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Ich überließ Dominguez die Geschäfte und fuhr in den Norden. In Haiphong hatte ich Freunde im Luftgeschwader Gascogne, und ich verbrachte Stunden in der Bar des Flughafens oder beim Kugelspiel auf dem Kiesweg vor dem Kommandogebäude. Offiziell war ich an der Front: Ich konnte es an Einsatzbereitschaft mit Granger aufnehmen, für meine Zeitung aber war das Unternehmen genauso wertlos wie mein Ausflug nach Phat Diem. Doch wenn man über den Krieg berichtet, erfordert es die Selbstachtung, daß man gelegentlich die Gefahr der anderen teilt.
Freilich war es nicht leicht, sie auch nur für die kürzeste Zeitspanne zu teilen, weil aus Hanoi die Weisung gekommen war, daß ich nur horizontale Angriffsflüge mitmachen durfte – Flüge, die in diesem Krieg so harmlos waren wie eine Autobusreise, weil wir über der Reichweite der schweren Maschinengewehre flogen; nichts außer einem Fehler des Piloten oder einem Motordefekt konnte uns gefährden. Wir starteten fahrplanmäßig und kehrten fahrplanmäßig zurück: Die Bombenlasten segelten schräg in die Tiefe hinab, und eine Rauchsäule stieg von der Straßenkreuzung oder der Brücke, die wir anzugreifen hatten, in Spiralen hoch, dann flogen wir zur Stunde des Aperitifs zurück und rollten die eisernen Kugeln über den Kies.
Als ich eines Vormittags im Offizierskasino der Stadt mit einem jungen Offizier, der den leidenschaftlichen Wunsch hegte, die Vergnügungsstätten auf dem Pier von Southend aufzusuchen, gerade bei Brandy und Soda saß, kam der Befehl zu einem Einsatz. »Wollen Sie mitkommen?« Ich sagte ja. Selbst ein Horizontalangriff würde geeignet sein, die Zeit und die Gedanken totzuschlagen. Auf der Fahrt zum Flughafen bemerkte er: »Heute machen wir Sturzangriffe.«
»Ich dachte, ich sei nicht zugelassen …«
»Solange Sie nicht darüber schreiben. Sie werden eine Gegend oben an der chinesischen Grenze kennenlernen, die Sie noch nie gesehen haben. In der Nähe von Lai Chau.«
»Ich dachte, dort ist alles ruhig – und fest in französischer Hand?«
»So war es. Aber vor zwei Tagen haben sie diesen Ort erobert. Jetzt sind unsere Fallschirmjäger nur wenige Stunden davon entfernt. Wir sollen erreichen, daß die Vietminh ihre Köpfe nicht aus ihren Löchern herausstecken können, bis wir die Stellung zurückerobert haben. Das bedeutet also Sturzflug, Tiefangriff und Maschinengewehrbeschuß. Wir können nur zwei Maschinen dafür einsetzen – eine ist gerade im Angriff. Haben Sie schon mal einen Sturzflug mitgemacht?«
»Nein.«
»Es ist ein bißchen ungemütlich, wenn man es nicht gewöhnt ist.«
Das Geschwader Gascogne verfügte nur über kleine Bomber vom Typ B 26 – die Franzosen nannten sie Prostituierte, weil angesichts ihrer kurzen Flügel nicht zu erkennen war, wie sie in ihrem Element überhaupt existieren konnten. Ich wurde in einen kleinen Metallsitz hineingepfercht, der nicht größer war als ein Fahrradsattel, so daß meine Knie an den Rücken des Copiloten stießen. Erst flogen wir, langsam Höhe gewinnend, den Roten Fluß aufwärts, und zu dieser Stunde des Tages war der Rote Fluß wirklich rot. Man fühlte sich weit in die Vergangenheit zurückversetzt und sah den Fluß mit den Augen jenes alten Geographen, der ihn erstmals so genannt hatte, zu ebensolch einer Stunde, als die sinkende Sonne den Wasserlauf von Ufer zu Ufer ausfüllte. In fast dreitausend Meter Höhe drehten wir dann zum Schwarzen Fluß ab, der tatsächlich schwarz war, voll tiefer Schatten, weil das Licht nicht mehr im richtigen Winkel einfiel, und die gewaltige, majestätische Szenerie von Schluchten, Felsabstürzen und Dschungel schwenkte herum und ragte unter uns senkrecht empor. Man hätte ein ganzes Geschwader in jene Felder von Grün und Grau werfen können, und es hätte nicht mehr Spuren hinterlassen als ein paar Münzen in einem Kornfeld. Weit vor uns schwebte gleich einer Mücke ein winziges Flugzeug. Wir waren seine Ablösung.
