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Das Leben ist erbärmlich. Wir fangen uns heute nicht einmal auf, sondern klammern uns aneinander wie Ertrinkende. Jenny und ich liegen in Jennys Bett und haben Fernseher und Radio gleichzeitig laufen.

»Also hat er Schluss gemacht«, sagt Jenny matt.

Ja. Aber ich verstehe es immer noch nicht. Was ist passiert zwischen gestern und heute, zwischen »Ich kann es kaum erwarten« und »Es muss zu Ende sein«? Was habe ich verpasst? Wie konnte das passieren, Lena? Dass du an einen Anfang glaubst und deine Träume mit dir durchgehen? Und er einen Abschied beschließt.

»Aber irgendwie hat er sich doch wenigstens aus Liebe gegen dich entschieden«, seufzt Jenny. »Ich hab nicht mal so einen blöden Trost …«

Ich will das nicht hören. Ich will einfach nur hier liegen. Ich drehe das Radio noch lauter, manchmal kann man dann seine Gedanken nicht mehr ganz so gut hören.

Als Isa kommt, schöpfe ich Hoffnung. Kann sie nicht irgendwas finden, um unsere Traurigkeit zu lindern? Sagen, dass geteiltes Leid einen immer nur noch mehr runterzieht?

Isa schaltet das Radio aus, den Fernseher, setzt sich zu uns. »Das Leben ist mies«, sagt sie und dann fängt sie an zu weinen.

Isas Optimismus war übertrieben, neues Jahr, der alte Mist. Tom findet keinen Job und ist mit jedem erfolglosen Bewerbungsgespräch verdrießlicher geworden. Allmählich scheint er Isa nachzutragen, dass er ihretwegen die Chance in München vertan hat. Und heute haben sie sich richtig gestritten. Natürlich nicht über München, nur über eine Lappalie. Aber Isa ist trotzdem sicher, dass es eigentlich um seine Absage ging. Am Ende hat Tom behauptet, er müsse neue Bewerbungen schreiben und hätte jetzt keine Zeit mehr.

Isa ist aufgelöst. »ER hat doch entschieden, hierzubleiben«, sage ich.

Isa schüttelt den Kopf. »Aber ICH habe es mir gewünscht!«

Eine Stunde lang liegen wir in Jennys Bett und tun uns leid. Unterbrochen wird unser Traurigkeits-Bed-In nur regelmäßig vom Telefonklingeln. Die ersten Male geht Isa noch hin. Doch es ist niemals Tom. Und auch meine Hoffnung ist jedes Mal vergebens. Nur Björn ruft an.

Isa richtet Jenny aus, dass Björn so etwas Ähnliches auch schon getan zu haben behauptet, ihr verzeiht und sie wieder treffen will. Klar, er glaubt, dass er Jenny nun für sich allein gewinnen kann. Stattdessen schmeißt Jenny aber nur ein Kissen nach dem Telefon und verbietet Isa, noch einmal hinzugehen.

»Wir müssen was tun«, sage ich schließlich; ich merke, dass das konzentrierte Unglücklichsein in diesem Bett uns nur immer mehr niederdrückt. Isa glaubt, dass Aktion hilft – joggen, putzen, die Wohnung umräumen. Jenny verspricht sich mehr von Ablenkung. Aber letztlich haben wir alle drei doch keine Lust auszugehen. Ich habe keinen Vorschlag und zücke deshalb das Handy, um Tipps gegen Liebeskummer zu googeln. Und das heitert uns endlich ein klein wenig auf.

»Treffen Sie nicht übereilt zu große Entscheidungen«, lese ich vor. »Kündigen Sie nicht, planen Sie nicht vorschnell einen Verkauf Ihres Hauses oder eine Auswanderung!«

»Hach, Mist«, sagt Jenny und schnieft. »Soll das heißen, wir müssen morgen wieder in die bescheuerte Klinik gehen?« Ich lese schnell weiter.

»Sammeln Sie alle Gegenstände ein, die Sie an den Ex-Partner erinnern und stellen Sie diese in den Keller!« Ich bin noch nicht bereit, mich von meinem Weihnachtsgeschenk-Medizinbuch zu trennen, Isa hat Skrupel, Toms Sachen wegzuwerfen und verwehrt sich entschieden dagegen, ihn als Ex-Partner zu betrachten und Jenny hat wegen der Doppelaffäre tunlichst darauf geachtet, dass ihre Jungs keine privaten Gegenstände in unserer Wohnung lassen. Wir überspringen also diesen Punkt. Immerhin haben wir sowieso keinen Keller.

»Vermeiden Sie unbedingt, sich mit Alkohol oder Essen zu betäuben«, lautet der nächste Punkt. »Endlich mal ein vernünftiger Vorschlag«, sagt Jenny und sprintet in die Küche, um Eis und Prosecco zu uns ins Bett zu holen. »Lies weiter, mir geht’s tatsächlich schon besser«, sagt Isa und reißt das Krokant-Eis auf.

»Denken Sie an Aktivitäten oder Vorlieben, auf die sie Ihrem Ex-Partner zuliebe verzichtet haben und gehen Sie diesen wieder nach.«

»Rauchen«, sagt Jenny. »Björn hasst Rauchen. Und Felix fand es unerträglich, dass ich immer stundenlang bade. Ich könnte mich in die Wanne verziehen und dort bei laufendem Wasser eine nach der anderen qualmen.«

»Tom geht nicht gerne aus«, fällt Isa ein.

»Tobias ist nie richtig mit MIR ausgegangen«, erhöhe ich. Ausgehen steht also doch wieder ganz oben auf der Liste, aber heute Abend sind wir noch nicht so weit.

»Experimentieren Sie mit einem neuen Stil«, verlese ich den letzten Punkt. »Verändern Sie Ihre Kleidung und/oder Ihre Frisur!« Und endlich haben wir den tiefsten Punkt wenigstens für heute Abend überwunden. Zwar hat die Hektik, mit der wir kurz darauf Scheren und Haarfärbemittel zusammentragen, etwas Getriebenes – aber es hilft. Wir frisieren wild drauflos und tauschen unsere Klamotten bunt durcheinander, bald sehen Bad und Zimmer nach Bombeneinschlag aus. Es ist Mitternacht, als wir drei uns vor dem Flurspiegel versammeln. Isas Haare sind ein ganzes Stück kürzer, Jennys sind brünett und ich habe eine seltsame Lockenwelle.

»So können wir uns niemandem zeigen«, sagt Isa, die als Erste wieder zur Vernunft kommt. »Vollkommen schnuppe«, entgegnet Jenny. »Wir gehen ja doch nie wieder raus.«

Doch, wir gehen wieder nach draußen. Am nächsten Morgen schleppen wir unsere schweren Köpfe mitsamt unserer seltsamen neuen Frisuren zur S-Bahn. Und die Traurigkeit kommt zurück mit aller Macht.

Die abgetakelten Weihnachtsbäume, die wie aus dem Nichts aufgetaucht plötzlich am morgendlich-grauen Straßenrand liegen, wirken wie ein Kommentar zu unserer trübseligen Stimmung. Die Berliner haben eine deprimierende Art von Nüchternheit. Nach Weihnachten werfen sie ihre abgelegten Christbäume auf die Straße, überall liegen die ausgedienten Bäumchen am Gehwegrand. Der Anblick ist trostlos. Das Leben kommt uns, wenn möglich, heute noch erbärmlicher vor als gestern.