einen hölzernen Schlitten, der von zwei Männern gezogen wurde; darauf saß ein junges Mädchen, das an den Händen gefesselt war. Sie konnte nicht älter sein als vierzehn, war sehr klein und zierlich. Die dunklen Haare fielen ihr zerzaust und struppig über den Rücken, und ihre borstige Fülle ließ das Gesicht noch bleicher erscheinen. Sie mußte jämmerlich frieren in ihrem dünnen, ärmellosen grauen Gewand, aber vielleicht bemerkte sie die Kälte überhaupt nicht, so erstarrt wirkte sie bereits, so fern und abwesend der Blick der dunklen Augen. Sie schien die Rufe der Menge nicht zu verstehen und die grausamen Gesichter nicht zu sehen.

»Was hat sie denn getan?« fragte Angela laut. Eine dicke Frau drehte sich zu ihr um.

»Sie ist eine Hexe«, sagte sie, »in fünf Häusern ist sie gewesen, und immer war dort am nächsten Morgen jemand tot. Und gestohlen hat sie auch!« Sie wandte sich wieder dem Schlitten zu und schrie mit heiserer Stimme: »Tötet sie! Verbrennt diese Hexe!«

»Wurde sie verurteilt?« fragte Margaretha.

Die Alte nickte.

»Im Nachbardorf stand sie vor dem Richter. Selbst auf der schlimmsten Folter hat sie ihre Sünden nicht bekannt. Das beweist doch, daß sie mit dem Satan im Bunde ist, sonst hätte sie es nicht ausgehalten, nicht wahr? Sie hat seit vielen Tagen nichts mehr zu essen bekommen und mußte in einem eiskalten Keller schlafen, aber sie hat nie gejammert. Der Richter hat gesagt, sie soll verbrannt werden!«

Margaretha wurde schwindlig. Diese Schauprozesse fanden täglich und überall statt, und sie wußte davon. Doch mit einemmal schien alles so unwirklich. Wahrscheinlich war dieses Mädchen tatsächlich eine Hexe. Die Nonnen warnten vor diesen Geschöpfen, nannten sie die »Töchter des S’atans«, verantwortlich für das Böse auf Erden. Dann war es richtig, daß diese Frauen vernichtet werden mußten. Aber dieses großäugige blasse Kind dort auf dem Schlitten, es sah so elend aus, so traurig. Margaretha fühlte, wie sich ihr ganzer Körper zusammenzog in Mitleid und Angst, wie jahrelange Lehren von der Pflicht, das Böse zu bekämpfen, von ihr abfielen und sie nur noch den Wunsch hatte, diesen Menschen, kaum jünger als sie selbst, zu retten. Es wunderte sie, daß sie keinen Abscheu gegen die Hexe verspürte, sondern nur Zorn und Ekel, wenn sie die tobende Menge betrachtete. Diese niederen, häßlichen Menschen! Wie abstoßend sie aussahen, die geifernden Weiber, früh gealtert über vielen Entbehrungen, mit dünnen Haaren und schwarzen Zähnen, wie verzückt sie waren, endlich eine Sensation zu erleben. Margaretha fand sie fast noch schlimmer als die Männer, die ihrer Entrüstung durch wüstes Geschrei Ausdruck gaben und sich an der kaum verhüllten Blöße der Delinquentin weideten.

Margaretha bemerkte, daß auf dem Platz von vielen eiligen Händen ein Scheiterhaufen errichtet worden war, auf dem die Unglückliche ihr Leben lassen sollte.

Angela ballte die Fäuste: »Mörder!« stieß sie hervor.

Clara blickte sie erschröcken an.

»Sei leise«, flüsterte sie, »das Mädchen ist eine Hexe!«

»O nein! Sie ist genausowenig eine Hexe wie du oder ich. Sieh sie dir doch an. Sie hat bestimmt nichts Böses getan!«

In diesem Moment richteten sich die Augen der Verurteilten auf die drei Mädchen, und der starre Blick wurde lebendig. Es waren Altersgenossinnen, die dort standen, sorgfältig gekleidet und gutgenährt, und was immer ihnen die Zukunft bringen mochte, so besaßen sie doch wenigstens eine Zukunft! Als würde der Hexe nun plötzlich die ganze Tragik ihres Geschicks klar, sterben zu müssen, noch ehe sie ein Leben begonnen hatte, fing sie an, ihre Umgebung wahrzunehmen. Die grausamen Gesichter der Menschen, das kalte, weite Schneefeld, den Scheiterhaufen, und nun waren in ihrem Gesicht Leid und Angst zu lesen. Sie öffnete den Mund und jammerte leise. Die Menge johlte höhnisch. Nichts, gar nichts wird jemals in diesen Bestien Mitleid erwecken, dachte Margaretha, und doch tun sie das alles im Namen Gottes!

Angela griff sich plötzlich an den Hals und riß die Kette ab, die sie gerade geschenkt bekommen hatte. Sie drängte sich dicht an den Wagen heran und drückte der zum Tode Verurteilten den Schmuck in die Hand. Diese preßte das Geschenk fest an sich, ihre Lippen verzogen sich zu einem leichten, dankbaren Lächeln. Dann wurde der Schlitten schneller weitergezogen, die nachfolgende Menge stieß Angela zur Seite. Sie kehrte zu ihren Freundinnen zurück.

»Laßt uns heimgehen«, sagte Margaretha, »wir können nichts mehr tun.«

Schweigend stapften sie durch den Schnee in die einbrechende Dunkelheit. Clara weinte, und Angela wirkte gänzlich abwesend. Margaretha konnte die Augen nicht vergessen, die sie so verzweifelt angeblickt hatten, und sie haßte ihre eigene Hilflosigkeit. Sie fror am ganzen Körper, doch sie wußte, daß dies nicht nur an der Kälte lag. Es war die Unsicherheit, die plötzlich in ihr Leben kam. Seit dem letzten Sommer bedrängte sie das beunruhigende Gefühl, daß ihre bislang ganz und gar festgefügte Welt zu wanken begann.

5

Der Frühling des Jahres 1620 kam nur zögernd, immer wieder zurückgetrieben von Stürmen und Schneefällen. Noch der April war kalt und regnerisch, die wenigen Sonnenstrahlen vermochten kaum etwas zum Blühen zu erwecken. Es war, als habe sich auch das Wetter von der düsteren, kriegsschweren Stimmung anstecken lassen, die über Europa lastete.

Seit im vergangenen Oktober der pfälzische Kurfürst Friedrich zum König von Böhmen gekrönt worden war, tobten politischer Streit und kriegerische Auseinandersetzungen in ganz Deutschland. Herzog Maximilian von Bayern war zornig über einen protestantischen Herrscher auf dem böhmischen Thron, denn er hatte sich gewünscht, die Aufständischen zur Vernunft zu bringen und dabei womöglich noch die katholische Liga und die protestantische Union zu vereinigen. Er schlug sich nun auf die Seite Ferdinands, der zwar deutscher Kaiser geworden war, aber immer noch verbittert seiner böhmischen Krone nachtrauerte. Er versprach dem Kaiser Truppen und Waffen, um ihm die Rückeroberung seines Throns zu ermöglichen — dafür beharrte er freilich auf dem obersten Heereskommando.

Ferdinand befand sich in dieser Zeit in einer ungünstigen Lage. Wo er auch hinblickte, das Schicksal hatte sich gegen ihn entschieden. Der grausame König Bethlen Gabor von Ungarn zog mit einem Heer gegen Wien, verwüstete und plünderte auf dem Weg dorthin das Land, belagerte dann die mit Flüchtlingen überfüllte Stadt, in der eine Hungersnot herrschte und die Pest wütete. Gleichzeitig wurde König Friedrich von den protestantischen Ländern Europas offiziell als König Böhmens anerkannt, und natürlich hielten auch die Fürsten der Union zu ihm, jedoch ohne ihm mit wirklicher Hilfe zur Seite zu stehen. Dies war der einzige Punkt, an dem Kaiser Ferdinand Hoffnung schöpfen durfte. Friedrich war akzeptiert, aber seine Freunde kümmerten sich nicht um ihn, sondern taten so, als sähen sie keinerlei Schwierigkeiten für sein neues Land. In Wahrheit hegten die meisten dunkle Befürchtungen um blutige Entwicklungen in Böhmen und wollten so wenig wie möglich in die drohenden Auseinandersetzungen verwickelt werden. Ferdinand hingegen hatte durch sein Bündnis mit Maximilian die gesamte katholische Liga hinter sich. Im März rief er deren Vertreter zu einer Versammlung, und ohne Ausnahme erschienen die Geladenen. Gemeinsam beschlossen sie, daß Böhmen zum Reich gehöre, daß Friedrich also, weil er von den Aufständischen gekrönt worden war, des Reichsfriedensbruchs für schuldig befunden werden müsse. Der Kaiser setzte ihm das Ultimatum, bis zum Juni 1620 Böhmen zu verlassen; wenn er sich weigere, werde mit Waffengewalt gegen ihn vorgegangen.

Friedrich, jung, unerfahren und kindlich glücklich im Glanz des Prager Hofes, an dem er eine unglaubliche Verschwendung betrieb, erkannte lange Zeit nicht seine miserable Lage. Er hatte Ferdinand in zahllosen Schwierigkeiten gesehen, bemerkte aber nicht, daß diese längst beigelegt waren. Der Kaiser hatte starke Freunde, Fürsten, die zu ihm standen.

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An einem kühlen Tag Anfang Mai schlenderten Margaretha und Clara durch die Wiesen in der Nähe des Klosters. Beide trugen große Körbe, in denen eine Menge Blumen und Gräser lagen, und sie waren damit beschäftigt, nach weiteren Pflanzen Ausschau zu halten. Bei der ungewöhnlich kalten Witterung in diesem Jahr fiel es nicht leicht, etwas zu finden, doch sie suchten unverdrossen. Der siebzigste Geburtstag von Schwester Gertrud, der Oberin, stand bevor, daher sollte das ganze Kloster geschmückt werden. Alle wußten, daß die Nonne, auch wenn sie das Gegenteil sagte, eine glanzvolle Ehrung erhoffte. So sollten Margaretha und Clara Blumen herbeischaffen.

Nachdem sie nun schon einige Zeit unterwegs waren, stellten sie fest, daß sie über ihren eifrigen Gesprächen fast die Arbeit vergessen hatten.

»Wir suchen getrennt weiter, bis jeder Korb gefüllt ist«, schlug Margaretha vor, »wer fertig ist, kommt hierher und wartet auf den anderen.«

Clara war einverstanden und beide Mädchen gingen in entgegengesetzte Richtungen.

Margaretha arbeitete nun schnell. Sie überquerte mit raschen Schritten die Wiese und pflückte, was sie sah. Sie hatte keine Lust, sich allzuviel Zeit zu lassen, denn das Wetter war ungemütlich. Über den schwarzblauen Alpen ballten sich dunkle Wolken, von Westen trieb eine schwarze Regenwand heran. Nein, das war wirklich kein Frühling. Wie sehnsüchtig wartete Margaretha, wie sehr drängte die Zeit! Aber Richard hatte versprochen zu kommen, und keinen Moment zweifelte sie an ihm. Nur — wäre er nicht bald da, so würde es zu spät sein und ihre Eltern holten sie.

Ständig dachte sie an Richard. In jeder einsamen Sekunde glitten ihre Gedanken zu ihm. Und so war sie nicht überrascht, daß sie in einiger Entfernung einen Reiter erblickte, als sie sich vom Pflücken aufrichtete, um sich auf den Heimweg zu machen. Er war noch sehr weit fort, aber sie war überzeugt, daß es Richard sein mußte. Sie ließ ihren Korb fallen, ohne es zu merken, und lief ein paar Schritte. Der Reiter wurde schneller. Gleichmäßig und rasch trabte sein Pferd den Hügel herunter. Beim Näherkommen konnte Margaretha das vertraute Gesicht erkennen. Zu ihrem Ärger zitterte sie leicht. Über Monate hinweg hatte sie sich diesen Moment ausgemalt und im Geist hundertfach erlebt, aber jetzt stand sie wie gelähmt. Ihr Mund war so trocken, daß sie kein Wort hervorbrachte. Sie starrte Richard nur an, der sein Pferd anhielt und aus dem Sattel sprang.

Er war schmaler geworden in den vergangenen acht Monaten, müder wirkte er, aber als er Margaretha nun ansah, verwandelte sich sein Gesicht — er strahlte vor Glück. Von Margaretha fiel die erste Scheu ab. Ohne zu zögern, lief sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um ihn, nun von einer wunderbaren Ruhe durchströmt. Er war nicht zu spät gekommen.

»Du kommst mir sogar zum Empfang entgegen«, sagte Richard. Er hielt sie fest und schaute sie an. Er fand, daß sie verändert aussah, aber das mochte auch daran liegen, daß er sie damals im Sommer getroffen hatte, als sie in Wärme und Sonne lebte. Nun lag ein langer, harter Winter hinter ihr, der sie wie alle Menschen ermüdet hatte. Sie war zarter und zerbrechlicher geworden. Endlich lächelte sie.

»Lieber Himmel«, sagte sie, »du hast dir viel Zeit gelassen.«

»Du hast hoffentlich nicht daran gezweifelt, daß ich kommen würde?«

»Nein, aber es hätte wohl nicht mehr viel gefehlt und es wäre zu spät gewesen!«

»Na, jetzt bin ich jedenfalls da. Und ich habe dich sofort gefunden. Ich dachte, ich müßte dich aus dem Kloster locken, und wußte nicht, wie ich das tun sollte.«

»Ich bin zum Blumenpflücken hier herausgeschickt worden.«

»Ich weiß. Ich traf deine Freundin auf der anderen Seite des Hügels, dieses schwarzhaarige Mädchen. Ich erkannte sie und sprach sie an!«

»Hat sie dich auch erkannt?«

»Ich glaube nicht. Sie war furchtbar erschrecken und hielt mich sicher für einen Halunken. Sie erklärte voller Panik, ihre Freundin sei ganz in der Nähe und wies mir dabei auch die Richtung. Ich dachte, das könntest du sein und suchte nach dir.«

Margaretha mußte lachen, als sie an die arme Clara dachte.

»Kommst du aus Prag?« fragte sie.

»Nein, ich war in Paris«, erklärte Richard, »ich habe den Herzog von Bouillon besucht, einen Onkel König Friedrichs. Er war ein Günstling von König Ludwig, und wir hofften, durch ihn den französischen Hof für uns gewinnen zu können. Leider ist Bouillon ein Schwachkopf. Er hat längst jede Macht verloren und prahlt mit Kompetenzen, die er nicht mehr besitzt.«

»Dann ist von Frankreich keine Hilfe für euch zu erwarten?«

»Nein, aber das war vorauszusehen.«

Margaretha seufzte. Die Politik war ihr dermaßen gleichgültig, daß es ihr nicht schwerfiel, sich auf Richards Seite zu schlagen, auch wenn das gegen die Ansicht ihrer Familie geschah.

»Steht das böhmische Volk noch hinter seinem König?« fragte sie.

Richard schüttelte den Kopf.

»Er verspielt mit viel Dummheit alle Sympathien«, antwortete er, »die Leute haben ihn willkommen geheißen und waren überwältigt von dem Prunk, mit dem er Hof hielt. Aber inzwischen begreift jeder, daß der Staat kein Geld hat und von allen Seiten bedroht wird. Sie wollen einen König sehen, der eine vernünftige, klare Politik betreibt. Aber Friedrich erkennt das nicht. Er amüsiert sich weiter.«

Richard hatte ernst gesprochen, aber nun lächelte er wieder, »Was reden wir davon«, sagte er leichthin, »es ist gar nicht wichtig. Du willst sicher wissen, wann wir aufbrechen.«

»Wird es bald sein?«

»Ziemlich bald. Morgen abend.«

Margaretha versuchte, nicht allzu erschreckt auszusehen.

»Das ist aber sehr schnell«, sagte sie beklommen.

»Ich muß nach Prag! Man erwartet mich dort, ich darf keine Zeit verlieren.« Richard sah sie zärtlich an.

»Ich möchte nicht, daß du unglücklich bist«, sagte er, »wenn dir der Abschied von allem, was dir hier vertraut ist, das Herz bricht, dann sag es mir. Vielleicht …«

»Es gibt doch keinen anderen Weg für uns«, erwiderte Margaretha, »meine Familie wird mir keine Einwilligung geben, dich zu heiraten, also muß ich es heimlich tun. Nur wenn du ohne mich fortgingst, würde mir das Herz brechen.«

»Ich danke dir. Du gibst soviel auf, aber ich schwöre dir, du wirst es nie bereuen. Wir werden zunächst auf das Schloß meiner Familie gehen.«

»Und wann heiraten wir?«

»Wenn ich dich meiner Familie vorgestellt habe. Ich will ihnen die Möglichkeit geben, dich zu akzeptieren.«

Margaretha fühlte sich nicht sehr wohl bei dem Gedanken, einer ihr vermutlich feindlich gesonnenen Familie gegenüberzutreten, aber sie sagte nichts. Über diese Dinge könnte sie später nachdenken.

Richard trug ihr auf, sie solle am nächsten Abend nach Einbruch der Dunkelheit am hinteren Ende des Klostergartens sein.

»Nimm nicht zuviel Gepäck mit«, mahnte er, »denn du mußt zunächst reiten. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann eine Kutsche besorgen kann.«

»Wird man uns ungehindert über alle Grenzen rasen lassen?« fragte Margaretha ängstlich. Richard wies auf seinen Degen.

»Der hat mir schon manchen Weg erkämpft«, sagte er, »aber wahrscheinlichbrauche ich ihn gar nicht. Wir sehen sehr harmlos aus.«

Margaretha hätte ihm gern noch länger zugehört und ihm viele Fragen über seine Heimat und seine Familie gestellt, aber unbemerkt war eine Regenwolke herangekommen. Richard und Margaretha waren im Nu durchnäßt, und in dieser unbehaglichen Lage dachte Margaretha endlich an Clara, die schon lange an der vereinbarten Stelle warten mußte. Sie nahm Richards Hand.

»Ich werde morgen abend pünktlich sein«, versprach sie, »aber jetzt muß ich gehen. Clara ist sicher schon in Tränen aufgelöst.«

Zum Abschied küßten sie sich zärtlich, dann stieg Richard auf sein Pferd und verschwand im Regen. Margaretha hob ihren Korb auf. Wenigstens war er einigermaßen voll geworden.

So schnell sie konnte, lief sie zu dem Platz, wo sie sich mit Clara treffen wollte. Die Freundin stand bereits dort, naß und frierend. Sie sah erbärmlich aus in ihrem durchweichten Kleid und mit den dünn gewordenen Zöpfen.

»Wo warst du denn?« fragte sie weinerlich. »Ich bin ganz maß, und ich warte seit Stunden, und wir werden zu spät kommen, und alle werden schimpfen!«

Zum erstenmal, seit sie Clara kannte, wurde Margaretha bei ihrem Jammern nicht von Gereiztheit befallen. Nun, da sie wußte, daß sie das Quengeln vielleicht zum letztenmal hörte, liebte sie es beinahe.

»Du Ärmste, du bist ganz naß«, sagte sie mitleidig, »aber schau, ich bin es auch. Wir sollten schnell nach Hause gehen.«

Sie machten sich auf den Weg. Dabei erzählte Clara von ihrem schrecklichen Erlebnis, als ein fremder Mann erschienen war — ein gefährlicher, verwahrloster Landstreicher.

Im Kloster mußten sie eine lange Strafpredigt über sich ergehen lassen, weil sie viel zu spät und ganz naß zurückkehrten. Sie wurden hinaufgeschickt, um sich umzuziehen, und dann sollten sie die Kapelle schmücken. Bei dieser Arbeit gelang es Margaretha, sich unbemerkt in den Schlafsaal zu stehlen. Sie wollte heute schon ihre Tasche packen, denn sie wußte nicht, ob sie bei der morgigen Geburtstagsfeier Gelegenheit dazu fände. Sicher war ihre elegante Samttasche nicht geeignet für eine so weite Reise, aber sie hatte nichts anderes. Wenigstens mußte sie keine qualvollen Entscheidungen treffen, was sie mitnehmen sollte, denn den Mädchen war im Kloster fast kein Eigentum erlaubt. Sie beschloß, ihr braunes Reisekleid anzuziehen, in die Tasche ihre Wäsche, ihren schwarzen Mantel und ihr schönes Festkleid aus hellgrüner Seide zu packen, das so wunderbar duftig und prunkvoll aussah und dessen Ausschnitt Margaretha überaus sündhaft vorkam. Ihr Klostergewand würde sie zurücklassen.

Sie lief wieder hinunter, um den anderen zu helfen, sie lachte und plauderte mit ihnen, aber sie fühlte Wehmut, wenn sie sie vom Sommer reden hörte und von all den Plänen, die sie erfüllten. Sie selbst wäre dann schon längst nicht mehr bei ihnen, aber wo, fragte sie sich ängstlich, würde sie statt dessen sein?

Am nächsten Tag stürmte und regnete es. Margaretha sah immer wieder sorgenvoll aus dem Fenster. Wenn das schlechte Wetter anhielt, könnte die Reise nach Prag äußerst beschwerlich werden. Schwester Gertrud war sichtlich geschmeichelt von dem aufwendig geschmückten Haus, wenn sie auch, wie es ihre Art war, ihre Freude nicht zeigte.

»Ihr wißt doch, daß ich solchen Prunk nicht liebe«, tadelte sie, aber es klang fast freundlich, und am Nachmittag ließ sie alle Mädchen und Schwestern mit Kuchen bewirten. Es gelang Margaretha, einige Stücke in ihrer Tasche verschwinden zu lassen. Wer wußte, wann sie und Richard wieder etwas zu essen bekämen.

Den ganzen Tag über wurde viel gebetet, für das Wohl Schwester Gertruds, um Heil und Segen für St. Benedicta und alle seine Bewohner, um den Sieg der katholischen Kirche in der Welt und den schmählichen Tod ihrer, Feinde. Am späten Nachmittag hielt Schwester Gertrud eine Rede. Sie berichtete zunächst von den bedeutenden Aufgaben des Klosters und der Kirche, erzählte von ihrem Leben als Nonne und von der tiefen Befriedigung, die sie darin gefunden hatte. Dann wandte sich sich direkt an die Mädchen.

»Liebe Schülerinnen«, sprach sie, »heute ist der Zeitpunkt gekommen, um euch einige Regeln mit auf den Weg zu geben, die für eure Zukunft wichtig sein werden. Ihr bleibt nicht mehr lange hier. Die erste von euch wird schon bald von ihren Eltern abgeholt und verheiratet werden, und auch ihr anderen werdet bald aus diesen Mauern gehen. Ich weiß nicht, ob jemand von euch in den Orden eintreten wird oder ob ihr alle dem weltlichen Leben zuneigt, aber ganz gleich, was ihr tut: Wählt einen Weg, der euch und eurer Erziehung angemessen ist, moralisch angemessen. Einen Weg, den ihr hocherhobenen Hauptes beschreiten könnt. Und wenn ihr gewählt habt, dann nehmt an, was Gott euch als Schicksal zugedacht hat und tragt es ohne Murren und Klagen!«

Schwester Gertrud hielt inne und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Die Mädchen sahen sie ehrfürchtig an, nur Margaretha senkte die Augen.

Oh, ihr wißt, wie man Schuldgefühle entfacht, dachte sie. Was ihr Wählen nennt, das ist nur das Annehmen dessen, was ihr uns vorbestimmt habt, und unsere Fügsamkeit erlangt ihr, indem ihr uns mit der Moral traktiert. Ihr seid geschickt, denn schon beginne ich nachzudenken, ob ich das, was ich vorhabe, hocherhobenen Hauptes tun kann.

»Ihr lebt in unsicheren Zeiten«, fuhr Schwester Gertrud fort, »Deutschland ist voller Unruhen, überall flammen Kriege auf, und ist der eine erstickt, so brandet bereits woanders ein neuer. In diesen Konflikten um Glauben und Macht kann es vielleicht Jahre, viele Jahre dauern, bis Europa in Frieden lebt. Und auch ihr, liebe Mädchen, werdet vielleicht in den nächsten Jahren dem Schrecken von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Es mögen euch Situationen begegnen, in denen ihr nicht mehr wißt, was gut ist und was schlecht, und was ihr tun müßt, um dem allmächtigen Herrn zu gefallen. In solchen Momenten schließt eure Augen und besinnt euch nur auf euch. Wenn ihr eine Entscheidung trefft, und ihr könnt sie vor Gott und eurem katholischen Glauben rechtfertigen, dann ist sie richtig. Könnt ihr es nicht, dann betet um Erlösung von euren bösen Gedanken.« Schwester Gertrud schwieg noch einmal und lächelte. Sie sah sehr sanft aus.

»Behaltet meine Worte in eurer Erinnerung«, bat sie.

Alle Mädchen waren tief beeindruckt von den Worten der Oberin, aber keine fühlte sich so tief getroffen wie Margaretha.

Schwester Gertrud glaubt fest an das, was sie sagt, dachte sie. Es war ihr, als sei nur für sie gesprochen worden. Brachte Sie nicht Kummer und Schande über ihre Familie, lief sie nicht blind in ihr eigenes Unglück? Mit den Augen der kirchlichen Moral betrachtet, war sie schlecht, doch ihre Liebe zu Richard war so stark, daß sie nur gut sein konnte!

Ich werde immer versuchen, Vor mir selbst zu bestehen, gelobte sie im stillen, ich will in meinem Leben nichts tun, was ich nicht rechtfertigen kann.

Sie war entschlossen, ihrem Plan zu folgen und mit Richard nach Böhmen zu gehen. Am Ende des Abendessens stieß sie so ungeschickt gegen den Tisch, daß ihr Becher mit Milch umfiel und sich über ihr Kleid ergoß. Erschrocken stand sie auf. »Wie dumm von mir«, sage sie. »Ich muß es mit ein wenig Wasser auswaschen. Ich werde gleich hinaufgehen.«

»Die Messe beginnt jetzt«, erinnerte Angela.

»Ich weiß. Könntest du bitte Schwester Gertrud sagen, daß ich sofort komme?« Nicht einmal Angela mochte Margaretha alles gestehen, denn sie fürchtete, daß diese versuchen würde, sie zurückzuhalten.

Doch die Freundin schöpfte keinen Verdacht. Sie schlenderte munter über den Gang der Kapelle zu. Margaretha sah ihr nach. Würde sie ihr einmal wiederbegegnen, oder war dieser Abschied endgültig? Warum nur mußte alles so heimlich geschehen.

Margaretha lief hinauf in den Schlafsaal. Blitzschnell zog sie ihr Klostergewand aus und ihr Reisekleid an. Sie zerrte ihre Tasche unter dem Bett hervor, und ohne den Raum noch eines Blickes zu würdigen, lief sie hinaus. Das Treppenhaus war still und leer. Leiser Gesang drang aus der Kapelle herüber. Noch konnte sie kehrtmachen, diesen unsagbar verrückten Plan aufgeben. Aber sie dachte an Richard, der draußen wartete und den sie nie wiedersehen würde, wenn sie ihren Angsten nachgab. Ohne sich mit weiteren Gedanken zu quälen, ohne rührseligen Abschied von dem Haus zu nehmen, das ihr so viele Jahre lang Heimat gewesen war, rannte sie leise zur Pforte, schlüpfte in den Hof und dann in den Garten. Der Sturm heulte, er trieb ihr eisigen Regen ins Gesicht. Es war unheimlich draußen und dunkler als gewöhnlich. Die alten Bäume ächzten, das Gras wurde vom Wind zu Boden gedrückt. Margaretha kam nur schwer vorwärts. Die Tasche fest an sich gepreßt, hastete sie über die Wege und hielt trotz des Regens die Augen weit offen. Dann sah sie Richard. Er saß auf seinem Pferd und hielt ein weiteres am Zügel. Er sprang ab und ging Margaretha entgegen.

»Da bist du ja«, bemerkte er fast gleichmütig, als wisse er nicht, welch ungeheuren Schritt Margaretha gerade tat. Aber seine Gelassenheit half ihr, die eigenen wehen Gedanken zu verscheuchen.

»Du hastja sogar einen Damensattel für mich«, sagte sie.

»Ich habe ihn besorgt«, erklärte Richard, und Margaretha fragte vorsichtshalber nicht, wie ihm das gelungen war. Beide stiegen auf.