Zweimal kreisten wir über dem Kirchturm und dem ins Grün gebetteten Dorf, dann schraubten wir uns in den blendend hellen Himmel hinauf. Der Pilot – der Trouin hieß – wandte sich um und zwinkerte mir zu. An seinem Rad befanden sich die Auslöseknöpfe für die Bordkanone und den Bombenschacht. Als wir die Position erreichten, aus der wir den Sturzflug unternehmen wollten, packte mich plötzlich jenes Schwächegefühl in den Eingeweiden, das jedes neue Erlebnis begleitet – den ersten Tanz, die erste Einladung zum Dinner, die erste Liebe. Die Situation erinnerte mich an die große Berg-und-Tal-Bahn der Weltausstellung in Wembley – dort konnte man auch nicht aussteigen, wenn der Wagen am höchsten Punkt angelangt war: Man saß fest mit seinem Erlebnis. Als wir in den Sturzflug übergingen, konnte ich auf dem Höhenmesser gerade noch die Zahl 3000 Meter ablesen. Gefühl war jetzt alles, Schauen war unmöglich. Ich wurde gegen den Rücken des Copiloten gepreßt: Es war, als legte sich mir ein riesiges Gewicht auf die Brust. Ich verpaßte den Augenblick, als die Bomben ausgelöst wurden; dann ratterte das Bordgeschütz, und das Cockpit war erfüllt vom Gestank von Kordit, und als wir wieder höher stiegen, entfernte sich das Gewicht von meiner Brust; dafür schien mir der Magen durchzufallen, ich meinte, er stürze sich gleich einem Selbstmörder in weiten Spiralen auf jenen Boden hinab, dessen Nähe wir eben verlassen hatten. Vierzig Sekunden lang hatte Pyle nicht existiert: Selbst die Verlassenheit hatte nicht existiert. Als wir in einer weiten Kurve höher klommen, konnte ich durch das Seitenfenster eine mächtige Rauchsäule nach mir heraufdeuten sehen. Vor dem zweiten Sturzflug spürte ich Angst – die Angst vor Erniedrigung, die Angst, ich könnte mich über den Rücken des Copiloten übergeben, die Angst, meine alternden Lungen könnten dem Luftdruck nicht standhalten. Nach dem zehnten Sturzangriff empfand ich nur noch Verdruß – die Sache dauerte mir zu lange; es war Zeit, nach Hause zu fliegen. Und wieder schossen wir steil in die Höhe, heraus aus der Reichweite der Maschinengewehre, schwenkten ab, und eine Rauchsäule deutete auf uns. Das Dorf war rings von Bergen umgeben. Jedesmal mußten wir dieselbe Anflugstrecke nehmen, durch denselben Einschnitt einfliegen. Es gab keine Möglichkeit, den Angriff zu variieren. Als wir zum vierzehnten Mal hinunterbrausten, dachte ich, nunmehr befreit von der Angst vor Erniedrigung: Sie brauchen bloß ein Maschinengewehr in Stellung zu bringen. Erneut hoben wir unsere Nase in die sichere Luft – vielleicht hatten sie da unten nicht einmal ein Maschinengewehr. Die vierzig Minuten unseres Einsatzes waren mir endlos vorgekommen, aber sie waren immerhin frei von der Unannehmlichkeit privaten Nachdenkens. Die Sonne ging gerade unter, als wir uns heimwärts wandten: Der Augenblick des Geographen war vorüber, der Schwarze Fluß war nicht mehr schwarz, und der Rote Fluß war nur noch golden.
Wieder ging es steil hinab, fort von dem knorrigen und zerklüfteten Wald und gegen den Fluß hinaus; über den vernachlässigten Reisfeldern gingen wir in Horizontalflug über, zielten dann gleich einer Gewehrkugel auf einen kleinen vereinzelten Sampan, auf dem gelben Strom. Aus der Bordkanone kam ein einziger, kurzer Feuerstoß von Leuchtspurmunition, und das Wohnboot stob in einem Funkenregen auseinander: Wir warteten nicht einmal so lange, um zu sehen, ob unsere Opfer ums Überleben kämpften, sondern stiegen auf und machten uns auf den Heimweg. Wieder dachte ich, wie ich schon einmal in Phat Diem beim Anblick des toten Kindes gedacht hatte: Ich hasse den Krieg. – Unsere plötzliche, vom Zufall gelenkte Wahl einer Beute hatte etwas so Erschütterndes an sich – wir waren wie von ungefähr vorbeigekommen, ein einziger Feuerstoß hatte genügt, niemand hatte unser Feuer erwidert, wir verschwanden wieder, unser bescheidener Beitrag zu den Toten dieser Welt war geleistet.
Ich setzte meine Kopfhörer auf, weil Hauptmann Trouin mit mir sprechen wollte. Er sagte: »Wir machen einen kleinen Abstecher. Der Sonnenuntergang in Calcaire ist unvergleichlich schön. Sie dürfen ihn nicht versäumen«, fügte er zuvorkommend hinzu, wie ein Gastgeber, der seinem Besucher die Vorzüge seines Landbesitzes zeigt, und wir verfolgten hundert Meilen weit die sinkende Sonne über der Baie d’Along. Das behelmte, marsmenschenähnliche Gesicht blickte voll weher Sehnsucht hinaus, auf die goldenen Wäldchen zwischen den mächtigen Höckern und Kuppen aus porösem Kalkstein hinunter und die Wunden des Mordes hörten zu bluten auf.