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Fährte nach Andromeda

Peter Terrid


I. Buch

Vorstoß ins Grenzenlose

Normalerweise ist für einen Technologie-Historiker nichts schwieriger, als den vorliegenden Stoff in zeitliche Abteilungen zu sortieren. Merkwürdigerweise fällt diese Periodisierung jedoch in der Geschichte der Raumfahrt ziemlich leicht.

Sie nahm ihren Anfang in der Literatur. Taugefüllte Flaschen, Ballons, Schwäne und andere höchst skurrile Antriebe beförderten imaginäre Reisende zu den phantastischsten Welten. Allerdings war zu dieser Zeit das Interesse weniger auf die Technologie gerichtet; die Abenteurer suchten die fremdartigen Völker nur deshalb auf, um sie das sagen zu lassen, was der Autor selbst nicht frei äußern durfte. Mehrere Vorgänger von Jules Verne und Isaac Asimov bekamen am eigenen Leibe zu spüren, daß die Phantasie der Folterknechte derjenigen der Autoren meist weit überlegen war.

Während die Schriftsteller noch mit immer größerer Sachkenntnis und Präzision die Zukunft erahnten und beschrieben, waren andere Männer bereits am Werk, das theoretische Rüstzeug für die Eroberung des Alls zu erarbeiten. Namen wie Ziolkowski, Goddard und Oberth sind heute jedem Schulkind vertraut – zu ihrer Zeit bewahrte sie nur das Attribut »harmlos« vor einer Einlieferung in geschlossene Anstalten.

4. Oktober 1957 – Sputnik. Mit astronomischen Fernrohren und Operngläsern, an Radioteleskopen und an Kleinempfängern verfolgten Laien und Fachwissenschaftler staunend die Bahn, die der erste von Menschenhand geschaffene Satellit pfeifend und piepsend um den Globus beschrieb.

Am 12. April 1961 jagte wieder ein künstlicher Mond um die Erde; diesmal aber trug er einen Menschen an Bord, den ersten Terraner, der die Erde als Kugel sah.

Der 20. Juli 1969 brachte den ersten entscheidenden Augenblick. Der erste Mensch auf dem Mond bescherte den Zurückgebliebenen jene Gefühle, die man heute unter dem Schlagwort des »Kosmischen Denkens« zusammenfaßt.

Einem sündhaft teuren Schrotthaufen war es beschieden, den nächsten Meilenstein auf der Straße menschlicher Triumphe zu bilden – der zusammengeschmolzene Teil der Landungsfähre, die die ersten Menschen 2010 auf dem Mars abgesetzt hatte. Die Marslandung zog endgültig den Schlußstrich unter ein zweitausendjähriges Kapitel der Menschheitsgeschichte, das von Kriegen und Tyranneien aller denkbaren Formen gekennzeichnet war. Alle weiteren Schritte zur Eroberung des Weltraums waren nur noch als globale Gemeinschaftsanstrengungen möglich. Die Nationalstaaten verschwanden, und mit ihnen alle Widerwärtigkeiten, die sie mit sich gebracht hatten.

Mars und Venus, die Saturn- und Jupitermonde wurden erforscht und in geringem Umfang besiedelt; dann wurden die Bemühungen der Menschheit einstweilen gestoppt. Selbst für an interplanetare Distanzen gewöhnte Menschen war der Leerraum zwischen der Sonne und dem nächsten Gestirn jenseits des begrifflichen Vermögens. Die geistige Umstellung von Astronomischen Einheiten auf Lichtjahre erwies sich als ungeheuer langwierig und mühselig.

Aber es ging weiter …

(Aus HISTORY OF TECHNOLOGY; Bd. I, Vorwort)

1.

Marsh Garfield langweilte sich.

Für ihn war dieses Gefühl nicht sonderlich neu; es war die unerbittliche Konsequenz der Tatsache, daß er sich selbst zu genau kannte. Er wußte, wo seine Fähigkeiten ihre Grenze hatten. Es gab für ihn nichts Neues, nichts Aufregendes mehr: Zehn lange Jahre als Raumpilot hatten ihn gelehrt, selbst Ungewöhnlichem und Gefahren mit einer gewissen Routine zu begegnen.

Mit einem leisen Knistern schmolz das Eis in dem dünnwandigen Glas, das er in seiner rechten Hand hielt; zwischen den Fingern der Linken steckte eine Zigarette, von der bläuliche Rauchfäden in die Höhe stiegen.

Marsh Garfield war seit einigen Monaten fünfunddreißig Jahre alt; sein Aussehen war nicht gerade typisch für die Menschheit des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts, zeigte aber, was möglich war, sobald die Rassenvorurteile überwunden worden waren. Seine Ahnen stammten aus nahezu jedem Winkel der Erde. Er war fast zwei Meter groß. Seine Haut besaß den satten Bronzeton, der hauptsächlich in Indochina anzutreffen war. Einen auffälligen Kontrast bildeten die fast schwarzen, schulterlangen Haare und die hellblauen Augen unter den dicken Brauen.

Marsh, dessen Urlaub sich dem Ende zuneigte, sah flüchtig auf seine Uhr. Neben einem Quarzchronometer enthielt das Gehäuse noch einen Strahlungsmesser und einen leistungsfähigen Kleinsender.

»23. Juli des Jahres 2170, 16.47 Uhr«, sagte er halblaut. »In vierzehn Tagen beginnt der Alltag wieder.«

Sein Alltag bestand darin, Menschen und Material kreuz und quer durch das Sonnensystem zu transportieren. In Fachkreisen galt Marsh Garfield als einer der besten Skipper Terras. Bisher hatte er erst einmal eine Ladung verloren – einhundert Tonnen Filme meist unterhaltender Art. Jetzt trieb die Ladung jenseits der Plutobahn und mochte in einigen Millionen Jahren die Bewohner irgendeines fernen Systems verblüffen oder entsetzen.

Ein sanfter Glockenton durchdrang die Stille und riß Marsh aus seinen Gedanken.

»Besuch«, sinnierte er, während er sich langsam aus dem dunkelbraunen Ledersessel erhob. »Wer mag das sein?«

Als Marsh die Tür öffnete, hob er überrascht die Brauen. Vor ihm standen zwei hochgewachsene Männer mit einem verdächtig militärisch wirkenden kurzen Haarschnitt.

»Sie sind Marsh Garfield?« sagte einer der beiden Männer; es klang mehr wie eine Feststellung.

»Richtig«, bestätigte Marsh gelassen. »Was kann ich für Sie tun?«

»Würden Sie bitte mit uns kommen?«

Marsh schüttelte den Kopf und meinte: »Nicht, wenn Sie mir nicht einen Grund dafür nennen.«

Am Straßenrand erkannte er einen schweren Luftkissengleiter; auf den Seitenflächen glänzte das Abzeichen der Polizeikräfte des World Space Center.

»Haben Sie einen Haftbefehl?« fragte Marsh ungeduldig.

»Nein«, gestand der andere Polizist. »Wir möchten Sie nur höflich bitten, uns auf einer kleinen Fahrt zu begleiten.«

»Wenn es denn sein muß«, meinte Marsh, den die Neugierde reizte.

Er angelte seine Jacke von einem Haken, folgte den Männern zum Gleiter und setzte sich auf den Beifahrersitz. Der Fahrer ließ die Maschinen anlaufen, wartete, bis das Luftpolster unter der Bodenplatte aufgebaut war, und schob den Beschleunigungshebel nach vorne. Während der gesamten Fahrt, die etwa eine Stunde in Anspruch nahm, fiel kein Wort.

Interessiert betrachtete Marsh die Landschaft, an der das Fahrzeug vorbeifegte. Palmerstone war eine Zweigstadt der Oligopolis von Cape Canaveral. Bunte Plastik- und Schaumstoffgebäude mit teilweise abenteuerlichen Grundrissen und Konstruktionen kennzeichneten den Ort; was irgendwie bemalbar war, leuchtete in allen Farben des Spektrums. Zu Marshs Verwunderung fuhr der Gleiter nicht zum Raumhafenkontrollturm, sondern benutzte eine weitere Abzweigung, deren Einfahrt von bewaffneten Polizisten gesichert wurde. Marsh lehnte sich in seinem Sitz zurück und beschloß, vorerst nichts zu unternehmen.

»Ans Leben wird es einstweilen wohl nicht gehen«, murmelte er so leise, daß seine Begleiter ihn nicht hören konnten.

Die Straße senkte sich und mündete in eine unterirdische Röhre, an deren Öffnung wieder Bewaffnete jeden Ankömmling scharf kontrollierten. Die Röhre mündete in einen unterirdischen Verteilerkreis, von dem aus zahlreiche weitere Straßen abzweigten und ein gewaltiges Labyrinth vermuten ließen.

Beiläufig fragte Marsh seinen Nebenmann: »Wie groß ist diese Anlage hier?«

Der Fahrer zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, gab er zu. »Ich weiß nur, daß hier unten ungefähr achtzigtausend Menschen leben und arbeiten.«

Marsh pfiff leise durch die Zähne.

Er fragte sich, was diese Kleinstadt unter der Erde zu bedeuten hatte. Welcher Arbeit gingen die Menschen hier unter der Erdoberfläche nach? Und wichtiger noch: Was wollte man von ihm?

Was hier bearbeitet wurde, schien von enormer Wichtigkeit zu sein; nahezu jede zehnte Person, die Marsh entdeckte, war bewaffnet und trug das Polizei-Abzeichen. Vor einer Toreinfahrt stoppte der Fahrer den Gleiter ab. »Gehen Sie bitte diesen Gang entlang«, bat der Fahrer und deutete auf die Öffnung. »Vor der Tür mit der großen römischen Eins halten Sie bitte an und klopfen.«

»Wenn es Ihnen Freude macht!« antwortete Marsh leicht ungehalten. Folgsam pilgerte er den Korridor entlang, der von indirektem Licht nur schwach erhellt wurde.

»Herein«, sagte eine tiefe Männerstimme nach Marshs Klopfen. Er trat ein.

»Nehmen Sie bitte Platz, Mister Garfield«, bat der Mann hinter dem Schreibtisch und deutete auf einen bequemen Sessel vor dem schweren Tisch.

Während Marsh sich setzte, überlegte er fieberhaft, wo er das faltige Gesicht seines Gegenübers schon einmal gesehen hatte. Diese kleine, zarte Gestalt war unverkennbar. Dann fiel es ihm ein. »Sie sind General Richard Avidan«, behauptete er siegessicher.

Der Mann hinter dem Schreibtisch nickte anerkennend; aus einem Seitenfach des Möbels holte er eine gefüllte Flasche und zwei Gläser hervor. Er füllte die Gefäße fingerbreit mit einem stark riechenden Alkohol und gab eines weiter an Marsh.

»Ich nehme an«, sagte Marsh sarkastisch, nachdem er einen Schluck des ausgezeichneten Whiskys getrunken hatte, »daß ich nicht zum gemeinschaftlichen Zechen hier bin.«

»Diesen Schluß zu ziehen, bedarf es keiner großen Intelligenz«, meinte Avidan freundlich. »Sie sind Raumfahrer, nicht wahr?«

»Das wissen Sie doch längst«, gab Marsh zurück und zeigte auf den gelben Schnellhefter; obwohl die Buchstaben auf dem Kopf standen, hatte er seinen Namen ohne Mühe lesen können.

»Was hält Sie auf der Erde fest?« fragte der General leise.

»Hauptsächlich die Schwerkraft«, erwiderte Marsh trocken. Der Offizier schien die bissige Antwort nicht gehört zu haben; geduldig wartete er, bis Garfield sich zu einer präziseren Stellungnahme entschlossen hatte.

»Falls Sie persönliche Bindungen meinen«, sagte Marsh nach kurzem Nachdenken. »Eigentlich nichts.«

»Das freut uns!« kommentierte der General. »Wären Sie bereit, einen besonders pikanten Job zu übernehmen?«

»Das hängt davon ab, wie dieser Job aussieht«, antwortete Marsh ruhig. »Und natürlich auch von der Bezahlung.«

»Ich werde Sie enttäuschen müssen«, erklärte der weißhaarige General. »Sie erhalten nur das normale Gehalt eines Raumkapitäns erster Klasse – das müßte eigentlich genügen.«

»Für ein paar Butterbrote mag es reichen«, gestand Marsh zu. »Wieviel Zeit wird diese Aufgabe in Anspruch nehmen?«

»Zwanzig Jahre!« sagte der General hart und schnell.

Marsh zog einmal mehr die Brauen in die Höhe und starrte sein Gegenüber verblüfft an. »Sagten Sie Jahre?« fragte er ungläubig, schüttelte dabei den Kopf.

»Sie haben mich völlig richtig verstanden, Skipper«, erklärte Avidan gelassen. »Ich sagte zwanzig Jahre – und ich meinte es auch so.« Er sah Marshs Verblüffung und lächelte verständnisvoll. »Sie sollen die Führung des Projekts NEW FRONTIER übernehmen.«

»Neue Grenze«, übersetzte Marsh halblaut. »Ich habe eine tiefverwurzelte Abneigung gegen jegliche Art von Grenze oder Einschränkung.«

»Sie interpretieren den Namen falsch«, klärte ihn der General auf. »Im Sprachgebrauch der Nordamerikaner hat das Wort frontier eine ganz besondere Bedeutung. Es bezeichnet weniger eine starre Linie, die man nicht überschreiten darf – gemeint ist vielmehr die Scheidelinie zwischen Vertrautem und einem unbekannten, lockenden Gebiet, das es zu erobern gilt.«

»Der Ausdruck kommt mir bekannt vor«, murmelte Marsh nachdenklich.

»Unter dieser Losung führte der fünfunddreißigste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika seinen Wahlkampf«, berichtete Avidan. »John Fitzgerald Kennedy – er wollte dem amerikanischen Volk eine ›neue Grenze eröffnen‹.«

»Sehr schön«, wehrte Garfield ab. »Worum handelt es sich beim Projekt NEW FRONTIER?«

»Um den ersten bemannten Flug zu einem anderen Sonnensystem«, eröffnete ihm der General.

Wieder war Marsh überrascht, dann aber kamen ihm Bedenken. »Erstens«, fragte er mißtrauisch. »Wieso ausgerechnet ich? Und zweitens: Was geschieht, wenn ich mich weigere?«

»Beantworten wir Ihre Fragen der Reihe nach«, sagte Avidan. »Der ursprünglich vorgesehene Kandidat fiel vor vierzehn Tagen aus – er lernte eine junge Dame kennen, verliebte und verehelichte sich innerhalb einer Woche und war nicht mehr zu bewegen, seine Frau im Stich zu lassen.«

»Verständlich«, sagte Marsh leise.

»Sie waren der beste Mann, den wir finden konnten«, fuhr Avidan fort. »Was Ihre zweite Frage betrifft: Wenn Sie den Auftrag nicht übernehmen, werden wir Sie für einige Zeit hier festsetzen müssen – so lange jedenfalls, bis das Schiff gestartet ist und das Sonnensystem verlassen hat.«

»Entzückend!« sagte Marsh sarkastisch. »Haben Sie noch weitere Scherze dieser Art vorrätig?«

Der General schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er entschlossen; er beugte sich leicht über die Platte des Schreibtisches und sah Marsh aufmerksam an. »Machen Sie mit?«

Marsh zögerte. Zwanzig Jahre – in kosmischen Dimensionen betrachtet ein Nichts; für einen Menschen ein Drittel seines bewußten Lebens. Zahllose Dinge fielen Marsh ein, Nebensächlichkeiten, die unter diesem speziellen Blickwinkel ungeheuer an Bedeutung gewannen. Er stoppte schließlich den wirren Tanz seiner Gedanken; durchkalkulierbar waren alle Aspekte dieses Unternehmens nur von einem Computer. Er selbst mußte rein gefühlsmäßig entscheiden. Marsh holte tief Luft. Langsam und mit großem Ernst sagte er leise: »Ich bin dabei.«

2.

Man hatte sich dazu entschlossen, das große Interstellarschiff NEW FRONTIER innerhalb der Vorderen Trojaner zusammenzubauen. Marsh war von der Station Terra Orbiter VI gestartet. Auf der großen, mit zahlreichen Antennen, Teleskopen, Kränen und anderen Aufbauten versehenen Plattform wurden die Interplanetarschiffe abgefertigt.

Vorsichtig näherte sich die zerbrechlich wirkende Konstruktion des Pendelfahrzeugs, das niemals auf einem Planeten landen würde, der Asteroidenballung, die in einem Winkel von sechzig Grad dem Riesenplaneten Jupiter auf seiner Bahn voraneilte. Ihre Bestandteile gehörten der gleichen Klasse stellarer Objekte an wie die zahllosen anderen Gesteinsbrocken, die gleichsam wie die Bruchstücke eines vor Urzeiten geborstenen fünften Planeten das Zentralgestirn Sol umkreisten. Nur wenige wagten sich in dieses astrogatorische Labyrinth, meist Abenteurer und Prospektoren, die auf sensationelle Erzfunde hofften und meist enttäuscht wurden.

Marsh war der einzige Passagier des zwanzig Meter langen und knapp fünf Meter durchmessenden Gefährtes. Außer ihm waren nur noch ein Skipper und ein Navigator an Bord.

»Sie legen ein ziemliches Tempo vor«, meinte Marsh.

Der Pilot drehte sich zu ihm um und antwortete spöttisch: »Ich bin kein Selbstmörder. Wir haben einen jener seltenen Computer an Bord, die alle – auch die allerkleinsten – Trümmer und deren Bahnen kennen. Sobald wir uns auf eine Lichtsekunde dem Trojaner-Vorfeld genähert haben, übernimmt die Automatik die Steuerung. Zufrieden?«

»Einigermaßen«, brummte Marsh. »Wo kann man diesen Computer kaufen?« – »Nirgendwo«, erklärte der Navigator. »Das Datenmaterial stammt aus den streng gesicherten Speichern des WSC, und der Zugang ist äußerst beschränkt. Wenn wir versuchten, uns an dem Computer zu schaffen zu machen, würden sämtliche Unterlagen sofort gelöscht – Sie wissen, was das heißt!«

Marsh nickte. Interessiert verfolgte er den Verlauf der grünen Linie auf dem Kursanzeiger; die Kurven der Anflugroute waren derart ineinander verschlungen, daß ein Uneingeweihter sicherlich zerschellt wäre, bevor er den Werftsektor erreicht hätte.

Als sie am Zielgebiet waren, stellte Marsh fest, wie hervorragend der Platz ausgewählt worden war. Die Montagehallen standen auf einem mittelgroßen Asteroiden, der ununterbrochen von einigen tausend kleineren Brocken umschwirrt wurde. Man hatte sie zum Zweck der Abschirmung auf diese unnatürlichen Bahnen gebracht.

Das Pendlerschiff feuerte kurz aus den Korrekturdüsen und bremste seine Fahrt auf Null ab; der Pilot drehte sich wieder zu Marsh um und sagte erklärend: »Nur in sehr unregelmäßigen Abständen kann ein Schiff diesen Schwarm ungefährdet durchfliegen. Wir müssen noch etwas warten.«

Marsh nickte schweigend. Nach etwas mehr als acht Minuten dröhnten die Triebwerke wieder auf und schoben das Schiff durch den beweglichen Vorhang aus kosmischem Geröll. Der Autopilot schaltete sich ab, und der Skipper steuerte das Schiff gekonnt an einen Anlegeplatz des zentralen Asteroiden. Ein leiser, nachhallender Schlag ging durch den Schiffskörper, als die Schleuse die Außenhaut des Fahrzeugs berührte und arretiert wurde. Marsh nahm die leichte Erschütterung nicht wahr; sein ganzes Interesse galt dem gewaltigen Schiffskörper, der von dem Asteroiden in die Höhe ragte.

Auf vier meterdicken Stahlstützen ruhte ein aus schweren Winkeleisen konstruierter, quaderförmiger Metallkäfig. Im Innern des Gerüsts erkannte Marsh acht mit leuchtenden Farben bemalte Behälter, die wie riesige Torpedos aussahen – großvolumige Zylinder mit abgerundeten Decken, vermutlich die Treibstoffbehälter. Nur undeutlich war die große Röhre zu erkennen, um die herum die Behälter angeordnet waren; Marsh schätzte die Höhe der Konstruktion auf ziemlich genau einhundert Metern. Gekrönt wurde das Gebilde von einer perfekten Metallkugel, die oben auf dem Käfig befestigt war.

»Wohl der Lebensraum für die Besatzung«, murmelte Marsh unhörbar. Die Stimme des Navigators riß ihn aus seinen Gedanken.

»In der Schleuse wartet jemand auf Sie«, verkündete er. Garfield nickte kurz und verließ das Pendlerschiff.

»General Avidan«, sagte er erfreut, als er die kurzgewachsene Gestalt in der Schleuse erkannte.

»Kommen Sie, Skipper«, meinte Avidan. »Die restliche Crew wartet bereits auf Sie.«

Rechnete man Richard Avidan und Marsh dazu, so hielten sich in dem kleinen Versammlungssaal genau einundfünfzig Personen auf: Fünfundzwanzig Frauen und sechsundzwanzig Männer sehr unterschiedlichen Alters. Die Blicke aus hundert Augen schienen Marsh durchbohren zu wollen; ruhig ging der Mann auf den einzigen noch leeren Stuhl zu, der vor dem Katheder aus Stahlrohr stand. Avidan wartete, bis sich Marsh gesetzt hatte; dann erst begann er zu sprechen.

»Sie alle wissen nur ungefähr, was Sie hier zu suchen haben«, begann er vorsichtig. »Sie kennen den Namen des Projekts – NEW FRONTIER –, und Sie wissen auch annähernd, wie dieses Unternehmen aussieht. In ungefähr einem halben Jahr werden Sie dieses Schiff besteigen und damit ein anderes Sonnensystem anfliegen.«

»Welches?« kam eine scharfe Zwischenfrage.

»Das ist einstweilen noch geheim«, erwiderte Avidan mit einem verlegenen Lächeln. »Die Tatsache, daß wir den Zielstern noch nicht kennen, dürfte unsere Arbeit nicht behindern. Ich möchte Ihnen keinen Vortrag halten; es dürfte besser sein, wenn Sie mir Fragen stellen. Ich werde versuchen, sie so gut wie möglich zu beantworten.«

»Wie arbeitet der Antrieb?« wollte Marsh wissen. »Plasmatriebwerke?«

Avidan schüttelte den Kopf. »Es handelt sich um Photonentriebwerke«, sagte er lächelnd.

Erstaunte Pfiffe wurden hörbar. »Einzelheiten«, rief jemand aus dem Hintergrund.

Avidan schnippte mit den Fingern. Sekunden später war der Raum verdunkelt; eine Leinwand entfaltete sich, und aus der Rückwand des Zimmers stachen farbige Lichtbündel auf die weiße Fläche. Das Bild auf der Leinwand zeigte einen maßstabgerechten Aufriß des Sternenschiffes.

»Sie sehen hier die unteren vier der acht großen Tanks«, sagte Avidan und umkreiste dabei die entsprechenden Abschnitte der Zeichnung mit einem Leuchtpfeil. »Die beiden rechten Tanks sind mit flüssigem Wasserstoff gefüllt – die anderen beiden Tanks enthalten Anti-Wasserstoff.« Mit Genuß nahm er die allgemeine Verblüffung zur Kenntnis. »Wie Sie alle wissen, besteht normaler Wasserstoff aus einem Proton und einem Elektron. Unser Anti-Wasserstoff hingegen setzt sich aus einem Anti-Proton und einem Positron zusammen. Kommen beide Stoffe miteinander in Berührung, dann …«

»… gibt es einen hübschen Knall und fünfzig bildschöne Leichen!« setzte eine Stimme aus dem Halbdunkel den Satz respektlos fort.

»Ganz so arg wird es nicht werden«, sagte Avidan schnell. »Wir haben endlich ein Verfahren entwickelt, die beiden Stoffe in kleinsten Mengen zu einer hundertprozentig kontrollierten Reaktion zu bringen. Für alle Nicht-Physiker unter uns sei noch kurz erklärt, wie die Reaktion abläuft. Treffen ein Wasserstoffmolekül und ein Molekül des Anti-Wasserstoffs aufeinander, so werden sie vollständig in Energie umgewandelt. Der weitaus größte Teil dieser Energie entlädt sich in dem für uns sichtbaren Teil des Spektrums – dem Licht. Dieses Licht wird gebündelt und aus dem Heck des Schiffes abgestrahlt.

Dieses abgestrahlte Licht weist nun einen gewissen Massenwert auf. Wenn Sie ganz normales Sonnenlicht auf eine Platte fallen und reflektieren lassen, dann üben die Strahlen einen minimalen Druck auf die Platte aus. Werden solche Lichtkorpuskeln – Photonen genannt – aus unserer Rakete abgestrahlt, so erzeugen sie einen gewissen Schub, der das Schiff antreiben kann.«

»Licht ist bekanntlich eine Welle«, wurde dem General entgegengehalten.

»Weiß ich«, stöhnte Avidan auf. »Hier aber verhält es sich wie ein Teilchen. Ich habe das nie begriffen und werde es voraussichtlich auch nie verstehen. Ich kann Ihnen nur sagen, daß das Licht die Rakete vorwärtstreiben wird.«

»Mit welcher Beschleunigung?«

»Ein g«, antwortete Avidan.

»Und für welche Zeit?« bohrte der Fragesteller weiter.

»Bis zur Hälfte der Fahrtstrecke«, gab der General bekannt. »Dann wird das Schiff gedreht und mit der gleichen Beschleunigung wieder abgebremst.«

Irgendwo im Hintergrund wurde das Klappern eines Taschenrechners hörbar.

»Falsch«, klang es plötzlich durch den Raum. »Wenn der Flug zum Ziel zehn Jahre in Anspruch nehmen soll, wird das Schiff fast fünf Jahre lang pausenlos beschleunigt. Ich habe aber gerade ausgerechnet, daß schon nach einem Jahr Beschleunigung mit einem g die Lichtgeschwindigkeit überschritten werden müßte. Und das ist nicht möglich.«

Marsh hielt es für angebracht, den sich ratlos umsehenden General zu unterstützen, und sagte gelassen: »Sie haben, Teuerster, ebenfalls einen Fehler gemacht. Ein Beispiel: Sie verwendeten den Begriff Jahr. Sie vergaßen dabei, daß dieser Zeitraum je nach dem Standpunkt des Betrachters verlängert oder verkürzt wird. Die Tage und Stunden, in denen wir im Schiff unablässig an Geschwindigkeit gewinnen, werden auf der Erde zu Wochen und Monaten. Wenn es nach fünf Erdjahren Zeit wird, das Schiff zu wenden und die Fahrt abgebremst werden muß, dann sind für uns an Bord nur wenige Monate vergangen, und wir haben die Lichtgeschwindigkeit gar nicht erreicht.«

»Aber für den Betrachter auf der Erde beschleunigen wir doch fünf Jahre lang?« wandte der Kritiker ein.

»Das stimmt«, gab Marsh zu. »Nur – bei Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit wird für den Erdbeobachter auch unsere Masse immer größer. Und da die Beschleunigung eines Körpers abhängig ist von der auf ihn wirkenden Kraft und seiner Masse, wird unsere Beschleunigung stetig abnehmen – für den Zuschauer auf der Erde. Sind diese Bedenken nun ausgeräumt?«

Aus dem Dunkel klang ein leicht verärgertes Brummen. Marsh lächelte in sich hinein.

»Fahren wir fort«, nahm Avidan den Faden wieder auf. »Selbst unter dem Einfluß der Zeitdilatation wird Ihre Fahrt noch ziemlich lange dauern; wir halten es deshalb für vorteilhaft, Sie für den größten Teil der Reise einzufrieren. Am Ziel angekommen, werden Sie dann wieder aufgetaut; die dafür zuständigen Automaten können nach menschlichem Ermessen nicht versagen. Wenn Sie sich dem Zielstern auf einen Lichtmonat genähert haben, werden Sie bereits wieder wach sein und Ihren Arbeiten nachgehen können. Ihre Aufgabe wird darin bestehen, die Planeten des Systems anzufliegen.«

»Sind Sie sicher, daß der Zielstern überhaupt Planeten hat?« wollte ein Mitglied der Versammlung wissen.

Avidan lächelte triumphierend. »Mehr noch«, sagte er bedeutungsvoll. »Unsere Astronomen sind sogar ziemlich sicher, daß es im Zielsystem einen Planeten innerhalb der Ökosphäre gibt.«

Er gab Marsh ein Zeichen, und der Raumfahrer stand auf und drehte sich um; das Licht aus den Diaprojektoren verlöschte. Sekunden später flammte die Deckenbeleuchtung wieder auf.

»Ich darf Ihnen Marsh Garfield vorstellen«, sagte Avidan laut. »Er wird der Leiter des Unternehmens werden.« Er drehte sich etwas zur Seite. »Marsh, wollen Sie etwas sagen?«

»Ich nehme an«, begann der Skipper, »daß mich einige in diesem Raum bereits dem Namen nach kennen. Wer Sie sind, weiß ich – noch – nicht; grundsätzlich möchte ich nur folgendes sagen: Von allen, die diesen Flug mitmachen, werde ich wohl der Überflüssigste sein. Sie alle sind Spezialisten für irgendein Fachgebiet – wenn Sie Ihre Aufgaben präzise erfüllen, bin ich eigentlich nicht mehr nötig. Da indes keiner von uns vollkommen ist, wird meine Aufgabe darin bestehen, Fehlentwicklungen frühzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzusteuern. Ich hoffe nicht zuletzt in meinem eigenen Interesse, daß diese Koordination Erfolg hat, und mit ihr das gesamte Unternehmen.«

»Sie können sicher sein, Marsh«, sagte Avidan ernst, »daß Sie alle guten Wünsche der gesamten Station hier begleiten werden.«

3.

Die nächsten Wochen waren angefüllt mit Arbeit.

Marsh war jeden Tag fast zehn Stunden lang damit beschäftigt, die Konstruktion des Schiffes auswendig zu lernen, ihre Funktion zu begreifen und herauszufinden, wie eventuelle Pannen mit bordeigenem Material behoben werden konnten. Während er sich mit Teilchenphysik und Dilatationsmathematik abplagte, keimte allmählich Furcht in ihm auf, die mit jedem Tag wuchs. Den anderen Expeditionsteilnehmern erging es ähnlich.

Es war nicht die Furcht vor dem Raum; es war das lähmende Bewußtsein, in absolutes Neuland vorzudringen. Fast alle Crew-Mitglieder hatten sich früher als kleine Entdecker betätigt, hatten unerforschte Bezirke des Sonnensystems durchstöbert; aber sie waren bei jedem gefahrvollen Ausflug sicher gewesen, daß die Zivilisation nur wenige Lichtsekunden von ihnen entfernt war. Doch bei diesem Unternehmen gab es keine Rückversicherung, keine helfenden Schiffe. Die Fahrt war ein Brückenschlag ohne Brücke. Niemand konnte wissen, was sie am Ziel erwartete.

»Wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen«, sagte Avidan leise.

Marsh nickte beklommen. Der General war unzweifelhaft gesund; dennoch würde er bei der Rückkehr – falls es eine gab – nicht mehr am Leben sein.

Er schüttelte dem alten Mann die Hand und sagte halblaut: »Sie haben wenigstens noch Ihre normale Welt. Wie sollen wir uns fühlen – unsere Umgebung wird nichts haben, was man als natürlich bezeichnen könnte. Praktisch sind wir so gut wie tot.«

Avidan hatte sich gefangen. »Sie sind der erste Leichnam, dem ich die Hand schüttle«, meinte er mit einem leisen Lächeln. »Kommen Sie gut zurück.«

»Wir werden uns alle erdenkliche Mühe geben«, erwiderte Marsh.

Er salutierte vorschriftsmäßig und sah sich rasch noch ein letztes Mal um. Dann ging er in die Schleuse und ließ das schwere Schott hinter sich zufahren. Ein Laufband trug ihn zur Längsachse des Schiffes; dort stieg er in einen Lift um, der ihn zu dem Kugelausschnitt an der Spitze trug. Drei Männer und vier Frauen saßen vor den Schaltpulten und Kontrollinstrumenten der Kommandozentrale und gingen die Checklisten durch.

»Alles klar?« fragte Marsh, als er den Raum betrat.

»Wir sind fertig«, meldete Hayden Bellows, sein Stellvertreter und Erster Offizier.

Marsh nahm in seinem Sessel Platz, schnallte sich fest und griff nach dem Starthebel für die Zusatztriebwerke. Das Schiff begann leise zu schwingen, als die chemischen Treibsätze zündeten und die Rakete langsam von dem Asteroiden abhob. Marsh beschleunigte mit den kleinstmöglichen Werten, bis die NEW FRONTIER den Wächterschwarm um die Startbasis durchdrungen hatte.

Dann fuhr er die chemischen Triebwerke hoch; mit einer Beschleunigung von 3 g stießen die ausströmenden Gase den Schiffskörper vorwärts – fünf Minuten lang, dann waren die Treibsätze verbraucht. Obwohl er derlei schon mehrere hundert Male mitgemacht hatte, mußte Marsh gegen eine aufsteigende Übelkeit ankämpfen – der plötzliche Umschwung von dreifacher Erdschwere auf Null-g ließ den Magen revoltieren.

»Alle Systeme sind klar«, sagte hinter Marsh die blonde Margalo in das kleine Mikrophon, das wie eine stählerne Kralle vor ihrem Mund hing. »Weitere Befehle?«

Sie wartete einige Sekunden lang, dann sagte sie »verstanden!« und drehte sich zu Marsh herum.

»Alles bestens, Marsh«, meldete sie fröhlich. »Es kann losgehen.«

Marsh nickte kurz und sah auf den Terminplan, der auf der Instrumententafel vor ihm angeheftet war. »Vier Stunden lang schwereloser Flug«, sagte er halblaut. »Dann können wir die Photonenaggregate zünden.«

Das gesamte obere Drittel der Kugel über den Tanks und den Antriebssystemen war als Kommandozentrale vorgesehen; in dieser Sektion befanden sich die Steuerungsmechanismen, die Computer und Meßinstrumente. In der Scheibe darunter befanden sich die Aufenthaltsräume. In einer hochmodernen Küche konnten sich die Besatzungsmitglieder gegenseitig mit ihren Kochkünsten erfreuen oder vergiften; für die körperliche Fitneß waren Sportgeräte vorhanden, und zum Abtöten der unvermeidlichen Langeweile gab es eine umfangreiche Bibliothek auf Mikro-Lesescheiben, dazu Filme und Musikaufnahmen jeder Geschmacksrichtung.

Im unteren Teil der Kugel ruhten schon zum Zeitpunkt des Startes vierzig Personen; Wissenschaftler aller erdenklichen Disziplinen, deren aktive Anwesenheit beim reinen Flug entbehrlich war. Nach einem Monat konstanter Beschleunigung sollten auch die anderen Crew-Mitglieder hier Station beziehen und tiefgekühlt auf das Eintreffen im Zielsystem warten.

Vier Stunden verbrachten die Passagiere der NEW FRONTIER damit, noch einmal sämtliche Checklisten durchzugehen und die Funktionstüchtigkeit des Schiffes bis ins Detail zu überprüfen. Dann war der Zeitpunkt gekommen, an dem die Photonenaggregate ihre Arbeit aufnehmen sollten; mit einem gewissen Zögern preßte Marsh einen Knopf in seine Fassung. Ein leises Klicken war zu hören, und ein Leuchtkörper im Innern des Knopfes flammte rot auf.

Der Zeiger des Gravometers kroch zeitlupenhaft über die Skala und blieb dann zitternd stehen.

»Normale Erdschwere«, sagte Viveca Aylen, die dunkelhaarige Kosmobiologin; sie hob die Hände und löste das Gummiband, das während des Null-g-Fluges ihre Haare daran gehindert hatte, in der Luft herumzuwirbeln.

Marsh sah auf das Schemadiagramm des Antriebsystems. Pro Stunde wurden nur wenige Gramm aus den beiden Tanks in die nur faustgroße Brennkammer befördert, wo sie in Sekundenbruchteilen zu reiner Energie zerfielen. Mit der rechten Hand griff er nach oben und zog zwei Kopfhörer und das kleine Mikrophon aus dem Kopfteil seines Sessels hervor; das Umkippen eines Schalters genügte, sich in die Funkverbindung zwischen der Basis und dem Schiff einzuschalten.

»Wie sieht es aus?« fragte er in die Rillen des Mikrophons. »Könnt ihr uns hören?«

»Nicht nur das, mein Junge!« lautete die Antwort; offensichtlich saß General Avidan an der Gegenstelle. »Wir können euch auch wunderbar sehen. Der Strahl aus euren Linsen ist so stark, als rittet ihr auf einer Fackel.«

»Hoffentlich bringt der Flug ähnliche Erleuchtungen«, brummte Marsh nachdenklich und schaltete sein Mikrophon aus. Langsam stand er auf und sah sich kurz um.

»Wer außer mir legt sonst noch Wert auf einen Kaffee?« fragte er laut und zählte die zustimmenden Antworten.

»Aber bitte nicht so stark wie beim letztenmal«, bat Viveca Aylen. »Deine Nähe treibt meinen Puls schon genug in die Höhe.«

Marsh quittierte das aufkommende Gelächter mit einem anerkennenden Grinsen, dann verließ er die Zentrale. Vor jedem Schott blieb er sekundenlang stehen und wartete, bis der Automat seine Stimme erkannt und die Tür geöffnet hatte; im äußersten Notfall verwandelte sich das Schiff in eine Ansammlung stählerner Zellen, die für Stunden völlig autark waren.

Sobald die Tür zur Küche hochgefahren war, flammten die Leuchtkörper des Raumes auf; gleichzeitig begann die Luftumwälzung zu arbeiten.

Alles in diesem Schiff war so konstruiert worden, daß möglichst wenig Energie und Material verschwendet wurden. Der ökologische Kreislauf war nahezu perfekt: Wasser wurde gereinigt und gefiltert und dann wieder in den Haushalt eingebracht; CO2 wurde katalytisch aufgespalten. Der Sauerstoff wurde zur Beatmung weiterverwendet, und aus dem Kohlenstoff wurde zusammen mit den chemischen Bestandteilen aller festen Abfallstoffe synthetische Nahrung verfertigt.

»Immerhin ist der Kaffee echt«, murmelte Marsh, während er den Automaten mit dem nötigen Vorrat für sechzehn Tassen fütterte. Während der Apparat Wasserdampf durch den Filter preßte und sich in einer enorm großen Glaskaraffe die braune Flüssigkeit sammelte, zündete sich Marsh eine Zigarette an. Seine Gedanken kreisten um die nächsten Tage und Wochen. Einen Monat lang hatte die Crew noch Zeit, die NEW FRONTIER zu wenden und vorzeitig zurückzukehren. Auch die Nachrichtenübermittlung wurde zu diesem Zeitpunkt beendet; für die Erde existierte das große Schiff mit seiner eingefrorenen Besatzung dann nicht mehr.

Hinter Marsh erklang ein leises Summen; der Kaffee war fertig. Marsh holte aus einem Schrankfach acht Trinkbecher aus Kunststoff, dazu kondensierte Milch und Zucker und stellte alles auf ein großes Tablett. Begleitet von schrillen Beifallspfiffen betrat er die Zentrale. Während sich der Raum mit Kaffeegeruch und Zigarettenrauch füllte, musterte Marsh nachdenklich die einzelnen Mitglieder der Crew. Einen Teil der Personen kannte er bereits, Arvid Kishida, den schmächtigen Astrogator zum Beispiel. Noch nie waren seine Kursschätzungen um mehr als einige Bogensekunden von dem Wert abgewichen, die ein Computer ermittelt hatte. Oder Margalo, die am Funkgerät saß und mit verblüffender Geschwindigkeit verstümmelte und unvollständige Durchsagen zu ergänzen vermochte. Ihre permanente Heiterkeit würde sicher dazu beitragen, die Stimmung an Bord nicht absacken zu lassen.

Ärger würde vielleicht Viveca Aylen hervorrufen. Als Kosmobiologin und Medizinerin war sie ebenso erstklassig wie die gesamte Crew; fraglich war nur, ob ihre spitze Zunge nicht irgendwann zu Streitigkeiten Anlaß bot. Ihr spezielles Opfer war William C. Cobb, der Chefingenieur des Schiffes. Der gebürtige Brite hatte mit dem amerikanisch geprägten Raumfahrerslang Schwierigkeiten. Was der vereinsamte Buchstabe C in seinem Namen zu bedeuten hatte, wußte niemand, und er selbst hütete sich, das Geheimnis aufzuklären. Seine Vorliebe für bestimmte Gerichte hatte nach kurzer Zeit dazu geführt, daß man das C zu Curry ausdehnte und ihn auch so nannte.

»Wie lange werden wir eigentlich noch Funkkontakt mit dem Sonnensystem aufrechterhalten können?« Elissa Loy hatte gefragt. Die schlanke Psychologin trug ihr blauschwarzes Haar hüftlang.

»Ein paar Tage noch«, erklärte der Skipper. »Dann werden sich nicht nur die ersten Verzerrungen aufgrund unserer Geschwindigkeit bemerkbar machen – auch die Zeitspanne zwischen Frage und Antwort wird so groß werden, daß zwar noch ein Austausch von Botschaften möglich ist, aber keinesfalls ein normales Gespräch.«

»Mit anderen Worten – wir sind dann auf bordeigene Conferenciers angewiesen«, stellte »Curry« Cobb trocken fest. »Wer meldet sich freiwillig?«

Hoffentlich, dachte Marsh, wird uns am Ziel nicht das Lachen unwiderruflich vergehen.

4.

NEW FRONTIER an General Avidan.

In zehn Minuten wird das letzte Mitglied der Besatzung eingeschläfert. Alle Systeme des Schiffes sind klar. Bisher keinerlei Ausfälle oder Pannen. Dies ist für einige Jahre die letzte Nachricht vom ersten Interstellarschiff. Drückt uns die Daumen.

Gez: M. G.

Nachdenklich zerknüllte Marsh den schmalen Papierstreifen mit der letzten Nachricht. »Machen wir weiter«, sagte er leise und hörte dem Klang seiner Stimme nach.

Für ein Raumfahrzeug war der Platz enorm großzügig, aber in den letzten Wochen waren sich die Mitglieder der Crew mehr als einmal gegenseitig auf die Nerven gefallen; es hatte einige Streitereien, zum Glück aber keine ernsthaften Auseinandersetzungen gegeben.

Eine umfangreiche Checkliste in der Hand, ging Marsh zum letzten Mal rund durch die Zentrale; sorgsam schaltete er alle Handsteuerungen aus und hakte die aktivierten Automaten auf der Liste ab. Erleichtert seufzte der Mann auf, als der letzte Posten abgestrichen werden konnte. Marsh ging hinunter in die Wohnetage; hinter ihm fuhren die Schotte aus den Wänden und verriegelten sich für eine lange Zeit. Wie in der Zentrale legte Marsh in der Wohnsektion jedes überflüssige Gerät still; das letzte Zimmer, das er betrat, war sein eigenes. Er legte die Checkliste auf seinen Schreibtisch; gedankenlos durchwühlte er seine Taschen, bis er die Zigarettenschachtel gefunden hatte.

»Merkwürdiges Gefühl«, sagte er im Selbstgespräch; er nahm einen Schluck aus dem Whiskybecher und setzte ihn wieder ab. »In ein paar Minuten werde ich klinisch tot sein.«

Marsh sah flüchtig auf seine Uhr; mit einer hastigen Bewegung drückte er die halbgerauchte Zigarette aus. Er brauchte nur wenige Minuten, um sich auszuziehen und seine Kleider ordnungsgemäß in den Schränken zu verstauen, dann patschte er auf bloßen Füßen abwärts in die Schlafsektion. Aus einem Fach nahm er einen langen Gummischlauch und wickelte ihn um den linken Oberarm; mit den Zähnen hielt er das Ende des Schlauches fest und wartete einige Sekunden, bis sich auf der Haut deutlich die Venen abzeichneten. Sorgfältig achtete Marsh darauf, daß die Injektionsspritze auch nicht das kleinste Bläschen Luft mehr enthielt, bevor er die Nadel an den Arm setzte und ins Fleisch stach. Er wußte, daß das Mittel, das er gerade mit dem Kolben in die Vene preßte, ihn in einigen Minuten besinnungslos machen würde. Gummischlauch und Spritze verschwanden wenig später wieder in Wandfächern, während Marsh sich auf einem langen, flachen Operationstisch ausstreckte und ergeben darauf wartete, daß das Medikament seine Wirkung zeigte.

Seine rechte Hand faßte nach oben und klammerte sich an einen Handgriff; Marshs Atem ging flacher, als sich langsam eine wohltuende Müdigkeit in seinen Gliedern ausbreitete. Sekunden, bevor er das Bewußtsein verlor, riß er den Handgriff nach unten, dann ließ er den Arm auf den Tisch sinken und schlief ein.

Der Automat wartete genau fünf Minuten; er benutzte die Zeitspanne, um den regungslosen Körper des Mannes mit stählernen Klemmen am Tisch festzuklammern. Wieder spannte sich ein Band um Marshs Oberarm. Elektronische Augen tasteten die Haut ab und suchten nach den leichten Erhöhungen am Handgelenk, unter denen das Blut des Raumfahrers pulsierte. Zwei blitzende Skalpelle klappten vor und öffneten die Pulsschlagadern.

Aus dem Boden neben dem Operationstisch wuchs eine Maschine. Ihre Arme tasteten nach der Wunde und schlossen den Blutkreislauf des Menschen an ihr Leitungssystem an. Von der Decke senkte sich eine gläserne Glocke auf den Körper herab und schloß ihn von der Umwelt ab; während die Luft im Innern des Hohlraumes immer kälter wurde, sorgte ein intensiver Beschuß des Körpers mit ultravioletten Strahlen dafür, daß jede erdenkliche Infektion ausblieb.

Langsam kroch die Anzeige des Thermoelements nach unten.

4 Grad Celsius.

Während die Maschine nach und nach das gesamte Blut aus Marshs Körper heraussaugte, füllte sie das Netzwerk des Kreislaufsystems mit einer hellgelben, leichtflüssigen Masse. Es handelte sich um einen Blutersatz, der den Vorzug hatte, vor allem die hochempfindlichen Hirnzellen sehr lange Zeit mit dem lebenswichtigen Sauerstoff versorgen zu können.

Das menschliche Blut wurde in einem großen Glasgefäß gesammelt und dann abrupt in einen Behälter mit flüssigem Stickstoff getaucht. In wenigen Sekunden waren die Blutzellen fest gefroren.

0 Grad.

Die Fläche, auf der Marshs Körper lag, klappte langsam in der Mitte nach unten; weiße Dämpfe stiegen auf und hüllten den regungslosen Körper ein.

Minus 40 … minus 60 … minus 100 Grad.

Marsh Garfields Körper lag auf dem Boden des Beckens; über ihm klappte die Decke des Gefäßes wieder zusammen. Tiefer und tiefer fraß sich die eisige Kälte in seinen Körper, bis sie alle Fasern gleichmäßig abgekühlt hatte. Auch das Kunstblut erstarrte in den Adern.

Nach den überkommenen Vorstellungen der Medizin war Marsh Garfield tot.

Zeit verging, langsam oder schneller, je nach dem Standpunkt des Betrachters.

Auf der Erde waren Jahre vergangen; fast zehnmal hatten die Digitaluhren die letzten Ziffern der Jahreszahlen geändert. Menschen waren gestorben, andere wurden geboren und brachten ihre Eltern zur Verzweiflung.

An Bord der NEW FRONTIER tickte ebenfalls eine Uhr, im gleichen Rhythmus wie die Chronometer auf der Erde, doch das Datum auf den Zifferblättern war wesentlich anders. Gemessen wurde der Ablauf der Zeit von einer Atomuhr, deren Genauigkeit in Zahlen kaum mehr anzugeben war; geduldig wie die in ihren Zellen schlafenden Menschen wartete der Steuerleitcomputer darauf, daß zwei Zahlenkolonnen übereinstimmten.

Die Uhr zeigte auf Halbzeit. Sobald das Datum den Grenzwert überstiegen hatte, nahm der Computer seine Arbeit auf. Impulse jagten durch die Leitungssysteme und stoppten den Antrieb; wenig später wurden die kleinen Korrekturdüsen gefeuert. Das Schiff drehte sich langsam um seine Querachse. Hin und her bewegte sich der Schiffskörper, bis die Sterne auf dem Panoramaschirm mit den Speicherwerten des Computers identisch waren. Dann flammte das Haupttriebwerk wieder auf und spie die Lichtteilchen in die Schwärze des Leerraumes; jetzt wurde die Fahrt des Schiffes verzögert. Im Zielsystem sollte die Geschwindigkeit gleich Null sein.

Die tiefgefrorenen Passagiere der NEW FRONTIER nahmen von den Vorgängen an Bord ihres Schiffes nichts wahr; für ihre vereisten Hirne gab es keine Zeit mehr.

5.

Mit der unwandelbaren Sturheit eines Robots kreiste die YAWAR MALLKU seit einigen tausend Umläufen um die Sonne. Früher hatten Lebewesen die Räume des großen Schiffes bevölkert; jetzt lagen ihre Skelette bleich und blank in den Korridoren. Nichts Lebendes befand sich mehr an Bord der YAWAR MALLKU. Das einzige, was noch funktionierte, war die Meteorabwehr. Wie durch ein Wunder waren bei der verheerenden Explosion im Maschinenraum ihre Versorgungssysteme intakt geblieben; da nur minimale Energiemengen verbraucht wurden, arbeiteten die Anlagen noch immer.

»Objekt in Kreis C.«

Der Impuls ging von den Sensoren an das Rechenhirn. Die Nachricht bedeutete lediglich, daß irgendein materielles Objekt in den Erfassungsbereich der Antennen geraten war. Der Computer schaltete andere Wahrnehmungssysteme zu und ließ sich weitere Daten übermitteln.

»Objekt wird in Kreis B eindringen. Kurs …«

Also mußte dem Flugkörper etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden; geriet das Objekt in den dritten Kreis, so waren Kurskorrekturen oder andere Maßnahmen erforderlich, um eine Kollision rechtzeitig zu verhindern.

»Objekt verzögert Fahrt. Wird in Kreis A eindringen. Kollision unvermeidlich.«

Der Computer ermittelte rasch, daß bei der gleichbleibenden Fahrtverzögerung des Unbekannten ein Zusammenstoß kaum mehr abzuwenden war; wurde aber die Verzögerung gestoppt, so war der Fremde einige Minuten vor der YAWAR MALLKU am vorausberechneten Kollisionsort. Alle Energiereserven wurden auf die Zuleitungen zu den Waffensystemen gegeben; Feuerleitcomputer lieferten fortlaufend präzise Zieldaten. Der Zentralcomputer wartete, bis die Beziehung zwischen Sicherheit des Schiffes und möglichst geringem Energieverbrauch das Maximum erreicht hatte, dann gab er den Feuerbefehl.

Wie eine feurige Glocke breitete sich hinter der kleinen Rakete der Abgasschweif aus; mit etwa 3,5 km/sec raste das Geschoß auf den Fremdling zu.

Der Computer stellte fest, daß die Kollisionsgefahr gebannt war: Der Antrieb des Fremden trieb zerfetzt im All, und die Fahrtverzögerung hatte aufgehört. Allerdings hatten die hochempfindlichen Instrumente des wracken Schiffes auch feststellen können, daß eine Sekunde vor dem Aufschlag der Rakete der Fremde von sich aus seinen Antrieb abgestellt hatte. Die Vernichtung der Triebwerke des Unbekannten war also überflüssig gewesen.

Den Computer störte diese Überlegung nicht. Automaten kennen kein Bedauern.

6.

Marsh wollte schreien, doch kein Laut war zu hören. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben derartige Kopfschmerzen gehabt zu haben.

Die Stimmbänder des Mannes waren betäubt worden, und in seinem Rückgrat steckte eine Nadel, die eine Novocain-Lösung in die Lumbalflüssigkeit einspritzte. Eine jederzeit aufhebbare Querschnittslähmung war die Folge. Die Maschinen arbeiteten mit mustergültiger Präzision. Der flüssige Stickstoff war abgepumpt worden; Eiswasser, das im Verlauf einiger Stunden langsam erwärmt wurde, umspülte den Körper. Gleichzeitig wurde Marsh von innen erwärmt. Zwei Tage lang lag er auf dem Operationstisch festgeschnallt. Erst als das Elektroenzephalogramm zeigte, daß sämtliche Körperfunktionen einwandfrei abliefen, stellten die Maschinen ihre Arbeit ein.

Sobald die Klemmen gelöst waren, rollte sich Marsh mühsam vom Tisch und zog sich schwebend in die Wohnsektion; er fühlte sich restlos zerschlagen. Außerdem hatte er einen mörderischen Hunger. Während der Mikrowellenherd eine tiefgefrorene Mahlzeit auftaute, zog er sich an und aktivierte die auch für Null-g-Bedingungen konstruierte Kaffeemaschine. Dann schwebte er zu seinem Schrank und nahm eine Bandspule heraus.

»Erst beim Erreichen des Zielsystems abzuhören«, las er vom Papieraufkleber laut ab. »Nun bin ich aber gespannt.« Er legte das Band auf den Recorder und stellte das Gerät ein.

Es war die Stimme von General Avidan, die langsam sagte: »Wenn diese Botschaft abgehört wird, werden Sie hoffentlich dort sein, wo wir Sie haben wollen – im System von Barnards Stern. Doch darum geht es jetzt nicht.

Sie, Marsh Garfield, sind bis jetzt der einzige, der aus dem Tiefschlaf wieder geweckt wurde. Das hat einen Grund. Wenn dieses Band abgelaufen ist, gehen Sie bitte in die Zentrale und sehen sich um. Wir hoffen es zwar nicht, aber es ist dennoch nicht auszuschließen, daß die Mission fehlgeschlagen ist. Vielleicht sind die Triebwerke defekt. Oder es gibt in dem System keinen Planeten, auf dem Sie frischen Sauerstoff gewinnen können. In diesem Fall liegt das Leben aller anderen Besatzungsmitglieder in Ihrer Hand. Ist keine Rückkehr zur Erde möglich und gibt es keinen Planeten, auf dem die Crew eventuell siedeln könnte, dann können Sie mit einem Knopfdruck das Schiff sprengen. Die anderen sind bereits künstlich tot; wir halten es für grausam, sie in einer solchen Situation aufzuwecken und sie noch einmal sterben zu lassen.«

Marsh drückte auf die Aus-Taste.

Ziemlich nachdenklich suchte er die Zentrale auf und aktivierte die Anlagen; abgesehen davon, daß es etwas muffig roch, hatte sich nichts verändert. Das Aufflackern zahlreicher Lämpchen und Leuchtkörper bewies, daß die Zentrale den Flug gut überstanden hatte.

»Na also«, murmelte Marsh gut gelaunt. »Alles in schönster Ordnung. Könnte gar nicht besser …«

Er verstummte; mit schreckgeweiteten Augen starrte er auf die Schemazeichnung des Antriebssystems. Er spürte, wie sein Herz hämmernd gegen die Rippen schlug; seine Hände zitterten.

Von dem hundert Meter langen Antriebsteil der NEW FRONTIER war nur ein etwa zwanzig Meter langer Stumpf unterhalb der Passagierkugel vorhanden. Auf den Bildschirmen, die fortlaufend den Antrieb abbildeten, war nur noch ein verdrehtes Gewirr von Metallteilen zu erkennen, das wie ein surrealistisches Bildwerk in den Raum ragte.

Der Rückweg zur Erde war versperrt; die Mission war fehlgeschlagen.

Mühsam seine Verzweiflung niederkämpfend, zündete sich Marsh eine Zigarette an; die Worte, die General Avidan auf das Band gesprochen hatte, fielen ihm wieder ein.

»Noch nicht«, flüsterte der Mann grimmig. »Es gibt immer noch Möglichkeiten.«

Er verließ die Steuerzentrale und schwebte in einen angrenzenden Raum. Automaten hatten dort bereits vor einigen Stunden damit begonnen, die Umgebung zu erfassen und zu analysieren.

»Sieben Planeten«, las Marsh die Ergebnisse auf den Schirmen ab. »Einer davon unter Umständen für menschliches Leben geeignet. Wir werden sehen.«

Wieder begab er sich in die Zentrale und programmierte einen Kurs, der ihn zum dritten Planeten des Zielsystems führen würde.

Dann suchte er die Kühlräume auf und weckte die anderen.

Mit der Ruhe eines Psychoanalytikers beobachtete Marsh die Reaktionen der einzelnen Besatzungsmitglieder; zu seinem Erstaunen blieben sie einigermaßen gefaßt.

»Schön«, meinte Arvid schließlich. »Zurück können wir also nicht. Es bleibt die Frage, ob dieser dritte Planet so beschaffen ist, daß wir auf ihm werden leben können.«

»Wir könnten auf fast jedem der Planeten überleben!« verkündete Marsh.

»Wie kommen wir überhaupt zu den Planeten?« wollte Elissa wissen. »Du sagtest doch, der Antrieb sei hoffnungslos zerstört.«

»Richtig«, erläuterte Marsh. »Aber wir haben nicht nur ein Antriebssystem. Diese Kugel, in der wir jetzt leben, hat die Bestimmung, einmal auf einer anderen Welt landen und wieder starten zu können. Wohlgemerkt – einmal.«

»Das bedeutet«, faßte Margalo zusammen, »daß wir uns genau überlegen müssen, wo wir landen.«

»Gepriesen sei deine Einsicht«, brummte Marsh. »Ich habe inzwischen einen Kurs programmiert, der zum dritten Planeten führt. Ich bitte um Abstimmung.«

Einstimmig befürwortete die Besatzung den Anflug des dritten Planeten.

Während sich das Schiff mit nahezu lächerlich geringem Tempo der Bahn des dritten Planeten näherte, war die gesamte astronomische Abteilung fieberhaft an der Arbeit. Mit optischen und radio-astronomischen Geräten wurde das System gründlich durchforscht, vermessen und katalogisiert.

»Wir könnten wieder einmal Glück haben«, summierte Darren Sewell, der Chefastronom, die Ergebnisse seiner Untersuchungen. »Der dritte Planet, für den wir noch keinen Namen haben, hat eine Umlaufbahn, die – auf irdische Verhältnisse übertragen – ungefähr zwischen Erde und Venus liegen würde.«

»Mit anderen Worten«, sagte Marsh mit beträchtlicher Erleichterung, »dort ist Leben nach irdischen Vorstellungen möglich.«

»Es wird allerdings nicht ganz einfach«, bemerkte Darren einschränkend. »Der Planet besitzt eine Sauerstoffatmosphäre. Durchschnittstemperatur 29 Grad Celsius. Und entsprechend wenig Wasser. Der Planet ist praktisch eine einzige Wüste.«

Marsh wandte sich wieder seinen Apparaturen zu und ließ das Schiff weiter absacken, bis der Rest der NEW FRONTIER einen Orbit von etwa neunzig Kilometern erreicht hatte.

»Wie steht es mit Leben?« wollte Margalo wissen. »Habt ihr irgend etwas finden können?«

Viveca nickte bedächtig; die Biologin hatte sich schon mit dieser Frage beschäftigt. »Mit entsprechenden Filtern konnten wir Zonen ausmachen, in denen es Pflanzen gibt. Das Chlorophyll ist deutlich zu erkennen. Sehr groß sind diese Gebiete allerdings nicht. Tierisches Leben ist nicht auszuschließen.«

»Alles in allem doch recht positiv!« sagte Marsh nachdenklich. »Sollen wir landen?«

Jedes Crew-Mitglied wußte, daß es nur eine Landung gab; das Schiff konnte zwar noch einmal gestartet werden, aber für eine zweite Landung gab es keinen Treibstoff mehr. Die Menschen in der Zentrale schwiegen beklommen und sahen sich ratlos an.

»Also landen wir«, faßte Garfield das Schweigen als Zustimmung auf. »Hat jemand einen Vorschlag, wo wir niedergehen sollen?«

»Hier«, sagte Viveca und deutete auf eine Stelle der aus Fotografien zusammengebastelten, primitiven Oberflächenkarte des Planeten. »Dort ist die Konzentration des Chlorophylls besonders groß. Außerdem scheint es in dem Gebiet eine größere Wasseransammlung zu geben.«

Niemand widersprach dem Vorschlag.

»Kontakt mit der Atmosphäre!« meldete Arvid, der sorgsam seine Instrumente überwachte. »Außentemperatur steigt langsam an.«

Während Marsh konzentriert die Anzeige des Geschwindigkeitsmessers beobachtete, nahm er aus den Augenwinkeln heraus wahr, wie sich die Mitglieder der Crew anschnallten.

»Fünfundfünfzig Kilometer!«

Mit leichter Sorge dachte Marsh an den Glutkegel aus ionisierten Gasen, der sich an der Spitze des in die Tiefe rasenden Schiffes bildete; wenn der Eintauchwinkel nicht auf zwei Grad genau stimmte, würde die Glut auch an die Stellen des Schiffsleibes geraten, die nicht durch den ein Meter dicken Schild aus Hafniumkarbid geschützt wurden.

»Dreißig Kilometer!«

»Zwanzig!«

»Fünf Kilometer!«

»Achtung!« rief Marsh laut.

Er kannte das Phänomen, das sich gleich bemerkbar machen würde: Wie von einer Gummihaut prallte das Schiff von der zusammengepreßten Atmosphäre zurück, als der Fahrtüberschuß des Fahrzeugs aufgezehrt war; schlagartig wechselte der Andruck auf Null und nahm wenige Sekunden später einen geringen negativen Wert an.

»Fallschirme raus!« befahl Marsh trotz der aufsteigenden Übelkeit.

Arvid zog an einem Hebel. Ein leiser Ruck ging durch den Schiffskörper, als sich die Hauptschirme öffneten und das Schiff abfingen.

»Dreihundert Meter! Hundertfünfzig Meter!«

Als das Höhenradar fünfzig Meter anzeigte, zündete Marsh zum letzten Mal das große Triebwerk; der Feuerstrahl zehrte den letzten Rest des Falles auf.

»Kontakt!« schrie Arvid laut. Mit einem sanften Ruck setzte die NEW FRONTIER auf. Die Landung war geglückt.

7.

»Was wissen wir über diese Welt?«

Viveca Aylen faßte Marshs Frage als Aufforderung auf, die in den letzten Tagen gesammelten Forschungsergebnisse zusammenzufassen.

