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Satan und Ischariot III

Карл Май

Über den Autor Karl May wurde am 25.2.1842 in Hohenstein-Ernstthal als Sohn eines armen Webers geboren und war bis zum 5. Lebensjahr blind. Als Volksschullehrer wurde May wegen Diebstahls entlassen und verbrachte insgesamt 7 1/2 Jahre wegen Eigentumsvergehen und Betrügereien aus finanzieller Notlage im Gefängnis. Zunächst schrieb er erzgebirgische Dorfgeschichten und Humoresken für Zeitschriften in Dresden, später Kolportageromane. Mit seinen Reiseerzählungen, die in Nordamerika oder im Orient spielten, wurde May berühmt. Karl May starb am 30.3.1912 in Radebeul bei Dresden. Entstehungsgeschichte Ab 1892 brachte der Freiburger Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld eine Buchreihe mit Mays Reiseerzählungen heraus. Nach dem großen Erfolg des Orientzyklus (Band 1 bis 6) kamen weitere Bände hinzu. »Satan und Ischariot« erschien zunächst ohne Obertitel in der Wochenzeitschrift »Deutscher Hausschatz in Wort und Bild« und wurde später als Band 20 bis 21 veröffentlicht. Ein gestrichener Manuskriptteil wurde sehr viel später vom Karl-May-Verlag in Band 79 aufgenommen. Der vorliegende Text wurde nach den jeweiligen Buch-Erstauflagen von 1896/1897 und 1897 erfaßt.

Satan und Ischariot III.

Die Jagd auf den Millionendieb

Erstes Kapitel.

Wieder im Westen. 

Seit dem bisher Erzählten waren vier Monate vergangen, in denen die ersten zwölf Wochen lang ein mir unendlich teures Leben mit sehr abwechselndem Erfolge mit dem Tode gerungen hatte. Ich meine dasjenige meines Freundes Winnetou.

Seine sonst so widerstandsfähige Natur hatte doch unter dem Aufenthalte in Afrika, so kurz derselbe war, gelitten. Wir bekamen in Marseille schnelle Gelegenheit nur nach Southampton. Kaum hatte sich das Schiff in Bewegung gesetzt, so mußte er sich legen. Wir hielten die Uebelkeit, welche ihn befiel, zunächst für eine Folge der Seekrankheit; aber als dieselbe sich nicht hob, zogen wir den Schiffsarzt zu Rate, und dieser konstatierte ein schweres Gallen- und Leberleiden, welches eine gefährliche Wendung zu nehmen drohte. In Southampton angekommen, war er so schwach, daß er von Bord getragen werden mußte; an eine Weiterreise war nicht zu denken. Emery, welcher hier bekannt war, mietete in der Umgegend der Seestadt, die der »Garten Englands« genannt wird, eine der vielen hier befindlichen Villen, welche wir mit dem Patienten bezogen. Zwei der tüchtigsten Aerzte, welche es gab, teilten sich in seine Behandlung.

Er, der dem Tode hundertmal offen in das Auge geschaut hatte, mußte hier nun mit einem versteckten, heimtückischen Feinde kämpfen, den er nicht zu fassen vermochte. Bald schien er zu unterliegen, bald trat wieder eine Besserung ein, die uns Hoffnung gab, aber nicht lange anhielt. Es verstand sich ganz von selbst, daß wir an nichts anderes als die Pflege des teuern Freundes denken konnten. Wir saßen, uns ablösend, Tag und Nacht an seinem Bette und thaten alles, was geeignet war, den tückischen Feind in die Flucht zu schlagen. Aber erst in der dreizehnten Woche erklärten uns die Aerzte, daß das Schlimmste vorüber sei und der Kranke nur noch der Schonung und der Erholung bedürfe.

Schonung und Erholung! Der Apatsche lächelte, als er die beiden Worte hörte, obgleich er zum Skelette abgemagert war, sodaß dieses Lächeln weit eher wie unterdrücktes Weinen aussah.

»Schonung?« fragte er. »Ich habe keine Zeit dazu. Und Erholung? Kann Winnetou sich auf diesem Lager und in diesem Lande erholen? Gebt ihm seine Prairie, seinen Urwald wieder, dann wird er seine Kräfte schnell zurückbekommen! Wir müssen fort. Meine Brüder wissen, welche eilige Angelegenheit uns hinüberruft.«

Wohl wußten wir das; sie war auch wirklich eilig-, aber einer, der soeben einer so schweren, lebensgefährlichen Krankheit entronnen ist, muß sich vor jeder Eile hüten.

Es versteht sich von selbst, daß wir nichts versäumt hatten, was wir in unserer Lage thun konnten, um den Plan der beiden Meltons, sich in den Besitz eines Vermögens von Millionen zu setzen, zu Schanden zu machen. Die beiden Schufte hatten in Afrika den jungen Hunter ermordet und waren nun nach Amerika abgesegelt, um mittels der Aehnlichkeit, welche der junge Melton mit dem Ermordeten hatte, und mittels der ihm gestohlenen Papiere sich in Besitz eines Erbes zu setzen, welches ihm zufallen sollte. Ich hatte sofort nach unserer Ankunft in Southampton, als es sich herausstellte, daß wir hier bleiben mußten, dem jungen Advokaten Fred Murphy in New Orleans telegraphiert. Da die Depesche nicht als unbestellbar zurückkam, nahm ich an, daß er sie erhalten hatte. Gleich nach Absendung derselben schrieb ich ihm einen langen Brief, in welchem ich ihm unsere Erlebnisse mitteilte, ihn von allem, was wir erfahren hatten, genau unterrichtete und ihn ersuchte, die Meltons, sobald sie sich in New Orleans zeigen würden, festnehmen zu lassen und bis zu unserer Ankunft in sicherm Gewahrsam zu halten.

Ungefähr drei Wochen später antwortete er mir. Er dankte mir für meine Mitteilungen und benachrichtigter mich, daß sie bereits die von mir erwarteten Folgen gehabt hätten. Als Freund von Small Hunter hatte er sich so sehr um dessen Auffindung und um die ganze Angelegenheit bemüht, daß er vom Gericht aus als Erbschaftsverweser eingesetzt worden war. Er hatte die Behörde sofort über mein Telegramm und dann auch über meinen Brief verständigt, und beide waren zu den Akten genommen worden. Kurze Zeit später hatte sich der falsche Hunter auch wirklich gemeldet und war mit seinem Vater festgenommen worden. Er hatte dem echten Hunter dort so ähnlich gesehen und war selbst in dessen kleinste und intimste Angelegenheiten so eingeweiht gewesen, daß man ihn ohne mein Schreiben ganz gewiß für denselben gehalten und ihm die reiche Erbschaft unbedenklich zugesprochen hätte. Die Untersuchung aber hatte ergeben, daß er normale Füße besaß, während die Bekannten des echten Hunter dort wußten, daß dieser zwölf Zehen besessen hatte.

Das schrieb mir der Anwalt. Zugleich bat er mich um Zusendung der Dokumente, welche sich in meiner Hand befanden und zur völligen Ueberführung der beiden Betrüger nötig waren. Er meinte, wir drei Zeugen könnten noch lange verhindert sein, hinüber zu kommen, und es läge im Interesse der eigentlichen Erben, die Sache so bald wie möglich zum Austrag zu bringen.

Ich mußte zugeben, daß er da recht hatte, und doch gab es eine Stimme in mir, welche mich warnte, auf dieses Begehren einzugehen. In einer Seestadt, wie Southampton ist, werden alle hervorragenden ausländischen Blätter gelesen. Es standen mir drei der gelesensten Zeitungen aus New Orleans zur Verfügung, und keine gedachte der Angelegenheit auch nur mit einem Worte. Das fiel mir auf.

»Die Behörde wird die Sache geheim halten«, meinte Emery, um das Schweigen zu erklären.

»Warum?« fragte ich.

»Hm! Weiß auch keinen Grund.«

»Ich kann mir noch weniger einen denken, zumal man drüben selbst in andern Angelegenheiten sich nicht scheut, vor die Oeffentlichkeit zu treten. Der Yankee ist selbst als Jurist, als Kriminalist kein Geheimniskrämer, und in unserm Falle würde die Veröffentlichung mehr als geraten sein, da durch sie ganz gewiß ein niederschmetterndes Material gegen die Meltons zusammenkäme; davon bin ich überzeugt.«

»Well; ich auch.«

»Also verstehe ich die Heimlichkeit nicht; ja, sie kommt mir sogar bedenklich vor.« »So willst du die Dokumente nicht hinüberschicken?«

»Nein. Ich werde das dem Advokaten schreiben. Ich werde ihm sagen, daß die Papiere von zu großer Wichtigkeit seien, als daß ich sie den Zu- und Unfällen des Seeverkehrs anvertrauen möchte; und wenn er, was zu bezweifeln ich bis Jetzt noch keine Ursache habe, ein ebenso tüchtiger wie vorsichtiger Gesetzeskundiger ist, so kann er das nur loben.«

Ich schrieb also und bekam nach abermals fast drei Wochen wieder einen Brief, in welchem Fred Murphy meine Zurückhaltung zwar vollkommen anerkannte, mich aber bat, ihm die Dokumente durch einen sichern Mann zu schicken. Auch das unterließ ich, da sogar bis jetzt die Blätter von New Orleans geschwiegen hatten. Ich antwortete nicht, und er schwieg auch. Darum nahm ich an, daß er mir meine Vorsicht zwar wohl übelgenommen habe, aber nun auf meine Ankunft warten wolle.

Einen zweiten Brief hatte ich geschrieben, nämlich an Frau Werner und Ihren Bruder Franz, den Violinisten. Auch ihnen erzählte ich ausführlich das Resultat unserer Nachforschung nach Small Hunter und gab ihnen die Versicherung, daß sie ganz gewiß in den Besitz der Erbschaft kommen würden, welche die beiden Meltons für sich ergaunern wollten. Ich freute mich königlich darüber, ihnen eine so frohe Nachricht senden zu können, bekam jedoch keine Antwort, was mich aber nicht stören konnte. Bis San Francisco war es weiter als bis New Orleans, und die Adressaten konnten die Wohnung, ja sogar den Aufenthalt in dieser Stadt mit dem an einem andern Orte gewechselt haben. Sie erhielten mein Schreiben sicher, da Franz mir die richtige Adresse gegeben und auch jedenfalls dafür gesorgt hatte, daß der Brief ihnen auf alle Fälle nachgeschickt wurde.

Als Winnetous Genesung soweit vorgeschritten war, daß er sich nun im Freien ergehen durfte, machte ich ihm den Vorschlag, noch bis zu seiner völligen Herstellung hier zu bleiben, ich aber wolle einstweilen allein nach New Orleans gehen. Er sah mich mit verwunderten Augen an und fragte:

»Hat mein Bruder im Ernste gesprochen? Hat mein Bruder vergessen, daß Old Shatterhand und Winnetou zusammengehören?«

»Hier ist eine Ausnahme notwendig. Die Sache eilt, und du bist aber noch nicht ganz gesund.«

»Winnetou wird auf dem großen Wasser schneller gesund werden, als hier in dem großen Hause. Er wird mit dir reisen. Wann fährst du ab?«

»Nun höchst wahrscheinlich noch nicht. Du lässest mich ohne dich nicht fort, und ich will dich keinem Rückfalle aussetzen, welcher viel gefährlicher sein würde, als die ausgestandene Krankheit.«

»Und doch werden wir fahren; ich will es so! Mein Bruder mag sich erkundigen, wann das nächste Schiff nach New Orleans geht; dieses werden wir besteigen. Howgh!«

Wenn er das Wort aussprach, so war es das Zeichen, daß jeder Einwand, jede Widerrede ohne Erfolg sein werde; ich mußte mich also fügen.

Vier Tage später gingen wir an Bord. Es versteht sich von selbst, daß wir vorher alle Vorkehrungen getroffen hatten, welche uns geeignet erschienen, der Seereise die Gefahr für Winnetou zu benehmen.

Unsere Sorge war umsonst gewesen; seine Vorhersagung erfüllte sich. er erholte sich so schnell, daß wir uns schier darüber verwunderten, und als wir in New Orleans ankamen, fühlte er sich so stark und wohl, wie er vor der Krankheit gewesen war.

Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß Emery die Reise auch mitmachte. Seine Anwesenheit als Zeuge war nicht unbedingt nötig, wenn auch wünschenswert, doch war er neugierig auf das Kommende, und das Geld, welches die Reise kostete, spielte bei ihm keine Rolle.

Nachdem wir uns in einem Hotel untergebracht hatten, suchte ich den Advokaten auf, ich allein, da es nicht notwendig war, ihn zu dritt zu belästigen. Seine Wohnung und seine Expedition war bald gefunden. Aus der Größe der letzteren und den Klienten, welche wartend dasaßen, war zu schließen, daß ich es mit einem vielbeschäftigten und gesuchten Advokaten zu thun hatte. Ich gab dem Bureaudiener meine Karte und wies ihn an, sie dem Chef sofort zu übergeben, worauf derselbe mich augenblicklich vorlassen werde. Der Mann that dies. Als er aus dem Zimmer des Herrn zurückkehrte, ließ er mich zu meiner Verwunderung nicht eintreten, sondern deutete stumm auf einen leeren Stuhl.

»Hat Mr. Murphy meine Karte gesehen?« fragte ich.

»Yes,« nickte er.

»Was sagte er?« »Nothing.«

»Nichts? Aber er kennt mich doch!« »Well!« meinte er in gleichgültigem Tone.

»Und meine Angelegenheit ist nicht nur außerordentlich wichtig, sondern auch sehr eilig! Geht hinein, und sagt, daß ich bitte, sogleich vorgelassen zu werden!«

»Well!«

Er drehte sich steif um und verschwand abermals hinter der Thür seines Prinzipals. Als er zurückkehrte, würdigte er mich keines Blickes, trat an das Fenster und beobachtete die draußen vorübergehenden Menschen.

»Nun, was hat Mr. Murphy gesagt?« fragte ich ihn, indem ich zu ihm an das Fenster trat. »Nothing.«

»Wieder nichts? Unbegreiflich! Habt Ihr meinen Auftrag denn wirklich ausgerichtet?« Da drehte er sich rasch zu mir herum und fuhr mich an:

»Schwatzt nicht so in den Tag hinein, Sir! Ich habe mehr zu thun, als Euch Eure überflüssige Neugierde wie eine alte Katze zu streicheln. Mr. Murphy hat Eure Karte zweimal angesehen und nichts dazu gesagt; das will heißen, daß Ihr wie jeder andere zu warten habt, bis die Reihe an Euch kommt. Setzt Euch also nieder, und laßt mich in Ruhe!«

Was war denn das! Nicht etwa, daß mich die Grobheit des Menschen genierte, 0 gar nicht; ich setzte mich ruhig nieder, um zu warten. Aber, daß der Advokat mich warten ließ, obgleich er meine Karte zweimal gelesen hatte! Mein Name ist kein oft vorkommender, zumal drüben in den Vereinigten Staaten, und mit welcher hochwichtigen Angelegenheit er in Beziehung stand, das mußte dem Advokaten doch sofort einfallen, sobald sein Auge auf die Karte fiel. Nun, die Erklärung mußte ja kommen!

So war ich der letzte von fast zwanzig Klienten. Es verging eine Stunde und noch eine; auch die dritte war schon über die Hälfte verflossen, als endlich die Reihe an mich kam, bei dem Anwalt einzutreten. Er war ein noch junger Mann von nicht viel über dreißig Jahren mit einem feinen, geistreichen Gesichte und scharfen Augen, die er fragend auf mich richtete.

»Mr. Murphy?« erkundigte ich mich, indem ich mich leicht vorbeugte.

»Ja,« antwortete er. »Euer Wunsch?«

»Ihr kennt ihn. Ich komme direkt aus Southampton.«

»Southampton?« meinte er kopfschüttelnd. »Ich erinnere mich keiner Verbindung, in welcher ich mit diesem Platz stände.«

»Auch dann nicht, wenn Ihr meine Karte lest?« »Auch dann nicht.«

»Sonderbar. Bitte, Euch zu besinnen! Ich konnte wegen der Erkrankung Winnetous nicht eher kommen.«

»Winnetou? Jedenfalls meint Ihr den berühmten Apatschenhäuptling?«

»Allerdings.«

»Nun, der reitet jedenfalls mit seinem unvermeidlichen Old Shatterhand irgendwo in der Prairie oder im Gebirge herum. Wie konntet Ihr drüben in Southampton annehmen, daß er erkrankt ist?«

»Er lag eben drüben in Southampton todkrank danieder; ich bin Old Shatterhand, habe ihn gepflegt und nun sind wir gekommen, Euch persönlich die Dokumente auszuhändigen, welche ich nach Eurem Wunsche Euch eigentlich schicken sollte.«

Er war von einem Stuhle, von welchem er sich bei meinem Eintritte nicht erhoben hatte, aufgefahren, sah mir erstaunt in das Gesicht und rief:

»Old Shatterhand? So wird mir ein großer, großer Wunsch erfüllt! Wie viel und oft habe ich von Euch gehört, von Winnetou, Old Firehand, dem langen Davy, dem dicken Jemmy und vielen andern, die mit Euch im Westen waren! Willkommen, Sir, herzlich willkommen! Ich habe wirklich sehr gewünscht, Euch einmal zu begegnen, und nun sehe ich Euch so unerwartet, nun kommt Ihr zu mir! Setzt Euch, setzt Euch! Ich kann über meine Zeit verfügen.«

»Das schien vorher nicht so.«

»Warum?«

»Weil Ihr mich nicht vorließt; ich habe drittehalb Stunde warten müssen.«

»Das thut mir leid, unendlich leid, Sir. Ich kenne wohl Euern Kriegsnamen, aber nicht Euern richtigen.«

»Ihr müßt Euch irren. Ich habe Euch zweimal geschrieben, und Ihr antwortetet mir auch zweimal.«

»Ist mir nicht erinnerlich, habe noch nie nach Southampton geschrieben. Welches war denn die Angelegenheit, in welcher Ihr Euch an mich wendetet?«

»Small Hunters Erbschaft.«

»Small Hunters? Ah, feine Erbschaft! Einige Millionen! Ich war Verweser. War eine feine, sehr einträgliche Arbeit. Habe sie leider aufgeben müssen. Wollte, die Angelegenheit wäre nicht so schnell zu Ende gegangen.«

»Zu Ende? Ihr wollt doch nicht etwa damit sagen, daß die Sache erledigt ist?« »Was sonst? Natürlich habe ich das damit sagen wollen.«

»Erledigt?« fragte ich erschrocken. »Da müßte sich doch der richtige Erbe gefunden haben?« »Das hat er auch!«

»Und die Erbschaft erhalten?«

»Ja, erhalten bis auf den letzten Penny.«

»Doch die Familie Vogel aus San Francisco?«

»Vogel? Habe mit keiner Art von Vogel aus San Francisco zu thun gehabt.« »Nicht? Wer ist denn da der Mann, der die Erbschaft ausgezahlt bekommen hat?« »Small Hunter.«

»Alle Wetter! So komme ich doch schon zu spät! Aber ich habe Euch doch vor Small Hunter gewarnt!«

»Wie! Was? Vor dem wollt Ihr mich gewarnt haben? Sir, Euer Wort in allen Ehren; Ihr seid ein berühmter und ein sehr tüchtiger Westmann; aber außerhalb der Prairie scheint Ihr unbegreiflich zu werden oder es zu lieben, Rätsel aufzugeben. Ihr wollt mich vor Small Hunter gewarnt haben? Ich muß Euch sagen, daß der junge Gentleman mein Freund ist.«

»Das weiß ich, nämlich, daß er es gewesen ist. Kann ein Toter noch jetzt, noch heut Euer Freund sein?« »Ein Toter? Was sprecht Ihr da! Small Hunter lebt nicht nur noch, sondern ist frisch und gesund.« »Darf ich fragen, wo?«

»Auf Reisen im Orient. Ich habe ihn selbst auf das Schiff gebracht, mit welchem er zunächst hinüber nach England gefahren ist.«

»Nach England! Hm! Reiste er allein?«

»Ganz allein, ohne Diener, wie es sich für so einen tüchtigen Weltbummler schickt. Er hat die Barbestände einkassiert, alles andre schnell verkauft und ist dann wieder fort, nach Indien, wie ich glaube.«

»Und sein Vermögen hat er mitgenommen?«

»Ja.«

»Ist Euch das nicht aufgefallen? Pflegt ein Tourist sein ganzes, mehrere Millionen betragendes Vermögen mit sich herumzutragen?«

»Nein; aber Small Hunter ist kein Tourist zu nennen. Er hat die Absicht, sich in Aegypten, Indien oder sonstwo anzukaufen. Nur das ist der Grund, daß er sein ganzes Eigentum flüssig gemacht hat.«

»Ich werde Euch beweisen, daß der Grund ein ganz anderer ist. Bitte, sagt mir vorher, ob sein Körper eine auffällige Eigenschaft, irgend eine Abnormität besitzt!«

»Abnormität? Wieso? Wozu wollt Ihr das wissen?«

»Das werdet Ihr erfahren. Antwortet zunächst.«

»Wenn Ihr es wünscht, meinetwegen! Es gab allerdings so eine Abnormität, welche aber äußerlich nicht zu bemerken war. Er hatte nämlich an jedem Fuße sechs Zehen.«

»Das wisset Ihr genau?«

»So genau, daß ich es beschwören kann.«

»Hatte der Mann, dem Ihr die Millionen verabfolgt habt, auch zwölf Zehen?«

»Wie kommt Ihr zu dieser sonderbaren Frage? Schreibt das Gesetz vor, daß man, wenn man jemandem eine Erbschaft auszahlt, die Zehen des Mannes zu zählen hat?«

»Nein. Aber der Mann, dem Ihr dieses große Vermögen ausgeantwortet habt, hat nur zehn Zehen in seinen Stiefeln.«

»Unsinn! würde ich rufen, wenn ihr nicht Old Shatterhand wärt.«

»Ruft es immerhin; ich nehme es Euch nicht übel. Ruft es dann noch einmal, wenn ich Euch sage, daß der echte, wirkliche Small Hunter mit seinen zwölf Zehen im Gebiete der tunesischen Beduinen vom Stamme der Uelad Ayar begraben liegt!«

»Begra - -«

Er sprach das Wort nicht aus, trat zwei Schritte zurück und starrte mich mit großen Augen an.

»Ja, begraben,« fuhr ich fort. »Small Hunter ist ermordet worden, und Ihr habt sein Erbe einem Betrüger verabfolgt.«

»Einem Betrüger? Seid Ihr bei Sinnen, Sir? Ihr habt gehört, daß ich vorhin sagte, Small Hunter sei mein bester Freund, und doch sollte ich einen Betrüger mit ihm verwechselt haben?«

»Allerdings.«

»Ihr irrt; Ihr müßt irren, unbedingt irren. Ich bin mit Small Hunter so befreundet, war mit ihm so intim, und wir kannten und kennen uns gegenseitig so genau, daß ein Betrüger selbst bei der größten Aehnlichkeit schon in der ersten Stunde unsers Verkehrs Gefahr laufen würde, von mir durchschaut zu werden.«

»Gefahr laufen? Ja, das gebe ich zu; aber die Gefahr ist für ihn sehr glücklich vorübergegangen.«

»Bedenkt, was Ihr sagt! Ihr seid Old Shatterhand. Ich muß annehmen, daß Ihr gekommen seid, mir nicht nur eine so unbegreifliche Mitteilung zu machen, sondern auch nach derselben zu handeln.«

»Das ist allerdings meine Absicht. Uebrigens habe ich bereits gehandelt, auch in Bezug auf Euch, indem ich Euch von Southampton aus die beiden Briefe schrieb.«

»Ich weiß von keinem Briefe!«

»Dann gestattet mir, Euch Eure beiden Antworten vorzulegen.«

Ich nahm die Briefe aus meiner Tasche und legte sie ihm auf den Tisch. Er ergriff und las den einen und dann den andern. Ich beobachtete ihn dabei. Welch eine Veränderung ging da in seinen Zügen vor! Als er den zweiten gelesen hatte, langte er wieder nach dem ersten, dann abermals nach dem zweiten; er las jeden

dreimal, viermal, ohne ein Wort zu sagen. Die Röte wich aus seinem Gesichte; er wurde leichenblaß und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, auf welcher sich Tropfen bildeten.

»Nun?« fragte ich, als er dann immer noch schwieg und lautlos in die Papiere starrte. »Kennt Ihr die Briefe nicht?«

»Nein,« antwortete er mit einem tiefen, tiefen Atemzuge, indem er sich mir wieder zuwendete. Seine sonst bleichen Wangen röteten sich unter den Augen stark. Das war der Schreck, die Aufregung. »Aber seht die Couverts! Die Briefe sind aus Eurer Office, wie Euer Stempel beweist.« »Ja.«

»Und von Euch unterschrieben!« »Nein!«

»Nicht? Wir haben da zweierlei Handschrift. Der Brief ist von einem Eurer Leute geschrieben und dann von Euch unterzeichnet worden.«

»Das erstere ist richtig, das letztere aber nicht.«

»Also ein Schreiber von Euch hat ihn doch verfaßt?«

»Ja; es ist Hudsons Hand. Es ist mehr als gewiß, daß er ihn geschrieben hat.« »Und Eure Unterschrift -?«

»Ist - gefälscht, so genau nachgeahmt, daß nur ich selbst im stande bin, zu sehen, daß es Fälschung ist. Mein Gott! Ich habe Eure Fragen und Reden für inhaltslos gehalten; hier aber sehe ich eine Fälschung meiner Unterschrift vor Augen; es muß also etwas vorliegen, was Euch die Berechtigung giebt, so unbegreifliche Dinge vorzubringen!«

»Es ist allerdings so. Der kurze Inhalt alles dessen, was ich Euch zu sagen habe, ist in den Worten ausgedrückt, welche Ihr schon vorhin gehört habt: Der echte Small Hunter ist ermordet worden, und Ihr habt sein Vermögen nicht nur einem Betrüger, sondern sogar seinem Mörder übergeben.«

»Seinem - Mörder -?« wiederholte er wie abwesend.

»Ja, wenn dieses Wort auch nicht so ganz genau wörtlich zu nehmen ist. Er selbst hat ihn nicht ermordet, ist aber mit im Komplott gewesen und hat moralisch die gleiche Schuld, als wenn er die tödliche Waffe geführt hätte.«

»Sir, ich befinde mich wie im Traume! Aber es ist ein böser, ein schrecklicher Traum. Was werde ich hören müssen!«

»Habt Ihr Zeit, eine ziemlich lange Geschichte anzuhören?«

»Zeit - Zeit! Was fragt Ihr da erst! Hier habe ich die Fälschung in den Händen; sie sagt mir, daß meine Office zu einem Betruge benutzt worden ist. Da muß ich Zeit haben, selbst wenn Eure Erzählung Wochen

in Anspruch nehmen sollte. Setzt Euch, und gestattet mir einen Augenblick, meinen Leuten zu sagen, daß ich jetzt für keinen Menschen mehr zu sprechen bin!«

Wir hatten in der Erregung beide unsere Plätze verlassen; nun setzte ich mich wieder nieder. Ja, auch ich war erregt. Ich hatte die Ueberzeugung gehegt, daß meine Briefe an die richtige Adresse gekommen seien, und mußte nun das Gegenteil davon hören. Die Halunken hatten ihren Plan ausgeführt. Vielleicht war alle unsere Mühe, waren alle die Wagnisse, welche wir unternommen hatten, vergeblich gewesen!

Als der Anwalt den beabsichtigten Befehl gegeben hatte, setzte er sich mir gegenüber nieder und winkte mir mit der Hand, zu beginnen. Sein Gesicht war noch immer blaß wie vorher; ich sah, daß seine Lippen zitterten; es gelang ihm nur schwer, äußerlich ruhig zu erscheinen. Der Mann, dessen Ehre auf dem Spiele stand, that mir leid. Seine persönliche Ehre, des war ich überzeugt, konnte nicht angegriffen werden; aber in seiner Office war eine Fälschung vorgekommen; er hatte sich von einem raffinierten Schwindler betrügen lassen; es handelte sich dabei um ein großes Vermögen - wenn die Thatsachen an die Oeffentlichkeit gelangten, so war er vernichtet.

Ich war überzeugt, daß Thomas und Jonathan Melton nicht allein gehandelt, sondern auch Harry Meltons Hilfe in Anspruch genommen hatten. Darum mußte sich mein Bericht auch auf letzteren erstrecken. Ich erzählte also alles, was ich von den drei Personen wußte, was ich mit ihnen und gegen sie erlebt hatte. Die Erzählung dauerte natürlich sehr lange, und doch unterbrach der Anwalt sie mit keinem Ausruf. Selbst als ich geendet hatte, saß er noch eine Zeitlang schweigend da, indem er den Blick starr in die Ecke gerichtet hielt. Dann stand er von seinem Stuhle auf, ging einigemal im Zimmer hin und her, blieb schließlich vor mir stehen und fragte:

»Sir, alles, was ich jetzt gehört habe, ist wahr, ist die reine Wahrheit?« »Ja.«

»Verzeiht die Frage! Ich sehe ein, ja ich muß einsehen, daß sie überflüssig ist; aber es klingt das alles so unmöglich, und für mich handelt es sich dabei um mehr, als Ihr vielleicht denkt.«

»Um was es sich für Euch handelt, kann ich mir denken -um Euern Ruf, Eure Zukunft, vielleicht auch Euer Vermögen.«

»Natürlich auch um das letztere. Wenn es sich herausstellt, daß Ihr Euch nicht irrt, werde ich, selbst wenn mich niemand dazu zwingen könnte, mit allem, was ich besitze, für den Verlust eintreten, welchen die richtigen Erben dadurch, daß ich mich habe täuschen lassen, erleiden. Und leider bin ich der Ueberzeugung, daß alles, was ich dem Betrüger übergeben habe, verloren ist.«

»Ich möchte das jetzt noch nicht als Thatsache hinstellen. Man kann ihn noch erwischen.«

»Schwerlich! Er ist über die See und wird sich gewiß an einem Orte verstecken, von dem er weiß, daß er ihm Sicherheit gewährt.«

»Hatte sich nicht auch sein Vater versteckt? Und haben wir diesen nicht in Tunis gefunden? Ich denke, daß der Sohn keinen Vorzug vor dem Vater haben wird. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, daß die drei Halunken die Beute teilen werden. Selbst wenn wir den einen erwischen, gehen die beiden andern Teile verloren.«

»So meint Ihr also, daß Harry Melton auch jetzt die Hand im Spiele gehabt hat?«

»Ich bin überzeugt davon.« »In welcher Weise sollte er geholfen haben?«

»Hm! Wie hieß der Schreiber, welcher mir die beiden Antworten geschrieben und Eure Unterschriften gefälscht hat?«

»Hudson.«

»Wie lange ist er schon bei Euch?« »Ein und ein halbes Jahr.«

»Ich vermute, daß er sich nicht mehr in Eurer Office befindet.«

»Ich erwarte seine Heimkehr übermorgen. Er wurde telegraphisch von dem Tode seines Bruders benachrichtigt und erbat sich zwei Wochen Urlaub, um beim Begräbnisse desselben zu sein und dann die Kinder des Verstorbenen unterbringen zu können.«

»Wo soll der Bruder gelebt haben und gestorben sein?«

»Droben in St. Louis.«

»So können wir getrost bis auf weiteres annehmen, daß er diese Richtung nicht eingeschlagen hat. Wie seid Ihr mit ihm bekannt geworden?«

»Durch die schriftlichen Empfehlungen, welche er besaß. Ich stellte ihn zunächst als gewöhnlichen Schreiber an, obgleich er bedeutend älter war als Leute, denen man sonst einen solchen Posten anweist, doch schon nach kurzer Zeit erwies er sich so brauchbar, daß ich ihm immer mehr und mehr anvertraute. Er lebte außerordentlich zurückgezogen, war sehr fleißig und pünktlich und schien in seinen Mußestunden zu studieren, denn ich bemerkte gar wohl, daß seine Kenntnisse sich vermehrten. Es gab Fächer, in denen ich meine Klienten getrost an ihn weisen konnte; ich war überzeugt, daß sie von ihm ebensogut bedient wurden, wie von mir selbst.«

»Wie stand er sich mit Euern andern Arbeitern?«

»Er lebte mit keinem von ihnen auf vertrautem Fuße; er hatte in seinem Verhalten gegen sie etwas, was ihn unnahbar machte, obgleich ich ihn keineswegs als abstoßend bezeichnen kann. Dann, als seine Stellung sich immer mehr besserte, bis er es endlich zum Vorstande der Office brachte, verstand es sich von selbst, daß er sich noch mehr absonderte.«

»Wer hatte die Briefe und übrigen Eingänge zu empfangen?«

»Er. Was ohne mich erledigt werden konnte, erledigte er; das übrige hatte er mir vorzulegen.«

»So hat er meine beiden Briefe empfangen, geöffnet, gelesen und beantwortet, ohne Euch ein Wort davon zu sagen. Wie alt war er ungefähr?«

»Er schien am Ende der fünfziger Jahre zu stehen.«

»Welche Gestalt?«

»Schmächtig, starkknochig, schwarz von Haar.« »Zähne?«

»Vollständiges Gebiß.« »Sein Gesicht?«

»Das war ein ganz eigentümliches. Hudson war ein sehr schöner Mann; ich habe noch nie das Gesicht eines Mannes gesehen, welches so schön war wie das seinige. Aber wenn man dasselbe länger betrachtete, so bekam man das Gefühl, als ob die Schönheit auch ihre Mängel habe. Ich bin kein Maler, kein Kunstverständiger und verstehe nicht, mich richtig auszudrücken. Sein Gesicht war schön; es gefiel mir, aber dann nicht mehr, wenn ich es länger als nur vorübergehend betrachtete.«

»Gut, Sir; ich weiß jetzt, woran ich bin. Harry Melton ist der Vorstand Eurer Office gewesen.«

»Alle Wetter! Meint Ihr das wirklich?«

»Unbedingt. Er durfte sich nicht sehen lassen; er mußte zurückgezogen und verborgen leben. Sucht die Polizei einen schweren Verbrecher in der Office eines berühmten Advokaten?«

»Das ist wahr. Sollte er schon bei seinem Eintritte bei mir von dem Plane unterrichtet gewesen sein, welcher jetzt ausgeführt worden ist?«

»Möglich.«

»Aber kein Mensch konnte damals wissen, daß man mich zum Erbschaftsverweser ernennen würde!«

»War auch nicht nötig. Der alte Hunter war so alt, daß man seinen Tod bald erwarten konnte. Der junge Melton war dem Erben ähnlich. Ihr waret mit dem letzteren auf das innigste befreundet, woraus folgte, daß Hunter sich beim Tode seines Vaters in juristischen Fragen an Euch wenden würde - - da habt Ihr alles!«

»Und dennoch wird es mir schwer, zu glauben, daß ich das Opfer eines schon so lange vorbereiteten Planes gewesen sein soll. Aber Ihr überzeugt mich. Ich nehme an, daß Ihr recht habt.«

»Und ich bin sogar überzeugt, daß dieser famose Vorstand Eurer Office nicht nur mit seinem Bruder in Tunis korrespondiert, sondern auch von seinem Neffen von Zeit zu Zeit Briefe bekommen hat, um auf dem Laufenden erhalten zu werden.«

»Welch ein Abgrund von Bosheit und Schlechtigkeit ist es, in welchen man da blickt! Und welch ein Glück, daß Ihr mir die verlangten Dokumente nicht geschickt habt! Sie wären vernichtet worden, sodaß man später keinen Beweis gegen diese Menschen hätte erbringen können.«

»Was das betrifft, so wären, allerdings nur unter großem Zeitverluste, recht wohl neue Beweisschriften aus Tunis zu beschaffen gewesen; besser aber ist es allerdings, daß ich sie mir nicht habe ablocken lassen. Was gedenkt Ihr nun in der Angelegenheit zu thun, Sir?«

»Vor allen Dingen meine nächste Pflicht. Ich habe der Behörde unverzüglich Meldung zu machen. Dazu bedarf es Eurer Dokumente. Werdet Ihr sie mir anvertrauen?«

»Natürlich! Ich habe sie ja nur dazu mitgebracht. Auch die andern Papiere, die ich damals Harry Melton und seinem Neffen abgenommen habe, sollt Ihr erhalten. Hier ist das Paket; es ist alles beisammen.«

»Ich danke! Man wird Euch einigemal belästigen, indem man Euch und Eure beiden Begleiter zur

Vernehmung ladet. Ich bitte Euch sehr, besonders die Größe der Aehnlichkeit zu betonen, deren Opfer ich geworden bin!«

»Ihr dürft überzeugt sein, daß ich nichts unterlassen werde, was Euch nützen kann. Höchst wahrscheinlich wird man die sofortige Verfolgung der drei Verbrecher einleiten?«

»Natürlich! Man wird keine Minute damit säumen. Glücklicherweise haben wir hier so vorzügliche, gewandte und scharfsinnige Geheimpolizisten, daß sie sich auch mit anderen messen können. Sie sind in allen unsern Staaten berühmt und werden das mögliche thun, die Flüchtlinge zu ergreifen.«

»Das ist ihre Pflicht, und dafür werden sie besoldet. Uebrigens werde auch ich sofort nach der Fährte der drei Meltons suchen und, sobald ich sie gefunden habe, derselben folgen.«

»Möchtet Ihr das nicht lieber der Geheimpolizei überlassen? Ihr könntet leicht Fehler begehen, welche den Polizisten zum Schaden gereichen.«

»Meint Ihr?«

»Ja. Ihr seid ein vorzüglicher Prairiejäger; aber ein Wild aufsuchen oder drei so raffinierte Verbrecher verfolgen, das ist zweierlei.«

»Hm! Eure Belehrung wirkt so erdrückend, daß ich mir allerdings vornehme, den Herren Geheimpolizisten keine Störung zu bereiten. Wann ist der vermeintliche Small Hunter denn eigentlich abgereist?«

»Vor fast zwei Wochen.«

»Also ungefähr an demselben Tage, an welchem Euer Vorstand der Office seinen Urlaub angetreten hat. In welchem Hotel hat er gewohnt?«

»In keinem. Er hatte ein sehr hübsches Privatlogis bei einer Witwe hier in meiner Nähe. Er ging fast gar nicht aus und besuchte mich auch nur dann, wenn es notwendig war.«

»Womit begründete er diese Zurückgezogenheit?«

»Mit dem Studium der indischen Sprache, welche ihn ganz in Anspruch nahm.« »So hat er mit niemandem sonst Verkehr gehegt?«

»Mit keinem Menschen. Die Witwe, Mrs. Elias, bewohnt ein Parterre fünf Häuser aufwärts von hier. Ich bin einigemal dort gewesen, fand ihn aber so in seine fremden Bücher vertieft, daß ich nur das Notwendigste mit ihm besprechen konnte.«

»Und da behauptetet Ihr vorhin, daß ein Betrüger Gefahr liefe, von Euch schon in der ersten Stunde durchschaut zu werden?!«

»Ihr habt recht. Nun Ihr mir die Augen geöffnet habt, mache ich mir sein Verhalten erst klar und komme da allerdings zu der Ueberzeugung, daß er sich außerordentlich in acht genommen hat, in ein intimes Gespräch mit mir zu geraten.«

»Und wo hat Euer wackerer Vorstand der Office gewohnt?«

»Im Parterre des Hofes rechts nebenan.« »Wer ist sein Wirt?«

»Ein Händler, ich weiß nicht, womit. Hudson wohnte in Aftermiete. Wollt Ihr noch mehr über ihn wissen? Vielleicht den Polizisten doch noch in das Handwerk pfuschen? Thut das doch ja nicht; Ihr könntet vieles, vielleicht sogar alles verderben!«

Ich will aufrichtig gestehen, daß mich diese wiederholte Warnung ärgerte. Ich war früher auch als Detektive thätig gewesen und hatte meine Aufgabe zur Zufriedenheit gelöst. Vorhin hatte er meine Erzählung gehört, und wenn ich auch nur so wenig wie möglich mich dabei in Erwähnung gebracht hatte, so mußte er doch aus dem Berichte ersehen, daß wir wenigstens keine Hohlköpfe waren. Daß er dennoch meinte, ich könne leicht alles in Frage stellen, verdarb mir vollends die Laune, die schon vorher keine gute gewesen war. Ich machte also kurzen Prozeß, nannte ihm das Hotel, in welchem wir zu finden waren, und ließ ihn mit dem Bewußtsein allein, das zu sein, was ich nicht war, nämlich ein guter Jurist, trotzdem aber doch die beiden Meltons nicht durchschaut zu haben.

Wie staunten Emery und Winnetou, als ich ihnen erzählte, was ich bei dem Advokaten erfahren hatte! Der erstere schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es dröhnte, und rief zornig aus:

»Hat man so etwas für möglich gehalten! Jetzt können wir nun anfangen, von neuem hinter den Halunken herzulaufen, nämlich, wenn sie so gütig gewesen sind, eine Spur zu hinterlassen. Und dabei steht noch gar zu erwarten, daß trotz der Mühe, die wir uns dabei geben, und trotz aller Gefahren, die wir laufen, das Geld deiner Schützlinge doch verloren ist! Und das ist ein Jurist! Und der redet davon, daß man ein Wild leichter fängt, als einen Menschen! Der Kerl sollte mir mal einen Grizzlybären fangen! Fliegen, ja, aber keinen Bären! Hält einen fremden Schwindler für seinen Busenfreund, stellt einen zehnfachen Räuber und Mörder in seiner Expedition als Vorstand an und will uns - uns - uns gute Lehren geben! Er mag Gott danken, daß er sich nicht jetzt in diesem Zimmer befindet; ich würde ihn - -!«

Er sprach seine Drohung nicht aus, versetzte dafür aber dem Tische einen zweiten Hieb, daß die Platte auseinandersprang. Winnetou sagte kein Wort. Wenn er ja eine Art von Aerger fühlte, so verbot ihm sein Indianerstolz, ihn sehen oder hören zu lassen.

Es waren noch nicht zwei Stunden vergangen, so erschien ein Bote, um uns in das Verhör zu rufen. Als wir unsere Aussagen gemacht hatten, mußten wir sie beeiden. Winnetou bekam den Eid erlassen. Dann wurden wir ermahnt, uns jetzt stets zur Verfügung der Behörde bereit zu halten. Trotzdem aber waren wir entschlossen, New Orleans zu verlassen, sobald wir das für nötig halten sollten.

Kaum waren wir in unsere gemeinsame Wohnung zurückgekehrt, so brachte der Kellner uns einen Mann, welcher uns zu sprechen verlangt hatte. Es war ein sehr sorgfältig gekleideter und pfiffig aussehender Master bei guten Jahren. Er setzte sich ohne Umstände auf den ihm nächststehenden Stuhl, betrachtete uns der Reihe nach sehr aufmerksam, spuckte einmal tüchtig aus, schob sein Primchen in den andern Backen und fragte Emery:

»Ich schätze, in Euch den sehr honorablen Mister Bothwell vor mir zu sehen?« »Ich heiße Bothwell,« nickte der Gefragte kurz.

»Und Ihr seid der bekannte Prairiemann, den man Old Shatterhand nennt?« wurde ich gefragt. »Ja.«

»Und Ihr seid ein Redmann Namens Winnetou?«

Winnetou gab trotz der etwas unhöflichen Ausdrucksweise des Fragers eine Antwort, indem er nickte.

»Well! So bin ich bei den richtigen Leuten,« fuhr der Fremde fort, »und ich hoffe, daß ihr mir die nötige Auskunft geben werdet.«

»Wollt Ihr uns wohl zunächst sagen, wer Ihr seid, Master?« forderte Emery ihn auf. »Oder seid ihr vielleicht gar nichts und habt auch keinen Namen?«

»Ich bin alles und habe alle Namen,« lautete die selbstbewußte Antwort. »Wie ich heiße, kann Euch gleichgültig sein. Es genügt, Euch zu sagen, daß wir die drei Meltons suchen wollen. Ich habe die unter mir stehenden Detektives von allem zu unterrichten und möchte Euch

vor allen Dingen ersuchen, die Hand dabei aus dem Spiele zu lassen.«

»Das werden wir außerordentlich gern thun,« erklärte Emery. »Erinnert Euch nur so oft wie möglich an die Weisung, die Ihr uns damit so freundlich erteilt!«

»Also nun meine Fragen! Ihr kennt doch die Meltons genau?«

Wir antworteten dem eingebildeten Patron kaum, sodaß er endlich zornig sich empfahl. Dann meinte Emery:

»Wir müssen die Meltons unbedingt selbst finden. Aber wo haben wir sie zu suchen? Glaubst du, daß Jonathan mit dem Schiffe fort ist?«

»Fällt ihm nicht ein. Er ist an Bord gegangen, nur um den Advokaten irre zu führen,« antwortete ich. »Und sein Onkel Harry?«

»Ist nicht nach St. Louis. Nach Europa sind sie nicht, denn sie wissen, daß die Telegraphen spielen werden. Nach Afrika und so weiter gehen sie auch nicht, da sie dort Pfefferkörner unter den Rosinen gefunden haben. Es ist am klügsten für sie, zunächst in die Verborgenheit zu gehen und Gras über die Gegenwart wachsen zu lassen, ehe sie es wagen können, sich, ob hier oder dort, unter Menschen zu zeigen. Und wo finden sie die Zurückgezogenheit am schnellsten und besten? Hier in den westlichen Staaten. Ich möchte wetten, daß sie irgendwo droben in den Felsenbergen stecken. Sie können da ein ganzes Jahr und noch länger ungesehen stecken.«

»Möchte dasselbe behaupten. Hoffentlich haben sie eine Spur zurückgelassen!« »Kein Ereignis und keine That bleibt ohne Spur.

Es gilt nur, sie aufzufinden. Ich werde jetzt zunächst einmal nach den beiden Wohnungen gehen. Vielleicht bemerke ich da den Anfang eines Fadens, den wir aufwickeln können.«

Ich machte mich zu Mrs. Elias auf den Weg, ging aber nicht direkt zur ihr, sondern trat vorher in eine Trinkstube, welche ihrer Wohnung gegenüber lag. Ich wollte versuchen, da etwas zu erfahren. Leider wurde ich von einem alten, schläfrigen Neger bedient, welcher sich erst seit einigen Tagen in dieser Stellung befand; ich richtete also gar keine weitere Frage an ihn. Dennoch freute ich mich nachher, hier eingekehrt zu sein, denn ich saß noch gar nicht lange da, so sah ich unsern Detektive und »Gentleman« drüben aus dem Hause kommen. Er hatte Mrs. Elias gewiß einen Besuch abgestattet, um sich nach Jonathan Melton zu erkundigen.

Ich wartete noch eine Viertelstunde und ging dann hinüber. Die Inschrift eines kleinen Schildes sagte mir, daß die Wohnung wieder oder vielmehr noch zu vermieten sei. Als ich klingelte, öffnete eine ziemlich alte und sehr dicke Mulattin, die mit ihrer undurchsichtigen Gestalt unter der Thür stehen blieb und mich forschend betrachtete. Ich wußte diese Art von Dienstboten zu behandeln, zog den Hut sehr tief und fragte:

»Bitte, Mylady, bin ich so glücklich, Mrs. Elias zu sehen?«

Sie fühlte sich unendlich geschmeichelt, für ihre Herrin gehalten zu werden, und lächelte vor Wonne, daß ihr Gesicht noch einmal so breit wurde.

»Nein,« antwortete sie. »Ich bin nur die Köchin. Mrs. Elias ist im Zimmer. Kommt, Sirrrr!«

»Nehmt vorher meine Karte, Mylady! Man darf nicht unangemeldet zu einer solchen Dame kommen.«

Sie grinste mich wieder glücklich an, nahm die Karte, eilte mir voraus, riß eine Thür auf, trat hinein und sagte so laut, daß ich es hören konnte:

»Hier, Ma'am, eine Karte von einem sehr, sehr feinen Sirrrr! Wonderful fine! Viel gebildeter als der, der vorhin da war!«

Dann kam sie wieder heraus, ließ mich ein und machte die Thür hinter mir zu. Ich stand vor einer ältlichen Dame, welche mir aus einem wohlwollenden Gesichte mit freundlichen Augen entgegenblickte.

»Verzeihung, Madam! Ich lese, daß hier eine Wohnung zu vermieten ist!«

»Ja«, nickte sie, indem sie ihren Blick zwischen mir und meiner Karte hin und her gehen ließ. »Wie es scheint, seid Ihr ein Deutscher?«

»Allerdings.«

»Das freut mich sehr. Ich bin eine Landsmännin von Euch. Bitte, macht mir das Vergnügen, Euch zu setzen! Die Wohnung, welche ich zu vermieten habe, besteht aus vier Räumen. Ist Euch das nicht zu viel?«

Sie hatte das deutsch gesagt. ich sah in ihr gutes, ehrliches Gesicht, und da war es mir unmöglich, sie zu belügen. »Schade doch, ein Deutscher und dennoch ein Lügner!« so sollte sie nicht von mir denken oder gar sagen. Darum antwortete ich:

»Allerdings. Selbst ein einzelner Raum würde mir zuviel sein. Ich komme nicht der Wohnung wegen, Madame.«

»Nicht?« fragte sie erstaunt. »Und doch fragtet Ihr nach ihr!«

»Das war nur ein Vorwand. Nun Ihr aber eine Landsmännin vor mir seid und ich in Euer aufrichtiges Gesicht blicke, darf ich Euch keine Unwahrheit sagen.

Mein Zweck war, mich nach Small Hunter zu erkundigen, welcher bei Euch gewohnt hat.« »Nach diesem? Seid Ihr etwa auch ein Geheimpolizist?« Bei dieser Frage verfinsterte sich ihr Gesicht.

»Nein, Madame; ich bin ein Privatmann, habe aber ein so großes und begründetes Interesse an Hunter, daß ich Euch zu großer Dankbarkeit verbunden sein würde, wenn Ihr die Güte haben wolltet, mir Auskunft über

Ihn zu geben.«

Da lächelte sie:

»Ich sollte eigentlich nicht, weil Ihr nicht offen zu mir gekommen seid. Da Ihr aber Reue zeigt, will ich trotzdem Euern Wunsch erfüllen. Kennt Ihr Hunter?«

»Besser, als mir lieb ist.«

»Besser - -? als Euch lieb ist - -? So ist's wohl wahr, was der Polizist sagte?« »Was hat er gesagt?«

»Daß Hunter ein Betrüger, ja sogar ein Mörder sei?« »Das ist wahr.«

»Hilf, Himmel! Einen so gefährlichen Menschen, einen solchen Bösewicht habe ich bei mir wohnen gehabt! Hätte ich das gewußt, ich hätte keine Minute ruhen können, bis er wieder fort gewesen wäre. Es ist schrecklich; es ist geradezu entsetzlich!«

»Der Polizist hat Euch also gesagt, um was es sich handelt?«

»Ja. Hunter heißt eigentlich Melton, hat den echten Hunter ermordet und sich dann hier für diesen ausgegeben, um zu dem Vermögen desselben zu kommen. Ist das wahr?«

»So ungefähr. Ich weiß nicht, ob der Detektive recht gehandelt hat, indem er Euch diese Mitteilungen machte; da Ihr nun aber einmal alles wißt, kann ich mit Euch davon sprechen. Ich selbst bin es gewesen, der die Nachricht von der That hierher gebracht hat. Melton ist ein Schurke. Das Erbe, welches er durch Mord und Betrug an sich gebracht hat, gehört einer armen, braven deutschen Familie, welche in San Francisco in schwerer Bedrängnis lebt. Vielleicht könnt Ihr dazu beitragen, daß die Leute zu ihrem Rechte kommen.«

»Wie gerne würde ich das thun, wenn ich es vermöchte. Was wünscht Ihr von mir?« »Irgend einen Aufschluß, der es mir ermöglicht, den jetzigen Aufenthalt Meltons zu entdecken.« »Dasselbe wünschte der Polizist auch von mir.« »Habt Ihr ihm Auskunft gegeben?«

»Nein, denn der Mann trat so brutal auf, daß er weniger erfuhr, als ich wußte. Ich habe ihm gar nichts gesagt, hätte ihm aber das, was er wissen wollte, auch gar nicht sagen können, weil ich mich darüber selbst in vollster Unwissenheit befinde.«

»Mit wem verkehrte Hunter?«

»Der Advokat Murphy kam einigemal zu ihm, und er ist auch zwei- oder dreimal ausgegangen; wohin, das weiß ich nicht, denke aber, eben zu diesem Advokaten.«

»Weiter kam niemand?«

»Einmal kam ein anderer. Der war wohl Schreiber des Advokaten. Er sah Hunters Diener außerordentlich ähnlich.«

»Hatte Hunter einen Diener?«

»Nur so lange, als er hier in New Orleans blieb. Er hat ihn erst hier engagiert und vor seiner Abreise wieder entlassen.«

»Hm! Was für eine Persönlichkeit war der Diener? Könnt Ihr mir eine genaue Beschreibung von ihm geben?«

Sie folgte dem Wunsche, und ich gelangte dadurch zu der Ueberzeugung, daß dieser sogenannte Diener kein anderer als sein Vater gewesen war.

»Habt Ihr vielleicht gehört, was er mit dem Diener gesprochen hat?« erkundigte ich mich weiter.

»Was ich da gehört habe, waren ganz alltägliche Dinge. Sie flüsterten aber sehr viel miteinander; sie mußten Heimlichkeiten haben, die niemand hören sollte.«

»Womit beschäftigte sich Small Hunter? Da er fast gar nicht ausging, stand ihm viel Zeit zur Verfügung. Hat er diese denn nicht auf irgend eine nützliche Weise verbracht?«

»Nein. Er saß immer am Fenster.«

»Mir aber wurde gesagt, er habe sich mit Studien beschäftigt?«

»Das ist nicht wahr. Nur wenn der Advokat kam, wurden Bücher zur Hand genommen.«

»Ah, dachte es mir! Was hattet Ihr eigentlich für eine Ansicht über den Mann? Es muß Euch doch aufgefallen sein, daß er sich nicht beschäftigte.«

»Ich hielt ihn für krank, für tiefsinnig. Diese Ansicht aber änderte sich dann, als wir bemerkten, daß er nach oben ging, zu der Dame, welche sich über uns eingemietet hat.«

»Wohnt sie allein?«

»Nein. Sie hat zwei Dienerinnen bei sich, welche ich für Indianerinnen halte.«

»Ist sie jung?«

»Ja, und schön.«

»Wie heißt sie?«

»Silverhill.«

»Das ist ein englischer Name.«

»Ja. Doch glaube ich kaum, daß ihre Eltern und Verwandten Yankees oder Engländer sind. Wir hören sie zuweilen mit ihren Dienerinnen sprechen; das ist immer spanisch.«

»Hm! Und bei dieser Dame verkehrte Euer Mietwohner?«

»Erst nach der ersten Woche. Da er stets am Fenster Saß, ist sie ihm bei ihren Ausgingen und wenn sie heimkehrte, aufgefallen. Er erkundigte sich bei mir nach ihr; dann machte er ihr seinen Besuch, und von da an war er oft bei ihr.«

»Wußte Advokat Murphy davon?«

»Ich weiß es nicht, glaube es aber auch nicht.«

»Gäbe es sonst vielleicht noch irgend eine Bemerkung oder Mitteilung, welche Ihr mir über den falschen Hunter machen könnt?«

»Wohl nicht. Wenigstens könnte ich mich auf nichts besinnen, was für Euch von Wert sein könnte. Wenn Ihr mich aber noch einmal besuchen wollt, werde ich Euch gern sagen, ob mir noch etwas eingefallen ist.«

»Eurer freundlichen Einladung werde ich wahrscheinlich einmal Folge leisten, falls ich nicht fürchten muß, Euch allzusehr zu belästigen.«

»O, Ihr belästigt mich nicht; Ihr seid mir sogar willkommen. Ich freue mich darüber, daß Ihr aus einem Manne, der die Unwahrheit sagen wollte, zu einem ehrlichen geworden seid.«

»Aber nur durch Euch, Madame,« antwortete ich, auf ihren Scherz eingehend. »Wißt Ihr vielleicht etwas über die Verhältnisse der Dame da oben?«

»Sehr wenig. Sie ist reich. Meine Köchin hat einigemale mit den Indianerinnen gesprochen. Die Dame spielt leidenschaftlich, und dabei stets mit Glück. Sie lud Herren zu sich ein, welche ebenso leidenschaftliche Spieler sind. Das ist alles. Uebrigens nehme ich an, daß sie Witwe ist. Eine der Indianerinnen hat einmal eine darauf bezügliche Aeußerung fallen lassen. Und ihr Mann scheint nicht von gewöhnlichem Stande gewesen zu ein.«

»Wohl gar ein Indianerhäuptling!«

Ich sagte das im Scherze, und sie lachte auch darüber; aber in demselben Augenblicke kam mir ein sehr ernster Gedanke, dem ich auch gleich Ausdruck gab:

»Habt Ihr schon früher einmal ein indianisches Dienstmädchen gesehen?«

»Nein.«

»Eine freie Indianerin wird sich niemals erniedrigen, einer Weißen häusliche Dienste zu erweisen. Es müssen hier ganz besondere Verhältnisse vorliegen. Ich kenne da einen Fall, daß eine Weiße einen Indianerhäuptling geheiratet hat. Ist die Dame da oben blond?«

»Nein, tiefschwarz. Ich halte sie für eine Jüdin.«

»Jüdin? Ah! Kennt Ihr ihren Vornamen?«

»Ja, es wurde einmal ein Brief gebracht und meiner Mulattin übergeben. Diese kann nicht lesen und brachte ihn mir. Ich sah die Adresse. Die Dame heißt Judith Silverhill.«

»Meine Ahnung, meine Ahnung! Silverhill ist zu Deutsch Silberberg, und so hieß die Jüdin, welche den

Indianerhäuptling zum Manne nahm. Ich muß hinauf zu ihr!«

»Wie? Ihr kennt Sie?«

»Ja, wenn ich mich nicht ganz und gar irre. Das ist ein höchst interessanter Zufall, welcher mir wahrscheinlich von großem Nutzen sein wird. Madame, Ihr seid so lieb und freundlich zu mir gewesen; ich bitte, mir noch eine große, recht große Gunst zu erweisen!«

»Wenn es in meiner Möglichkeit liegt, wird es sehr gern geschehen.«

»Ihr seid nie in ein Gespräch mit der Dame gekommen?«

»Noch nie.«

»Der Zufall könnte es fügen, daß dies doch geschehe. Bitte, erwähnt nicht, weshalb ich bei Euch gewesen bin; sprecht überhaupt nicht von mir, und verbietet auch Eurer Mulattin, den Indianerinnen da oben zu erzählen, daß der vermeintliche Small Hunter eigentlich ein anderer ist.«

»Sie weiß es noch gar nicht, und ich werde es ihr auch nicht sagen. Ihr wollt dieser Dame also wirklich einen Besuch machen?«

»Auf alle Fälle!«

Ich bedankte mich herzlich für die mir erwiesene Freundlichkeit und wurde aufgefordert, getrost wiederzukommen. Ich stieg die Treppe empor. Es gab da oben nur ein Entree. Als ich die Glocke gezogen hatte, wurde von einem Mädchen geöffnet, in welchem auch ich sogleich eine Indianerin vermutete. Sie trat beiseite, um mich einzulassen, und öffnete, ohne mich zu fragen oder ein Wort zu sagen, eine zweite Thür, durch welche ich in ein sehr schön ausgestattetes Zimmer kam. Im Nebenzimmer hörte ich ein Geräusch. Die Portieren wurden auseinandergeschlagen, und vor mir stand - -Judith Silberstein, die Jüdin, welche ich zuletzt als Verlobte des Yumahäuptlings gesehen hatte. Sie hatte sich seit damals noch mehr entwickelt und war schöner, höher und auch stärker geworden. Freilich zeigte der erste Blick gleich, daß sie ihre damaligen Anlagen fleißig ausgebildet hatte und eine vollständige Kokette geworden war. Sogar jetzt, daheim, wo kein Besuch zu erwarten war, hatte sie echte Diamanten am Halse und an den entblößten Armen schimmern. Sie erkannte mich auf der Stelle. In einem Tone, welchem halb Freude, halb Besorgnis anzuhören war, rief sie in spanischer Sprache aus:

»Sie, Sennor - - Sennor - -! Welch eine frohe Ueberraschung! Wie habe ich mich gesehnt, Sie einmal zu sehen! Bitte, kommen Sie herein ins Boudoir! Setzen Sie sich zu mir! Wir haben uns viel, viel zu erzählen.«

Sie zog mich an der Hand in ihr Zimmer, und ich mußte neben ihr auf dem Diwan Platz nehmen. Ja, sie war ein schönes Weib; aber der Scheitel lag voller Haarschuppen; der Hals schien heute noch nicht gewaschen zu sein; die schön geformten Fingernägel hatten Trauerränder. Sie behielt meine Hand in der ihrigen und sagte mit einem neckischen Augenaufschlage:

»Ich muß Ihnen gleich von vornherein gestehen, daß ich Ihren Namen vergessen habe. Ist das nicht unverzeihlich?«

»Allerdings, besonders da Sie mir soeben versicherten, sich so sehr nach mir gesehnt zu haben.«

»Sie dürfen verzeihen! Man sieht, hört und erlebt soviel, daß man das einzelne leicht vergißt. Sie hatten, wenn ich nicht irre, zwei Namen, Ihren wirklichen und einen andern, mit dem Sie von den Indianern genannt wurden. Dieser letztere hieß - hieß - wie nur gleich? Es war wohl Hand oder Fuß dabei!« »Old Firefoot,« fiel ich schnell ein, indem ich ihr einen falschen Namen sagte. Es war mir ungemein lieb, daß sie sich nicht mehr besinnen konnte. Sie hatte mit Jonathan Melton hier verkehrt; es war jedenfalls besser, wenn sie meine Namen nicht wußte.

»Ja, ja, so war's - ein foot war dabei; das wußte ich,« nickte sie lachend. »Und Ihr Familienname? Wenn ich mich nicht irre, hießen Sie wie einer von den zwölf Monaten?«

»März,« sagte ich.

»Ja, März, März war es. Also, Sennor März, können Sie sich besinnen, wie wir damals auseinandergegangen sind?«

»Nicht eben sehr freundlich.«

»Nein, gar nicht. Wissen Sie, welche Drohung Sie sogar aussprachen?«

»Ja, das weiß ich noch.«

»Hätten Sie den Mut, es mir heute zu sagen?«

»Warum nicht? Ich wollte Sie peitschen lassen, falls Sie sich noch einmal von mir erblicken ließen.«

»Schrecklich! Hören Sie nur, wie das klingt! Eine Dame, noch dazu eine junge, hübsche, prügeln lassen! Hoffentlich war es nur eine Drohung von Ihnen!«

»Sie waren vom Gegenteil überzeugt, denn Sie haben sich dann nicht wieder sehen lassen.« »Also hätten Sie die Drohung wirklich zur Wahrheit gemacht?« »Ganz gewiß! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß es mir voller Ernst war.« »Entsetzlich! Sie sind kein Sennor, kein Mensch, sondern ein Tyrann!«

»Nein. Ich besitze im Gegenteil ein sehr weiches Herz, tausche aber nicht gern Wachs für Eisen ein. Beides hat Berechtigung, aber jedes nur zu seiner Zeit. Wenn es sich nicht nur um die Freiheit so vieler Menschen handelt wie damals, sondern um Blutvergießen, um Leben und Tod, pflege ich keiner Laune zu folgen, selbst wenn es die Laune einer jungen und hübschen' Dame wäre.«

»Warum legen Sie den Ton so auf dieses Wörtchen hübsch? Fanden Sie mich damals häßlich?« »Nein.«

»Ihr Verhalten ließ es mich aber sehr vermuten.«

»Weil das Ihrige nicht hübsch war. Sie gingen von der noch warmen Leiche Ihres Verlobten wie von einem Braten, der für den Herd geschlachtet worden ist.«

»Ich liebte ihn nicht mehr. Also hübsch fanden Sie mich doch? Und jetzt? Haben Sie nicht bemerkt, daß ich mich verändert habe?«

»Ja. Sie sind schöner geworden.«

»Und das sagen Sie in einem so eisigen Tone? Sie sind wirklich ein entsetzlicher Mensch und ganz derselbe wie damals geblieben. Ich bin schöner, Sie aber sind nicht besser und gefühlvoller geworden. Aber gerade Ihre Kälte, Ihre Härte hat mir schon damals imponiert.«

»Sprechen wir nicht von mir, sondern von Ihnen. Wie ist es Ihnen seit damals gegangen? Haben Sie sich immer wohlbefunden?«

»Ja.«

»Sie bereuten nicht, das Weib eines Wilden geworden zu sein?«

»Zunächst nicht, denn er hielt Wort. Ich bekam alles, was er versprochen hatte, Gold, Edelsteine, einen Palast und sogar auch ein Schloß.«

»Ach! Ich weiß zwar, daß es Indianer gibt, welche das Lager großer Schätze kennen, aber daß der Häuptling sein Versprechen so streng nehmen werde, das dachte ich damals nicht. Er war also wirklich so reich, wie er sagte?«

»Ja. Er trug viel Gold zusammen, woher, das weiß ich heute noch nicht; er hat es mir niemals sagen wollen. Jedenfalls holte er es aus den Bergen, wo es noch heute viele alte Stollen und Adern geben soll. Wir verließen die Sonora und zogen an die Grenze von Ari- Arizona und Neumexiko. Dort liegt das Schloß. Es ist ein gewaltiger Aztekenbau, den außer mir noch kein Bleichgesicht gesehen hat. Zehn Yumaindianer, welche von ihrem Häuptlinge nicht lassen wollten, zogen nebst ihren Frauen und Kindern mit. Es war sehr, sehr einsam da oben, und ich sehnte mich nach der Stadt. Wir gingen also nach Francisco, auch schon des Palastes wegen. Ich bekam ein Haus.«

»Sie Glückliche! Wo ist Ihr Mann?«

»In den ewigen Jagdgründen,« antwortete sie gleichgültig.

»Was war die Ursache seines Todes?«

»Ein Messer.«

»Bitte, erzählen Sie! Ich bin außerordentlich gespannt darauf. Er war ein Indianer, aber ein tapferer, braver und ehrlicher Mann. Er hielt mir treulich Wort, und ich habe immer gern an ihn gedacht.«

»Was soll ich da erzählen! Die Sache ist sehr einfach. Ich wurde in Frisco bald bemerkt; man besuchte mich; man machte mir den Hof, und das wollte er nicht dulden, Wir waren eines Tages auf Besuch bei einem Haziendero; es waren noch andere Herrschaften geladen. Dabei gab es einige sehr interessante Caballeros und Offiziere, welche sich mit mir beschäftigten. Die Messer wurden gezogen. Der Caballero erhielt einen Stich in den Arm, mein Mann aber einen in das Herz.«

»Und Sie? Was fühlten, was dachten, was thaten da Sie?«

»Ich? Was sollte ich thun! Wissen Sie nicht, daß eine Frau, deren Mann unter solchen Umständen stirbt, eine von andern Frauen beneidete Berühmtheit wird? Das Band, mit welchem ich mich so leichtsinnigerweise an den

Wilden gefesselt hatte, war zerrissen, und ich hatte meine kostbare Freiheit wieder.«

Diese Herzlosigkeit war empörend. Sie fuhr in ruhigem Tone fort:

»Ich genoß sie natürlich mit vollen Zügen. Ich hatte das Spiel kennen gelernt und brauchte nun nicht mehr um die Erlaubnis zu bitten. Ich gewinne fast stets, so oft ich spiele, und was die Liebe betrifft, nun so habe ich jetzt, wenn ich heimkehre, einen neuen Bewerber, der so in Fesseln liegt, daß er mich um meine Hand gebeten hat.«

»Auch ein Offizier?«

»Nein, sondern ein junger, sehr hübscher und hochgebildeter Caballero, welcher fast die ganze Erde und besonders den Orient bereist hat, und dem soeben eine Erbschaft von einigen Millionen zugefallen ist.«

»Wetter noch einmal! Da haben Sie freilich Glück!« rief ich aus, innerlich hocherfreut, denn ich zweifelte nicht, daß Jonathan Melton gemeint war.

»Es kommt gar nicht zu früh, dieses Glück,« fuhr sie fort. »Ich habe zwar gesagt, daß ich fast nie verliere; aber ich verbrauche viel, und das Gold des Häuptlings ist alle geworden. Ich habe das Haus in Frisco verkauft, und wenn die dafür gelöste Summe zur Neige geht, bleibt mir nur der alte Aztekenbau in der Wildnis übrig, für welchen niemand einen Dollar zahlt.«

»Ist es denn gewiß, daß er Ihnen gehört? Haben Sie einen Besitztitel darüber?«

»Nein, doch ist mir das gleichgültig. Ich brauche nur zu wollen, so wird Mr. Hunter mein Mann, und ich kann mich zu den Millionärinnen rechnen. Was gebe ich da auf den alten Felsenbau in der Wildnis!«

»Ist der Sennor, von welchem Sie sprechen, viel- vielleicht jener so sehr interessante Small Hunter, dem vor einigen Tagen durch den Advokaten Murphy einige Millionen ausgezahlt worden sind?«

»Ja, derselbe. Kennen Sie ihn vielleicht?«

»Nein; ich habe von ihm gehört. Sie können es sich doch denken, daß von einem Millionenerben gesprochen wird. Man sagt, er sei nach Indien gegangen.«

»Das ist nicht wahr.«

Ach habe es überall gehört. Man hat ihn doch auf das Schiff steigen sehen. Sein Advokat ist bei ihm gewesen.«

»Das ist richtig; aber er hat sich unterhalb der Stadt per Boot wieder abholen lassen. Ich selbst habe in dem Boote gesessen. Wir sind dann, als es Abend war, hierher gegangen und haben gespielt bis nach Mitternacht, wo erst seine eigentliche Abreise erfolgte.«

»Das interessiert mich ungemein. Warum hat er denn den Leuten weisgemacht, daß er mit dem Schiffe nach England und von da nach Indien will?«

»Das ist ein Geheimnis, welches ich nur Ihnen verraten will. An dieser Täuschung trage nämlich nur ich die Schuld.«

»Sie? Wieso?«

»Sein Vater, der alte Hunter, ist früher oft in Indien gewesen und hat das Land so liebgewonnen, daß er auf die Idee gekommen ist, daß sein Sohn vom Empfang des Erbes an zehn Jahre lang in Indien leben soll. Fehlt nur ein einziger Tag an den zehn Jahren, so wird ihm das Vermögen wieder abgenommen. Auch soll er während der zehn Jahre nicht heiraten dürfen. Er ist auf die Bedingungen eingegangen und hat sich unterschrieben. Zwei Tage später lernte er mich kennen. Was das heißt, können Sie sich denken. Mich sehen und mich zu seiner Frau begehren, war für ihn ganz dasselbe. Sagen Sie, kann er da nach Indien? Kann er die Bedingungen erfüllen, auf welche er eingegangen ist?«

»Warum denn nicht? Wer oder was soll ihn denn hindern, auf die an ihn gestellte Bedingung einzugehen?« »Ich natürlich, ich.«

»Wieso? Wenn Sie beide so sehr aneinander hängen, kann er Sie doch mit nach Indien nehmen.«

»Ha, ha,« lachte sie. »Es kann mir nicht einfallen, eines Mannes wegen, und wenn ich ihn auch über die Maßen lieben Sollte, in ein wildfremdes Land zu gehen, Ich habe schon einmal die Heimat verlassen, nämlich damals, als ich nach Amerika ging; Sie selbst wissen, wie es mir da ergangen ist. Nun ich eine zweite Heimat hier gefunden habe, fällt es mir gar nicht ein, sie wieder zu opfern.«

»Aber von ihm verlangen Sie das Opfer, hier zu bleiben!«

»Es ist kein Opfer, denn er müßte in Indien ledig bleiben, hier aber kann ich seine Frau werden.« »Würde man es denn in Indien erfahren, daß er verheiratet ist, und dies hierher melden?« »Höchst wahrscheinlich. Wenigstens behauptete er dies.«

»Und hier? Meinen Sie, daß die Entdeckung hier nicht nur viel wahrscheinlicher, sondern beinahe ganz sicher ist?«

»Da irren Sie. Wir werden uns heimlich verbinden und dann verborgen wohnen. Mein Schloß liegt so versteckt, daß es noch nie von dem Fuße eines Weißen betreten worden ist, mich und meinen Vater natürlich ausgenommen.«

»Und der befindet sich dort?«

»Ja.«

»Da muß ihm die Einsamkeit ja schrecklich vorkommen!«

»Gar nicht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß damals eine ganze Anzahl von Indianern mit ihren Frauen und Kindern zu uns gezogen ist. Die wohnen noch dort und bilden eine kleine Kolonie, in welcher es trotz der großen Abgeschiedenheit keine Langeweile giebt.«

»Aber zum Leben gehört sehr vieles, was Sie dort nicht erhalten können.«

»Wir beziehen vieles durch die benachbarten Mogollon- und Zuni-Indianer.«

»Haben sie die so nahe?«

Die Frage war von größter Wichtigkeit für mich, und ich wartete mit großer Spannung auf die Antwort, ließ mir das aber natürlich nicht merken. Das Weib war von Jonathan Melton getäuscht worden, doch fiel es mir gar nicht ein, ihr das zu sagen. Ich betrachtete sie trotz oder auch wegen ihrer Schönheit als den Regenwurm an meiner Angel, mit welcher ich die Meltons fangen wollte.