»Ich kenne den Weg, den wir jetzt nehmen«, sagte er, »ein flacher, ebener Pfad ohne Hindernisse. Wir können unbesorgt galoppieren, dann kommen wir, ehe es hell wird, ein großes Stück weiter; Wirst du das durchhalten?«

»Natürlich«, versicherte Margaretha. Seine Nähe gab ihr Kraft, sein Selbstvertrauen machte ihr Mut. Ihre Abenteuerlust wuchs. Sie war überzeugt, das Richtige zu tun, weil sie gar nichts anderes tun konnte. Sie lenkte ihr Pferd hinter das seine, das nun antrabte, schneller wurde und schließlich mit kraftvollen Sprüngen in die stürmische Nacht jagte. Hinter den Bäumen blieben in der Dunkelheit die schwach schimmernden Lichter des alten Klosters zurück.

6

Sie ritten bis auf wenige Unterbrechungen die ganze Nacht durch, machten erst am Morgen eine längere Rast unter ein paar hohen Bäumen, die sie kaum gegen den Regen schützten, und setzten ihren Weg dann fort bis zum Abend. Es stürmte die ganze Zeit, und keinen Moment hörte es auf zu regnen. Margaretha, naß bis auf die Haut und völlig durchgefroren, hätte weinen können vor Erleichterung, als sie endlich in der anbrechenden Dämmerung irgendwo zwischen Wiesen und Wäldern ein einsames Haus erblickten. Über dem Eingang hing ein verrostetes Schild mit der verheißungsvollen Aufschrift Zum weißen Schwan. Sie trabten in den Hof, und Margaretha rutschte kraftlos aus dem Sattel. Richard wirkte wesentlich weniger erschöpft. Er war es gewöhnt, auch bei schlechtem Wetter stundenlang zu reiten, daher spürte er seine Knochen nicht so sehr wie Margaretha.

»Wenn wir etwas gegessen und uns aufgewärmt haben, wird es dir besser gehen«, meinte er. »Aber paß gut auf: kein Wort davon, daß wir nach Böhmen gehen! Dort herrscht zuviel Unruhe, und hier sind die meisten Leute kaisertreu. Wir wollen keine Streitigkeiten anfangen.«

Der Wirt, ein dicker, rotgesichtiger Mann, freute sich über die späten Gäste. Es sei außer ihm, einem Knecht und dem Mädchen niemand im Haus, berichtete er, und er fühle sich recht einsam.

»Die Zeiten sind zu gefährlich zum Reisen«, meinte er vertraulich, während er den wuchtigen Eichenholztisch näher an den Kamin rückte und die Gäste mit einer Handbewegung aufforderte, daran Platz zu nehmen.

»Überall Räuber in den Wäldern, Pack und Gesindel. Jesus Maria; ein einfacher Mensch kann seines Lebens nicht mehr sicher sein.«

Er schleppte einen Krug mit Wasser herbei, stellte hölzerne Teller und Becher auf den Tisch, daneben ein Brett, auf dem Brot und Käse lagen, und brachte schließlich sogar eine Schüssel mit Bier, aus der sich die Reisenden mit einer Schöpfkelle so viel nehmen sollten, wie sie nur wollten.

»Das wird Sie stärken nach der langen Reise!« meinte er. Er sah neugierig zu, wie die beiden Gäste aßen und nahm erfreut deren Lob über die gute Mahlzeit und sein gemütliches Haus entgegen. Margaretha wollte nicht unhöflich sein, aber das Essen schmeckte ihr trotz des großen Hungers nicht besonders, und alles um sie herum war so ungewohnt. Der niedrige, weißgekalkte Raum, durch dessen kleine Fenster die tiefschwarze Nacht hereinkam und an dessen Wänden die unheimlich zuckenden Schatten des Feuers tanzten, wirkten bedrohlich auf sie. Daheim hielten die Freundinnen nun Abendandacht, bewacht von den strengen Augen Schwester Gertruds, und auf einmal überkam sie eine heftige Sehnsucht nach der Geborgenheit des Klosters. Ehe jemand merken konnte, daß ihr Tränen in die Augen traten, hob sie schnell ihren Becher an den Mund und trank in großen Zügen. Der Wirt beobachtete sie.

»So ein junges Mädchen«, sagte er, »haben Sie keine Angst vor einer so weiten Reise zu Pferde?«

Margaretha schüttelte den Kopf. Vor den Räubern zumindest, die er meinte, hatte sie keine Angst — nur vor ihrem Heimweh. Richard wies auf seine Pistole, die neben ihm auf dem Tisch lag.

»Ich werde uns schon verteidigen«, versicherte er.

»Wo wollen Sie überhaupt hin, wenn ich das fragen darf?«

»Nach Regensburg«, erwiderte Richard, ohne mit der Wimper zu zucken, »wir besuchen Verwandte dort.«

»Regensburg, aha. Schon recht nah an der Grenze zu Böhmen, nicht? Ja, was da wohl noch alles passieren wird. Was denken Sie denn über die Protestanten, die Aufständischen?«

»Nun … ja, natürlich glauben sie sich im Recht. Ich meine, daß es zwischen dem Herrscherhaus und den Ständen eines Landes immer schnell Streit um die Politik geben kann. Und wenn man bedenkt, wie hart in Böhmen die Konfessionen auf einandertreffen. Der alteingesessene Adel des Landes ist protestantischen Glaubens, der frühere König Ferdinand, nunmehr unser Kaiser, ist katholisch; Alles zusammen …«

»Wissen Sie, Herr, ich sage Ihnen, was ich denke«, der Wirt lehnte sich etwas vor, »ich bin nicht so klug wie die Fürsten, die alles lenken und regieren, aber glauben Sie mir: was dort in Prag geschieht, das wird sich ausbreiten, und es wird Kämpfe geben, über viele Jahre. Und alles Übel kommt von den Protestanten, von den Ketzern! Sie sind im Bund mit dem Bösen, denn sie verdrehen unsere Heilige Schrift und bringen Unruhe unters Volk … Gott sei uns gnädig!« Er bekreuzigte sich rasch, und Margaretha tat es ihm gewohnheitsmäßig nach. Richards Miene hatte sich verfinstert.

»Es geht ja nicht nur um den Glauben«, sagte er. »Die Stände in Böhmen wurden gerade in den letzten Jahren ständig von jeder politischen Einflußnahme ausgeschlossen. Warum nur hat man nicht zugelassen, daß Böhmen zu einem Wahlkönigtum wurde und die Städte ihren Regenten mitbestimmen durften? Ferdinand wurde damals gegen den Willen des Adels eingesetzt, und was hatte man davon?« Er brach ab, als ihn Margarethas Fuß unter dem Tisch traf. Er sah sie an und bemerkte ihren besorgten Gesichtsausdruck. Er hätte sich nicht auf die Frage des Wirts einlassen sollen. Vorsichtig wechselte Richard das Thema und klagte über das viel zu kalte Wetter. Der Wirt, dem die kurze Spannung im Raum glücklicherweise entgangen war, ging bereitwillig darauf ein. Sie plauderten über den vergangenen frostigen Winter, den Regen, die schlechten Ernteaussichten, und endlich fiel Richard auf, daß Margaretha wie ein Häufchen Elend auf ihrem Stuhl kauerte und den Gesprächen offenbar schon lange nicht mehr folgen mochte. Entschlossen stand er auf.

»Der Tag war anstrengend«, sagte er, »ich glaube, wir sollten schlafen gehen.«

»Natürlich. Ich werde Ihnen sofort Ihr Zimmer zeigen.«

Ohne daß sie länger darüber nachgedacht hätte, warf Margaretha ein: »Wir hätten gern zwei Zimmer, bitte.«

Der Wirt blickte Richard unsicher an, doch dieser nickte. Über eine steile, knarrende Treppe gelangten sie in den ersten Stock des Hauses. Der Wirt öffnete zwei nebeneinanderliegende Türen, die in enge, dunkle Zimmer führten. Mit seiner Kerze zündete er ein Licht auf dem Gang an.

»Hier können Sie Feuer holen«, sagte er, »ich wünsche Ihnen dann eine gute Nacht.« Sein Blick ruhte voller Neugier auf Margaretha. Bisher hatte er geglaubt, sie sei die Frau des jungen Herrn, aber darin hatte er sich wohl getäuscht.

»Gute Nacht, mein Fräulein«, murmelte er, ehe er sich umwandte und schnaufend die steile Treppe wieder hinabstieg. Kaum war er verschwunden, griff Richard nach Margarethas Händen.

»Warum denn zwei Zimmer?« fragte er.

Margaretha sah ihn erschrocken an.

»Wir … sind doch noch nicht verheiratet.«

»Wir werden bald verheiratet sein.«

»Ja, aber jetzt können wir doch nicht einfach …«

Er lächelte, und sie verstummte. Sie war verwirrt, denn noch nie war sie in der Situation gewesen, etwas zu tun, was die Nonnen als Unkeuschheit bezeichneten und wovon sie nur wenig wußte. Aber Angela, die aus geheimnisvollen Gründen auch verbotene Dinge immer mitbekam, hatte ihr manches erzählt, so daß sie wenigstens eine ungefähre Vorstellung besaß. Daher wußte sie, daß sie nicht mit Richard in einem Raum übernachten konnte, ohne ihre Keuschheit zu verlieren.

»Ich weiß nicht …« begann sie erneut, aber dann sah sie im gleichen Moment wie Richard einen Schatten am Fuß der Treppe.

»Der Wirt lauscht«, murmelte Richard, »und er braucht ja nicht zu erfahren, daß du aus einem Kloster davongelaufen bist. Darf ich für einen Augenblick in dein Zimmer kommen?«

Sie trat vor ihm in den Raum, er folge ihr mit der Kerze in der Hand und schloß die Tür.

»Ein lausiges Zimmer«, meinte er und sah angewidert in eine feuchte Ecke, in der ein paar Käfer herumkrochen, »leider wird es die meiste Zeit unserer Reise so sein. Hoffentlich hältst du das alles durch?«

»Ich glaube schon«, antwortete Margaretha. Sie stellte ihre Tasche auf einen Stuhl und blieb dann mitten im Raum stehen. Richard trat dicht an sie heran, und sie spürte, wie er beide Arme um sie legte und sie an sich zog.

»Wovor hast du Angst?« fragte er leise. »Vor Schwester Gertrud?«

»Nein, natürlich nicht vor der Oberin. Sie …«

»… liegt in St. Benedicta in ihrem Bett und schläft. Es ist niemand hier, der dir irgend etwas zu sagen hätte.«

»Aber trotzdem. Es ist alles noch so nah. Ich bin erst gestern abend fortgegangen, und wir sind nun einmal nicht verheiratet, und …«

»Wir werden es aber bald sein.«

»Aber jetzt sind wir es nicht!«

Richard beugte sich zu ihr hinab und küßte ihr Haar. Draußen heulte der Sturm, und Regen trommelte gegen die Fensterscheiben. Bei aller Müdigkeit und trotz ihrer Unsicherheit merkte Margaretha, wie sie insgeheim wünschte, Richard möge dableiben und seine Arme nicht mehr von ihr nehmen. Unglücklich blickte sie auf.

»Ich kann nicht«, Sagte sie. Richard nickte und trat einen Schritt zurück.

»Im Moment ist Schwester Gertrud wohl noch stärker als ich«, meinte er, »aber vielleicht ist es besser, wenn du jetzt schläfst. Du wirst noch viel Kraft brauchen, ehe wir in Böhmen sind.« Er ging zur Tür.

»Solltest du dich fürchten — ich bin ja nebenan. Gute Nacht.«

Er verschwand. Margaretha begann sich mit steifen Fingern die Kleider vom Leib zu streifen. Sie fürchtete, ihr würden gleich die Tränen kommen vor Heimweh und Verwirrung. Doch dann, als sie im Bett lag und die Kerze ausgeblasen hatte, merkte sie, daß sie selbst zum Weinen keine Kraft mehr hatte. Die Erschöpfung der vergangenen, durchwachten Nacht und des langen Tages überfiel sie, daß sie sich nicht einmal mehr Angelas und Claras Gesicht zum Trost vorstellen konnte. Es dauerte nur wenige Tugenblicke, dann schlief sie ein.

Die Reise dauerte viele Wochen. Richard wollte lästigen Fragen über seine Person ausweichen, und so benutzten sie nur einsame Wege. Sie mieden Dörfer und Städte und übernachteten bei Bauern, denen sie leicht glaubhafte, Märchen erzählen konnten. Hatten sie die Angst vor den unbekannten Reisenden überwunden, wurden sie in ihrer Freude über eine Abwechslung freundlich und zutraulich. Außerdem gab es keine Nachbarn, die mißtrauische Fragen stellten.

Richard hielt es für ratsam, weiterhin zu Pferd zu reisen, denn so waren sie beweglicher, zumal sie ständig mit Wegelagerern rechnen mußten, die ihre Opfer nicht nur ausraubten, sondern oft auch am nächsten Baum aufhängten. Richard dachte nicht daran, welche ungewohnte Strapaze jeder Tag auf dem Pferd für Margaretha sein mußte. Nach kurzer Zeit taten ihr die Knochen so weh, daß sie hätte weinen mögen. Jeder einzelne Muskel schmerzte, es gelang ihr nur mit äußerster Willensanstrengung, aufrecht auf dem Pferd sitzen zu bleiben. Immer wenn Richard vorschlag, sie könnten wieder ein Stück galoppieren, hätte sie ihn am liebsten angeschrien:

»Glaubst du, ich sei ein alter Soldat, der in seinem Leben nichts anderes getan hat, als zu reiten? Ich kann einfach nicht mehr!«

Aber da ihr klar war, daß sie schnell vorankommen mußten, biß sie die Zähne aufeinander, und kein Wort kam über ihre Lippen. Zum erstenmal in ihrem Leben wußte sie wirklich zu schätzen, was es bedeutet, am Abend ein Bett zu haben, in das sie hineinsinken und die müden Glieder weit von sich strecken konnte. Solch eine tiefe körperliche Müdigkeit hatte sie nie zuvor erlebt,und ihr verging sogar der Ekel vor den oftmals abscheulich verdreckten Quartieren, die sie nicht selten mit Mäusen, Ratten und allerhand Ungeziefer teilen mußte. Manchmal wusch sie abends noch etwas Wäsche, um sich nicht ganz so ungepflegt fühlen zu müssen und schlief dabei fast im Stehen ein. In solchen Augenblicken, völlig erschöpft und in fremden, verwahrlosten Zimmern, überkam Margaretha immer wieder das Heimweh. Sie sah St. Benedicta vor sich und ihre Freundinnen, die Nonnen und ihre Eltern, und sie fragte sich, was um alles in der Welt sie hier wollte, an einem dunklen Abend irgendwo zwischen München und Prag. Wenn ein Spiegel im Zimmer hing, sah sie darin ein mageres Mädchen mit übergroßen Augen und einer viel zu gebräunten Haut. Es schien in diesem Mai zwar selten die Sonne, aber kam sie ab und zu heraus, war es umständlich, sich vor ihr zu schützen. Im nächsten Winter, so tröstete sich Margaretha, würde ihre vornehme Blässe schon wieder kommen. Nein, dies bedrückte sie nicht. Es waren die Schmerzen, die Müdigkeit und das Gefühl, so weit fort von allem Vertrauten und Gewohnten zu sein. Ihr wurde immer stärker bewußt, was alles sie in jener regnerischen Nacht zurückgelassen hatte. Aber wenn sie sich morgens noch völlig zerschlagen aus dem Bett gequält und ihr staubiges, zerknittertes Kleid angezogen hatte, dann stand sie Richard gegenüber, und sie wußte, warum sie all das auf sich nahm. Das Zusammenleben mit ihm wog alles Heimweh, allen Kummer und ihre Sorge um die Zurückgebliebenen auf. Wenn sie ihn vor sich sah, konnte sie die endlosen Tage auf dem schwankenden Pferderücken ertragen, Regen und Wind, brennende Sonne, Hunger und Durst. Mit aller Kraft glaubte sie daran, daß sie in Prag eine neue Heimat finden könnte. Sie würde mit Richard eine Familie gründen und die alte Geborgenheit wiederfinden.

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Sie kamen an Regensburg vorbei, das, wie Richard sagte, direkt südlich der Grenze zur Pfalz lag, dem Kurfürstentum des jetzt so bedrängten Königs Friedrich von Böhmen. Kurz darauf mußten sie die Donau überqueren. Margaretha wußte, daß sie nun schon beinahe Böhmen erreicht hatten. Die Landschaft war hügelig und dicht bewaldet, und sie änderte sich auch nicht, als sie dann schließlich die Grenze überschritten hatten. Margaretha war froh, daß sie gar nicht bemerkte, wie sie Bayern verließen, da sie anderenfalls bestimmt das Heimweh hemmungslos überfallen hätte. Doch auch so erschöpften sich ihre seelischen Kräfte langsam. Sie war so entsetzlich müde, fühlte sich so dreckig und zerschlagen, wurde von schleichender Traurigkeit befallen. Richard schien sich Sorgen um sie zu machen.

»Du wirkst bedrückt, Margaretha«, sagte er, »du hast dich verändert und lächelst so selten. Bist du unglücklich?«

Nein, ich bin sehr glücklich, wollte Margaretha schnell antworten, doch Sie besann sich und entgegnete: »Ich bin froh, daß ich mit dir fortgegangen bin und würde es auch sofort wieder tun. Aber ich vermisse meine Heimat.«

Richard blickte sie verständnisvoll an.

»Ich kann mir vorstellen, was du fühlst«, erwiderte er, »aber du hast doch mich. Solange ich bei dir bin, solltest du nie wieder Heimweh haben.«

Zumindest das Land gefiel Margaretha. Zwar strahlte Böhmen nicht die fruchtbare Üppigkeit Bayerns aus und natürlich gab es auch keine schneebedeckten Gipfel am Horizont, doch dafür sanft ansteigende Berge mit dunklen, nach Harz duftenden Wäldern und weichen Moosteppichen. Trotz des vielen Regens nahte nun, Ende Mai, der Sommer. Sonnenstrahlen fielen durchs Geäst, und es machte Spaß, auf sonnigen Lichtungen zu sitzen, die durchgerüttelten Knochen auszustrecken und das Essen zu verschlingen, das Richard auf den umliegenden Höfen gegen einige der sonst sorgfältig in seine Kleidung eingenähten Münzen getauscht hatte. Margaretha verspürte ständig einen rasenden Hunger, sie konnte Mengen essen, über die sie früher den Kopf geschüttelt hätte. Doch bis auf die harten Muskeln an Armen und Beinen blieb sie dabei mager.

Ich muß wirklich bezaubernd schön aussehen, dachte sie spöttisch. Lieber Himmel, wenn ich nur nicht so braun gebrannt wäre. Was wird Richards Familie denken!

Aber nicht nur an der Landschaft, auch an den Menschen, die sie trafen, merkte Margaretha, daß sie nicht mehr in Bayern waren. Wenn sie etwa ein Stück der Wegstrecke gemeinsam mit anderen Reisenden zurücklegten oder auf einem Bauernhof Essen eintauschen wollten und zu einer gemeinsamen Mahlzeit ins Haus gebeten wurden. Margaretha empfand die Tschechen als ein sehr gastfreundliches, aber auch stolzes und selbstbewußtes Volk. Kein Gespräch verging, ohne daß über die Politik der Habsburger und ihre Einmischung in alle böhmischen Angelegenheiten geschimpft worden wäre. Sogar die Bauern, die den adeligen Ständen ansonsten nicht gerade freundlich gegenüberstanden, verteidigten die Aufständischen. Meist konnte Margaretha allen Reden folgen, da die Leute Deutsch sprachen, wenn sie erfuhren, daß das junge Mädchen kein Tschechisch verstand. Aber als sie wieder einmal inmitten einer Horde von Kindern am Tisch saßen und Margaretha ständig überlegte, wie sie nur die halbgaren Erbsen hinunterwürgen sollte, die die Bäuerin ihr so freundlich anbot, da schlug der Bauer plötzlich mit der Faust auf den Tisch und stieß einen Schwall unverständlicher Worte hervor. Richard antwortete in derselben Sprache, und so ging das eine Weile hin und her, bis Margaretha eine kurze Pause nutzte und fragte:

»Was ist denn los?«

»Er sprach über die Katholiken«, erklärte Richard, »er mag sie nicht besonders. Er sagte, eher würde er seine Tochter mit einem Bettler und Landstreicher verheiraten, als mit einem Katholiken!«

»Wie freundlich von ihm!« meinte Margaretha schwach.

Doch der Bauer schien überhaupt nicht auf die Idee zu kommen, einer seiner Gäste könnte katholisch sein, denn sonst wäre er nie so unhöflich geworden.

Später, als sie allein weiterritten, erkundigte sich Margaretha: »Was hast du ihm geantwortet?«

»Dem Bauern? Nun, ich schimpfte ebenfalls und bestätigte ihm, wie recht er habe«, antwortete Richard lässig. Margaretha fühlte sich verletzt. Sie fand es nicht schön von Richard, solche Dinge zu sagen, selbst wenn er sie damit nur schützen wollte. Er hätte sich etwas mehr zurückhalten können.

»Mich machen diese ständigen Hetzreden ganz krank«, sagte sie, »und am liebsten würde ich diesen Menschen laut und deutlich erklären, wer ich bin, dann könnten sie sehen, daß kein Teufel vor ihnen steht.«

»Margaretha, mach keinen Unsinn, bitte. Du würdest alles nur unnötig schwierig machen. Als wir noch in Bayern waren, mußte ich auch immer ruhig bleiben, ganz gleich, was die Leute redeten. Mit zuviel Ehrlichkeit macht man sich in manchen Situationen eben Unannehmlichkeiten.«

Margaretha sah ihn an, sein lebhaftes, waches Gesicht, das so entspannt wirkte, seit sie nach Böhmen gekommen waren, und ein Gefühl des Ärgers stieg in ihr auf. Richard mochte recht haben mit dem, was er sagte, aber es störte sie, daß er seine eigene Haltung so selbstverständlich fand und voraussetzte, daß sie sich in allem anpaßte.

»Du würdest nicht unangenehm auffallen, wenn du ein bißchen weniger auf die Katholiken schimpfen würdest«, entgegnete sie gereizt auf seine letzte Antwort. Richard schaute erstaunt auf.

»Du bist ja richtig böse auf mich«, stellte er fest, »ich glaube, es wird Zeit, daß wir zu Hause ankommen und wieder etwas Ruhe finden. Du wirst sehen, wir werden nur noch schöne Dinge erleben. Wir gehen auf Bälle und geben Empfänge, auf denen jeder deine Schönheit sehen und bewundern kann. Alle werden dich lieben, Margaretha.« Er reichte ihr seine Hand, und eine Weile ritten sie so nebeneinander her. In Momenten wie diesem Schwand Margarethas Ärger so schnell, daß sie kaum noch wußte, wie sie ihm je böse sein konnte. Richards Zärtlichkeit machte sie völlig wehrlos.

Nachdem sie, wie ihr schien, endlos lange durch die böhmischen Wälder geritten waren, sagte Richard an einem regnerischen Morgen: »Wenn das Wetter nicht schlechter wird, werden wir heute noch Schloß Tscharnini erreichen. Es liegt nahe bei Rokitzan.«

»Ist deine Familie jetzt im Schloß?« fragte Margaretha.

»Nein, ich glaube nicht. Sie sind in Prag.«

»Werden wir dorthin weiterreisen?«

»Du wirst bleiben und dich erholen. Ich reite nach Prag, um mich mit einem Beauftragten General Mansfelds zu treffen. Wenn ich wiederkomme, bringe ich meine Familie mit.«

Margaretha war über diesen Aufschub erfreut. Nach allem, was sie auf ihrer Reise über das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten erfahren hatte, war sie mittlerweile darauf gefaßt, daßschon aus diesem Grund die Tscharninis mit Richards Wahl nicht einverstanden sein könnten und vielleicht sogar versuchen würden, eine Heirat zu verhindern. Nach einer kurzen Erholung wäre sie besser in der Lage, einer vierköpfigen Feindesschar zu trotzen.

Richard hatte genug von seiner Familie erzählt, um Margaretha damit unbeabsichtigt Angst eingeflößt zu haben. Wenn Richard auch alle Eigenarten sehr humorvoll beschrieb, klangen sie keineswegs harmlos. Seinen Vater, Ludwig von Tscharnini, bezeichnete er als einen weißhaarigen, etwas rauhen, sich gern furchteinflößend gebärdenden alten Mann, der im Grunde seines Herzens nicht so hart war, wie er sich gab. Seine Frau war die einzige, die genau wußte, wie man mit ihm umzugehen hatte. Richard schilderte seine Mutter Caroline als streng und energisch, dabei aber mütterlich und entschlossen, das Wohl ihrer Familie mit gefletschten Zähnen zu verteidigen. Was nicht unbedingt günstig für mich ist, dachte Margaretha insgeheim.

»Und dann habe ich noch zwei Schwestern«, berichtete Richard, »beide jünger als ich. Sophie ist zwanzig. Sie ist sehr schön und lebhaft, aber einige Leute fürchten sie ein wenig, weil sie eine mitunter scharfe und rücksichtslose Zunge hat. Doch ihre Freunde können sich immer und ewig auf sie verlassen.«

»Wird sie mich mögen?«

»Aber ja. Sie mag Mädchen, die hübsch sind und Verstand haben. Und mit Marie wirst du auch gut zurechtkommen. Sie ist fünfzehn, die jüngste in der Familie, verstehst du, und daher ein wenig verwöhnt und eigensinnig, aber auch zärtlich und anhänglich.«

Margaretha fand das alles nicht beruhigend. Sie hatte bereits eine recht genaue Vorstellung von Richards Familie: Fünf eigenwillige Charaktere, zwischen denen sicher häufig Stürme tobten, aber nach außen zu einer festen Sippe zusammengeschlossen und bereit, gegen jeden unerwünschten Eindringling zu kämpfen. Und da kam sie, die katholische Ausreißerin, ohne Mitgift, mit einem Namen, der hier nichts bedeutete, und sie wollte Richard, den einzigen Sohn der Tscharninis. Es würde nicht leicht sein, hocherhobenen Hauptes auf ihrem Willen zu beharren, und möglicherweise müßten sie ohne den Segen der Familie heiraten. Aber das konnte ihr schließlich gleich sein.

Schloß Tscharnini lag weitab von jeder menschlichen Siedlung. Ein unbekannter Bauherr hatte es vor beinahe hundert Jahren auf einem bewaldeten Berg errichten lassen, ein kleines, ehemals weißes, jetzt graues Gebäude im Stil der frühen Renaissance mit ihren klaren Linien, gewölbten Decken, hohen Bogenfenstern, ineinander verschachtelten Innenhöfen. Es war nur ein kleines Anwesen, aber gerade deshalb so reizend anzusehen, daß jeder Gast sich dort schnell zu Hause fühlte. Der weitläufige Park zog sich zunächst auf dem Bergrücken entlang und erstreckte sich dann den Hügel hinab. Im Schloßgarten gab es kiesbestreute Wege und kurzgeschnittenes Gras, auch Bäume und Büsche durften nicht ungehemmt wuchern. Doch immer stärker setzte sich die Wildnis wieder durch, ergriff der Wald Besitz von dem ihm abgerungenen Land, krochen dornige Hecken, Moos und Farn den Hügel hinauf.

Richard und Margaretha ritten einen gewundenen Pfad entlang, der in Schlangenlinien bis hoch zum eisernen Eingangstor in der Schloßmauer führte. Wieder einmal regnete es. Die nassen Gräser und die dunkel glänzenden Baumstämme, die von perlenden Tropfen bedeckten Blätter ließen die Welt so feucht und frisch erscheinen, daß sie fast bezaubernder schien, als an einem strahlenden Sommertag. Aber Margaretha war bereits zu naß und verfroren, um diese Eindrücke in sich aufzunehmen. Mehr noch als nach Nahrung, verlangte ihr Körper nach einem Bett, in dem sie sich einem endlosen Schlaf hingehen konnte. Heimweh und die Angst vor der neuen Umgebung verblaßten und machten der müden, zufriedenen Seligkeit Platz, endlich am Ziel zu sein.

Auf dem kleinen Vorhof am Haupteingang eilte ihnen ein junger Mann entgegen. Er strahlte Richard glücklich an.