»Die Luft ist atembar«, stellte sie fest. »Wasser gibt es ebenfalls. Die Menge dürfte ausreichen, um mit den von der Erde mitgebrachten Samen und Keimlingen eine bescheidene Landwirtschaft aufzuziehen.«

»Gibt es Bakterien?« wollte Margalo wissen.

»Massenhaft!« antwortete Viveca. »Wir haben einen umfangreichen Katalog von Bodenbakterien, Keimen, Kokken, auch Viren und ähnlichen Mikroorganismen zusammenstellen können. Das Angebot ist fast so groß wie auf der Erde. Aber unsere Breitbandantibiotika sollten als Schutz gegen bakterielle Infektionen ausreichen.«

»Wir können also ohne umständliche Schutzmaßnahmen das Schiff verlassen«, faßte Marsh zusammen.

Viveca nickte zustimmend.

Nachdem die Besatzung das Schiff verlassen hatte, wurde das große Luk des Laderaumes geöffnet. Aus mitgeführten Kunststoffen wurden fünf kreisförmige Platten mit jeweils zwanzig Metern Durchmesser gegossen und anschließend mit zahlreichen Ankern und Krallen im sandigen Boden befestigt. Auf dieser Grundfläche wurde die doppelwandige Hülle des Zeltes befestigt und aufgeblasen. An verschiedenen Stellen der Hülle wurden zwei Schaumstoffkomponenten in den Hohlraum gepumpt. War der Kunststoff nach einigen Minuten aufgeschäumt und erstarrt, wurde das Zelt wieder entfernt und auf der nächsten Platte neu aufgerichtet.

Die Menschen benötigten knapp zehn Stunden, um fünf große Halbkugeln zu errichten, die als Behausung dienen sollten. Der Schaumstoff der Außenwände war stabiler als massives Holz, hielt die Innentemperatur konstant bei zwanzig Grad Celsius und konnte ohne größere Anstrengungen jederzeit geflickt werden. Nach dem gleichen Verfahren wurden anschließend in jeder Kuppel Trennwände aufgeschäumt. In kurzer Zeit verwandelten sich die Halbkugeln in überraschend bequeme Unterkünfte für jeweils zehn Personen.

Während die restliche Crew die Station aufbaute, hievten Marsh und Arvid einen der vier Expeditionspanzer aus dem Innenraum. Die auf Ketten laufenden Fahrzeuge waren dazu bestimmt, längere Ausflüge in die Umgebung der Station zu ermöglichen.

»Erstaunlich, woran die Erde alles gedacht hat«, bemerkte Arvid, während der Rover mit vierzig Stundenkilometer durch den feinkörnigen Sand preschte. Das Fahrzeug enthielt alles, was nötig war, um vier Personen einen Monat lang fernab der Station am Leben zu erhalten, darunter einen leistungsfähigen Sender, der vom Kopiloten bedient werden mußte. Ein rhythmisches Summen zeigte an, daß auch die Station inzwischen ihre Funkanlagen aufgebaut hatte.

»Hier R-1«, meldete sich Arvid. »Wie weit seid ihr?«

Margalo klang erschöpft. »Die Station ist bezugsfertig. Eine Kuppel ist vollständig eingerichtet. Wir werden heute nacht wieder sehr bequem schlafen können – diese Schaumstoffmöbel sind unglaublich gut gepolstert.«

»Fein«, gab Arvid gut gelaunt zurück. »Wie steht es mit dem Wasser?«

»Gräßlich«, sagte sie. »Wir haben gar nicht gewußt, daß der menschliche Körper soviel Flüssigkeit enthält. Während der Arbeit ist der Schweiß regelrecht in Katarakten geflossen. Im Schiff ist noch genügend Wasser für einen Tag – wenn man diese Temperaturen berücksichtigt.«

Marsh schaltete sich ein. »Seht ihr eine Möglichkeit, diesen Engpaß zu überwinden?«

»Selbstverständlich«, sagte Margalo selbstbewußt. »Darren und ›Curry‹ haben sich vor einer halben Stunde auf den Weg zur Quelle gemacht. Sie wollen eine Pumpröhre zum Lager verlegen. Und wie sieht es bei euch aus?«

»Ringsum nichts als ein Gemisch von Grün und Braunrot«, antwortete Marsh. »Das Gras ist fast einen Meter hoch, allerdings nicht sehr dicht. Wir haben ein paar Tiere gesichtet – die hiesige Ausgabe von Kaninchen oder Hasen. Dazu eine Raubkatze, etwa so groß wie ein ausgewachsener Schäferhund.«

»Wie lange wollt ihr weiterfahren?« erkundigte sie sich. Arvid zuckte mit den Schultern und sah zu Marsh hinüber.

»Wir fahren weiter, bis es dunkel wird«, entschied der Skipper. »Morgen werden wir dann in einem weiten Bogen zur Station zurückkehren. Ihr könnt bis dahin einen Teil unserer Tiefkühlgenies aufwecken.«

»Wird gemacht«, bestätigte Margalo. »Wenn etwas Besonderes zu sehen ist, dann meldet euch wieder.«

»Machen wir«, versprach Arvid und unterbrach den Kontakt. »Es läßt sich relativ gut an«, meinte er nachdenklich. Marsh zuckte mit den Schultern.

»Wir sind knapp einen Tag hier«, gab er zu bedenken. »Noch sind die Leute damit beschäftigt, um ihr nacktes Leben zu kämpfen. Aber warte ab, bis sie genug Zeit haben, über ihre Lage nachzudenken. In einem Jahr werden wir alles verbraucht haben, was wir an irdischen Gütern an Bord haben; dann sind wir völlig auf uns selbst angewiesen. Keine Zigaretten, kein Whisky, keine Filme, Zeitungen, Bücher – es wird eine kulturelle Einöde werden.«

»Schwarzseher!« protestierte Arvid, doch sein Widerspruch klang nicht sehr energisch. Um sich abzulenken, konzentrierte er sich auf die Umgebung. Was er sah, war nicht sonderlich aufregend.

Die permanente Gluthitze und der Wind, der den Sand vor sich her wirbelte, hatten dafür gesorgt, daß es auf dem Planeten kaum größere Erhebungen gab. Die gesamte Oberfläche wirkte wie ein mitten in der Bewegung erstarrtes Meer aus Sand, dessen farbliche Eintönigkeit nur gelegentlich von dürftigem Pflanzenwuchs unterbrochen wurde.

Marsh warf einen prüfenden Blick nach oben, dorthin, wo die Sonne des Systems seine Glut auf den Planeten hinabschoß; die Schutzschicht der Panzerplastkuppel hatte sich bis zum Grenzwert verdunkelt. Dennoch hatte die Bordklimaanlage genug zu tun, die Innentemperatur einigermaßen erträglich zu halten.

»In etwa vier Stunden wird es dunkel«, schätzte Marsh. »Hast du einen bestimmten Wunsch, was den Endpunkt unseres Ausflugs angeht?«

Längst war die Station außer Sicht gekommen. Nur die Spur, die die Ketten des Expeditionsfahrzeugs in den Sand gegraben hatte, deutete die ungefähre Richtung an, in der die Kuppeln zu suchen waren.

»Versuchen wir es mit diesem Hügel«, schlug Arvid nach einigem Nachdenken vor. Mit der Hand zeigte er auf die Anhöhe, die er im Auge hatte. Der Hügel war Teilstück einer ganzen Kette, die bis auf eine Höhe von einhundert Metern hinaufführte. Kritisch musterte Marsh das Gelände; die Steigung betrug knapp zehn Grad.

»Versuchen wir es«, stimmte er Arvids Vorschlag zu.

Trotz der vierhundert PS starken Maschinen des Expeditionspanzers dauerte es mehr als eine Stunde, bis sich die Ketten durch den immer wieder wegsackenden Sand auf die Spitze des Hügels gewühlt hatten.

»Man kann überhaupt nichts erkennen«, schimpfte Arvid, als das Fahrzeug zum Stillstand gekommen war.

Die Sonne sank langsam dem Horizont entgegen. Mit wenigen Handgriffen öffnete Marsh das Personenluk des schweren Gefährts; eine Bö wirbelte Sand ins Innere, und er fluchte halblaut.

»Vergiß die Sonnenbrillen nicht!« warnte er Arvid, der als erster ausstieg.

Wenig später stand auch Marsh auf der Hügelkuppe. Der Anblick, der sich ihnen bot, war einmalig. Von der Atmosphäre des Planeten verzerrt wirkte die sinkende Sonne wie eine violette Kugel, die unheilverkündend über dem dunklen Sand der Wüste hing.

»Nicht besonders anheimelnd«, kommentierte Arvid die Aussicht, während Marsh mit einem Feldstecher langsam den Horizont absuchte. Plötzlich stieß er einen unterdrückten Schrei aus; er setzte das Glas ab, schüttelte ungläubig den Kopf, dann hob er den Feldstecher wieder an die Augen.

»Unglaublich«, murmelte er fassungslos und reichte Arvid das Fernglas.

»Das darf es einfach nicht geben«, flüsterte der nach einigen Sekunden. »Begreifst du das, was wir dort gesehen haben?«

Marsh verneinte. »Das übersteigt sogar meine Phantasie«, gab er zu, dann überlegte er kurz.

»Was unternehmen wir jetzt?« fragte er unentschlossen. »Sehen wir uns das Ding morgen in aller Frühe an, oder fahren wir zurück und starten eine Massenexpedition?«

»Wir müssen zurück!« meinte Arvid ohne Zögern. »Diese Nachricht ist zu wichtig.«

Bereits zehn Minuten später rasten die beiden Männer in ihrem Rover zurück zum Lager.

8.

»Eine Pyramide«, berichtete Marsh. »Genauer gesagt eine achtstöckige Stufenpyramide. Höhe etwa zweihundert Meter. Das Ding sieht etwa so aus wie die Stufenpyramide bei Sakkara, die der ägyptische Baumeister Imhotep für seinen Pharao errichtete.«

In den letzten Stunden war die Bevölkerung der Station um zehn Personen gewachsen; ein Viertel der Wissenschaftler, die den gesamten Flug im Tiefschlaf verbracht hatten, war aufgeweckt worden und hatte eine weitere Kuppel mit Beschlag belegt. Bei allen hatte das Kühlverfahren einwandfrei gearbeitet; sie fühlten sich wohl und waren, wie die Untersuchungen bewiesen hatten, in jeder Hinsicht topfit.

Ein Archäologe, Vinton Carette, ging als erster auf Marshs Bericht ein. »Das hört sich interessant an, Marsh«, sagte er gelassen. »Können Sie mir sagen, wie alt das Bauwerk ungefähr ist?«

Marsh zuckte mit den Schultern und bedachte Arvid mit einem hilfesuchenden Blick.

»Zahlen kann ich natürlich nicht nennen«, meinte der Navigator zögernd. »Aber sehr alt ist die Pyramide sicherlich nicht. Ich habe keine Verwitterungserscheinungen bemerken können. Alle Kanten waren noch scharf ausgeprägt.«

»Sehr schön«, kommentierte Carette. »Können Sie sich ein Volk vorstellen, das vor weniger als tausend Jahren die Fähigkeit hatte, ein solches Bauwerk zu errichten – und dann nichts anderes mehr baute? Wenn keine anderen Ruinen zu finden sind, wie Sie sagen, dann hört sich Ihre Erzählung sehr eigentümlich an.«

»Wollen Sie behaupten, wir erzählten hier Märchen?« fragte Arvid leicht gereizt.

Ein Psychologe kam Carette zu Hilfe. »Verstehen Sie mich richtig«, warf er ein. »Eine Hochzivilisation auf diesem Planeten wäre für uns genau das Wunder, das wir brauchen, um zur Erde zurückkehren zu können. Sind Sie sicher, daß die Hoffnung auf solch ein Wunder Ihre Wahrnehmungsfähigkeit nicht sehr stark beeinträchtigt haben könnte?«

Marsh schüttelte heftig den Kopf.

»Auf keinen Fall!« sagte er entschieden. »Unsere Beobachtungen stimmen in allen Details vollkommen überein. Und so genau kann die Phantasie gar nicht arbeiten, als daß sie bei zwei verschiedenen Menschen völlig identische Halluzinationen hervorruft!«

»Nehmen wir also an, daß Marsh sich nicht geirrt hat«, meinte Vinton. »Es wird vermutlich keiner widersprechen, wenn ich einen besser vorbereiteten Ausflug zur Pyramide vorschlage.«

Seine Vermutung traf zu, wie das beifällige Murmeln der Versammlung bewies.

»Wir werden zwei Rover benutzen«, bestimmte Marsh. »Das bedeutet, daß die Teilnehmerzahl auf acht Personen beschränkt ist. Die anderen können während unserer Abwesenheit weiter am Aufbau des Lagers arbeiten.«

»Prachtvoll!« rief Viveca spöttisch. »Unser verehrter Kommandant macht einen vergnüglichen Ausflug, während seine Sklaven sich hier abrackern dürfen …«

»Teuerste«, konterte Marsh trocken, »Eurer Entrüstung fehlt die Grundlage. Ich wollte gerade vorschlagen, daß du uns begleitest – sozusagen als Geheimwaffe. Sollten sich in der Nähe der Pyramide mordlüsterne Ungeheuer herumtreiben, wird deine spitze Zunge sie vermutlich zur sofortigen Flucht veranlassen.«

»Ohne an den Qualitäten unserer Freundin herumdeuteln zu wollen«, sagte Curry Cobb langsam, »aber rechnest du ernsthaft damit, an oder in der Pyramide Leben vorzufinden?«

Marsh zuckte mit den Schultern. »Es ist zwar äußerst unwahrscheinlich, aber nicht völlig auszuschließen.«

Während er sprach, fiel ihm wieder der Anblick des zerstörten Hecks der NEW FRONTIER ein: Meteore waren jedenfalls nicht daran schuld. Und aus den Aufzeichnungen der Bordinstrumente hatte er erfahren, daß die Vernichtung nach dem Abschalten der Triebwerke geschehen war.

Noch war er der einzige, der diese Informationen besaß …

»Ich nehme alles zurück und schwöre das Gegenteil!« murmelte Carette. »Das Ding ist echt.«

Die beiden Rover standen auf der Hügelkuppe, genau an der Stelle, an der die Fahrtspur des Ausflugs vom Vortag abbrach. Die Besatzungen standen auf dem feinkörnigen Sand und richteten ihre Ferngläser auf die Pyramide. Als Vinton das Glas senkte, machte er ein sehr nachdenkliches Gesicht. »Rätselhaft«, murmelte er. Dann wandte er sich an Marsh. »Sehen Sie sich das Bauwerk noch einmal genau an!« sagte er unsicher. »Sie werden nicht die geringsten Zerfallserscheinungen feststellen können. Trotz der großen Entfernung zwischen uns und der Pyramide können Sie noch die harten Konturen der Stufen erkennen.«

»Und was schließen Sie daraus?« wollte Marsh wissen.

»Es gibt mehrere Erklärungsmöglichkeiten«, überlegte Carette. »Die erste geht vom Augenschein aus und schreibt der Pyramide ein Alter von weniger als tausend Jahren zu. Wenn das Bauwerk von Bewohnern dieses Planeten hergestellt sein sollte, steht die Logik auf dem Kopf.«

»Wieso?«

»Stellen Sie sich vor, daß ein Volk praktisch aus dem Boden wächst, eine riesige Pyramide zaubert und anschließend spurlos wieder verschwindet. Das ist völlig absurd.«

»Das ist eine Theorie«, sagte Marsh. »Wie sieht die zweite aus?«

»Es wäre möglich, daß die Pyramide wesentlich älter ist, aber durch besondere Maßnahmen vor dem Verfall geschützt wird«, erklärte Vinton. »Das aber erfordert einen wesentlich höheren technischen Stand des erbauenden Volkes. Und ein Volk, das Steinmonumente für Jahrzehntausende konservieren kann, verschwindet nicht einfach – es muß technische Mittel gekannt haben, unter fast jeder Umweltbedingung zu überleben. Wo also sind diese Wesen?«

»Es gibt noch eine Möglichkeit«, mischte sich Curry in die Unterhaltung. »Es könnte auch die Konstruktion eines anderen raumfahrenden Volkes sein. Vielleicht ist es eine Art kosmischer Wegweiser oder auch ein Nachschubdepot.«

»Diese Lösung wäre für uns natürlich ideal«, meinte Arvid hoffnungsvoll. »Jedenfalls sollten wir uns die Pyramide einmal näher ansehen.«

Marsh ließ das Fahrzeug ausrollen und schaltete den Antrieb aus; leise winselnd kamen die Maschinen zum Stillstand. Wie ein granitenes Gebirge ragte die Konstruktion in die heiße Luft.

Die einzelnen Szenen eines Reliefs, das eine Seite der Pyramide vollständig bedeckte, waren für die Menschen vollkommen unverständlich; allerdings war zumindest festzustellen, wie die Erbauer der Pyramide ausgesehen haben mußten. Die Gestalten waren unverkennbar humanoid, über zwei Meter groß und erschreckend schlank. Der Hinterkopf war im Vergleich zum menschlichen stark verlängert, außerdem besaß jede Hand einen zweiten, frei beweglichen Daumen.

Auf den Bildern kämpften die Gestalten gegen monströs aussehende Tiere, befuhren Flüsse und betrieben offensichtlich Ackerbau und Viehzucht. Eine Darstellung erregte Marshs besondere Aufmerksamkeit. Auf einem Bild wurde eine Rakete gestartet; der Strahl des Antriebs war deutlich zu erkennen.

Auch Arvid hatte diese wichtige Stelle entdeckt und aus den Bildern die richtigen Schlüsse gezogen; begeistert schlug er Marsh auf die Schulter.

»Jetzt bin ich sehr sicher, daß wir hier ein Notdepot vor uns haben«, rief er zuversichtlich. »Das wird uns sehr weiterhelfen.«

»Gemach«, stoppte Marsh den Gefühlsausbruch. »Noch wissen wir nicht, was in der Pyramide ist, wenn überhaupt etwas darinnen steckt. Und den Eingang müssen wir auch erst noch finden.«

»Daran habe ich auch schon gedacht«, bemerkte Curry. »Ich würde vorschlagen, daß zwei Leute einmal rund um das Ding herumgehen und nach einer Öffnung suchen.«

Er wollte noch weitersprechen, als hinter den Männern ein Schrei zu hören war; Marsh fuhr herum und sah Vinton Carette, der auf dem Sand lag und leise stöhnte.

»Was ist passiert?« rief Marsh und lief auf den Gestürzten zu. Vorsichtig richtete er den Mann wieder auf. Vinton klopfte den Sand von seiner Kleidung und machte ein finsteres Gesicht.

»Ich wollte gerade ein besonders interessantes Teilstück des Reliefs untersuchen und ging deshalb ganz dicht an die Außenwand der Pyramide heran. Als ich die Wand berührte, bekam ich einen elektrischen Schlag und wurde von irgendeiner unsichtbaren Kraft zurückgeschleudert.«

»Das würde natürlich erklären, warum die Pyramide keinerlei Zerfallserscheinungen aufzuweisen hat«, sagte Marsh. »Aber zu einem materieabstoßenden Kraftfeld – falls es so etwas überhaupt gibt – gehören irgendwelche Energiequellen. Wo sind diese Anlagen zu suchen?«

»Wahrscheinlich im Innern«, vermutete Arvid. »Es wird nicht ganz einfach sein, in diesen Steinhaufen hineinzukommen.«

»Aber wir müssen hinein!« beharrte Vinton. »Dies ist eine einmalige wissenschaftliche Entdeckung.«

»Er hat recht«, meinte Arvid. »Ich schlage vor, daß Curry und Elissa einmal um das Ding herummarschieren. Wir können in dieser Zeit unser Lager aufbauen – ich habe nämlich keine Lust, in diesem Stahlkasten von einem Rover zu schlafen.«

»Einverstanden!« sagte Marsh. Er winkte Curry und Elissa in die Nähe und erklärte ihnen kurz, was sie tun sollten.

»Wird gemacht, Skipper!« sagte Curry zuversichtlich. »Und wie finden wir heraus, ob dieses Kraftfeld eine Lücke hat?«

»Ganz einfach«, erklärte Marsh. Er nahm eine Handvoll Sand auf und schleuderte die Körner gegen die Außenwand der Pyramide.

»So«, sagte er, nachdem er den Sand ausgespuckt hatte, den das Kraftfeld auf ihn zurückgeworfen hatte. »Und nehmt zwei Funksprechgeräte mit!«

Curry tippte mit dem Finger an den Rand einer imaginären Mütze und stapfte durch den feinkörnigen Sand zu einem Rover. Kurz darauf verschwand er mit Elissa um die Ecke der Pyramide.

Während sich die fünf anderen Expeditionsteilnehmer daranmachten, vier Zelte aufzuschlagen, bestieg Marsh seinen Rover und setzte sich neben Margalo.

»Hast du mit den beiden Kontakt?« fragte er.

»Einwandfrei!« nickte sie. »Paß auf.«

Sie schaltete den großen Lautsprecher an der Decke ein. Offensichtlich hatte Elissa ihr Sprechfunkgerät ständig eingeschaltet, und so konnte man im Rover mit anhören, wie Curry die Frau mit Komplimenten förmlich überhäufte.

»Gut, gut«, winkte Marsh ab. »Jetzt ändere bitte die Empfangsfrequenz!«

»Auf welchen Kanal willst du?« erkundigte sich Margalo.

»Raumstandard«, sagte Garfield. »Die Frequenz des ionisierten Wasserstoffs.«

Margalo verstand augenblicklich. Mit geschickten Bewegungen schaltete sie.

»Nichts!« sagte sie endlich und schaltete auf Lautsprecher um. »Nur Rauschen.«

»Weiter!« befahl Marsh, und gehorsam ging Margalo die Frequenzen durch. Nach einer halben Stunde gaben sie auf.

»Eine Erkenntnis mehr«, brummte Marsh enttäuscht. »Wenn ein Sender in der Pyramide ist, dann arbeitet er jedenfalls nicht. Und was haben unsere Entdecker inzwischen angestellt?«

Margalo ging auf die Frequenz der Funkgeräte zurück.

»Sie melden sich nicht«, murmelte sie verblüfft. Sie wiederholte den Anruf; das Ergebnis blieb gleich.

»Verdammt«, knurrte Marsh und verließ hastig den Rover.

Ein schriller Pfiff hatte zur Folge, daß alle ihre Arbeit im Stich ließen und sich um den Skipper scharten; Marsh erklärte kurz, was vorgefallen war.

»Ich werde zusammen mit Margalo einmal rund um die Pyramide fahren und nach den beiden suchen. Viveca, du bedienst bitte das Bordradar des zweiten Rovers und zeichnest unseren Kurs auf. Sollte auch uns etwas zustoßen, wißt ihr wenigstens, wo der Gefahrenherd ist. Klar?«

»Selbstverständlich«, sagte die junge Frau entschieden. »Ich werde wie eine Glucke meine elektronischen Fittiche über dich breiten.«

»Hoffentlich reicht dieser Schutz«, brummte Marsh, während er den Rover wieder bestieg. Wenige Sekunden später heulten die Turbinen des Fahrzeugs auf.

»Bleibe ständig mit dem Lager in Funkverbindung«, sagte Marsh, während er mit Höchstgeschwindigkeit um die Ecke des Bauwerks steuerte. Deutlich waren in dem Sand die Fußspuren der beiden Vermißten zu erkennen.

»Auf dieser Seite scheint es keine Gefahr zu geben«, stellte Margalo fest; sie hatte bereits das Abknicken der Fährte an der nächsten Kante bemerkt. »Fahr lieber etwas langsamer!«

Marsh nickte und zog den Fahrthebel näher an sich heran; nur flüchtig warf er einen Blick auf die Pyramide. Auch hier war die Wand mit großen Reliefs bedeckt. Drohend schienen die Gestalten von der schrägen Trapezfläche auf die Menschen herabzusehen.

»Halt!« schrie Margalo.

Marsh reagierte augenblicklich, kuppelte aus und betätigte die Bremsen des Rovers; eine Staubsäule brach empor und hüllte für Sekunden das Fahrzeug in eine undurchdringliche Wand aus feinsten Sandkörnern. Wortlos deutete Margalo auf die Spur der Vermißten, die langsam wieder sichtbar wurde.

Marsh zog das Mikrophon an den Mund und fragte: »Viveca, wo ungefähr stehen wir?«

Nach wenigen Sekunden kam die Antwort. »Ziemlich genau auf der dem Lager entgegengesetzten Seite der Pyramide. Habt ihr etwas gefunden?«

»Die Spuren hören hier auf«, erklärte Marsh grimmig. »Ich werde aussteigen und mir die Stelle etwas genauer ansehen.«

»Paß auf dich auf«, bat Viveca flüsternd; Margalo machte ein finsteres Gesicht.

»Keine überflüssige Sorge!« warnte sie. »Ich werde schon auf ihn achten.«

»Zankt euch später«, empfahl Marsh, während er sich ein langes Seil um die Taille band und das andere Ende am Rover befestigte.

Dann stieg er aus. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, als er langsam den Spuren der beiden Verschwundenen nachging. Von Zeit zu Zeit hob er eine Handvoll Sand auf und warf sie ein paar Schritte voraus. Jedesmal sank das Material ohne andere Einflüsse als die der Schwerkraft zu Boden. Von einer Falle war nichts zu erkennen. Dann hatte Marsh die offenbar gefährliche Stelle erreicht; er kniete zögernd nieder und untersuchte die Spuren.

»Kannst du etwas erkennen?« klang Margalos Stimme aus den Kopfhörern.

Marsh schüttelte den Kopf und antwortete ratlos: »Nichts. Mir ist die Angelegenheit völlig unbegreiflich.«

Die Spuren endeten unmittelbar an der Kante der Pyramide; der Abstand zwischen dem äußersten Rand des Bauwerks und dem letzten Fußabdruck betrug knapp zehn Zentimeter.

»Komm einmal her, Margalo!« rief er in das kleine Mikrophon.

Wenig später stand sie neben ihm; Marsh deutete mit der Hand auf die Spuren.

»Stelle dein rechtes Bein in den Abdruck«, befahl er. Margalo führte das Kommando folgsam aus.

»Und jetzt versuche, einen Schritt geradeaus zu machen.«

Die Frau hob das linke Bein leicht an, bewegte es vorwärts, bis die Spitze ihrer Stiefel gegen die Außenwand der Pyramide traf. Sekundenbruchteile später lag Margalo auf dem Sand.

»Entschuldige«, bat Marsh, als er sie wieder aufrichtete. »Das Kraftfeld hatte ich völlig vergessen. Aber ist dir klar, was ich dir zeigen wollte?«

Margalo nickte langsam. »Ja«, sagte sie stockend. »Wenn wir annehmen, daß sich die Pyramide hier geöffnet hat, dann liegen alle weiteren Fußabdrücke jetzt hinter der Wand.«

»Genau«, bestätigte Marsh. »Und das bedeutet?«

»Curry und Elissa sind im Innern.«

»Nicht nur das«, sagte Marsh sanft. »Versuche dir den Ablauf des Geschehens vorzustellen.«

»Nun, die beiden kamen hier an«, überlegte sie. »Entweder war hier schon eine Öffnung, oder sie wurde gerade sichtbar, als Curry und Elissa die Stelle passierten. Aber das hätten sie uns sicher über Funk mitgeteilt.«

»Das ging leider nicht«, seufzte Marsh schuldbewußt. »Zu diesem Zeitpunkt nämlich grasten wir gerade sämtliche Frequenzen ab. Der Anruf konnte uns folglich gar nicht erreichen.«

»Unter diesen Umständen wären die beiden aber niemals weitergegangen«, erklärte Margalo bestimmt. »Ich bin ganz sicher, daß sie gewartet hätten, bis sie uns über ihre Entdeckung informiert hätten.«

»Hätten«, wiederholte Marsh finster. »Sie haben aber nicht gewartet.«

»Das würde bedeuten …«, flüsterte sie erschreckt.

»… daß man sie nicht hat warten lassen«, stellte Marsh grimmig fest. »Curry und Elissa sind bestimmt nicht freiwillig in die Pyramide hineingegangen. Sie sind gezwungen worden.«

»Von wem?« fragte Margalo beklommen. »Von irgendeinem Abwehrautomaten?«

»Nein. Für einen Automaten sind wir beide ebenso gefährlich wie Curry und Elissa«, erklärte Marsh geduldig. »Wir aber stehen noch hier. Dort drinnen lebt jemand.«

»Was wollen diese Leute von uns?« fragte Margalo ängstlich. »Wir haben ihnen doch keinen Schaden zugefügt.«

»Sie uns einstweilen auch nicht«, beruhigte Marsh sie. »Ich nehme an, daß Elissa und Curry dort drinnen erst einmal genau studiert werden.«

Er sah auf seine Uhr, die inzwischen auf die Eigenzeit des Planeten abgestimmt worden war. »In einer Stunde wird es dunkel werden. Ich glaube, wir sollten zu unseren Freunden zurückkehren.«

Im Lager quittierte man den Bericht der beiden mit ungläubigem Schweigen; erst nach einer stundenlangen Diskussion gelang es Marsh, die Gruppe von der Stichhaltigkeit seiner Argumente zu überzeugen. Er hatte sich bereits überlegt, welche Maßnahmen erforderlich waren.

»Erstens«, sagte er laut. »Der Stützpunkt am Landeplatz des Schiffes wird aufgelöst und hierher verlagert; genauer gesagt, an jene Stelle, an der Curry und Elissa verschwunden sind. Zweitens wird täglich ein Rover zwischen der Quelle am Landeplatz und der Pyramide hin und her pendeln; dabei wird er uns mit Material und vor allem mit Wasser versorgen. Und drittens werden wir einen Tag- und Nachtwachdienst einrichten. Schließlich müssen wir wissen, wann sich die Pyramide wieder öffnet. Irgendwelche Widersprüche?«

Es gab keine; am nächsten Morgen schon machten sich die Menschen an die Arbeit.

Nach einer Woche war das Lager vollständig umgezogen. Der Rover versorgte die Bewohner mit allem Lebensnotwendigen. Ansonsten gab es nichts zu tun.

Die Männer spielten Boccia, bis sie keine Kugeln mehr sehen konnten, während sich die Frauen von der Sonne grillen ließen, bis sie kaum mehr vom Sand zu unterscheiden waren.

Für zwei Tage brach ein allgemeines Wettfieber aus; man setzte auf die Stundenzahl, die bis zum Öffnen der Pyramide vergehen würde, und die Einsätze erreichten stellare Höhen. Dann fiel jemandem ein, daß man den Gewinn niemals würde ausgeben können, und die Begeisterung stürzte mit dem Tempo einer Sternschnuppe in tiefste Tiefen.

Nach einer Woche kam der erste Zank auf. Marsh ließ die Streithähne in Grenzen gewähren.

Mit einer gewissen Genugtuung stellte er fest, daß offenbar kein Crewmitglied an einer Rückkehr zur Erde zweifelte. Trotz aller sachlichen Gegenargumente und Zweifel hatte auch Marsh dieses Gefühl, und darum unternahm er nichts. Allerdings graute ihm vor dem Tag, an dem sich dieser Optimismus für immer verlieren würde.

9.

»Ich halte dieses verdammte Warten nicht mehr aus«, schrie Hayden Bellows unbeherrscht. »Wenn das so weitergeht, werde ich noch wahnsinnig.«

»Da hast du nicht viel zu tun«, bemerkte Viveca spitz.

Selbst die seit nunmehr drei Wochen andauernde, zermürbende Anspannung der Nerven hatte die Ruhe und Kaltblütigkeit der Biologin nicht durchbrechen können. Für Hayden war der Spott zuviel; mit einem Schrei stürzte er sich auf sie.

»Nicht doch!« murmelte sie. »Was sollen denn die anderen von dir denken?«

Eine geschickte Körperdrehung hatte genügt, um Hayden ins Leere rennen zu lassen; er war gestürzt und starrte die Frau an. Marsh konnte sich nicht erinnern, jemals ein derart wutverzerrtes Gesicht gesehen zu haben.

»Ein Raumfahrer, der mir zu Füßen liegt!« schwärmte Viveca laut.

Die Antwort des Mannes bestand in einem unverständlichen Gurgeln; mit hochrotem Kopf warf er sich vorwärts. Viveca machte einen raschen Schritt zur Seite, und Hayden prallte mit voller Wucht gegen die Pyramidenwand.

»Tu dem armen Ding nicht weh!« höhnte die Kosmobiologin.

Dann verschlug es ihr die Sprache; mit offenem Mund starrte sie Hayden an, der sich an dem harten Stein eine Stirnverletzung zugezogen hatte und sich benommen aufrichtete. Er war von dem Anprall noch halb betäubt und stützte sich schwer gegen die Wand. Sie änderte ihre Haltung auch nicht, als Hayden mit schleppenden Schritten auf sie zuging, die Hände um ihren Hals legte und sie zu würgen begann.

Dafür reagierte Marsh. Er sprang zu den beiden hinüber und riß Hayden zu Boden. »Du Narr!« schrie er glücklich. »Weißt du überhaupt, wo du dich verletzt hast?«

»An der verdammten Pyramide!« knurrte der Raumfahrer und strengte sich an, aus Marshs Hebelgriff zu kommen. Dann begriff auch er. »Das Kraftfeld ist weg!« keuchte er.

»Genau!« sagte Viveca mit einem leisen Seufzer. Sie schenkte Hayden ein zaghaftes Lächeln.

»Ich hoffe, du vergibst mir die Gemeinheiten der letzten Minuten«, bat sie leise.

Hayden machte eine abwehrende Handbewegung. »Vergessen«, sagte er großzügig.

Mit einem schrillen Pfiff hatte Marsh inzwischen die anderen Terraner zusammengebracht; als er berichtete, daß das Kraftfeld verschwunden sei und dies auch allen sichtbar bewies, brachen die fünfzig Menschen in ein ohrenbetäubendes Freudengebrüll aus. Nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte, meldete sich Arvid zu Wort.

»Das Kraftfeld ist also verschwunden«, stellte er fest. »Aber wie kommen wir jetzt in diesen Steinklotz hinein?«

Marsh wollte mit den Schultern zucken, unterließ aber die Bewegung. Als wären Arvids Worte verstanden worden, schob sich mit einem leisen Knirschen ein vier Meter hoher und ebenso breiter Steinklotz in die Wand der Pyramide. Der Block schwenkte langsam zur Seite und legte eine schwach erleuchtete Öffnung frei.

»Arvid, Viveca, Margalo!« rief Marsh laut. »Wir vier werden als erste in die Pyramide eindringen. Wir nehmen Funkgeräte mit – vielleicht könnt ihr uns trotz der Steinwände hören.«

»Geht in Ordnung«, bestätigte Hayden, der sich wieder gefaßt hatte. Ein großes Pflaster zierte seine Stirn. »Aber wartet noch ein paar Minuten.«

Marsh lächelte anerkennend, als der Mann wenig später mit einem großen Metallstück zurückkehrte, mit dem die Ketten der Rover geflickt werden konnten. Ächzend schleppte Hayden das Glied bis an den Eingang und legte es dort so ab, daß der Türblock nicht mehr in seine alte Position zurückkehren konnte.

»Nehmen wir Waffen mit?« wollte Viveca wissen.

»Nein!« entschied Marsh schnell. Er hängte sich den Tragriemen eines Funksprechgerätes um, während Arvid sich mit einem Handscheinwerfer bewaffnete. Langsam gingen die vier Menschen auf die Öffnung zu.

Vorsichtig schritten die Menschen über den steinernen Boden des Ganges; als sie annähernd zwanzig Meter tief in das Bauwerk eingedrungen waren, hörten sie hinter sich ein unheilverkündendes Knirschen.

»Die Tür!« rief Margalo erschreckt und fuhr herum.

Im Licht des Scheinwerfers war deutlich zu erkennen, wie sich der gewaltige Steinblock an seinen Platz zurückbewegte; selbst das stählerne Kettenglied konnte die Kraft der Bewegung nicht bremsen.

»Wir sind eingeschlossen«, stellte Viveca gleichmütig fest; es hörte sich an, als habe sie auf dieses Ereignis gewartet.

»Vielleicht sind die Fremden Menschenfresser«, flüsterte Margalo ängstlich. Ihre Stimme versagte.

»Wir sollten weitergehen«, bestimmte Marsh und ging den anderen voran.

Sorgfältig zählte er die Schritte; als sie sich nach seinen Berechnungen dem Mittelpunkt der Pyramide näherten, bemerkte er, daß ihnen ein zweiter Steinblock den Weg versperrte. Bevor Marsh zu irgendeiner Überlegung kam, erklang ein scharfes Knacken. Sekunden später versank der hinderliche Klotz im Boden. Ein zehn mal zehn Meter messender quadratischer Raum wurde sichtbar. Wie der Gang würde auch er von sanftem indirektem Licht erhellt.

»Hm«, machte Arvid, nachdem sie den Raum betreten hatten. »Fällt euch nichts auf?«

»Doch«, erklärte Margalo. »Es ist hier ziemlich schummrig.«

»Das meinte ich«, bestätigte der Navigator. »Aber als Liebeslaube ist dieser Raum sicherlich nicht gedacht.«

»Was uns hier als Dämmerlicht erscheint«, sagte Marsh nachdenklich, »ist für irdische Verhältnisse eine völlig normale Beleuchtung. Uns erscheint es so düster, weil wir uns inzwischen an die mörderische Helligkeit draußen gewöhnt haben.«

»Und da jedes intelligente Lebewesen darauf achtet, daß Tages- und Kunstlicht annähernd gleich sind«, fuhr Arvid fort, »folgere ich, daß die Bewohner der Pyramide nicht hier geboren wurden.«

»Keine Spekulationen!« wehrte Viveca ab. »Sagt mir lieber, was es mit diesem Loch auf sich hat.«

Jetzt erst bemerkten sie die zwei Meter durchmessende Öffnung in der Mitte des Raumes.

»Vielleicht sollten wir mit einem Stein oder etwas anderem feststellen, wie tief das Loch ist«, meinte Margalo.

»Wer hat etwas Derartiges bei sich?« fragte Marsh, während er seine Taschen durchwühlte.

Auf diesen Zwischenfall war keiner vorbereitet; was sie bei sich trugen, wurde noch gebraucht.

»Machen wir es anders!« sagte Marsh. Er legte sich flach auf den Boden und robbte langsam an den Rand der Öffnung; Arvid verstand sehr schnell, was Marsh wollte, und hielt die Füße des Skippers fest. Vorsichtig schob Marsh sich weiter; sein Kopf ragte jetzt über die Öffnung.

»Ziemlich finster hier«, brummte er. »Viveca, gib mir bitte den Scheinwerfer. Aber schalte ihn vorher ein.«

»Wird gemacht.«

Wenige Sekunden später lag die Frau einen halben Meter hinter ihm und schob die Lampe vorwärts. »Nimm«, forderte sie Marsh auf.

Der Skipper streckte den Arm aus und tastete nach der Lampe. Nachdem er sie gefunden hatte, schob er sie langsam an seinem Körper entlang in Kopfhöhe.

Arvid, der einen einsamen Kampf mit einem immer stärker werdenden Niesreiz ausfocht, ließ für wenige Sekunden Marshs Füße los, um sich an der Nase zu reiben. Marsh spürte die Bewegung und fuhr zusammen; er klammerte beide Hände um den Rand der Öffnung und stieß dabei mit dem Ellbogen gegen die Lampe. Das Gerät rutschte mit erschreckender Langsamkeit auf den Rand zu, kippte und fiel.

»Verdammt«, rief Marsh, doch dann stieß er einen begeisterten Pfiff aus.

»Was gibt es?« fragte Arvid schuldbewußt; wieder hielt er Marshs Füße umklammert. Der Skipper drehte sich um und setzte sich auf.

»Die Lampe fällt«, verkündete er.

»Das ist keineswegs neu«, brummte Arvid.

»Aber sie fällt konstant mit einer Geschwindigkeit von etwa einem halben Meter pro Sekunde!«

»Schwerkraftaufhebung!« staunte Viveca.

»Es sieht so aus«, meinte Marsh heiter. »Ich werde es ausprobieren.«

»Und wenn du abstürzen solltest?« fragte Margalo scheu.

»Werde ich jedenfalls angenehme Begleitung haben«, sagte Marsh schnell. Er griff nach ihrer Hand, und bevor Margalo protestieren konnte, waren die beiden in der Öffnung verschwunden.

»He, ihr beiden!« scholl es Sekunden später, nachdem Margalos Entsetzensschrei verklungen war, aus dem Loch. »Kommt nach.«

Wenig später schwebten auch Viveca und Arvid sanft in die Tiefe.

»Nun?« erkundigte sich Marsh freundlich. »Ist es so schlimm?«

Margalo schüttelte den Kopf; sogar ein zaghaftes Lächeln brachte sie zustande. Die unter ihnen schwebende Lampe zeigte, daß das Ende des Schachtes noch lange nicht erreicht war. Marsh nutzte die Zeit, um sich Margalo einmal etwas näher anzusehen. Was er sah, war nicht allzu entsetzlich. Margalo war mittelgroß, und ihre Figur bot keinen Anlaß zu Begeisterungsausbrüchen – allerdings auch nicht zum Gegenteil. Auffallend war nur das Gesicht. Marsh hatte schon früher festgestellt, daß sie kaum merklich schielte – jetzt, in dem Dämmerlicht des Schachtes, wirkten die grünlichen Augen faszinierend. Wie eine Katze, dachte Marsh, die vor dem Essen noch ein bißchen gestreichelt werden will.

»He!« klang es von oben. »Ihr seid so still.«

Arvids Stimme riß Marsh aus seinen Gedanken; in der gleichen Lautstärke gab er zurück: »Ihr seid auch nicht wesentlich lauter.«

»Das hat seine Gründe«, erklärte Viveca fröhlich. »Er hat mir gerade einen Heiratsantrag gemacht.«

»Verräter«, knurrte Marsh amüsiert, dann rief er nach oben: »Merkwürdig. Wir haben von diesem Wahnsinn erzeugenden Feld nichts gespürt.«

»Abwarten«, erklang es neben ihm mit einem leisen Fauchen.

»Langsam bekomme ich Klaustrophobie«, erklärte Marsh grimmig.

Seit fast einer Stunde bewegten sich die vier Menschen abwärts; der Schacht schien kein Ende zu nehmen. Nach seiner Rechnung mußten sie inzwischen eine Strecke von fast zwei Kilometern zurückgelegt haben.

»Wie sieht es aus?« fragte Arvid von oben.

Marsh hatte diese Frage schon hundertmal mit der gleichen Auskunft beantwortet; auch diesmal warf er nur einen kurzen Blick nach unten.

»Freut euch!« gab er nach oben durch. »Das Ende des Schachtes ist in Sicht.«

Mit einem halblauten Poltern schlug die Lampe auf dem Metallboden des Schachtes auf. Minuten später standen auch die vier Menschen auf dem Ende der Röhre. Sie mußten nur kurz warten, bis sich ein drei Meter hohes Teilstück der Röhre verschob und ein erleuchtetes Viereck in der Wand öffnete.

»Herrrreinspaziert«, sagte Curry und strahlte die vier an. Er schien bester Laune zu sein. Hinter ihm saß Elissa in einem bequemen Sessel und winkte vergnügt.

»Wie seid ihr hierhergekommen?« fragte Marsh sofort. Curry grinste diabolisch.

»Auf dem gleichen Wege wie ihr«, sagte er knapp. »Nur nicht ganz so freiwillig.«

»Wenn ich Ihnen erklären dürfte …«, sagte eine unglaublich tiefe Baßstimme im Hintergrund. Der Mann sah den Bildern des Pyramidenreliefs erstaunlich ähnlich; überschlank, sehr groß und mit zwei Daumen an jeder Hand.

»Nehmen Sie doch bitte Platz!« bat der Fremde höflich und deutete auf die Sessel, die innerhalb von Sekunden aus dem Boden zu wachsen schienen. Ein Schnippen mit dem Finger genügte, um einen flachen Tisch mit einer gläsernen Platte hervorzuzaubern, auf dem eine Anzahl von gefüllten Gläsern stand.

»Der Reihe nach: Die Sonne dieses Systems heißt – aus unserer Schrift in Ihr Lautbild übertragen – Morcoy, diese Welt Morcos und seine Bewohner demnach Morconen. Ich selbst werde Moltion Gambral genannt.« Er lächelte den Erdmenschen zu. »Aber setzen Sie sich doch, Kapitän Garfield.«

»Sie kennen unsere Namen?« fragte Marsh verblüfft, nachdem er Platz genommen hatte.

»Nicht nur das«, sagte Gambral. »Das vierte Glas von links ist für Sie bestimmt – Ihre Lieblingsmarke.«

Marsh fand die Angabe bestätigt.

»Wir sahen Ihr Schiff landen und verfolgten Ihre Bewegungen auf unserem Planeten. Als dann Ihre Freunde genau vor unserem Portal standen, erlaubten wir uns, sie mit Hilfe eines schwachen Hypnosefeldes einzuladen. Alle weiteren Ereignisse ergaben sich aus dieser Aktion.«

Mit eisiger Kälte fragte Marsh: »Warum haben Sie unser Schiff abgeschossen?«

Die Terraner sahen ihren Kommandanten überrascht an, und Moltion Gambral zog die Brauen hoch. »Ihr Schiff abgeschossen? Von uns?«

»Falls sich sonst niemand in diesem System befindet, werden es wohl Ihre Leute gewesen sein müssen.«

Marsh sah das Erstaunen seiner Freunde und erklärte: »Ich habe mir damals die Reste unseres Antriebs sehr genau angesehen. Die Zerstörungen wurden nicht durch eine Explosion im Innern des Schiffes ausgelöst – die Zerstörung kam von außen, wahrscheinlich in Gestalt eines Torpedos oder einer ähnlichen Waffe.«

»Sie sehen mich verblüfft«, sagte der Morcone ratlos. »Wenn Ihre Angaben stimmen – woran ich nicht zweifle –, so ist diese Zerstörung mit Sicherheit nicht von uns ausgelöst worden.« Sein Lächeln wurde bitter. »Seit mehr als zweitausend Jahren ist von Morcos kein Schiff mehr gestartet.«

Wie hervorgezaubert ragte aus dem Seitenteil seines Sessels plötzlich ein Mikrophon, in das der Morcone ein paar Sätze sagte; dann verschwand das Gerät ebenso schnell wieder.

»Gut«, fuhr er dann fort. »Nehmen wir also an, wir hätten das Schiff zerstört. Sind Sie bereit, unsere Entschuldigung zu akzeptieren?«

Marsh machte ein finsteres Gesicht. Der Morcone hatte ihn meisterlich in die Defensive gedrängt: Obwohl Marsh von der Ehrlichkeit seiner Aussage überzeugt war, hatte sich der Fremde für etwas entschuldigt, an dem er völlig unschuldig war.

»Vergessen wir die Angelegenheit«, schlug er vor. »Woher können Sie unsere Sprache derart gut?«

»Es gibt da ein einfaches Verfahren«, erklärte der Fremde. »Sehen Sie sich ein einsprachiges Wörterbuch an. Jeder Begriff wird durch andere, wesentlich einfachere Begriffe erklärt. Wir brauchten also nur ein Wörterbuch, ein paar Dutzend einfachere Begriffe und deren sprachliches Äquivalent – Dinge wie Essen, Trinken, Schlafen, Gefühlsäußerungen und dergleichen mehr –, und schon konnten unsere Computer Ihre gesamte Sprache binnen einiger Minuten aufschlüsseln. Ihr Freund Curry hatte ein Wörterbuch der amerikanischen Sprache bei sich, und sein Wortschatz und der seiner Begleiterin ergaben Vergleichswerte. Alles ganz elementar, mein lieber Watson!«

Sogar diese Redefloskel des legendären Sherlock Holmes kannte er. Marsh nickte bewundernd. »Dann kennen Sie vermutlich auch unsere Geschichte?«

Gambral nickte und erwiderte: »Ziemlich genau. Bevor Sie fragen – die Tatsache, daß dieser Lernprozeß so schnell verlief, verdanken wir hypnotischen Lehrmethoden!«

»Das kennen Sie also auch«, stellte Marsh beeindruckt fest. »Nur Raumfahrer haben Sie nach eigenem Geständnis keine. Warum?«

Gambral lächelte schmerzlich. »Die Erklärung dafür ist ziemlich kompliziert. Wenn Sie gestatten, werde ich Ihnen einen kleinen Vortrag darüber halten.«

Die Gemeinsamkeiten in der irdischen Entwicklungsgeschichte und der Phylogenese der Morconen waren verblüffend. Auf dem Umweg über Algen, Fische, Amphibien, Reptilien und niedere Säuger hatte sich ein Volk aufrecht gehender Säuger entwickelt, dessen Kultur sich zu immer neuen Höhen entwickelte.

Einen Vorteil hatten die Morconen – als das Volk von Morcos allmählich zu staatlichen Formen des Zusammenlebens überging, waren die einzelnen Kontinente so weit von einander getrennt, daß erst Jahrhunderte nach der Gründung des ersten morconischen Großreiches der erste Versuch unternommen werden konnte, die anderen Kontinente zu besiedeln. Und zu diesem Zeitpunkt war das Volk von Morcos zivilisatorisch bereits so weit gereift, daß es niemals zu Zwistigkeiten zwischen den Bewohnern der einzelnen Kontinente kam.

Mit dem Maße, in dem der technische Fortschritt die Entfernungen verkürzte, wuchs der planetenumfassende morconische Einheitsstaat auf der Grundlage des allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlrechts. Die Morconen ließen sich Zeit. Es gab keine private Industrie, die völlig überflüssige Bedürfnisse mit Milliardenbeträgen für Werbung künstlich hervorrief und dann mit ähnlichen Kosten diese Bedürfnisse befriedigte, wodurch die Wissenschaft auf den absurdesten Zweiggebieten in astronomische Höhen getrieben wurde. Die Morconen betrieben statt dessen eine umfassende Grundlagenforschung.

Mit legaler Rücksichtslosigkeit hatte die morconische Regierung die aufkeimende soziale Ungleichheit im Ansatz erstickt. Man hatte sehr schnell erkannt, daß es völliger Wahnwitz war, einem Multimilliardär alles wegzunehmen – schließlich hatte ein solcher Mann die Milliarden nicht unter dem Kopfkissen gestapelt. Was solche Morconen mächtig – und damit gefährlich – machte, war die mit dem Geld verbundene Macht, die von keiner Instanz wirklich voll kontrolliert werden konnte, wie es in einer wirklichen Demokratie unerläßlich war. Von einer bestimmten Grenze an wurden Unternehmergewinne zu einhundert Prozent versteuert; zum Ausgleich erhielt der Betreffende einen uneingeschränkten Einkaufsfreigutschein. Da der Staat die eingenommenen Steuern vorzugsweise dazu verwendete, das Durchschnittseinkommen der Bevölkerung zu heben, wuchs die Zahl der Gutscheininhaber unaufhaltsam an.

Bis …

»Dann kam das Jahr der Katastrophen«, berichtete Moltion Gambral. »In einem der zahlreichen wissenschaftlichen Institute des Planeten nahm ein Team die Arbeit mit Gravitationsexperimenten auf. Leider waren diese Versuche erfolgreich.«

»Leider?« fragte Marsh verblüfft.

Gambral nickte. »Sie wissen vielleicht, daß die Gravitation eine unglaublich geringe Größe hat. Unsere Forscher nun wollten zunächst einmal feststellen, was Schwerkraft überhaupt ist, und zu diesem Zweck bauten sie zunächst einmal eine Maschine, die Schwerkraft erzeugte. Dann kam die Nacht der Verhängnisse.

Ein Atomreaktor drehte durch und produzierte immer mehr Energie. Man konnte die Anlage nicht abschalten, da sie sonst explodiert wäre; ebensowenig konnte man die gesamte Energie einfach auf das Leitungsnetz loslassen – es wäre zerstört worden. Also schickte man die überschüssige Energie auf den Gravitationsgenerator, der eine fast unbegrenzte Aufnahmefähigkeit besaß. Zu unserem Unglück funktionierte das Ding einwandfrei. Eine ganze Nacht lang ließ der Generator die Schwerkraft des Planeten auf das Sechsfache anwachsen; ganz Morcos wurde davon erfaßt und war für Stunden besinnungslos. Im Morgengrauen erst beruhigte sich der Reaktor und stoppte die Energiezufuhr zum Generator. Morcos atmete auf.«

»Ich glaube, ich begreife«, sagte Marsh ruhig. »In jener Nacht war selbstverständlich auch das astronomische Gleichgewicht des Systems gestört. Der Planet zog sich förmlich an sein Zentralgestirn heran – mit der sechsfachen Kraft. Aber nur ein Sechstel dieser Kraft wurde von der Fliehkraft des Planetenumlaufs aufgehoben – folglich schraubte sich Morcos immer näher an die Sonne heran!«

»Genau!« bestätigte der Morcone mit einem anerkennenden Lächeln. »Es dauerte Wochen, bis sich die Bahn des Planeten wieder stabilisiert hatte – was in dieser Zeit auf Morcos geschah, werden Sie sich vielleicht vorstellen können. Eine Katastrophe jagte die nächste. Es wurde unerträglich heiß. Das Wasser verdunstete und entwich in immer größeren Mengen in den Weltraum; die Ernten verdorrten; Landstriche wurden zu Wüsten; die Ozeane trockneten aus. Wir hatten zwei Möglichkeiten. Einmal konnten wir versuchen, den Unglücksfall mit umgekehrten Vorzeichen zu rekonstruieren. Ging dies nicht, mußten wir uns so schnell wie möglich eingraben und unter der Oberfläche des Planeten einen neuen Lebensraum für unser Volk finden.«

»Und wofür haben Sie sich entschieden?« fragte Viveca neugierig.

»Sehen Sie sich um!« antwortete Gambral hart. »Die Erbauer des Generators hatten nicht die leiseste Ahnung, wie das Ding wirklich funktionierte. An eine Umkehr des Versuchs war nicht zu denken. Das geschah vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren.«

»Zeit genug«, bemerkte Marsh leichthin, »um das wissenschaftliche Problem der Schwerkraft zu lösen.«

»Sie würden nie aufgeben, unter keinen Umständen?« fragte Gambral lächelnd. »Nun, wir waren ähnlich wagemutig und entschlossen. Und wir lösten das Problem Schwerkraft innerhalb von fünfzig Jahren. Das Problem war die Umkehrung der Schwerkraft. Es entsprach der Aufgabe, eine Lampe zu konstruieren, die Dunkelheit ausstrahlt. Es ist uns nach und nach gelungen, aber – um bei dem Vergleich zu bleiben – über kleine Taschenlampen sind wir nie hinausgekommen.«

Für Marsh war dies unbegreiflich. »Wenn Sie das Prinzip der Anti-Schwerkraft kennen und entsprechende Apparaturen bauen können, dann muß es doch möglich sein, die Leistung solcher Aggregate zu steigern.«

»Ganz so einfach ist das nicht«, antwortete der Morcone ruhig. »Versuchen Sie einmal, ganze Industriekomplexe unterirdisch mit beschränkten Hilfsmitteln anzulegen. Wir waren fast tausend Jahre lang vordringlich damit beschäftigt, unser Volk vor dem Aussterben zu bewahren. Und danach befanden wir uns in der beneidenswerten Lage eines Mannes, der in einer Zelle sitzt und sich die Feile zum Ausbruch selber schmieden muß – ohne Hilfsmittel wohlgemerkt.«

»Und wie ist die Lage jetzt?« wollte Elissa wissen.

»Verzweifelt!« erwiderte Moltion Gambral. »Wir müssen nahezu neunundneunzig Prozent unserer Fähigkeiten darauf verwenden, das Lebenssystem in den submorconischen Anlagen aufrechtzuerhalten. Und der Prozentsatz freier Kräfte sinkt von Generation zu Generation. Es sieht düster aus.«

»Mit anderen Worten«, stellte Marsh fest, »Ihr Volk steht vor dem Aussterben.«

»Die nächste Generation wird wahrscheinlich die letzte sein«, bestätigte Moltion Gambral. »Und jeder der Bewohner weiß es – die Welt Morcos ist so etwas wie eine Todeszelle in Planetengröße.«

»Reizend«, sagte Marsh. »Und wir hatten gehofft, hier Hilfe zu finden. Trösten Sie sich, wir werden mit Ihnen sterben.«

Die Gesichter der übrigen Terraner wurden langsam bleich; Gambral sah dies und machte eine abwehrende Handbewegung.

»Noch ist nichts endgültig verloren«, sagte er beruhigend. »Zunächst einmal werden wir versuchen, die Schäden an Ihrem Schiff zu reparieren. Und wenn Sie in Ihr System zurückkehren, können Sie vielleicht eine Botschaft überbringen. Ihr Volk hat noch freie Reserven – Sie können uns vielleicht noch retten.«

»Ihr Optimismus in allen Ehren«, brummte Marsh. »Aber Sie verkennen unsere Möglichkeiten. Selbst wenn es Ihnen gelingt, unser Schiff wieder flugtauglich zu machen – wir werden Ihnen nicht helfen können. Bis das erste Schiff nach unserem Abflug von hier von der Erde aus hierhergelangt, sind zwanzig Jahre vergangen. Und ein einzelnes Schiff wird Ihnen schwerlich etwas nützen.«

»Sie irren sich!« sagte der Morcone sanft.

»Das würde mich freuen«, gab Marsh zurück; neugierig sah er den fast kahlen Morconen an. Längst hatte sich der Eindruck verflüchtigt, es mit einem Fremden zu tun zu haben; nach den bereits geführten Gesprächen erschien der Morcone den Terranern als guter alter Freund, der sich im Laufe langer Jahre stark verändert hat.

»Ich weiß sehr genau, auf welcher Basis Ihre Triebwerke arbeiten«, erklärte Gambral. »Und mir ist auch klar, daß auf dieser Basis für uns keine Möglichkeit besteht. Aber ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag – benutzen Sie eines unserer Schiffe!«

»Sind die schneller?« fragte Arvid.

»Mit unseren Antriebssystemen werden Sie innerhalb eines Tages Ihre Heimatsonne wiedersehen.«

»Das glaube ich nicht!« sagte Marsh impulsiv und richtete sich auf. »Mit überlichtschnellen Raumschiffen kann sich Ihr Volk mühelos selbst helfen.«

»Und wie?« fragte der Morcone unbeeindruckt zurück.

»Sie wandern aus!« erklärte Marsh ungeduldig. »Sie besiedeln ganz einfach ein anderes Sonnensystem.«

»Ganz einfach«, wiederholte der Extraterrestrier. »Mit vier Schiffen wollen Sie ein ganzes Volk umsiedeln?«

»Dann bauen Sie eben …«

Marsh unterbrach sich. Es war ihm eingefallen, daß die Morconen, besaßen sie die Möglichkeit zum Bau einer gewaltigen Evakuierungsflotte, selbstverständlich auch einen neuen Antigravgenerator hätten bauen können.

Dem Morconen waren Marshs Überlegungen nicht verborgen geblieben. »Nehmen Sie unser Angebot an?« fragte er leise. »Wir schenken Ihnen das Geheimnis des Interstellarfluges – und Ihr Volk baut für uns den großen Generator, den wir zur Bahnkorrektur des Planeten benötigen. Einverstanden?«

Vor Marsh Augen begann es zu flimmern. Er sah im Geiste schon gigantische Raumschiffe in die Tiefen des Alls vorstoßen. Wortlos schüttelte er dem Fremden die Hand.

»Ich glaube«, meinte Gambral, »wir sollten Ihre anderen Freunde nicht länger warten lassen.« Er ging auf eine Wand des Raumes zu und strich über eine kleine Kontaktplatte; geräuschlos öffnete sich ein Fach, in dem Marsh mehrere Skalen und mehr als ein Dutzend verschiedener Schalter erkennen konnte.

»Sie können jetzt Ihre Funkgeräte wieder benutzen«, erklärte Gambral freundlich, nachdem er vier Schalter bewegt hatte. »Das Radioabsorptionsfeld ist abgebaut.«

Marsh griff nach dem Mikrophon; schon beim ersten Anruf meldete sich Hayden Bellows.

»Wo, zum Teufel, habt ihr gesteckt?« fragte er erregt. »Gerade ist der Stein wieder aufgegangen. Sollen wir euch Hilfe schicken? Und wo sind Curry und Elissa?«

»Gemach!« versuchte Marsh den Redefluß zu stoppen. »Packt ein paar Kleider zusammen – bringt auch für uns etwas mit – und geht alle in den Gang. Ich wiederhole: alle. Vergeßt aber nicht, die Fahrzeuge zu sichern. Wenn ihr ein großes Loch seht, dann springt hinein – es ist ungefährlich! Wir warten auf euch.«

»Einfach so in ein Loch springen, ja? Ist bei euch alles in Ordnung?« wollte Hayden wissen.

Ruhig gab Marsh Auskunft. »Wir fühlen uns bestens, und Curry und Elissa sind ebenfalls bei uns. Und außerdem wissen wir auch schon, wie wir zur Erde zurückkehren können – in ein paar Tagen nur.«

10.

Die Morconen hatten in gigantischer Wühlarbeit ganze Städte im Erdboden entstehen lassen. Fünfhundert Meter unterhalb der Planetenkruste begannen die Siedlungen; an manchen Orten reichten die Anlagen mehr als vier Kilometer tief hinab. Verbunden wurden die einzelnen Siedlungskomplexe durch ein verwirrendes, aber perfekt durchorganisiertes System von Röhrenbahnen und Transportbändern.

Vier Tage brauchten die Menschen, um die Springflut von Informationen und Eindrücken zu verdauen, die stündlich über sie hereinbrachen. Am fünften Tag führte Moltion Gambral sie zu den Schiffen.

»Da sind sie«, sagte der Morcone stolz, dann fügte er mit einer gewissen Wehmut hinzu: »Seit zwei Jahrtausenden ist kein Schiff mehr gestartet.«

Die Schiffe hatten die Form eines vollkommen glatten Kegelstumpfes mit einer leicht abgeschrägten Deckplatte. »Hundert Meter«, schätzte Marsh die Höhe eines der Schiffe.

Gambral nickte anerkennend. »Stimmt fast genau«, bestätigte er.

»Wieviel Mann Besatzung?« wollte Arvid wissen.

»Einhundert«, gab der Morcone Auskunft. »Für die Steuerung werden allerdings nur drei Leute benötigt – der Rest besteht aus Passagieren. Was zu automatisieren war, haben wir automatisiert.«

Marsh zuckte es förmlich in den Fingern; er brannte darauf, einen Probeflug zu unternehmen.