»Ja,« antwortete sie. »Mein Schloß liegt zwischen den Gebieten dieser Indianer, am kleinen Kolorado und zwar am ersten linken Nebenflüßchen desselben.«

»Dann muß die Lage Ihres Schlosses eine hochromantische sein, denn wenn ich mich nicht irre, so entspringt das Nebenflüßchen auf dem nördlichen Abhange der Sierra Blanca?«

»Allerdings.«

»Auf deren Südseite es Apatschen und Pimo-Indianer giebt?« »Ja. Wir sind damals durch das Gebiet derselben gezogen.«

Sie ahnte nicht, mit welcher heimlichen Freude ich ihre Antworten hörte. Ich sprach meine Fragen mit der gleichgültigsten Miene aus, und sie war so vertrauensselig und unbefangen, sie mir ohne allen Anstand, ja ohne das geringste Zögern zu beantworten.

»Es ist eine sehr abgelegene Gegend,« fuhr ich fort. »Ich bezweifle, daß Hunter sich ohne Sie zurechtfinden wird.«

»Das hat er auch nicht nötig; ich werde ihn führen.« »Sie? Befindet er sich denn noch hier?«

»Das fällt ihm natürlich nicht ein. Wir haben eine Zusammenkunft verabredet. Und selbst wenn ich ihn verfehle, so hat er zwei erfahrene Westmänner dort zu erwarten, welche mein Schloß ganz sicher finden würden.«

»Kennen Sie dieselben?« fragte ich in der Ueberzeugung, daß mit den Westmännern sein Vater und sein Oheim gemeint seien.

»Ich nicht.«

»Ist es da nicht unvorsichtig gewesen, sich ihnen anzuvertrauen?«

»Nein. Er hat mir versichert, daß sie die besten Freunde von ihm sind. Der eine ist der Diener, welcher hier bei ihm war.«

»Ah so! Die beiden sind mit ihm fort?«

»Nein. Jeder ist einzeln abgereist, weil die ganze Angelegenheit als Geheimnis behandelt werden muß, und weil drei Reisende weit mehr auffallen als einer. Sie treffen an unserm Rendezvous in Albuquerque zusammen.«

»Also droben in New-Mexico?«

»Ja, bei einem gewissen Plener, welcher einen großen, sogenannten Salon mit Kosthaus besitzt.«

»Da werden sie den Verhältnissen angemessen vor- vortrefflich aufgehoben sein. Aber Sie - warum befinden Sie sich noch hier? Warum sind Sie nicht gleich mit?«

Sie machte eine komisch-wichtige Miene und antwortete:

»Ich habe noch einige Zeit als Sicherheitsposten hier sitzen zu bleiben.« »Sicherheitsposten? Die Sache wird immer interessanter!«

»O, sie ist auch interessant, hochinteressant! Man wird nämlich nachforschen, ob Sennor Hunter, mein Verlobter, den Bedingungen etwa nicht nachkommt und, statt nach Indien zu gehen, sich hier im Lande versteckt.«

»Wirklich? Wer könnte ein Interesse haben, sich darum zu bekümmern?«

»Ein Verwandter, dem in diesem Falle die Erbschaft zufallen würde.«

»Wetter! So eine Person könnte freilich höchst störend werden. Wer ist denn der Mann?«

»Ein deutscher Prairiejäger, der sich mit einem englischen Westmanne und einem Indianer verbunden hat, die Nachforschungen anzustellen.«

»Wie heißen die drei?«

»Das weiß ich nicht; ich habe nicht nach ihren Namen gefragt.«

»Und doch sitzen Sie als Wächterin hier? Sie müssen doch die Leute kennen, auf welche Sie aufzupassen haben!«

»Ist nicht nötig. Zum Aufpassen ist ein anderer angestellt, welcher mir Nachricht geben wird. Ist dies bis jetzt und einer Woche nicht geschehen, so reise ich nach Albuquerque ab.«

»Aber Sie kennen doch wenigstens den Mann, welcher Ihnen die Nachricht bringen soll?«

»Gesehen habe ich auch ihn noch nicht. Er ist ein

Handelsmann, welcher unweit von hier in einem Hinterhause wohnt. Der andere Freund Hunters hat bei ihm logiert und ihm den betreffenden Auftrag erteilt - entschuldigen Sie, Sennor, es hat geklingelt!«

Ich hatte das Klingeln auch gehört; sie stand vom Diwan auf und trat unter die Portiere, welche das Zimmer, in dem wir uns befanden, von dem vorderen trennte, durch welches ich gekommen war. Die Indianerin öffnete vorn und sagte einen Namen, den ich nicht verstand.

»Mag hereinkommen!« sagte Judith, indem sie vorwärts ging und die Portiere hinter sich fallen ließ. Ich war allein und hörte nun folgendes Gespräch, obgleich ich derjenige war, der es am wenigsten hören sollte:

»Sind wir allein?« fragte nach der kurzen Begrüßung eine männliche Stimme englisch.

»Redet!« forderte sie den Sprecher auf.

»Ich habe Mrs. Silverhill mitzuteilen, daß sich die drei Personen, auf welche Ihr wartet, hier befinden. Mein Sohn hat es mir sofort gemeldet. Er ist da angestellt, wo sie vernommen worden sind.«

»Vernommen? Haben sie sich an die Behörde gewendet?«

»Allerdings.« »Um zu erfahren, ob Mr. Hunter wirklich nach Indien gereist ist?«

Er zögerte mit der Antwort und meinte dann zweideutig-

»Von der Reise ist auch mit die Rede gewesen. Ich habe Euch nur zu sagen, daß die drei da sind; weiter erstreckt sich mein Auftrag nicht. Höchstens könnte ich Euch die Namen sagen, die Euch aber schon bekannt sein werden.«

»Ich kenne sie noch nicht.«

»Nun, der Indianer ist der Apatschenhäuptling Winnetou.«

»Winnetou?« fragte sie im Tone des Erstaunens. »Den kenne ich freilich. Ich habe ihn früher gesehen.« »Sodann ein Engländer, welcher Bothwell heißt - -« »Ist mir fremd.«

»Und der deutsche Prairiejäger ist der Westmann, welcher Old Shatterhand genannt zu werden pflegt.«

»Old Shat-ter-hand!« rief sie, nach jeder Silbe innehaltend. »Das - das - das ist ja - - kommt, kommt schnell heraus!«

Ich hörte eine Thür gehen, und es wurde still. Die Jüdin hatte den Boten in ein anderes Zimmer geführt, damit ich das Weitere nicht verstehen sollte. Meine Rolle als Old Firefoot war ausgespielt. Der Mann, mit welchem sie jetzt sprach, war jedenfalls der Händler, bei welchem Melton, der Onkel, gewohnt hatte. Als er den Namen Old Shatterhand nannte, war ihr eingefallen, daß dies der meinige sei und daß ich nicht Old Firefoot heiße. Sie hatte mich damals in der Sonora mit Winnetou beisammen gesehen und wußte nun, daß ich der Deutsche sei, dem, ihrer Meinung nach, das Erbe Hunters zufallen mußte, falls er nicht nach Indien ging. Und sie hatte mir so vertrauensvoll erzählt, daß er wirklich die Absicht hatte, hier im Lande zu bleiben! Ich war neugierig, was sie nun thun werde.

Es dauerte fast eine Viertelstunde, ehe sie wiederkam. Ihre Wangen waren bleich; in ihren Augen glänzte ein drohendes Licht; sie befand sich in großer Aufregung, gab sich aber Mühe, dies nicht merken zu lassen.

»Sennor, Sie haben den Teil des Gespräches gehört, welcher da im Nebenzimmer stattfand?« fragte sie mich.

Ihre Stimme zitterte. Sie mußte sich sehr anstrengen, ihren Zorn zurückzuhalten. »Ja«, antwortete ich ruhig. »So haben Sie also gelauscht!«

»Fällt mir nicht ein. Sie waren so gütig, mit dem Manne nebenan zu sprechen, und nur ein vollständig Tauber hätte da nichts hören können.«

»Gut, ich war unvorsichtig. Aber Sie haben mich belogen! Sie nannten sich Old Firefoot!« »Steht es mir nicht frei, mir einen Kriegsnamen zu geben, der mir gefällt und beliebt?«

»Aber Sie sind Old Shatterhand!«

»Man nennt mich allerdings auch bei diesem Namen.« »Warum haben Sie ihn mir nicht genannt?« »Weil ich keinen triftigen Grund dazu hatte.«

»Sie haben mich getäuscht. Wissen Sie, wie ich das nenne? Eine Dame in dieser Weise zu hintergehen, das ist -«

»Bitte, schweigen Sie!« unterbrach ich sie schnell. »Ich dulde von Ihnen kein beleidigendes Wort. Sie sind die Braut eines Schwindlers. Was hindert mich, Sie der Polizei zu übergeben?«

»Wer oder was Sie hindert? Das werde ich Ihnen gleich zeigen. Warten Sie nur einen Augenblick. Ich habe vorher dem Boten nur ein Trinkgeld zu geben, und meine Börse liegt im Schlafzimmer. Dann sollen Sie hören, was ich Ihnen zu sagen habe!«

Sie verließ das Boudoir durch eine mir und dem Diwan gegenüberliegende Thür. Ich hörte ein leises Geräusch, als ob ein Riegel vorgeschoben werde. Schnell huschte ich nach der Thür und klinkte; sie öffnete sich nicht. Nun eilte ich leisen Schrittes durch das Boudoir zurück und hinaus in das Nebenzimmer. Auch dieses war von außen verschlossen. Da die Jüdin durch dasselbe zu mir zurückgekehrt war, mußte die Indianerin, ihre Dienerin, den Schlüssel im Schlosse umgedreht haben.

»Ah, sie hat dich gefangen, um auszureißen!« lachte ich mir selbst zu. »Sehr gut! Sie mag gehen!«

Ich öffnete ein Fenster und sah hinaus, doch so, daß ich von unten nicht gesehen werden konnte. Kaum waren fünf Minuten vergangen, so kam sie unten aus der Thür. Sie hatte in größter Eile Toilette gemacht, und jedenfalls all ihr Geld und ihre Wertsachen zu sich gesteckt. Ihre Gestalt war in einen grauen Regenmantel gehüllt; ein einfacher Hut saß auf ihrem Kopfe. Hinter ihr kam eine Indianerin, welche eine Tasche in der Hand hatte, und dann folgte ein schwarzbärtiger Mann, der einen kleinen Koffer trug. Das war jedenfalls der Bote, mit dem sie gesprochen hatte. Die drei hoben die Köpfe, um zu den Fenstern emporzublicken; ich zog den meinigen schnell zurück. Als ich dann wieder hinaussah, waren sie schon weit fort; ich sah sie eiligen Schrittes unter den Passanten verschwinden.

Ein anderer als ich hätte vielleicht die Thüren ausgesprengt, um ihnen augenblicklich zu folgen; mir aber fiel dies nicht ein; sie, nämlich die Jüdin, war mir sicher, obwohl ich mir sagte, daß sie New-Orleans augenblicklich verlassen werde.

Ich probierte zunächst noch einmal die Thüren; sie waren wirklich verschlossen. Dann sah ich mich genauer, als es bis jetzt geschehen war, in den beiden Zimmern um, die für mich offen waren. Auf einem kleinen Tischchen im Boudoir lag ein Photographiealbum. Ich öffnete es und schlug die einzelnen Bilder um. Wahrhaftig, da steckte Jonathan Meltons Lichtbild im Visitenformat. Und dabei lag ein zusammengefalteter Zettel. Ich war keineswegs so diskret, ihn liegen zu lassen, sondern ich las ihn. Da stand in kalligraphisch schönen Buchstaben geschrieben:

»Ich erkläre hiermit durch die Unterschrift meines Namens, daß ich Mrs. Silverhill die Ehe versprochen habe. Small Hunter.«

Wer die in Beziehung auf Eheversprechungen so strengen Gesetze der Vereinigten Staaten kennt, der weiß, was zwei oder drei solche Zeilen zu bedeuten haben. Ja, der sonst so kalt und gefühllos berechnende Mann befand sich vollständig in ihren Fesseln, und ich war überzeugt, daß ich ihn, wenn nicht in Albuquerque, so doch in ihrem »Schlosse« treffen würde.

Ich durchsuchte die beiden Zimmer weiter, fand aber nichts, was mir dienlich sein konnte. Die Photographie und den Zettel steckte ich zu mir und untersuchte dann die Schlösser der beiden Thüren. Man brauchte kein Einbrecher zu sein, um das eine öffnen zu können. Nachdem ich einen kleinen Stift aus dem Drücker gezogen hatte, konnte ich den letzteren entfernen. Ich hatte in dem Necessaire ein kleines Messer gesehen, dessen Spitze ich abbrach, worauf es mir als Schraubenzieher diente, mit dessen Hilfe ich die vier kleinen Schrauben entfernte, welche das Schloß festhielten; dann konnte ich dieses abnehmen; die Thür war offen, und ich trat in den Korridor, mit dessen Thür ich ganz ebenso verfahren konnte.

Nun ging ich hinab ins Parterre zu der Witwe und teilte derselben soviel mit, wie ich für nötig hielt. Sie war zunächst ganz betroffen über die fluchtmäßige Entfernung der Jüdin, setzte aber meiner Verabschiedung keine Schwierigkeiten in den Weg. Ich ging, aber nicht etwa schon zu Emery und Winnetou, sondern die Straße abwärts nach dem Hinterhause, welches der Advokat mir als die Wohnung seines »Bureauvorstandes« bezeichnet hatte. Der Wirt sollte mich bei seiner Rückkehr von seinem mehr als zweideutigen Ausgange in seiner Stube finden. Ich war der Jüdin nicht gefolgt, weil ich sicher gewesen war, von ihm mehr zu erfahren, als was ich hätte sehen und beobachten können.

Eine Inschrift über den Fenstern des Parterres verriet mir, daß er Jeffers hieß und alte Goldsachen und Uhren zu verkaufen hatte. Die Thür war von innen verriegelt; auf mein Klopfen öffnete eine Frau.

»Mr. Jeffers daheim?«

»Nein. Was wollt Ihr?«

»Ein Armband oder so etwas als Geschenk für eine Dame.«

»Wie hoch vielleicht im Preise?«

»Ich gehe bis zehn oder fünfzehn Dollars.«

»Kommt herein, Sir; mein Mann muß gleich wiederkommen.«

Hätte ich eine niedrigere Summe genannt, so wäre ich von ihr fortgeschickt worden, um später wieder vorzusprechen. Ich trat in einen kleinen Vorsaal, in welchem es zwei Thüren gab; die eine führte in einige Hinterstuben, wo ich bedient werden Sollte; die andere ging jedenfalls in die vordern Zimmer, welche Harry Melton bewohnt hatte.

Die Frau war sauber gekleidet und machte den Eindruck von Willenlosigkeit und Niedergeschlagenheit. Ich mußte wohl drei Viertelstunden warten, ehe ihr Mann nach Hause kam. Sie öffnete ihm und sagte ihm draußen, was ich kaufen wollte. Er kam in die Stube und führte mich in einen kleinen Nebenraum, in welchem sich seine Kostbarkeiten befanden.

»Also ein Armband wollt Ihr, Sir,« meinte er.

»Ich möchte Euch hier die Granaten empfehlen; es giebt auch eine Broche dazu. Sie stehen wunderbar, besonders zu blond.«

»Mrs. Silverhill ist leider nicht blond,« bemerkte ich.

Er ließ die Hand, mit der er mir das Armband entgegenhielt, sinken und fragte rasch.

»Mrs. Silverhill? Kennt Ihr eine Dame dieses Namens?« »Natürlich! Das Geschenk soll ja für sie sein! Wundert Ihr Euch darüber?«

»Nein, gar nicht! Wo wohnt Mrs. Silverhill, Sir?«

»Auf dieser Straße, nur einige Häuser weiter aufwärts.«

»Ihr scheint mit ihr befreundet zu sein?«

»Alte Bekanntschaft, weiter nichts.«

»Well, geht mich nichts an; aber unsereiner interessiert sich natürlich für die Personen, welche die Sachen, die man verkauft, bekommen, und da ich zufällig erfahren habe, daß Mrs. Silverhill sehr reich sein soll, so möchte ich Euch raten, das Beste auszusuchen, was ich habe.«

»Sehr richtig. Ich hätte eigentlich zu einem der großen Juweliers gehen sollen, bin aber doch zu Euch gekommen, weil ich mein Geschenk nur mit Eurer Hilfe anbringen kann.«

»Wieso?«

»Die Dame ist verreist und nur Ihr wißt, wohin.«

»Ich?« fragte er, indem sein Gesicht den Ausdruck ängstlicher Spannung annahm. »Was habe ich mit Mrs. Silverhill zu thun?«

»Das fragt die Polizei auch!«

»Die Po - -?!«

Er wollte das Wort aussprechen; es blieb ihm aber im Munde stecken.

»Ja, die Polizei!« nickte ich bedeutungsvoll und ernst.

»Was soll das heißen? Was weiß ich von Eurer Mrs. Silverhill!«

»Wo sie hin ist, das wißt Ihr! Ihr habt ihr ja bei ihrer plötzlichen Abreise den Koffer getragen! Ihr wart bei ihr und habt ihr verraten, daß Old Shatterhand, Winnetou und Mr. Bothwell hier angekommen sind.«

»Alle Wetter, Sir! Diese - diese - diese Namen -« stotterte er.

»Hat Euch Euer Sohn genannt, der darüber seine Anstellung verlieren wird. Natürlich wird ihm und Euch außerdem der Prozeß gemacht. Weshalb, das wißt Ihr wohl!«

»Ich - ich - weiß von nichts!«

»Wirklich? Kennt Ihr den Namen Small Hunter nicht?« »Small - -?!«

»Und hat nicht der Schreiber Hudson bei Euch gewohnt? Wart Ihr nicht beauftragt, Mrs. Silverhill zu benachrichtigen? Ich sage Euch, das wird Euch und Eurem Sohne stark an den Kragen gehen, denn dieser weiß genau, wessen der sogenannte Small Hunter angeklagt wird.«

»Das ist eine armselige Geschichte! Hätte ich mich doch nicht damit abgegeben!«

Er warf sich bei diesen Worten auf einen Stuhl und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

»Armselig genug wird's für Euch; das ist sehr richtig,« stimmte ich bei. »Was sagt Ihr dazu, daß ich Euch gleich mit mir nehme, Master?«

Da fuhr er augenblicklich wieder auf und fragte, mir voller Angst in das Gesicht starrend:

»Ist es denn wirklich so - so schlimm, so gefähr- gefährlich, Sir? Ich habe doch bis jetzt an den echten Small Hunter geglaubt, habe erst vor zwei Stunden von meinem Sohne erfahren, daß er ein Betrüger sein soll! Und daß er das ist, glaube ich auch jetzt noch nicht!«

Ich sah es ihm an, daß er damit die Wahrheit sagte. Er schien ein Mann zu sein, der es, wenn es sich um seinen Vorteil handelte, im Geschäfte nicht allzu genau mit der Ehrlichkeit nahm; aber wie ein gewerbsmäßiger, hartgesottener Verbrecher sah er nicht aus.

»Er ist nicht nur ein Betrüger, sondern etwas noch viel Schlimmeres,« versicherte ich dem Händler. »Sobald er erwischt wird, geht es ihm an Kopf und Leben, und denen, die mit ihm in Verbindung standen, wird es nicht viel besser ergehen.«

Ich gab ihm die nötigen Aufklärungen, worauf er sagte: »Ich will Euch alles gestehen. Sir, Ihr seid ein Detektive und müßt Eure Pflicht thun; aber vielleicht ist es Euch doch möglich, mich und meinen Sohn aus dem Spiele zu lassen. Sucht Euch dafür meine beste Uhr aus oder den teuersten Schmuck, den ich hier habe!«

Also er hielt mich für einen Polizisten! Das war mir eben recht. Er hatte mich vorhin bei der Jüdin nicht gesehen. Ich dachte also scheinbar eine kleine Weile nach und sagte dann.

»Was Ihr mir da anbietet, würde Bestechung sein. Damit bleibt mir vom Leibe. Ich will nichts gehört haben, denn, wenn ich auch das noch anzeigte, würde man noch viel weniger an Eure Unschuld glauben. Es widerstrebt mir freilich, anzunehmen, daß Ihr mit solchen Schurken gemeinsame Sache gemacht habt, und so - -«

»Sir,« fiel er mir in die Rede, »das habe ich auch nicht. Ich schwöre es Euch zu!« »Aber mit dem Schreiber seid Ihr vertraut gewesen!« »Nein. Ich verkehrte mit ihm, wie ein Wirt mit einem Mieter verkehrt.« »Aber seine Botschaft habt Ihr doch an die Silverhill ausgerichtet!«

»Im guten Glauben. Er ist nach St. Louis gefahren und will wiederkommen. Ehe er abreiste, bat er mich, durch meinen Sohn zu erfahren, ob vielleicht drei Männer kommen würden, um Small Hunter zu verdächtigen. Würde der Fall eintreten, so sollte ich es sofort der Dame melden.«

»Ihr seid dafür bezahlt worden?«

»Er hat mir allerdings einige Dollars gegeben.«

»Hm! Das spricht wieder nicht für Euch!«

»Sir, ich bin arm und muß, um auszukommen, jeden Dollar mitnehmen. Ist es denn gar nicht möglich, mich aus dem Spiele zu lassen?«

»Schwerlich! Ja, wenn weiter niemand davon erführe!«

»Ich sage kein Wort, Sir, kein Wort! Lieber laß ich mich zerreißen, als daß ich gegen jemand den Mund öffne!«

»Würdet Ihr auch gegen meine Kollegen schweigen? Ich könnte Euch nur unter der Voraussetzung schonen, daß Ihr gegen andre schweigt, gegen mich aber aufrichtig seid.«

»Beides soll geschehen, beides, Sir!«

»Gut, wollen einmal sehen. Also, wo befindet sich der sogenannte Hudson, welcher bei Euch gewohnt hat?«

»Ich weiß nicht anders, als daß er mit Small Hunters Diener hinauf nach St. Louis ist.« »Ihr habt den Diener gesehen?«

»Ja; er war einigemale da. Sie sehen einander ähnlich.« »Weil sie Brüder sind. Und wo ist der falsche Hunter hin?«

»Ich habe bis heute gedacht, daß er nach Indien ist, aber vorhin, als ich bei Mrs. Silverhill war, ließ sie ein Wort fallen, auf welches sie wahrscheinlich nicht achtete und aus dem ich nun jetzt schließen möchte, daß er nicht nach Indien ist.«

»Was war das für ein Wort?«

»Sie sagte, Mr. Hunter hätte dafür gesorgt, daß sie schnell zu ihm kommen könne. Schnell? Das sagt man doch nicht von Indien!«

»Allerdings. Wie kam sie denn eigentlich dazu, so ein unvorsichtiges Wort zu sagen?«

»Das begreife ich auch nicht. Ich ging zu ihr, um mein Versprechen zu erfüllen. Sie empfing mich in einem Zimmer, wo ich ihr die Botschaft ausrichtete. Sie wußte, um was es sich handelte, schien aber die Namen nicht zu kennen, denn als ich dieselben nannte, erschrak sie außerordentlich, zog mich schnell hinaus in den Vorsaal und setzte dort das Gespräch weiter fort. Dann fragte sie mich, ob ich Zeit hätte, gegen Belohnung einen Gang mit ihr zu thun. Ich sagte j a und mußte dann hinaus auf die Treppe, um auf sie zu warten. Sie kam mit ihrer Dienerin; ich mußte einen Koffer tragen. Sie sagte, Old Shatterhand sei in ihrer Wohnung, und sie müsse augenblicklich zu Mr. Hunter, welcher dafür gesorgt habe, daß sie schnell zu ihm kommen könne. So kam sie auf das Wort.«

»Wo seid ihr dann mit ihr hingegangen?«

»Nach dem Great-Union-Hotel; das heißt, ich allein. Sie wartete mit ihrer Dienerin in der Nähe. Ich mußte im Hotel Eisenbahnbillets kaufen.«

»Welche Billets habt Ihr gekauft?«

»Das war eine komplizierte Sache. Sie wollte hinüber nach Gainesville, aber auch mit dem allernächsten

Zuge, mit dem das möglich war, denn sie scheute sich, auch nur eine Stunde in Orleans zu bleiben. Da auf der kürzeren Strecke kein Zug ging, habe ich ihr Billets nach Jackson, Vicksburg, Monroe und Marschall genommen, von da nach Dallas und über Denton nach Gainesville.«

»Das ist allerdings ein bedeutender Umweg. Sie hätte viel später abfahren können und wäre auf der Strecke jenseits des Flusses dennoch eher in Gainesville angekommen.«

»Die Angst vor Old Shatterhand trieb sie fort!«

»Und die Angst hat sie auch gegen Euch geschwätzig gemacht. Habt Ihr sonst noch etwas erfahren können?«

»Nein, Sir. Ich habe Euch alles gesagt, was ich weiß. Darf ich nun auch hoffen, daß Ihr Nachsicht mit mir habt?«

»Hm, ich möchte wohl! Ihr werdet also keinem Menschen ein Wort von dem mitteilen, was Ihr mir erzählt habt?«

»Nicht eine Silbe!«

»Diese Bedingung stelle ich, denn wenn Ihr gegen andre schwatzt, ist es mir unmöglich, über Euch zu schweigen. Ich werde zunächst weiter forschen. Finde ich, daß Ihr ehrlich gewesen seid, so werde ich Euch nicht in den Mund nehmen; habt Ihr mich aber getäuscht, und selbst wenn es mit einer Kleinigkeit wäre, so könnt Ihr Euch darauf gefaßt machen, auf eine ganze Reihe von Jahren mit Eurem Sohne eingesperrt zu werden!«

»Wenn das ist, Sir, so brauche ich keine Angst zu haben.«

»Well! So lebt wohl! Am besten ist's für Euch, ich sehe Euch nicht wieder. Das Armband kaufe ich natürlich nicht; das war nur ein Vorwand, wie Ihr Euch denken könnt.«

»Natürlich!« meinte er, indem er erleichtert aufatmete. »Aber, Sir, könntet Ihr mir nicht sagen, woher Ihr wißt, was zwischen mir und Mrs. Silverhill geschehen ist? Von dem Augenblicke an, an welchem ich zu ihr kam, bis zur Sekunde ihrer Abreise hat sie mit keinem Menschen, als nur mit mir gesprochen, ihre Indianerin ausgenommen, und doch wart Ihr so gut unterrichtet!«

»Das ist mein Geheimnis, Mister Jeffers. Die Polizei muß eben, wenn sie etwas taugen will, zuweilen ein wenig allwissend sein.«

»Und dann, könntet Ihr nicht einmal nach Mrs. Silverhills Wohnung gehen? Sie sagte doch, daß Old Shatterhand sie dort überrascht habe. Darum floh sie schnell. Sie hat zugeschlossen. Ich schätze, daß der Mann nun eingesperrt ist und nicht heraus kann.«

»Macht Euch keine Sorge um den! Ein Prairiemann läßt sich nicht so leicht einsperren. Und wenn es ja einmal geschieht, so weiß er ganz genau, wie er es anzufangen hat, wieder an die schöne Atmosphäre zu kommen.«

Ich ging, sehr befriedigt von den Erfolgen meiner Nachforschungen. Wir hatten geglaubt, längere Zeit in New Orleans bleiben zu müssen, und nun stellte es sich heraus, daß wir gezwungen waren, der Stadt sofort den Rücken zu kehren.

Es ist bekannt, daß man in den Vereinigten Staaten in jedem größeren Hotel Eisenbahnbillets nach allen

Richtungen bekommen kann. Als ich jetzt in das unserige zurückkehrte, war es mein erstes, nach den Abfahrtszeiten zu sehen. Wir mußten natürlich auch nach Gainesville und hatten noch volle zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des betreffenden Zuges. Das war Zeit genug, mich mit meinen beiden Gefährten vorher zu verständigen.

Diese freuten sich ebenso wie ich mich darüber, daß ich die Spur der Gesuchten entdeckt hatte, und weder Winnetou noch Emery zweifelten daran, daß es die richtige Fährte sei. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich derselben nicht so schnell folgen können, denn zu einer Fahrt nach Gainesville gehörte mehr Geld, als ich dazu hätte aufwenden können; dem Millionär Emery aber war das eine Kleinigkeit, und der Apatsche brauchte nur in seinen Gürtel zu greifen, um einige Nuggets gegen gutes Geld umzuwechseln; ich, der Proletarier, wurde von beiden so mit durchgeschleppt. - - -

Zweites Kapitel.

Im Todesthale.

Es fiel uns nicht ein, irgend einem Menschen zu melden, daß wir abzureisen beabsichtigten. Zur gegebenen Zeit - es war gerade finster geworden - saßen wir im Waggon und rollten auf der rechten Seite des Missisippi und dann des Red River Shreveport entgegen, welches wir mit Tagesanbruch erreichten. Dort gab es Anschluß von Jackson und Vicksburg über Monroe herüber, und nach unserer Berechnung mußte die Jüdin mit diesem Zuge kommen.

Wir saßen im Restaurationswagen und waren darauf gespannt, ob sie in den Zug steigen werde. Da sie mich und Winnetou kannte, setzten wir uns so, daß sie uns, wenn sie den Wagen betrat, nicht gleich sehen konnte. Emery aber brauchte sich nicht zu verbergen. Er ging, als der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, die andern Wagen durch und meldete, als er zurückkehrte, in ganz zufriedenem Tone:

»Sie ist da, sitzt in dem vorletzten Wagen.«

»Irrst du dich nicht?«

»Kann mich nicht irren. Schönes Frauenzimmer mit dem Typus von Israel; daneben eine Indianerin; GeGepäck ein kleiner Koffer und eine Tasche; dabei einfacher Hut und grauer Mantel, wie du gesagt hast. Was thun wir mit Ihr?«

»Fahren lassen.«

»Well! Aber es wäre doch besser, wenn wir sie zurückhalten könnten!«

»Nein. Mit dem Weibe haben wir doch eigentlich nichts zu schaffen; wir wollen nicht sie, sondern die Meltons haben.«

»Die will sie doch warnen!«

»Das kann sie nicht, denn wir kommen ihr zuvor. Es versteht sich doch von selbst, daß wir Albuquerque viel eher erreichen, als sie.«

»Sollte man denken. Doch weiß man vorher nie, was geschehen kann. Halten wir sie lieber zurück!«

»Wie wolltest du sie denn zurückhalten?« »Durch einen Sheriff.«

»Der würde uns mit behalten müssen und damit wäre gar nichts gebessert. Es ist klar, daß sie von Gainesville aus hinauf nach Neumexiko will. Sie hat sicher keine Ahnung, wie kühn, ja wie verwegen dies Unternehmen ist. Man möchte meinen, daß sie unterwegs zu Grunde gehen muß. Wir aber kennen uns aus. Wir werden in Gainesville uns Pferde kaufen und einen Ritt hinauf in die Berge machen.«

»Aber vielleicht haben wir uns mit den Komantschen oder Kioways herumzuschlagen!«

»Schadet nichts. Das verkürzt die Zeit.«

Da wies Winnetou mich zurecht:

»Mein Bruder mag das nicht sagen! Die Komantschen kommen oft nach Norden bis zur Straße nach Santa Fe. Winnetou aber fürchtet sie nicht, obgleich sie seine Todfeinde sind; aber wenn wir so schnell nach Al-Albuquerque wollen, haben wir keine Zeit, uns mit ihnen herumzuschlagen.«

Ich schwieg, denn er hatte die Wahrheit gesagt. Später ging Emery wiederholt nach dem vorletzten Wagen. Er fand die Jüdin immer schlafend. Sie schien die letzte Nacht im Fahren durchwacht zu haben.

In Dallas mußte umgestiegen werden. Das war eine schwierige Sache, da wir uns vor Judith nicht sehen lassen wollten. Sie hätte leicht auf den Gedanken kommen können, uns auf der Strecke nach Sherman zu entweichen. Es gelang uns, unbemerkt zu bleiben, auch später, als wir in Denton noch einmal umsteigen mußten. Von da an war der Bahnkörper noch neu; es wurde langsam und vorsichtig gefahren, und so kamen wir erst, als es fast dunkel war, nach Gainesville, dem Endpunkte der Bahn.

Wir warteten, bis die Jüdin mit ihrer Zofe ausgestiegen war, und verließen dann auch den Wagen. Sie hatte uns bis jetzt noch nicht gesehen. Gainesville war damals ein trauriger Ort. Die Gebäude waren nicht Häuser, sondern Hütten zu nennen. Auf der Station gab es keine Unterkunft, und der Ort hatte nur zwei sogenannte Hotels, aber sie wurden eben auch nur so genannt; eine deutsche Dorfkneipe mußte dagegen ein Paradies genannt werden. Wir sahen unsern Flüchtling in dem besser aussehenden Hotel verschwinden. Das bessere Aussehen hatte seinen Grund freilich nur darin, daß es um ein Fenster breiter war als das andere Hotel; es hatte deren drei. Wir gingen auch hinein.

Im Innern war es so dunkel, daß wir nichts sahen. Es brannte kein Licht; draußen herrschte bereits tiefe Dämmerung, und ihr verschwindender Schein vermochte nicht, durch den Schmutz der winzigen Fensterscheiben zu dringen.

Von der Seite her vernahmen wir Stimmen; das mochte in der Küche sein, und dort schien auch ein Licht, wenn auch nur ein kleines Talglicht. Eine Männerstimme sagte:

»All right! Ist alles schon vorgesehen. Werde gleich Licht nach dem Salon bringen.«

Leichte Schritte kamen von dorther und wurden in unserer Nähe still. Hatte die Jüdin mit dem Wirte gesprochen? War das der Fall, so saß sie jetzt wieder in der Stube, welche von dem Wirte Salon genannt worden war. Wir tasteten uns vorwärts und kamen an eine Tafel, an welcher eine Bank stand. Beide, Tafel und Bank, waren, das fühlten wir, aus roh gehobelten Brettern zusammengezimmert. Wir setzten uns nieder.

Da kam der Wirt und brachte eine Lampe, welche er auf die Tafel stellte. Sie beleuchtete uns.

»Halloh, da sind ja noch andere Gäste!« rief er aus. »Willkommen, Gentlemen! Werdet ihr heut hier im Hotel bleiben? Delikates Essen, gute Betten und sehr niedrige Preise.«

»Werden sehen,« antwortete Emery. »Habt Ihr Bier?

»Und was für welches! Echt englisches Porter.«

»So gebt drei Flaschen! Schmeckt uns dieser Göttertrank aber nicht, so trinkt Ihr ihn selber.« »Sollte mir lieb sein; werde aber nicht zu diesem Genusse kommen.«

Inzwischen hatte ich einen andern Genuß, der viel größer war als der seines jedenfalls schlechten Gerstenabsudes. Als er das Licht brachte, sah ich, daß an der Tafel nicht nur die Bank stand, welche wir eingenommen hatten, sondern es befand sich auf der andern Seite eine zweite, und auf dieser saß - Judith mit ihrer Indianerin!

Welche Gesichter die beiden machten, als sie mich sahen! Kein Maler hätte die Verblüffung so zu treffen gewußt, wie ich sie in solcher Vollendung in meinem Leben hier zum erstenmal sah. Als der Wirt sich jetzt entfernte, stand ich auf, verbeugte mich und sagte:

»Mrs. Silverhill, Sie sehen, unser gestriges Zusammentreffen hat mich so für Sie begeistert, daß ich mich nicht von Ihnen zu trennen vermag. Old Shatterhand hat Ihre Spur gefunden, obgleich Sie die Billets durch eine fremde Person kaufen ließen.«

»Sie - Sie hier in Gainesville!« sagte sie stammelnd.

»Vermuteten Sie, daß ich jetzt noch in Ihrem Boudoir zu suchen sei? Vielleicht wäre ich trotz aller Ihrer Schönheit in New Orleans geblieben; aber Sie hatten bei Ihrer eiligen Abreise etwas vergessen, was Sie so notwendig brauchen, daß ich mich sofort auf die Bahn setzte, um es Ihnen nachzubringen. Hier ist es, Sennora.«

Ich zog den Zettel mit dem Eheversprechen aus der Tasche, faltete ihn auseinander und hielt ihn in das Licht der Lampe. Sie las die Zeilen, riß ihn mir aus der Hand und rief.

»Der gehört mir! Wenn ich nur den Schein habe! Nun mag alles verloren sein, was ich nicht mitnehmen konnte!«

»Ja, behalten Sie ihn, Sennora. Sie können einen der größten Betrüger damit zwingen, ehrlich gegen Sie zu sein, bevor ihn der Hangman (* Henker.) an den Galgen knüpft.«

Da zischte sie mir wütend zu:

»Schweigen Sie, Sie größter aller Verleumder! Sennor Hunter ist ein ehrlicher Mann, tausendmal ehrlicher, als Sie sind. Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen; er aber wird sich an Ihnen rächen; darauf verlassen Sie sich!«

Und sich an den Wirt wendend, fuhr sie fort:

»Sennor, haben Sie für eine Dame, die unmöglich bei solchen Leuten bleiben kann, ein abgelegenes und verschließbares Zimmer für bis morgen früh, wo ich weiter reise?«

»Fragen Sie doch nicht erst, Ma'am!« antwortete er. »Ich habe ein Zimmer, in welchem eine Prinzessin sich

wie im Himmel fühlen würde.«

»So bringen Sie mich und meine Kammerzofe sofort hin!«

Er nahm uns die Lampe weg und führte die beiden Frauenzimmer fort. Das Haus war in zwei Räume geteilt, einen größeren, in dem wir saßen, und einen kleineren, der die Küche und den Aufenthalt des Wirtes bildete. Beide Räume hatten eine Bretterdecke. Die Decke der Küche hatte ein viereckiges Loch; dort legte der Wirt eine Leiter an und kletterte mit der Lampe hinauf. Judith und die Indianerin mußten ihm folgen. Wir blieben im Finstern, bis er nach fast einer Viertelstunde wieder herunter kam und uns ein Talglicht hinsetzte.

»Entschuldigt, Mesch'schurs!« sagte er. »Ich habe heute nur eine Lampe. Die drei großen Kronleuchter, welche ich in Little Rock bestellt habe, kommen leider erst übermorgen an. Wünscht Ihr auch zu essen?«

»Ja,« antwortete Emery. »Was giebt es?«

»Einen feinen Lendenbraten und dazu einen Eierkuchen.«

»Wer ist der Koch?«

»Ich selbst. Meine Frau kommt erst übermorgen, und die vier Kellner, welche ich mir verschrieben habe, sollten schon gestern hier sein, werden sich aber verspätet haben, weil der Schneider ihre Fracks nicht zur rechten Zeit fertig gebracht hat.«

»Dann ist es ein wahres Glück,« fiel ich ein, »daß wenigstens Ihr selbst schon hier eingetroffen seid! Ihr habt mit der Dame da oben gesprochen. Hat sie Euch gesagt, wohin sie will?«

»Nein.«

»Oder wann sie fort will?«

»Auch nicht. Aber Ihr habt vorhin gehört, daß sie ihr Boudoir nur bis morgen früh behalten will.« »Können wir hier übernachten?« »Natürlich! Ihr sollt wie die Götter schlafen.«

»Wo?«

»Hier im Salon. Ihr werdet Betten zum Entzücken haben.«

»Schön! Kann man hier in diesem gesegneten Gainesville Pferde zum Kaufe bekommen?«

»Das versteht sich, Sir! Es giebt im ganzen Westen keine solchen Pferde wie hier bei uns. Echt arabisches, persisches und englisches Vollblut! Und Preise, Preise sage ich Euch, die der Rede gar nicht wert sind. Ich bin der berühmteste Pferdezüchter weit und breit.«

»Vielleicht auch Sättel?«

»Von allen Sorten, vom berühmtesten Sattler in St. Louis direkt und fast ganz neu bezogen.«

»So wünsche ich nur, daß die Pferde und Sättel besser sind als der echt englische Porter, den Ihr vorhin ebensosehr gelobt habt wie jetzt sie. Was für Ausgänge hat das Boudoir, in dem sich die beiden Damen befinden?«

»Nur den einen, wo sie vorhin hinaufgestiegen sind. Doch verzeiht! Ich muß mich jetzt beeilen, euer Abendessen zu bereiten.«

Dieser »Hotelier« war ein so geriebener Kerl, wie mir kaum schon einer vorgekommen war. Sein Porter war ein selbst zusammengepantschtes Small-beer (* Dünnbier.); dann bekamen wir die ungenießbaren Sehnen von Rinderfüßen als Lendenbraten, und der famose Eierkuchen war nichts anderes, als ein Mehl schlechtester Güte dick in warmem Wasser eingerührt. Die Betten bestanden aus Hobelspänen, und für diese fürstlichen Genüsse hatten wir drei Dollars pro Mann zu bezahlen. Der einzige Trost dabei war, daß die »Prinzessinnen« über der Küche wohl in denselben Genüssen schwelgen mußten, wie wir.

In Bezug auf diese beiden Personen trauten wir dem Manne nicht recht; da wir aber nicht wußten, in welche Richtung wir unser Mißtrauen wenden sollten, so legten wir uns schlafen, doch mit dem Vorsatze, morgen mit dem frühesten aufzustehen.

Mitten in der Nacht weckte mich Winnetou.

»Mein Bruder mag horchen!« sagte er.

Ich lauschte. Von draußen hörte man, aber fern von dem Hause, ein leises Geräusch, wie das Rollen eines Wagens; dann war es wieder still, und nichts ließ sich mehr vernehmen. Wir schliefen also wieder ein, indem wir das Bewußtsein hegten, daß die Jüdin, wenn sie wirklich nur mit Hilfe der Leiter aus ihrem »Boudoir« entweichen konnte, sich gewiß nicht entfernen konnte, ohne von uns gehört zu werden. Wir drei, besonders aber Winnetou, pflegten beim leisesten Geräusch aufzuwachen.

Der Tag graute, als wir aufstanden. Da es an der Thür kein Schloß, sondern nur einen hölzernen Riegel gab, konnten wir aus dem Hause treten, ohne den Wirt zu wecken, welcher, wie wir sahen, noch schlafend in der Küche lag. Wir bemerkten sofort, daß die Leiter dort fehlte, und als wir um die Ecke des Hauses bogen, sahen wir sie dort an der Wand lehnen. Sie reichte bis an einen offen stehenden Laden in dem obern Raume, welchen der Wirt Boudoir genannt hatte. Und nun bemerkten wir auch, daß sich dort eine Thür befand, welche aus der Küche in das Freie führte. Der Wirt wurde natürlich sofort geweckt.

»Wo sind die Damen, die oben schliefen?« fragte ich ihn.

»Fort,« antwortete er, indem sich sein Gesicht in ein schadenfrohes Grinsen zog. »Ich habe sie hinausgelassen.«

»Und heimlich, damit wir es nicht bemerken sollten!«

»Allerdings, Mesch'schurs. Ich gönne meinen werten Gästen gern den Schlaf. Darum habe ich die Küchenthür so leise nach außen geöffnet und die Leiter so leise hinausgeschafft und draußen angelehnt, daß ihr es selbst dann nicht gehört hättet, wenn ihr wach gewesen wäret. Und ebenso leise sind die Damen dann auch durch den Laden herabgestiegen.«

Er sagte das mit einem so merkwürdigen Hohne, daß ich ihn am liebsten hätte ohrfeigen mögen. Ich fragte weiter:

»Ihr wißt nicht, wohin sie sind?«

»Nein.« »Und doch habt Ihr sie im Wagen fortgeschafft!«

»Im Wagen?« meinte er erstaunt. »Woher wißt Ihr das?«

Ich dachte an die Worte, welche Judith zu dem Händler gesagt hatte: »Mr. Hunter hat dafür gesorgt, daß ich schnell zu ihm kommen kann.« Sollte er ihr beim Abschiede gesagt haben, er wolle hier einen Wagen für sie bereithalten lassen? Ich antwortete:

»Ich weiß, daß hier bei Euch ein Wagen für eine Mrs. Silverhill gestanden hat!«

»Wenn Ihr es so gewiß wißt, warum soll ich es da leugnen! Er stand drüben an der Station im Schuppen. Ich habe ihn aus Little Rock besorgen müssen und ein Heidengeld dafür bezahlt, obwohl es nur eine alte, ausgediente Ueberlandkutsche war.«

»Nach welcher Richtung ist die Kutsche fort?«

»Das kümmert Euch nicht.«

»Well, ganz wie Ihr wollt, Sir! Nun zeigt uns doch einmal die Pferde, die Ihr uns verkaufen wollt!«

»Ich verkaufe sie nicht. Ich will Euch offen sagen, daß Mrs. Silverhill, die eine sehr feine Dame ist, mich dafür bezahlt hat, daß ich Euch kein Pferd ablasse.«

»So wird es andere Leute geben, bei denen wir welche bekommen.«

»Hier in Gainesville? Da irrt Ihr Euch. Es giebt keinen Pferdehuf hier im Orte, der nicht mir gehört. Schöne Pferde sind's; das muß man sagen. Soll ich sie Euch mal zeigen? Sie stehen da draußen in der Fenz.«

Er sagte das wieder in seinem so niederträchtig schadenfrohen Tone und deutete dabei mit der Hand über die Station hinüber. Ich verstand den Blick, welchen mir Winnetou zuwarf, und antwortete:

»Ansehen kann man sie sich einmal. Zeigt sie uns also!«

Wir hatten alles, was uns gehörte, bei uns und folgten ihm ins Freie, wo, vielleicht zehn Minuten vom Orte entfernt, eine Fenz errichtet war, in welcher sich zwölf Pferde befanden. Es waren einige dabei, welche uns gefielen. Der Mann blieb aber bei seiner Weigerung. Da sagte ich:

»Sir, hat Mrs. Silverhill Euch unsere Namen genannt?«

»Nein.«

»So will ich sie Euch sagen. Hier steht Winnetou, der Häuptling der Apatschen; ich bin Old Shatterhand, von dem Ihr wohl schon gehört habt, und der Dritte von uns ist auch ein Mann, der nicht mit sich spaßen läßt. Ihr verkauft Pferde, und wir brauchen augenblicklich welche; Ihr wollt uns nur aus reiner Schikane keine ablassen. Nun hört, was ich Euch sage; es ist unsere feste Absicht, die wir unbedingt ausführen werden: Wir kaufen Euch dort die zwei Braunen und hier den Schwarzen ab und zahlen Euch für das Stück sofort fünfundachtzig Dollars. Dazu gebt Ihr uns drei alte Sättel mit Zügelzeug, das Stück zu fünfzehn Dollars, macht Summa Summarum dreihundert Dollars. Wollt Ihr nicht, so gehen wir fort. Was darauf geschieht, ist auch einmal jetzt unsere Sache und nicht die Eurige!«

»Wie? Ist's wahr, ist's wahr? Ihr seid Winnetou und Old Shatterhand?« rief er aus. »Wenn das ist, welch eine Ehre! Wie stolz bin ich darauf, erzählen zu können, daß ich solche Männer in meinem Salon bewirtet habe! Ja, jetzt gehen mir die Augen auf, Mesch'schurs. Das ist Winnetou, der Häuptling mit der Silberbüchse. Und Ihr habt zwei Gewehre, ein schweres und ein leichtes. Das ist der Bärentöter und der famose Henrystutzen. Mesch'schurs, ihr sollt die Pferde mit den Sätteln haben. Nehmt sie; nehmt sie hin! Und nun will ich euch auch sagen, wohin die Frauen gefahren sind. Sie sind nach Henrietta, wo sie neue Pferde nehmen wollen. Dann gehen sie über die Dryfurt des Red River, um die Canadianstraße der Wagenzüge zu gewinnen, welche nach San Pedro und Albuquerque führt.«

Diese Einwilligung hatte ich nicht erwartet; ich war vielmehr auf eine erneute Weigerung gefaßt gewesen. In dem Falle hätten wir uns augenblicklich auf die drei von mir bezeichneten Pferde gesetzt, ihm für jedes fünfzig Dollars hingeworfen und wären ohne Sattel- und Zaumzeug davongeritten. So aber war es doch viel besser.

Er bat uns, mit ihm ins »Hotel« zurückzukehren, wo wir die Sättel auswählten und sie und die Pferde bezahlten. Während das erstere geschah, war er für einige Augenblicke fortgegangen; aus welchem Grunde, das sahen wir sehr bald darauf, denn kaum war er zurückgekehrt, so füllte sich der »Salon« mit sämtlichen Bewohnern des Ortes; sie kamen, groß und klein, alt und jung, um uns - nicht anzusehen, sondern förmlich anzustaunen, und wir konnten uns dies ruhig gefallen lassen, da sie uns dabei nicht im geringsten belästigten. Keiner wagte es, uns auch nur anzureden; der Wirt aber machte ein gutes Geschäft dabei, denn während der Stunde, welche wir noch blieben, wurde so viel getrunken, daß das Gesicht des Wirtes sich zu einem immer befriedigteren Schmunzeln verzog. Dies war wohl auch der Grund, daß er uns schließlich bat, einen Vorrat von Proviant als Zugabe von ihm anzunehmen. Wir weigerten uns natürlich nicht, das zu thun, und dabei zeigte es sich, daß er viel besseres Mehl und Fleisch besaß, als er gestern zu unserm Abendessen verwendet hatte. Er schenkte uns sogar eine kleine Pfanne und drei Becher, welche Gegenstände wir unterwegs bei der Zubereitung der Speisen recht gut gebrauchen konnten.

Nachdem wir uns auf diese Weise ausgerüstet hatten, ritten wir fort und schlugen selbstverständlich die Richtung nach Henrietta ein, weil die Jüdin den Weg dorthin genommen hatte. Dort angekommen, erfuhren wir, daß sie volle acht Stunden vor uns dagewesen war und nicht nur Wagen sondern auch Reservepferde bekommen hatte. Sie war natürlich überzeugt gewesen, daß wir ihr folgen würden, und hatte, wie es schien, die Anweisung erteilt, uns keine Auskunft zu geben.

Höchst wahrscheinlich hatte sie die Anweisung durch ein Trinkgeld unterstützt. Sie mußte überhaupt eine nicht unbedeutende Summe bei sich haben, da sie soviel Pferde erlangt hatte. Die Auskunft wurde uns allerdings auch verweigert; als jedoch Emery einen kleinen Pferdeboy heimlich zur Seite nahm und ihm zwei Dollars in die Hand drückte, öffnete er dem jungen den Mund und dieser teilte dem Englishman nicht nur die Zeit der Ankunft und Abfahrt der Jüdin mit, sondern verriet ihm auch, daß vor einiger Zeit ein Gentleman dagewesen sei, welcher für das schnelle Fortkommen der Dame gesorgt habe. Er beschrieb den Gentleman so genau, daß wir in demselben Jonathan Melton erkannten.

Es war leicht anzunehmen, daß Jonathan mit Judith die einzuschlagende Route verabredet und ihr dieselbe während seiner Voranreise möglichst erleichtert hatte. Geld dazu führte er ja mehr als genug bei sich.

Sie wollte also hinüber nach der San Pedro-Straße und hatte dazu allen Grund, weil es nur dort für sie Gelegenheit gab, ihre ermüdeten Pferde gegen frische umzutauschen. Da wir wußten, daß sie nach Albuquerque wollte, so hielt ich es nicht für nötig, uns auf ihrer Spur zu halten. Sie mußte, weil sie zu Wagen war und zuweilen die Pferde zu wechseln hatte, einen Umweg machen, während wir denselben abschneiden konnten. Thaten wir dies, so erreichten wir Albuquerque wahrscheinlich früher als sie und konnten nicht nur sie dort erwarten, sondern auch nach den Meltons ausschauen. Freilich ging der

Weg, den wir da einzuschlagen hatten, über den nördlichen Teil des Llano estacado, welcher dort eine saharaähnliche Hochebene bildet, sodaß wir uns auf einen schlimmen Ritt und nicht geringe Entbehrungen gefaßt machen mußten; dennoch aber beantragte ich, diese Richtung einzuschlagen. Emery hatte keine Lust. Er brachte einige Gründe dagegen vor, welche ich freilich nicht als stichhaltig anerkennen konnte. Dennoch stimmte Winnetou ihm bei, indem er zu mir sagte: »Mein Bruder kennt die Hochebene ebenso genau, wie ich. Wir müßten vielleicht mehrere Tagesritte machen, ohne Wasser zu finden; würden unsere Pferde das aushalten?«

»Wir finden doch wohl Wasser, weil jetzt nicht die trockene Jahreszeit ist,« antwortete ich.

»Auf der Hochebene nicht, denn da trocknet der Wind schnell jede Lache und Pfütze aus.«

»So treffen wir auf Kaktusfelder, deren wässerige Früchte unsere Pferde fressen können; dann wird ihr Durst gestillt.«

»Mein Bruder hat recht; diese Früchte enthalten viel Wasser; ich dachte nicht an sie. Aber es giebt noch andere Bedenken dagegen, daß wir gerade nach Albuquerque reiten. Weiß Old Shatterhand gewiß, daß Jonathan Melton sich dort befindet oder dorthin kommen wird?«

»Ja. Natürlich nehme ich dabei an, daß die Jüdin mir die Wahrheit gesagt hat.«

»Sie hat sie gesagt. Aber kann Melton nicht unterwegs aufgehalten worden sein?«

»Die Möglichkeit ist freilich vorhanden.«

»Dann stößt Judith zu ihm. Sie sagt ihm, daß wir hinter ihr her sind und daß sie dir mitgeteilt habe, daß er nach Albuquerque wolle. Dann wird er sich hüten, nach diesem Orte zu reiten.«

»Das kann aber doch nur in dem Falle geschehen, daß er durch irgend einen Zufall unterwegs aufgehalten wird!«

»Nein. Er kann auch ganz von selbst auf den Gedanken kommen, anzuhalten und auf sie zu warten.« »Das wäre eine Zeitversäumnis!«

»Gewiß nicht. Es ist doch ganz gleich, ob er unterwegs oder in Albuquerque auf sie wartet. Ja, in Albuquerque kann er weit eher entdeckt und entlarvt werden, als in der Einsamkeit, in welcher ihn niemand sieht.«

»Hm! Ich kann freilich nichts dagegen sagen; aber es ist ein Gefühl in mir, welches mich direkt nach Albuquerque treibt.«

»Ich weiß, daß mein Bruder zuweilen solche unbestimmte Gefühle hat, die ihn selten täuschen; aber in diesem Falle bitte ich ihn, nicht auf eine solche Ahnung, sondern auf die Stimme der Berechnung zu hören.«

»Wenn Winnetou dies thut, so weigere ich mich nicht länger, ihm zu folgen. Reiten wir also der Jüdin nach!«

Wir kauften in Henrietta noch einige Gegenstände, welche dazu dienten, unsere Ausrüstung zu vervollständigen, und verließen den Ort, indem wir zunächst eine westliche Richtung einhielten, bis wir des Abends einen Nebenfluß des Red River erreichten, über welchen wir am andern Morgen setzten. Von da ging es nach Norden, auf den South Fork of Red River zu. An diesem langten wir am nächsten Mittag an.

Hier war die Dryfurt, von welcher wir gehört hatten. Die Furt hat den Namen erhalten, weil hier der Fluß so breit und seicht ist, daß ein Reiter, falls nicht Ueberschwemmung ist, hinüberkommen kann, ohne einen einzigen Tropfen Wasser an seinen Körper zu bekommen.

Wir hatten bisher immer genügende Weide für die Pferde gehabt und sahen auch die Spur des Wagens, welchem wir folgten. Jetzt aber wendete sich letztere so nach Nordwest, daß der nördliche Arm des Flusses und die Quelle desselben östlich liegen blieb, und wir mußten uns darauf gefaßt machen, eine Zeitlang kein Futter für unsere Pferde und kein Wasser für sie und uns zu finden. Es verstand sich daher ganz von selbst, daß wir uns satt tranken und auch die Tiere tüchtig trinken ließen. Dann ging es weiter.

Viel vorteilhafter wäre der Weg über den Camp Radzimsky und Fort Elliot gewesen; aber Jonathan Melton hatte aus naheliegenden Gründen bewohnte Orte vermieden. Je weniger er auf seiner Flucht gesehen wurde, desto besser war es für ihn.

Ich habe schon gesagt, daß die Jüdin einen Vorsprung von acht Stunden vor uns gehabt hatte, und leider war es uns bisher nicht gelungen, denselben zu verringern; es schien vielmehr, als ob er bedeutend größer geworden sei. Sie hatte zwar den schweren Wagen, genoß dafür aber den Vorteil, daß sie ihre Pferde wechseln konnte, was bei uns nicht der Fall war.

Das Grün, welches wir zwischen den Nebenflüssen des Red River gefunden hatten, verschwand; die Prairie ward zur Wüste, und zwar zur Sandwüste, durch welche wir einen ganzen Tag lang ritten, ohne einen Grashalm zu erblicken.

Am andern Morgen verwandelte sich der Sand in festen Stein, der eine solche Härte besaß, daß die Spur, welcher wir folgten, beim besten Willen und trotz allen Scharfsinns nicht mehr zu erkennen war, zumal wir jetzt annehmen mußten, daß die alte Ueberlandpostkutsche nun einen Vorsprung von einem Tage besaß. Glücklicherweise kamen wir, als wir kreuz und quer nach der Spur suchten, an eine große Lache, deren Wasser uns sehr willkommen war, obgleich es eine nicht sehr appetitliche Farbe hatte. Wir tranken, indem wir unsere Taschentücher als Seiher vor den Mund hielten, und ließen dann auch die Pferde schlürfen, bis kein Wasser mehr, sondern nur noch Schlamm vorhanden war.

Wir fanden die verlorene Spur erst dann wieder, als der Boden abermals sandig wurde, doch hatten wir mit dem Suchen einen zweiten Tag verloren. Die Fährte war also nun zwei Tage alt und infolgedessen nur stellenweise zu erkennen.

»Dumme Geschichte!« meinte Emery. »Wenn das so fortgeht, holen wir das Weibsbild im ganzen Leben nicht ein!«

»Wenigstens bis Albuquerque nicht«, antwortete ich.

»So hast du doch recht gehabt, daß es besser sei, der Spur nicht zu folgen, sondern lieber gleich direkt nach Albuquerque zu reiten.«

»Diese Einsicht kommt leider nun zu spät. Wir können nicht zurückkehren.«

»Und wenn dies möglich wäre, würde Winnetou es nicht thun,« fiel der Apatsche ein. »Es ist ja möglich, daß Jonathan Melton unterwegs angehalten hat, um auf die Jüdin zu warten. In dem Falle holen wir den Wagen sicher ein.«

»Und wo meint mein Bruder, daß er angehalten hat?«

»Da, wo Wasser ist, also oben am Canadianflusse, bis zu welchem wir noch zwei Tagesreisen haben.«

Ich schüttelte den Kopf, denn ich achtete den Scharfsinn und die Erfahrung des Apatschen zu hoch, als daß ich ihm hätte in Gegenwart Emerys scharf widersprechen mögen. Ich war anderer Ansicht gewesen, als er, hatte mich aber der seinigen gefügt, und so wären Nörgeleien oder gar Vorwürfe überflüssig gewesen. Er aber bemerkte mein Kopfschütteln und fragte:

»Ist mein Bruder anderer Meinung, als ich?«

»Ja. Ich meine, daß wir die Jüdin nicht einholen werden.«

»Auch dann nicht, wenn Jonathan Melton auf sie wartet?«

»Auch dann nicht. Er wartet doch nur so lange, bis sie kommt, und geht dann sofort mit ihr weiter.« »Uff! Vielleicht giebt er ihr Zeit, auszuruhen!«

»Gewiß nicht, denn er wird ja von ihr erfahren, daß wir hinter ihr her sind.« Da senkte er den Kopf und sagte kleinlaut:

»Mein Bruder hat recht. Wir hätten seiner Stimme und nicht der meinigen folgen sollen. Winnetou ist ein Thor gewesen.«

Es that mir innerlich förmlich wehe, daß dieser Mann sich einen Thor nannte; es sollte ihm später allerdings auch die Rechtfertigung werden, daß wir trotz meiner Behauptung die Kutsche doch noch einholten, leider aber unter ganz andern Umständen, als der Apatsche vorausgesetzt hatte.

Also bis zum Canadian-River hatten wir noch volle zwei Tagereisen, und die waren sehr schlimm. Wir befanden uns auf der schon erwähnten Hochebene; unsere Pferde wateten im tiefen Sande, und die Sonne brannte so heiß auf uns, daß wir uns in einem Backofen denken konnten. Dennoch brachten wir den ersten Tag glücklich zu Ende und wären dann nach kurzer Rast gern weiter geritten, um die Kühle des Abends und der Nacht zu benutzen, aber das konnten wir nicht, da wir in der Dunkelheit die Spur verloren hätten.

Glücklicherweise kamen wir am andern Morgen wieder an eine Lache, welche wir von den Pferden austrinken ließen, und gegen Mittag erreichten wir eine Stelle, welche von stacheligen Kakteen bestanden war. Die runden Früchte derselben enthalten einen wässerigen Saft, welcher zwar nicht sehr wohlschmeckend ist, aber dem Dürstenden doch das Wasser zu ersetzen vermag. Das wissen auch die Tiere.

Wir tranken also so viel solchen Saft, bis unser Durst gelöscht war, und entstachelten auch für die Pferde einen ganzen Haufen von Früchten, welche von ihnen mit Begierde verzehrt wurden. Dann ging es weiter.

Wir rechneten, daß es möglich sei, bis zum Abend irgend ein Nebenflüßchen des Canadian zu erreichen. Da gab es gewiß so viel Wasser und Gras, daß dann alle Entbehrung zu Ende war.

Bald nach Mittag wurde die Luft so schwül, daß man sie kaum zu atmen vermochte, und der Horizont im Süden nahm einen rötlichen Schimmer an. Winnetou blickte sich einigemale nach dieser Richtung um.

»Das sieht fast genau so aus, wie wenn in der Wüste ein Samum zu erwarten ist,« bemerkte Emery.

»Wird auch wohl einer werden!« antwortete ich. »Es ist ein Glück, daß wir uns nicht allzu weit vom Flusse befinden. Mit den Stürmen des Llano estacado ist nicht zu scherzen.«

»Mein Bruder Shatterhand hat recht,« stimmte Winnetou bei. »Wenn der Geist des Llano aus der Tiefe steigt, so stürmt er ergrimmt über die Wüste hin, wirft den Sand bis zum Himmel empor und stürzt, wenn er fruchtbare Gegenden erreicht, ganze Wälder um.«

»Alle Wetter! Und Ihr denkt, daß wir es wirklich mit diesem bösen Geiste zu thun haben?«

»Er kommt. Winnetou weiß es ganz genau. Meine Brüder mögen ihren Pferden die Sporen geben. Wenn wir nicht unter den Wolken und Wogen des Sandes begraben werden wollen, müssen wir uns beeilen, einen Ort zu finden, in welchem uns die Gewalt des Sturmes nicht voll zu treffen vermag.«

Wir ließen also die Pferde laufen, was sie nur laufen konnten. Sie merkten infolge ihres Instinktes selbst, welch eine große Gefahr sich hinter ihnen erhob, und strengten alle ihre Kräfte an, ohne daß wir sie sehr anzutreiben brauchten.

Der rötliche Schein am südlichen Horizonte wurde breiter und breiter; er wuchs am Himmel empor. Oben hell und nach unten immer dunkler werdend, stieg er jetzt bis zum Zenith auf und lief zugleich zu beiden Seiten im Osten und Westen zusehends dem Norden zu. Das sah höchst gefährlich aus und war in Wirklichkeit gefährlich; ich wußte das, denn ich hatte schon einigemale einen solchen Sturm in dem Llano estacado erlebt.

Es waren, seit wir die Gefahr erkannt hatten, nun fast zwei Stunden vergangen; der Sturm mußte sich nach höchstens einer Viertelstunde erheben, und doch konnten die Pferde kaum mehr vorwärts. Sporen und Schläge hätten nichts gefruchtet, da die armen Tiere sich freiwillig so sehr anstrengten, wie sie konnten; wir verschonten sie also mit diesen Qualen und sahen nur sehnsüchtig nach einem Rettungsorte aus.

Da trat uns weit rechts, im Osten, eine kleine aber sehr lang gestreckte Höhe entgegen; der Sand war nicht mehr so tief wie vorher und ließ zuweilen Stellen durchscheinen, welche aus Erde bestanden und Grashalme trugen.

»Das Ende der Wüste!« rief Winnetou. »Siehst du den langen Hügel im Osten und den einzelnen dürren Baum da gerade vor uns, Bruder Shatterhand?«

»Ja,« antwortete ich.

Wirklich, da vorn am äußersten Horizonte, gerade in unserer Richtung, stand ein hoher, dürrer, beinahe astloser Baum.

»Kennst du den Hügel und den Baum?«

»Ich kenne sie beide. Wir sind gerettet. Das Gras beginnt, und eine Viertel-Reitstunde hinter dem Baume fließt der kleine Bach, welcher da drüben an dem Hügel entspringt. Haut die Pferde, damit wir den Bach noch zur rechten Zeit erreichen!«

Das mag grausam klingen, war es aber nicht. Wir trieben die Pferde mit Schlägen an, ihre letzten Kräfte anzustrengen; es handelte sich nicht allein um unser, sondern auch um ihr Leben. Sie rannten mit weit heraushängenden Zungen weiter; hätten wir angehalten, so wären sie vor Erschöpfung augenblicklich zusammengebrochen. Wir aber schlugen auf sie ein, pfiffen, schrieen, brüllten, um sie im Laufe zu erhalten -flogen an dem dürren Baum vorüber - über grünes Gras dahin - vor uns zeigte sich jetzt ein Gebüsch, zwischen dessen Sträuchern uns Wasser entgegenblickte - weiter, weiter - in die Büsche hinein - über das Wasser hinüber - noch eine Strecke zwischen Büschen hin, und dann hielten wir an!

Wir brauchten gar nicht abzusteigen, denn unsere Pferde fielen augenblicklich nieder. Ihre Flanken schlugen; ihre Mäuler geiferten; ihre Zungen hingen weit heraus, und ihre Augen hatten sich geschlossen.

»Die Decken herunter!« rief ich. »Reibt die Pferde; schlagt sie mit Ruten, damit sie nicht erfrieren! Wir müssen sie erhalten; wir können ohne sie nicht weiter.«

Bei diesen Worten riß ich meine Decke auseinander und schnitt einige belaubte Zweige vom nächsten Busche. Winnetou folgte ohne Zögern meinem Beispiele.

»Die armen Tiere mit Ruten peitschen?« fragte Emery, indem er uns erstaunt anblickte.

»Jawohl! Nimm schnell die Decke, und reib dein Pferd, besonders die Brust!« »Damit es nicht erfriert?« »Ja, ja doch!«

»Unsinn! In dieser Glut und Hitze!« »Warte es ab! Hier hast du Ruten von mir.«

Er nahm sie, indem er mich ganz verwundert anblickte, und sagte dann:

»Warum reitet Ihr so weit ins Gebüsch hinein? Konntet ihr nicht dort am Bache halten? Wasser ist doch das, was wir am notwendigsten brauchen!«

»Das wirst du bald sehen. Thue jetzt nur schnell das, was wir thun!«

Ich rieb mein Pferd aus Leibeskräften, der Apatsche das seinige auch. Obgleich der Englishman uns nicht begreifen konnte, folgte er unserm Beispiele.

Und da - da brach es los! Es klang wie ein Posaunen- oder Tabaton über uns durch die Lüfte; dann erschallten hundert und tausend pfeifende, heulende, zischende und schrillende Stimmen. Es erfaßte uns eine furchtbare Glut, und darauf folgte ganz plötzlich eine Kälte, die nur dem Nordpole entstammen konnte. Die Kälte kannte ich; in ihr lag die Gefahr für unsere Tiere. Ich peitschte mein Pferd mit den Ruten, natürlich nicht, um ihm Schmerz zu bereiten, sondern um sein Blut an der Oberfläche des Körpers zurückzuhalten. Winnetou that desgleichen, und Emery, welcher nun wußte, um was es sich handelte, blieb nicht zurück.

Die Kälte hielt höchstens eine Minute an, aber sie war so scharf, so stechend, daß die eine Minute unsern Pferden nach den Anstrengungen, welche sie hinter sich hatten, und bei dem erhitzten Zustande, in welchem sie sich befanden, unbedingt das Leben gekostet hätte. Das Schlagen und Reiben ließ auch uns die Kälte weniger empfinden.

Dann wurde es plötzlich ebenso heiß wie vorher; der Posaunenton und die tausend Stimmen in der Luft waren verschwunden; dafür gab es ein gewaltiges Rauschen in derselben; sie war undurchsichtig geworden. Ich konnte Winnetou und Emery kaum sehen, und obgleich ich wußte, daß sie es nicht hören konnten, rief ich ihnen zu:

»Werft euch nieder, mit dem Kopf nach Norden! Haltet euch an, sonst reißt euch der Sturm mit sich fort!«

Ja, die Vorboten waren vorüber, und nun kam der Hurrikan selbst. Die Luft war mit Sand gefüllt, der in jede Oeffnung drang; ich hatte binnen einigen Sekunden die Augen, Ohren und die Nase voll, trotzdem ich das Gesicht in die Decke gesteckt hatte. Man konnte nur mit größter Mühe atmen; es war fast zum Ersticken.

Das währte ungefähr drei Minuten; dann war es vorüber. Auf uns lag eine acht bis zehn Zoll hohe Sanddecke; aber die Luft war plötzlich rein und klar; wir erhoben uns, um sie mit Wonne einzuatmen.

Da sahen wir vor uns im Süden ein eigentümliches Bild. Trotz der Reinheit und Klarheit der Luft erblickten wir nämlich dort keinen Himmel, sondern wo dieser sein Sollte, gab es eine weite Sandebene, an deren

äußerstem Rande ein hoher, dürrer, fast astloser Baum stand. »Eine Fata Morgana!« rief Emery.

»Ja, das ist das trügerische Bild des Llano estacado, welches dem Sturme oft vorangeht oder ihm nachfolgt,« sagte der Apatsche.

»Der Baum, an welchem wir vorhin vorübergekommen sind, steht verkehrt am Himmel!«

»Das ganze Bild ist ein Deckenbild mit verkehrten Gegenständen. Wir erblicken die Gegend, welche südlich von uns liegt. Gäbe es Menschen, welche sich geradeso entfernt im Norden von uns befänden, so würden diese jetzt uns sehen, oder sie hätten uns vielleicht schon vor dem Sturme kommen sehen. Die Mirage entsteht durch zwei Luftschichten von verschiedener Wärme und Dichtheit und malt ihre Gemälde in sehr verschiedener Weise. Aber seht nicht nach diesem Bilde, welches gleich verschwinden wird, sondern nach den Pferden. Die Erschöpfung, Erhitzung, dann die Kälte, der Sturm, die darauf folgende abermalige - Hitze wir müssen sie noch längere Zeit tüchtig reiben und dann versuchen, ob sie erst stehen und dann laufen können.«

Dies geschah. Nach einer Viertelstunde hatten wir die armen Tiere soweit, daß sie standen. Wir stiegen auf und ritten sie wohl zehn Minuten lang in der Nähe herum; sonst wären sie wohl steif geblieben; aber trinken durften sie noch nicht. Wir befreiten einen Rasenstreifen von dem daraufgewehten Sande und ließen sie einstweilen fressen.

Nun erst konnten wir an uns denken. Wir säuberten uns und alle unsere Sachen von dem Sande. Während dieser Arbeit hatten wir uns niedergesetzt und unterhielten uns.