»Oh, der junge Herr ist da!« rief er aus. »Wie schön, daß Sie gesund sind!«

Sein Blick glitt zu Margaretha hinüber, erst erstaunt, dann ebenso freundlich wie zuvor. Offenbar übertrug er die Liebe zu seinem Herrn auch auf dessen Begleitung.

»Guten Tag, Jaroslaw«, sagte Richard und sprang von seinem Pferd. Er half Margaretha beim Absteigen und erklärte: »Unser treuer Diener Jaroslaw. Er lebt schon seit einigen Jahren hier. Jaroslaw, dies ist Fräulein von Ragnitz. Sie ist mein Gast.«

Jaroslaw hätte sicher gern mehr über die Art der Beziehung zwischen Richard und der fremden Frau erfahren, doch er wußte, daß er solche Fragen nicht zu stellen hatte. So sagte er nur: »Seien Sie sehr willkommen, verehrte Dame!«

Margaretha lächelte ihn so herzlich und gewinnend an, wie sie es nur vermochte. Sie hatte das Gefühl, in ihrer Lage Verbündete zu brauchen, auch wenn es ein Diener von offenbar kindlichem Gemüt war.

»Die Familie ist in Prag?« erkundigte sich Richard.

Jaroslaw nickte.

»Ich habe sie seit einigen Wochen nicht gesehen«, antwortete er, »ich weiß auch nicht, wann sie wiederkommen. Ich konnte jedoch erfahren, daß Fräulein Sophia sich verlobt hat.«

»Ach, wirklich?« Richard sah ihn interessiert an. »Mit wem denn?«

»Mit Herrn Julius von Chenkow. Er stammt ebenfalls aus Prag und …«

»Danke, ich kenne die Chenkows. Reiche Familie, großer politischer Einfluß«, Richard lachte. »Die Kleine hat Geschick bewiesen«, meinte er anerkennend.

Margaretha fand seine Worte roh und fühlte sich mit einemmal sehr elend. Sie war müde und haßte den Regen. Zum Glück bemerkte Richard in diesem Augenblick, daß es ihr nicht gutging. Er griff nach ihrem Arm.

»Jaroslaw, ist Lioba da?« fragte er.

»Natürlich, Herr. Sie wird sich sicher gern um die junge Dame kümmern.«

»Das glaube ich auch. Margaretha, Lioba ist eine wundervolle Frau. Ich kenne sie, seit ich ein kleiner Junge war. Du wirst sie mögen.«

Margaretha folgte Richard einige Stufen hinauf in einen hohen Vorraum. Es war kalt dort, und auf dem steinernen Fußboden hallten die Schritte. Aber da wurde bereits eine Tür geöffnet, und auf der Schwelle erschien eine kleine alte Frau mit einem mageren, scharfgeschnittenen Gesicht, einer gewaltigen Säbelnase und himmelblauen Augen, die wach und klug unter großem schweren Lidern hervorsahen. Sie trug ein weißes Leinentuch um den Klopf geschlungen, so fest, daß keine einzige Haarsträhne darunter hervorsah; darüber lag, einer umgestülpten Schüssel gleich, eine Haube aus leuchtendgrünem und rotem Stoff, die bis über die Ohren hinabreichte. Die alte Dienerin steckte in einem blaßroten, einfachen Kleid, das bis unter das Kinn geschlossen war, umhüllt von einem bauschigen Mantel aus weichem Wollstoff, mit roten und grünen Mustern bestickt. Ihre ganze Erscheinung ließ Margaretha sofort erkennen, daß sie der Frau gegenüberstand, in deren Händen die Fäden dieses ganzen Hauswesens zusammenliefen.

Als Lioba Richard erblickte, stieß sie einen Schrei aus, der Margaretha zusammenzucken ließ.

»Herr Richard!« Sie eilte auf ihn zu und ergriff seine Hände. »Herr Richard, du heiliger Himmel, daß Sie zurück sind!«

Richard lachte auf.

»Aber, Lioba«, meinte er, »so lange war ich doch nicht fort!«

»Ich bin immer traurig, wenn Sie nicht da sind, und mache mir Sorgen«, sagte Lioba, »doch nun ist ja alles wieder gut!«

»Du mußt meine Begleiterin begrüßen, Lioba«, verlangte Richard, »das ist Fräulein Margaretha von Ragnitz.«

Lioba richtete ihren Blick langsam auf Margaretha. Diese wollte lächeln, aber ihr Mund erstarrte, und sie schluckte krampfhaft. Denn Liobas Augen, die soeben noch leuchtend vor Liebe und Bewunderung an Richards Gesicht gehangen hatten, wurden plötzlich hart. Sie starrte Margaretha mit einer solchen Verachtung an, daß diese ihrem Blick ausweichen und zu Boden sehen mußte. Lioba lächelte. Welch ein leichter Sieg!

»Ich grüße Sie, Fräulein … äh, wie heißen Sie doch?« fragte sie unhöflich.

»Fräulein von Ragnitz, merke dir das, Lioba«, sagte Richard ärgerlich.

Lioba nickte.

»Natürlich, Herr«, erwiderte sie.

»Sie ist sehr müde«, fuhr Richard fort, »bring sie in eines der Schlafzimmer.«

»In Fräulein Sophias Raum?«

»Ja, gut, er ist am schönsten.« Richard wandte sich an Margaretha: »Geh mit Lioba hinauf«, sagte er, »du kannst schlafen, solange du magst. Du wirst hier schnell deine alten Kräfte wiedererlangen.«

Margaretha nickte. Lioba nahm ihr die kleine Tasche aus der Hand.

»Haben Sie noch mehr Gepäck, Fräulein?« erkundigte sie sich.

»Nein, nur das.«

Liobas Schweigen war kränkender als jedes Wort. Sie hielt die verschmutzte Tasche ein Stück von sich fort, um zu zeigen, wie sehr sie diese Armseligkeit verachtete. Margaretha bemerkte, daß sie zornig wurde. Sie stammte aus einer reichen, vornehmen Familie, und diese alte, häßliche Krähe hatte nicht das Recht, sie so zu behandeln. Sie warf ihre Haare zurück und reckte die Nase hoch in die Luft.

»Zeig mir das Zimmer, Lioba«, befahl sie kühl, »und dir, Richard, wünsche ich eine gute Nacht!« Sie küßte ihn länger als gewöhnlich, denn sie wollte, daß Lioba sie als die nicht mehr zu verdrängende Frau an Richards Seite begriff. Sie folgte der Alten eine steile Wendeltreppe hinauf, die auf einen schmalen Gang führte. An seinem Ende öffnete Lioba eine Tür. Margaretha trat an ihr vorbei in das geräumige Zimmer. Es dämmerte schon, aber sie konnte deutlich den gewebten Teppich auf dem Boden erkennen, das breite Bett mit seinen dicken, weichen Matratzen, den schneeweißen Leintüchern darüber und der schweren Brokatdecke. Sie sah geräumige Wandschränke aus edlem Holz vor einer goldverzierten Tapete und ein kleines Tischchen mit einem großen Spiegel darüber. Hinter den geschlossenen Fenstern rauschte der Regen. Das anheimelnde Geräusch weckte in Margaretha heimatliche Gefühle.

Lioba ging herum und zündete die vielen Kerzen an, die in goldenen Haltern an den Wänden befestigt waren. Sie blieb vor dem Kamin stehen.

»Es ist kühl«, bemerkte sie, »möchten Sie Feuer haben?«

»Nein. Ich gehe gleich zu Bett.«

»Haben Sie Hunger?«

Margaretha fühlte sich durchaus hungrig, aber gleichzeitig auch zu müde, um zu essen. So lehnte sie ab. Lioba zeigte keine Regung.

»Dann werde ich Ihnen nur etwas Wasser zum Waschen bringen«; sagte sie und verschwand. Margaretha ließ sich schwer auf das Bett fallen. Sie versank beinahe in den weichen Decken. Behaglich seufzend, dachte sie daran, wie bequem sie es hier hatte, im Vergleich zu den vielen Wirtshäusern. Wie wunderbar, in einem gepflegten Zimmer zu sein, in dem keine Mäuse über den Fußboden flitzten. Sie zog ihre braunen Stiefel aus und bewegte die Zehen. Auf bloßen Füßen tappte sie zu einem Fenster, dessen Flügel sie weit öffnete Gleich war der Regen lauter zu hören, und würzige, feuchte Waldluft drang herein. Der Blick, den Margaretha von hier aus hatte, ging in den verwilderten Teil des Parks und bis weit über die umliegenden Wälder. Eine riesige alte Eiche stand direkt vor dem Fenster, ihre knorrigen Äste ragten fast bis ins Fenster. Sie spürte plötzlich, daß sie bereits begann, dieses Schloß zu lieben, und überlegte, wie hübsch es wäre, hier mit Richard nach ihrer Heirat zu leben. Sie wandte sich vom Fenster ab, denn gerade öffnete sich die Tür, und Lioba trat ein. Sie trug einen, großen Krug mit Wasser.

»Hier ist Ihr Wasser, Fräulein«, sagte sie.

»Danke schön. Stell es dort auf den Tisch.«

Lioba tat, was ihr gesagt worden war, blieb aber noch unschlüssig im Raum stehen. Offenbar wollte sie noch etwas fragen. Margaretha bemerkte es.

»Ist etwas?« kam sie ihr entgegen.

»Nun …« Lioba zögerte, dann setzte sie eine herausfordernde Miene auf und fragte: »Wollen Sie den jungen Herrn von Tscharnini heiraten?«

Margaretha, bereits auf eine solche Frage gefaßt, wollte die Dienerin mit einer scharfen Entgegnung zurechtweisen. Aber sie besann sich und antwortete: »Ja, Lioba. Sobald ich der Familie vorgestellt bin, werden wir heiraten.«

Lioba starrte sie an. Sie begann seltsam zu lächeln.

»Ich denke«, sagte sie mit sanfter Stimme, »daß die Baronin dies mit allen Mitteln verhindern wird!«

»Oh, und ich denke«, erwiderte Margaretha wütend, »daß dich das alles überhaupt nichts angeht!«

»Natürlich nicht, Fräulein. Gute Nacht!« Lioba verließ das Zimmer. Margaretha sah ihr nach. Wie konnte eine Dienerin sich bloß so benehmen? Sie schien sich ziemlich stark zu fühlen, sonst hätte sie es kaum gewagt, so zu ihrer künftigen Herrin zu sprechen. Diese dumme, unwissende Alte; Margaretha verwünschte sie im stillen.

Die langsam in ihr aufgekeimte Sicherheit war fast wieder verflogen. Teilnahmslos blickte sie sich um, aber dann riß sie sich zusammen. Sie war übermüdet, und morgen ginge es ihr sicher schon viel besser. Sie zog sich aus, löschte die Kerzen und kuschelte sich tief in die nach Lavendel duftende Bettwäsche. Bevor der Schlaf sie übermannte, galt ihr letzter Gedanke Richard. Im Eindämmern hörte sie noch von fern den Regen und roch den Wald, vermischt mit dem Rauch der verglühenden Kerzen.

Am nächsten Morgen regnete es noch immer. Als Margaretha sich schläfrig umsah, stellte sie fest, daß Lioba wohl schon ganz früh dagewesen sein mußte, denn die Fenster waren geschlossen, im Kamin brannte ein Feuer, über einen Stuhl gebreitet lag frische Wäsche und daneben stand ein neues Paar Schuhe. Margaretha stieg aus dem Bett. Sie sah aus dem Fenster und schüttelte sich. Was für ein Sommer! Nichts als Regen und Kälte, dabei wäre es so schön gewesen, bei Sonnenschein in der neuen Heimat anzukommen. Sie wusch sich ausgiebig und zog dann ihr grünes Seidenkleid an, das sie aus dem Kloster mitgebracht hatte. Es sah etwas zerknittert aus, doch wenn sie es anhatte, merkte man es kaum. Zu schade, daß sie überhaupt keinen Schmuck besaß, außer dem goldenen Kreuz. Alles war im Schloß ihrer Eltern geblieben.

Nach einem wohlgefälligen Blick in den Spiegel verließ Margaretha das Zimmer und traf in der Halle Jaroslaw, der mit verdreckten Stiefeln und Stroh an den Kleidern ganz offenlich aus dem Stall kam. Er lächelte, als er Margaretha erblickte.

»Guten Morgen, gnädiges Fräulein!« rief er.

»Guten Morgen, Jaroslaw. Ist Herr von Tscharnini schon wach?«

Sie folgte dem Burschen durch einen Gang in ein kleines Zimmer. Es war ein halbdunkler Raum mit vielen Schränken, in denen kostbare Bücher standen, schwere in Leder gebundene Bände mit Metallbeschlägen und versilberten Schließen versehen. Vor den Fenstern hingen lange dunkelrote Samtvorhänge, und in dem gemauerten Kamin brannte ein Feuer. Richard saß am Tisch. Er stand auf und kam Margaretha lächelnd entgegen.

»Guten Morgen, Liebste«, sagte er, »du siehst heute wunderschön aus.«

Margaretha küßte ihn, wobei es ihr beinahe schon so vorkam, als begrüße sie ihren eigenen Mann. Wie bezaubernd mußte es sein, immer in diesem Schloß zu leben und Richard jeden Tag so zu sehen, wie er heute war: lachend und selbstsicher, ausgeruht und gut gelaunt. Sein Selbstbewußtsein, das er ohne große Worte und übertriebene Gesten ausstrahlte, wies ihn als hoffnungsvollen Nachkömmling einer der einflußreichsten böhmischen Familien aus.

»Setz dich zu mir«, sagte er nun, »und frühstücke. Du mußt Hunger haben!«

»Mein Magen knurrt entsetzlich!« gab Margaretha zu. Sie häufte sich, was sie nur kriegen konnte, auf den Teller, weiches, weißes Brot, Roggenmehlmus, Milchgrütze und Rosinen, und verschlang es gierig. Jeder Bissen schmeckte herrlich. Dazu trank sie Unmengen süßen, heißen Kakaos, verspürte endlich ein angenehm sattes Gefühl und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

»Was mußt du von mir denken«, sagte Sie, »ich habe geschlungen wie ein Wolf. Nicht einmal Clara war so hemmungslos gierig.«

»Clara war deine kleine dunkelhaarige Freundin, nicht?«

»Ja. Sie hatte immer Hunger, und Angela verspottete sie fürchterlich deswegen. Clara fing jedesmal zu weinen an, sobald sie wieder davon anfing.« In Erinnerung daran lachte Margaretha. »Ob ich sie alle je wiedersehe?« meinte sie gedankenverloren.

»Natürlich siehst du sie wieder. Eines Tages, wenn wir schon lange verheiratet sind, werden sie dir vergeben, dich vielleicht sogar verstehen, und du kannst sie besuchen.«

»Ach ja, das wäre schön. Dann reisen wir zusammen nach Bayern!«

»Ja, das tun wir. Aber jetzt hör zu, Margaretha: Ich werde heute noch nach Prag aufbrechen. Ich weiß nicht, wie lange ich mich dort aufhalten muß, aber vermutlich komme ich in vier oder fünf Tagen zurück.«

»Mußt du wirklich heute schon fort?« fragte Margaretha traurig.

»Es tut mir leid. Du weißt, man erwartet mich. Und ich muß meine Familie von unseren … Plänen unterrichten.«

»Dann werden sie wohl bald herbeieilen, um mich zu besichtigen!«

Richard sah sie aufmunternd an.

»Wer so reizend ist wie du, sollte nichts gegen ihre Besichtigung einzuwenden haben«, meinte er. Er erhob sich und nahm Margarethas Hand.

»Komm mit. Es hat aufgehört zu regnen. Ich zeige dir den Park.«

Hand in Hand liefen sie hinaus. Die Wolken rissen gerade auf, und dazwischen schimmerte der blaue Himmel, ab und zu leuchtete das Land sogar im Sonnenlicht. Sie gingen einmal um das ganze Schloß, wobei Margaretha entzückt feststellte, daß die Südseite des Hauses mit dichtem Weinlaub bewachsen war. Unter der mächtigen Eiche, die vor Margarethas Zimmerfenster stand, befand sich ein Stall, in dem zwei Pferde standen.

»Sonst haben wir keine Tiere hier«, erklärte Richard, »wir bekommen alles von den umliegenden Bauernhöfen.«

Sie wanderten nun durch den Park und über die wildwuchernde Wiese bis hin zum Waldrand. Nasses Gras schlug um ihre Beine, feuchte Äste streiften ihre Wangen. Immer wieder blieb Richard stehen und küßte Margaretha. Bald würden sie verheiratet sein und sie würde ihm endlich ganz gehören. In seinen Armen fühlte sie sich wunderbar sicher. Mochte seine Familie kommen, mochte sie noch so feindlich sein, gemeinsam mit Richard war sie stark genug, die anderen zum Nachgeben zu zwingen.

Nach dem Mittagessen brach Richard auf. Margaretha begleitete ihn den Berg hinunter, dann sah sie ihm nach, bis sein Pferd zwischen den Baumen verschwand. Wenn er nur bald zurückkäme! Sie fühlte sich nicht wohl mit der mürrischen Lioba, deren Blick ihr unablässig und verschlagen folgte. Margaretha, die sich zu der Alten zunächst freundlich verhalten hatte, zeigte jetzt deutlich ihren Arger und stellte immer wieder klar, daß Lioba sich nach ihren Anweisungen zu richten habe. Sie behandelte sie hart und unhöflich, obwohl ihr das eigentlich unangenehm war und sie sehr unter der angespannten Atmosphäre litt. Wenigstens wurde das Wetter besser, so daß Margaretha viel hinausgehen konnte. Sie streifte oft im Park herum, meist gefolgt von Jaroslaw, den offenbar eine tiefe Verehrung für sie ergriffen hatte. Wenn er sich in ihrer Nähe befand, betete er sie an, und Margaretha gewann ihn ebenfalls lieb. Sie erfuhr, daß er Liobas Enkel war.

»Meine Mutter ist tot«, berichtete er, »schon viele, viele Jahre. Da hat Großmutter mich zu sich genommen. Sie ist schon immer bei Herrn Richard. Ich bin so froh darüber!«

Sein kindliches Gesicht strahlte. Margaretha betrachtete ihn gerührt. Es schien ihr nicht verwunderlich, daß er Richard so anbetete, denn Geborgenheit konnte er bei der alten Frau kaum finden. Sie versuchte, von Jaroslaw noch mehr über die Familie Tscharnini zu erfahren, aber sie brachte nicht viel heraus, außer, daß die Baronin sehr schön sein mußte und Jaroslaw vor dem Baron und vor Fräulein Sophia offenbar ein bißchen Angst hatte.

Die Tage verflogen schnell. Die Sonne und die Wärme taten Margaretha gut. Sie erholte sich von den Strapazen und nahm wieder an Gewicht zu. Und nach acht Tagen, als sie gerade in ihrem grünen Kleid auf dem Kiesweg vor dem Schloß herumspazierte, hörte sie plötzlich Wagengeräusche und Pferdewiehern und sah eine Kutsche den Berg heraufkommen. Sie preßte eine Hand auf ihr wild schlagendes Herz. Ihre Zuversicht war verflogen. Voller Angst, nur mühsam zur Ruhe gezwungen, stand sie in der Sonne und wartete auf das, was nun kommen sollte.

7

Als die Kutsche hielt, sah Margaretha zunächst nur Richard, der auf seinem Pferd hinter dem Wagen auftauchte. Ihr Blick klammerte sich förmlich an ihm fest, als er auf sie zuritt. Er sprang aus dem Sattel und nahm ihre Hand.

»Da bin ich wieder«, sagte er, »und ich habe meine ganze Familie mitgebracht!«

Der Kutscher öffnete eben die Wagentür und half den Insassen beim Aussteigen. Zuerst erschien ein alter, weißhaariger Mann mit zerfurchtem Gesicht, in dem die tiefdunklen Augen etwas bedrohlich unter den buschigen Brauen wirkten. Er war ziemlich dick und etwas schwerfällig. Das mußte der Baron von Tscharnini sein, obgleich er nicht die allergeringste Ähnlichkeit mit Richard aufwies. Ihm folgte Caroline, seine Frau. Margaretha war sofort fasziniert von der hochgewachsenen, schlanken Dame mit dem schönen, gütigen Gesicht, den wachen braunen Augen, einem schmalen Mund und dichten schwarzen Haaren. Sie trug, bis auf eine dünne silberne Halskette, keinen Schmuck, auch ihr blaues Samtkleid war einfach geschnitten, doch gerade dies betonte ihre edlen Züge. Unmittelbar hinter ihr sprang ein junges Mädchen aus dem Wagen, wohl die jüngste, Marie. Diese zerrte an der Hand ihre Schwester Sophia mit sich. Margaretha glaubte, nun endlich der vollzähligen Familie gegenüberzustehen, doch es stiegen noch zwei junge Herren aus, von denen sie nicht wußte, um wen es sich handelte. Aber sie kam auch nicht dazu, darüber nachzudenken, denn Richards Mutter löste sich von der Gruppe und trat auf sie zu. Sie lächelte.

»Margaretha von Ragnitz?« fragte sie mit sanfter Stimme. Margaretha hätte sie umarmen mögen vor Erleichterung. Diese Frau war gut und warmherzig, und sie mußte sich nicht fürchten. Voller Dankbarkeit küßte sie ihr die Hand.

»Ja, gnädige Frau«, antwortete sie, »ich bin Margaretha von Ragnitz.« Stolz schwang in ihrer Stimme, als sie ihren Namen nannte, denn ihr Selbstvertrauen war zurückgekehrt. Die Baronin blickte ihren Sohn an.

»Welch ein schönes junges Mädchen«, sagte sie.

»Ich danke Ihnen«, erwiderte Richard.

»Wie Sie sich denken können, bin ich Richards Mutter und dies ist mein Mann, Baron Tscharnini«, fuhr Caroline fort, wobei sie Richards Vater herbeiwinkte. Dieser lächelte nicht, sondern musterte Margaretha scharf.

»Sie sind katholisch«, sagte er barsch, »das stimmt doch, oder?«

Margaretha schluckte nervös.

»Ich … nun …« begann sie stockend, aber dann, wie meistens bei ihr in Situationen der Angst, wurde sie ärgerlich und antwortete trotzig: »Ja, Herr Baron!«

Der Baron brummte irgend etwas, aber seine Frau mischte sich schnell ein.

»Darüber sprechen wir später. Marie und Sophia, kommt bitte her!«

Die beiden Mädchen kamen näher. Margaretha erkannte auf den ersten Blick, daß sie sich mit Marie nicht verstehen würde. Sie war sehr klein, zart und großäugig, von körperlicher Schwäche, weswegen sie ganz offenbar immer verwöhnt worden war. Marie lächelte Margaretha nicht an, sondern reichte ihr nur die Hand und wandte sich dann ab.

Sophia wirkte sympathischen Sie hatte ein offenes Gesicht mit sehr schönen Augen. Ihr Verhalten wirkte viel natürlicher als das ihrer Schwester.

»Willkommen bei uns«, grüßte sie freundlich, »und bitte nenn mich Sophia!«

Margaretha freute sich über dieses Angebot, denn schließlich war Sophia vier Jahre älter als sie.

»Danke«, erwiderte sie, »und ich bin Margaretha.« Beide sahen sich an. Margaretha hatte das sichere Gefühl, eine Freundin gefunden zu haben.

Die beiden jungen Herren kamen nun näher, und Sophia stellte einen von ihnen als ihren Verlobten Julius von Chenkow und den anderen als Friedrich von Lekowsky, einen Freund der Familie, vor. Beide sahen sie sehr freundlich an, aber, wie Margaretha mißtrauisch fand, auch ein wenig mitleidig.

»Ich möchte mich ausruhen«, verkündete die Baronin. »Ludwig, komm bitte mit!« Ihr Mann folgte ihr ohne Zögern.

Sie wollen über mich sprechen, dachte Margaretha, und fand diese Vorstellung höchst unbehaglich. Sie stand etwas verloren herum, denn Richard hatte soeben Julius und Friedrich gefragt, ob sie mit ihm zur Begrüßung ein Glas Wein trinken wollten, und alle drei gingen ins Haus. Auch Marie verschwand. Doch da legte sich eine Hand auf Margarethas Schulter.

»Möchtest du mit mir hinaufkommen?« fragte Sophia. »Richard hat mir erzählt, daß du in meinem Zimmer wohnst. Du kannst mir beim Auspacken helfen!«

»Ich werde natürlich jetzt in ein anderes Zimmer umziehen«, bot Margaretha höflich an. Doch Sophia wollte davon nichts wissen.

»Nein, wir bringen ein zweites Bett hinüber und schlafen zusammen«, sagte sie, »es wird schön sein, mit einem vernünftigen Menschen über alles mögliche plaudern zu können. Mit Marie kann ich es nicht. Sie ist eine alberne Gans!«

Margaretha fand es erstaunlich, wie offen Sophia über ihre Schwester sprach, aber ihr fiel ein, daß sie für ihre Unverblümtheit bekannt sein sollte. Sie folgte ihr ins Haus. Im Gang konnte sie aus einem Zimmer die laute Stimme des Barons vernehmen. Er sprach Tschechisch und schien sehr wütend zu sein. Margaretha konnte kein Wort verstehen, aber sie war sicher, daß es um sie ging.

Oben im Zimmer standen schon Sophias Koffer, die Jaroslaw heraufgetragen hatte. Sie waren im ganzen Raum verteilt, worüber Sophia den Kopf schüttelte.

»Jaroslaw ist das unpraktischste Wesen der Welt«, sagte sie, »ich muß feststellen, du hast dich hier nicht sehr ausgebreitet!« Sie öffnete einen Wandschrank.

»Wo sind deine Kleider?« fragte sie erstaunt.

»Ich habe außer diesem nur noch eins. In dem Kloster, in dem ich lebte, durften wir nicht viel besitzen.«

»Nein? Nun, in den Schränken hier hängen noch ein paar alte Kleider von mir, die kannst du gerne haben. Sie sind nicht unmodern, sie sind mir nur zu eng geworden. Du bist dünner als ich.«

Sophia begann rasch auszupacken. Sie besaß wunderschöne Kleider aus Samt und Seide und kostbaren Schmuck. Sie ging mit diesen Sachen fast ein wenig nachlässig um, wie ein Mensch, der an Reichtum gewöhnt ist.

»Ich konnte keine Zofe mitbringen«, erklärte sie, »es war kein Platz in der Kutsche. Und ehe ich mich an Lioba wende …«

»Magst du sie nicht?« fragte Margaretha hoffnungsvoll. Sophia gab einen Laut des Abscheus von sich.

»Altes, intrigantes Weib«, sagte sie, »niederträchtig und voller Neid! Ich hasse sie.«

»Ich mag sie auch nicht. Von Anfang an ist sie mir feindselig begegnet.«

»Das wundert mich nicht. Wahrscheinlich ist sie eifersüchtig wegen Richard.«

»Wegen Richard?«

»Sie liebt ihn. Mehr als nur mütterlich, mehr als ein Kind, das sie großgezogen hat. Das allein könnte zwar auch schon zu Uneinigkeiten führen, aber Lioba liebt Richard wie eine Frau einen Mann liebt.«

»Ist so etwas möglich?« fragte Margaretha entsetzt. »Sie ist fast dreimal so alt wie er!«

Sophia zuckte mit den Schultern.

»Offenbar ist es möglich. In diesem Fall zumindest ist es so. Und keineswegs ungefährlich. Alte Frauen, die sich verlieben und deren Liebe nicht erwidert wird, sind unberechenbar.«

»Ich werde wohl noch mehr Schwierigkeiten mit ihr bekommen«, sagte Margaretha, »wenn Richard und ich erst verheiratet sind.«

Sophia, die gerade in einer Tasche gewühlt hatte, richtete sich auf und starrte Margaretha an. Irritiert blickte diese zurück.

»Was ist denn?« fragte sie unwillig. »Habe ich etwas Falsches gesagt?«

»Liebes Kind, glaubst du denn wirklich, daß er dich heiraten wird?«

»Natürlich … natürlich glaube ich das!«

Sophia seufzte.

