11

Die Besprechung fand in einem Konferenzraum auf den unteren Ebenen von Trujillo statt.

Man hatte ihm einen Platz ohne Stuhl am Konferenztisch zugewiesen. Falcon klappte sein Untergestell zusammen, rückte ein wenig nach vorn, legte die Ellbogen auf den Tisch und verschränkte die Hände. Ihm gegenüber saßen Kedar und ihre beiden Kollegen von der WR-Delegation. Er sah sich ihre Namensschilder an. Hope Dhoni war auch da; sie wirkte ein wenig bedrückt, fand er.

In seiner momentanen Körperhaltung hätte er aus der Perspektive dieser vier fast als nicht aufgerüstete Person durchgehen können, das wusste er. Über seinen oberen Gliedmaßen und dem Lebenserhaltungssystem trug er einen schwarzen Kittel mit Reißverschluss und den eingestickten Logos von Makemake und der Trujillo-Basis. In der ledrigen Maske seines Gesichts über dem Halsausschnitt des Kittels saßen die Augen, die Nase und der Mund in etwa an den richtigen Stellen und mit den richtigen Proportionen. Dank der Plastikhandschuhe mit ihrem feinen Netz eingenähter Mikrosensoren, einem Wunder des responsiven Feedbacks, wirkten sogar seine Hände beinahe echt.

»Also«, sagte er ruhig. »Worum geht es hier?«

»Vielen Dank für Ihre Bereitschaft, sich mit uns zu treffen, Howard«, sagte Kedar. Sie war in den sechsundzwanzig Jahren nicht merklich gealtert – oder vielleicht gelang es Falcon immer weniger, solche Dinge zu beurteilen. »Wir alle wissen Ihre Kooperation in dieser Angelegenheit zu schätzen. Das hier sind meine Kollegen vom Exekutivrat für Maschinenangelegenheiten: Marzina Cegielski, Maurizio Gallo. Freut mich, dass es Ihnen so gut zu gehen scheint.« Sie sah Hope an. »Wie uns Doktor Dhoni versichert, haben Sie sich nach Ihrem letzten Satz von Verbesserungen ausgezeichnet erholt.«

Falcon faltete seine Maske von einem Gesicht zu einem Lächeln. »Hope hat wie immer hervorragende Arbeit geleistet.«

»Etwas anderes würden wir auch gar nicht zulassen, Howard. Sie sind sehr wertvoll für uns – unersetzlich, im wahrsten Sinne des Wortes.«

»Wie eine alte Corvette, und ungefähr genauso zeitgemäß.«

Er erntete ein schwaches Lächeln von Hope.

Aber Kedars Miene wurde streng. »Ein Anflug von Unernsthaftigkeit, Commander Falcon? Nur damit wir uns richtig verstehen: Nichts von alledem ist billig, schon gar nicht in einer derart isolierten Einrichtung wie Makemake.«

Falcon fragte sich, weshalb sie diese Bemerkung für notwendig gehalten hatte. »Es wäre nicht so teuer gewesen, wenn ich auf Ceres hätte bleiben können.«

Dabei griff er nach dem Eistee, der zu der Besprechung serviert worden war. Er ließ den Handrücken neben dem eiskalten Krug liegen und testete geistesabwesend seine Fähigkeit, Kälte über mehrere Zentimeter Luft hinweg zu registrieren. Hope beobachtete ihn, merkte er: nicht der richtige Zeitpunkt für einen Systemcheck. Er schenkte sich eine Tasse Tee ein, nippte daran und prostete Hope damit zu. Diesmal wurde er mit einem breiteren Lächeln belohnt.