»Ihr kanntet den Baum und auch den Hügel da drüben,« meinte der Englishman. »Und du, Charley, wußtest, daß hinter dem Baume der Bach kommen würde? Seid ihr denn schon einmal hier gewesen?«

»Ja.«

»Warum hieltet ihr nicht am Bache an?«

»Weil wir soweit wie möglich in das Gebüsch eindringen mußten. Je mehr Büsche wir hinter uns hatten, destoweniger konnte uns der Sturm anhaben. Hätte er uns draußen im Freien getroffen, so wären wir hinweggefegt worden. Zum Glück für uns war der heutige nicht sehr heftig.«

»So, hm! Die Gegend muß von großem Interesse für euch sein, da ihr sie so schnell erkanntet?«

»Allerdings. Wenn du den alten, dürren Baum betrachtest, so siehst du, daß nicht das Alter die Schuld daran trägt, daß er abgestorben ist, sondern das Feuer.«

»Ah! Ein Waldbrand am Rande des Llano estacado?«

»Keineswegs. Das Feuer war ein Freudenfeuer für die Komantschen und ein Schmerzensfeuer für mich und Winnetou.«

»Wetter. Wollten die Kerle euch etwa braten?«

»Ja; nicht nur uns, sondern noch vier Gefährten, welche wir bei uns hatten.« »Mensch, davon weiß ich ja nicht das geringste! Erzähle!«

»Winnetou und ich kamen von der Sierra Guadelupe herunter und wollten über die wüsten Staked Plains nach Fort Griffin hinüber. Wir kannten die Wüste und fürchteten sie also nicht, zumal wir uns Proviant und zwei Schläuche Wasser mitgenommen hatten. Auf halbem Wege trafen wir mit vier Personen zusammen, welche vom Fort Davis unten kamen und hinauf nach Fort Dodge wollten - -«

»Ein eigentümlicher und gefährlicher Weg! Vom Rio Grande bis hinauf an den Arkansas! Das sind ja in der Luftlinie gegen sechshundert Meilen! Und dabei lang durch die Wüste des Llano! Konnten sie denn keinen Umweg durch besseres Land machen?«

»Das konnten sie nicht nur, sondern das hätten sie eigentlich thun sollen; aber sie verstanden es nicht, und diejenigen, von denen sie geschickt worden waren, verstanden es noch weniger. Ich erfuhr soviel, daß es sich um ein bedeutendes Geschäft handle, bei welchem ein großes Geld zu machen sei, wenn es schnell abgeschlossen werde. Es war also keine Zeit zu verlieren; darum hatten die Boten die Anweisung bekommen, den geraden Weg einzuschlagen, welcher bekanntlich durch den wilden Llano führt. Die Boten waren zwei junge Kaufleute, welche von dem Westen nichts kannten. Darum hatte man ihnen zwei Jäger mitgegeben, welche zwar schon einmal im Llano gewesen waren, aber nicht weit hinein; am allerwenigsten aber wußten sie, wie man von Süd nach Nord durch denselben kommt.«

»Welch eine Dummheit! Sie hätten den Rio Grande hinabfahren, nach New Orleans schiffen und dann den Missisippi und Arkansas hinaufdampfen sollen.«

»Ja. Oder sie konnten den Rio Grande hinauf und durch Neu Mexiko nach Santa F& gehen, um von da aus hinüber nach der Arkansasstraße zu kommen. Auf beiden Wegen hätten sie ihr Ziel eher erreicht, als durch den Llano, selbst wenn sie da auf keine Hindernisse getroffen wären.«

»Und der Hindernisse giebt es dort gerade mehr als genug!«

»Freilich! Die vier Leute waren wirklich dem Tode geradezu in die Arme gelaufen. Als wir sie fanden, lagen sie fast verschmachtet im Sande, und ihren Pferden ging es ebenso. Wären wir nicht zufällig auf sie gestoßen, so hätten sie sterben müssen. Wir halfen ihnen und ihren Pferden durch etwas Wasser auf die Beine und brachten sie nach der nächsten Trinkstelle, welche Winnetou kannte. Wir rieten ihnen, mit uns nach Fort Griffin zu gehen; sie baten uns aber so himmelhoch, sie in nördlicher Richtung durch die Wüste zu bringen, daß wir, freilich nach langem Zögern, endlich einwilligten. Wir gaben also unsern eigenen Weg auf und ritten nach Norden.«

»Da begabt ihr euch nun freilich selbst in große Gefahr!«

»Versteht sich! Ich weiß nicht, ob ich heute, wo ich erfahrener bin als damals, wieder so gutwillig sein würde. Wir haben es auch zu bereuen gehabt. Winnetou rechnete auf zwei Trinkstellen, an denen wir vorüber mußten; aber die eine mußten wir meiden, weil sich dort allerlei räuberisches Gesindel zusammengefunden hatte, und als wir dann die andere erreichten, war sie fast ganz ausgetrocknet. Wenn wir uns retten wollten, mußten wir unsere Pferde erhalten; darum bekamen diese das wenige Wasser, wir aber keinen einzigen Tropfen. Dürstend ritten wir weiter.«

»Und das alles den fremden Menschen zulieb?«

»Ja, weil es zwar Fremde, aber, wie du ganz richtig sagst, doch Menschen waren. Du hättest es wahrscheinlich noch viel eher und lieber gethan, als wir beide. Ich kenne dich!«

»Pshaw! Doch, erzähle weiter!«

»Wir ließen uns also von unsern Pferden fortschleppen, bis sie selbst nicht mehr konnten. Das wenige Wasser, das sie bekommen hatten, hielt nicht lange vor, und schon am nächsten Tage konnten sie uns kaum

noch tragen. Wir ruhten bis zum nächsten Morgen und gingen dann, ein wenig gestärkt, weiter.«

»Gingen? Ihr konntet nicht reiten?«

»Nein. Die Pferde waren zu schwach. Gegen Mittag erstachen wir eins und tranken das Blut - -« »Pfui!«

»Sage nicht pfui! Du hättest an unserer Stelle dasselbe gethan. Am Abende mußten wir ein zweites töten. Warum auch nicht? Hätten wir das unterlassen, so wären sie doch gestürzt. Ein drittes verendete in der Nacht. Am nächsten Tage erstachen wir die übrigen. Ihr Blut hatte uns bis nun das Leben erhalten, aber wenn ich dir sagen soll, wie uns zu Mute war und in welchem Zustande wir uns befanden, so muß ich dir gestehen, daß ich dies nicht vermag. Ich habe da erfahren, daß Blut trinken wirklich betrunken macht, wenn vielleicht auch nur bei der großen Schwäche, welche sich unser bemächtigt hatte. Wir humpelten, stolperten und stürzten weiter und weiter, fielen nieder, rafften uns wieder auf, gingen einige Schritte, sanken wieder um, bis wir endlich liegen blieben.«

»Schrecklich! Wo war das, wo ihr liegen bliebt?«

»Nicht weit von hier, vielleicht einen Stundenritt südwestlich von dem kahlen Baume, den du vorhin gesehen hast.«

»Nun errate ich! Ihr wurdet von den Komantschen überfallen und konntet euch wegen des Zustandes, in welchem ihr euch befandet, nicht wehren?«

»So ist es. Ich lag im Verschmachten an der Erde; das Fieber gaukelte mir allerlei tolle Bilder vor. Winnetou erging es ebenso, wie er mir später erzählte. Da plötzlich entstand ein Geschrei und Geheul um uns her, daß ich versuchte, mich aufzurichten; es gelang mir aber nicht; ich fiel in Ohnmacht. Als ich erwachte, war ich gebunden. Neben mir lag Winnetou mit den vier Frem- Fremden, und um uns her hatten sich die Komantschen gelagert.«

»Wie viele waren ihrer?«

»Ich nahm alle meine Geisteskräfte zusammen, um sie zu zählen. Es waren ihrer vierzehn.« »Nur!«

»Ja, nur! Vierzehn gesunde, kräftige Männer gegen sechs Menschen, welche neunzehntel tot waren!«

»Ereifere dich nicht! Es fällt mir gar nicht ein, euch tadeln zu wollen. Ihr wart ja zu keiner Gegenwehr fähig. Was geschah dann?«

»Die Roten fütterten uns und gaben uns zu trinken, doch nicht etwa aus Menschenfreundlichkeit, sondern um uns für einen schlimmern Tod zu stärken. Als wir uns soweit erholt hatten, daß wir gehen konnten, wurden wir hierhergeführt, wo wir wieder zu essen bekamen und trinken konnten, soviel wir wollten. Die Kerle blieben mit uns die ganze Nacht bis zum Morgen hier liegen; dann wurden wir fortgeschafft nach dem Baume. Dort sollten wir verbrannt werden, wie uns der Häuptling sagte.«

»Ah, es war ein Häuptling dabei?«

»Ein sehr berühmter sogar. Er hieß Atescha-Mu, d. h. starke Hand. Er war als der kriegerischste Häuptling der Komantschen bekannt. Also wir wurden nach dem Baume geschafft und dort aufgestellt. Man band zunächst die beiden Kaufleute an dem Stamm fest und brannte dann ein Feuer an. Als die beiden Kaufleute tot waren, kamen die beiden Jäger an die Reihe. Winnetou und ich sollten den Beschluß machen.«

»Und ihr mußtet zusehen, daß auch diese beiden verbrannten?«

»Ja; das Zusehen war schrecklich, aber das Zuhören war noch entsetzlicher. Ich sage dir, es war eine Scene, über die ich lieber schweige. Es graust mir noch heute, wenn ich daran denke. Endlich, endlich war's vorüber, und nun machte man sich an uns.«

»Schnell, schnell! Erzähle schnell, damit ich rasch erfahre, wie ihr losgekommen seid!«

»Ich muß dir zunächst sagen, daß man uns alles abgenommen hatte - -«

»Auch deine Gewehre, den Bärentöter und den Henrystutzen?«

»Den Stutzen hatte ich damals noch nicht.«

»Und Winnetous Silberbüchse?«

»Die hatte der Häuptling als Beute an sich genommen. Er hielt sie während der Hinrichtung der vier armen Teufel in der Hand. Wir wußten, daß alle zwei Läufe geladen waren. Die Pferde befanden sich nicht in der Nähe, denn man hatte sie hier am Bache zurückgelassen.«

»Unter Aufsicht natürlich?«

»Nein. Und das war gut für uns. Ferner muß ich bemerken, daß bei mir und ebenso bei Winnetou alle Schwäche verschwunden war; ja, der Grimm, den ich in mir fühlte, mußte meine Kräfte verdoppeln; das wußte ich. Neben dem Häuptling stand sein Sohn, ein junger, rüstiger Krieger, welcher Winnetous Munitionsbeutel am Gürtel hängen hatte. Nach diesen Vorbemerkungen wirst du das übrige erraten. Wir hatten vom Bache nach dem Baume laufen müssen; unsere Füße waren also nicht gefesselt; aber die Hände hatte man uns auf den Rücken gebunden. Winnetou warf mir einen bezeichnenden Blick zu, mit dem er nach dem Baume und nach dem Bache deutete; niemand bemerkte ihn, und ich verstand ihn sofort. Die vier andern waren nämlich genau so gefesselt ge- gewesen, wie wir; dann hatte man sie aber Gesicht gegen Gesicht aneinander gebunden, und zwar so, daß sie sich umarmten; dann waren sie, also paarweise, an den Baum gebunden worden. Diese Umarmung auf dem Scheiterhaufen hatten sich die raffinierten Roten ausgesonnen, um die Todesqual der Opfer zu erhöhen; wir aber hofften, dadurch gerettet zu werden. Behandelte man uns genau wie die andern, das heißt, wollte man auch uns in eine Umarmung zusammenbinden, so mußte man unsere Hände vom Rücken lösen, wenigstens für einige Augenblicke, und das genügte hoffentlich zu unserer Befreiung.«

»Aber böse, böse Augenblicke, die ich nicht erleben mag!«

»Du hast wohl noch gefährlichere erlebt. Es ging auch wirklich so, wie wir gehofft hatten. Der Häuptling gab seinem Sohne und einem andern Roten einen Wink. Der erstere trat zu Winnetou, um den Henkerdienst zu verrichten, und der letztere kam zu mir. Dieser knotete den Riemen hinten auf und ergriff dann meinen Arm, um mich zu Winnetou zu führen, der jetzt auch die Hände frei hatte; wir sollten uns umarmen. Da aber riß der Apatsche dem Sohne des Häuptlings mit der linken Hand den Beutel aus dem Gürtel und mit der rechten Hand dessen Vater die Silberbüchse aus den Händen. Zu gleicher Zeit machte ich mich von dem, der mich gepackt hatte, los, nahm ihm das Messer aus dem Gürtel und steckte es in meinen eigenen, während ich ihn mit der andern Hand von mir stieß, daß er hintenüberflog. Links von mir stand einer, welcher meinen Bärentöter sich angeeignet hatte. Ich entriß ihm das Gewehr und flog mit Winnetou davon, dem Bache zu.«

»Hat man euch keine Kugeln nachgeschickt?«

»Nein. Die Schurken waren so verblüfft, daß sie zunächst wohl nur die Mäuler aufgesperrt haben. Gesehen habe ich es freilich nicht, da ich mich wohl hütete, mich umzublicken. Dann hörten wir ein wütendes Geschrei; sie kamen hinter uns drein; wir hatten aber einen so schönen Vorsprung, daß uns keiner ereilte. Als wir die ersten Büsche erreichten, blieb Winnetou stehen und schoß die beiden Vordersten nieder. Mein Gewehr war auch geladen, und so gab ich den beiden nächstfolgenden je eine Kugel; da hüteten sich die andern, allzu eifrig zu sein; sie blieben stehen, berieten sich eine Weile und zerstreuten sich dann, um von mehreren Seiten an uns zu kommen. Dadurch gewannen wir Zeit, uns die besten Pferde zu nehmen und auf ihnen davonzureiten.«

»Welch ein Glück! Und das erzählst du in so gleichgültigem, trockenem Tone, als ob du das Einmaleins hersagtest!«

»Welchen andern Ton soll ich anschlagen! Es ist ja gar nichts Großes dabei. Die Roten haben es uns leicht genug gemacht. Nun verfolgten wir sie, weil wir die Verbrannten noch zu rächen hatten. Der vierfache Mord schrie zum Himmel auf; er mußte gerächt werden, und wir haben ihn gerächt. Vier hatten wir schon erschossen; am folgenden Tag gab es andere vier; einen Tag später wieder drei - -«

»Das sind elf; vierzehn waren es; blieben also noch drei.«

»Die Rechnung ist richtig. Sie hatten alle den Tod verdient; es mußte aber einer leben bleiben, um daheim zu erzählen, wie Winnetou den Mord zu rächen weiß. Wir überraschten die drei letzten droben am Canadian an einer Stelle, weiche von den Komantschen Keapa-yuay, das Thal des Todes, genannt wird, und es ist für zwei von ihnen auch wirklich zum Todesthale geworden.«

»Der Häuptling war schon tot?«

»Nein; er gehörte zu den dreien. Wir hoben ihn bis zuletzt auf, um ihm auch das Vergnügen zu gönnen, den sichern Tod vor sich zu sehen. Ihn und den einen seiner Begleiter schossen wir nieder; den andern ließen wir laufen.«

»Was geschah denn mit den Leichen und mit den Gegenständen, welche sie bei sich hatten?«

»Wir begruben sie mit allem, was ihnen gehörte. Aber was sie uns und den vier Toten geraubt hatten, das nahmen wir ihnen ab. Es befanden sich einige Briefe aus Fort Davis dabei, welche wir nebst den andern Sachen später in Fort Dodge abgegeben haben. Atescha-Mu mußte, weil er der Häuptling war, ein würdiges Grab erhalten; das that Winnetou nicht anders, obgleich es sich um einen Todfeind handelte. Es gab im Todesthale eine Felsspalte, in welche wir ihn gelegt haben, die Waffen und den Medizinbeutel in der Hand.«

»Da liegt er noch? Die Raubtiere werden in die Spalte gedrungen sein und ihn gefressen haben?«

»Nein, denn wir haben den Spalt mit Steinen verschlossen. Dabei scheint der Komantsche, welchen wir mit Absicht entkommen ließen, uns beobachtet zu haben, denn die Komantschen kennen das Grab der "stärken Hand"; er muß ihnen also die Stellung beschrieben oder sie zu derselben geführt haben.«

»Du weißt, daß sie sie kennen?«

»Ja. Ich bin mit Winnetou später wieder einmal dort gewesen. Da war an Stelle der vielen kleinen Steine, welche wir aufgeschichtet hatten, ein einziger großer an die Spalte gelehnt. Man war also dagewesen, um das Grab des Häuptlings zu besuchen und zu ehren. Nun weißt du, bei welcher Gelegenheit wir die Gegend, in der wir uns jetzt befinden, kennen gelernt haben. Der Baum steht noch; er ist jetzt dürr; das

Feuer damals hat auch ihm das Leben gekostet.«

»Wie interessant muß es da für euch sein, daß wir jetzt an der Stelle lagern, an der ihr damals als Gefangene eine schlimme Nacht verbringen mußtet!«

»Interessant? Das Wort paßt durchaus nicht für das, was man empfindet. Am liebsten möchte ich von hier fort. Was sagt Winnetou?«

Dieser war der Ansicht, daß es doch geraten sei, hier zu bleiben. Der Abend war nahe; wir hatten Wasser und Gras für die Pferde. Was wollten wir mehr! Ich hatte freilich etwas in mir, was dem widersprach, fügte mich aber doch in den Willen der beiden Gefährten. Obgleich der Sand hoch auf dem Grase lag, hatten die Pferde doch genug zu fressen; sie rochen das saftige Futter und scharrten mit den Hufen den Sand weg, geradeso, wie das Rentier die Flechte unter dem Schnee hervorholt. Jetzt konnten wir sie auch trinken lassen.

Dann suchten wir die Umgebung sorgfältig ab, denn hier in der Nähe des Flusses war weit eher eine Begegnung zu erwarten, als draußen auf der unfruchtbaren Ebene, und für den Westmann kann jede Begegnung leicht eine feindliche sein. Darum streckte ich meine Nachforschung soweit wie möglich aus, bemerkte aber nichts, was geeignet gewesen wäre, mich besorgt zu machen. Eben hatte ich mich gewendet, um nach dem Bache zurückzukehren, als ein Schuß fiel. Ich erschrak keineswegs; der Prairiejäger kennt die Stimme jedes bekannten Gewehres; ich hörte, daß Emery geschossen hatte, und da nur ein Schuß gefallen war, so gab es keinen Grund zu einer Befürchtung. Als ich an den Bach kam, sah ich, daß er einen fetten Turkey erlegt hatte. Das nahmen wir ihm ganz und gar nicht übel, da wir das delikate Fleisch des Vogels gut gebrauchen konnten.

Nachdem wir uns eine bequeme Stelle zum Lagern ausersehen hatten, machten wir ein Feuer, um den Truthahn, sobald er gerupft war, zu braten. Er schmeckte uns vortrefflich; wir aßen eine Hälfte und ließen die andere für morgen übrig.

Für morgen! Wenn der Mensch nur nicht meinen wollte, er könne auch nur für den nächsten Tag bestimmen! Nicht einmal die nächste Stunde! Es war beschlossen, daß wir von der zweiten Hälfte nichts bekommen sollten; sie war für Personen bestimmt, denen wir sie am allerwenigsten gönnten.

Es war selbstverständlich, daß wir nicht alle drei zugleich schliefen; einer mußte immer wachen. Wir wechselten ab. Ich hatte die erste Wache; dann folgten Winnetou und Emery. Ungefähr um Mitternacht löste ich letzteren ab, und trat das Feuer aus; wir brauchten es ja nicht. Nach einer Stunde weckte ich Winnetou und schlief dann wieder ein. Ich sollte ganz anders erwachen, als ich gedacht hatte. Ich hatte einen recht bösen Traum. Ich lag daheim im Bette; da ging die Thür auf, obgleich sie von innen verriegelt war, und es kam eine kleine dicke, affenartige Gestalt herein, welche mit einem einzigen Satze auf mein Bett sprang, sich auf meine Brust setzte und die langen, haarigen Arme mir um den Hals schlang. Ich konnte nicht atmen, nicht um Hilfe rufen, mich auch nicht bewegen. Das war der Alp!

Alp! Wenn einen der Alp drückt, und man sagt das Wort, so ist der Druck vorüber, und man kann wieder atmen. So erzählen viele Leute, und es schien wahr zu sein, denn kaum hatte ich das Wort Alp gesagt oder wahrscheinlich nur gedacht, so fühlte ich die Last nicht mehr und ich konnte atmen. Ich wachte auf.

Ah! Ich war nicht daheim, sondern hier in der Nähe des Canadian!

»Winnetou!« rief ich.

»Scharlieh!« antwortete er.

Er lag neben mir. Ich wollte mit der Hand nach ihm greifen, konnte aber nicht, denn beide Hände waren mir am Gürtel festgebunden, und die Füße konnte ich auch nicht auseinander machen. Ich wollte den Oberkörper aufschnellen, fiel aber gleich wieder zurück, indem mir etwas den Hals zuschnürte; das war ein Strick oder ein Riemen.

Träumte ich denn noch, oder war es Wirklichkeit? Ich sah über mir die Sterne, welche zu erbleichen begannen, und rund umher Gebüsch. Aber was war denn das! Da saßen zwischen den Büschen viele dunkle Gestalten und der Geruch des Fettes, welches ein so wichtiger indianischer Toilettenartikel ist, sagte mir, daß es Rothäute seien. Keiner bewegte sich; keiner sprach ein Wort.

Es war mir wie im Traume, und doch sah ich ein, daß ich nicht träumte. Ich war gefangen und gefesselt, Winnetou ebenso. Der Englishman auch? Dem Stande der Sterne nach war es drei Uhr. Er hatte also die Wache gehabt.

»Emery?« fragte ich.

»Well!« antwortete er.

»Also auch du!«

»Ganz ordinär überrumpelt!«

»Während der Wache?«

»Leider! Kamen über mich wie aus der Erde heraus! Hatten mich beim Halse, bei den Armen und Beinen, hinten und vorn, hüben und drüben; drückten mir die Kehle zusammen, daß ich keinen Warnungsruf ausstoßen konnte!«

»Wer?«

»Indsmen.«

Da erklang es neben mir:

»Master Bothwell kann es Euch nicht sagen und Winnetou auch nicht; ich aber will Euch die Frage beantworten. Ihr befindet Euch in den Händen des Häuptlings Avat-Uh.«

Avat-Uh heißt großer Pfeil, ein wegen seiner Grausamkeit berüchtigter und gefürchteter Komantschenhäuptling. Wenn wir uns in der Gewalt dieses Menschen befanden, so war wenig für uns zu hoffen. Gesehen hatte ich ihn noch nicht, doch wußte ich, daß er noch nicht alt war.

Und wer hatte da neben mir gesprochen? Ich drehte den Kopf nach dieser Seite und sah ihn bei mir sitzen. Es war noch ziemlich dunkel, dennoch erkannte ich, daß er die Kleidung der Weißen trug. Aber ich hätte gar nicht nötig gehabt, mich nach ihm umzudrehen, denn ich kannte die Stimme zu genau; es war Jonathan Melton.

»Ihr wendet Euch ab von mir?« lachte er: »Bin ich Euch denn gar so verhaßt, oder erkennt Ihr mich nicht? Sagt, wißt Ihr, wer ich bin?«

Es wäre nicht nur lächerlich gewesen, zu schweigen, sondern auch unklug. Ich konnte von ihm doch Aufklärung über unsere Lage bekommen. Darum antwortete ich, aber keineswegs höflich:

»Wer Ihr seid? Der größte Lump und Schurke, der mir im Leben begegnet ist!«

»Das ist ein Vorurteil, ein ebenso großes wie ungerechtes Vorurteil, Sir. Ich bin ein ehrlicher Mann, besonders gegen Euch. Soll ich Euch das beweisen?«

Ich antwortete nicht; darum fuhr er höhnisch fort:

»Ihr werdet Euch hoffentlich freuen, mich als Ehrenmann kennen zu lernen. Ihr sollt gleich hören, daß ich die Wahrheit rede. Ihr gebt doch zu, daß ich Euch viel, sehr viel verdanke?«

»Ja.«

»Nun, ich bin eben darüber, Euch das alles ehrlich und rechtschaffen zurückzuzahlen, sogar mit Zinsen und Zinseszinsen. Ist das nicht hübsch von mir?«

»Ich bin entzückt darüber!«

»Nicht wahr? Ich dachte es. Ich will sogar noch rücksichtsvoller gegen Euch sein, als Ihr erwarten könnt. Ihr möchtet natürlich gern wissen, wie Ihr in Eure gegenwärtige Lage gekommen seid und was Ihr zu erwarten habt?«

»Freilich.«

»Nun also! Haltet mich aber nicht für dumm und unvorsichtig! Ich sage Euch die reine Wahrheit, weil ich überzeugt bin, daß ich mir damit nicht den geringsten Schaden thue. Eure abenteuerliche Rolle ist ausgespielt. Ihr könnt mich nicht mehr stören, denn Euer Testament ist gemacht! Ihr seid Gefangener des großen Pfeiles. Wißt Ihr, wer der Vater dieses Häuptlings war?«

»Nein.«

»Die "starke Hand", welche Ihr ermordet und droben im Todesthale begraben habt. Dafür erwartet Euch der grausamste Tod, den es nur geben kann. Ihr werdet mit Winnetou, der damals dabei war, lebendig bei den Gebeinen des Toten begraben werden. Der große Pfeil hat es mir zugeschworen, und Ihr wißt, daß ein Indianer unter solchen Umständen einen solchen Schwur nicht bricht. Nun, Sir, wie ist Euch jetzt zu Mut?«

»Mir ist sehr wohl.«

»Schön; es wird Euch noch viel wohler werden. Also sterben werdet Ihr, langsam, in einem steinernen Grabe. Und da Ihr so große Freundschaft für mich hegt, so will ich Euer Ende verschönern, indem ich Euch die Gewißheit mit in die Hölle gebe, daß ich mich nach Eurem Tode hier auf Erden wie im Himmel fühlen werde. Ich will Euch noch vor Eurer Abfahrt die Freude machen, Euch zu gestehen, daß ich wirklich der bin, für den Ihr mich gehalten habt.«

»Jonathan Melton, der Betrüger, und jener Tote in der Schlucht bei den Uled Ayar war der echte Small Hunter?«

»Ja.«

»Der Kolarasi war Euer Vater?«

»Ja. Er hat ihn erschossen. Wir glaubten Euch dann in den Händen der Uled Ayun gut aufgehoben. Die dummen Kerle haben Euch aber entwischen lassen. Dennoch habt Ihr uns nicht eingeholt. Wir gingen unverzüglich nach Neu Orleans, wo uns seit langem hübsch vorgearbeitet worden war.«

»Von Euerm Oheim?«

»Ja. Er empfing die Depesche und die Briefe, und wir richteten uns darnach. Wir haben die Gelegenheit so eilig betrieben, daß Ihr dann auch hier das Nachsehen hattet. Ihr glaubtet zwar, die Sache schlau angefangen zu haben, müßt aber nun endlich einsehen, daß Ihr ein Stümper seid. Und was mir bei alledem die größte Freude macht, ist, daß ich Euch sogar bei Mrs. Silverhill den Rang abgelaufen habe. Es ist Euch wohl recht ans Herz gegangen, daß sie Euch damals den Korb gegeben hat?«

»Wann?«

»In der Sonora, wo Ihr so oft vor ihr auf den Knieen gelegen habt.«

»Ich?« fragte ich, indem ich trotz der Lage, in welcher ich mich befand, hell auflachen mußte.

»Ja, Ihr! Lacht immerhin; Ihr macht mich doch nicht irre. Wie hat Euer Gesicht gestrahlt, als Ihr sie dann in New Orleans wiedersaht!«

»Gestrahlt? Mein Gesicht? Auch nicht übel!«

»Ja. Ihr seid vor Entzücken geradezu närrisch gewesen!«

»Wahrscheinlich bin ich da wieder vor ihr auf die Kniee gesunken?«

»Natürlich, natürlich! Gesteht es nur ein!«

»Ja, es ist allerdings eine Eigenheit von mir, vor Frauenzimmern sofort in die Kniee zu fallen. Die Mitteilung hat sie natürlich selbst gemacht?«

»Freilich! Von wem soll ich es denn sonst wissen? Wie herzlich sie lachte, als sie mir erzählte, daß sie Euch eingesperrt hat und fortgegangen ist. Hoffentlich hat sie Euch gesagt, daß sie meine Braut ist?«

»Ja.«

»Gesteht es nur, Ihr seid ihr nicht nur meinet-, sondern auch ihretwegen nachgeritten!« »Natürlich, natürlich!«

»Ich habe von ihr alles erfahren. Wahrscheinlich wäre es Euch gelungen, sie einzuholen, wenn ich nicht vorher meine Maßregeln getroffen hätte. Sie hat Euch gesagt, daß ich nach Albuquerque gereist bin und mit meinem Vater und Oheim dort zusammentreffen werde?«

»Ja.«

»Und daß wir dann nach ihrem Schlosse gehen werden, wo ich ein glückliches Stillleben zu führen gedenke?«

»Auch das.«

»So wißt Ihr also alles, und ich habe nichts hinzu- hinzuzufügen, als daß die Sehnsucht nach ihr mich nicht weiter vorwärts kommen ließ. Ich blieb am Canadian halten, um sie zu erwarten. Wir wären sofort weitergefahren und hätten, wie ich jetzt sehe, einen Vorsprung von zwei Tagen vor Euch gehabt; da aber gerieten wir in die Hände der Komantschen, als Judith mit ihrer Erzählung zu Ende war. Es sollte uns ans Leben gehen; da kam mir ein famoser Rettungsgedanke. Könnt Ihr den erraten?«

»Ja.«

»Ich wußte Euch hinter uns - -«

»Aber von der Blutrache des großen Pfeiles wußtet Ihr noch nichts!«

»Nein, doch ist es mir recht wohl bekannt, daß die Komantschen in ewiger Feindschaft mit den Apatschen leben. Darum bot ich dem großen Pfeil einen Handel an, welcher sehr geeignet war, beide Teile auf das höchste zu befriedigen. Ich verlangte, mit Judith und unberaubt meine Reise fortsetzen zu dürfen, wofür ich ihm sagen wolle, wie er Winnetou fangen könne.«

»Er ging darauf ein?«

»Mit Vergnügen, zumal als er hörte, daß Old Shatterhand bei Winnetou sei.« »Aber er traute Euch nicht recht; er hat Euch doch noch nicht freigelassen.«

»Ja, er konnte meine Bedingung doch nicht eher erfüllen, als bis ich der seinigen nachgekommen war. Es stand fest, daß man Euch auf Judiths Fährte treffen werde. Wir ritten Euch also auf derselben ein wenig entgegen. Da kam der Orkan, welcher eine Fata Morgana mit sich brachte. Sie spiegelte uns drei Reiter ab, welche sich im Galoppe dem Bache näherten. Wer konnte das sein? Niemand als nur ihr! Die Komantschen waren dem Bache schon nahe; sie dachten, daß ihr dort bleiben würdet, und zogen sich nach dem Walde zurück, welcher eine halbe Stunde rückwärts liegt; ihre Spuren wurden vom Sande verweht. Als das Unwetter vorüber war, sahen wir euch rekognoscieren gehen. Dann wurde es dunkel, und wir schickten Kundschafter aus; sie kehrten zurück und berichteten, was ihr thatet. Ihr saßt an einem Feuer beim Bache und brietet einen Truthahn. Später rückten die Komantschen aus, euch zu umzingeln; sie lagen rund um euch, ohne daß ihr es merktet; sie beobachteten auch, wie ihr die Wache unter euch verteilt hattet. Winnetou oder Old Shatterhand zu überrumpeln, das war schwer; darum warteten die Indsmen, bis der dritte wieder an die Reihe kam, Master Bothwell, und dieser ließ sich auch unschädlich machen, ohne einen Laut von sich zu geben; euch beide fesselte man dann rasch im Schlafe. Nun wißt Ihr alles, und ich will den übriggebliebenen Truthahn nehmen, wie er gebraten ist. Ich werde ihn mit Judith verspeisen und dabei lebhaft an Euch denken.«

»Wo ist Mrs. Silverhill?«

»Sie mußte unter der Obhut einiger Komantschen im Walde zurückbleiben. Ich habe nur noch zwei Bitten an Euch, welche Ihr als dankbarer Gentleman mir gewiß gewähren werdet.«

»Welche?«

»Ich bin ein Freund von Gewehren. Ihr seid im Besitze von zweien, welche so berühmt sind, daß ich Euch dringend bitte, sie mir vor Euerm Tode zu vermachen.«

»Und wenn ich das nicht thue?«

»So nützt es Euch doch nichts, denn ich erkläre sie als meine gute Beute.«

»Schön! Und die zweite Bitte?«

»Ihr habt mir damals in Tunis einige Papiere abgenommen; dazu wurde, wie ich weiß, ein Dokument über einen gewissen Leichenbefund aufgesetzt. Wo befinden sich diese Schriftstücke?«

»Geht nach New Orleans zu Euerm Advokaten Fred Murphy. Er wird sie Euch jedenfalls zu verschaffen wissen.«

»Versucht nicht auch noch geistreich zu werden! Seht hier, den halben Truthahn habe ich; nun nehme ich auch die Gewehre.«

Er hatte wirklich die Ueberreste des Vogels an sich genommen; jetzt griff er nach den Gewehren, welche neben mir lagen. Da wir so rasch und vollständig überwältigt worden waren, hatten die Komantschen es nicht für nötig gehalten, unsere Waffen aus unserer Nähe zu schaffen. Schon wollte ich nach dem Häuptling rufen; da erklang hinter mir eine scharfe Stimme in jenem gebrochenen Englisch, wie es von Indianern gesprochen wird:

»Halt; leg die Gewehre hin!«

Zu gleicher Zeit trat der Sprecher vor, sodaß ich ihn sehen konnte. Es war der Häuptling, denn er hatte drei Federn in den Schopf geflochten. Es war mittlerweise so hell geworden, daß man seine stolzen, harten Züge deutlich erkennen konnte.

»Warum weglegen?« fragte Melton. »Sie sind mein.« »Nein. Du hast mir doch die drei Männer versprochen?« »Ja, aber nicht ihre Sachen!«

»Das konntest du nicht. Was der Besiegte bei sich hat, gehört dem Sieger. Leg also die Gewehre weg!«

Und als der Weiße nicht sofort gehorchte, zog er sein Messer und drohte. Da ließ Melton die Gewehre fallen und sagte zornig:

»Da nimm sie hin, obgleich sie dir nicht gehören! Ich werde zu unserm Wagen gehen und sofort weiter fahren.«

»Warte noch!«

»Warten! Wozu? Ich habe Wort gehalten, und nun mußt du mich entlassen, denn du hast es mir versprochen!«

»Ich habe es dir versprochen und werde mein Versprechen halten. Aber konntest du mir die Stunde sagen, in welcher ich die drei Krieger bekommen würde?«

»Nein.«

»So konnte ich dir auch nicht die Zeit bestimmen, in welcher du gehen darfst. Du bleibst jetzt noch!« »Willst du mich etwa auch als Gefangenen betrachten?«

Da donnerte ihn der Häuptling an: »Schweig, du stinkender Koyote, und gehorche augenblicklich!

Jetzt setzte sich Melton wieder neben mich nieder. Der Rote fuhr in gemäßigterem Tone fort:

»Du hast mir Winnetou und Old Shatterhand versprochen; ich muß wissen, ob sie es auch wirklich sind.« Und sich vor Winnetou hinstellend, betrachtete er diesen mit flammendem Blick und fragte:

»Wie ist dein Name?«

»Ich bin Winnetou, der Häuptling der Apatschen,« antwortete der Gefragte. »Und wie heißest du?« fragte er den Englishman. »Ich heiße Bothwell.«

»Der Name ist noch in keinem Zelte und an keinem Lagerfeuer erklungen.« Darauf trat er zu mir, blickte auch mich eine Weile an und fragte: »Nennt man dich Old Shatterhand?« »Ja.«

»Du bist ein Feind der Komantschen?«

»Nein; aber ich verteidige mich gegen jeden roten oder weißen Krieger, von welchem ich angegriffen werde.«

»Hast du mit Winnetou die "starke Hand", den Häuptling der Komantschen, der mein Vater war, getötet?« »Ja, aber nicht mit Winnetou, denn meine Kugel war es, die ihn niederstreckte.«

»Winnetou war dabei; ihn trifft dieselbe Schuld und dieselbe Strafe. Und da Bothwell bei euch ist, wird er das gleiche Schicksal mit euch erleiden. Ihr werdet im Grabe der "starken Hand" lebendig eingemauert werden. Nehmt die Gefangenen in die Mitte; wir kehren zu unsern Pferden in den Wald zurück!«

Der Befehl galt seinen Leuten. Der Häuptling konnte nicht viel über dreißig Jahre zählen; nicht nur sein Gesicht, sondern sein ganzes Auftreten, seine Stimme sagte, daß er ein stolzer und unerbittlicher Charakter sei. Bei ihm hatten wir auf keinen Fall eine Spur von Menschlichkeit, von Milde zu erwarten.

Man nahm uns die Riemen von den Füßen, sodaß wir laufen konnten; dann setzte sich der Zug in Bewegung. Ich zählte dreiundzwanzig Komantschen, welche uns transportierten. Wir hatten eine kleine halbe Stunde zu gehen, ehe wir den Wald erreichten. Es war nicht eigentlich das, was man unter einem Walde versteht; die Bäume standen nicht dicht und geschlossen bei einander; auch bildete er einen nur schmalen Streifen, durch den wir gingen. Auf der andern Seite war die freie Prairie, und da weideten die Pferde unter der Aufsicht zweier Indianer. Unsere Pferde waren natürlich auch mitgenommen worden.

Jetzt wurden wir anders gefesselt, sodaß unsere Hände auf den Rücken zu liegen kamen; dann ließ man uns aufsteigen und band uns die Füße an die Sattelgurte. Auch Jonathan Melton bestieg ein Pferd; dann ging es in nördlicher Richtung galoppierend über die Prairie, welche so breit war, daß wir zwei Stunden brauchten, um sie hinter uns zu legen. Auch hier hatte der gestrige Orkan das Gras mit Sand überstreut.

Nun sahen wir hohe, belaubte Bäume vor uns und gelangten an das südliche Ufer des Canadian, an welchem entlang sich die Straße nach San Petro und Albuquerque zieht. Freilich darf man da nicht an eine Straße nach unsern Begriffen denken. Von einem Wege sieht man nicht das geringste. Es pflegten eben die Ochsenwagen hier zu fahren; das ist alles.

Zwischen den Bäumen stand eine alte Karrete, bei welcher sechs Pferde weideten. Die Jüdin saß im Grase, erhob sich aber, als wir uns näherten. Zwei Männer, jedenfalls die gemieteten Kutscher, lagen träge am Boden und blieben auch liegen, als wir kamen. Fünf Komantschen hatten da Wache gehalten, sodaß die Schar des Häuptlings aus dreißig Mann bestand.

»Wir haben sie!« rief Melton der Jüdin zu. »Hier bring ich dir deinen abgeblitzten Anbeter.«

Bei den letzten Worten deutete er auf mich. Sie lächelte und nickte ihm vergnügt zu, ohne einen Blick auf mich zu werfen. Was konnte ich gegen eine solche Frechheit anders thun, als schweigen! Da aber warf sich einer, von dem ich es am allerwenigsten gedacht hätte, zu meinem Anwalt auf, nämlich der Häuptling selbst. Er wendete sich zu Melton:

»Du hast Wort gehalten, und ich halte auch das meinige. Ihr könnt weiterfahren, ohne daß wir euch etwas thun oder etwas nehmen. Vorher aber sieh dir einmal die Krieger an! Winnetou und Old Shatterhand waren gefangen und sollten verbrannt werden; sie entkamen trotz ihrer Fesseln am hellen Tage und haben dann den tapfersten Häuptling der Komantschen und zwölf seiner Krieger getötet. Sie haben ihn nicht liegen lassen zum Fraße der Geier und Koyoten, sondern ihn begraben und zu ihm seine Waffen und seine Medizin gelegt, sodaß er ohne Anstand in die ewigen Jagdgründe gelangen konnte. Sie sind unsere Feinde, aber große, berühmte Krieger und ehrliche Männer. Wer aber und was bist du? - -«

»Ich bin auch ein Gentleman, der - -« fiel Melton ein.

»Schweig!« unterbrach ihn der Häuptling. »Als du eine so lange Zeit mit Old Shatterhand redetest, lag ich im Busche hinter euch und habe alles gehört, was du ihm gestanden hast. Du bist kein Krieger, sondern ein feiger Dieb und Betrüger. Ich, der "große Pfeil", bin in den Städten der Bleichgesichter gewesen und habe viel gesehen. Ich sah auch Menschen, welche man eingesperrt hatte, weil sie feige Diebe und Betrüger waren. Damit man sie von tapfern und ehrlichen Leuten unterscheiden konnte, wurden ihnen die Haare vom Kopfe geschoren. Ich halte mein Wort, indem ich dich gehen lasse, aber zur Unterscheidung von diesen kühnen und ehrlichen Männern sollst du vorher das Haar verlieren. Nehmt es ihm mit euern Messern vom Kopfe!«

»Mein Haar? Mein - -«

»Schweig, Kröte, sonst nehme ich dir nicht nur das Haar, sondern das Leben!« donnerte ihn der Häuptling an.

Freiwillig gehorchte Melton dem Befehle nicht; er schrie und zeterte vielmehr aus Leibeskräften, doch half ihm das gar nichts. Er wurde niedergerissen und von zehn, zwölf nervigen, roten Fäusten festgehalten, worauf ein alter Komantsche ihm das Haar mit dem Bowiemesser herunterschabte. Dies kalte und trockene Rasieren schien, nach den Gesichtern zu schließen, die er schnitt, und nach dem Heulen, welches er hören ließ, weder sehr gefühlvoll vorgenommen zu werden, noch überhaupt etwas sehr Entzückendes zu sein.

Als der Kopf vollständig kahl war, wurde er losgelassen, sprang auf und retirierte hinter den Wagen. Jetzt wendete sich der Häuptling an die Jüdin, welche eben auch hinter dem Wagen verschwinden wollte:

»Halt, bleib! Der weiße Krieger Old Shatterhand wurde dein Anbeter genannt. Ist er es gewesen?«

»Ja,« antwortete sie, ohne die Augen niederzuschlagen.

»Du hast ihn abgewiesen und bist lieber mit dem Manne fortgegangen, der da hinter dem Wagen steckt? Bist du das Weib desselben?«

»Noch nicht.«

»Ein rotes Mädchen würde niemals mit einem Manne eine solche Reise machen, dessen Squaw sie nicht ist. Und deine Zunge ist nicht eine Zunge, sondern ein Schlangenzahn, welcher Gift ausspritzt. Tausend rote Squaws und Mädchen würden ja sagen, wenn Old Shatterhand sie begehrte; eine solche Pflanze, wie du bist, wird er nie begehren. Du hast gelogen. Gestehe es!«

»Ja,« gestand sie kleinlaut.

»Und wider die Wahrheit spritzest du Gift gegen einen berühmten Krieger, den nur anzuschauen du nicht würdig bist! Du gleichest innerlich dem, mit dem du fahren willst, und sollst ihm auch äußerlich gleichen. Du hast einen großen Krieger beleidigt, der zu stolz war, sich mit einem Worte gegen ein Weib zu verteidigen. Nehmt auch ihr das Haar vom Kopfe! Dann mögen die beiden Kröten dahinfahren, wohin sie wollen!«

Da erhob die schöne Judith ein Geschrei, welches mich veranlaßte, den Häuptling schnell zu bitten:

»Avat-Uh ist ein tapferer Mann und großer Krieger; die Squaw ist nicht wert, daß er an sie denkt. Er mag ihr das Haar lassen und sich stolz von ihr und ihrem Gefährten wenden.«

Da warf er mir einen zornigen Blick zu und antwortete:

»Wer giebt Old Shatterhand das Recht, einen Befehl des "großen Pfeiles" zu verbessern? Ein Häuptling und Krieger muß stets wissen, was er redet und thut, und darf nie ein Wort, welches er gesprochen hat, zurücknehmen. Es bleibt dabei. Man nehme auch ihr das Haar!«

Ich hatte gethan, was ich in meiner hilflosen Lage vermochte, und wendete mich ab, um wenigstens nicht zu sehen, was ich leider hören mußte. Judith schien sich aus allen Kräften zu wehren; sie brüllte, als ob sie gespießt werden sollte. Als sie ruhig war, drehte ich mich wieder um, konnte sie aber nicht sehen, weil sie sich in die Kutsche geflüchtet hatte. Hinter derselben klang jetzt die Stimme Meltons hervor:

»Der "große Pfeil" mag mir noch einmal sagen, ob er sein Wort halten und die drei Gefangenen wirklich töten wird!«

»Ich halte mein Wort; sie werden morgen eingemauert,« antwortete der Häuptling. »Nun aber mag das feige Bleichgesicht mit seiner Squaw, die nicht seine Squaw ist, dafür sorgen, daß wir sie nicht länger sehen, sonst nehmen wir ihnen noch mehr als das Haar allein!«

Die Pferde wurden eiligst vorgespannt, die überflüssigen hinten angehängt; die beiden Kutscher sprangen auf den Bock, Melton stieg zu seiner Judith ein; dann setzte sich das Gefährt in Bewegung. Der Mensch, den wir drüben in Afrika und hier hüben gejagt hatten, entkam abermals, und wir sollten - lebendig begraben werden!

Wir waren abgestiegen und lagerten im Grase. Die Komantschen hatten heute noch nichts genossen; sie sollten hier essen, ehe der Ritt nach dem Todesthale begonnen wurde.

Es fiel mir nicht ein, die Hoffnung aufzugeben. Auf Gnade konnten wir freilich nicht rechnen; aber das uns bestimmte Schicksal sollte uns erst morgen werden, und bis dahin hatten wir wenigstens noch zwanzig Stunden Zeit. Und was kann in zwanzig Stunden alles geschehen!

Von außen her rechnete ich freilich auf keine Hilfe. Wir mußten uns selbst helfen. Aber wie?

Zunächst lag für uns eine Beruhigung in dem Umstande, daß man uns nicht unnötig vorher quälen zu wollen schien. Der Häuptling hatte gesagt und auch bewiesen, daß er uns achtete. Mehr konnten wir zunächst nicht verlangen.

Auch wir bekamen zu essen. Es gab Fleisch, und die Portionen, welche wir erhielten, waren so groß wie diejenigen der Komantschen. Da man uns nicht wie Kinder füttern wollte, mußten wir selbst essen, und damit das möglich war, wurden uns die Hände nach vorn frei gegeben, dafür aber die Füße fest zusammengebunden. Natürlich wurde während dieser kurzen Zeit jede unserer Bewegungen scharf beobachtet. Dann wurden uns die Hände wieder auf den Rücken zusammengebunden.

Dabei bemerkte ich, daß Emery, als er die Hände nach hinten legte, eine eigentümliche, wie horchende Miene machte. Er sah, daß ich das beobachtete, und sagte in deutscher Sprache:

»Du sahst wohl, daß ich genau aufpaßte?«

»Ja. Eigentlich hätte ich dies aber nicht bemerken sollen, weil es die Roten ebenso leicht sehen können; sie würden dann ebenso gut ahnen, wie ich es geahnt habe, daß du irgend eine geheime Absicht hast.«

Da wendete sich derjenige Komantsche, welcher uns am nächsten saß, an den Häuptling und sagte diesem:

»Die beiden Bleichgesichter sprechen in einer Sprache miteinander, welche ich nicht verstehe.«

»Old Shatterhand mag sagen, was für eine es ist.«

»Es ist die Sprache meines Landes und Volkes.«

»Wo liegt das Land deiner Vorfahren?«

»Ueber dem großen östlichen Meere drüben.«

»Das ist doch England!«

»Nein; mein Vaterland liegt noch viel weiter im Osten.« »Hat dein Volk Todeslieder, wie wir roten Krieger sie haben?« »Ja, Sterbelieder und Sterbegebete zum großen Manitou.« Art eurer eignen Sprache?« »Ja.«

Da erhob er seine Stimme, daß alle es hören konnten, und sagte:

»Wenn ein tapfrer Krieger den Tod nahen sieht, so rüstet er sich darauf. Er gedenkt seiner Thaten und preist sie in der Weise seines Volkes. Die beiden Bleichgesichter sind tapfre Krieger; sie werden sterben und müssen von ihren Thaten in der Sprache ihres Volkes sprechen. Wir dürfen sie töten, aber ihre Seelen müssen wir ihnen lassen, damit die "starke Hand" von ihnen in den ewigen Jagdgründen bedient werden kann. Stören wir sie also nicht, wenn sie in der Sprache ihres Volkes miteinander sprechen!«

Das war denn doch eine große Nachsicht von einem, den ich für unnachsichtig gehalten hatte, eine Nachsicht freilich, welche nur die Folge seiner religiösen Anschauungen war. Nun konnte ich mich mit Emery nach Belieben unterhalten. Wir zeigten dabei so tiefernste Gesichter, als ob wir von nichts als dem uns bevorstehenden Tode sprächen.

»Also,« fragte ich, »woran dachtest du vorhin, als mir dein Gesicht so auffiel?«

»An ein Kunststück, welches ich einigemale gesehen und dann auch nachgemacht habe. Es heißt "Der gefesselte Hexenmeister", und ich kam auf den Gedanken, ob es vielleicht möglich sei, es hier an den Mann zu bringen.«

»Hm! Bilde dir nicht ein, die Leute hier durch irgend einen Hokuspokus zu täuschen!«

»Es ist nicht ein Hokuspokus, sondern es handelt sich um zwei Kunstgriffe, die keinem Weißen und noch viel weniger einem Indianer auffallen würden.«

»Muß es gezeigt werden, oder kann man es nach der bloßen Beschreibung begreifen?«

»Zeigen ist besser, hier aber nicht möglich. Der Hexenmeister läßt sich mit einem Riemen oder Bande, einer Schnur die Hände auf dem Rücken zusammenbinden und ist dann imstande, sich der Fessel jeden Augenblick zu entledigen.«

»Aber es kann leicht bemerkt werden?«

»Nein, sondern sehr schwer. Die Hauptsache ist, daß man sich den Riemen erst selbst auf das linke Handgelenk legen darf.«

»Das würde vielleicht nicht auffallen; man will dem Roten, der einen bindet, behilflich sein. Weiter!«

»Paß auf! Man faßt den Riemen in der Mitte, legt das eine Ende über das linke Handgelenk und läßt es um dasselbe knoten. Während der, welcher fesselt, den Riemen fest anzieht, zieht man am andern Ende selbst auch mit, scheinbar, um den Knoten und die Schlinge doppelt fest zu machen, in Wahrheit aber wird der Knoten umgezogen, das heißt, er wird auf dem Riemen beweglich, läßt sich auf demselben hin und her schieben. Dies ist für den, der bindet, und auch für die Zuschauer vollständig unbemerkbar. Darauf hält man beide Hände auf den Rücken, um das andere Ende um das Gelenk der rechten Hand zu legen und zu binden. Dabei faßt man den rechten Rockärmel an, als wolle man ihn zur Seite halten, damit die betreffende Person besser binden kann. Dadurch werden die Hände mehr voneinander entfernt, und man behält Raum zum Aufziehen der Schlinge, während man zugleich Gelegenheit bekommt, den Riemen während des Bindens schroff anzuziehen. Nun kann sich jedermann, ohne das Geringste zu bemerken, von der Festigkeit der Fessel überzeugen, und doch ist es nun möglich, durch Aufschieben des einen oder andern umgezogenen Knotens bald die rechte und bald die linke Hand nach Belieben frei zu machen; man kann sie auch wieder fesseln und die Knoten zu jeder Zeit untersuchen lassen. Vermagst du dich hineinzudenken?«

»Sehr leicht. Ich halte es für möglich, daß wir dem Kunststücke unsere Rettung verdanken.«

»Ja, ich habe vorhin, als wir wieder gebunden wurden, gut aufgepaßt. Ich bin genau so gebunden, wie es Voraussetzung des Kunststückes ist. Wenn man uns die Hände vielleicht zum Abendessen frei giebt und sie dann wieder auf den Rücken fesselt, denke ich, es nicht schwer fertig zu bringen, daß man sie in meiner Weise fesselt; du nicht auch?«

»Hm! Ich bin freilich überzeugt, die so einfache Hexerei auch fertig zu bringen, doch nur so, wie man es beim ersten Versuche kann; hier aber, wo es sich um Freiheit und Leben handelt, gehört mehr Uebung

dazu; ich werde den Versuch also dir überlassen.«

»Warum? Wenn wir auch Winnetou das Kunststück erklären, können wir uns alle drei zu gleicher Zeit und im passenden Augenblick schnell frei machen. Handeln wir dann, so sind wir verschwunden, ehe man nur daran denkt, uns festzuhalten.«

»Das klingt zwar verlockend, ist aber nicht so leicht, wie du denkst. Erstens, wie wollen wir Winnetou eine solche Erklärung geben, ohne daß unsere Wächter sie auch mit hören? Er versteht ja nur wenig deutsch, und englisch wieder verstehen sie, wenigstens genug, um zu wissen, wovon wir sprechen.«

»Das ist freilich wahr!«

»Und zweitens ist doch die Hauptsache, daß der Umstand nicht auffällt, daß man selbst den ersten Griff bei der Fesselung thut. Bei nur einem wird es jedenfalls übersehen; thun wir aber alle drei den Griff, so muß es nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern vielmehr Verdacht erregen. Ich bin also ganz dafür, daß nur du das Kunststück unternimmst.«

»Was wird aber dann mit euch?«

»Müssen sehen. Es wäre ein Messer vonnöten; man hat uns aber die unserigen mit den übrigen Waffen abgenommen.«

»Was das betrifft, so habe ich eins, ein kleines Einschlagemesserchen mit Nagelfeile; ich pflege es in der in- inneren Westentasche zu tragen. Man wird uns jedenfalls die Taschen leeren, doch denke ich, daß man das Innentäschchen nicht finden wird.«

»Das paßt ganz vortrefflich. Bekommst du die Hände frei und hast das Messerchen, so kannst du deine Fußschlingen und dann auch unsere Fesseln durchschneiden.«

»Well, sollte mich freuen! Ganz abgesehen von der Größe der Gefahr, in welcher wir uns befinden, wünsche ich herzlich, daß die Befreiung durch mich kommen dürfe, da ich es bin, der die Schuld an unserer Gefangenschaft trägt.«

»Hast du denn, als sie kamen, nichts gehört?«

»Nicht einen Hauch, obwohl ich wirklich scharf und unausgesetzt aufgepaßt hatte. Ich besitze aber leider nicht so empfindliche Ohren wie du und Winnetou. Du kannst dir denken, welche Vorwürfe ich mir mache!«

»Das laß sein! Es ist nicht ungeschehen zu machen, und hätte einer von uns andern Wache gestanden, wäre die Ueberrumpelung auch keine Unmöglichkeit gewesen.«

»Du hast aber selbst gehört, daß sie gewartet haben, bis die Reihe an mich gekommen ist.«

»Das geht mich nichts an. Wir sind gefangen und wollen wieder loskommen. Durch Vorwürfe aber erlangen wir die Freiheit keineswegs.«

Winnetou saß neben uns, verstand nur wenig von dem, was wir sprachen, doch war zu hoffen, daß wir ihm die nötige Mitteilung würden machen können, Zunächst geschah, was wir vorhin vorausgesetzt hatten: Nach dem Essen wurden unsere Taschen untersucht und geleert. Man nahm uns alles ab, doch blieb glücklicherweise Emerys kleines Messerchen unentdeckt.

Dann wurden wir wieder auf die Pferde gebunden, und man brach nach dem Thale des Todes auf.

Damals, als ich mit Winnetou die Komantschen dorthin verfolgte, war das Thal nicht ihr Ziel; sie zogen hin und her, um uns irre zu führen und von ihrer Spur abzubringen; darum dauerte es mehrere Tage, ehe unser Rachewerk in jenem Thale zum Abschlusse kam. Heute aber wollte man direkt nach demselben und konnte es in sieben oder acht Stunden recht gut erreichen.

Die Komantschen waren weit besser beritten, als wir, sie hatten sogar einige Pferde, welche man ausgezeichnet nennen konnte. Der Ritt ging durch eine Art von Furt über den Canadian und dann auf der andern Seite nordwärts. Am Flusse gab es Bäume und Gras. Bald hörten die ersteren auf, und als wir uns dann weiter vom Wasser entfernten, verschwand auch das letztere nach und nach.

Das Todesthal hatte seinen Namen nicht etwa dem Umstande zu verdanken, daß wir dort den Häuptling erschossen und begraben hatten, sondern weil es in einer wie ausgestorbenen Gegend lag. »Starke Hand« hatte es damals aufgesucht, wohl um sich in der Einsamkeit vor uns versteckt zu halten.

Das Thal hatte die Form und Gestalt eines eingesunkenen Kraters. Die Wände stiegen steil an und bestanden aus festem Gestein. Es gab nur einen Weg, um zu Pferde in den Kessel hinabzukommen; zu Fuße konnte man wohl auch an andern Stellen kletternd hinab- und hinaufgelangen. Die Thalsohle bildete einen Kreis, dessen Umfang man in einer halben Stunde abgehen konnte.

Am nördlichen Rande drang ein kleines Wasser aus dem Boden; es schmeckte aber leicht nach Schwefel und verschwand bald wieder in der Erde, doch reichte es aus, einigen Kräutern und Gräsern das Leben zu fristen.

Um die Mittagszeit wurde unterwegs ausgeruht; und zu unserer Freude erhielten wir dabei wieder eine Portion getrocknetes Fleisch. Da konnte das Kunststück versucht werden. Wir bekamen die Hände frei und aßen. Als wir fertig waren, wurden wir wieder gebunden. Ich achtete mit großer Spannung auf Emery. Er langte mit der unbefangensten Miene nach dem Riemen, mit welchem er gefesselt werden sollte, legte ihn sich auf das linke Handgelenk, ließ dort den Knoten schürzen und legte dann seine beiden Hände auf den Rücken, um nun auch die Rechte binden zu lassen. Der Rote ließ das ganz so geschehen, untersuchte, als er fertig war, die Fessel genau und machte dann ein so zufriedenes Gesicht, daß ich überzeugt war, Emery habe als Hexenmeister Fiasko gemacht. Darum fragte ich ihn:

»Nun, du hast dich getäuscht? Der Rote hat deine Fessel so genau untersucht und nichts gefunden.«

»Und doch ist er betrogen. Ich kann jeden Augenblick mit der Hand heraus. Ich wollte, ich könnte es dir zeigen. Weißt du, was ich möchte?«

»Nun?«

»Heute abend auf das Essen verzichten. Wenn ich nicht essen will, braucht man mir die Arme nicht frei zu geben; dann bleibt der Riemen, wie er jetzt ist, und ich kann in jedem Augenblick los. Esse ich aber, so weiß ich nicht, ob mir das Kunststück wieder so gelingt, wie jetzt.«

»Es kann aber sehr leicht Mißtrauen erwecken, wenn du nicht essen willst; denn wem der Arm so lange Zeit nach hinten gefesselt ist, der ergreift jede Gelegenheit, ihn einmal frei und nach vorn zu bekommen.«

»Das ist sehr richtig. Es könnte wirklich auffallen, und so will ich lieber nicht auf das Essen verzichten.«

Als wir wieder aufgebrochen waren, ritten wir drei nebeneinander. Wir hatten Winnetou in der Mitte, und es gelang uns, ihn in kurzen Worten, welche von den vor und hinter uns reitenden Roten in ihrem Zusammenhange nicht verstanden wurden, mitzuteilen, was wir für eine Absicht hegten. Sein schönes,

hellbronzenes Gesicht blieb vollständig unbeweglich, als er die frohe Botschaft hörte; dann sagte er leise:

»Frei, ja, doch nicht ohne meine Silberbüchse!«

»Und auch ich nicht ohne meine Gewehre,« stimmte ich in deutscher Sprache und laut, zu Emery gewendet, bei.

»Und wenn das nicht möglich ist?« fragte dieser.

»So hole ich sie mir später. Die Freiheit ist ein kostbares Gut; was thue ich aber hier in solcher Gegend mit ihr, wenn ich keine Waffen habe?«

»Sehr richtig; aber es handelt sich nebenbei auch um das Leben!«

»Das giebt den Ausschlag. Also fort, selbst ohne Waffen! Aber wenn mir das Leben sicher wäre, so würde ich die Gefangenschaft nicht eher verlassen, als bis ich meine Waffen wieder in den Händen hätte.«

Es war vielleicht eine Stunde vor der Dämmerung, als wir an dem Rande des Todesthales anlangten. Wir ritten die steile und schmale Senkung hinab, einer hinter dem andern und langsam wie ein Leichenzug. Wenn wir wirklich da nicht wieder heraufkommen sollten! Ich schüttelte den Gedanken mit den Achseln von mir ab. Nein! Wenn wer bestimmt war, unten zu bleiben, dann die Komantschen, aber nicht wir!

Als wir die Thalsohle erreichten, lenkte der Häuptling nach der Stelle hin, wo das Wasser aus dem Felsen trat. Dort hielt er an und stieg vom Pferde; die andern thaten ebenso, denn hier am Wasser sollte die Nacht zugebracht werden. Als wir abgestiegen waren, wurde der Versuch gemacht, die Pferde zu tränken; sie wollten aber das schwefelhaltige Wasser, welches wie faule Eier roch und schmeckte, nicht nehmen.

Währenddem ließ ich meinen Blick über das Thal hin schweifen. Am nördlichen Rande, da, wo die Felsen am steilsten aufstiegen, befand sich die Spalte, in welcher wir damals den Häuptling begraben hatten. Sie war nicht groß, unten vielleicht nicht ganz sechs Fuß breit, und verjüngte sich so schnell, daß sie in Manneshöhe eine Breite von nur noch zwei Spannen betrug; von da aus ging sie in gleicher Breite in eine beträchtliche Höhe hinauf. Da sie in solcher Höhe unmöglich verschlossen werden konnte, so hatte die Luft Zutritt, und wenn wir wirklich hier eingesperrt werden sollten, so konnten wir zwar verhungern und verdursten, aber doch wenigstens nicht ersticken. Die Steinplatte, welche man vorgelegt hatte, war schwer und unten breiter als der Spalt; ihre Höhe betrug drei Ellen. Trotz ihrer Schwere genügte sie nicht, uns im Grabe festzuhalten, denn wir drei Männer waren stark genug, sie von innen nach außen umzuwerfen und uns dadurch den Weg in die Freiheit zu bahnen. Aber es lagen Steine genug in der Nähe, vor und an der Platte einen so großen Haufen aufzutürmen, daß es uns unmöglich wurde, die Platte auch nur einen Zoll weit zu lüften.

Die Roten führten uns zunächst nach dem Grabe. Sechs von ihnen waren nötig, die Platte zu entfernen. Als dies geschehen war, trat der Häuptling vor die Oeffnung und sagte in feierlichem Tone:

»Hier liegt Atescha-Mu begraben, der große Häuptling der Komantschen. Sein Geist ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen, wo er vergebens auf die Seelen seiner Mörder gewartet hat, die ihn dort bedienen sollen.

Er mag zurückkehren, um zu hören, was ich, sein Sohn und Rächer, ihm zu sagen habe!«

Er wartete eine kleine Weile, jedenfalls um dem Geiste seines Vaters Zeit zu geben, den Weg von den ewigen Jagdgründen bis hierher zurückzulegen, und fuhr dann fort:

»Die "starke Hand" wurde von Winnetou und Old Shatterhand verfolgt und getötet. Die beiden feindlichen

Krieger sind jetzt in meine Hand geraten und sollen seinen Tod mit ihrem Leben bezahlen. Jeder Tote geht so in die ewigen Jagdgründe ein, wie er im Augenblicke des Sterbens beschaffen ist. Wollten wir die Mörder quälen und verwunden, so würden sie schwach und blutend zu Atescha-Mu gelangen und ihm nur schlechte Diener sein können; darum werden wir sie nicht beschädigen, sondern sie zu seinen Gebeinen einmauern, damit sie ohne Wunden sterben und er starke Diener bekommt, mit denen er in den ewigen Jagdgründen vor allen Abgeschiedenen prangen kann. Howgh!«

Die Platte wurde wieder vorgelegt, ohne daß es mir möglich gewesen war, einen Blick in das Grab zu werfen. Man führte uns nach dem Wasser zurück, doch durften wir nicht dort bleiben. Ungefähr fünfundzwanzig Schritte davon befand sich ein schmaler Einschnitt in den Felsen, in welchen wir gebracht wurden. Wir mußten uns da niedersetzen, und nachdem man uns an den Füßen gefesselt hatte, blieben zwei Mann zurück, um uns zu bewachen. Die andern gingen wieder zum Wasser, nachdem der Häuptling den beiden Wächtern die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit eingeschärft hatte.

Diese Vorsichtsmaßregel hatte man getroffen, weil der Felseneinschnitt sich außerordentlich gut zur Aufnahme von uns eignete. Wir hatten von drei Seiten Felsen, und auf der vierten saßen die bis an die Zähne bewaffneten Wächter; da waren wir den Roten viel sicherer, als wenn sie uns mit draußen am Wasser behalten hätten.

»Ein verwünschter Einfall, uns hier hereinzustecken!« brummte Emery in deutscher Sprache. »Höchst unangenehm, daß sie auf diesen Gedanken gekommen sind!«

»Warum?« fragte ich.

»Weil wir hier eingesperrt sind und schwerlich herauskommen werden.« »Meinst du? Mir ist es im Gegenteile sehr lieb, daß sie es gethan haben.«

»Das begreife ich nicht.- Hier sehen wir nichts. Draußen hätten wir alles hübsch beobachten können und hatten nach allen Seiten Raum.«

»Aber wir konnten auch selbst besser beobachtet werden. Laß es erst dunkel werden; dann können uns die Wächter nicht mehr sehen, und wir machen uns frei, ohne daß sie es bemerken. Hier sind nur vier Augen auf uns gerichtet; draußen am Wasser aber wären wir allen Blicken ausgesetzt gewesen.«

»Hm, mag sein! Du hast eben die Eigenschaft, allem Schlechten eine gute Seite abzugewinnen.«

Es wurde dunkel, und man brannte ein kleines Feuer an, doch leider nicht am Wasser, wo die Indianer lagen, sondern vor unserer Spalte. Zu einem großen Feuer, an welchem Fleisch gebraten werden konnte, war kein genügendes Material vorhanden; die dürren Abfälle der Pflanzen, welche es hier gab, reichten aber hin, eine kleine Flamme zu nähren, die unsere Bewachung erleichterte.

Das war freilich höchst unangenehm. Der Felseneinschnitt, in welchem wir uns befanden, bot Raum für nur drei Personen. Das Feuerchen brannte vor dem- demselben, und ungefähr vier Schritte davor saßen die Wächter. Wollten wir sie überwältigen, so mußten wir über das Feuer hinweg, und da fanden sie jedenfalls Zeit, die Waffen zu ergreifen oder wenigstens Hilferufe auszustoßen, durch welche die andern herbeigerufen wurden. Dazu leuchtete der Schein des Feuers, so klein es war, zu uns herein, sodaß es leicht war, uns zu beobachten.

»Da hast du es!« sagte Emery. »Oder giebst du mir auch jetzt noch nicht recht?«

»Nein. Mir ist die Beleuchtung ebenso unangenehm, wie dir; aber es ist trotzdem besser, wir befinden uns hier als draußen. Draußen lägen wir gewiß inmitten der Roten, hier haben wir es nur mit zweien zu thun.

Und denkst du etwa, daß das Feuer die ganze Nacht brennen wird?« »Natürlich! Sie werden sich hüten, es ausgehen zu lassen.«

»Wenn sie genug Holz haben, ja. Aber bis es Tag wird, müssen wenigstens acht Stunden vergehen, und ich glaube nicht, daß das Feuerungsmaterial bis dahin reichen wird. Sieh nur, wie schnell die kleinen Pflänzchen verbrennen, und wie winzig der Haufen ist, den sie davon gesammelt haben!«

Aber man sammelte, wie wir bald sahen, noch weiter; der Haufen wurde größer und größer, doch nicht so groß, daß er bis zum Anbruch des Tages reichen konnte.

Wir bekamen das Abendbrot sehr spät; es bestand wieder aus einem Stück Fleisch. Man nahm uns dazu die Handfesseln ab, welche dann wieder angelegt wurden. Zu unserer Freude glückte es dabei Emery, den, der ihn band, abermals zu täuschen; er konnte auch nun die Hände aus den Riemen bringen.

Die beiden Wächter wurden in zweistündigen Zwischenräumen abgelöst, und stets untersuchten die Neuangetretenen genau, ob unsere Banden noch in Ordnung seien. Keiner von ihnen merkte, daß Emerys Riemen gelockert werden konnte.

Die Roten waren sehr lange wach. Wir hörten ihre Stimmen bis nach Mitternacht. Jedenfalls sprachen sie von uns, und das war allerdings ein Gesprächsstoff, den sie noch viel länger hätten ausspinnen können. Endlich wurde es ruhig; sie schienen sich schlafen gelegt zu haben.

Wir aber schliefen natürlich nicht; wir lagen mit den Köpfen nahe bei einander und unterhielten uns im Flüstertone, sodaß unsere Wächter nichts hören konnten. Das Feuerchen brannte noch, doch war der Holzhaufen jetzt so klein geworden, daß er in einer Stunde zu Ende sein mußte. Wir bedienten uns jetzt der englischen Sprache, damit Winnetou sich mit beteiligen könne.

»Verwünschte Geschichte!« knurrte Emery. »Selbst wenn es uns gelingt, hinauszukommen, ist es nun beinahe zu spät geworden!«

»Wieso zu spät?« fragte ich.

»Das versteht sich doch ganz von selbst! Es ist draußen zwar still, aber wir wissen doch nicht, ob sie alle schlafen; darum müssen wir noch warten, wenigstens noch eine Stunde. Und dann ist die Ablösung nahe, welche sofort bemerkt, was geschehen ist.«

»So warten wir eben, bis diese vorüber ist.«

»Das ist eine kostbare Zeit, die wir nicht wieder einholen können. Und wenn wir hier hinaus sind, können wir noch nicht gleich fort; denn wir müssen doch Pferde haben. Wer weiß, wie lange es dauert, ehe es uns gelingt, in den Sattel zu kommen. Leicht werden wir dabei erwischt!«

»Man wird uns nicht dabei erwischen, weil es uns nicht einfallen wird, uns bei den Pferden aufzuhalten.«

»Wie? Du willst, daß wir zu Fuße fliehen?«

»Ja.«

»Zu Fuße fort! Da kannst du darauf schwören, daß sie uns einholen werden!«

»Gewiß nicht. Wir fliehen zu Fuße, aber nicht weit, denn wir werden das Thal gar nicht verlassen.« »Nicht? Erkläre dich deutlicher!«

»Es handelt sich vor allen Dingen um unsere Waffen. Es ist anzunehmen, daß wir dieselben jetzt nicht erwischen können. Fliehen wir weit fort, so büßen wir sie ein. Wir bleiben also hier, um den Augenblick zu erwarten, an welchem wir sie uns nehmen können.«

»Wie ist es möglich, hier zu bleiben? Giebt es denn ein Versteck, in welchem wir sicher sein könnten?«

»Ja, im Grabe des Häuptlings.«

»Ah! Das ist ein kühner, ein verwegener Gedanke!«

»Bei weitem nicht so verwegen, wie du denkst. Es wäre viel gewagter, wenn wir das Todesthal verlassen und über die weite Ebene fliehen wollten, wo wir auf große Entfernung hin gesehen werden können. Wir hätten die Verfolger gleich beim Beginn des Tages hinter uns und würden gewiß eingeholt. Was das zu bedeuten hat, wenn wir weder Pferde noch Waffen besitzen, das brauche ich dir nicht erst zu sagen.«

»Aber ist es denn so gewiß, daß wir nicht zu den Pferden können und auch die Waffen zurücklassen müssen?«

»Beinahe gewiß. Auch handelt es sich nicht nur um die Waffen, sondern auch um die andern Gegenstände, welche man uns abgenommen hat.«

»Können wir nicht hinschleichen und sie heimlich nehmen?« »Wahrscheinlich nicht. Es ist vorauszusehen, daß wir dabei ertappt würden.«

»So mögen sie uns ertappen! Alle Wetter, wenn ich nur erst meine Glieder frei habe, dann will ich den Roten sehen, der mich wieder fangen soll!«

»Meinst du, daß ich weniger entschlossen bin, als du? Aber ich habe keine Lust, mich, wenn ich einmal frei bin, wieder fangen zu lassen. Ich sage auch gar nicht, daß mein Gedanke, uns im Grabe des Häuptlings zu verstecken, unbedingt ausgeführt werden soll. Wenn wir uns von den Fesseln befreit haben, werden wir erst sehen, ob die Roten alle schlafen und wie es mit unsern Sachen steht. Dann wissen wir, wie wir uns zu entscheiden haben.«

»Ja!« flüsterte jetzt Winnetou, welcher bisher geschwiegen hatte. »Der Plan meines Bruders Shatterhand ist sehr gut. Die Komantschen werden nicht alle fortreiten, denn sie wissen, daß wir laufen müssen und unbewaffnet sind, uns also nicht wehren können. Sie werden denken, es sei sehr leicht, uns wieder festzunehmen. Darum wird der Häuptling nicht alle fortschicken, zumal doch jemand unsere Sachen bewachen muß.«

»Wieso unsere Sachen bewachen?« fragte Emery.

»Mein Bruder weiß doch, daß wir unverletzt in die ewigen Jagdgründe gesandt werden sollen. Wenn dies geschieht, so giebt man uns auch alles mit, was wir besessen haben. Winnetou kennt die Gebräuche der roten Männer sehr genau. Unsere Körper und Glieder sollen nicht beschädigt werden, damit wir in den ewigen Jagdgründen tüchtige und starke Sklaven des toten Häuptlings sein können. Da giebt man uns auch unsere Waffen und alles andere mit, damit die Gegenstände jenseits in das Eigentum der "starken Hand" gelangen. Durch unsere

Gewehre wird der tote Komantsche in den ewigen Jagdgründen der berühmteste Krieger werden.«

»Ah, so! Die Komantschen glauben also, daß alles, was man mit uns begräbt, mit uns ins jenseitige Leben gelangt?«

»Ja. Wir werden dem Toten geopfert und also drüben seine Diener sein; folglich wird ihm alles gehören, was wir mit hinüber bringen. Doch still, die Ablösung kommt!«

Unsere Wächter standen auf, um den beiden, welche jetzt kamen, Platz zu machen. Letztere untersuchten ebenso, wie es die vorigen gethan hatten, unsere Riemen und setzten sich dann nieder. Dabei schob der eine von ihnen die letzten Pflanzenstengel, welche es gab, in das Feuer, das nur noch einige Minuten brannte und dann verlöschte.

Jetzt, da das Feuer nicht mehr brannte, wurde der Himmel für uns sichtbar. Es zogen Wolken darüber hin, zwischen denen nur einzelne Sterne herniederschimmerten. Es war draußen vor unserm Felseneinschnitte so dunkel, daß wir die beiden Komantschen, obgleich sie höchstens drei Meter von uns entfernt lagen, kaum sehen konnten.