»Meine Mutter«, sagte sie langsam, »wird es niemals zulassen.«

»Deine Mutter ist eine sehr gütige Frau, und sie mag mich. Sie hat mich angelächelt, als sei ich bereits ihre Schwiegertochter!«

»O ja, das berühmte Lächeln der Baronin Tscharnini. Ganz Prag kennt und bewundert es. Aber ich sage dir, Margaretha, sie würde es auch ihrem ärgsten Feind schenken, ihn umarmen und ihm dabei einen Dolch in den Rücken bohren!«

»Nein, das glaube ich nicht!«

»Ich kenne meine Mutter besser als du.«

»Nun gut. Aber selbst, wenn sie und der Baron ihre Zustimmung verweigern, werden wir dennoch heiraten.«

»Hat Richard das gesagt?«

Margaretha nickte heftig. Sie bekam Angst vor dem nachdenklichen Ausdruck in Sophias Augen.

»Du bist ihm gefolgt, weil du fest geglaubt hast, er werde dich heiraten?« fragte Sophia. Margaretha blickte sie zornig an.

»Ja«, rief sie, »ja, deshalb bin ich ihm gefolgt! Und du redest, als zweifeltest du an Richards Wort!«

Sophia setzte sich auf ihr Bett und streckte die Hände aus.

»Komm her zu mir«, hat sie.

Margaretha rührte sich nicht.

»Erst möchte ich wissen, warum du so merkwürdige Dinge erzählst«, verlangte sie.

»Ich will es dir ja erklären. Sag mir, liebst du Richard wirklich?«

»Ja! Ich liebe ihn. Ich liebe ihn mehr als alles auf der Welt. Alles was ich hatte, habe ich für ihn aufgegeben, weil er mir mehr bedeutet, als mein ganzes bisheriges Leben. Es war ein entsetzlich schwerer Abschied für mich, aber der Gedanke, für immer bei ihm zu sein, hat alles aufgewogen!«

Sophia stand langsam wieder auf.

»Ach, Margaretha«, sagte sie, »ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, wie das Mädchen wohl sein mag, das meinem Bruder so weit gefolgt ist. Ich glaubte, du seiest eine Abenteurerin, die einfach die erste Gelegenheit wahrgenommen hat, um sich dem Zugriff ihrer Familie zu entziehen. Aber nun sehe ich … du liebst ihn ja wirklich.«

Margaretha antwortete nicht.

»Du liebst ihn«, fuhr Sophia fort, »aber du weißt ja gar nicht, wie viele Mädchen sich schon in Richard verliebt haben. Und wie vielen er schon den Hof gemacht hat.«

»Diesmal ist es anders!«

»Margaretha, ich bin bekannt dafür, daß ich mich nie scheue, die Wahrheit zu sagen, aber diesmal fällt es mir schwer. Ich mag dich sehr gern, ich finde, daß du mutig bist und stark. Aber Richard wird dich niemals heiraten, niemals! Ich kann dir bei Gott schwören, daß er es nicht tun wird!«

In Margaretha stieg eine leise Angst auf. Ihr Vertrauen zu Richard war so stark, daß sie keinem anderen Glauben geschenkt hätte, aber Sophia blickte sie so ruhig und sicher an, daß sie schwankend wurde. Doch sie versuchte, nichts von ihren Gedanken preiszugeben. Hochmütig sah sie die andere an.

»Vielleicht sprichst du von Dingen, die du nicht verstehst«, sagte sie. »Ich habe erlebt, wie Richard sich mir gegenüber verhält, und ich weiß, daß er mich liebt!«

»Nun, das glaube ich dir«, erwiderte Sophia, »Richard verliebt sich schnell, und er liebt mit ganzem Herzen. Aber immer und zuallererst wird er an sein eigenes Wohl denken. Er wird nicht — nicht für dich und für niemanden sonst — sein Erbe ausschlagen. Und das müßte er tun, wollte er dich heiraten. Du stammst aus einer guten Familie, doch du kommst aus Bayern und bist katholisch, und es würde nicht einmal reichen, wenn du die Konfession wechseltest. Für meine Eltern bist du kein makelloses Mädchen, hingegen haben sie in Prag genügend Auswahl!«

Margaretha stiegen die Tränen in die Augen.

»Wie kannst du es wagen, so zu reden?« rief sie. »Kannst du dir nicht…«

»Sei bitte nicht so laut!«

»Kannst du dir nicht vorstellen, daß Richard, wenn er wirklich nur an sich denkt, mich vielleicht für das Wichtigste und Begehrenswerteste in seinem Leben ansicht? Daß er alles andere nicht mehr braucht und sich über die Wünsche der Familie hinwegsetzt?«

»Warum sollte er das? Du bist jung und schön, aber überschätze das nicht! Es gibt viele schöne junge Mädchen. Soviel Ärger wird er sich für dich nicht aufladen!«

Dies war absichtlich erbarmungslos gesagt und es war mehr, als Margaretha im Augenblick vertragen konnte. Sie entgegnete nichts mehr, sondern verließ nur, so schnell sie konnte, den Raum. Draußen stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Sie fühlte sich verwirrt, und Angst überfiel sie. Wenn Sophia recht hatte, dann bedeutete es für Margaretha das Ende. Denn wo, um Gottes willen, sollte sie denn hingehen? Sie konnte niemals in ihre Heimat zurückkehren; nicht als ein Mädchen, das mit einem Mann fortgegangen und dann von ihm abgewiesen worden war. Doch sie kannte auch keinen Menschen in Prag. Bei dem Gedanken an die Ausweglosigkeit ihrer Lage rannen ihre Tränen wie Sturzbäche. Sie weinte und weinte, bis ihr undeutlich in den Sinn kam, wie ungünstig es wäre, wenn jemand sie so sähe. Sie mußte hinaus in den Park und sich beruhigen. Rasch lief sie die Treppe hinunter. Ohne ein Familienmitglied zu treffen, gelangte sie ins Freie. Es war sehr warm, die helle Sonne und der blaue Himmel trösteten Margaretha ein wenig. Der Park sah so freundlich aus, einladend und schattig. Margaretha drängte sich durch dichte Büsche in das unwegsame Dickicht. Sie lief schnell, blieb manchmal mit ihrem Kleid hängen, eilte aber unbeirrt weiter. Sie wollte unbedingt allein sein. Die letzten Minuten mit Sophia kamen ihr gespenstisch vor. Aber hier draußen wuchs ihre Zuversicht bereits wieder. Sie hatte bis jetzt fest an Richard geglaubt, und als sie sich all die Momente ins Gedächtnis rief, in denen er vor ihr gestanden und sie so zärtlich angesehen hatte, da lächelte sie über ihre Zweifel. Sie kannte diese fremde junge Frau nicht länger als eine halbe Stunde, doch sie wäre beinahe bereit gewesen, ihren düsteren Worten Glauben zu schenken. Was wußte sie schon, was gab ihr das Recht zu solchen Behauptungen? Wie dumm, daß sie Richards Schwester so lange zugehört hatte!

Margaretha blieb stehen. Sie war am Ende des Parks angelangt und stand vor einer steinernen, verfallenen Mauer. An einer Stelle war sie so niedrig, daß sich Margaretha leicht hinaufschwingen konnte. Hinter der Mauer sah sie auf eine kleine Lichtung, die die Sonne ungehindert bescheinen konnte. Von irgendwoher klang das Plätschern eines Bachs, direkt über ihr im Baum sang laut ein Vogel. Margaretha beschloß, sich diesen Ort zu merken und auch Richard einmal hierherzuführen. Wie schön mußte es sein, mit ihm auf dieser Mauer zu sitzen.

Sie war so in Gedanken versunken, daß sie vor Schreck leise aufschrie, als ein Ast knackte und ein Mann aus dem Wald trat. Es war Friedrich von Lekowsky, der die Familie gemeinsam mit Sophias Verlobtem begleitet hatte.

»Oh, verzeihen Sie«, sagte Margaretha, »ich wollte nicht schreien. Ich habe niemanden hier vermutet!«

»Es tut mir leid«, meinte Friedrich gleichzeitig, »ich hatte nicht die Absicht, Sie zu erschrecken.« Sie lachten beide, weil ihre Entschuldigungen im Chor so merkwürdig geklungen hatten.

»Kommen Sie oft hierher?« fragte Friedrich.

»Nein, das ist das erste Mal. Ich habe den Platz gerade erst entdeckt.«

»Ich kenne ihn schon länger. Wissen Sie, ich habe schon oft etliche Wochen als Gast im Schloß verbracht.«

Margaretha wies neben sich auf die Mauer.

»Setzen Sie sich doch«, hat sie. Friedrich dankte und nahm neben ihr Platz. Margaretha betrachtete ihn unauffällig. Er war so groß wie Richard, hatte blonde Haare und schöne grüne Augen. Er sah gut aus, doch ein wenig zu weich und zu verträumt, um wirklich reizvoll zu sein. Er war ein Mann, von dem sich Margaretha vorstellen konnte, daß er heimlich Gedichte schrieb und mit glühendem Herzen unerreichbare, verheiratete Frauen anbetete.

Er hatte sie offenbar auch genau angesehen, denn er sagte verlegen: »Ich möchte nicht aufdringlich sein — aber mir scheint, Sie haben geweint!«

Margaretha fuhr sich rasch über die Augen.

»Ich hatte einen kleinen Streit«, erklärte sie. Friedrich nickte verständnisvoll.

»Eine schwierige Familie«, sagte er.

»Kennen Sie sie schon lange?« fragte Margaretha.

»O ja. Ich bin seit meiner Kindheit mit Richard befreundet. In unserer Jugend waren wir fast immer zusammen.«

»Ich kenne Richard erst seit einem Jahr. Er war plötzlich da und mein ganzes Leben veränderte sich.«

»Ja, er ist so ein Mensch. Er tritt auf, und alle Herzen fliegen ihm zu. Schon immer …« Friedrich brach ab und schwieg. Margaretha erriet, was er hatte sagen wollen.

»Es haben sich schon viele Mädchen in ihn verliebt«, vollendete sie.

»Nun ja … aber es war wohl nie so ernst.«

»Natürlich nicht. Denn mich will er ja heiraten!«

Friedrich hörte deutlich den trotzigen Ton in ihrer Stimme.

»Natürlich ist es diesmal anders«, sagte er, »und ich bin froh darüber. Seien Sie mir nicht böse, aber Sie passen gut in diese auffällige Familie. Sie …sind sehr schön. Ich habe noch niemals so herrliches blondes Haar gesehen.«

Margaretha lachte. Diese Situation war sehr ungewohnt für sie, und sie überlegte kurz, was wohl die Schwestern in St. Benedicta dazu sagen würden. Sie saß hier mit einem fremden Mann in Park, und er machte ihr herrliche Komplimente. Wie so oft in der letzten Zeit wünschte sie Angela herbei, um ihr alles erzählen zu können, um wie früher mit ihr zu plaudern und sie auch um Rat zu fragen. Gerade jetzt, in dieser Unsicherheit, hätte sie ihre Freundin so dringend gebraucht.

»Sie sehen sehr nachdenklich aus«, sagte Friedrich, »ich hoffe, Sie haben keine Sorgen?«

»Aber nein«, versicherte Margaretha, doch sie wußte, daß er ihr nicht glaubte. Er hatte ihre verweinten Augen gesehen und war ein Mensch, der in seiner Empfindsamkeit bestimmt spürte, was in anderen vorging.

»Wissen Sie«, fuhr er nun fort, »wenn irgend etwas nicht so geschieht, wie Sie es sich vorgestellt haben, dann kommen Sie nach Prag, und fragen Sie nach Luzia von Lekowsky. Sie ist meine Schwester. Sie wird Sie immer gern für einige Zeit bei sich aufnehmen.«

Margaretha rutschte schnell von der Mauer.

»Danke schön«, entgegnete sie, »das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich muß nun ins Schloß zurück.«

Sie drehte sich um und bemühte sich, ruhig und selbstsicher durch das Gebüsch davonzuschreiten. In ihr mischten sich Ärger und Angst mit einem Gefühl der Demütigung. Denn bereits zum zweitenmal an diesem Tag hatte sie mit einem fremden Menschen über Richard gesprochen, und in Sophias kühlen wie in Friedrichs sanften Augen hatte sie dasselbe unverhohlene Mitleid gelesen.

___________

Die nächsten Tage empfand Margaretha als seltsam, weil alle sich benahmen wie eine Familie, die gemeinsam mit einigen Gästen geruhsame Ferien auf einem Landschloß verbringt. Offenbar dachte keiner darüber nach, weshalb Richard seine Eltern hierhergebeten hatte und wie grausam quälend diese Zeit für Margaretha sein mußte. Caroline behandelte sie freundlich und zuvorkommend wie einen Gast, ging ihr aber nach Möglichkeit aus dem Weg und ließ sich selten blicken. Auch Ludwig blieb meist verborgen, er nahm sogar die Mahlzeiten getrennt von der Familie ein. Die jungen Leute hingegen verbrachten die Tage gemeinsam. Das Wetter war so bezaubernd schön, daß sie von morgens bis abends draußen blieben, im Park oder in den umliegenden Wäldern. Sie ritten aus, gingen spazieren oder saßen auf der Wiese vor dem Schloß und unterhielten sich. Für Margaretha bedeutete das ein ganz neues Erlebnis. Sie hatte bisher ihre Freizeit nur mit Mädchen verbracht, und wenn das auch lustig war, so wurde es nun durch die drei jungen Männer noch weitaus vergnüglicher. Sie selbst war natürlich meistens mit Richard zusammen, ebenso wie Sophia mit Julius. Friedrich hatte sich Marie angeschlossen, die sich ebenso launisch und trotzig benahm wie am ersten Tag und von Margaretha überhaupt nicht beachtet wurde. Ansonsten aber verstanden sich alle wunderbar. Hätte Margaretha nicht ständig eine beklemmende Angst um ihre Zukunft gespürt, sie hätte diese Zeit von ganzem Herzen genossen. Einmal spielten sie Verstecken, und sie und Richard wollten sich gemeinsam einen Platz suchen. Als sie allein, Hand in Hand, durch den Wald liefen, da faßte sie Mut und fragte: »Hast du schon mit deinem Vater über unsere Heirat gesprochen?«

Richard blieb stehen.

»Aber ja, Liebling«, sagte er, »ich habe alles erzählt, schon damals, als ich meine Familie abholte.«

»Und was sagen sie nun? Unterstützen sie uns? Sind sie einverstanden, daß wir heiraten?«

»Sie haben noch nichts entschieden. Aber mach dir keine Sorgen Ich glaube, daß sie dich mögen.«

»Ich mache mir aber Sorgen! Keiner sagt mir, was geschehen wird!«

Margaretha sah plötzlich zornig aus.

Richard seufzte.

»Laß uns jetzt nicht streiten«, bat er, »ich verstehe, daß diese Situation für dich unangenehm ist. Ich werde morgen mit meinem Vater sprechen.«

»Kann ich dabei sein?«

»Nein, es ist vielleicht besser, ich rede allein mit ihm. Aber ich komme dann sofort zu dir!«

Margaretha war beruhigt. Das Gespräch, wie immer es verlaufen mochte, würde sie endlich aus der schrecklichen Ungewißheit befreien. Abends, als sie in ihrem Bett lag, in die Dunkelheit starrte und den Atemzügen der schlafenden Sophia lauschte, wurde ihr deutlich, wie viel ihr daran lag, von Baron Tscharnini ehrenvoll in seine Familie aufgenommen zu werden. Sie hatte sich in der vergangenen Woche gegen jeden im Haus von ihrer liebenswürdigsten Seite gezeigt, war aufmerksam, höflich und strahlender Laune gewesen. In den reizenden, bunten Kleidern Sophias und mit deren Schmuck, mit Perlen, Armbändern und Ringen, mußte sie hübsch ausgesehen haben. Friedrich hatte ihr dies ein ums andere Mal durch seine Komplimente bestätigt. Warum sollte irgend jemand etwas gegen sie einzuwenden haben? Am nächsten Morgen war sie sehr zuversichtlich und blieb es auch den ganzen Vormittag über. Sie ging mit Sophia im Park spazieren, sie plauderten und tratschten über einige vornehme Familien in Prag, von denen Sophia atemberaubende Skandalgeschichten zu berichten wußte. Ohne daß eine von ihnen es ausgesprochen hatte, herrschte zwischen ihnen die Übereinkunft, das heikle Thema in ihren Unterhaltungen auszusparen. Gegen Mittag, als sie zum Schloß zurückkehrten, sah Margaretha auf einer Bank Friedrich, Julius und Marie sitzen. Richard war nicht bei ihnen.

»Wissen Sie, wo Richard ist?« fragte sie so beiläufig wie nur möglich.

»Ich glaube, er hat eine wichtige Unterredung mit Vater«, erwiderte Marie. Ihr kleines, spitzes Gesicht funkelte vor Boshaftigkeit. Sie wußte offenbar genau, worum es in dieser Unterredung ging, und die anderen wußten es auch. Sie blickten verlegen drein und schienen nicht recht zu wissen, was sie sagen sollten. Margaretha fand diese Situation unerträglich.

»Ich gehe hinauf«, sagte sie ruhig, wandte sich um und verschwand im Haus. Sie war entschlossen, in das schöne, friedliche Zimmer zu gehen, die Tür hinter sich zu schließen und das Schicksal walten zu lassen. Doch als sie durch den Gang lief, hörte sie, genau wie damals am Ankunftstag der Familie, erregte Stimmen. Diesmal nicht in unverständlichen, fremden Lauten, sondern auf deutsch. Margaretha hatte nicht vorgehabt zu lauschen, im Gegenteil, nichts schien ihr im Augenblick so widerlich. Doch nun, als sie hier stand, im dämmrigen Halbdunkel des steinernen Gangs, da war es ihr unmöglich, ihre Beine zu bewegen. Wie von einer unheimlichen Macht gebannt, blieb sie stehen, atemlos, eine Wange an die kühle Wand gedrückt und die feuchten Hände wie zum Gebet gefaltet. Deutlich, ganz deutlich, erkannte Sie die Sprechenden.

»Welch eine kindische, unüberlegte Tat war das«, sagte soeben Caroline. Ihre Stimme klang noch immer sanft, doch ihre scharfen Worte verrieten ihre Unduldsamkeit. Von Ludwig war ein zustimmendes Brummen zu vernehmen.

»Mein Handeln schien mir in jenem Moment nicht unüberlegt«, entgegnete Richard, »ich habe mich sehr in Margaretha verliebt und wollte sie heiraten.«

»Ah, Und das wolltest du nach den acht Monaten eurer Trennung noch immer?«

»Ja, Mutter, noch immer. Was Ihnen beweisen sollte, daß ich lange über alles nachgedacht hatte, bevor ich sie mitnahm. Was ich für Margaretha empfand, war mehr als eine kurze, flatterhafte Verliebtheit!«

»Es war Unsinn!« Carolines Stimme wurde nun schrill, und offenbar wandte sie sich an ihren Mann.

»Sag doch bitte auch etwas, Ludwig!«

»Ich habe alles gesagt. Meine Einwilligung bekommen die beiden nicht. Niemals!«

»Sag Richard, daß er sie auch ohne unsere Einwilligung nicht heiraten darf!«

Richard lachte leise und bitter.

»Deine Mutter hat recht!« fuhr ihn sein Vater an. »Gehst du diese Ehe gegen unseren Willen ein, dann wirst du das Familienerbe nicht antreten. Dafür werde ich sorgen!«

»Finden Sie das richtig, Vater?«

»Du wirst es mir überlassen müssen, was ich für richtig halte!«

»Nun«, das war wieder Caroline, »wärest du bereit, diesen Verzicht auf dich zu nehmen und in Armut zu leben?«

Margaretha preßte ihre nassen Handflächen gegen die Wand. Sie sah deutlich vor sich, wie Richard jetzt den Kopf hochreckte, seine schwarzen Haare zurückwarf und herausfordernd seine Absage an alle irdischen Güter verkünden würde. Sie lauschte, aber es dauerte lange, bis Richard etwas erwiderte. Schließlich sagte er:

»Ich habe ihr geschworen, ich nähme das alles auf mich.«

»Ich weiß«, erwiderte Caroline, »und ich finde, daß du wie ein Schuft gehandelt hast. Denn wenn du nun ganz ehrlich darüber nachdenkst: Warst du jemals ernsthaft entschlossen, alles für diese Liebe zu opfern?«

Margaretha fühlte, wie ihr schwindlig wurde. Es war ihr, als zöge die Angst alles Blut aus ihrem Kopf. Ein einziger Gedanke hämmerte in ihr schmerzhaft und drängend: ja, ja, natürlich war er ernsthaft entschlossen. Natürlich, und er ist auch jetzt ernsthaft entschlossen, also fragen Sie nicht so dumm, Frau Baronin, er ist es, und er war es immer …

»Nun, hattest du jemals vor, für Margaretha notfalls auf dein Erbe zu verzichten?« fragte Caroline.

»Ich glaube nicht«, erwiderte Richard nach einer Weile, »nein, dazu war ich wohl nicht wirklich entschlossen. Ich hoffte …«

»Ja, du hofftest. Du hoffst immer und denkst und glaubst aber du triffst nie eine wirklich durchdachte Entscheidung. Du hast das Mädchen mitgenommen, im Überschwang deiner bekanntlich oft unsteten Gefühle, und du hast damit vermutlich ihr Leben zerstört. Doch das ist dir gleichgültig!«

»Wenn ihr Leben zerstört würde, so nicht durch meine Schuld. Wenn Sie nachgäben, Mutter …«

»Du weißt, daß ich das nicht kann.«

»Was haben Sie gegen Margaretha einzuwenden? Sie ist schön und vornehm, sie stammt aus einer guten Familie. Sie wäre unseres Namens würdig!«

»Ja, sie ist ein reizendes Mädchen, und sie verfügt über ausgezeichnete Manieren. Aber sie ist katholisch und stammt aus Bayern. Und ich dulde keinen, verstehst du, keinen einzigen Makel auf dem Namen unserer Familie!«

Caroline schien das Gespräch für beendet anzusehen, denn Schritte näherten sich und die Tür wurde aufgerissen. Margaretha konnte gerade noch um die Ecke huschen und mit weichen Knien auf eine Treppenstufe sinken. Caroline war im Türrahmen stehengeblieben.

»Du kannst gehen«, sagte sie, »und ihr mitteilen, daß euer Plan undurchführbar ist und sie ihn vergessen muß.«

»Ich weiß nicht, wie ich ihr das sagen soll«, meinte Richard.

Seine Stimme verriet tiefstes Unbehagen. »Wo soll sie denn hingehen?«

»Sie darf einige Zeit hier im Schloß bleiben, bis sie meint, daß sie nach Hause zurückkehren kann.«

»Oh, Mutter, Sie wissen, daß sie nach allem, was geschehen ist, nicht zu ihrer Familie zurück kann.«

»Das kann nicht unsere Sorge sein.« Caroline schien die Tür wieder geschlossen zu haben, denn die Stimmen klangen erneut gedämpft.

»Du mußt es ihr aber sagen«, wiederholte sie energisch.

»Nicht sofort. Ich sage es ihr heute noch, aber nicht jetzt«, kam Richards unglückliche Antwort. Der Baron brummte wieder irgend etwas, aber Margaretha hörte nicht länger zu. Sie erhob sich langsam, und nun war es ihr, als ströme all ihr Blut nun wieder in den Kopf zurück. Das ganze Haus schien zu schwanken, und ihr Verstand weigerte sich, das Gehörte zu begreifen. Richard hatte sie verraten. Er hatte sie niemals wirklich geliebt. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Angen, und sie glaubte, zusammenzubrechen unter dem entsetzlichen Schmerz, der ihr fast körperlich weh tat. Doch gleichzeitig stieg eine grenzenlose, wahnsinnige Wut in ihr auf, ein Haß, dessen Heftigkeit Margaretha erschrecken ließ. Sie sah Richard vor sich, seine eindringlichen dunklen Augen, sie hörte seine sanfte, lockende Stimme, und sie hatte wieder jenen Septemberabend in Erinnerung, da er sie auf dem düsteren Waldweg küßte und zum Mittelpunkt ihres Lebens wurde. Sie hatte an seinen Lippen gehangen, all seinen Versprechungen geglaubt und war ihm schließlich hierher gefolgt. Erinnerungen an die Reise tauchten auf und an die düsteren Wirtshäuser, an seine Zärtlichkeiten und sein Drängen. O Gott, wenn sie daran dachte, daß sie beinahe … Das wenigstens hatte er nicht bekommen, aber sonst alles, was er nur wollte. Ohne Zögern hatte sie für ihn zurückgelassen, was ihr wichtig war. Wieder brach der Zorn über sie herein, wie ein unaufhaltsamer, reißender Strom. Sie raffte ihre Röcke und war in ihrem besinnungslosen Kummer bereit, in das Zimmer zu stürzen und Richard anzufallen, wie eine bis aufs Blut gereizte Katze. Er sollte spüren, was er ihr angetan hatte! Doch gerade da hörte sie Schritte, und Julius und Friedrich tauchten neben ihr auf. Julius lachte.

»Margaretha, Sie werden nicht glauben …« begann er, doch er brach ab, als er ihr Gesicht sah. Mit wirrem Blick und bebenden Lippen starrte sie die beiden Männer an, die entsetzt einen Schritt zurücktraten. Niemals zuvor hatten sie eine Frau erlebt, die so völlig verstört und dabei gefährlich zornig war.

»Ist etwas geschehen?« fragte Friedrich hilflos. Margaretha versuchte tief durchzuatmen.

»Nein«, erwiderte sie, »es ist alles in Ordnung.« Sie wandte sich ab.

»Margaretha, Sie sehen… sehr seltsam aus«, sagte Julius beschwörend, »sind Sie sicher, daß alles …«

»Nein, wirklich, machen Sie sich keine Sorgen.« Margaretha lächelte schwach. Sie konnte nicht mehr sagen, da sie ihre ganze Kraft aufbieten mußte, um nicht die Besinnung zu verlieren. Sie hörte Friedrich noch irgend etwas sagen, während sie mit zitternden Knien die Treppe hinaufhastete.

8

Glücklicherweise war das Zimmer, das Margaretha mit Sophia teilte, leer. Mit keinem Menschen hätte sie jetzt über das Geschehene sprechen können, ebensowenig wäre sie fähig gewesen, jemandem vorzuspielen, es sei alles in Ordnung. Noch immer fühlte sie sich wie betäubt, als sie auf das breite, weiche Bett sank. Der Schmerz überwältigte sie fast; die rasende, aufbegehrende Verzweiflung einer enttäuschteh Liebe. Margaretha barg ihr Gesicht im Kopfkissen, und die bislang noch mühsam zurückgehaltenen Tränen stürzten hervor. Ihr Körper bebte vor Schluchzen und durch das Kissen drangen qualvolle, gedämpfte Jammerlaute. Nie, niemals, das wußte sie, konnte sie je einen Mann so lieben wie Richard. Niemals würde sie ihn vergessen. Denn sie liebte ihn wie am ersten Tag, da sie ihn getroffen hatte, und alles Leid, das er ihr antat, konnte das nicht ändern. Sie begriff selbst nicht, als sie dort lag und weinte, wie sie einen solchen Haß und zugleich eine so heiße, wilde Liebe empfinden konnte. Warum nur, warum hatte er sie verraten und im Stich gelassen? Wie konnte etwas, das sie für Liebe hielt, bei ihm nur ein leicht zu erschütterndes Gefühl sein? In keinem Moment hatte er wirklich vorgehabt, sie entgegen allen möglichen Schwierigkeiten zu heiraten, und dabei hatte er doch zugesehen, wie sie in blindem Vertrauen für dieses Ziel ihre ganze Vergangenheit hinter sich ließ. Nie wieder konnte sie nach Hause zurückkehren. Sie war bei Nacht fortgelaufen, hatte ihre Eltern und das Kloster in heller Aufregung zurückgelassen, und schon deswegen durfte sie es nicht wagen, ihnen jemals wieder unter die Augen zu treten. Sie hatte alle Ehrharkeit verloren. Alle Freunde und Bekannten der Familie würden sie meiden, nachdem sie mit einerh böhmischen Protestanten durchgebrannt war, und erst recht konnte kein Mann der höheren Gesellschaft es sich leisten, ein Mädchen mit ihrer Vergangenheit zur Frau zu nehmen.