»Auf welcher Basis arbeiten die Triebwerke?« erkundigte er sich.

Gambral zuckte mit den Schultern. »Innerhalb des Systems mit Ionenaggregaten. Wie der Überlichtantrieb funktioniert, weiß ich nicht.« Er bemerkte Marshs Erstaunen und fuhr hastig fort: »Keine Aufregung. Wir haben alle nötigen Lehrspulen für die hypnotische Schulung. In wenigen Stunden haben Sie alles gelernt, was zu einem einwandfreien Steuern des Schiffes unerläßlich ist. Beruhigt Sie das?«

»Einigermaßen«, brummte Marsh.

Die Halle war seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr benutzt worden; ein Schwarm morconischer Techniker war damit beschäftigt, kleinere Schäden zu beheben. Ein Mann kam aus dem Schiff und überreichte Marsh eine präzise Rißzeichnung des Raumers. »Das fanden wir in einer der Kabinen«, sagte er.

»Was könnte dies hier sein?« rätselte Marsh und deutete mit dem Finger auf einen mit Geräten offenbar vollgepfropften Raum neben der Zentrale.

»Das ist der Funkraum«, erklärte Moltion Gambral.

»Ohne Antennen?« fragte Marsh sarkastisch. Gambral lächelte.

»Überlichtschnelle Funkverbindungen benötigen keine Außenantennen.«

»Überlichtschnell?«

»Sie sagen es«, antwortete der Morcone. »Erstaunt Sie das?«

»Überhaupt nicht«, log Marsh. »Wir wissen natürlich nicht, wie sich die Erde technisch weiterentwickelt hat – aber vielleicht könnten wir einen Funkspruch nach Hause absetzen.«

»Völlig überflüssig!« erwiderte Gambral heiter. »Wir Morconen funken bereits seit etlichen Jahrhunderten auf Ultra-Frequenzen im Weltall herum – bislang ohne jede Antwort.«

»Vielleicht ist die Sendeenergie nicht ausreichend«, vermutete Marsh.

»Bereits mit dem Bordgerät eines dieser Schiffe könnten Sie einen störungsfreien Sprechkontakt zur Erde bekommen – und unsere Sendeanlage ist ein Stück größer! Sie kennen sie bereits.«

»Die Pyramide!« rief Arvid aus.

»Richtig«, bestätigte der Morcone. »Die gesamte Pyramide ist nichts weiter als ein riesiger Hypersender.«

»Wo sind eigentlich diese famosen Schulungsgeräte?« wollte Marsh wissen.

»Kommen Sie bitte mit!« sagte der Morcone.

Wieder durchschritten die Menschen und ihr morconischer Führer ein verwirrendes System von Gängen, Fluren und Sälen. Inzwischen war ein neuer Abschnitt des unterirdischen Bunkers in Stadtgröße erreicht; die Tatsache, daß sich die Menschen den Schulen näherten, war schon an der wachsenden Zahl von Leuten mittleren und noch geringeren Alters zu erkennen.

Schließlich blieb Moltion Gambral vor einer Tür mit unleserlichen Schriftzeichen stehen; wortlos stieß er sie auf. »Wir sind am Ziel«, verkündete er.

Marsh erkannte einen langgestreckten Korridor, in dessen Wänden in geringen Abständen Dutzende von Nischen eingelassen waren. Als Gambral den Vorhang vor einer Nische zurückschlug, erkannte Marsh einen anscheinend schlafenden Morconen, an dessen kahlem Schädel mehrere Sensoren befestigt waren. Neben der Pritsche, auf dem der Mann lag, stand ein wuchtiger Metallkasten mit zahlreichen Instrumenten und Schaltern. Ein kaum hörbares Summen und sich verändernde morconische Ziffern zeigten an, daß das Gerät aktiviert war.

»Dies hier ist eine Schulungsmaschine«, erklärte Gambral. »Die Sensoren erzeugen im Innern des Schädels mikroskopisch kleine Felder, die die Informationen auf die Zellen übertragen. Wenn Sie das Funktionsprinzip genau erklärt haben wollen, kann ich Ihnen nur raten, sich die entsprechenden Datenspulen geben zu lassen und damit eine dieser Anlagen zu füttern.«

Der Morcone ging ein paar Schritte weiter und schlug den Vorhang zurück; diese Kabine war nicht besetzt. Gambral wandte sich an den Navigator und sagte: »Legen Sie sich hin, Arvid.«

Arvid zuckte fatalistisch mit den Schultern und folgte der Anweisung; sobald sein Rücken das Lager berührte, schnallte Gambral den Mann mit breiten Gurten an.

Auf die Tastatur einer schreibmaschinenähnlichen Anlage tippte er dann einige Daten; wenig später fiel mit leisem Poltern eine achtzig Zentimeter durchmessende und etwa acht Zentimeter hohe Bandspule in einen Auffangkorb.

»Sind darauf die Daten?« wollte Arvid wissen; mühsam hatte er den Kopf auf die Seite gedreht, um die Vorgänge um ihn herum möglichst genau beobachten zu können.

»Völlig richtig geschätzt«, bestätigte der Morcone, während er das Ende der Spule in die Schulungsmaschine einsetzte. Er hatte einige Mühe, die feinen Sensoren der Anlage an Arvids Kopf zu befestigen. Der Navigator weigerte sich entschieden, zur Erleichterung des Verfahrens seine Haarpracht zu opfern.

»Wir schicken zunächst ein paar schwache Stromstöße ins Gehirn«, erklärte der Morcone. »Sie werden einschlafen, und dann kann die Schulung beginnen.«

Nachdem er einen faustgroßen, giftgrünen Knopf in seine Fassung gepreßt hatte, begann die Maschine zu summen; nach wenigen Sekunden hatte Arvid die Augen geschlossen und reagierte auf keinen Anruf mehr.

»Und jetzt Sie!« sagte Gambral fröhlich und deutete auf Marsh.

»Wir sind bereit!« gab Margalo über Funk durch. In seinen Kopfhörern konnte Marsh den Sprechfunkkontakt mit der morconischen Leitstelle einwandfrei mithören.

»Startluke wird in einer halben Minute geöffnet«, versprach der Tower.

Ein gewaltiger Lift hatte vor einer halben Stunde das große Raumschiff aus den völlig sicheren Hangars in zweieinhalbtausend Meter Tiefe bis auf zwanzig Meter Tiefe angehoben. Jetzt waren andere Maschinen damit beschäftigt, den zwanzig Meter dicken Deckel aus Stahl und Fels über dem Raumschiff zu entfernen.

»Luke ist offen!« verkündete Margalo.

Mit fragendem Gesichtsausdruck sah er auf den kleinen Monitor vor sich, der die Gesichter von Hayden Bellows und Curry Cobb zeigte; die beiden Männer kümmerten sich um die Antriebsmaschinen.

»Alle Systeme sind klar«, verkündete Curry.

»Dann los!« sagte Marsh. Er sah zu Moltion Gambral, der ihm zunickte. Während er den großen, pechschwarzen Hebel mit der ungewöhnlichen Griffmulde langsam nach vorne drückte, spannte er unwillkürlich die Muskulatur an, um den Andruck der Beschleunigung abzufangen.

Doch nichts dergleichen geschah. Mit einer Beschleunigung von mehr als 30 g jagte das Schiff senkrecht in die flirrheiße Luft von Morcos; die Auswirkungen im Innern des Schiffes waren gleich Null – die Absorber arbeiteten perfekt.

»Orbit erreicht!« meldete sich die Navigation; Arvids Stimme hatte ihre alte Kühle und Bestimmtheit wiedergewonnen. »System Escape Injection in acht Minuten.«

Die Ionentriebwerke des Schiffes rissen das Fahrzeug aus seinem Orbit um Morcos und trieben den Kegelstumpf auf eine neue Bahn, die gradlinig aus dem Morcoy-System hinausführte.

Etwas sorgenvoll betrachtete Marsh den Computermonitor, auf dem die Planetenbahnen in einer perspektivischen Darstellung zu sehen waren; ein heller Strich deutete die projektierte Flugbahn an.

»In sechs Minuten sind wir klar für Trans Solar Injection!« meldete sich der Chefingenieur knapp.

Mit einer gleichmäßigen Bewegung schob Marsh den Fahrthebel für das Haupttriebwerk nach vorne; das Aufflackern einer roten Lampe zeigte an, daß das Triebwerk einwandfrei arbeitete. Marsh arretierte den Hebel im Anschlag, dann drehte er sich mitsamt seinem Sessel um.

»Der technische Teil unserer Heimreise ist einstweilen beendet«, stellte er ruhig fest. »Wir haben jetzt ziemlich genau vier Stunden Zeit, uns zu überlegen, was wir bei unserer Ankunft auf der Erde sagen werden.«

»Wie wird man uns empfangen?« fragte Margalo. »Als die verlorenen Söhne, die endlich heimkehren? Oder vielleicht mit der Waffe in der Hand?«

»Wahrscheinlich letzteres«, vermutete Arvid. »Schon als Überträger gefährlicher Krankheiten sind wir gefährlich.«

»Ihr vergeßt eines«, bemerkte Viveca kühl. »Wir sollten bei planmäßigem Flug nach zwanzig Jahren wieder auf der Erde landen. Wir aber sind bereits nach weniger als elf Jahren wieder da – und zudem mit einem völlig unbekannten Schiff. Was glaubt ihr, wird das für ein Chaos auf der Erde auslösen?«

»Nun ja«, meinte Elissa heiter. »Man wird uns schließlich nicht gleich umbringen.«

»Ich wäre da nicht ganz so sicher«, bemerkte Marsh. »Versetzt euch einmal in die Lage eines irdischen Militärs. Man erwartet nach zwanzig Jahren einen zerlumpten Haufen in einem halbwracken Schiff zurückkehren zu sehen – wie es sich für Entdeckungsreisende gehört. Aber nichts dergleichen. Statt dessen sind die Forscher von prachtvoller Gesundheit. Ihr Schiff ist völlig neuartig, sieht fabrikneu aus – und hat obendrein die Reisezeit um neun Jahre verkürzt. Was für Schlüsse kann man aus dem letzten Satz ziehen?«

»Das Schiff ist überlichtschnell!« rief Margalo.

»Richtig«, führte Marsh das Spiel fort. »Die losgeschickten Raumfahrer aber hatten nicht annähernd die Kenntnisse oder auch nur die technischen Möglichkeiten, solch ein Schiff zu bauen.«

»Sie haben es gefunden«, folgerte Margalo, langsam unruhig werdend.

Marsh nickte. »Wird ein Neandertaler ein Automobil des zwanzigsten Jahrhunderts beherrschen können?« fragte er weiter.

»Das konnten nicht einmal die Menschen jener Tage«, bemerkte Arvid. »Also muß uns irgend jemand beigebracht haben, mit diesem Schiff korrekt umzugehen.«

»Mit anderen Worten«, setzte Elissa Arvids Schlußfolgerung fort, »es gibt außer den Menschen noch intelligente Wesen im All, und von den ursprünglichen Besitzern unseres Schiffes müssen noch einige am Leben sein.«

»Anders gefragt«, sagte Marsh. »Kann man einem Neandertaler innerhalb weniger Tage beibringen, ein Auto zu steuern?«

»Nein«, antwortete Arvid sofort. »Es sei denn, man verfügt über spezielle Lernmaschinen, die …«

»… auf hypnotischer Basis arbeiten«, vollendete Viveca den Satz. »Und das bedeutet, daß man anstatt zu lernen auch lehren kann – anstatt daß sie Informationen freiwillig aufnehmen, werden den Schülern Daten aufgepfropft. Und was bei einem funktioniert, wird vermutlich auch bei allen anderen funktionieren.«

»Teuflisch!« stöhnte Arvid auf. »Wenn man diese Gedankenkette so abwickelt, bleibt der Erde nur eine Alternative – entweder Gefahr zu laufen, von Fremden hypnotisch übernommen zu werden – oder das Schiff prophylaktisch abzuschießen.«

»Und alles, was wir sagen«, führte Margalo aus, »wird man als von den Fremden beeinflußt ansehen können.«

Minutenlang versank die Zentrale in Schweigen. Auch Moltion Gambral war still; an diese Konsequenzen hatte er nicht gedacht. Allerdings hatte der Morcone noch einen Trumpf. Und er scheute sich nicht, die kleine psychologische Erpressung auch zu benutzen.

»Bevor Sie sich entscheiden«, sagte er sehr ruhig und sanft, »sollte ich Ihnen noch eines sagen – selbstverständlich wird Ihnen das morconische Volk zeitlebens Gastfreundschaft gewähren, sollten Sie sich dazu entschließen, umzukehren.«

Betroffen sahen sich die Terraner an; die Morconen, selbst vom Aussterben bedroht, erwiesen sich als derart großzügig – und ein paar Erdmenschen machten sich Sorgen.

Die Entscheidung zur Fortsetzung des Fluges kam einstimmig.

Drei Stunden später hatte das Raumschiff die nötige Geschwindigkeit erreicht, um den überlichtschnellen Flug antreten zu können.

Wie die Technik des Überlichtfluges tatsächlich funktionierte, konnte Marsh nicht sagen; seine hypnotische Ausbildung hatte sich darauf konzentriert, die Beherrschung der zahlreichen Apparaturen zu vermitteln. Dennoch wußte er genau, daß er das bekannte Universum verlassen hatte. Noch niemals hatte der große Panoramaschirm statt der Sterne ein wildes Wogen gräulicher Schleier gezeigt.

Der einzige Stern, der zu sehen war, lag genau voraus – die Zielsonne Sol. Innerhalb weniger Minuten wurde das unscheinbare Lichtpünktchen größer, bekam Konturen und wurde zu einer stetig wachsenden, hell leuchtenden Scheibe. Marsh starrte auf die kleine Spezialuhr, die vor ihm in das Kontrollpult eingebaut war; auf eine Millionstelsekunde genau zeigte das Gerät die Zeit an, die seit dem Zünden des Triebwerks verstrichen war.

Die Uhr war mit einem Rechner verbunden, der die präzisen Kursunterlagen besaß – unter anderem auch ein genaues Modell des irdischen Sonnensystems. Sämtliche Planetenbahnen waren exakt aufgezeichnet. Die präzise Zeitbestimmung war nicht nur für das Schiff lebenswichtig – eine Zehntelsekunde Fahrt mehr hätte den Kegelstumpf genau in der Höhe der Merkurbahn wieder in den Normalraum geführt. Da das Schiff mit der gleichen Geschwindigkeit in den Einsteinraum zurückfiel, mit dem es das Kontinuum verlassen hatte, wäre es unfehlbar mit der Sonne zusammengestoßen.

Wäre Merkur zu diesem Zeitpunkt in relativer Nähe gewesen, hätte der Schock des Wiedereintritts den Planeten in Stücke gerissen.

»Null!« schrie Marsh laut, als die Digitaluhr den vorherbestimmten Wert erreicht hatte. Im gleichen Augenblick fiel das Raumfahrzeug in den Raum des Sonnensystems ein.

Jetzt mußten so schnell wie möglich die Koordinaten bestimmt werden, wollte man nicht Gefahr laufen, das feingespannte Netz interplanetarischer Fahrtrouten in Verwirrung zu bringen.

»Wir sind auf der Höhe der Jupiterbahn«, berichtete Arvid nach einigen Sekunden. Auf dem Monitor vor Marsh flammte das holographische Modell des Sonnensystems auf.

»Bei dieser Verzögerung werden wir etwa in der Höhe des Mars zum Stillstand kommen«, schätzte Marsh laut ab. »Margalo, schon irgendwelche Funkkontakte?«

Sie schüttelte den Kopf. »Auf allen Frequenzen totales Chaos«, meldete sie fröhlich. »Aber bisher noch kein Anruf für uns.«

In diesem Augenblick fiel Marsh ein, daß sich bislang niemand der Mühe unterzogen hatte, dem morconischen Schiff einen Namen zu geben; nach kurzem Überlegen hatte er sich entschieden. Keine Sekunde zu früh, denn im gleichen Augenblick konnte er in seinem Lautsprecher eine gebieterische Stimme hören.

»An alle Schiffe«, dröhnte es aus dem Schallkörper. »Sofortige Funkstille für alle militärischen und zivilen Einheiten. In Notfällen ausweichen auf ein Viertel Wasserstoff!«

Anschließend zitierte der Sprecher die Terrestrische Raumordnung, vor allem die Paragraphen, die im Falle des Auftauchens eines nichtirdischen Raumfahrzeugs anzuwenden waren. Es dauerte nur wenige Sekunden, dann war die interplanetarische Standardbandbreite völlig stillgelegt; lediglich die Großfunkanlage des World Space Center funkte weiter in diesem Bereich.

»Wir rufen das fremde Schiff!« klang es aus dem Lautsprecher. »Bitte, identifizieren Sie sich. Im Weigerungsfalle sehen wir uns genötigt, das Feuer zu eröffnen.«

Marsh zog bedächtig das Mikrophon auf dem biegsamen Stengel näher an den Mund.

»Hier Schiff DREADNOUGHT«, sagte er langsam und deutlich. »Kommandant ist Marsh Garfield. Die Crew ist bis auf eine Ausnahme identisch mit der Besatzung des Forschungsschiffs NEW FRONTIER. Ende.«

»Wir müssen umschalten!« gab Margalo bekannt. »Der Sprechfunk mit der Jupiterstation ist nicht länger möglich.«

»Auf Morsefunk umschalten!« befahl Marsh und stellte dann eine Verbindung zum Maschinenleitstand her.

»Lassen Sie die Anlagen so arbeiten, daß wir auf der Erdbahn zum Stillstand kommen. Und dort werden wir uns mit den Herren vom WSC einmal unterhalten.«

11.

Sie hatten aufgeboten, was die Erde an Waffensystemen zum Einsatz bringen konnte.

Fünfzehn große Schiffe schwirrten unablässig um die DREADNOUGHT herum; die Kristalle der schweren Lasergeschütze blitzten drohend. Fast noch gefährlicher waren die ständig einsatzbereiten Raketenwerfer der Orbitalstationen und die überschweren Lasergeschütze auf der Erde.

Marsh fand dieses Aufgebot beeindruckend; Moltion Gambral hingegen zeigte sich ungerührt. Gelassen wartete er ab und verfolgte auf dem Bildschirm das Herannahen der irdischen Delegation. Es war ein ziemlich kleines Schiff, das an der Mannpforte der DREADNOUGHT festmachte; mehr als zehn Personen konnte es mit Sicherheit nicht transportieren.

Marsh war von seinem Platz aufgestanden und hatte sich gelassen gegen das Kontrollpult vor dem Kommandantensitz gelehnt. Er verlor seine Ruhe augenblicklich, als die Delegation der Erde die Zentrale der DREADNOUGHT betrat; an der Spitze ein zerbrechlich wirkender, uralter Mann.

»General Avidan!« schrie Marsh verblüfft und machte einige Schritte auf seinen ehemaligen Chef zu. Jäh stoppte er die Bewegung, als er die Kälte in den Gesichtszügen des Mannes sah. Und noch etwas kam ihm zum Bewußtsein: Für Marshs Zeitgefühl hatte er den General lediglich ein paar Wochen lang nicht gesehen. Um so schlimmer machten sich jetzt die Alterserscheinungen bemerkbar.

Hinter dem General betraten einige Männer den Raum, die auf den ersten Blick als Politiker zu identifizieren waren. Marsh lächelte mit aller verfügbaren Freundlichkeit.

»Was kann ich für Sie tun?« fragte er höflich.

»Reden Sie keinen Unfug, Garfield!« sagte Avidan scharf. »Woher haben Sie dieses Schiff? Wie konnten Sie die Reise so schnell beenden?« Innerhalb einer Minute ließ er einen umfangreichen Fragenkatalog auf Marsh los.

Der Skipper würgte einige unfreundliche Bemerkungen hinab, dann gab er ruhig auf jede Frage Auskunft. Während er berichtete, wanderte Avidans Blick hinüber zu Moltion Gambral, der, scheinbar ungerührt, auf seinem Sessel saß und die Terraner mit freundlicher Kaltblütigkeit betrachtete.

Avidans Züge verhärteten sich noch mehr, als Marsh geendet hatte; die Politiker – sie hatten sich weder vorgestellt noch bisher in das Gespräch eingegriffen – zeigten hingegen äußerst zufriedene Gesichter.

»Mister Garfield«, sagte der älteste von ihnen und verbeugte sich höflich, »ich glaube, die Erde ist Ihnen großen Dank schuldig.«

»Halten Sie den Mund!« herrschte Avidan den verblüfften Staatsmann an. »Schuldig ist uns Garfield etwas – einige Erklärungen nämlich.«

Hatte die unpersönliche Anrede Marsh schon verärgert, so versetzten die folgenden Fragen des Generals ihn in echte Wut. Mit methodischer Präzision stellte Avidan genau die Fragen, die sich auch die Crew der DREADNOUGHT schon gestellt hatte, als das Schiff im System Morcoy zum Überlichtflug beschleunigte. Unerbittlich zog er seine Schlußfolgerungen; die Gesichter seiner Begleiter wechselten langsam die Farbe.

»General«, sagte einer von ihnen entsetzt. »Warum haben Sie uns dies nicht früher gesagt? Was sollen wir jetzt tun?«

»Gar nichts!« antwortete Avidan eisig. »Ich warte, Skipper.«

Marsh zuckte mit den Schultern. »Ihre Überlegungen, General, sind von einer bezwingenden Logik, der auch ich mich nicht entziehen kann. Allerdings haben auch wir ähnliche Überlegungen angestellt. Und obwohl Ihre Logik einwandfrei zu beweisen scheint, daß wir Verräter oder Ärgeres sein müssen, sind wir zur Erde zurückgekehrt. Wie paßt das in Ihr System?«

Avidan lächelte spöttisch. »Es ist dies eine von zwei Möglichkeiten, diese Situation zu erklären«, sagte er ruhig. »Entweder stimmt Ihre Erklärung vollständig, oder Sie sind übernommen worden. Die Wahrscheinlichkeit für beide Alternativen muß angesichts der Unmöglichkeit, für eine der beiden Theorien einen schlüssigen Beweis zu liefern, mit exakt fünfzig Prozent angesetzt werden. Wir werden dieses Schiff also – trotz seiner technischen Einmaligkeit – abschießen müssen.«

»Wie bitte?« fragte einer der Politiker ungläubig.

Avidan lächelte kalt. »Stimmen die Angaben von Mister Garfield, so gewinnen wir unschätzbare technische Erkenntnisse. Lügt er, dann müssen wir damit rechnen, versklavt zu werden. Die Aussichten stehen eins zu eins; es ist nur eine Frage des Risikos, das wir eingehen wollen. Angesichts der Möglichkeit, versklavt zu werden, ist die Entscheidung wohl klar!«

Die Politiker protestierten lautstark, während sich die Besatzung der DREADNOUGHT drohend um den General scharte.

»Und was wird aus uns?« schrie einer der vier Männer. »Sollen wir ebenfalls sterben?«

»Das hängt von Mister Garfield ab!« erklärte Avidan eisig. »In vier Minuten werden die Schiffe und Bodenstationen das Feuer eröffnen.«

Er sah Marsh ruhig an. »Sie werden einsehen, daß wir so handeln müssen. Das Risiko für die Erde ist einfach zu groß. Es tut mir zwar sehr leid, daß unter Umständen Unschuldige für einen Verdacht sterben müssen, aber das läßt sich nicht umgehen. Allerdings könnten Sie den Herren hier freien Abzug gewähren – ihr Tod ist vermeidbar.«

Arvid schüttelte fassungslos den Kopf. »Er will uns lächelnd umbringen – und bittet um Schonung für sich und seine Begleitung!«

»Von mir war keine Rede!« fauchte Avidan zurück.

Von Angst gepackt versuchten die Politiker den sie umgebenden Ring aus Crewmitgliedern mit Gewalt zu durchstoßen; ein Handgemenge drohte auszubrechen.

»Achtung!« schrie Margalo plötzlich. Mit einem Satz sprang Moltion Gambral zu ihr hinüber; mit einem Handgriff stellte er die Bildwiedergabe des Hyperorters schärfer.

»Ein Schiff«, rief er erstaunt.

Avidan deutete den Ausruf auf seine Weise; er griff in die Hosentasche und brachte einen Minisender zum Vorschein. Ehe ihn jemand daran hindern konnte, hatte er das Gerät an den Mund geführt.

»Die vermutete Invasion beginnt!« sagte er laut. »Ab sofort rücksichtslos feuern!«

»Nein!« schrie Margalo entsetzt.

Roger Clakess versah seinen Dienst so, wie er es seit Jahren gewöhnt war.

Er saß in der unterirdischen Feuerzentrale eines von fünfhundert Lasergeschützen, die über den nordamerikanischen Kontinent verteilt waren. Über der Oberfläche befanden sich nur die Antenne des Raumradars und die Kuppel aus Panzerglas, die die Antenne und die Kristallinsen des Geschützes vor dem Einfluß der Witterung schützen sollten.

Sein Dienst war von kaum mehr zu überbietender Monotonie.

Acht Stunden lang würde er in diesem Loch sitzen, ohne etwas anderes zu tun, als alle zehn Minuten drei verschiedene Instrumente abzulesen – eines bestätigte die Funktionstüchtigkeit der ständigen Telefonverbindung mit dem Hauptquartier; ein zweites zeigte an, ob der vom Radar zu beobachtende Raum leer war, und die dritte Anzeige bewies, daß Laser und Antenne einwandfrei arbeiteten.

Nur ein- oder zweimal im Jahr wurde diese Eintönigkeit unterbrochen. Kam beispielsweise die von einem Raumschlepper durch das All bugsierte Erzfracht vom Kurs ab, und drohte der Kilometer durchmessende Brocken auf die Erde herabzustürzen, dann war es die Aufgabe von Roger und seinen Kollegen, den Klumpen aus Erz in Stücke zu schießen, die zu klein waren, um die Erde noch erreichen zu können. Im Volksmund hießen diese Männer »Schnuppenmacher« und genossen beträchtliches Ansehen. An Nachwuchs bestand selten Mangel.

Roger Clakess zündete sich eine Zigarette an und legte die Beine auf das Kontrollpult vor ihm. Routinemäßig warf er einen Blick auf die Kontrollen, nachlässig streifte er über die Instrumente. Dann wanderte der Blick zurück: Ein Instrument hatte einen Wert angezeigt, den es nicht aufweisen durfte. Im gleichen Augenblick begannen die Sirenen infernalisch zu heulen; der Lärm verebbte erst, als Roger den Hörer abhob.

In Sekundenbruchteilen war eine Verbindung zum Hauptquartier hergestellt. Eine kalte, unpersönlich klingende Stimme gab eine Serie von Koordinaten durch, die Roger auf dem griffbereiten Notizblock festhielt. Dann kam das Ende der Durchsage:

»Der Flugkörper ist unter allen Umständen abzuschießen!«

Roger warf den Hörer auf die Gabel; von jetzt an war er auf sich allein gestellt. Zusammen mit dem Zustandekommen des Telefonkontakts war auch telemetrisch die Sperre desaktiviert worden, deren Aufgabe es war, unkontrollierte Aktionen der Geschützbedienungen zu verhindern, bevor irgendein durchdrehender Mann ein flugtüchtiges Raumschiff herunterholte. Mit einem Knopfdruck schaltete Roger die Steuerung des Lasergeschützes ein; die Mechanik der Kuppel war mit dem Raumradar gekoppelt – Antenne und Lauf wiesen parallel in die gleiche Richtung.

»Verdammt!« knurrte Roger. »Was ist das für ein Kasten?«

Mit einer wahren Höllenfahrt kam das Schiff hinter dem Mond hervor auf die Erde zu. Hielt es seinen Kurs, würde es in der Nähe der Oligopolis Boswash[1] niederstürzen.

Vor dem Mann flammte ein Licht grellrot auf. Die Feuerleitautomatik hatte das Ziel angepeilt und jetzt fest im Griff; jede Bewegung des Flugkörpers wurde automatisch verfolgt. »Viel Spaß«, wünschte Roger, als er den Knopf niederdrückte. Der säulendicke Strahl, der jetzt zum Himmel hinaufzuckte, war hundertfach heller als die Sonne; normalerweise genügte ein Treffer, um das Zielobjekt in Stücke zu reißen.

»Verdammt!« lautete Rogers wenig einfallsreicher Kommentar, als das Ziel immer noch auf dem Radarschirm verblieb.

»An alle Geschützmannschaften!« quäkte ein Lautsprecher. »Bei 21:12:30 Ortszeit feuern alle Stationen gleichzeitig!«

Starr hielt Roger die Augen auf die Uhr gerichtet; aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie kaum erkennbar schlanke Pfeile auf den Körper zurasten, detonierten und das Objekt offensichtlich nicht zu beschädigen vermochten.

»Dieser Teufelskasten!« fluchte Roger. Mit der flachen Hand hieb er zum richtigen Zeitpunkt wieder auf den Feuerknopf. Aus fünfhundert Laserkanonen schlug dem fremden Schiff eine Feuerflut entgegen, während gleichzeitig ein Hagel von Raketen heranfegte. Doch auch diese geballte Vernichtungskraft reichte nicht aus, das Schiff auch nur vom Kurs abzubringen.

Und dann schoß der Fremde zurück.

Roger sah nicht, wie der blaßblaue Strahl auf seine Station hinunterzuckte; er hörte nur ein ohrenbetäubendes Krachen, fühlte den Boden unter seinen Füßen schwanken und sah, wie die Decke zeitlupenhaft auf ihn herabsackte.

Nur der Tatsache, daß der Geschützstand mehr als hundert Meter unter der Erdoberfläche lag, verdankte der Mann sein Leben. Er wurde achtundvierzig Stunden später leicht verletzt, aber immerhin noch lebend, aus den Trümmern geborgen.

Er war glücklicherweise der einzige Verletzte.

»Stichwort Blockade!« rief Moltion Gambral durchdringend.

Marsh unterdrückte mit Mühe ein Stöhnen, als die hypnotische Barriere in seinem Hirn schwand und eine Fülle von Informationen sintflutartig auf ihn einstürzte. Dann aber wußte er, was zu tun war. So rasch er konnte, nahm er wieder vor dem Schaltpult Platz und hieb den Fahrthebel nach vorne; mit aufbrüllenden Maschinen schoß das Schiff vorwärts. Gambral hatte inzwischen einen Schalter betätigt; unmittelbar neben ihm versank ein Schott im Boden und gab den Blick auf einen Leitstand frei, in dem der Morcone in rasender Eile Platz nahm.

»Auf Kollisionskurs gehen!« riet Marsh.

Avidan stand wie versteinert; niemand kümmerte sich mehr um ihn und seine Begleiter. Wie Artisten waren die Crewmitglieder auf ihre Stationen gehetzt.

»Schirm steht!« meldete Gambral; Marsh bestätigte.

Auf dem Panoramaschirm strahlte der Flammenschweif einer Abfangrakete auf. Unwillkürlich schrie Avidan auf, als das Geschoß detonierte, doch die Energie verpuffte wirkungslos. Nicht einmal ein Rütteln war im Innern des Schiffes zu spüren.

»Belastung unter einem Prozent!« meldete Gambral. Marsh nahm die Meldung nur unbewußt zur Kenntnis; er war damit beschäftigt, hinter dem fremden Schiff herzujagen, das so plötzlich im Sonnensystem aufgetaucht war.

»Kennen Sie diese Konstruktion?« fragte Marsh. Es handelte sich um drei sehr schlanke zusammengekoppelte Zylinder. Auf der Spitze des Bündels saß eine Halbkugel, aus deren kleinem Fenster ein grünes Licht fiel.

»Keine Ahnung!« schrie Gambral. »Auf Morcos ist ein solches Schiff nie gesehen worden.«

Während Marsh die DREADNOUGHT immer näher an den Fremden heranschob, beobachtete General Avidan das Geschehen auf dem Panoramaschirm. Deutlich konnte er die Schußbahnen der Laserkanonen und die Antriebsgase der Abfangraketen sehen – und daß der Fremde sich an diesem Widerstand nicht störte.

Energien, die den Mond hätten zerstückeln können, prallten wirkungslos an dem Schirmfeld des Fremden ab; dafür zeigten die Waffenstrahlen des unbekannten Schiffes eine umso größere Wirkung. Der Fremde gab einen einzigen Schuß ab – auf die Geschützstation im Mount Rushmore. In einer gewaltigen Wolke verschwand der Berg; nur einzelne hausgroße Felstrümmer flogen in die Höhe und krachten auf den Erdboden zurück.

»Ich habe ihn im Visier!« meldete Gambral, der darauf wartete, die Geschütze der DREADNOUGHT gegen den Fremden einsetzen zu können.

»Warten Sie noch etwas!« keuchte Marsh, der unablässig versuchte, mit dem Schiff näher an den Fremden heranzukommen; bei dem verrückten Kurs, den der Fremde flog, erwies sich das als äußerst anstrengend.

Während Garfield sich mit dem freien Arm den Schweiß von der Stirn wischte, warf er einen flüchtigen Blick auf die Belastung des eigenen Schirmfeldes. Obwohl auch das morconische Schiff im konzentrierten Feuer der irdischen Geschütze lag, war der Schirm der DREADNOUGHT nur zu zehn Prozent ausgelastet.

»Kernschußweite!« meldete Gambral ruhig.

»Gut. Versuchen Sie es!« sagte Marsh.

Jetzt zeigten die Kontrollbildschirme, wie sich die Kuppel auf der Außenhaut der DREADNOUGHT öffnete und die Stacheln der Strahlkanonen sich vorschoben. Das Schiff erbebte, als Moltion Gambral eine Breitseite auslöste. General Avidan und die vier Männer wurden zu Boden geschleudert. Die anderen fühlten, wie sich die Anschnallgurte zusammenzogen und ins Fleisch schnitten.

»Treffer!« schrie Gambral begeistert. Sein Monitor zeigte an, wie ein halbes Dutzend Waffenstrahlen auf den Schirm des Fremden krachten; das schützende Feld strahlte plötzlich in zehnfacher Helligkeit auf. Das Schiff wurde taumelnd aus seinem Kurs geworfen.

Der Fremde schien die Waffen des morconischen Schiffes wesentlich mehr zu fürchten als das rasende Feuer der irdischen Laser. Das Schiff beschleunigte mit aller Kraft und zog hoch, in Richtung Mond.

Die DREADNOUGHT setzte dem Fremden nach. Wieder feuerte Gambral eine Breitseite ab. Er hatte auf das Antriebssystem des Fremden gezielt und es auch getroffen. Das Schirmfeld des Fremden war dieser Belastung nicht gewachsen und brach sekundenlang zusammen. Ein irdischer Laser feuerte zufällig in diesem kurzen Intervall und traf ebenfalls. Aus dem Heck des Schiffes schlug eine Stichflamme; zerfetztes Metall wirbelte davon, und an den Bordwänden zeigten sich rotglühende Schmelzspuren. Dann stand das Schirmfeld wieder, und der Laserstrahl verpuffte wirkungslos.

Immerhin hatte der Treffer ausgereicht, die Fahrt des Schiffes erheblich zu verlangsamen.

»Jetzt geben wir ihm den Rest!« jubelte Arvid. Marsh winkte ab.

»Genug geschossen!« bestimmte er. »Immerhin haben wir das Feuer nicht eröffnet.« Ein verächtlicher Blick traf General Avidan.

»Nun, Herr General«, fragte Marsh kalt. »Wollen Sie uns noch immer prophylaktisch abschießen?«

Die Begleiter des Generals schluckten, und einer sagte halblaut: »Gegen dieses Schiff kommen wir nicht auf.«

»Sehr richtig!« bemerkte Marsh kalt. »Die DREADNOUGHT ist technisch so weit überlegen, daß wir die Erde ohne das geringste Risiko für uns verwüsten könnten. Doch daran ist keinem von uns gelegen. Die Morconen brauchen unsere Hilfe, und der Preis, den sie dafür zu zahlen bereit sind, ist unsere Eintrittskarte in die Unendlichkeit – ein mehr als anständiger Tausch. Und dank der unendlichen Klugheit und Vorsicht unseres liebenswürdigen Generals haben wir Erdenmenschen es verstanden, uns innerhalb von wenigen Minuten einen Feind zu schaffen. Oder glauben Sie, daß der Fremde zu Hause berichten wird, er sei von uns mit offenen Armen aufgenommen worden?«

General Avidan wand sich förmlich unter Marshs Worten, die wie Schläge auf ihn niederprasselten. Doch Marsh war noch nicht am Ende.

»Ich bin sicher«, sagte er, »daß wir, wo immer wir im All sein mögen, von jedem fremden Volk gastlich aufgenommen werden. Nur auf der Erde wird man statt mit offenen Armen mit geöffneten Geschützkuppeln empfangen. Und wie die Bemerkung Ihrer werten Begleiter zeigte, hat sich an dieser Einstellung nichts geändert. Man will uns nicht etwa akzeptieren, weil es vollkommen unsinnig ist, in jedem Besucher einen künftigen Angreifer zu sehen – nein, man heißt uns willkommen, weil die Erde diesem Schiff nichts entgegenzusetzen hat. Mit anderen Worten: Sobald die Erde mächtig genug ist, wird man uns abschießen.«

»Marsh«, bat Margalo und legte ihm die Hand auf den Arm. »Sei nicht so empfindlich.«

Marsh preßte die Kiefer zusammen und drehte sich noch einmal zu Avidan um.

»In spätestens zwei Stunden wünsche ich auf der Erde zu landen. Mit der DREADNOUGHT. Und anschließend möchte ich wieder mein Haus beziehen – ohne Aufpasser und staatlich bezahlte Mörder!«

Avidan nickte bleich. »Wir werden dafür sorgen«, versprach er heiser.

Wenige Minuten später gingen er und seine Begleiter von Bord.

»Kontakt!« meldete der Chefingenieur zur Zentrale.

»Verstanden!« gab Marsh zurück. »Legen Sie alles still.«

Er ging kurz die Checkliste durch und stellte alle Geräte auf Null; allmählich erstarben die Geräusche im Schiff, bis nur noch die Anlagen der Mannschleuse arbeiteten. Ein Blick auf den Schirm zeigte, wie sehr sich der Raumhafen in den letzten zehn Jahren verändert hatte – das Gelände war größer und moderner geworden, und auch die Schiffskonstruktionen hatten sich verändert.

»Gehen wir!« sagte Marsh und stand von seinem Sessel auf.

Eine halbe Stunde später standen drei Menschen vor dem Tower des Hafens – Marsh, Moltion Gambral und Margalo. Am Fuß des Towers befand sich ein Taxistand. Marsh gab dem Fahrer seine Adresse an; der Mann sah verblüfft auf. »Wo soll denn das sein?« fragte er interessiert.

So gut es ging, versuchte Marsh die Gegend zu beschreiben, in der sein Haus zu finden war.

»Keine Ahnung, Mister!« sagte der Fahrer kopfschüttelnd. »Die Gegend kenne ich überhaupt nicht.«

Umständlich fischte er aus dem Handschuhfach eine Karte hervor und forderte Marsh auf, den fraglichen Ort zu bezeichnen. Marsh suchte eine Zeitlang, dann hatte er entdeckt, daß aus dem nahegelegenen See, in dem er oft gebadet hatte, mittlerweile ein Berg von über 400 Meter Höhe geworden war.

Zehn Minuten später konnte er das Kunstprodukt selbst sehen – sein Haus sah aus, wie er es verlassen hatte, stand aber jetzt am Fuß des Berges. Der Garten war verwildert, und die große Video-Antenne starrte von Schmutz und Rost.

»Das ist der Dank des WSC!« knurrte Marsh, nachdem er das Taxi bezahlt hatte. »Alles verkommen.«

Im Innern des Hauses fand er Staub vor, der schon fast als Sediment bezeichnet werden konnte; eine aparte Konstruktion aus Spinnweben durchzog sämtliche Räume. Kopfschüttelnd beobachtete Marsh, wie nach den Fußtritten der anderen die Staubwolke auf dem Teppich aufflog und für Augenblicke die ursprüngliche Farbe wieder sichtbar wurde.

»Eine prachtvolle Aufgabe für Gertrude!« sagte Marsh.

»Wer bitte ist Gertrude?« erkundigte sich Margalo mißtrauisch.

»Wenn ich vorstellen darf«, sagte Marsh freundlich und öffnete den Schrank, in dem sich Gertrude aufzuhalten hatte, wenn sie nicht gebraucht wurde. Ein Knopfdruck genügte, um den Reinigungsrobot in Tätigkeit zu versetzen; methodisch machte sich die eiserne Hausgehilfin daran, die Wohnung von den Spuren einer mehrjährigen Abwesenheit zu befreien. Bereits nach zehn Minuten war das große Wohnzimmer gesäubert, und im offenen Kamin knisterte ein Holzfeuer.

»Wenigstens ist die Bar noch gefüllt«, stellte Marsh zufrieden fest.

Er überreichte Margalo einen trockenen Sherry, Moltion Gambral versuchte sich an einem uralten Cognac, während Marsh feststellte, daß seine Whiskyhausmarke in den Jahren nur an Qualität gewonnen hatte. Während in den Nebenräumen Gertrude mit enormer Geräuschentwicklung ihren robotischen Beschäftigungsdrang austobte, machten es sich die drei in den großen Sesseln bequem.

»Was meinen Sie, Marsh«, sagte Moltion nach einigem Zögern, »wird die Erde uns helfen?«

Marsh grinste diabolisch. »Eigentlich ist es keine Hilfe. Es ist vielmehr ein Tauschgeschäft, bei dem Ihr Volk kräftig übers Ohr gehauen wird. Rechnen Sie einmal nach – es wird die Industrie auf der Erde ungefähr ein bis zwei Jahre beschäftigen, den Riesengenerator zu bauen, der Morcos wieder auf eine akzeptable Umlaufbahn bugsiert. Und wir bekommen dafür das Produkt eines halben Jahrtausends intensivster Forschung. Wer macht dabei das bessere Geschäft?«

»Die Menschen«, erklärte Moltion gelassen. »Vielleicht aber auch wir. Vergessen Sie nicht, daß wir die Hilfe der Erde nicht nur einmal werden beanspruchen müssen. Die Bevölkerung von Morcos ist von dem fast zweitausendjährigen Kampf gegen das Aussterben völlig erschöpft; auf fast jedem Gebiet werden wir Anstöße und Hilfe der Terraner gut gebrauchen können.«

Gambral wollte weitersprechen, wurde aber vom Summer des Videos unterbrochen. Marsh stand auf, ging zu dem Gerät hinüber und schaltete es ein. Verschwommen, aber noch deutlich genug erschien das Gesicht General Avidans auf dem Bildschirm.

»Ich rufe im Auftrag der Erdregierung an«, sagte der alte Mann leise. »Ich soll Ihnen ausrichten: Die Erdregierung freut sich, den Abgesandten eines fremden Volkes auf Terra begrüßen zu können. Sie verspricht, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um dem morconischen Volk zu helfen. Mit der nächsten Expedition soll eine bevollmächtigte Delegation mit nach Morcos fliegen. Moltion Gambral wird gebeten, morgen Mittag der Frau Regierungschefin einen Besuch abzustatten.«

Schwach konnte Marsh erkennen, wie der General ein Blatt Papier senkte; wahrscheinlich hatte er die Botschaft abgelesen. Leise fuhr Avidan fort: »Ich hoffe, daß Sie mir gestatten, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Es ist nicht leicht für einen alten Mann, Denkgewohnheiten in einer solchen Weise umzustellen. Verzeihen Sie meine kindische Reaktion!«

Gambral stand auf und stellte sich vor die Linse der Kamera. »Ich habe Sie verstanden, General«, sagte er ruhig. »Und ich nehme Ihre Entschuldigung gerne an. Hätten Sie keine Lust, auf Morcos den Aufbau und die Leitung einer Schule für Raumfahrer zu übernehmen?«

Avidan starrte den Morconen an, als sehe er ein Gespenst. »Vor ein paar Stunden wollte ich Sie noch abschießen – und nun bieten Sie mir solch einen Posten an?«

Der Morcone lachte leise. »Durch Überzeugung gewonnene Partner sind meist besser als solche, die von Anfang an dabei waren. Sehe ich Sie morgen?«

Avidan nickte kurz, dann schaltete er ab. Lächelnd drehte sich der Morcone zu seinen irdischen Freunden herum. »Ich glaube«, sagte er heiter, »wir werden für unsere Sache keinen besseren Fürsprecher finden als General Avidan.«

Marsh nickte zögernd. »Sie könnten recht haben«, meinte er nachdenklich. »Avidan war schon immer ein Weltraumfanatiker – und diesmal hat er eine Aufgabe vor sich, die ihn vollauf beschäftigen wird.«

»Nun«, sagte Gambral nach einem kurzen Blick auf seine Uhr, »wir werden es morgen sehen. Ich werde mich jetzt zurückziehen.« Er schüttelte Marsh die Hand, verbeugte sich höflich vor Margalo und zog sich dann in das Gästezimmer im ersten Stock zurück, das inzwischen von Gertrude in einen Zustand steriler Sauberkeit verwandelt worden war.

Marsh füllte sein Glas noch einmal auf und setzte sich neben Margalo. »Ein merkwürdiges Gefühl«, sagte er lächelnd. »Zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren sind wir allein – ohne daß andere weniger als einen Meter von uns entfernt sind. Diese Enge in Raumschiffen zerstört jede Romantik.«

Unter dem Zwang der Türglocke vergrößerte er die Distanz zwischen Margalos und seinem Gesicht von einem auf hundert Zentimeter, stand auf und ging zur Tür.

»Sie sind Marsh Garfield?« fragte einer der beiden Männer. Marsh nickte.

»Bitte«, sagte der längere der beiden und überreichte Marsh ein Stück Papier.

»Sie haben in den letzten zehn Jahren einen Betrag von mehreren zehntausend Credits verdient, von diesem Betrag jedoch keine Steuern abgeführt. Die Steuerschuld übersteigt den angesammelten Wert Ihres Einkommens mit Zins und Zinseszins sowie Mahn- und Bearbeitungsgebühren um 4367,89 Credits. Gemäß Paragraph 2387 Steuergesetz werden Sie bis zur Zahlung des Fehlbetrags inhaftiert.«

Der Mann im Türrahmen lächelte liebenswürdig. »Bitte folgen Sie uns.«

Marsh warf einen hilfesuchenden Blick zu Margalo, zuckte mit den Schultern und holte dann seine Jacke von einem Haken.

»Nur Arbeitslose eignen sich zum Heldentum«, knurrte er, dann folgte er seinen Wächtern.

II. Buch

Die Planeten-Ingenieure

1.

Drei Jahre später auf Morcos …

Für einen Morconen war Giri bel Tarman ein Koloß. Wer ihn sah, hielt ihn für einen Preisringer, nicht für einen Wissenschaftler von Format. Er hielt sich im Erfrischungsraum des unterirdischen Forschungszentrums auf und schlürfte mit Genuß eine Tasse jenes merkwürdigen, braunen Getränks, das die Erdmenschen in riesigen Quantitäten nach Morcos ausführten. Auch an Erdtabak hatte der Morcone Gefallen gefunden, wie seine kostbare Meerschaumpfeife bewies.

»Setzen Sie sich, meine Liebe«, sagte der Mann leise, als er hinter sich Schritte vernahm. »Darf ich Ihnen einen Kaffee spendieren?«

»Gern«, antwortete Sirghia Khanmar, während sie sich auf dem Stuhl gegenüber Giri niederließ. »Woher wußten Sie, daß ich näher kam – schließlich konnten Sie mich nicht sehen?«

»Aber hören«, trumpfte Giri auf, während er einen Robotkellner herbeiwinkte. »Und auch riechen – Ihr Parfüm ist in der Galaxis wahrscheinlich einmalig.«

Sirghia wußte nicht, wie sie die letzte Bemerkung zu werten hatte; vorsichtshalber schwieg sie. Die Morconin war fünfzehn Zentimeter kleiner als Giri und für Erdenmenschen vermutlich von erschreckender Hagerkeit. Als Gravo-Technikerin war sie kaum zu schlagen, und ihre spitze Zunge war in den Labors gefürchtet – lediglich Giri konnte ihr Paroli bieten.

»Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit«, bemerkte die junge Frau nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr.

»Ha?« machte Giri verständnislos.

»Die Regierungsdelegation«, erklärte Sirghia sanft. »Sie wollen den ersten Probelauf des Generators miterleben.«

Erde und Morcos hatten drei Jahre lang alles Verfügbare aufgeboten, um diese Anlage zu erstellen, die die frühere Bahnabweichung des Planeten Morcos wieder rückgängig machen sollte. »Muß das sein?« seufzte Giri laut.

»Es muß«, erklärte Sirghia entschlossen. »Schließlich ist dies nicht irgendein Forschungsprogramm – es ist die letzte Hoffnung des morconischen Volkes.«

»Weniger Pathos!« bat Giri. »Auf letzte Hoffnungen pflegen meist noch etliche allerletzte Hoffnungen zu folgen.«

»Mag sein«, räumte Sirghia ein; sie hatte im Eingang zum Erfrischungsraum bereits den ersten erwarteten Besucher erkannt. Sie gab Giri ein Zeichen und stand auf, um den Männern entgegenzugehen. Der Morcone aber blieb auf seinem Platz, zündete sich mit peinlicher Sorgfalt eine Pfeife an und wartete darauf, daß man ihn ansprach.

»Wenn ich nicht wüßte, daß Sie Giri bel Tarman sind«, sagte einer der vier Männer, ein kleiner, dicklicher Erdmensch, »würde ich Sie für den Einschläfer einer Matratzenfabrik halten. Sind Sie immer so phlegmatisch?«

»Meistens«, gab Giri zu. Er stand umständlich auf und betrachtete aus einer Höhe von mehr als zwei Metern das Schädeldach des Terraners, der nur knapp 190 Zentimeter maß. Die Gesichtszüge des Erdmenschen drückten beträchtliche Verlegenheit aus, als der Mann seine Rechte in die Höhe hob, um Giris ausgestreckte Hand zu schütteln.

»Jetzt weiß ich endlich«, sagte der Terraner grinsend, »wie sich ein normaler Terraner mittlerer Größe bei meinem Anblick fühlt. Mann, sind Sie lang!«

Die drei anderen Männer, die den Terraner begleiteten, waren Morconen; höflich erwiderten sie Giris Händedruck.

»Würden Sie uns jetzt bitte die Anlagen zeigen?« bat ein Morcone. »Wir möchten Ihre Zeit nicht länger als nötig in Anspruch nehmen.«

An der Spitze der sechsköpfigen Gruppe marschierte Giri durch die unterirdischen Korridore der Forschungsanlagen. Von Zeit zu Zeit wurden sie von bewaffneten Wächtern aufgehalten, die gründlich die Ausweise prüften, die offen an der Brusttasche der Laborkittel getragen werden mußten. Neben einem Foto des Trägers enthielten die kleinen Karten aus urkundenechtem Plastik auch das vollständige Fingerlinienmuster des Besitzers; an jeder Kontrollstelle wurden die Männer aufgefordert, ihre Fingerabdrücke einem Vergleichscomputer anzuvertrauen, der die Werte mit den Angaben auf den Karten verglich. Bei der geringsten Unstimmigkeit heulten Sirenen auf und fuhren Schotte zu; lediglich die Wachen, die besonderen Kontrollen unterworfen wurden, konnten dann noch in die einzelnen Räume eindringen.

»Große Galaxis!« stöhnte der Terraner nach der achten Kontrolle. »Ist dieser ganze Unfug eigentlich nötig?«

»Leider ja«, erwiderte Sirghia gelassen. »Hat man Sie nicht über die Distributionisten unterrichtet?«

»Nein!« lautete die Antwort; Sirghia schüttelte verwundert den Kopf.

»Also«, begann sie, »es gibt auf Morcos eine Gruppe uneinsichtiger Menschen, die sich fanatisch gegen eine Zusammenarbeit mit der Erde wehrt, weil wir Morconen dabei angeblich betrogen würden. Diese Fanatiker haben schon einigen Unfug angerichtet. Die meisten ihrer Anschläge sind ausgesprochen dilettantisch, aber es steht zu befürchten, daß diese Organisationen im Falle des Großen Generators etwas entschlossener und radikaler vorgehen werden. Ihre Zahl ist nicht sehr groß, aber wir wollen nicht riskieren, daß die Arbeit dreier Jahre durch einen Sabotageversuch vernichtet wird.«

Die Gruppe hatte inzwischen die letzten Kontrollen hinter sich gebracht und befand sich jetzt im streng geheimen Abschnitt der Forschungsstation, der unter anderem von zahlreichen Posten besetzt war. Stellenweise waren mehr Uniformen zu sehen als Laborkittel; der kleine Raum, in den Giri die Gruppe führte, war nur von Wächtern bevölkert. Neugierig sahen sich die Morconen und der Terraner um; an den Wänden waren nur Tausende Skalen und Instrumente zu erkennen, sowie einige Bildschirme, die gewaltige Maschinen zeigten – mehr nicht.

»Ist das alles?« fragte der Terraner sichtlich enttäuscht.

Giri lächelte schwach. »Was hatten Sie erwartet? Was Sie hier in diesem Raum sehen, ist die Kontrolleinrichtung für den Großen Generator, dessen einzelne Teile sich in verschiedenen anderen Räumen dieser Forschungsanlage befinden.«

»Warum getrennt?« erkundigte sich ein Morcone, der sich über ein mysteriöses Instrument gebeugt hatte und sich enttäuscht wieder abwendete.

»Es erschien uns sicherer«, erklärte Sirghia an Giris Stelle. »Sollte wider Erwarten ein Bauteil versagen oder gar detonieren, dann werden wenigstens die anderen Teile nicht beschädigt. Keine Angst«, fügte sie hinzu, als sie das erschrockene Gesicht des Erdmenschen sah, »es wird nichts detonieren. Die ersten Generalproben der einzelnen Geräte verliefen ohne jede Störung.«

»Was soll eigentlich bei diesen Versuchen herauskommen?« wollte der Terraner wissen.

»Wir wollen Morcos wieder auf seine ursprüngliche Umlaufbahn zurückbringen«, erklärte Sirghia schnell, bevor Giri eine bissige Bemerkung machen konnte. »Während der Katastrophe vor 2500 Jahren hat ein ähnlicher Generator die Massenanziehung von Morcos so vergrößert, daß sich der Planet förmlich an seine Sonne heranzog. Wir planen die genaue Umkehrung – wir wollen die Schwerkraft so weit verringern, daß der gesamte Planet in seine alte Bahn zurückkehrt. Bildlich gesprochen wollen wir versuchen, die Schnur, an der Morcos um seine Sonne kreist, ein wenig zu verlängern.«

»Ein buchstäblich weltbewegender Versuch also«, sinnierte der Terraner. »Und was machen wir jetzt?«

Nun übernahm Giri die Aufgabe, seine Arbeiten den Besuchern zu erklären. Peinlich genau sprach er über die Funktion und Arbeitsweise jedes einzelnen Gerätes – und nicht ohne Genugtuung bemerkte er, daß sein endloser Vortrag die Besucher unglaublich langweilte.

»Bitte, sehen Sie hierher!« bat er schließlich.

Die Männer beugten sich vor und beobachteten einen unscheinbaren Zeiger, der von Null auf 0,005 emporgewandert war; die Morconen sahen sich ratlos an und zuckten mit den Schultern.

»Ist das alles?« fragte ein Morcone schließlich zaghaft.

Giri seufzte leise auf, dann sagte er mit mühsam unterdrückter Wut: »Ja, das ist alles! Dieses Gerät zeigt an, um welchen Wert ich die normale Schwerkraft des Planeten verringert habe – um fünf Tausendstel. Das genügt für diesen Probelauf.«

Er unterbrach sich, als ein Vid summte. Giri nahm das Gespräch an, und mit jedem Wort, das der unbekannte Gesprächsteilnehmer sagte, hellte sich sein Gesicht auf.

»Wir haben es tatsächlich geschafft!« sagte er strahlend. »Der Anruf kam von einem Observatorium – die Astronomen haben eine nachweisbare Bahnveränderung festgestellt und gemessen. Morcos hat sich ein Stück bewegt.«

»Und wie hat sich die Bahn verändert?« erkundigte sich einer der Morconen.

»Um ein paar Kilometer«, sagte Giri schulterzuckend. »Es beweist, daß unsere Arbeit erfolgreich war.«

»Die Bevölkerung wird langsam ungeduldig«, sagte der Anführer der kleinen Delegation nachdenklich. »Immerhin setzten wir seit drei Jahren alle Kraft und Arbeit in dieses Projekt – die Menschen wollen endlich etwas sehen, eine spürbare Veränderung.«

Giri grinste unverschämt. »Hoffen wir, daß es dazu nicht kommt. Wenn wir nicht sehr behutsam vorgehen, dann wird es zu ähnlichen Katastrophen kommen wie damals. Oder sollte Ihnen entfallen sein, unter welchen Begleiterscheinungen sich der Bahnwechsel vollzog – Stürme, Erdbeben und dergleichen?«

»Das heißt, daß …«

»… noch Jahre vergehen werden, bevor Morcos wieder auf seiner alten Bahn ist – wir werden den Planeten ganz allmählich zu seinem Platz zurückführen.«

Auf den Gesichtern der drei Morconen war deutlich zu erkennen, woran sie bei diesen Worten dachten. Im nächsten Jahr fanden Parlamentswahlen statt, und nur zu gern hätte die Regierungspartei diesen Erfolg noch in dieser Amtszeit gehabt. Der kleine, fette Terraner schien mit ähnlichen Überlegungen beschäftigt – er grinste die bleich gewordenen Morconen diabolisch an. Die Männer sahen sich an und verabschiedeten sich hastig – wahrscheinlich würde es im Anschluß an die wissenschaftliche Demonstration zu erregten Diskussionen kommen.

Giri sah den davoneilenden Besuchern nach und lächelte still, dann drehte er sich zu Sirghia um. »Wie wäre es jetzt mit einem kleinen Drink – dieser Erfolg muß gefeiert werden!«

Der Wissenschaftler hatte sich nur schwer dazu bereitgefunden, seinen ständigen Wohnsitz in die hermetisch abgeriegelten Räumlichkeiten des Forschungsbunkers zu verlegen, aber letztlich hatte er nicht widerstehen können. Immerhin ließ es sich abseits der großen Wohnblocks gut leben.

Giri bel Tarman bewohnte zwei Zimmer, die wie auf Morcos üblich nicht abschließbar waren. Auf eine private Hygienezelle hatte er verzichtet – Wasser war auf Morcos so knapp, daß eine eigene Dusche zu den höchstbesteuerten Luxusgütern zählte. Die Räume waren sehr einfach möbliert – ein hartes Bett, ein Tisch, mehrere Stühle und einige Bücherregale bildeten die Einrichtung seines Schlafzimmers. Im Wohnzimmer befand sich als Ausgleich zum Bett ein Schreibtisch aus schmutzfestem Kunststoff; auch hier quollen die Regale über von Ton- und Bildspulen, Bandkassetten und dickleibigen Folianten. Das Ganze sah ein wenig unordentlich aus, da Giri die Angewohnheit hatte, seinen gesamten Besitz alphabetisch zu ordnen – ob es sich um Musikaufnahmen handelte, Unterhaltungsliteratur oder Fachbücher. Mitten im Wohnzimmer hing von der Decke ein Kugellautsprecher der oberen Preisklasse – seit seiner ersten Bekanntschaft mit der terranischen Musik war Giri barocken Klängen verfallen; auch einige hochwertige Reproduktionen an den Wänden bewiesen, daß er das Kunstschaffen der Erdmenschen zu schätzen wußte.

Das erste, was Giri am Morgen nach dem ersten Probelauf von sich gab, war ein klägliches Stöhnen, dann folgten einige Flüche. »Dieser elende Importschnaps!« stöhnte der Wissenschaftler. Natürlich war es bei dem einen Drink nicht geblieben, und Giri hatte in Unkenntnis der Standfestigkeit von Sirghia des Guten ein wenig zuviel getan. »Bei Morcoy!« jammerte er. »Das Weib kann mörderisch viel vertragen.«

Er konnte sich nicht erinnern, wie er am gestrigen Abend überhaupt in sein Bett gefunden hatte; die einzigen Dinge, die ihm noch einfielen, waren Sirghias schrilles Lachen und ihre scheinheilige Frage, ob er noch einen Drink wolle. Ächzend und schimpfend stand Giri auf, zog sich einen alten Morgenmantel an und tappte über menschenleere Gänge zur nächsten Gemeinschaftsdusche. Als er in sein Zimmer zurückkehrte, war der erste Teil des Katers bereits gewichen.

Starker Kaffee und ein gutes Frühstück stellten dann sein inneres Gleichgewicht wieder vollständig her. Wie aufs Stichwort erschien Sirghia, die geradezu herausfordernd frisch und heiter wirkte. »Wir stehen in der Zeitung«, verkündete sie fröhlich; dann sah sie Giri aufmerksam an: »Fehlt Ihnen etwas?«

Der Mann schüttelte den Kopf und goß für sich und die Frau Kaffee ein, dann griff er nach dem Nachrichtenausdruck. »Wo?« fragte er einsilbig.

Sirghia blätterte die richtige Seite auf und deutete mit dem Finger auf eine kleine, rot eingerahmte Meldung. Rasch überflog Giri die wenigen Zeilen, die in dürren Worten und ohne Orts- oder Personennennung über den Versuch berichteten. Noch etwas erregte Giris Aufmerksamkeit – eine sehr kurze Meldung handelte von einem starken Erdbeben auf dem Nachbarplaneten Mainares, der bis auf wenige Forschungsstationen mit geringer Besatzung unbewohnt war.

»Sehr gut«, lobte Giri, als er den Ausdruck weggelegt hatte. »Warten Sie auf die Schlagzeilen über unseren ersten Großversuch – dann sind wir auf der ersten Seite! Was steht für heute auf dem Programm?«

Sirghia zählte auf, und Giri machte sich Notizen, die er anschließend sofort in den Abfallvernichter warf. Sein akustisches Gedächtnis war miserabel, sein optisches hingegen fast perfekt – Dinge, die er gelesen hatte, vergaß er so gut wie nie.

»Gut!« sagte er endlich, nachdem Sirghia ihren Rapport beendet hatte. »Machen wir uns an die Arbeit. Ich stelle hier noch ein paar Materialien zusammen; wir treffen uns dann im Labor.«

Sie verabschiedete sich und ging. Giri sammelte noch einige Unterlagen und wollte sich dann ebenfalls auf den Weg zu den Laboratorien machen. Zwei freundliche, aber energische Herren, die draußen vor der Tür auf ihn gewartet hatten, hinderten ihn an diesem Vorhaben.