Als eine Viertelstunde vergangen war, zog Emery die Hände aus dem Riemen und machte dann mit Hilfe seines kleinen Messerchens auch seine Füße frei. Dann knüpfte er unsere Riemen auf, was einige Zeit erforderte. Es wäre weit schneller gegangen, wenn er sie durchschnitten hätte, aber wir brauchten sie für unsere Wächter. Das wollte ihm freilich nicht in den Kopf. Er flüsterte uns zu:

»Es wäre viel besser, sie zu töten, anstatt sie nur zu betäuben. Ein einziger Ruf von ihnen kann uns gefährlich werden.«

»Die Möglichkeit, daß sie Zeit zu einem Hilferufe bekommen, ist in beiden Fällen vorhanden,« antwortete ich ihm, »und man tötet einen Menschen nur dann, wenn es unbedingt notwendig ist.«

»Well, wie du willst! Wer macht sich über sie her? Wir drei?«

»Nein, nur Winnetou und ich. Wir haben den Griff besser weg, als du. Ich nehme den rechts, und Winnetou faßt den linken.«

Unsere Hände hatten von den Riemen gelitten; wir rieben und kneteten die Gelenke, um den Umlauf des Blutes zu unterstützen; dann gingen wir an das Werk, bei welchem es galt, außerordentlich vorsichtig zu sein, denn die beiden Roten saßen draußen so, daß sie uns die Gesichter zukehrten. Wir mußten auf sie zukriechen. Wenn sie uns nur einen einzigen Augenblick eher bemerkten, als wir ihre Kehlen zwischen unsern Händen hatten, war unser ganzer Plan zunichte.

Glücklicherweise war es bei uns noch dunkler, als draußen bei ihnen. Wir erhoben uns auf die Kniee und rutschten auf sie zu. Dabei schlossen wir die Augen soweit, daß wir eben nur noch unter den Lidern hervorblicken konnten, denn ein offenes Auge ist selbst in solcher Finsternis, wenn es durch eine seelische Erregung erleuchtet wird, zu erkennen. Es galt zweierlei: erstens mußten wir so schnell und sicher zugreifen, daß keine Zeit zu einem Ausrufe, selbst nicht zu einem Röcheln oder Stöhnen blieb, und zweitens mußte dies vollständig geräuschlos geschehen, weil jeder hörbare Stoß oder Fall die andern Roten aufmerksam machen konnte. Ganz von selbst verstand es sich, daß wir zu gleicher Zeit zugreifen mußten, wenn der Coup gelingen sollte.

Wir kamen ihnen näher und näher. Da berührte

Winnetou meinen Arm; das war das Zeichen. Ich schnellte mich sofort vorwärts und hatte im nächsten Augenblick den einen Komantschen mit beiden Händen am Halse. Von vorn ist der Griff viel schwerer, als von hinten; er gelang uns aber dennoch, Winnetou ebenso wie mir. Die Wächter sanken unter unserm Gewicht hintenüber; es war nichts zu hören, als nur ein leises, leises Gurgeln, welches nicht bis hinüber zu dem Lagerplatz am Wasser dringen konnte. Dann kam der bekannte Hieb gegen die Schläfe, um sie zu betäuben, worauf wir ihnen die Kehlen vorsichtig und nach und nach freigeben konnten, damit sie nicht ersticken möchten.

Ein Teil unserer Aufgabe war also glücklich gelöst. Die Roten hatten keine Waffen, als nur ihre Messer bei sich gehabt; wir nahmen dieselben an uns und hatten nun wenigstens etwas, womit wir uns wehren konnten. Sie bekamen Knebel in den Mund und wurden fest gebunden, worauf wir ihre bewegungslosen Gestalten dorthin schoben, wo wir vorher gelegen hatten.

»Meine Brüder mögen hier warten.« flüsterte der Apatsche; »Winnetou wird an das Wasser kriechen, um zu erfahren, wozu wir uns entschließen müssen.«

Er entfernte sich mit der Geräuschlosigkeit einer Schlange. Ganz gegen meine Erwartung dauerte es kaum zwei Minuten, bis er wiederkam; dies war kein gutes Zeichen.

»Wir können weder zu den Pferden, noch zu den Waffen,« meldete er. »Bei den Pferden steht eine Wache. Unser ganzes Eigentum liegt abgesondert am Wasser, und daneben sitzt der Häuptling, welcher nicht schläft. Die Freude, den Tod seines Vaters an uns rächen zu können, hat ihn wach gehalten. Winnetou hat sich das gedacht.«

»Können wir ihn denn nicht ebenso überfallen, wie die Wächter hier?«

»Nein, denn rund um ihn liegen seine Krieger, welche wir berühren und also aufwecken würden, wenn wir zu ihm wollten.«

»Ja, es bleibt uns nichts übrig, als uns zu verstecken und das Weitere abzuwarten,« sagte ich. »Kommt also nach dem Grabe!«

Wir schlichen uns fort, was wir zunächst in kriechender Stellung thaten; dann, als wir entfernt genug waren, konnten wir uns erheben. Bei dem Grabe angekommen, lüfteten wir den Stein auf einer Seite soweit, daß wir in den Spalt kriechen konnten, wozu unsere Kräfte ausreichten. Weit schwerer aber war es, ihn von innen wieder ganz heranzuziehen, was uns erst nach vieler Mühe und Anstrengung gelang. Da der Boden draußen aus hartem Felsen bestand, durften wir hoffen, daß man dort nicht sehen werde, daß der Stein wieder bewegt worden war.

Unsere Zufluchtsstätte war nichts weniger als bequem, denn der Spalt war zwar ziemlich tief, aber auch sehr niedrig. Hinten lagen die Ueberreste der »starken Hand«. Wir mußten uns eng zusammenschmiegen, um mit denselben nicht in Berührung zu kommen. Glücklicherweise gab es in dem Grabe keinen Moderoder Fäulnisgeruch, da die Luft von oben her stets Zutritt gehabt hatte.

So saßen und hockten wir also eng nebeneinander und warteten mit fast fieberhafter Spannung auf den Anbruch des Tages. Eine Ablösung der Wächter war nicht mehr nötig, da die beiden letzten ihren Posten gerade zwei Stunden vor Morgengrauen angetreten hatten. Es stand zu erwarten, daß der Himmel sich in einer kleinen halben Stunde erhellen werde.

Eine solche Zeit ist wenig, kann einem aber in der Lage, in welcher wir uns befanden, zu einer Ewigkeit werden. Wir sprachen kein Wort, denn einmal machte uns die Aufregung stumm, und sodann konnten wir uns so nahe bei den Gebeinen des Häuptlings jenes, ich möchte sagen, heiligen Gefühles nicht erwehren, dem sich an einer Stätte des Todes selten der Mensch zu entziehen vermag.

Die Zeit verging. Ich saß vorn an dem Steine und legte zuweilen mein Auge an die schmale Lücke, welche es zwischen ihm und der Felswand gab. Ich sah, daß es zu dämmern begann. Die Entscheidung nahte, denn sobald es nur ein wenig hell wurde, mußte der Häuptling bemerken, daß die beiden Wächter nicht da saßen,

wo sie sitzen sollten. Da unterbrach Emery nun doch die Stille:

»Kannst du sehen, Charley?«

»Nur erst drei, höchstens vier Schritte weit; es wird aber mit jedem Augenblicke heller.«

»Da wird der Lärm in wenigen Minuten beginnen. Wir sind doch thöricht gewesen, uns hier einzusperren! Wenn man entdeckt, daß wir hier stecken, sind wir verloren!«

»So gewiß, wie du denkst, noch lange nicht!«

»Was würdest du denn thun?«

»Das einzige, was uns in diesem Fall retten könnte, nämlich mich auf den Häuptling werfen, um mich seiner zu bemächtigen. Befindet er sich in unserer Gewalt, so können wir unterhandeln.«

»Aber wenn man uns nun gar nicht hinaus läßt!«

»Pah! Man muß!«

»Sondern Steine vor der Platte draußen aufhäuft!«

»Dazu gehört Zeit. Wir drei sind stark; ein Augenblick genügt, die Platte umzuwerfen - - horch!«

Draußen war ein lauter, schriller Schrei erklungen, jener Schrei, welchen der Indianer ausstößt, wenn er die Seinen auf eine Gefahr aufmerksam machen will.

»War das der Häuptling? Sieh hinaus, Charley, schnell, schnell!«

Während unsers Gespräches, so kurz dasselbe gewesen war, hatte die Helle des Morgens so zugenommen, daß ich, als ich das Auge nun wieder an die Lücke legte, bis an das Wasser sehen konnte. Der ganze Lagerplatz und die Umgebung desselben lag vor meinem Blick. Ja, der Häuptling hatte den Schrei ausgestoßen. Er stand vor dem Felseneinschnitte, in welchem wir gesteckt hatten, und sah die beiden Wächter gefesselt und geknebelt in demselben liegen. Sein Schrei hatte die andern Roten erweckt; sie waren aufgesprungen und eilten zu ihm hin.

Zunächst entstand ein kurzer Wirrwarr von sich durcheinander drängenden Menschen und Stimmen; dann wurde es still. Der Häuptling ließ die von uns Ueberrumpelten von ihren Fesseln und Knebeln befreien und befragte sie. Ich sah sie vor ihm stehen; wir hatten sie also nicht getötet. Dann erhob sich wieder ein Geheul. Die Roten richteten ihre Blicke rings umher; sie sahen nichts von uns; wir mußten also aus dem Thale sein. Der Häuptling rief ihnen laute Befehle zu. Sie bewaffneten sich, eilten zu den Pferden, stiegen auf und ritten fort, den steilen, schmalen Weg hinauf, den wir heruntergekommen waren. Ich sah einen nach dem andern da oben verschwinden.

Aber nicht alle verließen das Thal. Drei blieben zurück, nämlich der Häuptling und die beiden Wächter, ob die letzteren zur Strafe, oder weil sie sich nicht so schnell hatten erholen können, das wußte ich nicht. Der erstere setzte sich wieder dort nieder, wo er während der

Nacht gesessen hatte; sie aber standen in einiger Entfernung von ihm. Er war natürlich zornig über sie, und sie wagten sich nicht an ihn heran.

»Wenn die Roten nur eine Spur von Klugheit besitzen, werden sie augenblicklich wiederkommen!« meinte

Emery.

»Wieso?« fragte ich.

»Wenn sie hinauf auf die Ebene kommen und uns nicht sehen, müssen sie sich doch sagen, daß wir noch im Thale sein müssen!«

»Nein. Sie werden annehmen, daß wir Zeit genug gehabt haben, soweit zu kommen, daß wir nicht mehr gesehen werden können. Sie werden nach Spuren suchen und keine finden. Infolgedessen wissen sie nicht, in welcher Richtung wir geflohen sind, und werden sich also in mehrere Abteilungen trennen, um uns nach verschiedenen Gegenden zu verfolgen. Ich bin jetzt überzeugt, daß unser Plan gelingen wird.«

Wir warteten. Nach vielleicht einer Viertelstunde kam einer der Reiter zurück und machte dem Häuptlinge eine Meldung. Dieser stand auf und bestieg sein Pferd; er befahl den beiden Wächtern, dasselbe zu thun, und ritt mit ihnen und dem Boten fort, unsere Gewehre und andere Sachen am Wasser liegen lassend. Ich sah sie hinter dem Felsen, da wo der Pfad mündete, verschwinden und bald darauf weiter oben wieder erscheinen.

»Es gelingt!« jubelte ich. »Es gelingt viel besser, als ich erwarten konnte. Der Häuptling ist geholt worden und hat auch die Wächter mitgenommen. Unsere Sachen liegen alle dort, und unsere Pferde stehen auch da!«

»Dann hinaus, hinaus, schnell, schnell!« rief Emery.

Er wollte in seinem Eifer aufspringen und stieß mit dem Kopfe gegen den niedrigen Felsen, daß er mit einem Wehelaute wieder zurücksank.

»Noch nicht,« antwortete ich. »Wir müssen warten, bis sie oben angekommen sind und nicht mehr heruntersehen können.«

Nach kurzer Zeit war das geschehen. Wir stießen die Platte nach außen, daß sie umfiel. Wir traten hinaus; wir waren frei! Emery wollte sogleich hin zu unsern Gewehren, doch Winnetou warnte:

»Mein Bruder mag sich nicht übereilen! Erst wollen wir den Stein wieder vor das Grab legen. Der Häuptling kehrt jedenfalls zurück. Er würde, wenn er von oben herunterblickt, das Grab offen sehen und sofort seine Krieger rufen.«

»Was schadet das! Wir haben sie nun nicht mehr zu fürchten!«

»Doch noch. Wir müssen auch hinauf. Es giebt nur den einen Pfad, und wenn sie ihn besetzen, können wir nicht fort.«

»So schießen wir sie nieder!«

»Wenn sie sich hinter den Felsenecken verbergen, können wir sie nicht treffen, während aber ihre Kugeln uns erreichen.«

Wir haben also mit vereinten Kräften den schweren Stein auf und lehnten ihn wieder an die Spalte; dann eilten wir an das Wasser, um unsere Sachen schnell an uns zu nehmen. Es fehlte nichts von allem, was man uns abgenommen hatte. Welche Wonne, als ich meine beiden Gewehre wieder hatte, und dazu die ganze Munition!

»Nun aber fort!« rief Emery, indem er sich anschickte, zu den Pferden zu gehen.

»Noch nicht!« sagte ich. »Wir müssen erst wissen, wie es da oben auf der Ebene steht.«

»Das ist doch nicht notwendig! Die Roten können uns nichts anhaben! Kein Indsman darf es wagen, uns nahe zu kommen, da wir unsere Gewehre haben.«

»Sobald wir uns im Freien befinden, ja. Jetzt aber stecken wir noch in diesem tiefen Thalkessel und wissen nicht, ob wir zu Pferde hinaufkommen können, ohne bemerkt zu werden. Wir müssen erst hinaufsteigen, um zu rekognoszieren.«

»Uebertriebene Vorsicht! Ich halte das für ganz unnötig, will mich aber fügen.«

Wir stiegen also den steilen Weg hinauf. Da der Häuptling jeden Augenblick zurückkehren konnte, vielleicht nicht allein, sondern in Begleitung von noch andern Roten, so nahmen wir den Gang möglichst vorsichtig vor. Wir eilten über offene Stellen so schnell wie möglich hinweg und blieben, wenn wir Deckung hatten, halten, um vorwärts zu lauschen, ob die Schritte eines Menschen oder Pferdes zu hören seien. Und das war gut! Denn eben befanden wir uns an einer neuen Krümmung des Weges und horchten um die Ecke, als wir Hufschlag hörten. Winnetou war voran. Er blickte vorsichtig um den Felsen und wendete sich dann zu uns zurück, um leise zu sagen:

»Der Häuptling kommt.«

»Allein?«

»Ja.«

Das Geräusch der Huftritte schwieg. Der Komantsche hielt an und sah in das Thal hinab. Hätten wir den Stein nicht wieder vor das Grab gelegt gehabt, so wäre ihm das unbedingt aufgefallen und er hätte sich sofort sagen müssen, daß wir noch unten im Thale seien. So aber schöpfte er keinen Verdacht und ritt weiter.

»Was thun?« fragte Emery.

»Ihn festnehmen,« antwortete ich. »Aber nicht hier. Der Ort paßt nicht dazu, und ein Hilferuf von ihm würde von seinen Leuten gehört werden. Kommt schnell wieder hinab!«

Wir kehrten um und rannten zurück. Unten angekommen, blieben wir da, wo der Weg ins Thal mündete, halten. Da lag ein großes Felsstück, hinter welchem sich ein Mann verstecken konnte. Winnetou kauerte sich dort nieder und sagte:

»Meine Brüder mögen vollends um die Ecke gehen, damit er sie nicht sieht. Ich lasse ihn vorüber, springe dann hinter ihm auf das Pferd und nehme ihn fest. Darauf mögen meine Brüder von vorn auf ihn eindringen.«

Emery und ich gingen die zwanzig Schritte weiter, die wir noch bis zur Einmündung des Weges zu machen hatten, und postierten uns dort hinter die Ecke. Kurze Zeit später hörten wir den Häuptling kommen. Wir lauschten dem Hufschlage seines Pferdes. Jetzt mußte er beim Verstecke des Apatschen sein - jetzt an demselben vorüber - da blieb das Pferd stehen; ein unterdrückter Schrei ließ sich hören. Wir sprangen hinter der Ecke hervor. Da hielt das Pferd auf dem Wege; Winnetou kniete auf demselben hinter dem Komantschen und hatte ihn mit beiden Händen am Halse fest. Wir sprangen hinzu und zogen den vor Schreck ganz bewegungslosen Roten vom Pferde herunter, entwaffneten ihn und banden ihm mit seinem eigenen Lasso die Arme fest an den Leib. Darauf brachten wir ihn nach einer Stelle, wo wir mit ihm nicht von oben gesehen werden konnten, zogen ihn da nieder und banden ihm auch die Beine zusammen, so daß er nun wie ein Kind im Wickel vor uns lag.

»Meine Brüder mögen hier bei ihm bleiben,« sagte

Winnetou. »Ich steige schnell wieder nach oben, um zu sehen, was die Komantschen jetzt thun.«

Er entfernte sich. Der »große Pfeil« lag zu unsern Füßen und betrachtete uns mit Augen, in denen sich eine unbeschreibliche Wut aussprach. Ein anderer an seiner Stelle hätte höchst wahrscheinlich geschwiegen; er hatte geglaubt, daß wir längst fort seien und brannte nun darauf, zu erfahren, wie es uns gelungen sei, ihn in die Falle zu bringen; darum fragte er:

»Wo hat Old Shatterhand mit seinen Gefährten gesteckt, daß wir ihn nicht haben sehen können?«

»Im Grab deines Vaters.«

»Uff! Warum seid ihr nicht sofort geflohen?«

»Weil wir nicht ohne unsere Pferde und Waffen fort wollten. Du siehst, daß wir sie uns geholt haben.«

»Winnetou und Old Shatterhand sind sehr verwegene Krieger!« stieß er wütend hervor.

»So siehst du also ein, daß die Krieger der Komantschen viel klüger sein müßten, wenn es ihnen gelingen sollte, uns festzuhalten. Ihr habt uns ergreifen können, weil ein böser Mensch uns euch verriet; zum zweitenmal bringt ihr das aber nicht fertig. Und uns gar in das Grab deines Vaters sperren, das war ein Gedanke, den nur ein so junger Krieger, wie du bist, haben konnte. Du siehst, daß wir deinen Vater nicht in den ewigen Jagdgründen bedienen werden!«

»Und doch werdet ihr das thun? Ihr seid noch nicht entkommen!«

»O, wir fühlen uns so sicher, als ob gar keine Krieger der Komantschen auf der Erde wären! Ich brauche nur dieses eine Gewehr, welches du hier in meiner Hand siehst, um sie alle nacheinander in die ewigen Jagdgründe zu senden. Du wirst von dem Gewehre gehört haben.«

»Ja. Der böse Geist hat es dir gegeben. Du kannst mit demselben schießen, so oft du willst, ohne daß du zu laden brauchst.«

»Wenn du das weißt, so darfst du auch nicht sagen, daß deine Krieger uns wieder ergreifen werden!«

Er schwieg, schloß eine Weile die Augen, öffnete sie dann wieder und fragte, indem er einen forschenden Blick auf mich warf:

»Ich bin in eurer Gewalt. Was werdet ihr mit mir thun?«

»Du hast uns einem qualvollen Tode überantworten wollen. Wir sollten dort im Grabe der "starken Hand" langsam verschmachten. Welches Schicksal erwartest du dafür von uns?«

»Den Tod. Ihr werdet mich martern; aber es wird kein Laut der Klage über meine Lippen kommen!«

»Wir werden dich nicht martern; wir werden dich auch nicht töten. Du hast uns nicht gequält, sondern uns als tapfere Krieger geachtet; wir werden also fortreiten und dich hier liegen lassen, damit deine Krieger dich dann finden und von den Banden frei machen. Winnetou und Old Shatterhand dürsten nicht nach

Menschenblut; sie hätten damals auch deinen Vater nicht erschossen, wenn die vier Bleichgesichter nicht so unschuldigerweise von ihm verbrannt worden wären.«

In diesem Augenblicke kehrte Winnetou zurück. Er hatte den letzten Teil meiner Rede gehört und sagte zu dem Häuptlinge:

»Ja, der "große Pfeil" mag seine Krieger davon benachrichtigen, daß Winnetou ein Freund aller roten Männer ist und auch die Söhne der Komantschen nur dann als Feinde betrachtet, wenn sie sich als solche gegen ihn verhalten. Du hast uns töten wollen; wir könnten nun dein Leben dafür fordern. Du sollst es behalten. Eines aber werden wir euch nehmen. Wir wollten ein Bleichgesicht fangen, welches ein großer Verbrecher ist. Du hast dich dieses Mannes angenommen und ihn mit seinem Weibe, welches nicht sein Weib ist, entkommen lassen. Dann hast du uns hierher geschafft. Dadurch hat der Mann einen großen Vorsprung gewonnen, welchen wir nur mit sehr guten Pferden wieder einholen können. Die Krieger der Komantschen haben Pferde hier, welche viel besser sind, als die unserigen. Wir werden sie gegen drei der eurigen umtauschen.«

»Ist Winnetou, der berühmte und tapfere Häuptling der Apatschen, ein Pferdedieb geworden?« fragte der Gefangene.

»Nein; aber du bist schuld, daß der Flüchtling entkommen ist, und sollst nun dafür sorgen, daß wir ihn einholen können. Ich nehme dein Pferd, und du hast dir den Verlust selbst zuzuschreiben. Howgh!«

Er bestieg das Pferd des Komantschen, lenkte in den Bergweg ein und winkte uns, ihm zu folgen. Emery wollte sein Pferd holen, aber Winnetou sagte:

»Meine Brüder mögen ihre Tiere hier stehen lassen. Da oben werden sie viel bessere finden.«

Er ritt voran, ohne den Komantschen nur noch einmal anzusehen, und wir folgten ihm. Es war leicht begreiflich, daß der Gefangene sich darüber ärgerte, sein Pferd zu verlieren; es war ein prachtvolles Tier; einige gleich vortreffliche hatte ich bei den andern Komantschen gesehen. Darum war ich jetzt sehr neugierig, was ich da oben auf der Ebene vorfinden würde. Wir sollten gute Komantschenpferde bekommen. Auf welche Weise, das fragte ich nicht, da Winnetou es nicht freiwillig sagte. Er ritt wortlos voran wie einer, der gar nicht vor- vorsichtig zu sein braucht; er mußte seiner Sache sehr sicher sein.

Als wir oben angekommen waren, sah ich nun freilich, daß die Komantschen sich so sorglos wie möglich verhalten hatten. Sie suchten noch immer nach unserer Fährte. Sie hatten sich getrennt, um nach allen Richtungen zu forschen. Wir sahen sie rundum, schon weit von uns entfernt, dahinschreiten, indem sie in gebückter Haltung den Boden betrachteten. Da unsere Spuren leicht von den Pferden ausgetreten werden konnten und die Tiere beim Suchen überhaupt hinderlich waren, hatten sie dieselben an einer Stelle zusammengebracht und dort unter der Aufsicht eines einzigen Roten stehen lassen. Die Stelle war gar nicht weit von uns; wir hatten höchstens sechshundert Schritte zu gehen. Der Wächter saß an der Erde, mit dem Gesicht von uns abgewendet, und blickte hinaus ins Weite, die Bemühungen seiner Kameraden beobachtend.

»Der Mann würde die Schritte meines Pferdes hören,« sagte Winnetou lächelnd. »Ich werde also hier ein wenig warten, und meine Brüder mögen leise zu ihm gehen, um sich dort die zwei besten Pferde auszuwählen.«

Er blieb einstweilen halten. Ich nahm den Stutzen schußfertig in die Hand, um den Roten einzuschüchtern, und schlich mit Emery auf ihn zu. Er schenkte den vergeblichen Bemühungen seiner Kameraden eine so ungeteilte Aufmerksamkeit, daß wir die Pferde erreichten, und nahe hinter ihm standen, ohne daß er es bemerkte. Da sagte ich: »Wird mir der Sohn der Komantschen vielleicht sagen, was seine Brüder so angelegentlich da draußen suchen?«

Er blickte sich um, sah uns, fuhr wie von einer Spannfeder geschnellt empor und starrte uns an. »Hat mein Bruder meine Frage verstanden?« fuhr ich fort. »Old - Shatterhand!« stammelte er.

»Ja, ich bin es. Und kennst du den Krieger, welcher dort auf dem Pferde sitzt?«

»Winnetou, auf dem Pferde des Häuptlings!«

»Allerdings! Also sage, was suchen deine Brüder da draußen?«

»Sie - suchen - - euch!« antwortete er, noch immer ganz außer sich.

»Uns? So eile schnell hin, und sage ihnen, daß wir uns hier befinden!«

Er machte keine Miene, der Weisung Folge zu leisten, sondern starrte mich noch immer wie eine Geistererscheinung an. Da richtete ich die Mündung des Gewehres auf ihn und drohte:

»Eile, sage ich dir, sonst bekommst du augenblicklich eine Kugel.«

»Uff!« rief er erschrocken, wendete sich und rannte davon, so schnell ihn seine Beine fortzutragen vermochten. Nun hatten wir freie Hand. Winnetou kam hingeritten, und wir wählten uns von den Pferden, welche alle gesattelt waren, die zwei besten aus.

Der Indianer lief wie ein Schnellläufer und stieß dabei ein Geheul aus, das weithin zu hören war. Seine Kameraden wurden aufmerksam; sie sahen, daß er auf uns deutete, und rannten auf ihn zu. Dadurch wurde Raum für uns frei. Wir stiegen auf und galoppierten in südlicher Richtung davon, wo sich jetzt kein Indianer mehr in Schußweite befand. Später bogen wir dann wieder westlich ein.---

Drittes Kapitel.

Ein Brudermord.

Es fiel uns natürlich gar nicht ein, nach dem Punkte am Canadian zurückzukehren, wo wir Jonathan Melton zuletzt gesehen hatten; wir hätten damit nur unnütz Zeit vergeudet; wir ritten vielmehr, soweit das Terrain uns das erlaubte, gerade unter der Luftlinie, die nach Albuquerque führte. Wir erlebten unterwegs nichts, was erwähnt werden müßte, und kamen gegen Abend des vierten Tages am Ziele an.

Die Stadt Albuquerque hat ihren Namen nach dem Herzoge gleichen Namens, welcher Vizekönig von Mexiko war, erhalten. Albuquerque bedeutet Weiß-Eiche (alba quercus). Sie zerfällt in zwei verschiedene Teile, die einander vollständig unähnlich sind, nämlich in die alte spanische und in die junge amerikanische Stadt. Ein breiter, unbebauter Raum trennt die beiden Stadtteile voneinander. Der alte spanische Typus hat sich hier in jeder Beziehung rein erhalten, und nirgends stellt sich diesem das Neuamerikanische ablehnender gegenüber als hier. Das neue Albuquerque hatte genau das Aussehen anderer amerikanischer Pilzstädte: sehr schlechte, ungepflasterte Gassen und Straßen mit Holzsteigen an den Seiten für die

Fußgänger. Die Häuser waren meist

Bretterbauten mit Läden aller Art und Trinklokalen jeden Genres. Die Stadt liegt am linken Ufer des Rio Grande del Norte; am rechten Ufer breitet sich das große Dorf Atrisco aus.

Selbst wenn wir nicht besser unterrichtet gewesen wären, hätten wir gewußt, daß die Gesuchten, falls sie noch anwesend waren, nicht in dem spanischen, sondern im amerikanischen Stadtteile zu finden seien. Wir wußten aber, daß das Zusammentreffen im Salon von Plener hatte stattfinden sollen. Freilich hüteten wir uns, das Etablissement sofort zu dreien aufzusuchen, vielmehr hielten wir vor einem andern sogenannten Hotel an, das aber diesen Namen nicht verdiente. Hier blieb ich mit Winnetou; dann ritt Emery zu Plener, um sich dort einzuquartieren. Er von uns dreien fiel dort am wenigsten auf, und hatte die Aufgabe, sich dort möglichst wenig sehen zu lassen und dafür aber desto genauere Erkundigungen einzuziehen.

Es war, wie gesagt, gegen Abend, als wir ankamen. Wir waren ziemlich ermüdet und wollten zeitig schlafen gehen. Als ich das dem Aufwärter beim Abendessen sagte, meinte er:

»Daran thut ihr sehr unrecht, Gentlemen. Ich sage Euch, Albuquerque ist ein trauriges Nest, und wenn einem einmal so etwas geboten wird, soll man es genießen, anstatt sich ins Bett zu legen.«

»Was giebt es denn? Ihr seid ja ganz begeistert, Master!«

»Es ist auch darnach! Ihr solltet die Spanierin nur sehen, Sir!«

»Habe schon manche Spanierin gesehen! Was ist sie denn?«

»Sängerin. Ich sage Euch, das ganze Albuquerque ist verrückt auf sie. Sie wollte nur einen Abend singen, hat aber, einen solchen Anklang gefunden, daß sie sich entschloß, noch zwei Abende zuzugeben. Heute singt sie zum letztenmal.«

»Wie ist denn der Name dieses außerordentlichen Wesens?« »Pajaro.«

»Ein schönklingender Name!«

»Echt spanisch. Und eine echte Spanierin ist sie, obgleich sie am liebsten deutsche Lieder zu singen scheint.«

»Wie? Eine Spanierin, welche deutsche Lieder singt?«

»Ja. Wundert Euch das? Sie wird gewiß wissen, warum sie das thut. Man mag von diesen Deutschen denken und sagen, was man will; aber Leder haben sie, Lieder und Melodien wie kein anderes Volk. Und Sennora Marta Pajaro weiß diese Lieder zu singen! Dann müßt Ihr ihren Bruder auf der Geige hören! Ich sage Euch, es giebt keinen zweiten Violinvirtuosen, wie er einer ist, dieser Francisco Pajaro!«

»Also Marta Pajaro und Francisco Pajaro? Ihr macht mich neugierig. Ich werde doch vielleicht gehen, um die beiden Leute zu hören. Wo ist das Konzert?«

»Im Salon hier gegenüber. Es sind keine Billets mehr zu haben. Alles verkauft und vergriffen. Nur ich habe noch einige. Der Platz kostet eigentlich einen Dollar; wenn Ihr zwei Dollars bezahlt, könnt Ihr ein Billet haben.«

»Ah, Ihr wollt hundert Prozent verdienen! Meinetwegen! Gebt zwei Billets her!«

Warum ich mir die Billets kaufte trotz des doppelten Preises? Sehr einfach: Pajaro heißt Vogel; die Geschwister hießen Martha und Franz. Mußte ich da nicht an meine alten Bekannten aus der Heimat denken, an die Leute, wegen deren Erbschaft ich mit Winnetou nach Aegypten und Tunis gegangen und jetzt wieder nach Amerika gekommen war? Eine Spanierin, die deutsche Lieder singt, war mir nicht recht einleuchtend. Es war weit eher denkbar, daß die Sängerin eine Deutsche war, die jetzt, hier in Neu-Mexiko, einen spanischen Namen trug. Ich sagte das Winnetou, und er war sofort bereit, mit in das Konzert zu gehen.

Es war nur noch eine halbe Stunde bis zum Beginn desselben; wir mußten uns also sputen und gingen hinüber. Der Aufwärter hatte nicht zu viel gesagt, wenigstens was das Publikum betraf. Auch der » Saloon« war ein Brettergebäude; er hatte einen solchen Umfang, daß wohl sechshundert Menschen sitzen konnten, und doch waren nur noch wenige Stühle frei, welche ganz hinten standen. Wir setzten uns auf zwei derselben.

Schon nach wenigen Minuten waren auch die übrigen besetzt, und die vielen Menschen, welche dann noch kamen, mußten in den Zwischenräumen und Gängen stehen. Es war keine Bühne vorhanden; man hatte ein Podium errichtet, auf welchem ein Flügel stand. Daneben war ein kleiner Raum durch Vorhänge für die Künstler abgesondert.

Als das Zeichen zum Beginn gegeben wurde, traten letztere auf das Podium. Ja, sie waren es, Franz Vogel mit seiner Schwester, der einstigen Punktiererin. Er hatte die Violine in der Hand, und sie setzte sich an das Instrument, ihn zu begleiten. Er spielte ein Bravourstück, und ich hörte, daß er gegen früher ganz bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Martha saß so, daß ich sie im Profile sah. Sie hatte sich jetzt vollständig entwickelt und war noch schöner geworden. Der Kummer, die Leiden der letzten Jahre hatten ihr Gesicht durchgeistigt und ihren Zügen einen wehmütigen Ernst aufgeprägt, der mich mit Wehmut erfüllte. Beide zogen sich nach dem ersten Stücke zurück.

Die zweite Nummer war für Martha, und Franz begleitete. Sie sang eine spanische Romanze, und zwar so vortrefflich, daß sie dieselbe wiederholen mußte. Sie hatte keinerlei Toilettenkünste angewendet und trug ein langes, schwarzes Kleid, welches hoch und eng am Halse anschloß. Ihr ganzer Schmuck bestand aus einer einzigen Rose im Haare. Die Geschwister teilten sich in das Programm, wechselten einander nach jeder Nummer ab und begleiteten sich gegenseitig.

Martha sang hernach zwei Hochlandslieder, eine spanische Serenade, und dann folgte das prächtige deutsche Lied:

»Ich sah dich nur ein einzig Mal,

Da war's um mich geschehen; Ich fühlte deiner Augen Strahl Durch meine Seele gehen.«

Ja, das war deutsche Innigkeit und Gemütstiefe. Solche Lieder kann nur Deutschland haben. Der größte Teil des Publikums verstand kein Wort des Textes, und doch folgte ein Applaus, daß das Gebäude zu zittern schien. Die Sängerin mußte zwei Strophen wiederholen.

Winnetou hatte natürlich Franz Vogel erkannt. Er fragte mich jetzt:

»Will mein Bruder nicht einmal hingehen, um zu fragen, wo sie wohnen? Wir müssen doch mit ihnen reden.«

Er hatte recht. Die Künstler traten heute zum letztenmal auf; vielleicht reisten sie schon morgen ab; ich mußte mit ihnen sprechen. Ich stand also von meinem Stuhle auf, um zu ihnen zu gehen. Dabei mußte ich mich durch die auf dem Gange stehende Menge drängen, was die Augen auf mich zog. Da hörte ich den erschrockenen, halblauten, aber doch vernehmlichen Ausruf:

»All devils! Du, das ist ja Old Shatterhand!«

Ich blickte nach der Stelle, wo die Worte erklungen waren. Da saßen zwei Männer nebeneinander, welche breite Sombreros trugen. Unter den riesigen Krämpen waren nur die dunklen Vollbärte zu sehen, und als sie bemerkten, daß ich hinsah, drehten sie sich auf die Seite. Das fiel mir auf; aber die Nennung meines Namens hatte vieler Blicke auf mich gerichtet; das genierte mich, und darum ging ich weiter.

Die Geschwister befanden sich während der Pausen hinter dem Vorhange. Ich blieb vor demselben stehen und fragte deutsch:

»Ist es einem Bekannten erlaubt, Zutritt zu nehmen?«

Da wurde der Vorhang geöffnet; ich trat hinein und stand vor ihnen.

»Wer - wer - was - - Sie, Sie sind es?« fragte Franz, indem er vor Ueberraschung zwei Schritte zurückwich.

»Herr Doktor!« schrie Martha auf. Es war mir, als ob sie wankte; ich machte eine Bewegung, sie zu stützen; da faßte sie meine Hände und küßte sie, ehe ich es zu verhindern vermochte, und brach dabei in ein lautes Schluchzen aus. Ich führte sie zum Stuhle, drückte sie sanft auf denselben und sagte zu ihrem Bruder:

»Wie froh bin ich, zu sehen und zu hören, daß Sie sich hier befinden. Ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen, darf Sie aber jetzt nicht stören, sondern will Sie nur fragen, wo Sie wohnen.«

»Im letzten Hause vor der Stadt am Flusse,« antwortete er.

»Darf ich Sie nach dem Konzerte dorthin begleiten?«

»Ja, ja, wir bitten Sie sehr darum.«

»Gut! Ich werde also hierher kommen, um Sie abzuholen. Winnetou ist auch hier.«

Martha hielt die Hände vor das Gesicht und weinte; ich ging, um die Aufregung abzukürzen. Als ich an die Stelle kam, wo mein Name genannt worden war, wollte ich die beiden Männer schärfer als vorher ins Auge fassen; ihre Stühle waren leer; sie waren fort. Wäre ich doch vorhin nicht weiter gegangen!

Es dauerte jetzt eine längere Weile, ehe die Geschwister wieder erschienen. Martha mußte sich beruhigen, bevor sie sich zeigen konnte. Ihr Bruder trug ein Konzertstück vor; dann sang sie. Als der rauschende Beifall verklungen war, zeigte sich das Publikum so begeistert, daß sich niemand entfernen wollte; es dauerte sehr lange, ehe der Saal sich leerte. Winnetou ging auch; er wollte mich allein mit den Geschwistern lassen, und das war mir nicht unlieb, denn wir hätten doch deutsch gesprochen, und das verstand er nicht vollständig. Als ich glaubte, annehmen zu dürfen, daß keiner der begeisterten Zuhörer mehr willens sei, der Sängerin belästigend in den Weg zu treten, begab ich mich in ihr kleines Kabinett, um sie abzuholen. Sie sagte nichts, und auch ich schwieg. Ich bot ihr den Arm, und wir verließen das Lokal-Ihr Bruder konnte nicht gleich mitkommen, da er mit dem Wirte geschäftlich zu thun hatte.

Der Abendhimmel war von jener Bläue, welche Neu-Mexiko, wo es oft während eines ganzen Jahres nicht regnet, eigen ist. Man konnte, obgleich der Mond nicht am Himmel stand, fast wie am Tage sehen. Das Haus, in welchem die Geschwister für die kurze Zeit ihres hiesigen Aufenthaltes Logis genommen hatten,

lag noch eine

Strecke weiter nahe am Flusse. Die Wirtin war eine Witwe spanischer Abstammung. Martha hatte nicht in einem der öffentlichen Gasthäuser wohnen wollen. Dieselben wurden zwar Hotels genannt, boten aber keine Bequemlichkeit, waren überteuer und dabei Lokale, in denen alle möglichen Menschen und Existenzen verkehrten, so daß man seiner Bequemlichkeit und Ruhe, ja selbst wohl auch seines Lebens nicht sicher war,

Der schmale, ausgetretene Pfad, den wir gingen, führte hart am Ufer des Flusses hin. Da stand allerlei Gebüsch, hinter dem dichtes Schilf aus dem Wasser ragte. Die Wirtin öffnete; sie hatte auf die Heimkehr der Geschwister gewartet und zeigte ein einigermaßen verwundertes Gesicht, als sie ihre Mitbewohnerin mit einem fremden Manne erblickte; doch sagte sie nichts und leuchtete uns eine schmale Treppe hinauf in das kleine Obergeschoß, in welchem die dreizimmerige Wohnung der beiden lag. Häuser mit einem solchen Geschoß sind in Albuquerque äußerst selten. Nachdem sie eine Lampe angezündet hatte, entfernte sie sich, doch nicht, ohne daß sie vorher von Martha erfahren hatte, daß ihr Bruder gleich nachkommen werde.

Nun saßen wir einander gegenüber. Es mußte gesprochen werden; darum wollte ich es sein, welcher begann:

»Sie wissen natürlich, daß Ihr Bruder drüben bei mir in der Heimat gewesen ist, um mir mitzuteilen, wie es bei Ihnen stand?«

»Ja. Ich bin es ja eigentlich gewesen, welcher ihm den Mut gemacht hat, sich an Sie zu wenden.« »Gehörte solch ein Mut dazu?«

»Gewiß. Er meinte, sie würden wohl kaum bereit sein, nach allem, was früher vorgekommen war, sich unser noch einmal anzunehmen.«

»Da bin ich freilich von ihm nicht so beurteilt worden, wie es mir lieb sein würde. Uebrigens war es ja wohl Winnetou, der Sie auf mich lenkte. Oder nicht?«

»Ja. Der herrliche Mann wurde uns geradezu von Gott gesandt. Er errettete uns aus tiefer Not, und nur den Mitteln, mit denen er uns unterstützte, haben wir es zu verdanken, daß wir die Konzerttournee, auf welcher wir uns jetzt befinden, beginnen konnten.«

»Darf ich wissen, wie das geschäftliche Ergebnis ausgefallen ist?«

»Ausgezeichnet! Wo wir zum erstenmal auftreten, werden wir mit sichtbarem Zweifel empfangen; stets aber sind wir dann stürmisch aufgefordert worden, dem ersten Konzerte mehrere folgen zu lassen. So war es auch hier.«

»Und wohin reisen Sie nun?«

»Wir gehen nach Santa Fe und dann nach dem Osten.«

»Ah! Sie sind mit Ihren bisherigen Erfolgen nicht zufrieden? Sie wollen Millionärin werden!«

Sie senkte die Augen, und ihr Gesicht nahm einen viel ernsteren Ausdruck als vorher an, als sie antwortete:

»Millionärin? Ich mag es nicht wieder sein, wenigstens nicht um den Preis, den ich damals dafür bezahlen mußte. Ich sah sehr bald ein, daß ich verblendet gewesen war. Und von meinen Erfolgen sprechen Sie? Glauben Sie ja nicht, daß die im stande sind, mich trunken zu machen! Sie wissen, daß ich schon damals lieber daheim, als öffentlich singen wollte. Mein Ideal war nicht das einer Sängerin, die jeder hören darf, der das Entree bezahlt. Und noch viel lieber wäre es mir heute, wenn ich damals von dem Kapellmeister nicht "entdeckt" worden wäre. Er nahm mich unter einen Zwang, dem nur sehr schwer zu widerstehen war. Hätte er das nicht gethan, so wäre ich eine arme Punktiererin geblieben und - -«

Sie zögerte, weiterzusprechen; da ich aber nichts sagte, fuhr sie fort:

»Und wäre vielleicht trotzdem glücklich geworden oder vielmehr so glücklich geblieben, wie ich zu jener Zeit war.«

»Hoffentlich darf ich Sie nicht zu den Unglücklichen rechnen!«

Da schlug sie die Augen wieder auf, blickte sinnend über mich hinweg und antwortete-

»Was heißt Glück und was Unglück? Man darf Glück nicht mit immerwährender Wonne und Unglück nicht mit einem fortgesetzten Seelenschmerze vergleichen. Fragen Sie mich aber, ob ich - zufrieden bin, dann antworte ich mit einem ja, wenn ich mich dazu - zwinge.«

Das Gespräch schien eine etwas peinliche Wendung zu nehmen; darum war es mir lieb, daß jetzt ihr Bruder kam. Er hatte ein Paket unter dem Arme, legte es auf den Tisch, deutete mit der Linken darauf, reichte mir die Rechte und sagte in frohem Tone:

»Herzlich willkommen, Herr Doktor! Wer hätte so etwas ahnen können! Ich war starr vor Erstaunen, aber auch vor Freude, als ich Sie erblickte. Nun wollen wir aber auch das Willkommen feiern. Dazu habe ich etwas mitgebracht. Raten Sie, was!«

»Wein jedenfalls?«

»Ja, aber was für welchen? Da, lesen Sie!« »Riedesheimer Berg!« las ich.

»Ja,« nickte er lachend, indem er mir die Flasche noch näher hielt. »Nun wundern Sie sich wohl?

»Nein, gar nicht. Ich ärgere mich vielmehr.«

»Worüber?«

»Weil er falsch ist.«

»Erst kosten, erst kosten!«

»Ist nicht nötig, denn sogar die Etikette ist gefälscht, denn der Ort heißt Rüdesheim, nicht aber Riedesheim.«

»Ah!« machte er enttäuscht, indem er die Etikette genauer betrachtete. »Das habe ich gar nicht bemerkt.«

»Ein famoser, orthographischer Schnitzer! Wenn die Etikette hier hüben gedruckt worden ist, wo mag dann da erst der Wein zusammengequirlt worden sein! Wieviel haben Sie für die Flasche bezahlt?«

»Fünfzehn Dollars.«

»Zwei Flaschen?« »Eine!«

»So! Da geht es noch. Es giebt Rüdesheimer, für welchen man sogar drüben an der Quelle weit mehr bezahlt. Die dreißig Dollars lassen sich verschmerzen. Also versuchen wir den famosen Rüdesheimer!«

Er hatte drei Gläser gefüllt. Wir stießen an und führten sie an den Mund. Die beiden Geschwister nahmen einen Schluck und machten dann unheimliche Gesichter. Ich trank aber gar nicht, denn ich hatte schon von dem Geruche genug. Das war ja der reine Essig- und Rosinenmoder! Wir setzten die Gläser auf den Tisch, und Franz Vogel schimpfte.

»Darüber lassen Sie sich ja keine grauen Haare wachsen!« sagte ich. »Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um zu trinken. Schütten Sie das Zeug weg, und setzen Sie sich! Wir haben von etwas Besserem zu sprechen.«

»Ja, von Ihren Erfolgen drüben in Aegypten!« meinte er, indem er mich in großer Spannung anblickte. »Die Aufgabe war zu schwer. Ich bin überzeugt, daß Sie nichts ausgerichtet haben. Es wäre ja dem klügsten

Menschen der Erde unmöglich, den Gesuchten auf die wenigen und nebelhaften Anhaltepunkte hin, welche es gab, zu finden.«

»Hm! Im Nebel rennen oft Leute ganz zufällig zusammen, welche sich bei reiner, klarer Luft wahrscheinlich nicht gesehen hätten!«

»Wie - was?! Sagen Sie so? Das läßt vermuten, daß Ihre Reise doch nicht ganz vergeblich gewesen ist?«

»Das läßt vermuten, daß ich Ihre Frau Schwester zu etwas zwingen werde, was ihr sehr zuwider zu sein scheint.«

»Zu was?«

»Sie behauptete vorhin, als Sie noch nicht hier waren, daß sie keine Lust habe, wieder Millionärin zu werden.« '

»Millionärin?! Ist es etwa das, wozu Sie sie zwingen wollen?« Aa. Ich nehme meine Worte in vollstem Ernste.«

»Das wäre ja mehr als erstaunlich, mehr als wunderbar!« rief er aus, indem er von seinem Sitze aufsprang.

Auch seine Schwester richtete ihre Blicke in größer Spannung auf mein Gesicht, sagte aber nichts.

»Es ist gar nichts Wunderbares an der Sache,« fuhr ich fort. »Wunderbar könnte man nur das eine nennen, daß sie noch immer nicht zu Ende ist.«

»So sagen Sie schnell, wie war es denn eigentlich? Sie waren damals der Ansicht, daß der Reisebegleiter von Small Hunter ein Betrüger sei und Jonathan Melton heiße.«

»So ist es.«

»Haben Sie ihn getroffen?«

»Ja, und Small Hunter auch, den einen tot und den andern lebend.« »Welcher war es, der lebte?« »Melton; Small Hunter ist tot.«

»Mein Himmel! So sind wir die Erben des riesigen Vermögens!«

»Der Millionen!« fügte ich hinzu.

Er legte sich die Hände auf den Kopf und rief aus:

»Wer das glauben könnte! Welche Freude! Schon um unserer Eltern willen! Jetzt fühle ich es, daß man vor Freude vom Schlage getroffen, oder gar wahnsinnig werden kann. Kommen Sie, kommen Sie; ich muß Sie umarmen, Sie einziger, einziger Mensch!«

Er wollte mich von meinem Stuhle aufziehen. Ich wehrte ab und versuchte, seine freudige Aufregung dadurch zu dämpfen, daß ich ihn bat:

»Mäßigen Sie sich! Die Angelegenheit ist noch nicht bei dem Punkte angelangt, an welchem sie stehen müßte, wenn Sie Grund hätten, vor Freude wahnsinnig zu werden. Ja, es ist richtig, daß Sie die Erben sind; aber das Vermögen ist leider nicht mehr da. Jonathan Melton hat es.«

»O Himmel! Dann hat es ihm der Rechtsanwalt Fred Murphy übergeben?«

»Derselbe,« entgegnete ich und erzählte ihm den Zusammenhang.

»So muß Melton das Geld augenblicklich herausgeben! Wo steckt der Halunke? Ich reise sofort von hier ab, um ihn aufzusuchen und zur Zurückgabe zu zwingen!«

Er nahm bei diesen Worten eine so drohende Stellung an, und machte dabei ein so grimmiges Gesicht, daß es Melton, wenn er es gesehen hätte, sicherlich angst geworden wäre.

»Nun!« fuhr er fort, als ich nicht augenblicklich antwortete. »Wo steckt dieser Mensch?«

»Hier in Albuquerque,« antwortete ich ruhig.

»Was? Hier - in - Albuquerque?«

Ja. Begreifen Sie das nicht? Ich bin doch ausgezogen, den Menschen zu entlarven; ich bin seiner Spur gefolgt; also ist doch, wenn ich mich hier befinde, nicht allzu schwer zu denken, daß seine Spur mich hierher geführt hat.«

»Ah, so! Das ist freilich richtig! Also hier ist er, hier! Ich werde - -«

»Halt!« unterbrach ich ihn, weil er sich schon nach der Thür wendete. »Warten Sie noch ein Weilchen! Er steht nämlich nicht draußen auf der Treppe, um Ihnen gemütlich in die Arme zu laufen. Ich wollte vorhin sagen: er ist entweder hier oder wenigstens hier gewesen, und zwar vor ganz kurzer Zeit, vor längstens zwei Tagen.«

»Da sind wir ja schon länger hier! Und haben keine Ahnung von seiner Anwesenheit! Und Sie wissen nicht, ob er noch hier, oder schon wieder fort ist? Konnten Sie denn nicht erfahren, wo er seinen Aufenthalt hier nehmen wollte?«

»Ich habe es erfahren. Wahrscheinlich ist er in Pleners SaIon abgestiegen.«

»Pleners Salon! Da bin ich täglich mehreremal gewesen! Vielleicht habe ich mit ihm sogar an einem Tische gesessen!«

»Die Möglichkeit ist allerdings vorhanden.«

»Und nichts davon gewußt! Aber daran bin doch ich nicht schuld, denn ich bin ohne alle Ahnung gewesen! Sie, Sie, Sie tragen die Schuld! Haben Sie sich denn nicht sofort, als Sie hier ankamen, nach ihm erkundigt?«

»Erkundigt? Fällt mir nicht ein! Ich will sehr gern die Schuld auf mich nehmen, vorsichtig gewesen zu sein. Konnte ich mich bei ihm sehen lassen? Wenn er mich bemerkte, machte er sich heimlich von dannen.«

»Das ist freilich wahr; entschuldigen Sie! Die Millionen machen mich ganz verwirrt.«

»Sammeln Sie sich! Sie können überzeugt sein, daß von mir keine Vorsichts- oder sonst irgendwo gebotene Maßregel versäumt worden ist. Dieser Mensch hat es uns sehr schwer gemacht; er ist uns immer wieder entwischt, nicht etwa, weil wir große Fehler begangen hätten, sondern weil er viel Glück gehabt hat. Setzen Sie sich wieder ruhig her, und lassen Sie sich erzählen!«

Ich zog ihn auf seinen Sitz nieder und berichtete unsere Erlebnisse. Natürlich drängte es Mich, dabei die Thätigkeit Winnetous und des Englishman hervorzuheben. Man kann sich sehr leicht denken, mit welcher Aufmerksamkeit die Geschwister meiner Erzählung folgten. Ich wurde von hundert und wieder hundert Fragen, Ausrufen und dergleichen unterbrochen, sodaß es lange dauerte, bis ich fertig wurde. Endlich war ich mit meinem Berichte bei der gegenwärtigen Stunde angekommen und konnte mich an der Verwunderung weiden, welche die beiden erfüllte.

Der Bruder fiel mit überschwänglichen Ausdrücken des Lobes über mich her; ich wehrte ihn mit der Bemerkung ab:

»Sagen Sie das nicht mir, sondern Sir Emery und Winnetou, die Sie ja bald sehen werden. Die beiden haben alles Lob verdient, wenn es uns gelingen sollte, die Angelegenheit zum guten Ende zu bringen.«

Die Schwester gab mir stumm die Hand, sie sagte nichts, und das war mir lieber als die überlaute AnAnerkennung ihres Bruders. Dieser ging aufgeregt im Zimmer hin und her, brummte, schüttelte den Kopf, stieß unverständliche Worte aus, drohte mit den Fäusten, als ob er Melton vor sich habe, bis ich diesem Gebaren durch die Bemerkung ein Ende machte:

»Zanken Sie sich nicht mit der Luft, mein lieber Freund! Dadurch erreichen Sie nichts. Nun ich Ihnen alles erzählt habe, werde ich nach meinem Hotel gehen. Jedenfalls ist Emery schon dagewesen, oder noch da, uni zu berichten, wie es in Pleners Salon steht. Befindet sich Jonathan Melton noch dort, so entkommt er uns gewiß nicht wieder. Ist er aber schon fort, so reiten wir ihm morgen früh nach. Und was seinen Vater und seinen Oheim anbetrifft, so - hm, so möchte ich fast behaupten, daß sie hier sind, ja, daß ich sie sogar gesehen habe.« Und ich berichtete die Scene im Konzertsaal.

»Die beiden Männer trugen Sombreros?« meinte er nachdenklich. »Sagen Sie mir, von welcher Gestalt die beiden alten Meltons sind!«

»Lang und hager; die Höhe wird wohl bei beiden gleich sein.« »So habe ich sie wahrscheinlich vorhin, als ich kam, gesehen!« »Und wo?«

»Zwischen hier und dem ersten Hause, auf unserm Fußwege am Flusse.« »Ah! Sollten Sie es auf mich abgesehen haben?« »Schwerlich! Sie wissen ja nicht, daß Sie sich hier befinden.«

»Denken Sie das nicht! Die Meltons sind sehr erfahrene Westmänner. Nehmen wir an, daß sie mit den beiden Personen im Konzerte identisch sind. Sie haben mich gesehen und erkannt; sie haben sich sofort gesagt, daß ich nur ihretwegen hier bin; darum sind sie schleunigst fortgegangen.«

»Aber hierher? Sie konnten doch nicht wissen, daß Sie zu uns gehen würden!«

»Das ist richtig; aber sie sind auch nicht direkt von dort hierher gegangen, sondern sie haben sich in der Nähe des Konzertlokales versteckt, um zu erfahren, wo ich mich aufhalte, wo ich wohne. Sie haben gesehen, daß ich mit Ihrer Schwester den Weg nach hier eingeschlagen habe, sind uns gefolgt und wollen nun auf mich warten, wahrscheinlich um mich unschädlich zu machen. Wurden Sie von ihnen gesehen?«

»Natürlich! Ich mußte an ihnen vorüber. Und jetzt fällt mir ein, daß sie zu erschrecken schienen, als sie meine Schritte hinter sich hörten und sich nach mir umdrehten.«

»Es ist so hell draußen, daß man alles sehen kann. Haben Sie bemerkt, wie die beiden bewaffnet waren?«

»Nach Messern, Pistolen oder Revolvern habe ich nicht geschaut; ich war zu schnell an ihnen vorüber; aber Gewehre hatten sie in den Händen.«

»Das ist der sicherste Beweis, daß sie schießen wollen. Niemand schleppt jetzt Gewehre in der Stadt herum. Im Konzerte haben sie die Flinten nicht mitgehabt, folglich haben sie sich dieselben geholt, weil sie etwas vorhaben, wobei sie ihrer bedürfen. Und was sie vorhaben, das ersehe ich daraus, daß sie sich in der Nähe Ihrer Wohnung aufgestellt haben. Es gilt ohne allen Zweifel mir.«

Da bat Martha, indem sie schnell meine Hand ergriff:

»Um des Himmels willen, gehen Sie nicht fort! Sie müssen hier bleiben!«

»Das ist unmöglich, weil Winnetou und Emery auf mich warten.«

»Sie mögen warten bis morgen früh!«

»Bis dahin kann gar manches geschehen, wobei meine Gegenwart notwendig ist. Jedenfalls warten Sie schon jetzt mit Ungeduld auf mich. ich muß fort, wirklich fort.«

»Und ich lasse Sie nicht fort!« rief sie, indem sie sich auch meiner andern Hand bemächtigte. »Man will

Sie erschießen, bedenken Sie doch, was das heißt!«

»Das heißt, daß schon mancher Mann auf mich hat schießen wollen und auch wirklich geschossen hat, und Sie sehen mich trotzdem heil und gesund hier bei Ihnen.«

»Diesmal aber ist die Gefahr zu groß. Draußen stehen zwei Mörder, hören Sie, zwei Mörder!«

»Das wäre nur dann gefährlich, wenn ich es nicht wüßte. Nun ich aber davon unterrichtet bin, hat es gar kein Bedenken. Es sind zwei Fälle möglich, und in beiden giebt es keine Gefahr für mich. Der eine Fall ist, daß die Meltons annehmen, daß Sie mich von ihrer Gegenwart am Flusse benachrichtigen. Sie sind also fortgegangen, weil Ihr Hinterhalt unnütz ist, da ich gewarnt worden bin.«

»Und der andere Fall?«

»Sie befinden sich trotz der Begegnung noch draußen. Um mich zu überraschen, müssen sie sich verbergen; sie stecken also im Gebüsch des Ufers, ich aber werde mich ganz selbstverständlich hüten, diese Richtung einzuschlagen. Ich mache einen Umweg.«

»Das sehen sie, eilen Ihnen nach und schießen Sie nieder! Nein, Sie bleiben da; ich bitte, bitte!«

Ihre Bitte war dringend; ich sah, daß sie sich wirklich ängstigte, durfte aber nicht nachgeben; darum antwortete ich, indem ich meine Hände aus den ihrigen befreite:

»Versuchen Sie nicht, mich zu halten; ich muß fort, wirklich fort, denn - -«

Ich hielt mitten in der Rede inne, denn draußen fiel ein Schuß und gleich darauf ein zweiter. Dann rief eine Stimme:

»Da drüben war es! Drauf, auf die Strauchdiebe!«

Das war Emerys Stimme. Ich nahm die Lampe, drückte sie Franz Vogel in die Hand und sagte: »Leuchten Sie mir! Schnell, schnell! Ich muß fort!«

Martha wollte mich am Arme zurückhalten; ich riß mich aber los, und eilte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Unten konnte ich die Thüre nicht öffnen, da ich den Mechanismus nicht kannte. Darum mußte ich warten, bis Vogel nachkam. Als ich dann draußen vor derselben stand und mich umblickte, konnte ich trotz der ungewöhnlichen Helligkeit nichts sehen. Droben an der Treppe stand Martha und rief herab:

»Bleiben Sie doch! Sie haben ja gehört, daß es Ernst ist!«

»Für mich nicht mehr. Für mich ist die Gefahr vorüber, denn die Kerle sind vertrieben worden, aber wenn ihre Schüsse getroffen haben, so ist es mir um meinen Winnetou leid.«

»Winnetou?« fragte Vogel. »Sie meinen, daß er hier gewesen ist?«

»Ja. Ich habe Bothwells Stimme erkannt; dieser hat nicht gewußt, daß ich hier bin; er kann es nur von Winnetou erfahren haben, und der hat ihn auf keinen Fall allein gehen lassen, sondern ihn ganz gewiß begleitet.«

»Und um Winnetou thut es Ihnen leid?«

»Ja, denn dieser ist's, der eine Kugel erhalten hat, falls nämlich wirklich einer getroffen wurde. Emery ist, wie ich aus seinem Ausrufe höre, den Attentätern nach; die Stimme des Apatschen aber haben wir nicht gehört; er muß - - ah, Gott sei Dank, da drüben kommen zwei Gestalten! Das macht mir das Herz so leicht, so leicht! Sie sind's; sie sind's, und keiner scheint verletzt zu sein!«

Die beiden kamen schnell über das freie Feld herübergelaufen. Winnetou und Emery waren es. Ich sprang ihnen in meiner Freude entgegen und fragte:

»Wurde einer von euch getroffen?«

»Nein,« antwortete Emery. »Die Kugeln waren zwar sehr gut gemeint, aber um so schlechter gezielt. Wer weiß, wer die Schufte gewesen sind! Jedenfalls ein paar hiesige Elendsritter, welche es auf andere Leute abgesehen hatten und uns mit diesen verwechselt haben.«

»Denkt das nicht! Es war auf mich abgesehen. Die Strauchritter waren die alten Meltons, wenn mich nicht alles täuscht.«

»Wetter! Ist das möglich?«

»Nicht nur möglich, sondern sogar mehr als wahrscheinlich.«

»Der Tausend! Wenn das wirklich so wäre, ärgerte ich mich tot! Warum glaubst du, daß sie es waren?«

»Das sollst du erfahren; aber um keinen Fehler zu begehen und nichts zu versäumen, muß ich wissen, wohin die beiden Halunken geflüchtet sind.«

»Fort sind sie, fort!«

»Und ihr habt sie nicht eingeholt? Winnetou ist doch ein großer Läufer!« Da erklärte der Apatsche:

»Winnetou war schnell hinter ihnen her; fast hatte er sie ereilt; aber da standen zwei Pferde, sie sprangen auf und galoppierten fort.«

»Ah, ist's so? Und da ihr eure Büchsen nicht mit hattet, konntet ihr ihnen keine Kugeln nachsenden. Der Plan war gar nicht schlecht ausgedacht; sie sind fort und werden nicht zurückkehren.«

»Meinst du?« fragte Emery. »Wenn sie umkehren und sich heranschleichen, geraten wir abermals in Gefahr.«

»Sie sind fort; ich weiß es sicher. Nun sie auch euch gesehen und wenigstens Winnetou erkannt haben, werden sie sich hüten, sich nochmals hierher zu wagen. Kommt mit herauf! Die Sennora wird es gestatten!«

Es war mir lieb, daß ich die beiden Gefährten hier hatte, wir konnten so ohne Weitläufigkeit mit Franz Vogel das weitere besprechen. Und Martha war natürlich hocherfreut, die beiden Männer, denen sie soviel zu verdanken hatte, bei sich zu sehen. Als wir uns wieder im Zimmer befanden, forderte ich zunächst Emery auf:

»Erzähle vor allen Dingen, wie sich der Vorfall jetzt draußen abgespielt hat!«

»Schlecht hat er sich abgespielt, herzlich schlecht!« zürnte er. »Hätte ich geahnt, daß die beiden Kerls da draußen im Felde lagen, so -«

»Im Felde?« unterbrach ich ihn.

»Ja. Wo sonst?«

»Nicht in den Büschen am Flusse?« »Nein. Warum fragst du?« »Nachher! Erzähle nur weiter!«

»Ich ging in euer Hotel, um mit euch zu reden, und traf nur Winnetou, der mir sagte, wen du gefunden hattest. Wir warteten auf dich. Du kamst nicht; da gingen wir zu dir.«

»Aber Winnetou kannte doch dieses Haus nicht!«

»Unsinn! Wir sind doch keine Kinder, die nicht wissen, wie man etwas erfährt, was man wissen will! Wir haben natürlich nach der Wohnung der Herrschaften gefragt. Wir schlenderten am Flusse her, um zu erfahren, ob vielleicht etwas Unangenehmes der Grund deines langen Ausbleibends sei, da erhoben sich plötzlich zwei Gestalten rechts von uns im Felde, höchstens vierzig bis fünfzig Schritte von uns. Wir sahen, daß sie die Gewehre auf uns anlegten und warfen uns nieder, gerade als die Schüsse aufblitzten. Dann sprangen wir auf und eilten auf sie zu. Die Halunken drehten um und schossen davon, was ihre Beine nur laufen konnten. Winnetou war mir voran; du weißt, daß er besser läuft, als ich; er kam ihnen näher und näher; da standen plötzlich, wie aus der Erde hervorgezaubert, zwei Pferde, auf welche sie sprangen; fort ging's im Galopp. So ist's geschehen.«

Winnetou fügte hinzu, indem ein leichtes Lächeln über sein schönes Gesicht glitt:

»Winnetou war dem einen sehr nahe und kam gerade recht, den Schwanz seines Pferdes zu erfassen und ihn beim ersten Sprunge des Tieres wieder loszulassen.«

»Ihr habt doch Revolver mit. Warum habt ihr nicht geschossen?«

»Weil wir nicht wußten, wer es war,« antwortete Emery. »Hätte ich geahnt, wen wir vor uns hatten, so wäre es jedenfalls anders geworden!«

»Mein Bruder mag nicht so sprechen,« sagte der Apatsche. »Wir haben nicht klug, sondern wie Knaben gehandelt, welche keine Erfahrung besitzen. Sie schossen; sie waren Mörder, und Mörder läßt man nicht entlaufen. Wir hätten, als wir uns niederwarfen, liegen bleiben sollen; sie hätten geglaubt, wir seien getroffen worden und verwundet, oder gar tot. Sie wären zu uns gekommen, um nachzusehen, und wir hätten dann - weiß mein Bruder Emery, was wir dann gethan hätten?«

»Alle Wetter!« rief Bothwell begeistert. »Natürlich weiß ich es! Wir hätten sie gepackt und nicht wieder fortgelassen. Wir sind doch zwei Kerle, die es mit solchen Menschen aufnehmen dürfen. Ja, du hast recht, wir haben wie Schulbuben gehandelt. Wie konnten wir nur so dumm sein! Sage mir das einmal, Charley!«

»Das ist leicht zu sagen,« antwortete ich. »Ihr ginget unbefangen und ahnungslos eures Weges und mußtet also sehr betroffen sein, als ihr, so nahe der Stadt dazu, plötzlich mit Gewehren angefallen wurdet. Es ist ein Zeichen außerordentlicher Geistesgegenwart, daß ihr sofort niedergefallen seid. Mehr kann kein Mensch selbst vom gewandtesten und berühmtesten Westmanne verlangen.« »Well! Das beruhigt mich. Dennoch wäre es besser gewesen, wenn wir Winnetous List in Anwendung gebracht hätten. Aber das ist nun vorüber; sprechen wir nicht mehr davon, da uns das nur zum Aerger gereichen würde!«

»Ja, sprechen wir lieber von der Meldung, welche du uns in das Hotel bringen wolltest! Hattest du uns etwas Wichtiges zu sagen?«

»Ja. Jonathan Melton ist hier gewesen und mit seiner Braut bei Plener abgestiegen.« »Wann?«

»Gestern vormittags. Die beiden haben mit einander gespeist, neue Pferde eingetauscht und sind dann gleich wieder fortgereist.«

»Zu Wagen?«

»Ja. Vorher hat ihnen Plener einen Führer besorgen müssen, welcher mit ihnen abgeritten ist. Sie fahren über Acoma nach dem kleinen Colorado hinüber.«

»Wenn man das glauben darf! Es könnte darauf angelegt sein, uns irre zu führen.« »Dann müßte Plener mit Jonathan unter einer Decke stecken!«

»Ist nicht nötig. Jonathan kann ihn belogen haben, um uns von ihm täuschen zu lassen.«

»Möglich! Plener macht den Eindruck eines geriebenen Hoteliers, aber ein Schurke ist er sicher nicht. Und warum sollte sich Jonathan mit solchen Vorsichtsmaßregeln abgeben? Er wird das nicht für nötig halten, da er sehr wahrscheinlich überzeugt ist, daß wir da drüben im Thale des Todes von den Komantschen umgebracht worden sind.«

»Es ist möglich, daß er das denkt und sich also ziemlich sicher fühlt. War das alles, was du zu sagen hattest?«

»Nein. Plener selbst wollte ich nicht weiter fragen und belästigen, konnte aber von seinen Leuten nichts weiteres erfahren, sodaß ich mich heute abend wieder an ihn wendete. Da sind heute vormittag zwei Männer in seinen Salon gekommen, haben eine gute Zeche gemacht und ihn gefragt, ob ein Sennor mit einer Sennora zu Wagen bei ihm vorgesprochen habe. Er hat ihnen der Wahrheit nach die Auskunft gegeben, wie mir; dann sind sie fort.«

»Sie kamen zu Fuß?«

»Ja. Und jetzt fällt mir ein, daß er mir so nebenbei bemerkte, sie hätten sehr große Sombreros gehabt.«

»Also Vater und Onkel Melton! Sie sind so vorsichtig gewesen, nicht bei Plener abzusteigen, sondern nur für kurze Zeit bei ihm einzukehren.«

»Aber warum sind sie bis heute abend hier geblieben und nicht sofort ihrem lieben Jonathan gefolgt?«

»Wahrscheinlich weil sie ermüdet waren, und auch ihren Pferden Ruhe gönnen mußten.«

»Wenn sie nicht ihre müden Pferde gegen frische umgetauscht haben! Geld werden sie wahrscheinlich haben.« »Natürlich. Jonathan hat sie gewiß damit versorgt. Sie sind von New-Orleans aus einen andern Weg, als den seinigen hier heraufgeritten, der Vorsicht halber. Heut abend besuchten sie das Konzert, um sich zu unterhalten, und sahen mich. Sie vermuteten ganz selbstverständlich, daß ihr bei mir seid, schlichen sich hinter mir her und warteten am Flusse, um auf mich zu lauern. Da kam hier Master Vogel an ihnen vorüber. Sie wußten, daß er der Bruder der Dame ist, bei der ich mich befand, und vermuteten, daß er mich warnen werde.«

»Und doch entfernten sie sich nicht? Man sollte meinen, sie hätten sich darauf gleich aus dem Staube gemacht.«

»Ist ihnen nicht eingefallen. Ich war allein und hatte kein Gewehr bei mir; das wußten sie; es war also sehr leicht, mit mir anzubinden. Sie brauchten mich ja nur von weitem niederzuschießen; meine Revolver konnten mir in die Ferne nichts nützen. Und wie pfiffig haben sie es angefangen!«

»Pfiffig? Ich meine im Gegenteile, daß sie nicht dümmer handeln konnten.«

»O nein. Es war wirklich pfiffig, daß sie sich nicht am Flusse versteckten. Ich war ja gewarnt und wußte, daß sie dort standen. Darum war anzunehmen, daß ich den Rückweg über das Feld einschlagen würde. Das hatte ich mir auch wirklich vorgenommen. Sie legten sich also ins Feld auf die Lauer, und zwar nicht allzu weit vom Flusse weg, um mich auch dann treffen zu können, falls ich den dortigen Weg einschlagen sollte. Da kamt ihr, und sie erkannten euch.«

»Auch mich?«

»Natürlich. Winnetou ist nicht zu verkennen, selbst dann nicht, wenn es nicht so hell ist, wie heute abend. Sie hatten mich gesehen; sie sahen Winnetou und wußten nun auch, wer du bist. Ihr waret ihnen ebenso gefährlich, wie ich es bin; darum schossen sie auf euch. Wir müssen Gott danken, daß ihnen der Anschlag nicht gelungen ist.«

»Allerdings. Eigentlich war es nur auf dich abgesehen, dann aber standen wir näher dem Tode als du, denn als die Kugeln um uns pfiffen, befandest du dich hier in vortrefflicher Sicherheit. Wie sie aber nur auf den Gedanken gekommen sind, ihre Pferde bereit zu halten?«

»Weil sie mich im Konzerte gesehen haben. Vielleicht haben sie dann auch, ehe sie gingen, Winnetou bemerkt. Sie sagten sich, daß wir sie suchen würden, und waren auf ihre Flucht bedacht. Als sie mir bis hierher gefolgt waren, holten sie oder einer von ihnen ihre Pferde und hielten dieselben bereit, um, sobald die tödlichen Schüsse auf mich gefallen seien, ihres Weges zu reiten.«

»Wohin?«

»Wahrscheinlich in ganz derselben Richtung, welche Jonathan eingeschlagen hat. Sie haben sich doch jeden- jedenfalls vor ihrer Trennung in New-Orleans mit ihm darüber besprochen.«

»Aber wie sie bis hierher anders geritten sind, als er, so können sie sich auch jetzt in gleicher Weise verhalten!«

Da bemerkte Winnetou:

»Das Schloß der weißen Squaw, wohin sie wollen, liegt, wie wir wissen, zwischen dem kleinen Colorado und der Sierra Blanca. Dorthin giebt es nur einen guten Weg, wie jeder weiß, der einmal in jener Gegend gewesen ist; dies ist der Weg, den das Bleichgesicht Jonathan einschlägt. Warum sollen sein Vater und sein Oheim einen weitern und schlechtern Weg einschlagen?« »Das denke auch ich,« stimmte ich bei. »Die alten Meltons sind sehr erfahrene Bösewichter; die geben sich gewiß nicht mit großen Beschwerden ab, wenn das nicht unbedingt notwendig ist. Ich bin vollständig überzeugt, daß sie auch über Acoma reiten. Morgen, sobald es Tag geworden ist, folgen wir ihnen auf demselben Wege.«

»Und ich reite mit!« rief Franz Vogel begeistert aus.

»Sie?« lachte ich. »Wollen Sie in der wilden Sierra Blanca Konzerte geigen?«

»Ja. Es verlangt mich, diesen Meltons eine Melodie vorzugeigen, an welcher sie genug haben sollen!«

»Das überlassen Sie am besten uns, lieber Freund. Sie sind ein sehr tüchtiger Musiker, aber Ihre Noten stehen nicht da draußen in den Kanons des Colorado. Wir reiten den Meltons nach, um ihnen ihren Raub abzujagen; dabei können Sie uns gar nichts nützen. Wir werden nicht lange fort sein. Gehen sie inzwischen nach Santa F&, um einige Konzerte zu geben; wir suchen Sie dort auf und legen Ihnen Ihre Millionen in den Schoß.«

»Nein, nein! Sie wollen den Spitzbuben, den Mördern nach, um mich reich zu machen, und ich soll inzwischen Konzerte geben? Ich wäre nicht im stande, einen Bogenstrich zu thun! Thun Sie mir nicht das Zuleide, daß Sie mich hier sitzen lassen! Ich müßte ja gar keine Ehre im Leibe haben, wenn ich darauf eingehen wollte!«

Er hatte eigentlich recht. Wir sollten uns für ihn in Gefahr begeben; es war nicht mehr als billig, daß er an ihr teilnahm. Das mochte auch Emery denken, denn er fragte ihn:

»Können Sie denn leidlich reiten?«

»Nicht nur leidlich. Das lernt man hier zu Lande bald.«

»Und mit Waffen umgehen?«

»Ein Meisterschütze bin ich freilich nicht; aber geschossen habe ich doch schon zuweilen, und wenn ich bis auf drei Schritte an den Kerl herangehe, den ich treffen will, schieße ich gewiß nicht an ihm vorbei. Sie sehen, daß ich entschlossen bin, mich auf alle Fälle zu beteiligen. Also ist es am besten, Sie nehmen mich mit sich.«

»Hm! Was meinst du, Charley? Er ist nicht übel couragiert!«

Ich zuckte die Achsel, sprach aber nicht dagegen. Es giebt auch eine Courage, welche ihren Grund in der Unkenntnis der Verhältnisse und Gefahren hat, denen man entgegengeht. Eine Fliege summt dreist in das Lampenlicht, weil sie nicht weiß, daß sie in der Flamme umkommen wird.