»Er hat meine ganze Zukunft zerstört«, wimmerte sie leise und fühlte gleichzeitig, daß die Angst um ihr Schicksal nicht so schwer wog wie der Schmerz darüber, daß Richard sie getäuscht hatte. Sie richtete sich langsam auf. Die Tränen versiegten, denn sie hatte zu lange und zu heftig geweint, und Erschöpfung überfiel sie. Sie erhob sich und trat vor den Spiegel. Ihr Kleid, das eigentlich Sophia gehörte, war scheußlich zerknittert und ihre Haare zerzaust. Am schlimmsten aber sah das Gesicht aus, das ihr aus dem Rahmen entgegenblickte: eine weiße, verzerrte, fremde Maske mit verquollenen roten Augen.

Ich werde heute nicht zum Abendessen hinuntergehen können, dachte sie, aber das war völlig unsinnig, denn der Abend lag noch fern und nichts schien ihr gleichgültiger als das Essen. Sie trat ans Fenster und blickte in das tiefe Blau des Himmels. Die dichtbelaubten Bäume wiegten sich sanft im Licht des Sommernachmittags. Sie wurde ruhiger, der Kummer erfüllte ihren ganzen Körper, doch ihr Verstand arbeitete klarer. Richard würde kommen und mit ihr sprechen, und sie hoffte, sie würde in der Lage sein, ihm ohne Geschrei und Tränen zu sagen, daß sie ihn für einen zutiefst verachtenswerten Menschen hielt. In ihrer Trostlosigkeit könnte sie so wenigstens noch versuchen, ihren Stolz zu wahren und sich ihm nicht als zitterndes, weinendes Bündel zu zeigen.

Margaretha wußte nicht, wie lange sie hinausgesehen hatte, als sie plötzlich Richard erblickte, der aus dem Haus trat und den Hof überquerte. Ohne daß sie lange darüber nachdachte, überkam sie der Wunsch, die Unterredung mit ihm selbst herbeizuführen und nicht zu sitzen und zu warten, bis er sich die passenden Worte überlegt hatte. Schnell riß sie das Fenster auf und lehnte sich hinaus.

»Richard!« rief sie mit erstaunlich klarer Stimme. Er blieb stehen und sah sich suchend um.

»Hier oben bin ich!«

Endlich entdeckte er sie und winkte ihr zu. Margaretha winkte nicht zurück.

»Komm bitte hinauf!« bat sie.

»Warum denn?« fragte Richard zurück. Er wirkte nicht sehr begeistert.

»Ich möchte mit dir sprechen. Komm bitte gleich!«

Er sah ein, daß er sich fügen mußte, nickte und ging ins Haus.

Margaretha schloß das Fenster. Sie ordnete vor dem Spiegel ihre Haare, wobei sie bemerkte, daß ihr Gesicht nicht mehr so schlimm aussah, wenn auch jeder feststellen konnte, daß sie geweint hatte. Sie reckte die Schultern, stand kerzengerade mitten im Zimmer. Aber dann, als sie Schritte hörte und die Tür aufging, als Richard so elegant und lächelnd eintrat wie immer, da fühlte sie wieder den maßlosen Schmerz um ihren Verlust. Sie wußte, daß sie das Gespräch nicht durchstehen konnte, ohne zu weinen.

Richard schloß hastig die Tür hinter sich, als er Margaretha sah.

»Um Gottes willen«, sagte er erschrocken, »was ist denn geschehen? Du siehst ja fürchterlich aus.«

»Wirklich?«

»Ja. Was hast du? Du bist so merkwürdig.«

Margaretha gelang ein kleines, bitteres Lächeln.

»Du Argloser«, sagte sie, »kannst du dir gar nicht denken, was geschehen ist?«

Einen Moment lang blickte Richard verwirrt drein, dann dämmerte es ihm, und er wurde blaß.

»Du weißt alles«, vermutete er. Margaretha nickte. Richard machte ein paar Schritte auf sie zu.

»Bitte versteh …« Er brach ab. Er schien nicht zu wissen, wo er seine Hände lassen sollte, und bot ein trauriges Bild der Verlegenheit und Unsicherheit.

»Hast du gelauscht?« fragte er. Wieder erwiderte Margaretha nichts. Mit keinem einzigen Wort wollte sie ihm zur Hilfe kommen, auch fühlte sie sich ihrer Stimme nicht ganz sicher.

»Wenn du alles mit angehört hast«, fuhr Richard fort, »dann weißt du … dann mußt du doch wissen, wie entsetzlich schwer es für mich war und wie sehr …«

Abermals fand er keine Worte.

»Sag etwas, Margaretha«, bat er, und als sie schwieg, schrie er plötzlich: »Rede doch, so rede doch endlich!«

»Schrei mich nicht an!«

»Sei nicht so kalt und so furchtbar starr!«

»Oh, was hättest du denn lieber?« fragte Margaretha. »Daß ich dich anklage und du dich verteidigen kannst? Nein, nein, wir wollen die Rollen nicht vertauschen. Du bist der Angreifer und der Schuft in diesem jämmerlichen Spiel!« Sie war selbst erstaunt, wie klar ihre Stimme klang, eiskalt und spröde.

»Es war nicht richtig von dir zu lauschen«, meinte Richard schließlich schwach.

»Findest du, daß du noch das Recht für dich beanspruchen kannst, über das Verhalten anderer Menschen zu urteilen?«

»Du bist seltsam … deine Worte sind so kalt und so gefühllos.«

Margaretha strich sich mit der Hand über die Stirn. In ihren Schläfen pochte es. Merkst du nicht, dachte sie, daß sich hinter meiner Kälte rasende Verzweiflung verbirgt und daß ich ohne diesen eisigen Schutzwall zusammenbräche. Ich werde es ohnehin nicht mehr lange durchstehen. Ich liebe dich, Richard, ich liebe dich, und ich möchte vor dir auf die Knie fallen und dich anflehen, mich nicht zu verlassen. So tief würde ich mich erniedrigen, wenn ich dich damit halten könnte.

»Warum antwortest du mir denn nicht?« fragte Richard. »Bist du so furchtbar böse auf mich, daß du Haß empfindest und sonst nichts mehr?«

»Ich weiß nicht. Ich will nur eins von dir hören: Ist es wahr, daß du nie ernsthaft vorhattest, mich gegen den Willen deiner Familie zu heiraten?«

»Ich war immer überzeugt, sie würden einwilligen!«

»Das ist keine Antwort. Ich habe dich gefragt, ob du nie bereit warst, für meine Liebe notfalls auf dein Erbe zu verzichten.«

»Du hast an der Tür gelauscht, du weißt doch alles.«

»Ich will es von dir hören. Du sollst es mir ins Gesicht sagen und mir dabei in die Augen sehen.«

Richard ging zum Fenster. Plötzlich wandte er sich wieder zu Margaretha um, und ein Rest von Stolz trieb ihn, diese unwürdige Situation zu beenden.

»Gut«, meinte er, »Ich gestehe es dir: Ich hatte niemals vor, dich zu heiraten, wenn mein Vater uns nicht seinen Segen gibt!«

»Dann erübrigt sich wohl meine zweite Frage«, entgegnete Margaretha und begann zu weinen. Angesichts Richards wiedergekehrter Stärke brach ihre eigene mühsam aufrechterhaltene Beherrschung zusammen.

»Welche Frage wolltest du mir noch stellen, Margaretha?«

»Ich wollte wissen«, vor Schluchzen fiel es ihr nun schon schwer zu reden, »ich wollte wissen, ob du mich liebst.«

»Zweifelst du daran?«

Margaretha blickte ihn ungläubig an.

»Mein Gott!« schrie sie. »Ja! Verdammt noch mal, ja! Ich zweifle an dir, wie ich bisher an keinem Menschen gezweifelt habe!«

»Margaretha«, Richard ergriff ihre Hand. »Margaretha, ich liebe dich! Ich liebe dich so sehr, aber ich kann dir nicht die Gunst meiner Familie opfern, ich kann das einfach nicht!«

Margaretha entriß ihm ihre Hand. Mit hochrotem Kopf fuhr sie ihn an: »Aber ich konnte das! Ich durfte das! Bei mir hast du ruhig zugesehen, wie ich alles, aber auch alles für dich aufgab! Du hast dich nicht géscheut, mir dieses Opfer abzuverlangen und dabei die ganze Zeit gewußt, daß eine Lüge mich dazu ff gebracht hat!«

»Ich wollte doch alles versuchen. Ich vertraute darauf, die Zustimmung meiner Familie notfalls zu erzwingen. Und ich werde weiter kämpfen. Ich werde immer wieder mit meinem Vater reden!«

»Du verstehst überhaupt nicht, worum es geht!« Margaretha atmete tief, um ihre Beherrschung wiederzufinden und sprechen zu können.

»Es geht darum«, sagte sie, »daß du mich betrogen hast. Ich nehme es dir nicht so sehr übel, daß du es nicht fertigbringst, auf deinen Besitz zu verzichten. Aber du hast die Grenzen deiner Treue von Anfang an gekannt, und du hättest mich darüber aufklären müssen. Ich hätte wohl geweint und mich für einige Tage im Kummer verzehrt, dich vielleicht sogar verachtet, aber ich wäre darüber hinweggekommen. Doch du warst zu schwach und hast lieber zugesehen, wie ich mein ganzes bisheriges Leben gutgläubig und hoffnungsfroh zurückließ, um dir zu folgen.«

»Weil ich dich liebe, konnte ich nichts sagen. Ich wollte unter allen Umständen, daß du hier bist, wenn ich mit meinem Vater spreche. Ich glaubte, dann könnte ich ihn zum Nachgeben bewegen. Verstehst du, das alles geschah nur, weil ich dich liebe!«

»Nein«, Margaretha schüttelte den Kopf, »du machst es dir zu leicht. Einen geliebten Menschen stürzt man nicht in ein solches Unglück, und ganz abgesehen davon! Wenn du mich liebtest, würden dir Geld und gesellschaftlicher Rang nicht mehr bedeuten als ich. Meinen Namen und meinen Ruf habe ich für dich aufs Spiel gesetzt, aber du wolltest nicht die Frau fürs Leben, sondern nur ein kurzes, amüsantes Abenteuer!«

»Du stellst mich als einen entsetzlichen Schuft hin«, entgegnete Richard wütend, »wenn ich so wäre und wirklich nur ein Abenteuer gewollt hätte …«

»Ach«, unterbrach Margaretha, »soll ich dir jetzt heißen Dank dafür aussprechen, daß du das vermieden hast, was die ganze Sache für dich vielleicht noch unangenehmer gemacht hätte? Daß du deine Verführungskünste nicht stärker eingesetzt hast, um mich noch vor unserer Hochzeit zu deiner Frau zu machen? Aber davor hat mich deine Angst beschützt, daß ich schwanger werden könnte. Mich dann sitzenzulassen hätte deinem Ruf doch zu sehr geschadet!«

»Nein, so habe ich nicht gedacht. Aber da wir bei diesem Punkt sind: So völlig gutgläubig kannst auch du nicht gewesen sein, daß alles klappt wie geplant, sonst hättest du dich bestimmt nicht so zurückhaltend gezeigt. Aber diesen letzten Trumpf wolltest du wohl behalten und hast dich mir nicht hingegeben, obwohl du es manches Mal gern getan hättest. Oder sollte ich mich da täuschen?«

»Wie gemein du doch bist«, flüsterte Margaretha, »wie niedrig und schlecht. Niemals, das schwöre ich, habe ich dir gegenüber berechnend gehandelt. Du hättest das nur gern, weil es deine eigene Feigheit und Hinterhältigkeit rechtfertigen würde!«

Sie verstand selber nicht, wie sie so giftig und bitter sprechen konnte, aber ihre Demütigung und ihr Zorn waren zu groß, um Gelassenheit bewahren zu können.

»Eines weiß ich mittlerweile«, fuhr sie atemlos fort, »der Körper und die Schönheit einer Frau sind es nicht, was Männer reizt und verlockt und womit man sie in der Hand hat!«

»Ach, wirklich?« erwiderte Richard böse. »Woher nimmst du nur all diese Erfahrungen?«

»Schau dich doch um oder schau in den Spiegel. Mehr als Schönheit, Liebe Und Glück begehrt ein Mann Geld und einen Titel, Ansehen und Macht! Allein dafür lebt ihr, darum führt ihr Kriege, mordet, streitet, tötet und vernichtet ihr. Über alles in der Welt stellt ihr die Macht …«

Wieder begann Margaretha zu weinen, und schluchzend schrie sie: »Eher überläßt du mich einem trostlosen, ungewissen Schicksal, riskierst mein Leben, als auf das zu verzichten, was dich zum einflußreichen Prager Edelmann macht!«

Sie fingerte nach ihrem Taschentuch, aber es gelang ihr nicht, die Tränenflut einzudämmen. Sie gönnte Richard dieses Schauspiel nicht, das ihn in seiner Überlegenheit noch bestärkte, doch sie schien mit ihrer Kraft am Ende zu sein. Die Ungewißheit und die Angst der vergangenen Tage hatten sie mehr geschwächt, als sie geglaubt hatte, und Schmerz übermannte sie. Margaretha bebte und zitterte, es war ihr jetzt gleichgültig, wie sie auf Richard wirkte. Plötzlich fühlte sie seine Arme um sich und spürte, wie er sie an sich zog. Die alte Vertrautheit überkam sie, sie sah wieder nur ihn, dem sie sich hingehen und bei dem sie alles vergessen durfte. Sie lehnte ihren schweren, schmerzenden Kopf an seine Schulter. Für einen Moment erlag sie der Versuchung zu glauben, es könnte sich alles noch zum Guten wenden und Richard werde dafür sorgen, daß ihr niemand mehr etwas antun könne.

»Sei ruhig«, murmelte er, »bitte, liebe kleine Margaretha, weine nicht, mein Liebling.« Er strich ihr sanft übers Haar. Sie wurde ruhiger, die Tränen verebbten langsam.

»Du bistjetzt ganz naß«, sagte sie. Er lächelte.

»Das ist nicht schlimm«, meinte er, »deine Tränen sind kostbar. Nur solltest du sie nicht meinetwegen vergießen!«

Sie blickte ihn voll Trostlosigkeit an.

»Weswegen sonst? Es ist alles zu Ende. Du wirst ein anderes Mädchen heiraten und mich vergessen, und ich werde … ja, ich weiß nicht, was ich tun werde. Wahrscheinlich gar nichts.«

»Sei nicht so verzweifelt. Wir können nicht heiraten, aber wir müssen uns nicht trennen. Siehst du, ich bin sehr reich, und ich kann für dich sorgen. Ich werde dir eine Wohnung in Prag mieten, und wir treffen uns dort, wann immer ich kann!«

Margaretha zuckte zurück. Ihre Augen wurden schmal.

»Als was sollte ich denn in dieser Wohnung leben?« fragte sie. »Als deine Geliebte, für die du dir hin und wieder Zeit nimmst, die geduldig darauf wartet, daß du sie heimlich besuchst?«

»Hör endlich auf mit diesen ungerechten Angriffen«, sagte Richard. Er schob Margaretha von sich.

»Ich kann nichts anderes tun«, meinte er, »wenn du mich unbedingt falsch verstehen willst …«

»O nein, ich verstehe dich ganz richtig«, erwiderte Margaretha. Durch ihre Verzweiflung hindurch hatte Richard ihren Stolz getroffen und verletzt, und obwohl sie in ihrer Liebe zu ihm zu allem bereit gewesen wäre, ließ ihr Verstand sie dieses Ansinnen ablehnen.

»Für diese Rolle bin ich mir zu schade«, sagte sie, »und ich kann so nicht leben. Ich möchte dich überhaupt nicht mehr wiedersehen. Ich werde selbst für mich sorgen. Ich werde unabhängig sein, von dir und von deiner Gnade!«

»Das ist doch keine Gnade«, Richards Stimme klang weich und bittend, »denn ich liebe dich und will dich nicht verlieren.«

»Du liebst mich nicht«, entgegnete Margaretha. Mit aller Macht mußte sie gegen den eigenen Wunsch ankämpfen, schwach zu werden.

»Geh jetzt«, hat sie, »geh und sei gewiß, daß unsere gemeinsame Zeit vorbei ist. Für immer!«

»Weißt du genau, was du sagst?«

»Ja.«

Richard schlug die Augen nieder.

»Ich wünschte, es wäre anders gekommen«, sagte er hilflos, »ich hab gehofft, es könnte …«

»Geh jetzt!« Margaretha wußte nicht, wie lange sie ihre Fassung noch bewahren konnte. Richard sah nur ihr versteinertes Gesicht. Er drehte sich um und verließ mit schnellen Schritten den Raum.

___________

Die nächsten Wochen waren entsetzlich. Margaretha hätte am liebsten alle Türen hinter sich zugeschlagen und keinen Menschen mehr angesehen, aber da sie gezwungen war, im Schloß zu bleiben, mußte sie für diese Gastfreundschaft sogar noch eine gewisse Dankbarkeit zeigen. Ihr größter Zorn galt der ewig lächelnden Caroline. Sie hätte sich abwenden mögen, wann immer sie ihr begegnete. Doch durfte sie das natürlich nicht tun, wenn sie gleichzeitig in deren Haus lebte. Sie mußte höflich bleiben, und das verstärkte noch die entsetzliche Demütigung. Die meiste Zeit hielt sie sich in Sophias Zimmer auf und stahl sich nur hin und wieder hinaus, um in der warmen Sonne spazierenzugehen. Sie erschien nur äußerst ungern zu den Mahlzeiten und sah daher dünn und ausgezehrt aus. Richards Gesellschaft mied sie völlig. Sah sie ihn irgendwo allein, so machte sie sich schnell aus dem Staub, und es gelang ihr, ihn nur dann zu treffen, wenn andere dabei waren. Am liebsten suchte sie die Nähe von Julius und Friedrich. Obwohl die jungen Männer wußten, was geschehen war, sprachen sie nicht davon, sondern zeigten nur stillschweigende Anteilnahme. Auch Sophia stand auf Margarethas Seite.

»Er ist ein selbstgefälliger, charakterschwacher Schuft«, sagte sie zornig am Abend jenes ereignisreichen Tages, als sie und Margaretha in ihren Betten lagen und aus Margarethas Kissen immer wieder ein unterdrücktes Schluchzen zu hören war, »er ist nur auf seinen Vorteil bedacht. Das Schlimmste ist, daß er von Kindheit an die Menschen mit seinem Charme und seiner Schönheit nachsichtig gestimmt hat. Sie haben ihm sein Verhalten niemals wirklich übelgenommen.«

»Ich verurteile ihn«, murmelte Margaretha und setzte heftiger hinzu: »Ich wünschte nur, er käme eines Tages zu mir und brauchte mich aus irgendeinem Grund. Ich würde ihm alles, alles heimzahlen!«

»Nun verzehre dich nicht in Rachegelüsten«, mahnte Sophia, »Haß ist ein ebenso starkes Gefühl wie Liebe. Erst wenn Richard dir gleichgültig ist, wenn du seinen Namen hörst und dabei nichts empfindest, dann bist du über alles hinweg.«

»Ich werde diese Kränkung nie verwinden.«

»Du mußt. Denn sosehr du auch weinst — es ist letztlich ein Glück, daß es so gekommen ist. Du bist hundertmal zu schade für meinen Bruder, das wußte ich gleich, als ich dich sah. Zu ihm gehört ein kleines, hübsches, dummes Ding und nicht ein Mädchen, das so klug und feinfühlig ist wie du!«

Sophias Worte klangen gut und vernünftig, aber sie konnten Margaretha nicht lange trösten. Viel zu heftig hatte sie sich verliebt, zu viele Hoffnungen hatte sie mit Richard verknüpft, als daß die Wunde rasch verheilt wäre.

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Ende Juni traf die Nachricht auf Schloß Tscharnini ein, daß der spanische Edelmann Spinola von seinem König mit einem Heer ausgestattet worden war sowie mit der Order, gegen die Pfalz zu ziehen und sie zu besetzen. Unter den Protestanten des Reiches herrschte schon lange die Angst vor Spanien, man munkelte von Bestechungsgeldern am kaiserlichen Hof, die Ferdinands wichtigste Berater in Abhängigkeit vom spanischen König hielten, und es hieß, daß dort keine Entscheidung ohne Befragung des spanischen Botschafters gefällt wurde. In der spanischen Politik besaß Spinola großen Einfluß, und er galt als fanatischer Katholik und Protestantenhasser. Wenn er nun auch noch einen Vorposten in der Pfalz bekam, konnte er der Union einige Schwierigkeiten bereiten.

»Die protestantischen Reichsfürsten sollten König Friedrich jetzt endlich beistehen«, meinte Julius zornig, »Spinola gewinnt zuviel Boden, und das werden sie später teuer bezahlen!«

Doch zeigten einige Fürsten immer noch Angst, sich einzumischen; andere, die selbst gern in Prag residieren würden oder die meinten, Friedrich habe als König von Böhmen und als pfälzischer Kurfürst ohnehin zuviel Macht, hielten sich aus Neid und Eifersucht von ihm fern.

Also trat niemand Spinola entgegen, und schließlich verbreitete sich auch noch das Gerücht, Herzog Maximilian von Bayern rüste seinerseits ein Heer, um gen Prag zu marschieren. Dieser Gedanke erzeugte bei Margaretha ein tiefes Unbehagen, denn sie empfand eine ganz unvernünftige Mitverantwortung für das, was ihr Herzog tat; die junge Bayerin fühlte sich, als habe sie den Böhmen persönlich den Krieg erklärt.

»Welch ein Unsinn«, sagte Sophia dazu kurz, aber Margaretha zuckte jedesmal zusammen, wenn Richard, Julius und Friedrich von der drohenden Kriegsgefahr sprachen.

»Wir werden diesem Maximilian natürlich entgegentreten«, meinte Julius lebhaft.

»Und ihn zurückschlagen«, ergänzte Friedrich mit leuchtenden Augen, »wir werden …« Doch er brach taktvoll ab, als er Margarethas gequälten Blick bemerkte.

Im übrigen schien es zweifelhaft, ob es König Friedrich gelingen würde, ein entschieden kämpfendes Heer hinter sich zu versammeln. Mit erschreckender Geschwindigkeit sank seine Beliebtheit bei der Bevölkerung, und in diesem Sommer verspielte er fast alle der ihm verbliebenen Sympathien.

Auf dem Schloß traf für einige Tage eine befreundete Familie der Tscharninis ein, die in Prag lebte, und sie berichtete empört über den Lebenswandel des jungen Herrschers.

»Obwohl die Staatskasse leer ist, werden im Prager Schloß Abend für Abend Scharen von Gästen empfangen, werden die erlesensten Speisen und teuersten Weine angeboten, brennen Hunderte von Kerzen, wird Musik gespielt, gelacht und getanzt. Ohne Christian von Anhalt wäre alles dort längst zusammengebrochen, denn der König kümmert sich um nichts. Er unterhält einen riesengroßen Hofstaat und schafft — Gott weiß woher — Juwelen und Geschmeide für die Königin herbei. Er scheut sich auch nicht, in der Öffentlichkeit Dinge zu tun, die … nun«, die Erzählerin senkte ihre Stimme und zischte: »Ich hörte, er habe kürzlich in der Moldau gebadet, ohne eine einzige Faser am Leib, und dies in Anwesenheit der Königin und ihrer Hoffdamen!«

Sophia lachte.

»Wäre ich nur dabeigewesen!« rief sie, was Caroline veranlaßte, ihre Tochter ungehalten anzufahren:

»Verlasse sofort das Zimmer und komme mir nicht wieder unter die Augen, bis sich‘dein Benehmen gebessert hat!«

Noch immer lachend, ging Sophia hinaus.

Doch nur wenige betrachteten die Handlungsweisen des Königs mit soviel Humor, und seine Lage wurde äußerst ernst und gefährlich.

Kurz daraufbestätigte sieh das Gerücht, daß Maximilian von Bayern den Oberbefehl für das bereits aufgestellte Heer dem Freiherrn von Tilly übertragen hatte.

»Ich werde nach Prag zurückkehren«, verkündete Ludwig. »Ich will den König der unbedingten Unterstützung unserer Familie versichern.«

»Selbstverständlich kommen wir mit«, entgegnete Caroline, »in diesen unsicheren Zeiten sollte sich eine Familie nicht trennen.«

Margaretha wurde elend bei diesen Worten, denn ihr war klar, daß sie nun bald eine Entscheidung treffen mußte. Sie konnte nicht ewig als geduldeter Gast im Schloß leben, schon gar nicht, wenn die Familie fort war. Ihr fiel ein, was Friedrich von seiner Schwester gesagt hatte, doch gefiel ihr diese Lösung wenig. Wieder würde sie sich fremden Menschen aufdrängen und zudem jemandem, der nichts mit all diesen Geschehnissen zu tun hatte. Die Tscharninis, dachte sie trotzig, haben wenigstens eine Verantwortung für mich, weil sie meine Lage verursacht haben!

Wenige Tage vor der Abreise der Familie erschien Caroline bei Margaretha. Sie trug ein schwarzes Kleid und weiße Perlen im Haar und war wieder ganz die liebenswürdige Dame, die Margaretha wie einen geschätzten Gast behandelte.

»Mein liebes Kind«, sagte sie lächelnd und legte ihre schlanke Hand mit den kostbaren Granatringen leicht auf Margarethas Arm. »Sie wissen, wie froh wir sind, Sie bei uns zu haben!«

»Danke, Frau Baronin«, erwiderte Margaretha und lächelte willenlos zurück. Sie mußte daran denken, was Sophia ihr gesagt hatte: Mit sanften Augen mordet sie ihre Gegner!

Caroline schritt langsam zum Fenster, die Schleppe ihres Kleids schleifte raschelnd hinter ihr her, und sie wirkte so vornehm, daß Margaretha kaum zu atmen wagte.

»Ich bin glücklich«, fuhr Caroline fort, »daß Ihnen unser Schloß gefällt. Sie wissen, es ist seit Generationen im Besitz unserer Familie, und wir lieben es sehr.« Sie ließ ihre Finger über den samtenen Stoff der Vorhänge gleiten, über das Seidendeckchen auf dem Fensterbrett und über die Rosenblüten in der kostbaren Kristallvase. In ihren Bewegungen lag ebensoviel Zärtlichkeit wie Kraft.

»Dieses Schloß«, sagte sie, »verkörpert die Tradition unserer Familie und die typischen Eigenschaften der Tscharninis. Es strahlt Reichtum, Schönheit und Unvergänglichkeit aus.« Ihr Gesicht wandte sich wieder Margaretha zu. In die dunkelbraunen Augen trat Entschlossenheit und Härte, während das zarte Lächeln nicht von ihren Lippen wich. Richards Mutter mußte nicht aussprechen, was sie dachte, Margaretha verstand sie auch so. Von nichts und niemandem auf der Welt würde die Baronin Tscharnini es hinnehmen, daß der Glanz ihres Namens durch einen Schandfleck getrübt würde.

»Natürlich«, sagte sie freundlich, ohne ihren Blick zu verändern, »können Sie bleiben, solange Sie möchten.«

»Ich will Ihnen nicht zur Last fallen …«

»Um Himmels willen, wie könnten Sie das!« Caroline vollführte mit ihren schlanken Armen eine großzügige Geste. »Wir haben genug Platz hier! Wenn Sie mögen, bleiben Sie den ganzen Sommer, auch wenn es vielleicht ein wenig einsam ist. Aber Lioba bleibt hier, und so sind Sie nicht allein.«

»Das ist sehr gütig …«

»Wenn es Herbst wird, können Sie ja dann daran denken, in Ihre Heimat zurückzukehren. Wir würden Ihnen selbstverständlich eine Kutsche besorgen!« Carolines Stimme klang unverändert, und doch war ein Ton darin, der Margaretha sagte, daß dieser freundliche Vorschlag in Wahrheit als unabänderlicher Befehl verstanden werden mußte.

Diese Frau weiß genau, was Richard getan hat, dachte sie zornig, und sie meint, wenn ich hier zwei oder drei Monate leben darf, sei alle Schuld getilgt und die Tscharninis hätten alles getan, um die Ordnung wiederherzustellen.

Sie beobachtete Caroline, wie sie auf dem kleinen Tisch am Fenster ein paar Gegenstände zurechtrückte, so als wolle sie deutlich machen, daß Margaretha als Gast in diesem Haus Veränderungen weder einführen noch hinterlassen werde. Sie biß die Zähne zusammen, um nicht zu schreien, so sehr erregte sie diese schlanke, schöne und grausame Frau, die noch immer lächelte.