»Wir sind angewiesen, Sie abzuholen«, sagte einer der beiden. »Bitte folgen Sie uns.«

Giri zog die Brauen hoch und sah sich die beiden sehr durchschnittlichen Männer genau an.

»Was ist los?« fragte er dann ungeduldig. »Ich habe zu tun.«

»Wir auch«, meinte der Sprecher mit einem säuerlichen Lächeln. »Unsere Arbeit besteht darin, Leute wie Sie von der ihren abzuhalten und mitzuschleppen. Bitte, kommen Sie mit – sonst müßten wir ein wenig nachhelfen, und das würde Aufsehen erregen.«

Das klang für Giris Geschmack ein wenig zu unfreundlich; er wußte nicht, ob er folgen sollte. Kamen die beiden wirklich von einer vorgesetzten Dienststelle, war alles in Ordnung. Was aber, wenn sie zu den Distributionisten gehörten – Ausweise zu fälschen war zwar schwer, aber keineswegs unmöglich. Giri knurrte etwas Unverständliches, dann trottete er folgsam hinter den beiden her. Mit großer Spannung wartete er auf die erste Kontrolle, aber seine Erwartungen wurden enttäuscht. Offensichtlich waren die Ausweise der beiden Männer mehr als nur in Ordnung – vor Wissenschaftlern hätten die Wächter sicherlich nicht salutiert.

Vor dem großen Haupttor des Forschungsbunkers wartete ein Gleiter mit laufendem Motor. Höflich wurde Giri aufgefordert, auf der hinteren Sitzbank Platz zu nehmen. Kaum hatte der Wissenschaftler sich gesetzt, als sich die Tür klatschend hinter ihm schloß und Giri die Feststellung machen mußte, daß sein Sitzplatz eher einem lichtundurchlässigen Käfig glich. Nur eine kleine Lampe an der Decke erhellte das enge Gefängnis.

Von der Fahrt des Gleiters bemerkte Giri nicht das geringste, da er Fluchtpläne schmiedete. Daß ein Entweichen dringend nötig war, bezweifelte er keine Sekunde; für ihn sah es ganz so aus, als planten die Distributionisten, ihn zu entführen und an passender Stelle in ein besseres Leben zu transportieren.

Ein Blick auf die Uhr zeigte dem wütenden Giri, daß die Fahrt nun schon fast eine halbe Stunde dauerte. Endlich stoppte das Fahrzeug; kurz darauf öffnete sich die Tür, und Giri sprang mit einem gewaltigen Satz ins Freie. Seine Fluchtabsicht gab er sofort auf, als er die anderen Männer auf dem großen Parkplatz sah – wenigstens hundert Augenpaare starrten ihn an. »Wenn es denn sein muß«, murrte Giri fatalistisch. Mit hängenden Schultern folgte er seinen Bewachern durch ein Labyrinth von Gängen und Büros. Die Distributionisten schienen eine beträchtliche Organisation aufgebaut zu haben – eine Verschwörerzentrale dieser Größe war jedenfalls außerordentlich. Vor einer Tür blieb der kleine Trupp schließlich stehen; einer der Männer trat vor, öffnete und bat Giri mit einer Handbewegung, einzutreten.

»Setzen Sie sich, bitte!« wurde Giri aufgefordert.

»Nein!« sagte er entschlossen. »Jedenfalls so lange nicht, wie ich nicht weiß, was dieses Theater zu bedeuten hat. Man hat mich entführt, wie einen Schwerverbrecher abtransportiert, und der prachtvollen Drehlampe entnehme ich, daß Sie mich jetzt wohl verhören wollen.«

»Nicht doch!« wehrte der Mann hinter dem Schreibtisch ab. »Ihre sogenannten Entführer waren natürlich nicht ganz die richtigen Leute, Sie abzuholen – für ihren Stilmangel bitte ich um Verzeihung!«

Giri sah den Mann eine Zeitlang zweifelnd an, dann setzte er sich widerwillig.

»So ist es schon besser«, meinte sein Gegenüber; für einen Morconen hatte er eine absonderlich braun gefärbte Haut, fiel Giri auf. Vielleicht …

»Durchaus richtig«, sagte der Mann lächelnd. »Ich war tatsächlich einige Zeit mit irdischen Schiffen im Raum – eine faszinierende Sache. Daher auch die Tönung meiner Haut.«

Im stillen bewunderte Giri das Einfühlungsvermögen des Mannes, dann fiel ihm ein, daß wahrscheinlich jeder Besucher zunächst auf die Hauttönung achtete – dunkelhäutige Morconen fielen sofort auf.

»Ich will gleich zum Thema kommen«, sagte der Mann, der es bisher vermieden hatte, sich vorzustellen. »Sie sollen zusammen mit diesem Herrn einen kleinen Ausflug machen.«

Er drückte einen Knopf, und eine Wand im Hintergrund des Raumes verschob sich; im Rahmen erschien ein Erdmensch, der sofort auf Giri zuging.

»Abraham DeLacy«, stellte sich der Terraner vor. »Meine Freunde nennen mich Spooky.« Freundschaftlich schlug er Giri auf die Schulter mit einer Wucht, daß der Wissenschaftler fast vornüber gestürzt wäre.

Giri erlaubte sich, mit ähnlicher Wucht zurückzuschlagen, und der Terraner krachte zunächst einmal gegen die Wand. »Giri bel Tarman«, sagte der Wissenschaftler freundlich. »Es freut mich, Sie kennenzulernen.«

Der Terraner rieb sich die schmerzende Schulter und nickte anerkennend.

»Ich wäre Ihnen dankbar«, sagte er mit einer rauchigen Baßstimme, »wenn Sie künftig entweder gar nicht schlagen – oder aber sofort tödlich.«

»Ich werde mich bei passender Gelegenheit an Ihren Wunsch erinnern«, meinte Giri und musterte den Terraner.

Ein Zwerg von höchstens einhundertachtzig Zentimetern nach irdischem Maß, schätzte er. Gewicht bei annähernd neunzig Kilogramm – der Mann mußte bald am eigenen Fett ersticken. Bürstenhaarschnitt, Farbe rostig Rot; Augen hellblau, umrahmt von einer ansehnlichen Kollektion von Sommersprossen. Ein Frauenheld war er sicher nicht – bei der Figur.

»Begutachtung beendet?« fragte Spooky, der Giri mit gleicher Sorgfalt taxiert hatte. »Können wir zur Sache kommen?«

»An mir soll es nicht liegen«, meinte Giri; der Terraner war zwar ein anatomisches Monstrum, aber vielleicht fand Giri ihn schon deshalb sehr sympathisch.

»Ich muß noch erwähnen«, mischte sich der dritte Mann ein, der dem Dialog der beiden mit großem Interesse gefolgt war, »daß Mister DeLacy Spezialagent des Terrestrischen Raumsicherheitsdienstes ist.«

»Mit Auszeichnungen!« behauptete der Terraner und deutete auf seine linke Brust. Giri konnte nichts erkennen, außer acht untereinander angeordneten Spangen, auf denen sich farbige Bändchen drängten.

»Ich kann Ihnen noch nicht sagen«, nahm der Morcone den Faden wieder auf, »was Ihre Aufgabe sein soll. Ich möchte Sie jedenfalls bitten, mit diesem Herrn und zwei Damen eine Reise zu machen. Bei der Ankunft werden Sie erfahren, was Sie zu tun haben – wir werden die Informationen blockhypnotisch verankern.«

»Und meine Arbeit?« wandte Giri ein.

»Wir werden für Sie schon einen Ersatz finden«, wurde er beruhigt. »Wenn das stimmt, was wir vermuten, ist diese Aufgabe wesentlich wichtiger als Ihre bisherige Arbeit.«

Mit einem Kopfnicken gab Giri sein Einverständnis.

»Auf denn«, sagte Spooky laut; er hob die Hand, sah kurz auf Giris Schultern, dann ließ er von seinem Vorhaben ab. »Boxmanager müßte man sein«, murmelte er, während er hinter Giri den Raum verließ.

Spooky hatte das Schiff KILT getauft. Es war ein ehemaliges Pendlerfahrzeug, das bestenfalls für mittlere interplanetarische Reisen taugte.

»Ein feines Boot«, meinte DeLacy anerkennend, nachdem er einen Blick in den Maschinenraum geworfen hatte. »Alle Anlagen sind sorgfältig überholt.«

Er sah sich kurz im Cockpit um und gab ein zufriedenes Brummen von sich. Aus der Brusttasche seiner Uniform holte er die Bandkassette mit den Kursdaten heraus und fütterte den Steuercomputer mit den Werten. »Jetzt fehlen nur noch die Damen«, meinte er händereibend; er sah an sich herab, überlegte kurz und sagte dann nachdenklich: »Ich glaube, ich werde mich etwas aufhübschen.«

Mit diesen Worten verschwand er in Richtung Bad. Als er zehn Minuten später in den Aufenthaltsraum zurückkehrte, ließ Giri den Nachrichtenausdruck fallen, in dem er geblättert hatte. Abraham DeLacy hatte sich für Tennisschuhe, Kordjeans und eine brandrote Seidenbluse entschieden; zudem roch er wie der Lagerraum einer Parfümerie. Unwillkürlich begann Giri zu grinsen, doch dann fiel ihm ein, daß erstens die Sitten auf der Erde sich von denen auf Morcos unterschieden und daß zweitens dem unförmigen Erdmenschen wohl nichts anderes übrigblieb als chemische Kampfstoffe, wollte er seinen Beitrag zur Arterhaltung leisten.

»Aah!« machte Spooky seiner Freude Luft. »Die Damen kommen.«

Giri hatte gar nicht auf die Kontrollampe geachtet, deren Aufflammen die Öffnung der Schleuse anzeigte. Unbewußt nahm er eine Imponierhaltung an und setzte ein liebenswürdiges Lächeln auf. Sein Gesicht gefror förmlich, als sich die Schiebetür öffnete und die Erdfrau in den Raum trat.

Sie war noch um gut eine Handbreit zwergenhafter als Spooky; ihr Haar war schwarz wie der Weltraum und so lang, daß es ihr beim Essen wahrscheinlich in die Suppe fiel. Normal waren lediglich die dunklen Augen. Was die körperlichen Abmessungen betraf, so mußte Giri ein würgendes Hüsteln unterdrücken. Nach terranischem Maß neunzig – siebzig – neunzig, so schätzte er grob. Was ihn fast noch mehr befremdete, war der starre Gesichtsausdruck des Terraners, der die Frau mit seinen Blicken förmlich sezierte und dazu merkwürdig pfiff. Immerhin schien auch ihm der Atem auszugehen.

»Teufel auch!« entfuhr es Spooky.

»Ihr Name?« fragte die Frau verwundert. »Ich heiße Danielle Velleur.«

»Abraham DeLacy«, antwortete Spooky. »Und dieser Mensch ist Giri bel Tarman.«

Danielle kam nicht dazu, ein paar einleitende Worte zu sagen; hinter ihr tauchte ein für Giri wohlbekanntes Gesicht auf – Sirghia. Befremdet nahm der Wissenschaftler zur Kenntnis, daß auch der Terraner von den Vorzügen der jungen Frau nicht unbeeindruckt blieb. Sein Blick verriet, daß er von der Morconin fasziniert war.

»Da wir nun vollständig sind«, meinte Sirghia, die den Terraner mit offensichtlicher Verwunderung musterte, »könnten wir eigentlich starten.«

»Wird gemacht«, versprach Spooky und verschwand. Er hatte nicht viel zu tun – ein simpler Knopfdruck genügte, um die Generatoren anlaufen zu lassen. Als er in den Aufenthaltsraum zurückkehrte, befand sich die KILT schon in einer Höhe von achtzig Kilometern; die Menschen hatten inzwischen die Sessel belegt und wußten anscheinend nicht, was sie sagen sollten.

»Wie wäre es mit einem Drink zum Kennenlernen?« schlug Spooky vor. Giri stöhnte nur.

2.

Lieber Freund, tue alles, was du willst – springe ohne Fallschirm ab, gurgle mit rauchender Salpetersäure, verheirate dich –, aber tue eines nicht: Fahre nie nach Morcos. Diese Welt ist der reinste Alptraum. Gegen den Planeten selbst ist nichts einzuwenden – ein bißchen kahl und zudem rot wie eine Säufernase. Aber das kennen wir ja schon vom Mars.

Das Schlimmste sind die Leute hier. Man hatte mich zwar vorbereitet, aber auf das, was ich in den letzten Tagen hier erleben durfte, war ich beim besten Willen nicht gefaßt. Mein Mitarbeiter, dieser Giri, ist ein Baum von zweihundertzwanzig Zentimetern. Der Bursche wäre noch halbwegs zu verkraften, aber seine Mitarbeiterin …

Wenn Sirghia rot wird, sieht sie aus wie ein Zwei-Meter-Streichholz. Und zu meinem Erstaunen mußte ich hören, daß die Dame für morconische Verhältnisse fabelhaft proportioniert sei. Heilige Galaxis, was für ein Volk. Völlige Fremdheit wäre noch zu verkraften, aber diese Morconen sehen aus wie Karikaturen von uns.

Wir haben eine Begrüßungsfeier an Bord der KILT veranstaltet. Nach dem dritten Glas war Giri volltrunken und machte der Morconin pausenlos Heiratsanträge. Und dann hatte dieser Bursche doch die bodenlose Unverschämtheit, mir zu erklären, daß wir Terraner unglaublich häßlich gewachsen seien. Und ich ganz besonders.

Ich. Häßlich.

Wäre der Bursche nicht nach dem vierten Glas von sich aus bewußtlos geworden – ich weiß nicht, was ich mit ihm noch veranstaltet hätte. Außerdem hat er ununterbrochen über Danielles Figur gelästert. Das Mädchen muß ich dir ganz genau beschreiben. Paß auf …

(Aus: »Im Zickzack durchs Weltall«; der Briefwechsel des Abraham DeLacy; vierte, gekürzte und gereinigte Ausgabe, Satyr-Verlag, Ursanus.)

»Mainares also!« sagte Sirghia.

Die vier saßen im geräumigen Cockpit der KILT und sahen durch die halbverspiegelten Bullaugen auf den blaugrünen Planeten unter ihnen herab.

»Ich hätte es mir denken können«, murmelte Giri nachdenklich. »Die Erdbebenmeldung.« Allerdings fragte er sich, wieso ausgerechnet er nach Mainares entsandt wurde. Selbst für den Fall, daß die tektonischen Erschütterungen nicht natürlich waren, gab es für einen Gravo-Techniker dort nichts zu tun. Oder doch? Giri rätselte noch eine Weile herum, dann gab er auf.

Seit sechs Tagen flog die KILT auf Mainares zu; das alte Triebwerk des kleinen Schiffes ließ keine wesentliche Verkürzung der Flugzeit zu, und von den großen Interstellarschiffen hatte keins zur Verfügung gestanden – diese Schiffe pendelten unablässig zwischen Morcos und Terra hin und her, um die vom Untergang bedrohten Morconen mit lebenswichtigen Industriegütern zu versorgen.

Interessiert betrachtete Spooky die immer größer werdende Scheibe des Planeten, die langsam ihre Flächenhaftigkeit verlor und zu einer recht bunten Halbkugel wurde, auf der Blau und Grün die hervorstechenden Farben waren.

»Dschungel«, erklärte Giri, als er den fragenden Blick des Terraners bemerkt hatte. »Durchschnittliche Temperatur etwas über 30 Grad Celsius; relative Luftfeuchtigkeit etwa 90 Prozent.«

»Warum sind eure Vorfahren eigentlich nicht nach Mainares ausgewandert, als sich die Bahn von Morcos änderte?« fragte Abraham DeLacy. Giri zuckte mit den Schultern; Sirghia sprang für ihn ein.

»Der Aufwand wäre zu groß gewesen«, erklärte sie ruhig. »Der Rückzug unter die Oberfläche war einfacher und vor allem auch billiger.«

Die KILT tauchte in die Lufthülle des Planeten ein; vor den Luken erschienen Verschalungen aus hitzebeständigen Stoffen, und vor dem Bug des Schiffes begann sich der unvermeidliche Kegel aus ionisiertem Gas zu bilden. Auch der Funkkontakt zur Bodenstation riß schlagartig ab. Drei Minuten dauerte dieser Zustand an, dann war die Stimme aus dem Lautsprecher wieder vernehmbar.

»Prachtvoll, Jungs!« sagte der Sprecher. »Ihr werdet genau neben uns landen.«

Und er hatte recht: Als die KILT zehn Minuten später aufsetzte, betrug der Abstand zwischen dem Heck des Schiffes und der silberglänzenden Kuppel weniger als zwanzig Meter.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis nach dem Aussteigen die beiden Morconen und die Erdmenschen schweißnaß waren. Die feuchtheiße Luft schmerzte in den Lungen und machte das Atmen zur Qual. Spooky fluchte unterdrückt.

»Sei ruhig!« wies Danielle ihn zurecht. »Auf der Erde nennt man derlei eine Sauna, und man muß teures Geld dafür bezahlen. Hier bekommst du dein Schwitzbad gratis.«

Spooky öffnete den Mund, um sie auf einen nicht unwesentlichen Unterschied zu einer irdischen Sauna hinzuweisen, schwieg jedoch, als der Leiter der Station zu ihnen herantrat. Außer sehr luftigen Sandalen war der Morcone nur noch mit einer bunten Badehose bekleidet. Interessiert stellte Spooky fest, daß die Morconen pro Seite eine Rippe mehr besaßen als die Erdmenschen.

»Willkommen auf Mainares!« sagte der Morcone. »Ich heiße Cerlo, und ihr werdet wohl dem Kommando angehören, das man uns versprochen hat.«

»Richtig!« sagte Spooky und schüttelte dem Mann die Hand; im gleichen Augenblick fiel der hypnotische Block. Eine innere Stimme begann zu sprechen.

Sie sind jetzt auf Mainares gelandet. Sie sollen sich mit dem Erdbeben beschäftigen, das Ihnen vielleicht schon aus den Nachrichten bekannt ist. Die Bodenstationen haben uns allerdings berichtet, daß das Beben durch einen starken Gravitationsstoß erzeugt wurde – aus diesem Grundgehören dem Team auch zwei Gravo-Techniker an. Ihre Aufgabe besteht darin, entweder den entsprechenden Großgenerator zu finden oder aber seine Nicht-Existenz nachzuweisen. Viel Glück.

Ein prüfender Seitenblick bewies dem Terraner, daß auch die anderen informiert waren; offensichtlich war das Händeschütteln als Signal für die Beseitigung des Blockes vorgesehen gewesen.

»Kommt hinein«, sagte Cerlo einladend.

Mit einem befriedigten Seufzer registrierten die Menschen die angenehme Kühle im Innern der Kuppel aus stahlverstärktem Plastomaterial.

»Wir haben die Klimaanlage auf den Mittelwert zwischen Morcos und Mainares eingestellt«, erklärte Cerlo. »Dann fällt der Übergang etwas leichter.«

»Gute Idee«, seufzte Spooky. »Ihr habt nicht zufällig noch ein paar Badehosen zur Hand?«

»Zufällig nicht – eher mit Absicht«, wurde ihm von einem ebenfalls recht spärlich bekleideten Morconen erklärt. Spooky grinste säuerlich.

Zehn Minuten später saßen vier Morconen und zwei Terraner mit zusammengesteckten Köpfen über einer Karte der näheren Umgebung der Station. In einer Entfernung von knapp 30 Kilometern war ein kleines Kreuz aufgemalt; immer wieder tippte Cerlo mit seinem Faserschreiber auf das Zeichen.

»Nach unseren Berechnungen liegt das Zentrum der tektonischen Wellen genau hier«, sagte der Stationsleiter. »Die Unterlagen können eingesehen werden.«

»Habt ihr schon irgendwelche Vermutungen angestellt?« wollte Spooky wissen; von Zeit zu Zeit schielte er zu Danielle hinüber, die sich einen atemberaubenden Bikini zusammengebastelt hatte. Cerlo nickte und holte einen Wust von Plastikstreifen heran, den er vor dem Terraner ablegte.

»Die Aufzeichnungen«, sagte er kurz. »Wir hatten zufällig einige Dutzend Seismographen draußen, als uns fast die Station über den Köpfen zusammenkrachte.«

Spooky fischte sich einen Streifen heraus, den er fachmännisch musterte. »Habt ihr diese Werte einmal zusammengestellt?« erkundigte er sich dann. »In Form einer Graphik beispielsweise?«

Cerlo nickte und drehte die Karte um. Auf der Rückseite war eine perspektivische Zeichnung zu erkennen, die die Umgebung des Kreuzes und den zugehörigen Untergrund darstellte.

»Wir sind ziemlich sicher«, meinte der Stationsleiter, »daß in einem der von uns errechneten Hohlräume ein großer Generator steht – wahrscheinlich in dem größten Loch. Fraglich ist nur, wie wir in diese Höhlung hineinkommen.«

»Bravo!« lobte Spooky. »Sollen wir sofort aufbrechen?«

»Die Fahrzeuge sind vorbereitet«, versicherte Cerlo. »Wir hatten immerhin einige Tage Zeit, an alles zu denken.«

Die Fahrzeuge entpuppten sich als überschwere Expeditionsgleiter, vollklimatisiert und mit durchsichtigen Kuppeln. Das Innere bot Platz, Ausrüstung und Nahrungsmittel für eine einmonatige Exkursion von sechs bis acht Teilnehmern. Zwei Gleiter standen reisefertig hinter der Station.

»Ich werde euch begleiten«, meinte Cerlo. »Jedenfalls bis zu der Stelle, unter der wir den Generator vermuten.«

Ruckend setzten sich die Gleiter in Bewegung. Hinter den Fahrzeugen bildete sich eine vier Meter breite Spur niedergewalzter Fauna und Flora. Ähnliche Fährten führten von der Station aus in verschiedene Himmelsrichtungen; teilweise hatten sich die Pflanzen schon wieder aufgerichtet.

»Die Pflanzen auf Mainares sind ungeheuer schnellebig«, erklärte Cerlo auf eine diesbezügliche Frage von Spooky. »Innerhalb von acht bis zehn Tagen hat sich fast alles erneuert. Nur eines ist absonderlich – wir haben hier kaum Giftpflanzen gefunden. Und ausgesprochene Raubtiere gibt es ebenfalls nicht.«

Spooky runzelte die Stirn und fragte mißtrauisch: »Wenn dieser vermaledeite Generator auf Lebewesen schließen läßt, könnte man sich auch vorstellen, daß diese Unbekannten den Dschungel nach ihrem Willen gestaltet haben. Wir auf der Erde haben mit unserer Natur auch allerhand angestellt.«

»Möglich«, räumte Cerlo ein. »Aber ziemlich unwahrscheinlich – auf Morcos hätten wir sicher etwas davon gehört, hätte es hier intelligentes Leben gegeben.«

Er brach die Unterhaltung ab, um sich auf den vorgegebenen Kurs zu konzentrieren. Aufmerksam überprüfte er den Bordradar. Auf dem schwach leuchtenden Touchscreen hatte er den Zielpunkt wieder mit einem Kreuz versehen. Langsam wurde die Distanz zwischen Kreuz und Schirmmittelpunkt geringer. Als sich die Punkte endlich deckten, stoppte Cerlo das Fahrzeug ab.

Als sie den Gleiter verlassen hatten, hielt gerade das zweite Fahrzeug, an dessen Steuer Giri bel Tarman saß, mit kreischenden Generatoren an. Neugierig sahen sich die Menschen um.

Die Gleiter hatten inmitten eines Talkessels gehalten, der mit Ausnahme der breiten Einfahrt perfekt kreisförmig war; fast senkrecht stiegen die dichtbewachsenen Felswände auf. Den Kreisdurchmesser schätzte Giri auf etwas mehr als einen Kilometer; die Höhe der Berge ringsum war nicht ganz so leicht zu bestimmen – die mächtigen Schneekappen deuteten jedoch auf mehrere Kilometer. Um sich einen besseren Standpunkt zu verschaffen, kletterte Giri auf seinen Gleiter und hielt mit einem Fernglas Umschau. Als er seinen Ausguck wieder verließ, machte er ein sehr zufriedenes Gesicht.

»Ich habe auf Anhieb ungefähr sechs bis acht Höhleneingänge erkennen können«, berichtete er. »Ich glaube, dieser Ort verspricht einiges.«

»Braucht ihr mich noch?« fragte Cerlo.

»Einstweilen nicht«, meinte Giri. »Wir werden uns täglich mehrere Male über Sprechfunk bei euch in der Station melden.« Der Morcone nickte, hob grüßend die Hand und stieg wieder in sein Fahrzeug. Mit Höchstgeschwindigkeit fegte er über die alte Fahrspur zurück.

Nach kurzer Diskussion entschieden sich die Teammitglieder dafür, den Talkessel in Uhrzeigerrichtung einmal zu umrunden. Zehn Minuten später hatten sie bereits die erste Höhle entdeckt; eine finstere Öffnung im Fels, die von Lianen fast völlig unsichtbar gemacht worden war. Der Gleiter wurde gestoppt, dann stiegen die Menschen aus – vorsichtshalber hatten sie sich mit morconischen Hochleistungslasern bewaffnet.

Spooky bildete die Spitze des Trupps, der vorsichtig in die Höhle eindrang. Bereits nach hundert Metern stießen sie auf ein erstes Hindernis, einen rotpelzigen Bären, der nach den Unterlagen zwar ein harmloser Vegetarier war, aber dennoch höchst bedrohlich aussah. Er blinzelte die Eindringlinge interessiert an und kam brummend näher. Langsam zog sich die Gruppe zurück.

»Zwecklos!« meinte Giri, der aufmerksam die Wände der Höhle betrachtet hatte. »Diese Höhle ist natürlich und kein Menschenwerk.«

Spooky wollte widersprechen, stolperte jedoch und fiel mit einem Aufschrei hintenüber. Bevor die anderen reagieren konnten, war der Bär über den Terraner hergefallen.

»Nehmt das verdammte Tier weg!« schrillte seine Stimme durch die Höhle. »Aufhören, du elendes Vieh! Laß das!«

Seine Stimme ging im Gelächter der anderen unter; die beiden Morconen und Danielle hatten die Waffen fallen lassen und standen lauthals lachend in der Höhle, während der Bär, offensichtlich besorgt über die Verletzungen des unbepelzten Wesens, über Spooky hockte und ihn gründlich ableckte. Unablässig wischte seine lange Zunge über Gesicht und Oberkörper des Terraners, der die Liebkosungen mit wilden Flüchen abzuwenden versuchte. Erst als sich die drei näherten, ließ der Bär von seinem Tun ab und gab Spooky frei; statt dessen konzentrierte er sich auf Danielle, deren wohlgeformte Beine es ihm sichtlich angetan hatten. Die junge Frau beugte sich zu dem Tier hinab und begann es am Halsansatz zu kraulen.

»Was machen wir mit diesem liebebedürftigen Rohköstler?« fragte Spooky, nachdem er sich halbwegs beruhigt hatte.

»Können wir ihn nicht mitnehmen?« fragte Danielle zaghaft. Sie sah Spooky mit einem scheuen Lächeln an, dem der Terraner nicht lange widerstehen konnten.

»Von mir aus«, knurrte DeLacy. »Solange die Bestie nicht noch einmal über mich herfällt …«

Danielle Velleur taufte den Bären auf den Namen Soleil. Als die Gruppe die Höhle endgültig verließ, trottete das Tier zufrieden brummend nach und nahm auf ein Zeichen von Danielle brav auf der Ladefläche des Gleiters Platz.

»Was habt ihr?« fragte Cerlo verblüfft, als sich die Gruppe bei ihm meldete; fast hätte der Morcone das Mikrophon verloren. »Einen Bären?«

»Ich wollte ihn Mitgift nennen«, berichtete Giri lachend, »aber Danielle setzte ihren Willen schließlich durch. Wie sieht es bei dir aus?«

»Ich werde in ein paar Minuten die Station erreicht haben«, meldete Cerlo. »Wann höre ich wieder von euch?«

»In ein, zwei Stunden«, meinte Giri. »Bis dann.« Ein leises Knacken war zu hören, als der Morcone abschaltete.

Cerlo schüttelte grinsend den Kopf. Seine Heiterkeit verflog jedoch schlagartig, als er das Schiff neben der Station sah – ein zweites Schiff, neben dem sich die KILT wie eine Luxusjacht ausnahm.

»Besuch?« rätselte der Morcone halblaut. »Aber von wem?«

Er hielt neben der Kuppel an, stieg aus und ging ins Innere. Als er einen Blick in den Wohnraum warf, sah er, daß auf dem bequemsten Sessel ein unglaublich fetter, rotgesichtiger Terraner mit einem dichten, schwarzen Bart hockte, der jedoch nicht halb so unangenehm aussah wie der entsicherte Laser in seinen Händen. Hinter dem Sessel standen vier weitere Männer, davon zwei Morconen, die ebenfalls keinen sehr sympathischen Eindruck machten.

»Wo ist mein Freund?« fragte Cerlo sofort, als er seinen Kollegen nicht sehen konnte. »Was haben Sie mit ihm gemacht?«

»Er schläft«, beteuerte der Bärtige und gab den anderen einen Wink. »Entwaffnet ihn!«

Die kurze, aber gründliche Überprüfung ergab, daß Cerlo unbewaffnet war; dennoch nahm der Dicke seinen Laser nicht herunter. Aus kleinen, schwarzen Augen heraus musterte er den Morconen.

»Wer sind Sie?« fragte Cerlo. »Und was haben Sie hier zu suchen?«

»Vielleicht kennen Sie meinen Namen«, meinte der Bärtige. »Ich heiße Eugene Gerbault!«

Schlagartig wurde Cerlo klar, mit wem er es zu tun hatte. Der steckbrieflich gesuchte Gerbault stand im Dienst der Distributionisten. Er erledigte alle schmutzige Arbeit, die bei der Verschwörerorganisation anfiel. Wahrscheinlich hatte er von Giris Flug nach Mainares erfahren und war nun hier, um den Wissenschaftler außer Gefecht zu setzen – so oder so. Die Begleiter Gerbaults waren nicht minder prominent, obwohl ihre Namen unbekannt waren; auch Gerbault rief sie nie namentlich an.

»Wo sind bel Tarman und dieser Erdagent?« fragte Gerbault abrupt.

Cerlo preßte die Lippen zusammen und schwieg.

Gerbault starrte ihn sekundenlang wütend an, dann begann er zu lachen. »Sieh an, ein echter Held.« Seine Stimme wurde scharf, als er fortfuhr: »Höre, mein Freund. Ich möchte dich mit meinen sehr erfolgreichen pädagogischen Regeln bekannt machen. Beim ersten Mal werde ich dir freundlich sagen, was du zu tun hast. Beim zweiten Mal werde ich grob, und das dritte Mal wirst du nicht überleben. Klar?«

Cerlo hatte keine Lust, das Experiment zu wagen; selbst wenn er seine Geheimnisse für sich behielt und dafür getötet wurde, hätte er Giri nicht helfen können – die frische Gleiterspur hätte den Gangstern vollkommen genügt. Er nickte zaghaft und sagte halblaut: »Giri bel Tarman und seine Begleiter sind etwa dreißig Kilometer von uns entfernt.«

Fünf Minuten lang wurde der Morcone von Gerbault verhört; der Terraner schwitzte stark und wischte sich pausenlos den Schweiß aus den Augen. Trotz der Hitze hatte der Gangster nicht darauf verzichtet, seine schillernden Seidengewänder abzulegen, die jetzt an seinem unförmigen Körper klebten. Noch verwunderlicher war, daß er sich nicht von seinen zahlreichen Ringen und Ketten getrennt hatte, die ihm früher oder später Brandblasen bescheren würden. Sein schulterlanges Haar trug Gerbault mit einem lächerlich wirkenden Mittelscheitel.

»Gut, mein Freund«, sagte der Terraner endlich, »wir werden Tarman behilflich sein. Die beiden Langen werden den Gleiter überprüfen, der Kleine fährt. Und du, Cerlo, wirst uns begleiten – vielleicht kommen deine Freunde auf den unglücklichen Gedanken, uns Widerstand zu leisten.«

Zähneknirschend mußte sich Cerlo fügen; der drittlängste Begleiter Gerbaults behielt ihn genau im Blick und ließ kein Augenzwinkern in seiner Wachsamkeit nach. An Flucht war nicht zu denken, wie das Beispiel seines Stationskollegen bewies, den die Gangster gefesselt zurückgelassen hatten – wenn nicht innerhalb weniger Tage Hilfe kam, mußte der Morcone in seinen Fesseln umkommen.

»Noch etwas«, bemerkte Gerbault während der Fahrt. »Falls deine Freunde anrufen sollten – versuche nicht etwa, den Bären Mitgift zu grüßen. Wir haben deinen Funkverkehr genauestens überwacht.«

An genau diese Möglichkeit, seine Freunde unauffällig zu warnen, hatte Cerlo vor wenigen Augenblicken gedacht. Enttäuscht ballte der Morcone die Fäuste und sank in seinen Sitz zurück, während Gerbault laut lachend seinen kleinen Erfolg feierte.

»Nummer zwölf!« rechnete Sirghia vor, als der Gleiter wieder einmal stoppte.

Elf Öffnungen im Fels hatte die Gruppe bereits aufgespürt und untersucht. In jedem Fall waren sie so weit in das Bergesinnere vorgedrungen, wie sie überhaupt vermochten. Selbst eiskalte, unterirdische Gewässer und nahezu senkrechte Felswände hatten sie überwunden. Von Öffnung zu Öffnung war ihre Zuversicht geschwunden; der einzige, dem die Suche großen Spaß bereitete, war Soleil. Zur Freude Danielles hatte sich der Bär auch auf irdische Gemüsekonserven einstellen können – mit verbissenem Gesicht hatte Spooky zugesehen, wie der Bär seine geliebten Spargelköpfe verschlang.

»Es hilft nichts!« entschied Giri. »Wir machen weiter.«

Resigniert verließen die Menschen den Gleiter. Das erste Stück des Weges war relativ bequem, dann näherten sich die Felswände einander immer mehr, bis schließlich Giri nur eben noch aufrecht gehen konnte. Plötzlich hielt der Morcone abrupt an.

»Was gibt es?« fragte Sirghia besorgt. »Tiere?«

»Kleinigkeiten«, meinte Giri gemütlich. »Der Gang knickt ab – in einem rechten Winkel. Und breiter geworden ist er auch. Und dazu glatt wie eine Tischplatte.«

Spooky stieß einen begeisterten Pfiff aus. Als Giri den Weg für die anderen freigab, konnten sie sich selbst überzeugen. Die Wände waren glatt und fugenlos, der Boden des Ganges vollkommen eben. Er war offensichtlich von intelligenten Lebewesen angelegt worden. Doch ihre Hoffnungen zerstoben nach wenigen hundert Metern, als der Gang abrupt in einer massiven grauen Wand endete.

»Verdammt!« fluchte Spooky. »Wie kommen wir jetzt weiter?«

»Vielleicht gibt es irgendwo hinter den Wänden einen Hohlraum?« vermutete Sirghia.

Mit dem Kolben ihres Lasers schlug sie gegen die Seitenwand, dann gegen die Decke – ohne Erfolg. Auch am Boden versagte die Probe, und die Stirnwand erbrachte das gleiche Ergebnis. Nichts deutete darauf hin, daß der Gang eine Fortsetzung hatte. Vereint begannen die Menschen die Wände nach versteckten Kontakten, Wärmeschlössern oder ähnlichen Dingen abzusuchen, aber auch jetzt rührte sich nichts – jedenfalls nicht an der Stirnwand. Dafür schob sich hinter der Gruppe ein Block aus dem scheinbar fugenlosen Fels und versperrte den Rückweg.

Soleil schien die Unsicherheit der Menschen zu bemerken; das Tier jammerte leise und lief unruhig an den Wänden auf und ab. Schließlich stieß der Bär ein ohrenbetäubendes Gebrüll aus. Sekundenbruchteile später versank die Stirnwand im Boden.

»Hm«, machte Spooky, »ob der Besitzer dieser Felsenburg ein Freund von Bärenfleisch ist?«

Zwei Systembewohner verschiedenen Geschlechts; zwei verschiedengeschlechtliche Wesen unbekannter Herkunft, den Systembewohnern ähnlich. Des weiteren ein Bär. Soll geöffnet werden?

Ja.

Hinter der Felsplatte setzte sich der Gang fort, der im Unterschied zu den bereits zurückgelegten Strecken erleuchtet und klimatisiert war. Nach mehreren hundert Metern schloß sich eine Treppe an. Spooky bemerkte, daß die Stufen für Erdmenschen ein wenig zu hoch waren – die unbekannten Erbauer mußten fast morconische Proportionen aufgewiesen haben. Als die mehr als zweihundert Stufen endeten, standen die vier in einem elliptischen, hell erleuchteten Saal, dessen lange Achse quer zur Treppe verlief. In dem Raum war nichts zu erkennen, außer zwölf Öffnungen, die in verschiedene Richtungen führten.

»Zauberhaft!« brummte Giri. »Wie geht es nun weiter?«

»Geradeaus«, entschied Spooky. »Diese Richtung werden wir uns am besten merken können. Außerdem – wenn irgendwo tödliche Fallen lauern, kann es uns ziemlich gleichgültig sein, in welche dieser Fallen wir hineinlaufen.«

Soleil kürzte die Diskussion dadurch ab, indem er einfach in der Richtung weiterlief, in der sie bisher gegangen waren. Zögernd und mit entsicherten Waffen folgten die Menschen.

Gerbault und seine Kumpane hatten weit weniger Mühe als Giri und seine Begleiter. Auf dem bereits vorbereiteten Weg preschte ihr Gleiter mit Höchstgeschwindigkeit vorwärts. Der Vorsprung der vier Menschen verringerte sich zusehends, zumal die Verfolger sich nicht die Mühe machten, die fehlgeschlagenen Höhlenexkursionen nachzuvollziehen. Als Gerbaults Fahrzeug neben der Höhle abstoppte, waren nur wenige Minuten vergangen, seit die vier den Eingang betreten hatten.

Der Verbrecher warf einen prüfenden Blick auf die Kuppel des Gleiters und grinste zufrieden. »Der Blonde zerstört das Funkgerät«, bestimmte er kurz; sofort verschwand der angesprochene Mann im Gleiter der vier und schoß kurz auf die Funksprechanlage. Als er wenig später wieder neben Gerbault stand, stieg eine fette Qualmwolke aus dem Gleiter auf.

»Offenbar«, überlegte der Verbrecher laut und grinste Cerlo an, »haben deine Freunde Erfolg gehabt. Los, vorwärts!«

Cerlo mußte die Spitze des Trupps bilden, um die Gangster notfalls mit seinem Körper decken zu können; Gerbault hielt sich sicherheitshalber am Ende des Zuges auf.

»Paßt auf!« befahl der Dicke, als sich die Wände der Höhle verengten. »Wenn der Bursche zu fliehen versucht, wird sofort geschossen.«

»Klar, Chef«, sagte der Rotschopf, der unmittelbar hinter Cerlo ging. Es waren dies die ersten Worte, die der Morcone von seinem Bewacher hörte, und ihr Ton sagte ihm, daß der Mann keine Sekunde zögern würde, den Befehl auszuführen.

»Der Gang knickt genau nach rechts ab, Chef«, meldete der Rothaarige nach hinten. »Kommt mir komisch vor.«

»Mir auch«, stimmte Gerbault zu – der Dicke hatte aus dem unnatürlichen Verlauf des Ganges die gleichen Schlüsse gezogen wie vor ihm Giri. Erst als sie den Kopf der Sackgasse erreicht hatten, verließ ihn seine Schläue. »Wo, zum Teufel, sind sie?« fragte er mit gefährlicher Sanftheit. »Rede, mein Freund.«

Cerlo zuckte hilflos mit den Schultern.

Ohne auf einen Befehl zu warten, schlug der Rothaarige mit dem Kolben seiner Waffe zu. Etwas knackte vernehmlich, und Cerlo schrie auf. Der Hieb hatte seinen linken Unterarm gebrochen. Das Glied schwoll an und schmerzte stark. »Ich weiß es nicht!« schrie Cerlo. »Ich bin noch nie in dieser Höhle gewesen – woher soll ich wissen, wo Giri sich aufhält?«

Er biß die Zähne zusammen und duckte sich, als der Rothaarige erneut ausholte; Gerbault fiel dem Mann in den Arm.

»Der Trottel hat recht«, brummte er. »Aber wo steckt dieser Giri? Wie hat er diesen Fels durchwandert?«

Die Antwort erhielt er wenig später, als sich der Fels verschob und den Weg freigab.

»Na also!« lachte Gerbault. »Weiter!«

Andere Wesen. Drei Systembewohner, gleichgeschlechtlich; zwei ähnliche Wesen, ebenfalls vom gleichen Geschlecht, dazu ein verkleideter Bär, offenbar dressiert und sprechfähig. Öffnen?

Ja.

»Vorsicht!« murmelte Spooky plötzlich. »Bleibt stehen!«

Die anderen stoppten den Vormarsch. Giri fragte: »Warum sollen wir anhalten?«

»Psst!« zischte Spooky. »Ich glaube, ich habe Stimmen gehört.«

Der Gang besaß an den Seitenwänden einige Nischen, in denen sich die Menschen versteckten. Mit gerunzelter Stirn sah Spooky, wie sich Soleil an Danielle drängte. Der Terraner schüttelte den Kopf und lief den Gang zurück, bis er die elliptische Halle einsehen konnte. Sechs Männer betraten gerade den Raum, fünf davon gingen sofort in Deckung, als sie die Öffnungen sahen. Erst als sich die Eindringlinge wieder erhoben, konnte Spooky die Männer erkennen; von den Morconen kannte er nur Cerlo, aber die drei Terraner waren ihm bestens bekannt – nahezu jede irdische Polizeistation räumte ihnen auf den Fahndungstafeln die besten Plätze ein.

»Verdammt!« rief Gerbault beim Anblick der vielen Wegmöglichkeiten; die Männer verharrten unschlüssig. Der Rotbart winkte mit dem Kopf in Cerlos Richtung, aber Gerbault winkte ab. »Der Bursche kann uns auch nicht weiterhelfen«, fauchte er, dann weiteten sich seine Augen. »Aber vielleicht dieser Herr!«

Entsetzt sah DeLacy, wie Gerbault seinen Laser auf ihn richtete; erst als er an sich heruntersah, fiel ihm auf, daß der Lauf seiner Waffe für Gerbault deutlich zu erkennen war.

»Kommen Sie heraus, Mann!« rief Gerbault ihm entgegen. »Oder Sie werden der erste sein, den wir von unserer Liste streichen können.«

Spooky wußte, daß Giri und die beiden Frauen zu weit entfernt waren, um diesen Dialog hören zu können. Zu gehorchen fiel ihm nicht ein – ob von vorn oder hinterrücks erschossen, der Unterschied machte ihm wenig aus. Vielleicht hatte er trotz allem noch eine winzige Chance zur Flucht; er sprang aus der Deckung und rannte so schnell wie möglich den Weg zurück, den er gekommen war.

Gerbault reagierte im Bruchteil einer Sekunde und feuerte. Ein roter Strahl aus kohärentem Licht zuckte hinter Spooky her und traf ihn am rechten Arm; der Mann schrie auf und wirbelte herum, während Gerbault pausenlos auf die Gestalt feuerte. Auch die anderen Gangster betätigten ihre Waffen. Einer hielt Cerlo in Schach, der in fassungslosem Zorn dem Gefecht zusah, die anderen schossen auf Spooky.

»Verdammt!« brüllte Gerbault, als er merkte, daß seine weiteren Schüsse keinerlei Wirkung zeigten. »Der Bursche hat ein Schirmfeld!«

Wie Hagelschauer prallten die Laserstrahlen wirkungslos an einem unsichtbaren Hindernis ab; Gerbault schrie zornig auf, als er Spooky mühsam, aber noch sehr schnell fliehen sah.

»Wir nehmen einen anderen Gang!« befahl er dann wütend. »Irgendwo werden wir diese Halunken schon wieder finden.« Mit einer energischen Handbewegung trieb er seine Männer vorwärts.

Gruppe II eröffnete Wirkungsfeuer auf ein Mitglied der Gruppe I; Analyse zweifelhaft, da Mitglied Gruppe I Lauerstellung – Frage, ob Lauerstellung gleich Hinterhalt?

Wenig wahrscheinlich, aber nicht auszuschließen.

Endkontrolle vorbereiten?

Vorbereiten.

Nach über einer Stunde sprach der älteste Gefolgsmann Gerbaults den Gangster an. »Chef, wir sollten eine Pause einlegen«, bat der grauhaarige Terraner. »Außerdem müssen wir uns orientieren – wir wissen überhaupt nicht, wo wir uns befinden.«

Gerbault kniff die Augen zusammen, überlegte sekundenlang, dann nickte er kaum wahrnehmbar. Erleichtert ließen sich die Männer auf dem Boden nieder. Ein Terraner hatte sich die Mühe gemacht, eine Taschenflasche voll Alkohol mitzuschleppen, die jetzt reihum ging.

»Weiter!« entschied Gerbault nach zwanzig Minuten.

Folgsam setzten sich die Gangster mit ihrem Gefangenen wieder in Marsch. Dieser dauerte noch weitere zwanzig Minuten, dann gebot Gerbault mit einem Handzeichen Halt. Er grinste sadistisch, als er flüsterte: »Ich glaube, wir haben unsere Freunde wiedergefunden!«

Er gab seinen Männern einen Wink, und ehe Cerlo Gelegenheit fand, seine Freunde zu warnen, hatte er ein Taschentuch im Mund, das nach Knoblauch und Schnupftabak schmeckte; wenig später waren seine Hände fest auf dem Rücken zusammengebunden. Langsam schlichen sich die Gangster näher an die Stimmen heran.

Der Gang verbreiterte sich unmerklich, und nach weiteren hundert Metern konnten die Gangster bereits sehen, wer sich vor ihnen befand. Giri bel Tarman, an seinen Abmessungen unschwer zu erkennen, und seine Begleiter standen um eine Statuette herum und diskutierten ihre Bedeutung.

Gerbault gab ein Handzeichen. Cerlo biß auf das Taschentuch, bis seine Kiefer schmerzten; er hielt die Augen geschlossen, um nicht ansehen zu müssen, wie die Gangster ohne jede Warnung das Feuer rücksichtslos eröffneten. Der Überfall kam so überraschend, daß die vier keine Zeit zu einer Gegenwehr mehr hatten.

»Werft sie aus dem Fenster!« befahl Gerbault, als die Waffen verstummt waren.

Als Cerlo die Augen wieder öffnete, konnte er gerade noch sehen, wie zwei Gangster einen Körper über eine Brüstung wuchteten und fallen ließen. Der Gang hatte sich zu einem kleinen Saal erweitert, der offensichtlich am Rande der Felswand gelegen war – aus einer unverglasten Öffnung schimmerte das Tageslicht herein.

»He, wo steckt eigentlich dieser Bär?« fragte Gerbault plötzlich. »Hat einer von euch das Vieh gesehen?«

Die vier Gangster verneinten; Gerbault überlegte kurz und schüttelte den Kopf. »Auch gut. Mir kann es egal sein, wo sich der Bär herumtreibt – gefährlich werden kann er uns jedenfalls nicht.«

»Und was machen wir mit ihm?« fragte der Rothaarige, der offensichtlich stark daran interessiert war, Cerlo vor der Altersschwäche zu bewahren. »Die Gelegenheit ist günstig.« Er wies auf die Öffnung in der Wand.

Gerbault trat an Cerlo heran und grinste zynisch. »Was hältst du davon, mein Freund?« fragte er sanft. »Oder willst du noch ein bißchen warten, bis meine Männer Zeit haben, sich dir etwas ausführlicher zu widmen?«

Cerlo, dem ein paar nicht unwesentliche Kleinigkeiten aufgefallen waren, sank in die Knie; er jammerte, flehte, produzierte eine Sturzflut von Tränen und zog – wie Spooky sich wohl ausgedrückt hätte – eine Schau ab, die es in sich hatte. Als er nach fünf Minuten pausenlosen Stammeins zusammenbrach, hatten die lachenden Gangster Mühe, ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden.

»Du bist gut, mein Junge!« kicherte Gerbault und wischte sich die Augen trocken. »Wir werden dich mitnehmen – dieses Schauspiel mußt du uns noch einmal vorführen, wenn wir eine Kamera einsetzen können.«

Cerlo fand die Angelegenheit nicht annähernd so heiter wie die Verbrecher; er war zufrieden, daß er sein Leben wenigstens für die nächsten Stunden behalten konnte. Wenn sich seine vagen Hoffnungen nicht erfüllten, hatte er ein ausgesprochen ungünstiges Geschäft gemacht – es war besser, sofort getötet zu werden, als den Gangstern als Folterobjekt zu dienen.

3.

»Los, vorwärts!« rief Spooky, als er seine Freunde erreicht hatte. »Gleichgültig, wohin, aber wir müssen verschwinden!«

Wortlos rannte Giri voraus. Minutenlang ergab sich keine Ausweichmöglichkeit; der Gang wies keinerlei Abzweigungen auf. Erst als die Gruppe wieder auf einen elliptischen Saal mit mehreren Gangfortsetzungen stieß, hielten sie an. Während sich Danielle um Spookys Verletzung kümmerte, legte sich Giri auf den Boden und horchte.

»Ich kann keine Schritte hören«, berichtete er nach einer Minute. »Allerdings sagt das nicht sehr viel. Wie geht es Spooky?«

»Besser«, sagte der Terraner und grinste mühsam. »Nur eine Fleischwunde am Bizeps – ich werde es überleben. Allerdings werde ich die rechte Hand in den nächsten Tagen nicht gebrauchen können – ich werde mich auf mein Gehirn verlassen.«

»Eine dürftige Hilfe«, murmelte Danielle spöttisch; sie hatte den verbrannten Uniformstoff rund um die Wunde abgeschnitten, verkohlte Stoffreste daraus entfernt und anschließend Plasma aufgetragen. In wenigen Tagen würde von der Verletzung nur noch eine unscheinbare Narbe übrigbleiben.

Jetzt fand DeLacy auch Zeit, den anderen drei den Grund für die Flucht zu erklären; Giri nickte beifällig, während Spooky über Gerbault und seine Helfer berichtete.

»Jetzt müssen wir nicht nur aufpassen, daß uns die Hinterlassenschaften der unbekannten Anlagenerbauer umbringen«, klagte Sirghia. »Wir müssen auch noch darauf achten, Gerbault aus dem Weg zu gehen.«

»Ganz so arg ist die Lage nicht«, meinte Spooky. »Vergeßt das Schirmfeld nicht! Ich weiß nicht, wer mich beschützt hat, aber der Unbekannte hat mir mit Sicherheit das Leben gerettet.«

»Das könnte bedeuten«, überlegte Danielle laut, »daß in diesem Höhlensystem noch jemand lebt – der uns unausgesetzt beobachtet.«

Giri wollte den Gedanken fortsetzen, aber ein dumpfes Geräusch ließ ihn verstummen. Erschreckt sah er, wie sich zwölf der dreizehn Öffnungen im Fels schlossen. Der Rückweg war abgeschnitten.

»Eine Einladung?« überlegte Spooky. »Oder eine Falle?«

»Warten wir es ab!« schlug Giri vor; er entsicherte seinen Laser und richtete die Mündung auf die einzige noch verbliebene Fortsetzung des Ganges. »Wenn sich nach fünf Minuten noch nichts gezeigt hat, sollten wir in den Gang eindringen.«

Er mußte nicht einmal die Hälfte der Zeit warten; ein leises Tappen war zu hören, und wenig später erschien in der Öffnung ein Tier. Es sah aus wie ein auf Bernhardinergröße zusammengeschrumpfter Elefant, der zudem schillernde Flügel trug wie eine riesige Libelle. Zähne und Rüssel waren ähnlich ausgebildet wie bei irdischen Elefanten, wenn auch um etliches länger; außerdem wies das merkwürdige Geschöpf noch einen gefährlich aussehenden Schwanzstachel auf.

»Kennt irgend jemand diese Kreatur?« wollte Spooky wissen.

»Dieses Geschöpf ist in keinem Buch erwähnt«, sagte Sirghia kopfschüttelnd. »Aber es wird wahrscheinlich harmlos sein wie Soleil.«

Der Bär tappte unterdessen langsam auf den Flügelelefanten zu und gab ein freundliches Brummen von sich; das Tier in der Gangöffnung rührte sich nicht, sondern starrte die Menschen an. Sirghia trat langsam näher und redete leise auf das Tier ein, unverständliche Silben, die sanft und einlullend klangen.

Das Tier wartete, bis die Morconin auf zwei Meter herangekommen war, schlug dann unvermittelt mit dem Rüssel zu und traf den Arm der Frau. Sirghia schrie auf und ließ ihren Laser fallen. Bevor der Elefant noch einmal zuschlagen konnte, warf sich Soleil dazwischen und rollte die Frau förmlich vor sich her.

Während Spooky und Giri ihre Waffen auf das Tier gerichtet hielten, untersuchte Danielle Sirghias Arm. Das Glied war gebrochen, schmerzte aber nicht mehr, nachdem Danielle aus ihrem Vorrat ein Palliativ injiziert hatte.

»Nicht schießen!« warnte Giri. »Das Tier weiß schließlich nicht, wen es vor sich hat. Wir sind Unbekannte.«

Während er noch sprach, wurden drei weitere Öffnungen wieder frei, und drei weitere Flügelelefanten starrten die Menschen an. Spooky fingerte unschlüssig am Abzug seines Lasers herum.

»Wir sollten ein paar Warnschüsse abgeben«, schlug er vor. »Vielleicht verschwinden die Biester dann.«

Giri nickte kurz und gab einen kurzen Feuerstoß aus seiner Waffe ab; die roten Strahlen schlugen einen halben Meter vor dem ersten Tier ein und überschütteten das Geschöpf mit einem Regen glutflüssigen Gesteins. Die Tiere reagierten sofort; wie auf ein Kommando stürzten sie auf die Menschen los.

»Es hilft nichts!« schrie Spooky. »Wir müssen scharf schießen!«

Eine mörderische Schlacht entbrannte; immer neue Flügelelefanten preschten aus den Gängen heran und warfen sich auf die Menschen, die pausenlos feuerten. Obwohl Spooky und Sirghia nur mit der linken Hand schießen konnten, reichte die Feuerkraft der vier Laser aus, die Sturzflut einzudämmen. Seltsamerweise schienen die Flügelelefanten auch kein Interesse an dem Bären zu haben.

»Lange halten wir das nicht mehr durch!« schrie Spooky. »Sobald einer von uns nachladen muß, ist der Kampf entschieden.«

Es war nicht nötig, genau zu zielen; wohin auch immer die Menschen schossen, sie trafen stets. Besorgt sah Spooky auf die Ladeanzeige seines Lasers – das Magazin war nahezu erschöpft.

Ebenso plötzlich, wie der Angriff begonnen hatte, hörte er auch wieder auf. Die Tiere verhielten, starrten die Menschen an und begannen dann, ihre getöteten Artgenossen abzutransportieren. Die vier stellten ihr Feuer ein. Da sie jederzeit mit einem neuen Angriff rechneten, benutzten sie die Zeit, ihre Waffen nachzuladen.

In weniger als fünf Minuten waren alle Flügelelefanten in den Gängen verschwunden, die sich hinter ihnen wieder schlossen – bis auf jenen Gang, in dem der erste Flügelelefant erschienen war.

»Wir sollten es versuchen«, meinte Spooky mit einem nachdenklichen Blick auf die Öffnung. »Ich glaube nicht, daß sie uns einen Hinterhalt legen werden.«

»Unwahrscheinlich«, stimmte Giri zu und trat als erster in die Öffnung. Sie hatten recht – nach einigen hundert Metern zurückgelegter Strecke war noch immer kein Tier aufgetaucht. Giri hatte das vage Gefühl, daß sich der Gang allmählich senkte. Das Gefühl wurde zur Gewißheit, als der Gang in eine Wendeltreppe mündete.

»Weiß einer von euch eigentlich, wo wir uns ungefähr befinden?« fragte Spooky. »Ich wüßte gern, ob wir überhaupt noch eine Chance haben, den Rückweg zu finden.«

Die Menschen sahen sich gegenseitig an und zuckten hilflos mit den Schultern. In der allgemeinen Aufregung hatte niemand daran gedacht, die beschrittenen Gänge zu markieren oder den Weg aufzuzeichnen.

»Mit anderen Worten«, murmelte Danielle leicht deprimiert, »wenn wir nicht irgendwann auf einen Bewohner dieser Höhlen stoßen, werden wir hier im Berg verhungern oder verdursten.«

»Fazit: Wir können nur noch nach vorne fliehen«, stellte Giri fest.

Einmal mehr stieg er als erster die Treppe hinab, die in den nackten Fels gehauen war. Als nach einer halben Stunde noch immer kein Ende der Stufen zu sehen war, begann Spooky zu fluchen.

Etwa einhundertachtzig Meter tiefer endete die Wendeltreppe; mit zitternden Knien hockten sich die Menschen auf die letzten Stufen und erholten sich von der Strapaze des Abstiegs. Der Raum vor ihnen lag noch im Dunkeln – wie fast alle Räumlichkeiten im Innern des Berges würde wahrscheinlich auch hier die Beleuchtung aufflammen, sobald der erste Schritt auf den Boden des Raumes gemacht wurde.

»Was wartet jetzt auf uns«, rätselte Spooky, »neue Bestien?«

Giri zuckte mit den Schultern; er stand auf, stieg die letzten drei Stufen hinab und setzte den Fuß auf den Boden des Raumes. Sofort flammten die Lichter auf, und im Schein der indirekten Beleuchtung erkannten die Menschen einen großen Saal, in dessen Wänden sich zahlreiche Nischen befanden, die mit je einer spärlich erhellten Figur besetzt waren. Spooky richtete den Strahl seiner Lampe auf eine Nische.

In dem Hohlraum wurde eine lebensgroße Gestalt sichtbar, die aussah wie ein Terraner, der sich den hervorragend präparierten Kopf eines Schakals über den Schädel gestülpt hatte. Die Gestalt hatte eine Hautfarbe, die an matte Bronze erinnerte; seine Bekleidung bestand lediglich aus einem strahlend weißen Wickelrock.

»Den Herrn kenne ich doch?« murmelte Spooky nachdenklich.

Auch Danielle fühlte sich an Vertrautes erinnert. Langsam schritt sie von Nische zu Nische. Wesen mit Vogelköpfen gab es und solche mit Widderköpfen. Als das Licht ihrer Handlampe auf einen Löwen mit menschlichen Gesichtszügen fiel, schrie sie leise auf. »Ich weiß, was dies hier ist!« sagte sie laut. »Alle diese Gestalten tauchen in der irdischen Mythologie auf. Die Götter der Antike, die ein Mittelding zwischen Tier und Mensch waren.«

»Richtig!« sagte Spooky. »Vor allem die Ägypter hatten viele Tiergottheiten – Horus, der Falke; Chnum, der Widder; Thoth, der als Ibis auftrat – und hier die berühmte Sphinx.«

»Was aber hat dieses Museum zu bedeuten?« rätselte Giri.

»Vielleicht kann uns dieser Gott hier Auskunft geben!« sagte Sirghia lachend. Sie hatte weitere Nischen untersucht und in einer Höhlung einen Gott gefunden, der sich dort recht unglücklich fühlte und verzweifelt brummte.

»Cerlo«, rief Spooky, als der Stationsleiter von seinen Fesseln befreit wurde. »Wie bist du hierhergeraten?«

Der Morcone holte tief Luft und massierte seine geschundenen Handgelenke; dann berichtete er: »Eigentlich müßtet ihr alle vier längst erschossen sein – jedenfalls glauben Gerbault und seine Leute, euch umgebracht zu haben!«

»Wie das?« fragte Danielle verblüfft.

»Ich weiß es auch nicht«, gestand Cerlo. »Ich nehme aber an, daß es sich um hypnotische Projektionen gehandelt hat. Mir ist nur aufgefallen, daß sich Soleil nicht bei den angeblich Erschossenen befand; außerdem vermißte ich den typischen Gestank nach laserverbranntem Fleisch. Daraus zog ich den gewagten Schluß, daß ihr noch am Leben wart.

Nachdem Gerbault seine Freude über eure Ermordung ausgetobt hatte, marschierten die Gangster weiter – wir hatten völlig die Orientierung verloren, und die Männer wurden immer unruhiger. Nach einiger Zeit schlug einer der Schufte vor, mich schnell aus dem Weg zu räumen, da ich doch nur das kostbare Wasser verbrauchen würde. Meine Hoffnungen waren allmählich auf den Nullpunkt gesunken, zumal sich auch nicht die geringste Chance zeigte, den Burschen zu entkommen.

Ich kann euch nicht sagen, wo in diesem Labyrinth es genau geschehen ist – aber ich verschwand plötzlich. Ich spürte gerade noch, wie sich unter meinen Füßen ein Loch auftat und ich hinabfiel; dann sah ich Gerbault auf mich feuern, und vor Schreck verlor ich die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, lag ich hier – so, wie ihr mich gefunden habt.«

Die anderen hatten kopfschüttelnd mitgehört. Endlich brach Danielle das Schweigen. »Ich kann aus den Vorkommnissen nur einen Schluß ziehen«, sagte sie nachdenklich. »Wir werden pausenlos überwacht und getestet – ich frage mich nur, was am Ende dieser Tests stehen wird.«

Giri zuckte mit den Schultern.

Überraschend erschien an der Decke des Raumes ein Pfeil in grüner Farbe.

»Sieh an«, sagte der Morcone leise. »Soll das eine Einladung sein?«

»Möglich«, meinte Spooky. »Wir sind unseren unsichtbaren Freunden ohnehin völlig ausgeliefert – ohne ihre Hilfe finden wir den Ausgang dieses Labyrinths niemals.«

»Recht hat er«, sagte Danielle leise. Sie streichelte Soleil, der sich eng an sie schmiegte und zaghaft brummte. Gehorsam trottete das Tier hinter der Frau her, als sich die Gruppe in Bewegung setzte.

Der Weg führte durch ein kompliziertes System von Gängen und Räumen; jedesmal, wenn Wegalternativen auftauchten, gab der Pfeil an der Decke einen deutlichen Hinweis. Als er endlich erlosch, standen die vier vor einigen recht absonderlich aussehenden Maschinen, die Spooky entfernt bekannt vorkamen.