»Es ist bedauerlich, dass Sie verlegt werden mussten«, sagte der Mann, Maurizio Gallo. Er war klein, aber muskulös, gebaut wie ein Ringer. »Letztendlich war Makemake aber eine ausgezeichnete Wahl.«

»Angesichts der gegenwärtigen öffentlichen Meinung …«, wandte Marzina Cegielski ein. Sie war ungefähr im selben Alter wie Gallo, aber größer und schlanker. »Dies sind schwierige Zeiten. Es gibt erhebliche Vorbehalte gegen Maschinen.« Sie warf ihren Kollegen einen nervösen Blick zu. »Sie sind natürlich keine Maschine.«

»Danke.«

»Aber in den Augen der Öffentlichkeit, oder eines Teils davon …«

»Kommen wir zur Sache, ja? Hier geht es um Ihr Eisbergbauprojekt im Kuipergürtel.«

»Niemand kennt sich so gut mit den Maschinen aus wie Sie«, sagte Madri Kedar. »Sie waren dabei, als alles anfing – Sie haben den frühen Prototyp als Mentor betreut. Und jetzt haben wir ein Problem, und Sie sind vielleicht genau der Richtige, um es zu lösen.«

»Ein Problem?«

»Es hat einen Zwischenfall gegeben – einen Betriebsunfall. Viele Maschinen waren davon betroffen.« Kedar warf einen Blick auf ihre Notizen. »Mit einigen operativen Verlusten muss man immer rechnen – es ist eine raue, gnadenlose Umgebung da draußen in den Eisteroiden. Normalerweise würden wir die Zerstörung von Teilen des Maschinenparks als Kapitalaufwand behandeln, also als reines Etatproblem. Solche Verluste sind nicht ungewöhnlich und auch nicht übermäßig schlimm. Wir müssten vielleicht mit einer zeitweiligen Verringerung des ohnehin schwankungsanfälligen Durchsatzes bei den Transporten ins innere System rechnen, mit begleitenden Auswirkungen auf die Eismärkte.«

»Diesmal ist es aber anders«, sagte Cegielski.

Ob es ihm gefiel oder nicht, sie hatten sein Interesse geweckt. Falcon spielte mit dem Griff seiner Tasse, hielt ihn zart zwischen Fingern, die genug Kraft ausüben konnten, um Kohle zu Diamantstaub zu pressen. »Inwiefern?«

»Die Einheit, die Sie betreut haben«, sagte Gallo, »einer der hochautonomen Aufsichtsroboter. Sie haben ihn Adam genannt, nicht wahr?«

»Autonome Deutsch-Turingsche Algorithmisch-heuristische Maschine«, sagte Falcon. »Ich habe mir einfach nur anhand Ihrer Beschreibung des Konzepts und der Architektur der Maschine ein Akronym ausgedacht. Sie hätten sich ja ein anderes aussuchen können, wenn es Ihnen nicht gefallen hätte.«

»Oh, es gefiel uns sehr gut«, sagte Kedar. »Adam. Der Erste einer neuen Abstammungslinie.«

»Und eine passende Wahl für Sie, Commander«, sagte Cegielski, sichtlich interessiert. »Auf dem Herflug habe ich Ihre autorisierte Biografie gelesen.«

»Autorisiert? Nicht von mir …«

»Darin wird ein gleichnamiger Roboter erwähnt. Wohl kaum ein Zufall?«

Dieser Eingriff in seine Privatsphäre schreckte Falcon auf. Er merkte, dass Hope seinen Blick mied. »Sagen Sie mir, warum ich mich jetzt mit Adam befassen soll«, blaffte er. Ihm kam ein beunruhigender Gedanke. »Wurde er verletzt?«

Cegielski runzelte ein wenig die Stirn angesichts seiner Wortwahl. »Er wurde nicht beschädigt, nein. Die Telemetriedaten besagen, dass die Einheit in der Nähe des Unfallorts war, bei dem Zwischenfall jedoch selbst keinerlei physische Schäden davontrug. Aber Adam reagiert nicht auf unsere Anweisungen, ebenso wenig wie auf die Bitte um weitere Informationen.«