»Frau Baronin«, sagte sie mit dem Mut der Verzweiflung, »Sie wissen vielleicht, daß ich nie wieder nach Hause kann.«

»Aber Kind, reden Sie doch nicht! Natürlich wird Ihre Familie Ihnen verzeihen. Es ist ja nichts geschehen!« Hier kniff Caroline die Augen zusammen und sah Margaretha eindringlich an: »Es ist doch nichts geschehen, was Ihnen noch Unannehmlichkeiten bereiten könnte?«

Margarethas Stolz verbot ihr, die Baronin mit einer Lüge umzustimmen; ohnehin, das fühlte sie, hätte sie wenig damit bewirkt.

»Nein, Ihr Sohn verhielt sich äußerst korrekt«, erwiderte sie spitz und fügte sehr ernst hinzu: »Dennoch wird man mir nicht verzeihen. Ich kann nicht nach Hause.«

»Nun«, Caroline wandte sich halb zur Tür, um anzudeuten, daß sie kein langes Gespräch wünschte, »Sie sehen ein, daß Sie einen übereilten Schritt getan haben.«

»Ich sehe ein, daß mein Vertrauen in Ihren Sohn vielleicht als kindisch zu bezeichnen ist«, entgegnete Margaretha bissig. Caroline zuckte mit den Schultern.

»Wie dem auch sei«, meinte sie, »in jedem Fall können Sie gern bis September oder Oktober hier leben, und dann wird sich eine Möglichkeit finden.«

»Das hoffe ich, Madame.«

Caroline verließ gemessenen Schrittes den Raum, und Margaretha wußte nicht, ob sie weinen oder die vor ihr stehende Wasserkaraffe an die Wand werfen sollte. Sie nahm ihr Taschentuch und riß es in der Mitte entzwei, aber auch das vermochte nicht das Bild der lächelnden Caroline aus ihrem Gehirn zu verbannen und ihren Haß auf diese Frau zu mildern.

Zwei Tage später erschien auch Richard bei Margaretha, um sich von ihr zu verabschieden. Er wirkte verlegen, was ihm weniger gut stand, als seine sonstige Unbekümmertheit.

»Du bist mir in den letzten Wochen aus dem Weg gegangen«, sagte er, »ich verstehe, daß du böse auf mich bist, aber ich möchte doch, daß …« Er hob in einer hilflosen Geste die Hände.

»Was wünschtest du?«

»Nun, daß wir nicht so auseinandergehen müßten.« Er fuhr sich mit der rechten Hand über das Gesicht, und Margaretha hatte den Eindruck, daß er sich der augenblicklichen Situation nicht gewachsen fühlte. Sie beobachtete ihn und dachte, wie seltsam es sei, daß er trotz der äußerlichen Ähnlichkeit ganz anders wirkte als seine Mutter. Seine Augen waren von gleicher Farbe und gleichem Schnitt wie die Carolines, aber statt Entschlossenheit lag ein eigentümlicher Ausdruck von Schwäche darin. Merkwürdig, daß ihr das bisher nie aufgefallen war. Vielleicht, weil Richard für gewöhnlich so viel Heiterkeit und Lebenslust ausstrahlte, daß hinter dieser Fassade nichts anderes mehr auszumachen war.

Jetzt konnte er nicht einmal ihrem Blick standhalten. Er sah zur Seite.

»Du glaubst es mir wahrscheinlich nicht«, sagte er leise, »aber ich liebe dich sehr.«

»Ach, Richard«, Margaretha machte eine unsichere Handbewegung, »so viele schöne Worte! Weißt du, ich glaube, du betest dich einfach selber zu sehr an, und in Wirklichkeit bist du nur darum besorgt, daß es dir an nichts fehlt und daß es dir gutgeht.«

»Du willst dich also in ewiger Feindschaft von mir trennen?« fragte Richard betroffen.

»Nein. Ich will nicht deine Feindin sein. Ich will dich vergessen.«

»Das scheint mir fast noch schrecklicher, aber es ist dein Recht.« Richard ergriff Margarethas Hand und zog sie an seine Lippen. »Leb wohl«, sagte er. Seine Stimme bekam den zärtlichen Klang, den Margaretha so gut kannte. Sie kniff die Lippen zusammen und fühlte, daß er wieder ganz in seinem Element war.

»Ich jedenfalls werde dich nie vergessen«, fuhr er fort, »und ich möchte auch, daß du weißt, wie leid mir das alles tut.«

»Lebe wohl, Richard, es war —« sie rang sich die Worte mühsam ab — »es war eine schöne Zeit mit dir.«

Er lächelte ihr noch einmal zu, dann ging er davon, mit leichteren Schritten, als er gekommen war.

Einen kleinen Triumph erlebte Margaretha noch am Morgen des Abreisetages, als Sophia plötzlich erklärte, sie wolle ebenfalls den Sommer im Schloß verbringen.

»Ich mag Margaretha sehr gern«, sagte sie rundheraus, »und ich finde, daß unsere Familie einiges an ihr gutzumachen hat. Wir können sie jetzt nicht einfach hier zurücklassen!«

»Meine Liebe, wer gibt dir das Recht …« begann Caroline, im selben Moment, da Margaretha rasch sagte:

»Niemand muß meinetwegen hierbleiben. Ich komme allein zurecht.«

»Ich möchte aber hierbleiben«, erwiderte Sophia, »warum soll ich den Sommer in Prag verbringen, wenn es hier viel schöner ist?« Jeder verstand die Verurteilung, die sie damit gegen die Familie aussprach. Richard und Caroline preßten die Lippen aufeinander, während Julius bekümmert meinte:

»Dann werde ich dich sehr lange nicht sehen, Sophia.«

»Ich bin rechtzeitig zu unserer Hochzeit wieder in Prag«, versprach seine Verlobte. Sie sah so entschlossen aus, daß Caroline keine weiteren Einwände wagte. Sie haßte nichts so sehr, wie laute Streitgespräche in Gegenwart anderer, wußte aber, daß Sophia keinerlei Rücksicht nahm.

»Nun gut, Kind«, sagte sie daher, »du mußt wissen, was du tust.« Sie und die anderen nahmen in der Kutsche Platz, Richard bestieg sein Pferd. Friedrich beugte sich zu Margaretha hinaus.

»Denken Sie an meine Schwester Luzia in Prag«, flüsterte er. Margaretha sah ihn dankbar an. Sie mochte ihn sehr und war von Herzen froh, in diesem Land doch einen Menschen gefunden zu haben, der ihr in der Not zur Seite stehen würde. Sie hoffte, daß Richard nicht mehr zu ihr käme, doch er ritt zu ihr heran.

»Vielleicht sehe ich dich heute zum letztenmal«, sagte er leise, »ich möchte dir ein Andenken schenken …« Er streifte einen breiten goldenen Ring vorn Finger und hielt ihn Margaretha hin. Sie rührte sich nicht.

»Nimm ihn, bitte!« drängte Richard.

»Nein. Begreifst du deinen Hohn nicht, mit dem du mir ausgerechnet einen Ring schenken willst?«

»So war es nicht gemeint. Nicht höhnisch. Niemals.«

»Du weißt, daß ich dich vergessen will. Ohne das geringste Andenken.«

Er wollte ihr den Ring in die Hände legen, doch sie trat zurück und das Schmuckstück fiel in den Staub zu ihren Füßen. Richard schien noch etwas sagen zu wollen, hielt sich jedoch zurück. Er wandte sein Pferd zur Seite und ritt davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Auch die Kutsche setzte sich in Bewegung. Nacheinander verschwanden sie um die Wegbiegung, und nur noch das Klappern der Hufe und das Rasseln der Räder war zu vernehmen.

»So«, sagte Sophia, »nun sind sie fort. Und du, Margaretha, darfst jetzt nie wieder an Richard denken!«

»Ich werde nie wieder an ihn denken«, erwiderte Margaretha. Ihre Augen blieben trocken, aber es war ihr, als weinte ihr Herz. Niemals hatte sie Richard so verzweifelt geliebt, wie in diesem Moment, da er so entschlossen und rücksichtslos von ihr ging.

9

Der Sommer des Jahres 1620 war entsetzlich kalt. Es regnete häufig und Jaroslaw war ständig damit beschäftigt, Brennholz herbeizuschaffen, um die großen Öfen im Schloß zu heizen. Er bemühte sich, beiden Mädchen den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu machen, wozu seine Liebe zu Margaretha ebensoviel beitragen mochte wie seine Scheu vor Sophia. Auch Lioba arbeitete viel, hier wußte Margaretha allerdings sicher, daß es um Sophias willen geschah. Dem katholischen Gast gegenüber zeigte sich die Alte ebenso kalt wie am ersten Tag, doch leuchteten ihre Augen jetzt boshaft und hämisch dabei. Vor ihr verriet Margaretha nicht die geringste Trauer wegen Richards Verhalten, aber auch in Sophias Gegenwart jammerte sie nicht. Sophia war nicht der Mensch, der zum Ausweinen ermutigte. Heimlich aber hatte Margaretha Richards Ring aufgehoben und trug ihn an einem Band um den Hals. Sie fand dies selbst unvernünftig, aber in den Wochen nach der Abreise der Familie kreisten ihre Gedanken ohnehin fast ausschließlich um den treulosen Geliebten. Über ihren vielen Grübeleien wäre sie sicher in schreckliche Stimmungen verfallen, wenn nicht Sophia soviel geredet hätte. Mit scharfer Zunge und ohne Hemmungen zog sie über die Menschen ihrer Umgebung her, oftmals so treffend und komisch, daß Margaretha lachen mußte. Sophia brachte sie auch dazu, jeden Tag und bei jedem Wetter spazierenzugehen. Oft verließen sie sogar den Schloßpark, und Sophia zeigte Margaretha einige umliegende Höfe; deren Bewohner für die Tscharninis arbeiteten und ihnen zum großen Teil in Leibeigenschaft angehörten. Durch das viele Laufen wurde Margaretha müde und war froh, abends schnell einschlafen zu können. Vor der Dunkelheit fürchtete sie sich am meisten, denn dies war die Zeit, da alle düsteren und traurigen Gedanken herbeidrängten und die Erinnerung sie wieder einholte.

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Der Juli ging dahin und auch der August. Die Gerüchte um einen bevorstehenden Kampf um Prag verdichteten sich. Das Heer des Herzogs Maximilian kam näher; es zog durch Österreich, und man berichtete, daß die Soldaten das Land grausam verwüsteten, in der Bevölkerung plünderten und mordeten. Graf Spinola, der Spanier, hatte die Pfalz erreicht und besetzte Mainz. Überall im Reich schienen sich Unruhe und Krieg auszubreiten, und viele Menschen lebten in der ständigen Bereitschaft zur Flucht.

»Du wirst natürlich nicht nach Hause reisen«, sagte Sophia zu Margaretha, »auch wenn meine Mutter wollte, daß du im Herbst nach Bayern zurückkehrst. Es hieße, den Tod herauszufordern, sich jetzt zwischen all den Truppen hindurchzuschlagen. Du bleibst hier, wenn nötig bis zum nächsten Frühjahr!«

»Ja, etwas anderes kann ich kaum tun«, meinte Margaretha zögernd, »sowieso fürchte ich …«

»Du hast Angst vor deiner Familie, nicht? Schon deshalb ist es gut, wenn du wartest.«

Zu Margarethas Kummer kam die Zeit immer näher, da Sophia nach Prag zurückkehren mußte. Mitte September traf eine Nachricht von Caroline ein, in der sie ihrer Tochter mitteilte, die Hochzeitsvorbereitungen seien beinahe abgeschlossen und Julius erwarte seine Braut sehnsüchtig.

»Er will mich schnell heiraten, weil er dann vielleicht in den Krieg muß«, sagte Sophia. »Großartig, zwei Wochen nach der Hochzeit vielleicht schon wieder Witwe zu sein!«

Margaretha zuckte zusammen, doch dann sah sie am Gesicht ihrer Freundin, daß diese höhnischen Worte nur ihre Angst überdecken sollten.

Es wäre zwar schrecklich, dachte sie, aber dann hat Sophia den Mann, den sie liebt, doch wenigstens für kurze Zeit gehabt und konnte sich seiner Liebe sicher sein. So viel werde ich niemals besitzen.

Es war ein trauriger Abschied, als Sophia aufbrach. Sie hatte in der nahe gelegenen Stadt eine Kutsche gemietet und ließ sich zu ihrem Schutz von Jaroslaw begleiten. So mußte Margaretha mit Lioba allein zurückbleiben, eine Vorstellung, die ihr Unbehagen verursachte.

Sophia versprach, bald wieder nach ihr zu sehen, dann küßten die Mädchen einander, und wieder stand Margaretha auf dem kiesbestreuten Platz vor dem Schloß und winkte einem Wagen nach. Diesmal blieb sie wirklich allein zurück.

Die kalten, verregneten Septembertage mußte Margaretha im Haus verbringen. Mit mürrischem Gesicht heizte Lioba jeden Morgen den Kamin im oberen Zimmer und ebenso schlecht gelaunt servierte sie die Mahlzeiten, an denen Margaretha jedoch nichts aussetzen konnte. Manchmal fühlte sie eine seltsame, abergläubische Furcht. In ihren Träumen sah sie Lioba als unheilbringende, kichernde Hexe, die ihr nach dem Leben trachtete und unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln giftige Kräuter ins Essen mischte, bevor sie es hinaufbrachte. Immer wenn Margaretha den ersten Löffel zum Mund führte, probierte sie vorsichtig, ob sie etwas Fremdes, Bitteres herausschmecken konnte, und dabei schimpfte sie innerlich auf ihre überreizte Phantasie. Einmal träumte sie, die Alte stehe neben ihrem Bett und berühre sie mit ihren dürren Fingern. Schreiend erwachte sie und setzte sich auf. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, und ihr Herz jagte, aber alles war dunkel und ruhig. Sie legte sich wieder hin, doch es dauerte lange, bis sie einschlafen konnte.

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Ende September drang Tilly mit Seinem Heer in Böhmen ein. Er schien vorzuhaben, in gerader Linie auf Prag zuzumarschieren. Margaretha, die sich bislang wenig um die Gefahr gekümmert hatte und sie nur dankbar als einen Grund sah, nicht abreisen zu können, wurde nun auch von Unruhe ergriffen. Die Nachrichten verbreiteten sich schnell. Bauern, die zum Schloß kamen, um Gemüse und Eier abzuliefern, berichteten, wie grauenvoll die Truppen auf ihrem Vormarsch hausten. Wo immer sie gewesen waren, hatten sie Verwüstungen hinterlassen.

»Ja, was erwartet ihr, es sind Bayern«, meinte Lioba boshaft. Margaretha biß sich auf die Lippen. Sie fand ihre Lage abscheulich, und sie wußte daß sie nicht einmal von der Tatsache Schutz erhoffen durfte, daß die Feinde ihre eigenen Landsleute waren. Vermutlich würde man ihr gar nicht glauben, daß sie selbst aus Bayern stammte, und ihr wohl gar nicht erst zuhören.

Im Oktober erhielt Margaretha einen Brief von Sophia. Sie beschrieb ihre Hochzeit als ein glanzvolles Fest, jedoch bereits überschattet von den drohenden Ereignissen. Es sei wunderschön, mit Julius zu leben, schrieb sie, und sie fühle sich sehr glücklich. Doch am Ende des Briefes wurde sie ernst.

»Meine Liebe, ich bitte Dich, verweile nicht zu lange im Schloß. Du hast dort überhaupt keinen Schutz. Ich meine nicht, daß Du schon in unmittelbarer Gefahr schwebst, denn die Feinde sind noch weit fort, aber warte nicht bis zum letzten Moment! Komm mit Lioba nach Prag. Die Stadt wird verteidigt, aber selbst wenn wir den Kampf verlieren, wird es ordentliche Übergabebedingungen geben und der Bevölkerung wird kein zu großes Leid geschehen. Ich wohne leider mit Julius bei meiner Familie, so kann ich Dich nicht aufnehmen, doch Friedrich läßt Dir sagen, daß Du noch immer gerne zu seiner Schwester kommen kannst. Sie freut sich auf Dich!«

Margaretha war dankbar, daß sich Sophia so um sie sorgte. Aber noch wollte sie die Gastfreundschaft der fremden Frau nicht annehmen. Im Stall standen zwei starke Kutschpferde sowie ein neuer Wagen. Sie konnten jederzeit fliehen.

»Sie müssen wissen, wann es an der Zeit ist«, sagte Lioba gleichmütig, als Margaretha ihr den Brief zeigte. Margaretha vermutete, daß die Alte keineswegs so gelassen war, wie sie tat, daß es ihr aber Spaß machte, das unsichere junge Mädchen mit dieser schweren Entscheidung allein zu lassen.

Nun, ich brauche ihren Rat und ihre Hilfe nicht, dachte Margaretha, ich komme auch ohne die alte Hexe zurecht.

Eines klaren, kalten Oktobertages, als die Bäume schon voll bunter Blätter hingen und die Wälder in allen Farben leuchteten, erschien ein Bauer im Schloß.

»Gnädiges Fräulein, raten Sie mal, was geschehen ist!« rief er freudestrahlend, als er Margaretha erblickte. »Die Bayern sind in der Gegend von Pilsen von General Mansfeld zurückgeschlagen worden! Prag ist gerettet!«

»Ist das wirklich wahr?« Margaretha wollte es kaum glauben, doch der Bauer beteuerte immer wieder, daß nun alle Gefahr ausgestanden sei.

»Vermutlich werden sich die Truppen bald ganz zurückziehen«, meinte er, »es wäre wirklich schön, wieder ruhig schlafen zu können.«

»Dann können Sie ja noch vor dem Winter nach Bayern reisen, Fräulein«, schlug Lioba hoffnungsvoll vor.

»Ich werde so lange warten, bis die Gefahr wirklich vorüber ist«, erwiderte Margaretha kurz und zog sich zurück.

___________

Es war der letzte sonnige Tag in, jenem Jahr gewesen, dessen Sommer ihr mit seiner Kälte und Nässe schon zu schaffen gemacht hatte. Es begann zu regnen, fast ununterbrochen, und wenn es aufhörte, dann heulte und toste ein scharfer Wind. Als sollte der Winter bereits im Oktober hereinbrechen, glaubte Margaretha, Schnee in der Luft zu riechen, wenn sie morgens ihr Fenster öffnete. Die grauen Wolken legten sich auf ihr Gemüt, und oft stand sie stundenlang da und starrte ihnen nach, wenn sie sturmzerzaust über das Schloß hinwegzogen.

An einem dieser Tage saß Margaretha in ihrem Zimmer auf dem Bett. In einer Kommode hatte sie ein kleines weißes Stück Stoff gefunden, das irgend jemand mit Blumen zu besticken begonnen und dann wohl vergessen hatte. Nun war sie dabei, die abgebrochene Arbeit zu vollenden. Sie hatte für derlei Tätigkeiten nie viel übrig gehabt, aber jetzt vermittelte ihr das Handarbeiten eine willkorhmene Beschäftigung. Alles war besser als die endlose Langeweile. Margaretha schreckte hoch, als sie schnelles, hartes Hufgetrappel vor dem Haus hörte. Ein Reiter näherte sich in höchster Eile, aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wer es sein könnte. Am Nachmittag kamen selten Bauern hierher und ohnehin niemals so eilig.

Margaretha stand rasch auf. Sie lief die Treppe hinunter und langte gleichzeitig mit Lioba an der Haustür an.

»Lioba, was ist passiert?« rief sie aufgeregt. Die Alte zuckte mit den Schultern.

»Woher soll ich das wissen? Wir werden es gleich erfahren.«

Die beiden Frauen traten hinaus. Direkt vor ihnen stand ein schaumbedecktes, schnaubendes Pferd, und auf seinem Rücken hing ein erschöpfter, atemloser Reiter. Margaretha erkannte in ihm den jungen Mann, der in einer Holzfällerhütte im tiefsten Wald lebte. Er war ihr immer durch sein fröhliches Wesen aufgefallen, doch in diesem Moment stand in seinem verzerrten Gesicht nichts als Angst.

»Gnädiges Fräulein«, keuchte er, »packen Sie ein paar Sachen. Sehen Sie zu, daß Sie nach Prag kommen. In den Wäldern sind überall Feinde!«

»Was?!«

»Tillys Soldaten. Sie sind hier, und sie hausen wie die Barbaren. Nur eine befestigte Stadt kann uns noch schützen.«

»Aber ich verstehe das nicht! Sie wurden doch zurückgeschlagen!«

»Ein jämmerliches Gerücht, an dem nichts stimmt. Sie sind hier. Aber noch steht zwischen den verdammten Bayern und Prag das Heer von König Friedrich. Sehen Sie zu, daß Sie in die Stadt kommen!«

Margaretha fühlte, wie ihr schwindlig wurde vor Angst. Sie krallte sich an die Züge des Pferdes und sah mit schneeweißem Gesicht zu dem Reiter auf.

»Nimm uns mit«, hat sie, »wir können es allein nicht schaffen. Bitte, du mußt uns nach Prag bringen!«

Der Mann schüttelte bedauernd den Kopf.

»Ich gehe nicht nach Prag«, erwiderte er, »ich versuche, zu unseren Truppen zu gelangen und mich ihnen anzuschließen.«

»Aber, du lieber Gott, was soll dann aus uns werden?«

Der Reiter blickte mitleidig auf Margaretha herab. Er hatte nicht viel übrig für die reichen Leute, aber Fräulein von Ragnitz war immer so freundlich zu ihm gewesen. Er hätte ihr gern geholfen.

»In dieser Richtung liegt Prag«, sagte er und wies mit dem Finger nach Nordosten, »Sie werden die Stadt schon erreichen, da bin ich sicher. Aber nun muß ich weiter!« Er hob grüßend die Hand und galoppierte so schnell, wie er gekommen war, wieder davon. Margaretha wandte sich um.

»Lioba, was sollen wir tun?« fragte sie atemlos. Lioba blieb ruhig.

»Wir packen die notwendigsten Sachen ein«, befahl sie, »und dann machen wir uns auf den Weg. Ich weiß, wie wir nach Prag kommen!«

»Wirklich? Oh, Lioba, du Engel!« Margaretha stellte dankbar fest, daß die drohende Gefahr sie einander näherzubringen schien. Lioba brauchte Margaretha jetzt ebenso wie das umgekehrt der Fall war, und das ließ sie zu Verbündeten werden.

»Gehen Sie hinauf, packen Sie Kleider und Decken zusammen«, fuhr Lioba fort, »ich werde Essensvorräte suchen.«

»Ja, ja, natürlich!« Margaretha war schon an der Treppe, blieb aber noch einmal stehen.

»Wer spannt die Pferde ein?« fragte sie.

»Ich mache das schon. Ich gehe gleich in den Stall.«

Margaretha nickte und lief schnell in ihr Zimmer. Sie suchte die Reisetasche hervor, mit der sie vor einigen Monaten hier angekommen war und begann sie vollzupacken. Es handelte sich dabei zum Teil um ihre eigenen und zum Teil um Sophias Sachen, denn es schien ihr richtig, auch die Besitztümer der Freundin mitzunehmen und sie nicht der Plünderung zu überlassen. So raffte sie auch Schmuckstücke zusammen, ein Bündel Briefe und ein Miniaturbildnis Carolines, das am Fenster gestanden hatte. Das leichte Kleid, das sie trug, kam ihr zu fein vor für eine Flucht, so zog sie es aus und schlüpfte statt dessen in ihr altes, dunkles Reisegewand. Im Schrank fand sie einen Mantel, den sie umhängte. Hoffentlich hielt er sie ein wenig warm. Sie würde ihn brauchen bei dem entsetzlich feuchten und kalten Wetter, das draußen herrschte. Sie ergriff noch ein paar Wolldecken, mit denen sie vielleicht ein Lager im Wagen bauen konnten, um abwechselnd zu schlafen, falls es ihnen überhaupt gelänge, ein Auge zuzutun.

Das Packen und Umziehen hatte einige Zeit gebraucht, dennoch blickte sich Margaretha ein letztes Mal im Zimmer um. In den vergangenen Monaten war es ihr Zuhause gewesen, und trotz der vielen Tränen, die sie hier geweint hatte, hing sie daran. Sie hoffte von ganzem Herzen, die Soldaten würden das Schloß nicht plündern oder gar niederbrennen. Vielleicht kehrte sie ja irgendwann einmal zurück.

»Falls ich Prag lebend erreiche«, sagte sie halblaut zu sich selbst.

Allein bei dem Gedanken, sich in die dunklen Wälder zu wagen und unbekannten Gefahren zu begegnen, stockte ihr fast das Blut in den Adern. Nur sie und Lioba, allein, ohne jeden Schutz, verzweifelt darauf angewiesen, nicht entdeckt zu werden. Denn wer wußte, wie weit sich die feindlichen Soldaten bereits verstreut hatten, ob nicht schon auf dem Weg nach Prag vereinzelte Truppen standen.

Margaretha nahm ihre Tasche und eilte die Treppe hinunter. Hoffentlich war Lioba fertig. Die Zeit drängte und ihre Lage wurde immer gefahrvoller. Sie mußten sofort los.

Unten im Haus herrschte Stille. Margaretha rannte durch die Gänge, unheimlich hallten ihre Schritte.

»Lioba!« Sie bekam keine Antwort. Nur das Hämmern eines Spechtes drang hohl aus dem Wald. Margaretha trat in die Küche. Sie war sauber aufgeräumt, das Feuerholz sorgfältig neben dem Herd aufgeschichtet, der Fußboden ordentlich gewischt. Der große Weidenkorb, der sonst in der Ecke an der Wand hing, fehlte.

»Lioba!« rief Margaretha, und als immer noch alles still blieb, schrie sie lauter: »Lioba! Lioba, wo bist du? Gib Antwort!«

Von einer plötzlichen, rasenden Angst erfüllt, machte Margaretha kehrt und rannte den Flur zurück bis zur Haustür. Lioba mußte im Stall bei den Pferden sein. Der Kies knirschte unter Margarethas Füßen. So schnell sie konnte, lief sie auf den Stall zu. Eine Tür stand offen. Schwer atmend bieb sie stehen.

»Lioba!«

Ihre Augen gewöhnten sich nicht sofort an das Dämmerlicht. Der Stall war nicht groß und ganz aus Feldsteinen gebaut. Er war wunderbar gemütlich, gefüllt mit duftendem Heu und knisterndem Stroh und dem vertrauten Pferdegeruch. Es fiel wenig Licht durch das Fenster, aber deutlich war zu erkennen, daß nur noch ein Pferd an der Futterkrippe stand und daß der hölzerne Wagen verschwunden war. Noch langsamer als ihre Augen vermochte Margarethas Verstand zu begreifen, was geschehen war. Ein Pferd und der Wagen fort, und keine Spur von Lioba. Das konnte nicht sein; der furchtbare Gedanke, der sich ihr aufdrängte, durfte doch nicht wahr sein!

»Lioba!« schrie sie. In ihrer Hysterie schlug ihre Stimme über und wurde zum schrillen Kreischen.

»Lioba! Lioba! Lioba!« Sie wollte es nicht glauben. Sie lief um den Stall herum, sie lief zum Haus zurück. Kopflos in ihrer Panik jagte sie von Zimmer zu Zimmer, riß alle Türen auf, schrie nach der Dienerin. Schweigende, kalte Räume blickten ihr entgegen Das einzig Lebendige war eine kleine Maus, die erschrocken in einer Mauerritze verschwand. Durch irgendeines der Zimmer gelangte Margaretha wieder hinaus. Erschöpft lehnte sie sich gegen die Hauswand. Es hatte zu regnen begonnen und dicke, schwere Tropfen schlugen ihr ins Gesicht. Sie bemerkte es kaum. Langsam begriffsie, daß sie von Lioba im Stich gelassen worden war, daß die alte Hexe sich heimlich aufgemacht und Margaretha ihrem Schicksal überlassen hatte. Vor Angst und Ausweglosigkeit begann sie hemmungslos zu weinen, stand wie gelähmt im heftiger werdenen Regen, war unfähig, ihre Kräfte zu sammeln und ihren Verstand wieder einzuschalten.