Zwei gummibereifte Räder, die durch ein kompliziertes Gestell miteinander verbunden, waren leicht zu erkennen. Was sich aber zwischen den Rädern befand, erregte Giris Interesse. Der Morcone besah sich die Maschine von allen Seiten und gab ein gelegentliches Brummen von sich. Vor allem die zahlreichen Hebel, die aus der Maschine herausragten, erregten seine Neugierde. Als er sich dann auf eine der Maschinen schwang, kehrte auch Spookys Erinnerung langsam zurück; irgendwo in seinem Gedächtnis formte sich das Bild eines Mannes, der genau wie Giri rittlings auf einem solchen Gerät hockte.

»Das ist ein Bodenfahrzeug!« stellte Giri kühn fest. »Und mit dem Gehörn kann man den Kurs bestimmen.«

»Genau!« rief Spooky erfreut. »Das sind uralte Räder mit Motor – ich glaube, mein Großvater hat noch solch ein Ding besessen. Wartet!« Er beschäftigte sich mit den Hebeln und nickte dazu.

»Gasdrehgriff, Kupplung …«, murmelte er. »Und dies hier wird der Starter sein.« Er trat den Kickstarter durch, und sofort sprang die Maschine an. Der Motor heulte auf, weil Spooky einen Handgriff bis zum Anschlag hochgedreht hatte. Aus einer langen Blechröhre an der Seite der Maschine kam ein unangenehm riechender Qualm.

Als Spooky sich wieder herunterschwingen wollte, rutschte er ab, und die Maschine wäre fast auf ihn gefallen, da er versehentlich die Seitenstütze entfernt hatte. Der Terraner versuchte festen Halt zu bekommen und trat dabei auf einen weiteren Hebel; etwas klickte leise, und vorsichtshalber ließ Spooky die Hebel am Lenker los, die er in der Hand hielt.

Die Maschine machte einen gewaltigen Satz nach vorn; Spooky verlor den Halt und stürzte zu Boden. Nur dem Umstand, daß er sich sofort zur Seite rollte, verdankte der Terraner, daß er nicht unter die gleichfalls zu Boden krachende Maschine geriet. Als sich der Terraner wieder aufrichtete, lag die Maschine verbeult, aber immer noch laut knatternd an einer Wand.

Nach über einer Stunde waren Giri und Spooky fähig, auf den Motorrädern einige Runden in dem geräumigen Saal zu drehen. Cerlo hatte die Technik der Geräte sogar noch etwas schneller begriffen.

»Was nun?« fragte Sirghia, nachdem die Männer ihre Maschinen abgestellt hatten.

Giri sagte nachdenklich: »Wahrscheinlich sollen wir mit diesen Maschinen den Weg fortsetzen. Auf jeder Maschine sind zwei Sitzplätze. Sirghia steigt bei mir auf, Danielle fährt mit Spooky und Cerlo bleibt solo. Einverstanden?«

Die Frauen nickten ergeben und schwangen sich mit deutlich erkennbarem Mißtrauen auf die Motorräder. Die Männer ließen die Maschinen anlaufen und legten den Gang ein. Wenig später fuhren sie den Weg entlang, den der wieder aufgetauchte Pfeil ihnen anzeigte.

Spooky begriff als erster, zu welchem Zweck die einzelnen Instrumente eingebaut worden waren; vergnügt sah er die Nadel des Tachometers in die Höhe klettern. Danielle lachte laut und stachelte ihren Fahrer an, die Geschwindigkeit heraufzusetzen. Echter Wettkampfeifer schien die drei Männer gepackt zu haben; Cerlo bildete die Spitze und raste in halsbrecherischem Tempo dem Pfeil nach.

Plötzlich fiel Cerlo etwas ein; er verlangsamte das Tempo und hielt nach einigen hundert Metern endgültig an.

»Was soll das?« fauchte Spooky, der die Raserei genossen hatte. »Warum zwingst du uns, anzuhalten?«

»Wir haben Soleil vergessen«, erklärte Cerlo ruhig. »Und außerdem war das Tempo schon selbstmörderisch.«

Die anderen sahen sich an und nickten stumm.

»Du hast recht«, murmelte Spooky endlich. »Wir kehren um und fahren Soleil entgegen.«

Es erwies sich als ziemlich mühsam, die Räder umzudrehen, aber schließlich bewegten sich die fünf Menschen wieder in der entgegengesetzten Richtung.

Soleil hatte sich sehr beeilt, seinen zweibeinigen Freunden zu folgen. Völlig außer Atem keuchte der Bär den Menschen entgegen und stürzte froh auf Danielle los. Nachdem die stürmische Begrüßung ein Ende gefunden hatte, setzten sich die Menschen wieder in Bewegung, diesmal in einem Tempo, das der Bär leicht halten konnte.

Die Gruppe erreichte das Ende des Weges. Diesmal führte aus dem elliptischen Saal kein Ausgang weiter. Die Menschen stiegen ab und warteten gespannt. Die nächste Überraschung kam in Gestalt von fünf bequemen Sesseln, die plötzlich aus dem Boden auftauchten; über ihren Kopfenden hingen Hauben, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit den morconischen Hypnose-Lehrmaschinen aufwiesen.

Spooky setzte sich als erster in Bewegung und nahm zögernd auf einem Sessel Platz, dann zog er langsam die Haube über den Kopf. Während sich haarfeine Detektoren durch seinen Bürstenschnitt wühlten, konnte er sehen, wie die anderen seinem Beispiel folgten. Als die Kontakte seine Schädelhaut berührten, verschwand schlagartig das Bild vor seinen Augen. In gleicher Geschwindigkeit baute sich in seiner Vorstellung ein anderes Bild auf, und Stimmen begannen zu sprechen …

Der Morcone war schon uralt, dennoch war seine Haltung gerade und sein Blick klar. Mit leiser, ruhiger Stimme sagte der Mann: »Ich will mich hier nicht zum Unglückspropheten profilieren, aber dennoch sehe ich schwärzer als schwarz.«

Die acht Männer in dem flachen einstöckigen Wohnhaus nickten beifällig. Durch die weit geöffneten Fenster drangen die typischen Gerüche einer Sommernacht auf Morcos – der alte Mann besaß einen üppig bestandenen Garten, dessen Blüten einen aromatischen anregenden Stoff absonderten. In der Ferne war schwarz und massig die Front des dichten Waldes zu erkennen, der das Haus des Alten umgab.

»Vielleicht liegt es an meinem Alter«, fuhr der Mann fort, »aber irgendwie erscheint es mir fast als ein Sakrileg, mit der universellsten aller Kräfte herumzuspielen – der Schwerkraft.«

»Falsch!« mischte sich der Jüngste der Runde ein. »Nicht der Versuch an sich ist gefährlich, sondern die Gedankenlosigkeit, mit der er geplant ist. Ohne die bisher üblichen Generatoren kleiner Art wäre an wirkliche Raumfahrt nicht zu denken.«

»Sehr gut gebrüllt«, meinte der Alte mit einem schwachen Lächeln. »Denkt aber bitte daran, daß wir diese Generatoren nicht erfunden haben – wir haben sie gefunden und lediglich nachgebaut, ohne sie zu begreifen. Wer die echten Erfinder der Gegenschwerkraft waren, wird uns vielleicht für immer unbekannt bleiben. Für äußerst gefährlich aber halte ich es, wenn versucht wird, einen solchen Generator in tausendfacher Vergrößerung zu bauen und planlos damit herumzuspielen.«

»Was aber sollen wir tun?« fragte der junge Morcone eifrig. »Das Ding sprengen?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Gewalt ist stets das vorletzte Mittel. Denkt daran, daß die Mehrheit des Volkes die Versuche mit Spannung erwartet und auch gutheißt – wir sind nur eine Minderheit.«

»Auswandern?« fragte der Junge mit leisem Spott. »Wohin? Wir verfügen nur über ein paar kleine System-Raumschiffe. Interstellarschiffe gibt es nur wenige.«

»Und diese wären für uns auch unbrauchbar«, murmelte der Alte nachdenklich; er starrte gedankenverloren aus dem Fenster. »Immerhin ist die von mir erwähnte Minderheit etliche hunderttausend Köpfe stark. Außerdem sind wir so unbeliebt, daß man uns niemals die Interstellarschiffe zur Verfügung stellen würde.«

»Bleibt also nur das System selbst«, setzte der Jüngling die Überlegung fort. »Der einzige Planet, auf dem man ohne aufwendige Schutzeinrichtungen überleben kann, ist Mainares. Sollen wir uns dorthin flüchten? Stets für die anderen erreichbar?«

»Genau das ist das eigentliche Problem!« flüsterte der Alte. »Schlägt der Versuch fehl, wird man uns Sabotage vorwerfen und ohne Gnade hetzen. Sind die Experimente aber erfolgreich, bleiben wir als Narren und ewig Gestrige weiterhin außerhalb der Gesellschaft.«

Schweigen breitete sich aus; die Morconen dachten über die Worte des alten Mannes nach. Endlich sagte einer: »Ich bin nach reiflicher Überlegung dafür, nach Mainares auszuwandern. Selbst wenn der Versuch mit dem Großen Generator erfolgreich ist, wird es für uns besser sein, nicht auf Morcos leben zu müssen.«

Die anderen nickten, stumm und niedergeschlagen.

Die Szenerie änderte sich; das Bild des Bungalows verblaßte und verschwand schließlich gänzlich. Statt dessen wurde das Gesicht des Alten größer; der Mann lächelte schwach.

»Sie haben gerade einen Film gesehen, der noch auf dem alten Morcos gedreht wurde. Wenige Jahre später brach das Unheil über unsere Welt herein. Sie werden die Geschichte kennen – Morcos änderte seine Bahn und wurde derartig zerstört, daß seine Bewohner jahrhundertelang nicht mehr an uns Außenseiter dachten –, jedenfalls ist seither kein Schiff mehr auf Mainares gelandet. Doch das ist jetzt unwichtig.

Unsere Verblüffung war unbeschreiblich, als wir einige Jahre nach der endgültigen Trennung von Morcos dieses Höhlensystem entdeckten.

Die Geschichte dieser Höhlen ist faszinierend; Sie werden sie bald erfahren. Zuvor sei aber noch erzählt, was sich nach der Katastrophe auf Mainares ereignete. Zunächst waren wir entsetzt, als wir sahen, was aus unserer ehemaligen Heimat geworden war, aber helfen konnten wir nicht – wir besaßen kein einziges Raumschiff mehr, und von Morcos selbst ist keines gestartet. Wahrscheinlich waren die Verwüstungen zu groß.

Wir hatten deshalb versucht, auf Mainares eine neue Zivilisation aufzubauen. Doch mit unseren beschränkten Mitteln war dies nicht möglich. Die Siedler zerstreuten sich über Mainares, erfreuten sich der herrlichen Landschaften und starben allmählich aus. Die Geburtenzahlen waren in den ersten kritischen Jahren derartig gering, daß wir, die ehemaligen Führer der Bewegung, sicher waren, daß unser Volk auf Mainares nicht überleben konnte. Also entschlossen wir uns, abermals auszuwandern. Bevor wir abflogen, hinterließen wir in diesem Höhlensystem noch einige Hinweise – vor allem diese Hypnobänder, die Sie jetzt hören.«

4.

Spooky drehte sich im Bett herum und schlang die Arme um das Kopfkissen, als ihm schlagartig bewußt wurde, was er tat. Ruckartig richtete sich der Terraner auf. Er schluckte heftig und murmelte schwach: »Verdammt, wie komme ich in meine Wohnung?«

Daß es sich um sein Appartement auf Sansibar handelte, war offensichtlich. Das Bett, die Poster an der Wand – all das kam ihm völlig bekannt vor. Er stellte fest, daß er seinen Schlafanzug trug, der eigentlich auf Sansibar in der Kiste mit der ungewaschenen Kleidung hätte liegen müssen.

»Gut, gut«, murmelte der Terraner. »Für einen Alptraum ist dies jedenfalls erträglich.«

Er stand auf und grinste schwach; wenn er sich wirklich in seiner Wohnung befand – wie auch immer er dorthin gekommen sein mochte –, mußte hinter der vollständigen Shakespeare-Werksausgabe noch eine Flasche Whisky stehen.

»King Lear«, murmelte Spooky, dann zog er das Buch aus dem Regal. Sein Gesicht verfärbte sich leicht, als er hinter dem Band tatsächlich eine gefüllte Flasche entdeckte. Er nahm einen Schluck, und der Whisky erwies sich als echt. Versehentlich ließ der Terraner das Buch in seiner Hand fallen. Der Band krachte auf den Teppichboden und öffnete sich. Spooky kniff die Augen zusammen, öffnete sie wieder und sah noch einmal auf den Boden; die Blätter waren vollständig weiß. Als Spooky blätterte, wuchs sein Erstaunen – lediglich auf der ersten Seite fanden sich einige Shakespeare-Zitate, die zudem meist gar nicht aus King Lear stammten.

Langsam begann der Mann zu ahnen, wo er sich befand; nachdem er sich erneut an der Flasche gütlich getan hatte, zog er sich rasch an und drückte die Klinke an der Tür nieder.

»Aha«, murmelte DeLacy, als er auf den Gang trat, dann aber wurde sein Gesicht wieder nachdenklich. »Bin ich, wie angenommen, noch immer auf Mainares, kann ich weitergehen; sollte ich indes auf Sansibar sein, müßte ich eigentlich auf meinem Balkon stehen.«

Er überlegte krampfhaft, ob er den nächsten Schritt tun sollte; daß er sich in einem Zwischenstadium zwischen Bewußtsein und Trance befand, hielt er für sicher – fraglich war nur, welcher Teil des ihn umgebenden Bildes der Realität entsprach. Mit sehr gemischten Gefühlen dachte Spooky daran, daß er auf der Erde im 58. Stock eines Hochhauses wohnte.

Mehr und mehr begann er sich zu fürchten. Selbstverständlich hatte sein Balkon ein festes Geländer, aber er war sehr sicher, daß der Unbekannte, der ihm eine optische Täuschung vorspielen konnte, auch seine anderen Sinne würde manipulieren können. Spooky überlegte fieberhaft; seinen Unmut über die vertrackte Situation machte er mit halblauten Flüchen Luft. Sein Zorn legte sich erst, als er Danielle erkannte, die aus einer anderen Tür trat und ihn verwundert musterte.

»Was machen wir nun?« fragte sie, nachdem Spooky sein befremdendes Betragen erklärt hatte.

»Suchen«, schlug DeLacy vor. »Hier gibt es sicher einen Aufenthaltsraum – und wahrscheinlich werden wir dort auch Giri und Sirghia finden.«

Nacheinander nahmen sie sich die Türen vor; erst beim achten Versuch ließ sich eine der Klinken niederdrücken.

»Endlich!« seufzte Sirghia, die in einem hochlehnigen Sessel Platz genommen hatte. »Wir wunderten uns schon.«

»Ich hatte einige Orientierungsschwierigkeiten«, murmelte Spooky.

Wenig später erschienen auch Giri und Cerlo; eine kurze Diskussion ergab, daß alle Beteiligten in Räumen aufgewacht waren, die ihren Privatwohnungen stark glichen. Woher allerdings die beträchtlichen Fehler stammten, konnte nicht geklärt werden.

Ein Kratzen an der Tür unterbrach die Unterhaltung. Spooky öffnete sehr vorsichtig und landete unter Soleils Ansturm eine halbe Sekunde später in einer Ecke des Raumes.

»Das nennt man Treue!« bemerkte Danielle und streichelte das Tier.

»Ich wüßte nur zu gern«, überlegte Spooky heiter, »wie Soleils Nachtquartier ausgesehen hat.«

»Wie eine Bärenhöhle, selbstverständlich«, sagte eine fremde Männerstimme. »Seien Sie mir willkommen!«

Die Menschen fuhren herum und sahen einen Mann in einem bisher nicht erkennbaren Türrahmen stehen, der die Gruppe mit einem freundlichen Lächeln begrüßte. Interessiert musterte Spooky den Fremden; irgendwie sah der Mann merkwürdig aus, obwohl er auf den ersten Blick wie ein gutgewachsener Terraner wirkte.

»Ich will Sie nicht beleidigen«, sagte der Terraner vorsichtig. »Aber ich bin sehr sicher, daß Sie keine Eltern haben.«

»Meinen Glückwunsch zu Ihrer guten Beobachtungsgabe«, sagte der Mann liebenswürdig; er sprach in jenem Misch-Englisch, mit dem DeLacy aufgewachsen war. Verwunderlich war, daß auch Giri den Mann verstehen konnte.

»Sie haben mit Ihrer Vermutung durchaus recht«, gestand der Unbekannte. »Ich bin ein Kunstprodukt – Sie würden wahrscheinlich Androide sagen. Und bevor Sie sich wundern, warum ich anscheinend für jeden seine Heimatsprache verwende – die Kommunikation zwischen Ihnen und mir erfolgt auf geistiger Ebene. Damit meine ich, daß Sie meine Stimme quasi in Ihrem Kopf hören, und zwar in der Sprache, die Ihnen die vertrauteste ist. Sie selbst können jede beliebige Sprache wählen – ich würde allerdings empfehlen, Morcash zu verwenden, damit Sie sich auch untereinander verstehen.«

Mit einer Handbewegung forderte er die Menschen auf, sich in die großen, schweren Sessel zu setzen. Sobald alle fünf Platz genommen hatten, sprach der Fremde weiter: »Sie werden wahrscheinlich sehr neugierig sein. Welchen Themenkomplex wollen wir zunächst angreifen – meine Person, die Ereignisse der letzten Tage und Stunden oder die Geschichte dieses Systems?«

»Fangen wir mit Ihnen an«, schlug Giri höflich vor; der Androide nickte lächelnd.

»Einen Namen habe ich leider nicht«, sagte er. »Ich bestehe zum größten Teil aus Zellgewebe, das dem Ihren sehr ähnlich ist – genetisch bedingte Schwächen Ihrer Zellen wurden jedoch bei meiner Konstruktion vermieden. Ich bin also lediglich ein wenig stärker, intelligenter und reaktionsschneller als Sie. Ich bin sterblich wie Sie, altere aber nicht – zum Ausgleich sind Ihre Herstellungskosten wahrscheinlich um ein Vielfaches niedriger.«

»Wie steht es mit den Grundgesetzen der Robotik?« erkundigte sich Spooky mißtrauisch.

»Kenne ich nicht«, erklärte der Namenlose. »Ich handle prinzipiell logisch – nur wenn kein Schaden für mich oder meine Umwelt zu befürchten ist, kann ich auf Gefühlserlebnisse umschalten. Meine Erbauer legten Wert darauf, daß kein Unbefugter diese Anlagen betritt. Um unerwünschte Besucher abzuhalten, wurden verschiedene Sperren eingerichtet. Soleil beispielsweise wäre bereits an der ersten Felswand gescheitert. Daß sich die Pforte kurz nach seinem Brüllen öffnete, war reiner Zufall. Mit Hilfe der sehr bösartigen Tiere sollte Ihre Aggressivität erprobt werden – hätten Sie sofort geschossen, hätte ich Sie über verschiedene Wege wieder zur Außenwelt zurückgeführt.«

»Wie steht es mit Gerbault und seinen Gefährten?« erkundigte sich Spooky. Der Androide lachte unterdrückt.

»In seinem Fall ist uns ein schwerwiegender Fehler unterlaufen«, sagte er heiter. »Aufgrund seiner Abmessungen und seines Haarwuchses hat ihn der Pförtnerautomat als einen Artgenossen von Soleil eingestuft. Was sich anschließend ereignete, wissen Sie bereits. Die Automaten werden ihn und seine Männer noch ein paar Stunden in Atem halten. Wenn er genügend verängstigt ist, werden wir ihn abziehen lassen.«

»Sie sagen wir«, erinnerte ihn Danielle. »Wer außer Ihnen lebt noch in den Höhlen?«

»Danke«, sagte der Androide mit einer leichten Verbeugung. »Für den Ausdruck ›leben‹. Außer mir gibt es noch einige Dutzend Rechengehirne in dieser Anlage – da wir ständig miteinander kommunizieren, haben wir uns angewöhnt – nun, von ›wir‹ zu reden. Unsere Robothirne sind so weit entwickelt, daß sie fast eine Art Individualität entwickelt haben. Zum Testprogramm gehörte übrigens auch die kleine Rennfahrt – sie sollte Ihr Reaktionsvermögen ermitteln und außerdem zeigen, wie gut Sie sich beherrschen können.«

»Und die Zimmer?« bohrte Spooky. »Der verstümmelte Shakespeare?«

»Wir haben die Räumlichkeiten nach den Daten angefertigt, die wir in Ihren Hirnen vorfanden«, berichtete der Androide. »Da in Ihrem Gedächtnis, Mister DeLacy, King Lear nur bruchstückhaft vorhanden war, konnten wir nur diese Teile reproduzieren.« Der Androide lächelte Danielle an. »Die Ausgabe im Zimmer von Mademoiselle Velleur ist allerdings vollständig.«

Spooky schluckte diese Bemerkung; langsam begann sich eine logische Kette in den Ereignissen der letzten Tage zu formen.

»Wie alt ist diese Anlage?« fragte Giri.

»Achttausend Jahre«, sagte der Androide kurz.

»Bitte, berichten Sie!« bat Danielle. »Das Höhlensystem wurde von einem Volk angelegt, das vor einigen tausend Jahren dieses System anflog«, erläuterte der Androide. »Dieses Volk – meine Herren und Erbauer – wollte aus Mainares ein Ferienparadies machen. Demzufolge wurde die Natur des Planeten umgeformt – Raubtiere beispielsweise werden Sie nur noch als Fossilien finden können. Leider mußten die Herren feststellen, daß dieser Planet aus immer noch ungeklärter Ursache zu häufigen und starken Mutationen führte. Neben einigen wenigen tödlichen Abwandlungen bildeten sich zwei völlig verschiedene Völker. Eines davon zeichnete sich durch besonders großen Körperwuchs und auffällige Hagerkeit aus.«

»Die Morconen!« rief Danielle. Der Androide bestätigte durch ein Nicken.

»Weniger normal waren andere Mutationen«, fuhr der Namenlose fort. »Sie haben diese genetischen Neuschöpfungen bereits gesehen.«

»Die Tierköpfigen!« murmelte Giri.

»Richtig«, bestätigte der Androide. »Als sich zeigte, daß gegen die Mutationen nicht anzukommen war, entschloß man sich zur Radikallösung. Die Hageren wurden auf den Nachbarplaneten verbannt, der bisher noch kein intelligentes Leben entwickelt hatte. Wir stellten diesem Volk einige Dutzend Raumschiffe zur Verfügung, mit denen es aber, wie sich zeigte, nicht sehr viel anfangen konnte, da die Durchschnittsintelligenz weit unter dem Standard meiner Herren lag.«

»Und was wurde aus den Tierköpfigen?« wollte Danielle wissen.

»In relativer Nähe von Morcos wurde ein bewohnbares Sonnensystem entdeckt«, berichtete der Kunstmensch weiter. »Auf dem dritten Planeten dieses Systems hatte sich bereits ein Volk entwickelt, das dem meiner Herren sehr ähnlich war, wenn auch unendlich primitiver. Auf diese Welt wurden die Tierköpfigen, die meist auch noch über parapsychische Fähigkeiten verfügten, deportiert – übrigens mit ihrem Einverständnis. Mit ihnen wurden einige hundert Pfleger ausgesiedelt, dazu kamen Wächter.«

»Wächter?« wiederholte Spooky, den eine böse Ahnung überfiel. »Wächter für wen?«

Der Androide bat mit einem Lächeln um Verzeihung, bevor er sagte: »Es gab leider auch im Volk meiner Herren einzelne Wesen, deren Intelligenz sehr weit unter dem Durchschnitt lag. Diese Individuen waren völlig unfähig, sich in das hochtechnisierte Gesellschaftsleben ihres Volkes einzufügen. Meine Herren hielten es für unlogisch, diese Individuen pausenlos zu überwachen, was sie ihrer Würde beraubte – statt dessen schlug man vor, sie auf eine Welt zu bringen, deren Ansprüchen sie gewachsen waren.«

»Das darf nicht wahr sein!« wimmerte Spooky. »Die Erde als galaktisches Irrenhaus, als Asyl für die Schwachsinnigen einer Milchstraße.«

»Sie machen mehrere Fehler«, äußerte der Androide kalt. »Zunächst einmal ist nicht jeder, der weniger befähigt ist als Sie, deshalb ein Schwachsinniger. Und überlegen Sie einmal – wie fühlt sich ein Durstiger, der überall Menschen trinken sieht, selbst aber dazu nicht fähig ist? Ist es nicht besser, diese Menschen in eine Gesellschaft zu bringen, in der sie sich selbst als vollwertige Mitglieder fühlen?«

Der Kunstmensch verzog die Lippen zu einem bitteren Lächeln. »Was Sie nicht wissen können – die eigentlich Kranken waren nicht die Deportierten, sondern die Zurückgebliebenen, weil sie trotz aller Intelligenz unfähig waren, die anderen als vollwertig anzusehen. Krank wird der Gehandikapte erst, wenn man ihn seine Hilfsbedürftigkeit fühlen läßt – wozu ein Intelligenzwesen eigentlich unfähig sein sollte. Es ist beschämend, wenn man nur auf Kosten anderer ein Selbstwertgefühl gewinnen kann.«

Spooky nickte betroffen und wechselte das Thema. »Und welchen Sinn hat diese Anlage hier im Berg?«

»Sie soll den Deportierten die Möglichkeit geben, ihr Volk wiederzufinden«, erläuterte der Androide. »Vor allem den Morconen, da dieses Volk meinen Herren geistig noch am nächsten stand. Allerdings konnten sie die Schwerkraftkatastrophe nicht vorhersehen – als ich die Nachricht darüber weiterleitete, wurde mir befohlen, einen großen Projektor zu bauen und zu warten. Sobald sich das geringste Anzeichen dafür zeigte, daß die Morconen Versuche mit der Schwerkraft unternahmen, sollte ich mit dem Generator ein unübersehbares Zeichen geben. Und das ist mir wohl gelungen«, stellte er fest. »Sonst wären Sie schwerlich hier.«

»Besteht diese Nachrichtenverbindung noch immer?«

Der Androide schüttelte bedauernd den Kopf. »Die ausgewanderten Morconen, die kurzfristig Mainares bewohnten, haben sie versehentlich zerstört. Damals bestand die Verbindung noch – die Mainares-Bewohner wurden über sie aufgefordert, zum Ursprungsplaneten ihres Stammvolkes zurückzukehren.«

»Aha!« machte Spooky spöttisch. »In dem Hypnofilm sagte der Alte aber, daß die ausgewanderten Morconen überhaupt keine Schiffe besessen hätten. Wie sind sie dann ausgewandert?«

»Mit unseren Schiffen«, sagte der Androide. »Vier davon stehen noch in den Hangars.«

Die Menschen brauchten einige Zeit, bis sie diese Information verarbeitet hatten; die Möglichkeiten waren geradezu überwältigend. Mit Hilfe der Schiffe mußte es möglich sein, Kontakt zu den Stammeltern der Morconen zu bekommen, deren Zivilisation nach eigener Aussage hochtechnisiert war – und folglich auch befähigt, dem Dilemma der Morconen zu Leibe zu rücken.

»Können wir die Schiffe sehen?« erkundigte sich Sirghia. Der Androide nickte und stand auf.

»Folgen Sie mir!« bat er höflich.

Auf dem Gang wartete eine weitere Überraschung auf die Menschen; leicht erschreckt stellten sie fest, daß sich der Boden unter ihnen bewegte.

»Eine einfache Angelegenheit«, erklärte der Androide. »Der Boden besteht aus einer Substanz, die sich zu horizontalem Druck wie ein harter Körper verhält, in der Vertikalen hingegen mehr einer Flüssigkeit ähnelt. Der Stoff wird abgesaugt und kann so Menschen und Material transportieren.«

Giri fragte sich im stillen, wie dieser Mechanismus gesteuert wurde.

»Durch gedankliche Befehle«, antwortete der Androide; wahrscheinlich hatte er Giris Überlegungen auf telepathischem Weg verfolgt. »Ein Leitsystem koordiniert die Wünsche der einzelnen Benutzer.«

Er hatte den Satz kaum beendet, als das Transportband zu verzögern begann und kurz darauf zum Stillstand kam. Außer glatten Felswänden war nichts zu erkennen. Der Androide ließ eine Pforte aufschwingen.

Als der Kunstmensch den Boden des Hangars berührte, flammte die Beleuchtung auf. Im Licht der zahlreichen Lampen waren die Schiffe genau zu erkennen – drei recht schlanke Zylinder, die zusammengekoppelt waren. Auf der Spitze der Konstruktion war eine Kugel zu erkennen, in der sich wahrscheinlich die Flugbesatzung aufhielt.

»Beachtlich!« sagte Giri beeindruckt. »Sind die Schiffe flugklar?«

»Selbstverständlich«, meinte der Androide. »Sie können jederzeit damit starten – die Bedienungsanleitung unterscheidet sich nur geringfügig von denen der Schiffe, die Sie bereits kennen. Die Fahrzeuge der Herren sind lediglich etwas kleiner, besser und schneller.«

»Was haltet ihr davon«, wollte Giri wissen, »wenn wir mit einem dieser Schiffe nach Morcos zurückkehren? Für drei bis vier Tage werden wir uns wohl eines ausleihen dürfen.«

»Tage werden wir nicht brauchen«, meinte der Androide. »Die Antriebsaggregate der Erbauer eignen sich auch für überlichtschnelle Kurzflüge.«

»Noch besser!« sagte Giri. »Brauchen wir noch irgend etwas, oder können wir sofort starten?«

Einem sofortigen Start stand nichts im Weg; lediglich der Androide nahm sich eine halbe Minute Zeit, um dem zentralen Rechenhirn noch einige Befehle zu geben. Als er die Augen wieder öffnete, lächelte er zufrieden.

»Gerbault und seine Freunde sind in Panik geflüchtet«, verkündete er. »Sie werden uns nicht mehr belästigen.«

Spookys Annahme erwies sich als falsch; nicht nur die Kugel an der Spitze diente als Raum für Besatzung und Passagiere – auch die obere Hälfte des Zylinderbündels enthielt Schlaf- und Wohnräume, Hygienezellen und sogar eine umfangreiche Bücherei.

»Sollen wir dem Kasten einen Namen geben?« fragte der Terraner. »Ich wäre für VANITY FAIR – Jahrmarkt der Eitelkeit.« Der Vorschlag wurde angenommen.

»Der Antrieb ist entschieden zu kompliziert, um ihn jetzt zu erklären«, meinte der Androide. »Aber die Steuerung ist um so einfacher. Dies hier ist der Beschleunigungshebel. Je weiter man ihn nach vorn drückt, desto größer wird die Beschleunigung – und umgekehrt. Und das hier ist das Zielgerät. Der Vorgang ist einfach: Man richtet den Sucher auf das gewünschte Ziel, wartet, bis die Geschwindigkeitsanzeige einen bestimmten Wert überschritten hat – und betätigt den Überlichtantrieb. Ein Automat sorgt dafür, daß das Schiff in ungefährlichem Abstand vom Zielplaneten wieder in den Normalraum eintritt.«

Spooky nahm im Sessel des Kopiloten Platz. Auf einem kleinen Bildschirm konnte er erkennen, wie sich im Dach des Hangars eine Öffnung bildete.

»Also dann«, brummte der Terraner und schob den Beschleunigungshebel langsam nach vorn; dennoch fegte das Schiff mit atemberaubender Geschwindigkeit senkrecht in die Höhe. Der Terraner sah auf die Anzeigen. Die feine Nadel machte einen weiteren Sprung und war damit in eine rot gefärbte Zone geraten.

»Ich vermute, wir könnten jetzt das Überlichttriebwerk einschalten?« fragte Spooky. Der Androide nickte kurz und sah zu, wie der Terraner das Zielgerät exakt auf Morcos ausrichtete.

»Fertig?« fragte Spooky mit einem raschen Blick in die Runde. »Dann los.«

»Halt!« schrie Danielle, deren Blick zufällig auf einen Bildschirm gefallen war.

Der Terraner reagierte um den Bruchteil einer Sekunde zu spät; seine Hand riß den ebenfalls rot lackierten Hebel nach unten. Ein gewaltiger Stoß fuhr durch das Schiff, wirbelte es um seine Achsen und ließ die Menschen wie Gummipuppen durch den Raum fliegen. Im Chaos aus splitterndem Glas, schreienden Menschen und kreischendem Metall verlor Spooky das Bewußtsein.

Gerbault und seine Männer waren mit ihrer Selbstbeherrschung endgültig am Ende; seit mehr als vierzig Stunden irrten sie auf der Suche nach einem Ausgang durch das Höhlenlabyrinth.

Immer neue Fallen und Überfälle zerrten zudem an den Nerven der Männer: Klappen öffneten sich, aus der Decke brachen tonnenschwere Felsbrocken, die Lufttemperatur schwankte innerhalb einer Stunde zwischen Eiseskälte und einer nahezu unerträglichen Hitze, Ungeheuer tauchten in unregelmäßigen Abständen auf und stürzten sich auf die Männer. Hunger hatte sie geschwächt, und als ein Mann versehentlich die letzte Wasserflasche in einen Felsspalt rollen ließ, wäre er fast erschlagen worden. Schlaf wurde zum Tagtraum, denn für die Männer gab es keine ruhige Minute – ständig mußten sie mit weiteren Angriffen rechnen.

Gerbault, der einzige, der noch halbwegs bei Kräften war, trieb die Männer vorwärts; er dachte nicht daran, aufzugeben. In seinem Magen wühlte ein schneidender Hunger, und seine Zunge fühlte sich an wie ein Stück Sandpapier, aber er wußte, daß er um jeden Preis den Ausgang aus dem Höhlensystem finden mußte, wollte er nicht hier sterben. Doch auch er war fast am Ende.

Ein Mann brach lautlos zusammen. Auch die anderen machten nicht den Eindruck, als könnten sie noch große Belastungen ertragen; ihr Atem ging rasselnd, und ihre Schritte waren langsam und schleppend geworden.

Die Rothaarige spielte schweratmend mit seinem Laser herum und murmelte: »Wir sollten aufgeben, Chef. Noch haben wir die Möglichkeit, allem ein rasches Ende zu machen.«

»Unfug!« knurrte Gerbault. »Wenn ihr aufgeben wollt – meinethalben. Ich gehe weiter.« Trotz der Schmerzen, die jede Bewegung der überanstrengten Muskeln mit sich brachte, stapfte er Schritt um Schritt vorwärts und stützte sich dabei auf den langläufigen Laser.

Hundert Meter weiter brach er zusammen; vor seinen Augen tanzten Feuer aus kaltem, grellem Licht. Wie scharfe Messer bohrte sich die heiße Luft bei jedem Atemzug in seine Lungen. Er sammelte alle Kräfte und richtete sich mühselig wieder auf, dann ging er weiter – wie eine Aufziehpuppe. Der nächste Zusammenbruch würde der letzte sein.

»Haha!« lachte der Gangster auf; es klang schmerzerfüllt, aber echt. »Kommt, Leute! Ich habe den Ausgang gefunden!«

Der Übergang von glattem, fast geschliffen aussehendem Fels zu rauhem Naturgestein bewies ihm, daß er den künstlich angelegten Teil der Höhlen verlassen hatte. Mit raschen Schritten legte er das letzte Wegstück zurück, bis er draußen im Freien stand und den Gleiter entdeckte, der schwarz und ausgebrannt vor dem Höhleneingang stand. Etwas weiter schimmerte der Lack des zweiten Fahrzeugs, mit dem er hergekommen war, durch das Blattwerk.

Jeder Schritt zu dem Fahrzeug hin fiel dem Mann leichter. Als habe es nie ein Höhlensystem mit seinen Strapazen gegeben, schwang er sich in den Gleiter und fiel über die Wasservorräte her. Er trank mit langen, hastigen Zügen, und er konnte förmlich spüren, wie sich seine Körperzellen vollsogen. Ein Schritt nach rechts, ein wuchtiger Tritt, und die Kühlschranktür flog krachend auf; der Mann machte sich nicht die Mühe, lange zu wählen. Ohne genau hinzusehen, ergriff er das erstbeste genießbare Stück und biß gierig hinein.

Als er endlich das gröbste Hungergefühl unterdrückt und gestillt hatte, begann er über die nächsten Schritte nachzudenken. Er warf einen Blick auf seine vier Männer, die systematisch den Kühlschrank leerten, und sah ein, daß er mit diesem Team nicht noch einen Vorstoß in die Höhlen unternehmen konnte.

»Was haben Sie jetzt vor, Chef?« fragte einer mit vollem Mund. »Sie wollen doch nicht etwa …?« Der Mann ließ den Satz unvollendet, aber Gerbault spürte genau, was der Mann sagen wollte. Er winkte ab.

»Eßt in Ruhe!« sagte er resignierend. »Anschließend werden wir von hier verschwinden.«

Das erleichterte Seufzen bewies Eugene Gerbault, daß im Augenblick mit diesen Männern nicht mehr zu rechnen war. Vielleicht konnte man sie später wieder im Auftrag der Distributionisten verwenden.

Die Gangster hatten ihre improvisierte Mahlzeit beendet; zwar ähnelte der Boden des Expeditionsgleiters nunmehr einem Schlachtfeld, doch die Männer störten sich nicht daran. Ihre Gedanken kreisten hauptsächlich um das Schiff, das in der Nähe der Station auf sie wartete.

Gerbault wußte, was seine Männer dachten; mit höchster Geschwindigkeit fegte der Gleiter auf der alten Spur zurück. Sie war nur schwer zu erkennen, da der vor Stunden schon niedergegangene Regen den Gräsern geholfen hatte, sich wieder aufzurichten. Die geknickten Jungbäume allerdings boten einen guten Anhaltspunkt für die Kursbestimmung.

Während er den Gleiter auf Kurs hielt, fragte Gerbault über die Schulter hinweg: »Was habt ihr vor?«

»Zur Erde«, sagten die beiden Terraner; die Morconen dachten an ihren Heimatplaneten.

Gerbault schüttelte resignierend den Kopf; in ihrer Angst dachten die Männer offensichtlich nicht daran, daß sie auf den genannten Planeten wahrscheinlich von der Polizei in Empfang genommen werden würden. Es war nicht anzunehmen, daß sich niemand über den Ausfall der Mainares-Station wundern würde – und bei den Nachforschungen würden mit Sicherheit auch die Namen Gerbaults und seiner Begleiter fallen.

Als der Gleiter die Station erreichte, erkannte der Gangster, daß Nachforschungen überflüssig sein würden – neben der Kuppel stand nur noch ein Raumschiff. Offenbar war es dem gefesselten und geknebelten Morconen gelungen, sich zu befreien, und er war mit dem Raumschiff dieses Giri bel Tarman geflohen. Gerbault überschlug kurz die Zeit – noch blieben ihm einige Tage Vorsprung, bis ein morconisches Polizeikommando auf Mainares eintreffen konnte.

»Verdammt!« fauchte einer der Männer.

»Macht nichts«, beruhigte ihn Gerbault. »Unser Schiff steht noch, und das Sicherheitsschloß hat der Bursche bestimmt nicht öffnen können. Wir werden keine Zeit verlieren und sofort starten.«

Seine Vermutung erwies sich als zutreffend; zwar gab es rund um das Schloß eine große Zahl von Kratzspuren, aber das Schloß selbst war noch unversehrt. Gerbault stieg als erster in das Schiff. Der letzte Mann verschloß die Luke und beeilte sich, ins Cockpit zu kommen.

»Wir haben es geschafft!« knurrte Gerbault zufrieden, als sich das Schiff relativ gemächlich vom Boden des Planeten Mainares erhob und in die Stratosphäre vorstieß. »Wir haben es endgültig …«

»Chef!«

Gerbault fuhr herum und erstarrte. Mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit raste ein unbekanntes Schiff auf sie zu. Gerbault versuchte noch eine Kursänderung, aber der Fremde war entschieden zu schnell. Das letzte, was der Verbrecher bewußt wahrnahm, war ein bläuliches Flimmern, das sich Sekundenbruchteile vor dem Zusammenprall über die Schirme breitete.

Der Mann glaubte zu fühlen, wie sein Körper auseinandergerissen wurde, dann schwand auch dieser Eindruck. Um Gerbault herum trieben in einer hellblauen zähen Flüssigkeit große, bunte Blasen mit schillernden Oberflächen. Mit zeitlupenhaften Bewegungen versuchte Gerbault lachend, eine Blase zu fangen, in deren Inneren es unaufhörlich zuckte und blitzte, doch seine Hand glitt durch die Gebilde hindurch, als bestünden sie überhaupt nicht.

Eugene Gerbault war mitsamt seinem Schiff Bestandteil einer Dimension geworden, die sich dem Zugriff menschlicher Vernunft entzog.

5.

Spookys Besinnungslosigkeit war nicht von langer Dauer. Abraham DeLacy faßte an seinen Kopf und fühlte Blut. So rasch wie möglich richtete sich der Mann auf und sah sich um. Überall waren Scherben und Trümmer verstreut, in den Ecken des Cockpits lagen zusammengekrümmt die anderen Passagiere der VANITY FAIR.

Zunächst zog Spooky den Beschleunigungshebel zurück bis auf die größtmögliche Verzögerung; da sich das Schiff offensichtlich in der Nähe eines Himmelskörpers befand, war diese Maßnahme unumgänglich, wollte man keine Kollision riskieren.

»Verdammt!« ächzte Giri. Spooky erkannte, daß seine Freunde bald wieder bei Besinnung sein würden, und konzentrierte sich auf die Steuerung des Schiffes. Er war noch zu benommen, um überlegen zu können, wo sich die VANITY FAIR zur Zeit befand – er erkannte lediglich, daß er gerade an einem Asteroiden größeren Kalibers vorbeigerast war und nun geradlinig auf einen Planeten zuhielt.

»Holla!« staunte Giri, als er sich näher mit dem Planeten beschäftigte. »Diese Welt ist bewohnt.«

Auch der Androide rappelte sich mühsam hoch. Rasch begab er sich in die Feuerleitzentrale und schaltete die Abwehrschirme ein.

Wie dringend erforderlich diese Maßnahme war, wurde nur Sekunden später offenbar; aus mindestens fünfzig Geschützen auf dem Planeten schlug dem Schiff ein Feuersturm entgegen. Danielle riß entsetzt die Hände vors Gesicht, während der Androide gelassen bekanntgab, daß die Belastung des Schirmfeldes unter zehn Prozent lag. An diesem Wert änderte sich auch nichts, als mehrere Schiffe die VANITY FAIR mit Kampfraketen beschossen.

Langsam begann Spooky zu ahnen, was sich in diesem Augenblick abspielte; er erinnerte sich dumpf, von dieser Szenerie bereits gehört oder gelesen zu haben, aber er kam nicht mehr dazu, seinen Verdacht auszusprechen.

Mit hoher Beschleunigung näherte sich ein Schiff von der Seite und nahm das Heck der VANITY FAIR unter Beschuß, und diesmal schlugen die Kampfstrahlen durch. Im Triebwerksteil des Schiffes krachte es, und die Erschütterungen mehrerer Detonationen durchliefen den Schiffskörper.

»Weg von hier!« schrie Giri laut. Spooky nickte grimmig und zog den Beschleunigungshebel wieder auf den Höchstwert; das Schiff hatte die Lufthülle des Planeten fast passiert.

»Wenigstens einen Gruß schicke ich noch hinunter!« brummte Giri und tippte kurz auf einen Knopf auf dem Instrumentenpaneel vor dem Androiden. Ein leises Rucken ging durch das Schiff, während der Strahl durch die Atmosphäre zuckte und auf dem Boden des Planeten einschlug. Eine mächtige Staubsäule brach empor und verdeckte die Sicht.

»Und noch einen!« knurrte der wütende Morcone.

»Aufhören!« schrie Spooky. »Wir überfliegen Terra!«

Die VANITY FAIR schwebte mit abgeschalteten Triebwerken durch den Raum. In der geräumten und gesäuberten Kugel des Schiffes saßen die Passagiere und hörten Spooky zu.

»Mir ist leider etwas zu spät eingefallen«, erklärte der Terraner langsam. »Wie gesagt, ich habe nicht daran gedacht – auf den Geheimlehrgängen wurde die Geschichte, die wir gerade erlebt haben, erzählt und gelehrt. Auch in den sekretierten Erinnerungen von Raumkapitän Marsh Garfield – jenem Mann, der Morcos anflog und entdeckte – ist die Szene enthalten.

Garfield kehrte vor drei Jahren von Morcos zurück und stand vor dem Problem, seinen Vorgesetzten die Tatsache zu erklären, daß er mit einem brandneuen Raumschiff zurückkehrte, für dessen Steuerung ihm eigentlich das Verständnis hätte fehlen müssen. Während sich Garfield noch mit irdischen Behörden herumschlug, kam hinter dem Mond ein fremdes Schiff mit einer Irrsinnsgeschwindigkeit herangerast und flog mitten durch das Aufgebot, das Garfield in Schach halten sollte.

Die Erdbehörden drehten durch und eröffneten das Feuer, konnten dem Fremden allerdings keinen Schaden zufügen. Erst als Garfield mit der überlegenen Bewaffnung seines Schiffes eingriff, bekam der Fremde einen Treffer ab und flüchtete – nicht jedoch ohne vorher den Mount Rushmore zu Staub zerkleinert zu haben. Dieser vor drei Jahren entstandene Bericht stimmt in allen Einzelheiten mit dem überein, was wir in den letzten dreißig Minuten erlebten. Wie diese Übereinstimmung allerdings zustande gekommen ist, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben.«

Der Terraner hatte seinen Vortrag beendet; die anderen hatten ihm schweigend zugehört. Nur der Androide zeigte sich unbeeindruckt.

»Vielleicht kann ich weiterhelfen«, sagte er. »Es würde zu weit führen, hier die Funktionsweise des Überlichttriebwerks erklären zu wollen – wichtig ist nur, daß die Maschinen die Beziehungen von Raum und Zeit beeinflussen. Als uns Gerbaults Raumschiff rammte, setzte unser Schiff gerade zu einem Überlichtsprung an. Der Stoß führte nicht nur dazu, daß sich unser Zielpunkt veränderte – er bewirkte auch ein Fehlverhalten der Maschinen. Anstatt uns in der Jetztzeit zu halten, warfen uns die Geräte um einige Jahre in der Zeit zurück.«

»Aha!« machte Spooky ungehalten. »Diese Erklärung hilft uns aber nicht weiter. Können wir die Maschinen so einstellen, daß sie uns bei einer Wiederholung des Sprunges wieder in die Normalzeit versetzen?«

Der Androide schüttelte bedauernd den Kopf. »Das wird nicht möglich sein. Es wäre zu gefährlich. Und außerdem kenne ich die Anlagen nur sehr ungenau – über vollständige Informationen verfüge ich nur dann, wenn ich in Funkreichweite der Rechenzentrale auf Mainares bin. Aber mein körpereigener Sender ist viel zu schwach, um die Entfernung Erde-Mainares überbrücken zu können.«

»Fein!« knurrte Spooky wütend. »In dieser Zeit können wir natürlich nicht auf Morcos oder Terra landen – das hätte zahllose Para … Paradingens …«

»… doxa«, half Danielle aus.

»… zur Folge«, nahm Spooky den Faden wieder auf. »Und ich verspüre keinerlei Neigung, die nächsten drei Jahre in diesem Kasten zuzubringen.«

»Es wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben«, meinte Giri.

»Wir könnten nach dem Stammvolk der Morconen und Erdmenschen suchen«, schlug Sirghia vor.

»Ausgeschlossen«, wehrte der Androide ab. »Wir haben nicht den geringsten Anhaltspunkt, wo dieses System überhaupt zu suchen ist. Und die Galaxis ist ziemlich groß – wenn es nötig ist, werde ich mit Vergnügen ausrechnen, wie groß die statistische Wahrscheinlichkeit ist, in einer Milchstraße ein bestimmtes Sonnensystem zu finden, dessen Position völlig unbekannt ist.«

»Aber wir könnten uns solange auf Mainares verstecken«, meinte Danielle hoffnungsvoll.

»Auch das wird nicht möglich sein«, sagte der Kunstmensch. »Vergeßt nicht, daß ich drei Jahre vor eurem Eindringen in das Höhlensystem bereits dort lebte.«

»Das würde bedeuten«, überlegte Giri laut, »daß uns tatsächlich nichts anderes übrigbleibt, als die nächsten sechsunddreißig Monate an Bord der VANITY FAIR zu verbringen.«

Verzweifelt suchte Spooky nach einer Möglichkeit, diesem Schicksal zu entgehen – ohne Erfolg. Ein ungutes Gefühl in der Magengrube warf ein neues Problem auf. »Gibt es hier überhaupt etwas zu essen?« fragte der Terraner mißtrauisch.

Der Androide befragte einen Computer; das Resultat war alles andere als erfreulich.

»Einige Tonnen Konzentratnahrung«, verkündete der Kunstmensch. »Wasservorräte für ein Jahr bei voller Besetzung – das wären vierzig Mann. Wir könnten damit auskommen. Sie enthalten alles, was der Organismus benötigt.«

»Konzentrate?« wimmerte Spooky entsetzt. Niemand achtete auf ihn.

»Der Antrieb ist doch noch funktionstüchtig, oder?« wollte Giri wissen.

»Wichtige Teile wurden nicht beschädigt«, bestätigte der Androide sofort.

Giri nickte langsam. »Wenn wir nicht an Bord vor Langeweile sterben wollen, sollten wir in den nächsten Monaten ein paar Erkundungsflüge in die nähere Umgebung von Morcos und Terra unternehmen.«

»Ausgezeichnet!« sagte Spooky mit hörbarer Freude. »Vielleicht entdecken wir einen belebten, aber unbewohnten Planeten mit viel Wild – für Rehrücken mit Preiselbeeren!«

»Sind eigentlich alle Terraner so verfressen?« fragte Sirghia kopfschüttelnd.

»Nur die besten!« beteuerte Spooky grinsend.

»Wohin soll es gehen?« fragte Spooky vom Sitz des Kopiloten aus. Das Schiff hatte noch einen kurzen interplanetaren Sprung gemacht und trieb nun jenseits der Plutobahn im Raum.

»Mainares und Morcos fallen aus bekannten Gründen aus«, stellte er fest. »Ansonsten können wir den gesamten Sternenkatalog durchgehen.«

»Alpha Centauri!« schlug Danielle vor.

»Doppelstern«, lautete Giris Kurzkommentar. »Wahrscheinlich ohne bewohnbare Planeten.«

»Sirius?« – »Zu heiß.«

Spooky ging die bekannten Objekte des nördlichen Sternenhimmels durch, aber bei jedem Stern hatte Giri Einwände.

»Wie wäre es mit Andromeda?« fragte der Terraner schließlich aus Trotz.

»Nicht schlecht!« erklärte Giri zu seiner Verwunderung. »Schafft der Antrieb die Entfernung?«

Der Androide, der den Pilotensitz beanspruchte, dachte sekundenlang nach, dann antwortete er zweifelnd: »Möglich wäre es – das Schiff ist kaum gebraucht. Wir könnten es versuchen.«

»Mehr als zwei Millionen Lichtjahre?« fragte Spooky ungläubig. »Soviel traue ich diesem Schiff nun auch nicht zu!«

»Was geschieht, wenn der Treibstoff nicht reicht?« erkundigte sich Sirghia. »Bleiben wir dann auf halber Strecke hängen?«

»Das Schiff würde gar nicht erst starten«, beruhigte der Androide sie. »Wenn die Triebwerke für solche Distanzen und den Rückweg zu schwach sind, wird der Sprung nicht eingeleitet.«

»Dann versuchen wir es!« entschied Giri.

Zehn Minuten später war im Fadenkreuz des Sprungvisiers das Oval der Andromeda-Galaxis zu erkennen. Dann ließ der Androide das Triebwerk anlaufen, bis das Überlichttriebwerk gezündet werden mußte. Der Androide sah sich noch einmal um, dann betätigte er den Sprungmechanismus. Diesmal wurden die Menschen nicht bewußtlos; das einzige, was sie vom Sprung bemerkten, war das schlagartige Verschwinden des vertrauten Sternenhimmels. Statt dessen wurde ein wasserhelles, bläulich gefärbtes Medium erkennbar, in dem sich das Schiff zu bewegen schien. Große Blasen, in denen es unaufhörlich glühte und zuckte, trieben an den Fenstern vorbei.

Spooky sah auf seine Uhr; die Bewegung war zeitlupenhaft langsam und schien durch eine unsichtbare Kraft gehemmt zu werden. Es war, als müsse er den Arm in einer zähflüssigen Masse bewegen.

Plötzlich änderte sich das Bild vor den Fenstern; verschwommen wurden die Umrisse eines Schiffes erkennbar, das sich überschlagend auf die VANITY FAIR zubewegte. Spooky konnte den Namen an den Flanken des Schiffskörpers nicht lesen; er wußte aber sofort, um welches Schiff es sich handelte. Gerbault oder das, was im Überraum von ihm übriggeblieben war, trieb langsam vorbei. Der Verbrecher würde diesem Medium nie wieder entkommen.

Der Terraner sah wie gebannt auf die vorbeitreibenden Blasen und versuchte, sich vorzustellen, was sie für einen Beobachter im Normalraum darstellen würden. Als sie verschwanden und kurz darauf andere erschienen, begriff er.

Sonnen, dachte er. Wir können das atomare Feuer in ihrem Innern sehen.

Fast erheitert sah er dem Spiel der bunten Kugeln zu; sie formten Ringe, trieben paarweise vorbei, und bei näherem Hinsehen erkannte er auch Planeten – stecknadelkopfgroße Gebilde, die die Blasen umschwirrten. Immer dichter wurde das mehrdimensionale Schneetreiben vor den Bullaugen, dann verschwand das Bild ebenso rasch, wie es aufgetaucht war. Die VANITY FAIR war in den Normalraum zurückgefallen.

Der Androide schob den Beschleunigungshebel auf den größten negativen Wert, dann drehte er sich mitsamt seinem Sessel zu den anderen herum. Der große Sprung war geglückt.

»Wo sind wir jetzt?« fragte DeLacy.

Der Androide zuckte mit den Schultern und wies auf die Fenster, auf denen sich unbekannte, fremdartige Konstellationen abzeichneten. Der Sternendichte nach zu schließen, befand sich die VANITY FAIR im zentralen Bereich des Milchstraßensystems. Als der Androide den Bug des Schiffes drehte, wanderte auch die Sonne ins Blickfeld, die den Flug des Schiffes beendet hatte – eine fahle Scheibe in großer Entfernung. Ein Planet schob sich langsam ins Blickfeld. Die Ähnlichkeit mit den äußersten Planeten des Sonnensystems war unverkennbar.

Nach einigen Minuten hatte das automatische Bordobservatorium bereits eine zweidimensionale Projektion des unbekannten Sonnensystems ermittelt und auf einen Bildschirm gezeichnet.

»Vier Planeten«, zählte Spooky ab. »Einer davon liegt ziemlich günstig.« Er sah noch einmal auf das leuchtende Viereck, blinzelte und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Seht euch das an«, murmelte er fassungslos.

Auf dem Bildschirm tauchte gerade eine weitere Planetenprojektion auf, die sich vom bisher gezeigten Bild stark unterschied. Wenn man den Angaben des Observatoriums trauen konnte, wurde die Umlaufbahn des innersten, wahrscheinlich erdverwandten Planeten zweifach geschnitten – von einem weiteren Planeten, dessen Umlaufbahn genau senkrecht auf der des innersten stand.

»Pech gehabt!« murmelte Spooky niedergeschlagen. »Der Computer ist hin.«

»Wieso eigentlich?« fragte Sirghia entrüstet. »Was ist an diesem Bild so widersprüchlich?«

»Weib!« stöhnte der Terraner. »Kannst du dir vorstellen, wie dieses System zustandegekommen sein soll? Zwei Planeten, deren Bahnen sich auf diese Weise schneiden, werden ihre Schwerkraftfelder derart stören, daß sie eines Tages unweigerlich zusammenprallen müssen. Eine solche Konstellation darf überhaupt nicht existieren.«

»Es sei denn«, entgegnete der Androide gelassen, »dieses System ist künstlich so geschaffen worden, wie es der Computer aufzeigt.«

Spooky konnte sich die Konsequenzen ausmalen, die dieser Überlegung zwangsläufig folgten. Ein Sonnensystem so zu erbauen, setzte unglaubliche technische Kenntnisse voraus. Und ein entsprechend kundiges Volk, das wahrscheinlich auch Raumschiffe haben würde.

»Man hat uns ohnedies schon entdeckt«, meinte der Androide, der Spookys Mimik richtig gedeutet hatte. »Ein Volk, das Planeten nach Belieben verschiebt, wird auch über gute Ortungsanlagen verfügen.«

Der Kunstmensch machte sich am Funkgerät zu schaffen, aber aus den Lautsprechern drang nur Statik.

»Vielleicht sind diese Planeten-Ingenieure schon lange ausgestorben?« meinte Spooky. »Auf jeden Fall sollten wir nachsehen, was es mit diesen Planeten auf sich hat.«

Der Androide stellte das Zielgerät auf einen der beiden merkwürdigen Planeten ein. Wenige Minuten später hatte die VANITY FAIR wieder genügend hohe Fahrt, um in den Überraum gehen zu können. Die Oberfläche der Welt, die sich mit rasendem Tempo zu nähern schien, war fast vollständig von einer weißen Wolkenschicht verdeckt. Eine erste Bestätigung für die Hypothese des Androiden fand sich Sekunden später; auf dem Bildschirm erschien ein metallischer Körper, der in einem Orbit um den Planeten kreiste.

»Wir gehen näher!« befahl Spooky. »Aber langsam. Ich möchte nicht gerne beschossen werden.«

Der Androide nahm die Befehle gehorsam entgegen, ließ das Schiff mit Höchstwerten verzögern und glich mit präzisen Feuerstößen aus den Korrekturdüsen den Kurs an.

Das fremde Schiff bestand aus zwei mit den Spitzen aneinander befestigte Pyramiden aus Metall; die Gesamtlänge der Konstruktion schätzte Spooky auf zweihundert Meter. Je zwei gegenüberliegende Kanten der Pyramiden waren durch riesige Deltaflügel verlängert worden. Triebwerksöffnungen waren nicht zu erkennen, dafür aber gewaltige gezackte Öffnungen mit Schmelzspuren an den Rändern; ein Tragflügel war verbogen und verdreht – offenkundig war der Fremde in einem mörderischen Kampf unterlegen.

»Gibt es Raumanzüge an Bord?« fragte Spooky knapp. Der Androide nickte und ging voran zur Mannschleuse. In den Wandschränken der Schleusenkammer hingen fremdartige »Raumanzüge«.

Der Kunstmensch erklärte kurz die Funktionsweise der Aggregate. Der Schutz für den Raumfahrer bestand lediglich in einem körperumspannenden Schirmfeld und einem hochwertigen Atemluftregenerator; beide Geräte waren an einem breiten Gürtel befestigt und schalteten sich automatisch ein, sobald die Luftdichte um den Träger einen bestimmten Wert unterschritt. Leicht mißtrauisch schnallte Spooky sich den breiten Gürtel um.

»Achtung!« sagte der Androide, trat auf ein Schaltpult zu und betätigte den Öffnungsschalter. Mit leisem Zischen saugten Pumpen die kostbare Atemluft aus der Schleusenkammer. Auf dem Gürtel leuchtete eine kleine Lampe rot auf – die Aggregate hatten ihre Arbeit begonnen.

Erschrocken fiel Spooky ein, daß der Androide keinen Gürtel trug. Er drehte sich zu dem künstlichen Gefährten herum. Der Androide lächelte, ein wenig dankbar, wie es schien.

»Keine Sorge!« sagte er leise. »Ich kann das Vakuum mehrere Stunden lang aushalten – meine Erbauer haben an alles gedacht.«

Erst als der Innendruck der Schleuse den vorgesehenen Grenzwert unterschritten hatte, öffnete sich die äußere Schleusentür. Sauerstoffreste stoben in einem weißlichen Nebel davon und verschwanden. In der sich langsam öffnenden Luke erschien das fremde Raumschiff, dessen Konturen im Vakuum noch schärfer und härter wirkten.

DeLacy machte einige Schritte, bis er den äußersten Schleusenrand erreicht hatte, dann stieß er sich kräftig ab. Mit ausgebreiteten Armen segelte er auf den Fremden zu. Seine durch das Konturfeld geschützten Hände berührten das Metall des fremden Schiffes und fingen seinen Schwung mühelos ab.

»Wir können dich sehen!« quäkte es aus einem kleinen Lautsprecher. Spooky zuckte zusammen – er hatte die miniaturisierte Sendeanlage seines Universalgürtels überhaupt nicht beachtet.

»Verdammt!« rief der Terraner. »Warum hat mir niemand etwas von der Sprechanlage erzählt?«

»Daß zu einem Raumanzug auch Kommunikationsmittel gehören, ist doch selbstverständlich«, meinte der Androide mit einem leisen Lachen; offenbar besaß er auch die Fähigkeit, seinen Mitmenschen Streiche zu spielen.

»Was kannst du erkennen?« erklang Danielles Stimme aus dem Lautsprecher. Spooky richtete den Strahl seines Handscheinwerfers auf die Öffnung, an deren Rand er sich festhielt.

»Verbogene Streben«, meldete er. »Überall schweben Splitter und Fetzen herum – es ist kaum etwas auszumachen, außer ein paar verzogenen Rohren an der Wand. Ich dringe weiter vor.«

Langsam schwebte er in die Tiefen des Wracks. Von einer künstlichen Schwerkraft war nichts zu spüren. Spooky sah Instrumente an den Wänden und halbgeöffnete Schotte. Er hatte jetzt einen relativ unbeschädigten Teil des Schiffes erreicht.

»Irgendwelche Leichen?« wollte Giri wissen. »Oder ein Hinweis, wie die Besatzung des Schiffes ausgesehen haben mag?«

»Nichts dergleichen«, sagte Spooky. »Entweder hat die Besatzung das Schiff vollzählig verlassen, oder sie haben ihre Toten und Verletzten mitgeschleppt.«

Nach seinen Schätzungen mußte er inzwischen die Dünnstelle erreicht haben, an der die beiden Pyramiden miteinander verbunden waren. An dieser Stelle war das Schiff nahezu unbeschädigt; lediglich sämtliche Schotte waren geöffnet, als sei die Besatzung sofort geflüchtet. Spooky stieß ein Schott auf. Sein Blick fiel auf mehrere hochlehnige Sessel, die ringförmig um ein großes Instrumentenpult angeordnet waren.