Jetzt begann auch Martha zu bitten, ihren Bruder doch mitzunehmen. Sie hatte mein Achselzucken bemerkt und wendete sich an Emery. Der ritterliche Englishman war eigentlich ein wenig Damenherr; er konnte den

Bitten der schönen, jungen Sängerin nicht widerstehen und fragte mich schließlich:

»Hast du etwa großartige Gründe dagegen, Charley?«

»Nein. Sprich mit Winnetou darüber; er mag entscheiden.«

Wenn ich Winnetou sprechend hier aufgeführt habe, so muß ich bemerken, daß wir ihm das Vorhergehende immer übersetzen mußten. Wir sprachen ja deutsch. Als Emery ihm die Angelegenheit vorgetragen hatte, erklärte er:

»Winnetou würde ganz dagegen sein, denn der junge Mann wird uns mehr stören und schaden, anstatt nützen können; aber ihm soll der Raub gehören, den die Diebe bei sich haben, und so dürfen wir ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Er mag aber ja nicht denken, daß es ein Vergnügen ist, mit uns zu reiten. Wir werden volle acht Tage im Sattel sitzen müssen, um an das Ziel zu gelangen.

»Ich werde das gern aushalten!« versprach Vogel in englischer Sprache.

»Wenn mein junger Bruder sich bis zum Anbruch des Tages hier ein gutes Pferd mit Sattel und Zaum kaufen kann, dazu ein Gewehr mit Munition, so wird er mit uns reiten' können, sonst aber nicht, denn wir haben keine Zeit, auf ihn zu warten.«

Da nahm mich Vogel beim Arm und bat:

»Helfen Sie mir, bester Herr Doktor! Pferde giebt es hier, Gewehre und Munition auch, wenn auch zu hohen Preisen. Die meisten Stores sind noch offen. Wollen Sie?«

»Gern. Wir können damit bald fertig sein, und haben dann noch einige Stunden für den Schlaf.« Da geschah etwas, was ich nicht erwartet hatte. Nämlich Martha fragte mich: »Meinen Sie, daß die Jüdin mit Jonathan Melton glücklich dort ankommen wird?« »Wahrscheinlich.«

»Dann bitte, kaufen Sie zwei Pferde und einen Damensattel!«

»Verstehe ich Sie recht? Sie wollen ein Pferd für sich?«

»Ja, ich reite mit Ihnen.«

»Das ist unmöglich, ganz und gar unmöglich!«

»Gewiß nicht! Die Jüdin bringt dasselbe fertig.«

»Die sitzt im Wagen- Das ist etwas anderes.«

Sie ließ sich aber von mir nicht zurückweisen; Emery mußte innerlich über ihren Wunsch lachen, blieb aber äußerlich ernst und höflich; er wollte nicht Nein sagen, und so wiesen wir sie an Winnetou, indem wir überzeugt waren, daß es ihm besser als uns gelingen werde, ihr ihre Bitte abzuschlagen, ohne sie dadurch zu beleidigen. Und das gelang ihm auch.

Der Angriff der jungen, unternehmungslustigen Frau war also siegreich abgeschlagen. Winnetou, Emery und ich nahmen von Martha Abschied; die beiden ersteren begaben sich heim; ich aber ging mit Vogel noch auf die späte Suche nach einem Pferde und den anderen Gegenständen, welche er brauchte. Wir mußten verschiedene Misters, Masters und Sennores aus dem Schlafe wecken, und wegen der Störung der Nachtruhe verschiedene Dollar und Piaster mehr bezahlen. Besondere Mühe verursachte uns das Pferd. Alte, abgetriebene Ziegenböcke konnten wir genug und überall bekommen, aber kein Tier, wie wir es brauchten. Erst als wir die achte, neunte oder zehnte Thür fast eingeschlagen und die Bewohner vom Lager aufgeklopft hatten, kamen wir zu einem braven Manne, welcher uns, weil er sah, daß wir Not darum hatten, einen zwar alten, aber sonst noch ganz gelenkigen Braunen, welcher vierzig Dollars wert war, für »lumpige« achtzig überließ. Vogel zögerte gar nicht, den Preis zu zahlen. Seine Konzerte hatten soviel eingebracht, daß er sich die Ausgabe gestatten konnte.

Dabei war es so spät geworden, daß ihm, da er noch Vorbereitungen zu treffen hatte, keine Zeit zum Schlafe übrig blieb. Eine Stunde nach Tagesanbruch holte er uns ab; wir ritten über den Fluß nach Atrisco hinüber, und dann südwestlich dem Rio Puerco zu.

Es ist nicht nötig, die Einzelheiten des Rittes zu beschreiben; erwähnt sei nur, daß Vogel als Reiter sich recht leidlich hielt, wenn wir auch seinetwegen langsamer reiten mußten, da sein Pferd mit unsern Komantschenrossen nicht immer gleichen Schritt zu halten vermochte. Hier und da gab es Stellen, denen die Fährte zweier Pferde deutlich eingeprägt war; das war jedenfalls die Spur der Brüder Melton. Sie hatten den Vorsprung einer ganzen Nacht vor uns; aber gewisse untrügliche Anzeichen verrieten, daß wir uns ihnen zwar langsam, aber unausgesetzt näherten. Hätten wir Vogel nicht bei uns gehabt, so wären wir durch einen Parforceritt schnell an sie herangekommen.

Am Abend des zweiten Tages erreichten wir Acoma, ein altes Indianerpueblo, wo die Meltons gewiß auch angehalten hatten.

Unter Pueblos versteht man die festen, burgartigen Städte der alten seßhaften Bevölkerung des Landes; man zählt ihrer in Neu-Mexiko nur noch etwa zwanzig; die bedeutendsten sind Taos, Laguna, Isleta und Acoma. Man darf sich unter den alten Städten oder Dörfern nicht Ortschaften mit einzelstehenden Häusern oder Häuser- Häuserreihen und Gassen denken. Sie wurden, um Schutz gegen feindliche Ueberfälle zu bieten, als Burgen errichtet; sie sind auch Burgen, aber in architektonischer Beziehung nicht in unserm Sinn des Wortes. Sie sind schwerfällige Lehm- oder Felsenbauten, je nachdem dieses oder jenes Material vorhanden war, ohne Stil und äußere Gliederung, wenn man nicht das Gliederung nennt, daß jedes höhere Stockwerk über dem untern zurücktritt.

Man denke sich zwei weit auseinanderstehende Felsenwände, zwischen denen einst größere oder kleinere Blöcke lagen. Die Blöcke wurden nebeneinander gewälzt und mit Lehm verbunden, bis eine Mauer entstand, welche von der einen Felsenwand bis an die andere reichte und die Höhe eines Stockwerkes hatte. In der Mauer gab es weder Thür- noch Fensteröffnung. Der Raum zwischen ihr und den Felswänden wurde durch weitere Lang- und Querwände aus Lehm in eine beliebige Anzahl von Vierecken zerlegt, und dann das Ganze mit einer dicken Lehmschicht zugedeckt. In der Lehmdecke befanden sich Löcher, welche als Eingang in die Vierecke und Wohnungen dienten. Ueber dem Erdgeschoß wurde aus demselben Materiale und in derselben Weise ein erstes, zweites, drittes usw. Stockwerk errichtet, doch so, daß jedes höhere Stockwerk einige oder mehrere Meter zurückweicht, und also in der Decke des tieferliegenden einen freien, balkonartigen Raum vor sich liegen hat. Oft haben auch diese terrassenförmig übereinander liegenden Geschosse weder Thür noch Fenster, sondern nur Löcher in der Decke. Man muß also, um in eine Wohnung zu gelangen, in das höhere Stockwerk hinauf- und dann durch das betreffende Loch wie in einen Keller hinuntersteigen. Das Erdgeschoß ist stets nur durch eine Leiter zu erklettern, welche außen an die öffnungslose Mauer gelehnt ist. Wird sie auf das platte Dach gezogen, so ist der Zutritt für einen Feind zwar nicht unmöglich gemacht, aber doch außerordentlich erschwert und mit Gefahren verbunden. Zuweilen sind die Lehmmauern, welche dann von einem Stockwerk zum andern führen, treppenartig abgestuft, so daß man hinaufsteigen kann; meist aber werden auch die höheren Geschosse nur durch angelehnte Leitern verbunden, welche je, den Augenblick hinaufgezogen werden können. Man sieht leicht ein, daß der Gedanke, welcher den Bauwerken zu Grunde liegt, in Beziehung auf die Verteidigung des Platzes bei der Art der damaligen Angriffswaffen ein ganz vortrefflicher ist. Waren alle Leitern der verschiedenen Stockwerke emporgezogen, so mußte der angreifende Feind mit Hilfe mitgebrachter Leitern zunächst die Plattform des Parterres ersteigen, wobei er sich den Geschossen aller oberen Terrassen aussetzte und auch noch in Gefahr stand, vom Innern des untern Stockwerkes aus angegriffen zu werden. Hatte er nach mörderischem Kampfe die erste Plattform in seinen Besitz gebracht, so mußte er mit denselben Schwierigkeiten und Gefahren die zweite ersteigen und erkämpfen; dabei mußte er frei und ohne allen Schutz kämpfen, während die Verteidiger über ihm infolge des terrassenartigen Baues stets gute Deckung hatten.

Diese Beschreibung gilt einem Pueblo der regelmäßigsten Bauart; solche sind aber sehr selten. Die andern sind ein unregelmäßig zusammengeschachtelter Komplex von verschiedenartigen Lehmzellen, welcher meist in einer trostlosen Umgebung liegt und den Eindruck eines häßlichen Trümmerhaufens macht. Und in diesen künstlichen hohlen Lehmwürfeln wohnten einst Hunderte und Tausende von Menschen zusammen, deren Verkehr nur dadurch ermöglicht wurde, daß man aus einer Zelle

über die platten Dächer der unteren Herbergen durch ein Loch in die andere stieg! Jetzt kann man freilich nicht mehr von »tausend« sprechen.

Die Bewohner der Pueblos dürfen keineswegs mit den thatkräftigen freien Indianern verglichen werden. Sie sind gutmütige, genügsame, ganz unwissende Menschen, wahrscheinlich verkümmerte Abkömmlinge der alten Azteken. Meist Katholiken, sind sie doch eigentlich keine Christen. Sie beten noch immer heimlich zu ihrem Manitou und hängen an alten, heidnischen Gebräuchen, welche dem Christentume widerstreben. Daran trägt die alte, iberische Indolenz die Schuld, welche alles gehen läßt, wie es eben geht, das Auftreten und Umsichgreifen der Scheinheiligkeit begünstigt, es aber nicht zu einem wahren, begeisterten und überzeugungstreuen Glauben kommen läßt. Beschimpfe man die heilige Religion, der Puebloindianer wird ruhig bleiben und lachen; greift man ihn aber bei seinem Aberglauben an, den er aus der heidnischen Zeit überkommen hat, so kann der sonst so harmlose Mann sich in einen rachsüchtigen und gefährlichen Starrkopf verwandeln.

Diese Indianer treiben ein wenig Ackerbau, ein wenig Viehzucht und ein wenig Hausindustrie, doch das alles auf der niedrigsten Stufe. Die kleinen Aecker liegen gewöhnlich in der Nähe des Pueblo, und werden mit geradezu kindisch einfachen Werkzeugen bestellt. Das Neue und Praktische wird beharrlich zurückgewiesen; es stimmt nicht mit ihren Ueberlieferungen zusammen. Lieber ernten sie Hunger vom steinigten Lande, als daß sie es düngen und anders, als mit einem einfachen Stocke oder hölzernen Haken bearbeiten. Ebenso steht es mit der Viehzucht. Man sieht einige magere Hühner, einige Schweine und viele Hunde. Sonderbarerweise laufen die bissigen Köter frei umher, während die Schweine - sollte man es denken! - - an Ketten liegen.

Ihre Kunstfertigkeit besteht in der Anfertigung von Körben, Beuteln und verschiedenen Geflechten. Sie brennen Krüge und Urnen, welche keinen Kunstwert besitzen. Aus Thon stellen sie allerlei Figuren her, welche geradezu lächerlich sind. Der Sinn für schöne Formen ist ihnen vollständig versagt. Die Figuren werden bei uns von vierjährigen Kindern viel besser auf der Schiefertafel gezeichnet; sie dienen meist als Spielwerkzeuge; oft haben sie auch eine geheim religiöse, heidnische Bedeutung. In diesem Falle werden sie in der »Estufa« aufgestellt. Dies ist ein kleiner Raum, welcher von niedrigen, nur drei Fuß hohen Mauern eingefaßt wird, zwischen denen stets zwei hohe Stangen stehen. Vielleicht sollen -diese ein Fingerzeig gen Himmel sein. Es wird sehr darauf gesehen, daß diese Estufa von keinem Unberufenen berührt oder gar betreten wird.

Also wir kamen gegen Abend in Acoma an und fragten nach dem Governor, unter welchem man sich freilich nicht einen Gouverneur nach unserm Sinne, einen hochgestellten Beamten, sondern eine Art Dorfschulzen vorzustellen hat. Da, wo man spanisch spricht, hat selbst der kleinste Beamte einen hohen, volltönenden Titel, und spanisch verstehen die meisten Puebloindianer mehr oder weniger geläufig zu reden. Die ganze Bevölkerung war zusammengelaufen und betrachtete uns mit nicht eben freundlichen Augen. Das mußte einen besondern Grund haben. Wir wollten nichts fordern und verlangen, und fragten nur deshalb nach dem Governor, weil wir beabsichtigten, ihn um Auskunft über die drei Meltons zu bitten. Als wir abgestiegen waren, zeigte sich niemand bereit, unsere Pferde zu halten, uns Wasser zu zeigen und uns zum Governor zu führen. Eigentümlicherweise war kein junges Mädchen zu sehen, aber einige sehr hübsche Knaben bemerkte ich.

Da sich niemand unser annehmen wollte und sich alle so zurückhaltend, ja feindselig gegen uns verhielten, waren wir auf uns selbst angewiesen. Wir befestigten also die Zügel unserer Pferde an Felsstücken und gingen aus, um Wasser zu suchen, wobei wir mit finstern Blicken betrachtet wurden. Ich kam mit Emery an ein kleines Gärtchen, in welchem ein armseliges Gemüse und einige Blumen standen. Emery bückte sich, um sich einen Rettich anzueignen, den er natürlich gut bezahlt hätte; da sprang einer der hübschen Knaben herbei und faßte ihn von hinten, um ihn wegzuziehen. Emery schüttelte ihn kräftig von sich ab und griff wieder zu; da nahm ich den Freund beim Arme und zog ihn mit mir fort. Gerade vor uns sahen wir die Estufa. Emery trat hinzu, sah über die niedrige Mauer und schlug ein lautes Gelächter auf. Es standen da ein Dutzend der oben erwähnten Figuren, welche allerdings höchst lächerlich waren, breitbeinige Kerls mit wurstartigen Armen, die sie in unmöglichen Haltungen vorstreckten. Köpfe und Stirn ohne Nase, mit zwei Löchern von oben als Augen, und einem großen Loche unten als Mund. Es gab sitzende Gestalten mit ungeheuerlichen Bäuchen und drei Köpfen, einen oben, einen auf dem Rücken und einen auf der Brust; die Ohren waren länger als die Arme. Emery griff zu, um eine dieser Figuren wegzunehmen und zu betrachten, ich zog ihn abermals zurück und erklärte ihm die Bedeutung dieser thönernen Gestalten. Er lachte und ging weiter. Die Menge folgte ihm; nur der Knabe blieb zurück, sah mich mit ungewissen Blicken an, brach dann mit einer raschen Bewegung eine Blume aus dem winzigen

Gärtchen, reichte sie mir hin und sagte: »Ich danke! Der Rettich wuchs für meinen Vater; es ist der einzige.«

Das war keine Knaben-, sondern eine Mädchenstimme, und nun fiel mir ein, daß in einigen Pueblos sich die Mädchen wie Knaben kleiden. Sie tragen Hosen und scheiteln sich die kurzgeschnittenen Haare auf der Seite, was die Verwechslung sehr begünstigt. Ich wollte ihr gern ein Gegengeschenk machen, aber was? Da fiel mir ein, daß ich das kleine, neusilberne Etui eines verloren gegangenen Bleistiftspitzers noch im Gürtel hatte. ich nahm es heraus, schraubte es auf und wieder zu, um ihr zu zeigen, wie es zu handhaben sei und hielt es ihr dann hin.

»Nimm das für die Blume, schöne Puebla!«

Sie sah mich staunend an und wagte nicht, zuzugreifen.

Das kleine Büchschen war ja ein kostbares Kunstwerk, ein unerreichbarer Gegenstand für sie. »Hier, nimm für die Blume; es ist dein!« wiederholte ich. »Mein?« fragte sie zweifelnd, aber mit strahlenden Augen. »Ja. Deine Blume ist mir lieber, als diese kleine Kaja.«

»Und mir deine Kaja viel lieber, als meine Blume! Ich danke dir! Du bist gut, sehr gut; ich habe es dir gleich angesehen!«

Sie nahm das Büchschen, küßte mir schnell die Hand und sprang mit einem lauten Jauchzer davon, um die Leiter zu ihrer Wohnung hinanzusteigen und dort ihren großen Schatz zu verbergen. Mit wie wenigem man doch einen Menschen glücklich machen kann! Und wie reich sich oft ein einziges freundliches Wort belohnt! Ich sollte das sehr bald erfahren.

Jetzt kam Winnetou, um uns zu holen. Er hatte Wasser gefunden. In der Nähe des Pueblo befand sich eine Art Cisterne, in welcher das wenige Regenwasser des Jahres gesammelt wurde. Wir führten unsere Pferde dorthin und schickten uns an, mit Hilfe des dazu vorhandenen Thongefäßes, das an einem Stricke hing, Wasser zu schöpfen; da kamen die Indianer unter lautem Geschrei herbei, um uns daran zu verhindern. Wasser mußten wir haben; das war gewiß, denn morgen kamen wir, wie wir wußten, durch eine Gegend, in welcher es keinen Tropfen gab; darum griffen Winnetou und Emery und infolgedessen auch Vogel zu ihren Gewehren, um sich den Trank für sich und die Pferde mit Gewalt zu verschaffen. Die Pueblos wichen zurück, da sie sehr wohl wußten, daß sie, obgleich in solcher Ueberzahl, nichts gegen die Gewehre auszurichten vermochten; ihre Waffen waren gar zu erbärmlich.

Es war klar, daß die armen Leute ein Recht auf ihr weniges Wasser hatten, und darum erschien es mir hart, es ihnen abzuzwingen. Etwas wenigstens mußten sie dafür haben; darum bat ich meine Gefährten, von ihrem feindseligen Verhalten abzulassen und gab den Leuten einige kleine Silberstücke, indem ich ihnen erklärte, daß ich damit das Wasser bezahlen wolle. Sie änderten darauf sofort ihr Verhalten und ließen uns schöpfen.

Da der Abend nahte, mußten wir einen Ort suchen, an welchem wir die Nacht zubringen wollten. Die feindselige Haltung der Indianer ließ den Gedanken nicht aufkommen, in ihrer Nähe oder gar in dem Pueblo selbst zu schlafen. Zwar trauten wir ihnen keineswegs ein für uns gefährliches Beginnen zu, aber Widerwärtigkeiten konnten uns doch bereitet werden, und so führten wir unsere Pferde eine ansehnliche Strecke von ihnen fort und legten uns da draußen im Freien nieder. Es verstand sich ganz von selbst, daß wir die Nacht reihum wachen wollten.

Es mochte ungefähr zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit sein, als wir eine Gestalt bemerkten, welche sich vom Pueblo her uns langsam näherte; sie blieb in einiger Entfernung von uns stehen. Wir riefen sie an und forderten sie auf, vollends herbei zu kommen. Da antwortete sie:

»Ich will mit dem guten Sennor sprechen.«

Es war die Stimme des Mädchens, welches mir die Blume gegeben hatte. »Geh hin!« forderte mich Emery auf. »Denn jedenfalls bist du gemeint.« Ich folgte der Aufforderung. Als ich die Indianerin erreicht hatte, sagte sie:

»Wir müssen leise sprechen, denn ich bin heimlich gekommen, weil ich nicht haben will, daß dir etwas Böses geschehe.«

»Von wem?«

»Von den beiden Weißen, welche heute bei uns angekommen sind.«

»Ah, ihr habt sie also gesehen! Wann ist das gewesen?«

»Drei Stunden vorher, ehe ihr kamt.«

»Wie lange haben sie sich hier bei euch aufgehalten?«

Da trat sie ganz an mich heran und sagte noch leiser als bisher:

»Sie sind noch hier!«

»Noch hier? Das ist für uns eine sehr wichtige Botschaft, für welche ich dir großen Dank schuldig bin.«

»Du bist mir keinen Dank schuldig, sondern ich will dir danken, indem ich dir dies sage. Die beiden Männer sprachen von euch; sie benachrichtigten uns, daß ihr hinter ihnen kommen würdet.«

»Und forderten euch auf, uns feindlich zu behandeln?«

»Ja. Sie sagten uns, daß ihr unsere Estufa zerstören und die Figuren der Götter vernichten wollet.« »Das fällt uns ja gar nicht ein! Was sagten sie noch von uns?«

»Daß ihr gefährliche Männer seid, die schon viele Mordthaten begangen haben, und Diebe, welche gekommen sind, uns auszurauben.«

»Das ist eine ungeheure Lüge! Ich sage dir, daß es umgekehrt ist. Die beiden Männer sind Räuber und Diebe, welche schon manchen Mord und viele Unthaten auf dem Gewissen haben. Darum jagen wir hinter ihnen her, um sie zu fangen und bestrafen zu lassen. Wir sind ehrliche Leute.«

»Ich glaube es, Sennor. Du siehst nicht aus wie ein so böser Mann und bist freundlich mit uns gewesen. Darum habe ich mich fortgeschlichen, um dich zu retten.«

»Zu retten?« Danach müssen wir in einer Gefahr schweben?«

»Ja, ihr befindet euch in Gefahr. Inwiefern, das weiß ich nicht genau; aber die beiden Männer sind noch hier.«

»Ah! Wo? Kannst du mir das sagen?«

»Ich könnte es sagen, aber ich darf nicht, weil ich nicht zur Verräterin an meinen Leuten werden will.«

»Gut, so will ich dich nicht danach fragen; aber sagen darfst du mir wohl, worin die Gefahr besteht, welche uns von den Leuten droht?«

»Der Tod, glaube ich. Was wirklich geschehen soll, das wissen nur wenige Männer von uns; den Frauen und Kindern aber ist gar nichts verraten worden. Aber diese Verschwiegenheit läßt mich vermuten, daß man gegen euch nichts Geringes und nichts Gewöhnliches im Sinne hat.«

Mit diesen Worten huschte sie eiligst fort, so daß ich ihr nicht einmal Dank sagen konnte. Ich erfuhr hier wieder einmal, wie schnell sich oft das Gute ganz von selbst belohnt. Wir waren zwar mißtrauisch, keineswegs aber um unser Leben besorgt gewesen. Das Mädchen hatte uns wahrscheinlich vom Tode errettet.

»Meine Gefährten waren nicht wenig erstaunt, als ich ihnen sagte, was ich erfahren hatte. Emery wollte sofort nach dem Pueblo, um die Bewohner desselben zur Rechenschaft zu ziehen; Winnetou aber entgegnete ihm:

»Mein Bruder mag nicht zu schnell handeln. Die roten Leute haben die Lügen geglaubt, welche man ihnen gesagt hat. Wollen wir sie deshalb töten?«

»Sie verdienen es, weil sie uns auch an das Leben wollen!« antwortete der Englishman. »Das wissen wir nicht gewiß. Uebrigens sind ihrer viele, und wir sind nur vier.« »Ich fürchte mich nicht vor ihnen!«

»Mein Bruder wird gewiß nicht glauben, daß Winnetou sich fürchtet; aber vier Personen können kein Pueblo angreifen, sie mögen noch so tapfer sein, wenigstens nicht offen.«

»Aber wir können doch die Leute zwingen, uns die Meltons auszuliefern!«

»Zwingen? Also Kampf mit ihnen? Das ist's ja eben, was wir verhüten müssen. Wenn wir sie angriffen, würden die Meltons ihnen helfen oder die Zeit des Kampfes zur Flucht benutzen. Wir können das, was mein Bruder haben will, nur durch List erreichen. Wir warten, bis sie kommen. Sie wissen wahrscheinlich, wo wir uns jetzt befinden; darum werden wir eine andere Stelle aufsuchen, an welcher wir in der Nacht bleiben. Man wird uns suchen. Jedenfalls haben wir dies von den Meltons zu erwarten, welche wir festnehmen, sobald sie kommen.«

Er hatte recht, und wir handelten nach seinem Vorschlage, indem wir unsern Lagerplatz in noch größere Entfernung verlegten. Nun, da wir gewarnt waren, konnten wir uns nur darüber freuen, daß die Meltons hier geblieben waren. Wir brauchten sie nicht erst einzuholen. Wir hatten sie hier, und es bedurfte keiner großen Selbstüberschätzung, um unsererseits sagen zu können, daß sie in unsere Hände fallen würden.

Wir richteten uns auf die Weise ein, daß zwei von uns schliefen, während die beiden andern wachten, und wechselten darin ab. Ich hatte mit Vogel zu wachen. Als wir Winnetou zum zweitenmale ablösten, war die Nacht schon fast vergangen, ohne daß wir irgend etwas Verdächtiges bemerkt hatten; das mußte uns auffallen.

»Wer weiß, ob man überhaupt etwas gegen uns vorgehabt hat,« meinte Emery. »Das Mädchen kann sich geirrt haben!«

»Schwerlich!« antwortete ich. »Aber es kommt ja niemand!«

»Weil man uns nicht gefunden hat, und wohl auch weil die Roten eingesehen haben, daß es gefährlich ist, sich uns zu nähern.«

»So müssen wir warten, bis es Tag geworden ist; dann aber bestehe ich darauf, die Pueblos zu zwingen, uns die Meltons auszuliefern.«

»Sie würden das nicht können, weil die Meltons dann nicht mehr da sein werden. Wenn es sich herausstellt, daß bis zum Anbruche des neuen Tages nichts gegen uns unternommen werden kann, werden sie keinen Augenblick zögern, sich aus dem Staube zu machen.«

»Das möchte ich nicht als so sicher hinstellen. Ebenso wahrscheinlich ist es, daß sie bleiben. Sie werden von den Pueblos unterstützt.«

»Das wäre die größte Dummheit, welche sie begehen könnten. Blieben sie hier, etwa um uns mit Hilfe der Pueblos anzugreifen, so wären sie sicher, in unsere Hände zu geraten oder von unsern Kugeln zu fallen. Die Halunken sind schlau genug, dies zu wissen. Auch kennen sie die Pueblo-Indianer jedenfalls gut genug, um sich sagen zu können, daß diese sich nicht sehr nahe an uns wagen werden, weil unsere Gewehre weitertragen, als alle ihre Waffen. Ich bin überzeugt, daß sie fortgehen.«

»So haben wir das Nachsehen!«

»Allerdings. Aber dem könnte ja wohl vorgebeugt werden, indem wir unsern Standort abermals verlassen und uns westlich vom Pueblo lagern. Das ist die Richtung, welche sie einzuschlagen haben. Vielleicht hören wir sie, falls sie nicht allzu weit an uns vorüberreiten.«

Auch Winnetou war der Ansicht, und so veränderten wir zum zweitenmale unsern Lagerplatz. Als das geschehen war, setzte ich mich mit Vogel nicht etwa zu den beiden andern, welche sich wieder schlafen gelegt hatten, sondern wir trennten uns, indem wir uns ein Stück von ihnen entfernten, ich rechts und Vogel links von ihnen. Dadurch, daß wir uns so weit auseinander befanden, lag für unser Gehör eine viel größere Strecke offen, als wenn wir zusammen geblieben wären. Um noch besser und weiter hören zu können, legte

ich mich mit einem Ohre auf die Erde.

So warteten wir still und unbeweglich eine lange Zeit, bis es ungefähr drei Viertelstunden vor Tagesanbruch sein mochte. Da vernahm ich ein Geräusch. Es erklang aus der Gegend her, in welcher Vogel lag, und wenn ich mich nicht täuschte, so war es der Hufschlag zweier Pferde, welche von dem Pueblo herkamen und dann in die Ebene hinausliefen. ich stand auf, ging zu Vogel und fragte:

»Haben Sie nicht etwas gehört?«

»Ja, Schritte von Menschen.«

»Wie viele können es gewesen sein?«

»Wer kann mit den Ohren zählen! Es waren viele. Sie kamen vom Pueblo her und dann an uns vorüber, aber weit von hier.«

»Das ist dasselbe, was ich auch gehört habe; aber Sie irren sich. Das waren keine Menschen, sondern Pferde.«

»Ich möchte aber doch wetten, daß es Menschen gewesen sind. Und über zehn waren es ganz gewiß.«

»Sie sind nicht so geübt wie ich. Es waren zwei Pferde, welche mit ihren Hufen die Erde so treffen, daß ein Unerfahrener allerdings denken kann, es seien über zehn Menschen. Wir müssen Winnetou und Sir Emery wecken, denn ich bin überzeugt, daß es die Meltons gewesen sind.«

Als die Genannten erwachten und meine Meldung hörten, waren sie gleicher Meinung mit mir. Emery sagte:

»Ja, sie waren es; sie sind fort, und wir müssen ihnen augenblicklich nach.«

»Nein,« entgegnete Winnetou. »Meine Brüder müssen mit mir warten, bis es hell geworden ist, damit wir die Spuren sehen können.«

»Das brauchen wir nicht. Wir kennen ja die Richtung, in welcher sie reiten.«

»Nein, die kennen wir nicht,« antwortete ich. »Winnetou hat recht. Wir müssen unbedingt warten.«

»Wir wissen doch, daß sie nach dem kleinen Colorado reiten. Wenn wir das auch thun, müssen wir auf ihre Spur treffen.«

»Aber es ist möglich, daß sie von jetzt an eine andere Richtung einschlagen, um uns irre zu führen.« »Da müssen sie sich doch sagen, daß das vergeblich sein dürfte!«

»O nein. Sie haben keine Ahnung davon, daß wir ihr Ziel kennen; sie sind später in Albuquerque angekommen, als ihr sauberer Jonathan, und er hat ihnen also nicht erzählen können, was geschehen ist, seit sie sich von ihm getrennt haben. Sie glauben also, wir folgen ihnen und wissen nichts von ihm und dem Orte, an welchem sie ihn treffen wollen. Darum ist es sehr leicht möglich, daß sie auf den Gedanken kommen, uns in eine andere Gegend zu locken.«

»Well! Aber was schadet das? Wir reiten eben nach dem Colorado, um ihren Jonathan zu fassen. Wenn sie von dieser Richtung abweichen, so lassen wir sie laufen.«

»Wir wollen aber auch sie haben!«

»Wir bekommen sie sicher bei ihrem Jonathan. Wenn wir diesen haben, so warten wir, bis sie kommen. Und kommen werden sie.«

»Das ist gar nicht sicher. Ich möchte lieber das Gegenteil behaupten. Und wenn sie wirklich kommen, so werden sie dies mit solcher Vorsicht thun, daß es gewiß außerordentlich schwer sein wird, sie zu erwischen.«

»Das behauptest du mit solcher Sicherheit?«

»Ja. Ich habe meine Gründe dazu. Frage Winnetou! Er wird mir beistimmen.« »Warum sollten sie sich später noch mehr in acht nehmen, als jetzt?«

»Das ist doch so einfach! Sie wollen uns fortlocken. Wenn sie bemerken, daß wir ihnen nicht folgen, so müssen sie natürlich annehmen, daß wir nach dem "Schlosse" der Jüdin seien, und zwar ihnen voran. Sie müssen auch hin, und da versteht es sich ganz von selbst, daß sie, wenn sie kommen, dies nur mit äußerster Vorsicht thun werden.«

»Hm! Das ist allerdings nun zu begreifen.«

»Dazu kommt, daß wir dann leicht zwischen zwei Feuer kommen können, vor uns haben wir Jonathan Melton und hinter uns die beiden.«

»Pshaw! Jonathan ist gar nicht zu fürchten!«

»Richtig! Aber du vergissest, daß er eine Anzahl von Indianern bei sich hat, welche mit der Jüdin und ihrem verstorbenen Manne, ihrem Häuptlinge, aus der Sonora herübergezogen sind. Mit diesen Leuten haben wir doch unbedingt zu rechnen.«

»Das ist richtig. Du meinst also, daß wir den Meltons nachreiten, selbst wenn sie einen andern Weg einschlagen?«

»Ja. Wir müssen sie haben. Darum können wir nicht eher von hier fort, als bis es Tag geworden ist und wir ihre Spuren sehen können.«

»Auch müssen wir warten, um unsere Pferde noch einmal zu tränken,« bemerkte Winnetou. »Sie haben zwar gestern abend Wasser bekommen, aber wir wissen nicht, wohin es geht und ob wir heute und morgen wieder welches finden.«

Wir blieben also sitzen, bis der erste Schimmer des Tages im Osten erschien und wir das Pueblo sehen konnten. Wir ritten hin und bemerkten, daß alle Be- Bewohner wach waren. Das war ein Beweis, daß sie in der Nacht etwas gegen uns vorgehabt hatten. Als sie sahen, daß wir nach der Cisterne wollten, kam einer von ihnen auf uns zu und sagte:

»Wenn ihr eure Pferde tränken wollt, müßt ihr wieder bezahlen!« »Wer bist du denn, daß du dies zu verlangen hast?«

»Ich bin der Häuptling des Pueblo.«

»Ah so! Wir wollten gestern mit dir reden und haben nach dir gefragt. Warum antwortete man uns nicht?« »Weil ich nicht hier war.«

»Das ist eine Lüge, denn ich erinnere mich ganz genau, dein Gesicht gesehen zu haben. Wann bist du denn von hier fortgegangen?«

»Gestern früh.«

»So bist du also vorgestern und auch die vorigen Tage hier gewesen?« »Ja.«

»Dann wirst du uns wohl sagen können, ob in der Zeit Fremde hier gewesen sind.« »Es war niemand hier.«

»Aber gestern sind doch zwei weiße Reiter zu euch gekommen?«

»Nein. Als ich heimkam, hat man mir nur von euch erzählt. Wären noch andere dagewesen, so hätte man es mir auch gesagt.«

»Es sind zwei Reiter da gewesen. Sie haben uns in der Nacht gesucht, um uns zu töten!« Er erschrak und antwortete:

»Sennor, wie könnt Ihr so etwas behaupten! Wir sind ehrliche und friedliche Leute, die nichts Böses thun!«

»Wäret ihr wirklich so ehrliche Leute, so würdest du uns nicht belügen. Eigentlich sollten wir euch dafür züchtigen; aber wir wollen das nicht thun, denn wir sind Christen. Wir wissen, daß die beiden Männer, von denen ich spreche, vor kaum einer Stunde fortgeritten sind. Da wir aber sie nicht fürchten und euch verachten, werden wir so thun, als ob nichts geschehen sei und euch sogar euer Wasser bezahlen.«

Er bekam die verlangte Summe; wir tränkten unsere Pferde, tranken auch selbst und ritten dann fort, zunächst nach Spuren gar nicht suchend. Aber dann, als wir außer Sicht der Indianer waren, trennten wir uns, um nach der Fährte zu forschen. Der Apatsche fand sie zuerst. Sie hatte zunächst eine westliche Richtung, machte dann aber einen Bogen nach Nordwest.

»Siehst du!« sagte ich zu Emery. »Die von mir angedeutete Möglichkeit wird zur Wirklichkeit. Die Kerle sind vom richtigen Wege abgewichen.«

»Das ist fatal! Wer weiß, wie weit sie uns mit sich fortschleppen und wie lange Zeit wir brauchen, um wieder auf den rechten Weg zu kommen!«

»Ja, wenn wir ihnen im Galopp folgen könnten, so hätten wir sie bald eingeholt!« »Warum thun wir dies denn nicht?« »Vogels Pferd kommt nicht mit fort.«

Als ich das sagte, stieg Winnetou ab, betrachtete die Spur sehr aufmerksam und fragte dann Vogel: »Mein junger Bruder hat nicht gelernt, eine Fährte zu lesen?«

»Nein,« antwortete der Gefragte. »Wenn die Stapfen nicht ganz deutlich sind, finde ich sie nicht.«

»So dürfen wir ihn nicht allein zurücklassen, weil er uns nicht finden und sich verirren würde. Die Meltons reiten gute Pferde; dennoch können wir sie bald einholen, um sie zu fangen. Winnetou wird jetzt mit Old Shatterhand die Verfolgung beginnen. Wir beide genügen, diese Menschen festzunehmen. Mein Bruder Emery mag mit dem jungen Manne auf unserer Fährte folgen.«

Das Gesicht des Englishman bewies, daß er nicht sehr darüber erbaut war, daß er zurückbleiben sollte, doch sagte er nichts dagegen. Wir ritten im Galopp fort, und er blieb mit Vogel hinter uns.

Der Vorsprung, welchen die Meltons vor uns hatten, betrug ungefähr eine Stunde. Selbst wenn sie, wie Winnetous Meinung gewesen war, gute Pferde hatten, mußten wir sie mit unsern vortrefflichen Komantschenrossen noch vor Mittag eingeholt haben, falls es zu einem Wettrennen kommen sollte. War das nicht der Fall, so erreichten wir sie noch viel früher. Es kam ganz darauf an, ob sie uns zeitig genug bemerken würden oder nicht.

Wir ritten über die öde Steppe. Der Boden war steinhart; doch sorgten wir dafür, daß eine deutliche Fährte hinter uns blieb. Die Spur der Meltons war dagegen nur von Zeit zu Zeit zu erkennen. Sie hatten sich in acht genommen; wir sollten im Aufsuchen derselben möglichst viel Zeit verlieren. Es gehörte also keine geringe Aufmerksamkeit dazu, ihr im Galopp zu folgen, ohne sie zu verlieren. Hier bewährte sich, wie schon so oft, die Meisterschaft des Apatschen.

Nach und nach ging die Ebene in eine wellenförmige Gegend über. Es gab Erhebungen und Senkungen, welche je länger desto bedeutender wurden. Nach zwei Stunden konnte man schon von Bergen reden. Das waren die südlichen Ausläufer der Sierra Madre.

Es ging immer in gerader Richtung fort, bergauf und bergab, doch gab es dabei keine Schwierigkeit, weil die Höhen weder sehr hoch noch auch sehr steil waren.

Sie zeichneten sich durch den gänzlichen Mangel der Vegetation aus. Die dritte Stunde war vorüber; wir hatten eine Kuppe erreicht und konnten das vor uns liegende Thal und den jenseits sich erhebenden Berg überblicken. Da sahen wir die Meltons deutlich vor uns. Sie hatten das Thal bereits hinter sich und ritten drüben die Berglehne hinan. Um ihnen, ehe sie uns bemerkten, möglichst nahe zu kommen, jagten wir im schnellsten Tempo ins Thal hinab. Sie konnten den Hufschlag unserer Pferde nicht hören. Doch drehte sich, als wir noch nicht unten angekommen waren, der eine von ihnen um. Er sah uns, machte seinen Bruder auf uns aufmerksam, und nun trieben sie ihre Pferde mit einer Schnelligkeit den Berg empor, daß Winnetou lächelnd sagte:

»Das werden ihre Pferde nicht lange aushalten. Diese Menschen sind uns sicher.« »Wie denkst du, daß wir uns ihrer bemächtigen?« fragte ich.

»Durch Drohung,« antwortete er. »Wir reiten ihnen so nahe, bis sie unsere Stimmen hören können, und gebieten ihnen, anzuhalten, abzusteigen und ihre Waffen abzulegen. Wenn sie nicht gehorchen, so müssen wir schießen. Wir werden sie nicht töten, sondern nur verwunden, denn wir wollen sie lebendig haben.«

»Wahrscheinlich werden sie, wenn sie uns nahe genug sehen, auch auf uns schießen wollen.«

»Dann werden wir schneller sein als sie und ihnen eine Kugel in den Arm geben.«

Er sprach so zuversichtlich, und doch sollte es anders kommen, als er dachte. Als wir auf der jenseitigen

Höhe anlangten, sahen wir die Meltons unten im Thale. Sie trieben ihre Pferde zur größten Eile an und sahen sich von Zeit zu Zeit nach uns um. So ging es bergauf und bergab, und so oft wir eine Höhe erreichten, bemerkten wir, daß wir ihnen wieder näher gekommen waren. Ihre Pferde begannen zu ermüden, während die unserigen noch nichts davon merken ließen.

Als wir uns abermals auf einer Kuppe befanden, sahen wir zwei Höhenzüge vor uns liegen, welche sich vor unsern Augen lang gegen West erstreckten. Zwischen ihnen lag ein schmales, ebenes und schnurgerades Thal, dessen Sohle stellenweise ganz mit Steintrümmern bedeckt war. Das Ganze hatte das Aussehen, als ob ein Geschlecht von Giganten hier einen riesigen Graben, einen Kanal gebaut hätte, der nun ausgetrocknet war. Auf diesen Kanal jagten die Meltons zu, und wir folgten ihnen. Die Hetze konnte höchstens noch eine Viertelstunde dauern.

Da geschah etwas, was uns vor Grauen die Haare emporziehen wollte. Die beiden Brüder, welche wir von hinten und in der Entfernung nicht zu unterscheiden vermochten, galoppierten über eine Stelle, in welcher Geröll und größere Steintrümmer lagen. Da stolperte das Pferd des einen und stürzte, den Reiter unter sich begrabend. Der andere sah es, hielt an und sprang ab, um trotz der Gefahr, welche jedes Verweilen mit sich brachte, dem Bruder aufzuhelfen. Später sahen wir, daß der Gestürzte Thomas Melton war.

Sein Bruder Harry wollte das Pferd aufzerren, brachte es aber nicht empor, weil es den Vorderfuß gebrochen hatte. Es gelang ihm nur, es zur Seite zu ziehen, wodurch Thomas frei wurde; dieser sprang auf, und wir sahen an ihren heftigen Gestikulationen, in welcher ungeheuren Aufregung sie sich befanden. Es war nur ein Pferd da; nur einer konnte auf demselben weiter fliehen; der andere mußte in kürzester Zeit von uns eingeholt werden.

»Zwei Reiter und ein Pferd! Wir haben sie sicher!« rief Winnetou.

Wir stürmten eng nebeneinander auf den Riesenkanal zu. Da geschah das Entsetzliche. Harry Melton, welchem das unverletzte Pferd gehörte, wollte es wieder besteigen; sein Bruder hinderte ihn daran; er wollte auch hinauf. Sie stritten sich um das Pferd, freilich nur wenige Augenblicke lang, denn das ganze, grausige Ereignis ging viel schneller vor sich, als man es zu erzählen vermag. Harry drängte seinen Bruder von sich ab und setzte den Fuß in den Steigbügel, um sich aufzuschwingen; da holte hinter ihm Thomas mit dem Gewehre aus und versetzte ihm einen solchen Kolbenhieb auf den Kopf, daß der Getroffene zu Boden stürzte. Wir sahen, daß der andere sich eine kurze Weile zu ihm niederbeugte, dann sich wieder aufrichtete, auf das Pferd sprang und fortgaloppierte. Was er im Niederbücken gethan hatte, konnten wir erst später sehen. Von dem Augenblicke an, in welchem das Pferd gestürzt war, bis zu demjenigen, in welchem Thomas Melton davonritt, waren nicht zwei Minuten vergangen, und in dieser kurzen Zeit war es uns nicht möglich gewesen, bis auf Schußweite heranzukommen.

Wir trieben unsere Pferde noch mehr an als bisher und kamen so bald an die Stelle, an welcher Harry Melton und das Pferd seines Bruders lagen. Letzteres schlug mit den drei gesunden Beinen um sich, gab sich alle Mühe, sich aufzurichten, fiel aber immer wieder nieder. Melton aber lag bewegungslos im Steingeröll.

Wir hielten an und stiegen ab. Er blutete aus einer tiefen Wunde in der linken oberen Brust. »Brudermörder!« rief der Apatsche grimmig aus.

»Ja, ein Brudermörder!« stimmte ich bei, indem ein Grauen mir durch und über den ganzen Körper zitterte. »Reiten wir weiter, um ihn zu fangen?«

»Nein. Er bleibt uns gewiß. Wir haben es hier wahrscheinlich mit einem Sterbenden zu thun; da müssen wir bleiben. Vielleicht ist er auch noch zu retten.«

Winnetou widersprach nicht, obgleich er einen sehnsüchtigen Blick vorwärts warf, wo der davoneilende Mörder noch deutlich zu sehen war. Wir rissen dem Verwundeten, der außerdem von dem Kolbenhiebe betäubt war, den Rock herunter und die Weste auf. Das unter derselben liegende Hemd war ganz mit Blut getränkt. Wir mußten die Weste auch entfernen und den ganzen Oberkörper entkleiden. Das Blut floß reichlich, doch nicht so stark, daß eine sehr schnelle Verblutung zu befürchten war.

Der Mann holte Atem; daß das Blut nicht stoßweise mit jedem Atemzuge aus der Wunde floß, war ein beruhigendes Zeichen. Wir versuchten, letztere zu verbinden, und waren nicht ganz ohne Erfolg dabei. Leider hatten wir kein Wasser.

Nun saßen wir lange Zeit bei Harry Melton, um auf sein Erwachen zu warten. Es verging lange Zeit, ehe er die Augen öffnete. Er griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und stierte uns ausdruckslos an. Dann schien ihm die Besinnung zu kommen; er erkannte uns, stieß einen Fluch aus und wollte aufspringen, sank aber gleich wieder nieder.

»Bleibt liegen, Master!« sagte ich. »Der Tod steckt Euch in der Brust, und je mehr Ihr Euch bewegt, desto schneller wird er mit Euch fertig.«

Er sah an sich herab, bemerkte das Blut, den notdürftigen Verband und fragte mit leiser, stockender Stimme:

»Blut - Blut - wo - woher?« »Aus Eurer Brust!« »Von - von wem?«

»Der Messerstich ist von Eurem Bruder.« »Von - von - von Thomas - von meinem Bruder!«

Er schloß die Augen, um den ungeheuerlichen Gedanken auszudenken; dann öffnete er sie wieder und ein wilder Grimm ging über sein noch immer diabolisch schönes Gesicht, als er zähneknirschend hervorstieß:

»Gott verdamme ihn, den Mörder, den Judas Ischariot! Er hat mich Euch ausgeliefert!«

»Das würde das Geringste noch sein. Wahrscheinlich hat er Euch nicht nur uns, sondern auch dem Tode ausgeliefert. Macht Eure Rechnung mit dem Leben!«

»Wo - ist er?«

»Fort, auf Eurem Pferde.«

»Ja, ja, jetzt weiß ich es. Sein Pferd stürzte, und ich stieg ab, ihm zu helfen. Er wollte dann auf dem meinigen fort; wir stritten uns, und ich stieg auf. Mehr weiß ich nicht.«

Er hatte das natürlich nicht hintereinander, sondern nur mit Unterbrechungen sagen können. Ich berichtigte ihn:

»Ihr seid nicht aufgestiegen; er hinderte Euch daran, indem er Euch mit dem Gewehrkolben niederschlug. Dann sahen wir, daß er sich auf Euch niederbückte; da hat er Euch das Messer in die Brust gestoßen.«

»Niederbückte?« fragte er und fügte dann schnell hinzu: »Wo ist mein Rock?« »Da liegt er.« »Gebt her, gebt her!«

Ich gab ihm denselben hin, der auch blutig war.

Er suchte mit zitternden Händen nach der Brusttasche. Es war nichts drin.

»Leer!« stöhnte er. »Leer! Er hat sie genommen!«

»Was?«

»Die Brieftasche mit dem Gelde! 0 der Judas, der Judas! Und ich bin sein Bruder!« »Wem gehörte das Geld?« »Mir, mir!«

»Aber es war gestohlenes, geraubtes?«

Er schwieg, und erst als ich meine Frage noch zweimal wiederholt hatte, antwortete er: »Das geht euch den Teufel an, ihr, ihr -!«

Er sah sein Messer, welches wir ihm aus dem Gürtel gezogen hatten, neben sich liegen, griff nach demselben und zückte es gegen mich. Es bedurfte trotz seiner Verwundung keiner kleinen Anstrengung, es ihm aus der Hand zu winden.

»Gebt Euch keine Mühe, uns von Eurer Gesinnung zu überzeugen,« sagte ich ihm; »wir kennen sie, auch ohne daß Ihr Euch vergeblich mit dem Messer bemüht.«

Das kurze Ringen mit mir hatte ihn angestrengt; das Blut floß stärker aus der Wunde; er schloß die Augen. Während ich mich bemühte, die Blutung zu stillen, sprach er wie abwesend, langsam, in Pausen und mit leiser Stimme:

»Gefangen - ergriffen! Winnetou - Shatterhand, die Hunde! - Beraubt - erstochen - von Thomas -verdammter Judas - verdammter Ischariot! O Rache, Rache - Rache!«

Er schien sich in einem halbwachen Zustande zu befinden, was ich benutzte, um vielleicht etwas zu erfahren, indem ich sagte:

»Er hat Euch Euern Anteil an Hunters Geld genommen, der Schurke!« »Ja - Hunters Geld!« nickte er, ohne die Augen zu öffnen. »Und er hatte doch ebensoviel!«

»Ja, gerade soviel!«

»Das übrige hat alles Jonathan!«

»Jonathan - - alles! Rache - - Rache!«

»Die wird ihm werden! Wir reiten ihm nach bis - -«

Ich wartete mit Spannung, was er sagen würde.

»Bis an den Flujo blanco - Whitefork -« hauchte er.

»Wo die Jüdin ihr Schloß hat?«

»Ihr Schloß - - ihr Pueblo.«

Dann riß er plötzlich die Augen auf, starrte mir ins Gesicht und schrie mich an:

»Wer bist du?«

»Ihr kennt mich doch!«

»Ja, ich - kenne Euch. Old Shatterhand - - Winnetou, die beiden Teufel - Teufel - Teufel! Was fragst du mich? Laßt mich in Ruh!«

»Ich denke, wir sollen Euch an Eurem Bruder rächen?«

»Rächen -! Ja - ja - ja! Jagt ihm nach - schießt ihn nieder -nehmt ihm das Geld, und bringt - -« Dann ballte er plötzlich beide Fäuste und fuhr fort:

»Nein, nein - ich sage nichts, gar nichts! Mag Thomas kommen! Ihr seid - seid - Ihr erfahrt nichts - nichts -nichts von mir! Geht in die Hölle - Hölle - Hölle!«

Er sank hintenüber und war still. Das Blut floß reichlicher; da er sich aber nicht mehr bewegte, gelang es uns, es abermals zu stillen. Er fiel in Schlaf.

Winnetou war bisher still gewesen; er ließ sein Auge forschend auf dem Gesichte des Schlafenden ruhen und sagte dann:

»Er wird diesen Ort hier nicht wieder verlassen.« »Dann wollen wir hoffen, daß er noch bereut, ehe er stirbt!«

»Möchte es bald zu Ende sein, damit wir aufbrechen können, um seinen Bruder zu verfolgen. Du hast Mitleid mit ihm?«

»Ja.«

»Er verdient es nicht. Er war schlimmer als ein Tier. Weit mehr Mitleid verdient das Pferd hier, welches nie gesündigt hat. Winnetou wird seinen Schmerzen ein Ende machen.«

Das Pferd mühte sich, vor Schmerz schnaubend, noch immer vergeblich ab, sich aufzurichten. Der Apatsche hielt ihm die Mündung seiner Silberbüchse an den Kopf, und gab ihm die erlösende Kugel. Als der Schuß krachte, fuhr Melton mit dem Oberkörper empor, blickte erschrocken und mit weitaufgerissenen Augen umher und fragte:

»Wer hat geschossen? Galt das dem - dem - -«

Ohne die Frage ganz auszusprechen, sank er wieder nieder und blieb nun stundenlang so liegen. Zuweilen flüsterte er etwas, was wir nicht verstehen konnten. Diese äußerliche Ruhe schien Schlaf zu sein, war es aber nicht. Seine Seele war wach; das sahen wir an den verschiedensten Ausdrücken, welche unaufhörlich über sein Gesicht glitten.

»Jetzt wissen wir genau, wo das "Schloß" der Jüdin liegt,« bemerkte ich zu Winnetou. »Ja, am Flujo blanco; er hat es verraten.« »Kennt mein Bruder diesen Fluß?«

»Ich war nicht dort, aber in der Nähe und werde ihn sehr leicht finden. Er kommt von der Sierra Blanca herab und wird von den Yankees White-Fork genannt.«

Um die Mittagszeit kam Emery mit Vogel nach. Als der Abend angebrochen war, kam das Ende. Melton sprang mit einem Male auf, stieß den Namen seines Bruders mit Verwünschungen aus, welche man unmöglich niederschreiben kann, und fiel dann tot zu Boden. Sein Ende war schmerzloser, als er es verdient hatte; leider aber hatte für seine Seele nichts geschehen können. Am nächsten Morgen begruben wir ihn unter Steinen, die seinen Körper vor den Schnäbeln und Fängen der Geier schützten. Dann verließen wir den traurigen Ort. -

Viertes Kapitel.

Im Pueblo.

Es wäre unnütz und auch Zeitverschwendung gewesen, wenn wir jetzt noch den Spuren Thomas Meltons hätten folgen wollen. Es stand fest, daß er sich jetzt auf dem kürzesten Wege zu seinem Sohne befand, darum wendeten wir uns südwestlich, um den Umweg, welchen wir gestern hatten machen müssen, einzuholen. Diese Richtung führte uns zwischen der Sierra Madre und den Zunibergen hindurch.

Sonderbar! Als wir die Berge hinter uns hatten, gab es sofort eine ganz andere Witterung als bisher. Der ewig heitere Himmel umzog sich täglich einigemale mit schweren, dunklen Wolken, und sandte einen heftigen Gewitterregen herab, um sich schnell wieder aufzuklären. Wir befanden uns im Quellgebiete des kleinen Colorado, in welcher Gegend um diese Jahreszeit solche heftige Regen mit heiterem Himmel täglich wiederholt abwechseln. Dies war uns in einer Beziehung lieb, in der andern aber nicht. Die Feuchtigkeit lockte ein lebhaftes Grün hervor; es gab überall Wasser und genug Futter für die Pferde; aber unsere Kleider wurden Tag und Nacht nicht trocken, und ein solcher Zustand konnte so plötzlich nach der großen Hitze, welche wir hinter uns hatten, für unsere Gesundheit gefährlich werden. Wir waren, Vogel natürlich ausgenommen, gewohnt, bei größter Hitze oder Kälte im Freien zu kampieren; jetzt aber wäre uns ein trockenes Obdach des Abends recht willkommen gewesen.

Gegen Abend des dritten Tages nach dem Tode Harry Meltons erklärte uns Winnetou, daß wir morgen in der Nähe des Flujo blanco ankommen würden. Es regnete heftig; das war kein Regen mehr, sondern ein herabstürzender See, welcher einen beinahe vorn Pferde herunterschlug. Es that mir nur leid um den armen Franz Vogel, welcher so etwas nicht gewohnt war und die Unbilden dieses Wetters doch mit möglichster Ergebung zu tragen versuchte.

Wir befanden uns in einer Gegend, in der es hier und da ganze Gruppen von Bäumen und Sträuchern gab, was auf Quellen und Wasserläufe schließen ließ. Südlich von uns lag die Sierra Blanca, welche wir freilich in dem Regen nicht sehen konnten.

Dann waren die Wolken wie weggeblasen, und der blaue Himmel lachte über uns, aber freilich auf wie lange! Jetzt hatten wir wieder freie Aussicht. Droben auf der Sierra schien es fortzuregnen; je weiter herunter aber, desto klarer und durchsichtiger war die Luft. Hatte man noch vor nur fünf Minuten keine zehn Schritte weit durch den Regen zu sehen vermocht, so konnte man jetzt - ah, sogar den Mann sehen, welcher da oben auf der Höhe stand, auf welche wir zuritten. Da oben war es kahl; es gab keinen Baum. Der Mann mußte schon im Regen da oben gestanden haben und demselben ganz schutzlos preisgegeben gewesen sein. Jetzt bewegte er sich. Er kam herabgestiegen und erreichte den Fuß des Berges gerade, als wir dort vorüber wollten. Er war ein Indianer in den mittleren Jahren, halb in Leder, halb in Callico gekleidet und machte in der Freundlichkeit, mit welcher er uns grüßte, einen gar nicht üblen Eindruck. Waffen hatte er nicht bei sich. Er betrachtete uns mit neugierigen Blicken und schien gar zu gern mit uns sprechen zu wollen. Darum fragte ich ihn:

»Zu welchem Stamme gehört mein roter Bruder?«

»Ich bin ein Zuni,« antwortete er. »Woher kommt mein weißer Bruder?«

»Von Acoma herüber.«

»Und wo will er hin?«

»An den Colorado und dann noch weiter. Ist mein Bruder in der Gegend bekannt?« »Ja. Ich wohne hier in der Nähe mit meinem Weibe.«

»Giebt es vielleicht einen Ort, an welchem man die Nacht lagern kann, ohne vom Regen weggespült zu werden?«

»Es giebt einen, und wenn es meinen Brüdern recht ist, will ich sie in das Haus, in welchem ich wohne, führen.«

»Ah, es giebt hier ein Haus?«

»Ja. Meine Brüder mögen kommen und es sich ansehen. Wenn es ihnen gefällt, können sie bei mir bleiben. Kein Regen dringt durch die Decke, und das Feuer brennt während der ganzen Nacht.«

Er schritt uns voran, und wir folgten ihm.

»Ein Zuni? Was sind das für Leute?« fragte mich Emery. »Bist du schon einmal mit einem oder mehreren von ihnen zusammengekommen?«

»Ja. Die Zuni sind die zahlreichsten unter allen Puebloindianern, und haben früher gar keine unbedeutende Rolle gespielt. Sie sind friedliebend und gelten für begabter, als die andern Pueblos.«

»Der Mann sieht nicht verdächtig aus. Ich bin neugierig, was das für ein Bauwerk ist, welches er als sein "Haus" bezeichnet. Es wäre gar nicht übel, wenn wir eine Nacht unter Dach und Fach zubringen und dabei unsere Kleider einmal trocknen könnten.«

Der Zuni führte uns über eine große Grasfläche, durch welche sich ein schmaler Bach schlängelte. Am Ende derselben stand das »Haus«, ein großer Mauerwürfel, in welchem es nur eine einzige Oeffnung gab, durch die man in das Innere gelangen konnte. Die Mauern bestanden aus Lehm, aus weiter nichts, das Dach aus Schilf, welches außen und innen auch mit Lehm beworfen war. Die vier Wände umschlossen einen einzigen Raum, welcher allen Zwecken zu dienen schien. In einem Winkel lagen verschiedene Früchte als Erträgnisse der Bodenarbeit des Indianers. In der andern Ecke befand sich eine Lagerstätte, welche aus Laub und Fellen bestand. In der Mitte der Hinterwand, der Thür gegenüber, stand ein Herd, eine einfache Erhöhung des Fußbodens, welcher auch aus Lehm bestand. Daneben lag Vorrat von Holz, das zum Gebrauche zugerichtet war. Die Thüröffnung konnte mit Hilfe einiger Felle verhangen werden. Das Interessanteste für uns waren große Stücke geräucherten Wildpretes, welche an der Decke hingen. Der Zuniindianer war wahrscheinlich ein großer Jäger vor dem Herrn.

Als wir in das Haus traten, erhob sich von dem Lager eine Frau, welche uns neugierig anschaute und sich dann entfernte, ohne sich zunächst wieder sehen zu lassen.

»Dies ist mein Haus,« sagte der Indianer. »Wenn es meinen Brüdern gefällt, mögen sie bleiben, solange es ihnen beliebt.«

Ein Blick Winnetous belehrte mich, daß er nichts dagegen habe, hier zu bleiben; darum antwortete ich dem Zuni:

»Wenn uns mein Bruder ein Feuer anbrennen lassen will, damit wir unsere Kleider trocknen können, werden wir bei ihm bleiben.«

»Das Feuer wird sofort brennen.«

Er kauerte sich an den Herd nieder, um anzuzünden, was mich einigermaßen wunderte, weil er doch eine Frau besaß, welche diese Arbeit übernehmen konnte. Gewöhnlich ist ein Indianer zu stolz für solche Beschäftigungen.

Für die Pferde gab es draußen einen eingepfählten Raum, in welchen wir sie trieben, nachdem wir ihnen die Sättel abgenommen hatten; die letzteren sollten uns als Kopfkissen dienen. Während der Zuni Feuer machte, erkundigte ich mich bei ihm:

»Wie lange wohnt mein Bruder schon in dieser Gegend?«

»So lange ich lebe,« antwortete er.

»So kennt er auch das Wasser, welches Flujo blanco genannt wird?« »Ja, es ist nicht weit von hier.« »Ob dort wohl Menschen wohnen?«

Diese Frage hatte für uns die größte Wichtigkeit, und ich war neugierig, was und wie er darauf antworten würde. Er entgegnete ganz unbefangen.

»Ja, es giebt dort rote und weiße Menschen.« »Seit wann?«

»Seit mehreren Jahren.« »Befindet sich etwa ein Pueblo dort?«

»Ja, ein Pueblo, welches seit undenklichen Zeiten den Zunis gehörte. Da kamen einst mehrere Indianer aus Mexiko, aus der Sonora herüber, als die Gegend noch zu Mexiko gehörte; sie fanden Gold an dem Wasser und kauften den Zunis das Pueblo ab. Die Bezahlung bestand in Waffen, welche sie später brachten. Seitdem gehörte das Pueblo einem Häuptling der Yumaindianer. Vor einigen Jahren kam der Enkel desselben an das Wasser. Er brachte eine sehr schöne weiße Squaw und mehrere Krieger und deren Frauen und Kinder mit. Sie wohnten in dem Pueblo. Der Häuptling ging mit seiner Frau oft fort, nach der großen Stadt, welche Frisko heißt, und kam nur selten einmal zurück. Dann starb er, und ich sah seine weiße Squaw eine lange Zeit nicht mehr. Seit einigen Tagen aber ist sie wieder dort mit einem weißen Mann.«

»Kamen sie geritten?«

»Gefahren. Sie saßen in einer alten Postkutsche. Ein Kutscher war dabei und ein Führer aus Albuquerque, welcher auf seinem Pferde nebenher ritt. Gestern in der Nacht kam noch ein Weißer. Ich habe gehört, daß er der Vater des Weißen ist, den die Squaw mitgebracht hat.«

»Von wem erfuhrst du das?«

»Von ihm selbst.«

»Wann?«

»Als er bei mir einkehrte.«

»Hm! Er kam mitten in der Nacht und ist bei dir eingekehrt? Das ist doch seltsam! Wer dein Haus des Nachts findet, muß es genau kennen. Ist er denn schon früher bei dir gewesen?«

»Nein. Aber mein Feuer brannte, und ich hatte die Thür offen; da leuchtete es weit in die Gegend hinaus; er sah es und kam herbei, um mich nach dem Pueblo zu fragen. Er wartete bei mir, und als es Tag geworden war, habe ich ihn hingeführt.«

»Wie weit ist es bis dorthin?«

»Wer schnell reitet, der kommt in zwei Stunden hin.«

»So bist du also befreundet mit den Weißen und Roten, die dort wohnen?«

»Ja.«

»Hat man dir denn nicht gesagt, daß wir kommen würden?« »Nein. Ihr wollt auch hin?«

»Ja. Würdest du uns den Weg zeigen, wenn es morgen früh hell geworden ist?«

»Gern.« »Ist er schwierig zu finden?«

»Wer den Ort nicht genau kennt, der reitet am Eingange zum Pueblo vorüber, ohne etwas zu bemerken. Der Flujo fließt durch ein Thal, welches dort von sehr steilen und sehr hohen Felsenwänden eingeschlossen ist. Auf der linken Seite des Flusses sind die Felsen ein klein wenig auseinandergetreten, und dadurch wurde ein enger Gang gebildet, welcher nach dem Pueblo führt.«

»Wir möchten die Bewohner desselben überraschen. Sie wissen zwar, daß wir kommen, aber nicht wann. Könntest du uns hinbringen, ohne daß wir unterwegs bemerkt werden?«

»Sehr leicht. Ich werde euch so leiten, daß kein Mensch euch sehen kann.«

»Ist das Pueblo groß?«

»Nein, aber außerordentlich fest und sicher. Kein Feind könnte es ersteigen, wenn die Bewohner sich verteidigen. Wenn man von dem Flusse aus durch den engen Weg geht, gelangt man in ein weites, rundes Loch, welches rings von Felsen umgeben ist, die so steil sind, daß kein Mensch hinangelangen kann. Der Boden des Loches ist grün; es stehen da viele Bäume, Sträucher und andere

Pflanzen. Da können die Pferde weiden, und da bauen die Yumaindianer ihre Kürbisse, Zwiebeln und andere Früchte, welche sie brauchen. Ganz vorn, gerade da, wo der Weg in das Loch mündet, ist das Pueblo an dem Felsen emporgebaut. Es ist schmal, aber sehr hoch, obgleich es nicht ganz bis zur Zinne der Felsen reicht. Da wohnte die weiße Squaw mit ihrem Yumahäuptlinge, und da wohnt sie jetzt wieder mit dem Weißen und seinem Vater.«

Das erzählte der Mann in aller Aufrichtigkeit. Es war klar, daß er uns nicht für Feinde der Bewohner des Pueblo hielt, sonst hätte er sich wohl gehütet, so offen mit uns zu sein. Am wenigsten aber hätte er uns die Oertlichkeit so genau beschrieben. Es war also meines Erachtens nach kein Grund vorhanden, Mißtrauen gegen ihn zu heben, und Winnetou war auch meiner Ansicht; das ersah ich aus seiner Miene, ohne daß ich ihn zu fragen und er es mir besonders zu sagen brauchte.

Und dennoch war ich von diesem Zuniindianer nicht vollständig befriedigt. Ich vermochte mir freilich nicht gleich zu sagen, warum; aber als ich länger darüber nachdachte und ihn weiter beobachtete, kam ich auf den Grund des Argwohnes, der trotz alledem in mir lag. Es war die große Freundlichkeit, welche er gegen uns zeigte. Der Indianer ist in jeder Beziehung zurückhaltend; ganz besonders aber zeigt er sich gegen Fremde erst dann wohlwollend, wenn er sie näher kennen gelernt hat. Von dem Zuni aber wurden wir wie alte, liebe Bekannte behandelt, und er war von einer geradezu erstaunlichen Aufrichtigkeit gegen uns. Er hatte mit der Jüdin und den Meltons gesprochen; sollten ihm diese denn wirklich nicht gesagt haben, daß von ihrem Hiersein möglichst niemand etwas erfahren solle?

Dazu kam noch ein Zweites. Sein Weib hatte das Haus verlassen und war nicht wiedergekommen. Draußen donnerte und blitzte es wieder, und der Regen strömte abermals, wie aus Schüsseln gegossen, herab. Was that die Frau in diesem Wetter draußen? Die Ursache, die sie im Freien hielt, mußte eine sehr wichtige sein, besonders da ihr Mann Arbeiten verrichtete, die sonst der Squaw obzuliegen pflegen.

Zu diesen Arbeiten gehörte auch die Speisung seiner Gäste. Er spendete uns aus seinem Vorrate ein geräuchertes Wildviertel, welches er für uns zerlegte, ohne aber mitzuessen. Als wir ihn dazu aufforderten, erklärte er, kurz vorher gegessen zu haben.

Das glaubte ich ihm nicht. Er hatte da oben auf dem Berge gestanden, im strömenden Regen, wie ein Wächter, der seinen Posten nicht verlassen darf. Als er uns gesehen hatte, war er heruntergekommen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto auffälliger kam mir dieser Umstand vor. Es war ja beinahe so, als ob er von da oben aus nach uns ausgeschaut hätte! Kurz und gut, ich nahm mir vor, vorsichtig zu sein. Ich trug infolgedessen die Gewehre, welche wir abgelegt hatten, in den einen Winkel und legte auch die Sättel da nieder. Als Winnetou dies sah, zog er seine Brauen ein ganz klein wenig empor. Das war nach seiner Weise gerade Soviel, als ob er zu mir gesagt hätte: »Warum das? Hegst du etwa Verdacht? Nun, da wollen wir uns freilich vorsehen.«

Der Zuni hatte auch Waffen, nämlich eine Flinte, welche aber nicht viel zu taugen schien, und einen Bogen mit Köcher und Pfeilen. Diese Gegenstände hingen an einem Pflocke, welcher in die Wand geschlagen war. Während wir aßen, hockte er nach Indianerart in unserer

Nähe und schien sich darüber zu freuen, daß es uns so vortrefflich schmeckte. Wir fragten ihn nach dem Wildreichtum der Gegend, und da klagte er über die Gilenno-Apatschen, welche oft herüberkämen und dann alles Wild vertilgten.

»Diese Hunde haben hier nichts zu suchen!« sagte er. »Warum bleiben sie nicht drüben auf dem Gebiete, welches ihnen niemand streitig macht! Ich hasse überhaupt alle Apatschen.«

»Alle! Warum? Man hat doch nie gehört, daß die Zunis Krieg gegen sie geführt haben!«

»Weil wir zu schwach gegen sie sind. Sie nehmen uns weg, was uns gehört, ohne daß wir uns wehren können. Sie sind alle Diebe und Räuber, welche man von der Erde vertilgen sollte!«

»Alle? Es giebt viele wackere und berühmte Männer unter ihnen!«

»Das glaube ich nicht. Mein Bruder mag mir doch einmal einen nennen!«

»Nun zum Beispiel Winnetou!«

»Schweig auch von diesem! Wenn ich euch morgen nach dem Pueblo bringe, werdet ihr von den dortigen Yumaindianern hören, was für ein räudiger Schakal er ist.«

»Ist er denn jemals ein Feind der Yumas gewesen?«

»Stets! Einmal aber hat er sie in so große Verluste gebracht, daß sie es ihm nie vergessen werden. Wehe ihm, wenn er einmal in ihre Hände fiele!«

»Große Verluste? Wie ist das gewesen?«

»Sie hatten eine Hazienda überfallen und kostbaren Raub davongetragen; um diesen hat er sie gebracht. Und dann standen ihre Krieger bei einem alten Bergwerke, in welchem fremde Bleichgesichter arbeiten sollten. An dem

Ertrage hatten auch die Yumas teil; Winnetou aber hat sie auch darum betrogen.«

»Wie ist das möglich? Er ist doch ein einzelner Mann. Wie kann er einem ganzen Stamme solchen Schaden zufügen?«

»Er war nicht allein, sondern es befand sich ein zweiter bei ihm, welcher noch viel, viel schlimmer ist als der Häuptling der Apatschen, ein Bleichgesicht, Old Shatterhand geheißen.«

»Hm, der Westmann! Da besinne ich mich. Wenn ich mich nicht irre, habe ich von dieser Angelegenheit gehört. War es nicht die Hazienda del Arroyo, und das Bergwerk hieß Almaden alto, um welche es sich damals handelte?«

»Hatten denn die Yumas Ursache, die Hazienda zu überfallen, auszurauben und in Brand zu stecken?« »Das - das weiß ich nicht,« antwortete er verlegen.

»Es ist nur die Raublust gewesen; ich weiß es gewiß. Und bei dem Bergwerke handelte es sich um ein noch größeres Verbrechen.«

»Das ist nicht wahr!«

»Doch! Man hatte eine große Anzahl von Bleichgesichtern ins Land gelockt und sperrte sie in das Quecksilberbergwerk ein. In demselben sollten sie als Gefangene ohne Lohn arbeiten, bis ein qualvoller Tod sie von ihren Leiden erlöste.«

»Was ging das Winnetou und Old Shatterhand an?«

»Die armen Menschen waren Landsleute von Old Shatterhand; darum errettete er sie.«

»Und trat dabei als Feind der Yumas auf! Wunderst du dich nun noch darüber, daß sie ihn und Winnetou hassen?«

»Ja, denn wenn ich mich recht erinnere, haben die beiden Männer dann Frieden mit den Yumas geschlossen.«

»Der gilt nichts mehr. Ich sage nochmals, wehe ihnen, wenn sie den Yumas einmal in die Hände fallen sollten!«

Der Zuni sprach jetzt, ganz entgegengesetzt von seiner vorherigen Freundlichkeit, mit einer Erbitterung, welche mir unerklärlich war. Darum sagte ich:

»Du scheinst ein sehr guter Freund der Yumas zu sein, denn du sprichst gerade so zornig, als ob du selbst einer wärst.

Ach bin ihr Freund, und ihre Feinde sind auch die meinigen!« gestand er ein.