»Richard«, schluchzte sie, »ach, Richard, hilf mir doch. Hilf mir doch!«

Neben ihr erhob sich ein großer Vogel von der hohen Mauer und flog kreischend davon. Entsetzt schrie Margaretha auf. Ihre Nerven waren bereits so schwach, daß sie überall Feinde sah und barsche Stimmen hörte. Aber der eigene laute Schrei brachte sie wieder zur Vernunft. Ihr Herzschlag beruhigte sich etwas, und ihre Gedanken ordneten sich. Sie konnte nicht hier stehenbleiben, sie mußte fort. Lioba konnte noch nicht allzu weit sein, vielleicht gelang es ihr, sie einzuholen. Margaretha eilte zurück in den Stall. Wo befanden sich nur Sattel und Zaumzeug? Ließ sich so ein Kutschpferd überhaupt reiten? Sie entdeckte eine Trense und einen Sattel und schleppte beides mühsam heran. Sie wußte nicht einmal, wie das Pferd hieß, aber sie konnte es »Varus« nennen, so hatte einmal ein Hengst ihres Vaters geheißen.

»Varus, komm, nimm das hier ins Maul!« Varus sträubte sich beharrlich gegen die Trense. Er biß seine harten gelben Zähne aufeinander, warf eigenwillig den Kopfzurück, trat unruhig auf der Stelle und schnaubte.

»Bitte, bitte, mach mir doch keine Schwierigkeiten!« Margaretha brach schon wieder in Tränen aus. Sie lehnte ihr nasses Gesicht gegen den warmen Hals des Pferdes. Varus brummte behaglich. Wie von Mitleid ergriffen, öffnete er plötzlich sein Maul und es gelang Margaretha, die Trense anzulegen. Nun blieb nur noch der Sattel. Für welches Pferd er auch immer gedacht war, es mußte winzig sein. Auf Varus’ breitem Rücken schwebte er weit oben, und natürlich war der Gurt nicht zu schließen. Margaretha gab diese Bemühung auf. Sie mußte eben ohne Sattel reiten, vielleicht kam sie auf diese Weise sowieso  schneller voran. Sie ergriff Varus’ Zügel, um ihn dicht an eine Mauer zu führen. Von dort aus kletterte sie mit einiger Mühe auf das Pferd, ängstlich erwartend, es werde sie wieder abwerfen. Aber Varus blieb geduldig stehen, als sei er in seinem Leben schon oft geritten worden. Margaretha nahm die Zügel auf. Vor sich hielt sie ihre Tasche, auf die sie gut aufpassen mußte. Wenn sie herabfiele, würde es gefährlich für sie, da sie ohne Hilfe kaum wieder aufsteigen konnte.

»Komm, Varus, lauf!« Sie trieb ihn vorwärts. Erleichtert stellte sie fest, daß er sich nicht wehrte. Mit großen, schaukelnden Schritten stapfte er den Berg hinunter, wobei er trotz des nassen Grases und des glitschigen Laubs kein einziges Mal stolperte. Margaretha war noch nie ohne Sattel geritten. Am Anfang machte es ihr noch Mühe, das Gleichgewicht zu halten, aber da sie sonst eine gute Reiterin war, konnte sie sich endlich dem Rhythmus anpassen und brauchte sich nicht länger krampfhaft an der Mähne des Pferdes festzuhalten. Sie empfand die ganze Situation wie einen entsetzlichen Alptraum. Wie in einem bösen Märchen fühlte sie sich, allein in einem riesigen Wald, belauert von furchtbaren Gefahren, ganz und gar von jedem Menschen verlassen. Diese Verlassenheit war so fremd für sie. Margaretha von Ragnitz hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie schutzlos fühlen müssen. Immer waren Menschen da, zuerst in der Familie, später im Kloster, die sie behüteten, sich um sie kümmerten und sorgten. Ganz selbstverständlich hatte sie das entgegengenommen, und wie ein böses Erwachen kam es ihr nun vor, allein zu sein und zu wissen, daß niemand sie retten würde, daß niemand bemerken würde, wenn ihr etwas geschah.

»Ach, wenn doch wenigstens Angela hier wäre«, stöhnte sie. Fast wäre sie lieber umgekehrt und hätte auf Schloß Tscharnini der Dinge geharrt, die kommen sollten. Es erschien ihr weniger schrecklich, als durch die Wälder zu irren und darauf zu warten, daß plötzlich Fremde auftauchen würden. Aber durch ihre Angst hindurch spürte Margaretha, wie ihr Verstand wieder klarer wurde und sich der Wille in ihr durchsetzte, alles zu versuchen, um heil nach Prag zu kommen.

Margaretha hatte den Fuß des Berges erreicht. Ihr fiel mit einemmal auf, daß sie trotz der aufgeweichten Erde keine Wagenspuren auf ihrem Weg gesehen hatte. Lioba konnte nicht hier entlang gekommen sein, sie mußte sich nach der anderen Seite aufgemacht haben. Dies erklärte auch, warum Margaretha keine Geräusche im Kies gehört hatte, die der schwere Wagen sicher verursacht hätte, und es machte ihr außerdem deutlich, daß sie die Dienerin wohl kaum noch einholen konnte. Sie würde die nordöstliche Richtung einschlagen, in die der junge Holzfäller vorhin gezeigt hatte, in der schwachen Hoffnung, auf diese Weise irgendwann nach Prag zu gelangen.

Varus trottete gleichmütig voran. Er konnte nicht schnell laufen, dazu war es zu naß. Aber mit gesenktem Kopf schritt er ohne Zögern durch Äste, Büsche und Sträucher, schien weder Dornen zu spüren noch den ewigen, harten Regen, den die Bäume kaum abfingen. Margaretha war zutiefst dankbar für die ruhige Zuverlässigkeit des Pferdes. Ein nervöses Tier hätte ihre Kräfte endgültig überfordert. Oft mußte sie, um dem Dickicht auszuweichen, ihren Oberkörper ganz flach nach vorn legen. Dann verbarg sie ihren Kopf in der Mähne des Pferdes, und eine tröstende Ruhe ging von dem warmen Fell aus. Immer wieder dachte sie: Wenn du mich sicher nach Prag trägst, dann trenne ich mich, so lange du lebst, nicht von dir, das verspreche ich. Und wenn ich hungern müßte, ich teilte alles mit dir!

Es gab keinen richtigen Weg, dem Margaretha folgen konnte, nur einen kaum erkennbaren, schmalen Pfad, der ungefähr in die richtige Richtung zu führen schien. Sie wollte nicht nach einem breiten Weg suchen, da dort die Möglichkeit, Soldaten zu treffen, noch größer war.

Nach etwa einer Stunde lichtete sich der Wald und Margaretha stand vor einem kleinen Gehöft. Sie kannte das Haus von einem Spaziergang mit Sophia und wußte auch, wer die Bewohner waren. Einen kurzen Moment lang schlug ihr Herz freudig schneller, weil sie hoffte, die Familie wäre noch nicht geflohen und sie könne sich ihr anschließen. Aber im Näherkommen bemerkte Margaretha, daß alle Fensterladen geschlossen waren, kein Vieh sich in den Ställen regte und kein Rauch aus dem Schornstein kam. Die Bauern waren bereits fort, niemand war zurückgeblieben. Margaretha stiegen vor Enttäuschung Tränen in die Augen. Sie wollte schon weiter, als sie einen leisen, klagenden Laut vernahm. Sie blickte sich um und sah vor der Haustür ein winziges schwarzweißes Kätzchen, das schwach und matt auf dem Boden lag. Es konnte erst ein paar Tage alt sein.

Trotz ihrer Angst rutschte Margaretha von Varus herab und trat auf das Kleine zu. Mitleidig hob sie es auf. Es war nicht größer als ihre Hand.

»Du Armes«, flüsterte sie, »hab keine Angst, jetzt bin ich ja da.«

Das Kätzchen maunzte und leckte mit seiner kleinen Zunge über Margarethas Hand. Es hatte Hunger, doch im Augenblick gab es nichts, womit sie es hätte füttern können. Margaretha öffnete ihre Tasche und legte das weiche Fellbündel auf ihre Kleider. Sie wollte es mitnehmen, dann starb es doch wenigstens nicht auf diesem kalten, einsamen Hof.

Durch den stärker werdenden Regen setzte sie ihren Ritt fort. Sie hatte nur noch die Hoffnung, auf Menschen zu stoßen, die sie mitnahmen. Allein, das wußte sie immer sicherer, konnte sie die fremde, ferne Stadt nicht erreichen.

10

Als es Nacht wurde, fühlte sich Margaretha am Ende ihrer Kräfte und ihres letzten verzweifelten Mutes angelangt. Sie konnte beinahe nichts mehr sehen in dem dichten Wald, der Regen hämmerte auf sie ein. Es schien ihr, als sei sie bereits halbtot, und nur noch dumpf spürte sie die Angst vor den Feinden; sie verblaßte immer mehr hinter der augenblicklichen Wirklichkeit. Es war Margaretha beinahe gleichgültig, ob sie auf fremde Soldaten stieße oder nicht und welche Gefahren noch in den Wäldern lauerten. Mit überwältigender Sehnsucht verlangte es sie nur nach Wärme und Trockenheit, nach irgendeinem Ort, wo sie ihren schmerzenden, stechenden, pochenden Kopf niederlegen und ihrer ausweglosen Situation entschlafen konnte. Was je sie an Kraft besessen haben mochte, war verbraucht. Auch Varus wirkte erschöpft. Er konnte den Weg, der von Gestrüpp überwuchert war, nicht mehr erkennen, und er war seit dem Mittag auf den Beinen. Zwar hatte er zwischendurch etwas Gras fressen können, aber Kälte und Nässe mußten auch ihn quälen. Es war besser, ihn nicht zu überanstrengen. Da Margaretha selbst nicht weiterkonnte, beschloß sie anzuhalten und sich auszuruhen.

»Bleib stehen, Varus«, hat sie. Ihre Stimme genügte, das Pferd anhalten zu lassen. Es tat keinen Schritt mehr, sondern ließ nur den großen Kopf schwer herabhängen.

Mit steifen Gliedern rutschte Margaretha von seinem Rücken und kam weich im nassen Laub auf. Einige Augenblicke stand sie ganz still, weil jede Bewegung Kälteschauer durch ihren Körper laufen ließ und weil sie sich so elend fühlte. Dann griff sie vorsichtig in ihre Tasche. Sie spürte den Pelz der Katze und ihren regelmäßigen Atem. Gott sei Dank hatte sie wenigstens bis jetzt überlebt.

Margaretha stellte die Tasche unter eine große Fichte, die den Regen weitgehend abhielt. Sie ging zu Varus zurück, um ihm das Zaumzeug abzunehmen. Er würde sicher nicht weglaufen, und es war bequemer für ihn ohne die harte Trense im Maul. Es machte ihr in der Drmkelheit einige Schwierigkeiten, die vielen Schnallen und Schnüre zu lösen; ihre Hände waren klamm und das Leder hart. Sie sprach leise zu dem Pferd und rieb hin und wieder ihre Wange an seiner Nase. Sie war so dankbar für seine Gegenwart und Treue.

Margaretha nahm ihre Tasche und kroch schwerfällig tiefer in das Dickicht hinein. Ihre Kleider, vollgesogen mit Nässe, schienen ihr bleischwer. Zweige und Blätter schlugen ihr ins Gesicht, Wasser floß ihren Rücken hinab wie ein eisiges Rinnsal. Diese Kälte war das Schlimmste.

Ich werde sterben, dachte sie fast gleichgültig, ich werde vor Kälte sterben, und vielleicht merke ich es gar nicht. Ich schlafe ein und wache niemals wieder auf.

Sie fand einen hohen, dichtbelaubten Baum, unter dem es ihr nicht so naß schien wie an allen übrigen Stellen. Sie lehnte sich dagegen und rutschte langsam mit dem Rücken am Stamm entlang zur Erde, bis sie auf dem Boden kauerte. Mit beiden Armen umklammerte sie ihre Beine. Wenn sie nur die Wolldecken mitgenommen hätte! Aber die waren bei ihrem überstürzten Aufbruch irgendwo im Schloß liegengeblieben.

Margaretha legte ihr Gesicht auf die Knie. Sie fragte sich, ob je ein Mensch so sterbensmüde und elend gewesen war wie sie jetzt. Sollte dies das Ende ihres Weges sein, den sie damals in jener Nacht an Richards Seite so hoffnungsfreudig betreten hatte und auf dem inzwischen so viele Träume zerbrochen waren? War es ihr bestimmt, unter einem Baum im Wald zu sterben, von keinem Menschen beachtet? Wenn sie jetzt stürbe, würde Richard es dann erfahren, und was würde es ihm bedeuten?

Margaretha versuchte sich vorzustellen, was er gerade tat. Vielleicht zog er mit dem böhmischen Heer den bayerischen Truppen entgegen und mußte diese Nacht auch im Freien verbringen. Dann hatte er aber doch ein Feuer, an dem er sich die Hände wärmen konnte, Kameraden, die mit ihm sprachen und irgend etwas zu essen. Margaretha hatte natürlich nicht daran gedacht, sich Verpflegung mitzunehmen.

Die Katze miaute leise. Margaretha hielt ihr einen Finger hin, an dem sie eifrig leckte. Sie begann kaum hörbar zu schnurren. Margaretha lächelte. Das Vertrauen des Kätzchens rührte sie. Zum erstenmal suchte ein Wesen Schutz bei ihr, und nicht sie konnte in die Arme eines Stärkeren flüchten. Sie lauschte eine Weile dem Schnurren und wollte gerade aufstehen, um Arme und Beine zu bewegen, als ein fremdes Geräusch an ihr Ohr drang. Sie meinte, in einiger Entfernung das harte Knacken eines Astes vernommen zu haben, aber da es wieder ruhig wurde, glaubte sie sich getäuscht zu haben. Doch in diesem Moment wieherte ein Pferd, und es war zweifellos nicht Varus.

Margaretha sprang auf, blieb ohne Regung stehen. Mit aufgerissenen Augen starrte sie in die Dunkelheit. Wer kam da, wie viele kamen, und: Waren es Feinde? Sie hörte ein Brausen in ihren Ohren, zugleich schien ihr wild hämmerndes Herz fast zu zerspringen. Sie mußte sich verstecken, sie mußte tief, tief ins Gebüsch kriechen. Aber Varus stand dort irgendwo, sicher bereit, das fremde Pferd freudig zu begrüßen. Wenn die Feinde ihn fanden, dann wußten sie, daß jemand in der Nähe war und durchkämmten vielleicht das Dickicht.

Lieber Gott, hilf mir, betete Margaretha lautlos, o bitte, rette mich. Vergib mir alle meine Sünden und verlasse mich jetzt nicht!

So leise wie möglich tastete sie sich um den Baum herum. Sie konnte so wenig sehen und wußte nicht, aus welcher Richtung die Gefahr kam, ob sie vor ihr weg- oder ihr entgegenlief. Deutlich vernahm sie Hufschläge und abermals ein kurzes Schnauben. Ganz offensichtlich handelte es sich um nur ein Pferd, es konnte aber auch eine Vorhut sein.

Margaretha verhielt sich ganz ruhig. Es war nicht anzunehmen, daß der Fremde unmittelbar an ihr vorbeiritt, und wenn sie still blieb, konnte er sie ebensowenig sehen wie sie ihn. Aber in diesem Augenblick wieherte Varus laut und deutlich. Sofort blieb das andere Pferd stehen. Margaretha stellte sich vor, wie der Reiter nun ebenfalls angespannt in die Dunkelheit lauschte und die Gefahr auszumachen versuchte. Handelte es sich um einen Soldaten, so besaß er wesentlich mehr Erfahrung in solchen Situationen als sie selbst. Vielleicht schlich er sich jetzt schon an sie heran. Es war entsetzlich, dazustehen und darauf zu warten, daß eine Hand sich von hinten um ihren Hals schlingen und kaltes Eisen ihre Haut berühren könnte. Margaretha hatte solche Angst, daß sie sich, um diesem Schrecken zu entgehen, fast lieber bemerkbar gemacht und ergeben hätte. Doch giähmt lehnte sie an ihrem Baum, starrte in die Dunkelheit, sah Schatten, von denen sie nicht wußte, ob sie Einbildung oder Wirklichkeit waren. Sie meinte, vor Angst ohnmächtig werden zu müssen, und hielt sich nur mit Mühe aufrecht.

Er kann sich nicht heranschleichen, denn ich würde ihn hören, sagte sie sich, doch das stimmte nicht ganz. Der eben noch stille Wald schien plötzlich lebendig zu werden. Der Regen plätscherte, Zweige und Äste knackten, eine Maus raschelte durch das Laub. Und irgendwo dort in der schwarzen Nacht verharrte bewegungslos ein Reiter und wartete auf eine Bewegung seines Opfers. Obwohl Margaretha sich dessen bewußt war, beging sie den Fehler rasch. Wegen ihrer schmerzenden Muskeln verlagerte sie ihr Gewicht vorsichtig von einem Bein auf das ändere. Dabei trat sie auf einen Ast, der laut knackend brach. Mit angehaltenem Atem stand sie wieder still. Nun mußte jeder ihren Standort kennen.

Da hörte sie schon den schnellen Trab eines Pferdes und ein Schnauben. Sie preßte sich dichter an den Baum und überlegte entsetzt, was dies bedeutete und warum sich der Fremde auf einmal gar nicht mehr scheute, seine Anwesenheit zu verraten. Plötzlich fühlte sie sich am Arm gepackt und zur Seite gerissen, eine harte Hand hielt sie umklammert und eine Stimme rief barsch:

»Wirf dein Schwert weg!«

Margaretha schrie auf. Sie war zu Tode erschrocken, gleichzeitig löste sich aber der fürchterliche Krampf der letzten Minuten. Wenigstens stand sie nun der Gefahr unmittelbar gegenüber. Offenbar hatte der Schrei ihren Gegner irritiert. Bereits etwas sanfter drehte er sie zu sich herum. Schwach konnte Margaretha einen Mann erkennen, der vor ihr stand und sie ansah.

»Wer sind Sie denn?« fragte er. Glücklicherweise sprach er Deutsch, und das auch ohnejede fremdländische Färbung. Seine tiefe Stimme klang etwas kratzig, so als sei er erkältet.

»Ich bin auf dem Weg nach Prag«, sagte Margaretha. Sie zitterte am ganzen Körper, vor Kälte und wegen des ausgestandenen Schreckens. Und doch war es gut, daß die Gefahr endlich ihre Unwirklichkeit verloren hatte.

»Sind Sie ganz allein?« fragte der Fremde ungläubig. Er ließ sie endlich los. Margaretha legte beide Arme um ihren Körper, um das Zittern zu verbergen, aber es gelang ihr nicht. Ihre Zähne schlugen laut klappernd aufeinander.

»Ja, ich bin allein«, erwiderte sie, »wirklich, es ist niemand sonst hier. Ich …ich war auf einem Schloß bei Rokitzan. Meine … Verwandten sind längst in Prag.« Zu ihrem eigenen Entsetzen begann sie zu weinen.

»Ich habe Sie wohl furchtbar erschreckt«, meinte der Mann, »bitte, weinen Sie nicht. Sie müssen keine Angst haben!«

»Es tut mir leid.« Margaretha wischte sich mit den Händen über das Gesicht. »Ich glaube, ich bin ein bißchen überempfindlich«, sagte sie.

»Das würde mich nicht wundern. Wie lange sind Sie denn schon unterwegs?«

»Seit heute mittag.«

»Haben Sie seitdem etwas gegessen?«

»Nein.«

»Sie müssen sehr hungrig sein und völlig übermüdet. Ich habe etwas zu essen in meinen Satteltaschen. Ich werde es holen.« Er wollte gehen, drehte sich aber noch einmal um und griff nach Margarethas Hand.

»Warum zittern Sie denn so?« fragte er freundlich. »Haben Sie etwa immer noch Angst?«

»Nein, es ist nur die Kälte.«

»Sie sind ganz naß, nicht wahr? Sie sollten sich umziehen. Haben Sie trockene Kleider bei sich?«

Margaretha sah auf die durchweichte Tasche.

»Vielleicht ganz innen eines, das trockener ist als das, was ich anhabe.« Sie lächelte unter Tränen. »Und ein Kätzchen trage ich auch noch mit mir herum.«

»Wirklich? Nun, ziehen Sie sich schnell um. Ich werde Ihnen dann eine Decke geben, die Sie vor dem Regen schützen wird.«

»Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen«, murmelte Margaretha. Der Fremde lächelte. Er hatte einen Feind erwartet und sah sich nun einem schmutzigen, nassen, frierenden Mädchen gegenüber. In der Dunkelheit konnte er nicht allzuviel von ihr erkennen, aber er bemerkte, daß sie fast noch ein Kind sein mußte.

»Ich hole jetzt die Decke«, sagte er und verschwand zwischen den Bäumen. Margaretha griff in die Tasche und hob vorsichtig die Katze heraus. Sie setzte sie auf den Waldboden, wo sie als schwaches kleines Bündel liegen blieb.

Margaretha fand tatsächlich ein Kleid, das ihr noch halbwegs trocken schien. So schnell wie möglich begann sie sich umzuziehen. Es war nicht leicht, den nassen Stoffvom Körper zu streifen, und es wurde grauenhaft kalt. Sie konnte nicht aufhören zu zittern. Als sie sich wieder anzog, brauchte sie dafür doppelt so lange wie gewöhnlich. Doch sie fand es wundervoll, wieder etwas Trockenes am Leib zu haben, und sie freute sich schon fast, daß dieser Mann aufgetaucht war. Margaretha fühlte sich zu elend, um noch darüber nachdenken zu können, ob er nicht doch eine Gefahr für sie werden könnte. Im Augenblick schenkte er ihr, was sie am meisten ersehnte: Wärme, Nahrung und eine menschliche Stimme.

Sie hatte gerade die Katze wieder eingepackt, als der fremde Soldat auftauchte. Er reichte ihr eine große Decke.

»Legen Sie die um Ihre Schultern«, befahl er, »sie wird Sie warm und einigermaßen trocken halten.«

Margaretha wurde nicht sofort warm, aber ein Gefühl der Geborgenheit und Hoffnung überkam sie. Von dem Mann ging etwas aus, das ihr Vertrauen weckte, und voll Dankbarkeit spürte sie die schwere Bürde der Verantwortung für ihr Leben von sich abgleiten. Nun konnte er sich darum kümmern, daß sie nicht erfror und von Feinden überfallen wurde. Ob er wollte oder nicht, er mußte sie jetzt beschützen.

»Bitte, folgen Sie mir«, sagte er, »ich habe dort hinten einen Platz entdeckt, der uns besser vor dem Regen schützen wird.«

»Oh, das ist wunderbar. Aber ich muß noch mein Pferd holen.« Margaretha blickte angestrengt in die Dunkelheit.

»Va …« rief sie laut, aber ehe sie das Wort beenden konnte, war der Fremde neben ihr und preßte seine Hand auf ihren Mund.

»Still!« zischte er. Dann ließ er sie wieder los. Margaretha sah sich um.

»Was ist denn?« fragte sie verstört.

»Merken Sie sich bitte eines: In diesen Zeiten sollte man niemals nachts quer durch einen Wald schreien. Das kann unangenehme Folgen haben.«

»Meinen Sie, daß Feinde in der Nähe sind?«

An dem Aufblitzen seiner Zähne bemerkte sie, daß er lächelte.

»Wen verstehen Sie denn als Feind?« fragte er.

»Nun, die Bay …« Sie brach erschrocken ab.

»Die Bayern?« ergänzte er. »Sie sind eine Anhängerin von König Friedrich?«

»Ja, das heißt eigentlich …« Sie wußte nicht recht, was sie sagen sollte. Der Mann war kein Bayer, das hörte sie an seiner Aussprache, aber wahrscheinlich war er ein Gegner Friedrichs.

»Sehen Sie nicht so ängstlich drein«, meinte der Fremde, »glauben Sie, ich töte Sie jetzt, wenn ich erfahre, daß Sie auf einer anderen Seite stehen als ich?«

»Nein.«

»Gut, dann hören Sie auf, sich zu fürchten. Ich werde Ihr Pferd später holen.«

Er ging vor ihr her, und Margaretha folgte ihm. Ihre Müdigkeit war so groß, daß sie nicht einmal mehr darüber nachdenken mochte, wer der Fremde wohl sei und was er in dieser Gegend zu tun hatte. Willenlos stolperte sie hinter ihm her und dachte nur einmal kurz, wie merkwürdig es sei, daß er seinen Weg trotz des vielen Gestrüpps und der Dunkelheit so sicher fand. Irgendwann sagte er plötzlich:

»Ducken Sie sich!« und zog sie hinunter. Sie gelangten in eine schützende Höhle von drei dicht beieinanderstehengien Fichten. Es war trocken dort, auch mußten einige untere Aste entfernt worden sein, denn es gab genügend Platz. Margaretha seufzte erleichtert.

»Wie haben Sie das nur gefunden?« fragte sie.

»Ich kenne die Höhle von früher«, erwiderte der Fremde. Hier herrschte eine solche Dunkelheit, daß Margaretha überhaupt nichts mehr von ihm sehen konnte. Nur seine Bewegungen nahm sie noch wahr.

»Wickeln Sie sich in Ihre Decke und schlafen Sie«, sagte er, »wir haben morgen noch ein ganzes Stück vor uns.«

»Sie kommen wirklich mit nach Prag?«

»Natürlich. Ich will selbst dorthin. Aber jetzt schlafen Sie. Ich kümmere mich um Ihr Pferd.«

»Wissen Sie, wo es ist?«

»Aber ja. Es hat laut genug gewiehert.«

Margaretha hörte Laub rascheln, der Mann entfernte sich. Sie tastete nach ihrer Tasche, hob das Kätzchen heraus und preßte es dicht an sich.

»Du sollst dich nicht fürchten allein in der Dunkelheit«, flüsterte sie. Es war der letzte klare Gedanke, den sie in dieser Nacht faßte. Im Hinwegdämmern dachte sie bloß noch verschwommen an Richard, aber dann war schon der Schlaf da, und die Wirklichkeit mit ihrer Angst und ihrer Unsicherheit verblaßte.

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Obwohl der vergangene Tag so mühevoll und aufregend gewesen war, erwachte Margaretha früh. Das ungewohnt harte Lager und bewegte Träume hatten sie nur unruhigen Schlaf finden lassen, und fast widerwillig öffnete sie ihre Augen. Ihr war nicht kalt, aber ihre Glieder schmerzten und das Genick war steif geworden. Leise stöhnend richtete sie sich auf, befühlte vorsichtig ihren Körper. Wie sollte sie nur nachher auf ihr Pferd kommen?

Es herrschte immer noch Dämmerung in der Höhle, doch Tageslicht drang hinein, und durch die kleine Offnung sah Margaretha den grauen Nebel des Oktobermorgens. Es konnte wirklich noch nicht spät sein, sonst hätte der Fremde sie sicher geweckt. Er war nicht hier, aber vielleicht vor der Höhle.

Sie schob die Decke fort und kroch auf allen vieren dem Ausgang zu. Sie hielt einen Moment inne. Ihr schwarzes Kleid war völlig zerdrückt, und ohnehin mußte sie entsetzlich aussehen. Mit gespreizten Fingern versuchte sie, ihre langen Haare ein wenig zu entwirren. Es war zwecklos, alle Strähnen schienen sich ineinander verschlungen zu haben, und ihre Farbe schien eher grau als blond in diesem trüben Licht. Aber schließlich brauchte sie das jetzt wohl nicht zu kümmern.

Margaretha schob einige Zweige beiseite, ehe sie nach draußen krabbelte. Sie blinzelte. Es war heller, als sie geglaubt hatte. Vor ihr lag eine winzige Lichtung, und dort saß, auf einem Stein und in eine Decke gehüllt, der Fremde. Er hatte ein Feuer angezündet, über dem er sich die Hände wärmte. Neben ihm grasten Varus und das andere Pferd. Es regnete nicht mehr, dafür war die Luft kälter geworden. Der Mann hatte Margaretha schon gehört und sah zu ihr herüber. Er lächelte freundlich.

»Sind sie wirklich schon wach?« fragte er.

»Ja, und ich fühle mich ganz ausgeschlafen.« Margaretha stand etwas zu hastig auf, was sie gleich darauf schmerzerfüllt das Gesicht verziehen ließ. Der Mann nickte verständnisvoll.