»Jetzt kann ich auch die VANITY FAIR erkennen«, meldete der Terraner.

Er hatte das erste Fenster überhaupt in diesem Raumschiff erreicht; wie sich zeigte, war an der Verbindungsstelle der beiden Pyramiden die Außenhaut des Schiffes völlig durchsichtig.

»Ich glaube, ich habe die Zentrale gefunden«, sagte Spooky. »Auch hier gibt es keine Hinweise auf die ehemalige Besatzung – wir sollten auf dem Planeten landen.«

»Einverstanden!« sagte Giri. »Komm zurück.«

Spooky kehrte auf dem gleichen Weg zurück; diesmal richtete er sein Augenmerk auf die Decke, nachdem er vorher hauptsächlich den Boden abgeleuchtet hatte. Allmählich kam ein Sinn in das Chaos – die Angewohnheit, wichtige Leitungen an der Decke entlang zu verlegen, hatten die Unbekannten jedenfalls mit den Terranern gemeinsam. An einer Stelle, an der die ursprünglichen Verhältnisse besonders klar zu erkennen waren, stoppte Spooky und versuchte, sich aufrecht zu stellen.

Als er endlich eine halbwegs passende Haltung eingenommen hatte, versuchte er, bei gleichzeitigem Bodenkontakt die Decke mit den Händen zu berühren. Es mißlang; nach Spookys oberflächlicher Schätzung mußte der Raum eine Höhe von mehr als drei Metern haben.

»Das könnte bedeuten, daß die Fremden noch größer als die Morconen sind«, murmelte er nachdenklich.

Als Spooky das fremde Raumschiff endlich wieder verlassen hatte, seufzte er erleichtert auf. Er stieß sich ab und flog zurück in die Mannschleuse der VANITY FAIR. Als er wenig später wieder das Cockpit betrat, sahen die anderen ihm erwartungsvoll entgegen. Er ließ sich auf seinen Platz fallen und zündete sich eine Zigarette an.

»Was ist dein Eindruck?« fragte Giri, nachdem Spooky die ersten Züge getan hatte. »Falls wir zufällig auf ähnliche Raumschiffe stoßen sollten – werden sie uns angreifen, oder was werden sie tun?«

Der Terraner zuckte mit den Schultern. »Rein gefühlsmäßig würde ich sagen – sie werden uns angreifen.«

»Wir sollten auf dem Planeten landen«, meinte Danielle und gab dem Androiden im Pilotensessel einen leisen Wink. Der künstliche Mensch nickte kurz und leitete das Landemanöver ein. In einer weiten Spirale senkte sich das Schiff der Oberfläche entgegen. In achtzig Kilometer Höhe über dem Boden ließ er das Schiff ganz langsam absinken. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis das Schiff in die dicke Wolkenschicht eintauchte, die den gesamten Planeten umgab. Giri hatte darauf bestanden, die Sinkgeschwindigkeit so gering zu halten – er wollte eventuellen Bewohnern nicht den Eindruck vermitteln, als sei ein Überfall geplant.

Der erste Blick auf den Planeten bewies, daß die Kontaktaussichten sehr gering waren; unter sich erkannten die Menschen zwar ausgedehnte Stadtanlagen, aber nicht die leiseste Bewegung. Die Straßen waren menschenleer.

Spooky wies den Androiden an, er solle auf die größte Stadt zuhalten; das kalkweiß schimmernde Viereck am Stadtrand hielt er für einen Raumhafen. Der Eindruck bestätigte sich, als sich die VANITY FAIR nur noch einen halben Kilometer über dem Erdboden befand. Der weite Platz war verlassen, und stellenweise wuchs Gras zwischen großen Platten hervor. Staub und ausgerissene Pflanzen wirbelten umher, als die VANITY FAIR auf dem Boden des Planeten aufsetzte.

Giri betrat als erster die Oberfläche; als letzter stieg der Androide ins Freie. Er ließ eine Luke an der Seite des Schiffes aufspringen, und eine halbe Minute später stand ein zusammenklappbarer Gleiter auf dem Platz.

»Fahren wir zunächst zum Tower!« sagte Spooky und wies auf den etwa vierhundert Meter hohen Turm, der sich an der stadtnächsten Ecke des Raumhafens erhob.

Sogar Soleil fand auf der Ladefläche des Gleiters Platz, der sich leise summend in Bewegung setzte. Als er sich dem Tower näherte, stiegen die Hoffnungen etwas. An dem Gebäude waren keine Erosionsschäden zu erkennen, und selbst die großen Fenster wirkten so, als seien sie vor Stunden erst geputzt worden. Am Fuß des Gebäudes knarrte ein vom Wind lose hin und her geworfener Türflügel; Lebewesen waren nicht zu sehen.

Spooky drang in den Turm ein. Dicker Staub wallte unter seinen Tritten auf. Der Lift funktionierte noch und trug den Mann bis hinauf zur Spitze des Turmes, der unter dem Druck des Windes leicht schwankte. Der Terraner versuchte, unter der Staubschicht irgendwelche Gegenstände ausfindig zu machen; mit beiden Händen wirbelte er die Sedimente beiseite und brachte eine große Kladde zum Vorschein, deren Seiten mit handgeschriebenen Zeichen gefüllt waren. Spooky brachte seinen Fund dem Androiden, der die Schrift mit peinlicher Sorgfalt prüfte.

»Die Zeichen kann ich lesen, nicht aber den Text verstehen«, erklärte der Kunstmensch. »Die Schrift ist jene, die auch meine Erbauer zu benutzen pflegten – aber die Sprache ist mir unbekannt.«

»Sehen wir weiter!« meinte Giri und machte sich daran, den Turm einmal zu umrunden, aber schon nach einer halben Minute kehrte er grinsend zurück. »Kommt einmal mit!«

Nachdem die Gruppe eine Ecke des Turmes passiert hatte, wies der Morcone auf die Wand; ein Stadtplan leuchtete in mehreren Farben, als sei er erst vor kurzem aufgehängt worden. Ein Gewirr von Straßen war zu erkennen. Blaue, rote und grüne Linien zogen sich durch die Stadt, und auch einzelne Häuserblocks waren durch Farben gekennzeichnet.

»Wir müssen jetzt nur noch wissen, was wir suchen«, meinte Spooky. »Wohin fahren wir zuerst – zum Bürgermeister oder zur Stadtbibliothek?«

»Zur Stadtverwaltung!« rief Danielle. Ihr Vorschlag wurde gebilligt. Allerdings erhob sich das Problem, welche Farbe Ämter und Verwaltungsstellen kennzeichnete.

»Rot!« schlug Spooky vor. »Das ist die augenfälligste Farbe.«

»Falsch!« konterte Danielle. »Die Farbe mit dem höchsten Aufmerksamkeitswert ist Orange, nach Möglichkeit in Leuchtfarbe.«

Sirghia hatte sich inzwischen etwas näher mit der Karte beschäftigt und schlug Gelb vor. »Seht her!« erklärte sie und wies auf einen ausgedehnten Gebäudekomplex im Süden der Stadt. »Dies hier ist die größte Stadt, die wir erkennen konnten. Logischerweise sollte sich in dieser Stadt auch der Amtssitz des Fürsten oder Oberhaupts befinden. Und es ist weiter logisch, daß sich diese Person keine Hütte zur Behausung aussucht, sondern die größten Gebäude. Also diese hier!«

Langsam durchquerte der vom Androiden gelenkte Gleiter die Stadt.

Das Bild war bewundernswert und trostlos zugleich. Die Menschen bestaunten die atemberaubenden architektonischen Leistungen, dagegen wirkten die unbelebten Straßen deprimierend. Der Wind blies Fetzen aus einem papierähnlichen Material und ausgerissene Sträucher vor sich her. In einem großen Schaufenster entdeckte Danielle Modepuppen, die ebenso neu wirkten wie die klaren Scheiben. Die Figuren hatten annähernd menschliche Gesichtszüge und glichen verblüffend den plastikgepreßten Mannequins irdischer Ausstellungsräume.

»Fällt euch etwas auf?« fragte Sirghia. Die anderen schüttelten die Köpfe. »Eigentlich müßten auf den Straßen streunende Hunde oder ähnliche Tiere zu sehen sein.«

Spooky konnte nur zustimmen; das einzige Tier in Sichtweite war Soleil.

»Vielleicht haben die Menschen auf ihrer Flucht auch alle Tiere mitgenommen«, meinte Danielle.

»Schwerlich!« sagte Giri. »Dann hätten sie auch anderes mitnehmen können – wer nimmt Fliegen mit und läßt dafür Kleidung zurück? Ich befürchte, daß vor sehr langer Zeit alle Lebewesen dieser Welt gleichzeitig getötet wurden.«

Das Ziel kam allmählich in Sicht. Zuerst war die große Mauer zu erkennen, die sich rings um den »Palast« zog; das Bauwerk bestand aus glasierten Ziegeln. Der Androide lenkte den Gleiter auf ein Tor zu, eine zehn Meter hohe Bronzekonstruktion mit zwei reich ornamentierten Flügeln.

Vor dem Tor blieb der Gleiter stehen, die Insassen stiegen aus und musterten das Tor. Erstaunt betrachtete Spooky die Reliefs auf den Flügeln. Wie in den Höhlen auf Mainares fanden sich auch hier Abbildungen von Götzen und Dämonen der irdischen Vorzeit. Es bestand kein Zweifel, daß sowohl der Palast als auch die Höhlenanlage von den Stammeltern der Terraner und Morconen erbaut worden waren.

Probeweise drückte Giri gegen einen Torflügel; das Metall gab langsam nach. Ein Park wurde sichtbar, mit Beeten und Rondellen, die erst vor ein paar Tagen von einem meisterhaften Gärtner bearbeitet worden sein mußten. In der Mitte eines kreisförmigen Beetes mit starkduftenden, gelblichen Pflanzen schickte ein Springbrunnen seinen Wasserstrahl in die Luft; der Wind trug feine Wassertröpfchen herüber und besprühte die Gruppe.

»Im Kontrollturm jahrtausendealte Staubschichten«, murmelte Spooky ratlos. »Und hier barocke Wasserspiele. Keine Zeichen des Verfalls. Wieso lebt hier niemand mehr?«

Die Neugierde war größer als jede Furcht und trieb die Menschen vorwärts; während die Gruppe den weitläufigen Park durchquerte, machte sich Soleil daran, die Blumenbestände einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.

Mißtrauisch sah sich Spooky um, während er über den feinkörnigen, bräunlichen Sand ging; verzweifelt fragte er sich, wer hier für Ordnung und Sauberkeit sorgte. »Jetzt fehlt nur noch ein Orchester, das uns mit Trompetenklängen willkommen heißt«, murmelte er grinsend, um sein Unbehagen zu verdecken. Die Szenerie schrie förmlich nach einer jählings hereinbrechenden Katastrophe.

Das Hauptgebäude war zwanzig Meter hoch und mehrere hundert Meter lang; die gesamte Vorderfront bestand aus einem verwirrenden System von halbverspiegelten Gläsern, die sich im Wind sacht bewegten und Farbkaskaden über die Landschaft sprühten. Der einzige Ruhepunkt in dem sich unaufhörlich verändernden Lichterspiel war das Bronzeportal; auch hier fanden sich Reliefs mit den Göttergestalten der Antike.

»Waffen einstecken!« ordnete Giri ruhig an. »Wenn man uns bis hierher nicht angegriffen hat, wird man es jetzt erst recht nicht wagen – wir sind schließlich Gäste.«

Folgsam legte Spooky den langläufigen Laser über die Schulter. Dann grinste er kurz und klopfte an. Er war noch überraschter als seine Gefährten, als auf das Zeichen hin die Flügel lautlos nach innen schwangen und den Blick auf eine Halle freigaben. Aus dem Innern des Gebäudes strich kühle Luft über die erhitzten Gesichter der Menschen.

»Hoffentlich bleibt es bei dieser Höflichkeit«, wünschte sich Sirghia, die als erste vortrat. Sobald die gesamte Gruppe den Innenraum betreten hatte, schwangen die Türflügel wieder zu.

Spooky sprang sofort zurück, um seinen Laser zwischen die Flügel zu klemmen; bevor er dazu kam, war das Tor wieder weit geöffnet. Der Terraner nickte anerkennend.

»Seht doch!« Danielle lachte und deutete auf den glatten Boden, der aus einer Art Marmor bestand. Wie im Labyrinth auf Mainares war ein grüner Pfeil auf dem Boden erschienen. Und wie zuvor wurde ein Wegabschnitt nach dem anderen erleuchtet, sobald die Gruppe in die Nähe kam.

Der Gang führte schwachgeneigt in die Tiefe. Fast zwei Stunden lang marschierte die Gruppe dem Pfeil hinterher; von Zeit zu Zeit wurden in den Gangwänden Linsen und Projektoren sichtbar, was Spookys Mißtrauen abbaute. Wenn Überwachungsautomatiken ihren Weg verfolgten und es also auch Möglichkeiten gab, ihren Vormarsch zu stoppen, konnten sie sich als willkommene Gäste betrachten.

Plötzlich verschwand der Pfeil; der weitere Weg der Menschen war durch eine anscheinend massive Felswand versperrt. Kurz darauf bewegte sich der Boden unter ihren Füßen; das zehn Meter lange Teilstück des Ganges, auf dem sie standen, sank langsam, dann immer schneller nach unten. Die Fahrt dauerte etwas länger als zwanzig Minuten.

»Hier arbeiten noch zahlreiche Maschinen«, meinte Spooky. »Bei einer so raschen Abwärtsbewegung müßten wir fast frei fallen – da wir aber ganz normal stehen, wirkt auf uns ein Schwerkraftfeld.«

Giri nickte zustimmend; er hatte ähnliche Betrachtungen angestellt. Grob geschätzt mußten sie sich mehrere Kilometer unterhalb der Planetenoberfläche befinden, als der Lift seine Bewegung beendete. Wieder erschien der grüne Pfeil und bestimmte den weiteren Weg; nach kurzer Strecke wurde der Gang von einer massiven Metallwand versperrt, in der der Pfeil verschwand. Giri musterte das Metall.

»Jetzt wird es kritisch«, sagte er zögernd. Er deutete auf die Mitte der Wand, wo deutlich der Abdruck einer Hand zu sehen war. Die Hand hatte die Größe einer normalen menschlichen Extremität und, wie Spooky befriedigt feststellte, fünf Finger.

»Wahrscheinlich wird sich die Tür nur öffnen, wenn wir unsere Hände auf diesen Vordruck legen«, vermutete Giri. »Aber was geschieht, wenn jemand mit unserem Händedruck nicht zufrieden ist?«

»Wer wagt, kommt dabei um!« sagte Spooky entschlossen und trat vor. Das Metall war angenehm warm, als er seine Rechte in die vorgezeichnete Mulde legte. Der Terraner wartete eine Minute lang, dann trat er wieder zurück.

»Der nächste, bitte!« sagte er und deutete eine Verbeugung an. »Ich bin wohl nicht der Richtige.«

Nacheinander berührten Giri, Sirghia, Danielle und Cerlo das Metall, ohne daß etwas geschah; fünf Minuten verstrichen, dann bewegte sich das Metall. Langsam glitt der massive Block zurück und gab den Weg frei; der Raum dahinter war in Finsternis getaucht.

Spooky ahnte, daß hier ein Schlüssel für viele Fragen lag, die Morconen und Terraner seit langen Jahren beschäftigten. Er machte einige Schritte vorwärts. Schlagartig flammte die Beleuchtung auf. Das Licht einiger hundert Scheinwerfer leuchtete die Kuppelhalle bis auf den letzten Winkel aus. Mächtige Maschinenkonstruktionen mit fremdartigen Auswüchsen aus Porzellan und Metall waren zu erkennen; armdicke Kabel schlangen sich durch ein Gewirr von Streben. Zwischen den dröhnenden Generatoren und Aggregaten war nur ein schmaler Gang freigelassen worden; vorsichtig, fast ehrfurchtsvoll schritt Abraham DeLacy weiter.

Der Gang verbreitete sich nach einigen Metern. Vor dem schweratmenden Terraner erhob sich eine flache Empore, zu der einige niedrige Stufen führten. Spooky wartete, bis sich seine Gefährten genähert hatten, dann stieg er langsam die Stufen hinauf.

Schweigend blieb er eine Minute lang auf der Empore stehen, bevor er sich langsam herumdrehte. Er hustete kurz, um die Gewalt über seine Stimmbänder wiederzugewinnen, dann flüsterte er: »Wir sind am Ziel.«

Wesentlich rascher als der Terraner erstiegen die anderen Menschen die Empore. Acht durchsichtige Platten waren in den Boden eingelassen, und unter den klaren Rechtecken wurden die Umrisse von Körpern sichtbar. Giri kniete neben einer Scheibe nieder und betrachtete den darunterliegenden Körper.

Es war ein hochgewachsener Mann mittleren Alters, der in einer bläulich schillernden Flüssigkeit lag. Er war unbekleidet und haarlos. Sein Gesicht strahlte einen tiefen Ernst aus; Giri spürte, daß dieser Mann mit vollem Bewußtsein in den Tod gegangen war.

»Unsere Stammeltern«, flüsterte Sirghia mit rauher Stimme. »Sind sie tot?«

Giri nickte kurz. »So kann man es wohl nennen. Aber dient diese gewaltige Anlage nur dem Zweck, die Leichen unversehrt zu erhalten? Ich nehme eher an, daß man die Menschen wieder aufwecken kann.«

»Aber wie?« fragte DeLacy. »Ich kann nirgendwo einen entsprechenden Schalter oder Hebel entdecken, keine Gebrauchsanweisung, nichts …«

»Wir haben drei Jahre Zeit«, stellte Danielle fest. »Wir sollten diese Zeit dazu benutzen, dieses Sonnensystem und vor allem die Gruft genauestens zu untersuchen.«

6.

Ganze Galaxien gäbe ich her für einen simplen Staubsauger. Mit Ausnahme der Gruft der Acht ist der gesamte Planet restlos verstaubt; in welches Gebäude man auch tritt – sofort hat man irgendeinen dreckigen Nebel vor Augen, im Mund und auf den Kleidern.

Der einzige, den das nicht zu stören scheint, ist Aphros, der Androide. Ich habe ihn so getauft, weil er wie diese alte Göttin nicht geboren wurde, sondern irgendeinem Retortenschaum entstieg. Giri und Sirghia waren wie üblich den ganzen Tag lang damit beschäftigt, unsere acht Tiefkühlleichen zu untersuchen. Bei jedem Kabel suchen sie zunächst einmal nach passenden letzten Worten, bevor sie es berühren und die Sache vielleicht schiefgeht.

Und diesen Unfug treiben wir nun seit mehr als zwei Jahren – ohne Erfolg. Zum Glück haben wir in der Hauptstadt ein Warenhaus mit Tausenden von Konservendosen gefunden. Ich weiß nicht, wie lange das Zeug dort schon liegt – aber es schmeckt fabelhaft.

Der ganze Planet ist völlig unbewohnt. Komisches Gefühl, ein ganzer Planet für sechs Menschen und einen Bären.

Es war übrigens eine Fehlkalkulation, ab wir Soleil für erwachsen hielten. Das Vieh hat den gesamten Schloßgarten leergefressen und besitzt jetzt aufgerichtet die stattliche Höhe von vier Metern. Dreimal hat es mir schon die Rippen angebrochen in seinem Liebeseifer.

Zusammen mit Cerlo habe ich einige Erkundungsflüge zum zweiten erdähnlichen Planeten unternommen, allerdings ohne Ergebnis – es sieht dort genauso aus wie hier, nur ohne Kühlleichen. Vielleicht haben wir sie auch nur nicht gefunden. Auch das Raumschiffswrack haben wir gründlichst untersucht; nichts. Von unseren Vorfahren ist der Kasten jedenfalls nicht – die Reliefs beweisen eindeutig, daß ihre Schiffe in der Art der VANITY FAIR konstruiert waren.

In zwei Stunden gibt es etwas zu essen. Danielle hat heute Küchendienst. Was sie so im Laufe einer Woche zusammenkocht, schmeckt wie Himbeermarmelade mit Sardellenpaste verquirlt.

Der einzige Lichtblick ist die Tatsache, daß unsere Ahnen offenbar keine Abstinenzler gewesen sind. Alkoholika gibt es in jeder gewünschten Menge. Die Zigaretten enthalten zwar keinerlei Teer, Nikotin und andere Schadstoffe, dafür schmecken sie gut.

Morgen ist ein großer Tag; Giri berichtet mir gerade, daß er den entscheidenden Versuch unternehmen will. Angeblich hat er den Schalter gefunden. Ein merkwürdiges Gefühl, seinen Ur-ur-ich-weiß-nicht-Eltern gegenüberzutreten. Ich komme mir vor wie ein Sprößling, der sich bei seinem alten Herrn erkundigt, wo er sich die ganze Zeit herumgetrieben hat.

(Aus: »Briefe ohne Adresse«; Abraham DeLacy schreibt aus dem Exil; Privatdruck.)

»Nein, Soleil, du kannst nicht mitkommen!.«

Abraham DeLacy sprach mit aller Schärfe, die ihm zu Gebote stand, doch der Bär wollte sich nicht von ihm trennen. Das Tier brummte bittend, dazu leckte es pausenlos an Spookys Beinen.

Spooky wurde langsam nervös. Bei mehreren vergeblichen Versuchen hatte sich herausgestellt, daß die versteckten Automaten Soleil abwiesen – in Begleitung des Tieres hatten auch die Menschen keinen Zutritt. Schließlich fand der Terraner kein anderes Mittel, als den Bären an seinen zottigen Ohren fortzuzerren. Sobald er eine ausreichende Distanz zwischen sich und das Tor gebracht hatte, spurtete Spooky los, um vor dem Tier an das Portal zu gelangen.

Keuchend und schnaubend erreichte der Terraner das Innere des Gebäudes und sah zu, wie sich das Portal wieder schloß; Sekunden später krachte etwas dumpf gegen die Bronzeflügel und ließ das Gebäude leicht erzittern – auch Soleil hatte die Tür erreicht.

Der grüne Pfeil war inzwischen überflüssig geworden; zu oft hatten die Menschen schon den Weg in die Katakomben hinunter gemacht. Sie benötigten nur relativ wenig Zeit, bis sie die große Kuppelhalle mit den acht Schreinen erreicht hatten.

»Jetzt werden wir unsere Vorfahren trockenlegen«, sagte Spooky mit einem unsicheren Grinsen; anders vermochte er seiner Erregung nicht Herr zu werden. Auch die anderen waren sichtlich befangen. Giri bel Tarman räusperte sich kurz, bevor er zu sprechen begann.

»Sirghia und ich haben in den letzten Monaten das gesamte Kabelsystem dieser Anlage durchforscht, und ich glaube, daß diese Suche erfolgreich war. In diesem Maschinenpark gibt es nämlich nur einen einzigen Schalter – alle anderen Vorgänge können von außen nicht beeinflußt werden. Ich vermute, daß dieser Schalter den Wiederbelebungsmechanismus in Gang setzt.«

Giri deutete auf eine Öffnung zwischen zwei Maschinen; das Loch war in Hüfthöhe angebracht und gerade groß genug, um einen ziemlich schlanken Mann durchzulassen. Um die Öffnung herum waren zwei Kabelbündel mit Klammern herumgeführt.

»Früher hingen die Kabel senkrecht herab«, erklärte Giri. »Die Klammern stammen von uns. Wenn man in die Röhre hineinkriecht, findet man den Schalter.« Der Morcone holte tief Luft, dann ging er zu der Öffnung hinüber und kroch in die Röhre. Fast fünf Minuten lang blieb er verschwunden, dann tauchten seine Füße als erstes wieder auf. Der Morcone lächelte triumphierend, als er wieder auf dem Hallenboden stand.

»Niete!« verkündete Spooky ungerührt. »Es tut sich nichts!«

»Abwarten!« empfahl der Morcone, während er zur Empore hinaufstieg; nach einem kurzen Blick in ein Schlafbecken winkte er den anderen, ihm zu folgen.

»Seht her!« sagte er triumphierend und deutete auf die Vertiefung.

Zwar lag noch immer die durchsichtige Platte über der Wanne, aber die bläuliche Flüssigkeit wurde abgesaugt. Als das Becken leer war, schoben sich aus den Seitenwänden der Wanne zahlreiche Detektoren und Kontakte; nadelfeine Spitzen bohrten sich in die Haut des Schläfers, während sich gleichzeitig eine metallene Haube über seinen Schädel stülpte.

Spooky stellte rasch fest, daß sich in den anderen sieben Wannen ähnliches abspielte. Der Terraner schlug dem Morconen anerkennend auf die Schulter.

»Gut gemacht!« sagte er. »Jetzt haben wir wohl das Schlimmste überstanden. Unsere Vorfahren werden kaum so grob sein, uns sofort aus dem Hause zu jagen, wenn sie aufwachen.«

»Wenn!« erinnerte Giri mit leichter Skepsis. »Noch ist nichts entschieden.«

Eine halbe Stunde lang mußten die Menschen warten. Giri lief wie ein gereizter Eber pausenlos auf und ab, während Spooky einen Rekord im Schnellrauchen aufstellte. Cerlo unterzog die Maschinen einer oberflächlichen Musterung, und Sirghia und Danielle unterhielten sich leise. Aphros stand regungslos neben einem Becken und starrte hinunter auf den Körper seines Erbauers.

Ein Gong ertönte; ein dumpfer, warmer Ton klang durch die Stille der Halle und verhallte wieder. Rasch bestiegen die Menschen erneut die Empore. Vor ihren weit aufgerissenen Augen schoben sich die gläsernen Platten langsam und geräuschlos in die Seitenwände, und die Körper lagen frei.

Spooky hielt vor Aufregung die Luft an, bis seine Lungen zu schmerzen begannen; er atmete keuchend aus und wieder ein. Im gleichen Augenblick löste sich vor ihm der Körper auf dem Boden der Wanne auf. Die Konturen wurden unscharf, verschwammen immer mehr, als habe sich eine Wand aus heißer Luft zwischen den Körper und die Menschen geschoben. Als das Flimmern endete, war der Körper verschwunden.

»Das darf nicht wahr sein!« ächzte DeLacy.

Er machte einen raschen Schritt zur Seite und kam gerade noch rechtzeitig dazu, um den Auflösungsprozeß in der benachbarten Wanne miterleben zu können. Die nächste Schlafkammer bot das gleiche Bild. Nacheinander lösten sich die Körper auf – bis auf einen.

Spooky preßte die Kiefer zusammen. Wenn dieser Körper ebenfalls zerfiel, war ihre Mission unwiderruflich gescheitert, die Arbeit zweier Jahre vertan. Unwillkürlich preßte der Terraner die Fäuste zusammen, als in der Wanne eine Bewegung zu erkennen war. Mit quälender Langsamkeit öffnete der Mann in der Schlafkammer die dunklen Augen. Sein Blick wanderte kurz umher und blieb dann stumpf und ausdruckslos an den Menschen hängen.

Der Fremde zwinkerte, dann versuchte er, seine Hände zu bewegen. Die Beine zuckten, und unter der Haut war zu sehen, wie sich die Bauchmuskulatur anspannte. Der Mund öffnete und schloß sich wieder. Ohne ein Wort zu sprechen, begann der Schläfer seine gesamte Muskulatur durchzugehen, bis er wieder Herr über alle Gliedmaßen war. Der Mann richtete sich in einer zügigen Bewegung auf und setzte sich auf den Beckenrand; seine Augen fixierten den Androiden, der wie angewurzelt auf der anderen Seite stand und den Aufgeweckten anstarrte.

Der Blick des Mannes war noch immer verschwommen und abwesend, als die Gestalt den Mund öffnete. »Wer seid ihr?« fragte er mit einer leicht brüchig klingenden Stimme. Der Mann sprach wie auch der Androide auf halb telepathischer Basis – jeder Angeredete hörte die Sprache, die ihm die vertrauteste war.

»Freunde!« sagte Spooky ruhig.

»Ich weiß«, murmelte der Schläfer gedankenlos; seine Stimme flachte ab, wurde leiser. »Ich bin tot. Wo sind die anderen?«

Giri erkannte plötzlich, daß auch in diesem Fall der Erweckungsautomat versagt hatte; es war eine Frage von Minuten, bis auch der letzte Schläfer sich auflösen würde.

Rasch sagte der Morcone: »Wir sind Nachfahren deines Volkes, Freund. Wir sind gekommen, um unsere Ahnen zu finden. Sie haben auf dieser Welt gelebt, mußten aber vor einer uns unbekannten Gefahr flüchten. Du und deine Gefährten wurden konserviert, um uns eine wichtige Nachricht zu überbringen – wie lautet dein Auftrag?«

Der Mann nickte, als habe er jedes Wort verstanden und darüber nachgedacht; dann murmelte er weiter: »Auftrag? Gefahr? Was für eine Gefahr?« Er zwinkerte und schüttelte den Kopf, als wollte er einen Nebel vor seinen Augen vertreiben. »Gefahr? Ja – sie wollten unser Volk vernichten, und unsere Kinder auch. Ich habe Hunger. Wo sind meine Freunde?«

»Sie schlafen noch!« fuhr Spooky DeLacy dazwischen. »Jetzt aber sprich von der Gefahr! Wer bedrohte euch, und warum?«

»Ich muß euch warnen«, flüsterte der Mann; seine Haut verlor die Geschmeidigkeit und wurde faltig. Haare fielen aus, und auf der Gesichtshaut erschienen Flecken. »Ja, warnen. Seht euch vor.«

Der Mann kniff die Augen zusammen und holte tief Luft, als müsse er sich auf etwas konzentrieren. Für eine halbe Minute wurde der rasend schnell ablaufende Altersprozeß gestoppt. Der Mann sprach rasch und flüssig, und seine Stimme zeigte keinerlei Schwäche; er schien sich seines Auftrags zu erinnern und ihn ausführen zu wollen.

»Sprich verständlich!« sagte Giri beschwörend; er faßte den Mann an den Schultern und rüttelte ihn leicht.

Der Mann zerfiel unter seinen Fingern. Der Kopf fiel zurück, und die Gestalt sank in sich zusammen; innerhalb von dreißig Sekunden wurde aus dem Gesicht des zuvor scheinbar dreißigjährigen Mannes das faltige, zahnlose Gesicht eines Greises. Es schien, als grinse der Sterbende seine Zuschauer höhnisch an, dann löste sich der Körper vollständig auf.

Danielle hatte sich an Spookys Brust gelehnt und schluchzte hemmungslos; der Terraner unterdrückte einen Fluch, während die anderen bleich und starr standen. Nur Aphros machte ein Gesicht, als sei er von einer Zentnerlast befreit.

»Aus!« murmelte Giri in einem Ton, der Verzweiflung und Niedergeschlagenheit verriet. »Der Arme hatte nur zwei Möglichkeiten: Er konnte entweder den telepathischen Kontakt aufrechterhalten und für uns verständlich sprechen – oder er konnte sich noch einmal konzentrieren und uns seine Botschaft mitteilen. Für beides hatte er nicht mehr die Kraft. Das Rätsel bleibt ohne Lösung.«

»Nicht unbedingt!« sagte Aphros lächelnd. »Ich habe mir jedes Wort gemerkt, obwohl ich den Sinn nicht verstand. Vielleicht gelingt es uns auf Morcos oder Mainares, den Text zu entschlüsseln.«

Wieder ertönte ein Gong, diesmal dumpf und drohend.

»Wir müssen fort!« sagte Giri schnell. »Wahrscheinlich ist der Erweckungsprozeß mit einer Selbstvernichtungsautomatik gekoppelt.«

Als wolle er Giris Warnung unterstreichen, erschien ein Pfeil auf dem Boden, der in einem düsteren Rot glühte. So rasch sie konnten, liefen die Menschen den Weg zurück; hinter ihnen stürzten die Gänge krachend zusammen.

Erst als die Gruppe das Portal des Palastes hinter sich wußte, stoppte sie ihren rasenden Lauf; keuchend und außer Atem legten sie einen kurzen Aufenthalt ein, bevor sie in ihren Gleiter stiegen, in dem Soleil bereits auf sie wartete.

In raschester Fahrt legte Aphros den Weg vom Palast zum Raumhafen zurück. Wenige Minuten später war das Fahrzeug in der VANITY FAIR verstaut; die Besatzung hatte sich im Cockpit versammelt. Spooky hatte sich an das Fenster gestellt, das einen Blick über die Stadt bis zum Palast erlaubte. Sein Gesicht wurde bleich, und er winkte die anderen heran.

Der Palast fiel langsam in sich zusammen; eine gewaltige Staubsäule brach hoch und verhüllte den Blick auf das, was in der Nähe des Palastes vorging. Dann sackte ein hohes Gebäude in der Nähe der Palastmauer zusammen.

»Wir müssen starten!« befahl Giri an. »Der Planet löst sich auf!«

Seit Monaten war das Schiff klar für einen sofortigen Start. Minuten später hatte die VANITY FAIR bereits eine Höhe von mehreren Kilometern erreicht. Kurz vor Erreichen der Wolkendecke ließ Aphros das Schiff verharren. Unter sich sahen die Menschen ein Bild der Verwüstung; nacheinander zerfielen die Gebäude zu Staub, der sich in dicken Wolken über die Szenerie legte. Vom Palast als Zentrum schob sich eine Welle der Vernichtung kreisförmig über den Planeten; Stadt auf Stadt zerfiel binnen weniger Minuten. Der Mechanismus, der die Gebäude jahrtausendelang vor dem Verfall bewahrt und konserviert hatte, war zerstört und führte zur völligen Auflösung aller künstlich erschaffenen Dinge.

Der Planet selbst blieb entgegen Giris erster Vermutung verschont. Auch die seltsame Konstellation der beiden inneren Planeten blieb vor der Zerstörung bewahrt – das letzte Zeichen dafür, daß hier einmal eine hochentwickelte Rasse gelebt hatte.

Die Menschen an Bord der VANITY FAIR sahen sich stumm und niedergeschlagen an.

»Hier haben wir nichts mehr zu suchen«, sagte Giri schließlich; seine Stimme klang dumpf. »Kehren wir zurück?«

Ohne auf die Reaktion der anderen zu warten, begann Aphros das Raumschiff auf Heimatkurs zu bringen. Mit sich nahm das Schiff die Trümmer einer Hoffnung – aber auch die Gewißheit, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen war. Obwohl nichts dieses Gefühl rechtfertigte, war jeder an Bord davon überzeugt, daß es letztlich doch gelingen würde, die Stammeltern der Morconen und Terraner zu finden.

Und wenn dazu ein Jahrtausend nötig war.

III. Buch

Fährte nach Andromeda

1.

Tiefe Verzweiflung hatte die Menschen der VANITY FAIR befallen. Schwach zeichnete sich auf einem Bildschirm die heimatliche Milchstraße ab. Ein weiterer Bildschirm zeigte den Planeten, von dem das Schiff gestartet war – die Staubwolken, die die zerfallenden Häuser hinterließen, hüllten die Kugel vollständig ein.

»Schluß jetzt!« sagte Aphros in die bedrückende Stille hinein. »Wir kommen keinen Schritt vorwärts, wenn wir nur hier herumsitzen und uns gegenseitig bescheinigen, wie schlecht es uns doch geht. Wir müssen zurück – nach Morcos, Mainares oder Terra.«

»Auch gut«, murrte Giri bel Tarman. Er setzte sich auf den freien Sitz des Piloten und betrachtete nachdenklich die Bildschirme.

»Verdammt!« knurrte Spooky DeLacy, der sich hinter Giri gestellt hatte. »Wie sollen wir Morcos finden?« Der hochgewachsene Terraner mit dem rostroten Haar drehte sich zu Aphros um; der Androide fütterte gerade den Mainaresbären Soleil mit konservierten Früchten.

»Weißt du, wie wir den Weg zurück finden können?« erkundigte er sich.

Aphros schüttelte den Kopf und erklärte bedauernd: »Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wir sollten uns erst die Köpfe zerbrechen, wenn wir unsere Galaxis wieder erreicht haben! Von hier aus sind die vertrauten Sternenkonstellationen ohnehin nicht auszumachen.«

»Versuchen wir es«, sagte Giri leise.

Er schob den Beschleunigungshebel auf den äußersten Wert vor; die Menschen spürten nicht, wie die VANITY FAIR an Fahrt gewann. Nur ein sich langsam bewegender Zeiger deutete die Geschwindigkeitszunahme des Schiffes an. Als der Zeiger in den rot gefärbten Bereich übersprang, betätigte Giri den Sprungmechanismus.

»Der Spiralarm jedenfalls stimmt!« stellte Spooky nach einstündiger Arbeit fest. »Der Stern voraus müßte Rigel sein – der Radius ist fast zwanzigmal so groß wie der der Sonne, und die Temperatur liegt bei zirka 12.000 Grad Kelvin. Und den Begleiter, den das Handbuch verzeichnet, können wir auch erkennen.«

Giri bestätigte mit einem kurzen Nicken. Dann versuchten er und Spooky unter den Millionen von Sternen auf den Bildschirmen die Erde ausfindig zu machen. Zwei Stunden später zeigte Giri endlich ein zufriedenes Gesicht.

»Hier!« sagte er freudig und wies mit dem Finger auf einen leuchtenden Punkt. »Dies hier müßte die Erde sein – beziehungsweise die Sonne, um die Terra rotiert.«

Er verband einige Sterne mit Fingerbewegungen zu einer Figur. »Dieses Sternbild ist auch von Morcos aus zu sehen. Jetzt ist es nur schwer auszumachen, aber ich bin ziemlich sicher.«

Der Morcone hatte die Zieleinrichtung der VANITY FAIR auf Morcos ausgerichtet. Geduldig wartete er, bis der Geschwindigkeitsmesser in den roten Bereich der Skala hinüberwanderte, doch als er die Überlichttriebwerke einschalten wollte, mußte er eine beängstigende Feststellung machen – der Knopf ließ sich nicht niederdrücken. Giri stieß einen Fluch aus, der Sirghia das Blut ins Gesicht trieb.

»Was ist los?« fragte Spooky, nachdem er den Kraftausdruck annähernd übersetzt und sich sorgfältig eingeprägt hatte.

»Der Antrieb will nicht arbeiten!« stammelte Giri entsetzt.

»Ausgeschlossen!« protestierte der Androide. »Solange keine Maschine gewaltsam beschädigt wird, kann sie nicht ausfallen.«

»Der Antrieb scheint anderer Meinung zu sein!« sagte Giri finster.

Jedes Besatzungsmitglied besaß hinreichende astrophysikalische Kenntnisse, um die Gefahr dieser Lage abschätzen zu können. Wenn der überlichtschnelle Antrieb ausfiel, so bedeutete dies, daß Morcos oder die Erde, die von Rigel neunhundert Lichtjahre entfernt waren, nur noch im Dilatationsflug zu erreichen war.

Auf den ersten Blick erschien diese Tatsache nicht übermäßig bedrohlich. Die VANITY FAIR besaß genügend Treibstoff und Vorräte, um jahrelang mit 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit zu fliegen. Die Wahrscheinlichkeit, daß einer der Menschen den Dilatationsflug nicht überlebte, war verschwindend gering. Aber während an Bord des Schiffes je nach Geschwindigkeit nur Monate vergingen, würden auf Morcos oder Terra Jahrhunderte vergehen.

»Neunhundert Jahre!« murmelte Spooky niedergeschlagen.

Zehn Minuten lang versank das Cockpit der VANITY FAIR in ein beklemmendes Schweigen. Während die Menschen verzweifelt nach Auswegen aus der verfahrenen Lage suchten, raste das Schiff mit Höchstgeschwindigkeit durch den Raum. Danielle kämpfte mühsam ein Schluchzen nieder, Sirghia hielt die Augen geschlossen, während die vier Männer stumpf auf den Boden starrten.

Lediglich Soleil zeigte sich unbeeindruckt; das Tier brummte unzufrieden, da sich niemand um sein Wohlergehen kümmerte. Der Bär stieß Danielles Beine einige Male mit seiner schwarzen Nase an. Als das Mädchen nicht reagierte, machte er sich daran, das Raumschiff auf eigene Faust zu erkunden. Das Abbild der umliegenden Sterne auf den großen Bildschirmen erregte das besondere Interesse des Bären; Soleil brummte und richtete sich auf, um die funkelnden Dinger etwas näher zu betrachten. Nachdem er sich sattgesehen hatte, ließ sich Soleil wieder auf alle viere zurückgleiten. Dabei rutschte seine behaarte Pranke über den Knopf, den Giri vergeblich hatte betätigen wollen.

Knackend rastete er ein, und im Bruchteil einer Sekunde verschwand die VANITY FAIR aus dem Normalraum und tauchte in das Hyper-Kontinuum ein.

»Bär an Bord schafft Sorgen fort«, reimte Spooky verwundert, nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte. »Heilige Parallaxe, wie hat das Vieh das bewerkstelligt?«

Der Sprung war völlig korrekt ausgeführt worden – einige Lichtminuten vor ihnen bewegte sich Mainares auf seiner Umlaufbahn.

Soleil genoß es sichtlich, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen. Von zwölf Händen gestreichelt und gekrault, legte er sich auf den Rücken und gab ein zufriedenes Schnurren von sich.

»Welches Datum haben wir heute eigentlich?« murmelte Giri bel Tarman nachdenklich.

»Sieh auf das Bordchronometer«, empfahl Spooky.

Giri tat wie ihm geheißen und rechnete exakt drei Jahre vom Datum ab; dann sah er auf sein Chronometer, um die genaue Uhrzeit festzustellen. Sein Gesicht verzog sich zu einem triumphierenden Grinsen.

»Ich weiß alles!« erklärte er mit Nachdruck. »Wenn meine Uhr halbwegs richtig geht, dann sind wir zur Zeit nur einige Minuten von dem Augenblick entfernt, in dem die VANITY FAIR mit dem Schiff von Eugene Gerbault kollidiert.«

»Augenblick!« unterbrach Spooky hastig. »Dieses Ereignis ist drei Jahre her! Wie kann es da noch bevorstehen?«

»Falsch!« Giri deutete auf den Bildschirm, der das Geschehen vor dem Bug des Schiffes wiedergab. »In wenigen Augenblicken wirst du selbst sehen können, wie die VANITY FAIR mit Gerbaults Schiff zusammenstößt. Vergiß nicht, wir waren drei Jahre in die Vergangenheit versetzt worden. Also finden Ereignisse, die vor drei Jahren in unserer Vergangenheit waren, jetzt erst statt!«

»Aber was«, fragte Danielle, »hat dies damit zu tun, daß vorhin das Überlichttriebwerk nicht arbeiten wollte?«

Giri zuckte die Schultern. »Ich habe dafür nur eine Erklärung. Hätte der Sprung früher stattgefunden, dann hätten wir theoretisch in die Kollision eingreifen können. Und dadurch hätten wir die Voraussetzungen unserer Zeitverschiebung annullieren können. Da man aber die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung nicht einfach auf den Kopf stellen kann, mußte unsere Reise nach Morcos so lange verzögert werden, bis wir auf die Kollision keinen Einfluß mehr nehmen konnten.«

Gelassen deutete Giri auf den Bildschirm, auf dem sich jetzt die unverkennbare Silhouette der VANITY FAIR abzeichnete; Sekunden später erschien ein zweites Schiff auf dem Bildschirm. Atemlos sahen die Menschen zu, wie die beiden Schiffe sich rammten und in einer grelleuchtenden Wolke verschwanden.

»Wie ihr seht«, sagte Giri, »läßt sich die Logik nicht ins Handwerk pfuschen – wir sind jetzt buchstäblich dort, wo wir vor drei Jahren stehengeblieben sind!«

Etwa eine Stunde später bekam Cerlo den ersten Funkkontakt mit der Bodenstation auf Morcos; er folgte den präzisen Landeanweisungen, und eine halbe Stunde später senkte sich die VANITY FAIR in einen Landeschacht. Und obwohl für Morcos jeder Start und jede Landung eines Raumschiffes nach zweitausendjähriger Raumfahrtabstinenz einer kleinen Sensation gleichkam, schien sich niemand sonderlich für das Schiff zu interessieren.

Als die Menschen die VANITY FAIR verließen, wurden sie bereits erwartet; derselbe namenlose Mann, der Giri und die anderen nach Mainares geschickt hatte, stand am Fuße des Schiffes.

»Hm!« sagte er, als er Aphros bemerkte. »Diesen Herrn habe ich noch nicht kennengelernt. Er gehört weder zur Crew, noch hatte er etwas auf Mainares zu suchen. Und das Schiff, mit dem Sie gestartet sind, sah auch etwas anders aus als jenes, mit dem Sie gerade landeten. Ich glaube, bel Tarman, Sie sind mir etliche Erklärungen schuldig.«

»Wenn ich richtig verstanden habe«, sagte der Mann, nachdem Giri seinen halbstündigen Vortrag beendet hatte, »haben Sie in etwa folgendes erlebt: Auf Mainares stießen Sie einmal auf jenes Zotteltier und auf Aphros. Durch die Kollision mit einem anderen Schiff wurde Ihr Fahrzeug, die VANITY FAIR, um drei Jahre in die Vergangenheit versetzt. Sie flogen danach ohne festes Ziel Andromeda an, und dort fanden Sie die Welt mit den acht Vorvätern. Diese lösten sich beim Versuch der Wiederbelebung auf.«

»Eine Kleinigkeit fehlt!« warf Danielle ein. »Um diese Welt kreiste ein Raumschiff, das weder mit morconischen oder irdischen noch mit den Modellen unserer Vorfahren Ähnlichkeit besitzt.«

Der Mann nickte und fuhr fort: »Bevor der letzte Schläfer sich auflöste, versuchte er noch, Sie zu warnen. Diese Warnung blieb jedoch unverständlich.«

»Genau!« bestätigte Sirghia. »Ich glaube, wir sollten alles daransetzen, unsere Vorfahren aufzustöbern – wahrscheinlich werden sie auch für das Problem der Bahnkorrektur von Morcos eine Lösung bereit haben.«

»Ausgezeichnet!« murmelte der Mann. »Aber was haben Sie nun vor?«

Spooky war während des Gesprächs etwas eingefallen. »Sie glauben also unserem Bericht?« erkundigte er sich behutsam.

»Selbstverständlich!« erklärte der Mann.

»Wunderbar!« kommentierte Abraham DeLacy händereibend. »Dann haben wir jetzt noch zu bekommen – das Gehalt für drei Dienstjahre, Urlaubsgeld, Weihnachtsgratifikation. Sobald wir ausgezahlt worden sind, werde ich erst einmal den ausstehenden Urlaub von drei Jahren nehmen!«

Der Namenlose sah sein Gegenüber ungläubig an und schüttelte den Kopf. »Ich muß Sie enttäuschen«, meinte er gelassen. »Für uns gelten nur die Erdjahre – was die Borduhr anzeigt, interessiert uns nicht. Das gleiche gilt für Ihren Urlaub. Allerdings werden Sie dennoch Zeit haben, sich auszuruhen – ich muß Sie einstweilen unter Arrest stellen.«

»Verstehe ich nicht«, bemerkte Danielle. »Warum das?«

Der Mann zuckte bedauernd mit den Schultern. »Sie wissen zuviel!« erklärte er ungerührt. »Natürlich werden wir die Suche weiter vorantreiben – aber bis zum Start dieser Expedition darf kein Unbefugter davon etwas erfahren. Ich vermute, daß die Isolation nicht allzulange dauern wird – etwa zwei bis drei Monate.«

Giri sank in seinem Sessel zusammen und sagte anklagend: »Habe ich es nicht schon immer gesagt – sobald ein Behördenmensch zuviel weiß, macht er sich strafbar. Aber«, fuhr er fort, »wie sieht es aus, wenn wir uns für diese Expedition zur Verfügung stellen?«

»Dann entfiele die Notwendigkeit einer Isolierung«, sagte der Mann. »Und ich hoffe, daß Sie diesen Entschluß nicht bereuen werden.«

2.

»Von allen Idioten sind mir die Computer die liebsten«, verkündete Spooky. »Sie sind nämlich relativ leise!«

Sirghia, Danielle, Aphros, Giri und Spooky hatten es sich in den Sesseln vor dem Schaltpult von Morcos’ größtem Rechner bequem gemacht und warteten auf die Ergebnisse ihrer Anfrage; die Servomechanismen der Sitzmöbel belieferten sie prompt mit den angeforderten Erfrischungen. Cerlo war auf seinen Posten auf Mainares zurückgekehrt, und Soleil war damit beschäftigt, auf den unterirdischen Straßen von Morcos die Passanten zu erschrecken.

Spooky stellte gerade einen Mixauftrag zusammen, der seinen Sesselservo zum Zusammenbruch bringen sollte, als der Computer einen leisen Pfeifton von sich gab. Sekunden später fielen einige zusammengeheftete Blätter in den Auffangkorb. Giri überflog den Text; mißmutig schüttelte er den Kopf.

»Nun?« erkundigte sich Danielle. »Wo leben unsere Urahnen jetzt?«

»Der Computer«, sagte Giri mit zusammengekniffenen Augen, »meint, daß die Ursprungswelt unserer Ahnen in unserer Galaxis zu suchen ist. Dies sei aber nicht mehr die Zentralwelt – diese sei vielmehr in Andromeda zu suchen.«

»Wie kommt der Kasten auf solche Ideen?« rätselte Spooky. »Ich sehe zwischen den von uns eingegebenen Informationen und diesen Schlußfolgerungen nicht den geringsten Zusammenhang.«

»Das ist auch nicht nötig«, meinte Giri mit leisem Spott. »Wären die Kalkulationen des Computers so leicht durchschaubar, dann wären Anlagen dieser Art überflüssig. Immerhin sind wir einen Schritt weitergekommen.«

»Bestimmt!« sagte Spooky sarkastisch. »Wir wissen jetzt, daß wir unsere Vorfahren im Andromedanebel zu suchen haben – irgendwo zwischen Zigmilliarden von Sternen. Wir brauchen nur ein raumtüchtiges Schiff und ein paar Millionen Jahre!«

Giri hob abwehrend die Hände. »Nicht so voreilig! Wir haben immerhin auch einige Anhaltspunkte. Beispielsweise das Sonnensystem, in dem wir die acht Schläfer entdeckten. Vielleicht können wir bei genauerer Untersuchung einen Hinweis auf die Zentralwelt entdecken. Oder denkt an das fremde Schiff, das um den Planeten kreist – auch dort könnten wir eventuelle Spuren finden.«

»Hoffentlich haben Sie recht!« ließ sich hinter ihnen eine Stimme vernehmen. Der namenlose Regierungsangehörige war unbemerkt eingetreten.

»Ich wollte Ihnen lediglich mitteilen«, sagte er, »daß man für die Expedition ein Schwesterschiff der VANITY FAIR vorgesehen hat. Es wurde vor drei Stunden von Mainares hierher geflogen – morgen schon werden Sie starten können.«

»Warum nicht mit unserem alten Schiff?« wollte Sirghia wissen.

»Wir haben nicht den leisesten Schimmer, womit diese Schiffe überhaupt angetrieben werden. Also halten wir uns an das System der Wegwerf-Rakete. Wir haben ausreichende Mengen Wasser getankt, und die Vorratskammern sind auch aufgefüllt worden«, sagte der Mann. »Keine Aufregung, Mr. DeLacy – es handelt sich nicht um Syntho-Konserven. Wir haben auch an Ihren ausgefallenen Geschmack gedacht.«

»Ich taufe dich auf den Namen PERONAIOS«, deklamierte Spooky DeLacy feierlich; er tunkte die Spitze des rechten Zeigefingers in den gefüllten Sektpokal und ließ einige Tropfen auf das Schaltpult vor dem Pilotensitz fallen.

Zufrieden musterte der Terraner die Bestände, die er an Bord geschmuggelt hatte; bei sparsamem Verbrauch konnte er ein halbes Jahr damit auskommen. Der rätselhafte Namenlose hatte recht behalten – es war wirklich an alles gedacht worden. Sogar ausreichende Futtermengen für den gefräßigen Bären Soleil waren untergebracht worden.

Das Schiff war in tadellosem Zustand. Nur an der gemächlichen Vorwärtsbewegung der Anzeige auf dem Geschwindigkeitsmesser war festzustellen, daß die PERONAIOS überhaupt flog. Giri wartete noch kurze Zeit, dann leitete er den Sprung ein. Fünf Minuten später fiel das Schiff in den Normalraum zurück; vor dem Bug tauchte das System der acht Schläfer auf.

Daß innerhalb der schmalen Ökosphäre, in der Welten mit erdähnlichen Bedingungen theoretisch möglich waren, ein Planet das Zentralgestirn umkreiste, war nicht ungewöhnlich. Um so überraschender war die Tatsache, daß in eben dieser Sphäre noch ein zweiter Planet kreiste. Seine Bahnebene stand allerdings exakt senkrecht zu der des ersten Planeten. Gebannt starrte Spooky auf den Projektor, der die Form des Systems aufzeichnete und in einer dünnen roten Linie den voraussichtlichen Kurs aufzeigte.

»Wir bekommen Besuch!« stellte er fest und deutete auf den Bildschirm, auf dem sich die Silhouetten einiger Schiffe abzeichneten. Spooky kannte diesen Schiffstyp sehr genau – zwei an den Spitzen miteinander verbundene Pyramiden; je zwei gegenüberliegende Kanten der Konstruktion liefen in gewaltige Deltaflügel aus.

Während Aphros sich in den Feuerleitstand zurückzog, besetzte Danielle das Funkpult. Giri verringerte die Geschwindigkeit etwas und flog geradlinig auf den Planeten zu, um den die Fremden kreisten. Zwölf Schiffe lösten sich aus dem vierzig Einheiten umfassenden Pulk und flogen der PERONAIOS entgegen. Nach kurzer Zeit hatten die Schiffe eine bedrohliche Formation gebildet – ein Hohlschirm, dessen Öffnung auf das Menschenschiff wies.

»Das Schirmfeld ist aktiviert!« rief Aphros. »Ich weiß allerdings nicht, wieviel es aushalten kann.«

Giri zog den Beschleunigungshebel weiter zurück; die PERONAIOS verlangsamte ihre Fahrt. Noch immer flog sie geradlinig auf die Formation der Pyramidenschiffe zu, die ihre Fahrt unverändert fortsetzten.

»Ich bekomme keinen Sender herein!« meldete Danielle. »Entweder funkt man dort drüben auf einer anderen Frequenz, als wir sie kennen, oder aber es herrscht Funkstille.«

»Mach weiter!« forderte Spooky sie auf. »Nur nicht aufhören!«

»Schußweite!« verkündete Aphros lakonisch. DeLacy spürte, wie seine Handflächen vor Aufregung feucht wurden. Das einzige Lebewesen an Bord, das sich nicht um die fremden Raumschiffe scherte, war Soleil. Der Bär war offenkundig gekränkt, daß sich niemand um ihn kümmerte, und stieß Aphros die feuchte Schnauze in den Rücken. Der Androide stieß einen leisen Schreckensruf aus und fiel auf die Tastatur. Die PERONAIOS erzitterte, als sämtliche Geschütze des Schiffes gleichzeitig feuerten; ein Bündel feuriger Strahlen schoß in alle Richtungen in den Raum. Nur Sekundenbruchteile später reagierte Spooky mit der Schnelligkeit, die man von einem Agenten des Terrestrischen Raumsicherheitsdienstes erwarten konnte.

Ruckartig schob er den Beschleunigungshebel auf den äußersten Wert, während er gleichzeitig das Schiff mit der Achsen-Steuerung wild um sich wirbeln ließ. Gerade noch rechtzeitig – an der Stelle, an der sich die PERONAIOS bei unverändertem Kurs hätte befinden müssen, schlug das konzentrierte Feuer der Fremden zusammen.

»Weg hier!« schrie Giri in Spookys Ohr. Der Terraner nickte nur stumm.

Zu einem sorgfältig geplanten Rückzug blieb keine Zeit mehr; die einzige Chance bestand darin, einen Kurs zu steuern, den die Feuerleitcomputer der Fremden nicht vorausberechnen konnten. Wild riß der Terraner an dem Steuerknüppel; das Schiff schlingerte und wirbelte – die einzige einigermaßen konstante Richtung war die Fluchtlinie aus dem System heraus.

Die Lage spitzte sich allmählich zu. Fürchterliche Angst stieg in dem Terraner auf, als er einen Muskelkrampf im Unterarm spürte. Seine Bewegungen wurden langsamer. Dann traf einer der Fremden. Ein schmetternder Schlag durchfuhr die PERONAIOS, und Spooky wurde der Steuerknüppel aus der Hand gerissen. Rasch faßte er wieder zu.

»30 Prozent Belastung!« kommentierte der Androide ungerührt. »Außerdem verringert sich der Abstand. Soll ich das Feuer erwidern?«

»Unter keinen Umständen!« rief ihm Giri zu. »Der Unfall durch Soleil reicht vollauf.«

»Die Fremden stellen den Beschuß ein«, meldete Aphros wenig später. »Aber sie schließen immer noch näher auf.«

»Jetzt oder nie!« knurrte Spooky. Er nahm die Hand vom Schaltknüppel und ließ die PERONAIOS geradlinig weiterrasen. Für die Fremden war es jetzt ein Leichtes, den Kurs zu berechnen und das Schiff mit einem Schlag zu vernichten.

Sekundenlang hielt Spooky die Luft an, dann atmete er keuchend aus. »Sie haben begriffen«, seufzte er erleichtert. Er reduzierte die Fahrt der PERONAIOS.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Fremden das Schiff vollkommen eingeschlossen hatten. Nach kurzer Zeit befand sich die PERONAIOS in dem Zwölferpulk der Pyramidenschiffe wieder auf systemwärtigem Kurs.

»Schalte den Schirm ab!« befahl Giri dem Androiden. Aphros nickte, und Sekundenbruchteile später war die PERONAIOS vollkommen schutzlos. Es dauerte nicht lange, bis auch die Fremden ihre Schutzschirme desaktivierten.

»Geschafft!« stöhnte Giri. »Jetzt können wir miteinander reden.«

»Danielle, suche noch einmal die Frequenzen ab!« bat Spooky über die Schulter hinweg.

Folgsam spielte die junge Frau mit dem Sucher herum; eine Zeitlang war nur Statik zu hören, dann aber wurden Wortfetzen laut. Danielle arbeitete an der Feineinstellung und schaltete auch den Bildteil zu. Endlich erschien auf einem Bildschirm der Kopf eines Raumfahrers, dessen Gesicht wegen der halbverspiegelten Fronthelmscheibe nicht zu erkennen war.

Noch bevor der Fremde etwas sagen konnte, fauchte Danielle Velleur: »Sind Sie eigentlich wahnsinnig, hier so herumzuschießen? Hier sind doch Leute!«

Giri war der erste, der in ein schallendes Gelächter ausbrach. Er wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln; auch die anderen Menschen im Cockpit der PERONAIOS konnten sich kaum halten. Danielle sah sich entrüstet um. Schließlich errötete sie.

Der Fremde auf dem Bildschirm hatte dem minutenlangen Gelächter schweigend zugesehen; dann schlug er den Helm zurück, und ein durchaus menschliches Gesicht kam zum Vorschein. Der Fremde begann zu sprechen. Aphros fiel dem Fremden ins Wort. Während er sprach, wandte er wieder jene an Telepathie erinnernde Fähigkeit an, die seine Worte für jeden verständlich machte.

»Bitte wiederholen Sie Ihre Sätze!« bat der Androide höflich. »Jetzt werden meine Freunde Sie verstehen können.«

»Wieso?« fragte der Fremde mißtrauisch. »Sie alle müßten doch makarische Sätze verstehen können?«

»Bitte wiederholen Sie!« forderte Aphros erneut.

»Ich sagte, Sie sollten eine Schleuse öffnen«, erklärte der andere. »Ich werde Ihnen ein Prisenkommando an Bord schicken.«

Spooky hatte jedes Wort verstehen können. Unwillig schüttelte der Terraner den Kopf. »Wieso das?« wollte er wissen.

Der Fremde lächelte geringschätzig. »Wir möchten sichergehen, daß Sie keine Dummheiten anstellen, die letztlich nur Ihnen selbst schaden würden.«

Giri sah DeLacy fragend an; der Terraner zuckte mit den Schultern. Giri ließ eine Mannschleuse auffahren. Der Fremde warf einen kurzen Blick zur Seite und nickte zufrieden.

»Erwarten Sie mich in einigen Minuten!« sagte er knapp, dann schaltete er sein Funkgerät aus.

»Ein reizender Menschenschlag, nicht wahr?« meinte Sirghia mit einem schiefen Lächeln.

»Vorsicht!« empfahl Spooky kühl. »So menschlich sind unsere Besucher auch wieder nicht. Denke nur an das Raumschiffswrack – nach meinen Schätzungen müssen die Fremden ungefähr drei Meter lang sein.«

Interessiert beobachtete er über die Außenbordkameras, wie sich an einem Pyramidenschiff ein leuchtendes Viereck öffnete, aus dessen Lichtfeld sich kurz danach ein halbes Dutzend Gestalten löste. Giri bel Tarman hantierte kurz am Schaltpult, sobald eine grüne Lampe angezeigt hatte, daß das äußere Schleusenschott von Hand geschlossen worden war, und ließ nacheinander sämtliche Schotte zwischen der Schleusenkammer und dem Cockpit aufschwingen. Erwartungsvoll blickten die Menschen dem Besuch entgegen.

Für den Fremden waren die Gänge so niedrig, daß er ständig gebückt gehen mußte. Vor dem behaarten Kopf wurde jedoch der Lauf einer bedrohlich aussehenden Waffe sichtbar. Mühsam zwängte sich der Fremde durch den Eingang, dann erst konnte er sich aufrichten.

Er maß etwas mehr als zweihundertachtzig Zentimeter und war sehr massiv gebaut. Sein Gesicht war menschlich; die Extremitäten wiesen allerdings keine Ähnlichkeit mit denen von Humanoiden auf. Das Glied, mit dem der Fremde seine Waffe umklammerte, lief in einen fast perfekt kreisförmigen Teller aus, an dem ein Kranz von Fingern oder ähnlichen Gliedmaßen befestigt war. Nach dem äußeren Eindruck der anzugverhüllten Beine waren die Füße des Fremden ähnlich konstruiert.

