Freitag, 20. Februar, 15.00 Uhr
Das ist besser als Sex. Ein witziger Gedanke, aber nichtsdestoweniger wahr, dachte Zoe. Die Kameras waren eingestellt, die Bühne mit Mikrofonen und zwei Stühlen bestückt. Eine Tür auf der linken Seite öffnete sich, und zwei Männer traten auf das Podest. Der eine war John Alden, Kristen Mayhews Chef, der andere Lieutenant Marc Spinelli.
Und wenn man vom Teufel sprach … Als Alden und Spinelli ihre Plätze einnahmen, trat Mayhew in Begleitung von Mitchell und Reagan ein. Zoe runzelte im Geist die Stirn, als sie den Mann musterte, der sie heute Morgen abgehängt hatte und sich deshalb sicher für einen ausgekochten Profi hielt. Noch immer flankiert von ihren Bodyguards, stellte Mayhew sich an die Seite. Ihr Gesicht verriet keinerlei Regung, bis sie Zoe in der vordersten Reihe sitzen sah. Mayhew fasste sich rasch wieder, doch Zoe hatte ihre grünen Augen aufblitzen sehen.
Spinelli trat zum Mikrofon, und das leise Gemurmel der Menge verstummte.
»Wie Sie bereits gehört haben, untersuchen wir eine Reihe von Morden, zwischen denen wahrscheinlich eine Verbindung besteht«, verkündete der Lieutenant ohne Einleitung, und Zoe sah, dass sich mehrere Köpfe zu ihr wandten.
Vielen Dank, Leute, danke, dachte sie.
»Gestern haben wir fünf Leichen gefunden. Alle fünf sind gewaltsam zu Tode gekommen. Wie Sie wissen, haben alle Opfer in den vergangenen zwei Jahren vor Gericht gestanden, wurden jedoch entweder freigesprochen oder durch Verfahrenseinstellung auf freien Fuß gesetzt. Die Ermittlungen werden von den Detectives Mia Mitchell und Abe Reagan aus meinem Büro geleitet und von der Staatsanwaltschaft unterstützt. Wir können momentan keinerlei Aussagen zum Stand der Untersuchungen machen, doch wir versichern Ihnen, dass dieser Fall höchste Priorität besitzt.« Er hielt inne und wartete, bis die Kameras ihr Blitzgewitter losgelassen hatten.
Neben Zoe sprang ein Mann eines konkurrierenden Senders auf die Füße. »Was ist mit den Briefen, die die Opfer der fünf toten Männer erhalten haben?«
»Dazu können wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts sagen.«
Zoe stand auf und tat, als würde sie das Gemurmel ihrer Mitstreiter nicht wahrnehmen. »Lieutenant, können Sie denn dann etwas zu den Briefen sagen, die ASA Mayhew erhalten hat und die erklären, dass die Taten ihr gewidmet sind?«
Das mit der Widmung war ein Schuss ins Blaue, aber sie erkannte rasch, dass sie einen Treffer gelandet hatte. Aus dem Murmeln wurden unruhige Kommentare und Ausrufe, und sie sah, wie sich Spinellis Kiefer verärgert verspannten. Natürlich nicht vor Überraschung, wie sie sehr gut wusste. Dass sie heute Morgen Mayhew ihre Trumpfkarte gezeigt hatte, war nötig gewesen, um eine Bestätigung der Information zu erhalten, aber dadurch hatte Spinelli selbstverständlich auch Zeit bekommen, sich eine Antwort zurechtzulegen. Dennoch war es eine Breitseite gewesen, und sie sonnte sich in den Blicken der anderen.
»Zu diesem Zeitpunkt können wir das nicht kommentieren«, sagte Spinelli glatt, aber es war ausgesprochen. Zoe warf Mayhew aus dem Augenwinkel einen Blick zu. Die Staatsanwältin stand sehr aufrecht da und zeigte keinerlei Regung, als sich die Kameras nun auf sie richteten. Zähneknirschend musste Zoe sich eingestehen, dass sie Mayhews Talent, kühl zu bleiben, wenn es nötig war, bewunderte. Wahrscheinlich war sie deshalb Aldens Top-Anklägerin. Sie wusste, wann die Öffentlichkeit zusah, und ging professionell damit um.
»Aber alle Opfer waren Angeklagte, gegen die die Staatsanwältin erfolglos prozessiert hat«, hakte Zoe nach. »Möchten Sie nicht all den Menschen da draußen, die auf freiem Fuß sind, weil Mayhew keine Verurteilung erwirkt hat, ein paar Worte sagen?«
Einer der Männer hinter ihr rief, »Duckt euch!«, was den Presseleuten Gelächter entlockte, aber weder Spinelli noch Alden wirkte amüsiert.
Spinelli deutete auf einen Reporter von WGN. »Nächste Frage bitte.«
Zoe setzte sich zufrieden. Manchmal sagte eine glatte Abfuhr mehr als eine direkte Antwort.
»Suchen Sie nach einem Einzeltäter oder einer Gruppe?«, fragte der Mann von WGN.
»Kein Kommentar«, gab Spinelli zurück. »Der Nächste?«
»Sie haben nur zwei Leute auf diesen Fall angesetzt, obwohl sie bei Serientätern gewöhnlich Teams von vier oder mehr rausschicken.« Die Bemerkung kam von einem Korrespondenten der Tribune und löste erneut allgemeine Unruhe aus. »Müssen unsere Leser annehmen, dass sie diesen Morden weniger Bedeutung zumessen, weil es sich bei den Toten um Kriminelle handelt?«
Spinellis Miene verhärtete sich erneut, und Zoe sah, dass ein Muskel in seinem Gesicht zu zucken begonnen hatte. Der Mann von der Tribune hatte einen wichtigen Punkt angesprochen. In diesem Fall gab es einen eindeutigen Interessenkonflikt. Wie viele Cops wollten einen Kerl, der freigesprochene Verbrecher tötete, wirklich festsetzen?
Und wie viel Angst mochten all jene anderen nun bekommen, gegen die Mayhew verloren hatte? Zoe dachte an die letzte Niederlage der Staatsanwältin. Angelo Conti würde garantiert auf ihre Fragen antworten, insbesondere, wenn sie ihn nach einem Barbesuch erwischte. Es würde keine tolle Nachricht sein, aber bestimmt für sehenswertes Filmmaterial herhalten. Und manchmal entstand daraus weit mehr. Nicht schlecht, Zoe Richardson.
Zwischen weiteren Blitzlichtern und allgemeinem Gemurmel gab Spinelli seine Antwort. »Wir haben die Detectives Reagan und Mitchell für diesen Fall eingeteilt. Beide sind erfahren und überaus qualifiziert und werden durch die Chicagoer Polizei und ihre Mittel voll unterstützt. Wir haben diesen Fall angemessen besetzt.«
John Alden stand auf. Spinelli machte ihm Platz, damit er ans Mikrofon treten konnte.
»Lieutenant Spinelli und ich sind, was Besetzung und Ermittlungsarbeit angeht, einer Meinung. Zu diesem Zeitpunkt können wir keine weiteren Kommentare abgeben.«
Gemeinsam verließen die beiden Männer das Podium, und Zoe sah ihnen vergnügt hinterher. Spinelli in seiner Uniform und Alden im teuren Anzug waren wahrhaftig zwei ausgesprochen ansehnliche Exemplare der männlichen US-Bevölkerung. Aber nun war keine Zeit mehr für müßige Betrachtungen.
Sie musste ihren Bericht für sechs Uhr fertig stellen. Blieb zu hoffen, dass Angelo Conti betrunken war.