»Eine Kommunikationsstörung?«

»Der Telemetrie zufolge nicht«, sagte Gallo. »In dieser Hinsicht ist alles in Ordnung. Die einzige Erklärung ist, dass die Einheit uns absichtlich ignoriert. Das ist natürlich absurd …«

»Was auch immer geschehen sein mag«, sagte Kedar, »die Sache muss im Keim erstickt werden. Wir sind darauf angewiesen, dass Adam und ähnliche Einheiten die kontinuierliche Arbeit der Flinger und Massekonzentratoren überwachen. Wenn dieser … dieser Glitch, oder was immer es ist … wenn er von Adam auf eine andere Einheit oder eine andere Reihe von Maschinen auf einem anderen Objekt im Kuipergürtel überspringt, könnten wir vor dem Zusammenbruch des gesamten schwankungsanfälligen Produktionsflusses stehen.«

»Wenn Sie glauben, dass die Lage so ernst ist«, sagte Falcon, »sollten Sie dann nicht ein Team von Analysten hinschicken?«

»Teuer und zeitraubend, ganz zu schweigen davon, dass es wahrscheinlich die Märkte in Unruhe versetzen würde«, antwortete Gallo.

Falcon stellte seinen Eistee weg. »Und das wollen wir ja nicht. Außerdem bin ich billiger.«

»Für uns zählt, dass Sie Erfahrung mit der Adam-Einheit haben«, erwiderte Kedar in besänftigendem Ton. »Die Eisteroid-Operation ist von unschätzbarem Wert. Irgendetwas ist da draußen gründlich schiefgegangen. Möglicherweise ist es ein maschinenpsychologisches Problem, wenn man so will. Wir hoffen, Sie können es für uns beheben.«

»Psychologie? Ich bin Forscher, verdammt«, schnauzte er. »Sofern ich überhaupt irgendwas bin. Kein Kindermädchen.«

Kedar ließ sich durch diesen Ausbruch nicht beirren. »Wir stünden jedenfalls so sehr in Ihrer Schuld, dass … nun, sagen wir einfach, dass die weitere Unterstützung durch Doktor Dhonis Team außer Frage stünde.«

Falcon verspürte eine seltsame Enttäuschung. »Ist das nicht ein ziemlich plumper Versuch, mich unter Druck zu setzen, Madri?«

»Habe ich dabei vielleicht auch ein Wörtchen mitzureden?«, mischte sich Hope jetzt ein. »Howard ist nach wie vor mein Patient …«

»Ja, natürlich. Und Sie haben ja auch schon einige erfolgreiche Verbesserungen vorgenommen.« Kedar tippte auf eins der Dossiers, die aufgeschlagen vor ihr lagen. »Ist der Commander dadurch nicht noch unabhängiger als zuvor? Weniger häufig auf externe Unterstützung angewiesen und besser imstande, extrem starken Druck sowie extrem starke Schwerkraft, Hitze und Strahlung zu ertragen?«

»Innerhalb gewisser Grenzen«, erklärte Dhoni. »Aber das heißt nicht, dass er sich nicht mehr in meiner Obhut befände oder dass ich bereit wäre, ihm die Erlaubnis zu einer Solo-Spritztour durch den Kuipergürtel zu geben. Alles an Commander Falcon ist experimentell – das war es immer …«

Falcon hob eine Hand. »Ist schon gut, Hope – sie haben uns beide in der Hand. Aber es gibt ein Detail, das sie nicht beachtet haben. Sie hätten gar nicht erst zu Anreizen und Drohungen greifen müssen. Adam ist ein Freund. Vielleicht nur eine Maschine, aber trotzdem ein Freund. Ich habe viel Zeit mit Adam verbracht und ihm dabei zugesehen, wie er … aufgewachsen ist. Und wenn ein Freund von mir in Schwierigkeiten ist, muss man mich nicht groß überreden, ihm zu Hilfe zu kommen. Gebt mir einfach ein Schiff und sagt mir, wohin ich fliegen soll.«

Die Medusa-Chroniken
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