Mit äußerster Kühle sah der Fremde die Menschen an, dann sagte er langsam: »Wer sind Sie, woher kommen Sie, was haben Sie in diesem System zu suchen, warum haben Sie geschossen?«

»Eines nach dem anderen!« wehrte Spooky ab. »Für unser Feuer müssen wir um Entschuldigung bitten. Wir hatten nicht die Absicht, auf Ihr Schiff zu schießen! Schuld an dem Mißgeschick trägt unser pelziger Freund.«

Spooky deutete auf Soleil, der den Fremden aufmerksam beäugte und beschnüffelte; als er versuchte, das Bein des Fremden abzulecken, fuhr der Mann ruckartig zurück.

Danielle faßte den Bären am Ohr und zerrte ihn aus dem Cockpit; währenddessen nutzte Giri die Gelegenheit, dem Fremden auf seine Fragen zu antworten. In der Zwischenzeit erreichte die PERONAIOS mit den Begleitschiffen die Welt der Schläfer und schwenkte in einen stabilen Orbit ein. Der Fremde hörte den Bericht des Morconen interessiert an; gelegentlich schüttelte er den Kopf, als könne er nicht glauben, was Giri ihm zu erklären versuchte.

»Jetzt weißt du alles über uns«, schloß Giri seinen Bericht. »Und nun würden wir ebenfalls gerne wissen, mit wem wir es zu tun haben.«

»Urzad«, stellte sich der Fremde gemessen vor. »Wir bewohnen den Planeten Tana, unser Volk nennt sich Tanaer.«

Er grinste verächtlich. »Aber das muß ich euch wohl nicht erzählen!« fuhr er grimmig fort. »Schließlich wißt ihr ganz genau, mit wem ihr es zu tun habt. Wenn dem makarischen Geheimdienst nicht mehr einfällt als diese alberne Geschichte, dann seid ihr nur zu bedauern!«

»Was soll das bedeuten?« fuhr Spooky auf.

»Ihr seid festgenommen!« erklärte Urzad kalt; er deutete auf den Frontbildschirm, auf dem sich ein gewaltiges Schiff mit einer weit geöffneten Schleuse abzeichnete. Das Tor war groß genug, um die PERONAIOS ohne Mühe aufzunehmen. Ein leichter Ruck fuhr durch das Schiff, als die beiden Metallkörper mit Magneten aneinandergeheftet wurden.

Mühsam zog sich Urzad zurück. Mit dem Lauf seiner Waffe forderte der Tanaer die Besatzung auf, ihm zu folgen; die Menschen sahen sich ratlos an, dann kam Spooky als erster der Aufforderung nach. Als er den Übergang zwischen der PERONAIOS und dem fremden Raumschiff erreicht hatte, sank der kräftige Terraner unwillkürlich in die Knie. Die Tanaer mußten auf einer Welt mit ziemlich hoher Schwerkraft leben. Verächtlich sah der Tanaer auf den ächzenden Mann herunter.

Nach einem halbstündigen Marsch, der die Menschen an den Rand des Zusammenbruchs brachte, hielt die Wachmannschaft endlich an. Ein Tanaer trat vor, öffnete mit einem Impulsgeber, den er am Handgelenk trug, das Schloß und trat wieder zur Seite.

»Hier herein!« knurrte der Fremde.

Folgsam betraten die Menschen den Raum; erleichtert atmeten sie auf, als sie wieder unter für ihre Begriffe normale Schwerkraft gerieten. Die vier angrenzenden Zimmer waren mit Mobiliar versehen, das den Abmessungen der Erdmenschen entsprach. Auch die baumlangen Morconen fanden in den Stühlen und Betten ausreichenden Platz.

Kurze Zeit später glitt der Stahl wieder zur Seite. Ein halbes Dutzend klobiger Roboter erschien und lud den vollständigen Inhalt der Schränke von Bord der PERONAIOS ab. Die Menschen machten sich daran, ihre Habseligkeiten in den geräumigen Schränken ihres Gefängnisses zu verstauen. Nach einer Stunde war alles untergebracht; sogar die Lebensmittel aus der Bordküche hatten die Roboter angeschleppt. Danielle braute einige Liter Kaffee, dann traf sich die Besatzung in dem Zimmer, das sich Giri und Sirghia ausgesucht hatten.

»Was«, fragte Spooky auf Morcash, nachdem Danielle die Tassen gefüllt hatte, »haben diese Tanaer mit uns vor?«

»Keine Ahnung«, gestand Giri. Er nahm einen Schluck. »Der Möglichkeiten gibt es viele, unter denen aber die unangenehmen bei weitem in der Überzahl sind.«

3.

»Erzählen Sie!«

Giri schluckte und starrte in die Höhe; zwölf hünenhafte Tanaer saßen dem hageren Morconen gegenüber und sahen ihn frostig an. Die Richter saßen hinter einem hohen Pult aus dunklem Holz; davor standen die Besatzungsmitglieder der PERONAIOS, die fast die Köpfe in den Nacken legen mußten, um die Gesichter der Tanaer überhaupt sehen zu können. Sitzgelegenheiten gab es für sie nicht. Die zwanzig Wachsoldaten, die an den Wänden des halbdunklen Saales standen und ihre entsicherten Waffen auf die Menschen gerichtet hatten, verstärkten noch den finsteren Eindruck eines Standgerichts, bei dem nur noch zur Diskussion zu stehen schien, auf welche Art und Weise die Angeklagten hingerichtet werden sollten.

»Erzählen Sie!« forderte der Sprecher den Morconen erneut auf.

Giri holte tief Luft, dann wiederholte er noch einmal all das, was er vor zwei Wochen auch schon Urzad berichtet hatte. Die Gesichtszüge der Richter wirkten maskenhaft starr und bedrohlich.

Als Giri geendet hatte, sahen sich die Richter schweigend an; ein Wink genügte, um die Wachsoldaten in Bewegung zu setzen. Unsanft wurden die Menschen aus dem düsteren Raum geführt. Als man sie eine halbe nervenzerreibende Stunde später wieder einließ, hatte sich etwas geändert. In der Mitte des Raumes stand nun ein Sessel mit einem metallenen Helm am Sitz des Gerätes, von dem aus farbige Leitungen zu einem dicken Kabel zusammenliefen, das in den Teil unter dem Sitz mündete.

»Treten Sie näher!« ordnete ein Tanaer an; die Menschen gehorchten. Teilnahmslos starrten die Fremden auf sie herab.

Langsam sagte der Sprecher des Richterkollegiums: »Ihre Geschichte ist so unglaubhaft, daß sie als Deckgeschichte eines Agenten völlig sinnlos und albern ist. Wir neigen daher zu der Annahme, daß Sie die Wahrheit sprechen.«

DeLacy fuhr mit dem rechten Unterarm über die Stirn, um sich den Schweiß abzuwischen; Giri stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.

»Aber«, setzte der Tanaer seine Rede fort, »wir befinden uns in einer Ausnahmesituation und können unter diesen Umständen nicht von dem Prinzip ausgehen, daß ein Angeklagter freigesprochen ist, wenn die Anklage nicht zweifelsfrei bewiesen ist. Sie müssen demnach Ihre Unschuld beweisen. Dies ist Ihnen bisher nicht gelungen!«

Spooky ballte wütend die Fäuste.

»Ich kann Ihre Erregung durchaus verstehen«, meinte der Tanaer; seine Stimme klang überraschend mild und nachsichtig. »Allerdings gibt es noch eine letzte Möglichkeit. Mit Hilfe dieses Instruments vor Ihnen ist es uns möglich, Ihre Erinnerungen zu überprüfen. Wenn Ihre Geschichte der Wahrheit entspricht, so werden wir es zweifelsfrei feststellen können.«

»Und wo ist der Haken?« fragte Spooky kalt; der Tanaer lächelte anerkennend.

»Noch wissen wir nicht mit absoluter Sicherheit, wie dieses Gerät eigentlich arbeitet – es besteht die Möglichkeit, daß bei einem Untersuchen irreparable geistige Schäden entstehen. Es hat sogar schon Todesfälle gegeben.«

Für einige Minuten herrschte eine beklemmende Stille in dem Raum; die Menschen sahen sich mit unverhohlener Verzweiflung und Ratlosigkeit an, und es schien, als seien selbst die Tanaer bedrückt.

Plötzlich stand Aphros auf; der Androide lächelte schwach. Leise, fast flüsternd sagte er: »Ich stelle mich zur Verfügung – schließlich bin ich nur ein Kunstprodukt, kein richtiger Mensch.«

»Halt!« rief Spooky scharf. »Ich will mich mit dir jetzt nicht über deine Worte streiten – aber du weißt hoffentlich, daß du ziemlichen Unfug zusammengeredet hast. Wenn überhaupt einer von uns dieses Risiko wagt, dann ich!«

»Sieh an«, spottete der Androide. »Unser Heroe!«

Spooky lächelte verzerrt. »Das hat mit Heroismus überhaupt nichts zu tun – ich bin dazu regelrecht verpflichtet. Schließlich bin ich Berufssoldat – mein Gehalt empfange ich dafür, daß ich im Ernstfall mein Leben für andere einsetze. Jetzt haben wir einen solchen Ernstfall! Außerdem können wir auf dich nicht verzichten, Aphros – ohne dich können wir uns mit den Tanaern nicht verständigen.« Sanft schob er den Androiden zur Seite und nahm in dem Sessel Platz. »Ich bin bereit!« sagte er mit überkippender Stimme. »Fangt an!«

Der Tanaer sah ihn sekundenlang verwundert an, dann gab er ein Handzeichen. Ein Arzt trat heran und schnallte die Hand- und Fußgelenke mit elastischen Gurten an dem Sessel fest. Dann brachte er eine Injektionspistole zum Vorschein und setzte sie in der Nähe der Halsschlagader auf der Haut des Terraners an.

»Ein Psychotonikum«, erklärte der Tanaer ihm halblaut. »Es wirkt beruhigend und stabilisiert die Hirnfunktionen. Spüren Sie schon eine Wirkung?«

DeLacy nickte schwach; eine wohltuende Müdigkeit breitete sich in ihm aus. Er fühlte sich, als habe er einen langen heißen Sommertag hinter sich gebracht und liege jetzt in einer mit halbkühlem Wasser gefüllten Badewanne. Unmerklich verfiel er in einen angenehmen Halbschlaf.

Der Arzt befestigte zahlreiche Sensoren an der Schädelhaut des Menschen und sah fragend zur Empore hinauf; der Richter nickte kurz. Sekunden später lief im Fußteil des Sessels eine Maschine an. Die Befragung begann.

Für den angeschnallten Terraner versank die Umwelt in einem Wirbel von Gedanken; Erinnerungen blitzten auf und wurden von anderen Bildern abgelöst. In Tausenden von unzusammenhängenden Bruchstücken wurden Spooky Ausschnitte aus seinem bisherigen Leben vorgeführt. Gesichter tauchten für Sekundenbruchteile auf, verwandelten sich in Szenen aus der Vergangenheit, an die sich der Terraner bewußt nicht mehr erinnern konnte.

Immer rascher und dichter wurde die Abfolge der Bilder und Bruchstücke; die Wortfetzen, die die Bilder begleitet hatten, endeten in einem schrillen Fiepen, dann verlor Spooky das Bewußtsein.

Das erste, was Abraham DeLacy wieder wahrnehmen konnte, war Danielles strahlendes Gesicht. Undeutlich klangen ihre Worte an Spookys Ohren: »Wir haben gewonnen – sie glauben uns!«

Der Terraner nickte schwach; er hatte große Mühe, seine Gedanken zu koordinieren. Immer wieder wurde der gedankliche Prozeß bei der Formulierung eines Satzes von unwillkürlichen Assoziationen gestört. Eine riesige Hand tauchte in Spookys Gesichtskreis auf.

Urzad sagte leise: »Bitte verzeihe unser Mißtrauen – wir hatten keine andere Wahl!«

»Ich verstehe«, murmelte Spooky undeutlich. Er versuchte sich aufzurichten und hätte dabei fast das Bewußtsein verloren. Mühelos hielt Urzad den Terraner aufrecht, während er fragte: »Wie geht es dir? Alles in Ordnung?«

Spooky nickte und bat um eine Zigarette. Langsam klangen die Nachwirkungen des Verhörs ab. Als er den Glutkegel einige Minuten später ausdrückte, war er wieder handlungsfähig. Eine Tasse Kaffee aus ihren Bordbeständen ließ ihn die Strapaze endgültig vergessen.

Während seiner Ohnmacht hatte man Spooky in die Unterkünfte der Menschen zurückgeschafft. Die Gruppe machte es sich in den Sesseln bequem, während sich Urzad auf dem Boden niederließ.

»Allmählich«, stellte Giri fest, »wäre es an der Zeit, daß auch Urzad etwas aus den Geschichtsbüchern plaudert. Stammt ihr ebenfalls von den unbekannten Vorvätern ab?«

Urzad schüttelte den Kopf: »Nach unseren Feststellungen sind wir Tanaer eine eigenständige Entwicklung; wir können unsere Geschichte lückenlos bis in fernste Urzeiten belegen. Allerdings – das konntet ihr Terraner auch einmal, nicht wahr?«

Spooky nickte finster. Er dachte an den hartnäckigen Widerstand, als Paläontologen und Anthropologen erstmals behauptet hatten, Mensch und Affe hätten gemeinsame Vorfahren. Und die Vorväter hatten alle Mitbürger, die verstandesmäßig den Anforderungen ihrer Gesellschaft nicht gewachsen waren, auf der Erde abgesetzt – aus dieser Ansiedlung hatten sich die frühen irdischen Hochkulturen entwickelt.

»Und wer sind nun die Makarer, mit denen wir verwechselt wurden?« wollte Danielle wissen; zärtlich kraulte sie den Bären Soleil, dem man den Zutritt wieder erlaubt hatte. »Sind sie mit den Vorvätern identisch, die wir suchen?«

Urzad verneinte entschieden. »Nach unseren Beobachtungen sind die Makarer ebenfalls ein abgesplitterter Teil des Urvolks. Aber wenn überhaupt Hinweise auf die jetzige Zentralwelt der Vorväter zu finden sind, dann bei den Makarern. Allerdings wird ihre Beschaffung alles andere als einfach sein. Tanaer und Makarer leben seit Jahrhunderten in einem latenten Kriegszustand.

Kurz nach unserer Entdeckung der überlichtschnellen Raumfahrt stießen wir auf die Makarer. In den folgenden Gemetzeln gingen aber alle Informationen über die Ursache verloren – wer den Krieg begonnen hat und warum, bleibt bis heute ungeklärt. Nach einigen grauenvollen Jahrzehnten kamen beide Seiten zu der Einsicht, daß selbst die völlige Vernichtung des Gegners keinen direkten Vorteil bringen konnte – lediglich die eigenen Verluste wurden geringer. Und deshalb haben wir den Krieg einschlafen lassen.«

»Und die Gegenpartei?« erkundigte sich Spooky mit leichtem Mißtrauen.

»Die stellte ähnliche Überlegungen an und tat das gleiche.«

»Unter diesen Umständen hätte man ihn gar nicht erst anfangen sollen!« bemerkte Sirghia.

»Manche Einsichten setzen sich eben erst sehr spät durch!« brummte Urzad grimmig. »Immerhin leben wir jetzt annähernd friedlich miteinander – abgesehen davon, daß die Makarer immer wieder versuchen, unsere militärische Entwicklung zu erforschen und zu sabotieren. Aus diesem Grund waren wir auch so mißtrauisch, als eure PERONAIOS hierherkam.«

»Was haben die Tanaer eigentlich hier zu suchen?« forschte DeLacy. »Als wir vor drei Jahren die Welt der Schläfer erstmals anflogen, entdeckten wir ein tanaisches Wrack in einem Orbit um diese Welt. Was hat das zu bedeuten?«

»Du irrst, mein Freund«, erklärte Urzad grinsend. »Es handelte sich mitnichten um ein Wrack.«

»Um was sonst?« wollte Spooky wissen. »Das Ding sah aus, als sei es stundenlang beschossen worden.«

»So sollte das Schiff auch aussehen!« meinte Urzad freundlich. »Es war ein Beobachtungsschiff, das uns jede Veränderung auf dem Planeten melden sollte. Als wir vor langer Zeit auf dem Planeten landeten, mußten wir feststellen, daß uns die Pforten verschlossen blieben. Wir vermuteten, daß beim Zutritt Unbefugter sich die ganzen Anlagen selbst zerstören würden, und mußten daher warten, bis jemand diese Welt besuchte, der das Recht dazu hatte. Und das wart ihr. Als dann bei eurem Abflug alle Gebäude zu Staub zerfielen, setzten wir sofort eine Expeditionsflotte in Marsch – ihr habt sie beim Anflug gesehen. Auf der Welt der Schläfer sind einige tausend Wissenschaftler unseres Volkes damit beschäftigt, unter dem Staub nach verwertbaren Spuren zu suchen – bisher vergeblich.«

Spooky nickte wortlos.

»Gut«, sagte Giri leise. »Dieses Kapitel ist abgeschlossen. Die Frage lautet jetzt: Was unternehmen wir, um das Geheimnis unserer Abstammung aufzuklären? Könnt ihr uns helfen?«

Urzad wiegte bedächtig den Kopf. »Vielleicht«, überlegte er laut. »Wir wissen aus unseren Archiven, daß sich auf Marka, der makarischen Zentralwelt, ein großes Museum befinden soll, zu dem nur wenige Auserwählte Zutritt haben! Wenn es überhaupt noch eine Spur zu den Vorvätern gibt, dann nur dort!«

»Worauf warten wir noch?« fragte Spooky heiter und sah seine Gefährten an.

Die nächsten Wochen erwiesen sich als besondere Strapaze; die Terraner mußten lernen, sich in jeder Lebenslage wie echte Makarer zu benehmen. Schon das Erlernen der Sprache erwies sich als überaus schwierig. Die Anwendung des morconischen Hypnoseverfahrens erwies sich als unmöglich – die Bänder der Tanaer paßten nicht zu den morconischen Geräten, und die tanaischen Maschinen waren den Menschen zu gefährlich. Also waren Spooky und Danielle dazu gezwungen, makarische Vokabeln zu büffeln, sich durch umfängliche Grammatiken zu fressen und Ausspracheübungen zu machen. Als besondere Hilfe erwies sich die Fähigkeit des Androiden, Worte in Gedanken umzuformen und zu senden.

Die beiden Morconen ergötzten sich sichtlich an den Anstrengungen ihrer irdischen Gefährten; da sie viel zu schlank und zu groß waren, um als Makarer gelten zu können, hatten sie es nicht nötig, deren Sprache zu erlernen. Sie beschäftigten sich vielmehr damit, die technischen Errungenschaften der Tanaer zu durchforschen. Währenddessen erforschten die Tanaer die PERONAIOS; wo es ihnen erforderlich schien, ersetzten sie vollständige Aggregate durch Maschinen eigener Fabrikation. Nur den Antrieb ließen sie unangetastet – sämtliche Anlagen waren öffnungssicher verkapselt, und es stand zu befürchten, daß die Maschinen bei unerlaubten Eingriffen detonierten.

Dann endlich konnte die Expedition starten.

4.

»Marka!« sagte Spooky. »Wir sind am Ziel!«

Urzad hatte die Impulse des Panoramaschirms seines Schiffes auf den Hauptschirm der PERONAIOS umleiten lassen; das Boot der Terraner lag noch im großen Hangar des tanaischen Schiffes. Urzad sollte sein Schiff im Ortungsschatten der Sonne Marka halten, um für einen etwaigen Notfall bereit zu sein, während die PERONAIOS auf dem Planeten landen sollte. Der Stern Marka ähnelte der irdischen Sonne; sein größerer Umfang wurde durch weitere Planetenbahnen wieder ausgeglichen. Auf Marka mußten weitgehend erdähnliche Bedingungen anzutreffen sein.

Spooky griff nach dem Mikrophon der Bordsprechanlage. »Urzad, wir möchten ablegen.«

»Verstanden!« gab der Tanaer zurück. »Ich lasse die Hangarschotte öffnen. Viel Glück, Freunde!«

Spooky ließ die PERONAIOS aus dem Hangar schweben. Nach kurzen Korrekturen lag der Planet genau vor dem Bug des Menschenschiffes. Spooky schob den Beschleunigungshebel vorwärts.

Der Planet Marka war fast genau zwölf Lichtminuten von seiner Sonne entfernt. Spooky ließ den Antrieb arbeiten, bis das Schiff knapp die Hälfte der Lichtgeschwindigkeit erreicht hatte; zehn Minuten später verzögerte er mit annähernd gleichen Werten. Rasch kam der Planet näher; aus dem gerade noch erkennbaren Lichtpunkt wurde eine blau-weiße stetig anwachsende Scheibe. Als die PERONAIOS zu einem scheinbaren Stillstand kam, betrug der Abstand noch eine Lichtsekunde.

Wenn die Makarer über ein Sternenreich verfügten, dann war es nicht sehr groß; der Sucher konnte nur wenig mehr als einhundert Raumschiffseinheiten in der näheren Umgebung des Planeten ermitteln. Rechnete man die gleiche Zahl von Schiffen dazu, die unter Umständen auf der Nachtseite des Planeten starteten oder zur Landung ansetzten, dann entsprach das in etwa dem normalen intersolaren Verkehr, wie er rund um die Erde zu beobachten war. Bei den Schiffen schien es sich zumeist um Frachter zu handeln oder um kleinere Privatjachten. Allerdings umkreisten zwanzig sehr große Einheiten den Planeten; ihre Größe und die gleichmäßige Verteilung über die Planetenoberfläche ließen den Schluß zu, daß es sich dabei um Wacheinheiten handelte.

»Lächerlich!« bemerkte Abraham DeLacy verächtlich. »Nur zwanzig Wachschiffe für einen so großen Planeten!«

»Vorsicht«, warnte der Androide sanft. »Was ist, wenn sie tatsächlich genügen – wenn diese Schiffe unserem in Geschwindigkeit und Feuerkraft überlegen sind?«

Spooky machte ein säuerliches Gesicht und zuckte mit den Schultern. »Die einzige Möglichkeit, das herauszufinden«, meinte er, »ist die, die Probe aufs Exempel zu machen! Überlegt es euch – noch können wir zurück und unbemerkt verschwinden.«

Er erhielt keine Antwort; mit leichtem Mißtrauen dachte er an den von den Tanaern eingebauten Ortungsschutz. Knapp dreihunderttausend Kilometer durchflog Spooky mit Höchstfahrt, dann verminderte er rapide die Geschwindigkeit. In einer Höhe von annähernd einhundert Kilometern über der Planetenoberfläche kam das Schiff erneut zum Stillstand.

Dann ließ Spooky die PERONAIOS langsam absinken. Zu seiner großen Erleichterung behielten die Wachschiffe ihre Kurse bei, und Sirghia, die unentwegt den makarischen Funkverkehr abhörte, konnte ebenfalls nichts Ungewöhnliches festzustellen. Offenbar war die PERONAIOS tatsächlich vor jeder Ortung sicher.

Mittlerweile konnte der Androide mit bloßem Auge Geländestrukturen und Siedlungsräume ausmachen. Unmittelbar unter dem Schiff erstreckte sich ein dichtbesiedelter Kontinent von Nord nach Süd; die Form entsprach in etwa der einer Acht. Am Isthmus konnte Aphros einen breiten, rund 40 Kilometer langen, schnurgeraden Wasserlauf entdecken – wahrscheinlich ein Kanal. Von den Rändern der Wasserstraße erstreckten sich bis weit in das Hinterland endlos erscheinende Häuserreihen. Zog man irdische Maßstäbe zum Vergleich heran, dann mußte allein in diesem Gebiet des Doppelkontinents mit annähernd zwanzig Millionen Einwohnern gerechnet werden.

Spooky pfiff halblaut durch die Zähne. »Allerhand!« meinte er beeindruckt. Während er das Schiff noch weiter sinken ließ, machte er eine erstaunliche Entdeckung. »Seht euch das an! Fast alle Häuser sind ein- oder zweigeschossig. Ich habe bisher nur vier oder fünf höhere Bauten entdecken können, und keiner davon war höher als dreißig Meter. Eine Millionenstadt aus Einfamilienhäusern – erscheint mir etwas unwahrscheinlich.«

»Mir nicht«, meinte Danielle. »Das antike Rom war ebenfalls eine Millionenstadt – auch ohne Wolkenkratzer!«

»Mag sein«, murmelte Spooky. »Ich jedenfalls bin und bleibe skeptisch – irgend etwas stimmt nicht! Ich kann es förmlich riechen!«

Er ließ die PERONAIOS auf achthundert Meter Höhe absinken und überflog geräuschlos die Stadt am Isthmus; zehn Kilometer vom Kanal entfernt entdeckte der Terraner einen großen Park und in seiner Mitte eine Bergkuppe. Mit einer Kopfbewegung deutete Spooky in die Richtung der Kuppe.

»Was haltet ihr davon?« wollte er wissen. »Sollen wir dort niedergehen?«

Giri brummte zustimmend. Spooky brachte die PERONAIOS über dem Berggipfel zum Stillstand. Die Kuppe ragte etwa achthundert bis eintausend Meter über den Meeresspiegel auf. Die kalkige Felsspitze war unbewachsen und von tiefen Löchern und Schründen durchsetzt. Drei Minuten später hatte DeLacy ein geeignetes Versteck gefunden; ein Rinnsal hatte sich im Verlauf vieler Jahrhunderte durch einen Berghang gefressen. Die Ränder der Schlucht standen oben noch eng zusammen; je tiefer der Strom sich gebohrt hatte, desto breiter war er geworden. Die Felsen bildeten fast eine Höhle, in die das Schiff gut hineinpaßte.

»Als Versteck recht brauchbar«, bemerkte Aphros. »Aber wie können wir es ohne das Schiff verlassen?«

Spooky hatte die Schleichfahrt gestoppt; die PERONAIOS schwebte jetzt zwanzig Meter über dem Flußbett, das von Geröll und Felsbrocken übersät war. Der Überhang reichte für seine Zwecke aus, und das Gelände unterhalb des Schiffes war so unwirtlich, daß die Menschen von dort aus wohl kaum mit Spaziergängern würden rechnen müssen.

»Und nun zu deiner Frage, Freund Aphros«, meinte Spooky. »Wenn du dir einmal die Felswand zu deiner Rechten ansiehst, so wird dir dort eine Öffnung auffallen – eine Höhle, die wir zu unserem Hauptquartier machen sollten. Und von diesem Standort aus brauchst du nur knapp einhundert Meter zu gehen, um jene hölzerne Barriere zu erreichen. Ich vermute«, fuhr der Terraner fort, »daß sich in anderen Jahreszeiten dort eine sehenswerte Stromschnelle bildet – diese Holzbrüstung erinnert mich nämlich stark an vergleichbare Einrichtungen auf der Erde. Hast du mich verstanden, Freund?«

»In etwa«, gab der Androide im gleichem ironischen Tonfall zurück. »Und ich bin sicher, daß du mir erklären wirst, warum wir auf hartem Fels nächtigen sollen, obwohl hier an Bord üppige Pfühle unserer harren.«

»Weil«, sagte der Terraner, »diese Welt eine um zehn Prozent höhere Schwerkraft hat als die Erde. Außerdem ist es heiß – das Außenthermometer zeigt auf dreihundertundsieben Grad Kelvin. An diese Bedingungen müssen wir uns gewöhnen, sonst fallen wir sofort auf – ohne Training brechen wir nach einem Kilometer mit einem Hitzschlag zusammen.«

Die Höhle in der Felswand erwies sich als vorzügliches Quartier für die Menschen; der Boden war verhältnismäßig eben, die Wände zeigten keine Spuren von Feuchtigkeit. Im Hintergrund der Höhle entdeckte Aphros einen kleinen See mit klarem, sehr kaltem Wasser. Nach einigem Suchen fand Spooky noch einige andere Öffnungen im Berg, die mit der Höhle in Verbindung standen; zufrieden stellte er fest, daß die Löcher zur Belüftung völlig ausreichten.

Wie wichtig dies für das neue Quartier war, stellte sich bereits in den ersten Minuten heraus; schon beim Verladen einiger Gepäckstücke brachen die Menschen in Schweiß aus. Die Verbindung aus drückender Hitze und einer um zehn Prozent erhöhten Schwerkraft erwies sich als schwere Belastung, dennoch gelang es dem Team, innerhalb von drei Stunden aus der Höhle eine halbwegs bequeme Unterkunft zu machen. Besonders Soleil, dem Mainares-Bär, schien es in der Höhle zu gefallen – rücksichtslos ließ sich das Tier in den See fallen und überschüttete die Menschen mit unzähligen eiskalten Wassertropfen.

Eine Woche lang hielt sich das Team in der Höhle auf; die Zeit wurde dazu genutzt, sich den veränderten Umweltbedingungen anzupassen und die Lage zu erkunden. Giri schickte eine ortungsgeschützte Flugsonde aus und studierte das Leben in der großen Stadt.

Wenn die zehn Jahre alten Karten stimmten, die das Team von den Tanaern erhalten hatten, dann mußte es sich bei der Stadt um Jenra handeln, die damalige Hauptstadt des makarischen Sternenreiches. Die gegenwärtige Bedeutung war unbekannt. Immerhin vermittelten die Bilder der Sonde ein grobes Bild von den Verhältnissen in der Stadt. Zwei Areale erregten die besondere Aufmerksamkeit des Morconen: der Raumhafen und der große Marktplatz.

Beide Plätze befanden sich in einem offenkundigen Widerspruch; während auf dem Landefeld fast alle zwei Stunden ein Frachter startete oder niederging, war der Marktplatz der Treffpunkt für zahllose Ochsengespanne mit hochrädrigen Karren, die mit Früchten und anderen Waren beladen waren. Und während in großer Höhe die Raumschiffe in den freien Raum vorstießen, glitten dickbäuchige Segler in das Hafenbecken von Jenra.

»Verstehe ich nicht!« kommentierte Danielle, als sie die Aufnahmen der Sonde sah. »Es gibt in diesem Sonnensystem nur einen bewohnbaren Planeten – Marka. Daraus folgt, daß die Schiffe doch wohl andere Sonnensysteme anfliegen. Ihr wollt mir doch nicht erzählen, daß ein Volk, das über Überlichttriebwerke verfügt, nicht fähig ist, simple Gleiter herzustellen. Ich halte das alles für einen ungeheuren Bluff. Vielleicht wollen sie die Tanaer täuschen?«

»Wozu das?« mischte sich Sirghia ein. »Beide Völker haben längst erkannt, daß bei kriegerischen Handlungen für beide Parteien kein Gewinn herauszuschlagen ist – sie kümmern sich kaum mehr umeinander. Die Tarnung wäre also völlig überflüssig.«

Widerwillig stimmte Danielle zu, während Giri die Sonde so tief sinken ließ, daß einzelne Personen auf dem Bildschirm zu sehen waren. Die Männer und Frauen waren für irdische Verhältnisse normalgroß. Die bronzene Hautfarbe war leicht verschieden, konnte jedoch mit Chemikalien rasch imitiert werden. Noch leichter würde die Kleidung zu kopieren sein; es handelte sich um leichte Blusen aus einem Seidenstoff, dazu Hosen aus dem gleichen Material, gehalten von breiten, ledernen Gürteln.

»Welche Farbe sollen wir wählen?« überlegte Spooky halblaut. Schon bei den ersten Aufnahmen der Sonde war aufgefallen, daß die Kleidung der Menschen offenbar nicht nur dem Zweck diente, den Körper vor den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen: Die Kleidungsfarben spiegelten die Rangordnungen oder Hierarchien innerhalb der makarischen Gesellschaft wider.

Einige Bedeutungen waren sehr leicht auszumachen; die Kleidung eines älteren Mannes – eine goldfarbene Hose mit einem edelsteinbesetzten Hemd aus roter Seide – der von vier Männern in einer Sänfte vorbeigetragen wurde, wobei die restliche Bevölkerung respektvoll zur Seite wich, legten die Standesabzeichen eines Edlen fest. Die Sänftenträger mußten demnach der untersten Klasse entsprechen; darauf wies auch die Farbe ihrer Kleidung hin – ein dumpfes Grau, das bis ins Schwarze reichte. Die Masse der Bevölkerung auf dem Marktplatz kleidete sich in braune Hosen mit roten oder grünen Blusen.

»Ich schlage vor, wir verkleiden uns als Raumhafentechniker«, meinte Spooky. Alle stimmten zu; nur Danielle murmelte etwas über die unvorteilhafte Kontrastierung ihres Teints mit knöchellangen weißen Kleidern – der hiesigen allgemeinen Frauenkleidung.

»Wenn wir erst das Hauttönungsmittel angewendet haben«, erklärte Spooky nachsichtig, »siehst du ohnehin völlig anders aus.«

Danielle äußerte daraufhin einige grundlegende Erkenntnisse über Männer im allgemeinen und die spezifische Arroganz eines gewissen Abraham DeLacy im besonderen. Dieser wollte gerade auf auf ihr leises Geschimpfe eingehen, als Sirghia ihn anstieß. Wortlos deutete die Morconin auf das Gebilde, das auf dem Bildschirm aufgetaucht war. Eine massive Metallsäule ragte in das Bild; Spooky justierte die Kamera und ermittelte die Abmessungen des Objekts.

»Dreißig Meter hoch, zehn Meter dick. Zusammensetzung … Stahl!« sagte er verwundert. »Was hat das nun wieder zu bedeuten? Ein solcher Stahlklotz in einer Stadt, die hauptsächlich von Rindviechern bevölkert wird?«

»Wir werden sehen, was das zu bedeuten hat!« sagte Aphros. »Ich hätte Lust auf einen kleinen Ausflug in die Stadt.«

»Warum gerade du?« fragte Giri.

»Ich bin für hohe Belastungen konstruiert worden«, erklärte der Androide fest. »Mir werden weder die Hitze noch die höhere Schwerkraft zu schaffen machen. Außerdem werde ich mich mit den Makarern wesentlich besser verständigen können.«

»Einverstanden!« sagte Spooky. »Aber zuerst hole ich die Sonde wieder zurück – sie kann dann über dir fliegen und uns jederzeit berichten, wie es um dich steht.«

Wenige Minuten danach hatte die Sonde das Versteck der PERONAIOS wieder erreicht; der Androide hatte sich währenddessen umgezogen. Der Weg durch das Flußbett bis zu der hölzernen Barriere erwies sich als überaus mühselig, aber der Androide schritt weit aus und pfiff ein Lied.

»Ich komme jetzt in die Nähe des Marktplatzes«, informierte der Androide seine Freunde über die Sonde. Leider war diese Verbindung einseitig.

In der letzten halben Stunde war Aphros Hunderten von Menschen begegnet; teilweise wurde er mit finsterer Miene empfangen, andere – meist Angehörige der untersten Schichten – grüßten ihn überaus freundlich und demütig. Ansonsten nahm man von ihm kaum Notiz; die Bewohner waren beschäftigt. Mächtige Bäume schaukelten auf hohen Fuhrwerken, deren hölzerne Räder auf dem Pflaster ratterten. Tonnen wurden durch enge Gassen gerollt; ein höllischer Lärm entstand, als ein Faß einem Passanten über den Fuß rollte.

Nur selten sah Aphros in dem Gewimmel einen Höhergestellten, der das Vorrecht des Sänftentransports besaß. Offenbar waren diese Männer nicht übermäßig beliebt. Als eine prunkvolle Sänfte vorbeischaukelte, studierte Aphros die Gesichter in der Menge. Er fand eine Mischung aus Angst, unterdrückter Wut und unverhohlenem Neid. Ein Mann ging soweit, einem Sänftenträger ein Bein zu stellen; das Gefährt schwankte, und aus dem Innern stürzte ein ungeheuer fettleibiger Mann auf die Straße, überschlug sich mehrmals und blieb schließlich, sprachlos vor Entrüstung, in einem Abwasserkanal liegen. Die Menge zeigte nur eine Reaktion – so schnell es ging, verlief sich die Schar und ließ den nun tobenden, mit Unrat bedeckten Edlen mitsamt seinen Sklaven zurück. Niemand machte Anstalten, den dreisten Attentäter zu stellen, der rasch in dem Gewirr der kleinen, krummen Gassen verschwunden war.

Auch Aphros zog sich zurück; er ahnte, daß es dem Edlen ziemlich gleichgültig sein würde, an wem er seine Entrüstung ausließ. Vorsichtshalber schlug er einige Haken, bevor er seinen Schritt wieder verlangsamte, um seine Umgebung zu studieren. Ob die unsichtbare Sonde ihm hatte folgen können, wußte er nicht; aber er vertraute der Geschicklichkeit von bel Tarman, der die Sonde steuerte.

»Einen Kupferling, der Herr«, wimmerte eine Stimme neben dem Androiden. »Einen winzigen Kupferling, Herr – ich habe dreizehn Kinder und zwei Frauen zu nähren!«

Aphros warf einen Blick auf den Sprecher, einen alten Mann mit verfilztem Haar, dessen Kinn von einem weißen, sorgfältig bearbeiteten Drei-Tage-Bart geziert wurde. Was den Alten wirklich interessierte, war unschwer an dem Alkoholdunst zu erkennen, der dem Androiden ins Gesicht wehte.

»Troll dich, Alter!« knurrte Aphros und ging weiter; den halblauten Fluch, den der Alte ihm nachschickte, nahm er kaum mehr wahr.

5.

»Also weiter!« knurrte der Androide. »Auf zu dem eisernen Monstrum!«

Er wußte nicht, ob er noch im Beobachtungsbereich der Sonde war, aber er vertraute den Fernsteuerkünsten seiner Freunde. Es erwies sich als mühsam, sich durch die Menschen auf dem Marktplatz zu drängen. Immer wieder wurde der Androide unsanft angestoßen und zur Seite geschoben.

»Manieren sind das!« schimpfte Aphros ungehalten; wieder krachte ihm ein rücksichtsloser Ellbogen gegen die Rippen. »Paß doch auf, Trottel!«

»Wie war das, bitte?« sagte eine gefährlich klingende Stimme. »Sagtest du Trottel?«

Der Mann, der Aphros so unsanft behandelt hatte, stand nun vor dem Androiden und blinzelte ihn aus kleinen Augen an; er trug die Kleidung eines Edlen, und in seiner Begleitung erkannte Aphros einige männliche Sklaven mit besorgniserregender Muskulatur.

»Herr!« wimmerte der Androide. »Ich wollte nicht …«

»Es wird immer besser«, staunte der Edle. »Er wartet nicht einmal, bis ich ihm erlaube, mir seinen kotigen Atem ins Gesicht zu blasen. Das wirst du büßen, mein Junge – faßt ihn!«

Der Zuruf galt den Sklaven, die sofort näher kamen und Aphros umringten; der Androide sah kurz in die Gesichter und stellte fest, daß niemand ihm helfen würde, der Rachlust des Edlen zu entkommen – im Gegenteil. Er wich langsam einige Schritte zurück.

Der Androide täuschte Unterwürfigkeit vor; flehend hielt er die offenen Hände zwei Sklaven entgegen. Der Trick gelang – die Sklaven packten nicht allzu hart zu und zogen ihn gemächlich auf die Sänfte zu.

»Hier ist der Schuft, Herr!« sagte einer der Sklaven.

Auf diesen Augenblick hatte Aphros gewartet; da er über empfindlichere Wahrnehmungsorgane verfügte als durchschnittliche Menschen, hatte er den Druck der Sklavenhände an seinen Handgelenken genau registriert. Und er erfaßte auch den Sekundenbruchteil, in dem die Sklaven ihre Aufmerksamkeit von ihm auf ihren Herrn und Gebieter umschalteten. Diesen winzigen Augenblick ihrer Unachtsamkeit nutzte der Androide aus – ruckartig warf er sich zurück. Die beiden Männer, die ihn hielten, wurden von dieser Bewegung völlig überrascht – da sie ihren Griff um seine Handgelenke nicht lockerten, wurden sie gegeneinandergeschleudert und krachten mit den Schädeln zusammen.

Unwillkürlich lockerten sie ihren Zugriff; mit einem Ruck befreite sich Aphros und ließ seine Handkanten auf ihre Nacken niedersausen. Sie sanken zu Boden. Gleichzeitig setzte Aphros zu einem Sprung an, der ihn unmittelbar an die Sänfte brachte. Ein Schritt genügte, und er stand auf dem Gestell der Sänfte, gleich darauf auf dem Dach. Nur von dort aus hatte er eine Chance, die Menge zu überwinden, die sich um die Sänfte herum angesammelt hatte. Entschlossen warf sich Aphros dorthin, wo der Kreis der Menschen die geringste Dicke hatte.

Der Androide stürzte nach einigen Metern Flug auf die Köpfe der Umstehenden nieder. Einige Männer gingen zu Boden, als Aphros’ Knie und Ellbogen empfindliche Körperstellen trafen. Wesentlich schneller als jeder Normalmensch hatte sich Aphros abrollen lassen und stand wieder auf den Beinen. Er nutzte die noch immer beträchtliche Schockwirkung des Publikums aus und warf sich gegen die Menschen vor ihm.

»Platz da!« brüllte er und drosch rücksichtslos um sich. Zwei, drei Männer sanken zu Boden, dann wich die Menge angstvoll zurück. Er rannte los und bremste hinter einer Ecke ab.

»Haltet ihn!« schrie eine unangenehm schrille Stimme. »Eine fürstliche Belohnung demjenigen, der den Schurken faßt – tot oder lebend!«

»Schade«, murmelte Aphros. »Keine genaue Preisangabe – ich hätte gern gewußt, was mein Lockenkopf hier für einen Wert besitzt.«

Leise vor sich hin pfeifend ging er mit einem Gesicht voll unendlicher Langeweile weiter; niemand beachtete ihn – alles hielt nach einem Manne Ausschau, der verzweifelt um sein Leben rannte. Und so schritt er weiter durch Jenra.

Über ihm schwebte noch immer die unsichtbare Sonde und überwachte ihn – jedenfalls glaubte dies der Androide.

Giri bel Tarman stieß eine Reihe von Flüchen aus. »Wieso ist die Sonde ausgefallen?« schimpfte er. Planlos versuchte er sich an allen Kontrollmechanismen der Sonde. »Bild weg, Ton weg – immerhin steht der Ortungsschutz noch!«

»Können wir die Sonde wenigstens steuern?« wollte Danielle wissen. »Es könnte fatal werden, wenn das Ding irgendwo gegen ein Haus knallte und dabei sichtbar würde.«

»Keine Aufregung!« sagte Spooky beruhigend. »Die Fernsteuerung arbeitet auch noch! Und ich habe auch eine Erklärung für das Versagen der Sonde.«

»Die lautet?« fragte Giri knapp. Vorsichtshalber ließ er die Sonde zum Schiff zurückkehren.

Spooky grinste boshaft, während er erklärte: »Ähnliche Dinge gab es auf der Erde schon vor ewigen Zeiten – ein römischer Geschichtsschreiber hat überliefert, daß bei einem öffentlichen Auftreten des Caius Julius Cäsar das Volk so laut Beifall schrie, daß einige Vögel bewußtlos aus dem Himmel fielen – die Schallwellen hatten sie betäubt. Und einen ähnlichen Lärm haben wir gehört, als die Leute bei Aphros’ Sänftenakrobatik aufbrüllten.«

»Du meinst allen Ernstes …?« zweifelte Sirghia; Spooky nickte kurz.

»Warum nicht?« entgegnete er ruhig. »Ich halte es für durchaus möglich, daß der Schrei der Menge unsere Sonde taub und blind gemacht hat. Aber das ist jetzt nicht so wichtig. Die Frage ist – was fangen wir jetzt an, um erstens festzustellen, wo Aphros steckt, und zweitens, ihm nötigenfalls zu helfen?«

»Eine zweite Sonde!« schlug Danielle vor.

»Gut«, stimmte Spooky zu. »Aber wo sollen wir Aphros suchen? Wir können auf keinen Fall die Sonde so tief fliegen lassen, daß man auf den Bildschirmen Gesichter erkennt. Das aber müßten wir tun, um aus dieser uniformierten Menge einen einzelnen Menschen herauszupicken.«

Giri strich mit der Hand über das Kinn. »Ich nehme an, du willst dich ebenfalls auf den Weg nach Jenra machen – zusammen mit der zweiten Sonde.«

»Aber nicht allein!« warf Danielle ein. »Ich komme mit.«

Augenblicklich schüttelte Spooky den Kopf. »Viel zu gefährlich! Es reicht, wenn ich gehe.«

Aphros hatte sich den Stadtplan von Jenra sehr genau eingeprägt. Einen Teil der winzigen Gassen hatte die Kamera jedoch nicht erfaßt, und da die Straßen zudem weder numeriert noch mit Namen versehen waren, hatte der Androide sich fast verirrt.

»Dschungel der Großstadt!« knurrte er unwillig, als er wieder einmal an einer Kreuzung stand und nicht recht wußte, wohin er sich wenden sollte. Flüchtig sah Aphros nach oben, versuchte sich nach dem Sonnenstand zu orientieren und ging geradeaus weiter. Ein Seitenblick hatte ihm gezeigt, daß die Querstraße leicht gekrümmt verlief, daher schlug Aphros eine Richtung ein, die auf das geometrische Zentrum dieser Krümmung zielte – sein Gedächtnis sagte ihm, daß er dort auch die rätselhafte Säule finden würde.

Nach etwas mehr als zehn Minuten Fußmarsch hatte er einen großen Platz erreicht. Unübersehbar erhob sich das Monument in der Mitte des Runds. Der blanke Stahl warf das Sonnenlicht zurück und überschüttete den Platz mit einer Flut farbiger Reflexe.

Während er noch überlegte, wie er sich unauffällig der Säule nähern konnte, kam ihm der Zufall zu Hilfe. Ein kleines Mädchen mit zerzaustem, ziemlich unsauberem Haar ging ohne jede Furcht auf den Androiden zu und faßte nach seiner Hand.

»Hallo!« sagte das Mädchen einfach. »Ich bin Peko! Und wer bist du?«

»Aphros«, sagte der Androide überrascht. Ihm kam ein Gedanke. Vielleicht war die Kleine ganz nützlich.

»Hör mal, Peko«, meinte der Androide freundlich; vertrauensvoll lächelte das Mädchen ihn an. »Willst du mit mir gehen und mir alles zeigen – ich kenne mich noch nicht ganz aus.«

»Gern, Aphros«, antwortete die Kleine heiter. »Komm!«

Während er dem Mädchen folgte, sah er unwillkürlich nach oben. Er dachte an seine Freunde im Schiff, die jetzt vermutlich vor den Optiken saßen und sich vor Lachen bogen.

Pekos Redefluß war kaum zu stoppen; laut ihrem Geplapper hatte ihr Vater sieben Frauen und eine entsprechend große Kinderzahl. Das Kind schnurrte eine endlos erscheinende Namensliste herunter. Auf diese etwas anstrengende Art überquerte Aphros den Platz, und schließlich standen die beiden vor der Säule.

Sie bestand tatsächlich aus einem einzigen Block aus Stahl. Die gesamte Oberfläche wies nicht eine einzige Schramme auf. Zudem schimmerte das Metall, als seien jeden Tag Sklaven-Tausendschaften nur damit beschäftigt, den Block auf Hochglanz zu polieren.

»Schön, nicht?« fragte Peko arglos.

»Ja«, sagte Aphros nickend. »Wollen wir ein Spiel spielen?«

»Fein!« strahlte die Kleine. »Was wollen wir denn spielen?«

»Ich stelle dir jetzt ein paar Fragen«, erklärte Aphros, »und wenn du die richtige Antwort weißt, kaufe ich dir für jede richtige Antwort ein Bonbon!«

»Und wenn ich etwas Falsches sage?« wollte Peko wissen. »Muß ich dann ein Bonbon zurückgeben?«

Aphros schüttelte den Kopf. »Was du gewonnen hast, kannst du behalten! Machst du mit?«

»Fang an!« forderte das Mädchen ihn auf und lächelte schelmisch. »Du mußt sehr dumm sein, Aphros, daß du das Spiel spielen willst.«

Nachdem der Androide diese fundierte Stellungnahme verarbeitet hatte, erkundigte er sich: »Wieso bin ich dumm?«

»Ätsch!« meinte Peko selbstsicher. »Weil nämlich jeder alles über das da weiß. Darum nämlich!«

»Eins«, zählte Aphros laut. »Also: Was ist das?«

»Zwei«, rechnete Peko vor. »Das Monument.«

Himmel, dachte der Androide, wenn die Kleine die ganze Geschichte des Klotzes in einzelne Informationsstücke zerteilt, verliere ich ein Vermögen an Bonbons.

»Warum heißt es so?« fragte Aphros weiter.

»Weil es eines ist«, lautete die leicht erstaunt klingende Antwort. »Drei!«

Aphros schluckte. »Drei«, bestätigte er mit leisem Seufzen; Peko grinste nur. »Wer hat es so genannt?«

»Ich«, erklärte Peko schnell. »Vier!«

»Wieso du?« wollte Aphros wissen.

»Weil es eines ist, habe ich es so genannt«, sagte Peko schlagfertig. »Du hast gefragt, wer es Monument genannt hat – und das habe ich ja gerade gemacht. Fünf!«

Aphros gab auf; offenbar hatte er die so unschuldig dreinblickende Peko gewaltig unterschätzt. Nach zehn Minuten und achtunddreißig weiteren Bonbons hatte er herausgefunden, daß die Meßergebnisse der Sonde genau stimmten, daß vor Peko ihre Mutter das Monument schon Monument genannt hatte, weil deren Mutter das auch schon so gemacht hatte – an dieser Stelle brach Aphros erneut ab.

»Was kann man eigentlich damit machen?« fragte er und zeigte dazu ein ganz hinterhältiges Gesicht. Peko reagierte prompt.

»Das ist gemein!« schimpfte sie. »Jetzt muß ich dir ganz furchtbar viel von dem Monument erzählen und kriege dafür nur ein Bonbon. Für diese Frage fünf, oder ich mache nicht mehr mit!«

Mit einem halberstickten Röcheln der Verzweiflung gab Aphros sein Einverständnis.

»Vor langer, langer Zeit«, berichtete Peko, »gab es auf Makar viele Raumschiffe.«

Aphros entging nicht, daß sich die Stimme des Mädchens veränderte; vorher war sie hell und klar gewesen. Jetzt klang die Stimme anders: dumpfer, leiernd, als spule sie ein Band ab, das ein anderer besprochen hatte. Nun begriff er auch, warum das Mädchen ihn für dumm gehalten hatte – offenbar wurden alle Einwohner Jenras und wahrscheinlich auch des gesamten Planeten in frühester Kindheit mit dieser Geschichte förmlich konditioniert.

»Mit diesen Raumschiffen«, berichtete Peko weiter, »wurde Krieg geführt gegen die verbrecherischen Tanaer, die uns alle umbringen wollten. Nachdem dieser Krieg endlose Zeiten gedauert und unzählige Menschen verschlungen hatte, landete eines Tages ein ganz großes Raumschiff auf Makar, das weder den Makarern noch den Tanaern gehörte. Die Wesen in dem Schiff haben die Säule hier aufgebaut und allen verboten, jemals wieder Krieg zu führen. Und dann sind die Wesen wieder weggeflogen, nachdem sie viele unserer Raumschiffe zerstört hatten. Jeder Makarer wird, wenn er fünf Sommer gesehen hat, zu der Säule geführt. Sie öffnet sich dann und läßt das Kind herein. Wenn es nach kurzer Zeit wieder zum Vorschein kommt, kennt es diese Geschichte.

Und wenn ein Fremder auf Makar landet, wird er zu der Säule geführt. Nimmt sie ihn auf, dann ist er von diesem Zeitpunkt an ein Makarer. Die meisten aber kommen nie wieder!«

Grinsend verfolgte Giri das Geschehen auf dem Bildschirm. Sirghia war damit beschäftigt, noch einmal die Funkfrequenzen abzugrasen.

»Wenn alle Terraner so beschaffen sind wie diese beiden«, faßte der Morcone seine Eindrücke zusammen, »befürworte ich ein unbeschränktes Einreiseverbot für alle Erdmenschen.«

Selbstverständlich hatte Danielle sich durchgesetzt; sie begleitete Spooky auf seinem Ausflug nach Jenra. Da die erhöhte Schwerkraft die beiden ziemlich schnell erschöpft hätte, mußte auch Soleil den Ausflug mitmachen. Abwechselnd benutzten Spooky und Danielle den gelehrigen Mainares-Bären als Reittier – solange der jeweilige Reiter den Bären am Ohr kraulte, hatte Soleil nichts dagegen einzuwenden.

Es war Danielles Idee gewesen, das Angenehme mit dem Nützlichen zu koppeln – Soleil diente einmal als Transportmittel, zum anderen lieferte das Tier auch die Maske für die beiden Menschen. Sie sollten sich, wenn sie gefragt wurden, als Vaganten ausgeben, die auf dem Jahrmarkt einen dressierten Riesenbären vorführen wollten. Entsprechend waren sie auch eingekleidet worden.

»Nun, Freunde, wie geht es?« erkundigte sich Giri erheitert.

Die Beobachtung durch die Sonde hatte ergeben, daß sich kein Makarer in der Umgebung der beiden Terraner aufhielt; daher war auch ein Wechselgespräch über die Mikrophone und Lautsprecheranlagen der Sonde möglich.

»Diese Welt ist entsetzlich rückständig!« schimpfte Danielle. »Diese weißen, knöchellangen Kleider sind zum Ritt auf Bären denkbar ungeeignet. Ich habe ständig Angst, herunterzufallen!«

»Solange du bei einem solchen Sturz nur Kopfverletzungen davonträgst«, kommentierte Spooky boshaft, »wird sich der Schaden in erträglichen Grenzen halten.«

»Beiß ihn, Soleil!« ermunterte Danielle erbost den Bären. »Friß das Scheusal auf!«

»Willst du noch mehr wissen, Aphros?« fragte Peko, nachdem sie ihren Monolog beendet hatte. »Wollen wir weiterspielen?«

»Warte einen Augenblick«, murmelte der Androide; er war noch damit beschäftigt, die Informationen zu verarbeiten, die das Mädchen ihm gegeben hatte. Unwillkürlich fragte er sich, wie die Säule wohl reagieren würde, falls er versuchte, in das Monument einzudringen. War die Säule, wie er hoffte, ein Produkt der Stammeltern von Morconen, Terranern und Makarer, dann konnte ihm nicht allzuviel geschehen. Anders sah die Sache aus, wenn ein noch unbekanntes Volk das Monument errichtet hatte.

»He, Aphros, was ist mit dir?« fragte Peko den Androiden, der mit geschlossenen Augen vor ihr stand und angestrengt nachdachte.

»Genau das möchte ich auch wissen!« erklang eine tiefe Männerstimme.

Der Androide öffnete die Augen und sah den Sprecher an, einen hochgewachsenen, stämmigen Mann in einer Uniform, die dem Androiden unbekannt war. Erschrocken stellte Aphros fest, daß der Unbekannte in seinem ledernen Gürtel eine Strahlwaffe stecken hatte.

»Rede, Mann!« herrschte der Bewaffnete den Androiden an. »Was stehst du hier und grübelst? Solltest du die Geschichte des Monuments nicht kennen?«

»Unsinn!« wehrte Aphros ab; die Lage wurde langsam brenzlig.

»Gut denn«, meinte der Uniformierte. »Sage mir, wann der letzte Fremde von dem Monument verschlungen wurde!«

»Hm«, machte Aphros und grinste dazu. »Willst du mich veralbern, Freund?«

Der Uniformierte machte ein finsteres Gesicht; offenbar war die Anrede Freund nicht angebracht. Aphros bewegte sich langsam auf das Monument zu – nur wenige Schritte trennten ihn noch von der roten Linie, die die Säule umkreiste. Ihm war aufgefallen, daß die Makarer diese Grenzlinie sorgfältig vermieden.

»Stehenbleiben, du Narr!« warnte der Uniformierte.

Aphros sah ein, daß seih Spiel verloren war. Ein gewaltsamer Ausbruch verbot sich von selbst – einige hundert Passanten waren aufmerksam geworden und starrten den Androiden feindselig an. Für Aphros blieb nur noch ein Weg – zum Monument.

»He, Aphros!« rief die kleine Peko. »Lauf nicht weg – wo bleiben meine Bonbons?«

Ohne sich zu besinnen, rannte das Mädchen auf Aphros zu. Bevor irgend jemand eingreifen konnte, hatte das Mädchen den Androiden erreicht und prallte mit beträchtlicher Wucht gegen ihn. Unwillkürlich taumelte der Androide einen Schritt zurück, zusammen mit dem Mädchen, das sich an ihn klammerte. Die Menge schrie auf, als beide in das Innere des roten Kreises traten.

Der Uniformierte ließ die gezogene Waffe sinken; mit automatenhafter Schnelligkeit hatte sich um die Säule ein undurchdringlicher Vorhang aufgebaut. Rote Blitze zuckten aus dem flirrenden, gelblichen Feld.

Als der Energievorhang wieder erlosch, waren Aphros und das Mädchen verschwunden.

Ungerührt machte sich der Uniformierte daran, die Menge auseinanderzutreiben.

Danielle und Spooky hatten es wesentlich leichter als Aphros, durch die Stadt zu wandern – sobald die Makarer den Bären sahen, machten sie furchtsam Platz. Von Zeit zu Zeit stieß Soleil ein Brummen aus, das die Bürger Jenras in noch größere Furcht stürzte. Einige Männer griffen beim Anblick des Tieres sofort zu den Waffen, ließen sie aber sinken, als Spooky den Bären sich aufrichten ließ und sich ein wenig mit ihm balgte. Mit einem leichten Grinsen stellte DeLacy fest, daß die Waffenträger, sobald sie von der Ungefährlichkeit des Bären überzeugt waren, ihr Augenmerk vornehmlich auf Danielle richteten, der diese Bewunderung sichtlich gefiel.

»Endlich Männer, die meine Qualitäten zu schätzen wissen!« meinte sie halblaut zu Spooky; der Terraner hielt den Bären an einem Ohr, während die Frau auf dem Rücken des Tieres saß und mit den Beinen strampelte.

»Wir bleiben einstweilen hier«, sagte Spooky. »Wenn wir für genügend Aufregung und Trubel sorgen, wird sich Aphros vermutlich bald hier einstellen.«

»Einverstanden«, sagte Danielle. Sie stoppte den gemächlichen Trott des Bären und stieg ab.

Um sich die Zeit auf der Welt der acht Schläfer zu vertreiben, hatten sie Soleil damals zu einigen Dressurnummern abgerichtet. Die Makarer erwiesen sich als außerordentlich begeisterungsfähiges Publikum. Nach einer halben Stunde aber schien Soleil keine Lust mehr zu haben, legte sich hin und machte ein Nickerchen.

»Verdammt!« knurrte Spooky. »Wenn wir Soleil nicht ermuntern können, fällt das Publikum geschlossen über uns her.«

Vergeblich versuchten die beiden Menschen, den Bären in seiner Ruhe zu stören; ungerührt schnarchte Soleil weiter. Jetzt wurde das Publikum ärgerlich; ein Stein krachte auf den Boden.

»Auch das noch«, stöhnte Danielle. »Wenn ein Stein trifft …«

Sie hatte den Satz noch nicht ganz beendet, da war das Unglück bereits geschehen; ein kleiner Stein mit scharfen Kanten traf Soleil am Kopf. Ruckartig sprang das Tier auf.

»Ruhig, Soleil, ruhig!« versuchte Danielle den Bären zu beschwichtigen. Ein weiterer Stein machte ihre Bemühungen zunichte.

Das Tier hatte genau erkannt, aus welcher Richtung der Stein angeflogen kam; mit einem wütenden Brüllen stürzte Soleil vorwärts. Die Menge kreischte angsterfüllt auf und stob auseinander. Während die meisten sich schreiend in Sicherheit zu bringen suchten, griffen einige Beherzte zu den Waffen und stellten sich Soleil in den Weg.

»Soleil!« schrie Spooky verzweifelt. »Zurück!«

Von der Intelligenz des Bären war nicht mehr viel zu sehen. Mit einigen kraftvollen Prankenhieben trieb Soleil seine Widersacher auseinander; in das Angstgeschrei der Menge mischte sich das Wimmern von Verletzten. Der Bär hatte sich sein Opfer ausgewählt, einen jungen Mann, der laut um Hilfe schrie und verzweifelt rannte. Obwohl er den Tod im Nacken wußte, änderte der Mann die Richtung seiner Flucht, als er in die Nähe des roten Kreises kam. Er versuchte, einen Haken zu schlagen und lief um die Gefahrenzone herum.

Soleil wußte nichts von einer Gefahr; gradlinig stürmte der Bär hinter dem Mann her und geriet dabei in den Bannkreis. Als sich einige Sekunden später die Sicht wieder klärte und der Energievorhang verschwunden war, fehlte auch von Soleil jede Spur.

»Verdammt!« fauchte Abraham DeLacy wütend. »Auch das noch!«

»Was fangen wir jetzt an?« überlegte Danielle halblaut.

»Die Antwort werden wir bald wissen«, kommentierte Spooky bitter, als er die Menschen sah.

Langsam und schweigend schob sich eine Wand aus Leibern näher. Waffen blitzten auf. Merkwürdigerweise stand in den Gesichtern der Makarer eher Angst als Wut. Aus der Menge lösten sich einige Gestalten; sie trugen Uniformen, die die Terraner vorher nie gesehen hatten. Offenbar durften nur wenige ausgesuchte Männer diese Kleidung tragen – dafür sprach auch ihre moderne Bewaffnung.

Als die Männer mit den Strahlwaffen nahe genug heran waren, erkannten die Terraner deutlich, daß die Männer sich fürchteten; sie bewegten sich, als warteten sie auf einen Hinterhalt.

»Verstehe ich nicht«, meinte Danielle unsicher. »Wir sind offensichtlich unbewaffnet – aber sie sehen aus, als hätten sie Angst, mit bloßen Händen von uns getötet zu werden. Verstehst du das?«

»Überhaupt nicht«, gestand Spooky ratlos ein. »Aber ich fürchte, daß wir auch für dieses Problem bald eine Lösung finden werden.«

Es dauerte ziemlich lange, bis die Uniformierten die beiden Terraner eingekreist hatten; dann stürzten sie auf ein Kommando los. Danielle und Spooky wehrten sich nicht, und wenig später lagen sie gefesselt am Boden.