»Du scheinst aber von ihnen falsch unterrichtet worden zu sein. Winnetou und Old Shatterhand haben damals sehr mild gegen die Yumas gehandelt; sie haben die Roten mehreremale besiegt und ganz in ihrer Gewalt gehabt, sind aber trotzdem ungemein nachsichtig mit ihnen verfahren. Schweigen wir von der Sache!«

»Ja, schweigen wir, denn wenn ich daran denke, möchte ich den Apatschen und seinen weißen Freund nicht anders, als am Marterpfahle sehen!«

Er wendete sich von uns ab, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und starrte düster in das Feuer. Seine Freundlichkeit war zu Ende. Winnetou warf mir einen bezeichnenden Blick zu.

Hätte der Zuni gewußt, daß wir die beiden waren, die er so gern an dem Marterpfahle sehen wollte! Eigentlich war es auffällig, daß er nicht auf diesen Gedanken kam. Er mußte es doch dem Apatschen ansehen, daß er ein Indianer war. Warum fragte er ihn nicht, zu welchem Stamme er gehörte? Winnetou wäre viel zu stolz gewesen, seinen Namen zu verleugnen. Und dann die Silberbüchse und mein Henrystutzen! Jedermann kannte die beiden Gewehre, wenn auch nur vom Hörensagen. Dort lehnten sie in der Ecke, und der Schein des Feuers fiel hell auf sie. Wenn der Zuni nur einen Blick hinwarf, mußte er wissen oder wenigstens ahnen, wen er vor sich hatte. Der Mann wurde mir immer unbehaglicher.

Da endlich kam seine Frau wieder. Sie war so durchnäßt, daß ihre Kleider sich eng an ihren Körper legten. Ohne einen Blick auf uns zu werfen, ging sie an uns vorüber und nach dem Lager, auf welchem sie bei unserer Ankunft gesessen hatte; dort setzte sie sich wieder hin. Sie war nicht häßlich, hatte aber ein unstätes, verschüchtertes Wesen und schien mehr die Sklavin ihres Mannes zu sein.

»Wo mag sich das arme Weib in solchem Wetter herumgetrieben haben!« meinte Emery in deutscher Sprache, da es möglich war, daß der Zuni ein wenig englisch verstand. »Welchen Grund kann es geben, jetzt da hinaus zu gehen und stundenlang draußen zu bleiben!«

»Einen sehr triftigen,« antwortete ich. »Wie weit, sagte vorhin der Zuni, daß es nach dem Flujo blanco sei?«

»Zwei Stunden zu reiten.«

»Und wie lange ist die Frau ungefähr abwesend gewesen?«

»Gewiß über vier Stunden, und - ah, meinst du etwa, daß sie bei den Meltons gewesen ist?«

»Ich halte es für sehr möglich, um unsere Ankunft zu melden.«

»Deinen Scharfsinn sonst in allen Ehren, Charley, diesmal aber verrechnest du dich!«

»Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Ich möchte behaupten, daß der Zuni uns sofort erkannt hat, als er uns kommen sah, und daß seine Freundlichkeit nur Maske war.«

»Das wäre! Wenn du recht hättest, könnte es für uns unangenehm werden! Wir sollen hier abgefangen werden?«

»Wahrscheinlich.«

»Dann müssen wir augenblicklich fort!« »Nein, wir bleiben!«

»Mensch, willst du dich hier ergreifen lassen?« »Nein.«

»Aber dies wird ganz gewiß geschehen, wenn du wartest, bis sie kommen!«

»Zu warten brauchen wir nicht, denn sie sind, wenn ich mich nicht überhaupt irre, jedenfalls schon da.« »Meinst du?«

»Ja. Sie sind wahrscheinlich gleich mit der Frau gekommen.« »Und stehen draußen?«

»Wetter! Und wir sitzen hier bei offener Thür am hellen Feuer! Einige Schüsse, und man ist mit uns fertig!«

»Keine Sorge! Die Meltons wollen uns lebendig haben, und werden uns darum nicht bekommen!«

Um für den Notfall gleich einige Kugeln versenden ZU können, ging ich nach der Ecke und holte meinen Stutzen. Bei dieser Gelegenheit trat ich auch an die Thür und zog die Felle so vor, daß nur ein schmaler Streifen offen blieb, durch welchen der Rauch abziehen konnte. Nun war es unmöglich, uns von draußen am Feuer sitzen zu sehen. Damit war aber der Zuni nicht zufrieden.

»Warum verschließest du die Thür?« fragte er mich. »Willst du, daß wir hier ersticken?«

»Der Rauch zieht auch jetzt noch ab; kein Mensch erstickt, antwortete ich.

»Aber die Thür muß offen sein!«

Er stand auf.

»Ich bitte dich, sie zuzulassen, weil man uns von draußen sehen kann.« »Wer soll draußen sein!« »Vielleicht weißt du es.«

»Es ist niemand da, und die Thür wird wieder geöffnet!«

Er wollte hingehen, um die Felle zu entfernen. Diese Hartnäckigkeit ließ meine Vermutung als Gewißheit erscheinen.

»Bleib stehen, sonst schieße ich!« rief ich ihm zu, indem ich den Stutzen auf ihn anlegte.

Er drehte sich herum zu mir und erschrak, als er das Gewehr auf sich gerichtet sah.

»Du willst auf mich schießen?« rief er aus.

»Ja, wenn du dich nicht sofort hin zu deiner Squaw setzest.«

»Warum dorthin?«

»Frage nicht, sondern gehorche!«

»Das Haus gehört mir und nicht euch!«

»In diesem Augenblicke ist es unser. Es kommt ganz auf dich an, ob es dir wieder gehören wird.«

»Ihr seid meine Gäste; ich habe euch zu mir gebracht. Behandelt man seinen Wirt in dieser Weise?«

»Ja, weil er uns nur eingeladen hat, um uns zu verderben. Also setze dich augenblicklich, wenn du nicht eine Kugel haben willst!«

Er that, als ob er gehorchen wolle, und näherte sich dabei der Stelle, an welcher seine Flinte hing. Ich stand schnell auf, stellte mich vor dieselbe, deutete nach dem Lager und sagte:

»Nicht hierher, sondern dorthin sollst du gehen. Und nun mache schnell, sonst ist's mit meiner Geduld zu Ende!«

Er stand vor mir und blitzte mich wütend mit seinen dunklen Augen an.

»Schnell!« wiederholte ich. »Ich bin Old Shatterhand und hier sitzt Winnetou, von denen du vorhin gesprochen hast. Du willst uns nur am Marterpfahle sehen, wirst uns aber wohl auch so betrachten müssen!«

Da ließ er ein verächtliches Lachen hören und sagte:

»Glaubst du, daß ich über eure Namen erschrecken soll? Das fällt mir nicht ein! Ich habe schon, als ich euch kommen sah, gewußt, wer ihr seid!«

»Dachte es!«

»Ihr kamt hierher, um zu töten, seid aber selbst dem Tode in die Arme gelaufen. Weißt du, wer ich bin?« »Nun?«

»Kein Zuni, sondern einer jener Yumakrieger, welche mit ihrem Häuptlinge und seiner weißen Squaw hierhergezogen sind. Heute wirst du die Rache für die Hazienda del Arroyo und für Almaden alto erfahren!«

Er wendete sich von mir und schritt nach dem Lager zu, machte aber plötzlich eine Wendung und sprang, den Fellvorhang beiseite schiebend, zur Thür hinaus. Ich hätte ihn durch einen Schuß daran hindern können, wollte dies aber nicht gern thun. Seine Frau richtete sich langsam auf; wir sollten es nicht bemerken. Sie wollte auch plötzlich fortspringen. Da fragte ich sie:

»Sehnst du dich vielleicht nach deinem Manne?«

Sie antwortete nicht.

»Wenn du ihm folgen willst, so thue es; wir halten dich nicht.« Sie sah mir mit ungewissem Blicke ins Gesicht und fragte: »Was werdet ihr mit mir thun, wenn ich lieber bleibe?«

»Nichts, wir kämpfen nicht mit Frauen. Bleib also getrost sitzen und thue, was dir gefällt; nur darfst du uns auch nicht stören in dem, was wir thun werden.«

»Sennor, du bist gut! Ich werde hier bleiben und nichts thun, was euch mißfallen kann.«

Nachdem wir den verschobenen Thürvorhang wieder zugezogen hatten, versahen sich auch die andern drei mit ihren Gewehren. Ich setzte mich wieder an das Feuer. Emery und Winnetou folgten meinem Beispiele; Vogel aber sagte in ängstlichem Tone:

»Um des Himmels willen, setzen Sie sich doch nicht wieder dorthin!«

»Warum nicht?« fragte ich.

»Weil man dort von den Kugeln, die durch die Thür kommen, getroffen wird! Die Feinde schleichen sich an die Thür und sehen unter dem Vorhange herein.«

»Das gerade ist's, was wir wollen.«

»Daß sie dann schießen?«

»Dazu kommen sie nicht. Wir sind schneller als sie. Wenn wir uns hinter die Wand versteckten, könnten sie uns nicht sehen und würden also auch nicht zu schießen versuchen; wir kämen also um das Vergnügen, ihnen eine Lehre zu geben. Setzen Sie sich nur getrost mit her! Sie haben nichts zu fürchten. Sie können sich auf unsere Augen verlassen, nur müssen Sie sich hüten, selbst auch die Thür zu beobachten. Die Kerle da draußen würden dies bemerken. Blicken Sie also überall hin, nur nicht nach der Thür!«

»Aber wenn sie nun auf den Gedanken kommen, das Haus zu stürmen?«

»Wie wollen sie das anfangen?«

»Indem sie sich plötzlich zur Thür hereinstürzen.«

»Das werden sie bleiben lassen! Sie wissen genau, daß in diesem Falle alle unsere Gewehre auf sie gerichtet sein würden. Dem Schnellfeuer meines Stutzens entkäme keiner von ihnen. Sie sind auch gar nicht so zahlreich, daß sie sich nicht zu schonen brauchten.«

Er setzte sich nieder, mit dem Rücken nach der Thür gerichtet, zog aber von Zeit zu Zeit ganz unwillkürlich die Schultern in die Höhe; es war ihm jedenfalls ganz so zu Mute, als ob er jeden Augenblick von draußen eine Kugel zu erwarten habe. Wir unterhielten uns mit Absicht laut, um die draußen über unsere Wachsamkeit zu täuschen. Scheinbar uns gar nicht um den Fellvorhang bekümmernd, hatten wir denselben aber dennoch scharf im Auge. Er wurde zuweilen von dem draußen gehenden Winde hin und her bewegt; das machte unsere Beobachtung natürlich schwer.

Da sah ich zwischen seinem untern Rande und dem Erdboden die Mündung eines Gewehres erscheinen; sie wurde höchstens zwei Zoll weit hereingesteckt; da flog aber auch schon die Silberbüchse an Winnetous Wange; sein Schuß krachte und draußen erscholl ein Schrei. Die Gewehrmündung wurde zurückgezogen.

»Der das versucht hat, kommt nicht wieder,« lachte Emery. »Die Kerle sind wirklich Prügel wert! Uns hier fangen zu wollen!«

»Meinen Sie, daß ihnen dies nicht gelingt?« fragte Vogel.

»Keine Rede davon! Wir brauchen uns nur an die Thür zu legen und das Feuer ausgehen zu lassen, daß sie uns nicht sehen können, so putzen wir einen nach dem andern von ihnen weg.«

»Noch besser ist's, wir steigen auf das Dach,« bemerkte ich. »Da haben wir Aussicht nach allen Seiten.«

Winnetou nickte. Die Decke war nicht mehr als fünf Ellen hoch. Man konnte, um die unserigen zu schonen, mit der Flinte des Indianers ein Loch hineinstoßen. Doch mußten wir vorher das Feuer ausgehen lassen, sonst hätte dasselbe zum Loch hinausgeleuchtet und unsere Absicht verraten. Als es nicht mehr brannte, nahm Emery die Flinte von der Wand und begann zu arbeiten. Winnetou sollte ihm helfen, ihn ablösen. Ich

ging zur Thür, um etwaige Ueberraschungen fernzuhalten.

Ich lag auf dem Boden und schob den Kopf langsam zwischen der Mauer und dem Ledervorhange hinaus. Vor der Thür war niemand. Ich blickte nach rechts, an der äußeren Mauer hin - niemand war zu sehen! Nach links - - ah, da kam einer geschlichen, langsam, leise, nach echter Indianerweise. Ich wartete, bis er nur noch drei Fuß von der Thür entfernt war, fuhr dann blitzschnell hinaus, nahm ihn mit der linken Hand bei der Brust, gab ihm mit der Rechten acht, zehn, zwölf schallende Ohrfeigen rechts und links und schleuderte ihn dann weit fort, wo er zu Boden flog. Es war ein Indianer; er hatte sein Gewehr, welches er in der Hand hielt, fallen lassen; ich hob es auf und nahm es mit ins Haus. Der Mann kam gewiß auch nicht sogleich wieder. Hätte es sich nicht um mehr gehandelt, so wäre mir die Ohrfeigenscene höchst spaßhaft erschienen. Uebrigens hatte es aufgehört, zu regnen, und der Himmel begann, sich wieder aufzuklären. Nach kurzer Zeit war in der

Decke ein so großes Loch entstanden, daß wir durchsteigen konnten. Wir drei andern kamen von Emerys Schultern leicht auf das Dach, und der letztere wurde dann heraufgezogen. Natürlich standen wir nicht aufrecht da oben, sondern bewegten uns nur kriechend, sonst wären wir beim Scheine der jetzt wieder sichtbaren Sterne bemerkt worden. Wir verteilten uns. Ich nahm die vordere, Winnetou die hintere, Emery die rechte und Vogel die linke Giebelseite des Hauses.

Als ich mich vor die Kante geschoben hatte und da hinabblickte, sah ich fast gerade unter mir zwei Kerle stehen. Um ihnen nicht lebensgefährlich zu werden, schickte ich ihnen nur zwei Revolverschüsse hinab. Sie schrieen vor Schreck über den unerwarteten Angriff laut auf und rannten eiligst davon. Auf der hintern Seite fiel jetzt ein Schuß aus Winnetous Silberbüchse, und dann ertönte seine sonore Stimme durch die Nacht:

»Fort von den Pferden, sonst trifft der nächste Schuß gerade in den Kopf!«

Da hinten lag nämlich am Hause der eingefriedigte Platz, auf welchem wir unsere Pferde untergebracht hatten. Eben als der Apatsche seine Wache begann, hatte man sie fortschaffen wollen. Auch auf den beiden andern Seiten wurde geschossen. Die Kerle schlichen eben um das ganze Haus herum; nun aber zogen sie sich so weit wie möglich von demselben zurück. Ihre Absicht, sich unser zu bemächtigen, war schmählich mißglückt. Es wagte sich keiner mehr heran, und als es Tag geworden war, ließ sich kein Mensch in der weiten Umgebung sehen.

Wir stiegen wieder hinab. Da lag die Frau noch da, wo sie gestern abend gelegen hatte. Sie schien mit keiner großen Zuneigung an ihrem Manne zu hangen. Winnetou ging zu ihr hin und fragte:

»Warum ist meine rote Schwester nicht hinaus zu ihrem Manne gegangen?«

»Weil sie nichts mehr von ihm wissen will,« antwortete sie. »Sennores, schenkt mir ein wenig Geld, damit ich zu meinem Stamme zurückkehren kann!«

»Du willst nach der Sonora hinab?« fragte ich erstaunt.

»Ja, Sennor.«

»Und wahrscheinlich ganz allein den weiten Weg mitten zwischen so viele fremde Stämme hindurch!« »Ich fürchte die Stämme nicht. Eine arme Squaw hat keinen Feind.«

»Das ist wahr. Kein Krieger wird dir ein Leid thun. Warum aber willst du denn fort von deinem Manne?« »Weil er mich gezwungen hat, unsern Stamm zu verlassen und mit hierher zu gehen. Ich habe die Eltern

und Brüder daheim, und hier sterbe ich vor Sehnsucht langsam hin.» »Ist dein Mann nicht freundlich mit dir?« »Er ist ein böser Mensch. Ich hasse ihn!«

»Gut! Wir werden dir soviel geben, daß du unterwegs überall bezahlen kannst, was du brauchst.«

Ich gab ihr, so viel ich konnte, Emery leistete das Zehnfache; Vogel spendete einige Dollars, und Winnetou langte ein Goldkorn aus seinem Gürtel, um es ihr zu schenken. Da rief sie aus:

»Sennores, ich danke euch! Ihr solltet hier euer Verderben finden und übt doch Barmherzigkeit an mir. Wie freue ich mich, daß der Anschlag gegen euch nicht gelungen ist!«

»Welche Absicht hatte man denn eigentlich?« erkundigte ich mich.

»Ihr solltet hier bei uns schlafen und im Schlafe ergriffen werden.«

»Von wem stammt der Plan?«

»Von den beiden Weißen, welche Vater und Sohn sind. Der Sohn kam zuerst mit der weißen Squaw hier an; er hat euch für tot gehalten; dann kam sein Vater und erzählte, ihr befändet euch hart hinter ihm und hättet seinen Bruder ermordet und ausgeraubt. Da mußten wir auf den Berg steigen, um nach euch auszuschauen und euch einzuladen, in unser Haus zu kommen. Als ihr angekommen waret, mußte ich trotz des Wetters nach dem Flujo blanco reiten, um die beiden Sennores dort zu benachrichtigen. Sie ritten sofort mit mir und nahmen alle ihre Krieger mit.«

»Konntest du uns nicht warnen?«

»Nein. Mußte ich euch nicht für böse Menschen halten? Aber als du so freundlich zu mir sprachest, erkannte ich, daß wir getäuscht worden waren. Nun habt ihr mich gar so reichlich beschenkt; ich wollte, ich könnte euch dankbar sein!«

»Das kannst du, wenn du uns die Auskunft erteilst, um welche wir dich bitten werden.« »Frage nur, Sennor! Ich werde dir gern alles sagen, was ich weiß.«

»Ich will dir vertrauen, denn dein Auge hat einen guten und ehrlichen Blick. Dein Mann hat uns gestern abend die Lage eures Pueblo beschrieben. Denkst du, daß er uns da nicht getäuscht, sondern die Wahrheit gesagt hat?«

»Er hat euch nicht belogen, denn es war ihm von dem Vater der weißen Sennores befohlen worden, die Wahrheit zu sagen.«

»Aber wir sollten doch hier in dem Hause festgehalten werden!«

»Das war der Anfang des Planes. Falls das nicht gelingen sollte, wollte man euch in eine zweite Schlinge locken.«

»Kennst du diese?«

»Ja, denn jeder und jede von uns mußte sie kennen, und alle waren froh, Rache wegen damals an euch nehmen zu können.«

»Hoffentlich werden wir von dir etwas über die Schlinge erfahren!«

»Ich sage es dir. Mein Mann mußte euch das Pueblo beschreiben, denn wenn der Anschlag hier Mißlang, wollte man euch dorthin locken.«

»Es bedarf keiner Lockung, denn wir sind fest entschlossen, das Pueblo unter allen Umständen aufzusuchen.«

»Das würde euer Ende sein, wenn ich euch jetzt nicht warnen könnte. Da ihr hier nicht überrumpelt worden seid, so werden alle unsere Leute, welche in der Nacht hier waren, nach dem Pueblo reiten und dabei recht deutliche Spuren machen, damit ihr den Weg leicht finden könnt. Es geht in das Thal des Flujo blanco hinab, über diesen hinüber und dann eine Strecke am linken Ufer hinauf, bis das Thal so eng wird, daß nur noch der Fluß und ein einziger Reiter Platz findet. Gerade an dieser Stelle öffnet sich der Felsen; ein schmaler Weg führt hinein und nach dem Pueblo; zu beiden Seiten sind hohe Felsen, welche kein Mensch erklettern kann. Da hinein will man euch haben. Die Hälfte unserer Leute erwartet euch in dem Felsenwege; die andere Hälfte hat sich unterwegs in einen Hinterhalt gelegt, um euch vorüberzulassen und dann zu folgen. Zwischen diese beiden Abteilungen sollt ihr kommen.«

»Kein übler Plan! Eine Felsenenge, die uns zwingt, einzeln hintereinander zu reiten, rechts und links senksenkrechte Felswände und vorn und hinten eine Feindesschar!«

»So ist es Sennor. Der Alte hat den Plan ausgedacht.«

»Wie gesagt, nicht übel; aber er hat einen Fehler oder gar gleich mehrere, denn wenn du uns auch nicht gewarnt hättest, würden wir in die Falle niemals gegangen sein. Wir lassen uns von diesem Alten nichts vormachen. Wenn er uns fangen will, muß er es listiger anfangen und nicht so plump wie hier. Sein erster Versuch ist mißglückt, auch ohne daß wir gewarnt worden sind; sein zweiter würde noch viel weniger gelingen. Also die eine Hälfte eurer Leute soll sich in einen Hinterhalt legen und uns vorüberlassen, während die andere Hälfte uns voran nach dem Pueblo reitet?«

»So ist es, Sennor.«

»Und dabei sollen auch noch deutliche Spuren gemacht werden? Meine Schwester mag glauben, daß wir nicht blind sind. Wir würden die Spuren zählen und sofort bemerken, daß die Hälfte derselben plötzlich fehlt. Ja, diese Hälfte würde nicht einmal fehlen; sie kann doch nicht in der Luft verschwinden; wir würden an der Fährte erkennen, daß eine Hälfte dahin und die andere dorthin geritten ist. Wir würden von den Pferden steigen, dem Hinterhalte heimlich folgen und ihn vernichten.«

»Aber wie wolltet ihr dann durch die Enge kommen?«

»Vielleicht gingen wir gar nicht hinein, und selbst wenn wir es thäten, hätten wir keine Feinde hinter uns, sonder nur vor uns. Die Feinde müßten ebenso einzeln hintereinander halten wie wir; es könnte also von jeder Seite nur der vorderste kämpfen, und da würde von euch wohl niemand übrig bleiben, um die Leichen eurer Gefallenen zu zählen.«

Ich sah, daß sie durch diese Darlegung in große Bestürzung geriet. Sie rief bittend aus:

»Sennor, thut dies nicht! Ich will nicht, daß durch meine Warnung unsere Leute getötet werden. Lieber würde ich mich selbst töten!« »Beruhige dich! Wir betrachten die Yumas nicht als unsere Feinde. Wir haben damals Frieden mit ihnen geschlossen und wollen an ihnen wie an Freunden handeln. Wenn es auf uns ankommt, wird keinem von euch ein Leid geschehen. Wir wollen nur die beiden Weißen haben, die euch doch gar nichts angehen; das ist alles. Wir werden versuchen, unsern Zweck durch List zu erreichen, so daß es gar nicht zum Kampfe kommt. Sag mir also, ist die Felsenenge der einzige Weg, welcher in das Pueblo und aus demselben herausführt?«

»Ja; es giebt keinen zweiten.«

»Kann man nicht die Felsen ersteigen, durch welche rings das Loch gebildet wird?«

»Nein; das ist unmöglich, denn sie sind so gerade und steil wie die Mauern dieses Hauses. Wenn du es wünschest, kann ich es euch zeigen.«

»Wann? Wo?«

»Gleich jetzt. Der Fluß liegt tief und die Ebene hoch. Wer da weiß, wo das Pueblo liegt, der kann bis an seinen obern Rand reiten und von da aus auf die Wohnungen niederblicken.«

»Das müssen wir freilich sehen. Willst du uns führen?«

»Ja. Steigt auf eure Pferde und reitet von hier aus gerade nach Süden, bis ihr an einen großen alleinliegenden Felsen kommt; dort erwartet mich. Ich muß einen Umweg machen, damit meine Spur nicht mit der eurigen zusammenfällt.«

Wir trugen unsere Sättel hinter das Haus und legten sie unseren Pferden auf. Der angebliche »Zuni« besaß zwei Pferde; auf dem einen war er fort; das andere stand mit den unsrigen in der Umpfählung; die Frau wollte auf demselben nachkommen.

Wir ritten in der angegebenen Richtung fort und sahen nach einer halben Stunde den Felsen vor uns liegen, an welchem wir warten sollten. Schon nach kurzer Zeit kam die Squaw; sie ritt uns voran, und wir folgten ihr, jetzt nach Westen zu.

Es war ein buschiges Land, durch welches wir kamen, eine Hochebene, in welche sich die Wasserläufe tief eingeschnitten hatten. Es ging im Trabe wohl eine Stunde lang über dieses Hochplateau dahin, bis wir an einen Busch kamen, über welchen die Kronen vieler Bäume emporragten. Er besaß eine bedeutende Ausdehnung, welche eine hufeisenförmige Gestalt zu haben schien. Hier stieg die Squaw ab und band ihrem Pferde die Vorderbeine zusammen, sodaß es nicht weit fortzulaufen vermochte. Wir thaten mit unsern Pferden dasselbe und folgten ihr dann in den Busch hinein. Sie führte uns quer durch denselben, blieb nach einer Weile stehen und sagte:

»Noch einige Schritte, und wir befinden uns an dem Rande des tiefen Loches, in welchem ihr das Pueblo sehen werdet. Nehmt euch in acht, damit man euch nicht zufällig von unten erblickt!«

Infolge dieser Warnung legten wir uns auf die Erde nieder und krochen zwischen den letzten Büschen hindurch, bis wir plötzlich vor uns hatten, was wir sehen wollten. Es gähnte uns eine Tiefe entgegen, welche so senkrecht hinunter fiel, daß es einen fast schwindeln konnte. Der Boden bestand aus einer grasigen Matte, auf welcher

vielleicht zwanzig Pferde und einige hundert Schafe weideten. Letztere waren jedenfalls bestimmt, ihr Fleisch zur Nahrung der Bewohner herzugeben. Aus dem Grase erhoben sich hohe Bäume, welche aber, von unserm Standorte aus betrachtet, wie kleine Gewächse erschienen.

»Wieder ein Thalkessel!« sagte Winnetou, der neben mir lag.

Der Apatsche hatte wohl Grund, diese Worte auszusprechen. Ja, wieder einmal so ein Thalkessel! Während unserer Kreuz- und Querzüge hatten solche Kessel wiederholt eine bedeutende Rolle für uns gespielt. Wie oft waren diese Oertlichkeiten für unsere Gegner verhängnisvoll geworden, während wir uns stets gehütet hatten, unsern Aufenthalt in einer derartigen Falle zu nehmen! Und wenn dies einmal nicht zu umgehen gewesen war, so hatten wir es fast immer zu bereuen gehabt.

Und der Kessel, welchen wir jetzt vor uns hatten, konnte denen, welche darin wohnten, zu einem wahren Gefängnisse werden, da es, wie wir deutlich sahen, nur einen einzigen Weg gab, auf dem sie ihn verlassen konnten, nämlich die schmale Felsenenge, von welcher die Squaw gesprochen hatte.

Der Kessel hatte eine beinahe kreisrunde Form, und seine Felsenwände stiegen gerade wie Mauern völlig lotrecht in die Höhe. Es gab da keinen Absatz oder Vorsprung, welcher zu erklimmen war, keinen Riß, in dem man in die Höhe klettern konnte. Das Ganze kam mir vor wie ein riesiger Bärenzwinger, der so gebaut ist, daß die Bewohner unten auf dem Boden bleiben müssen.

Wir lagen dem Eingange schräg gegenüber und sahen nun freilich, wie eng er war. Ein einzelner Reiter hatte eben Platz, hindurchzukommen. Neben dem Eingange, welcher hinaus zum Flujo blanco, zum Flüßchen führte, erhob sich der Bau, den die Jüdin ihr »Schloß« genannt hatte. Und sie hatte gar nicht so unrecht gehabt, dem Baue diese Bezeichnung zu geben.

Das Schloß war ein Pueblo, gerade so in terrassenförmig übereinander liegenden Stockwerken gebaut, wie es früher beschrieben worden ist. Man sah, daß sich in früheren Zeiten eine große Steinmasse vom Felsen losgelöst hatte und in die Tiefe gestürzt war; die Brocken derselben hatte man zum Baue des Pueblo verwendet. Dasselbe lehnte sich mit seiner hintern Seite eng an die Felsenwand und zählte acht sich deutlich von einander unterscheidende Stockwerke, welche ebensoviele Terrassen oder Plattformen bildeten, da jedes höher liegende immer ein Stück hinter dem nächst tiefern zurücktrat. Das Ganze glich einer regelmäßigen vierseitigen Pyramide, welche, senkrecht durchschnitten gedacht, mit der einen Hälfte im Freien lag, während die andere Hälfte in den Felsen hineingebaut zu sein schien. Acht Leitern lagen an, an jedem Stockwerke eine. Wenn auch nur die unterste weggenommen wurde, konnte kein Fremder den Bau ersteigen, der mit seinen übereinander liegenden Felsenstücken den Eindruck einer uneinnehmbaren Zwingburg machte.

Bei den Verhältnissen jener Zeit, in welcher das Pueblo errichtet wurde, hatte es seinen Zweck gewiß vollkommen erfüllt. Es war schon an und für sich uneinnehmbar gewesen, wozu dann noch der Umstand kam, daß es nicht draußen im Freien, sondern hier in der Verborgenheit lag, in die man nur durch den so überaus schmalen Eingang dringen konnte, den zu verteidigen einige wenige Männer genügten. Die Festung war nur durch Ueberrumpelung, nicht einmal durch Aushungern zu nehmen gewesen, denn wenn die Thalsohle gärtnerisch

verwertet gewesen war, so hatte sie an Gemüsen und Früchten gewiß so viel geliefert, wie die Bewohner zum Leben brauchten, und Wasser war auch mehr als genug da; es glänzte uns aus einem ziemlich großen Becken entgegen, welches kreisförmig in die Mitte des Erdgeschosses eingebaut worden war. Wahrscheinlich wurde es von einer unterirdischen Quelle gespeist.

Was uns am meisten interessierte, waren die Menschen, welche wir sahen. Vor dem schmalen Eingange lagerte eine Anzahl von Indianern, welche ihn, mit Gewehren bewaffnet, zu verteidigen hatten. Ihr Anführer - denn dies schien er zu sein - saß über ihnen auf der ersten Plattform des Pueblo, und zwar in schöner Gesellschaft, nämlich Jonathan Meltons und der Jüdin. Der erstere hatte ein Gewehr in der Hand.

»Siehst du, Sennor, daß es so ist, wie ich gesagt habe?« fragte mich die Indianerin. »Die Krieger am Eingange warten auf euch. Und die andern Krieger haben sich draußen am Flusse in Hinterhalt gelegt, um euch durch die Enge hereinzutreiben.«

»Wo ist der Vater des jungen Weißen, welcher da unten sitzt?«

»Draußen bei dem Hinterhalte. Er macht dort und sein Sohn hier den Anführer. Sie glauben, daß sie euch ganz gewiß fangen werden.«

Da meinte der Englishman:

»Wie schön könnten wir den Jonathan hier wegputzen! Soll ich ihm eine Kugel hinunterschicken?«

»Ja nicht!« antwortete ich. »Erstens wollen wir ihn doch lebendig haben und zweitens würdest du ihn wohl kaum treffen.«

»Oho! Meinst du, daß ich nicht schießen kann!«

»Pshaw! Du weißt, daß ich deine Fertigkeit kenne; aber ein Schuß von hier oben herab in die Tiefe ist allemal eine höchst unsichere Sache. Auch ich wage es nicht zu behaupten, daß ich ihn treffen würde.«

»Well! Und drittens?«

»Drittens würden wir durch den Schuß verraten, wo wir uns befinden, und uns damit den größten Schaden thun. Es könnte das ganze Gelingen unserer Absichten dadurch vollständig in Frage gestellt werden.«

»Gut, also nicht schießen. Aber was denn thun? Wollen wir hier hinabspringen, um den lieben Jonathan beim Schopfe zu nehmen?«

»Hinab? Vielleicht ja, wenn auch nicht springen. Schau hinüber zum Pueblo! Wie weit ist es wohl von hier oben, also von der Kante der Felswand, bis hinunter auf seine oberste Plattform?«

»Ich schätze wenigstens vierzig Ellen.«

»So weit ist es allerdings.«

»Willst du etwa eine so lange Leiter bauen?« lächelte er.

»Wenn du Witze machen willst, so sieh zu, daß sie geistreicher ausfallen!«

»Hm, ja, die Sache ist freilich ernst. In das Pueblo müssen wir unbedingt, und da es unmöglich ist, da vorn durch den Eingang hereinzukommen, so müssen wir freilich hier hinunter.«

»Von einer Unmöglichkeit will ich nicht gerade sprechen. Ich habe schon der Squaw erklärt, auf welche Weise wir uns den Zugang erzwingen könnten. Aber das Erzwingen setzt einen offenen Angriff voraus, und wenn wir auch wirklich den Thalkessel da unten unverletzt erreichten, so könnte man uns von den Terrassen des Pueblo aus ganz gemächlich wegputzen. Nein, ich meine, daß es auch möglich ist uns hereinzuschleichen, natürlich des Nachts. Da müßten wir aber die feindlichen Wachen leise überwältigen und wohl gar erstechen, und das möchte ich vermeiden. Es bleibt uns also doch nichts übrig, als von hier oben aus hinunter zu kommen.«

»Wohl mit Hilfe unserer Lassos?«

»Ja.«

»Du, das ist gefährlich, weil wir die Lassos gekauft haben. Hätten wir sie selbst gemacht, so wäre uns ihre Festigkeit garantiert; aber an gekauften Riemen sich in eine solche

Tiefe hinabzulassen, ist mehr als das Leben gewagt; man kann fast sicher sein, daß sie reißen.« »Sie werden halten, denn sie sind mit Fett getränkt und dann geräuchert worden.«

»Dennoch möchte ich mich ihnen nicht anvertrauen. Denkst du auch daran, daß sie bei der Tiefe ins Schwingen kommen müssen?«

»Ja. Ich werde dein Mißtrauen dadurch zerstreuen, daß ich mich zuerst herablasse; ich ziehe dann die Lassos unten straff an, so daß ihr herunterklettern könnt, ohne ins Schwingen zu geraten.«

»Well! Versuche es, und wenn es gelingt, will ich gern nachkommen. Doch frage vorher die Squaw, ob -«

»Nein, nein!« unterbrach ich ihn. »Die Frau darf nichts davon wissen, daß wir hier herab wollen. Ich glaube zwar, daß sie es ehrlich mit uns meint, aber es ist auf alle Fälle besser, wenn sie nichts erfährt. Sie kann, selbst wenn sie entschlossen ist, nichts zu verraten, sich doch ihrem Manne oder einem andern Yuma gegenüber verschnappen.«

»Dann ist es gut, daß wir jetzt deutsch gesprochen haben. Wo mag der Apatsche hingegangen sein?«

Winnetou war nämlich nach rechts hin zwischen den

Büschen verschwunden. Ich ahnte seine Absicht und antwortete also:

»Es ist wirklich sonderbar, mit welcher Uebereinstimmung Winnetou und ich bei solchen Angelegenheiten zu denken pflegen. Ich bin überzeugt, er ist da hinüber, um, gerade über dem Pueblo liegend, hinabzuschauen und dabei zu überlegen, wie wir hinunterkommen könnten.«

Ich hatte das Richtige getroffen. Winnetou kehrte nach kurzer Zeit zurück und sagte:

»Es giebt nur einen Weg, der uns ohne Blutvergießen zum Ziele führt. Wir müssen uns auf die Plattform hinunterlassen.«

Er bediente sich bei diesen Worten der Siouxsprache aus demselben Grunde, der uns veranlaßt hatte, deutsch zu sprechen.

»Meinst du, daß unsere Lassos dazu ausreichen?« fragte ich ihn. »Ja.«

»Und daß sie nicht zerreißen?«

»Sie werden festhalten. Unsere drei Lassos sind so lang, daß sie, wenn wir sie zusammenbinden, bis hinunter auf die oberste Plattform des Pueblo reichen werden.«

»Wie aber befestigen wir sie oben?«

»Es steht ein Baum hart am Rande, dessen Wurzeln so fest sind, daß er uns halten wird. Hoffentlich stimmt mein Bruder meinem Vorschlage bei, heute abend hinunter zu klettern?« »Ja; ich stand ja im Begriffe dir denselben Vorschlag zu machen. Was thun wir aber bis zu der Zeit, in welcher wir ihn ausführen können?«

»Kann sich mein Bruder die Frage nicht selbst beantworten?«

»Vielleicht. Es gilt vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß die Feinde nicht erraten, war wir zu thun beabsichtigen.«

Winnetou nickte mir einverstanden zu und sagte:

»Ja, wir müssen ihre Aufmerksamkeit von hier oben ablenken. Wie denkt mein Bruder, daß das am besten geschehen kann?«

»Wir müssen sie zu der Ansicht bringen, daß wir sie unten am Flusse angreifen werden.«

»Richtig! Sie müssen glauben, daß wir uns durch die Enge an das Pueblo schleichen wollen. Um diese Absicht zu erreichen, müssen wir hinab zu ihnen.«

»Jetzt schon?« fragte Emery.

»Ja,« antwortete der Apatsche. »Sie sollen und müssen uns doch sehen, oder wenigstens müßten sie bemerken, daß wir uns da unten aufhalten.«

»Das ist aber viel zu gefährlich. Wenn wir uns ihnen zeigen, werden sie uns einfach wegschießen.«

»Das können sie nur dann, wenn wir ihnen so nahe kämen, daß uns ihre Kugeln erreichen könnten. Das werden wir aber nicht thun.«

»Es liegt ja ein Teil von ihnen im Hinterhalte; diese Leute müssen uns kommen sehen, während wir nicht wissen, wo sie stecken; wir können ihnen also geradezu in die Hände laufen.«

»Nein, denn wir haben Augen und auch Ohren. Und vielleicht weiß die Frau, wo der Hinterhalt zu suchen ist.«

Als wir uns darauf bei ihr erkundigten, antwortete sie:

»Wenn ihr wieder mit nach unserm Hause zurückkehrt und der Fährte folgt, welche da gemacht worden ist, damit ihr sie leichter sehen Sollt, so kommt ihr an einen kleinen Bach, welcher sich in den Flujo blanco ergießt. Dort wollten sie sich trennen. Die eine Abteilung wollte am Flujo abwärts nach dem Pueblo gehen, und die andere sollte dem Bache soweit folgen, daß sie von euch nicht gesehen werden kann; sie liegt zwischen Büschen versteckt.«

»Und wartet wahrscheinlich jetzt mit Schmerzen auf uns,« fügte ich hinzu; »denn die erste Abteilung ist am Pueblo angekommen; wir sehen die Krieger da unten liegen. Wollen wir die Herrschaften noch länger auf uns warten lassen?«

»Nein, wir reiten jetzt hinunter nach dem Flusse,« meinte Winnetou. Und sich zu der Frau wendend, fuhr er fort:

»Meine Schwester wird es ehrlich mit uns meinen?«

»Ja,« antwortete sie einfach und mit einem Gesicht, dem man es ansah, daß sie die Wahrheit sagte.

»Da sollst du belohnt werden. Wenn wir die beiden weißen Männer durch List und ohne Kampf in die Hände bekommen, so geben wir dir noch mehr Gold, als du schon erhalten hast. Werden wir aber durch dich verraten, so wird die erste Kugel, welche wir abschießen, dich treffen. Das glaube mir! Wir belohnen gern; wir wissen aber auch zu bestrafen!«

»Ich will heimlich fort von hier, aber den Meinen nicht schaden. Ihr wollt sie nicht töten, sondern schonen, und ihr gebt mir Gold, daß ich leichter nach der Sonora kommen kann; darum habe ich euch freiwillig gesagt, was ihr wissen wolltet, und werde euch nicht verraten.«

»So mag meine Schwester jetzt nach ihrem Hause zurückkehren.«

Sie wollte der Aufforderung folgen, aber wir wußten doch noch etwas nicht, was von großer Wichtigkeit war; selbst der sonst so umsichtige Winnetou hatte vergessen, sich darnach zu erkundigen; darum fragte ich sie:

»Du kennst wohl die Räume des Pueblo genau?« »Alle.«

»Weißt du, wo die weiße Squaw wohnt, welche mit dem Wagen angekommen ist?« »In der ersten Etage des Pueblo.« »Wo ist der Eingang zu ihr?«

»Auf der zweiten Terrasse von unten. Es ist ein Loch, durch welches eine Leiter hinunterführt. Das Loch befindet sich in der Mitte der Plattform.«

»Also in der ersten Etage. Da wohnen die Indianer wohl unter ihr in dem Erdgeschosse?« »Nein,«

»Zu was wird dasselbe benutzt?«

»Zur Aufbewahrung der Vorräte, des Maises und der andern Früchte und Gemüse, die im Thale erbaut werden. Auch ist der Brunnen dort.«

»Ich sehe ihn. Es ist eine Cisterne?«

»Nein; das Wasser kommt vom Flusse hereingelaufen.«

»So steht die kleine Wasserfläche, welche wir von hier aus sehen, also mit dem Flujo blanco in Verbindung?«

»Ja. Das Wasser versiecht nie, weil der Fluß nie ganz austrocknet.« »Wo wohnen denn nun die Deinen, die Yumaindianer?« Art den oberen Etagen.«

»Und weißt du vielleicht, wo sich die beiden Weißen aufhalten, der Vater und der Sohn, die wir haben

wollen?«

»Der Sohn wohnt in der ersten Etage.« »Und der Vater? Wo wohnt der?« »In der Etage über seinem Sohne.«

»Wie kann die weiße Squaw sich hier in der Wildnis wohl fühlen? Es muß ihr doch alles fehlen, was eine Weiße nötig hat, um zufrieden zu sein!«

»Es fehlt ihr nichts, denn der Häuptling hat alles, was sie wünschte, damals angeschafft. Es war sehr schwer, die vielen Sachen durch die Wildnis herbeizuschaffen; aber sie hatte ihn so verblendet, daß ihm keine Anstrengung für sie zu groß erschien. Unsere Männer waren immer nach Prescott oder Santa Fe unterwegs, um zu holen, was sie sich bestellte.«

»Besaß denn euer Häuptling den Reichtum, welcher nötig war, so außerordentliche Wünsche zu erfüllen?«

»Darnach darfst du mich nicht fragen, denn ich kann nicht darüber sprechen. Kein roter Mann und keine rote Squaw wird sagen, wo das Gold und Silber liegt, welches die Weißen so gern haben wollen.«

»Gut! Ich weiß nun alles, was ich wissen wollte. Du kannst heimkehren. Aber vergiß ja nicht, was Winnetou dir gesagt hat. Bist du unehrlich, so bekommst du eine Kugel; bist du aber treu, so wirst du noch mehr Gold von uns erhalten.«

»Wann, Sennor?«

»Sobald wir die beiden Weißen in unsern Händen haben.« »Und wo?«

»In deinem Hause. Höchst wahrscheinlich kommen wir daran vorüber, wenn wir diese Gegend verlassen.« »So bitte ich euch, es ja niemand sehen zu lassen, wenn ihr mir etwas gebt.«

»Keine Sorge! Wir werden dich für den Nutzen, den wir von dir haben, doch nicht in Schaden bringen?«

Sie stieg wieder auf ihr ungesatteltes Pferd und ritt davon. Wir setzten uns auch auf. Sie verschwand nach Nordosten, denn dies war die Richtung, in welcher ihr Haus lag. Wenn man von dort aus nach dem Flujo blanco wollte, mußte man sich gerade westlich wenden; wir mußten also, um von dem Punkte, an welchem wir uns befanden, dorthin zu gelangen, nordwestlich reiten. Wie weit, das war nicht schwer zu berechnen, da wir wußten, wieviel Zeit wir gebraucht hatten, um hierher zu kommen. Von dem Hause bis an den Flujo waren zwei Reitstunden; wir brauchten jedenfalls kaum die Hälfte der Zeit, zumal wir unsere Pferde schnell laufen ließen.

Nach drei Viertelstunden erreichten wir die Fährte, welche die Yumas für uns so deutlich zurückgelassen hatten, und alle Anzeichen verrieten, daß der Fluß jetzt nahe war. Da erkundigte sich Emery bei dem Apatschen:

»Was habt ihr denn nun eigentlich vor? Ihr wollt euch den Yumas zeigen. Aber wo und in welcher Weise das geschehen Soll, davon habe ich noch kein Wort gehört.«

Mein Bruder hat es noch nicht gehört, weil er nicht darnach gefragt hat. Wir werden den Hinterhalt aufsuchen, in welchem die zweite Abteilung steckt und auf uns lauert.«

Offen aufsuchen?« »Nein, heimlich.«

»Aber ich denke, sie sollen euch sehen; da dürft ihr doch nicht heimlich vorgehen!«

»Ja, sie sollen uns sehen, aber erst dann, wenn wir bei ihnen sind.«

»Ah! Also angeschlichen! Da können wir aber unmöglich die Pferde mitnehmen!«

»Nein. Wir lassen sie zurück. Unser Bruder Vogel wird bei ihnen bleiben; er könnte ja überhaupt nicht mit uns gehen, weil er das Anschleichen nicht versteht und uns nur schaden würde.«

»So müssen wir vor allen Dingen ein gutes Versteck für ihn und die Pferde suchen, damit er uns nicht etwa gar samt ihnen abhanden kommt.«

Ein solcher Ort war bald gefunden, eine weit ausgestreckte Gruppe von Büschen, welche wir rechts von uns erblickten. Dorthin ritten wir, stiegen ab, versteckten da unsere Pferde und gaben Vogel alle Anweisungen, welche wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen für nötig hielten. Er sah es gar nicht gern, daß wie ihn nicht mitnahmen, mußte aber doch zugeben, daß er zu dem, was wir vor hatten, nicht das nötige Geschick besaß und uns wenigstens keinen Vorteil bringen konnte.

Als wir ihn in guter Sicherheit wußten, kehrten wir nach der Spur der Yumas zurück und folgten ihr weiter. Das geschah von jetzt an so vorsichtig wir möglich, da anzunehmen war, daß sie uns, weil wir nicht gekommen waren, aus lauter Ungeduld einen Kundschafter entgegengeschickt hatten. Wir nahmen uns jeden einzelnen Baum oder Busch zur Deckung und verließen ihn nicht eher, als bis wir uns überzeugt hatten, daß sich kein Feind vor uns befand.

Auf diese Weise kamen wir nach einiger Zeit in die Nähe des tiefen Felsenthales, welches der Flujo in die Hochebene eingeschnitten hatte. Das Thal bildete einen Canon, auf welchen wir uns senkrecht zubewegten; das heißt, die Linie, in welcher er verlief, bildete mit derjenigen, der wir folgten, zwei rechte Winkel.

Plötzlich senkte sich das Terrain abwärts. Es war wie eine Art schmaler Hohlweg, welcher hinunter zum Flusse führte. Wir stiegen ihn nicht hinab, denn Winnetou, der an alles dachte, sagte:

»Ehe wir dem hohlen Wege folgen, müssen wir erst sehen, wohin er führt. Gehen wir also seitwärts von ihm weiter, bis wir den Rand des Canons erreichen.«

Das geschah. Bald kamen wir auf der hohen Felsenkante an, von der aus wir hinab zum Flusse blicken konnten. Wir sahen die Stelle, an welcher der Hohlweg auf ihn mündete. Der Stelle gegenüber am andern Ufer befand sich die Mündung eines Baches, jedenfalls desselben, von welchem die Squaw gesprochen hatte. Er kam zwischen den Felsen herausgeflossen und ließ zwischen diesen und sich so viel Platz, daß man längs seiner Ufer gehen und auch reiten konnte. Emery deutete in diese Richtung und sagte:

»Also da drin steckt der Hinterhalt! Wie wollen wir hinankommen, ohne bemerkt zu werden? Wenn wir am Bache aufwärts gehen, müssen uns die Kerle kommen sehen!«

»Müssen wir daran aufwärts gehen?« fragte ich ihn. »Es muß doch einen andern Weg geben, und wenn er nicht hier zu finden ist, so werden wir ihn uns anderswo suchen.«

»Ah! Du willst den Roten von hinten kommen?«

»Ja. Sie erwarten, daß wir ihnen bachaufwärts folgen, nicht aber, daß wir von drüben her bachabwärts kommen; wir werden sie also wahrscheinlich überrumpeln.«

»Dann müssen wir aber über den Fluß hinüber, über den Canon, über die Felsen, ohne daß wir fliegen können!«

»Können wir nicht fliegen, so steigen wir. Kommt jetzt zum Hohlwege! Wir kennen nun das Terrain, und ich denke, daß wir unsern Zweck erreichen werden.«

Wir gingen also die kurze Strecke bis zum Hohlwege zurück und stiegen denselben hinab, natürlich mit der Vorsicht, die in solchen Verhältnissen geboten war. Unten am Flusse angekommen, sahen wir, daß die Spur der Yumas sich teilte; die eine Hälfte war aufwärts geritten, die andere über den Fluß und den Bach hinaufgegangen. Das hätten wir gesehen, auch wenn wir nicht von der

Squaw unterrichtet gewesen wären. Wie die beiden Meltons uns eine solche Blindheit hatten zutrauen können, war mir geradezu unbegreiflich. Jedem Menschen wäre die Spur aufgefallen, und nun erst einem Winnetou!

Auch wir gingen über den Fluß, folgten aber nicht etwa dem Bache, weil da oben die Yumas auf uns warteten, sondern schritten dem Flujo blanco entlang abwärts weiter, bis wir eine passable Stelle des Ufers fanden, wo wir hinaufstiegen. Nun standen wir auf der Hochebene jenseits des Flusses und gingen auf derselben weiter, schräg links nach dem tiefen Bette des Baches zu, wo wir auch bald eine Stelle fanden, wo wir hinuntersteigen konnten.

Die Yumas erwarteten uns von links her, am Bache aufwärts kommend; wir aber befanden uns nun rechts von ihnen und schlichen uns abwärts auf sie zu. Das geschah natürlich mit noch viel größerer Vorsicht, als wir bisher angewendet hatten. Emery schien noch immer nicht im klaren über die Absicht zu sein, die Winnetou und ich verfolgten. Als wir einmal an einer gutgedeckten Stelle anhielten, fragte er mich: »War es denn eigentlich notwendig, diese Anstrengung zu machen, Charley?«

»Ja,« antwortete ich. »Die Yumas erwarten, daß wir kommen. Kämen wir nicht, so würden sie uns suchen; sie fänden unsere Fährte, die nach dem Pueblo führt, und wenn es ihnen auch wahrscheinlich nicht gelänge, uns zu überfallen, so wäre unsere Absicht doch verraten und mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß man uns empfangen würde, wenn wir uns abends an den Lassos in den Thalkessel hinabließen.«

»Hm, mag so sein; aber wir konnten uns an einem andern Ort verstecken, um den Abend abzuwarten!«

»Hätte nichts gefruchtet, Emery. Wir müssen sie irre machen; sie müssen denken, daß wir durch die Flußenge nach dem Pueblo wollen. Und dann, denke doch, wie hübsch wir sie täuschen! Sie schauen und horchen den Bach hinunter, weil sie denken, daß wir am Flusse aufwärts gehen oder, wenn wir die zweite Fährte entdecken sollten, am Bache hinauf kommen; in beiden Fällen würden wir ihnen gerade in die Arme laufen. Nun aber befinden wir uns über ihnen und kommen von einer Seite, von der sie uns nicht erwarten.«

»Nun, und dann, was haben wir davon?«

»Was wir davon haben?« fragte ich erstaunt. »Welche Frage?«

»Du wunderst dich über sie? Du willst den Roten doch nichts thun! Ja, wenn wir sie erschießen wollten oder dürften, so hätte es doch einen Zweck, hier in der Hitze herumzuklettern und unter Lebensgefahr herumzuschleichen. Wenn ihnen aber nichts geschehen soll, so können wir sie nur erschrecken und müssen sie dann laufen lassen.« »Ja, sie, aber einen andern nicht, den alten Melton. Den werden wir fassen, falls es möglich ist; dann haben wir heut abend nur noch seinen Sohn zu ergreifen. Bist du nun zufriedengestellt?«

»Wenn es so ist, ja. Daß es dem alten Melton gelte, davon habt ihr nichts gesagt.«

»Weil es sich von selbst verstand. Nun aber weiter, sonst werden die Kerle ungeduldig und sind imstande, ihr Versteck zu verlassen.«

Wir schlichen weiter, jetzt nicht mehr gehend, sondern auf dem Boden kriechend; jeder Augenblick konnte uns die Gesuchten zeigen.

»Uff!« hörte ich da auf einmal den Apatschen im Tone des Erstaunens sagen.

Er war uns einige Schritte voran, hatte sich erhoben, stand an einem dichten Strauche und deutete daran vorüber nach dem lichten Platze, der vor ihm lag. Wir huschten zu ihm hin und wurden von gleicher Verwunderung oder vielmehr Enttäuschung ergriffen. Das Gras des Platzes war niedergetreten; hier hatten die Yumas gesteckt, aber keiner von ihnen war zu sehen.

»Fort!« meinte Winnetou.

»Ja, wenn es nämlich keine Finte ist,« warnte ich. »Es ist möglich, daß sie unser Kommen bemerkt und sich nur zurückgezogen haben, um uns mit ihren Kugeln zu empfangen.«

»Wollen sehen,« meinte der Apatsche. »Meine Brüder mögen hier ein wenig warten.«

Er ging eine Strecke zurück, sprang dann über den Bach und kam dann auf der andern Seite wieder herangekrochen. Dort gab es so viel Gesträuch und Gestrüpp, daß die Yumas, falls sie vor uns steckten, ihn nicht sehen konnten. Er kam wie eine Schlange drüben vorüber und verschwand dann auf ungefähr zehn Minuten. Dann kehrte er zurück. Er ging dabei aufrecht, ein Zeichen, daß er keinen Feind gesehen hatte.

»Fort,« rief er uns schon von weitem zu. »Ueber den Fluß. Ich konnte ihre Spuren sehen, bis sie im Wasser verschwanden.«

»Fatal!« zankte da Emery. »Sie sind jedenfalls hinauf nach dem Pueblo, weil ihnen die Geduld ausgegangen ist. Mit der Ergreifung des alten Melton ist es also nichts.«

»Wenn es nur das wäre, wollte ich es loben!« meinte ich.

»Nur das? Was weiter könnte den geschehen sein?«

»Sie sind über den Fluß; wenn sie da unsere Fährte sehen, so ---«

»Alle Wetter, ja! Dann sind sie derselben nach. Sie werden also am Ufer abwärts gehen, das Ufer ersteigen und, gerade so wie wir, nach dem Bache kommen. Wir brauchen also nur hier sitzen zu bleiben und sie in Empfang zu nehmen! Glücklicher konnte man sich das ja gar nicht lenken!«

»Ich bin nicht so froh wie du. Ja, wenn sie unsere Spur gesehen haben, so sind sie ihr gewiß gefolgt; aber es fragt sich nur, wie! Wenn sie rückwärts gegangen, woher wir gekommen sind, so müssen sie Vogel und unsere Pferde finden.«

»Das wäre das größte Pech, welches wir haben könnten!« »Mehr als Pech! Wir müssen schnell weiter, um zu erfahren, wohin sie sich gewendet haben.«

Wir eilten den Bach hinab und an den Fluß. Schnell ging es durch das seichte Wasser, und da sähen wir denn auf dem Boden, da wo der Hohlweg in den Fluß mündete, viel mehr Spuren, als wir vorhin gesehen hatten. Ich betrachtete sie, konnte aber nicht klug werden; Emery ging es ebenso, und auch Winnetou schüttelte den Kopf. Er betrachtete die Eindrücke, maß sie mit den Fingern aus, schüttelte wieder den Kopf und sagte endlich:

»Vielleicht sind die Yumas schon wieder zurück. Meine Brüder mögen mir schnell zu unseren Pferden folgen!«

Wir rannten den Hohlweg hinauf. Oben angekommen, wo es Gras gab, sahen wir zu unserem Schrecken allerdings, daß die Yumas hier gewesen waren; sie hatten unsere Fährte gesehen und waren ihr gefolgt, aber leider nicht vorwärts, wohin wir gegangen, sondern zurück, woher wir gekommen waren. Jetzt gab es einen Dauerlauf nach den Büschen, wo wir Vogel mit unsern Pferden gelassen hatten. Es fiel uns nicht ein, vorsichtig zu sein; es galt unserm Gefährten und unsern Pferden. Wir brachen laut, wie gehetztes Wild, durch die Büsche, die Gewehre in der Hand, um sofort zuschlagen oder schießen zu können.

Jetzt waren wir da - - aber unsere Pferde waren fort und Vogel mit ihnen. Der Rasen war nicht zerstampft, keine Spur eines Kampfes war zu sehen. Unser berühmter Violinvirtuos war ganz regelrecht überrumpelt worden. Die Spuren gingen von hier aus in einem Bogen zurück nach dem Hohlwege. Wir so erfahrenen, wir klugen, wir überklugen Menschen hatten eine ganz armselige, eine ganz beschämende Schlappe erhalten.

Emery hätte vor Wut platzen mögen; er fuhr uns an:

»Da steht ihr nun und starrt einander an! Wo ist denn der alte Melton, den ihr fangen wolltet? Wäret ihr mir gefolgt, so ständen wir nicht da wie Schuljungen, die Prügel bekommen haben!«

»Hat mein Bruder Emery noch keinen Fehler gemacht?« fragte Winnetou in seiner ruhigen Weise.

»Genug, genug!« antwortete der Englishmann in possierlicher Aufrichtigkeit. »Aber wir dürfen uns hier nicht aufhalten; wir müssen fort; wir müssen ihn befreien; kommt also rasch, kommt!«

Er rannte fort. Als er aber sah, daß wir ihm nur langsam folgten, blieb er stehen und rief uns zu:

»So kommt doch nur, kommt! Es ist keine Zeit zu verlieren!«

»Wohin denn?« fragte ich. »Nach dem Pueblo?«

Nach dem - - ah, du meinst, daß sie ihn dorthin geschleppt haben? Dann geht es freilich nicht so schnell, wie ich dachte!«

»Gewiß können wir nicht jetzt, am hellen Tage, hin und die Festung erstürmen. Wir würden uns doch nur die Köpfe einrennen.«

»Was aber thun wir bis zur Nacht?«

»Warten - weiter nichts.«

»So kommt! Wir wollen wieder nach dem Rande über dem Pueblo, wo wir heut abend hinab wollen. Von dort aus können wir sehen, was sie mit unsern Pferden und mit Vogel machen!« »Und wenn die Yumas nach uns suchen, finden sie auch diese Spur, kommen uns nach und vereiteln unser Rettungswerk! Dann bekommen wir nicht nur die beiden Meltons nicht, sondern auch Vogel ist verloren -von unseren Pferden gar nicht zu reden.«

»Aber wo wollen wir sonst die lange Zeit zubringen?!«

»Ich werde es euch zeigen,« sagte Winnetou. »Meine Brüder mögen mir folgen!«

Er schritt voran, nach dem Hohlwege zu, und setzte sich, als er bei demselben angekommen war, hinter den Büschen nieder.

»Ist es meinen Brüdern so recht, hier zu sitzen?« fragte er.

»Mir nicht!« antwortete Emery mürrisch. »Da sitzen wir den Feinden ja gerade vor der Nase!«

»Das ist doch das einzig richtige,« erklärte ich ihm. »Weil die Yumas ganz bestimmt wieder hier herkommen werden, sobald sie Vogel nach dem Pueblo gebracht haben.«

»Werden sich hüten!«

»Wenigstens werden die Meltons einen oder einige Kundschafter senden, um zu erfahren, wo wir sind und was wir thun.«

»Und wenn die Kerle kommen! Was dann?«

»Wir schicken sie nach dem Pueblo zurück und lassen die Meltons grüßen. Auf diesem Wege erlangen wir die Sicherheit, daß unserm Gefährten kein Leid geschieht.«

»Hm, ja; das will ich gelten lassen. Der arme Teufel befindet sich in einer Gefahr, die gar nicht größer sein kann!«

»So gar groß ist sie nicht! So lange wir noch da sind, braucht er nichts zu fürchten.« »Oho! Denke doch an die Erbschaft!« »Nun? Weiter!«

»Wenn er ihnen das sagt, bringen sie ihn auf der Stelle um!« »Er wird doch nicht so dumm sein, ihnen das zu sagen!«

»Warum nicht! Ich denke gerade, daß er es in seiner Angst, in seinem Aerger sagt.«

»Er wird es sagen,« behauptete Winnetou in seiner ruhigen Weise. »Er wird es sagen, und gerade darum hat Winnetou sich hierher gesetzt.«

Jetzt passierte mir etwas Seltenes; nämlich ich erriet nicht, was der Apatsche mit diesen Worten meinte. Als er sah, daß ich ihn fragend anblickte, fuhr er fort:

»Glaubt mein Bruder Scharlieh, daß die Meltons sich vor uns fürchten?« »Werden sie denken, daß sie uns hier fangen und vernichten können?«

»Nein. Ich bin im Gegenteile überzeugt, sie wissen, daß ihre Rolle wahrscheinlich bald zu Ende gespielt ist.«

»Ja, überfallen und töten lassen wir uns nicht von ihnen; Vogel haben sie fangen können, uns aber nicht. Wir haben ihr Nest entdeckt. Sollten sie entkommen, so sind wir immer wieder hinter ihnen her und lassen ihnen keine Ruhe, bis wir sie ergriffen haben. Das wissen sie. Auf einmal fällt Vogel in ihre Hände, wirft ihnen ihre Verbrechen vor und sagt, daß er der einzige und richtige Erbe ist. Was werden sie thun?«

»Ihn sofort umbringen!« antwortete Emery im Tone der Ueberzeugung.

»Ist mein Bruder Scharlieh derselben Ueberzeugung?«

»Nein,« erwiderte ich, denn ich wußte nun, was Winnetou gemeint hatte. »Der Mord könnte ihre Lage nicht verbessern, sondern er würde sie nur verschlimmern, weil die Mörder dann bei uns auf kein Erbarmen mehr rechnen dürften.«

»Mein Bruder hat recht; denn wenn sie ihn nicht töten, sondern ihn als Geisel gebrauchen, ist Rettung für sie möglich.«

»So meint mein Bruder Winnetou, daß, wenn wir hier sitzen bleiben, bald ein Kundschafter und dann ein Unterhändler kommen wird?«

»Ja.«

»Mein Bruder ist der Scharfsinnigste von uns dreien. Er irrt sich nie, und ich bin jetzt auch überzeugt, daß seine Vermutung sich erfüllen wird.«

»Ich zweifle sehr daran,« brummte Emery unwillig. »Und selbst wenn es sich bewahrheiten sollte, würdet ihr mit diesen Menschen in Unterhandlung treten?«

»Ja. Man thut, was klug ist. Es gilt zunächst, dafür zu sorgen, daß dem jungen Manne kein Leid geschieht, und dies können wir nur dadurch erreichen, daß wir scheinbar auf die Vorschläge, welche uns etwa gegemacht werden, eingehen oder sie wenigstens in Ueberlegung ziehen. Wir sind heute unvorsichtig und dadurch unglücklich gewesen, doch ist bei dem Unglücke ein großes Glück, welches mich mit dem Unfalle vollständig auszusöhnen vermag.«

»Welches Glück?«

»Daß wir unsere Lassos bei uns haben. Hätten wir sie bei den Pferden zurückgelassen, so wären sie uns verloren, und ich wüßte nicht, wie wir Vogel befreien wollten.«

»Pshaw! Heraus muß er auf jeden Fall; eher ruhe ich nicht!«

»Aber unter welcher Vermehrung der Gefahren und Schwierigkeiten! So aber bin ich überzeugt, daß er schon morgen früh wieder frei sein wird. Ich hoffe nämlich, daß -«

Winnetou unterbrach mich durch einen Wink, den er mir gab. Er lag so, daß er ein Stück in den Hohlweg hinein- und hinabblicken konnte; ich sah seine Augen funkeln; dann hörte ich Schritte; es kam jemand, langsam und vorsichtig, wie einer, der seiner Sache nicht sicher ist. Wir schoben uns noch weiter ins Gebüsch hinein; da kam er - ein Indianer. Er sah nach links und rechts, und als er rundum niemand erblickte, trat er vollends aus dem Hohlwege heraus und begann, die Spuren zu mustern, welche sich von uns und seinen Leuten hier im Grase befanden.

Jetzt kehrte er uns den Rücken zu. Winnetou erhob sich und stellte sich leise hinter ihn; auch ich stand leise auf, und Emery folgte geräuschlos unserm Beispiele. Jetzt fragte der Apatsche laut:

»Was sucht mein roter Bruder hier im Grase?«

Der Yuma fuhr herum, sah uns und ließ vor Schreck seine Flinte fallen. Winnetou schleuderte sie schnell mit dem Fuße fort und fügte hinzu:

»Hat mein Bruder etwas verloren?«

Ich sah es wie einen blitzartigen Entschluß über das braune Gesicht des Yuma gehen und schnellte mich mit drei Schritten vor den Hohlweg hin. In demselben Augenblicke that er das Gleiche. Er flog mir gerade in die Arme, die ich fest um ihn schlang; er machte zwar einen Versuch, sich loszureißen, als ihm dieser aber nicht gelang, verhielt er sich still und ließ sich von Winnetou vollends entwaffnen. Als ich ihn dann aus dem Hohlwege zur Seite führte, wo wir gesteckt hatten, und ihm befahl, sich niederzusetzen, gehorchte er ohne Widerstreben. Winnetou legte sich so, daß er hinter dem Busche hervor den Hohlweg überblicken konnte, und sagte dann zu dem Gefangenen:

»Weiß mein Bruder, wer wir sind?«

Der Gefangene nickte.

»Er mag unsere Namen sagen!«

»Winnetou und Old Shatterhand; das andere Bleichgesicht kenne ich nicht.«

»Dieser weiße Mann ist ein berühmter Jäger, der sich noch nie vor einem Feinde gefürchtet hat. Mein Bruder hat unsere Namen richtig genannt. Wo hat er sie gehört, oder hat er uns vielleicht selbst kennen gelernt?«

»In der Sonora, bei der Hazienda del Arroyo und in Almaden alto habe ich euch gesehen.«

»Wenn mein Bruder sich erinnert, was dort geschehen ist, so wird er auch wissen, daß wir nicht Feinde der Yuma sind, denn wir haben Frieden mit ihnen geschlossen. Warum treten die Yumas hier gegen uns auf?«

Der Gefragte antwortete nicht.

»Wir haben damals Hunderte von Yumas besiegt, und jetzt seid ihr so wenige. Meint ihr, daß ihr diesmal glücklicher sein werdet?«

»Wir wohnen in einem Pueblo, in das kein Feind kommen kann!«

»Mein Bruder irrt sich. Der Felsen von Almaden alto war viel fester und viel schwerer zu ersteigen, als euer Pueblo; wir sind dennoch hineingekommen und haben den Besitzer sogar gefangen herausgeschafft. Und Almaden alto wurde von vielen Yumas bewacht, und hier mein Bruder Shatterhand hat es ganz allein erobert. Wie leicht ist es uns da, in euer Pueblo zu gelangen! Ihr könnt alle wachen; wir werden uns doch, wenn wir wollen, ungesehen durch die Flußenge und den schmalen Eingang schleichen. Wenn wir dies

thun, seid ihr verloren; daher rate ich euch, es nicht so weit kommen zu lassen!«

Diese Worte nahmen dem Yuma einen Stein vom Herzen. Er war gefangen; wir konnten ihn töten; jetzt aber antwortete er schnell:

»Warum giebt der Häuptling der Apatschen einen Rat, der nicht befolgt werden kann?« »Nicht befolgt? Warum?« fragte Winnetou, obgleich er den Roten recht gut verstanden hatte. »Weil die, an welche er gerichtet ist, den Rat nicht hören können.« »Wir werden dich zu ihnen senden.«

Da hellte sich das Gesicht des Yuma noch mehr auf und er sagte:

»So laß mich gehen! Ich werde meinen Brüdern sagen, welchen Rat du mir gegeben hast.«

»Warte noch! Seit wann schämen sich rote Krieger nicht, Sklaven eines Weibes, einer weißen Squaw zu sein?«

»Wir sind nicht ihre Sklaven.«

»Ihr seid es. Ihr fangt um ihretwillen sogar Feindschaft mit drei berühmten Kriegern an, von denen ihr wißt, daß sie euch, sobald sie nur wollen, vernichten werden. Um dieses Weibes willen nehmt ihr Menschen in Schutz, welche Diebe und Mörder sind und nicht einmal zu einem Stamme der roten Männer gehören. Man sollte euch verachten!«

Das Auge des Yuma blitzte zornig auf. Er beherrschte sich aber und sagte: »Die Weiße war die Squaw unseres Häuptlings; nur deshalb dienen wir ihr noch.«

»Welcher rote Krieger hat jemals der Squaw seines Häuptlings gedient und noch dazu nach dem Tode desselben? Mein Bruder mag seinen Gefährten sagen, was Winnetou von ihnen denkt, wenn sie die weiße Frau und deren beiden Freunde noch länger beschützen. Ihr habt einen jungen Weißen gefangen, der unser Freund ist; ihr habt uns unsere Pferde geraubt; ihr habt uns gestern abend überfallen, um uns zu fangen und zu töten. Das alles fordert unsere Rache heraus, und diese wird euch unvermeidlich treffen, wenn ihr euch nicht zu der Sühne versteht, welche ich von euch fordere.«

»Was verlangt Winnetou von uns?«

»Unsere Pferde, den jungen Mann, von dem ich eben sprach, und die beiden Weißen, welche bei der Squaw im Pueblo wohnen.«

»Das ist sehr viel verlangt! Und was bietet uns Winnetou dafür?« »Alles! Das Leben!«

Man sah es dem Yuma an, daß er einen großen Respekt vor Winnetou hatte, dennoch zuckte es ironisch um seine dünnen Lippen, als er hierauf antwortete:

»Wenn man uns das Leben nehmen will, werden wir es auch zu verteidigen wissen. Oder meint der

Häuptling der Apatschen, daß ihn keine Kugel trifft?«

»Ja. Hier bei euch bin ich vor jeder Kugel sicher; ich weiß das so genau, weil ich euch kenne. Also du weißt, was ich verlange: Den Vater und seinen Sohn, die bei euch wohnen; den jungen Weißen, den ihr ergriffen habt, und unsere Pferde.«

»Und was wird geschehen, wenn unsere Krieger nicht in deine Forderungen willigen?«

»Das sage ich nicht; aber ihr werdet es bald erfahren. Jetzt kannst du gehen. Wir bleiben noch hier, bis die Sonne zehn Hände breit vom westlichen Horizonte entfernt ist. Habt ihr dann noch nicht geantwortet, so entscheidet der Tomahawk zwischen uns, und wir kommen in der Dunkelheit am Flusse hinauf, schießen jeden weg, der uns im Wege liegt, dringen in euer Pueblo ein und holen uns alles, was ihr uns verweigert. Dann werden eure Frauen und Kinder ein Heulen und Schreien beginnen über den Tod, der ihre Männer und Väter hinweggerafft hat!«

»Winnetou ist ein großer Krieger; aber die Yumas sind keine Mäuse, welche furchtsam aus ihren Löchern fliehen, wenn sie den Feind kommen hören!«

»Ihr werdet ihn gar nicht hören. Er wird mitten unter euch sein, ehe ihr es denkt.« »So haben wir unsere Messer, sie ihm ins Herz zu stoßen!«

»Das könnt ihr nicht, weil ihr ihn gar nicht sehen werdet. Mein Bruder mag jetzt gehen und in sein Pueblo zurückkehren, um uns Antwort zu bringen. Je eher wir dieselbe bekommen, desto besser wird es für die Yumas sein.«

»Darf ich mein Gewehr mitnehmen?«

»Nein. Ein Gefangener bekommt seine Waffen erst dann, wenn Friede geschlossen ist, nicht eher.«

Der Yuma stand auf und verschwand stolzen Schrittes und erhobenen Hauptes im Hohlwege. Sein Stolz ließ nicht zu, uns merken zu lassen, wie froh er war, uns so heiler Haut entkommen zu sein. Als er fort war, fragte Emery:

»Ist mein Bruder Winnetou vielleicht der Ansicht, daß die Yumas uns aus Angst die drei Personen und unsere Pferde ausantworten werden?«

»Nein,« antwortete der Apatsche; »aber Winnetou weiß genau, wie es nun kommen wird.« »Ich bin wirklich neugierig, dies zu hören!«

»Der Yumakrieger ist ausgesandt worden, zu erkunden, wo wir uns befinden, aber nicht etwa, weil man uns angreifen will, denn nun, da unser Gefährte gefangen worden ist, weiß man, daß wir doppelt vorsichtig sein werden. Er kehrt jetzt zurück und erzählt den Meltons, wo er uns getroffen hat, daß wir ihn überwältigt und was ich ihm alles aufgetragen habe. Was von mir verlangt worden ist, werden wir nicht bekommen, sondern man wird uns anderes anbieten.«

»Was?«

»Den Gefangenen und unsere Pferde. Außerdem wird man dem ersteren einen Teil der Erbschaft versprechen und dafür verlangen, daß wir uns entfernen und nie wieder etwas gegen die beiden Meltons vornehmen. Meine Brüder glauben nicht, was ich sage? Sie werden bald erfahren, daß ich recht habe, daß

ich mich nicht irre. Wir werden nicht lange zu warten haben, bis eine Botin kommt.« »Eine Botin?« fragte Emery erstaunt.

»Ja. Die Meltons werden sich hüten, selber zu kommen, und was sie uns zu sagen haben, das können sie keinem Yuma anvertrauen; da giebt es nur eine Person, welche sie senden können, und das ist die weiße Squaw, von der sie wohl auch glauben, daß wir uns von ihrem schönen Gesicht betrügen lassen werden.«

Ich hatte alle Achtung vor dem Scharfsinne des Apatschen; wie oft war ich von der Untrüglichkeit seines Instinktes förmlich betroffen worden; jetzt aber war ich doch der Ansicht, daß er zu viel behaupte, gab aber dem Gedanken keine Worte. Er schien zu ahnen, was ich dachte, denn er sagte zwar auch nichts, aber sein Auge ruhte mit jenem, ich möchte sagen, überlegen lächelnden Ausdrucke auf mir, den ich immer an ihm beobachtet hatte, wenn er seiner Sache sicher, ich aber anderer Meinung gewesen war und sich seine Behauptung dann doch bewahrheitet hatte.