»So eine Nacht strengt an«, meinte er, »kommen Sie, setzen Sie sich neben mich.« Er rückte zur Seite, und Margaretha nahm neben ihm auf dem Stein Platz.

»Es wird Zeit, daß ich mich vorstelle«, sagte der Fremde, »ich hoffe, Sie verzeihen mir, daß ich es gestern vergaß. Ich bin Maurice Graf Lavany. Ich komme aus Prag.«

Margaretha wandte ihm ihr Gesicht zu. Sie lächelte und betrachtete ihn dabei schnell. Er konnte nicht mehr jung sein, dazu war das Gesicht nicht glatt und unerfahren genug. Er hatte feine Narben auf Stirn und Wangen, und die hellen, schmalen Augen, die angespannt wirkenden Lippen waren von einer Wachsamkeit, die nur ein unruhig geführtes Leben erzeugen kann. In den dunklen Haaren glitzerte es silbrig. Er trug ein schwarzes Gewand, das bis über die Hüften reichte, darunter sahen schwarze Hosen hervor, die in hohen Lederstiefeln steckten. Auf dem Kopf saß ein breiter Hut, und um die Schultern hing ein Mantel aus feinem schwarzem Tuch. Alles sah nach dieser Nacht ein wenig feucht und zerdrückt aus, war jedoch offenbar — wie der Besitzer — von vornehmer Herkunft.

»Ich heiße Margaretha von Ragnitz«, stellte Margaretha sich nun vor, »und ich bin in Bayern geboren.«

Maurice sah sie verwundert an.

»Tatsächlich? In Bayern?«

»Ja, ich … ich habe Verwandte hier besucht.« Margaretha wollte nicht den wahren Grund für ihren Aufenthalt in Böhmen verraten. Maurice war ohne Argwohn.

»Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel«, bemerkte er, »aber ich finde es ein wenig verantwortungslos von Ihren Verwandten, Sie hier so allein herumirren zu lassen. Sie können nicht älter als fünfzehn Jahre sein.«

»Ich bin sechzehn«, erklärte Margaretha würdevoll. Maurice zeigte sich davon nicht sonderlich beeindruckt.

»Das ist nicht viel besser«, meinte er, »aber es geht mich wohl nichts an.« Er griff neben sich, hob ein großes Stück Brot auf und reichte es Margaretha.

»Essen Sie. Als ich Ihnen gestern noch etwas geben wollte, schliefen Sie bereits. Ich hielt es für besser, Sie nicht zu wecken.«

Beim Anblick des Brotes bemerkte Margaretha, welch entsetzlichen Hunger sie hatte. Seit vierundzwanzig Stunden hatte sie nichts mehr zu sich genommen, aber von all der Aufregung war ihr Magen wie betäubt gewesen. Nun griff sie gierig zu und biß große Stücke ab.

»Ich habe übrigens Ihre Katze gerettet«, sagte Maurice, »gestern abend kroch sie verstört unter Ihrer Decke hervor. Zum Glück, denn sie hätten sie leicht heute nacht zerquetschen können.«

Margaretha hielt im Kamen inne und wurde blaß.

»O Gott«, murmelte sie, »wo ist sie denn jetzt?«

»Bei mir.« Maurice schlug die Decke, die um seine Schulter hing, ein Stück zurück, und Margaretha erblickte das friedlich auf seinem Schoß schlafende Kätzchen.

»Ich habe ihr die letzte Milch, die ich bei mir hatte, gegeben« erklärte Maurice. »Wir haben nichts zu trinken, aber vielleicht kommen wir bald an einen Bach.«

Margaretha sah die Katze schuldbewußt an.

»Ich verstehe das nicht«, meinte sie, »ich habe sie ganz vergessen.«

»Das ist doch verständlich. Sie waren so müde.« Maurice sah ihr zu, während sie weiter aß. Er war nicht sicher, ob er ihr die Geschichte von den Verwandten glauben sollte. Er konnte sich schwer vorstellen, daß diese sie völlig allein gelassen hatten, doch sah das Mädchen auch nicht wie eine Lügnerin aus. Sie wirkte sehr zart und sehr jung, und vermutlich wäre sie sogar hübsch, wenn sie sich waschen und kämmen würde. Margaretha fühlte, daß sie beobachtet wurde und blickte auf. Maurice wurde nicht verlegen davon. Er war siebenundvierzig Jahre alt, was ihm nicht nur genügend Selbstsicherheit verlieh, sondern ihm auch ein Gefühl für die natürliche Distanz gab, die zwischen ihm und dem jungen Mädchen lag.

»Wenn Sie fertig sind«, sagte er, »brechen wir auf.«

Margaretha schob das letzte Stück Brot in den Mund.

»Geben Sie mir die Katze«, bat sie, »sie kommt wieder in die Tasche.« Vorsichtig packte sie das Tier ein. Sie fühlte sich bereits besser. Nur ihre Knochen schmerzten noch genauso wie beim Aufstehen. Aber vielleicht, so dachte sie naiv, würde das beim Reiten besser.

Maurice besaß ein sehr schönes dunkelbraunes Pferd, neben dem Varus besonders plump wirkte. Doch er hielt seinen Kopf aufrecht und blickte hochmütig drein, als sei er sich seines unschätzbaren Wertes für Margaretha bewußt.

Es dauerte nicht lange, bis sie sich auf den Weg machten. Maurice hob Margaretha auf ihr Pferd, wobei sie jeden Schmerzenslaut unterdrückte, um nicht verweichlicht zu erscheinen. Sie würde durchhalten und wenn sie auf Varus ohnmächtig würde.

Maurice ritt voran, immer zügig und des Weges offenbar kundig. Margaretha hatte nichts anderes zu tun, als auf ihrem Pferd zu sitzen und die Tasche mit der Katze festzuhalten. Sie sah auf die Gestalt des Mannes vor ihr, und immer wieder durchströmte sie eine tiefe, warme Erleichterung. Sie hätte nicht gewußt, was sie ohne ihren Retter hätte tun sollen. Es war so wunderbar, daß Gott ihr gerade diesen Mann geschickt hatte, der so unendlich sicher und vertrauenerweckend war. Wenn sie nach Prag kam, ohne zu erfrieren, sich zu verirren oder von Soldaten aufgegriffen zu werden, dann hatte sie das nur ihm zu verdanken.

Manchmal, wenn sie Wiesen überquerten oder der Pfad breiter wurde, ritten sie nebeneinander und unterhielten sich. Margaretha paßte auf mit dem, was sie sagte, und versuchte eher, Maurice zum Sprechen zu bewegen. Sie erfuhr, daß die Lavanys eine alte Familie aus Königgrätz waren, die nun aber zersplittert lebte und sich nur selten auf dem Stammsitz am Riesengebirge traf.

»Meine Mutter war Französin«, benchtete Maurice, »sie stammte aus Nantes, und auch nach der Heirat mit meinem Vater verlor sie nie ihr Heimweh. Als er starb, ging sie dorthin zurück.«

»Lebt sie noch?«

»Nein, sie ist schon einige Jahre tot.«

»Von ihr haben Sie Ihren französischen Vornamen, nicht?«

»Ja, denn sie klammerte sich mit allen Mitteln an ihre Heimat. Sie hat meistens Französisch mit mir gesprochen. Eigentlich«, Maurice machte eine kurze, nachdenkliche Pause, »eigentlich war sie wohl sehr unglücklich.« Er sah schnell wieder auf, schüttelte die Gedanken ab.

»Sie haben sich ja auch recht weit von Ihrer Familie entfernt«, sagte er. Margaretha nickte.

»Wissen Sie«, erwiderte sie, »ich wurde in einem Kloster erzogen und wollte nun für einige Zeit etwas selbständig sein. Leider habe ich mir offenbar den falschen Ort dafür ausgesucht.«

»In diesen Zeiten ist jeder Ort gefährlich. Überall herrscht Krieg oder es droht einer auszubrechen. Man fragt sich, wie das einmal enden soll.«

»Ich würde gern wissen«, sagte Margaretha, »ob der Ketzer Martin Luther seine Reformation auch dann durchgeführt hätte, wenn er gewußt hätte, wieviel Krieg und Elend die Glaubensspaltung über die Welt bringt!«

»Ich bin mir nicht sicher, ob wir das alles daraufzurückführen sollten«, meinte Maurice, »auf den ersten Blick scheinen es Glaubenskriege zu sein, doch wenn man näher hinsieht, entdeckt man höchst irdische Intrigen und persönliche Machtgelüste. Solche Dinge haben niemals nur einen Ursprung.«

Sie ritten eine Weile schweigend, und Margaretha dachte über seine Worte nach. Schwester Gertrud hatte Luther immer als Teufel bezeichnet, als ein Verderben für die Menschheit und als Verführer, dessen unheilvollem, über seinen Tod hinaus wirkendem Einfluß man jeden nur erdenklichen Widerstand entgegenhalten solle. Und war er nicht verantwortlich für die Finsternis der Zeit, in der sie leben mußte? Auf jeden Fall, dachte Margaretha, hätten Richard und ich heiraten können, wenn er die Kirche nicht gespalten hätte.

»Sagen Sie«, unterbrach Maurice die Stille, »wie heißen Ihre Verwandten in Prag? Vielleicht kenne ich sie.«

»Tscharnini«, entgegnete Margaretha, ohne zu überlegen, Maurice sah sie sehr erstaunt an.

»Die Tscharninis?« fragte er. »Die überzeugtesten Lutheraner in ganz Böhmen?«

Margaretha begriff sofort ihren Fehler. Sie hatte sich zu ihrem Katholizismus bekannt, so daß es nun merkwürdig erschien, wie es innerhalb einer Familie so entgegengesetzte Glaubensrichtungen geben konnte.

»Ach, wir sind nur sehr entfernt verwandt«, stotterte sie und merkte, daß er ihr nicht glaubte. Um ihn abzulenken, fragte sie: »Sie kennen die Familie?«

»Jeder hier kennt sie. Gesellschaftlich zählen sie zu den vornehmsten Kreisen in Prag, auch haben sie sich bei dem Aufstand sehr hervorgetan. Sie gehören zu den letzten Getreuen von König Friedrich.«

»Sie mögen sie nicht!«

»Das will ich nicht sagen«, entgegnete Maurice, »politisch sind wir Gegner, ich habe mich aber früher bei festlichen Anlässen sehr gut mit einzelnen Familienmitgliedern unterhalten.«

»Ach, ja?« fragte Margaretha gespannt. Sie hoffte auf ein paar Worte über Richard. »Kennen Sie Sophia?«

»Ja. Sie ist äußerst interessant. Von Grund auf ehrlich.«

»Ja, nicht wahr? Ich mag sie auch gerne. Und kennen Sie auch … Richard?«

Maurice lachte ein wenig spöttisch.

»Der schöne Richard«, sagte er, »wer sollte ihn nicht kennen? Ohne seine Liebschaften hätte Prag ja nichts zu tratschen!«

Margaretha spürte, wie sie blaß wurde.

»Sind es wirklich so viele?« fragte sie, hoffend, daß Maurice jtdas Beben in ihrer Stimme nicht bemerkt hatte. Er sah sie scharf an.

»Ehrlich gesagt«, erwiderte er, »kümmere ich mich nicht darum.«

»Natürlich nicht«, sagte Margaretha leise. Sie mußte jetzt wieder hinter Maurice reiten, wofür sie dankbar war, denn so konnten sie nicht weitersprechen. Sie überlegte, was Maurice nun von ihr dachte, nachdem er ihre alte Geschichte nicht länger zu glauben schien. Dankbar nahm sie aber zur Kenntnis, daß er taktvoll genug war, keine Fragen zu stellen.

Trotz der bitteren Kälte kamen sie gut voran, Maurice ritt über kaum erkennbare Pfade oder quer durch die Wildnis, aber immer mit größter Sicherheit. Einmal machten sie eine Pause, während der Margaretha ihren Begleiter fragte, weshalb er nach Prag reise, wenn er doch ein Gegner des böhmischen Königs sei.

»Ich erfülle einen Auftrag des Kaisers«, lautete die kurze Antwort.

Margaretha hatte sich inzwischen daran gewöhnt, daß sich offenbar jeder Mann nur noch damit beschäftigte, geheime Botschaften zu überbringen, und so fragte sie auch nicht weiter.

Es wurde Nachmittag, und die frühe Dämmerung brach bereits herein, als sie den oberen, bewaldeten Kamm einer langgestreckten Hügelkette erreichten. Vor ihnen breitete sich ein weites Tal aus, das sie durch eine Schneise hindurch überblicken konnten. Dichter Nebel lag über der Niederung, hüllte alles in seine weißen Schleier, gab der Landschaft zusammen mit der sich langsam herabsenkenden Dunkelheit etwas Unwirkliches und Gespenstisches. Aber im schwachen Licht konnte Margaretha Mauern erkennen, gebaut aus dunklem Stein, und fest Türme, Bacher und Tore. Geisterhaft sahen sie aus dem Dunkeln hervor, und es war kaum vorstellbar, daß dort Menschen lebten. Kein Laut war zu hören, und Margaretha atmete nach den Anstrengungen dmses Tages tief durch. Dee feuchte Kalte roch herbstlich nach modrigem Laub, Pilzen, nasser Rinde und Tannennadeln. Aus den Nüstern der Pferde quellen weiße Atemwolken. Margaretha blickte zu Maurice hin, der ahnte, was sie fragen wollte und nickte.

»Das ist Prag«, sagte er.

11

Die Bewohner der Stadt hatten sich an diesem kalten Nachmittag schon früh in ihre Häuser zurückgezogen. Aus manchen Wohnungen schimmerte gedämpftes Licht, vereinzelt drang der Schein eines Herdfeuers in die Dunkelheit. Die Gassen, die während des Tages erfüllt sein mußten von Lachen und Flüchen, dem Geschwätz und den eiligen Schritten der Bürger, lagen wie ausgestorben. In einiger Entfernung rasselte ein Wagen über das Pflaster, unter einer Treppe balgten sich quietschend die Ratten. Margaretha bemerkte schaudernd die Berge von Abfällen, die sich, von den Einwohnern einfach aus den Fenstern gekippt, rechts und links der Straße türmten und einen widerwärtigen fauligen Geruch verströmten. Eine Katze schnupperte darin herum, bevor sie blitzschnell durch ein Kellerfenster verschwand. Von weither drang ein kurzes, heisers Lachen.

Margaretha und Maurice ritten nebeneinander. Die Hufe ihrer Pferde klapperten über das Kopfsteinpflaster, und dieses Geräusch klang inmitten der Stille so laut, daß es Margaretha fast unangenehm war. Sie wünschte, sie wären endlich am Ziel, nicht nur, weil sie sich müde fühlte, sondern weil die nebelverhangenen, engen Straßen sie bedrückten. Sie hatte sich danach gesehnt, die Stadt zu erreichen, nun schien sie ihr wie eine Falle. Düstere Vorahnung befiel sie.

»Es ist so ruhig«, sagte sie schaudernd, »als warteten die Menschen auf ein unweigerlich hereinbrechendes Unheil.«

»Sie wissen, daß die Bayern kommen«, antwortete Maurice, »und in den Familien hat man Angst um die Männer, die dem feindlichen Heer entgegenziehen.«

Sie kamen an einem Haus vorüber, vor dem eine trüb flackernde Laterne hing, und für einen Moment konnte Maurice Margarethas bleiches, angstvolles Gesicht erkennen. Sie ritten dicht nebeneinander, so daß er kurz ihre Hand ergreifen konnte.

»Es wird nicht die ganze Welt zusammenstürzen«, sagte er beruhigend, »machen Sie sich keine Sorgen!« Er ließ sie wieder los, aber Margaretha fühlte sich schon getröstet. Sie kannte keinen Menschen, der so viel Sicherheit ausstrahlte wie Maurice. Er wußte auch, wo das Haus der Tscharninis lag, denn Margaretha hatte natürlich keine Ahnung. Sie hoffte von ganzem Herzen, daß Sophia da wäre und sie zu Friedrichs Schwester bringen könnte. Allein wäre ihr das zutiefst peinlich gewesen, empfand sie es doch ohnehin als demütigend, wie eine abgerissene Bettlerin um eine Unterkunft bitten zu müssen. Noch vor wenigen Monaten hatte sie das Gewicht ihres guten Namens und ihrer Herkunft geschützt, doch nun ahnte sie, wie unbedeutend solche Dinge in der Fremde werden konnten, wo niemand um ihre Bedeutung wußte.

Sie bogen in eine breitere Gasse ein, in der die Häuser weiter zürücktraten und größer schienen als zuvor. Hier begann die vornehmere Gegend der Stadt, wo die wohlhabenden Bürger lebten und ein Stück weiter auch die Adelsfamilien. Der Nebel jedoch ließ alles unterschiedslos düster erscheinen. Margaretha war bereits jetzt davon überzeugt, daß sie Prag niemals lieben würde.

Vor einem hohen, schmalen Haus blieben sie stehen. Margaretha erkannte viele kleine Fenster, eine breite, hölzerne Eingangstür mit einigen Steinstufen davor und reichverziertes Fachwerk. Aber alles lag so still und dunkel, daß sie von Schrecken befallen wurde.

»Ist dies das Haus der Tscharninis?« fragte sie. Maurice nickte.

Margaretha blickte unsicher an der Fassade hinauf.

»Ob jemand da ist?« meinte sie zweifelnd.

»Ich wüßte nicht, wo sie sonst sein sollten«, entgegnete Maurice, »klopfen Sie doch einfach an.«

»Ja, das werde ich tun.« Margaretha reichte ihrem Begleiter die Hand.

»Sie müssen nicht in der Kälte stehenbleiben und warten«, sagte sie, »Sie haben schon so viel für mich getan. Ohne Sie wäre ich niemals hierhergekommen. Ich danke Ihnen!«

»Aber ich gehe doch jetzt nicht weg, ohne zu wissen, ob Ihre Verwandten wirklich zu Hause sind«, erwiderte Maurice. Er sprang vom Pferd, trat zu Margaretha und hob sie herab.

»Ich bleibe, bis Sie ganz und gar in Sicherheit sind«, sagte er.

Margaretha seufzte. Wie peinlich, wenn Richard die Tür öffnete. Sie war sicher, daß Maurice ihre Geschichte längst durchschaute, aber trotzdem wäre es ihr unangenehm, wenn er diese Begegnung miterleben würde.

Sie betätigte zaghaft den eisernen Klopfer, der an der Tür hing. Wenn nur Sophia erschiene! Nach einer Weile näherten sich Schritte und ein junges Mädchen in Dienstbotenkleidung öffnete.

»Ja?« fragte sie mißtrauisch. Margaretha lächelte gewinnend. »Ist Fräulein Sophia von Tscharnini zu Hause?« fragte sie.

Das Mädchen sah sie hochnäsig an.

»Meinen Sie vielleicht Sophia Baronin Chenkow?«

»O ja, natürlich. Ich vergaß ganz …Ist sie da?«

»Was möchten Sie denn von ihr?« Der Ton des Mädchens wurde immer herablassender; Maurice trat aus dem Schatten hervor.

»Bestellen Sie bitte der Baronin Chenkow«, sagte er, »daß Fräulein Margaretha von Ragnitz und Graf Lavany sie zu sprechen wünschen.«

Der letztgenannte Name verfehlte nicht seine Wirkung. Das Mädchen erbleichte und schluckte.

»Graf Lavany«, wiederholte sie, »ich werde sofort … möchten sie nicht hereinkommen?«

»Nein, wir warten lieber draußen«, erwiderte Margaretha rasch. Das Mädchen verschwand. Maurice sah aus, als wolle er etwas fragen. Zweifellos glaubte er inzwischen gar nichts mehr.

Es dauerte nicht lange, bis Sophia erschien. Sie stieß einen leisen Schrei aus und schloß Margaretha in die Arme.

»Margaretha!« rief sie. »Ach, ich habe nicht mehr geglaubt, daß du noch kommen würdest!«

»Ich glaubte es selber nicht. Ich wäre bestimmt verloren gewesen, hätte ich nicht den Grafen getroffen!« Margaretha wandte sich zu Maurice um, und Sophia folgte ihrem Blick. Sie verzog spöttisch, aber nicht unfreundlich, den Mund.

»Sieh an«, sagte sie, »Maurice! Sie sind nun ganz oben, nicht wahr? Die Protestanten Böhmens stehen vor ihrer Niederlage.«

»Ich würde es bedauern, Madame, wenn uns dies zu Gegnern machte«, erwiderte Maurice mit einer leichten Verbeugung.

»Ah, mein Lieber, Sie wissen genau, daß ich immer viel für Sie übrig hatte. Ich mag es, wenn Menschen treu für das kämpfen, was sie für richtig halten. Selbst wenn sie katholisch sind.«

»Vielen Dank. In diesem Fall geht es mir nur um den König. Als Herrscher Böhmens hielt ich ihn von Anfang an für untauglich.«

Sophia lachte.

»Soll ich Ihnen etwas verraten?« fragte sie. »Obwohl mein Mann und mein Bruder gerade dabei sind, für diesen König ins Feld zu ziehen und ich Loyalität beweisen sollte, habe ich von ihm dieselbe Meinung wie Sie. Er ist ein Schwächling!«

»Richard und Julius sind mit dem Heer gezogen?« erkundigte sich Margaretha.

»Ja, schon vor einiger Zeit. Es muß abscheulich sein bei der Kälte.« Sophia sah sich suchend um.

»Wo ist denn Lioba?«

Margaretha stieß einen verächtlichen Laut aus.

»Lioba hat sich aus dem Staub gemacht, als die Lage gefährlich wurde«, sagte sie, »und mich hat sie zurückgelassen.«

»Ist das wahr? Dieses teuflische alte Weib soll sich vorsehen, wenn sie mir noch einmal begegnet!« drohte Sophia zornig.

»Sie ist nicht hier?«

»Nein. Sie hat es wohl nicht geschafft, doch das scheint mir nur gerecht. Aber nun komm«, Sophia ergriff Margarethas Hand, »ich bringe dich zu Luzia von Lekowsky!«

»Bist du sicher, daß sie nichts dagegen haben wird?«

»Nein, hör endlich auf damit. Luzia ist ein Engel.«

»Möchten Sie, daß ich Sie begleite?« fragte Maurice.

»Nein vielen Dank. Wir haben nur wenige Schritte zu gehen. Aber ich danke Ihnen, daß Sie Margaretha hierhergebracht haben.«

»Sie haben mir das Leben gerettet«, sagte Margaretha, »ich werde Ihnen das niemals vergessen, so lange ich lebe!«

»Es war selbstverständlich, und ich habe es gern getan«, erwiderte Maurice freundlich.

»Werden wir uns wiedersehen?« fragte Margaretha.

»Das glaube ich schon. Vielleicht sind die Umstände dann weniger dramatisch als jetzt.« Er stieg auf sein Pferd.

»Leben Sie wohl«, sagte er, »und haben Sie keine Angst. Hier in Prag sind Sie ziemlich sicher!« Er hob grüßend die Hand, dann ritt er davon, und der Nebel verschluckte ihn schnell, so als sei er nie dagewesen. Sophia sah ihm nach.

»Du hattest großes Glück«, meinte sie, »Graf Lavany ist einer der vornehmsten und erfahrensten Männer Böhmens. Du mußt einen Schutzengel haben, daß du gerade ihn trafst!«

»Nun, es waren jedenfalls grauenhafte Tage«, entgegnete Margaretha schaudernd, »ich hatte solche Angst und es war so kalt…«

»Du Ärmste, wie unaufmerksam von mir! Ich rede und rede, dabei siehst du ganz verfroren aus. Wir gehen gleich zu Luzia, da kannst du dich aufwärmen.«

Sophia nahm Varus am Zügel, und beide Mädchen gingen mit schnellen Schritten nebeneinander die Gasse hinunter. Unterwegs gab Sophia der Freundin noch einige Anweisungen.

»Wir haben Luzia. nichts davon erzählt, daß du mit Richard nach Böhmen gekommen bist. Wir denken …«

»Ich verstehe«, meinte Margaretha etwas bitter, »Richards Name soll sauber bleiben.«

»Du darfst nicht böse sein«, bat Sophia, »wenn es nach mir ginge — den Teufel würde ich mich um Richards Namen scheren. Aber meine Mutter würde sich schrecklich aufregen, und das will ich ihr ersparen.«

»Ich bin dir doch nicht böse. Aber was soll ich Luzia sagen?«

»Du bist eine alte Freundin von mir«, erklärte Sophia, »wir lernten uns vor vielen Jahren kennen, als ich mit meiner Familie nach Bayern reiste. Nun solltest du mit einem Mann verheiratet werden, der dir zutiefst zuwider ist, und daher …«

»Das ist nicht mal so völlig erlogen«, murmelte Margaretha.

»Nein? Siehst du, das macht die Sache noch einfacher. Du bist weggelaufen und hast dich auf abenteuerlichen Wegen nach Böhmen durchgeschlagen. Meine Familie heißt dein Verhalten aber natürlich nicht gut und will dich nicht aufnehmen, und so lebst du bei Luzia. Wie findest du den Plan?«

»Er ist gut.«

Sophia ergriff Margarethas Arm.

»Warum bist du so schrecklich trübsinnig?« fragte sie.

Margaretha seufzte.

»Ach, Sophia«, ihre Stimme bebte, »Sophia, siehst du, ich komme in diese Stadt und alles ist so grau und kalt, und ich muß bei Fremden Unterschlupf suchen, und ich weiß genau, ich werde niemals nach Hause zurückkehren können. Ich werde die Menschen, die ich liebte, nicht wiedersehen, und sie werden nicht wissen, was ich tue und wie ich lebe. Sie werden nicht einmal erfahren, wenn ich sterbe!«

»Ich kann mir vorstellen, wie dir zumute ist«, entgegnete Sophia, »und ich weiß auch, wieviel Schuld meine Familie an dem trägt, was passiert ist. Aber, Margaretha, es ist geschehen und auf irgendeine Weise mußt du damit leben oder du versinkst in Verzweiflung. Vielleicht hat alles, was du jetzt erleidest, einen Sinn, der dir später aufgehen wird und der womöglich dein Glück bedeuten kann!«

Margaretha nickte, nicht überzeugt, aber bereits wieder gefaßt. Wenigstens lebte sie noch, und das war nach den Ereignissen der letzten Tage alles andere als selbstverständlich.

Zwei Straßen entfernt lag das Haus von Luzia. Es unterschied sich kaum von dem der Tscharninis, war nur noch breiter und behäbiger.

»Die Lekowskys sind äußerst wohlhabend«, erläuterte Sophia, »und nach dem Tod der Eltern waren Friedrich und Luzia die einzigen Erben.« Sie betätigte den Klopfer. Es dauerte nicht lange, bis Schritte erklangen, dann wurde die Tür geöffnet. In der Dunkelheit konnte Margaretha nur erkennen, daß eine Frauengestalt heraustrat.

»Guten Abend, Luzia«, sagte Sophia, »ich bringe dir Margaretha von Ragnitz.«

»Guten Abend, Sophia… und Margaretha!« Margaretha fühlte sich an die Hand genommen. Die sanfte Stimmte fuhr fort: »Ich freue mich so, daß Sie bei mir wohnen möchten.«

Margaretha schluckte, ganz überwältigt von der Güte, die ihr entgegengebracht wurde. Sie sah zu Sophia hin, die zufrieden nickte.

»Ich habe dir gesagt, daß Luzia ein Engel ist«, meinte sie, »Luzia, dieses dumme Mädchen glaubt, es fiele dir zur Last!«

»Das ist wirklich dumm«, sagte Luzia lachend, »ich lebe im Moment ganz allein in diesem Haus und freue mich über Besuch. Aber«, sie trat zurück, »kommen Sie doch herein!«

»Gern, vielen Dank. Nur mein Pferd …«

»Der Stalljunge wird sich darum kümmern. Bleibst du auch noch etwas, Sophia?«

Sophia lehnte bedauernd ab.

»Man wird sich um mich sorgen«, meinte sie, »aber morgen besuche ich dich, Margaretha.« Sie küßte ihre Freundin, bevor sie mit schnellen Schritten nach Hause ging. Margaretha trat in einen schwach erleuchteten Vorraum. Wunderbare Wärme schlug ihr entgegen und der sanfte Duft von gutem Essen. Sie atmete tief und schloß kurz die