Ein Mann starrte minutenlang auf sie nieder. Sein Gesicht drückte große Ratlosigkeit und Verblüffung aus – als wundere er sich, daß es ihm und seinen Gefährten überhaupt gelungen war, die beiden zu überwältigen. »Wer seid ihr?« fragte er schließlich.

Brav sagten Danielle und Spooky ihre eingeübten Sprüchlein auf. Die Miene des Bewaffneten zeigte deutlich, daß er ihnen kein Wort glaubte.

»Nun gut«, meinte der Mann spöttisch. »Wenn ihr es nicht anders wollt – schafft sie fort! Der Goldene wird sie sehen wollen.«

6.

Nur für Sekundenbruchteile hatte der Androide das Aufflammen des Schirmfeldes wahrnehmen können, dann hatte er schlagartig das Bewußtsein verloren. Als er nach unbestimmter Zeit wieder zu sich kam, fand er sich allein – von dem kleinen Mädchen fehlte jegliche Spur.

»Immerhin«, knurrte Aphros, »ich lebe noch!«

Den Klang seiner Worte konnte er nur über die Schalleitung der Schädelknochen empfangen; alle anderen Schallwellen schienen sich in einem unendlich großen Raum zu verlieren. Das gleiche galt für das Licht – undurchdringliche Finsternis umfing den Androiden. Vorsichtig machte Aphros einen Schritt nach vorne; nichts geschah. Allerdings hatte der Androide auch nicht das Gefühl, zu gehen – obwohl er offenkundig fest auf seinen Füßen stand, schien es unter ihm keinen festen Grund zu geben.

»Sieh an«, murmelte Aphros mißvergnügt. »Die bekannte totale Isolation!«

Er kannte diese Einrichtungen aus den Erzählungen des Terraners DeLacy: Sie gehörten zu den standardisierten Testverfahren der terrestrischen Raumfahrtschulen. Der Kandidat wurde in eine Umgebung verpflanzt, in der die Zufuhr von Sinnesreizen auf das technisch durchführbare Mindestmaß beschränkt wurde. Kandidaten, die nicht wenigstens drei Stunden durchhielten, galten als nicht raumtauglich – wer mehr als zehn Stunden völliger Einsamkeit durchstand, galt als reif für den Psychoanalytiker. Normalerweise drückten die Kandidaten nach vier bis acht Stunden die Rettungstaste und wurden aus ihrem Verließ befreit.

Hier allerdings, stellte der Androide nach einigem Suchen fest, gab es keinen Rettungsknopf. Aphros setzte einen Fuß vor den anderen und marschierte exakt geradeaus – nach zweitausend Schritten hatte er noch immer keine Begrenzung finden können. Da der Androide jede seiner Bewegungen genau bestimmen konnte, wußte er bald, daß er ziemlich exakt tausend Meter weit gelaufen war, und zwar ohne von der geraden Richtung abgewichen und im Kreise gelaufen zu sein.

Er wußte nicht, wie diese Isolationszelle technisch aussah, aber er konnte sich ausrechnen, daß er beobachtet wurde. Vermutlich wollte man die Grenzen seiner Belastbarkeit testen. Er hatte zwei Möglichkeiten: Er konnte einige Zeit verstreichen lassen, fünf Stunden beispielsweise, und dann »durchdrehen«, wie man es von ihm erwartete; die andere Möglichkeit bestand darin, auszuhalten, bis dem Kontrolleur die Sache zu langweilig wurde.

Beide Verfahren bargen gewisse Risiken in sich: Reagierte der unsichtbare Kontrolleur nicht auf die ersten Anzeichen einer Psychose, dann war Aphros gezwungen, seine Rolle bis zum völligen psychischen Zusammenbruch weiterzuspielen. Das war nicht ganz ungefährlich – spielte er zu gut, wurde er vielleicht tatsächlich verrückt. Spielte er zu unglaubwürdig, bestand die Gefahr einer Entlarvung – mit den daraus resultierenden Konsequenzen.

Nach reiflicher Überlegung entschloß sich Aphros für den zweiten möglichen Weg; bildlich gesprochen schaltete er sich ein paar Stufen niedriger. Für einen Außenstehenden schien der Androide fest der Ruhe des Gerechten nachzugehen.

Aphros zuckte mit keiner Wimper, als ganz ohne Vorwarnung plötzlich Licht aufflammte und die Periode der absoluten Finsternis beendete. Nach seiner inneren Uhr mußten rund zwanzig Stunden seit seinem Erwachen vergangen sein. Der unsichtbare Kontrolleur schien die Geduld verloren zu haben.

Rasch warf der Androide einen Blick in die Runde; er hoffte, etwas über die technische Ausstattung dieser Folterkammer zu erfahren. Er sah jedoch nur hellblaue Wände. Woher das Licht kam, konnte er nicht feststellen, ebensowenig, ob er sich im Innern einer Kugel oder eines Quaders aufhielt. Immerhin – der Kilometer, den Aphros zuvor marschiert war, war mit Sicherheit Produkt einer Sinnestäuschung.

»Eine reichlich einfache Angelegenheit«, überlegte der Androide halblaut. »Mit Hilfe eines sorgfältig gesteuerten Schwerkraftprojektors kann man mich in einer Kugel jahrelang geradeaus marschieren lassen, ohne daß ich ein Ende finde!«

»Wer bist du, Fremder?« sagte eine keineswegs unfreundlich klingende Stimme.

»Wieso Fremder?« fragte Aphros ungeniert zurück; er wußte, daß man Verhöre durch Gegenfragen am besten aus dem Konzept brachte.

»Kein Makarer hätte die Isolierzelle so lange ausgehalten«, gab die Stimme ruhig zur Antwort. »Deine Abmessungen schließen tanaischen Ursprung aus. Also mußt du fremd sein! Ich erbitte die Beantwortung meiner Frage.«

»Aphros«, stellte sich der Androide vor. »Und dein Name?«

»Ein Name ist die Bezeichnung einer Person, der zur Abgrenzung von anderen Personen dient«, definierte der Gegenpart des Androiden. »Da ich keine mir ähnliche Person kenne, von der ich mich abzugrenzen hätte, besitze ich keine Bezeichnung meiner selbst.«

»Schade«, murmelte Aphros.

»Woher kommst du?« wollte die namenlose Stimme wissen; erst jetzt wurde dem Androiden bewußt, daß die Stimme in der Sprache seiner Erbauer redete. Kein Zweifel – wie seine Station auf Mainares war auch diese Säule technisches Produkt des gleichen Volkes, das gleichermaßen Stammvater von Morconen und Terranern war.

»Von Mainares«, antwortete er wahrheitsgemäß.

»Mainares!« wiederholte die Stimme ungläubig. »Das liegt nicht innerhalb dieses Spiralarms!«

»Völlig richtig!« bestätigte Aphros grinsend. »Auch nicht in dieser Milchstraße, sondern in der benachbarten Galaxis!«

»Ich hätte es wissen müssen«, antwortete die Stimme mit heiterem Unterton.

Mit einem Schlag verschwanden die blauen Wände; an ihre Stelle traten Wände, die mit prachtvollen Intarsienarbeiten verkleidet waren. Aphros fand sich übergangslos in einem bequemen Sessel wieder. Ihm gegenüber saß eine junge Frau – zumindest ein Wesen, das man mit einer sehr attraktiven jungen Frau jederzeit hätte verwechseln können. Was Aphros bereits ahnte, bestätigte sich wenig später; sie schaltete auf mentalen Kontakt um, zu dem nur die Erbauer und ihre Androiden fähig waren.

»Herzlich willkommen auf Makar!« sagte die junge Frau freundlich. »Mache es dir bitte bequem – diese Station ist standardisiert, du wirst alle Servomechanismen kennen.«

Aphros machte sofort einen Versuch und klappte die rechte Lehne seines Sitzmöbels in die Höhe; eine Tastatur wurde sichtbar, die nur aus Ziffern bestand. Interessiert sah das Mädchen zu, als Aphros die Tastatur betätigte – nach seinen Informationen hatte er ein Erfrischungsgetränk bestellt, das wenige Sekunden später richtig geliefert wurde.

»Test bestanden, Schwester?« erkundigte sich Aphros mit einem Hauch von Spott.

»Bestanden«, sagte die Androidin lächelnd und bediente sich ebenfalls. »Wieso hast du im Gegensatz zu mir einen Namen? Und was hat dich überhaupt hierhin verschlagen?«

»Zwischenfrage!« warf Aphros schnell ein. »Was ist aus dem kleinen Mädchen geworden, das mich begleitet hat? Ich hoffe, ihr ist nichts geschehen!«

»Keine Sorge«, wehrte die Frau ab. »Da du mir wesentlich interessanter erschienst, habe ich die Kleine bis jetzt schlafen lassen. Ich kann sie jederzeit ohne Erinnerung wieder zurückschicken.«

Aphros nickte zustimmend, dann begann er zu berichten; die junge Frau hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu.

Alles an dem Mann glänzte golden; seine Kleidung, seine Schuhe und sogar seine Haare waren so mit Goldstaub überzogen, daß man die ursprüngliche Farbe nicht erkennen konnte. Das Gesicht des Mannes war von einer dünnen, selbstverständlich goldenen Maske überzogen.

»El Dorado!« murmelte DeLacy unwillkürlich, als er die Gestalt sah.

Der Legende zufolge wurde dieser legendäre Herrscher über einen südamerikanischen Stadtstaat im Dschungel seit Jahrtausenden täglich über und über mit Goldstaub bepudert, den er jeden Abend in einem heiligen See abzuwaschen pflegte. Wenn die Sage stimmte, dann mußte der Boden dieses Sees aus meterdicken Schichten puren Goldes bestehen – aber es war nur eine Sage, nicht mehr.

Spookys Überlegungen fanden ein Ende, als der Goldene zu sprechen begann: »Wer seid ihr, woher kommt ihr?«

Spooky antwortete; ausführlich versuchte er, Grund und Ziel seiner Mission zu erklären. Er gab sich größte Mühe, jedes negative Gefühl zu vermeiden, dabei aber doch klarzumachen, daß es für den Goldenen von Vorteil sein würde, wenn er die Terraner unbeschadet ziehen ließe.

Sein Gegenüber schien nicht ganz der gleichen Meinung zu sein; die Art und Weise, mit der der Mann Danielle musterte, gefiel Spooky überhaupt nicht. Als der Terraner geendet hatte, dachte der Goldene lange nach.

Das übermäßig wuchtige Mobiliar des Raumes war über und über mit Verzierungen aller Art bedeckt – Spooky fühlte sich unwillkürlich an jene Inneneinrichtungen erinnert, die man auf der Erde boshaft als »Texanisches Barock« bezeichnete. Die Wände und ihre selbstverständlich goldfarbenen Verkleidungen waren nach irdischen Maßstäben von ähnlicher Geschmacklosigkeit. Einige Kolossalgemälde fielen dem Terraner auf – sie zeigten Raumschlachten, Planetensysteme, die von Superbomben zerrissen wurden – aber merkwürdigerweise ohne korrekte Wiedergabe der Perspektiven.

»Wir haben entschieden!« sagte der Goldene plötzlich. »Das Monument hat heute bereits einen Frevler gestraft – das mag genügen! Dennoch kann die Tat der beiden Fremden nicht ohne Sühne bleiben!«

Die Stimme des Goldenen war trotz der harten Worte ruhig und klangvoll; er fällte seinen Urteilsspruch ohne erkennbare Gefühle.

»Der Mann wird für sein Tun zum Galeerendienst abgestellt; dort soll er sein Leben beschließen. Das Weib ist von Natur aus schwach und dumm; daher verdient sie mildere Strafe. Sie wird der Spinnstube meines Hauses zugeteilt; vielleicht werde ich mich ihrer noch einmal annehmen.«

Spooky konnte sich mühelos ausmalen, was er sich darunter vorzustellen hatte; Danielle Velleur stellte ähnliche Überlegungen an. Aus den Augenwinkeln heraus sah Spooky, wie sie sich anschickte, dem Goldenen handgreiflich klarzumachen, was sie von diesem Vorschlag hielt.

»Ruhe bewahren!« zischte Spooky halblaut. »Noch sind Giri und Sirghia frei, und Aphros ist schließlich auch noch in der Nähe.«

Lautlos und unsichtbar war die Spionsonde den beiden Terranern gefolgt. Auf den Bildschirmen hatten Giri bel Tarman und Sirghia Khanmar die Geschehnisse verfolgen können. Als Spooky von den stämmigen Wachen abgeführt wurde, folgte die Sonde ihm – was aus Danielle wurde, konnten die beiden Morconen nicht feststellen.

»Warum folgst du Spooky?« erkundigte sich Sirghia, die neben Giri an dem Steuerpult für die Sonde saß. »Wäre es nicht interessanter, den Palast auszukundschaften?«

»Das schon«, gab Giri ruhig zurück, »aber das Risiko, daß die Sonde entdeckt wird, ist entschieden zu groß. Außerdem hat Danielle in den nächsten Stunden nichts zu befürchten – aber Spooky wird es auf der Galeere wesentlich schwerer haben!«

»Akzeptiert«, gab sie nach. »Und was wollen wir jetzt unternehmen, um Spooky zu helfen? Von Aphros will ich gar nicht erst reden – den scheinst du schon abgeschrieben zu haben.«

»Falsch!« korrigierte Giri. »Wenn einer von uns Aussichten hat, sich ohne Hilfe durchzuschlagen, dann Aphros! Und was Spooky angeht – wir müssen erst einmal feststellen, wohin er überhaupt verschleppt wird.«

Die beiden Wachen hatten zusammen mit ihrem Gefangenen gerade den Palast verlassen. Unnachsichtig schleppten die beiden Wächter Spooky mit sich. Nach einer halben Stunde Marsch hatten die drei Männer ihr Ziel erreicht.

Eine über fünfzig Meter lange Galeere lag im Hafenbecken, die offenkundig zum baldigen Auslaufen bestimmt war. Deutlich konnte Giri auf den Sondenbildern die Bänke sehen. Auf dem von Spritzwasser, Blut und Schweiß verfärbten Holz saßen mehr als zweihundert Halbnackte; Spuren von Peitschenhieben waren auf der sonnengebräunten Haut zu erkennen. Als die Sonde etwas tiefer ging, wurden auch die bronzenen Ketten sichtbar, mit denen die Männer an die Riemen und die Bordwand des Schiffes gefesselt waren. Schlösser waren nicht zu sehen. Sollte die Galeere gerammt werden oder auf ein Riff laufen, dann waren die Männer unrettbar verloren. Nur die auf und ab marschierenden Bewaffneten hatten dann noch eine Chance. Offenbar hatten sie die Aufgabe, die Sklaven zu bewachen und für das Leben des Kapitäns zu kämpfen.

Langsam ließ der Morcone die Sonde über die Bänke schweben; mit einem leisen Seufzer der Erleichterung registrierte er die Tatsache, daß alle Bänke vollständig besetzt waren. Außerdem schienen die Ruderer leidlich bei Kräften zu sein.

Giris Hoffnung bestätigte sich: Offenbar wurde er als Reserve betrachtet – ein Wächter öffnete ein Luk auf dem Steg zwischen den Ruderbänken. Spooky wurde unsanft in die Öffnung befördert, dann wurde das Luk wieder geschlossen.

»Glück gehabt!« seufzte Giri halblaut. »Solange kein Ruderer umfällt, besteht keine Gefahr, daß er an Entkräftung zugrunde geht.«

Zwar war der Aufenthaltsort des Terraners nicht bequem, aber noch lebte Spooky, und war die Galeere erst einmal ausgelaufen, waren auch die Aussichten besser, ihn von dort zu befreien.

Unablässig hielt Giri die Sonde über dem Schiff.

Kommandos erklangen, und einige Hafenarbeiter machten die Trossen los, die das Schiff am Kai hielten und nun an Deck säuberlich aufgerollt wurden. Vier Männer setzten das einzige Segel; das etwas kümmerlich wirkende Tuch war an einem gleichfalls kümmerlichen Mast in der Mitte des Schiffes befestigt. Sehr langsam zog es die Galeere aus dem Hafen. Sobald das Schiff weit genug vom Kai abgelegt hatte, mußten die Ruderer ihre Arbeit beginnen. In gleichmäßigem Takt tauchten die Blätter in das schmutzige Wasser; der kräftige Ebbstrom tat ein weiteres – nach weniger als einer Stunde hatte das Schiff das offene Meer erreicht.

Giri rechnete kurz vor: »Vor der Dämmerung werden wir nicht eingreifen können! Das wird erst in zwei bis drei Stunden der Fall sein.«

Sirghia nickte zustimmend. »Außerdem haben wir dann erst die Sicherheit, daß die Galeere außerhalb der Sichtweite der Stadt ist«, bemerkte sie. »Wir können schlecht vor den Augen der Makarer eine ihrer Galeeren überfallen.«

Giri lachte eher bitter als heiter. »Zwei Morconen gegen eine Galeere! Einer von uns muß in jedem Fall an Bord bleiben, um das Schiff zu steuern! Traust du dir zu, mit den Bewaffneten auf der Galeere fertig zu werden?«

»Das kommt auf die Mittel an, die ich einsetzen darf«, gab Sirghia kühl zurück. »Eine kleine Narko-Bombe kann Wunder wirken!«

»Ausgeschlossen!« wehrte Giri ab. »Wirf einmal einen Blick auf das Tiefenradar – der Meeresboden rund um die Hauptstadt ist außerordentlich flach. Zudem gibt es mehr als zehn gefährliche Riffe pro Quadratkilometer – wenn wir die Männer an Bord des Schiffes betäuben, wird die Galeere steuerlos umhertreiben. Wenn dann das Schiff eines der Riffe rammt, sind wir schuldig am Tod einiger hundert Männer!«

»Handstrahler scheiden ebenfalls aus«, überlegte Sirghia laut. »Erstens sind die Soldaten auf der Galeere ebenfalls mit Strahlwaffen ausgerüstet. Und zweitens kann jeder Fehlschuß das Schiff in Flammen aufgehen lassen! Bordwaffen sind ohnedies zu gewaltig! Was bleibt uns dann überhaupt noch?«

Über sich hörte er das Ächzen, mit denen sich die Ruder in ihren Halterungen drehten; dazwischen mischte sich das dumpfe »Tam-Tam « der Pauke, die den Takt angab. Jedesmal, wenn der Klöppel auf das Fell der Trommel donnerte, zuckte Spooky unwillkürlich zusammen. Gelegentlich war ein unterdrücktes Fluchen zu hören, dem meist kurze Zeit später das Schmatzen eines Peitschenhiebes und ein gequältes Stöhnen folgten. Das leise Klirren erkannte der Terraner als das Geräusch der patrouillierenden Soldaten an Deck.

Die eingepferchten Männer verhielten sich ruhig; nur wenn zwei Körper gegeneinanderstießen und die Peitschenwunden berührt wurden, wurde ein unterdrückter Schmerzlaut hörbar. »Giri!« seufzte Spooky kaum hörbar. »Beeile dich!«

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren; er wußte nicht, ob er nur eine oder schon mehrere Stunden unter Deck verbracht hatte. Angespannt lauschte er nach oben; jedesmal, wenn der unerbittliche Taktschlag der Pauke aufhörte, erwartete er, an Deck geholt und angekettet zu werden.

Zweimal hatte das Rudern gestoppt; jedesmal war ein Mann aus der Bilge geholt worden – als Ersatz für einen anderen, dessen Körper Minuten vorher mit lautem Klatschen über Bord geworfen worden war. Spooky hatte zweimal Glück gehabt – bei solchen Gelegenheiten drängten sich die Gefangenen in die Ecken, die von der Luke weit entfernt waren. Da der Terraner mit den anderen körperlich nicht konkurrieren konnte, hatte er beide Male dicht an der Luke gelegen. Und beide Male hatte sich der Soldat für die andere Seite entschieden und von dort einen Unglücklichen fortgezerrt.

»Ein Schiff!« flüsterte eine rauhe Stimme neben dem Terraner.

Mühsam drehte sich Spooky in dem Gewirr von Armen und Beinen herum; hinter ihm klaffte ein schmaler Spalt in der Bordwand, der beim nächsten Sturm das Ende der Galeere bedeuten würde. Jetzt reichte er aus, um den Terraner einen stark eingeschränkten Blick auf die Umgebung zu ermöglichen. Seine Augen brauchten einige Zeit, bis sie sich von dem Dunkel des Kielraums auf die Helligkeit draußen umgestellt hatten, dann sah auch Spooky das Schiff – ebenfalls eine Galeere, nur wesentlich größer und dickbauchiger als das Schiff, auf dem er sich befand.

Vermutlich ein Kauffahrteischiff, überlegte Spooky.

Nur sehr schwach erinnerte der Terraner sich an das Aussehen der Flagge, die auf seiner Galeere gesetzt war – eine verwirrende Kombination blauer und roter Vielecke. Die Flagge des Kauffahrers sah wesentlich anders aus – dort herrschte Weiß vor, das von Silber durchbrochen war.

»Freund oder Feind?« flüsterte Spooky seinem Nebenmann ins Ohr.

Schwach konnte der Terraner sehen, wie der Angesprochene verwundert den Kopf schüttelte.

»Feind!« sagte der Mann. »Alle anderen Schiffe auf dem Meer sind unsere Gegner!«

Spooky schluckte heftig. Konzentriert spähte er aus dem engen Ritz. Die Bugwelle der feindlichen Galeere war dem erkennbaren vorderen Ende des Schiffes stets um einige Schritte voraus. Spooky überlegte sekundenlang, dann fand er eine Erklärung – die Galeere mußte mit einem Rammsporn ausgerüstet sein. Er hielt den Atem an, als sehe er schon den Sporn die Bordwand aufreißen und das grünliche Wasser ins Schiffsinnere schießen.

Was ziemlich bald der Fall sein wird, ergänzte Spooky in Gedanken. Bei diesen Schwerkraftbedingungen war schon ein einfacher Spaziergang eine ausgemachte Strapaze; der Galeerendienst würde ihm binnen weniger Tage den Rest geben.

7.

»So also ist die Lage«, sagte die Androidin, nachdem Aphros seinen Bericht abgeschlossen hatte. »Das ändert natürlich einiges!«

»Was bitte?« wollte der Androide von Mainares wissen.

»Ich habe die Aufgabe«, sagte die Kunstfrau, »dafür zu sorgen, daß sich auf dieser Welt nichts ändert. Dadurch sollte ein weiterer Krieg mit den Tanaern verhindert werden. Dieser Auftrag ist nun hinfällig. Da ich keine weitergehenden Befehle habe, kann ich nun nach eigenem Ermessen handeln.«

»Klingt vielversprechend«, meinte Aphros zweifelnd. »Welche Mittel stehen dir zur Verfügung?«

»Zunächst einmal kann ich die Dauerbeeinflussung der Bevölkerung einstellen«, sagte die Androidin. »Das dürfte schon ausreichen, um die herrschende Ordnung ins Wanken zu bringen. Außerdem stehen mir einige hundert Roboter zur Verfügung. Zu meinem kleinen Reich gehört nicht nur das Monument – die Anlagen reichen tief unter den Boden der Hauptstadt.«

»Sind die Roboter bewaffnet?«

Sie nickte. »Allerdings nur mit Waffen, die betäuben oder kampfunfähig machen«, schränkte sie ein. »Tödliche Waffen können nur in extremen Fällen ausgegeben werden.«

»Das wird gegen die Energiewaffen der Makarer nur wenig helfen«, bemerkte Aphros mit leichter Besorgnis. »Sind wenigstens für dich und mich bessere Waffen verfügbar?«

»Ich habe ein halbes Dutzend Handfeuerwaffen«, erklärte sie. »Und die Ausrüstung der Makarer kann ich mit einem Knopfdruck unschädlich machen. Unsere Erbauer haben an alles gedacht!«

»Hört sich gut an«, bestätigte Aphros. »Jetzt müßte ich nur noch meine Freunde verständigen können. Läßt sich das arrangieren?«

Die Frau schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich kann zwar einen Funkspruch absetzen. Aber den könnten die Makarer abhören. Wir sollten sie nicht vorzeitig warnen.«

»Dann muß ich eben zum Schiff zurückmarschieren«, überlegte Aphros halblaut. »Eine heikle Angelegenheit – draußen vor dem Monument steht bestimmt eine lynchwütige Menge.«

»Überflüssig!« entgegnete die Androidin. »Wir können die Stadt unterirdisch verlassen – ein Ausgang des Korridorsystems mündet in die Schlucht, in der ihr euer Schiff versteckt habt.«

Die Androidin führte Aphros durch die Gänge der Station unterhalb des Monuments, die im Wesentlichen der Station auf Mainares glich. Während des Marsches aktivierte das Mädchen die Roboter über den Hauptcomputer. Nacheinander schlossen sich die Maschinen den beiden an; im Vergleich zu den vollkommen humanoiden Androiden wirkten sie überaus barbarisch.

»Wir nähern uns dem Ausgang«, verkündete die Androidin nach einer halben Stunde Fußmarsch.

Bisher waren die beiden Kunstmenschen durch stahlverkleidete Korridore gegangen; doch auf den letzten hundert Metern waren nur grob aus dem Felsen gehauene Wände zu erkennen. Der Gang endete an einer massiv aussehenden Felsplatte; als die Androidin herantrat, schwang der Block lautlos zur Seite. Sie schaltete einen Handscheinwerfer ein und schritt voraus in das Dunkel.

Erst nach weiteren einhundert Metern erkannte Aphros, wo er sich befand. Das Licht, das von außen in die Höhle fiel, riß etliche Ausrüstungsgegenstände aus dem Dunkel, die Aphros sehr bekannt erschienen – in dieser Höhle hatten er und seine Freunde ihr Hauptquartier eingerichtet. Amüsiert ging der Androide bis zum Höhleneingang und wartete auf die Reaktion seiner Freunde. Er brauchte nicht lange zu warten – drei Minuten später stürzten Giri und Sirghia auf ihn und schlossen ihn in die Arme.

»Wo hast du gesteckt?« erkundigte sich Giri nach der Begrüßung. »Wir sahen, wie du hinter dem Energieschirm verschwandest, dann haben wir nichts mehr von dir gehört. Und wer ist diese Frau?«

»Eine Kollegin von mir!« stellte Aphros vor. »Ich taufe sie hiermit auf den Namen Azla.«

In der Sprache seiner Erbauer bezeichnete dieses Wort eine nicht ungefährliche Spezies von Wildkatzen; daß die Namenswahl durchaus berechtigt war, bewies die Frischbenannte Sekunden später, als sie Aphros ihren Ellbogen in die Weichen stieß.

Giri sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. »Wir haben keine Zeit mehr für lange Vorstellungen. Wir müssen zusehen, wie wir Danielle und Spooky helfen!«

»Helfen?« meinte Aphros verblüfft. »Wieso helfen?«

Giri erzählte den beiden Androiden kurz, was sich nach Aphros’ Verschwinden zugetragen hatte; Azla hörte interessiert zu, dann entwickelte sie ihren Plan.

8.

Allein der Geruch reichte aus, den Terraner zu zermürben; das faulig stinkende Wasser der Bilge, das ihm um die Füße schwappte, verursachte einen widerwärtigen Brechreiz, den Spooky nur mit größter Mühe unterdrücken konnte. In dem spärlichen Licht, das durch die hölzernen Luken in den Schiffsbauch hinabstrahlte, konnte er gelegentlich die halbverwesten Kadaver von Ratten entdecken. Noch lebende Tiere huschten quiekend durch den Kielraum.

Hinzu kam die buchstäblich atemberaubende Enge; Spooky schätzte, daß sein Körper nur noch eine einzige Fläche voll brauner und blauer Flecken sein konnte, so oft waren beim Schaukeln des Schiffes knochige Körper gegen ihn geprallt. In seinem Oberarm steckte ein zentimeterlanger Holzsplitter – beim Überholen des Schiffes war der Terraner gegen die Bordwand gefallen, wobei sich der Span unter die Haut gebohrt hatte.

»Verfluchte Seefahrt!« knurrte der Terraner.

Über seinem Kopf erklangen laute Kommandoworte; das Klirren von Waffen verstärkte sich, gleichzeitig erhöhte der Mann an der Pauke die Schlagzahl. Das Klatschen der Peitsche wurde häufiger. Obwohl das Handelsschiff den Kurs änderte und sein Heil in der Flucht suchte, verringerte sich der Abstand unaufhaltsam. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die beiden Schiffe aufeinanderprallen mußten.

»Da sind sie!« stellte Sirghia erleichtert fest.

Die Sonde war zurückgerufen worden; dann war die PERONAIOS gestartet und hatte sich den Schiffen genähert. An Bord befanden sich außer Giri und Sirghia auch die beiden Androiden – außerdem hielt sich in den Gängen ein Dutzend Roboter auf.

Die Außenbordkameras hatten die beiden Galeeren erfaßt und warfen die Bilder auf den großen Frontschirm. Giri veränderte die Feineinstellung und suchte nach Spooky; als die Kamera langsam über alle Ruderbänke gestrichen hatte, wußte er, daß sein Freund einstweilen noch nicht zum Rudern eingeteilt worden war.

Über die Schulter hinweg erkundigte sich der Morcone: »Sind die Robots einsatzklar?«

»Klar!« gab Azla schnell zurück. »Die Waffen haben frische Magazine, und die Ortungsschutzgeräte arbeiten einwandfrei.«

»Fein«, murmelte Giri grinsend; seit dem Auftauchen der Androidenfrau hatte sich seine Stimmung schlagartig gebessert – immerhin hatten sich seine Handlungsmöglichkeiten wesentlich verbessert. Azla hatte die Aufgabe übernommen, das Bordradar zu überwachen.

»Der Verkehr ist völlig normal«, meldete sie. »Von den Makarern hat uns bis jetzt keiner bemerkt.«

Die beiden Galeeren hatten sich einander bis auf Pfeilschußweite angenähert. Enternetze wurden an den Bordwänden ausgebracht.

Mit kurzen Stößen aus den Korrekturtriebwerken der PERONAIOS drehte Giri das Schiff so, daß die große Ladeluke genau über den Köpfen der Galeerenbesatzung war. Im Laderaum selbst sammelten sich die Roboter. Der Morcone wartete, bis sich die beiden Galeeren auf Rufweite einander genähert hatten, dann gab er das verabredete Zeichen.

Die Ladeluke öffnete sich, und sechs Roboter ließen sich auf das Deck der Galeere fallen; dann bewegte Giri die PERONAIOS rasch dreißig Meter weit seitwärts, und Sekunden später landeten sechs weitere Robots auf dem Deck der anderen Galeere.

»Hoffentlich kommt keiner zu Schaden!« sagte Aphros leise. Gespannt starrten die vier auf die Bildschirme.

Auf den Galeeren entbrannte ein erbittertes Handgemenge. Gut zwanzig Soldaten hatten sich auf dem Deck aufgehalten, nach wenigen Sekunden lag die Hälfte von ihnen auf dem hölzernen Boden – mit gezielten Schockschüssen hatten die Robots sie außer Gefecht gesetzt. Der Rest aber kämpfte verbissen – ein präziser Schuß traf einen Robot an einer empfindlichen Stelle. Die Maschine feuerte plötzlich wild herum, torkelte und ging nach einem Fehltritt über Bord. Ein Soldat sprang auf, rannte im Zickzack über das Deck und schwang sein Schwert gegen den Schädel eines anderen Robots; klirrend zersprang das Eisen, und die Sekunde der Überraschung und des Schmerzes im Handgelenk reichte für einen weiteren Robot aus, den Angreifer zu betäuben.

Der ganze Kampf dauerte nur wenige Minuten – zwei Soldaten sprangen über Bord, um sich nicht ergeben zu müssen. Erst nachdem sie sich davon überzeugt hatten, daß unter ihren betäubten Kameraden kein Massaker veranstaltet wurde, griffen sie nach den Seilen, die an der Bordwand herabhingen, und enterten auf, um sich gefangennehmen zu lassen.

Auf der anderen Galeere dauerte der Kampf nur wenig länger, dann war auch dort jeglicher Widerstand gebrochen. Die Robots nahmen den Betäubten die Energiewaffen ab und warfen sie über Bord, und jeder einzelne Wurf wurde von den angeketteten Sträflingen mit lautem Jubel begrüßt.

»Schickt die anderen nach!« schrie eine haßerfüllte Stimme. »Sie haben es nicht besser verdient!«

Die Robots folgten diesem Vorschlag nicht – ihre Programmierung verbot ihnen, ohne unmittelbare Gefahr für einen anderen Menschen auf irgendeine Art ein intelligentes Wesen zu töten. In diesem Fall hätten große Raubfische, die sehr bald das umliegende Meer unsicher machten, die Arbeit des Henkers übernommen. Das Auftauchen der vielfach gezackten Flossen auf dem Wasserspiegel war auch das entscheidende Argument für die widerwillige Rückkehr der beiden Soldaten gewesen.

»Jetzt bin ich dran!« sagte Azla. Sie verließ die PERONAIOS und ließ sich auf eine Galeere niedersinken; unwillkürlich mußte Giri grinsen, als er das gellende Pfeifen hörte, mit dem das Auftauchen der Androidin von den Sträflingen begrüßt wurde.

Azla sprach eine halbe Stunde lang; sie setzte ihre mentalen Fähigkeiten rücksichtslos ein, versuchte alles, was in ihrer Kraft stand, um die Männer zu überzeugen. Nach ihren ersten Sätzen waren noch wütende Proteste zu hören gewesen, die sich nach und nach in beifälliges Murmeln verwandelten. Die Androidin gab den Robots ein Zeichen; sofort machten sich die Maschinenwesen daran, die Ketten der Rudersklaven zu lösen.

»Öffnet die Luken, Männer!« kommandierte Azla. »Auch die anderen sollen wieder frei sein!«

Bald waren auch die Eingesperrten an Deck. Als einer der letzten erschien Spooky, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Seine Kleidung war zerfetzt, naß und strömte einen widerwärtigen Geruch aus; aus der noch immer offenen Wunde am Arm sickerte ein dünner Blutstreifen. Der Terraner blinzelte, als er nach Stunden in der Dunkelheit wieder im grellen Sonnenlicht stand.

Dann bemerkte er das Mädchen und sah auch die Robots; die an Deck herumliegenden Soldaten sagten ihm einiges. Unwillkürlich sah er nach oben, dann wieder zurück auf das Mädchen.

»Ich nehme an«, sagte er mit rauher Stimme, »daß die PERONAIOS über uns schwebt.«

Er hatte seine Heimatsprache benutzt; wenn das Mädchen mit dem Monument etwas zu tun hatte, dann mußte sie ihn verstehen.

»Richtig geraten, Freund!« meinte Azla. »Ich glaube, du brauchst jetzt als erstes einen Arzt.«

»Und eine Zigarette«, sagte Spooky schwach grinsend. »Was kommt nun?«

Azla erklärte es ihm.

Während Spooky von Sirghia versorgt wurde, rüsteten die Robots die Männer auf den Galeeren mit Schockwaffen aus. Gleichzeitig wurden dicke Trossen an den Bugspriets der Galeeren befestigt und zu dem Raumschiff hochgeworfen. Robots befestigten die Trossen im Laderaum; die Luke blieb offen, während die PERONAIOS sehr behutsam Fahrt aufnahm. Die Trossen strafften sich, dann setzten sich die Galeeren langsam in Fahrt.

Langsam begann das Mittel zu wirken, das Sirghia dem verletzten Terraner in die Umgebung der verletzten Stelle gespritzt hatte; die Frau von Morcos tastete vorsichtig die Verletzung ab, verstärkte den Druck, als sie sah, daß Spooky nicht schmerzerfüllt zusammenzuckte, und nickte dann zufrieden. Sie hatte sich bereits ein Skalpell aus der Bordapotheke bereitgelegt; interessiert sah der Terraner zu, als das Mädchen mit einem raschen Schnitt die Haut der Länge nach öffnete.

Rasch und sicher legte Sirghia den Holzsplitter frei, dann holte sie den faserigen Span heraus. Der Rest der Notoperation war einfach – das Mädchen sprühte eine Plasmamasse in die offene Wunde. Das Mittel wirkte schmerzlindernd und tötete Infektionskeime ab. Dann wurde die Wunde mit einigen Stichen vernäht – über die Naht sprühte Sirghia eine zweite Lage Plasma.

»Es wird eine schöne Narbe geben«, meinte Spooky. »Immerhin – ein unübersehbarer Beweis für meine Heldenhaftigkeit!«

»So leid es mir tut«, griff Sirghia ein, »aber du wirst damit nicht sehr renommieren können. Das einzige, was man in ein paar Tagen noch sieht, werden die Einstiche der Naht sein – mehr nicht.«

»Also nichts mit Schmucknarben und so?« fragte Spooky mit gespielter Niedergeschlagenheit. »So fortschrittlich hätte ich mir die Medizin nun doch wieder nicht gewünscht! Was machen die Galeeren? Folgen sie uns noch?«

»Brav wie Schoßhündchen«, bestätigte Giri. »Der Schlepp wird allerdings bald ein Ende haben – allmählich kommt das Leuchtfeuer der Hauptstadt in Sicht!«

In der hereinbrechenden Dämmerung war das offene Feuer auf dem großen Turm deutlich zu erkennen. Da die Galeeren selbstverständlich kein Feuer an Bord vertrugen und daher erst auf kürzere Entfernung auszumachen waren, konnte die PERONAIOS die beiden Schiffe noch eine kurze Strecke weit schleppen. Dann stiegen die Robots auf das Raumschiff um, nachdem sie zuvor die wieder erwachten Besatzungen der beiden Galeeren sicher in den üblen Kielräumen untergebracht hatten.

Azla und Aphros blieben an Bord der Galeeren, während die PERONAIOS wieder aufstieg und über die Hauptstadt flog. Spooky, dessen Arm langsam seine Beweglichkeit wiedererlangte, gab Giri die Richtung zur Residenz des Goldenen an. Über dem ausgedehnten Park der Palastanlage, der von einigen tausend Sklaven und Unfreien betreut wurde, verharrte das Schiff.

Sirghia erklärte sich bereit, an Bord zu bleiben, während Giri und Spooky zusammen mit dem Roboter-Dutzend das Schiff verließen und sich im Schutz der Deflektoren im Park versteckten.

Dann blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten.

Eine Stunde nach dem Lösen der Schlepptrossen liefen die beiden Galeeren in den Hafen der Hauptstadt ein. Einige Sträflinge hatten sich der Uniformen der Soldaten bemächtigt und kommandierten die Galeeren; ihre Mithäftlinge trugen wieder die gewohnten Ketten – diesmal allerdings offen; sie konnten sie jederzeit abstreifen. Unter den Ruderbänken waren die Schockwaffen verborgen. Der Mann an der Pauke war nicht ausgewechselt worden – er schlug weiter seinen Takt. Erheitert stellte Aphros fest, daß die Männer jetzt höhere Schlagzahlen zuwege brachten als unter den Peitschen der Soldaten. Auf der zweiten Galeere wehte die Flagge des Goldenen, darunter die frühere Fahne des Schiffes als Zeichen, daß die Galeere gekapert worden war.

Als Kommandanten der beiden Fahrzeuge hatte Aphros zwei Männer bestimmt, die früher einmal selbst Schiffe geführt hatten – unwichtige Kleinigkeiten hatten sie auf die Galeere gebracht. Auch hier war eine Veränderung festzustellen: Früher hatten die Kommandanten ihre Anweisungen gebrüllt, und nur murrend waren sie eher schlecht als recht befolgt worden. Jetzt klangen die Kommandos freundschaftlich, fast schon bittend, und sie wurden mit höchster Präzision befolgt.

Aphros musterte die Distanz zwischen Kaimauer und den Galeeren; es konnte nur noch wenige Minuten dauern, bis die beiden Schiffe vertäut waren.

»Bist du bereit?« fragte er Azla.

Die Androidin nickte kurz; sie wartete, bis die Bordwand der Galeere dumpf gegen die Fender an der Kaimauer prallte. Dann setzte sie sich mit dem Kommandohirn des Monuments in Verbindung und gab ihre Befehle. Der Rechner reagierte sofort.

Die Menschen, die sich auf dem großen Platz des Monuments aufhielten, schrien entsetzt auf. Schlagartig tauchte der rote Energievorhang auf – ohne daß sich irgend jemand dem bedrohlichen Bannkreis genähert hätte. Noch nie hatte sich derlei zugetragen. Die Gaukler und Schausteller unterbrachen ihre Kunststücke; die Geldwechsler ließen achtlos kleine Vermögen fallen.

Ebenso plötzlich wie er aufgetaucht war, verschwand der Vorhang wieder. Dann begann das Monument selbst zu leuchten; zunächst spürten nur die sehr nahe Stehenden die Veränderung und wichen vor der Hitze zurück. Dann machte der metallische Glanz der stählernen Säule einem dunklen Ton Platz, der sich allmählich in ein tiefes Rot wandelte und sehr rasch fortschritt, bis die gesamte Masse des Monuments fast weiß glühte. Aus der Spitze des Monuments schoß ein feuriger Strahl in die Höhe und entfaltete sich; nach wenigen Sekunden war der große Platz taghell vom grellen Schein des Strahlenkelches überschüttet. Der Schein reichte mehrere hundert Meter in die Höhe – in der ganzen Stadt mußte das Fanal zu sehen sein.

Plötzlich tauchten auch Soldaten des Goldenen auf; sie stürmten auf den Platz und versuchten, die Menge auseinanderzutreiben. Als die Massen nicht wichen, nahmen die Männer Aufstellung und entsicherten ihre Strahler.

»Geht nach Hause, Leute!« schrie ein Offizier. »Geht nach Hause! Wenn der Platz nicht in kürzester Frist geräumt ist, lasse ich schießen!«

Niemand dachte daran, seinen Worten zu folgen. Vielmehr rückte eine Wand aus menschlichen Leibern langsam, aber unaufhaltsam gegen die schwache Linie der Soldaten. Der Offizier verzog ärgerlich das Gesicht, dann preßte er die Kiefer zusammen und gab den Befehl zum Feuern.

Höhnisches Gelächter erklang. Kein Schuß löste sich. Fassungslos starrten die Soldaten auf die nutzlos gewordenen Strahlwaffen. Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatten, war eine Woge von Menschen über sie hereingebrochen. Es dauerte nur kurze Zeit, dann waren die Soldaten überwältigt und ihre Waffen verschwunden.

Aus der Menge kamen Rufe nach Rache und Vergeltung; Übereifrige suchten bereits nach Stricken und passenden Mauervorsprüngen. Bevor die Menschen aber an den wehrlosen Soldaten ihr Mütchen kühlen konnten, machte sich das Monument wieder bemerkbar.

Zahllose Menschen preßten die Hände in einer verzweifelten Geste an die Köpfe, andere taumelten. Das leise, nicht hörbare Wispern der hypnotischen Ausstrahlung des Monuments hörte schlagartig auf. Den meisten Makarern erging es wie Erstickenden, die plötzlich reinen Sauerstoff zu atmen bekommen – das plötzliche Nachlassen des mentalen Druckes betäubte die Menge.

Dieser Zustand dauerte nur kurze Zeit, dann begann das Monument zu sprechen.

Aus dem Wispern und Flüstern war eine laute, eindringliche und unüberhörbare Stimme geworden.

Jeder Makarer hat das Recht, zu tun und zu handeln, wie er will, sofern er damit nicht das genau gleiche Recht eines anderen Makarers schmälert! Wer von seinen Rechten nicht vollen Gebrauch macht, hilft anderen, Unrecht zu begehen!

Immer wieder wiederholte die Stimme die beiden Sätze; mit gnadenloser Wucht setzte das Kommandohirn die Hypnose-Maschinen ein. Mit der Gewalt einer Stahlpresse wurden die Grundsätze in die Gedanken jedes Menschen auf dem Platz geprägt; niemand konnte sich dem Zugriff entziehen.

Als der Feuerstrahl am Horizont aufstieg, gab Azla das vereinbarte Zeichen. Ein halbes Dutzend Männer sprang sofort an Land und setzte die Hafenbeamten matt. Binnen weniger Minuten war die Mole von den Sträflingen eingenommen. Dann gab Azla das Zeichen zum Sammeln; an der Spitze des Trupps marschierte sie los – dorthin, wo das Monument stand und mit seiner Botschaft den Glauben einer Welt erschütterte.

Während sie auf das Monument zumarschierten, schlossen sich ihnen Bewohner der Stadt an. Die meisten waren bewaffnet. Aphros erkannte Metzgerbeile und Dreschflegel, Küchenmesser und zweckentfremdete Tischbeine. Die auf dem Platz des Monuments zusammengedrängten Einwohner machten bereitwillig Platz, als die Kolonne sich näherte. Ohne ein Wort ging Azla weiter; schweigend schloß man sich ihr an – auf den Gesichtern der Menschen, die einen immer länger und dichter werdenden Zug formten, stand der Ausdruck einer wilden Entschlossenheit. Aphros schätzte die Zahl der Marschierer auf hunderttausend und war überzeugt, daß er noch zu tief lag. Er spürte, daß die Tage des Goldenen und seiner Gefolgsmänner gezählt waren – die Menschen, die schweigend auf den Palast des Tyrannen zumarschierten, würden sich niemals wieder einer anderen Regierung beugen als einer, die von ihnen frei und unabhängig gewählt und jederzeit kontrollierbar war. Fackeln tauchten in den Händen auf; sie verstärkten noch den Eindruck, den der gewaltige Aufmarsch für jeden Beobachter abgeben mußte.

»Wir müssen vorsichtig sein«, flüsterte Azla dem Androiden ins Ohr. »Der Goldene selbst und ein sehr großer Teil der Palastbewohner sind für die Einflüsse der Hypno-Maschinen unempfindlich.«

»Viel werden sie mit ihren funktionsuntüchtigen Strahlern nicht ausrichten können«, sagte Aphros.

»Auch Schwerter können tiefe Wunden schlagen!« mahnte Azla. »Wir sollten so vorgehen, daß das Risiko möglichst gering ist.«

Inzwischen hatte die Spitze des Zuges den Palast des Goldenen erreicht; Azla verharrte und sah sich um. Die Menge staute sich vor dem großen Flügeltor. Auf den Palastzinnen erschienen behelmte Köpfe. Aphros spähte nach oben und sah nicht eine einzige Energiewaffe – die Soldaten schienen die Wirkungslosigkeit der Strahler bereits erkannt und sich umgestellt zu haben.

»Wir müssen uns beeilen!« sagte der Androide. »Wenn wir hier zuviel Zeit verlieren, ist der Goldene unter Umständen schon ausgeflogen. Vermutlich hat er im Palast oder im Garten ein kleines raumtüchtiges Schiff versteckt.«

Azla lächelte geringschätzig. »Keine Sorge!« beruhigte sie den Androiden. »Auch daran habe ich gedacht – das Monument hält sämtliche Schiffe am Boden fest. Der Goldene wird uns nicht entwischen!«

Die Soldaten auf den Zinnen begannen unruhig zu werden; der Wald von Fackeln vor ihren Augen war unüberschaubar groß geworden. Außerdem machten sich auch bei ihnen die ersten Anzeichen einer hypnotischen Beeinflussung bemerkbar. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Widerstand erlosch.

»Es kann losgehen!« sagte Spooky halblaut.

Er hatte als erster den Schein gesehen, der von dem Monument ausging; auf sein Zeichen hin schalteten die Männer und die Robots ihre Deflektoren ab und entsicherten ihre Schockwaffen.

»Vorwärts!« befahl der Terraner.

Er hatte sich die Konstruktion des weitläufigen Palastes anhand exakter Pläne aus dem Archiv des Monuments gut eingeprägt. So wußte er genau, wohin er sich zu wenden hatte.

Die Männer und die Robots stürmten vorwärts; eine Zeitlang liefen sie geduckt, um die Dunkelheit und die Büsche und Sträucher im Park zur Deckung benutzen zu können. Als sie nur noch einen Steinwurf weit vom Seitentor des Palastes entfernt waren, flammte überall gleichzeitig die elektrische Beleuchtung auf. Sofort war der halbe Park in grelles Licht getaucht.

Die Angreifer legten einen Spurt ein, überquerten eine freie, kiesbedeckte Fläche und preßten sich an die Mauer. Das Geräusch ihrer Schritte war unüberhörbar gewesen; über ihnen wurden Befehle geschrien, und das Klirren von Waffen nahm an Lautstärke zu.

Verblüffend schnell hatten sich die Palastsoldaten umgestellt. Da ihre Energiewaffen nichts mehr taugten, verwendeten sie die schweren, massiven Strahler als Wurfgeschosse. Zwei Strahler waren unmittelbar vor Spooky auf den Kies geprallt; den stählernen Schädeln der Robots mochten die Geschosse nichts anhaben, aber die Hirnschale eines normalen Terraners oder Morconen wäre einem solchen Anprall sicherlich erlegen. So schnell es ging, schoben sich die beiden Männer vorwärts in Richtung auf das Tor. Es hatte keinen Überbau und bot zumindest für kurze Zeit Schutz vor Geschossen.

»Wie bekommen wir das Tor auf?« fragte Giri ratlos. »Das Holz sieht ziemlich dick aus!«

Spooky zeigte auf seinen Strahler. »Darauf hat das Monument keinen Einfluß! Gebt mir Feuerschutz!«

Ohne Unterlaß feuerten die Robots auf jeden Kopf, der sich auf der Mauer zeigte; währenddessen trat der Terraner einige Schritte zurück und richtete die Mündung seiner Waffe auf das Tor. Mühelos fraß sich der rötliche Strahl durch das trockene Holz; langsam zog Spooky die Linie zwischen den beiden Flügeln nach. Er hoffte, daß hinter dem Tor sich niemand aufhielt und verletzt wurde; die Tatsache, daß außer Wutgeschrei nichts zu hören war, beruhigte ihn halbwegs.

Die Reihen der Verteidiger lichteten sich zusehends; immer mehr Soldaten wurden von den Schockschüssen getroffen und fielen besinnungslos hintenüber. Als Spooky seinen Strahler gegen eine Schockwaffe auswechselte, stand kaum noch die Hälfte der Soldaten auf ihren Posten.

»Hinein!« schrie Spooky begeistert. Er gab ein Zeichen, dann warf er sich als erster gegen das Holz. Langsam drehten sich die Torflügel in den Angeln. In dem immer größer werdenden Spalt erschienen Männer, die sich den Eindringlingen entgegenstellten. Ein Speer kam angeflogen; Spooky duckte sich im letzten Augenblick, und das Geschoß prallte von einem Roboter ab. Spooky stürzte vorwärts und überließ es den Robots, das Tor vollständig aufzudrücken.

Zwei Männer drangen mit gezückten Schwertern auf den Terraner ein. Spooky schoß, und der erste fiel. Dann duckte er sich rasend schnell, ließ das Schwert eine Handbreit über seinem Kopf vorbeizischen; sein Schuß traf den Soldaten – im Bruchteil einer Sekunde betäubt, stürzte der Mann in der Bewegung zu Boden. Neben Spooky erschien plötzlich Giri bel Tarman. Jeder seiner raschen präzisen Schüsse setzte einen Soldaten außer Gefecht – der Rest wurde von den Robots abgefertigt.

»Weiter!« schrie der Morcone, nachdem der letzte Verteidiger besinnungslos am Boden lag. »Wir müssen uns beeilen, damit wir Danielle noch vor dem Goldenen erreichen!«

Aus dem Innern der Residenz wagte sich noch ein Dutzend Soldaten auf das freie Feld zwischen Mauer und Palast; nach wenigen Sekunden war auch dieser Widerstand gebrochen. Ohne richtig hinzusehen, gab Spooky einen letzten Schuß auf Eingangsposten ab und drang ins Innere des Gebäudes vor.

Lautes Kreischen verriet ihm, daß er den Harem des Goldenen aufgescheucht hatte. Giri kümmerte sich nicht um die Mädchen, die sich ängstlich in die Ecken der Zimmer verkrochen hatten; er betäubte einige Soldaten, die sich ihm in den Weg stellten, und rannte weiter. Endlich fand er Danielle.

Das Mädchen hatte ein Stuhlbein in der Hand und attackierte damit verbissen einen schwerbewaffneten Soldaten, der große Mühe hatte, sich des Mädchens zu erwehren. Zwei andere Soldaten lagen bereits mit verbeulten Köpfen am Boden.

»Ich hab’ sie!« schrie Giri über die Schulter hinweg.

»Bravo!« gab Spooky zurück. »Braucht ihr Hilfe?«

»Untersteht euch!« schrie Danielle. »Der hier gehört mir – ich wollte mich schon immer einmal mit Männern prügeln!«

Lauthals lachend sah Giri zu, wie das Mädchen den Soldaten bedrängte; der Mann wagte nicht, sich ernsthaft zu wehren – er wollte das Mädchen nicht verletzen, um nicht den Groll des Morconen zu erregen. Bevor das Holz aber auf seinen Schädel krachte, hatte Giri mit einem schnellen Schockschuß bereits dafür gesorgt, daß er den Schmerz nicht mehr spüren konnte.

»Männer!« sagte Danielle verächtlich, dann lächelte sie. »Nett, daß ihr vorbeigekommen seid – die Party fängt gerade an, Farbe zu bekommen!«

Ihre Stimmung änderte sich schlagartig, als sie den Goldenen erkannte. Unbemerkt hatte sich der Mann zusammen mit vier anderen Männern genähert, die einen sehr entschlossenen Eindruck machten. In den Händen hielten sie gespannte Armbrüste.

»An die Wand!« befahl der Goldene scharf. »Werft die Waffen weg!«

Die Bedrohten gehorchten sofort; gegen Armbrustbolzen waren sie wehrlos. Folgsam stellten sie sich mit dem Rücken an eine Wand, die Flächen der erhobenen Hände dem Goldenen zugewandt. Der Mann grinste niederträchtig.

»Das ändert die Lage, nicht wahr?« spottete er. »Wer geht als Geisel mit?«

»Nehmt das Mädchen mit, Herr!« schlug einer der Soldaten vor. »Wenn die Fremden ihretwegen den Palast stürmen, wird sie wohl besonders wertvoll sein!«

»Die Waffen weg!« wiederholte der Goldene scharf.

Der Ruf galt Aphros und Azla, die in freudiger Erwartung in den Raum gestürmt waren; sofort ließen die beiden Androiden ihre Waffen fallen und stellten sich zu den anderen an die Wand.

»Lassen Sie den Unfug, Mann!« sagte Azla scharf. »Sie kommen von dem Planeten nicht weg – falls Sie hier ein Raumschiff versteckt haben, wird es mit Sicherheit nicht starten!«

»Es wird«, gab der Goldene zurück. »Sie mögen die Triebwerke desaktiviert haben – aber diese Waffe hier funktioniert noch tadellos. Wenn das Schiff nicht starten kann, dann werden es unsere Bolzen tun können – fünf von Ihnen wären dann tot!«

»Quatsch!« sagte Danielle.

Bevor irgend jemand reagieren konnte, hatte sie den Arm des Goldenen gepackt und einen Wurf angesetzt; mit einem Schrei flog der Mann durch die Luft und krachte gegen eine Wand. Gleichzeitig warfen sich die anderen zu Boden – gerade noch rechtzeitig, um den Bolzen auszuweichen, die von den vier Männern sofort verschossen worden waren. Drei Geschosse zerprellten an der Wand, das vierte ritzte Aphros am Arm, bevor es an der Marmortäfelung des Zimmers zerbrach. Der Androide warf sich nach vorne; noch im Sprung faßte er den Griff eines Schockstrahlers, rollte über den Boden und schoß aus dieser Lage. Bevor die Soldaten Zeit fanden, zu ihren Schwertern zu greifen, lagen sie schon betäubt am Boden.

Der Kampf war endgültig zu Ende.

Danielle hatte Kaffee gekocht, stark, heiß und sehr süß; die Kekse waren von Spooky gebacken worden und schmeckten höchst eigentümlich.

»Die Hälfte unseres Auftrags hätten wir erledigt«, stellte Danielle zufrieden fest; sie nippte kurz an dem Kaffee, dann gab sie noch vier weitere Löffel Zucker in das Getränk. »Die Makarer üben sich in den Spielregeln der Demokratie, und das Monument sorgt dafür, daß in der nächsten Zeit gar nicht erst demokratiefeindliche Gedanken aufkommen! Die Tanaer haben in den Makarern neue Freunde entdeckt und werden ihnen helfen. Was will man mehr!«

»Ein gutes Ergebnis«, stimmte Spooky zu. »Aber das ist erst die halbe Aufgabe – wir müssen noch die Welt der Erbauer finden. Dort werden wir hoffentlich auch erfahren, was der Inhalt der Warnung war, die wir damals von den Schläfern enthalten haben.«

»Das wird nicht nötig sein«, warf Azla scheinbar gleichgültig ein.

»Wieso nicht nötig?« wollte Danielle wissen.

Giri erklärte die Zusammenhänge: »Die Welt der Erbauer existiert laut Azla seit langem nicht mehr; eine Supernova hat sie vernichtet. Zu diesem Zeitpunkt allerdings waren die Erbauer längst ausgestorben. Nur acht von ihnen haben sich auf die Welt der Schläfer retten können, nachdem sie das System entsprechend umgebaut hatten. Bevor sich die acht in den Tiefschlaf begaben, bauten sie noch die Anlage rund um das Monument. Soweit alles klar?«

Danielle holte aus, als wolle sie den Morconen ohrfeigen; dann nickte sie.

»Gut«, fuhr Giri fort. »Azla weiß nicht, was die Schläfer getötet hat, aber das wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen. Aber es bestand noch ein Funkkontakt zwischen der Station der Schläfer und dem Monument – als die Schläfer starben, wurden die Sperren im Rechengehirn des Monuments gelöscht. Azla hatte ab diesem Zeitpunkt Zugang zu allen Informationen – das gesamte, unschätzbare Wissen der Erbauer steht ihr und damit auch uns zur Verfügung.«

»Fein«, meinte Danielle. »Und was ist mit der Warnung des letzten Schläfers? Was wollte er uns mitteilen?«

»Nun«, sagte Giri gedehnt. »Der Mann wollte uns sagen – wir haben auch diese Information aus den Speichern –, daß es in der nächstgelegenen Galaxis eine Welt gebe, die zu nahe an ihre Sonne geraten sei. Wer immer die Nachricht empfangen würde, er sollte sich dorthin begeben und versuchen, den Bewohnern dieses Planeten zu helfen. Alle nötigen Informationen über das Wie würde er in den Speichern des Monuments finden.«

»Dann ist Morcos also gerettet?« fragte Danielle ungläubig.

»Genau«, bestätigte Spooky. »Das heißt, wir können zurückfliegen. Ich muß sagen, daß ich mich wahnsinnig auf die Erde freue. Ich kann ja auf vieles verzichten, aber auf eines nicht.«

»Und das wäre?« forschte Danielle.

»Überfluß!« sagte Spooky grinsend. »Überfluß!«

ENDE

Nachwort

In diesem Band wurden leicht überarbeitet und gestrafft drei Romane von Peter Terrid – bürgerlich Wolfpeter Ritter (1949-1998) – zusammengefaßt, die eine lose Trilogie bilden und zum erstenmal in der TERRA-ASTRA-Heftreihe des Moewig-Verlages 1971/72 veröffentlicht wurden. Die Trilogie gehört zum Frühwerk des Autors, der der »Schule« Hans Kneifels entstammte. Kneifel hatte bereits Terrids ersten Roman »Das Pendel der Zeit« (1969) gnadenlos mehrere Male überarbeiten lassen, ehe er zur Vorlage zwecks Veröffentlichung riet, und sein Einfluß ist noch deutlich spürbar. Die für Kneifel typischen Aphorismen finden sich im gesamten Frühwerk Terrids wieder (ohne später völlig zu verschwinden), und der erste Band weist eine Protagonistengruppe auf, die noch ganz dem Einfluß des »Meisters« verpflichtet ist. Wie rasch jedoch die eigenständige Entwicklung des Peter Terrid fortschreitet, ist im zweiten Teil des vorliegenden Bandes nachzulesen. Hauptfigur ist ein morconischer Wissenschaftler, der bei seinem Volk als verfetteter Genußmensch gilt – nur daß die Morconen im Schnitt knapp über zwei Meter groß und für irdische Verhältnisse klapperdürr sind. Im Gegenzug wird ein normalgewachsener Terraner, der nach einer Hauptfigur aus dem Zeichentrickfilm »Aristocats« benannt ist, als kleingewachsener Fettkloß bezeichnet, und die gutgebaute irdische Wissenschaftlerin ruft bei den befreundeten Aliens nahezu Entsetzen hervor. Die Terridsche (Selbst)Ironie feiert hier also frühe Triumphe, und die sich in den Texten niederschlagende Allgemeinbildung des Autors, der damals noch in den letzten Zügen eines Studiums lag, deutet den Weg an, den Peter Terrid in den folgenden Jahren erfolgreich beschritt, und der in seinem unbestrittenen – und unvollendeten – Meisterwerk gipfelt: Die Romane um die Time-Squad.

Die Handlung folgt dem Schema der Suche des Menschen nach dem Geheimnis seiner Herkunft, das für bundesdeutsche Serien-Science-Fiction lange Zeit dominierend war. Die Diskussion um die sich ständig wandelnde Evolutionstheorie und die ab 1968 publizierten Thesen eines Erich von Däniken legten das Sujet des außerirdischen Ursprungs nahe. Daß Terrid neben der Deutung der Götterherkunft auch gleich Zeitparadoxa, Androiden, Aliens und Zeitdilatationen einbringt, zeigt die überschäumende Phantasie eines Jungautors, der es sich stellenweise vielleicht noch etwas einfach machte, aber dennoch mehr als lesbare Unterhaltung lieferte.

Peter Terrid hatte kurz zuvor vier Romane vorgelegt, den »Delta-Ursa-Zyklus«, der einen gemeinsamen stellaren Hintergrund aufweist und damit Jack Vances »Alastor-Zyklus« vorwegnimmt. Nach der Morconen-Trilogie schrieb er mehrere Romane um die SF-Abenteuer der Adventures Incorporated. Die Fantasy-Serie DRAGON, zu der er zwei Romane beisteuerte, wurde 1973 gestartet, 1975 begann er ATLAN-Romane zu schreiben, und 1976 stieß er zur PERRY RHODAN-Serie. Zu dieser Zeit begann er mit dem Entwurf des »Time-Squad-Zyklus«. Um die späteren Blüten zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Wurzeln: Fährte nach Andromeda zeichnet ein Bild des Anfanges.

Heiko Langhans