Wir warteten wohl über eine Stunde lang. Wir lagerten jetzt so, daß wir alle drei in den Hohlweg blicken konnten. Da sahen wir einen Roten kommen; es war der Yuma, mit welchem wir vorhin gesprochen hatten.

»Nun, Winnetou, ist's etwa die weiße Squaw?« fragte Emery.

»Noch nicht,« antwortete der Gefragte in gleichmütigem Tone.

»Es wäre auch wenigstens sonderbar, wenn sie uns ein Weib als Unterhändler senden wollten; es war das eine Unglaublickeit.«

»Mein Bruder wird wohl noch manches als Wahrheit erkennen müssen, was er vorher für unglaublich gehalten hat. Hören wir, was der Mann uns zu sagen hat!«

Der Yuma kam langsam zu uns heran, setzte sich zu uns, als ob sich das von selbst verstehe und dabei für ihn keine Gefahr vorhanden sei, und wartete, bis wir ihn anreden würden. Winnetou war zu stolz, das zu thun; mir fiel es auch nicht ein, das erste Wort zu sagen, und Emery schien wohl Lust dazu zu haben, weil er neugierig war, ich bat ihn aber durch einen Blick, zu schweigen. So war also der Yuma doch gezwungen, das Wort zu ergreifen. Er that dies, indem er fragte:

»Meine Brüder haben wohl nicht gedacht, daß ich so schnell zurückkehren werde?«

»Wir haben gar nicht mehr an dich gedacht,« antwortete Winnetou. »Ob du wiederkommen würdest oder nicht, das war wohl für euch von großer Wichtigkeit, uns aber konnte es sehr gleichgültig sein.«

»Ich habe deine Botschaft ausgerichtet.«

Er glaubte, es werde nun eine neugierige Frage kommen, da dieselbe aber ausblieb, fügte er hinzu: »Ich habe sie den beiden Männern gesagt, welche bei der weißen Squaw wohnen.« »Und nicht den Yumakriegern?« entfuhr es dem Englishman.

»Auch ihnen; es haben sie also alle gehört. Der Vater dessen, welcher der Mann der weißen Squaw geworden ist, hat mich zu euch gesandt, um euch die Antwort zu sagen.«

»Und die lautet?« »Die weiße Squaw soll zu euch gehen, um mit euch zu sprechen.«

Ueber Winnetous Gesicht ging ein leises, aber siegbewußtes Lächeln; der Englishman aber fuhr zornig auf:

»Die weiße Squaw? Meinst du, daß wir mit Weibern zu verhandeln pflegen?«

»Der Mann, der mich geschickt hat, war der Ansicht, daß ihr gern mit ihr sprechen würdet.«

»Warum ist er nicht selbst gekommen?«

»Weil er keine Zeit dazu hat.«

»So mag er seinen Sohn schicken!«

»Auch dieser wird nicht kommen. Sie denken, daß ihr sie nicht wieder fortlassen würdet.«

»Könnte möglich sein! Hätten auch alle Veranlassung dazu!«

Dies hatte Emery in seinem grimmigsten Tone gesagt; da aber meinte Winnetou:

»Wenn ein Unterhändler zu uns kommt, so halten wir ihn nicht zurück, wenn er wieder gehen will, er mag sein, wer er will. Der Häuptling der Apatschen ist nicht gewohnt, mit einem Weibe zu verhandeln; damit aber die Krieger der Yumas erfahren mögen, daß wir so freundlich wie möglich mit ihnen sein wollen, gebe ich die Erlaubnis, daß die Frau kommen darf. Geh also nach dem Pueblo und sage es ihr!«

Er entfernte sich, und wir warteten nun mit Spannung auf die Ankunft der Angehörigen des zarten Geschlechtes, welche nach allem, was geschehen war, die Stirn hatte, mit uns sprechen zu wollen.

»Nun,« meinte der Apatsche zu Emery, »hat mein Bruder die Erfahrung gemacht, daß selbst das Unmögliche möglich werden kann?«

»Das ist allerdings der Fall! Wie die Person es wagen kann, zu uns zu kommen, ist mir unbegreiflich. Bin neugierig, was sie uns mitteilen wird!«

»Das, was ich gesagt habe. Winnetou wird ihr kein Wort gönnen; meine Brüder mögen mit ihr reden.«

»Ich nicht, denn ich befürchte, so grob zu werden, daß ich alles verderben würde. Charley, willst du das Amt übernehmen?«

»Auch mich widert es an; aber ich sehe, daß ich den Umständen Rechnung tragen muß. Sprich mir aber nicht darein; du könntest unserer Angelegenheit dadurch Schaden bringen.«

Man war im Pueblo jedenfalls von unserer Einwilligung überzeugt gewesen, denn wir hatten noch nicht lange gewartet, so sahen wir die Jüdin unten im Hohlwege erscheinen. Sie hatte eine junge Indianerin bei sich, welche einen aus Rohr und Schilf geflochtenen leichten Sessel trug.

Die Judith hatte Toilette gemacht, hier in der Wildnis an der Grenze zwischen Neu-Mexiko und Arizona! Als sie sich uns näherte, nahm ihr Gesicht ein siegreiches Lächeln an; sie nickte uns grüßend zu, gab der Indianerin einen Wink, den Stuhl uns gegenüber zu setzen, nahm Platz und sagte:

»Ich bin erfreut, Sennores, Sie so wohl zu sehen. Der weite Ritt scheint auf Ihre Gesundheit keinen nachteiligen Einfluß ausgeübt zu haben; darum hoffe ich, daß Ihr Wohlbefinden auf unsern Gegenstand von guter Wirkung sein werde!«

Wir waren weder aufgestanden, noch hatte sie einen Gruß von uns empfangen. Mein Gesicht war gewiß kein freundliches, als ich ihr antwortete:

»Keine Redensarten! Bleiben wir streng bei der Sache, welche uns zusammenführt! Sie wohnen jetzt mit dem sogenannten Small Hunter und mit seinem Vater im Pueblo?«

»Ja.«

»Sie wußten in New-Orleans noch nicht, daß dieser Mann sein Vater war. Wann haben Sie es erfahren?« »Hier, als der Vater ankam.«

»So kennen Sie nun wohl auch den richtigen Namen Ihres Bräutigams?« Sie schwieg, und erst als ich meine Worte wiederholte, fragte sie: »Muß ich Ihnen das sagen?«

»Sie müssen nicht; Sie können es leugnen; aber wir würden wohl eher einig werden, wenn Sie die Wahrheit sagten. Schämen werden Sie sich wahrscheinlich nicht, das zu thun.«

Sie errötete nicht und erbleichte nicht; sie antwortete lachend:

»Mir wurde gesagt, daß ich mich vor Ihnen weder zu schämen noch zu fürchten hätte. Sie sind uns ungefährlich; darum kann ich Ihnen ohne besondere Angst sagen, daß ich den Namen meines Verlobten allerdings kenne.«

»Jonathan Melton und sein Vater heißt Thomas Melton. Nicht wahr?« »Sehr richtig.« »Und sein Oheim?« »Harry Melton.«

»Wissen Sie, wo der letztere sich gegenwärtig befindet?«

»Das werden Sie wohl besser wissen als jeder andere! Sie haben ihn ja erstochen.« »Von wem wissen Sie das?«

»Von seinem Bruder. Einem so gewaltthätigen Menschen, wie Sie sind, ist alles, selbst so ein Raubmord zuzutrauen.«

»Hm! Sie halten mich also für gewaltthätig?«

»Natürlich, denn ich habe alle Ursache dazu! Oder haben Sie mich nicht schon einmal durchpeitschen lassen wollen?«

»Allerdings, und ich gestehe ihnen, daß es mich jetzt eine gewaltige Anstrengung kostet, nicht gewaltthätig zu sein. Bleiben wir aber ruhig; das ist besser. Da Sie den Namen ihres Verlobten kennen, wissen Sie auch, weshalb ich mich hier befinde?«

»Ja. Er hat es mir aufrichtig gesagt.«

»Und Sie gestehen es ebenso aufrichtig zu! Sie wissen also, daß er ein Betrüger ist?«

»Betrüger? Was der eine so nennt, nennt der andere anders. Jonathan ist ein Pfiffikus, und es fällt mir nicht ein, ihn darum zu tadeln.«

»Ich begreife das. Sie haben abgewirtschaftet; Sie besitzen nichts mehr, als den Stein- und Lehmhaufen, den Sie so hochtrabend Ihr Schloß nannten und den Ihnen jeder Indianer streitig machen kann. Nun ist es Ihnen sehr willkommen, daß Ihr Jonathan ein großes Erbe angetreten hat, welches Sie mit verzehren wollen. Habe ich recht?«

»Warum sollte ich Ihnen unrecht geben! Es würde doch zu nichts führen!« »Aber bedenken Sie, daß Sie dadurch zur Mitschuldigen werden!«

»Was ist Schuld, Sennor! Schuld ist alles, was das Gewissen beschwert; das meinige aber ist leicht.«

»Um diese Leichtheit beneide ich Sie nicht. Da Sie mit einer geradezu verblüffenden Aufrichtigkeit sprechen, will ich ebenso offen sein, Ich bin gekommen, Ihren Jonathan zu fangen.«

»Das wissen wir,« lachte sie.

»Und da Sie sich als Mitschuldige bekennen, habe ich große Lust, auch Sie festzunehmen!« Jetzt änderte sie doch die Farbe und fragte schnell und in unsicherm Tone: »Sennor, ich bin Parlamentärin. Wollen Sie mich etwa gleich hier behalten?« »Das könnte ich!«

»Nein, denn das wäre doch wohl gegen alles Völkerrecht!«

»Völkerrecht! Wo es sich um so große, so schauderhafte Verbrechen handelt! Habe ich Ihnen versprochen, Sie nach dem Pueblo zurückkehren zu lassen?«

»Nein, aber das verstand sich doch ganz von selbst!«

»Es war nicht so selbstverständlich, wie Sie meinen; doch will ich Sie beruhigen. Es fällt mir nicht ein, Sie zurückzuhalten. Sie können ungehindert in Ihre ehrenwerte Gesellschaft zurückkehren. Wenn es mir noch nötig erscheinen sollte, mich Ihrer Person zu versichern, so werde ich das so spät wie möglich thun.«

»Eine sehr freundliche Rücksicht für mich!« lächelte sie mich an.

»O nein; es hat einen ganz andern Grund. Ich mag Sie nicht bei mir haben, und darum will ich Sie so lang wie möglich von mir fern halten. Das ist die wahre Ursache.« »Sie halten Ihr Versprechen, Sennor. Sie sind ebenso aufrichtig mit mir, wie ich mit Ihnen. Ich habe Sie gehaßt vom ersten Augenblicke, an dem ich Sie sah!«

»Danke! So eine wirkliche, wahre und echte Ehre ist mir lange nicht widerfahren.«

»Und darum,« fuhr sie schnell fort, »ist es mir ein wahrer Hochgenuß, jetzt mit Ihnen verhandeln zu können - doch, vom Verhandeln kann eigentlich keine Rede sein! Ich bin nur gekommen, mir einen hohen Genuß zu bereiten, indem ich Ihnen sage, daß Sie sich hier ganz vergeblich bemühen. Sie bekommen weder einen Menschen in die Hand, noch einen Pfennig von dem Gelde, das Sie haben wollen! Sind Sie denn wirklich so verrückt, zu glauben, daß Sie in unser Pueblo dringen können?«

»Und wenn es mir dennoch gelänge, in den Felsenkessel zu gelangen?«

»Das ist eben unmöglich. Ich weiß zwar von damals her, daß Sie es verstehen, sich glatt und unbemerkt wie eine Schlange durchzudrängen, aber bei der hiesigen Oertlichkeit ist das unmöglich. Sie müßten über unsere Wächter wegsteigen.«

»Das ist doch nicht schwer! Es giebt gewisse Griffe und gewisse Stiche, welche einem über fünf und über zehn Wächter weghelfen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich, wenn ich nur will, ganz gewiß in Ihr Thal komme!«

»Ja, die gewissen Griffe. und Stiche sind Ihnen freilich zuzutrauen. Es ist nur gut, daß Sie davon sprechen; da kann man doch seine Vorbereitungen treffen. Aber selbst wenn Sie wirklich in unsern Thalkessel gelangten, was hätten Sie davon? Sie wären dann noch immer nicht im Pueblo.«

»Das würde man ersteigen.«

»Bilden Sie sich nicht ein, allmächtig zu sein! Und wären Sie im Pueblo, so hätten Sie noch niemand von uns fest, Wir sind bewaffnet und würden Sie wahrlich nicht schonen! Und noch weniger Hoffnung hätten Sie, das Geld zu bekommen!«

»Ich bin im Gegenteile überzeugt, daß ich es mir doch hole!«

»Keinen Pfennig! Aber, Sennor, Ihre verrückte Idee hat Ihnen bisher so viel Mühe gemacht, daß wir Mitleid mit Ihnen haben und Ihnen etwas zukommen lassen wollen.«

»Was denn wohl, meine gütige Sennora?«

»Sie wissen wohl, wo Vogel sich gegenwärtig befindet?«

»Ja.«

»Das ist wieder ein eklatanter Beweis, daß es mit Ihrer vielgerühmten Klugheit nicht allzuweit her ist. Welcher vernünftige Mensch kommt auf die Idee, einen solchen unerfahrenen Knaben mit hierher zu nehmen! Was hindert uns, ihn unschädlich zu machen?«

»Das hätte nicht den geringsten Vorteil für Sie!«

»Nicht? Wirklich nicht?«

»Durch den Tod des einen Erben, der noch mehrere Nebenerben hat, werden Sie noch lange nicht der rechtliche Besitzer der Erbschaft. Das Verbrechen bleibt Verbrechen. Sie werden sich wohl hüten, den

jungen Mann zu ermorden.«

»Ich? Nun ja, mir ist es sehr gleichgültig, ob er stirbt oder ob er leben bleibt. Aber Jonathan und sein Vater werden ihn gewiß töten, wenn ich unverrichteter Sache von Ihnen zurückkehre.«

»Unverrichteter Sache! Sie haben uns also gewisse Anträge zu Stellen, gewisse Vorschläge zu machen?« »Ja. Wir sind bereit, Ihnen gewisse Vorteile abzulassen -« »Und verlangen dafür noch größere Vorteile für sich selbst!«

»Wohl kaum! Hören Sie, was ich Ihnen alles biete! Sie bekommen Ihre Pferde wieder, auch den jungen Menschen, der sich Vogel nennt und mit Hunter verwandt gewesen zu sein behauptet -«

»Schön!«

»Vogel erhält hunderttausend Dollars in guten Wertpapieren und Sie bekommen zehntausend Dollars in ebenso sichern Papieren.«

»Für mich?«

»Ja. Bedenken Sie, was das heißt, da Sie dem

Onkel Melton, als Sie ihn erstachen, sein Geld abgenommen haben. Sie gelangen also in den Besitz eines Vermögens!«

»Sehr richtig, Sennora!«

»Dafür verlangen wir weiter nichts, als daß -«

Sie stockte und sah mich forschend an, was ich zu dem Folgenden wohl sagen würde. »Nun, als daß -?« fragte ich.

»Als daß Sie die Verfolgung Jonathans und seines Vaters aufgeben, nie wieder gegen irgend einen Menschen von dieser Angelegenheit sprechen.«

»Natürlich, natürlich!«

»Und Vogel und seine Verwandten bestimmen, sich mit den hunderttausend Dollars zufrieden zu geben und ebenso verschwiegen zu sein, wie Sie sein werden.«

»Welch eine Bescheidenheit, welch eine wirklich großartige Bescheidenheit!«

»Nicht wahr? Für das viele Geld ein wenig Verschwiegenheit! Kann man etwa weniger verlangen?«

»Nein, auf keinen Fall.«

»Sie sind also einverstanden?«

»Ja.«

»Das freut mich! Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie so verständig sein würden, so schnell Ihren Vorteil zu erkennen. Wenn Sie alle drei einverstanden sind, so -«

»Wir sind einverstanden,« unterbrach ich sie, »vollständig einverstanden. Nur haben Sie sich noch nicht erkundigt, auf welchen Punkt sich das Einverständnis bezieht.«

»Nun, auf welchen?«

»Darauf, daß die Meltons die allergrößten Schurken sind, welche es unter der Sonne giebt.« »Das gehört doch nicht hierher!«

»Gehört vielleicht auch die andere Wahrheit, über welche wir gleichfalls so einverstanden sind, nicht hierher, nämlich die, daß Sie eine ebenso große Schurkin sind wie die beiden Meltons zusammen?«

»Sennor, wozu die Redensarten! Wollen Sie unser schönes Uebereinkommen zerstören?«

Sie mochte wirklich geglaubt haben, daß ich auf ihren Vorschlag eingehen wolle, denn ich hatte so ruhig und gleichmütig gesprochen, wie es trotz meiner Empörung möglich war. Erst jetzt schien sie zu bemerken, daß eine Ironie des Grimmes aus mir gesprochen hatte. Sie war bei ihren letzten Worten aufgestanden, als ob sie sich im Zorne entfernen wolle. Ich erhob mich nun auch aus dem Grase und antwortete:

»Unser Uebereinkommen? Haben Sie denn in Wirklichkeit annehmen können, daß ich mit Ihren mehr als wahnsinnigen Forderungen einverstanden sei?«

»Wahnsinnig nennen Sie dieselben? Wahnsinnig?« rief sie aus. »Ueberlegen Sie sich doch, was ich Ihnen biete!«

»Ich brauche es mir nicht zu überlegen! Vogel wird ohnehin alles bekommen, alles, außer dem natürlich, was bis jetzt schon von dem Gelde verschwunden ist!«

»Das zu sagen, ist Wahnsinn. Greifen Sie zu?«

»Nein.«

»So bekommen Sie Ihre Pferde nicht wieder!« »Ich hole sie mir!« »Und Vogel stirbt!«

»Wird ihm auch nur ein Haar gekrümmt, so bezahlen Sie es mit Ihrem Leben, Sennora Judith! Merken Sie sich das! Es ist mein bitterster Ernst!«

»Möchte wissen, wie und wann Sie an mich kommen wollten!«

»Das werden Sie erfahren! Ich dächte, Sie hätten allen Grund, nicht allzu zuversichtlich zu sein. Sie haben Winnetou und Old Shatterhand ja kennen gelernt!«

»Dafür werden Sie uns nun auch kennen lernen. Also gehen Sie auf meine Vorschläge ein?« »Nein und wieder nein!«

»So sind wir fertig!«

»Für diesen Augenblick, nicht aber für später. Ich denke vielmehr, unser neues und schönes Verhältnis wird erst jetzt beginnen!«

»Drohen Sie immerhin; ich lache Sie doch aus!«

Sie gab der Indianerin, die während unserer Unterhaltung fern gestanden hatte, einen Wink, den Sessel aufzunehmen, und schritt dem Hohlwege zu. Dort angekommen, blieb sie stehen, blickte eine kurze Zeit sinnend nieder, kehrte dann um, kam wieder zu mir und sagte:

»Sennor, ich will Sie trotz alledem noch einmal warnen. Trauen Sie sich wirklich zu, in unser Felsennest einzudringen?«

»Ja. Es ist nicht eine Spur von Gefahr dabei!«

»Und ich sage Ihnen, daß wir uns bis auf den Tod verteidigen werden!«

»Ist mir gleichgültig. Ich habe noch ganz andere Gegner vor mir gehabt, als die Meltons sind. Sie selbst rechne ich natürlich gar nicht.«

»O, ich bitte, mich doch zu rechnen, und zwar sehr! Wenn es Ihnen trotz aller Erwartung durch irgend einen günstigen Zufall gelingen sollte, in meine Nähe vorzudringen, würde ich Sie ohne Gnade niederschießen!«

»Thun Sie das, Sennora!«

»Ja, ich werde es thun; darauf können Sie sich verlassen. Ich kämpfe um einen Preis, der mir hoch genug ist, einen Mord zu begehen. Ich habe mich an den Reichtum gewöhnt; ich kann und mag ohne ihn nicht leben; er wird mir jetzt wieder geboten, und Sie wollen mir ihn rauben. Nehmen Sie sich also auch vor mir in acht!«

Sie machte eine Bewegung, sich wieder fort zu wenden, besann sich aber und fügte noch hinzu: »Wir glaubten, Sie würden auf meine Vorschläge eingehen, dennoch -«

»Dann wäre ich ein Subjekt, welches Ihnen und den Meltons gleichgestellt werden müßte,« unterbrach ich sie.

Sie fuhr, ohne auf meine Worte zu achten, weiter fort:

»Dennoch dachten wir auch daran, daß Sie sich doch vielleicht weigern könnten. Für diesen Fall erhielt ich den Auftrag, Ihnen bis morgen mittag eine Frist zur Ueberlegung zu geben.«

»Sehr freundlich von Ihnen!«

»Allerdings, denn es ist eine Gnadenfrist. Morgen mittag werde ich wieder hierher kommen. Werden Sie hier sein?«

»Jedenfalls, nämlich wenn wir uns nicht schon vorher wiedergesehen haben.«

»Das werden Sie nicht fertig bringen!« lachte sie. »Also morgen mittag. Leben Sie wohl, Sie großer Held und Retter von Leuten, die Sie nichts angehen!«

»Nicht so schnell, nicht so schnell, Sennora! Wir gehen ein Stückchen mit.« »Warum?« fragte sie verwundert, indem sie stehen blieb.

»Weil wir als Caballeros wohl wissen, was sich schickt, wenn man den Besuch einer Dame erhalten hat. Wir bringen Sie zu den Ihrigen.«

»Da wird man auf Sie schießen!«

»Höchstens auf Sie, nicht aber auf uns!«

»Nein, nein, auf Sie! Bleiben Sie, bleiben Sie ja!«

»Pah! Gehen Sie nur; wir fürchten uns nicht.«

»Nun, wenn Sie erschossen werden wollen, so habe ich nichts dagegen; es kann mir nur lieb sein. Also machen Sie, was Sie wollen!«

Sie ging mit ihrer Indianerin den Hohlweg hinab; ich schritt dicht hinter ihr; dann folgten mir Winnetou und Emery, die wohl nicht gleich begriffen, was ich eigentlich für eine Absicht verfolgte. Unten am Flusse angekommen, wendete sich die Jüdin links, in den engen Canon hinein. Als sie sah, daß ich ihr auch da auf der Ferse blieb, hielt sie den Schritt an und sagte erregt:

»Ich glaube gar, daß Sie weitergehen wollen!«

»Natürlich will ich das!«

»Aber ich sagte Ihnen schon, daß die Indianer, welche da oben auf mich warten, auf Sie schießen werden!«

»Meine teuere Sennora, haben Sie doch uni uns keine Angst! Sie sehen ja, daß wir ganz dicht hinter Ihnen gehen. Sobald jemand auf uns schießt, wird er Sie treffen, doch nicht uns. Sie sind unser Schild!«

Sie erschrak.

»Gehen Sie; gehen Sie! Kehren Sie zurück!« rief sie aus. »Ich gehe sonst keinen Schritt weiter!«

»Nicht? Nun, Sie werden mit sich sprechen lassen. Es war eine große Thorheit von den Meltons, Sie zu uns zu schicken. Wir sind zwar anständig genug, Sie zurückkehren zu lassen, ja, wir werden Sie sogar zwingen, zurückzukehren, aber wir gehen mit.«

»Nein, nein, Sie bleiben!« zeterte sie.

»Fällt uns gar nicht ein! Es ist Ehrensache für uns, Sie zu begleiten. Sie lachten mich aus, als ich sagte, daß es uns sehr leicht sein würde, durch die Felsenenge zu kommen; nun muß ich Ihnen doch beweisen, daß wir von Ihnen unschuldigerweise verlacht worden sind. Sie werden heute wieder erfahren, daß Winnetou und Old Shatterhand sehr genau wissen, wie man etwas anzufangen hat. Also bitte, gehen Sie weiter!«

»Ich gehe nicht!«

»So zwinge ich Sie! Zürnen Sie mir nicht, schönste Sennora, wenn Ihr Schwanenhals ein wenig mit meiner Faust in Berührung kommen sollte.«

»Wagen Sie es, Unverschämter!«

»Pah! Vorwärts, Fräulein Silberberg!«

Ich nahm sie hinten beim Genick; da ließ sie sich niedersinken und blieb sitzen, indem sie ausrief. »Und wenn Sie mich töten, bringen Sie mich nicht fort!«

»Sie Spaßvogel! Töten werde ich Sie nicht, und dennoch werden Sie gehen. Also vorwärts, ich habe keine Lust, mich an dem, was ich thun will, von einer Person Ihres Schlages hindern zu lassen. Auf mit Ihnen!«

Ich nahm sie nur bei dem einen Oberarme, aber mit einem Drucke, unter welchem sie sofort mit einem Schmerzensschrei auffuhr. Sie schritt weiter. Wenn sie den Schmerz nicht mehr fühlte, blieb sie Stehen; sobald ich aber die Hand wieder zusammenschloß, ging sie schnell vorwärts. Winnetou und Emery folgten eng hinter mir. Der erste hielt seine Büchse auf der rechten und der andere auf der linken Seite an mir vorüber schußbereit. So konnten sie schießen, während jeder, der uns eine Kugel senden wollte, Judith treffen mußte.

Es war mit keineswegs angenehm, so verfahren zu müssen, denn die Jüdin mochte moralisch noch so tief stehen, sie war doch ein Weib; aber es handelte sich nicht nur um die Befreiung Vogels, sondern um das Gelingen unseres ganzen Planes; da konnte ich mich nicht von zarten Bedenken abhalten lassen.

Der Canon wurde immer enger. Bald sahen wir Indianer, welche hinter einem Strauche an einem Felsen auf der Lauer lagen. Auch sie sahen uns. Die junge Indianerin war mit dem Stuhle vorausgeeilt und hatte sie benachrichtigt. Sie konnten nicht schießen, ließen uns aber so nahe kommen, daß ich meinen Revolver zog und, die Jüdin immer vor mich herschiebend, einige Schreckschüsse abgab. Da rissen sie aus. So trieben wir sie von Strecke zu Strecke immer weiter zurück, bis ich einen nach dem andern seitwärts verschwinden sah, und zwar, wie wir dann wohl bemerkten, in der Felsenenge, welche aus dem Canon des Flujo blanco nach dem Felsenkessel des Pueblo führte.

Wir kamen bei dieser Enge an. Das war die Stelle, welche uns heute früh so gefährlich hatte werden sollen. Darum sagte ich zu Judith:

»Hier sollten wir erdrückt werden. Die Hälfte der Yumas wollte uns in der Enge erwarten, und die andere Hälfte, welche unten am Bache im Hinterhalte lag, hatte die Aufgabe, uns dann von hinten zu drängen. Sie sehen, daß es nicht so leicht ist, mit uns Komödie zu spielen, während es uns gar nicht schwer geworden ist, dahin zu gelangen, wohin wir wollten.«

»Sie sind ein Teufel, ein wahrer Teufel!« zischte sie mich an.

»Dem widerspreche ich nicht, Sennora. Ich gestehe sogar sehr gern, daß es mir allerdings ein wirkliches Vergnügen machen wird, jedem eine Kugel entgegenzuschicken, der es wagen sollte, das Pueblo durch diese Felsenenge zu verlassen. Da drinnen stecken jetzt alle Ihre Leute beisammen; sie sind eingeschlossen. Wir setzen uns jetzt vor den Eingang und lassen niemand heraus. Wir sind zwar nur drei Personen, aber bedenken Sie, daß wir außer unsern Gewehren sechs Revolver haben, wozu mein Stutzen kommt, von denen der alte Melton Ihnen einige Stückchen erzählen kann. Wir haben in Summa über sechzig Schüsse, ohne daß wir zu laden brauchen. Sagen Sie das Ihren Leuten! Sagen Sie ihnen auch, daß wir keinen Pardon geben, wenn dem Gefangenen etwas geschieht! Und vergessen Sie nicht, auch zu erwähnen, daß wir ein sehr scharfes Gehör besitzen! Wollte sich jemand trotz alledem herausschleichen, so würden wir ihn schon von weitem hören, und eine tödliche Kugel wäre ihm sicher. Und nun gehen Sie hinein! Wir brauchen Sie nicht mehr. Aber da Sie uns für morgen mittag bestellt haben, werden wir zu dieser Zeit noch hier sitzen. Haben Sie uns dann wieder etwas zu sagen, so bin ich gern bereit, zu erfahren, ob Sie noch so stolz sprechen, wie Sie heute gesprochen haben. Der "große Held und Retter" sagt Ihnen lebewohl!«

Ich ließ ihren Arm los, und sie verschwand augenblicklich in der Enge. Wir setzten uns, die Gewehre schußfertig haltend, vor derselben nieder. Es war schon nicht mehr sehr hell hier im tiefen Canon; der Tag neigte sich zur Rüste.

»Alle Wetter, Charley, war das ein Gedanke von dir!« flüsterte Emery. »Wer hätte geglaubt, daß es möglich sei, am hellen Tage mit heiler Haut bis hierher zu kommen!«

»Pah! Der Gedanke war einfach genug; er lag so nahe, daß man jeden, der ihn nicht gefaßt hätte, für einen Idioten halten müßte.«

»Obgleich du das sagst, glaube ich nicht, daß ich auf ihn gekommen wäre. Nun haben wir gewonnen! Das Pueblo ist unser!«

»Noch lange nicht. Aber ich denke, daß die Meltons fliehen werden.«

»Alle Wetter! Dann könnten wir ihnen wieder, wer weiß wie weit, nachlaufen!«

»Daran dachte ich. Es lag also nahe, ihnen die Flucht abzuschneiden, den Weg zu verlegen. Es gibt nur einen einzigen Weg, vor welchem wir jetzt sitzen. Sie wissen, daß wir da sind, daß wir auf jeden schießen werden, der sich aus der Enge wagen wollte; sie werden sich hüten, das zu thun; wir haben sie also fest.«

»Wenn das nur so sicher wäre! Es ist doch denkbar, daß sie alle zugleich einen Ausfall machen.«

»Alle zugleich! Wie wäre das möglich? Es kann ja nur immer einer heraus. Für zwei ist kein Platz. Wie sie nacheinander kämen, würden wir sie empfangen. Wir brauchen gar nicht drei zu sein; es genügt einer von uns, den Ausgang zu bewachen.«

»Hm, hast recht. Die Kerle stecken jetzt in ihrer eigenen Falle. Aber wir können doch nicht ewig hier sitzen; wir müssen hinein!«

»Natürlich! Wenn es dunkel geworden ist, schleichen wir uns fort. Leider haben wir keine Pferde. Wir müssen also den weiten Weg zum Felsenrand hinauf zu Fuß machen.«

»Dann wird aber hier der Ausgang frei!«

»Ja, aber das wissen sie nicht. Sie denken, wir bleiben hier, und wagen sich nicht heraus.« »Aber wenn wir uns oben herabgelassen haben, dann sehen sie uns und werden hier heraus fliehen.« »Das kann der Fall sein, ist aber nicht zu verhindern.« »O doch. Einer von uns muß hier bleiben.«

»Hm! Das ließe sich wohl machen. Was sagt mein Bruder Winnetou dazu?«

»Unser Bruder Emery hat recht,« antwortete der Apatsche. »Er mag hier zurückbleiben. Mit seiner

Doppelbüchse und seinen zwei Revolvern kann er alle, die herauswollen, zurückhalten.«

»Ja, das werde ich,« stimmte der Englishmann bei. »Ich bin zudem kein großer Turner und Kletterer; die Partie an den Lassos herab wäre mir sehr schwer gefallen. Hier aber habe ich nichts zu thun, als loszudrücken, wenn jemand die Nase heraussteckt.«

»Aber werden wir zwei alles, was es im Pueblo zu thun giebt, fertig bringen?« fragte ich Winnetou. »Ja« nickte er.

»Die beiden Meltons ergreifen?« »Ja; ich den einen und du den andern.«

»Und uns gegen die Yumas wehren, die uns daran hindern wollen?«

»Sie hindern uns nicht. Sie werden gar nicht im Pueblo sein. Sie liegen gewiß da drin vor der Enge, wo sie in den Felsenkessel mündet. Wie wir hüben wachen, daß sie nicht heraus können, so wachen jene drüben, damit wir nicht hinein können.«

»Ich gebe es zu. Aber es ist immerhin ein kühner Gedanke, wenn nur zwei Männer es wagen, sich von einem so hohen Felsen in einen so tiefen Kessel hinabzulassen, in welchem sich so viele Feinde befinden. Die dümmste Kugel wirft den Tapfersten über den Haufen.«

»Die Yumas werden gar nicht schießen. Sie befinden sich nicht im Pueblo, sondern am Ausgange des Kessels. Im Pueblo sind nur die beiden Meltons und die Jüdin. Mit diesen Dreien werden wir wahrscheinlich fertig, ohne daß die Yumas etwas davon merken. Dann kann uns niemand etwas anhaben, da die Meltons uns, wie vorhin die Jüdin, dann als Schutz und Schirm dienen werden.

Mein Bruder Scharlieh stellt sich die Sache viel schwerer vor, als sie ist.«

So etwas hatte Winnetou mir noch nicht gesagt. Ich wußte, daß er nicht an meinem Mute zweifelte, und doch war es mir, als ob ich mich zu schämen hätte. Die Ausführung unsers nächtlichen Unternehmens kam mir eben schwerer und gefährlicher vor, als ihm. Das Pueblo hatte einen für den Angreifer gefährlichen Bau. Wer in eine Wohnung wollte, mußte durch ein in der Decke derselben befindliches Loch steigen. Ehe man da den Fußboden erreichte, konnte man zehn Kugeln oder Messerstiche erhalten haben. Und vorher die Passage an den Lassos herab! Es gab wahrscheinlich Sternenschein. Wie leicht konnten wir, oben am Lasso hängend, unten gesehen werden! Dann wurden wir wahrscheinlich »abgeschossen«, wie zum Beispiel auf der Vogelwiese zu Tiegelhausen oder Pfannenstadt von der löblichen Schützengilde alljährlich zur schönen Sommerzeit ein hölzerner Vogel »abgeschossen« wird.

Als ich das dem Apatschen erklärte, ließ er sein bekanntes Lächeln sehen und sagte:

»Mein Bruder hat eine viel zu hohe Meinung von den Männern, welche sich jetzt da drin beim Pueblo befinden. Die Yumas bewachen die Felsenenge. Werden sie das im Dunkeln thun?«

»Nein. Sie werden sicher ein Feuer anzünden. Sie müssen jeden Augenblick gewärtig sein, daß wir von hier aus eindringen. Im Dunkeln könnte uns das gelingen; bei einem Feuer aber nicht.«

»Sie werden bei diesem Feuer sitzen. Das blendet aber ihre Augen so, daß sie nicht sehen können, was oben an der dunkeln Felsenwand geschieht. Sie werden uns nicht bemerken.« »Aber wenn die Meltons und vielleicht auch Judith im Dunkeln oben auf der Plattform sitzen! Die können uns sehen.«

»Ja, die könnten uns sehen, werden es aber nicht. Mein Bruder darf nicht vergessen, daß sie uns auch dann noch hier an dieser Stelle vermuten. Ihre Aufmerksamkeit wird also stets nach dieser Gegend, nach dem Eingange gerichtet sein. Nach der Felswand aber werden sie gar nicht schauen.«

Ich sah ein, daß er recht hatte, und fühlte mich beruhigt. Ich war so bedenklich gewesen, weil meiner Ansicht nach der entscheidende, der letzte Schlag heute fallen sollte. Mißglückte uns dieser, so stand zu befürchten, daß wir dann nichts mehr thun konnten.

Emery hatte sich die Worte des Apatschen von dem Feuer zu Herzen genommen. Er stand auf und entfernte sich, um dürres Holz zusammenzusuchen; ich half ihm dabei. Es war besser, wenn er ein Feuer hatte, das zweierlei Nutzen zugleich gewährte. Erstens diente es zur Beleuchtung, und zweitens war es, wenn es nicht außerhalb, sondern innerhalb der Felsenenge angezündet wurde, ein Hindernis für jeden, der aus derselben heraus wollte.

Als es dunkel geworden war, kamen leichte Rauchwolken durch die Enge zu uns herausgedrungen. Die Yumas hatten also drinnen ihr Feuer angezündet. Wir häuften nun auch Holz in dem Eingange zusammen und steckten es in Brand. Wir hatten soviel Feuermaterial zusammengelesen, daß die Flamme die ganze Nacht hindurch genährt werden konnte.

Nun wäre es ein großer Fehler gewesen, hätte Emery in der Nähe des Feuers sitzen bleiben wollen. Er suchte sich einen Platz im Gebüsch, wo er im Dunkeln saß, gerade dem Feuer gegenüber. So konnte er über das letztere hinweg ein Stück in die Enge hineinblicken und schon beizeiten jeden sehen, der etwa herausdringen wollte. Nun war es für Winnetou und mich Zeit, zu gehen. Ich ließ mir den Lasso des Engländers geben, weil wir ihn brauchten. Er hatte ihn, gerade so wie wir, in Schlingen gebunden von der rechten Achsel auf die linke Hüfte herunterhängen.

»Ja hast du ihn,« sagte er. »Ich will hoffen, daß er nicht zerreißt. Wann werdet ihr oben ankommen?«

»Frühestens in fünf Viertelstunden, weil wir nicht reiten können.«

»Ist es euch nicht möglich, mir ein Zeichen zu geben, wenn ihr unten seid?«

»Nein, denn das Zeichen würde uns wahrscheinlich verraten,«

»Aber ich möchte euch doch gern helfen, wenn es zum Kampfe kommen sollte!«

»Hoffentlich brauchen wir dich nicht.«

»Und wenn aber doch?«

»So horche nach der Felsenenge. Giebt es gewöhnliche Schüsse oder sonstigen Lärm, so bleibst du auf deinem Posten und lässest niemand heraus. Hörst du aber den starken tiefen Knall meines Bärentöters, der sicherlich bis hier herausdringen wird, so befinden wir uns in Gefahr und du kommst über und durch die beiden Feuer hinein in den Felsenkessel. Sobald ich dich erscheinen sehe, werde ich dir zurufen, was du thun sollst.«

»Well! so mag es sein. Hoffentlich giebt's keine Schrammen oder gar Löcher in unsern Personen zu flicken. Heute haben wir die beiden Halunken endlich fest, und ich glaube nicht, daß sie uns wieder entkommen werden.«

Ich war derselben Meinung, als ich ihm nun die Hand gab, um mich mit dem Apatschen zu entfernen.

Es war jetzt hier im Canon so dunkel, daß ein gewöhnlicher Mann die Hand vor dem Auge nicht hätte sehen können. Unsere Sehwerkzeuge aber waren so geübt, daß wir wenigstens nicht an die Bäume rannten, nicht in das Wasser strauchelten und auch leidlich schnell fortkamen. Als wir dann das Thal des Flusses und nachher auch den Hohlweg hinter uns hatten, wurde es besser, denn die Sterne leuchteten uns zur Genüge.

Wir schritten so rasch wie möglich vorwärts, und zwar ohne uns zu unterhalten, da es nichts Wichtiges zu sprechen gab. Dennoch dauerte es über eine Stunde, ehe wir oben auf der Hochebene am Rande des Thalkessels ankamen. Winnetou führte mich zu dem Baume, an welchem die Lassos befestigt werden sollten.

Unten brannte da, wo die Felsenenge in den Kessel mündete, ein großes Feuer; sonst war alles dunkel. Tiefe Stille herrschte. Wenn die Yumas sich unterhielten, wenn irgend ein Pferd schnaubte oder es sonst ein Geräusch in der Tiefe gab, so hörte man hier oben nichts davon.

»Denkt mein Bruder, daß wir gleich hinuntergehen?« fragte Winnetou.

»Ja.«

»Aber die Yumas sind jetzt noch zu wachsam. Es wäre wohl besser, wenn wir noch warteten.« »Ganz wie mein Bruder will.«

Wir legten uns also nieder und trafen zunächst unsere Vorbereitungen, deren es nicht viele gab. Wir hatten nur die Lassos zusammenzubinden, weiter nichts. Als dann vielleicht eine Stunde vergangen war, machten wir uns ans Werk. Da gab es zunächst einen kurzen Streit. Jeder wollte der erste sein, weil das gefährlich war. Winnetou behielt schließlich die Oberhand, indem er sagte:

»Der erste darf nicht hinunterklettern, sondern er muß hinabgelassen werden, und da du stärker bist als ich, so mußt du oben bleiben und den zweiten machen.«

Wir hatten das eine Ende der zusammengebundenen Lassos an den Stamm des Baumes befestigt; er schlang sich das andere über Brust und Rücken und unter den Armen hindurch, hing seine Büchse über und kniete am Rande des Abgrundes nieder. Ich nahm das Riemenseil in die Hände, stemmte die Füße fest ein und ließ es langsam durch die Finger gleiten. Da das Seil über die Felsenkante ging, so trug dieselbe einen Teil der Last mit, und ich brauchte mich fast gar nicht anzustrengen. Die Lassos waren noch nicht ganz abgelaufen, so merkte ich, daß Winnetou unten angekommen war. Er zog sie fest an, daß ich nicht in Schwingung geraten sollte. Ich hatte es nun freilich schwerer, als er. Sich an einem starken Seile vierzig Ellen hinabzulassen, das ist leicht, aber sich an einem dünnen Lasso so tief hinabzugreifen, das ist schwer. Man kann, wenn man nicht die Füße zu Hilfe nimmt, das Fleisch von den Händen verlieren. Es ging also langsam; aber als ich unten bei Winnetou anlangte, waren meine Hände zwar glühend heiß, doch Schmerzen hatte ich nicht. Meine beiden Gewehre hatte ich natürlich, über den Rücken gehängt, mitgebracht.

Wir befanden uns auf der obersten Plattform. Gar nicht weit von uns lehnte die Leiter, und wenige Schritte davon sahen wir ein offenes Loch, den Eingang zu der unter uns liegenden Etage, auf dessen Decke oder Dach wir standen.

»Hast du etwas Verdächtiges bemerkt?« fragte ich den Apatschen.

»Nein,« antwortete er.

»Vielleicht ist jemand unter uns. Wir müssen in das Loch horchen.«

»Das ist nicht nötig, denn es ist niemand da. Befände sich irgend wer unter uns, so würde die Leiter nicht außen an- , sondern nach innen im Loche liegen.

»Das ist richtig. Steigen wir also auf die nächste Plattform hinab!«

Wir krochen nach der Leiter und stiegen nicht von Sprosse zu Sprosse, sondern rutschten gleich an derselben hinab, weil das viel schneller ging. Auch hier gab es ein Loch, welches offen stand, und auch hier lehnte eine Leiter außen an. Es befand sich also auch niemand in der Etage, auf deren Plattform wir jetzt standen. Winnetou deutete nach dem Feuer hinab und sagte:

»Da unten sitzen die Krieger alle, welche, wie wir gehört haben, die obersten Stockwerke bewohnen; dieselben sind also leer.«

Schon stand ich im Begriff, ihm beizustimmen, als wir unter uns die Stimme eines kleinen Kindes hörten. »Was ist das!« flüsterte der Apatsche. »Es sind also dennoch Menschen hier!«

»Still!« warnte ich. »Wir haben nur an die Krieger, also an die Männer gedacht, die Frauen und Kinder aber vergessen. Wir müssen außerordentlich vorsichtig sein und dürfen nicht das geringste Geräusch verursachen, sonst kommen die Squaws heraus, um nachzusehen.«

»Das können sie nicht, weil die Männer, als sie nach unten stiegen, die Leitern mit nach außen genommen haben. Die andern Familienglieder können also nicht eher heraus, als bis die Krieger wieder heraufkommen und die Leitern in die Löcher hinablassen.«

So huschten wir unhörbar von einer Terrasse immer auf die nächst tiefere herab, bis wir auf der vierten angekommen waren, an welcher die Leiter zu unserm Leidwesen nicht außen lehnte; sie steckte in dem Loche.

»Das ist gefährlich,« raunte mir Winnetou zu. »Es kann jeden Augenblick jemand heraufkommen und uns sehen. Wir müssen fort!«

»Wieder aufwärts?«

»Nein, auf die nächste Plattform hinunter.«

»Aber wie? Es giebt ja keine Leiter da, und aus dem Loche ziehen können wir sie doch unmöglich, weil man das sofort bemerken würde. Wir holen uns die vorige her, auf welcher wir soeben herabgekommen sind.«

»Nein. Es könnte jemand hier aus der Wohnung kommen, die Leiter sehen, welche gar nicht hergehört, Verdacht schöpfen und Lärm machen.«

»So müssen wir ohne Leiter hinab!«

»Aber wie?«

»Wir helfen einander. Komm!«

Die Etagen waren nicht viel über vier Ellen hoch; man konnte also notgedrungen auch ohne Leiter hinab, aber freilich nicht springen, weil dies Lärm verursacht hätte. Wir krochen nach der Kante unserer Plattform vor. Aus dem Eingangsloche der tieferen Terrasse glänzte ein sehr matter, kaum bemerkbarer Lichtschein zu uns herauf.

»O weh!« flüsterte ich dem Apatschen zu. »Da unten liegt die dritte Plattform, also die Decke des zweiten Stockwerkes, in welchem Melton der Vater wohnt. Er ist in seiner Wohnung und hat Licht. Das ist höchst gefährlich für uns, zumal wir keine Leiter haben und also befürchten müssen, Geräusch zu verursachen.«

»Um so schneller müssen wir hinab. Ich werde meinen Bruder an seinem langen Bärentöter hinunterhinunterlassen; dann mag er sich hart an die Mauer stellen, damit ich auf seine Schultern steigen kann.«

Ich gelangte auf die angegebene Weise glücklich hinunter. Winnetou stieg von oben auf meine Schultern. Um ihm dann mit meinen verschlungenen Händen eine weitere, tiefe Stufe zu geben, mußte ich das Gewehr weglegen; ich lehnte es an die Mauer neben mich. Der Apatsche trat in meine Hände und wollte von da den einen Fuß auf den Boden setzen; der Schritt war aber zu weit; er strauchelte, stieß an den schweren Bärentöter, und dieser stürzte, einen lauten, schweren Schlag verursachend, um. Und das gerade über der Wohnung des alten Melton!

»Schnell fort und an das äußerste Ende der Terrasse!« flüsterte ich. »Dann niederducken; denn er wird höchst wahrscheinlich kommen!«

Wir huschten auf dem Dache hin und bis zum Ende desselben, wo wir uns platt niederlegten. Kaum war dies geschehen, so sahen wir den Alten erscheinen. Er kam mit dem ganzen Oberkörper aus dem Loche, und fragte im Pueblodialekte laut: »Payu ti-i - ist wer hier?«

Als er keine Antwort bekam, stieg er vollends heraus und schritt langsam über die Plattform hin, glücklicherweise in uns entgegengesetzter Richtung. Er hatte Verdacht geschöpft. Als er auf jener Seite nichts sah, kam er auf diese, doch nicht soweit, daß er uns sehen konnte. Dann kehrte er an das Loch zurück und stieg hinab. Als seine Gestalt verschwunden war, krochen wir hin und blickten vorsichtig hinab. Da das Loch nur so groß war, daß ein starker Mann hindurch konnte, so war von dem unter uns liegenden Raume nicht viel zu sehen. In die viereckige Stelle, welche wir überblickten, ragten zwei Beine eines Stuhles herein; das war alles, was sich unsern Augen bot. Das Licht brannte jedenfalls nicht unter uns, sondern in einem nebenanliegenden Gemache. Ein leises Hüsteln ließ sich von Zeit zu Zeit vernehmen, sonst war es still. Thomas Melton befand sich jedenfalls allein da unten.

»Was thun wir?« fragte ich den Apatschen leise.

»Wir müssen ihn haben,« antwortete er. »Er hat niemand bei sich; besser können wir ihn nicht bekommen.« »Aber wie! Wollen wir hinab?«

»Nein. Ehe einer von uns hinunter käme, hätte er ihn bemerkt und machte Lärm oder griff gar zu den Waffen, was noch schlimmer wäre.«

»So muß er herauf!«

»Ja. Ruf ihn! Aber nicht mit lauter Stimme, sonst merkt er, daß es eine fremde ist.«

»Gut, ich werde ihn täuschen. Nimm du ihn bei der Kehle, aber gleich so, daß er keinen Laut ausstoßen kann. Das übrige thue dann ich.«

Ich beugte mich in das Loch hinab und rief in jenem unterdrückten, hastig heimlichen Tone, bei welchem fast alle Stimmen sich ähnlich klingen:

»Vater, Vater, bist du unten?«

»Ja,« antwortete er, und ich hörte ein Geräusch, wie wenn jemand von einem Stuhle aufsteht. »Was willst du!«

Er hielt mich also, wie ich beabsichtigt hatte, für seinen Sohn.

»Komm herauf, schnell, schnell!«

»Warum?«

»Mach nur, mach schnell!«

»So rede doch laut! Oder soll es niemand hören?«

Bei diesen Worten hörte ich ihn kommen. Ich zog schnell den Kopf zurück, und Winnetou hielt die Hände griffbereit. Wir knieten beide an der Seite des Loches, der er, wenn er die Leiter heraufkam, den Rücken zukehren mußte. Wir hörten ihn steigen. Jetzt erschien sein Kopf, sein Hals; die Schultern kamen aus dem Loche hervor.

»Was ist's denn? Wo bist - -«

Weiter kam er mit seiner Frage nicht, denn Winnetou hatte ihm die Finger wie eiserne Klammern um den Hals gelegt. Zwei Faustschläge von mir gegen seinen Kopf, dann griff ich ihm rasch unter die Arme, um ihn zu halten, sonst wäre er hinuntergestürzt, denn seine Füße hatten den Halt verloren; sie waren von der Leitersprosse abgeglitten.

»Er ist ohnmächtig,« flüsterte Winnetou mir zu. »Laß ihn los, damit er an der Leiter hinunterrutscht!«

»Nein, denn das würde einen lauten Fall geben, und sein Sohn wohnt unter ihm. Ich halte ihn fest; steige du hinter ihm hinab und unterstütze ihn; da kommt er ohne Geräusch auf den Boden zu liegen.«

Das war eher gesagt, als gethan. Das Loch war nicht weit genug für zwei, und die Gestalt Meltons nahm die ganze Leiter ein, sodaß die Füße des Apatschen nur schwer die Sprossen treffen konnten. Doch endlich war er unten und nahm den leblosen Körper in Empfang. Ich stieg nach.

Als ich unten angekommen war, zog ich zunächst die Leiter zu uns herab, damit wir nicht gestört werden konnten; dann sah ich mich schnell um. Wir befanden uns zwischen vier kahlen Lehmwänden, die nichts einschlossen als nur die Leiter und den alten Holzstuhl, dessen zwei Hinterbeine ich vorhin gesehen hatte. Rechts und links führten Thüröffnungen weiter. Ich warf einen Blick nach rechts hinein, wo Melton vorhin gesessen hatte. Ebenso vier kahle Wände, ein alter Tisch, zwei Holzstühle und ein Lager, welches aus mehrfach übereinander gelegten Fellen und Decken bestand. Das sah sehr triste aus, war aber für einen Mann wie Thomas Melton mehr als genug. Ich zog mein Messer, schnitt eine Lagerdecke in lange Fetzen und kehrte dann zu Melton zurück, um ihm Hände und Füße zu binden. Ein Stück der Decke bekam er auf den Mund gebunden, daß er nicht laut werden konnte. Nun hatten wir Zeit, wenn auch nicht lange, uns umzusehen. Auf dem Tische stand eine primitive Thonlampe, welche mit schlechtem Oel gespeist wurde; diese mußte uns leuchten.

Es lagen sechs Räume nebeneinander, die nur ganz spärlich das hatten, was man Möbel nennen könnte. Man sah, daß alles mit dem Beile gefertigt war. In einer der Stuben, die aber nicht Stuben zu nennen waren, denn sie hatten keine Fenster und durch die Thüröffnungen konnte auch kein Licht dringen, fanden wir die Waffen des Alten. Wie ließen sie liegen. Zu unserer Beruhigung diente der Umstand, daß die Etage durch kein Innenloch mit der tieferen verbunden war. Von da unten, wo Jonathan Melton mit der Jüdin wohnen sollte, konnte also während unserer Abwesenheit niemand herauf und den Alten befreien. Wir kehrten zu diesem zurück und zogen ihn in die Stube, in welcher die Lampe gestanden hatte. Dort legten wir den Tisch um, mit der Platte nach unten und den Beinen nach oben; dann schoben wir den Körper des Gefangenen zwischen die vier Beine hinein, und banden ihn an dieselben fest. Nun konnte er unmöglich von selbst loskommen. Darauf löschten wir die Lampe aus, legten die Leiter an, stiegen auf die Plattform zurück und zogen die Leiter empor, um mit Hilfe derselben auf die nächst tiefere Etage, derjenigen Jonathan Meltons, zu kommen.

Das Thürloch derselben war auch offen, und hier drang ein sehr heller Lichtschein nach oben. Nachdem wir die Leiter herabgelassen und an derselben niedergestiegen waren, schlichen wir uns nach dem Loche und horchten zunächst. Zwei Personen sprachen miteinander, eine männliche und eine weibliche; ich erkannte Jonathans und Judiths Stimmen. Auch hier führte eine Leiter hinab, weshalb draußen an der Terrasse keine lag. Das Loch war fast noch einmal so groß als die, welche wir bisher gesehen hatten; darum lag, als ich hinunterblickte, ein größerer Raum als beim alten Melton vor mir. Ich sah außer der Leiter freilich nichts als wieder Füße, und zwar vier; diesmal waren es keine Stuhlbeine, sondern zwei mit Männerstiefeln und zwei mit kleinen Pantoffeln bekleidete Füße. Jonathan und Judith schienen auf einer Bank nebeneinander zu sitzen. Eben hörte ich die letztere sagen:

»Du denkst also, daß die drei Menschen draußen vor unserm Eingange halten bleiben?«

»Ja,« antwortete er. »Um uns zu bewachen!«

»Und wir können sie nicht verjagen?«

»Nein. Es giebt leider nur diesen einen Weg nach außen. Und wenn hundert und noch mehr Mann hier beisammen wären, so könnten wir nichts machen, weil die Passage durch die Enge nur einzeln möglich ist. Die ersten würden von ihnen erschossen, und würden mit ihren Leibern für die andern den Weg verstopfen. Mein einziger Trost ist der, daß wir hier Proviant für Monate, und Wasser für eine ganze Ewigkeit besitzen. Bis dahin wird den drei Halunken wohl die Geduld ausgegangen sein!«

»Solange brauchen wir nicht zu warten. Komm, mein Lieber, ich will dir etwas zeigen!«

»Was?«

»Das wirst du sehen. Wir steigen nach unten.«

Nach unten steigen? Da mußten sie doch höchst wahrscheinlich zur Leiter heraufkommen. Wir entfernten uns also schleunigst von dem Loche und legten uns in der entferntesten Ecke der Terrasse nieder, um nicht gesehen zu werden. Wir warteten aber vergeblich; sie kamen nicht. Es schien, man konnte aus der ersten Etage von innen nach dem Erdgeschosse gelangen, Wir krochen also bis an die Kante der Plattform vor und blickten vorsichtig hinab, sahen aber nichts. Wir hätten gern gewußt, was die Jüdin ihrem Jonathan zu zeigen hatte; jedenfalls hing es mit der Frage des Entkommens zusammen. Erst nach längerer Zeit wagten wir uns zum zweitenmal an das Loch. Die beiden saßen wieder unten und spannen das Thema, welches sie vorhin abgerissen hatten, weiter. Gleich der Anfang ihres nunmehrigen Gespräches ließ vermuten, daß es einen für uns sehr wichtigen Inhalt haben werde, denn sie sprachen von der Möglichkeit der Flucht, des Entkommens aus dem Thalkessel. Ich beugte den Kopf tiefer hinab, um ihre Worte leichter verstehen zu können; da aber faßte Winnetou leider meinen Arm, zog mich zurück und flüsterte mir zu:

»Rasch fort; da oben kommt jemand; ich höre es!«

Wir befanden uns, wie bereits erwähnt, auf der zweiten Terrasse, von unten herauf gerechnet, also in so unbedeutender Höhe über der Sohle des Thales, daß wir, wenn wir aufrecht standen, von dem Scheine des Feuers, welches am Eingange brannte, getroffen wurden. Wir durften uns also nicht aufrichten und schoben

uns kriechend von dem Loche weg, wo wir uns im Lampenlichte befunden hatten. Ich hatte kein Geräusch gehört, konnte mich aber auf die scharfen Sinne des Apatschen verlassen.

Als wir uns eine kleine Strecke von dem Loche entfernt hatten, hielten wir an, um zu lauschen. Es war nichts zu hören. Darum fragte ich Winnetou mit leiser Stimme:

»Was für ein Geräusch hat mein Bruder vernommen?«

»Neben uns Schritte und auch eine Stimme.«

»Aber es kommt niemand. Es wird nicht auf der nächsten, sondern auf einer noch höheren Plattform gewesen sein.«

»Nein; es war gleich über uns. Ich weiß ganz genau, daß - -«

Er hielt inne, denn gerade über uns hörten wir eine leise, und zwar männliche Stimme sagen: »Komme doch weiter! Warum bleibst du hier stehen?«

»Weil ich etwas gesehen habe, was mir auffällt,« wurde ebenso leise geantwortet, doch hörten wir es. »Was?«

»Zwei Köpfe waren da unten über dem Loche,« »Das ist doch nicht auffällig!«

»Zwei Köpfe, welche lauschten? Das soll nicht auffällig sein?« »Nein. Es werden die Dienerinnen dagesessen haben.« »Nein. Es waren Männer.« »Rote? Es sind Krieger von uns gewesen.«

»Nein. Es war ein Indianer, dessen Kopf nur mit seinem langen Haare bedeckt war, und ein Weißer, der einen Hut trug.«

»Also ein Krieger von uns, und vielleicht der Vater des jungen Bleichgesichtes.« »Auch das nicht, denn der Vater besitzt einen andern Hut. Es waren Fremde!« »Das ist unmöglich!«

»Ich würde das auch denken, wenn ich sie nicht, gerade als ich den Rand hier erreichte, ganz deutlich gesehen hätte.«

»Nun lege dich nieder! Wir wollen einmal hinabsehen.«

Wir hörten am Geräusche, daß sie sich niederlegten und über die Kante der Terrasse herabblickten. Wir befanden uns gerade unter ihnen. Ein Glück, daß wir nichts Helles an unsern Anzügen hatten! Dennoch mußten sie, wenn sie scharfe Augen besaßen, uns sehen. Darum vergingen für uns einige Minuten großer Spannung; dann hörten wir die Frage:

»Siehst du etwas?«

»Nein.«

Ach auch nicht. Du wirst dich jedenfalls getäuscht haben. Wie sollen Fremde in unser Thal und gar herauf auf die Plattform kommen!«

»Das kann ich mir auch nicht erklären.«

»Der Eingang ist doch von unsern Kriegern besetzt.«

»Sie sind aber dennoch da!«

»Ich glaube es nicht. Steigen wir also weiter, und sehen wir einmal nach! Du wirst finden, daß kein Mensch vorhanden ist.«

»Ja, sehen wir nach!«

Wir hörten, daß sie aufstanden und nach der Stelle gingen, an welcher wir vorhin die Leiter angelegte hatten.

»Sie kommen herab!« flüsterte Winnetou. »Eilen wir nach der andern Seite!«

Wir huschten schleunigst nach dem linken Ende der Terrasse, während die beiden Roten an der rechten Seite derselben herabgestiegen kamen. Dort legten wir uns nieder und drückten uns eng an die Lehmmauer.

»Wir glaubten, daß nur Frauen und Kinder da oben in den Wohnungen seien, haben uns aber geirrt,« flüsterte Winnetou. »Hoffentlich sehen uns die beiden nicht!«

»Und wenn sie uns aber sehen, was thun wir da?« fragte ich.

»Wir fassen sie.«

»Sie dürfen aber nicht laut werden!«

»Nein. Wir nehmen sie mit der linken Hand bei der Gurgel und stoßen ihnen mit der rechten das Messer ins Herz.«

»Nein, töten wollen wir die armen Teufel nicht.«

»Dann ist es fraglich, ob es uns gelingen wird, sie so zu überwältigen, daß sie nicht schreien können.« »O wir haben den Griff nach dem Halse schon so oft geübt!« »Er kann auch einmal mißlingen.«

Er hatte ganz recht; aber das Mißlingen war auch beim Gebrauche der Messer möglich, und so war es jedenfalls besser, das Leben der beiden zu schonen.

Da sie aufrecht gingen und also vom Lichte des Feuers getroffen wurden, konnten wir sie sehen. Sie waren die Leiter herabgestiegen und kamen nun langsam und das Terrain vorsichtig prüfend von der rechten Seite der Plattform nach der linken gegangen. Aus der Sorgfalt, mit der sie dabei verfuhren, schlossen wir, daß sie ganz gewiß bis zu unserm Winkel kommen würden.

Und so geschah es auch; sie kamen näher und näher. Sie befanden sich noch zehn, acht, sechs, vier Schritte von uns. Ich hoffte, daß sie noch weiter herankommen würden; dann wären wir rasch aufgesprungen, um sie zu packen. Sie blieben aber stehen und starrten mit vorgebeugten Körpern zu uns her.

»Was liegt dort?« fragte der eine.

»Das ist ein Mensch,« antwortete der andere.

»Nein, es sind zwei. Wer seid ihr?«

Diese Frage richtete er in lautem Tone an uns. Wir antworteten nicht, weil wir dachten, daß sie dann näher herankommen würden.

»Was wollt ihr hier?«

Ich sah, daß er ein Messer zog, und der andere folgte dem Beispiele. Jetzt durften wir nicht zögern, obgleich die Partie nicht so gut für uns stand, wie wir erwartet und gewünscht hatten; ihre Messer konnten uns gefährlich werden. Wir sprangen also auf und warfen uns auf sie. Ich gab demjenigen, auf den ich meinen Angriff richtete, einen Schlag auf den Arm, daß er das Messer fallen ließ, und wollte ihn dann beim Halse nehmen; aber er trat schnell einen Tritt zurück und streckte die beiden Hände vor, um mich abzuhalten. Dadurch gingen einige Augenblicke verloren. Der Schein des Feuers fiel gerade auf mein Gesicht; er erkannte mich und rief, so laut er konnte:

»Zu Hilfe, zu Hilfe! Hier oben ist Old Shatterhand!«

Da schlug ich ihm die Faust auf den Kopf, daß er niederstürzte, bückte mich schnell nieder, legte ihm das Knie auf den Leib und die Hände uni den Hals. Er brachte kein Wort mehr heraus, aber hinter mir hörte ich den andern brüllen:

»Auch Winnetou ist hier! Kommt schnell herauf! Zu Hilfe, Hilfe, Hil - -!«

Der dritte Hilferuf erstickte in einem ersterbenden Stöhnen. Mein Yuma war überwältigt; er bewegte sich nicht, und als ich mich nun nach Winnetou umsah, lag dieser auf seinem Gegner und bearbeitete den Kopf desselben mit der Faust.

»Was thun wir mit ihnen?« fragte er mich. »Sie zu fesseln, haben wir keine Zeit.« »Wir werfen sie über den Rand auf die erste Terrasse hinab. Schnell, schnell!«

In der nächsten Sekunde flogen die beiden Körper hinunter; da konnten sie uns nicht schaden. Wir aber eilten hin zu dem Loche. Ein Kopf war in demselben erschienen, der Kopf Jonathan Meltons, welcher auf der Leiter stand und aus dem Loche sah, um nach der Ursache der Hilferufe zu forschen. Er sah uns kommen und rief im Tone des größten Schreckes:

»Winnetou und Old Shatterhand! Alle tausend Teufel! Die sind - - «

Weiter hörten wir nichts, denn er verschwand, und als wir das Loch erreichten, war es zu spät, ihn zu fassen. Er war bereits unten angekommen, und man zog soeben die Leiter unten weg, sodaß wir nicht hinuntersteigen konnten. Die Ueberrumpelung des jungen Melton war uns also nicht gelungen. Das brauchte uns aber nicht zu ärgern, denn er konnte nicht zum Thale hinaus und war uns also sicher.

Die Hilferufe hatten das ganze Pueblo alarmiert. Ueber uns kamen die Weiber und Kinder aus den Löchern, und schrieen zu ihren Männern und Vätern hinab. Diese waren unten an ihrem Feuer aufgesprungen. Einige standen dort, ganz bewegungslos vor Staunen; andere kamen herbeigerannt, um die Terrassen zu ersteigen und uns anzugreifen. Da erhob Winnetou seine weithin schallende Stimme und rief:

»Ja, hier stehen Old Shatterhand und Winnetou. Die Krieger der Yumas mögen sich nicht heraufwagen, denn sowie ihre Köpfe auf der ersten Leiter erscheinen, schießen wir unsere Kugeln hindurch! Auch mögen sie nicht versuchen, durch die Felsenenge zu fliehen, denn auch draußen am Ausgange erwartet sie der sichere Tod. Und die

Squaws da oben mögen mit ihren Kindern schnell wieder in ihre Löcher kriechen und sich dort still verhalten, sonst werden sie erschossen!«

Auf diese Worte trat tiefe Stille ein. Was über uns, in den höheren Etagen vorging, konnten wir nicht sehen, aber die dort eingetretene Ruhe ließ vermuten, daß die Weiber dem Befehle des Apatschen gehorcht hatten. Und auf die Männer war er von derselben Wirkung gewesen, denn es wagte keiner, die zur ersten Etage führende Leiter zu ersteigen. Denen, die das beabsichtigt hatten, rief Winnetou zu:

»Kehrt augenblicklich zum Feuer zurück! Wer nicht sogleich gehorcht, bekommt eine Kugel!«

Die Yumas kannten den Apatschen; sie hatten einen solchen Respekt vor ihm und seiner Silberbüchse, daß sie eiligst nach dem Feuer liefen. Als sie alle wieder dort standen, warf ich ihnen die Frage zu:

»Wer ist euer Anführer? Er mag einige Schritte vortreten, denn Old Shatterhand möchte mit ihm reden!«

Es dauerte eine kleine Weile, ehe ein Roter einige zögernde Schritte machte und uns zurief:

»Einen Häuptling giebt es hier nicht mehr; es gilt der eine soviel wie der andere, doch will ich hören, was Old Shatterhand uns zu sagen hat.«

»Höre und siehe erst etwas anderes! Blicke nach dem Holzaste, welcher dort rechts aus dem Feuer ragt; er wird sofort verschwinden.«

Ich legte den Bärentöter an und zielte; es war bei der flackernden, unsichern Beleuchtung ein schlechter Schuß, doch drückte ich getrost ab, und der Ast wurde von der Kugel getroffen und so zerschnitten, daß die aus dem Feuer ragende Spitze desselben gegen den Felsen flog.

»Uff, uff!« erklangen die Stimmen der erstaunten Roten.

»Habt ihr gesehen, wie sicher unsere Kugeln gehen?« rief ich ihnen dann zu. »Ebenso sicher werden wir auch eure Herzen und Köpfe treffen, wenn ihr nicht thut, was wir von euch verlangen!«

»Was fordert mein weißer Bruder von uns?« fragte der Yuma.

»Sehr wenig. Wir sind nicht als eure Feinde gekommen. Wir wollen euch weder töten oder verwunden, noch uns an dem vergreifen, was euer Eigentum ist. Wir wollen nichts von euch haben als die beiden Bleichgesichter, welche sich hier bei euch versteckt haben.«

»Warum wollt ihr sie fangen?«

»Weil sie mehrere große Verbrechen begangen haben, welche Strafen finden müssen.«

»Das können wir nicht zugeben, weil wir ihnen versprochen haben, sie euch nicht auszuliefern.«

»Ich verlange nicht, daß rote Krieger ein Versprechen, welches sie gegeben haben, brechen sollen. Was habt ihr ihnen noch versprochen?«

»Nichts.«

»So sage ich euch, daß ihr euer Wort halten sollt, denn ihr werdet sie nicht ausliefern, sondern wir holen sie uns selbst. Oder seid ihr die Verpflichtung eingegangen, sie zu verteidigen, falls es uns gelingen sollte, hier heimlich einzudringen?«

»Von diesem Falle ist nichts erwähnt worden, weil wir ihn gar nicht für möglich gehalten haben, und wenn du - uff, uff, uff!«

Er unterbrach seine Rede mit diesem Ausrufe des Schreckes, weil in diesem Augenblicke etwas geschah, worüber man allerdings leicht erschrecken konnte. Näm- Nämlich Emery hatte meinen Schuß gehört; ich hatte ihn durch denselben eigentlich nicht herbeirufen wollen, denn wir brauchten seine Hilfe nicht; er war aber doch in die Felsenenge eingedrungen, kam aus derselben heraus und mit einem kühnen Sprunge über das brennende Feuer geflogen, und zwar mitten unter die Roten hinein, welche ganz erstarrt über das so plötzliche Erscheinen des kühnen Englishman waren. Er sandte natürlich seinen Blick nach oben, sah uns stehen und rief zu uns herauf, indem er sein Gewehr schwang:

»Charley, was soll ich thun? Soll ich die Kerle ein wenig totschlagen?«

»Nein, das ist nicht nötig, denn wir werden uns in Güte einigen. Komm aber herauf zu uns!«

»Daß ich von ihnen hinterrücks erschossen werde, während ich die Leiter ersteige!«

»Es wird keiner schießen, denn wenn es einer nur wagen wollte, seine Flinte zu erheben, würde ihn sofort meine Kugel treffen. Also komm!«

Er kam der Aufforderung nach und wurde von den Roten nicht daran gehindert. Waren sie erst so erschrocken darüber gewesen, daß Winnetou und ich uns so plötzlich mitten im Pueblo befanden, so hatte das Erscheinen Emerys sie nun vollständig verblüfft. Sie dachten gar nicht daran, von ihren Gewehren Gebrauch zu machen, die übrigens so schlecht waren, daß wir sie jetzt, des Nachts, gar nicht zu fürchten brauchten. Als Emery unsere Terrasse erreicht hatte, sagte er:

»lch sehe, daß ihr glücklich herabgekommen seid. Wo stecken die Meltons? Wißt ihr das?«

»Ja. Doch warte, ich muß erst mit den Roten da unten fertig werden,« antwortete ich ihm. Und mich an diese wendend, fuhr ich weiter zu ihnen fort:

»Meine roten Brüder haben gesehen, daß wir uns nicht vor ihnen fürchten, daß sie sich vielmehr ganz in unserer Gewalt befinden. Ebenso wissen sie, daß wir nur die beiden Bleichgesichter fordern. Werden sie uns unbelästigt damit abziehen lassen?«

»Du verlangst also gar nichts von uns?« fragte der Sprecher.

»Nichts!«

»Verlangst du etwa die weiße Squaw, welche hier wohnt?« »Nein.«

»Sie war die Squaw unsers Häuptlings, die wir beschützen müßten!«

»Wir mögen sie nicht haben und werden euch das große Glück, sie beschützen zu dürfen, nicht rauben.« »Und was ihr gehört, das laßt ihr ihr auch?«

»Ja. Was ihr rechtmäßiges Eigentum ist, werden wir nicht anrühren.«

»So sind wir bereit, mit euch Frieden zu schließen. Wo soll die Pfeife des Friedens geraucht werden?«

»Hier oben bei uns.«

»So sollen wir alle hinaufkommen?«

»Nein. Es genügt, daß du allein kommst; du hast für deine Brüder gesprochen und wirst auch für sie handeln. Also komm, und bring dein Kalumet mit!«

Es konnte mir nicht einfallen, alle Yumas heraufzulassen; das wäre eine große Unvorsichtigkeit gewesen. Er kam allein und nahm die alte schmierige Pfeife vom Halse, an welchem er sie mittels eines Riemens hängen hatte. Tabak hatte er in einem Beutel, der in seinem Gürtel steckte. Wir setzten uns nieder und ließen die Pfeife in die Runde gehen. Obgleich wir dabei die sonst gebräuchlichen Ceremonien möglichst abkürzten, konnten wir dann, als die Pfeife leer geraucht war, doch überzeugt sein, daß die Yumas unser Uebereinkommen respektieren würden. Das bekräftigte auch der Sprecher, der am Schlusse aufstand und in beteuerndem Tone sagte:

»Es ist also Friede geschlossen zwischen uns und euch, und wir werden ihn halten. Ihr seid nur drei Krieger, und wir sind unser so viele; dennoch sind wir ganz in eure Hände gegeben, denn wir haben kein solches Zaubergewehr, wie Old Shatterhand besitzt. Werden meine Brüder wirklich ihr Wort halten und uns nichts thun und nichts nehmen?«

»Ja,« antwortete ich. »Wir haben noch nie unser Wort gebrochen.«

»So werde ich euch beweisen, daß auch wir es ehrlich meinen. Unsere Krieger sollen alle ihre Flinten und Messer heraufsenden und sie hier bei euch niederlegen. Dann seid ihr sicher, daß wir wirklich friedlich gesinnt sind.«

»Mein roter Bruder mag den Befehl dazu erteilen. Dann wünschen wir, daß ihr das Feuer bis zum Anbruche des Tages unterhaltet und daß keiner von euch sich davon entfernt. Willigst du ein?«

»Ja.«

»Und sodann wirst du uns sagen, wie wir den jungen Weißen, den wir haben wollen, am leichtesten in unsere Hand bekommen?«

»Nein, das werde ich nicht sagen, weil wir versprochen haben, ihn und seinen Vater nicht an euch auszuliefern; es würde aber soviel wie eine Auslieferung sein, wenn ich thun wollte, was du jetzt von mir

verlangst.«

»Das gebe ich zu. Aber dafür wirst du mir etwas anderes sagen: Wo befinden sich unsere Pferde?« »Sie weiden oder schlafen da drüben unter den Bäumen, wo es dunkel ist.« »Man hat die Satteltaschen leer gemacht?« »Ja.«

»Wer besitzt die Gegenstände, welche sich in denselben befanden?« »Die beiden Weißen, welche ihr gefangen nehmen wollt.«

»Ihr habt mit unsern Pferden ein junges Bleichgesicht ergriffen. Ist es verwundet?« »Nein.«

»Wo befindet es sich?«

»Das junge Bleichgesicht ist hier im Pueblo eingesperrt worden.« »Wo?«

»Das weiß ich nicht.«

»Soll ich das glauben? Du mußt es doch wissen!«

»Nein. Man hat es uns nicht gesagt. Wir haben nur gesehen, daß er zwei Leitern ersteigen mußte.« »Also bis auf diese Terrasse?«

»Ja und dann mußte er hier durch das Loch hinuntersteigen in die Wohnung der weißen Squaw.« »Giebt es dort Räume, welche sich zum Einsperren eines Gefangenen eignen?« »Nein, denn die Räume sind lauter Wohnungen. Vielleicht hat man ihn eine Leiter tiefer geschafft.« »Das müßtet ihr doch gesehen haben!«

»Nein, denn von diesem Stockwerke aus führt auch von innen ein Loch in das Erdgeschoß hinab.« »Wo ist dieses Loch?«

»Ganz am Ende der rechten Seite, in dem hinteren Raume, wo die weiße Squaw ihre Küche hat.« »Wo pflegt sie zu schlafen?«

»In dem vorletzten Gemache auf derselben Seite. Jetzt hast du alles erfahren, was ich sagen darf. Nun will ich die Waffen bringen lassen.«

Er entfernte sich, um den betreffenden Befehl zu erteilen. Die freiwillige Auslieferung der Gewehre und Messer wäre im stande gewesen, alles Mißtrauen, wenn wir ja noch welches gehegt hätten, zu zerstreuen. Es verstand sich ganz von selbst, daß wir dem Loche, welches den Eingang zu der Wohnung Judiths bildete, unsere unausgesetzte Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Wir befanden uns ganz in der Nähe desselben, und es war doch immerhin die Möglichkeit vorhanden, daß Jonathan Melton zur Leiter heraufkommen und uns eine Kugel zusenden könne. Zu bemerken wäre noch, daß die beiden Indianer, welche wir auf die Plattform des Erdgeschosses hinabgeworfen hatten, schon längst eiligst von derselben hinabgestiegen waren und sich den ihrigen dort am Feuer beigesellt hatten. Sie waren ohne Schaden davongekommen.

Jetzt wurden die Waffen gebracht, die wir in unserer Nähe niederlegen ließen. Als sich die Träger entfernt hatten, befanden wir uns wieder allein und konnten nun darangehen, Vogel zu befreien und Jonathan Melton zu ergreifen.

Zunächst erzählte ich dem Englishman, daß wir mit Hilfe des Lassos glücklich von der Höhe auf das Pueblo gekommen waren und Melton, den Vater, schon in die Hände bekommen hatten.

»Das habt ihr gut gemacht!« sagte er. »Hoffentlich ist es nicht schwerer, nun auch seinen saubern Sohn festzunehmen.«

»Nicht schwerer? Ich meine, daß es ganz im Gegenteil gefährlich, und zwar sehr gefährlich ist, weil wir durch das Loch hinabsteigen müssen.«

»Allerdings. Was weiter?«

»Willst du uns etwa voransteigen?«

»Ja, sofort!«

Er schickte sich auch wirklich an, dies augenblicklich zu thun. Ich zog ihn aber schnell zurück und warnte:

»Halt doch! Kannst du dir nicht denken, daß Melton mit seinem Gewehre und seinen Revolvern unten steht, um uns gemütlich das Lebenslicht auszublasen?«

»Ah, Wetter, das ist wahr! Wir müssen eben hinunter, und da das Licht unten brennt, so ist das, was du Vorsicht nennst, ganz unmöglich.«

»Sie ist möglich. Du wirst schon sehen. Vorher aber müssen wir bestimmen, wer von uns hier oben zu bleiben hat.«

»Du meinst, es ist notwendig, daß einer hier bleibt?«

»Unbedingt. Es handelt sich um unsere Sicherheit. Was mich betrifft, so muß ich hinab. Und weil es da unten voraussichtlich Heimlichkeiten zu entdecken giebt, worin Winnetou Meister ist, so schlage ich vor, daß er mit mir geht.«

»Hm, ich muß mich fügen, obgleich ich auch große Lust besitze, mir das Innere des "Schlosses" einmal anzusehen.«

»Das kannst du später mit weit mehr Muße thun. Wir lassen dir unsere Gewehre hier.«

»Was? Die wollt ihr nicht mitnehmen?«

»Nein. Es wird da wahrscheinlich zu steigen und zu klettern geben, wobei sie uns nur hinderlich sein würden.«

»Aber wenn es zu einem Kampfe mit Jonathan kommen sollte!«

»So brauchen wir die Gewehre sicher nicht. Wir sind zwei gegen einen und haben die Messer und Revolver.

Also hier sind meine Gewehre, und nun will ich zunächst sehen, wie es da unten steht.«

Ich legte den Hut ab, steckte den Kopf in das Loch, hielt mich am Rande desselben fest und ließ mich leise und langsam, soweit die Arme reichten, tiefer sinken. Man hatte von innen die Leiter weggenommen. Winnetou und Emery hielten mich draußen fest, sodaß ich nicht hinabstürzen konnte. So kam ich mit dem Kopfe nach unten soweit, daß ich den Raum überblicken konnte. Ich sah die Bank, auf welcher Judith und Jonathan vorhin gesessen hatten, einen Tisch und zwei Stühle. Ueber dem Tische hing ein Spiegel. Dieses unter andern Verhältnissen höchst einfache Möblement war für das Pueblo fein zu nennen. Die beiden Thüröffnungen, welche nach rechts und links führten, waren durch bunten Kattun verhängt. Also hinter dem Vorhange rechts wohnte Judith und links Jonathan. Da sah ich, daß sich der erstere bewegte; es erschien eine Frauenhand mit einem Revolver; ich zog schnell den Kopf zurück, da knallte auch schon der Schuß. Natürlich war ich im nächsten Augenblicke außerhalb des Loches.

»Wetter, das war gefährlich! Wer hat geschossen?« fragte Emery.

»Judith!«

»Da konntest du jetzt das schönste Loch im Kopfe haben. Wo steht sie denn?« »Hinter dem Vorhange in einem Nebengemache.« »Und Jonathan?«

»Den habe ich nicht gesehen. Wahrscheinlich steht er auf der andern Seite auf der Lauer.«

»Das ist eine fatale Lage. Wir können nicht hinab.«

»O doch! Ich springe hinab.«

»Da schießt man von beiden Seiten auf dich!«

»Das muß ich freilich riskieren; wahrscheinlich aber bin ich rascher, als die beiden Belagerten. Die Lampe, welche unten brennt, steht auf dem Tische; wenn ich sie schnell ausblasen kann, bin ich ziemlich sicher, nicht getroffen zu werden. Holt dort die Leiter her! Wenn ich von unten rufe, steckt ihr sie in das Loch, und Winnetou kommt hinunter.«

»Aber bedenkst du auch, daß du außerdem den Hals brechen kannst, wenn du hinabspringst!« »Da müßte es etwas tiefer sein. Also jetzt, es sei gewagt!«

Die Ausführung meines Vorsatzes, hinabzuspringen, war nur dadurch möglich, daß das Loch doppelt so weit war, als die andern Eingänge, die wir gesehen hatten. Ich stellte mich gerade darüber, das eine Bein hüben und das andere drüben. Um gleich bewaffnet zu sein, zog ich den Revolver. Indem ich die Füße hüben und drüben von der Kante des Loches abgleiten ließ, fiel ich in aufrechter Stellung hinunter und kam auf die Zehen zu stehen. Ein schneller Schritt zur Lampe, die ich ausblies, zwei ebenso rasche Schritte wieder zurück und nach der andern Seite - da knallte auch schon der Revolver; die Jüdin hatte auf mich geschossen und sie hätte mich sicher getroffen, wenn ich nur einen Moment länger dort am Tische bei der Lampe stehen geblieben wäre. Jetzt mußte ich zur List greifen. Ich warf mich nieder, und zwar so, daß man es hören mußte, und begann, zu stöhnen. Ich wollte dadurch Jonathan herbeilocken. Zunächst aber machte sich nur Judith bemerkbar!

»Himmel, ich habe ihn getroffen! Sind Sie verwundet?« Ich antwortete mit einem weitern Stöhnen und Röcheln. »Er stirbt, er stirbt! Ich habe ihn erschossen! Licht her, Licht!«

Das klang ja ganz so, als ob es gar nicht ihre Absicht gewesen sei, mich zu treffen. Ich glaubte, sie würde hereinkommen, um die ausgelöschte Lampe anzubrennen, hörte aber, daß sie sich nach innen entfernte. Da stand ich wieder auf und huschte in den zweiten Raum, in welchem sie gestanden hatte. Weiter hinten, mehrere Zimmer weiter, gab es einen Lichtschein, welcher durch die Vorhänge drang. Er kam näher und wurde heller und stärker. Der Kattun der nächsten Thür wurde auseinandergezogen, und da stand sie, die Jüdin, eine zweite Thonlampe in der Hand und mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrend; sie ließ den Revolver, welchen sie in der andern Hand trug, fallen.

»Guten Abend, Sennora!« grüßte ich. »Sie verzeihen doch, daß ich Sie in ihrer Häuslichkeit störe? Da Sie wahrscheinlich nicht hinaufgekommen wären und ich Sie doch sprechen mußte, war ich gezwungen, herunterzukommen.«

»Da - da - da stehen Sie ja!« rief sie aus.

»Allerdings! Oder meinen Sie, daß ich mich setzen darf?«

»Sie - Sie - Sie lagen doch da draußen. Ich hörte Sie fallen!«

»Das habe ich auch gehört!«

»Ich glaubte Sie im Sterben, und nun - nun - stehen Sie hier vor mir! Sind Sie denn nicht verwundet?« »Nein.«

»Aber warum röchelten Sie da so entsetzlich?«

»Ich habe die Angewohnheit, nur zu meiner Unterhaltung zu röcheln.«

»Und ich war so erschrocken darüber! Ich hatte Sie ja nur erschrecken wollen.«

»Sonderbar! Und das soll ich glauben?«

Sie können es glauben! Sie sollten nicht herunterkommen.«

»Und als ich unten war, schossen Sie doch noch auf mich! Sennora, darüber werden wir später sprechen. Jetzt bitte ich, mir zu sagen, wo Mr. Jonathan Melton sich befindet; ich habe mit ihm zu sprechen.«

»Er ist nicht hier!«

»Sie verleugnen ihn? So muß ich ihn mir suchen!« »Suchen Sie!«

»Das werde ich freilich thun, und Sie haben die Güte, mir dazu zu leuchten!« »Ich bin nicht Ihre Dienerin. Hier haben Sie die Lampe!«

Sie hielt mir das kleine, vasenartige Gefäß hin; ich schüttelte den Kopf und antwortete: »Sie sind hier daheim, und ich bin unbekannt; ich muß Sie also bitten, mich zu führen!« »Und ich thue es nicht.« »Sie werden es thun!«

»So kommen Sie! Sie sind im stande, eine Dame zu maltraitieren und vielleicht gar zu schlagen!«

»Das ist mir allerdings unter Umständen zuzutrauen! Also bitte, gehen Sie voran! Ich bleibe hart hinter Ihnen. Sollte es irgend jemanden hier geben, der einen Angriff auf mich beabsichtigt, so dienen Sie mir als Schild und müssen außerdem gewärtig sein, daß Ihnen mein Messer in den Rücken dringt. Sie haben zweimal auf mich geschossen; ich habe also gar keine Veranlassung, Sie zu schonen!«

»Es ist niemand hier. Kommen Sie!«

Sie sagte das in einem Tone, der mich irre machte. Das klang so glaubhaft, und doch mußte Melton sich hier befinden. Sie führte mich nach rechts, durch die Räume, welche sie selbst bewohnte. Die Ausstattung ließ, die Verhältnisse und die Oertlichkeit in Betracht gezogen, nichts zu wünschen übrig. Hinter jedem Thürvorhang glaubte ich, auf Melton zu treffen; er war nicht da!

Dann kehrten wir um; sie führte mich auf die linke Seite, also in seine Wohnung hinüber. Dieser sah man es an, daß sie früher der Aufenthalt eines Indianerhäuptlings gewesen war. Der Gesuchte war auch hier nicht zu sehen!

»Nun, haben Sie ihn?« fragte sie mich im Tone und mit einem Blicke des Triumphes.

»Bis jetzt noch nicht. Er ist irgendwo hier versteckt, und ich werde nicht eher ruhen, als bis ich ihn gefunden habe.«

»So thut mir's um Ihre Ruhe leid, zu welcher Sie niemals kommen werden. Mr. Melton ist seit mehreren Stunden fort.«

»Wohin?«

»Weiß ich es? Er ist nicht mehr hier, nicht mehr im Pueblo und überhaupt nicht mehr in der Gegend desselben.«

»Und vor einer halben Stunde habe ich ihn noch gesehen!«

»Das ist nicht wahr!«

»Ich hörte ihn sogar mit Ihnen sprechen, vorn auf der Bank unter dem Eingange. Kehren wir jetzt dorthin zurück! Sie werden noch andern Besuch bekommen.«

»Wen?« »Winnetou.«

»Herrlich!« meinte sie in spöttischem Tone. »Ich bin begierig, ob zwei so berühmte Westmänner die Spur finden werden!«

»Ich hab' sie schon, Sennora! Da, wo die Leiter jetzt liegt, welche an Ihrem Eingange fehlt, nachdem ich sie kurz vor her noch dort gesehen habe.«

»Und wo liegt sie jetzt?« fragte sie mich spöttisch.

»Ich werde sie Ihnen zeigen.«

»Da müßten Sie allwissend sein. Ich weiß, was für eine Spürnase Sie besitzen, aber so lang ist sie doch nicht, wie sie sein müßte, wenn Sie mit ihr an die Leiter stoßen wollten!«

»Werden sehen. Kommen Sie jetzt mit nach dem Eingange!«

Als wir dort anlangten, rief ich Winnetou. Die Leiter, natürlich eine andere, als die, von der wir jetzt gesprochen hatten, wurde herabgelassen, und dann kam der Apatsche herniedergestiegen. Er würdigte die Jüdin keines Blickes, blickte besorgt an mir hernieder und fragte:

»Jonathan Melton?«

»Nicht zu sehen.«

»Werden suchen.«

Jetzt nahm ich der Jüdin die Lampe aus der Hand und leuchtete. Sie ging neugierig hinter uns her. Wir begaben uns zunächst hinüber nach der linken Seite, der Männerwohnung. Die Beschreibung derselben hat kein Interesse. Es gab auch hier niemals Tageslicht, und wo die Außenluft Zutritt fand, das hätte ich auch nicht sagen können. Wir fanden nichts und begaben uns also nach der rechten Seite.

Was mir dort, ohne daß ich es erwähnte, aufgefallen war, das bemerkte der Apatsche sofort auch. Der Indianer hatte uns gesagt, daß die weiße Squaw im letzten Raume auf dieser Seite zu kochen und im vorletzten zu schlafen pflege. Es gab ganz hinten allerdings eine Küche. In der hintersten Ecke war eine Art Herd aus Lehm errichtet und darüber ein Loch durch die Decke gebrochen, durch welches der Rauch abziehen konnte. Auch Teller, Tassen, Schüsseln und anderes Geschirr gab es, dazu einen großen irdenen Wasserkrug.

In der andern Ecke stand oder vielmehr lag das Bett, bestehend aus einer Art Matratze, mehreren Fellen und Decken. In dem vorletzten Raume hingen Kleidungsstücke; auf jedem Tische befanden sich mehrere Toilettengegenstände, und auf der Erde, dem Fußboden, lagen verschiedene andere Sachen. Man sah es, daß dieselben absichtlich so hingeworfen worden waren.

»Nun?« fragte sie jetzt. »Der große und berühmte Häuptling der Apatschen ist auch da. Was haben Sie gefunden? Nichts!«

»Allerdings nichts,« antwortete ich.

»Und Sie behaupten doch, die Spur zu haben!«

»Die haben wir und das Finden wird sofort beginnen.«

Wir standen im vorletzten Raume. Winnetou brachte es doch nicht fertig, auch jetzt noch zu schweigen; er war zwar zu stolz, sich direkt an die Jüdin zu wenden, sagte aber, daß sie es hörte, zu mir:

»Wenn die Squaw ein Mann wäre, würde Winnetou ihr eine Antwort geben. Mein Bruder reiche mir die Lampe her!«

Ich gab sie ihm. Er bückte sich nieder und leuchtete auf den Boden, indem er mich fragte: »Glaubt mein Bruder, daß die Sachen stets hier liegen?« »Nein. Sie sind vor ganz kurzer Zeit hergeworfen worden.« »Wozu?«

»Um den Raum zu füllen. Man soll nicht sehen, was hier eigentlich fehlt.«

»Mein Bruder hat sehr richtig gesprochen. Er blicke in diese Ecke. Was ist da zu bemerken?«

»Ein langes Viereck, welches von dem andern Teil des Bodens absticht.«

»Wie lang und breit ist dieses Viereck?«

»Gerade so lang und breit wie das Bett, welches jetzt draußen in der Küche liegt.«

»Richtig! Das Bett hat also stets hier gelegen; die Squaw hat hier geschlafen. Warum hat sie ihr Bett so plötzlich hinüber neben den Herd geschafft?«

»Um damit etwas zu verdecken, was wir nicht sehen sollen.«

»So ist es. Old Shatterhand mag also mit in die Küche gehen.«

Als wir drüben standen und Winnetou nach den Decken griff, um sie wegzunehmen, rief Judith:

»Sennores, was soll das heißen! Hoffentlich ist Ihnen die Ruhestätte einer Dame heilig!«

»Allerdings,« antwortete ich. »Darum wollen wir sie wieder dorthin schaffen, wo sie sich stets befunden hat. Hier in der Küche haben Sie nie geschlafen.«

»Stets!«

»Auf der Leiter?«

»Auf der Leiter! Was meinen Sie?«

»Ich meine natürlich die Leiter, welche wir suchen. Uebrigens habe ich Ihnen eine sehr wichtige Frage

noch nicht vorgelegt. Wo steckt der junge Sennor, welcher hier gefangen ist?« »Ich weiß es nicht. Um Männerangelegenheiten habe ich mich nicht gekümmert.« »Er hat aber in Ihre Wohnung herabsteigen müssen!« »Davon weiß ich nichts.«

»Wenn Sie es wirklich nicht wissen, werden wir es Ihnen sagen; er steckt unter Ihrem Bette.« Da legte sie sich plötzlich auf die Decken nieder und rief:

»Hieran darf sich kein Mensch vergreifen! Es ist eine Roheit, eine Gemeinheit, welche Sie begehen wollen!«

»Stehen Sie auf, Sennora!«

»Nein! Ich werde nur der Gewalt weichen. Sie haben mich ja schon prügeln wollen. Thun Sie es doch jetzt!«

Es widerstrebte mir, Gewalt anzuwenden, aber was wollte man mit dem obstinaten Frauenzimmer anders thun? Da kam mir Winnetou zu Hilfe, welcher trotz seines ernsten Charakters doch zuweilen den Schalk im Nacken hatte; er sagte:

»Wer nicht freiwillig geht, wird weggeschwemmt!«

Er nahm das große, thönerne Wassergefäß vom Boden auf, welches so schwer war, daß er es kaum zu tragen vermochte, und näherte sich damit dem Bette.

»Himmel! Er will das Wasser auf mich schütten!« rief Judith und sprang auf.

Winnetou hatte das Gefäß noch nicht wieder an seinen Ort gestellt, so hatte ich schon alles, was zu dem Bette gehörte, auf die Seite gerissen. Da sahen wir denn, was wir erwartet hatten. Ein Loch führte von hier in das Erdgeschoß hinab; es war zugedeckt, und die Decke bestand aus Rundhölzern, welche aus starken Aesten zugeschnitten und mit Riemen zusammengebunden waren.

»Nun, Sennora, meinen Sie nicht, daß die gesuchte Leiter gleich hier zum Vorscheine kommen wird?« fragte ich.

Sie antwortete nicht.

Wir hoben die Decke weg und leuchteten in das Loch hinab. Da lehnte die Leiter.

»Hier ist sie. Sie sehen also, Sennora, daß ich vorhin garwohl wußte, wo die Spur zu suchen sei. Wollen Sie die Güte haben, uns voranzusteigen!«

»Fällt mir nicht ein! Gehen Sie nur immer allein!«

Ach muß darauf bestehen, daß Sie mitgehen! Sie könnten, wenn wir Sie allein hier oben ließen, uns irgend einen Streich spielen. Man weiß nicht, wie die Tiefe da unten beschaffen ist, und ob wir dann wieder heraufkönnten.«

Ach gehe nicht mit!«

»Da zwingen Sie mich wirklich, Sie wieder beim Arme zu nehmen, denn hinunterschwemmen können wir Sie doch unmöglich.«

Ich streckte den Arm nach ihr aus; da schritt sie auf das Loch zu und sagte wütend:

»Rühren Sie mich nicht wieder an! Mich schmerzt der Arm noch jetzt, den Sie mir am Tage so übel zugerichtet haben. Sie sind ein entsetzlicher Mensch. Ich steige ja hinab!«

Und sie stieg hinab. Ich folgte ihr mit der Lampe, und Winnetou kam hinter mir. Als wir die letzte Sprosse hinter uns hatten, umfing uns eine feuchte, modrige Luft. Wir befanden uns in einem langen, schmalen Gange, und zwar am Ende desselben.

»Wohin führt der Gang, Sennora?« erkundigte ich mich.

»Sehen Sie selbst nach!« antwortete sie kurz.

»Giebt es vielleicht rechts oder links Zimmer?«

»Suchen Sie!«

Die beiden Wände des Ganges bestanden aus Lehm; es gab keine einzige Oeffnung in denselben. Als wir ihn halb durchschritten hatten, kamen wir an eine Stelle, wo der Boden nicht aus Erde, sondern aus starken, dicken Hölzern bestand, welche nebeneinander lagen, ungefähr in der Weise, wie man Senk- oder andere Gruben zu bedecken pflegt. Ich kniete nieder und entfernte zwei oder drei von diesen Hölzern. Ein tiefer liegender Wasserspiegel schimmerte von da unten herauf. Ich nahm eins der Hölzer und hielt es in das Wasser hinab, um dasselbe zu sondieren. Es war nicht ganz zwei Ellen tief, und der über dem Wasser bis zum Fußboden liegende Raum mochte eine Elle betragen.

»Uff!« sagte der Apatsche im Siouxdialekte. »Mein Bruder hat die Cisterne gesehen, welche sich draußen vor dem Pueblo befindet, gerade in der Mitte desselben?«

»Ja.«

»Wir stehen gerade in der Mitte des Ganges, welcher die Breite des Pueblo einnimmt. Sollte das Wasser mit der Cisterne in Verbindung stehen?«

»Wahrscheinlich.«

»Dann kommt es aus dem Flusse, und wenn man in dies Loch steigt und in dem unterirdischen Wasser weitergeht, kann man in den Flujo blanco hinausgelangen.«

»So ist es; so ist es! Und der junge Melton ist uns auf diesem Wege entwischt.«

»Das wäre außerordentlich zu beklagen. Wir müssen die Squaw zwingen, es uns zu sagen!«

»Ob sie sich zwingen läßt!«

»Sie muß, und wenn - horch! Hat mein Bruder nicht einen Seufzer gehört?« »Nein.«

»Es war da hinten im Gange. Wir wollen einstweilen weitergehen.«

Ich brachte die Hölzer wieder an ihre Stelle, und dann setzten wir unsere Nachforschung fort. Ja, jetzt hörte auch ich einen Seufzer oder vielmehr ein röchelndes Stöhnen. Wir beschleunigten unsere Schritte und kamen an das Ende des Ganges, ohne darauf zu achten, daß die Jüdin zurückblieb. Ich mußte an Vogel denken, den wir suchten; darum die Eile und darum auch die erwähnte Achtlosigkeit. Und richtig, da lag er, mit Riemen gefesselt und an einen in den Boden getriebenen Pfahl gebunden. Man hatte ihm ein altes Tuch mehrfach über Mund und Nase befestigt, sodaß er nicht schreien und rufen, sondern nur stöhnen und kaum atmen konnte. Der Knebel wurde natürlich zuerst entfernt. Da that er einen tiefen Atemzug und rief:

»Dem Himmel sei Dank! Ich sah Sie da hinten im Gange erscheinen und hatte Angst, daß Sie nicht ganz bis hierher kommen, sondern wieder umkehren würden. Bitte, machen Sie die Riemen los!«

Sie wurden durchschnitten; er konnte also aufstehen. indem er sich reckte und streckte, fragte ich ihn:

»Haben Sie viel Angst ausgestanden?«

»Natürlich!«

»Sie konnten sich doch sagen, daß wir kommen würden!«

»O, daß Sie in das Pueblo dringen würden, das traute ich Ihnen schon zu, aber daß Sie diesen Ort finden würden, das konnte ich kaum glauben. Ich habe um mein Leben gebangt!«

»So ist es, wenn man Pferde bewachen soll und dabei einschläft!«

»Ich konnte nicht dafür. Ich war eigentlich gar nicht müde, sondern nur die Langeweile war es, welche mich eingeschläfert hat. Als ich plötzlich aufgeweckt wurde, war ich auch schon gefesselt. Ich wurde durch den Canon und die Felsenenge nach dem Pueblo geschafft und da verhört.«

»Von wem?«

»Von den beiden Meltons und der Jüdin. Sie haben das Weib bisher nur für leichtsinnig gehalten; sie ist aber schlecht, ebenso schlecht wie die Meltons, denn sie weiß, daß der Reichtum, den Jonathan besitzt, die Frucht des Betruges, des Verbrechens ist. Ich geriet in Wut, und die machte mich unvorsichtig.«

»Sie sagten, daß Sie der rechtmäßige Erbe sind?«

»Ja. Sie können sich das Staunen und die darauffolgende Freude denken! Man sagte mir, daß ich sterben müsse, und schaffte mich hierher.«

»Es war nicht so schlimm gemeint. Man wollte Ihnen Angst machen, um Sie mürbe werden zu lassen. Es ist uns ja ein Angebot gemacht worden, welches ich abgeschlagen habe. Später mehr davon. Sagen Sie uns jetzt, ob man Sie nach unsern Absichten ausgefragt hat!«

»Natürlich hat man dies gethan! Die Meltons wollten wissen, welchen Plan Sie verfolgten, um zum Ziele zu gelangen; ich habe aber nichts gesagt.«

»Das war gut. Doch wollen wir nicht länger hier verweilen. Wir können oben besser miteinander reden. Kommen Sie. Wie ich sehe, ist die Jüdin schon voraus.«

Wir kehrten durch den Gang zurück. Als wir an das Ende gelangten und die Leiter emporsteigen wollten, war sie fort. Wir sahen einander an.

»Was sagt mein Bruder dazu?« fragte Winnetou, indem ein halb lustiges Lächeln um seine Lippen spielte. »Dummköpfe sind wir gewesen!«

»Wir können nicht hinauf!« klagte Vogel. »Wir sind also gefangen!«

»Nein,« antwortete Winnetou. »Und wenn wir gefangen wären, dann aber nur für kurze Zeit. Wir müssen zunächst sehen, ob wir oben den Deckel öffnen können.«

»Wir können ja nicht hinauf; es ist keine Leiter da!«

»Es ist eine da,« antwortete ich. »Wir selbst sind die Leiter. Können Sie ein wenig klettern? Sind Sie Turner?«

»Ja.«

»Stellen Sie sich auf Winnetous Schultern; ich kniee nieder, und Winnetou tritt auf die meinigen. Dann reichen Sie bis oben an die Decke und können versuchen, ob der Deckel sich heben läßt.«

Die Probe wurde gemacht, doch ohne guten Erfolg. Judith war emporgestiegen, hatte die Leiter nachgezogen und den Deckel auf das Loch gelegt. Auf welche Weise sie ihn so fest oder schwer gemacht hatte, daß Vogel ihn nicht heben konnte, das wußten wir nicht.

»Was ist da zu thun?« fragte der letztere. »Ich bin kaum frei und schon wieder ein Gefangener.«

»Sir Emery wartet oben. Wenn wir nicht kommen, so holt er uns.«

»Aber wenn auch er überlistet wird!«

»So haben wir den Weg durch das Wasser.«

»Welches Wasser?«

»Wissen Sie nicht, daß sich in der Mitte des Ganges Wasser unter dem Boden befindet?« »Nein.«

»Das Wasser scheint mit dem Flusse draußen in Verbindung zustehen. Wir vermuten sogar, daß Jonathan Melton uns vorhin auf diesem Wege entkommen ist.«

»Was? Wie? Wann dürfte das wohl gewesen sein?«

»Vor wenig über einer Stunde.«

»Ah, um die Zeit ungefähr sah ich hier ein Licht herabkommen und hörte leise sprechen. Verstehen konnte ich die Worte nicht; ebensowenig vermochte ich die Personen zu erkennen; es schienen mir zwei zu sein. Sie kamen bis in die Mitte des Ganges, wo das Licht eine Zeit lang stehen blieb, bis es sich wieder entfernte.« »Das ist die Jüdin mit Jonathan Melton gewesen; er ist uns entkommen! So fatal das ist, so bildet es doch auch ein Glück für uns, weil wir nun einen Ausweg wissen. Wir werden gar nicht warten, bis Sir Emery uns vermißt, sondern den Wasserweg sofort antreten. Jetzt haben wir noch Oel genug hier in der Lampe, denselben zu erleuchten; später müßten wir ihn im Finstern zurücklegen, was weit schwieriger ist, da wir ihn nicht kennen. Stimmt mir mein Bruder Winnetou bei?«

Der Apatsche war ganz meiner Meinung, und der Violinvirtuos hatte uns gegenüber keinen Willen. Winnetou und ich machten uns nicht das mindeste daraus, wenn wir ein wenig naß wurden, und Vogel mußte sich notgedrungen in das kleine Uebel ergeben. Wir gingen also in die Mitte des Ganges zurück und nahmen die Hölzer weg. Nachdem wir uns das Schuhwerk ausgezogen und die Revolver und sonstigen Sachen, welche nicht feucht werden durften, verwahrt hatten, stiegen wir in das Wasser, welches mir nicht einmal bis an die Brust reichte.

Ich mußte dabei lebhaft an einige frühere Ereignisse denken, welche dem jetzigen zwar ähnlich, aber viel gefährlicher gewesen waren. Um ein geraubtes Mädchen aus dem Harem zu retten, war ich einst in Aegypten in einen Kanal gedrungen, welcher aus dem Nile unterirdisch in den Hof des betreffenden Hauses führte. Der

Kanal war nur durch Zertrümmerung eines starken Holzgitters und nach Lossprengung eines sehr festen Blechsiebes zu passieren gewesen, und während der Arbeit hatte ich mich, auch mit dem Kopfe, ganz unter Wasser befunden. Ich war auf eine halbe Sekunde dem Tode des Erstickens, des Ertrinkens nahe gewesen. Ein ganz ähnliches Ereignis hatte ich im Norden der Vereinigten Staaten erlebt, wobei der Ort von allen Seiten von feindlichen Indianern umgeben gewesen war, Wie ungefährlich war dagegen unsere heutige Lage!

Ich ging mit der Lampe voran. Wir mußten uns bücken, um nicht oben anzustoßen. Vor wieviel hundert Jahren war der Kanal wohl gebaut worden! Er bestand aus einer Art von Ziegeln, welche sich sehr gut erhalten hatten. Die Luft war schlecht, doch nicht so sehr, daß wir belästigt worden wären. Wenn mich meine Berechnung nicht trog, ging der Kanal durch die Felsenenge hinaus nach dem Flusse. Wir mußten also unter dem Wege hinaus, auf dem Emery vorhin in den Thalkessel und nach dem Pueblo gekommen war.

Der Weg war keineswegs kurz. Endlich bemerkten wir, daß die Luft mit jedem Schritte besser wurde, und dann fiel der Schein unserer Lampe auf dichte Zweige, welche vor mir niederhingen. Ich löschte das Licht aus, schob die Zweige auseinander, ging noch zwei Schritte vorwärts und stand -im Flusse, dessen Wasser gerade so tief wie dasjenige im Kanale war. Die Zweige gehörten einem Schlinggewächse an, welches die Mündung des Kanales vollständig verdeckte und verbarg.

Winnetou und Vogel traten hinter mir auch ins Freie; dann erstiegen wir das Ufer und befanden uns im Canon des Flujo blanco neben der Felsenenge.

»Hier ist Melton auch herausgekommen,« sagte Winne- Winnetou leise. »Meint mein Bruder, daß er sich vielleicht noch in der Nähe befindet?«

»Nein. Er ist jedenfalls fort. Er hat sich wohl keinen Augenblick aufgehalten.«

»Unser Bruder Emery muß nicht aufgepaßt haben, sonst hätte er ihn sehen oder hören müssen!«

»Ich glaube vielmehr, als Melton hier aus dem Kanale kam, ist Emery schon bei uns drin auf dem Pueblo gewesen.«

Das Feuer, welches bei dem Englishman hier gebrannt hatte, war ausgegangen. Wir schritten über die Asche desselben in die Felsenenge hinein. Am jenseitigen Ende derselben brannte das Feuer der

Yumaindianer, über welches Emery hinweggesprungen war. Es blieb uns nichts übrig als denselben Sprung zu thun. Ich voltigierte als der vorderste über die Flammen hinweg und riß zwei oder drei von den Yumas, welche jenseits saßen, über den Haufen. Die Roten sprangen erschrocken auf und starrten mich an. Da kam auch Winnetou geflogen. Das war ihnen dann doch zu rätselhaft! Sie wußten uns droben im Pueblo, und jetzt kamen wir wie von einer Sehne geschnellt, über das Feuer herein in den Thalkessel geflogen. Sie rissen die Augen und die Mäuler auf und brachten vor Erstaunen nicht einmal einen Ausruf hervor.

Jetzt kam auch Vogel gesprungen. Das war für sie noch wunderbarer. Das junge Bleichgesicht steckte ja als Gefangener hinter den starken Mauern des Terrassenbaues, und jetzt war er nicht nur frei, sondern er kam aus dem Freien herein zu ihnen!

»Uff, uff, uff!« erklang es endlich doch rundum, und derjenige, mit welchem wir die Friedenspfeife geraucht hatten, fügte hinzu:

»Thut der große Winnetou heute ein Wunder? Oder besitzen unsere Brüder zwei Leiber, daß sie dort im Pueblo und auch jetzt hier bei uns sein können?«

»Das mag sich unser roter Bruder einmal überlegen,« antwortete ich. »Wenn er keine Erklärung des Wunders findet, wird sie ihm vielleicht einmal im Traume kommen.«

Wir gingen zu der Leiter, welche am Erdgeschosse des Pueblo lag, und stiegen diese und auch die nächste empor. Es läßt sich denken, mit welchem Erstaunen uns Emery kommen sah! Er stand oben am Eingange zu der Wohnung der Jüdin Wache. Er erwartete uns natürlich aus diesem Loche zurück, und nun kamen wir aus dem Thale herauf! Er kam uns bis an die Leiter entgegen und rief mit lauter, verwunderter Stimme:

»Ihr hier! Und Master Vogel auch, von dem ich denke, daß er-«

»Still!« unterbrach ich ihn. »Schrei nicht so! Die Jüdin soll nichts hören. Hast du sie gesehen, seit wir von dir fort sind?«

»Ja, unten in ihrer Wohnung. Ich blickte zuweilen hinunter und habe sie da hin und her gehen sehen.« »Ist dir nichts dabei aufgefallen?«

»Nein. Sie hat die Lampe wieder angesteckt, welche du vorhin ausgelöscht hast.« »Und ist dir denn unser Ausbleiben nicht als zu lang vorgekommen?«

»Ein wenig wohl; aber ihr konntet ja zu thun haben. Was ist denn geschehen? Es muß einen heimlichen Weg aus dem Thale geben, den ihr entdeckt habt!«

»So ist es. Die schöne Judith hatte es bös mit uns vor; sie glaubt uns in der Falle, und es sollte mich wundern, wenn sie nicht versuchte, nun auch dich zu überlisten.«

Ich erzählte ihm, was wir erlebt hatten, und fügte dann hinzu:

»Wir werden uns nicht sehen lassen. Ich bin überzeugt, sie hat etwas gegen dich vor und wird bald heraufkommen, um es auszuführen. Bin neugierig, wie sie es anfangen wird, auch dich in ihre Gewalt zu bringen.«

Hierauf ging ich mit Winnetou und Vogel nach der Stelle, an welcher die Gewehre der Yumas lagen. Wir stellten sie zu Pyramiden zusammen und setzten uns dahinter, sodaß wir von dem Loche aus nicht gesehen

werden konnten.

Wie gedacht, so geschehen. Nach einiger Zeit kam Judith die Leiter heraufgestiegen und sah sich nach Emery um. Er stand in einiger Entfernung von ihr.

»Sennor!« rief sie. »Der Anführer der Yumas soll mit noch drei Indianern herauf und in meine Wohnung kommen.«

»Wer hat das befohlen?«

»Sennor Shatterhand. Er ist unten bei Sennor Melton.«

»Warum schickt Old Shatterhand Sie? Er konnte es mir doch selbst sagen!«

»Er hat keine Zeit. Die Sennores haben sehr wichtige Dinge zu besprechen. Sie reden, glaube ich, von der Erbschaft.«

»Was sollen die Roten dabei?«

»Ich weiß es nicht. Shatterhand läßt sagen, Sie sollen sich beeilen!« »Gut! Sagen Sie ihm, daß die Roten bald kommen werden!« Sie stieg wieder hinab. Emery kam zu uns und fragte: »Was mag sie im Schilde führen?«

»Das ist doch sehr leicht zu erraten. Sie glaubt, uns fest zu haben, und will sich nun auch deiner bemächtigen. Sie läßt also die Roten kommen, um sie zu überreden, dich festzunehmen.«

»Aber welchen Zweck verfolgt sie dabei? Was kann es ihr denn nützen, wenn sie uns fest hat?«

»Viel, sehr viel! Sie sendet ihrem Jonathan einen Boten nach, der ihn zurückbringen soll. Stecken wir dann fest, so ist sein Spiel gewonnen.«

»So müßte sie doch wissen, wohin er ist!«

»Natürlich weiß sie das.«

»Ah, wenn wir es erfahren könnten!«

»Wir erfahren es durch List.«

»Wie?«

»Indem ich mich für Melton senior ausgebe.«

»Sie kennt dich ja! Sie wird dich doch nicht etwa mit ihm verwechseln!«

»Sie wird mich für ihn halten. Sie weiß noch nicht, daß er gefangen ist; sie wird ihn unter allen Umständen benachrichtigen wollen, wohin sein Sohn ist. Bei dieser Gelegenheit erfahre ich es.«

»Und doch begreife ich nicht, wie du das anfangen willst!«

»Komm mit herunter zu ihr! Bin neugierig, was sie für ein Gesicht machen wird, wenn sie mich sieht. Sag zunächst zu ihr, daß du mich sprechen willst!«

Wir stiegen die Leiter hinab und horchten. Sie schien in dem Zimmer zu sein, in dem die Kleider hingen. Emery ging voran, und ich folgte ihm bis zum letzten Vorhange. Er schob denselben auseinander und trat zu ihr ein.

»Sie sind es, Sennor?« hörte ich sie sagen. »Ich erwartete die Indianer. Wann kommen sie?«

»Ich habe ihnen noch nichts gesagt.«

»Warum nicht? Sennor Shatterhand hat es sehr eilig.«

Ach möchte vorher mit ihm sprechen. Wo befindet er sich?«

»Drüben auf der andern Seite. Aber warum thun Sie nicht sofort, was er haben will? Warum wollen Sie erst mit ihm reden?«

»Weil mir die Sache verdächtig vorkommt. Wozu braucht er Indianer? Er hat ja mich und Winnetou, der sich bei ihm befindet!«

»Ja, ich weiß es nicht.«

»Aber ich will es wissen! Führen Sie mich zu ihm!« »Das darf ich nicht. Er hat jede Störung verboten.«

»Störung? Pshaw! Ich, sein Freund, störe ihn nie; die Indianer aber würden ihn stören! Also, wo ist er?«

»Drüben auf der andern Seite, wie ich schon sagte.«

»Und Sie wollen mich nicht zu ihm hinüberbringen?«

»Nein, denn es ist mir verboten worden.«

»So gehe ich allein!«

»Sie werden ihn nicht finden!«

»Sofort finde ich ihn, sofort. Soll ich es Ihnen beweisen?« »Ja,«

»Gut, Sennora! Hier haben Sie ihn!«

Er schob den Vorhang auseinander, nahm meine Hand und zog mich hinein. Als sie mich erblickte, stand sie vor Schreck sprachlos.

»Sie sehen, Sennora,« sagte ich, »ich werde nicht nur schnell gefunden, sondern ich finde mich auch selbst schnell zurecht. Kaum unter uns in der Unterwelt eingesperrt, sehen Sie mich wieder hier oben, ohne daß Sie die Güte gehabt haben, mir die Leiter hinabzulassen. Sie freuen sich doch jedenfalls darüber, mich so wohl wiederzusehen?«

»Ja, ja, ich freue mich; ganz, ganz außerordentlich freue ich mich!« rief sie aus, indem sie die Fäuste ballte und die Zähne zusammenbiß.

»So will ich Ihre Freude durch die Mitteilung verdoppeln, daß auch Winnetou und Sennor Vogel sich an der Oberwelt befinden. Der unterirdische Kanal hat nicht nur Ihren Verlobten, sondern auch uns an die Freiheit geführt.«

Da fuhr sie mich wie eine Katze an:

»Sie haben tausendmal mehr Glück, als Sie Verstand besitzen! Aber freuen Sie sich nur nicht zu sehr! Den schönsten, den gelungensten Streich habe doch ich Ihnen gespielt!«

»Welchen denn?«

»Eben den, daß ich Melton fortgeholfen habe. Er ahnte von dem Kanale nichts. Kein Mensch wußte, daß man durch das Wasser aus dem Pueblo gelangen kann; ich wußte es allein. Mein Mann, der Häuptling, hat mir das Geheimnis für etwaige Notfälle mitgeteilt.«

»Und ein solcher Notfall war heute eingetreten!«

»Ja. Ich zeigte ihm erst heute den Rettungsweg, und kaum eine halbe Stunde später hörten wir Ihre Namen rufen. Sie waren da. Jonathan aber beeilte sich, Ihnen zu entkommen, und er - er ist Ihnen auch entkommen!«

»Mag er! An seiner Person liegt mir gar nichts. Das Geld hat er doch dagelassen.«

»Meinen Sie? Meinen Sie das wirklich? Wie klug Sie sind! Und für wie dumm sie ihn halten! Sie denken, hier nur zuzugreifen zu brauchen! Aber da irren Sie sich gewaltig. Er hat das Geld mitgenommen.«

»Nur einen Teil desselben!«

»Nein, das ganze, das ganze! Es war eine ganze Ledertasche voller Staats- und Wertpapiere!« »Alle Wetter! Das ist freilich Pech! Und sein Alter ist auch fort!« Ich sagte das in möglichst zornigem Tone.

»Auch?« fragte sie, indem ihre Augen vor Vergnügen funkelten. »Woher wissen Sie das?«

»Sein Nest ist leer.«

»Haben Sie denn sein Nest gekannt?«

»Es liegt eine Etage über Ihnen. Wir sind nicht durch die Felsenenge gekommen, sondern an mehreren zusammengeknüpften Lassos in das Thal heruntergeklettert, und gerade als man uns bemerkte und um Hilfe rief, ist der alte Melton unten am Feuer bei den Wächtern gewesen und zur Felsenenge hinaus entwischt.« »Herrlich, herrlich!« jubelte sie. »Gleich darauf ist sein Sohn durch den Kanal geflohen, und sie haben sich jedenfalls getroffen und sind miteinander fort.«

»Wohin?«

»Wohin? Ja, ja, das fragen Sie! Das möchten Sie wohl gar zu gern wissen?«

»Natürlich. Ich bin in diesem Falle ebenso -neugierig wie Sie. Sie möchten doch wohl auch gern wissen, wohin Ihr Geliebter Ihnen entwischt ist?«

»Mir entwischt, mir, hahaha!« lachte sie.

»Lachen Sie nur! Sie täuschen mich doch nicht. Er ist auch Ihnen entwischt. Sie werden ihn und sein Geld niemals wiedersehen.«

»Niemals? Sennor, ich sage ihnen, daß ich ihn wiedersehen werde, sobald ich nur will!« »Unsinn! Sie wissen nicht, wohin er sich gewendet hat.«

»Ich weiß nicht nur das, sondern ich weiß sogar auch, wo er auf mich warten wird.« »Und Sie wissen das allein? Ich weiß es auch!«

»Sie? Ich glaube, Sie phantasieren! Den Ort kennen nur zwei, nämlich er und ich.«

»Drei! Rechnen Sie mich auch dazu. Ehe ich das Pueblo verlasse, werde ich Ihnen den Namen sagen.«

»Nichts werden Sie, gar nichts! Ich höre wohl, was Sie wollen. Sie wollen es machen, wie die Kinder, wenn sie gern etwas erfahren wollen, und Sie meinen, ich sei so dumm, mich von Ihnen soweit bringen zu lassen, daß ich im Aerger herausplatze. Da verrechnen Sie sich aber ungeheuer! Es ist heute überhaupt ein Tag des falschen Rechnens für Sie. Jonathan ist Ihnen mit seinem Gelde entkommen, und sein Vater ist auch fort mit dem Gelde, welches er bei sich hatte. Ja, wenn Sie wenigstens den erwischt hätten! Dem brauchten Sie nur die Stiefel auszuziehen. Er hat seinen Anteil zwischen den Doppelschäften stecken.«

»Donnerwetter!« stieß ich, der ich niemals fluche, jetzt absichtlich hervor. »Zwischen den Doppelschäften! Und den konnte ich schon mehreremale erwischen! Das ist doch ein Pech, ein riesenhaftes Pech!«

»Ja, das ist freilich Pech, und Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich darüber freue! Ich hasse Sie mit jeder Ader, in jeder Fingerspitze; darum freut es mich unendlich, daß Sie wie der Fuchs vor dem leeren Hühnerstalle stehen. Und das Beste dabei ist, daß Sie die Meltons niemals wiedersehen werden.«

»Oho! Ich hefte mich an ihre Fersen, bis ich sie habe!«

»Nie, nie wird das geschehen; dafür ist gesorgt! Der Hühnerstall ist leer, für immer leer, Sennor!« »O nein, Sie befinden sich ja noch darin!«

»Ich? Was haben Sie an mir! Ich bin arm; ich besitze fast gar nichts mehr. Dazu kommt, daß Sie überhaupt die Hand von mir lassen müssen.«

»Ich muß nicht, sondern es kommt nur auf meinen Willen an.«

»Auf Ihren Willen! In Beziehung auf mich haben Sie gar keinen Willen und gar keine Macht. Was habe ich denn gethan, was Ihnen das Recht giebt, sich an mir zu vergreifen? Haben Sie überhaupt das Recht jemals besessen, jemand Gewalt anzuthun? Ich glaube vielmehr, Sie haben sich stets nur mit fremden Angelegenheiten beschäftigt und in fremden Gewässern gefischt. Hoffentlich haben Sie da für sich soviel zusammengeangelt, daß Sie nun endlich einmal aufhören können! Das nennen Sie aber wohl, sich ihrer hilfsbedürftigen Mitmenschen annehmen, Sie Unikum von einem Menschenfreunde Sie?«

»Ja, ich habe schon viel geangelt und werde auch noch mehr angeln. Zunächst werden Sie an meinem Haken hängen bleiben. Ich werde mich Ihrer Person versichern.«

»Aus welchem Grunde, mit welchem Rechte?«

»Nur mit dem Rechte des Stärkern. Ich könnte sagen, Sie sind Mitschuldige der beiden Meltons. Aber das hat mir nicht ein. Ich halte Sie fest und lasse Sie bewachen, bis ich hier fertig bin. Dann können sie meinetwegen laufen, wohin Sie wollen, sogar hinter Ihrem Jonathan her. Neugierig bin ich jetzt nur, wie Sie in Ihrer Küche das Loch so fest verbarrikadiert haben, daß wir nicht heraus konnten.«

Ich nahm die Lampe und leuchtete in die Küche.

Das Bett lag wieder auf dem Loche, und auf dem Bette stand die Leiter, so fest gegen die Decke gestemmt, daß wir den Deckel allerdings unmöglich hätten heben können.

»Das haben Sie gut gemacht!« sagte ich. »Wenn der Kanal nicht gewesen wäre, hätten wir bis zum jüngsten Tage da unten stecken können. Wir werden Sie von jetzt an streng bewachen, damit Sie, solange wir hier bleiben, nicht wieder auf solche Anschläge kommen können. Emery, du bleibst jetzt hier, bis du abgelöst werden wirst, und behältst diese schöne Sennora gut im Auge.«

Er blickte mich einigermaßen verwundert an; ich gab ihm aber einen von ihr unbemerkten Wink, welcher ihm sagte, daß ich eine ganz bestimmte Absicht verfolgte. Sie rief mir, als ich ging, nach:

»Ich danke Ihnen, Sennor, daß Sie mir den Herrn hier lassen. Befänden Sie sich an seiner Stelle, vermöchte ich es nicht auszuhalten. Erfüllen Sie nun aber auch das Versprechen, das Sie mir gegeben haben!«

»Welches?« fragte ich mit Absicht, indem ich stehen blieb.

»Sie wollten mir sagen, wohin Jonathan entwichen ist, und wo ich mit ihm zusammentreffen werde.« »Gut, ich halte Wort!«

Ich stieg hinauf auf die Plattform und bat Winnetou, nun endlich mit zu dem alten Melton zu gehen. Wir mußten also eine Terrasse höher, nahmen die Leiter, mit deren Hilfe wir hinauf gelangten, mit an das Loch, stellten sie hinein und stiegen hinab. Ich wußte, wohin ich die Lampe gestellt hatte, und steckte sie an. Noch ehe aber der Docht Licht faßte, hörten wir, daß Melton voller Leben war. Der Tisch bewegte sich, an den wir ihn gebunden hatten.

Als wir Licht hatten, gaben wir ihm zunächst den Mund frei. Er stieß einen wüsten Fluch aus und rief. »Also habe ich doch richtig gehört! Old Shatterhand und Winnetou, diese Namen wurden gerufen!«

»Ja, Ihr habt Euch nicht getäuscht, Master Melton« antwortete ich. »Wir sind ja nur aus dem Grunde, euch dies zu beweisen, hierher gekommen.«

»Wäret Ihr doch beim Teufel geblieben!«

»Hätten wir das gethan, so säßen wir da draußen im Steingeröll bei Euerm Bruder, den Ihr ermordet habt. Er war ein Teufel, ein Satan im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr habt ihm seinen Lohn gegeben und werdet auch den Eurigen erhalten.«

»Haltet Euer Lästermaul! In solcher Lage kann vom Morde keine Rede sein. Wenn es auf Tod und Leben geht, ist ein jeder sich selbst der Nächste.«

»Und da schlägt und sticht man seinen eigenen Bruder nieder? Wißt Ihr, wie er Euch genannt hat?« »Wie?«

»Judas Ischariot. Und diesen Namen hat Euch auch Krüger-Bei und haben Euch noch andere gegeben. Eure Seligkeit scheint zu sein, Eure Wohlthäter zu verraten und mit Undank zu belohnen. Wo steckt das Geld, welches Ihr Eurem Bruder abgenommen habt?«

»Ich habe keines.«

»Ihr habt es ihm genommen! Wir sahen es, und er sagte es dann auch.« »Hat er denn noch gesprochen?«

»Ja. Sein letztes Wort war ein Fluch für Euch. Also, wo habt Ihr das Geld?« »Das geht Euch nichts an!«

»Es geht uns sogar viel an, denn es gehört dem rechtmäßigen Erben des alten Hunter.« »Bringt mir doch diesen Erben!« »Das könnte man wohl thun!«

»Ja, man könnte, aber man kann doch nicht,« lachte er schadenfroh.

»Man kann! Master Vogel ist frei! Wir haben ihn aus dem Gange, an dessen Ende er an den Pfahl gebunden war, geholt.«

»Was? Habt Ihr! Wirklich?« rief er aus, indem er an den Fesseln zerrte. »Wer hat Euch den Ort verraten?«

»Niemand. Haben ihn selbst gefunden.«

»Das ist nicht wahr. Jemand muß es Euch gesagt haben!«

»Wir brauchen keinen Verräter Eures Gelichters. Unsere Gedanken reichen allein für so etwas aus.« »Ihr habt doch nur durch Judiths Wohnung hinunter gekonnt! Wie steht es mit der Jüdin?« »Sehr wohl.«

»Und mit Jonathan, meinem Sohne?« »Auch so gut. Die beiden haben sich so unendlich lieb, daß man sie nächstens am Galgen trauen wird.«

»Wie? Ist Jonathan etwa gefangen?«

»Verlangt Ihr, daß er es besser haben soll, als Ihr?«

»Gefangen, gefangen!« stöhnte er. Und dann fuhr er knirschend fort:

»Ihr waret aber doch nur vier Personen!«

»Sogar nur drei, denn einen hattet Ihr gefangen.«

»Die Hölle hat Euch geholfen! Aber das Geld werdet Ihr doch nicht bekommen! Es ist so gut versteckt, daß Ihr es selbst mit dem Teufel nicht zu finden vermöchtet.«

»Wir werden es schon noch bekommen!«

»Nie, nie! Außer Ihr seid klug und mäßigt Euch in Euren Absichten und Forderungen. Nehmt das an, was wir Euch durch Judith anbieten ließen, sonst bekommt Ihr gar nichts! Mein Sohn hat das Geld so gut verborgen, daß Ihr es unmöglich finden könnt. Und niemand weiß den Ort, als nur er.«

»Und Ihr!«

»Ja, ich!«

»Und Judith!«

»Ich glaube nicht, daß er ihr es gesagt hat. So etwas ist nichts für Weiber.« »O, die Liebe ist mitteilsam!«

»Das ist Nebensache. Die Hauptsache ist, daß Ihr nichts finden werdet. Was habt Ihr davon, wenn Ihr uns fangt und der Polizei ausliefert und doch nichts bekommt.«

»Das wäre freilich nicht sehr tröstlich.«

»Also! Habt Verstand! Laßt uns los, und nehmt Geld an! Ihr habt die Wahl. Entweder habt Ihr uns, aber kein Geld, oder Ihr gebt uns frei und bekommt Geld.«

»Wieviel?«

»Ich biete Euch das Doppelte von dem, was wir Euch durch Judith bieten ließen.«

»Dann bekommt der Erbe nur einen Pappenstiel, und Ihr habt immer noch Millionen und die Freiheit dazu. Das ist denn doch ein schlechter Handel. Und meint Ihr etwa, daß ich Euch der Polizei übergebe? Ich werde mich hüten, Euch so lange und so weit mit mir herumzuschleppen!«

»Was wollt Ihr denn thun?«

»Euch einfach eine Kugel geben.« »Sir, das wäre Mord!«

»Nein, sondern nur gerechte Strafe. Ihr habt noch mehr verdient. Denkt an Eure Thaten! In Fort Uintah habt Ihr einen Offizier und zwei Soldaten ermordet, in Fort Edward den Schließer, drüben in Tunis den echten Small Hunter. Wie oft habt Ihr dann mir nach dem Leben getrachtet! Ich habe das volle Recht, Euch den Garaus zu machen. Und Euer Sohn hat nichts Besseres verdient. Dabei habe ich den Brudermord noch ganz vergessen. Ihr seid ein Scheusal, und der Mensch, der Euch vernichtet wie ein wildes Tier, verdient einen Gotteslohn.«

»Was hilft Euch der Lohn, wenn er nicht in Geld besteht!«

»Es giebt noch andere, bessere Reichtümer als Geld; nur habt Ihr keine Ahnung davon. Ihr seid mir so oft zum Schaden anderer Menschen entkommen; jetzt habe ich Euch fest, und Ihr werdet die Freiheit nicht wieder sehen. Wir werden über Euch beraten. Sehr wahrscheinlich wird mit dem kommenden Morgen Euer letzter Tag anbrechen.«

»Das werdet Ihr unterbleiben lassen, denn Ihr seid nicht meine Richter!«

»Wir sind es. Wir befinden uns im wilden Westen und handeln nach den Gesetzen desselben. Selbst wenn wir früheres gar nicht erwähnen wollen, so habt Ihr uns in letzter Nacht überfallen und uns dann am Tage einen Hinterhalt gestellt. Das ging uns ans Leben. Leben gegen Leben, so heißt das Gesetz der Prairie!«

»Nehmt doch Verstand an, Sir! Wir wollen teilen.«

»Nein. Wir wollen alles!«

»Das bekommt ihr nicht. Ich habe mein letzte Gebot gethan. Ihr bekommt entweder die Hälfte oder nichts!«

»Wir bekommen mehr!«

»Nichts bekommt Ihr, gar nichts!« schrie er wütend. »Ermordet uns; tötet uns; es ist mir nun egal! Ich werde mit dem frohen Gedanken sterben, daß Ihr dann arme Teufel seid und bleibt, denn das Geld werdet Ihr niemals, niemals, niemals finden.«

Das dreifache Niemals brüllte er förmlich heraus. Ich antwortete um so ruhiger:

»Ereifert Euch nicht! In Beziehung auf das Geld irrt Ihr Euch. Ich weiß, was ich weiß. Die Ledertasche, in welcher Euer Sohn das seinige stecken hat, kenne ich.«

»Leder - -?« fragte er atemlos. »Habt Ihr sie gesehen?«

Er sah mich dabei an, als ob sein Leben von meiner Antwort abhängig sei.

»Gesehen! Pshaw! Was nützte es mir, wenn ich sie nur gesehen hätte!«

»Sir, Master, Mensch, Ihr habt sie vielleicht schon?!«

»Hm! Das ist die Tasche Eures Sohnes; die geht Euch nichts an. Aber Ihr habt auch Geld, Euren Anteil und den Eures Bruders, den Ihr ihm abgenommen habt.«

»Ja, das habe ich, das habe ich!« brüllte er außer sich. »Aber das werdet Ihr nicht bekommen. Wenn Euch der Teufel Jonathans Geld in die Hand gespielt hat, so sagt eben dem Teufel Euren Dank dafür; mein Geld aber, meins, das meinige, davon werdet Ihr Eure Hände lassen!«

»O, ich brauch sie nur darnach auszustrecken!«

Ich legte bei dem Worte meine beiden Zeigefinger auf seine Füße. Er zuckte zusammen und fragte, indem ihm die Augen aus den Höhlen treten zu wollen schienen:

»Hierher? Meint Ihr, daß ich so dumm gewesen bin, es in die Strümpfe zu verstecken und mir dadurch eine Schar von Hühneraugen zu holen?«

»In die Strümpfe nicht, aber in die Stiefel.«

Er schluckte und brachte dann mühsam hervor:

»In die Stiefel? Zieht sie mir doch einmal aus, und schaut hinein! Ihr könnt sie solange ausschütten und ausschütteln, wie Euch beliebt; es fällt kein elender Cent heraus!«

»Das hat seinen guten Grund, weil das Geld nicht in den Stiefeln, sondern zwischen den Doppelschäften steckt.«

Da fiel sein Kopf weiter nach hinten; er schloß die Augen und wiederholte mit ersterbender Stimme: »Zwischen - den - - Doppel - - schäften - -!«

Dann aber bäumte er sich unter seinen Fesseln zwischen den Tischbeinen empor und brüllte, indem sein Gesicht sich blaurot färbte:

»Wage es, meine Füße anzurühren, elender Hund, wage es! Ich zersprenge meine Banden und reiße euch, dich und deinen roten Halunken von Winnetou in tausend Stücke!«

»Elender Wurm! Deine Drohung ist verrückt! Wir werden dir das Geld noch lassen, natürlich nur so lange, wie es uns beliebt. Jetzt binden wir dich los; du wirst mit uns gehen.«

»Wohin?« fragte er bedeutend ruhiger, da wir ihm die Stiefel nicht auszogen.

»Das wirst du sehen. Aber sei gehorsam, und verhalte dich ruhig, sonst hast du auch nicht die allergeringste Schonung von uns zu erwarten!«

Wir banden ihn vom Tische los und gaben ihm die Füße frei. Er mußte mit aus dem Loche klettern dann auf die nächste Terrasse hinunter und in die Wohnung der Jüdin steigen. Dort banden wir ihm die Beine und Füße wieder fest zusammen und legten ihn in den Raum, welcher an denjenigen stieß, der unter dem Loche lag. Es war finster in demselben. Judith befand Sich, von Emery bewacht, drei Räume davon entfernt.

Ich ging zu ihr. Sie saß auf einem Stuhle, drehte Emery den Rücken zu und that, als ob sie mein Kommen gar nicht bemerke.

»Soll ich dich bald ablösen lassen?« fragte ich den Englishman, indem ich die Augen schloß, den Kopf auf die Seite neigte und die Hand an denselben legte.

Das war die Pantomime des Schlafens. Emery verstand mich sofort und antwortete: »Ich bin freilich müde; ich muß ein wenig schlafen.«

»Ja, wer soll dich ablösen? Ich habe zu thun; Winnetou ist ebenso beschäftigt, und Vogel möchte ich einen so wichtigen Posten nicht anvertrauen.«

»Wichtig? Er wird doch wohl auf ein Frauenzimmer aufpassen können!«

»Das könnte er; aber ich habe noch einen andern Gefangenen gebracht, den älteren Melton.«

Da fuhr Judith mit einem schnellen Rucke herum und sagte:

»Ich denke, der ist Ihnen entkommen? Sie sagten es doch vorhin!«

»Er ist uns doch noch in die Hände gefallen.«

»Sie sind ein Teufel, wirklich ein Teufel! Was werden Sie mit ihm thun?«

»Zunächst nehmen wir ihm die Stiefel, um einmal in die Doppelschäfte zu blicken. Sie sehen, Sennora, daß

Ihre Freude vorhin eine sehr verfrühte und Ihr Hohn ein sehr schlecht angebrachter war!«

»Hätte ich doch geschwiegen! Hätte ich doch nichts gesagt! Nun ist das viele Geld verloren, und ich habe sogar geplaudert, ohne dazu veranlaßt oder aufgefordert worden zu sein!«

»Sie irren sich. Sie sind von mir veranlaßt worden.«

»Ich wüßte nicht!«

»O doch! Ich will aufrichtig sein und Ihnen sagen, daß der alte Melton sogleich, als wir kamen, in unsere Hände fiel, noch ehe Sie wußten, daß wir hier waren. Wir überrumpelten ihn in seiner Wohnung und fesselten ihn. Geld hatte er; das war sicher. Wir hätten nun gar zu gern gewußt, wo es steckte, und das konnten wir am leichtesten von Ihnen erfahren.«

Da stand sie vom Stuhle auf, kam einen Schritt näher und fragte erregt:

»So haben Sie mich getäuscht?«

»Allerdings. Ich sagte Ihnen, daß er uns entkommen sei, und machte dazu ein möglichst enttäuschtes Gesicht. Sie gerieten, wie ich erwartet hatte, in helles Entzücken; ich schob mit noch einigen Redensarten nach; Sie fühlten sich erhaben über uns und platzten voller Hohn mit seinen Stiefelschäften heraus. Ich hatte meine Absicht also auf die glanzvollste Weise erreicht.«

Sie stand einige Sekunden wie in tiefster Verlegenheit; dann fuhr sie plötzlich auf mich los, krallte mir mit den zehn gekrümmten Fingern vor dem Gesichte herum und schrie in giftigem Tone:

»Lügner, Schwindler, Ungeheuer! So also betrügen Sie die Menschen! Sie verbergen unter dem ehrlichsten Gesichte, welches man sich denken kann, eine Hinterlist, eine Heimtücke, die gar nicht zu beschreiben ist! Ich möchte Ihnen das Gesicht zerkratzen.«

Sie macht die Hände abwechselnd auf und zu, und zeigte dabei ein verzücktes Gesicht, um anzudeuten, welche außerordentliche Wonne es ihr gewähren würde, wenn es ihr möglich wäre, ihre Drohung mit dem

Zerkratzen in die Wirklichkeit zu übersetzen. Ich lächelte ihr ruhig entgegen und antwortete:

»Ich brauche nur zu wollen, so begehen Sie eine noch viel größere Dummheit als die war, von welcher wir sprachen.«

»Nein, nie, niemals!« beteuerte sie zornig. »Die Freude, von Ihnen überlistet worden zu sein, mache ich Ihnen gewiß nicht wieder! So durchtrieben wie Sie bin ich auch! Denken Sie denn, ich wisse nicht, was Sie wieder vorhaben? Sie wollen wieder irgend etwas aus mir herauslocken, und haben mir zu diesem Zwecke eine großartige Lüge gesagt!«

»Eine Lüge? Darf ich erfahren, welche Lüge?«

»Die, daß Sie den alten Melton gefangen haben!«

Die Antwort war gerade diejenige, welche ich haben wollte. Sie ahnte nicht, daß sie jetzt von mir auf ein Eis geführt wurde, welches gar nicht glatter und gefährlicher sein konnte. Sie befand sich auf dem besten Wege, die zweite und noch größere Dummheit, welche ich ihr vorhergesagt hatte, zu machen.

»Das soll eine Lüge sein?« meinte ich. Ach möchte wissen, welchen Zweck ich mit dieser Unwahrheit verfolgen könnte!«

»Sie wissen es, und ich weiß es auch. Oder können Sie mir beweisen, daß Sie mir die Wahrheit gesagt haben?«

»Ja.«

»Wo befindet sich Melton? Zeigen Sie mir ihn doch!« »Ich kann ihn nicht bringen; er ist gefesselt.«

»Leere Ausrede! Ich kann doch zu ihm gehen. Das werden Sie mir aber natürlich nicht erlauben!« »Warum nicht? Von Herzen gern!« »So kommen Sie!« »Ja, kommen Sie!«

Ich nahm die Lampe und ging mit ihr hinaus, nach der Stube, in welcher er lag. Als sie ihn erblickte, rief sie erschrocken aus:

»Es ist wahr, wirklich wahr! Sennor, Sennor, wie konnten Sie sich fangen lassen!« »Sind Sie denn nicht auch gefangen?« fragte er zornig.

»Das ist etwas anderes! Sie sind ein Mann; Sie hatten Ihre Waffen; ich aber bin - -«

»Still!« unterbrach ich sie. »Ich habe Ihren Wunsch erfüllt und Ihnen den Gefangenen gezeigt; aber ich kann nicht dulden, daß Sie mit Ihm sprechen. Er bleibt bis früh hier liegen. Wenn es hell geworden ist, werden wir uns den Spaß machen, seine Stiefel einer kleinen Besichtigung zu unterwerfen. Kommen Sie jetzt!« ich drehte mich um und ging, mit aller Absicht ihr voran. Ich gab mir dabei den Anschein der größten Unbefangenheit, bemerkte aber doch, daß sie ihm hinter mir ein Zeichen gab. Dieses Zeichen konnte natürlich nichts anderes bedeuten, als daß sie, wenn es möglich zu machen sei, zu ihm kommen wolle. Sie dazu zu verführen, war eben meine Absicht. Ich wollte von ihr erfahren, wohin Jonathan geflohen war, und das sagte sie dem Alten ganz gewiß, wenn sie zu ihm gelangen konnte.

»Nun, halten Sie mich noch immer für einen

Lügner?« fragte ich sie, als wir wieder in dem Zimmer angekommen waren.

»Diesmal haben Sie die Wahrheit gesagt, aber ich werde mich dennoch doppelt in acht nehmen. Mir stellen Sie keine Falle wieder!«

»Warten Sie nur! Und dich, Emery, bitte ich, ja recht aufmerksam zu sein; die beiden Gefangenen dürfen nicht zusammen kommen. Die Sennora wäre wohl gar im stande, dem Alten zur Flucht zu verhelfen. Nach zwei Stunden komme ich, um dich abzulösen; eher ist es mir nicht möglich.«

»Well, werde meine Pflicht thun, obgleich ich verteufelt müde bin.«

Ich gab ihm einen Wink und ging; infolgedessen begleitete er mich hinaus bis zum Eingange. Dort fragte er leise:

»Was ist's mit dem Schlafen? Weshalb soll ich müde sein?«

»Ich will haben, daß sie zu dem Alten geht. Sprich jetzt vielleicht zehn Minuten möglichst laut mit ihr, damit sie nicht hört, was hier vorn vorgeht; dann schläfst du scheinbar ein, und wachst nicht eher auf, als bis ich wiederkomme!«

»Und wenn sie fortgeht?«

»So hinderst du sie nicht.«

»Aber sie macht den Alten dann vielleicht wirklich los?« »Nein; ich schaffe ihn fort und lege mich an seiner Stelle hin.«

»Uff, würde Winnetou sagen! Famoser Gedanke! Bin außerordentlich neugierig, wie der Streich enden wird.«

Er kehrte zu der Jüdin zurück, und ich holte

Winnetou, welcher sich inzwischen nach oben entfernt hatte, wieder herab. Wir verbanden dem alten Melton wieder den Mund und die Nase, und schafften ihn hinüber in die linke Abteilung der Etage; dann mußte Winnetou mich genau so binden, wie Melton gefesselt war und mich an dessen Stelle legen. Er hatte mir den Gürtel abgenommen, und auch in Beziehung auf den Anzug und sonst hatten wir die möglichste Aehnlichkeit hergestellt.

Als der Apatsche darauf wieder nach oben gestiegen war, wartete ich mit großer Spannung auf das Ergebnis dieser Veranstaltung. Von ihrem Kommen war ich vollständig überzeugt; ob sie mir aber das sagen würde, was ich wissen wollte, das war höchst ungewiß.

Ich hörte sie mit Emery sprechen; nach einiger Zeit verstummte das Gespräch. Nun verging eine Viertelstunde und noch eine, sogar noch eine dritte; dann fühlte ich ein leises Wehen wie von

Frauenkleidern; sie kam. Eine Hand tastete nach mir und traf mich an das Bein. Ich zuckte mit demselben wie einer, welcher erschrickt; da hörte ich eine leise Stimme warnend sagen:

»Still, ganz still, Sennor Melton! Ich bin es!«

»Wer?« flüsterte ich ebenso leise. Im Flüstern klingen tausend Stimmen gleich. »Ich, Judith! Wollen Sie fort?« »Wetter! Wenn ich könnte!«

»Sie können, denn ich helfe Ihnen. Haben Sie vorhin meinen Wink bemerkt?« »Ja.«

»Shatterhand ist ein alberner Wicht, dem ich mit wahrer Freude diesen Streich spiele. Ich habe mir vorhin Ihre Fesseln angesehen. Heben Sie die Hände auf, ich habe ein Messer mit.«

Ich folgte der Aufforderung; sie durchschnitt die Armfessel und dann auch die an den Füßen; ich richtete mich in sitzende Stellung auf, und verursachte dabei mit Absicht einiges Geräusch. Sie sollte mich zur Vorsicht mahnen, damit ihr dann meine kurzen Antworten nicht auffallen könnten. Viele Worte durfte ich nicht machen, weil sie mich sonst wohl gar erkennen konnte.

»Leise, leise!« warnte sie. »Sonst wacht mein Wächter auf!«

»Wächter?« fragte ich.

»Ja. Er ist eingeschlafen, ein Glück für Sie, denn morgen will man Ihnen Ihr Geld nehmen, und mit Ihrer Freiheit und Ihrem Leben steht es ebenso schlimm. Sie müssen fort zu Jonathan.«

»Wo ist er?«

»Auch entflohen. Ich habe ihm fortgeholfen. Er geht hinauf zu den Mogollonindianern, deren Häuptling Bitsil-Iltscheh (* "Starker Wind".) heißt. Er war ein Freund meines Mannes und wird Jonathan gern bei sich aufnehmen und ihm allen Schutz gewähren. Wenn Sie nachfolgen und dem Häuptling sagen, daß ich Sie schicke, werden Sie dieselbe Aufnahme finden. Ich komme später nach.«

»Wann?«

»Wenn die vier Menschen fort sind, welche sich hier wie die Herren der ganzen Welt gebärden. Ich muß bleiben, um zu erfahren, was sie dann thun, und wohin sie sich wenden. Dann komme ich nach und werde Jonathan am Klekie-Tse (* Weißer Felsen.) treffen, wo er mich erwartet. Nun machen Sie sich fort, doch hüten Sie sich, daß Sie nicht erwischt werden. Hier ist das Messer, nur ein Tischmesser, aber Sie haben ja keine andere Waffe!«

Sie entfernte sich. Ich wartete noch eine Weile und stand dann auf, um auf die Terrasse zu steigen. Dort saß Winnetou. Ich fragte ihn:

»Kennt mein Bruder Bitsil-Iltscheh, den Häuptling der Mogollonindianer?«